„ schranke einverleibt werden. 1 Nr. 37. Gießen, den 11. September 1904. 2 Redaktion: i e eu. Mebaltton echt irchenplatz 11, Schloßgasse. M 11 Id tsch Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. Sountags⸗ Zeitung Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Austräger fre ins die Expedition unter Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Erpedition in Gießen, Rittergasse 17, die Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33½% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. 2 Juserate a Die ögespalt. Bei mindestens Die rote und die schwarze Internationale. Zwar war es keine internationale Zusammen⸗ kunft, welche die Schwarzen in der Woche vom 21. bis 27. August in Regensburg abhielten, wie der internationale sozialistische Kongreß in Amsterdam, aber international im höchsten Grade ist die katholische Kirche, international ist der aus ihr hervorgegangene Ultramontanismus. Das Zentrum hat aber am allerwenigsten Ursache, die Sozialdemokraten wegen ihrer Inter⸗ nationalität anzugreifen. Die Sozialisten haben nicht einmal in einem Lande einen Oberen, dem sie gehorchen, viel weniger einen solchen für die ganze Erde. Sie richten ihre Handlungen nach den von ihnen selbst als richtig erkannten Grundsätzen und nach den jeweiligen politischen und sozialen Verhältnissen ihres Landes ein. Entsprechend dieser Verschiedenheit zwischen der roten und der schwarzen Internationalen wirken in der sozialistischen Partei die Massen mit an dem, was die Parteileitungen auszuführen haben. Aus den Massen kommt der Impuls, kommen die Anregungen für die Parteiführer. Umgekehrt ist es bei den Schwarzen. Hier braucht man die Massen nur als Staffage und als Stimmmvieh. Das zeigt sich stets deutlich an den Katholikentagen, den Parteitagen des Zentrums. An äußerem Glanz und Pomp fehlt es dort nie, fragt man aber nach den positiven Leistungen, so kommt der Gefragte in Verlegenheit. Da reiht sich Rede an Rede, Beifallklatschen an Beifallklatschen, das mit dem Gebahren der bestellten Claqueure im Theater eine verteufelte Aehnlichkeit hat. Widerspruch wird nicht geduldet, ja nicht einmal gewagt. Alljährlich werden dieselben Resoluttonen wieder⸗ holt, die pro forma an Kommissionen verwiesen werden, damit es den Anschein hat, als fände eine ernste Beratung statt. Jedenfalls erfährt niemand etwas, was in diesen Kommissionen vorgeht. Wie zu den militärischen Paraden schöne Anzüge von der Kammer geholt werden, um sie nach vollbrachter Tat hübsch säuberlich wieder der Kammer bis zur nächsten Parade einzuverleiben, so bringen die Zentrums führer zu ihrer„Heeresschau“ alljährlich, um die Arbeiter zu ködern, einige sozialpolitische Reso⸗ lutionen ein, die nachher wieder dem Akten. Ja, damit nicht enug, handeln die Zentrumsabgeordneten im eichstag sehr oft gegen ihr eigenen Beschlüsse von dem Katholikentag. Wie ganz anders geartet ist die„rote Internationale“! Wie ganz anders als der Regensburger Katholikentag verlief der inter⸗ nationale sozialistische Kongreß in Amsterdam. In Regensburg tote Formeln, künst⸗ liche Mache, mittelalterlicher Moder⸗ geruch. In Amster dam frisch pulsie⸗ rendes Leben, freie Aussprache und Kritik für alle Beteiligten, heilige, von in⸗ nerer Ueber zeugung getragene Sache, um welche gekämpft wird. Gewiß gab es auch in Amsterdam Kommisstons⸗ und Sektions⸗ sitzungen, das ist bei einem internationalen Kongreß, wo die Sprachenverschiedenheit so manche Schwierigkeit bereitet, nicht zu ver⸗ meiden. Aber diese Kommissionen tagten nicht der wichtigsten Kommission, die, strittige Fragen hatte, besucht und über ihre öffentlich berichtet. Ehrlichkeit einer Pariei, der innern Schwäche, bösen Gewissens ist es dagegen, äußerlich so mächtige Partei wie schlossene Türen verkriecht. Recht konnte Bebel in der Kongreß habe die tung übertroffen. Klärung geschaffen, Arbeiter aller Länder, zu wollen. Kongreß wieder deutlich gezeigt. Man schreibt uns aus dem Heyl“: Die rheinhessischen sog. heim und Alzey gegen wahlreform hinzu weisen. den diese Provinz sich in jüngster Zeit dadurch zugezogen hat, ficht sie in ihrem„liberalen“ Selbstbewußtsein nicht im Geringsten an. Mit Recht natürlich! Denn wogegen man hier protestiert, ist ja nur der Umstand, daß Rhein⸗ hessen bei der neuen Wahlkreiseinteilung nicht mit entsprechender Zahl von Abgeordneten be⸗ dacht werden könnte. Die Grundforderung des direkten Wahlsystems aber stellt„natürlich“ unser„Liberalismus“— genauer National- liberalismus“— genau so ehrlich und aus innerster Ueberzeugung, wie jeder andere Libe⸗ raltsmus tun muß. In der Oppenheimer Protestversammlung zwar, die vor einigen Wochen stattfand, da klangen aus manchen Reden auch ganz andere Anschauungen und Stimmungen heraus, und es mußte einige Mühe darauf verwandt werden, die Debatte von jeder weitschauenden, grundsätzlichen Stel⸗ lungnahme in Wahlrechtsfragen fernzuhalten. Aber letzteres geschah„natürlich“ nur, um auch die wenigen Ausnahmen, deren Herz nicht so begeistert für das direkte Wahlsystem schlägt, wenigstens im Ansturm gegen jenen Wahlkreis⸗ geometrtefehler noch mitreißen zu können. Für böse Zweifler, die aus der genannten Beschränk⸗ ung gleich wieder Verdächte herausschnüffeln möchten, hat die zweite Protestversammlung in Alzey noch entschtedener ihre—„Nichtfeindschaft“ — das direkte Wahlsystem ausgesprochen. a Resolution von einer entschiedenen klaren Stel⸗ man auch da in der schließlich gefaßten hinter verschlossenen Türen, ja, die Sitzungen lung keine Andeutung macht, erklärt sich wohl welche über in der Taktik zu entscheiden war stets von Hunderten von Zuhörern Verhandlungen wurde Es ist ein Zeichen von strotzender Gesundheit, vonüber zeugender wenn sie ihre in⸗ ternsten Angelegenheiten so vor aller Oeffentlich⸗ keit verhandelt. Das Merkmal der Haltlosigkeit, mit einem Worte des wenn sich eine das Zentrum mit ihren innern Angelegenheiten hinter ver⸗ Die Amsterdamer Tagung hat einen er⸗ hebenden, herrlichen Verlauf genommen. Mit seiner Schlußrede sagen, kühnsten Erwar⸗ Er hat eine gute Arbeit geleistet, er hat in den wichtigsten Fragen die die internationale Ar⸗ beiterschaft bewegen. Ohne Unterschied der Nation und Rasse gelobten die Vertreter der für ein Ziel, für das Ziel des völkerbefreienden Sozialismus wirken Die Zukunft der Menschheit gehört dem Sozialismus, das hat der Amsterdamer Aus Hessens„dunkler Ecke“. „Königreich „Liberalen“ werden nicht müde, voller Stolz immer wieder auf die beiden Protestversammlungen in Oppen⸗ die geplante Landtags⸗ Der böse Beiname, nichts klarer, sammlungen im weinfrohen Rheinhessen zu den flachsten politischen Ro mödien gehören, aufgeführt worden sind. aus der„furchtbaren Selbstverständ⸗ lichkeit“ derselben bei den Nationallibe⸗ ralen, die nur ein paar Mißwollende ver⸗ kennen können. Mit wie hohem Stolze aber hat man doch in den Verhandlungen die Er⸗ innerungen aufgefrischt an jene großen wild⸗ bewegten Tage, wo gerade von Worms aus das Licht über ganz Deutschland ausstrahlte, wo Luther über alle kleinlichen und viele wahr⸗ haftig auch nicht kleinlichen Bedenken hinweg, den fen der nach Freiheit lechzenden Gewissen, seine dröhnende Stimme lieh. Und das wollen„gewiß“ die beiden Protestver⸗ sammlungen des rheinhessischen Liberaltsmus nur zeigen, daß jene großen Wagnisse und Kämpfe unserer deutschen Vergangenheit keines⸗ wegs der Gegenwart bloß zur Uebung redne⸗ rischer Künste zu dienen haben. „Was Du ererbt von deinen Vätern hast, Erwirb es, um es zu besitzen!“ Wir dürfen also sicher die kühnsten Hoff⸗ nungen an diese moderne„Protestanten“beweg⸗ ung knüpfen. Zunächst ist klar, daß jener Fehler der Wahlkreiseinteilung durchaus kein Stein sein wird, den der rheinhessische Liberalis⸗ mus dem freudig begrüßten Wahlreformgedanken in den Weg wirft, um ihn etwa gar darüber entgleisen zu lassen. Dazu, können wir beruhigt annehmen, steht ja nach all seinen Versicherungen auch ihm der allgemeine Fortschritt zu hoch über provinziellen oder gar parteipolitischen Rücksichten. Ferner ist dem klar Denkenden ebenso auch ohne sichtbare Beweise sicher, daß der rheinhessische Liberalismus dieses System der Wahlkreisgeometrie, dessen Schäden und Willkürlichkeiten er— seinem Wehgeschrei nach — unzweifelhaft am eigenen Leibe empfindlich verspürt, im Innersten verabscheuen und bis zum Untergang bekämpfen wird. Denn auch für ihn gibt es ja offenbar kein höheres poli⸗ tisches Ideal, als das der Gerechtigkeit, auf das er sich bei seinen eigenen besonderen Wün⸗ schen allein beruft. Und so wird er in Zukunft den Gedanken an das einzige allen Anforde⸗ rungen in dieser Hinsicht entsprechende Pro⸗ porttonalwahlsystem im begeisterten Glau⸗ ben an die Menschheit prüfend näher treten. Und wenn man drittens etwa zweifelnd fragte, ob bei letztgenanntem Wahlsystem gerade der Liberalismus rheinhessischer Färbung besonders gut gedeihen könnte, da würde er stolz ant⸗ worten, daß er Parteiegoismus nicht nur bei allen anderen, sondern vor allem auch bei sich selbst durchaus verwerflich finde. Wie? Oder hätte ich den„tief sten“ Sinn unseres neusten„Protestantismus“ doch nicht ganz richtig erfaßt? Aber lassen wir den Spott. Jedem ehrlich „liberal“, d. h.„demokratisch“ Denkenden ist als daß diese beiden Protestver⸗ die je Die Sozialdemokratie im Reichstag. (Fortsetzung.) Nicht minder als die Zolltariffrage übte der große Erfolg der Sozialdemokratie bei den vorjährigen allgemeinen Reichstags⸗ —— —— —— 7—— 9 — S — —— ———ç q e 8 2 Seite 2. