1 1 1 31 I 1 N chlage“ walbe⸗ 1 1 et 180% erort den: ile. I. 9.— 1 0 0 „ 10 4 1% ortofrel. Vor⸗ nen: 5 Nr. 24. Gießen, den 12. Juni 1904. 11. Jahra. Medaktion: „Kirchenplatz 11, Schloßgasse. —— Jon Mitteldeutsche Nebaktionsschluß Donnerstag Nachmittag 4 Uhr Ans⸗Zeitung. Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33¼%% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. 1 Juserate Die ögespalt. Bei mindestens Ueber Revolution. „Die Sozialdemokratie ist die Partei der blutigen Revolution!“ Von allen gegen unsere Partei gerichteten Angriffen ist dies einer der am häufigsten wiederholten. Reichskanzler und Staatsminister, die Junker im Herrenhause, die nationalliberalen Aktionäre in der Scharf⸗ macherversammlung erheben ihn, wie die Pfaffen auf der Kanzel und der Zünftler in der In⸗ nung und jeder blöde Kriegervereinler plappert ihm nach. Dabei wird die Vorstellung aufrecht⸗ erhalten, als beabsichtige die Sozialdemokratie den gewaltsamen Umsturz, als wolle sie mit Flinte und Dolch, Galgen und Köpfma⸗ schine eine Aenderung der bestehenden Verhält⸗ nisse herbeiführen. Daß wir eine revolutionäre Partei sind, haben wir noch nie bestritten, es ist aber auch schon unzähligemal dargelegt worden, was wir unter Revolution verstehen. Diejenigen, welche vor dem Worte erschrecken, wie auch die frommen und geistlichen Herren, die uns mit derartigen Angriffen bekämpfen, mögen sich zu Gemüte führen, was der Züricher Pastor Kutter, aus dessen Buch„Sie müssen“ wir in letzter Nummer einige Auszüge brachten, über Revolutionen und deren Berechtigung, ja Notwendigkeit sagt. In dem Abschnitt„Die Sozialdemokratie ist eine revolutionäre Partei“ untersucht Kutter die Einwände, die gegen Revolutionen erhoben werden, und fragt, ob es wahr wäre, daß die Entwicklung die einzige wahre Form für den Fortschritt sei. Der orthodoxe Pfarrer vertritt hier Austchten, die sich auch mancher unter uns hinter die Ohren schreiben darf. Er sagt unter anderm: Dem gegenüber sei es merkwürdig, wie gerade die revolutionären Gewalten innerhalb der Weltgeschichte, gerade die Mächte, die mit ihrer jedesmaligen Gegenwart im stärksten Widerstreit sich befanden, dem Fortschritt Bahn gebrochen hätten.„Die Entwicklung von der man mehr schön und sentimental als klar zu reden weiß— immer ist sie nur die Auswirkung eines revolutto⸗ nären Ereignisses und auf der an⸗ deren Seite die Vorbereitung einer neuen Revolution. Sie bewegt sich stets nur zwischen den Revolutionen, deren Fülle und Reichtum sie in das friedliche Nacheinander geschichtlichen Verlaufes zerlegt. Eine Entwick⸗ lung im modernen Sinne des Wortes, d. h. ein stetig ununterbrochene gibt es nicht. Die bloße Revolutton ist falsch auf dem geschichtlichen so gut wie auf dem naturwissenschaftlichen Gebiete.“ „Eine Verblendung ist es, wenn der Sozial⸗ demokratie Gewaltsamkeit und revolutionäre Gesinnung vorgeworfen wird. Man sieht nicht, daß fie revolutionär sein muß, eben deshalb, weil sie selbst sein muß. Was sein und gelten muß, das ist immer revolutionär für seine Um⸗ gebung— mag es sich nun mit Worten oder Kanonen bemerklich machen.“ Wo immer man das neue Testament aufschlage, fährt er fort, finde man die Revolution. Habe Christus nicht selbst Kampf und Streit vorausgesagt, indem er sprach:„Ich bin nicht gekommen, Frieden u bringen, sondern Krieg!“„Wo im ganzen Neuen estamente fänden wir eine Bestätigung für unsre sentimentale Christlichkeit, die alles Neue im sanfsen Hauche seliger Herzensrühr⸗ ungen herbeiführen möchte. Revolutionär sei der lebendige Gott; der rück⸗ sichtsloseste Umstürzler sei er.„Da bläst der Sturmwind des lebendigen Gottes in die dürren Blätter: die Sozialdemokratie.“ „Die Kirche, die Vertreter der Besitzenden riefen die Revolution herbei, denn sie erschöpften durch ihre Schandtaten„die Geduld des Höchsten.“ „Schandtaten! Meine Feder erlahmt, wenn ich davon reden soll. Wohin das Auge schaut, Vergewaltigung der Kleinen durch die Großen. Ein ununterbrochenes, aufs tiefste empörendes Aus beutungssystem. Druck und Fesseln überall. Die Erde hat der Güter genug für jedermann, Wälder genug für schwache Lungen, Wasserströme genug für müde Glieder, Sonne, Luft, Wärme genug für die Millionen alle, die leben möchten. Aber um⸗ sonst ist das Rauschen der Wälder, der Ströme, umsonst gießt die Sonne ihre Strahlen über die grünen Auen. Sie sehen es nicht, sie dürfen es nicht sehen. Sie sind angeschmiedet an die unerbittliche Macht der Maschine, an die uner⸗ bittlichere des Bodenbesitzers. Da gibt es kein Entrinnen, keine Aussicht auf Aenderung, Er⸗ leichterung. Wo einmal der Mammon ein Menschenherz umkrallt hat, da ist die Hölle auf Erden. Da wird nichts bewilligt, was nicht bewilligt werden muß.“ In dieser glühenden Schilderung der be⸗ stehenden Zustände fährt Kutter weiter fort, um dann die Gesellschaft also anzuklagen: „Die Gesellschaft hat kein Recht, über Re⸗ volution zu klagen. Dieser Vorwurf ist in ihrem Munde— wir wiederholen es— eine unerträgliche Heuchelei. Sie mißhandelt die niederen Klassen und spricht von Revolution, wenn diese ihr Joch abzuschütteln suchen— aus welchem Grunde, mit welchem Verstande? Ist es der Wille Gottes, daß die Geringen dienen und sich im Staube krümmen, dann kann gerade so gut das Gegenteil davon einmal sein Wille sein. Es gibt keinen schändlicheren Mißbrauch des Willen Gottes, als dieses Gerede. Ja, wenn es gilt, Reichtum, Privilegien, An⸗ sehen, Stellung, Vorzüge aller Art zu schützen, dann spricht man von Gott, der das alles sogefügt und festgesetzt habe. Aber gilt es das Recht der Gedrückten, dann spricht man von der Hölle, vonsatanischen Gelüst en, die sie erfüllen. Man glaubt an Gott, um den Mammon zu schützen und an den Satan, um die Niedrigen einzuschüchtern. Das Unrecht der Großen ist das Recht, und das Recht der Kleinen ist das Un⸗ recht. Die Armen dürfen sich nicht rühren. Sie werden aufden Himmel vertröstet. Erheben sie ihre Häupter, schütteln ste an ihren Ketten, dann fährt die Gesellschaft Kanonen gegen sie auf, betet die Kirche zu Gott gegen den Geist des Aufruhrs und der Hölle. Mit welchem Rechte? O, sagt es uns, wenn ihr könnt!“ „Warum darf der Arme nicht leben, warum darf er nicht ein sorgenloses Dasein führen, wie ihr, warum muß er sich in Gram und Elend verzehren,— etwa weil ihr sonst nicht so viele Dividenden zu verteilen, nicht so schöne Häuser und Lustgärten zu bauen vermöchtet; weil sein Schrei nach Leben unangenehm euch an die Ohren schlägt? Ist das ein Grund, ihn nieder⸗ Der gewaltsamste zuschlagen, daß seine Existenz euch stört? Hat den Armen nicht derselbe Gott geschaffen zu dem ihr alle Sonntage betet, daß er euch euern Mammon erhalte? Wenn das Leiden Gottes Wille ist, wenn ihr für die Schmerzen keinen andern Trost habt, als daß sie gut und heilsam seien— wohlan, warum empört ihr euch gegen di e, die euch drohen, warum redet ihr von Revolution und Gewaltat, wenn eure Throne wanken? Wenn ihr die Armen drückt, warum ist es dann ein Unrecht, wenn sie sich eurer zu entledigen— nein, bloß zu erwehren suchen?“ Und alle die Fragen beantwortet der mutige Pfarrer und wahre Christ ganz in unserm Sinne. Er sagt, die Mammonsdiener redeten von Revolution, weil sie für ihr Geld fürch⸗ teten. Die Sozialdemokratie habe aber durch die Tat bewiesen und beweise es aufs neue mit steigender Klarheit jeden Tag, daß sie die größte Friedenspartei sei. Es gebe heute keine bessere Garantte des inneren Friedens als die Sozialdemokratie. Das Arbeiter⸗Dasein wird von Leuten, die ein Juteresse daran ha⸗ ben, die Arbettersklaven in Zufriedenheit zu erhalten, als ein recht„glückliches“ geschildert gegenüber den quälenden Sorgen, mit denen sich die armen Kapitalisten herumzuschlagen haben. Ein preußischer Regierungsrat, Herr Kolb in Wiesbaden, wollte gern die Freuden und Annehmlichkeiten des Arbeiter⸗ lebens kennen lernen und stieg deshalb in das Proletarierheer hinab. Vielleicht wollte er dann als„schlichter Mann aus der Werkstelle“ in die Reihen der Ordnungskämpfer eintreten und umso kräftiger gegen die Sozialdemokratie zu Felde zu ziehen. Er wird also Arbeiter. Zwar nicht in Deutschland, dessen Arbeitsver⸗ hältnisse ihm vermutlich allzu ungünstig scheinen, dafür aber in den Vereinigten Staaten von Amerika, von denen er wohl gehört haben mochte, daß sich dot ein Arbeiter besser steht als ein preußischer Regierungsrat. Seine Er fahrungen als Arbeiter hat nun dieser schlicht⸗ Regierungsrat aus der Werkstatt niedergee schrieben und wird sie demnächst als Buch er⸗ scheinen lassen. Das Buch ist uns noch nicht bekannt— schreibt der„Vorwärts“— aber aus der Vorrede veröffentlicht der Verlag eine merkwürdige Stelle, die folgendermaßen lautet: „Um die Existenzbedingungen des amerikani⸗ schen Proletariats, welches— auch in seinen deutschen Bestandteilen— vom kommunistisch en Evangelium nichts wissen will, kennen zu lernen, gab es nur einen, übrigens ja nicht neuen Weg: ich mußte selber Arbeiter werden. Zeit hatte ich. Keinerlei gesellschaftliche Rücksichten banden mich. Und wieder aufhören konnte ich jeden Augenblick. So ent⸗ schloß ich mich zu einem Versuch. In Chicago. So glatt freilich, wie ich mir eingebildet, ging die Sache nicht. Sechs volle Wochen dauerte es, bis ich überhaupt Arbeit fand, wiewohl ich zu jeder ehrlichen Hantierung bereit war und kein Mittel unversucht ließ. Endlich glückte mir's in einer Brauerei. Aber die Freude war kurz. Schon nach Mo⸗ natsfrist jagte man mich wieder davon. Um keine Zeit mehr zu verlieren, nahm ich Empfehlungen zu Hilfe, welche mir die Tore einer Fahrradfabrik er⸗ schlossen. Dort habe ich drei Monate hindurch im Montiersaal am Schraubstock gestanden. Einen letzten — — 1 Seite 2. