15 — ot tl. in: denpl. röck V. nidt J. Haff „ Klas chmidt Wolff Jagner Mohr mann⸗ rstraße Amend de Leib ch Leib Debus Speier. meinen nt amel. 0 1 eubau e für bot! g ute mages! abe g 1896 rort zen ibre 1 ———— Nr. 28. Gießen, den 10. Juli 1904. II. Jahrgang. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. — Mitteldeutsche Sountags⸗ Zeitung Nebaftionsschluk Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch] Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unrer Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) Bestellung en Eppedition in Gießen, Rittergasse 17, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33⅛ũ% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt D Juserate Die ögespalt. Bei mindestens Das Erfurter Programm. 1 Die Kautskyschen Erläuterungen zum Erfurter Programm der deutschen Sozialdemokratie sind soeben in fünfter Auflage erschtenen. Vielleicht zieht dieser und jener darob erstaunt die Augen⸗ braunen in die Höhe und denkt: war das nicht voreilig vom Verleger? Verlohnten sich noch die Mühe und die Kosten einer Neuherausgabe, da doch soviel von„Revision“ unserer Grund⸗ sätze und unseres Programms die Rede ist? Die Antwort auf diese Fragen gibt Kautsky in einem ausführlichen Vorwort, das zugleich ein vorzügliches zusammenfassendes Schlußwort zu den Programmdebatten der letzten Jahre dar⸗ stellt.„Nichts von Verträgen, nichts von Uebergabe!“ lautet Kautskys Devise. In dem grundsätzlichen Gedankengang war außer in einem nicht wesentlichen Punkte nichts von Belang zu ändern. Wir drucken das Vorwort nachstehend ab. Möge es für möglichst viele unserer Leser ein Anreiz sein, das in dem klaren, verständlichen Stil Kautskys gehaltene Buch selbst zur Hand zu nehmen und sich durch einen Trunk aus einer der klaren Quellen unsrer Prinzipien für die kommenden Kämpfe, sowohl für etwaige theoretische Streitigkeiten im Jnnern der Partei als auch für die Kämpfe mit den Gegnern, zu stärken. Kautsky schreibt:„Alle die Kritiken der „Verelendungs“⸗und der„Katastrophen⸗ Theorie“ haben mich nicht veranlaßt, ein Jota zu ändern, schon deshalb nicht, weil in meiner Schrift weder von der einen noch von der anderen dieser„Theorien“ die Rede ist. Es sind Theorien, die man erst einige Jahre nach der Abfassung des Erfurter Programms trotz aller Proteste in dieses hineingelesen hat. Gerade zur Zeit der Entstehung des Erfurter Programms war die Wahrscheinlichkeit, daß das Proletariat ohne Katastrophe in manchen Ländern, zum Beispiel England, die polittsche Macht erobere, größer, als heute. Marx selbst hatte für England die Möglichkeit einer fried⸗ lichen Entwickelung zugegeben. Wenn er für die Großstaaten des europäischen Festlandes an diese Möglichkeit nicht glaubte, lag das nicht an irgend einer besonderen Katastrophentheorie, sondern an der Einsicht in den besonderen Charakter der Staatsgewalt auf dem Festland Europas. Damit war noch keine Katastrophen⸗ theorie gegeben, ebensowenig wie die Tatsache, daß man das Heraufziehen eines Gewitters konstatiert, eine Theorie des Gewitters gibt. Da meine Schrift nur die prinzipiellen Grundlagen der Anschauungen der Soztal⸗ demokratie, nicht die Grundlagen ihrer Taktik für bestimmte Fälle entwickelt, hatte ich gar keine Ursache, hier irgend eine Katastrophen⸗ theorie aufzustellen und zu verfechten. Und ebensowenig hatte ich eine Theorie der Verelendung zu entwickeln. Zur Zeit der Ab⸗ fassung des Erfurter Programms waren die konsequenten Marxisten schon längst einig darüber, daß die Emanzipation des Proletariats nicht durch das steigende Elend, sondern durch den wachsenden Klassengegensatz und den da⸗ raus entspringenden Klassenkampf des Prole⸗ tariats herbeigeführt werde. Gerade in dieser Ueberwindung der dem vormarxistischen Sozi⸗ alismus eigenen Theorie der Verelendung der Massen durch die Theorie des Klassenkampfes sahen wir damals schon eine der größten Er⸗ rungenschaften des Marxismus. Die Erkenntnis der dem Kapital naturnotwendig innewohnenden Tendenz, die Summe des Elends, des Druckes, der Ausbeutung zu vermehren, war von diesem Standpunkt aus richtig, weil diese Tendenz die Notwendigkeit der stetigen Ausdehnung und Verschärfung des Klassenkampfes begreifen ließ. Aber es fiel niemand unter uns ein, die Not⸗ wendigkeit einer zunehmenden Verkommenheit des Proletariats daraus zu folgern. Die Verelendungs⸗Theorie spielt in dieser Schrift über das Erfurter Programm keine Rolle. Ebensowenig wie wegen der Katastrophen⸗ Theorie brauchte ich ihretwegen auch nur einen Satz zu„revidieren“. Neben diesen beiden Theorien wurde noch lebhaft angezweifelt eine Theorie, die Marx wirklich aufgestellt, seine Krisentheorie. Diese Theorie war aufgebaut auf die Erfahrungen eines halben Jahrhunderts. Weitere Erfah⸗ rungen einiger Jahrzehnte, die ihrer Aufstellung folgten, hatten sie glänzend bang Nun wurde die Theorie mit einem Male 1898 für falsch erklärt, weil damals drei, sage und schreibe drei volle Jahre der Prosperität sich eingestellt hatten. Hätte die deutsche Sozialdemokratie sich damals von dieser Kritik imponieren lassen und den von den Krisen handelnden Passus des Erfurter Programms entsprechend revidiert, so wäre ihr die angenehme Aufgabe erwachsen, nach 2 Jahren wieder diesen Passus von neuem zu revidieren. Wer einmal derartigen kurzatmigen Kritiken, die in der Regel nichts sind als flüchtige Ein⸗ fälle und Stimmungen, einen richtunggebenden Einfluß auf Ueberzeugung und Programm ein⸗ räumt, der kommt aus dem Revidteren nicht mehr heraus, der wird zum Spielball der Er⸗ eignisse statt zu dem sie überschauenden Meister, der sie seinen großen, unverrückbar festgehaltenen Zielen dienstbar macht. Nur in einem Punkte mußte ich das in den früheren Auflagen Gesagte etwas einschränken: der Rückgang des Kleinbetriebs in der Land⸗ wirtschaft vollzieht sich in den letzten zwei Jahrzehnten nicht so rasch, wie ehedem, stellen⸗ weise gewinnt letzterer sogar an Boden. Das lag 1892 noch nicht so klar zutage. Hier mußte ich mich jetzt reservierter ausdrücken, als damals. Das ist aber auch alles. Es liegt nicht der geringste Grund vor, an Stelle der alten eine neue, gegensätzliche Tendenz auf Verdräng⸗ ung des Großbetriebs durch den Kleinbetrieb in der Landwirtschaft anzuerkennen. Dazu sind die vorliegenden Daten viel zu wenig bestimmt. Sie deuten nicht eine veränderte Entwickelungs⸗ richtung an, sondern ein Stocken der bisherigen Entwickelung, soweit sichs um die Betriebsgröße handelt. Die Veränderungen sind nur unbe⸗ deutend, die sich während der letzten zwei Jahr⸗ zehnte in der Bodenfläche der einzelnen Betriebs- kategorien vollzogen haben, und ste gehen nicht überall in der gleichen Richtung vor sich. In einigen Gegenden weicht der Großbetrieb zurück, in anderen macht er Fortschritte. Dabei ist aber der Zeitraum, in dem dies Stocken sich bemerkbar macht, noch viel zu kurz, um zu be⸗ rechtigen, aus so wenig ausgeprägten Tatsachen Schlüsse zu ziehen, die die Erfahrungen eines Jahrhunderts über den Haufen werfen würden. Ließen wir uns da zu vorschnellen Schlüssen verleiten, dann ginge es uns in der Agrar- frage leicht so wie manchen Revistonisten in der Krisenfrage. Endlich aber muß bemerkt werden, daß mit der Konzentration des Kapitals, wie sie Marx auffaßte, nicht nur das Weiterbestehen, sondern sogar eine gewisse Zunahme des Kleinbetriebs in einzelnen Produkttonszweigen vereinbar ist, und zwar nicht bloß in der Landwirtschaft, sondern auch in der Industrie und im Handel. Gerade wenn man im Sinne der Marxschen Dialektik“ denkt, wird man diese Zunahme leicht begreifen. Jede Tendenz erzeugt Gegentendenzen, die danach trachten, jene aufzuheben. Aber auch dort, wo ihnen das gelingt, bewirken sie damit nicht eine bloße Rückkehr zu dem Zustand, wie er vor der Herrschaft der aufgehobenen Tendenz bestand, sondern erzeugen sie etwas wesentlich Neues. So erzeugt zum Beispiel das Elend, das