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. Nr. 37. wahlen einen bestimmenden Einfluß auf den Bang der Verhandlungen aus. Kaum eine einzige Frage konnte angeschnitten werden, ohne daß nach kurzer Frist einer der Redner der bürgerlichen Parteien in eine allgemeine Sozialistentöterrede entgleiste. Auch von den Vertretern der Reichsregierung wurde mehr noch als sonst die Gegnerschaft gegen die Sozial⸗ demokratie betont. Besonders beim Auftreten des Reichskanzlers Grafen Bülow hatte man den Eindruck, daß er beordert war, an der Sozialdemokratie herumzuvernichten, soweit ihm seine schönrednerischen Talente dies gestatteten. Gleichzeitig wurde aus den Reihen verschiedener bürgerlicher Parteien die Sehnsucht nach einer allgemeinen Verbrüderung zum Kampfe gegen die Sozialdemokratie laut. Reaktionäre Kampf⸗ hähne vom Schlage der Kardorff und Arendt, der Kröcher, Oldenburg und Riepenhausen plauderten dabei sehnlichste Wünsche nach Aus⸗ nahmegesetzen gegen die Sozialdemokratie, nach Wahlrechtsraub und Staatsstreich aus, wie sie unzweideutiger nicht in der sozia⸗ listenreinen Atmosphäre des preußischen Herren⸗ hauses den Lippen einiger hochgeborener Gesetz⸗ 92155 entschlüpft sind. Daß solche Bestrebungen ei der Reichsregierung nicht ungern gesehen werden, haben die Mahnung des Reichskanzlers erkennen lassen, die bürgerlichen Parteien möchten unter sich einig werden über Maßregeln gegen die Sozialdemokratie, dann werde die Regierung es an sich nicht fehlen lassen. Eine Art Abschlagszahlung auf diesen Koa⸗ litionskampf leistete sich die Reichstagsmehrheit durch die Kassterung zweier sozialdemo⸗ kratischer Reichstagsmandate. Die Rechtfertigung für diese Gewaltstreiche schlug der bisherigen Praxis des Reichstages in den Wahlprüfungsfragen direkt ins Gesicht, was sich nur als Produkt der blinden Angst vor der wachsenden Macht des Sozialismus erklären läßt. Auch darin trat unverkennbar eine Rück⸗ wirkung des sozialdemokratischen Wahlerfolges zu Tage, daß die bürgerlichen Parteien, voran das Zentrum, eine Fülle sozialreformerischer Anträge einbrachten, deren offenbarer Zweck ist, ihre Urheber als die„wahren Arbeiterfreunde“ bei der deutschen Arbeiterschaft in empfehlende Erinnerung zu bringen und den Sozialdemo⸗ kraten den Wind aus den Segeln zu nehmen. 1 Der Reichs haushaltsetat für das Finanzjahr 1904(vom 1. April 1904 bis 31. März 1905) balanziert in Einnahme und Ausgabe mit 2034511548 Mark. Die Ausgaben setzen sich zusammen aus: 1696 161674 Mark an fortdauernden, 171861841„„ einmaligen des or⸗ dentlichen Etats und 166 488 033„„ einmaligen des außer⸗ ordentlichen Etats. Im Etatsentwurf waren mehr als 400 Millionen Mark mehr Ausgaben vorgesehen; die Herab⸗ minderung ist nur zum geringen Teil auf Ab⸗ striche, in der Hauptsache auf formale Buchungs⸗ änderungen zurückzuführen, wie sie durch die sogenannte Finanzreform herbeigeführt wurden. Die hauptsächlichsten Ausgabeposten(fortdau⸗ ernde und einmalige zusammen) find folgende: Auswärtiges um 37519 373 Mk. Reichsamt des Innern 83 461157„ Verwaltung des Reichsheeres 646 147 590„ Reichsmilitärgericht 8 565633„ Verwaltung der Kaiserlichen Marine 228 570 548 Reichs⸗Justizverwaltung. 2 133 529„ Reiche schatzamt Ne id 213 378 605„ Reichsschuld(Zinsen) 104712 550„ eee 973820„ Allgemeiner Pensionsfondds 78 867320„ Reichs⸗Invalidenfonds Gi, 4162138 Post⸗ und Telegraphenverwaltung. 448 960 204 1 Reichs druckerei 5 5519 181„ Eisenbahn verwaltung... 8 5 91353 600„ Expedition nach Südwestafrika. 513000„ Expedition nach Ostasien 12764047„ Fehlbetrag im Etat von 1902 30 608 622„ Zuschuß zu den einmaligen Ausgaben des ordentlichen Etats 5 045 200 Die Einnahmen setzen sich wie folgt zusammen: 843 686 470 Mk. Zölle und Verbrauchssteuern, Reichsstempelabgaben Post⸗ und Telegraphen verwaltung. Reichsdrucker e 88 855000„ 490 144130„ „ Eisenbahnverwaltung. 96 305 700 Mk. Bankwese n Verschsedene Verwaltungseinnahmen h Aus dem Reichs⸗Invalidenfonds. 41562 624„ Ueberschüsse aus früheren Jahren 113900 Zuschuß des außerordentlichen Etats 5035 200„ Lusgleichungsbeträge Matrikular beiträge Außerordentliche Deckungsmittel 166 488 033 Summe der Einnahme 2034511543 Mk. Zur richtigen Würdigung der Gesamtsumme des Etats ist zu beachten, daß die als Ueberweisung an die Einzelstaaten gebuchte Summe nicht nur von der Gesamtausgabe, sondern auch von der Gesamt⸗ einnahme in Abzug gebracht werden muß, will man die wirkliche Belastung des Solles für Reichszwecke fest⸗ stellen. Wir erhalten dann folgende Zahlen: Gesamtsumme des Etats in Ein⸗ nahme und Ausgabe davon ab Ueberweisungssumme Wirkliche Gesamtbelastung des Reichs für Reichszwecke nach Maßgabe des Reichshaushaltsetats 1 838 584 548 Mk. Aus Anlaß des südwestafrikanischen Krieges bewilligte der Reichstag 2 Nachtrags⸗ etats für 1903 und 2 Ergänzungsetats für 1904, die zusammen 9623 200 Mk. betragen und in den vorstehenden Etat ergänzend hineinge⸗ arbeitet sind. Zu der Stengelschen„Finanz⸗ reform“ machte der Fraktionsbericht längere Ausführungen, von deren Wiedergabe wir aber raumeshalber absehen müssen. Die Wirkung derselben müsse die Zukunft zeigen. Zunächst hat sie zu einer Buchungsänderung geführt: die Gesamtsumme des Etats in Einnahme und Ausgabe wird dadurch etwa um 3—400 Mil⸗ lionen Mark gekürzt. Tatsächlich werden die Einnahmen und Ausgaben indes nicht verringert. 18 191558„ 236438 113„ 2034 511 548 Mk. 195 927000„ a Die Etatsberatungen haben dieses Jahr einen unverhältnismäßig großen Teil des ersten Sesstonsabschnitts in Anspruch genommen. Das lag daran, daß die Regierung mit ihren Vor⸗ arbeiten so spät fertig geworden war und den Reichstag so spät, erst auf den 3. Dezember einberufen hatte. Der Etat wurde daher nicht rechtzeitig(zum 1. April) fertig, die Beratungen kamen vielmehr erst am 13. Mat zu Ende. Gegen die Sozialdemokraten wurde der Vor⸗ wurf erhoben, daß ste durch Reden die Geschäfts⸗ erledigung aufhielten. Das konnte natürlich unsere Partei nicht abhalten, ihrer hauptsäch⸗ lichsten parlamentarischen Pflicht, Mißstände zu rügen und auf deren Abstellung zu dringen, im vollsten Maße Genüge zu tun. Hätte sie darauf verzichtet oder ihre Rügetätigkeit bei der Etatsberatung auch nur eingeschränkt, so hätte ja die Regierung mit ihrer Praxis der Ver⸗ spätung die für sie sehr erfreuliche Wirkung erzielt, die Einwirkung der parlamentarischen Verhandlungen auf unser öffentliches Leben ein⸗ zuschränken. Sie würde darin eine Ermutigung gefunden haben, auch künftig sich eine unbequeme Opposition durch möglichste Hinausschiebung der parlamentarischen Geschäfte vom Halse zu halten. In der General debatte geißelte unser Redner zunächst wieder die Finanzwirtschaft des Reichs, die zu einer Defizit⸗ und Anleihe⸗ wirtschaft ausgeartet ist. Er wies darauf hin, daß trotz der Erhöhung der Einnahmen in den letzten Jahren wir aus dem Defizit nicht her⸗ auskommen. Die Reichsschuld wachse be⸗ ständig und es sei anch gar kein Zweifel, daß der Karren immer so weiter laufen werde, so ec nach dem herrschenden System regiert werde. Unser Redner wies dann auf die drohenden neuen Forderungen für Heer und Marine hin, die für dieses Jahr nur hin⸗ ausgeschoben seien. Das Quinquennat für die Armee laufe am 31. März 1904 ab. Wenn jetzt dessen Verlängerung auf ein Jahr— ein bisher unerhörtes Verfahren— gefordert werde, so wisse jeder Denkende, warum. Bet der traurigen Finanzlage seien Mehrforderungen jetzt unmöglich. Von der schönen Gewohnheit der Mehrforderungen bei Einbringung einer neuen Septennats⸗ oder Quinquennatsvorlage wolle aber auch der neue Krtegsminister nicht abgehen. Deshalb das ungewöhnliche Verfahren, das Quinquennat vorläufig auf ein Jahr weiter bewilligen zu lassen. Ausführlich präzisterte er dann unsere Stellung zu der Handels⸗ vertragsfrage, wie sie in den einleitenden Ausführungen dieses Berichts dargelegt wurde und stellte in Zusammenhang damit die Frage, wie es sich denn mit dem angeblichen Plane verhalte, Schiffahrtsabgaben auf den deutschen Strömen einzuführen, was eine unsern Handel schwer schädigende Maßregel sein würde. Einige allgemein gehaltene Bemerkungen der Thronrede über die Absicht der Regierung, die sozialpolitische Gesetzgebung weiter zu fördern, gaben unserm Redner Anlaß, darauf hinzu⸗ weisen, wie wenig die Taten der Regierung diesen schönen Worten entsprächen. So habe 910 25. Reichskanzler am 20. Januar 1903 gesagt: „Se. Majestät der Kaiser ist auch davon durchdrungen, daß die Arbeiter gleich⸗ berechtigt sein sollen mit den andern Ständen und Klassen und daß diese Gleich⸗ berechtigung ihren gesetzgeberischen Ausdruck finden soll.“ Diese Zustcherung der Gleichberechtigung werde recht eigentümlich illustriert durch das Dreiklassenwahlsystem bei den preußischen Land⸗ tagswahlen. Man dürfe sich nicht darauf be⸗ schränken, von einer sozialen Gleichberechtigung zu sprechen, denn die soziale Gleichberech⸗ tigung sei undenkbar ohne die poli⸗ tische und die politische ohne die soziale. (Fortsetzung folgt.) Politische Rundschau. Gießen, den 8. September 1904. Widerliche Speichelleckereien verübten die bürgerlichen Blätter aller Schat⸗ tierungen anläßlich der dieser Tage erfolgten Verlobung des preußischen Kronprin⸗ zen mit der Prinzessin Cecilie von Mecklen⸗ burg⸗Schwerin. Da wird„im Namen des ge⸗ samten Volkes“ der Segen des Himmels auf das„hohe Paar“ herabgefleht und dieser höchst private Vorgang zu einem Ereignis von emi⸗ nenter politischer Bedeutung aufgeputzt, an dem das Schicksal des deutschen Volkes und noch einiger andern hänge. Die weitaus große Mehrheit des Volkes kümmert es wenig, o b hier ein Prinz sich verlobt, oder dort eine Prinzessin das Opfer einer„Eheirrung“ wird und ebensowenig haben selbstverständlich anf Familiengeschichten irgend welchen Einfluß auf die politischen und sonstigen Verhältnisse.— Der Kronprinz ist übrigens der deutschen sozi⸗ alistischen Bevölkerung näher durch das Schreiben „an meine lieben Oelser“ bekannt geworden, worin er von der Sozialdemokratie als„jenen Elenden“ sprach.— Das gute Verhältnis zu den„lieben Oelsern“ scheint in letzter Zeit etwas getrübt zu sein, denn es geht jetzt die Nachricht durch die Presse, daß der Kronprinz Klage beim Breslauer Bezirksausschuß gegen den Kreisausschuß Oels erhob, wegen Steuer⸗ belastung seines Oelser Lehensgutes.