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 24. 5 Monat verlebte ich dann noch in einer Arbeiterherberge San Franziscos. Gearbeitet habe ich dort nicht mehr. Die Energie war mir aus⸗ gegangen. Nicht unparteiisch, sondern mit vorgefaßter An⸗ und Absicht war ich dabei zu Werke gegangen. Fremd, ablehnend stand ich der modernen Ar⸗ beiterbewegung gegenüber. Gegen sie und gegen die, welche ihr Vorschub leisten, wollte ich Material gewinnen im Umgang mit dem ihr gleichfalls abholden, sozialpolitisch indifferenten Proletariat der Vereinigten Staaten. ö Mir ist geschehen, wie wohl jedem aus unsern Reihen, der ehrlich um diese Fragen sich mübt: ich fand Probleme, wo ich Axiome wähnte.““ Es ist nicht leicht möglich, so bemerkt hierzu unser Zentralorgan, in wenigen Worten die ganze Furchtbarkeit der sozialen Frage zusam⸗ menzudrängen, als es dem Verfasser in diesen Sätzen gelingt. Er geht nach Amerila, sucht Arbeit. Sechs Wochen bleibt er auf der Straße. Enolich gelingt es ihm, Unterschlupf zu finden. Nach wenigen Wochen fliegt er. Und nun nimmt er Empfehlungen zu Hllfe, um eine Stelle zu erringen. Nach dreh Monaten ist er erschöpft. Er kann nicht mehr. Die Erfahrung macht ein Mann, der in behaglichen Verhält- nissen aufgewachsen, einen gesunden ungebrochenen Kräftevorrat aufgespeichert hat und den keine wirkliche Sorge um seine Existenz bedrückt. Drei Monate nicht allzuschwerer Proletarier⸗ arbeit genügen, um ihm die Fortsetzung des Experiments unmöglich zu machen. Herr Kolb ist nach Amerika gegangen, weil dort bei der Mehrheit der Arbeiter„das kom⸗ munistische Evangelium“ keinen Eingang ge⸗ funden hat. Er will gerade bei dem„sozial⸗ politisch indifferenten Proletariat“ Material gewinnen gegen die moderne Arbeiterbewegung. Wenn die angeführten Sätze einen Sinn haben sollen, so ist Herr Kolb, der mit dem Dünkel eines preußtschen Regierungsrats nach Amerika ging, als Mensch zurückgekehrt, der an das „kommunistische Evangelium“ glaubt, der zum Anhänger der modernen Arbeiterbewegung ge— worden ist. Sein Buch wird zeigen, ob er diese notwendige Folgerung zieht. politische Rundschau.. Gießen, den 9. Juni 1904. Der Reichstag hat am Dienstag seine Sitzungen wieder auf⸗ genommen. Auf der Tagesordnung stand das Reblausgesetz, bas in der zweiten Lesung durchberaten wurde und das Münzgesetz, das ebenfalls die zweite Lesung passierte. Die Beratung darüber wurde am Mittwoch fort⸗ gesetzt und schließlich das Gesetz nach den Kom⸗ missionsbeschlüssen gegen die Stimmen der Linken angenommen. Hierauf folgte die zweite Lesung des Gesetzes über die Ka ufmanns⸗ 90 0 8 85 die am Donnerstag fortgesetzt wurde. Gegen Staatsstreichgelüste, wie sie in der letzten Zeit bei den junkerlichen Herrenhäuslern und anderen Scharfmachern sich zeigten, wendet sich scharf der Heidelberger Nationalökonom Prof. Max Weber. Er ver⸗ höhnt in seinem in der Frkftr. Zeitung er⸗ schienenen Aufsatze die Sehnsucht nach einem „starken Manne“ und spöttelt über die„Bier⸗ bantpolitik“ des Herrn v. Jagemann, der kürzlich den Staatsstreich„rechtlich“ zu begründen suchte. Mit anerkennenswertem Mute erklärt Weber: „Wenn wir mit Recht das gelegentliche Kokettieren mit dem Worte„Revolution“ seitens eines Teiles der Sozialdemokratie leichtfertig und einer großen Partei unwürdig finden(), so verlangt das Kokettieren mit der Revolution„von oben“ auf seiten von Leuten, die im Ernstfall ja sehr weit vom Schuß sein würden, die denkbar schärfste Zurückweisun g. Dazu, um einen Verfassungskonflikt herbeizuführen und dann, auf die Bajonette des stehenden Heeres gestützt, eine Weile „fortzuwursteln“, dazu bedarf es wahrlich keines großen * Axiom: Lehrsatz, der eine unbedingte Gewiß⸗ heit in sich trägt, keines Beweises bedarf, etwas zweifel⸗ los sicheres.— Problem: Noch zu lösende Aufgabe; zweifelhafte Frage. Staatsmanns, nicht einmal eines„starken Mannes“. Es genügt dazu ein gewissenloser Dummkopf oder ein politischer Abenteurer an der Spitze der Reichs⸗ verwaltung. Aber dann aus diesem Konflikt uns wieder herauszuhelfen, ohne daß nicht nur unsre Welt⸗ stellung, unsre Einheit und Unabhängigkeit von Ausland, sondern auch die Rechtssicherheit aller unsrer Institutionen für viele Generationen in die Brüche gingen,— dazu bedürfte es nach der Eigenart unseres Staatswesens und unserer Lage eines Staatmannes, der eine ganz andere Taille hätte, als alles, was heute in Deutschland irgendwo an„kommenden Männern“ herumläuft.“ Prof. Weber fragt dann keck nach den Leist⸗ ungen des monarchischen Regiments: „Seit bald 15 Jahren leben wir unter einem Regime, welches einen so stark persönlich⸗monarchischen Charakter an sich trägt, wie dies selten irgendwo der Fall war. Würden wir nun fragen, was denn eigentlich dieses Regime geleistet hat, selbst auf demjenigen Gebiet, wo angeblich bas monarchische Regiment seine spezifische Leistungsfähigkeit zeigen soll: dem der äußeren Politif, — so würde der Vergleich mit den demokratisch verwalteten Großstaaten ein für uns sicherlich nicht schmeichel⸗ hafter sein.“ Danach hält der Mann also die Republik für eine bessere, leistungsfähigere Regierungs⸗ form. Das ist auch unsere Meinung.— Für die freie Aeußerung seiner Meinung wird Herr Weber aber nicht lange auf die Quittung zu warten brauchen. Staatskapitalistischer Terrorismus. Vergangene Woche wurde in St. Johann⸗ Saarbrücken ein Prozeß S der uns ein Stück der modernen Sklaverei offenbart, unter der die Arbeiterschaft seufzt. Der Berg⸗ mann Krämer hatte in Flugblättern der staat⸗ lichen Grubenverwaltung terroristisches Vor⸗ gehen vorgeworfen. Daß dieser Vorwurf unbegründet ist, will der Staatsanwalt er⸗ härten. Und nun kommen sie alle, die Berg⸗ sklaven des Staates, und erzählen, wie man sie als nationalliberales Stimm⸗ vieh zur Urne trieb, vonder Stelle jagte und jahrzehntelaug verfolgte, wenn sie Neigung gezeigt hatten, von ihrem Koali⸗ tionsrecht Gebrauch zu machen, Glied für Glied wird dieKette aufgezeigt, die der Staat diesen verängstigten, schlecht genährten, kränklichen Menschen um den Leib geschlungen hat, bis endlich sogar ein Zeuge erscheint, dem man so gründlich das Reden ausgetrieben hat, daß er selbst unter Eideszwang die Wahrheit zu sagen sich fürchtet und fragt, wer ihn vor Maßregelung schütze, wenn er die Wahrheit sagte! Eine große Anzahl Zeugen, Bergarbeiter und katholische Geistliche bekundeten, daß die Arbeiter bei der Reichstagswahl kolonnenweise zur Wahlurne geführt und von den Grubenbenbeamten be⸗ obachtet wurden, wie sie wählten. Diejenigen, welche nicht nationalliberal, sondern Zentrum oder gar sozialdemokratisch wählten, wurden entweder entlassen, oder bekamen Lohnabzug, kurz, wurden auf alle mögliche Art schikaniert. Selbst das Zentrum, das anderwärts, wo es die Macht hat, in Wahlbeeinflussungen macht was es kann, muß sich hier unter die national⸗ liberalen Herrengewalten beugen!— Die Ver⸗ teidigung des Angeklagten führt Rechtsanwalt Gen. Heine. Mit der„Not der Landwirtschaft“ ist es wirklich nicht so schlimm, wie es die Agrarier und ihre Presse fortgesetzt darstellen. Vielmehr sind schon oft Beweise dafür erbracht worden, daß sich die Lage der Landwirtschaft in den letzten Jahren entschieden gebessert hat. Das beweist auch der anhaltende Rück⸗ gang der ländlichen Zwangsver⸗ steigerungen in Preußen, der sich aus einer im letzten Heft der Zeitschrift des preußi⸗ schen statistischen Bureaus enthaltenen interessan⸗ ten Abhandlung vom Regierungsrat Dr. Kuh⸗ nert ergibt. Danach hat die Gesamtzahl der Zwangsversteigerungen ländlicher Besitzungen seit 1886 ständig abgenommen, mit Ausnahme des Notjahres 1892, und zwar ins⸗ gesamt von 2979 Grundstücken mit 110 963 Hektar Fläche auf 1134 Grundstücke mit 35 764 Hektar Fläche: für die Grundstücke von 2 Hek⸗ tar und darüber von 2903 Grundstücken mit 109 190 Hektar Fläche auf 899 Gründstücke mit 35 474 Hektar Fläche. Ländliche Zwangsversteigerungen werden teilweise auch von andern als rein wirtschaft⸗ lichen Ursachen mit beeinflußt. Um so mehr zeigt sich, daß das agrarische Geschrei von der „allgemeinen Notlage der gesamten deutschen Landwirtschaft infolge der Caprivischen Han⸗ delsverträge“ eine Vorspiegelung falscher Tat⸗ sachen ist. 5 Verkrachte antisemitische Gründung. In Hannover ist eine antisemitische Bankgründung nach dreijähriger Mißwirtschaft mit einem Defizit von 174 Millionen Mark verkracht. Der„Direktor“, Schu⸗ mann mit Namen, erhielt für sein„jüdisches Treiben“ 2 Jahre Gefängnis, drei Aufsichts⸗ ratsmitglieder je 1 Monat resp. 6 Wochen. Der intellektuelle Urheber der Gründung, der anti⸗ semitische Dauer-Reichstagskandidat Dr. Lind⸗ ström, wurde am Abend nach der Gerichtsver⸗ handlung im Hotel tot aufgefunden. Er war ganz plötzlich gestorben. Natürlich an Gehirn⸗ schlag.