der Kapitalismus naturnotwendig über das Proletariat verhängt, dessen Kampf gegen das Elend. Aber dort wo der proletarische Klassen⸗ kampf stark genug wird, das vom Kapttal er⸗ zeugte Elend zurückzudrängen, ist das Resultat nicht etwa eine vorkapitalistische Arbeiteridylle. Weiter aber, wenn das Proletariat strebt, sich zu organisieren und dadurch das Macht⸗ verhältnis zu verschieben, das zwischen dem einzelnen Lohnarbeiter und dem einzelnen Kapitalisten besteht, so erzeugt dies Streben auf der andern Seite wieder den Drang nach Organisation der Unternehmer. Wo nun der Arbeiterorganisatton der Unternehmer-Verband gegenübertritt, scheint das alte Machtverhältnis zwischen dem einzelnen Lohnarbeiter und dem einzelnen Unternehmer wieder hergestellt zu sein. Indes ist in Wirklichkeit das neue Machtver⸗ hältnis doch ein ganz anderes. Wie kraftvoll auch die Kapitalisten durch ihre Organisationen werden können, so, wie der einzelne Kapitalist mit dem isolierten Arbeiter, darf eine Unter⸗ nehmerorganisation mit der proletarischen Or⸗ ganisation doch nicht mehr umspringen. Und das Bewußtsein wie die Taktik der organisierten Arbeiter bleiben unter allen Umständen andere als die der vereinzelten. Ein gleicher dialektischer Prozeß bewirkt auch, daß aus der Konzentration des Kapitals selbst wieder unter Umstäuden eine Vermehrung des Kleinbetriebs entspringt. Aber der neue Klein⸗ betrieb ist ein ganz anderer als der alte, hat mit diesem nur Aeußerlichkeiten gemein und 110 ökonomisch wie politisch eine ganz andere Rolle. Die Wahlreform in Hessen. Nach den Ergebnissen der Kammerverhand— lungen vom Donnerstag und Freitag scheint sich das Schicksal der Wahlrechtsvorlage trotz der Hetzereien des Lederkönigs und Bauern- legers Heyl günstiger zu gestalten, als vorher erwartet werden konnte. Daß eine so große Mehrheit sich für das direkte Wahlrecht aus— sprach, ist gewiß erfreulich, wenn auch ange⸗ nommen werden muß, daß eine Anzahl ver- * Kunst tritischer Beweisführung. ——— — „5 Seite 2. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 28. kappter Wahlrechtsfeinde dafür stimmten in der Hoffnung, es durch die„Kautelen“ wieder zu beseitigen. Fast noch wichtiger aber ist die erfolgte Ver⸗ ständigung über die Wahlkreiseinteilung, auf die kaum noch zu hoffen war. Das besondere Wahlrecht der kleinen Städte Friedberg, Alsfeld und Bingen wird beseitigt. Da⸗ gegen ist gar nichts einzuwenden. Wir ver⸗ mögen nicht einzusehen, warum die genannten Städte eine Extrawurst haben sollen und be⸗ greifen nicht, wie Gutfleisch und seine Partei⸗ genossen diesen Zustandals„historisches Recht“ verteidigen konnten. Damit kann schließlich jedes Unrecht zum Recht gestempelt werden und ein Unrecht ist es, wenn einem Städtchen mit knappen 5000 Einwohnern die gleiche Vertretung wie einem Wahlkreise mit einer 4 5mal so roßen Bevölkerungszahl zugebilligt wird. Das ichtigste bleibt, die Einteilung der Wahlkreise nach der Bevölkerungszahl, weshalb auch gegen die Zuteilung Wieseck's und Heuchel heim's zu Gießen nichts zu sagen ist.— Ein schrei⸗ endes Unrecht ist aber die Forderung der drei⸗ jährigen Staatsangehörigkeit als Vorbedingung zum Wahlrecht. Diese ungerechte Bestimmung sollte bei der am 7. Juli beginnenden Weiter⸗ beratung beseitigt werden! 1 Da die Verhandlungen über die Wahlvor⸗ lage unsere Leser besonders interessieren werden, geben wir sie in Folgendem etwas ausführlicher wieder. * Bei der Fortsetzung der Generaldebatte am Donnerstag ergriff zuerst der Zentrums⸗ mann Dr. Schmitt⸗Mainz das Wort. Er 1 5 den Ausführungen der Minister volle nerkennung und sprach die Hoffnung aus, daß die damit auf die Gegner der Vorlage gewor⸗ fenen Hiebe ihr Ziel nicht verfehlen. Wenn der Antrag des Ausschusses eine ausreichende Majorität sinde, werde die Regierung sicher mit sich reden lassen. Sehr sonderbar sindet der Redner die Stellungnahme der diesmal voll⸗ ständig gespalteten nationalliberalen Partei. Dieselbe zeige auch eine Anzahl verkappte Gegner, die ihm aber unangenehmer seien, wie die ehr⸗ lichen Feinde. Auch dieser Redner wendet sich gegen den Oppenheimer Protest, welcher der politischen Reife der rheinhessischen Bevölkerung ein schlechtes Zeugnis ausstelle und der sich auf undenkbare Berechnungen stütze. Man schiebe den Sozialdemokraten Gewinne von Mandaten zu, wo nur nationalliberale und bauernbünd⸗ lerische Abgeordnete in Frage kommen. Die Beseitigung des historischen Rechtes der Städte Alsfeld, Friedberg und Bingen verlangen die Nationalliberalen jetzt erst, nachdem der Wahl⸗ kreis Friedberg nicht mehr nationalliberal ver⸗ treten sei. Es werde in Rheinhessen nicht eher Ruhe geben, bis das direkte Wahlrecht durchgegangen sei. Redner hätte deshalb vom Staatsminister erwartet, daß er mit einer Kammerauflösung drohe und das Volk selbst sprechen lasse, wenn die Vorlage nicht ange— nommen werde. Der antisemitische Bauernbündler Hirschel erklärt sich für die direkte Wahl, aber mit Kautelen, die ausreichend gegen das Vordringen der Sozialdemokratie schützten. Der angebotene Ausgleich durch weitere Vermehrung der ländlichen Wahlkreise um 5 habe keine Bedeutung. Seine Freunde werden gegen den Ausschußantrag stimmen. Gutfleisch hätte nach den Ausführungen der Regierung schnelleren Fortgang der Ver⸗ handlungen erwartet. Hoffentlich werde das direkte Wahlrecht trotzdem siegen, denn die in⸗ direkte Wahl müsse beseitigt werden, da sie die Verödung des Parlaments herbeiführte. Der freie Mann müsse selbst Gelegenheit haben, sein Wahlrecht auszuüben, die Unzuverlässigkeit der Wahlmänner sei bekannt. In dieser Beziehung könne man sich an der Organisation der Sozial- demokratie ein Muster nehmen, deren Leute seien sicher. Die Vorteile der direkten Wahl seien im Uebrigen so groß, daß man damit manche durch die Kautelen verbundenen Nachteile mit in Kauf nehmen könne. Ein Hauptvorteil der Vorlage sei der bessere Schutz des Wahl⸗ geheimnisses. Redner widerlegt die Behauptung des Abg. Hirschel, daß die Zahl der 147 rechtigten auf dem Lande oft höher sei wie in der Stadt. Im Weiteren wendet sich Redner ausführlich gegen den Wormser Protest. In der Wormser Zeitung werde die Wahrheit in einer Weise verdreht, die das ganze parlamentarische Leben vergiftet und die Freude an jeder politischen Thätigkeit verderbe. Die Opposition aus diesem dunklen Winkel Rhein⸗ hessens entspringe aber anscheinend der kolossalen Angst vor der Sozialdemokratie. Die Furcht, daß das Volk für das direkte Wahlrecht noch nicht reif sei, könne sich nur auf diesen einzigen rheinhessischen Wahlkreis beziehen. Das ganze Auftreten mache den Eindruck als wenn die Leute daselbst gar kein Wahlrecht wollten. Die direkte Wahl sei die Stütze des Reiches, welches dasselbe vor Ueberraschungen sichere, auch hier müsse man das direkte Wahlrecht haben, denn Redner kann sich nach seinen langen Erfahrungen des Miß⸗ trauens nicht erwehren, daß man in feudalen Kreisen danach strebe, die Volksrechte immer mehr zu beschneiden. Der nationalliberale Schill erklärt sich gegen die Vermehrung der Mandate. Genosse Ulrich führte u. a. aus: Die Sozialdemokraten forderten nach wie vor das allgemeine gleiche direkte Wahlrecht mit Aus⸗ bildung des Proportionalwahlsystems. Was auch beschlossen werde, kann seine Partei nicht beirren, man werde nicht danach fragen, ob einzelne Punkte notwendig oder beschwerlich sind, wenn man nur das erreiche, was im Inter⸗ esse der Masse des ganzen hessischen Volkes liege, das direkte Wahlrecht. Man werde sein ganzes Augenmerk hierauf konzentrieren, damit die Ausschaltung der Vormünder oder Wahlmänner erfolge. Dafür nehme man die vielfach gegen die Sozialdemokratie gerichteten Kautelen in Kauf. Man müsse sagen, daß seine Partei wirklich genügsam gewesen ist. Man verlangt von ihr das größte Opfer, hoffent⸗ lich aber nur für kurze Zeit. Bei vielen edlen Seelen z. B. bei Dr. Heidenreich, fange der Wähler erst beim Doktor oder Kapitalisten an. Das System der Wahlmänner habe die Korruption gezeitigt. Ein Appell an die Wähler werde auch das sozialdemokratische Lager er⸗ starken. Wenn auch, wie es wahrscheinlich sei, die Sozialdemokratie nach Annahme der Vor⸗ lage in der ersten Zeit schlecht abschließe, da durch die Kautelen viele Wähler verhindert würden, werde doch der spätere Erfolg nicht ausbleiben und dürfe man das Volk nicht hin⸗ dern, an der Gestaltung seines Geschickes selbst mitzuhelfen.