— Gegen das Steuernzahlen scheint er also wie viele andere Leute Abneigung zu haben. Fürstliche Skandale. Die Affaire der Prinzessin Louise von Koburg, deren Flucht aus der Irrenanstalt ge⸗ glückt ist und die sich jetzt jedenfalls in Paris in Sicherheit befindet, hat überall das größte Aufsehen erregt. Nach allem steht fest, daß die Prinzessin keineswegs irrsinnig war, sondern von ihren zärtlichen Verwandten insbesondere dem Herzog vou Koburg einfach, weil ste unbe⸗ quem geworden war, in's Irrenhaus gesteckt und dort gefangen gehalten wurde. Ihr Be⸗ freier, der frühere Leutnant Mattachich hat sich ihretwegen viel Opfer auferlegt, wie berichtet wird, hat er durchaus nicht aus persönlichem In⸗ teresse gehandelt, vielmehr wollte er der Ver⸗ folgten zu ihrem Rechte verhelfen. Fraglos ist die Prinzessin das unglückliche Opfer höfischer Intrige und schreienden Unrechts und insofern erregt ste auch das Interesse der Sozialdemokratie, 5 S9 habe ar 1903 h dabon gleich⸗ andern Gleich- Ausdruck chtigun ch 15 n Land⸗ rauf be⸗ chligung berech⸗ ie poli⸗ lle. — ll. er 1904. 1 r Schat⸗ erfolgten „up kin⸗ Mecklen⸗ des ge⸗ gels auf er höchst on emi; au dem d noch 5 gloße 119 00 ort eine 9“ rd h solche fluß auf lie.— hen si⸗ ichreiben worden, „jenen erhält tel Zet let die onprinz 0 gehen Steuer“ tes. a5 v fl. ja bekanntlich lieber mit Kröcher, als mit Bebel Nr. 37. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite à. die für alle Verfolgten und Unterdrückten, gleich⸗ viel welchen Standes, eintritt. Die hohen und höchsten Herrschaften haben in der letzten Zeit gehäuftes Pech. Ein Skandal folgt dem andern, eine r empörende und lächerliche Tragikomödie der andern. Es ist eine internationale Epidemie in den Für sten⸗ hänsern ausgebrochen oder vielmehr die Eigenschaften einiger, die dem untertänigen Pöbel ein ängstlich gehütetes Geheimnis waren, treten plötzlich an den hellen Tag und die fromme Legende von den vorzüglichen Tugenden dieser Edelsten und Besten geht jämmerlich vor die Hunde. Insoweit hat der Skandal eine ganz nützliche Seite und niemand kann die abergläubische Verehrung der Dummen so gründlich zerstören wie diese Herrschaften selber, die eifrig daran sind, zu zeigen, daß sie nich! Uebermenschen, sondern vielfach Untermen⸗ schen sind. Die Antisemiten von der Richtung der„Deutschen Reformpartei“ — das sind die von der Pückler'schen Sorte— halten soeben in Dresden ihren„allgemeinen Parteitag“ ab. Natürlich unter Ausschluß der Oeffentlichkeit. Die tapfern teutschen Helden scheuen das Licht der Oeffentlichkeit, sie ge⸗ währen laut Bekanntmachung nur„Gesinnungs⸗ genossen Zutritt zum Parteitage, die sich als solche ausweisen.“ Die Presse speist man mit gefärbten Berichten ab, damit die antisemitischen Geistesprodukte nicht in ihrer Blöße den Blicken der Welt preisgegeben, sondern mit den nötigen Feigenblältern bersehen werden. Uebrigens wollen die Herren Antisemitriche die verlorenen hessischen Kreise, Gießen, Als⸗ feld und Marburg, unter allen Umständen zurückerobern. Es liegt dazu ein Antrag des kurhessischen Landesverbandes vor, der verlangt, schon jetzt eine planmäßige Agitatton zu ent⸗ falten und„die Anstellung eines geeigneten Redners mit dem Sitze in Frankfurt a. M. ist in Erwägung zu ziehen. Insbesondere er⸗ scheint es auch notwendig, daß unsere jetzigen Abgeordneten in den genannten Wahlkreisen abwechselnd Werbereisen unternehmen.“— Die Wünsche sind ja sehr begreiflich. Was aber den Gießener Kreis betrifft, so können sie den endgültig ins Verlustkonto schreiben, den be⸗ kommen weder die Antisemiten noch die Libe⸗ ralen wieder, dafür wird die Sozialdemokratie sorgen. Und ob die Wählerschaft im Alsfelder und im Marburger Kreise den abgetakelten Antisemitismus wieder aufs Schild erheben wird, das ist mehr als fraglich. Jüdischer Sozialistenvernichter. Ein jüdischer Mirbach im Taschenformat scheint der Rabbi Dr. Wallfisch zu sein. Die„Welt am Montag“ reproduzierte nämlich ein Schreiben dieses Herrn, worin er für einen großen von ihm erfundenen, aber sehr geheim⸗ nisvollen Plan zur Vernichtung der Sozial⸗ demokratie um milde Gaben bittet, und ver⸗ spricht die Namen der Spender Sr. Majestät bekannt zu geben. Ferner beruft sich der talent⸗ volle Mirbachschüler auf das Wohlwollen der Regierung, die ihm für seine Korrespondenzen Portofreiheit und für seine Reisen freie Fahrt oder doch Fahrpreisermäßigungen bewilligt habe. So viel oder so wenig dabei geschwindelt sein mag, jedenfalls weiß Rabbi Wallfisch, wo heute noch Geschäfte zu machen sind.— Er sollte sich mit Stöcker und Pückler zu einer Aktten⸗ gesellschaft verbinden, damit die Sache im Großbetrieb geht. Der brave Sozialisten⸗Ver⸗ nichter soll nach weiteren Mitteilungen ein ge⸗ taufter Jude und Agent für— Seifen⸗ pulver sein. Eine Reichstagsersatzwahl fand am 1. September in dem kleinsten Wahl⸗ kreise, Schaumburg-Lippe, für den verstorb⸗ nen nationall. Abg. Deppe statt. Es erhielten der Genossenschaftsanwalt Dr. Crüger(Freis. Volksp.) 1452, Amtsgerichtsrat Dr. Brunster⸗ mann(kons. Kartell) 3586 und Klingenhagen (Soz.) 2191 Stimmen. Der Freisinn, der es hält, ist also berdientermaßen ganz ausgefallen und es wird Stichwahl zwischen Brunstermann und Klingenhagen erforderlich. Bei der Haupt⸗ wahl im vergangenen Jahre wurden abgegeben: für den nattonalliberalen Kandidaten Deppe 3328, für Klingenhagen(Soz.) 2310, für Bendix(Freis. Volksp.) 1256 und für den Antisemiten Raab 375 Stimmen. In der engeren Wahl siegte dann der Nationalliberale mit 4552 Stimmen gegen den Sozialdemokraten, der 3241 Stimmen auf sich vereinigte.— Daß etwa der Freisinn in der Stichwahl die Kourage finden wird, für den Sozialdemokraten einzu⸗ treten, ist nicht anzunehmen und darum wird der 8 mit freisinniger Hilfe gewählt werden. Don der deutschen Gerechtigkeit. Gegen ein Urteil des Kölner Schöffengerichts, das einen Arbeiter zu einem Tag Ge⸗ fängnis verurteilt hatte, weil er bei Gelegen⸗ heit eines Ausstandes einen Arbeit swilli gen gestoßen und getreten hatte, hatte der Staats⸗ anwalt Berufung eingelegt. Die Strafkammer verurteilte den Angeklagten unter Berücksichtigung seiner Vorstrafen zu drei Monaten Ge⸗ fängnis. Den Richtern der ersten Instanz fehlte es höchstwahrscheinlich an dem rechten Verständnis für die staatsgefährliche Schwere des„Verbrechens“! Von der Strafkammer in Stendal wurde ferner der Kassierer des Tangermünder Streikkomitees der Maurer wegen angeblicher „Bedrohung eines Arbeitswillig en“ zu der überaus harten Strafe von(Monaten Gefängnis verurteilt und sofort verhaftet! Das Urteil ruft in allen Kreisen der Einwohner⸗ schaft ungeheures Aufsehen hervor. Dagegen erhielt kürzlich ein steinreicher Mann in Hennef a. Rh. der einen dortigen Gasthofsbesitzer, dessen Tochter er entführt hatte, fürchterlich mißhandelte, Zähne einschlug, zu Boden warf und mit Füßen trat, ganze 14 Tage Gefängnis! Die Strafkammer in Bonn bestätigt das Urteil. Gegen Militäraufgebote bei Streiks. Das Bundeskomitee des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes hat beschlossen, gemeinsam mit dem Parteikomitee der Schweizer sozial⸗ demokratischen Partei, ein Protest⸗Massenflug⸗ blatt herauszugeben, das sich gegen Militär⸗ aufgebote bei Streiks wenden soll. Gleichzeitig sollen Massenversamulungen abgehalten werden. Präsidentenwahl in Amerika. Demnächst hat in den Vereinigten Staaten die Wahl des Präsidenten der großen Republik stattzufindeu, die jedesmal eine bedeutende Auf⸗ regung mit sich bringt. Sogar das Geschäfts⸗ leben wird nicht unbedeutend davon beeinflußt. In der Hauptsache streiten sich die beiden großen kapitalistischen Parteien, Republikaner und De⸗ mokraten, die sich aber nur wenig von einander unterscheiden. Der wesentlichste Unterschied be⸗ steht in der Auffassung über die Zoll⸗ und Handelspolitik. Als Kandidat der Republikaner tritt der bisherige Präsident Roesevelt auf, während die Demokraten einen ehemaligen Richter am New⸗Yorker Appellationshofe, Parker, aufstellen. Dieser Demokrat hat aber für die ökonomische Entwickelung und die In⸗ teressen der Arbeiterschaft ebensowenig Ver⸗ ständ eis, wie sein bürgerlicher Gegner. Die Arbeiterschaft kann für keinen von beiden stimmen und deshalb hat die Sozialdemokratie einen eigenen Kandidaten in der Person Eugen Debs aufgestellt. Dieser agittert jetzt fleißig für seine Kandidatur und damit für die Aus⸗ breitung des Sozialismus. Ist auch an einen Sieg des sozialistischen Kandidaten nicht zu denken, so wird die gegenwärtige Wahlkampagne doch die Ausbreitung der sozialistischen Ideen in den Vereinigten Staaten in hohem Maße fördern. Russisch⸗japanischer Krieg. Die Niederlage der Russen bei getrost als das russische Sedan bezeichnen. Bei Liaujang stand die russische Hauptarmee unter Kuropatkin in gut befestigter Stellung, Sie wurde von den Japanern in drei Armeen, die unter dem Oberbefehl des Marschalls Oyama stehen und von den Generalen Ku⸗ rokt(am rechten Flügel), Nodz m(Zentrum) und Oku(linker Flügel) kommandierk werden angegriffen. Nach mehrtägigen Kämpfen, die beiden Seiten ungeheuere Verluste brachten, zogen sich die Russen am 4. September zurück und die Japaner besetzten Staujang. Kuropatkin mußte sich nordwärts auf Mukden zurückziehen und wie die Berichte meldeten, artete der Rück⸗ zug in regellose Flucht aus. Dabei sei der General Stackelberg mit 25000 Russen abge⸗ schnitten worden. Ein Telegramm eines Londoner Blattes besagt, daß am Samstag gegen 18 000 Russen von dem rechten russischen Zentrum die Waffen gestreckt hätten. Der übrige Teil der Russen, etwa 25000 Mann sei nach Südwesten gedrängt worden und habe keine Aussicht nach Norden durchzubrechen. Die chinesische Regierung habe eiligst Auordnungen getroffen um die nach Westen gedrängten Truppen des russischen rechten Flügels beim Uebertritt auf das chinesische Gebiet zu ent⸗ waffnen. Hier handelt es sich jedenfalls um das Korps Stackelbergs.