— Man sieht, die Erlöser Germaniens aus der jüdischen Knechtschaft haben den Bank⸗ gaunern vom Stamme Israel nichts vorzu⸗ werfen. Ein christlich⸗antisemitischer Wunsch. Das antisemitische Blatt„Sachsenschau“ in Magdeburg brachte kürzlich diese Notiz: „Ein achtenswerter Waren hausbrand suchte am Freitag früh das Warenhaus von Gebr. Barasch hierselbst heim. Selbstverständlich wurde der Brand bald gelöscht. Es ist zu bedauern, daß das Feuer nicht zu einer Zeit aufkam, in welcher das Waren⸗ haus von Landwirten und deren Frauen und Töchtern gefüllt war, welche bei ihrem Besuch der landwirtschaftlichen Ansstellung fast aus⸗ nahmslos dem Warenhaus einen Besuch ab⸗ statteten. Die guten Leute hätten daun einmal etwas erlebt, an das sie ihr ganzes Leben ge⸗ dacht haben würden.“ 0 Wahrhaft christliche Nächstenliebe, nicht wahr? Hier kommt die rohe antisemitische Gesinnung, wie sie auch sonst bei verschiedenen Gelegen⸗ heiten, in Konitz, in den Pückleriaden usw. äußerte, so recht zum Vorschein. „Der Zweck heiligt die Mittel.“ Um diesen Grundsatz der Jesuiten drehte sich ein in Trier verhandelter Prozeß, den dieser Tage der frühere Jesuit Graf Hoensbroich und der Zentrumsabgeordnete Kaplan Dasbach gegen einander führten. Der letztere hatte einen Preis von 2000 Gulden angeboten, wenn der Beweis erbracht würde, daß der erwähnte Grundsatz sich in irgend einer jesuitischen Schrift finde. Hoensbroich glaubt den Beweis erbracht zu haben, erhielt aber die 2000 Gulden trotz dem nicht. Deshalb verklagte er Dasbach. Das Gericht wies die Klage ab, weil hier nicht eine Auslobung, sondern eine uneinklagbare Wette vorliege. Auf die Frage, ob der vom Kläger entnommene Beweis geglückt sei, ging das Ge⸗ richt nicht ein. Nun ist's also wie vorher. Unsere Bewertung der Jesusten hätte keine Aenderung erfahren, wie der Prozeß immer ausgehen mochte. Deuunzianten⸗ Seuche. Wegen Majestätsbeleidigung ist in Essen ein Bäckermeister, der von einem entlassenen Gesellen denunziert wurde, zu bier Monaten Gefängnis verurteilt worden. Der Angeklagte bezeichnete sich als„guter Pa⸗ triot- und bestritt seine Schuld, jedoch das Gericht hielt den Denunziauten für glaub⸗ würdig.— Ebenfalls wegen Majestätsbeleidig⸗ ung wurde von demselben Gericht ein Bergmann zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Das Gericht nahm an, daß der Angeklagte die be⸗ leidigenden Worte nur un v orsichtiger⸗ weise ausgestoßen und ihm eine böswillige Absicht ferngelegen hat. In diesem Falle war ein Briefträger der schmutzige Angeber. Hütet Eure Zungen, es laufen überall solche Lumpen herum! g Bei den belgischen Wahlen zeigen die Stimmenzahlen, wie unsere Partei bei dem dort herrschen Pluralwahl⸗System in u. U 5 1 tl lb. l hat 1 15 hte leser und bat jule penn hte hlt 1 rob Dab elle elle age 0 che, fell led Nr. 24. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. Nachteile kommt. Es erhielten die Sozialde⸗ mokraten 302,771, die Liberalen 264,932, die Christlich⸗Demokraten 17,495, das Kartell(Lib. u. Sozial.) 21,815 Stimmen; zusammen für die Oppositionsparteien 607,013 Stimmen. Da die katholische Partei 506,305 Stimmen hatte, ergiebt sich eine Minderheit für die Regierung von 100,708 Stimmen. Besonders beachtens⸗ wert ist, daß die Sozialdemokratie mit 302,771 Stimmen nur 18 Sitze bekommt, die Liberalen mit 264,932 Stimmen aber 22 Sitze und die Klerikalen mit 506,305 Stimmen 38 Sitze. Genosse Emile Vandervelde bemerkt im „Peuple“ zu dem Wahlergebnis:„Der 29. Mai bedeutet eine Niederlage der Sozia⸗ listen, aber zu gleicher Zeit einen Sieg des Antiklertkalismus. Die Regie⸗ rung hat von nun an Blei in den Flügeln. Ihr Fall ist nur mehr eine Frage der Zeit.“ Und zu den Verlusten der Arbeiterpartei meint er:„Wir köunen uns das Zeugnis geben, daß noch nie eine Wahlcampagne methodischer, hin⸗ gebungsvoller, mit stärkerem sozialistischen Be⸗ wußtsein geführt worden ist. Woher kommt es nun, daß wir in der Mehrzahl der Kreise im Rückgang sind, während die Liberalen überall, nach einer kaum nach Wochen zählenden Ar⸗ beit, Boden gewonnen haben? Das hat unsrer Meinung nach nicht seinen Grund darin, daß das Proletariat schwankend, die Arbeiterklasse weniger sozialistisch geworben wäre, daß die wirklichen Kräfte der sozialistischen Partei ge⸗ ringer wären als früher. Unsere Organi⸗ sation schreitet vorwärts, unsere Genossenschaften nehmen stetig an Ausdehnung zu. Aber seit zehn Jahren haben wir unstreitig von der Untätigkeit, der Entmutigung und namentlich von der Uneinigkeit des Libera⸗ lis mus Vorteil gehabt. Viele Leute stimm⸗ ten für uns, die die sozialistische Propaganda kaum berührt hatte, die aber lokale Streitig⸗ keiten oder die Hartnäckigkeit der Doktrinäre von ihrer wahren Partei entfernten.“ Diese verschiedenen Elemente seien nach der Einigung der Liberalen in deren Lager zurück⸗ gekehrt.—„Für eine zähe und feurige Partei wie die unserige,— schließt Vandervelde— sind ernste Prüfungen oft heilsamer als Siege. Um Gegner zu besiegen, die gelernt haben, sich zu verteidigen, genügt es nicht, sich auf die natürl iche Hülfe der wirtschaftlichen Entwicklung zu verlassen. Sie arbeitet sicherlich für uns, aber ste befreit uns nicht von der Pflicht, sel bst zu arbeiten. Arbeiter als Bürgermeister. Bei den letzten Gemeinderatswahlen in Frankreich wurde in Dijon(spr. Dischong), der Hauptstadt des Departemens Cote d'Or (ca. 60 000 Einwohner) ein einfacher Arbeiter, ein Bahnhofskofferträger zum Bürgermeister gewählt. Darüber hat die bürgerliche Presse Frankreichs und auch Deutschlands viel ge⸗ spöttelt und den Mann als unfähig hingestellt. Gewisse Leute glauben eben, daß nur derjenige zu einem derartigen Amte fähig ist, der zugleich über einen gefüllten Geldbeutel verfügt. Vom demokratischen Standpunkt läßt sich doch gewiß nichts dagegen einwenden, wenn der zum Bürger⸗ meister Gewählte„gewöhnlicher Kofferträger“ war. Er muß allerdings die nötigen Fähig⸗ keiten dazu haben. Und daß dies zutrifft, geht aus der Mitteilung eines Zeitungskorrespondenten hervor, der mit Barabant, so heißt der neue Bürgermeister, eine Unterredung hatte. Letzterer erzählte dabei kurz seinen Lebenslauf. Danach hat Barabant mit 13 Jahren die Schule ver⸗ lassen und zunächst als Kellner debütiert. Später trat er in den Bahndienst ein. Dort wurde er Kofferträger erster Klasse und hat als solcher fast nur Bureaudienst getan; er war bei der Expedition der Eilgüter beschäftigt.„Meine Karriere ist trotzdem nicht sehr brillant gewesen. Bedenken Sie, daß ich seit dem 18. Lebensjahre diese Funktionen ausübe und daß ich seitdem weder avanciert bin, noch eine Gehaltserhöhung erhalten habe; wäre das Avancement regulär vor sich gegangen, müßte ich schon seit langem Stationsvorsteher sein.“ Barabant erzählt dann weiter, daß er diese Karriere nicht gemacht habe, weil er schon seit dem Jahre 1899 Sekretär der sozialistischen Förderation des Cote d'Or sei; außerdem ist er Gründer und Herausgeber eines kleinen sozialistischen Organs. In unzähligen Versammiungen in Dijon und der Umgebung ist er als sozlalistischer Redner und Organisator aufgetreten. Aus alledem ist ersichtlich, daß der „gewöhnliche Kofferträger“ sich als ein Mann entpuppt, der immerhin über einen hohen Grad von Intelligenz verfügt und bei anderen Bil⸗ dungsmitteln es wahrscheinlich noch viel weiter gebracht haben würde.— Im übrigen teilt er noch mit, daß die frühere reaktionäre Mehrheit der Stadtverwaltung ein Defizit von 193 Frs. hinterlassen habe. Russisch⸗japanischer Krieg. Um Port Arthur.„Auf Befehl des Zaren“ sollen, wie berichtet wird, die Russen alle Anstrengungen machen, Port Arthur zu entsetzen und in der Tat soll Kuropatkin seine Truppen nach dem Süden zu dirigieren. Diese Bewegung wird allgemein als ein Fehler be⸗ zeichnet, weil durch die Abkommandterung größerer Truppenkörper nach der Halbinsel Kwantung die Stellung der Russen bei Liao⸗ jang bedeutend geschwächt würde, so daß ein Vorstoß der Armee Kurokis gegen die ent⸗ blößten russischen Stellungen unter lunständen von Erfolg gekrönt sein könnte.