— Wie die direkte Reichstagswahl das Ventil sei, welches Explostonen verhindere, müsse hier dasselbe Recht geschaffen sein, damit die Regierung ersehen kann, wie die Stimme des Volkes ist. Wenn man daher auch nicht mit Begeisterung für die Vorlage eintrete, hoffe man doch viel dabei zu erobern, und der Vor⸗ wärts habe recht, wenn er sich schreiben lasse, 7 es ausfallen wie es will, wir sind die rben. Um die Vorlage durchzubringen, werde man die Kautelen des Bauernbundes schlucken. Wird ste Gesetz, muß eine Kreiseinteilung zu je etwa 20000 Einwohner erfolgen. Man müsse den Sonntag als Wahltag erstreben; bei der Wähler⸗ liste müsse die Mogelei beseitigt werden. Durch die Stimmzettel in Kuverts sei ein weiterer Er⸗ folg erzielt. Wenn auch die wichtigsten Wünsche nicht erfüllt seien, so sei man doch nicht ohne Hoffnung. Die dreijährige Staatsangehörigkeit wirke sehr hindernd und das Wahlrecht der Haussöhne habe für seine Partei keinen Wert. Die heutige Vorlage biete viel weniger als die frühere, deshalb dürfe man nicht weiter zurück⸗ weichen. Die sozialdemokratische Partei vertrete nicht das Parteiinteresse, sondern nur das Prinzip des direkten Wahlrechts, denn dasselbe sei der Barometer der Stimmung im ganzen Lande. Die Einteilung der städtischen Bezirke solle ebenfalls die Vermehrung der Sozial⸗ demokraten hindern. Stolz ist Redner darauf, ein Revolutionär zu sein, doch gehöre er nicht in Gesellschaft von Schmitt und Gutfleisch; mit diesen wolle er nur das System des Fortschritts erhalten. Mit der Drohung aus der Wormser Ecke wolle man nur das Gruseln lernen, mit dieser Popanz richte man aber nichts aus. Ebenso wie man denjenigen einen Lügner nennen könne, der seine Parteifreunde vaterlandslose Gesellen nenne. Redner hat mehr glühenden Patriotismus, wie diese Lügner, die ihr Kapital in internationalen Geschäften anlegen, bayrische Majorate kaufen, argentinische Spekulation treiben und unter der Maske der Wohltätigkeit den Bauer aussaugen. Sie suchen als Stütze von Thron und Altar das Volk zu knechten. Was man von solchen morschen Stützen des Thrones zu halten habe, sei schon erwähnt, jene giftigen Molche aus der dunklen Wormser Ecke haben am allerwenigsten das Recht, sich als die Vaterlandsfreunde aufzuspielen, man sollte sie als dessen Totengräber bezeichnen. Diese Art der Tätigkeit mache den anderen klar, was sie von der Macht des Geldsacks zu halten haben, der jede andere Strömung niedertrete. Es sei ein von Worms ausgehender Ausfluß des Wahnsinns, der sich als Alleinbeherrs eher des Volkes aafspiele, der Regterung schon mehr Schwierigkeiten bereitet habe und dem sich die Heylsbande fügen müsse. Am Freitag sprach zunächst der nattonal⸗ liberale Häusel gegen den Dr. Schmitt. Buff(natl.) gab die Erklärung ab, daß sämtliche Mitglieder der natl. Fraktion mit Ausnahme der vier, die der Abg. Heidenreich vertrat und die sich offen als Gegner der direkten Wahl bekennen, Freunde der direkten Wahl seien und für das Gesetz eintreten wollten. Die Kautelen erschienen als völlig aus reichend. Der Antisemit Wolf spricht sich für die Vorlage aus. Das Streben, das von einer gewissen Richtung ausgeht, die Arbeiterschaft von der Anteilnahme auszuschließen, ist auf's höchste ungerecht und kann nur Zustände hervor⸗ rufen, wie sie in Sachsen bestehen.— Wind⸗ ecker⸗ Friedberg sieht auf dem Standpunkt der direkten Wahl, ergeht sich jedoch in Ausfällen gegen die Sozialdemokratie. Seinen Vorwürfen tritt Genosse Dr. David entgegen. Es sei gerade die Methode der Wormser Herren, den abwesenden Gegner zu beschimpfen. Dies habe Herr von Heyl bei den Angriffen auf den Abg. Ulrich bewiesen. Auf den Einwurf des Abg. Windecker, daß die Sozialdemokratie nach Ver⸗ elendung der Massen strebe, fragt Redner, ob die von seinen Parteifreunden angestrebte Ver⸗ besserung der Lage der niederen Beamtenklassen, Verbesserung der Fabrikinspektion, die Verbesse⸗ rung der Lage der Arbeiter, das Streben nach Koalitionsfreiheit der Arbeiter, das Streben nach besseren Arbeits- und Lohnbedingungen, das Streben nach Verbesserung des Steuer- systems, welches mehr den Großen belaste und den kleinen erleichtere, etwa als auf die Ver⸗ elendung der Massen gerichtet zu betrachten sei; gegen die soziale Gesetzgebung habe man seiner⸗ zeit gestimmt, weil dieselbe dem Volk das nicht bot, was es zu fordern berechtigt war. Weil man eben mit allen Mitteln bestrebt sei, das soziale Verhältnis der Arbeiter zu verbessern, darum sei Heyl der Todfeind der Sozialdemo⸗ kratie. Heyl verbiete seinen Leuten, sich zu koalieren, Versammlungen zu besuchen und ihm unangenehme Blätter zu lesen. Das Treiben Heyls, welches das politische Leben vergifte, wurde von allen Seiten des Hauses verurteilt, denn er sei als der Urheber all dieser Angriffe zu betrachten. Andere Parteien haben jetzt endlich auch einmal das Gebahren dieses Herrn kennen gelernt, welches die Sozialdemokratie schon lange kenne. Trotz aktenmäßiger Feststellung habe Heyl seinerzeit im Reichstage wider besseres Wissen falsche Tatsachen behauptet. Heyl sei im Ueb⸗ rigen durch dieses Gebahren der beste Agitator für die Sozialdemokratie, er sei bahnbrechend für die sozialdemokratische Bewegung. Der dem Genossen Ulrich gemachte Vorwurf, daß derselbe Revolutionär sei, sei insofern berechtigt, als er dahin strebe, eine gründliche Umgestaltung und Verbesserung der sozialpolitischen Verhältnisse herbeizuführen. Falsch sei, daß die Sozial⸗ demokratie an der Wahlkreiseinteilung mitge⸗ A8. — ritt rinser „ mit dus. enen döloe enden apital rische ation igkeit N als lü zu ichen schon inklen das ielen, chen. klar, halten trete. fluß her mehr ch die sonal⸗ hmitt. „daß mit eich r der srekten ollen. schend. ür die eiuer haft auß erbor⸗ ind⸗ kt der gallen vürfen 55 sei „ den J habe u Abg. Abg. h Ver er, ob e Ver⸗ lassen, ubesee⸗ reben eben. ungen, leuel⸗ 1. und e Uk en sel; selner⸗ f cht Well ei Das gesserl, ldemo⸗ d ihm Treiben erg, urlell, Nr. 28. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 3. wirkt habe, das sei für seine Freunde nur eine sekundäre Frage; denn wenn das Gesetz auch scheitern werde, könne man doch auch mit den seitherigen Verhältnissen dem Ziele zustreben. Ein neues Gesetz bringe der Sozialdemokratie vorest keine Vorteile, denn sie treibe keine Politik auf nahe Sicht, wer dies glaube, verstehe das Jas und die Bestrebungen der Partei nicht. as Volk müsse politisch denken lernen, dazu wolle man die Volksbildung haben. Dem Volk muß das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht gegeben werden. Nach einer Bemerkung Heidenreichs, der seine Gegnerschaft gegen die direkte Wahl be⸗ tont, wird die Generaldebatte geschlossen. Während der Generaldebatte war ein An⸗ trag von dem Bauernbündler Bähr und 25 Genossen eingelaufen, welcher für den Artikel 3 eee folgende Fassung vor⸗ ägt: Die Kammer der Abgeordneten wird gebildet aus 55 Abgeordneten und zwar: 1. Aus 12 Abgeordneten folgender Städte: Haupt- und Residenzstadt Darmstadt(mit Bessungen) 3, Provinzialhauptstadt Mainzz3, Provinzialhauptstadt Gießen mit Heuchel⸗ heim und Wieseck 2, Kreisstadt Offenbach 2, Kreisstadt Worms 2. 