— Gleich nach der Schlacht von Liaujang ist Kuroki in der Richtung nach Mukden vorgedrungen und hätte sich der Eisenbahn zwischen Liaujang und Mulden bemächtigt. Die Räumung dieser Stadt beginne bereits. Kurz, die russische Armee ist so gut wie zerschmettert worden, das Zaren⸗ tum hat eine entscheidende Niederlage erlitten. In Peters burg haben diese Hiobsposten natürlich unbeschreibliche Aufre gun g her⸗ vorgerufen. Die Niederlagen werden moͤglichst zu vertuschen gesucht, das Zarentum will seine Blamage vor der Welt nicht eingestehen. Trotz⸗ dem mehren sich die Preßstimmen, welche die Mißerfolge den korrupten Zuständen in der Heeresverwaltung und der Unfähigkeit der Heeresführer zuschreiben. Mehrere Blätter raten zum Friedensschluß, damit das Ansehen Rußlands im Auslande nicht untergraben und die unterjochten Volksstämme in Asien nicht zum Abfall von Rußland veranlaßt werden. Ueber die Bedeutung des japanischen Sieges von Liaujang äußert sich der Sekretär der japanischen Botschaft in Paris einem Mit⸗ arbeiter des„Temps“ gegenüber: „Ob unser Sieg von Liaujang entscheidend ist, hängt von den Folgen ab. Kuropatkin ist angesichts der kurzen Entfernung von Mukden nicht mehr im Stande, sich dort genügend zu befestigen. Kuropatkin wurde in Liaujang, wo er zweifellos stegreich Widerstand zu leisten ge⸗ hofft hatte, von Kuroki überrascht. Sein Rück⸗ zug erfolgte ohne Ordnung und das Gros der russischen Armee kann nun erst wieder in Char- bin erusten Widerstand entgegensetzen. Dort wird es unseres Erachtens zu der entschei⸗ denden Schlacht kommen, von der das Schicksal der Mandschurei abhängt. In Charbin kann der Widerstand der Russen ernst werden, weil die Ernährung der japanischen Armee schwieriger wird, je weiter wir vordringen. Aber wir werden unterdessen unsere Armee vervoll⸗ ständigen und auch Port Arthur angreifen.— In den japanischen Regierungskreisen denkt Niemand an Frieden. Man hat berechnet, daß der Krieg drei Jahre dauern kann, und man hat sich darauf vorbereitet und auch der japanische Staatsschatz ist nicht so arm, wie man in Paris geglaubt hatte.“ Vor Port Arthur dauern die Kämpfe noch immer an, die Beschteßung wird Tag und Nacht fortgesetzt. Die Zufuhr an Lebensmitteln wird immer schwieriger. Das Pferdefutter ist verbraucht, Gemüse sind selten, Kohl kostet einen Dollar pro Pfund. Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. Daß der bestbezahlte Arbeiter meist auch der billigste ist, bestätigt von Liaujang ist eine vollständige, man kann ste neuem der lothringische Gewerberat Rick. Er Seite 4. Mitteldeutsche Sountaas⸗Zeitung. U Nr. 37. schreibt über die Arbeiterverhältnisse auf den Hochofenwerken an der luxemburgischen Grenze: „Durch den immerwährenden Arbeiterwechsel und den Rückgang in der Qualität der Arbeit hat sich auch hier endlich die Erkenntnis Bahn gebrochen, daß die Verwendung ständiger und tüchtiger 5 bei höherem Lohn für den Unternehmer immer billiger ist, als die 1 1 geringer Arbeitskräfte bei niedrigen nen.“ Von dieser Erfahrung könnte auch das Un⸗ ternehmertum überall profitieren. Den ae einzuführen, hat die Generalversammlung der Zigarrenfabrik Menziken(im Aargau) für ihre Arbeiterinnen beschlossen. Das deutsche Unternehmertum hält aber immer noch eine Verkürzung der Arbeits⸗ zeit für den„Ruin“ der deutschen Industrie. —.—. Von Nah und Lern. Hessisches. — Die geregelten Finanzen der sozialdemokratischen Partet haben schon oft den blassen Neid der„Ordnungs“parteien erweckt und besonders der Antisemiten, die der Pleitegeier ja mit besonderer Hartnäckigkeit verfolgt. Bei der Hirscheltruppe mag sich das wohl etwas gebessert haben, seitdem sie beim Junker⸗ bunde in die Kost geht, trotzdem empfindet man dort gewaltigen Aerger, wenn jemand der Sozialdemokratie eine Zuwendung macht. Im Geschäftsberichte unseres Parteivorstandes ist mitgeteilt, daß ein Genosse einen Fonds von 50000 Mk. gestiftet hat, der nur im Notfalle, namentlich, falls ein neues Sozialistengesetz käme, angegriffen werden darf. Zu dieser Mit⸗ teilung, die durch die gesamte Presse ging, machte das Hirschelblatt in Friedberg die von giftigem Neid diktierte Bemerkung:„Warum nennt sich der jüdische Stifter nicht?“— Nun, wir sind überzeugt, wenn irgend ein Jude der deutschen„Reform“ ⸗Partet nur den hundert⸗ sten Teil obiger Summe gespendet hätte, er wäre im Friedberger Pückler⸗Blättchen als hoch⸗ edler Wohltäter gepriesen worden, auch wenn er sonst der schmutzigste Charakter gewesen wäre. Genierten sich doch die antisemitischen Abg. Böckel und Werner auch nicht, für jüdische Journalisten gegen Entgelt zu schreiben. Wäre der„Juliusturm“⸗Stifter ein Jude, würden wir uns natürlich nicht weniger freuen, denn er hätte damit bewiesen, daß er ein vernünftiger und uneigennütziger Mann ist. Das Hirschel⸗ blatt hat aber wie gewöhnlich daneben gehauen, wie wir zufällig hörten, ist der Stifter ein 1 hoher Offizier und das sind in der egel keine Juden. — Einen schönen Erfolg erzielte unsere Partei bei der am Montag stattgefundenen Gemeinderatswahl in Pfungstadt. Der Wahlkampf war ziemlich lebhaft, es beteiligten sich von 1300 Wahlberechtigten 980 an der Wahl. Unsere Genossen erhielten 410— 504 Stimmen. Die gegnerischen Stimmen hielten sich in gleicher Höhe. Gewählt wurden drei Bürgerliche und zwei Sozialdemokraten, die Genossen Raab und Crößmanu. Die Freude bei unsern Genossen ist groß, denn zum ersten Mal ziehen nun auch Sozialdemo⸗ kraten in das Pfungstädter Rathaus ein. Gießener Angelegenheiten. — Schauergeschichten über die So⸗ zialdemokratie zu verbreiten, ist eine be⸗ sondere Spezialität der Amtsblätter. Was dabei für dummes Zeug verzapft wird, dafür liefert die Mittwochsnummer des„Gieß. Anz.“ wieder einen schlagenden Beweis. Da druckt das hochweise Amtsblatt den Kohl einer Ber⸗ liner Korrespondenz ab, in der die zum Bremer Parteitag gestellten Anträge lächerlich ge⸗ macht werden sollen. Als Ausgeburt des „Terrorismus“ empfindet der Anzeiger beson⸗ ders einen Hamburger Antrag auf Einführung von einheitlichen— Parteimarken!„Doch, was soll man erst dazu sagen, daß ein Antrag der Parteigenossen vom 3. Hamburger Wahlkreis so ziemlich die unpopulärste Einrichtung— ein Klebegesetz, einführen will! Jeder Par⸗ teigenosse muß danach Marken kleben, mo⸗ natlich 15 Pfg., zum Besten der Parteikasse. Sechs Marken im Rückstand, und der Säumige wird„als zur Partei zugehörig nicht mehr angesehen.“ Ein höchst drakonisches Klebegesetz.“ Mit diesen Worten will das Amtsblatt vor der Sozialdemokratie und ihrem„Terrorismus“ raulich machen. Freilich kommt es etwas spat damit. Solche fürchterliche Markenkleberei wird in der Sozialdemokratie schon seit 30 bis 40 Jahren betrieben. Und nicht nur in der soztaldemokratischen Partei, sondern in jeder Gewerkschaft, ja fast in jedem Gesangverein oder Rauchklub werden Marken geklebt. Die hochweisen Schriftleiter in der Schulstraße können sich davon leicht überzeugen, wenn sie ihre Nase in das Verbandsbuch eines Gewerk⸗ schaftlers steckten. Die Arbeiter werden ihnen auch sagen, daß die Markenkleberei bis jetzt die praktischste Art der Beitragsquittung und sogar sehr„populär“ ist. Der Skribifax weiß und versteht also nichts und soll lieber Byzantiner⸗ Artikel zu Prinzenverlobungen schreiben, auf dem Gebiete ist er sicher besser zu Hause. So stets auch mit dem Maidemonstrations⸗ abzeichen, über das der Anzeiger höhnt. Haben wir schon seit mehr als zehn Jahren! Glaubt da das Amtsblatt was Neues zu ver⸗ künden! Es hat aber geschlafen, mitsamt seinem Berliner Schmock. Schließlich zeugt der Umstand, daß 117 Anträge eingebracht worden sind, von lebhafter Tätigkeit in unserer Partei. Wenn die Partei des Anzeigers, die Nationalliberalen„Partei⸗ tag“ abhalten, kümmert sich kein Teufel darum und sie selber wagen sich nicht an die Oeffent⸗ lichkeit. Und wenn es auch, wie das Reptil prophezeit, in Bremen heftige Debatten gibt, die Sozialdemokratie geht daran nicht zu Grunde! Im Gegenteil, sie schärft ihre Waffen, mit denen sie über die Unterdrücker und das Aus⸗ beutertum siegen wird, trotz des Geschreibsels der kapitalistischen Soldschreiber. — Ein gewesener Kreisblatt⸗Re⸗ dakteur schildert in der„Frkftr. Ztg.“, wie die öffentliche Meinung in den Amtsblättern gemacht wird. Seine Mitteilungen sind seh interessant und überaus kennzeichnend für den Wert und den Charakter der Amtspresse. Wir werden uns das Vergnügen machen, in der nächsten Nummer einiges wiederzugeben. — Musikalisches. Im Gießener An⸗ zeiger tobte kürzlich ein Streit über die Militär⸗ marschmusik zur nachtschlafender Zeit herüber und hinüber. Die einen verhöhnten diejenigen, die sich unseres Erachtens ganz mit Recht darüber beschwerten, wenn zu einer Zeit, wo die Mehrheit der Einwohner noch seine Nacht⸗ ruhe notwendig hat, durch die Straßen ge⸗ trommelt und gepfiffen wird. Wenn es richtig ist, daß infolge dieser Diskussion die sonntäg⸗ lichen Promenadekonzerte von der Militärmustk eingestellt werden sollen, so wird wohl Gießen daran auch nicht zu Grunde gehen. Höchstens wird dem Bürgertum gezeigt, wie der von ihm angebetete und gefütterte Militarismus mit ihm verfährt. Könnte er's, würde er murrende Bürger in den Kasten stopfen. — Die Generalversammlung des Konsum⸗ vereins für Gießen und Umgegend am Sonntag war nicht so zahlreich besucht, wie sie es hätte sein sollen. Zu dem Berichte des Vorstandes über das ab⸗ gelaufene Geschäftsjahr, der gedruckt vorlag, wurden von Seiten des Vorsitzenden Keßler und des Kassterers Nie wisch noch einige weitere Erläuterungen gegeben. Nach kurzer Debatte wird die Jahresrechnung genehmigt, ebenso der vom Aufsichtsrat vorgeschlagene Verteilungs⸗ plan des Reingewinnes. Von letzterem, im Betrage von 2663 Mk., werden den Mitgliedern 4 Prozent Rückvergütung für bezogene Waren gewährt, also für den Schein à 20 Mk. achtzig Pfennige. Außerdem werden die bei Beginn des Jahres vollbezahlten Ge⸗ schäftsanteile mit 4 Prozent verzinst. Weiter finden die Vorschläge bezüglich der Rücklagen und Remnuera⸗ tionen der Vorstandsmitglieder ꝛc. ebenfalls die Billi⸗ gung der Versammlung. Die statutengemäß ausschei⸗ denden Aufsichtsrats⸗, sowie die Vorstandsmitglieder, wurden wiedergewählt. Ein Antrag des Aufsichtsrats, die Verkaufsstelle Sonntags um 2 Uhr zu schließen, fand Annahme. Damit war die Tagesordnung erschöpft und der Vorsitzende schloß die Versammlung mit dem Ersuchen an die Mitglieder, auch fernerhin das ihre zur gedeihlichen Weiterentwicklung der Genossenschaft beizutragen. 