— Auderseits machen die Japaner alle erdenklichen Anstreng⸗ ungen, sich Port Arthurs zu bemächtigen. Am Montag hätten sie einen kombinierten Land⸗ und Seeangriff unternommen, der aber gee⸗ chei: ert sei. Eine russische Nachricht vom Mittwoch meldet sogar die„Vernichtung“ der japanischen dritten Armee. Hier haben die Russen sicher geflunkert; so schnell geht die Vernichtung nicht. Bittere Not herrscht in Wladiwo⸗ sto k. Durch den Krieg, das Bombardement und den Wegzug aller Behörden, Lehraustalten und vieler Privater sank die Bevölkerung um mehr als die Hälfte. Der Wegzug dauert fort. Es herrscht völlige Arbeits ⸗ losigkeit. Die materiellen Lebensbeding⸗ ungen sind äußerst drückend und neue Kredite in den Banken unerhältlick. Besonders akut ist die Notlage der Hausbesitzer. Die Agrarbanken subhastieren immer mehr Immobilien, aber die Käufer fehlen. Das russische Volk kriegsmüde. Ein militärischer Mitarbeiter der Pariser Petite Republique berichtet über ein Gespräch, das er mit einem ihm befreundeten russischen Marine⸗ Offizier gehabt haben will, welcher der russischen Botschaft sehr nahe steht. Der Betreffende soll gesagt haben, das Volk ist des Krieges müde, der nur in Folge einer unerklärlichen Neigung des Zaren für Alexejew noch fort⸗ dauere. Alexejew sei einer der jämmerlichsten Admirale, den die russische Flotte je besessen habe. Port Arthur dürfe absolut nicht in die Hände der Japaner fallen, leider sei aber dieser Ausgang unvermeidlich und weder die Energie der Garnison, noch die zur Verfügung stehen⸗ den Berufsmilitärs könnten ihn lange ver⸗ zögern. Ich bin in der Lage, zu erklären, sagte angeblich der Offizier, daß wir gegen⸗ wärtig in Rußland nur noch auf eine Inter⸗ vention des Königs von England warten, um die Friedens⸗Präliminarien zu diktieren. Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. Soldaten als Helfer gegen Strei⸗ kende. In Posen sind die Maler ausge⸗ sperrt, weil sie sich weigerten, einen Revers zu unterschreiben, durch den sie sich verpflichten sollten, weitere zwei Jahre zu den Bedingungen des alten Tarifs zu arbeiten und dem Zentral⸗ verband der Maler nicht anzugehören. Die Arbeitswilligen der Provinz, auf die man ge⸗ rechnet hatte, blieben aus, und nun fand sich die Militärverwaltung als Retter in der Not bereit, den Unternehmern Soldaten zur Ver⸗ fügung zu stellen. Das paßt den Unternehmern, wenn sich die Arbeiter gegen die Anschläge auf ihr Koalitionsrecht wehren, sorgt die Militär⸗ verwaltung für Ersatz. Damit wäre der Zweck der seligen Zuchthausvorlage auch erreicht. Ob die Arbeiter von ihrem gesetzlichen Recht, sich zu organisieren, Gebrauch machen dürfen, würde dann noch lediglich von dem guten Willen der Arbeitgeber und der Militärbehörde abhängen. Eine Beschwerde gegen die Verwendung von Soldaten ist bereits bei dem kommandierenden General Herrn v. Stülpnagel in Posen ein⸗ gereicht worden; ob aber die Soldaten darauf⸗ hin zurückgezogen worden sind, davon sind wir zur Zeit noch nicht unterrichtet.— Arbeiter aus unserer Gegend werden kaum Lust empfinden, nach jener gesegneten Gegend als Arbeitswillige zu gehen, daher braucht wohl nicht vor Zuzug gewarnt zu werden. Lohnbewegungen. Der Streik der Schrei⸗ ner in Offenbach dauert noch fort; ebenso kam noch keine Einigung der Maurer in Mainz mit ihren Arbeitgebern zu stande.— In Darmstadt traten die Zimmerleute in den Ausstand, weil die Unternehmer eine Erhöhung des Stundenlohnes ablehnten.— Der Berliner Bäckerstreik ist noch uicht ganz beigelegt. Eine Anzahl Meister haben mit dem Gesellenverbande vor dem Einigungs⸗ amte einen Tarifvertrag abgeschlossen und ihnen folgen täglich mehr. Nur eine Minderheit Innungsmeister verhält sich halsstarrig. Ver⸗ schiedene Geschäfte zogen ihre früher gegebenen Zusagen wieder zurück; mehrere dieser Erklär⸗ ungen erwiesen sich als gefälscht; etwa 30 Meister erklärten, daß sie tyre Bewilligungen nicht zurückgenommen hätten. pon Uah und gern. Hessisches. — Die Zweite Kammer des Land⸗ tags ist von dem Präsidenten auf 28. Juni einberufen, an welchem Tage eine Reihe An⸗ träge aus dem Hause, darunter derjenige des Genossen David, die Vorschulen an den mittleren Lehranstalten, sowie der des Abge⸗ ordneten Reinhart(natl.), die Einführung von Verkehrsabgaben auf schiff⸗ baren Flüssen betreffend, beraten werden sollen. Am 29. Juni soll die Wahlrechtsvor⸗ lage an die Reihe kommen, welche die Bündler, verschiedene Nationalliberale, die sogenannten „ländlichen“ Abgeordneten gerne bis zum Herbst und dann noch weiter hinaus verschleppt hätten, um sie schließlich vollends„versumpfen“ zu lassen. Gegen diese Verschleppungstaktik hat der Kammervorstand einmütig Stellung ge⸗ nommen. Aus der Kammer wurde über die Bera⸗ tung des Vorstands geschrieben, es habe darüber Einigkeit geherrscht,„daß auf eine derartig weite Hinausschiebung dieser wichtigen Vorlage unter keinen Umständen eingegangen werden könne.“ Nach den Mitteilungen der anwesenden lanbwirtschaftlichen Vertreter haben bis Ende Juni die unaufschiebbaren landwirtschaftlichen Arbeiten zum größten Teile ihre Erledigung gefunden. Von den Unterzeichnern des an den Herrn Präsidenten gerichteten Wunsches selen übrigens höchstens acht Herren durch landwirt⸗ schaftliche Arbeiten im Juni abgehalten und auf diese werde dadurch Rücksicht genommen, daß die Kammer erst nach Beendigung der Heuernte einberufen werde.“— Wir bezweifeln übrigens stark, daß nur ein einziger der Herren„ländlichen Abgeordneten“ durch die Heuernte wirklich verhindert ist, an ein paar Sitzungen teilzunehmen. Der Wahlrechtsausschuß hielt am Dienstag wiederum Sitzung ab und zwar vor⸗ und nachmittags. Abg. v. Brentano er⸗ stattete Bericht über die Vorlage. Dem Kom⸗ promiß⸗Antrage Gutfleischs wurde schließlich zugestimmt, nachdem man dem Wunsche der Bauernbündler, die Gemeinde Wieseck dem Wahlkreise Gießen zuzuteilen, nachge⸗ geben hatte. Darauf wurde der Ausschußbericht sowie die Wahlkreiseinteilung für Oberhessen endgiltig genehmigt. 5 — Fraktion Drehscheibe und das Wahlrecht. Der Landesausschuß der —— —— Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 24. nationalliberalen Partei hielt am Sonntag in Darmstadt eine Sitzung ab unter Vorsttz des Grafen Oriola und unter Ausschluß der Oeffentlichkeit. Die Beratungen drehten stch nur um die Wahlrechtsvorlage. Auf ein Referat des Abg. Reinhart darüber folgte eine erregte Debatte, in der fast sämtliche Redner gegen den vom Ausschuß der Zweiten Kammer geänderten Regierungsentwurf sprachen. Schließlich fand folgende merkwürdige Resolu⸗ tion Annahme: „Der Landesausschuß, ohne über die Frage der indirekten oder direkten Wahl und über die Kautelen der letzteren sich heute auszusprechen, ist der Ansicht, daß der neue Wahlreform⸗Gesetzentwurf nur in Ver⸗ bindung mit einer den Inhalt desselben bildenden Aen⸗ derung der Wahlkreiseinteilung und die Einteilung in Wahlkreise in dem Landtag im Einverständnis mit der Regierung zur Verabschiedung gebracht werden soll.“ Ein echt nationalliberales Produkt! Der Leser wird sich vergeblich fragen, was eigentlich mit diesen dunkeln Sätzen gesagt sein soll. Gießener Angelegenheiten. — Unter der Wertzuwachs steuer, die in verschiedenen deutschen Städten einge⸗ führt ist und sich sehr gut bewährt hat, ver⸗ steht man die Steuer auf die mühelosen und vielfach ungeheuern Gewinne, welche die Be⸗ sitzer von Grund und Boden dadurch erzielen, daß die Stadt sich ausdehnte, und Grundstücke, die bisher nur als Feldland Verwendung fan⸗ den, zum Bauland einbezogen werden. Wir halten— solange der Grund und Boden noch nicht Gemeineigentum geworden ist— eine solche Steuer für durchaus angebracht. Denn den höhern Wert bekommt der Boden nicht durch die Arbeit des Besitzers— der hat keinen Finger gerührt— sondern durch die Tätigkeit der Gesamtheit.— Der Besitzer wartet vielmehr ganz ruhig, bis man sein Stück Land, auf dem vielleicht nur Unkraut wächst, braucht, und die reife Frucht fällt ihm dann von selbst in den Schoß. Er bekommt für den Quadrat⸗ meter den zehn⸗, ja oft den 20 und 30fachen Preis dessen, was er dafür bezahlt hat. Ein gutes Beispiel dafür bietet sich jetzt in Gießen, nach⸗ dem die Schwarzlach als Baugelände erschlossen worden ist. Das ganze hier in Betracht kommende Ge⸗ biet umfaßt 254 410 Quadratmeter. Davon sind zu Straßen und Plätzen 68 431 Quadrat⸗ meter vorgesehen. Die Stadt besttzt von dem Gelände 65 935 Quadratmeter, wovon 19 892 oder 30,2% zu Straßenland Verwendung finden.— Nun betrachten wir, welch nettes Geschäftchen ein Privatmann macht, der in der Schwarzlach Bauland besitzt. Der Stadtver⸗ ordnete Löber z. B. besitzt dort 27331 Quad⸗ ratmeter, wovon nach dem Bebauungsplane 7814 oder 28 ½% in Straßenland fallen. (Gegen den Plan hatte Herr Löber Einspruch erhoben, weil nach seiner Ansicht von seinem Lande zuviel für Straßen weggenommen würde.) Vor der Anfstellung des Planes repräsentierte das Grundstück Löbers(Quadratmeter zu 60 Pfg. gerechnet), einen Wert von 16 398,60 M. Jetzt bekommt er: 1. für die 7814 Quadrat⸗ meter Straßenland(a Mk. 1,12)= 8751,68 Mark. Für die 19517 Quadratmeter Bau⸗ land— mindestens 8 Mk. pro Quadrat- meter— also: 156 136 Mk., ergibt zusammen Mk. 164 887.68. Abzüglich des vorigen Wertes verbleibt also ein Gewinn von mindestens 148 489,08 Mk.