2. Aus 43 in den übrigen Gemeinden zu wählenden Abgeordneten; davon entfallen auf: die Provinz Oberhessen 14, die Provinz Rheinhessen 11, die Provinz Starken⸗ burg 18. Auf diesen Antrag hatten sich Bauernbündler, Zentrum und einige Nationalliberale geeinigt. Ursprünglich wollte man der Stadt Mainz noch Kastel und Kostheim zuteilen, wodurch auf jeden 6 0 34000 Einwohner entfallen wären. Dagegen wandten sich unsere Genossen mit aller Entschiedenheit und ste beantragten, die Worte„Kostheim und Kastel“ hinter Mainz sowie„Heuchelheim“ hinter Gießen zu streichen. Merkwürdigerweise erklärten jetzt sämtliche 26 Antragsteller, daß die Worte„Kastel und Kost⸗ heim“ vorher nicht im Antrag gestanden hätten, sondern von unbekannter Hand nachträg⸗ lich hineingefügt worden sein müßten. Sie be⸗ antragten dann selbst die Streichung der beiden Worte, nur verlangten sie, daß Heuchelheim bei Gießen verbleibe. Unsere Genossen ließen sich hierdurch bestimmen, ihren Antrag zurückzuziehen. Bei der nun folgenden Abstimmung wird Artikel 4, der das Prinzip des Gesetzes enthält und welcher lautet:„Die Zweite Kammer geht aus direkten Wahlen mit geheimer Abstimmung hervor“, mit allen 44 gegen die 4 nationalliberalen Stimmen der Abgeordneten Braun, Breimer, Heidenreich und Möllinger angenommen. — Zu Artikel 3, der die Zusammensetzung der Kammer behandelt, liegen außer der Regterungs— vorlage und dem Ausschußantrag noch zwei weitere Anträge vor, ein Antrag Korell und Genossen, der es bei der bisherigen Einteilung lassen will und der oben mitgeteilte Antrag Bähr. Die Freisinnigen erklärten sich gegen den neuen Einigungsantrag, der ihnen die Annahme des Gesetzes unmöglich mache, während Minister Rothe sich die Stellungnahme vorbehält. In namentlicher Abstimmung wird der Artikel 3 in der Fassung der Regierungs- vorlage mit 31 gegen 18 in der Fassung des Ausschuß antrages mit 26 gegen 23 und des Antrages Korell mit 35 gegen 13 Stimmen abgelehnt, in der Form des Antrages Bähr mit 37 gegen 10 Stimmen angenommen. Dagegen stimmten die vier Freisinnigen, fünf Nationalliberale und der Zentrumsabgeordnete Pennrich. Dann wird der Titel des Gesetzes genehmigt und damit erhält die Kammer, die früher die der„Landstände“ hieß, den Namen Landtag. Artikel 1, der das Zweikammer⸗ system ausspricht, wird gegen die Stimmen der Sozialdemokraten angenommen. Politische Nundschau. Gießen, den 7. Juni 1904. Die Hofbankiers der Kaiserin. Im Pommernbankprozeß ist am 1. Juli Konate gedauert hatte. Die Angeklagten Schulz und Romeick wurden wegen zwei Fälle der Untreue und drei Fälle einer Bilanz⸗ verschleierung und zwar Schultz zu 3½ Jahren Gefängnis und 30,000 Mk. Geldstrafe, Ro meick zu 3 Jahren Gefängnis und 6000 Mark Geldstrafe verurteilt. Beiden An⸗ geklagten wurden je 2 Jahre Gefängnis auf die Untersuchungshaft angerechnet. Von der Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte wurde Abstand genommen. Ein Antrag des Staats— anwaltes auf Wiederverhaftung der beiden An- geklagten wurde abgelehnt. Stadtbaurat Bohl wurde von der Anklage der Beihilfe freige- sprochen.— Nach Beendigung des Prozesses lief eine Notiz durch die Presse, daß sich die Verurteilten in die Sommerfrische begeben hätten um sich von den„Strapazen“ zu erholen! Wenn Streiksünder oder sozialdemokrattische Redak— teure verurteilt sind, läßt man sie in der Regel nicht in die Sommerfrische gehen!— — Das Interessanteste an diesem Prozesse ist aber nicht die Strafe, welche die Bankgauner traf, sondern der„Fall Mirbach“. Der wird noch nicht so schnell von der Tagesordnug verschwinden.— Es ist nicht aufgeklärt worden, wo die 325000 Mk. geblieben sind, welche Mirbach quittiert aber nicht erhalten hat und außerdem wird die Art, wie der Ober⸗ hofmeister die Mittel zu Kirchenbauten von Gläubigen und Ungläubigen zusammenbettelte, noch öfters Gegenstand der öffentlichen Dis⸗ kussion sein. Als ein nationalliberaler Ordnungsmann und Musterbürger von besonders edlen Qualitäten hat sich der Reichstagsabgeordnete Münch⸗ Ferber in dem Beleidigungsprozesse gegen den Spinnereidirektor Schmid erwiesen, der kürzlich vor dem Landgerichte Hof verhandelt wurde. Wir haben denselben in der vorigen Nummer bereits erwähnt; aus der Urteilsbegründung sind aber noch einige interessante Feststellungen nachzutragen. Es wurde darin ausgeführt: „Der Gerichtshof hat die Ueberzeugung erlangt, der Privatkläger Münch-⸗Ferber habe be⸗ wußterwetse durch Vorspiegelung fal⸗ scher Tatsachen die Erben seines verstorbenen Sozius einschüchtern wollen, um sie von gericht⸗ lichen Schritten in Sachen der Erbschaftsaus⸗ zahlung abzuhalten. Der Gerichtshof erachtet also in diesem Punkt den Wahrheitsbeweis für vollständigerbracht.“ Ein weiterer Passus in der Urteilsbegründung lautet:„Der Ge⸗ richtshof erblickt in der Bilanzaufstellung eine absichtliche Benachteiligung der Er- ben. Ein Mann von der Bildung und Ge⸗— schäftskenntnis des Privatklägers mußte wissen und hat es auch gewußt, daß durch eine solche Bilanzaufstellung die Erben benachtetligt seien.“ Damit wird der nationalliberalen Staats- stütze das denkbar schlechteste Zeugnis ausgestellt, das ihn politisch unmöglich machen muß. Der Herr Kommerzienrat wird schleunigst sein Reichs⸗ tagsmandat niederlegen müssen, wenn er nicht riskieren will, daß ihn die Wähler des Wahl- kreises Hof zum Teufel jagen.— Was wäre aber ein Geschrei in der Ordnungspresse, wenn einem Sozialdemokraten Derartiges ge—⸗ richtlich bescheinigt würde! Königsberger Hochverratsprozeß. Bekanntlich wurden bereits vor mehr als einem halben Jahre in Königsberg mehrere Genossen unter der Anschuldigung verhaftet, sich durch Verbreitung russtscher sozialdemokratischer Schriften einer Beleidigung des Zaren und der Beihilfe zum Hochverrat schuldig gemacht zu haben. Die Angelegenheit kam bereits auch im Reichstage zur Sprache. Nunmehr ist den Angeklagten die Auklageschrift zugegangen und der Termin sehr eilig bereits anf den 12. Juli festgesetzt worden. Man läßt also den Ange⸗ klagten nur wenige Tage Zeit ihre Verteidigung vorzubereiten, wahrend der Staatsanwalt zur Vorbereitung beinahe dreiviertel Jahre gebraucht hat. Man darf gespannt sein, was bei der anzen Affaire herauskommen wird. Angeklagt finde der Barbter Max Nowakrotzkt in Königs- berg, der Rendant der Orts⸗Krankenkasse Otto das Urteil gefällt worden, nachdem er zwei Braun in Königsberg nebst 7 Gen., darunter der Expedient an der Buchhandlung Vorwärts Pätzel in Berlin. Nicht eröffnet ist das Haupt⸗ verfahren gegen Redakteur Quessel in Stettin, der gleichfalls von der Staatsanwaltschaft angeklagt ist. Fromme Moral. Auf der Jahresversammlung des württem— bergischen gerztlichen Landesverein, welche vorige Woche in Ulm tagte, wies Dr. Beck⸗Mengen daraufhin, daß nach seiner Erfahrung aus den Oberämtern Riedlingen und Saulgau, die be— kanntlich eine hohe Kindersterblichkeit haben, der Hauptgrund für den Rückgang des Stillens und der dadurch bedingten Kinder- sterblichkeit nicht in der Bequemlichkeit der Frauen oder in der Furcht derselben vor einer Brust— erkrankung zu erblicken sei, sondern einfach darin, daß die Leute wollen, daß die Kinder sterben! Es komme tatsächlich vor, daß man einer Frau zum Tode ihres im Säuglings⸗ alter verstorbenen Kindes gratuliere! Es heiße dann einfach:„Der Herr hats geholt!“ — Vor Kurzem hat schon ein katholicher Lehrer auf diese Tatsache aufmerksam gemacht. Es muß hervorgehoben werden, daß jene Aemter sehr fromme Gegenden und Zentrums— domänen sind. Mimister⸗Ansichten über die Ehe. Die preußischen Minister leisten sich des Oefteren artige Redeblüten. Vorigen Donnerstag wurde im preußischen Herrenhaus ein Gesetzent⸗ wurf über die Kapitalserhöhung der Seehand— lung beraten und mehrere Redner erklärten, trotz mancherlei kritischen Randbemerkungen für den Entwurf stimmen zu wollen. Darauf ant⸗ wortete der Finanzmintster, v. Rheinbaben, daß es ihm nicht auf die Motive ankomme, auf Grund derer die Redner abstimmten, sondern auf die Tatsache selbst und in kühner Bilder⸗ sprache erklärte er: „Wenn ich ein Mädchen heiraten will, kommt es mir nur darauf an, ob sie ja sagt, die Motive sind mir ganz gleich- gültig.