5 N fr. Im Gewerkschaftskartell disku⸗ tierte man in der letzten Sitzung wieder über dte Errichtung einer Auskunftsstelle für Arbeiterangelegenheiten. Es wurde beschlossen, eine solche zu errichten und mit der Auskunfts⸗ erteilung vorläufig den Redakteur der Mittel⸗ deutschen Sonntags⸗Zeitung zu betrauen.— Ferner wird ein Rezitationsabend auf den 28. Oktober festgesetzt, an welchem der bekannte Rezitator Walkotte das Lustspiel„Thal des Lebens“ von M. Dreyer zum Vortrag bringen wird. Mit dem Eintritt soll's gehalten werden wie früher: Gewerkschafts mitglieder und deren Familien haben freien Eintritt. Schließlich wurde einem Antrage, die diesjährige Weih⸗ nachtsfeier wie im vorigen Jahre mit allen hiesigen Gewerkschaften gemeinschaftlich zu be⸗ gehen, zugestimmt. — Ein Soldat des hiesigen Regiments, der Musketier Ohly, hat sich am Freitag früh mit seinem Dienstgewehr erschossen. Was den jungen Mann, der im ersten Jahre diente und aus einer geachteten Gießener Familie 5 zu diesem Schritte veranlaßte, ist nicht ekannt. Aus dem Nreise gießen. Gemeinderats wahlen fanden u. a. in Annerod und in Rödgen statt. In ersterem Orte wurden die beiden bisherigen Gemeinderäte Launspach und Feuster wieder und Maurer Schmidt neugewählt und zwar mit 45—61 Stimmen. Die Gewählten waren von Seiten der Arbeiter aufgestellt. In Rödgen, wo am Freitag gewählt wurde, unterlag die von unsern Genossen auf⸗ gestellte Liste. — Wieseck. Wie schützt man sich vor Schwindsucht? Ueber diese Frage hielt der prak⸗ tische Arzt Herr Dr. Arndt in Wieseck am Samstag Abend einen etwa 1½ stündigen Vortrag im Saale zum Gambrinus. Hierzu hatte sich eine recht zahlreiche, meist der Arbeiterbevölkerung angehörige Zuhörerschaft eingefunden. Redner wies einleitend auf die hohe Sterblichkeitsziffer hin, welche bei den Schwindsuchts⸗ kranken in Erscheinung tritt— in den zehn Jahren von 1891-1900 starben in Preußen 727020 Menschen an Tuberkulose— und ging dann sehr genau auf die in dieser Beziehung in Wieseck selbst bestehenden Verhältnisse ein. Es gelang ihm, mit Hilfe einer von ihm selbst nach seinem Krankenbuch ausgearbeiteten Statistik(sie umfaßt die Zeit vom 1. April 1904 bis zum 31. Juli) zu beweisen, daß durch die gegenwärtige Art des Zigarrenfabrikations⸗ betriebes, soweit die Bezirke Gießen und Wieseck in Frage kommen, die Tuberkulose dem weiblichen Ge⸗ schlecht, welches ja zum allergrößten Teile in dieser Industrie tätig ist, erheblich mehr gefährlich geworden ist, als dem männlichen. Dann die übrigen Faktoren, die allerdings auch in sehr erheblichem Maße für die Entstehung bezw. Verbreitung der Schwindsucht in Be⸗ tracht kommen, nämlich vor allem die hiesigen, überaus mangelhaften Wohnungsverhältnisse und die oft unzureichende Ernährung; diese Faktoren sind naturgemäß für beide Geschlechter annähernd gleich; dazu kommt, daß die oft vererbte Neigung zur Schwindsucht noch niemals irgendwo eines der beiden Geschlechter bevorzugt hat. Also muß die gegenwärtige Zigarrenfabrikation bei einer großen Anzahl von Ar⸗ beiterinnen Schuld an deren Tuberkulose sein. Folgende Zahlen beweisen diesen Satz: Das Zahlenverhältnis aller männlichen zu allen weiblichen Tuberkulösen beträgt 37 männliche: 24 weiblichen= 1 männlichen : 0,6 bis 0,7 weiblichen, d. h. also: die Mädchen und Frauen sind, wie meist in der Gesamtbevölkerung, be⸗ züglich der Zahl der Tuberkulösen, um etwas weniger als um die Hälfte der männlichen Fälle günstiger gegen⸗ über den Männern gestellt. Dagegen ändert sich das Verhältnis bedeutend zu Un gunsten der Frauen und Mädchen, wenn wir die Zahl der männlichen Kranken mit denen der weiblichen bezüglich der verschiedenen Tuberkulose stadien(Krankheitsabschnitten) vergleichen. Dann ergibt sich Folgendes: In Wieseck hat erst rund der 15. Teil aller männlichen Tuberkulösen wenig, rund der 5. Teil gar keine Aussicht auf irgend welche Besse⸗ rung der Arbeitsfähigkeit. Beim weiblichen Geschlecht aber hat schon ein Sechstel(J) aller Tuberkulösen wenig Aussicht und schon ein Drittel gar keine Aussicht auf Besserung der Arbeitsfähigkeit. Gesamtzahl aller Kranken= 599, darunter Tu⸗ berkulöse 61= 10,1 Prozent oder 16,5 Prozent unter allen 368 innerlich Kranken. Die Tuberkulose⸗Sterblichkeitsziffer für Wieseck beträgt 1 Proz. bezw.(für die 368 innerlich Kranken) 1,6 Proz. Von 14 Kranken im letzten Stadium starben 6 34,2 Proz. Die Gesamtzahl aller Tuberkulösen ist zu t darll wird echt. bieln und Alge Grab und „Tee elne djd Geh 0 N. — senshaft disk t 70 e fü lug kunstz⸗ Mittel. . F den annte al des ringen Werden deren leßlich Weih⸗ allen zu be⸗ ments, 0 früh Was diente Jamilte st nicht nnerod wurden Feuster bar mit Seiten Freltag n auf⸗ ch vot er pral⸗ Samztag ale zum ihlreiche, rerschaft ie hohe üsuchts⸗ Jahren lenschen auf die chenden her von tbelleten U 1904 ach die tions- ieseck in hen Ge⸗ u bieser worden saktoren, N für die in Be⸗ überaus die oft n find gleich; ung zur f belben nwärllge hon Ar⸗ dolheude an aulbsen iunlichel hen und ung he⸗ wenier zu verzeichnen. einer neulichen Bekanntmachung des Landrats Gebühren von dem Tierbesttzer zu entrichten: Mur. 37. Mittel deutscheß Souutags⸗Zeitung. Seite 5. aber begreiflicher Weise viel größer.— Sodann wandte sich der Herr Vortragende seinem eigentlichen Thema, der Verhütung der Schwindsucht, zu. Einen breiten Raum nahmen die Darlegungen über die große Unsitte der trockenen Staubbeseitigung ein; einzig und allein Festlegung des Staubes durch Flüssigkeit Wasser ꝛc.), verringere die Staubgefahr. Erwähnt wurde ferner die Notwendigkeit mit Wasser gefüllter Spucknäpfe (statt der gefährlichen Sandbehälter), die Bedeutung elner wirksamen Ventilation gerade im Hinblick auf die Zigarrenfabrikation. Es folgten weiter wichtige Erörterungen über aus⸗ reichende Ernährung, über alle Arten gesundheitsfördern⸗ den Sports, über die verderblichen Folgen des Alkoho⸗ lismus(Erzeugung einer gegen die Schwindsucht wider⸗ stands unfähigen Körperbeschaffenheit). Das Kapitel der meist mit Unrecht gefürchteten Zugluft wurde genau behandelt; das Mindestmaß des jedem Menschen zu⸗ kommenden Quantums reiner Luft(„Luftkubus“), die Luftverunreinigung durch die Ausatmungen des Menschen (übermäßige Erzeugung von Kohlensäure mit allen ihren Folgen); erwähnt wurde weiterhin die Skrophulose als Vorläuferin bezw. Nachfolgerin der Tuberkulose. Die große Bedeutung täglicher Abreibungen des ganzen Körpers, Bäder, Douchen usw. wurde klarge⸗ legt; im Anschlusse daran forderte der Redner die baldige Errichtung einer Volksbaede anstalt in Wieseck im Gegensatz zu der teuren und sehr beschwerlich zu er⸗ reichenden Gießener Anstalt. Zum Schluß wurde die Ehe in ihrer Beziehung zur Schwindsucht erörtert und die mannigfachen Gefahren besprochen, die in der ehe⸗ lichen Verbindung tuberkulöser Individuen liegen. Dem Vortragenden wurde reicher Beifall für seine lehrreichen Ausführungen gezollt. Es verdient gewiß alle Anerkennung, wenn sich ein Arzt Mühe gibt, die Bevölkerung in gesundheitlicher Beziehung zu belehren und es sollten sich die Herreu Aerzte auf dem Lande besonders angelegen sein lassen. Ein Volksbad in Wieseck wird wohl noch lange auf sich warten lassen. Wir meinen aber, das Gießener wäre von Wieseck aus doch nicht so schwer zu erreichen, daß nicht jeder einmal in der Woche es besuchen könnte. Aus dem reise riedberg⸗Büdingen — Der Schulkrawall in Oberroßbach, den wir in Nr. 31 erwähnten, fand am vorigen Freitag vor der Gießener Strafkammer sein gerichtliches Nach⸗ spiel. Wegen Hausfriedensbruch und Körperverletzung angeklagt, erschienen der Bäckermeister Spuck, der Nacht⸗ wächter Blecher und der Flurschütz Launhardt von Oberroßbach. Einigen Jungen war Arrest zudiktiert worden, den abzubüßen sich dieselben jedenfalls mit Einverständnis ihrer Eltern weigerten. Da auch der Polizeidiener die Jungen nicht zur Verbüßung ihrer Strafe veranlassen konnte oder wollte, suchten sich die Lehrer selbst zu helfen und behlelten die fünf Jungen am 20. Juli nach der Turnstunde zurück. Der Sohn des Angeklagten Spuck weigerte sich dazubleiben und als die Lehrer Gewalt anwenden wollten, drangen die drei Angeklagten, welche die Absicht der Lehrer gemerkt und sich vor den Schulhof postiert hatten, mit Latten⸗ stücken auf die Lehrer Harth und Presser ein und ver⸗ letzten beide. Der Staatsanwalt kritisiert das Verhalten des Bürgermeisters und der Einwohnerschaft scharf und beantragt Strafen von 6, 5 und 1½ Monaten Ge⸗ fängnis. Das Urteil lautet gegen Spuck auf 3 Monate 1 Woche, gegen Blecher 4 Monate 1 Woche und gegen Launhardt auf 6 Wochen Gefängnis.— Wir meinen denn doch, die Oberroßbacher würden mehr im Interesse ihrer Kinder und in ihrem eigenen handeln, wenn sie die Lehrer unterstützten, anstatt ihnen Schwierigkeiten zu machen. Was wollen sie sich denn für Rangen erzie hen? v. Gemeindewahlsieg in Steinbach i. T. Bei der am 31. August stattgefundenen Gemeinderats⸗ wahl wurde die vom sozialdemokratischen Wahl⸗ verein vorgeschlagenen Kandidaten einstimmig gewählt. Unsere Partei hat einen Stimmenzuwachs von 25 Prozent Aus dem Nreise Wetzlar. * Zu der neulichen Grabrede des Pfarrers Gün der bei Beerdigung des Rentners Kraft und dem darüber in unserm Blatte veröffentlichten Eingesandt wird uns mitgeteilt, daß dem Verstorbenen etwas Un⸗ rechtes durchaus nicht nachgesagt werden könne. Er habe vielmehr stets offen und ehrlich seine Meinung gesagt und aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht. Umso ungehöriger erscheinen die Angriffe des Pastors an seinem Grabe. Freilich, ein freies Wort mögen die Pfaffen und Mucker nicht leiden. Das Beste bleibt, auf die „Trostreden“ der Herren Pastoren zu verzichten. h. Kosten der Fleischbeschau. Nach sind für Schlachtvieh⸗ und Fleischbeschau folgende Kalb unter 2 Monaten 2 Mk.; 2. für ein Schwein mit Trichinenschau 1,50 Mk.; 3 fiir ein Schwein ausschließlich Trichinenschau 90 Pfg.; 4. für ein Kalb, Schaf, Ziege 50 Pfg.; 5. für ein Ziegenlamm 20 Pfg. Ferner werden für Trichinenschau allein erhoben: für einen ganzen Tierkörper 75 Pfg.; für einen Schinken oder ein anderes Fleischstück 30 Pfg.; für ein Stück Speck 20 Pfg. Außerdem müssen für Ergänzungsschau und zur Deckung sonstiger Kosten für ein Stück Rindvieh 50 Pfg.; für ein Schwein, Kalb, Schaf oder Ziege 10 Pfg. bezahlt werden. — UÜUnliebsame Konkurrenz. Kürzlich machte sich in Wetzlar ein Bäcker selbständig. Einige der Herren Kollegen von der Innung waren über die neue Konkurrenz nicht sehr erbaut und suchten den Handwerker von dem goldenen Boden herunter zu drängeln. Besonders der Schriftführer der Innung, Wolf, bemühte sich in dieser Richtung und berief eine Versammlung ein, um Stellung gegen den jungen Anfänger zu nehmen. Die übrigen gingen jedoch in ihrer Mehrheit auf das Ansinnen nicht ein und so kann derselbe in Ruhe sein Brod backen. Hält er seine Bäckerei in Ordnung und liefert gute Waren, so braucht ihm vor der Konkurrenz nicht bange zu sein. Aus einer Wetzlarer Bäckerei. Man schreibt uns: Kürzlich hatte ein Bäckergeselle in Wetzlar beim Bäckermeister Köhler Arbeit bekommen, am zweiten Tage war aber das Bett noch nicht mit reiner Wäsche überzogen. Als der Geselle dieserhalb beim Meister vorstellig wurde, antwortete ihm dieser:„Sie konnten doch nicht verlangen, daß ich gestern Abend, wie Sie kamen, noch das Bett rein überziehen ließ.