— Das ist ein nettes Stückchen Geld und wohlgemerkt, ein mühe⸗ loser Gewinn! Der Grundbesitzer braucht seinetwegen keine Hand anzurühren und keinen Schritt zu gehen! Da ist es doch nur ange⸗ bracht, wenn der Gesamtheit ein Bruchteil des durch ihre Arbeit geschaffenen Wertes wieder zufließt. Würde z. B. 25% Wertzuwachssteuer erhoben, so wären in diesem Falle 37 122,25 Mark an die Gemeinde abzuführen. Das wäre gewiß nicht unbillig; dem Grundbesitzer blieben immer noch über 110000 Mk. reiner Gewinn. — Selbstverständlich machen wir diese Dar⸗ legungen nicht Herrn Löbers wegen— viele andere würden den Gewinn mit der gleichen Ungentertheit einstreichen— aber sie beleuchten ein Stück unserer heutigen Ordnung und zeigen, wie manche einer zum reichen Manne wird durch—„Fleiß und Sparsamkeit“— natürlich. — Italiener sind jetzt in großer Zahl in Gießen als Bau⸗ und Erdarbeiter, besonders bei der Kanalisation beschäftigt. Warum diese ausländischen Arbeitskräfte herangezogen werden, wo es deren doch hier genug giebt, ist ja allgemein bekannt. Sie sind eben billiger und die Herren Unternehmer können größeren Pro⸗ fit aus ihnen herausschlagen. Die hiesigen Geschäftsleute sind aber insofern im Nachteile, als die Italiener nur einen Bruchteil des ver⸗ dienten Geldes hier wieder verkonsumieren, ein großer Teil davon wandert ins Ausland. Die Leute sind noch bedürfnisloser wie die Deutschen; ste sollen hier in„Wohnungen“ hausen, die diese Bezeichnung gar nicht ver⸗ dienen und, wie uns mitgeteilt wird, aller Be⸗ schreibung spotten. Solche Zustände bilden eine Gefahr für die hiestge Bevölkerung in ge⸗ sundheitlicher Beziehung und die Polizet sollte da einmal gehörig kontrollieren. — Das Schwurgericht, das in diesem Quartal gar nicht zusammentreten sollte, weil nur ein einziger Fall vorlag, hat diesen doch am Montag abgeurteilt. Die zuletzt in Nieder⸗ mörlen beschäftigt gewesene Dienstmagd Stieg⸗ litz hatte sich wegen Kindesmord zu verant⸗ worten. Sie war geständig und wegen eines gleichen Verbrechens bereits mit 2½ Jahren Gefängnis vorbestraft. Die Geschworenen sprachen sie schuldig und sie erhält unter Zubilligung mildernder Umstände 4 Jahre 2 Monate Ge⸗ fängnis. — Vierter Klasse. Ueber die Zustände bei den Arbeiterzügen gehen uns von Ar⸗ beitern, welche dieselben benutzen müssen, leb⸗ hafte Klagen zu. Die Wagen vierter Klasse sind fast stets in unzureichender Zahl vorhanden und sie werden in geradezu beäugstigender Weise vollgepfropft, müssen weit über die vor⸗ geschriebene Zahl Passagiere aufnehmen. Da⸗ gegen rollen Wagen dritter Klasse fast leer mit. Besonders ist das immer bei dem Zuge 6.26 abends in der Richtung nach Gelnhausen der Fall. Es kann doch unseres Erachtens keine Schwierigkeit machen, wenn ein Wagen vierter Klasse mehr einrangiert wird. Warum ges hieht das nicht? Aus dem Rreise gießen. Bürgermeister und Schullehrer. Am Samstag wurde vor dem Gießener Land⸗ gericht ein Beleidigun gsprozeß verhandelt, den der Lehrer Jung in Grüningen gegen den dortigen Zürgermeister Gilbert ange⸗ strengt hatte. Dabei trat fast das halbe Grü⸗ ningen als Zeuge auf. Im großen und ganzen handelte es sich um müßigen Klatsch und man sollte nicht meinen, daß ernsthafte Männer wegen solchen Bagatellen prozessen. Der Bürgermeister wurde zu 175 Mark Geld⸗ strafe verurteilt und hat den größten Teil der Kosten zu tragen, die wohl an die tausend Mark betragen dürften. Wie sagt der Dichter: Ja, ja, Prozesse müssen sein! — Der Kindesmord in Eberstadt dürfte noch weitere Strafverfahren im Gefolge haben. Vom Justizminister soll gegen den Abg. Köhler und die„Hungener Landpost“, in welcher Köhler seine den Fall betreffende Interpellation vor der Einreichung im Land⸗ tage abdrucken ließ, Strafantrag wegen Beleidigung des Staatsanwalts Reuß gestellt sein.— Es soll übrigens einwands⸗ frei festgestellt sein, daß die Mina Görlach tatsächlich heimlich geboren hat. Aus dem Rreise Alsfesd-Cauterbach * Wenn Gott an allem schuld sein soll. Der Landwirt Häußer in Lanzenha in ist offenbar ein gläubiger Christ, deshalb ist er der Meinung, daß der Herrgott alle Dinge geschehen läßt. Das lehrte ihn allerdings die Religion, doch beachtete er die weitere religiöse Vorschrift nicht, daß der Christ auch das ihm widerfahrene Unangenehme in Demut und Geduld tragen soll, sondern er schimpfte auf seinen Herrgott, wenn ihm etwas nicht nach dem Kopfe ging. Besonders geriet er in Zorn, wenn ungünstiges Wetter eintrat. So, als ein Gewitter im August 1902 einen Teil der noch auf dem Felde befindlichen Frucht ver⸗ nichtete. Damals erging er sich in nicht wiederzugeben⸗ den Worten; und als im vorigen Sommer das Krie⸗ gervereinsfest verregnete— er ist auch Kriegervereinler— sagte er:„E Kießeldunnerwetter soll dreinschlagen! Wir müssen den Alten oben absetzen!“ Deshalb hatte er sich am Dienstag vor der Gießener Strafkammer wegen Gotteslästerung zu verantworten. In der zitierten Aeußerung wird nun zwar eine solche nicht gefunden; wohl aber in den Schimpfworten, die er gelegentlich des Gewitters fallen ließ. Und trotzdem ihm der Pfarrer ein gutes Zeugnis ausstellte und ihn als gläubigen Christen bezeichnete, der nur in der Trun⸗ kenheit jene Worte gebrauchte, wird er zu sechs Wo⸗ chen Gefängnis verurteilt. b. Sittlichkeit auf dem Lande. Vor dem Alsfelder Schöffengericht wurde am Montag gegen den Karl Schlitt aus Leusel verhandelt, der wegen Be⸗ leidigung seines früheren Dienstmädchens, der Elise Kern ans Angenrod, angeklagt war. Er ist beschuldigt, das Mädchen, welches als Nebenklägerin auftrat, wiederholt unzüchtig berührt zu haben, weshalb es den Dienst ver⸗ ließ. Der Angeklagte machte geltend, daß es das Mäd⸗ chen nur auf Erpressung abgesehen habe, denn es hätte mit andern Männern geschlechtlich verkehrt. Dies be⸗ stritt es unter ihrem Eide, zwei Zeugen, Mörle und Schombert, beschworen jedoch das Gegenteil. Der An⸗ geklagte, verteidigt vom Rechtsanwalt Reh, wurde frei⸗ gesprochen, das Mädchen jedoch wegen Meineidsverdachts sofort verhaftet. So kann die Angelegenbeit noch sehr schlimme Folgen für das erst 17jährige Mädchen haben, während seine gewiß nicht ganz unschuldigen Verführer frei ausgehen. Aus dem Nreise Wetzlar. h. Die konservative Partei des Rheinlandes hielt am Sonntag im Schützen⸗ garten in Wetzlar ihre Generalbersammlung ab. Das Wetzlarer Amtsblatt tischte seinen geduldigen Lesern darüber einen 5 Spalten langen Be⸗ richt auf.— Herr Stackmann, der Land⸗ tagsabgeordnele für Wetzlar, hielt einen Vor⸗ trag über„Die innerpolitische Lage“, bei welcher Gelegenheit er auch auf die Sozial- demokratie und das allgemeine Wahlrecht zu sprechen kam. Dabei gab er nach dem Bericht des Amtsblattes Dinge zum Besten, die er wirklich nicht verantworten kann und die mit den Tatsachen im schreiendsten Widerspruch stehen. Er sagte: „Die konservative Partei ist übereinstimmend mit andern Parteien der Meinung, daß die Sozialdemokratie eine außerordentlich große Gefahr ist.(Huh! D. R.) Es ist in letzter Zeit die Meinung verbreitet, als ob die Sozialdemokratie durch freundliches Zureden sich mausern werde zu einer Partei, die man als eine radi⸗ kale Reformpartei bezeichnen könne, die sich auf den Boden der bestehenden Verhältnisse stellen und nur weit⸗ gehende Forderungen stellen werde. Wir sind der Auf⸗ fassung, daß dies grundfalsch ist.(Wir auch! D. R.) Die Sozialdemokratie bleibt der Feind der bestehenden Gesellschaft.(Der Gesellschafts o rd nung muß es heißen. D. R.) Wenn wir nicht wollen, daß die Grund⸗ lagen der Religion, Familie und das Eigentum ver⸗ nichtet werden sollen, müssen wir den Kampf mit ihr mit allen Mitteln aufnehmen. Da wird uns dann der Vorwurf gemacht, daß wir eine Scharfmacher⸗ Partei seien, die die Regierung hineinhetze und daß wir mit dem Feuer spielen. Dieser Ansicht sind unsere Red⸗ ner, Graf Mirbach und Freiherr von Manteuffel, ent⸗ gegengetreten und haben sie widerlegt.(Wer lacht da nicht 2) Die konservativen Vertreter sind nicht der Ansicht, daß gegenwärtig ein Sozialistengesetz gemacht werde, aber auch nicht, daß das allgemeine Wahlrecht aufge⸗ hoben werde(Was?). Wohl sind sie dafür, daß die Regierung bekunde, daß sie voll und ganz von der Ge⸗ fahr der Sozialdemokratie überzeugt ist.“ Wenn Herr Stackmann das wirklich gesagt hat, was in dem Bericht steht, dann muß man sich tatsächlich uber die Kühnheit wundern, mit der er unwahre Behauptungen aufstellt. Wenn einer nach den Staatsstreich⸗Reden der Junker Manteuffel, Graf Mirbach, v. Buch und Konsorten vehauptet, daß die Konserva⸗ tiven weder das Wahlrecht beseitigen, noch ein ein neues Sozialistengesetz wollten, der kennt entweder jene Reden nicht, oder er täuscht absichtlich die Oeffentlichkeit. Aus der in der Buchhandlung Vorwärts erschienenen Broschüre, „Der Zukunftsstaat der Junker“, welche Aus⸗ züge aus den Reden der konservattven Führer nach dem amtlichen Stenogramm wieder⸗ gibt, kann jeder leicht feststellen, wie sich diese Sorte„Volksvertreter“ zu dem Wahlrecht stell⸗ ten. Um nur einen Satz anzuführen, sagte Graf Mirbach:„Setzten wir an die Stelle des llegung Aigen gr. Aus 1. wotket li deß Kon zog mar Ansicht! des Vere burger Daß die Vrotpres selber ein Keonsumb Gerade! zahl des gestiegen bonum Zeit bed haben ut Mügliede shöne Re Verein I. rend di gerne her berharte ui lehy Marl fe fekt. D. fuchen f höheren langen. dewlllge willigen buecher b Matdorft Peron die galt b werd bunzlung Am Non Muuretd hende mann! die A0 dh auc elne 95 nahm! rüchtänd mehr mi wönoll die hi, dabon ab r wieg fir 50 waage Funden ua m munen 05 itte he⸗ An tel: 15 sehr en, ret — 1 Nr. 24. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Reichstagswahlrechts das Wahlrecht für den preußischen Landtag, so wäre damit zweifellos einegründliche Abhilfe geschaffen.“ Und v. Manteuffel sprach sein Bedauern über die Aufhebung des Sozia⸗ listengesetzes aus, wie ja die Junker im Reichstage schon oft der Sehnsucht nach einem neuen Ausdruck gaben. Einem Arbeiter mit leidlich gesunden Sinnen wird also Herr Stackmann über diese volksfeindlichen Absichten nicht täuschen.— Es wurden in der Versamm⸗ lung noch der Vorstand gewählt und schließlich hochte Herr Schlabach Herrn Stackmann an. h. Ueber die hohen Preise der Lebens⸗ mittel in Wetzlar und besonders der Fleischpreise Hagte dieser Tage ein im„Wetzl. Anz.“ veröffentlichtes Eingesandt. Es wurden da die Preisverhältnisse Wetz⸗ lars und der Nachbarstädte verglichen, die billigere Preise aufweisen. Besonders das Schweinefleisch könnte bei den jetzt ziemlich niedrigen Schweinepreisen entschieden billiger sein. Nicht mit Unrecht macht das Eingesandt den Innungsring für die unverhältnismäßigen Preise verantwortlich. Dagegen versuchte zwar ein ge⸗ lahrter Metzgermeister eine„schlagende Wider⸗ legung“, die ihm aber in den Augen aller Verstän⸗ digen gründlich mißglückt ist. Aus dem Rreise Marburg⸗RNirchhain. r. Vom Brotkrieg in Marburg. Unbeant⸗ wortet ließen die Marburger Bäckermeister das Flugblatt des Konsum⸗Vereins an sich vorübergehen. Höchstens zog man über die„Unverschämtheit“ her, welche nach Ansicht der Marburger Bäckermeister sich die Verwaltung des Vereins herausgenommen hatte, indem sie die Mar⸗ burger Bevölkerung über die Bäckerwirtschaft aufklärte. Daß die Marburger Bäckermeister durch Unterbieten der Brotpreise sich selbst geschadet haben, werden sie wohl selber einsehen. Der Zweck des ganzen Manövers, den Konsumverein zu vernichten, ist vollständig fehlgeschlagen. Gerade das Gegenteil ist eingetreten. Die Mitglieder⸗ zahl des Vereins ist seit der Kriegserklärung beträchtlich gestiegen und beträgt jetzt über 400. Auch der Brot⸗ konsum mitsamt der ganzen Bäckerei hat sich seit der Zeit bedeutend gehoben. Die Marburger Bäckermeister haben unbewußt für den Konsumverein agitiert, und die Mitglieder des Vereins haben bewiesen, daß sie sich durch schöne Redensarten nicht irre machen lassen, sondern dem Verein treu bleiben. r. Zur Bauarbeiter⸗-Aussperrung. Wäh⸗ rend die ausgesperrten Maurer zu Unterhandlungen gerne bereit sind, und darum auch nachgesucht haben, verharren die Unternehmer auf ihren Herrenstandpunlt, und lehnen jedes Verhandeln ab. Sie haben sogar 500 Mark Konventionalstrafe auf etwaiges Nachgeben festge⸗ setzt. Dabei drängt die Arbeit, im ganzen Umkreise suchen sie Arbeitskräfte, Den Fremden wollen sie einen höheren Lohn zahlen, als die Marburger Maurer ver⸗ langen. Einige Unternehmer wollten die Forderungen bewilligen, aber nicht unterschreiben.— An Arbeits⸗ willigen sind außer 4 Nassauern, welche ja als Streik⸗ brecher bekannt sind, noch die Poliere und einige alte Mardorfer Maurer stehen geblieben, im ganzen 12 Personen Die jüngern Leute sind meist abgereist und die Haltung der übrigen Ausgesperrten ist eine gute; so werden sich wohl die Unternehmer bald zu Unter⸗ handlungen bereit finden lassen. Zuzug ist fernzuhalten! Am Montag fand im Hildemannschen Saale eine öffentliche Maurerbersammlung statt, in welcher wiederum der Vor⸗ fitzende des christlichen Verbandes Becker und Hütt⸗ mann vom Zentralverband sprachen. Beide ermahnten die Ausgesperrten zu festem Zusammenhalten; sie sollten sich auch nicht durch die Drohung der Unternehmer, daß eine große Zahl Italiener herangezogen würdenß, machen lassen. Die Italiener seien auch nicht mehr so rückständig, führte Hüttmann aus, sie wären auch nicht mehr mit allem zufrieden, wollten auch nicht hungern, obwohl sie es darin schon weiter gebracht hätten, als die hiesigen Arbeiter. Der Ausgang des Kampfes werde davon abhängen, wie die Arbeiter ihre Einigkeit bewahren. Er wies dann auf Aschaffenburg hin, wo die Unternehmer für 50 bis 60 Pfennig die Stunde fremde Arbeiter herangezogen hätten, nur um denen am Orte ihre billigen Forderungen nicht bewilligen zu müssen. Hieran erkenne man, wie die Unternehmer ihre Arbeiter behandelten, namentlich diejenigen, die schon lange bei ihnen gearbeitet hätten und dann etwas Lohnerhöhung verlangten. Im weiteren wurden die Streikenden ermahnt, die größte Ruhe zu bewahren und jeden Exzeß zu vermeiden. Wer abreisen könne, solle es tun.— Am Schlusse der Ver⸗ sammlung wurde die Streikunterstützung ausbezahlt. Den Streikenden soll eine größere Summe von einem unbe⸗ kannten Spender aus Marburg überwiesen worden sein. r. Auch die Maler und Weißbinder regen sich. Sie hielten am Dienstag eine Versammlung im Hildemannschen Saale ab, in welcher der Gauleiter Zimmermann aus Frankfurt referierte und welche über die Antwort der Arbeitgeber auf die eingereichten Forderungen beraten sollte. Damit war man bald fertig, denn es ist nur eine einzige eingegangen. Ueber die weiteren Schritte war man sich sofort klar. Man be⸗ schloß, die Meister nochmals um Antwort zu ersuchen und zu einer gemeinsamen Sitzung einzuladen. Eine Resolution fand Annahme, in der das Bedauern über das Verhalten der Meister ausgesprochen wird und die einzelnen Kollegen ersucht werden, keine Abmachungen mit ihren Arbeitgebern zu treffen, sondern sie an die Kommisston verweisen. Ferner wird den ausgesperrten Maurern Unterstützung in ihrem Kampfe versprochen. Bekanntmachung der Gewerkschafts⸗ kommission. Die Protokolle vom Heimar⸗ beiterschutzkongreß sind bei den Delegierten der einzelnen Gewerkschaften zu haben. — Kutscher, Fuhrleute, Packer, Aus⸗ laufer! Eine öffentliche Versammlung der Transportarbeiter findet Montag Abend im Lokale Jes⸗ berg statt. Gen. Habich t⸗Frankfurt wird sprechen. r. Die Einzeichnungsliste zum Ausflug zum Kreis fest nach Steinberg liegt im Lokale von D. Jesberg auf, und wollen die Genossen regen Ge⸗ brauch davon machen. Selbstmord des Mörders. Vor dem Darmstädter Schwurgericht wurde am Mittwoch gegen den Wirt Adam Rothermel verhandelt, der angeklagt war, den auf seinem Hof wohnenden Auszügler Taglöhner Wältz ermordet zu haben. Zeugen der Tat sind nicht vorhanden, mehrere Sach⸗ verständige bekunden aber übereinstimmend, daß der ermordete Wältz unmöglich Selbstmord begangen haben könne. Als am Donnerstag früh die Verhandlung sortgesetzt werden sollte, wurde mitgeteilt, daß sich der Angeklagte in seiner Zelle erhängt habe. Somit hatte der Prozeß ein schnelles Ende. Von einer Friedhofsschändung wird aus Elkenroth im Kreise Alten⸗ kirchen berichtet. Dort sind eines Nachts auf dem Friedhofe, der von Protestanten und Ka⸗ tholiken gemeinsam benutzt wird, fast alle Grabdenkmäler und Grabhügel der Protestanten zerstört worden. Der kon⸗ fessionelle Friede, dessen ber Ort sich früher erfreute, set durch die Gründung einer rein katholischen Arbeiterkolonie, die von Trappisten geleitet werde, nicht ungestört geblieben.— Entgleiste Ordnungsleute. Der Beigeordnete und Gemeindevorsteher Franz Will er aus Unterflockenbach, ein großer „Ordnungsheld“ vor dem Herrn, wurde am Freitag von der Darmstädter Strafkammer zu 4 Monaten Gefängnis verurteilt, weil er in den Jahren 1903 und 1904 aus den Teller⸗ sammlungen der Kirche, die er als Vertrauens⸗ mann zu besorgen hatte, wiederholt Geldbe⸗ träge entwendete und für sich verbrauchte. — Der Rendant Kraemer bei der Kreisvieh⸗ kasse in Berleburg ist nach Unterschlagung von 60 000 Mark verschwunden. Ueber sein Vermögen wurde der Konkurs verhängt. Der Durchbrenner wurde in Cassel erwischt und verhaftet.— Ein gräflicher Kindes⸗ mörder. In Dresden erfolgte die Verhaf⸗ tung des aus Brünn(Oesterreich) gebürtigen Grafen Rossequter de Miramont. Er soll verdächtig sein, sein 4½ Jahre altes unehe⸗ lich geborenes Kind durch Herunterstürzen von der Treppe mißhandelt und dadurch den Tod des Kindes absichtlich herbeigeführt zu haben. Zum Konitzer Mord wird noch mitgeteilt, daß der verhaftete Meaß⸗ loff einem Kriminalbeamten Einzelheiten über die Ermordung Winters angegeben habe. Da⸗ raufhin hätten Haussuchungen statigefunden. Kleine Mitteilungen. * Sängerkrieg in Goßfelden. Bei dem Bundesfest des Oberhessischen Sängerbundes, das am Sonntag in Goßfelden abgehalten wurde, kam es, wie die„Kl. Pr.