“ Her v. Rheinbaben betrachtet also die Braut— werbung ausschließlich vom Standpunkt der Kapitalserhöhung. Kommt die zustande, sind Motive„janz ejal“. Die Ansicht, daß das einzig sittlich mögliche Motiv der Heirat— Liebe sei, ist zwar noch immer weit verbreitet, aber durchaus nicht erstklassieg. Der Minister hat damit ungewollt die Sittenbegriffe jener„besseren Kreise“ zum Ausdruck gebracht, welche der Sozial demokratie die Zerstörung der Ehe vorwerfen Wahlen in Holland. Bei den Wahlen zu den„Provbinzialstaaten“ (Provinziallandtage) in Holland siegten in den Stichwahlen meist Liberale zum Teil mit Hilfe der Sozialdemokraten. In Amster dam siegte im dritten Kreise der Sozialdemokrat J. L. Tak mit 2500 Stimmen gegen 2 465, die auf den Liberalen fielen. Genosse van der Goes fiel aber mit 2298 Stimmen gegen einen auderen Liberalen durch. Soziales, Gewerkschastliches, Arbeiterbewegung. Schutz dem Streikbrechertum! Das Schöffengericht Wilhelmshaven verurteilte zwei Schneidergehülfen, die ein paar Arbeits— willige belästigt, beleidigt und bedroht haben sollen, zu zwei und drei Wochen Gefängnis. — Das Schöffengericht in Crimmitschau ver⸗ urteilte Weber Götz und Feuermann Hofmann wegen Beleidigung, den ersten zu drei Tagen Gefängnis und den anderen zu 15 Mk. Geld- strafe. Beide haben einen arbeitswilligen Weber, der während der Crimmitschauer Bewegung die Arbeit fortgesetzt hatte, beleidigt, weil sie auf einem Tanzsaale gerufen hatten, wenn der Streikbrecher nicht herunter gehe, werde nicht weiter getanzt. Solche schwere Beleidigungen müssen natürlich auch mit Gefängnis geahndet werden.— Zwei Maurer in Gera erhielten je etage Woche Gefängnis wegen Beleidigung einiger Streikbrecher, die sich gar nicht beleidigt gefühlt und auch keinen Strafankrag gestellt hatten. —.— — — — f — r — — Seite 4. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 28. Einen Landarbeiterstreik gab es kürz⸗ lich in der Polackei. Auf dem Besitze des Fürsten Thurn und Taxis in dem Dorfe Glogawa bei Inowrazlaw traten die Domanialleute in den Streik. Der Grund war der folgende: Der Herr Pächter forderte, daß die Leute jetzt zur Sommerzeit von 3 Uhr früh bis 10 Uhr abends arbeiten. Die Leute fühlten sich durch die Mehrforderung des Pächters benachteiligt und forderten auch die Erhöhung des Lohnes und der Bezahlung der Dienstleute, denen jetzt nur 40 Pfennig pro Tag gezahlt wurden — und für das Vieh, das sie bei der Herrschaft hatten, forderten sie grünes Futter. Nachdem diese Wünsche abgelehnt wurden, legten die Veute die Arbeit nieder und gingen nach Hause. Der Streik wurde durch die fürstliche Verwal⸗ 0 an welche sich die Arbeiter wandten, bei⸗ gelegt. — Von Nah und Lern. Hessisches. — Die Zweite Kammer setzte am Donnerstag die Beratung der Wahl vor⸗ lage fort und genehmigte die einzelnen Ar⸗ tikel bis Art. 17. Gen. David wandte sich lan gegen die Einschränkungen des Wahl⸗ rechts. — Der Prozeß wegen der Kriegs- briefe des Generals Kretschmann, der gegen die Mainzer„Volksztg.“ angestrengt und für den Termin nach wiederholten Vertagungen auf vergangenen Montag angesetzt war, wird nun nicht verhandelt werden. Die Staatsanwalt⸗ schaft hat unserm Mainzer Parteiorgan mitge⸗ teilt, sie werde veranlassen, daß die Verhandlung nicht erfolgt, nachdem die„Volksztg.“ erklärt, daß sie durch Ermittelungen, besonders auch in Sens, einen Irrtum des Generals Kretschmann insofern festgestellt habe,„als hessische Feld⸗ zugsteilnehmer für die aus Sens gemeldeten Ausschreitungen nicht verantwortlich gemacht werden können. Der am 12. und 13. No⸗ vember 1870 in Sens einquartierteu 2. Kom⸗ pagnie des hesstschen Garde⸗Jäger⸗Bataillons— Kompagnie Balser— wird von den Einwohnern der Stadt Sens ein durchaus korrektes Ver⸗ halten nachgerühmt, und diese Kompagnie lobend in Gegensatz zu anderen nicht⸗hesstschen Truppen⸗ teilen gearacht. Wir behalten uns vor, fügt die„Volksztg.“ hinzu, die Ausschreitung in Sens nach dem Ergebnis unserer seitherigen Ermittelungen nochmals zu besprechen und dabei zu erklären, wie die Verwechselung in den Kretschmann⸗Briefen möglich war.“ Der„Gieß. Anzeiger“ spricht unverschämter Weise bei Abdruck dieser Erklärung von unserm Mainzer Parteiorgan als einem Blatt„das mit Vorliebe seine Landsleute beschmutzt“. Die Kriegsbriefe stammen von einem stock⸗ preußischen patriotischen General! — Gemeindewahlen. Eine außer⸗ ordentlich rege Beteiligung war bei der Ge⸗ meinderatswahl in Kelsterbach a. M. zu beobachten, 93 Prozent der Wahlberechtigten schritten zur Urne. Zum ersten Male trat der Arbetterwahlverein mit eigenen Kandidaten auf mit dem Erfolge, daß von 3 aufgestellten Ge⸗ nossen Georg Dieter mit 159 Stimmen gewählt worden ist. Unsere anderen beiden Genossen sind gegen sieben Gegenkandidaten mit ungefähr 30 Stimmen in der Minderheit ge⸗ blieben. Dieses Resultat ist der angestrengten Tätigkeit der Genossen zu verdanken, welche sich mit allen Kräften der Agitationsarbeit gewidmet haben. Auch das Verhalten des dortigen Bürger⸗ meisters trug mit dazu bei. Dieser erlitt bei einer voraufgegangenen Wählerversammlung eine empfindliche Niederlage und löste dann die Ver⸗ sammlung auf!— In Rüsselsheim a. M. brachte unserer Partei die Gemeindewahl einen glänzenden Sieg. Es waren vier Ge⸗ meinderatsmitglieder zu wählen. Die Wahl⸗ beteiligungwar eine äußerst rege, von 758 Wahl⸗ berechtigten übten 548 ihr Wahlrecht aus. Es entfielen auf unsere Kandidaten Georg Jung 388, Wilh. Reiber 390, Peter Jung 350 und Wilh. Schildge 327 Stimmen. Die Gegenkandidaten brachten es nur von 33 auf 148 Stimmen. Unsere Genossen sind daher gewählt. In der Opel'schen Fabrik versucht man mit allen Mitteln unsern Sieg zu verhindern. Für den Fall, daß Genosse Jung aus dem Gemeinderat verdrängt würde, wurden bis zu 1000 Liter Bier ange⸗ boten. Aber die Arbeiterschaft ließ sich nicht irre führen und so wurden durch einmütiges und geschlossenes Vorgehen die Gegner vollständig geschlagen.— In Rumpenheim unterlag die Liste unserer Partei. Gießener Angelegenheiten. — Dummdreiste Amtsblatt⸗Kritik. Der deutsche Arbeiter⸗Turnerbund hat ein Liederbuch herausgegeben. Dessen In⸗ halt hat bei der Zeitschrift„Deutsche Fortbil⸗ dungsschule“ Anstoß erregt und der„Gießener Anzeiger“ nimmt in seiner Donnerstagnummer ebenfalls Aergernis an den Liedern, die aller⸗ dings von freiheitlichem Geiste durchweht und weit entfernt sind von blöder Verherrlichung des Mordspatriotismus und der Monarchen⸗Ver⸗ himmelung. Folgende Proben, welche die ge⸗ nannte Zeischrift abdruckt, findet der Anzeiger besonders„aufreizend“: „Wer ward von je geknechtet Von der Tyrannenbrut? Wer mußte für sie kämpfen Und opfern oft sein Blut? O Volk, erkenn, daß du es bist, Das immerfort betrogen ist!“ Ei, das ist doch ganz hübsch und was die Hauptsache ist, hier wird die pure, blanke Wahrheit ausgesprochen, wie jeder Arbeite: dem Anzeiger bestätigen wird. Das Amtsblatt mag aber die Wahrheit auch im Liede nicht leiden. Weiter sagt das Blatt:„Wer die Verhältnisse kennt lacht zwar über die folgende Strophe“: „Wer müht sich um geringen Sold Bis in die Nacht vom lichten Morgen? Wer schafft den Mächtigen das Gold Und darbt daheim in Not und Sorgen? Wer gibt, zum Hungern selbst verdammt, Das üpp'ge Mahl, dran ihr euch weidet? Wer gibt es euch: Der Arbeitsmann Wer die Verhältnisse kennt, und nicht Reptil⸗ Redakteur mit 5—6000 Mark Gehalt ist, wird die Richtigkeit des hier Ausgesprochenen anerkennen müssen.— Das„Lied von der deutschen Treue“ von Ludwig Pfau, worin folgender Vers vorkommt: „Der Herrscher lehrt uns Politik Ganz gnädig mit dem Kantschu, Wir beugen selig das Genick Und küssen ihm den Handschuh. hätte der Anzeiger eigentlich schon längst unter seine staatsretterische Lupe nehmen können, denn es ist schon ein halbes Jahrhundert alt. Aber es trifft heute noch ebenso zu wie damals, wie sich der Anzeiger bei jeder Kriegervereinsfestrede und vielen anderen Gelegenheiten überzeugen kann. Ist es ihm lieber und entspricht es sei⸗ nem ethischen Empfinden und künstlerischem Geschmacke besser, wenn die jungen Leute die blöden und unstttlichen Soldatenlieder gröhlen? Wenn zum Beispiel: „Wenn Blut an unsern Säbeln fließt, Dann haben wir frohen Mut.