“ Sehr gut. Aber der Meister verlangt von dem Gesellen, daß er sich in ein schmutziges Bett legt. Uebrigens herrschen in dieser Bäckerei noch mancherlei wenig appetitliche Zustände. Neben der Backstube ist der Abort und der Pferdestall, in der ersten Etage nach der Hofseite über dem Pferdestall befindet sich ein Erker oder Ueber⸗ bau, dort ist das Mehlzimmer und darunter auf dem Hofe liegt ein Misthaufen. Dadurch ist die Backstube und das Mehlzimmer stets von einem aromatischen Duft umweht. Ratten⸗ und Mäusescharen ziehen in den Räumlichkeiten herüber und hinüber wie die Russen und Japaner in der Mandschurei. Als nun dieser Bäcker⸗ geselle beim Polizei⸗Kommissar beantragte, diese Bäckerei zu revidieren, antwortete ihm dieser Hüter der öffent⸗ lichen Ordnung:„Das wissen wir, die Bäckerei ist schon zweimal revidiert worden, die wird nicht revi⸗ diert, gehen Sie nur.“ Punktum. Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain. Liberale„Politik“. rm. Herr von Gerlach, der nationalsoziale Ab⸗ geordnete für Marburg, läßt in seiner„Hess. Landesztg.“ einen Artikel erscheinen, welchen er„Die Verpreußung Hessens“ betitelt und in dem er gegen das Benehmen der hessischen Behörden gelegentlich des Falles Pernerstorfer zu Felde zieht. Folgende Sätze dieses Artikels verdienen angenagelt zu werden: „Der Großherzog ging mit gutem Belspiel voran. Er benahm sich so vorurteilsfrei, daß er bete noire (Böhmann) aller Reaktionäre Deutschlands wurde. Frei⸗ lich wurde diese vernünftige Entwickelung oben gefördert durch das Vorhandensein einer ungewöhnlich ver⸗ ständnisvollen Sozialdemokratie, wie sie zumal auf das Konto des trefflichen Dr. David zu setzen ist.“ Wie eine Katze das Naschen nun einmal nicht lassen kann, so kann der Abg. Gerlach das Loben einzelner Sozialdemokraten— natürlich auf desto gründlichere Kosten der anderen— nicht lassen. Das ist ihm zwar schon mehrere Male schlecht bekommen, und selbst Freund Heine hat in Dresden seine Freundschaft zu ihm dem Freund Hain überantwortet— aber es sitzt ihm ja so sehr im Blute und er merkt es gar nicht, wie viel Be⸗ leidigendes seine Lobreden für die belobten Sozialdemo⸗ kraten haben müssen. Nun, Genosse Dr, David hat kürzlich in den sozia⸗ listischen Monatsheften einmal geschrieben, daß, selbst wenn das ganze theoretische Lehrgebäude von Karl Marx zusammenstürzen sollte,„die Existenzberechtigung der Sozialdemokratie unerschüttert bestehen bliebe“ und der „Befreiungskampf der werktätigen Volks massen nähme seinen Fortgang bis zur endgültigen Beseitigung der politischen Bevormundung, der wirtschaftlichen Ausbeutung und der sozialen Niederhaltung der Arbeiterklasse durch eine besitzende und privilegierte Minderheit“. Dr. David hat auch stets folgerichtig gegen alle Militär⸗ und Marineforderungen im Reichstag gestimmt. Ob wir wohl jemals„hoffen“ dürfen, daß auch der „treffliche“ Gerlach sich in seinem Leben noch zu so ungewöhnlich verständnisvollen Ansichten nud Handlungen durchringen wird? e. Eine Müller versammlung fand am Sonn⸗ 1. für ein Stück Rindoteh ausschließlich Referat übernehmen sollte. Leider war der Referent verhindert, weshalb die Kollegen sonstige Berufsange⸗ legenheiten erörterten. Die erwähnte Versammlung findet in Kirchhain, im Gasthaus zur Post(wann? D. R.) statt und es wird jeder Kollege ersucht, in derselben zu erscheinen. Dort wird der am Sonntag zurückgestellte Vortrag stattfinden. m. Der Arbeiter⸗Gesangverein„Ein⸗ tracht“ feiert Sonntag den 18. September, sein 4. Stiftungsfest im Saale des Schloßgarten. Die Feste unseres Gesangvereins haben sich stets guten Zu⸗ spruchs erfreut und wohl selten hat ein Teilnehmer sie unbefriedigt verlassen. So darf wohl auch diesmal er⸗ wartet werden, daß die Genossen und ihre Familien das Fest zahlreich besuchen, Das Programm ist ein sehr reichhaltiges. Näheres im Inseratenteil. —— Kleine Mitteilungen. Unvorsichtigkeit mit Petroleum hat wieder in Stockheim ein Opfer gefordert. Eine dortige Arbeiterfrau schüttete am Montag Petroleum aus einer vollen Kanne auf das Herdfeuer. Es erfolgte eine Explosion, die Frau wurde sofort von den Flammen ergriffen und starb noch am Abend an den erhaltenen fürchterlichen Brandwunden. Ein Greis von 72 Jahren, der Bergin valide Hagner, erhängte sich am Sonntag in Oberbiel. Was mag den ohnedies mit einem Fuß im Grabe stehenden Mann zu dem Schritte bewogen haben? Mit der„gesicherten Existenz bis ans Lebensende“ scheints hier seinen Haken gehabt zu haben. Opfer der Arbeit. Auf der Hütte Phönix bei Essen erstickten zwei italienische Arbeiter durch aus⸗ strömende Gase.— Drei Bergleute auf der Zeche„Dahl⸗ busch“ bei Essen benutzten trotz des Verbots die soge⸗ nannte Fixförderung. Einer davon wurde in die Tiefe geschleudert und war sofort tot, die beiden anderen sind schwer verletzt. * Hundertjährige Zwillinge. In dem Dorfe Klein⸗Lengden im Braunschweigischen haben die Zwillingsbrüder Heinrich und August Meyer am letzten Freitag ihren hundertsten Geburtstag gefeiert. Trotz des hohen Alters ist das greise Bruderpaar gesund und munter. Ein gräßlicher Unglücksfall ereignete si h in dem Hüttenwerk Wendel in Groß⸗Moyeuvre im Elsaß. Ein Pfropfen am Ablaßloch eines Hochofens ging entzwei, und die glühende Masse ergoß sich über vier in unmittelbarer Nähe beschäftigte Arbeiter. Drei Arbeiter, zwei Italiener und ein Luxemburger, trugen tötliche Verletzungen davon. Parteigenossen in Hessen! Der Hessische Landbote soll im Oktober zur Versendung kommen. Wir ersuchen deshalb die Vertrauensmänner der einzelnen Kreise um umgehende Mitteilung darüber, wie viel Kalender sie für ihren Kreis wünschen. Diejenigen Kreise, welche darüber bis zum 20. d. M. nicht berichtet haben, erhalten die gleiche Anzahl zuge⸗ sandt, die sie im vorigen Jahr hatten. Offenbach, 2. September 1904. Das Landes⸗Komitee. C. Ulrich, Gr. Marktstraße 23. Friedberg⸗Büdingen. Quittung. Für den Wahlfonds ging ein durch Busold von L. 2.00 Mark. Kühn, Kassterer. Versammlungskalender. Samstag, den 10. September. Gießen. Sozialdem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Wieseck. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Wacker. Sonntag, den 11. Sept. Marburg. Schuhmacher, Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Hil dberger. Briefkasten. B.⸗Mrbg. Die Sache mit dem Plakat⸗Ankleben ist in ihrem zweiten Teil zu unbestimmt. Sind dort dafür keine Tafeln angebracht? Bei der Schuhmacher⸗ versammlung keine Zeit angegeben. Maurer ⸗Verb. Mrbg. Bestellte Broschüren erhalten Sie über 8 Tage. 7 Bemüht Parteifreunde! cn; nach besten Kräften für die immer weitere Verbreitung Eueres Blattes, der tag in Cölbe statt, in der Kollege Wedemann das Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung! * 1 1 1 —— — 2———— A— K cee e —ññ— Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 37. Aus den Gefilden der Voll- blut Agrarier brachte der„Vorwärts“ dieses Kulturbild. Auf dem einem Herrn Baron von König gehörenden Gute Wortnicken bei Pobethen wohnt die 24 Jahre alte Ortsarme Amanda Gutzeit mit ihrem dreijährigen Kinde. Ortsarme ist sie deshalb, weil sie sich beim Fall von einem Fuder Getreide einen Fuß so verletzt hat, daß 0 zum Teil arbeitsunfähig ist. Anfangs Mai ieses Jahres klagte das Mädchen den in dem⸗ 17 5 Hause wohnenden Instmannsfrauen, daß er etwa 25 Jahre alte Inspektor Tim m sie mit unsittlichen Anträgen belästige. Am 31. Mai war das Mädchen auf dem Felde beschäftigt, und da sie nicht das Kind allein zu Hause lassen wollte, nahm ste es mit. In⸗ zwischen war es aber auf dem Felde eingeschlafen, und nun trug sie das Kind nach Hause. Wegen dieses Arbeitsversäumnisses machte ihr der In⸗ spektor Vorwürfe. Es kam zum Wortwechsel, und im Verlaufe des Streites schlug nun der Inspektor in der unbarmherzigsten Weise auf das Mädchen mit einem Stock ein. Als das wehrlose Geschöpf auf der Erde lag, schlug er es auf den Leib und auf die Brust. Dann be⸗ arbeitete er den Körper des Mädchens noch mit seinen Füßen, bis es sich nicht mehr er⸗ heben konnte. Er soll dann im Fortgehen ge⸗ sagt haben, daß er das Mädchen noch tot⸗ schlagen werde. Die schwer Mißhandelte schleppte sich nun bis an den Weg, bis zu einem Baum, und blieb hier liegen. Dort fanden sie Instmannsfrauen und brachten sie nach ihrer Stube. Der Inspektor kümmerte sich nun weiter nicht um das schrecklich zugerichtete Mädchen. Erst als die Wirtschafterin ganz energisch einen Arzt verlangte, ließ er einen holen. Dieser hielt die Sache für sehr bedenklich und verordnete kalte Umschläge. Am dritten Tage untersuchte sie noch ein anderer Arzt, und dieser ordnete die sofortige Ueberführung des Mädchens nach dem Krankenhause an. Hier lag das Mädchen bis zum 13. Juni. Der Herr Baron aber wünschte, daß das Mädchen zurückgebracht werden möge, da es ihm zu viel Geld koste. Zurückgekehrt nach dem Gute verlangte der Inspektor, das Mädchen solle arbeiten. Dazu war sie aber nicht im⸗ stande. Vierzehn Tage nach der Entlassung aus dem Krankenhause war das Mädchen wieder vollständig erkrankt, und die Nachbarn verlangten, der Baron möge einen Arzt holen lassen. Dieser lehnte das aber ab. Der Inspektor ließ das »skädchen dennoch zu einem Arzt bringen, und dieser war ganz erstaunt, daß man das Mädchen schon aus dem Krankenhause entlassen habe. Er ordnete an, daß man es wieder dahin bringen solle. Das erlaubte aber der Herr Baron nicht. Und die Frau Baronin hatte schon, als das Mädchen zu Hause lag, angeordnet, daß es kein Essen erhalten solle,„weil es nicht krank, sondern nur faul sei.