“ berichtet, nach dem Absingen des Liedes „Brüder, reicht die Hand zum Bunde“ zwischen aus⸗ wärtigen Burschen zu einer Schlägerei, bei der man auch die beiden Gendarmen bedrohte, sodaß diese von ihren Waffen Gebrauch machen mußten. Mehrere Burschen trugen Verletzungen davon. Seite 5. Drei Kinder verbrannt. In Haß loch bei Rüsselsheim a. M. spielten drei Kinder in einem Schuppen und setzten darin befindliches Stroh in Brand. Der Schuppen brannte nieder und alle drei Kinder kamen in den Flammen um. * Bergarbeitertod. Auf der Zeche„Bruch⸗ straße“ bei Essen wurde der Bergmann Knepper durch hereinbrechende Kohlenmassen verschüttet. Auf der Zeche„Prosper“ stürzte der Bergmann Weiner in den Schacht. Beide waren sofort tot. Partei-Machrichten. Wahlkreis Friedberg Büdingen. Parteigenossen! Die statutengemäße Generalversammlung des Kreiswahlvereins findet am Sonntag, den 10. Juli, vormittags 10 Uhr, in Vilbel“ mit nachfolgender Tagesordnung statt: Bericht des Vorstandes; . Kassenbericht; . Unsere Stellung zu den Kommunalwahlen; „Die bevorstehenden Landtagswahlen; „Landeskonferenz und etwaige Anträge zu der⸗ selben; 6. Stellungnahme zum Parteitag in Bremen; 7. Anträge; 8. Vorstandswahl. Indem wir bitten, zu vorstehender Tagesordnung Stellung zu nehmen, ersuchen wir etwaige Anträge an den Unterzeichneten einzusenden. Mit sozialdem. Gruß Der Vorstand, J. A.: J. Ihl. *(Das Lokal wird noch angegeben.) Aeltere Jahrgänge der„Neuen Zeit“ gesucht. Der Sozialdemokratische Verein von Bielefeld sucht Zwecks Vervollständigung der Bib⸗ liothek folgende Jahrgänge der„Neuen Zeit“ zu kaufen: 1. Jahrgang(1883), 3.(1886), 10.(1891/92) 2. Band, 13.(1894/95) 2. Band, 14.(2895/95) 1. Band. 16.(1897/98), 17.(1898/99). Es wird gebeten, ge⸗ fällige Angebote an Genossen Adolf Zenker, Bielefeld, Schulstraße 20, zu richten. i „5 Versammlungskalender. Samstag, den 11. Juni. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb(Wiener Hof). Vortrag: Kosten des Lebenshaltung. Ref. Vetters.— Metallarbeiter Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Friedberg. Wahlverein. Vecsammlung abends 8½ Uhr bei Ihl. Ref. Busold. Sonntag, den 12. Juni. Gießen. Trans portarbeiter. 9 Uhr Versam mlung im„Wiener Hof“. Montag, den 13. Juni. Gießen. Schneid er verband. Versammlung bei Orbig. (Die Versammlungs⸗Anzeige in voriger Nummer war irrtümlich.) Gießen. Freie Turnerschaft. Abends 9 Uhr bei Löb Mitglieder⸗Versammlung. T. O.: Geschäft liches. Anschaffung einer Standarte. Br efkasten. R.-Mrbg. Auf Ihren Wunsch teilen wir gerne „im Interesse von Freunden einer kostenlosen Zeche“ mit, daß jeder sich eine solche in der Wirtschaft vom „starken Hannesche“ verschaffen kann. Er braucht dort bloß, nachdem er gegessen und getrunken, den Konsu m⸗ verein zu loben, da kann er sicher sein, sofort, ohne daß man Bezahlung haben will, kabelmäßig schreell hinausbefördert zu werden. = Abends Abends 9 Uhr — Das Münchener Panoptikum, von Jos. Burghausen ist von Samstag, den 11. Junt ab auf einige Tage auf Oswalds Garten in Gießen zu sehen. Es bietet viele Sehenswürdigkeiten und ist sein Besuch unsern Lesern zu empfehlen. Empfehlenswerte Schriften. Die Kolportage⸗Kommisston des Wahlvereins— Gießen, Wirtschaft Orbig— empfiehlt: (Bei kleineren Bestellungen von außerhalb wird ge⸗ beten, den Betrag nebst Porto— event. in Briefmarken — gleich beizufügen. Adresse: Expedition der Mitteld. Sonntags⸗Zeitung Gießen.) Der Zukunftsstaat der Junker. Man⸗ teuffeleien gegen die Sozialdemokratie im preußischen Herrenhaus. Mit Einleitung und Anmerkungen von Kurt Eisner. Preis 20 Pfg. Wider die Pfaffenherrschaft. Kulturbilder aus den Religionskämpfen des 16. und 17. Jahr⸗ hunderts. Reich illustriert. Von Emil Rosenow. In Heften zu 20 Pfg. komplett in 50 Heften. n Seite 6. Mitteldentsche Sountaas⸗Zeitung. Nr. 24. Gute Patrioten— schlechte Steuer zahler. Der frühere Kaufmann und jetzige Privatier V. in Düsseldorf hatte seit einer Reihe von Jahren sein Einkommen auf etwa 3000 Mark angegeben, während er 12—16 000 Mk. jähr⸗ lich eingenommen haben soll. Das Gericht hielt nur für erwiesen, daß der Angeklagte in den Jahren 1899, 1900 und 1901 insgesamt 407,50 Mk. zu wenig an Steuern gezahlt habe. V. wurde daher in eine Geldstrafe von 2445 Mark, den sechsfachen Betrag der hinterzogenen Steuer, verurteilt. Eine große altmärkische Bauern ⸗ hochzeit wurde kürzlich, wie wir im„Vorwärts“ lesen in Groß⸗Bierstedt gefeiert, wo der Landwirt Busse mit der Besitzerstochter Amanda Winne aus Wistedt den Bund fürs Leben schloß. Da ungefähr 400 Gäste teilnahmen, waren zwei Zelte errichtet worden. Es wurden geschlachtet: Zweigqinder, sechs starke Kälber, zwei Schweine sowie viele Hühner; ferner waren besorgt wor⸗ den 1¼ Zentner Steinbutt, 1 Zentner Spargel; gebacken wurden 170 Butterkuchen, 60 Topf⸗ kuchen, 30 Stollen, 20 Blech Zuckerkringel, 1000 Pfannkuchen und 10 mächtige Baum⸗ kuchen. Damit kein Gast zu dursten brauchte, waren auch gewaltige Mengen Getränke, Wein, Bier, Kaffee usw. zur Stelle. Die Not der Landwirtschaft wird man bei diesem respektablen Festschmaus hoffentlich nicht zum Unterhaltungsthema gewählt haben. Unterhaltungs-Cril. Feühlingsglaube. Die linden Lüfte sind erwacht, Sie säuseln und wehen Tag und Nacht, Sie schaffen an allen Enden. O frischer Duft, o neuer Klang! Nun, armes Herze, sei nicht bang! Nun muß sich alles, alles wenden. Die Welt wird schöner mit jedem Tag, Man weiß nicht, was noch werden mag, Das Blühen will nicht enden. Es blüht das fernste, tiefste Tal: Nun, armes Herz, vergiß der Qual! Nun muß sich alles, alles wenden. Ludwig Uhland. Auf der Wanderschaft. Erzählung von Robert Schweichel, 2(Fortsetzung) Hans vermochte kaum die Augen von ihr zu wenden, wie sie so frei und leicht daherge⸗ schritten kam.„Gehen Sie nur voraus,“ sagte er zu den jungen Damen, während er den Riemen setner Reisetasche durch den Henkel der Handtasche zog.„Ich hab' noch mein Bier zu bezahlen.“ Als er ihnen einige Augenblicke später folgte, fand er sie vor einer Bude am Wege stehend, in der alle möglichen, den Reisen⸗ den nötige, nützliche und angenehme Dinge feil gehalten wurden. Fräulein Irma, wie sie von der Freundin genannt worden, vervollständigte ihre Reiseausrüstung durch einen zierlichen Bergstock, der oben mit einem Gemshorn ge— schmückt war. „Es ist eigentlich eine Torheit, daß ich gerade diesen Stock gewählt habe,“ sagte sie im Weiterschreiten;„denn Gemsen gibt es doch wohl keine mehr im Harze, nicht?“ Sie schaute fragend nach Hans zurück. „Wenn es hier je welche gegeben hat, so sind sie längst, wie Bären und Wölfe, aus⸗ gerottet,“ gab er zur Antwort.„Aber der Stock ist hübsch, und ich denke, daß die Damen das Hübsche dem Wahren vorziehen.“ Fräulein Irma warf der Freundin einen etwas verwunderten Blick zu, und diese erwiderte pedantisch kühl:„Das ist denn doch keine allge⸗ mein zutreffende Behauptung, lieber Mann, und ich für meine Person protestiere dagegen.“ Der Pseudoführer lachte still vor sich hin und dann begann er auf sich selbst ärgerlich u werden, daß er sich auf das Abenteuer ein⸗ gelassen hatte. War es doch nicht länger als zwei Tage her, daß er, von Ballenstedt das 1 1 iebe Selketal aufwärts wandernd, nach Alexis⸗ bad und von dort so ziemlich ganz denselben Weg gekommen war, den er nun die beiden jungen Damen führen sollte. Und hatte er, obgleich er ein Mann war, nicht selbst das Hübsche dem Wahren vorgezogen? Denn Fräu⸗ lein Irma war jedenfalls eine hübsche Erschein⸗ ung, und er freute sich ihrer biegsamen Gestalt, die auf kleinen Füßen in derben Bergschuhen leicht und dennoch so fest vor ihm herschritt. Sie waren mitlerweile auf der Brücke am Waldkater auf das linke Ufer der Bode ge⸗ langt. Hans hatte seine gute Laune wiederge⸗ funden und er nannte den Mädchen mit man⸗ cher humoristischen Bemerkung die schroffen im Sonnenschein sich badenden Felswände und Klippen, welche die strudelnd schäumende Bode zu beiden Seiten bedrängten. Er machte ste auf die hoch hinaufreichenden runden Kanten aufmerksam, welche der wilde Wasserlauf einst in die Felsen geschliffen hatte und zeigte ihnen die Treppe, die bei dem Waldkater in 1120 steinernen Stufen sehr beschwerlich zu dem Hexenplatz hinaufführte. Sie kamen an der Schnurre vorüber, den Trümmern des einst herabgestürzten Gipfels der Roßtrappe, über welche jetzt ein bequemer und schattiger Weg im Zickzack hinaufleitet, und standen dann auf der Teufelsbrücke vor dem Bodekessel. Schäu⸗ mend stürzte das Wasser aus den engen Wegen hervor in den Kessel, dessen Oberfläche schein⸗ bar ganz unbewegt in unheimlichem Schwarz zwischen den hohen Bergen dalag. „Da hinein hat der Sturm die Krone vom Haupt Brunhilde's geweht, als sie auf der Flucht vor dem wilden Grafen Bodo von ihrem Renner glücklich über das Tal auf die Roßtrappe getragen wurde. Der Schimmel des Grafen aber sprang zu kurz, und Roß und Reiter stürzten zerschmetternd in den Abgrund. Der plumpe Fels dort zur Rechten ist der ver⸗ steinerte Hund, der die Krone bewacht. Nur ein Sonntagskind kann sie heben.“ So be⸗ richtete Hans, absichtlich in eintöniger Sprach- weise, wie sie den erzählenden Führern eigen zu sein pflegt. Fräulein Irma hatte aufmerksam zugehört, indem sie in das schwarze Wasser schaute. Ihre Freundin aber fragte mit spöttisch gekrausten Lippen:„Und das glaubt das Volk noch heute? Und das glauben auch Sie?“ „Diese und ähnliche Sagen leben noch heute im Harz,“ erwiderte Hans mit Ernst.