“ zum Steinerweichen geblökt wird?— Uebrigens hat auch der langjährige Vorsitzende des na⸗ tionalen deutschen Turnerbundes, der frühere nationalliberale Reichstagsabgeordnete Dr. Götz ähnliche Verse, wie die vom Anzeiger kri⸗ tisterten verbrochen. Wir wollen sie ihm in der nächste Nummer unter die Nase halten. Aus dem Rreise gießen. n Altenbuseck. Der Volksverein beteiligt sich im Anschlusse an den Gesangverein„Germania“ an dem Stiftungsfest der„Eintracht“ is Krofdor f. Zum Abmarsch dorthin eventl. pro Wagen wollen sich die Mitglieder um 11 Uhr bei Wirt Wilh. Becker ein⸗ finden. — Ein Großfeuer brach in der Nacht zum Sonntag in Allendorf a. d. Lumda aus. 12 Gebäude mit Einschluß der Scheuern find ein Raub der Flammen geworden, außerdem sind noch eine Anzahl schwer be⸗ schädigt. Das Feuer entstand in dem Hause des Kauf⸗ manns Reuning, dessen Frau und Kind nur mit Mühe gerettet werden konnten, auf bisher nicht aufgeklärte Weise. Auch ein Menschenleben ging dabei zu Grunde. Bei den Löscharbeiten stürzte eine brennende Wand auf den Schreiner Reinhardt, der dabei schwere Brandwun den erlitt und kurz nach seiner Einlieferung in die Gießener Klinik verstarb. Ein anderer Mann erlitt einen Schenkelbruch. Der Trümmerhaufen rauchte noch am Dienstag. Aus dem Rreise Alsfeld⸗Cauterbach b. Mit der hessischen Wahlreform be⸗ schäftigte sich eine Protestversammlung, die am Samstag im Saale„Zum deutschen Kaiser“ unter Vor⸗ sitz des Bürgermeisters Arnold stattfand. Landtagsabg. Reh trat als Referent über die Wahlreform auf und erstattete zugleich Bericht über seine Tätigkeit im Land⸗ tage. Er wies zunächst darauf hin, daß das direkte Wahlrecht mit allen gegen 4 Stimmen angenommen worden sei. Dagegen wäre bei der Wahlkreiseinteilung der reine Kuh handel getrieben worden, dem er kaum noch mit zu⸗ sehen konnte. Daß man einer Stadt wie Alsfeld, die seit 85 Jahren ihren Abgeordneten hat, dieses Recht nimmt und in die Landgemeinden aufteilt, sei das Un⸗ gerechteste.(Wieso? Mit demsel bem Rechte könnten Büdingen, Llzey und Oppenheim einen Abgeordneten fordern. D. Red.). In den größeren Städten würden die Sozialdemokraten durch die Einteilung am besten abschneiden.(22) Herr Reh verschwieg aber, daß er im Landtage erklärt hat, er verzichte lieber auf das direkte Wahlrecht, als daß er die alten Rechte von Alsfeld preisgebe. Das steht doch im Widerspruch mit dem, was er seinen Wählern versprochen hat.— Die Ver⸗ sammlung war nicht gut besucht, etwa 180 Personen, meist den„besseren Kreisen“ angehörig, waren anwesend. Von den Antisemiten und den Sozialdemokraten waren nur Einzelne vertreten. Eine Diskussion fand nicht statt. (Dem freisinnigen Proteste sich anzuschließen, haben unsere Genossen keine Ursache. D. Red.). Aus dem Rreise Wetzlar. h. Zur Gewerbegerichtswahl sind Stimm⸗ zettel für die Kandidaten der organisierten Arbeiter bei den Vorständen der Gewerkschaften zu haben.— Bekanntlich findet die Wahl nächsten Freitag in Wetz⸗ lar, Braunfels, Ehringshausen, Krof⸗ dorf und Rodheim mittags von 11—1 Uhr, in Wetzlar auch von 7—8 Uhr abends statt.— Wie wir hören, sind von mehreren Arbeitern Eingaben an das Landratsamt abgegangen, welche um Verlegung der Wahlzeit auf nachmittags von 4—8 Uhr ersuchen. Tatsache ist allerdings, daß bei der jetzt festgesetzten Wahlzeit der großen Mehrheit der Arbeiter die Teilnahme an der Wahl einfach unmöglich ist. Wenn aber auch diese Eingaben keinen Erfolg haben sollten, so müssen trotzdem alle Arb eiter, die es irgend ermöglichen können, zur Wahl gehen. h. Bildung und Besitz. Von den Ordnungsleuten und ihrer Presse werden diese beiden Worte immer zugleich genannt und damit will man behaupten, daß die Besitzenden auch die Gebildeten seien, denen deshalb auch mehr Rechte gebührten als den Angehörigen der besitzlosen und deshalb„ungebildeten“ Klasse. Daß aber Bildung nicht mit dem Zesitz zunmmmt, bei bielen Leuten das Verhältnis ein umgekehrtes ist, beweist die tägliche Erfahrung.— Wahre Bildung zeigt z. B. der Arbeitgeber in der an⸗ ständigen Behandlung seiner Arbeiter. Bei der Firma M. Hensold u. Söhne, Wetzlarer op⸗ tische Werke konnten die sich dort Beschäf⸗ tigten in dieser Beziehung niemals beklagen. Sie wurden jederzeit und besonders auch von dem verstorbenen Chef der Firma, Herrn Hensoldt sen. mit Achtung und Anstand be⸗ handelt. Das hat sich leider geändert, seit Herr Ohlenburger, mit dem wir uns schon bei verschiedenen Gelegenheiten zu beschäftigen hatten, Teilhaber der Firma geworden ist. Dieser Herr beliebt im Verkehr mit den Arbeitern und Angestellten einen Ton anzuschlagen, den diese durchaus nicht gewohnt sind und der den einfachsten Begriffen von Anstand ins Gesicht schlägt. Kürzlich, als er die Arbeit der Ju⸗ stierer der Prisma⸗Fernrohre besichtigte, schrie er diese an:„Die Dinger sehen ja aus, als ob die Kühe hineingesch... sen hätten! Gerade als ob sie mit Rotz geputzt wären!“ Gegenüber solchen Feinheiten waren die Leute natürlich sprachlos, obwohl sie in der letzten Zeit schon etwas gewohnt geworden sind. Fachleute ver⸗ sicherten uns, daß es äußerst schwierig ist, die Fernrohre absolut staubfrei zusammenzusetzen. Das muß Herr Ohlenschlager wissen und darum ist sein Auftreten umso verurteilenswerter Nhe klärte rüde. b auf unden ener einen 9 am U he⸗ e am F Por aabg. f und Land⸗ ditelte worden keine it zu⸗ id, die Recht 1 Un⸗ könnten idneten würden besten er im direkte Atseld it dem, e Ver⸗ ersonen, swesend. waren t fat n unsere tium⸗ Arbeiter ben.— Wetz⸗ Krof⸗ uhr, in Wie wir an das ug der ersuchen, igesetten ellnahme er auch h müsen önnen, n den n diese 9 damit 1 auch 9 naht en der lasse. um, clehrles Pahte der all Bei der ner ob⸗ ech. elagel. auch — Nr. 28. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. Die Angestellten sollen beabsichtigen, Herrn O. Knigge's Umgang mit Menschen zu stiften. E, Krofdorf. Auf das Stiftungsfest des Gesangvereins „Eintracht“, welches hier diesen Sonntag und Montag (10. und 11. Juli) abgehalten wird, machen wir die befreundeten Sänger, sowie überhaupt alle Arbeiter und Parteigenossen der Umgebung nochmals aufmerksam. Das Festkomitee hat das Möglichste getan, um unsern Festgästen den Aufenthalt angenehm zu machen und es darf wohl eine zahlreiche Beteiligung erwartet werden. Das Fest beginnt halb 3 Uhr. Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain. r. Merkwürdige Gastlichkeit. Am vortgen Sonntage sollte der Bahntunnel einge⸗ weiht werden. Aus diesem Anlaß plante der Schützenverein ein 4 tägiges Fest. Während der Maureraussperrung'lieb aber auch der Tunnel liegen; nur ein paar zur Not aufgetriebene Streikbrecher arbeiteten Tag und Nacht weiter. Das half aber auch nichts, der Tunnel wurde nicht fertig. Trotzdem feierte man „Einweihung“ und man lud dazu die Maurer sowie die ebenfalls dabet beschäftigten Maler zu einem Festessen ein. Diese leisteten der Ein⸗ ladung Folge. Als sich die arbeitswilligen Maurer zu Tisch gesetzt hatten, sagte man den Malern, sie müßten warten, ob die Maurer etwas übrig ließen und nur dann könnten sie etwas bekommen. Natürlich bedankten sich die Maler dafür, wie sich jeder anständige Mensch bedankt haben würde, und verließen lachend das Schützenhaus, wo man so eigen⸗ tümliche Gastfreundschaft betätigt. r. Beamtenkrieg. Ein kleiner Krieg ist zwischen der Marburger Beamten vereinigung und der großen Mehrzahl der Stadtverordneten ausgebrochen. Der Grund dazu war folgender: Da den Beamten es ver⸗ boten worden war, sich dem Konsumverein anzuschließen, so versuchten sie es auf eine andere Art, sich billigere