“ So lag nun das Mädchen sechs Wochen lang zu Hause in ihrer elenden Kammer. Vom Gute erhielt sie keine Nahrungs⸗ mittel, sie war auf die Mildtätigkeit der selbst armen Instfrauen angewiesen. Den Jungen ernährte eine Frau, die dafür pro Tag 5 Pfg., etwas Schleudermilch und ein Brot pro Woche erhielt. Doch die Justiz war auf dem Posten! Sie ging mit einer unerbittlichen Strenge gegen den Inspektor vor, und dieser hatte sich kürzlich vor dem Schöffengericht zu Königsberg zu verantworten. Der Inspektor leugnete auch gar nicht, sondern meinte, das Mädchen habe ihn durch Widerspenstigkeit und Ungehorsam gereizt. Auch habe er sich in der Notwehr befunden, weil das Mädchen ihn angeblich mit einem Spaten bedroht haben soll. Der Amtsanwalt beantragte eine Geldstrafe von 60 Mk. Das Gericht ver⸗ urteilte auch den Inspektor zu drei Mark Geldstrafe.— Es lebe die Gerechtigkeit! 5 Religion— Privatsache! In der„Frkftr. Ztg.“ lesen wir ein recht belehrendes Zwiegespräch eines Japaners mit einem Deutschen. Der Japaner, der in Würzburg Medizin studiert, äußert sich darin in interessanter Weise über die Stellung des Staates in Japan gegenüber den Reli⸗ Narren Der mit dem Japaner seit langem efreundete Deutsche wagte eines Tages die von den Japanern stets als unhöflich aufgefaßte Frage, die wir vom Gretchen aus dem„Faust“ kennen: „Zu welcher Religion bekennen Ste sich eigentlich?“. „Warum fragen Sie das?“ war die aus⸗ weichende Gegenfrage des Japaners. „Nun Sie müssen doch bei Ihrer Imma⸗ trikulation an der deutschen Universität die Rubrik, die nach Ihrem Religtonsbekenntnis fragt, ausgefüllt haben!“ „Ja geht bei Ihnen in Deutschland das die Universitätsbehörde etwas an?“ „Dann waren Sie eben doch wohl gezwungen, bei Ihrer Anmeldung bei unseren Polizeibehörden irgend eine Angabe über ihr Glaubensbekenntnis zu machen.“ „Ich habe keine gemacht, geht denn das in Europa die Polizei etwas an?“ „Sie müssen aber doch in Japan am Gym⸗ nastum oder in der Volksschule irgend einen bestimmten Religionsunterricht genossen haben.“ „Ja wird denn in Deutschland die Religion auf der Schule gelehrt?“ „Wie bringt denn sonst der Japaner dem kindlichen Gemüte bei: Das sollst Du tun, dies darfst Du nicht tun, sonst kommst Du in die Hölle und beleidigst Gott usw. 2“ „Mein Lieber, lehrt denn bei Ihnen das etwa die Religion? Sie verwechseln ja Religion mit Moral und Ethik. Freilich wird bei uns in Japan in der Familie und in der Schule der Begriff gut und böse den Kindern durch Erziehung und Unterricht bei⸗ gebracht. Aber diese Begriffe sind doch, sollte ich meinen, auf der ganzen Kulturwelt vollständig gleich. Ebensowenig wie Sie sich ohne Weiteres in der Philosophie als Anhänger von Kant oder Schopenhauer oder Nietzsche oder einem anderen Philosophen bezeichnen werden, ebenso⸗ wenig kann ich Ihnen sagen, was ich für ein Religionsbekenntnis habe: ich weiß es einfach nicht. Wenn Sie wollen, bin ich Buddhist, denn meine Mutter ist Buddhistin. Wenn Sie wollen, bin ich Schintoist, denn mein Vater ist Schintoist; ich selbst aber bin in Wirklichkeit keines von beiden; mein Vater ließ mir eben keinen Religtonsunterricht geben, weil die Religion in Japan reine Privatsache der Familie ist, etwa wie Sie in Deutschland den Kindern nach Belieben Klavierunterricht geben lassen. Wenn Sie wollen, können Sie mich einen Christen nennen, denn ich nahm als junger Mann eine Zeit lang bei einem protestantischen Pfarrer in Japan Religionsunterricht, weil es mich interessterte. Aber deshalb bin ich doch kein Protestant? Ich kenne natürlich auch die Lehren des Buddhismus und Schintoismus und trotzdem bekenne ich mich zu keiner der drei genannten Konfesstonen. Ich habe auch nicht das geringste Bedürfnis, mich irgend einem Religionssystem anzuschließen.“ .— Der Reiseherzog. (Ein Marchen.) Vor vielen, vielen Jahren, als die Hunde noch ohne Maulkorb umherliefen und die Katzen noch nicht als Hasenbraten auf den Tisch ge⸗ langten, da gab es einen mächtigen Herzog, der weit und breit bekannt war und den man den „Reiseherzog“ nannte. g Sein liebstes Vergnügen war nämlich, viele Reisen zu machen. Zu Lande und zu Wasser, im Sommer und im Winter, stets streifte er umher. Bald lebte er in der Umgebung der Wendekreise, wo die Leute von Lebertran leben, bald wieder suchte er die subtropischen Länder auf, um die Apfelsinen vom Baume essen zu können. So kam es, daß er bald in der ganzen Welt bekannt wurde, und überall sah man ihn gern; denn wenn er kam, so empfingen ihn die anderen Herzöge stets mit vielen Ehren und großem Gepränge. Man warf Gelder unter das jauchzende Volk und die Schulkinder hatten einen freien Tag. Auf dem Markte schmorte ein riestger Ochse, von dem sich jeder ein Stück abschneiden konnte. Daneben sprudelte aus fl Springquellen roter und weißer Wein in olchen Mengen, daß abends kein Mensch mehr nüchtern war. Eines Tages war nun ein anderer Herzog auf den Gedanken gekommen, das Andenken seines Vaters durch ein großes Fest zu feiern. Er konnte es nicht anders tun, denn die Denk⸗ mäler hatte man damals noch nicht erfunden. Acht Tage sollte dieses Fest dauern und alle Herzöge der Welt sollten daran teilnehmen. Und sie folgten gern der Einladung. Sie kamen aber nicht allein, sondern viele Männer ihres Volkes zogen noch mit, um die unerhörte Pracht, die sich entfalten sollte, mit eigenen Augen zu schauen. Nur der Reiseherzog war allein gekommen. Er hatte die Einladung weit, weit bei den Feuerländern empfangen und nicht mehr Zeit gehabt, sein Reich aufzusuchen. Als alle Herzöge versammelt waren, begannen die Festlichkeiten, die einen Glanz und eine Pracht zeigten, daß allen Zuschauern— und es waren nicht wenige— die Augen übergingen. Fest folgte auf Fest, bis schließlich der letzte Tag herankam. Erwartungsvoll umdrängte das herbeigeeilte Volk die Tribüne der Herzöge. Auch die zwölf Männer aus dem Lande des Reiseherzogs, die vom Volke zu dieser Sendung erwählt worden waren, standen in der Nähe der blumenge⸗ schmückten Terrasse. Da legte sich das erregte Murmeln der Menge; denn die Herzöge waren auf der Tri⸗ büne erschienen. Einer von ihnen trat vor und hielt eine Ansprache an das Volk. Er redete in blumenreicher Sprache und mit Begeisterung und Geschick. Und alles Volk jubelte ihm zu, als er geendet hatte und rief:„Heil unserem Freunde und Gönner!“ Nur die Männer aus dem Lande des Reise⸗ herzogs blieben stumm; ste kannten den gewal⸗ tigen Redner nicht.„Wer ist der Herzog?“ wandten sie sich fragend an die Umstehenden, und lautes Lachen tönte ihnen entgegen. Selbst die Abgesandten der fernsten Wüsten⸗ länder, wie die der Eisregionen, schüttelten lächelnd das Haupt, bis sich schließlich einer der Unwissenden erbarmte und sie fragte:„Wie, Ihr kennt den Herzog nicht, den ja alle Welt kennt? Das ist der Reiseherzog!“ Da fielen die zwölf nieder auf ihr Kniee, und der älteste von ihnen sprach bewegten Tones die Worte:„Du höchstes Wesen dort oben über dem Firmamente, Dank sei, daß du uns diese Reise verstattet hast! Denn nun ist uns das Glück zuteil geworden, das bisher nur den Wenigsten in unserem Lande bescheert war.— Unser Herzog, der es liebt, umherzustreifen in fremden Zonen und Ländern— wir haben ihn gesehen, wir haben ihn gehöret!“—— Damit brach er entseelt zusammen; die Freude hatte ihn getötet!— Der Reiseherzog fuhr aber nach am selben Abend gen Osten in ein fern, fern gelegenes Land, wo, wie es heißt, ein See war, den er noch nicht gesehen hatte. ch nicht gesehen h Sozial. Montagsblatt. . A C Den 5 „ Unterhaltungs-Ceil. —ůůů— N In die„Freiheit“. Ein fester Schritt auf dem Korridor Zu ungewöhnlicher Stunde. Es rasseln die Riegel.„Gefangener, vor“! Ich bring' Euch erfreuliche Kunde! „Nicht länger weilt Ihr an diesem Grt, Ihr seid in die Freiheit entlassen!“ Die Freiheit, die deutsche! Das seltsame Wort, Kaum kann's der Gefangene fassen. „Sie änner hörte genen ien. den Zeit nnen elne f und ingen. letzte geellte zwölf „ die orden senge⸗ der Tri⸗ und kedete erung n zu, serem Resse⸗ ewal⸗ 50 90 20 Aden, üsten⸗ telten elner Wie, Welt Tlee, Tones oben uns F une 1 del Voll „ 8 Nr. 37. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. Es grüßt ihn wie leuchtender Sonnenschein, Den eiserne Gitter verdunkeln. Es grüßt ihn wie schimmerndes Edelgestein, J Drin glühende Nohlen auch funkeln. Und dennoch, er liebt sie. So tritt denn heraus! Und heim zu den Lieben nun wandre, And hinter dir schließt sich das düstere Haus, Um bald sich zu öffnen für andere. Nun atme die frische, erquickende Luft An sprudelnden Wasserbächen Und singe vor Freude und Jugendlust,— Nur darfst du zu laut nicht sprechen. Die Sonne, wie wirft sie so hell und warm Durch's rauschende Caubwerk die Blitze, Dergoldend selbst hinter dir, sieh! dem Gendarm Die stählerne Helmesspitze. Nun kannst du an fröhlicher Tafelrund' Mit den Freunden dich wieder vereinen, Doch hüte dich, daß als„geheimer Bund“ Nicht möge die Feier erscheinen. And eingedenk dieser Warnung bleib', Die Vorsicht ist stets notwendig. Die deutsche Freiheit, das göttliche Weib Ist etwas unselbständig. M. Kegel. Der Bekehrte. Erzählung von Friedrich Gerstäcker. 4.(Fortsetzung.) „Den Brief?“ rief Patrick, und ein eigenes unheimliches Gefühl beschlich sein Herz— was hatte er jetzt mit dem Brief zu tun. Er sehnte sich nach Beatriz, und die Frage nach ihr schien 2 05 andere, was es auch nur sei, beseitigen zu wollen. „Mein liebster Sohn,“ nahm da der Geist⸗ liche das Wort und die alte Dame zog sich zu gleicher Zeit wie Schutz suchend hinter ihn zu⸗ rück—„es hat dem Herrn gefallen—.