„Es sind Niederschläge und Nachklänge aus der Zeit, als noch Wodan mit seinem göttlichen Hofstaat in dem sonnigblauen Himmel über uns thronte und im wilden Sturm über die Berge jagte. Was wollen Sie? Wie die Men⸗ schengeschlechter, so lösen die Götter einander ab und hinterlassen den Nachkommen ihr Erbe. — Aber sehen sie hier den Weg im kühlen Buchenschatten; er führt uns gemächlich auf den Hexentanzplatz.“ Die jüngere Dame, die sich sinnend auf das Geländer gestütz: hatte, richtete sich langsam auf und folgte den beiden Andern, die schweigend vorausgingen. „Sie lesen wohl sehr viel?“ begann nach spräch Weile Fräulein Julie wieder das Ge⸗ präch. 5 „Ich möchte wohl, aber mein Gewerbe läßt mir wenig Zeit dazu,“ entgegnete Hans. „Aber dann haben Sie eine gute Schule besucht.“ „Nur die Volksschule, wie alle meines Glei⸗ chen. Und auch die nur bis zu meiner Einseg⸗ nung im dreizehnten Jahr. Dann mußte ich in die Welt hinaus, um für meinen Lebens⸗ unterhalt selbst zu sorgen. Ich wurde Möbel⸗ tischler.“ „Es ist seltsam,“ Fräulein Julie wiegte den Kopf;„denn Sie sprechen durchaus wie ein gebildeter Mann.“ „Ich möchte es sein, denn Bildung macht fret,“ betonte Hans Gruber unwillkürlich stark. „Aber freilich, geistige Bildung allein macht nur halb frei.“ „Was verstehen Sie denn unter halber Freiheit?“ 2 Bevor er jedoch antworten konnte, rief Fräulein Irma heiter:„Dann sind Sie wohl ein Sonntagskind? Und als ein solches werden Sie eines Tages oder Nachts auch die Krone Brunhilde's heben.“ „Ach nein, gnädiges Fräulein,“ seufzte er. „Ich bin ein Werktagskind. Aber gedulden Sie sich nur, das Sonntagskind wird schon kommen, das sie hebt wie auch den Nibelungenhort, der im Rhein liegt: das poetische Genie.“ „Den Tag möchte ich noch erleben,“ rief Fräulein Julie.„Denn unsere Literatur— ach, Torheit, wir atmen ja in diesem herrlichen Buchenwald die köstlichste Poeste.“ Sie blieb stehen, ließ den Kneifer fallen, und ein wärmeres Licht leuchtete im Umblick aus ihren grauen Augen. Ihre Freundin trat zu ihr, während Hans langsam vorausging, und er hörte sie mit halber Stimme singen: „Auf die Berge will ich steigen, Wo die dunkeln Tannen ragen, Bäche rauschen, Vögel singen, Und die stolzen Wolken jagen. Lebet wohl, ihr glatten Säle, Glatte Herren, glatte Frauen! Auf die Berge will ich steigen, Lachend auf ieee Die beiden Mädchen standen auf dem um⸗ gitterten Vorsprung des Hexentanzplatzes und schauten in das Bodetal tief unter ihnen, das gleich dem aufgesperrten Rachen eines Unge⸗ heuers erschien; die Klippen, Schroffen und Felsnadeln waren die Zähne darin.„Groß— artig!“ rief Fräulein Irma nach einer Weile tief aufatmend, und ihre braunen Augen glänz⸗ ten.„Mir ist es grausig, laß uns fortgehen,“ flüsterte ihre Freundin, die ganz blaß gewor⸗ den war. „Ach ja, Deine Nerven, Du Arme,“ äußerte die Andere mitleidig und fügte tröstend hinzu, während sie zurückgingen:„Aber sie werden wieder stark werden in der Bergluft und den Eisenbädern von Alexisbad.“ „Ja, bis dann die Schule wieder beginnt,“ antwortete Fräulein Julie mit einem Anflugt von Bitterkeit. Sie waren beide Lehrerinnen an derselben Mädchenschule. Julie Mohr unterrichtete in verschiedenen wissenschaftlichen Fächern, Irma Schäfer im Zeichnen und Turnen. Unter den Birken und Cbereschen vor dem Gasthause saßen viele Sommerfrischler und Touristen bei Kaffee und Bier. Die Freundinnen sahen sich nach ihrem Führer um; sie wollten aufbrechen. Hans, der sie nicht aus den Augen verloren hatte, näherte sich ihnen schon. „Es ist ein Charakterkopf,“ flüsterte Irma Schäfer.„Sieh nur, wie ruhig und klar er aus den Augen schaut. Ich möchte ihn zeichnen.“ Die Freundin fand keine Zeit zur Antwort. „Wollen die Damen nicht erst ein wenig ausruhen?“ fragte Gruber.„Sie sind des weiten Wanderns wohl noch nicht gewöhnt.“ (Fortsetzung folgt.) Allerlei Der Arbeitsverdienst der Hausfrau. Gedanken eines Knaben über die Arbeit seiner Mutter. „Die Mutter weckt früh morgens, macht Feuer, giebt mir mein Frühstück und schickt mich in die Schule.“— So erzählte mir ein halberwachsener Knabe über den Anfang der täglichen Arbeiten seiner Mutter.„Dann geht sie und weckt den Vater, macht sein Frühstück in Ordnung— und da heißt's Obacht geben, sage ich Ihnen, sonst kommt Vater in schlechte Laune—, sieht nach, daß seine Kleider rein sind und läßt ihn daun gehen. Hierauf macht sie, daß die übrigen Kinder Frühstück bekoemmn und schickt auch die zur Schule. Zuletzt früh⸗ stückt auch sie selbst mit der Kleinsten.“ 1 „Wie alt ist die Kleinste?“ frug ich.„Ach, sie ist schon groß; sie ist bald zwei Jahre und kann schon sprechen und gehen.“„Und was kannst denn Du, Großer?“„Ich? O, ich kann mir schon selbst Geld verdienen.“„So! Wie viel verdtenst Du denn im Tage?“„Ich ver⸗ diene 5 Mk. in der Woche, und der Vater ver⸗ dient 3 Mk. täglich.“ a 1 E Nr. 24. Mitteldentsche Sonutags⸗Zeitung. Seite 7. „Nun, und wie viel verdient dann die Mutter?“„Die Mutter?“ antwortete der Knabe verwundert;„sie arbeitet ja für Niemand.“ „Was? Soeben hast Du mir ja doch erzählt, daß sie für Euch alle miteinander arbeitet...“ „Ja, das ist etwas Anderes! Für uns arbeitet sie freilich; aber das rechnet man nicht— das heißt nicht etwas verdienen!“ Wie viele Väter und Söhne denken nicht anders, wie dieser Knabe. Sie denken und handeln, als ob die Mutter, welche den ganzen Tag für Mann und Kinder arbeitet, nicht nur kein eigentliches echt auf einen Anteil an deren Arbeitsverdienst habe, sondern noch dank⸗ bar sein soll dafür, daß ste für dieselben arbeiten darf und dafür Essen, Unterkunft sowie etwas Kleidung bekommt, wenn ste darum bittet. Humoristisches Nichts Neues. A.: Ob der Bülow wohl wirklich zurücktritt?— B.: Warum nicht? Der tritt ja immer zurück.— A.: Wieso?— B.: Na— hinter seinen— Vorgesetzten! Russischer„Rotkoller“. Frau: Beim russischen „Roten Kreuz“ sollen ja fürchterliche Betrügereien vor⸗ gekommen sein— und noch dazu von sehr hochgestellten Personen? 5 Mann: Da hast Du's! Sowie die was„Rotes“ finden, müssen sie's konfiszieren! Dafür sind ste eben die Stützen des Staats und der Gesellschaft. („Südd. Postill.“) 5 2 15 Parteifreunde! c us nach besten Kräften für die immer weitere Verbreitung Eueres Blattes. Bedeutende Preisermässigung'! Sommer-Schuhwaren Einige Gelegenheitskäufe ganz besonders preiswert. Frankl. Schuhlager gewähre auf sämtliche Freunden und Bekannten bringe meine Schuhmacherei in empfehlende Erinnerung. Reparaturen werden gut und schnell ausgeführt. Georg Baum, Schillerstr. 29. M. Reiss Giessen, Mäusburg 12. Stroh ⸗Hüte für Herren, Unaben und Kinder Sommer⸗Mützen Alles zu bekannt billigen Preisen in guter Qualität Rudolf Richter Giessen, Marktstr. 26. Wasserkrüge Packkörbe kaufen Beuner& Krumm Gießen, Bahnhofstr. 40. 5 2 Ferd. Nennstiel Giessen, Nochestu. 8. 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Der Kegelklub ,, Gut Holz“ Wieseck feiert am Sonntag, den 19. Juni 1904 sein 6-jähr. Stiftungsfest verbunden mit Zanner weihe in dem geräumigen Garten des Gastwirts Heinr. Keller. Indem wir zu zahlreichem Besuch unseres Festes er⸗ gebenst einladen, bemerken wir, daß wir alles aufbieten werden, um den verehrlichen Besuchern recht angenehme Stunden zu bereiten. Für gute Speisen u. Getränke, 2 755 für Unterhaltungen aller Art ist bestens ge⸗ orgt. Das Festkomitee. Das Banner wurde von der Bonner Fahnenfabrik geliefert und ist dasselbe zur Zufriedenheit sämtlicher Mit⸗ Ein junger Schuhmachergeselle ofort gesucht von E Walthaser Pitz III. uhmachermstr. u. Schuhhandlun 103 Slelaberg beis Giazen. 5 ssahmasclinen und Fahrräder erstklass. Fabrikate sowie alle Zubehörteile und Ersatzstücke. Carl Graf, Giessen Kirchenplatz 1s glieder ausgefallen. 9 8 Der Vorstand des Kegeklubs„Gut Holz“. 5 Spezial-Reparatur 5 8 Sesso besdhqhefen Alenmanuse, bleibeig, Am 19. und 20. Juni: Feier des 25-jähr. Stiftungsfestes im geräumigen Garten der Restauration „Zum schwarzen Walfisch“. Programm: Mittags 12—1 Uhr: Empfang der fremden Vereine. Um 2 Uhr: Aufstellung des Feszuges. Um 3 Uhr: Festrede. Ueberreichung der von den Jungfrauen gestifteten Fahnenschleife. Gesangsvorträge, Konzert, Tanz. Abends: Prächtige Illumination und Abbrennen eines Feuerwerks. Der Vorstand. gehweg e Franz Bock ecbwege Polster-, Tapezier- u. Dekoratlons⸗Gesechält hält sich zur heuankertigung sowie Reparat. v. Polstermöbeln unter Zusleherung reeller und billiger Bedienung — Waagen und Gewichte für Colonial⸗, Obst⸗ Butter⸗, Drogenhdlg., Metzger de. Installation von Gas-, Wasser⸗ 1 Bierapparate⸗Anlagen N — Kaffee- u. Ieegebäck in tadelloser Qualität stets frisch u zu haben bei zu haben bei L. Müller Gießen, Bahnhofstraße 61. Konsumvereindiessen und Umgegend. Unseren Mitgliedern empfehlen Mineralwasser wie Gertrudis, Selzer in/ und 1½ Flaschen usw. 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Die Paxteigenossen und Arbeiter allerorts werden zu unserem Feste freundlichst eingeladen und ersucht, für recht zahlreiche Beteiligung zu wirken. Eintritt 20 Pfg. Kinder frei. Der Festausschuss. ä Verlag der Mitteld. Sonntags⸗Zeitung(E. Krumm), Gießen, Verantwortl. Redakteur F. A. Vetters, Gießen, Druck von Heppeler& Meyer, Gießen. —— 2 7 . 8 1 f 5 —— — 0 1 9 ö