“ Allmächtiger Gott!“ rief Patrick, dem ein jäher Schreck das zagende Herz durchzuckte— „sie ist tot?“ Beatriz nein— der Himmel sei dafür ge⸗ priesen,“ erwiderte mit dankenden Augen nach oben der Geistliche— und fuhr dann in halb segnender Stellung gegen den jungen Iren fort, zes hat dem Herrn gefallen, dich durch unsere Hilfe den Weg des Heils zu führen. Was dir dort als hohes göttliches Ziel vorleuchtet, kann nicht mit dem irdischen Schein und Tand ver⸗ glichen werden.“ „Aber Beatriz, mein frommer Herr,“ rief Patrick in kaum mehr zu zähmender Ungeduld, „wir haben jetzt neun volle Tage nichts auf der Gotteswelt getan, als gefastet und gebetet: gebt mir jetzt wenigstens soviel Stunden ein⸗ mal für mich selbst.— Wo ist denn Beatriz, Senora?“ „Beatriz,“ stotterte die alte Dame in nicht zu verkennender Verlegenheit—„Beatriz ist“— „Mit ihrem Gatten nach Mendoza gegangen,“ erwiderte ruhig und milde der Geistliche. „Mit ihrem“— schrie Patrick mit stieren Augen und getrennten Lippen und vermochte das Wort gar nicht zu wiederholen—„mit ihrem—“ 5„Gatten Don Carlos San Juan nach Mendoza gegangen, wo er ansässig und Poli⸗ zeidirektor ist“— sagte der Geistliche ruhig. Die herzlichsten Grüße und Glückwünsche hat stie mir noch—“ „Heiland der Welt!“ schrie aber der Ire plötzlich, mit der Faust dabei auf den Tisch schlagend, daß die Mateekanne hoch emporfuhr und in Scherben auf den Boden rollte.— 2 Betrug! schändlicher nichtswürdiger Betrug! Ich bin verraten und verkauft— heimtückisch, bübisch hintergangen, und die Gerichte selber sollen mir jetzt gegen eure Ränke und Schliche Gerechtigkeit und Recht verschaffen!“ Wie ein Besessener tanzte und tobte er in der Stube herum und schien nur einen würdigen Gegenstand zu suchen, an dem er seine Wut, seinen Grimm auslassen konnte. An der Frau und dem Priester durfte er sich natürlich nicht vergreifen. Endlich aber war er nicht mehr im Stande, es im Zimmer auszuhalten, mit einem kräftigen Stoße und seiner Sinne kaum mehr mächtig, trat er die Türe auf und stürmte J mit gotteslästerlichen Verwünschungen auf den bleichen Lippen, hinaus ins Freie— hinauf in die Berge. Wo er dort gewesen, welche Klippen und Abhänge er erklommen und wie oft er in dem bröcklichen unsicheren Gestein gestürzt, wußte er selber nicht. Müde und zum Tod erschöpft, im Gesicht und an den Händen blutend, in Schweiß ebadet, aber immer noch mit keinem klaren Bewußtsein, was jetzt zu tun, wie zu handeln, kehrte er spät am Abend in seine eigene Woh⸗ nung zurück, wo er zu seinem Erstaunen den Pater Antonius seiner harrend fand. Patrick war aber noch keineswegs in der Stimmung, ihm ruhig Gehör zu geben, und in der ersten Aufregung, als das Bild des frommen Mannes wieder all die Szenen der vergangenen Tage in sein Gedächtnis zurückrief, überhäufte er ihn mit bösen Vorwürfen. Pater Antonius war aber nicht der Mann, böse oder ärgerlich darüber zu werden. Er nahm den Fremden wie er war, aufbrausend im Anfang, aber dann doch auch seinen Ver⸗ stand, seine Ueberlegung gebrauchend. So, als Patrick endlich, mehr an Mangel an Luft als Argumenten schwieg, wieder Atem zu schöpfen, begann er alsdann mit ruhiger Stimme seine Verteidigung. 0 Was hatte er mit den weltlichen Absichten seines Beichtkindes zu tun oder zu schaffen, wo seine Aufgabe nur gewesen war, ihn auf den Himmel und die einstige Seligkeit vorzubereiten. Ja, war er je von dem Bekehrten selber zum Vertrauten seiner Herzensangelegenheit gemacht worden? Nie, Patrick mußte ihm das selber zugestehen, und weshalb ihn also mit Vorwürfen überschütten, die er nicht verdient? Der ehrliche Patrick, der dem gewandten Pater überdies nicht in seiner Anwendung von Argumenten gewachsen, und wohl mit Fäusten aber nicht mit Worten und Spitzfindigkeiten zu kämpfen gewohnt war, fühlte bald, wie ihm hier der Boden unter den Füßen schwand. Sein Zorn kehrte sich aber desto heftiger gegen die betrügerische Alte, gegen die falsche Geliebte, die ihr schändliches, sündhaftes Spiel mit ihm getrieben, und Rache und Genugtuung schwor er an beiden zu nehmen und sollte er darüber zugrunde gehen. Auch hierbei ließ ihn der Geistliche erst vollkommen austoben, und zeigte ihm dann mit einfachen und klaren Worten nicht allein das Törichte und Wahnsinnige, nein auch das voll⸗ kommen Nutzlose solcher Vorsätze. Sie lebten hier in einem streng katholischen Lande, wo schon der Protestant bei einem ganz gewöhnlichen Streit und Rechtsfrage im Nach⸗ teil gegen den Katholiken war. Hier handelte es sich aber gerade um einen Glaubenspunkt. Ihm, dem Fremden, war ein Heil widerfahren, daß er Freunde gefunden hatte, die sich seiner und seiner Seele annahmen, und die vermeint⸗ liche Bosheit der Senora Santilla war nichts gewesen, als wahre und wirkliche Zuneigung, mit der sie sich zu dem Fremden hingezogen fühlte und dem sie, selbst wider seinen Willen vielleicht, eine bleibende Wohltat zu erzeigen wünschte. Der Geistliche verwies ihn dabei auf den Brief, den Patrick noch immer ungeöffnet in der Tasche trug, und der Inhalt sollte bald vollkommen Zeugnis für seine eigne aufgestellte Meinung ablegen. Senora Santilla setzte ihn darin mit klaren dürren Worten von der Vermählung ihrer Tochter Beatriz mit Don Caolos San Jago, zweitem Polizeidirektor der Argentinischen Re⸗ publik zu Mendoza, in Kenntnis und bat ihn, sich die Sache, wenn er wirklich ihre Tochier geliebt habe, nicht zu Herzen zu nehmen, denn die jungen Leute seien schon seit zwei Jahren mit einander verlobt. Dabei entschuldigte sie sich der List wegen, die sie, wie Beatriz ge⸗ brauchte, den fremden Ketzer dem allein wahren Glauben zuzuwenden. Sie hätten ihn aber beide seines ehrlichen, wackeren Wesens wegen in der Zeit seines Aufenthaltes zu Santa Rosa lieb gewonnen und mit der Furcht für sein ein⸗ ziges Seelenheil bald eingesehen, daß er auf keine andere Weise ihrem Glauben zu gewinnen wäre. Seine unsterbliche Seele sei jetzt gerettet — 9 und Senora Santilla fest überzeugt, er werde ihr wohl die„kleine unschuldige List“ verzeihen und in seinem Herzen ihr ewig die wohltätige Verwandlung danken. Der Brief erging sich dann noch eines Breiteren über den Fall; der ganze Sinn war aber doch nur einfach der oben angedeutete: daß sie nämlich kein anderes Mittel gewußt hätten, ihn für ihren Glauben zu gewinnen und sich im Gebrauche desselben nicht allein vollkommen gerechtfertigt hielten, nein, auch so⸗ gar noch Dank erwarteten. Patrick war in einer höchst fatalen Lage, und so böse und ärgerlich er im Anfang auch gewesen, so schmerzlich ihn der Verlust des schönen Mädchens später berührt hatte, so deut⸗ lich fühlte er doch auch, als er am anderen Morgen die Sache ruhig überlegte, daß ihm hier nicht das geringste zu tun übrig bliebe, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Dem betrügerischen Bräutigam, der sich natür⸗ lich über seine Leichtgläubigkeit ins Fäustchen gelacht, zu folgen und ihn windel weich zu schlagen, war allerdings sein erster Gedanke. Dann überlegte er aber, daß die Sache zwei, nicht unbedeutende Schwierigkeiten habe. Erst⸗ lich wohnte der Mann jetzt an der entgegenge⸗ setzten Seite der Kordilleren und dann war er Polizeidirektor in der argentinischen Republik. Vor der Polizei hatte er allen möglichen Re⸗ spekt, und mit Rosas Regierung war es doppelt gefährlich anzubinden. Ueberhaupt wollte es ihm beinahe bedünken, als ob er doch eigentlich hier recht ordentlich zum Narren gehabt und angeführt sei und wie auch das Resultat ausfalle, die andere Partei würde jedenfalls, sobald er die Sache noch weiter aufrühre, die Lacher auf ihrer Seite haben. Ganz Chile brannte ihm bald unter den Füßen— und wenn seine Landleute erst erfuhren, was hier geschehen sei— er durfte nicht daran denken. (Fortsetzung folgt.) —— Allerlei. Eine kostspielige Familie. Zu den männlichen Verwandten des Zaren gehören, wie ein englisches Blatt schreibt, ein Bruder, vier Onkel, vier Vettern ersten Grades, zehn Vettern zweiten Grades, dreizehn Vettern dritten Grades und ein Großonkel. Sein Bruder, sein Großonkel, sein Onkel und seine Vettern ersten und zweiten Grades sind Groß⸗ fürsten und werden„Kaiserliche Hoheit“ ange⸗ redet, während die Vettern dritten Grades nur russische Fürsten sind und Anspruch auf das Prädikat„Hoheit“ haben. Außer dem Zaren hat das kaiserliche Haus also 33 männliche Mitglieder, die eine schwere Last für Rußland bedeuten, denn jeder erhält als Geburtsrecht ein Einkommen von etwa Mk. 2000 000 jähr⸗ lich, von seiner Geburt an bis zur Todesstunde. Die Großfürsten des russischen Kaiserhauses erhalten also jetzt jährlich 66 Millionen Mark im ganzen. Die Großfürsten brauchen das Geld aber nicht sehr nötig; denn sie haben ungeheuere Güter im ganzen Lande. Die 33 Großfürsten und Prinzen zusammen haben im ganzen einen Landbesitz, der etwa den vierzigsten Teil des gesamten Gebietes des europäischen Rußlands ausmacht. Außer diesen ungeheuren Gütern gehören ihnen noch 325 Paläste und Schlösser, sie beschäftigen 20000 Bedienstete. — Humoristisches. Nach den Ferien. Der Schuldirektor zum Lehrerkollegium:„Mit Befremden habe ich die blühenden Gesichter wahrgenommen. Ich kann nicht umhin, in diesem Umstande ein Symptom des stattgehabten Aufent⸗ halts in freier Luft zu erblicken, und gebe der Be⸗ fürchtung Raum, daß Sie es versäumt haben, durch ein hinreichendes Quantum von Ferienaufgaben die Schüler tagsüber in ausgiebiger Welse zu beschäftigen.“ Trockenwohner. Mieter: Unser Schlafzimmer ist in gesundheitsgefährlichem Maße feucht. Da müßten Sie doch etwas dagegen tun? Hausprotz: Jewiß! Wann Sie krank wer'n wer ick mein Hausarzt sagen, det er Ihn'n mäßige Preise abnimmt! Mitteldeutsche Sonntaas⸗Zeitung. No. 37. 1 Irb.-GesangTerell Tfüfrachft Narpürg.. Sonntag. 118. Sept, Sabends 7 Uhri Fim Restaurant„Schloßgarten“, Haimweg No. 2 I. Stiflungs-Fest==„ Konzert, Gesang, Kouplets, Theater, Tanz. 1 Eintritt? Mitglieder 50 Pf., 1 Dame frei.— Gäste: Herren 75 Pf., 21 Dame frei.— Damen 30 Pf. 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