Lebensmittel zu verschaffen. Zu diesem Zwecke hatte der Beamtenverein Abmachungen mit einigen Krämern am Orte getroffen. Infolgedessen waren die Beamten gezwungen, nur an bestimmten Stellen zu kaufen, wo ihnen dann einige Prozent Rabatt gewährt wurde. Um die Sache in richtige Leitung zu bringen, hatte ein Beamter auf seinem Bureau eine Art Zentrale errichtet. Die Angelegenheit hat in der Bürgerschaft viel Staub aufgewirbelt, da sich die Geschäftsleute benachteiligt sehen. Einige Stadtverordnete brachten die Sache deshalb in dem Stadtparlament zur Sprache, wobei das Vorgehen der Beamten von den meisten Rednern verurteilt wurde, es sei von den Beamten unschön, wenn sie von den Gewerbe⸗ treibenden Prozente verlangten und dazu noch einen Monat Kredit. Arbeiter dagegen bekommen nichts ohne Geld! Nur Stroinsky verteidigte die Be⸗ amten⸗Vereinigung. Der Oberbürgermeister erklärte, von der Sache nichts zu wissen. — Eine Versammlung der Bau⸗ hilfsarbeiter, findet diesen Samstag, den 9. Juli abends ½6 Uhr im Lokale des Herrn Hildmann statt. C. Mäckelmann⸗Frankfurt wird über die Lohnverhältuisse der Bauarbeiter sprechen. — Das diesjährige Gewerkschafts⸗ fest findet am 31. Juli auf der Schanze statt. Kleine Mitteilungen. * Auf dem Gießener Rangierbahnhofe wurde der Bahnarbeiter Spengler aus Kützellinden schwer verletzt aufgefunden, Er ist jedenfalls überfahren worden. r Todschlag. Zwei Steinbruchsarbeiter aus Rüddingshausen gerieten auf dem Heimwege in Streit, wobei der eine seinen Kollegen niederschlug und ihm dann den Hals durchschnitt. Der Täter ist flüchtig. k Die Unterschlagungen der Buchhalterin Fretwurst in Mainz betragen 41000 Mark, nicht bloß 10 000 wie infolge eines Druckfehlers in voriger Num⸗ mer zu lesen war. g * Neubau⸗Einsturz. In Pfungstadt stürzte am Samstag der Neubau des Schweinehändlers Becker ein. Nach dem Urteil von Fachleuten soll schlechtes Material verwendet worden sein und außerdem waren nur Streikbrecher an dem Bau beschäftigt. Es ist also gar kein Wunder, wenn das Haus einstürzte. r Ein Familiendrama. Vinzefeldwebel Klein⸗ schmidt in Göttingen verletzte seine Frau und sein Kind mit einem Rasiermesser schwer und schnitt sich dann selbst den Hals durch. * Opfer der Arbeit. Aus dem Essener Be⸗ zirke kommen fortgesetzt Nachrichten über Unglücksfälle mit tötlichem Ausgange. Auf der Zeche Kaiserstuhl wurde der Arbeiter Fritz durch ausströmenden Dampf zu Tode ver brüht.— Auf der Zeche Schleswig wurde der Bergmann Heimplatz durch niedergehendes Gestein erschlagen.— Dem Bergmann Compagna auf der Zeche„Concordia“ wurde durch einen zu spät losgegangenen Sprengschuß der Kopf buchstäblich vom Rumpf gerissen.— Ferner geriet auf den Hörder Eisen⸗ werken der Rangierer Dederowski zwischen die Puffer zweier Wagen und wurde getötet. Ein betrügerischer Hauptmann. Nach mehrtätiger Verhandlung verurteilte das Kriegsgericht der vierten Division in Brom⸗ berg den Hauptmann Schotte vom 140. In⸗ fanterie⸗Regiment in Inowrazlaw wegen be⸗ günstigter Unregelmäßigkeiten, die beim Schießen seiner Kompagnie um den Kaiserpreis vorge⸗ kommen sind, zueinem Jahre vier Monaten Gefängnis und Ausstoßung aus dem Heere. Die Verhandlung fand unter dem Ausschlusse der Oeffentlichkeit statt. Aufgelöster Schulvorstand. Die Regierung in Osnabrück löste den evan⸗ gelischen Schulvorstand in Bra msche auf, weil dessen Mitglieder dem sozialdemokra⸗ tischen Wahlverein angehörten. Jedenfalls sorgte dieser Schulvorstand, wie es seine Pflicht ist, für das Wohl der Schule und Weiterent⸗ wickelung auf dem Gebiete des Schulwesens, derartige Bestrebungen sieht man aber in ver⸗ schiedenen Gegenden Deutschlands nicht gern. Schwere Schiffskatastrophe. Am vorigen Dienstag stieß der auf der Fahrt von Kopenhagen nach New⸗York befindliche dänische Dampfer„Norge“ auf die Klippen des Rockhallriffes, 200 Meilen westlich von den Hebriden und sank kurz darauf. Der Dampfer hatte an einer Seite ein so großes Leck, daß das Wasser mit großer Gewalt eindrang und Alles überflutete, so daß jede Hoffnung rasch entschwand. Die acht Boote des Schiffes wurden darauf zu Wasser gelassen; drei von ihnen zer⸗ schellten an der Bordwand des Schiffes, während es von den übrigen 5 Booten, die mit Passa⸗ gieren dicht besetzt waren, nur zweien gelang, vom Schiffe abzukommen. Von den etwa 800 Passagieren sind nur 132 gerettet. Russisch⸗japanischer Krieg. In der Mandschurei ist die Regenzeit einge⸗ treten. Ueberschwemmungen machen die Wege unpassier⸗ bar und die Bewegung der Truppen fast unmöglich. Die Russen sollen dadurch in ihrer Kampfstellung am empfindlichsten leiden; sie haben durch die Wassersnot auch Menschenverluste erlitten, Von Kämpfen wird berichtet, daß am 4. Juli der von den Japanern besetzte Motien paß von zwei russischen Batalltonen angegriffen wurde. Die Russen wurden zurückgeschlagen, worauf sie noch dreimal den Angriff wiederholten, ehe sie sich gänzlich geschlagen zurückzogen. Die Japaner verfolgten sie. Vom 6. Juli wurde berichtet: Japanische und rus⸗ sische Streitk äfte stehen augenblicklich bei Kaiping im Gefecht. General Kuropatkin hat 30000 Mann zur Verstärkung gesandt; die russische Stellung befindet sich bei Taschsitschiadz.— Aus Liaujang, dem russischen Hauptquartier, wurde gleichzeitig gemeldet, daß ein japanisches Corps von 20000 Mann auf Mukden marschiere und eine Umgehung behufs Abschneidung des Feindes herbeiführen wolle. Partei-Uachrichten. Anträge zur Landeskonferenz. Der Vorst und des Sozialdemokratischen Vereins zu Urberach beantragt:„Die Verhandlungen der Landes⸗ konferenz sind, analog dem Parteitags- Protokoll, steno⸗ graphisch niederzulegen und als Protokoll zu möglichst niedrigem Preise den Parteigenossen zugänglich zu machen. Dem Protokoll ist beizufügen ein Ueberblick über die hessischen Staatsfinanzen(Etat), der Tätigkeitsbericht des Landeskommitees, der Bericht des Landes⸗-Kassierers sowie wichtige Vorgänge politischer oder wirtschaftlicher Natur im Hessenlande.“ Die Alzeyer Genossen beantragen:„Die am 30. und 31. Juli tagende Landeskonferenz wolle beschließen, die nächste Landeskonferenz in Alzey abzuhalten.“ Dit Kreiskonferenz des Wahlkreises Er bach⸗ Bensheim ersucht die Landeskonferenz bei dem Landes⸗ komitee dahin wirken zu wollen, in unserem Wahlkreis Unterrichtskurse ins Leben zu rufen, zwecks Aus⸗ bildung von Referenten und Agttatoren zur billigeren und besseren Bearbeitung unseres Kreises. Der Arbeiter⸗Wahlverein Worms beantragt: 1. Das Landeskomitee zu beauftragen, einen Ref e⸗ rentennachweis zu organisieren, sodaß zu jeder Zeit, insbesondere bei der Maifeier, bei Protestbe⸗ wegungen ꝛc. Referenten zu haben sind. 2. Jedes Jahr hat das Landeskomitee Situations⸗ fragebogen herauszugeben, aber in besserer Form wie die des Jahres 1903. 3. Die auf der Landeskonferenz in Steinbach be⸗ schlossenen MWitgliederlisten und Kassen⸗ bücher sind gebunden herauszugeben, ähnlich wie die der Gewerkschaften. Der Arbeiter⸗Wahlverein Griesheim beantragt: Die Landeskonferenz möge beschließen, daß die Organi⸗ sationen gleich hohe Beiträge erheben und nicht unter 20 Pfg. Das Landeskomi bee beantragt, zu beschließen: Vom 1. Januar 1905 ab ist vom L.⸗K. ein Wochen⸗ blatt als Landesorgan herauszugeben. Das L.⸗K. wird beauftragt, nochmals zu versuchen, ob das im Anschluß an die„Mitteld. Sonntags⸗Ztg.“ möglich ist; im Fall das unmöglich sein sollte, hat das L.⸗K. die Herausgabe in Verbindung mit dem„Offenb. Abendbl.“ zu veranlassen. Zur Landeskonferenz in Pfungstadt. Hierdurch machen wir die Genossen, die als Delegierte gewählt sind, nochmals darauf aufmerksam, daß ste sich wegen Nachtquartier rechtzeitig an den Genossen Georg Raab, Zigarrenarbeiter, Pfung⸗ stadt wenden, damit Vorsorge getroffen werden kann. Versammlungskalender. Samstag. den 9. Juli. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb(Wiener Hof). Vortrag: Kosten des Lebenshaltung. Ref. Vetters. Metallarbeiter Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. — Brauerverb and. Gen eralversammlung abends 8 Uhr bei Löb. Heuchelheim. Arbeiterbildungsverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei A. Rinn. Montag, den 11. Juli. Gießen. Schneider verband. Versammlung bei Orbig. Christlich-soziale Verdunkelungs-Taktik. Meinen Bemerkungen in den beiden letzten Nummern über die Entstellungen, welche sich die Stöckerianer bei ihrer Agitation leisten, muß ich noch einiges hinzufügen. Es erhellt daraus, daß die Leutchen, um ihre Karre vorwärts zu bringen, diese kleine Mittelchen durchaus nicht verachten, dieweil es ihnen au großen fehlt. Ihre Bettelsuppenpolitik ist nicht geeignet, die Massen des Volkes zu begeistern, darum arbeiten sie mit den bekannten und bewährten Mitteln in Bekämpfung der Sozial⸗ demokratie Es mag sein, daß sie damit bei rückständigen und unwissenden Leuten, deren es ja leider! in unserem Wahlkreise noch eine schwarze Masse giebt, noch anlanden können. Darum müssen diese Taschenspieler⸗Kunststückchen festgenagelt werden. So läßt Dr. Burckhardt in einem seiner Reichs⸗ tagsberichte in seinem Herborner Blatte den Grafen Posadowsky bei der Debatte über das Gesetz betr. Wohnungsgeld⸗Zuschuß folgendes ausführen: „Den Weg welchen der Reichstag wolle, den Beamten ungefähr den ortsüblichen Metspreis zu zahlen, wie es Abg. Dr. Burckhardt in seiner Rede bei der ersten Lesung gefordert hat, sei zu kompliziert und es mache unendliche Arbeit, um dies festzustellen, jedenfalls sei dies in zwei Jahren nicht zu machen.“ Um diese Ausführung glaubwürdig zu machen, fügt angeblich die Redaktion des„N. V.⸗Fr.“ in Klammern bei:(Warum nicht? der Reichstag hat dies seit Jahren gefordert, also etwas mehr Dampf dahinter. Die Red.) Die Form dieser an⸗ geblichen Ausführung ist so spitzfindig zusammengesetzt, daß man glauben kann, der Staatssekretär habe tatsäch⸗ lich sich auf Burckhardts Ausführungen bezogen. In Wirklichkeit ist dies aber eine plumpe Entstellung. Nach dem Protokoll der 28. Sitzung Seite 31673169 D hat Graf von Posadowsky weder in seinen Ausführungen, den Namen oder die Ausführungen Burckhardts berührt, noch ist er auf den Vergleich mit den ortsüblichen Miets⸗ preis zurückgekommen. Burckhardt scheut also vor nichts zurück, um sich selbst zu beweihräuchern. Gerade bei dieser Gelegenheit hat die Sozialdemokratie auch durch den Gen. Singer energisch die Interessen der kleinen Beamten vertreten und die Erhöhung des Wohnun, szuschuß auch für kleine Beamten verlangt, während die um Burck⸗ hardt der Erhöhung des Zuschusses für Offizbere zu⸗ stimmen, aber die begründeten Ansprüche der kleinen Beamten unbeachtet lassen Abends 9 Uhr — ̃—„„ 5 E————— 7 Seite 6. Mitteldentsche Sountaos⸗Zeitung. Nr. 28. Bei einer andern Gelegenheit, als er von der Reichs⸗ tagsverhandlung über die Interpellation unserer Genossen betreffend das preußische Landarbeiterknebel⸗Ge⸗ setz berichtet, schwingt Freund Burkhard den Weihwed el über den Parade⸗Arbeiter Franz Behrens, zur Zeit Privatdozent des sozialen Kursus und behauptet, Abg. Müller⸗Meiningen habe betont,„daß Franz Behrens bei dieser Frage die Interessen der Landarbeiter vertreten habe“. Im 99. Sitzungsprotokoll, Seite 3211-3214 ist in der Rede des Abg. Müller auch nicht das Geringste zu finden, daß Behrens, die Interessen der Landarbeiter gewahrt haben soll.— Im Gegenteil, auch hier haben nur die Sozialdemokraten, die Interessen der Landarbeiter und zwar ganz energisch gewahrt, deun sie zwangen, die sich in die Arme der reaktionären Junker⸗ sippe flüchtende Regierung, Rede und Antwort zu stehen — Die gehässige zynisch⸗gemeine Kritik, sowohl des „Volks“ als auch des„Volksfreund“(von Behrens selbst geschrieben) zeigt, wie gerade die Christlich⸗sozialen die Interessen der Landarbeiter verraten.— Bei Beh⸗ rens kann von Wahrung der Interessen der Land⸗ arbeiter ganz und gar keine Rede sein, denn die von ihm unterschriebene servile Petition gegen den Gesetz⸗ Entwurf ist erst mehrere Tage nach stattgehabter Interpellation im Landtag eingegangen, nachdem unsere Genossen durch ihre begründete Ausführungen dem Ent⸗ wurf schon— hoffentlich— den Todesstoß versetzt hatten. Und die Petition ist auch dadurch hinfällig geworden, daß beim Einlaufen derselben die Schlußworte des Re⸗ gierungsvertreters:„Der Reichskanzler wird unter diesen Umständen zur Wahrung der Rechte des Reiches überhaupt nichts tun“ schon gefallen waren. Somit hat die Petition höchstens die Bedeutung einer harmlosen Vogelscheuche auf dem von der Sozialdemokratie gepflügten und bestellten Felde! Auch die Auslieferung der Schule an das Pfaffen⸗ tum begrüßen die Christlich⸗sozialen mit Freudengeheul. Im Anfang der Schulkompromiß⸗Aera, haben sie hin und wieder die Nationalliberalen„verulkt“, dann nahmen die Christlichen in Köln— ohne Widerspruch— eine Resolrtion an, worin der Schulantrag Hackenberg⸗Heyde⸗ brand⸗Zedlitz dankbar begrüßt wird. Wir sehen auch hieran wieder, daß wenn es sich um gewaltsame Eindämmung alter Volksrechte handelt, die ganze reactionäre Bande zusammen Sturm läuft und unter dem Deckmantel der Religion nach derselben Weise das Volk einzuschläfern suchen, die Heine das Harfen⸗ mädchen singen läßt: „Sie sang das alte Entsagungslied, Das Eia popeia vom Himmel, Womit man einlullt wenn es greint, Das Volk, den großen Lümmel.“ Die Christlichsozialen bringen durch ihr ganzes Tun den Wahrheitsbeweis, für die Worte des Profe ssoren Dr. Sohm, die derselbe auf dem Leipziger Kongreß für die innere Mission sprach:„Im Kampfe der Gesell⸗ schaftsklassen ist das Christentum zum Kampfmittel entwürdigt worden.— Man hat das Christentum für ein bestimmte Art der Gesellschafts⸗ und Herrschafts⸗ klassenordnung in Anspruch genommen. Daher die in vielen Kreisen eingetretene Entartung des Christentums zu einem Deckmantel der Selbstsucht und zugleich der Haß, der nach Aenderung ihrer Lage strebenden Masse gegen das Christentum.“— Wenn so die Gegner der Sozialdemokratie selber uns nachweisen, daß die Feind⸗ schaft gegen das christlich⸗soziale Dogma seitens der Arbeiterklasse durchaus berechtigt ist, dann bedarf es keines weiteren Nachweises.— Vor Jahren schrieb der christ⸗ lich⸗soziale Pfarrer Kötzschke in einem offenen Briefe an den„König Stumm“:„Warum soll die Sozialdemokratie niemals einen guten Gedanken haben— hat sie doch einen berechtigten Kern. Wir werden aus Schleppen⸗ trägern der Herrn von Bildung und Besitz zu ihren Gegnern.“ Die heutige christlich-soziale Bewegung zeigt aber, daß sie aus Reaktion und Egoismus den Mauserungs⸗ prozeß nicht durchmachen konnte und Schleppenträger der Herren von Bildung und Besitz geblieben ist, weil es ihr an Ehrlichkeit fehlt, den Kampf gegen den Mammon aufzunehmen.— a Louis Trott. Tolstoi gegen den Krieg. Der bekannte russische Schrifsteller Graf Tolstoi hat ein scharfes Manifest gegen den Krieg erlassen, das in der englischen„Times“ veröffentlicht wird. Die„Zeit“ druckt einige Auszüge davon ab, von denen folgende wieder⸗ gegeben seien: „Wieder Krieg!“ schreibt er.„Wieder zweck⸗ loses Leiden; wieder Betrug und Brutaliste⸗ rung der Menschen.“ „Menschen, die tausende Meilen voneinander getrennt find, Hunderttausende solcher Menschen — Bubddhisten, deren Gesetze selbst die Tötung von Tieren verbieten, und Christen, die sich zur Lehre der Brüderlichkeit und Liebe bekennen—, zu Wasser und zu Lande suchen sie sich gegen⸗ seitig, um sich in grausamster Weise zu töten, zu foltern, zu verstümmeln!“ „Es geht etwas vor, was in seiner Grau⸗ samkeit, Falschheit und Dummheit unfaßbar, unmöglich erscheint. Der russische Zar, derselbe Mann, der alle Nationen zum Frieden ermahnt hat, er verkündet öffentlich, daß er, ungeachtet all seiner Bemühungen im Interesse des ihm so teuren Friedens— Bemühungen, die darin 5 Ausdruck sinden, daß er von anderer Leute Länder Besitz ergreift und seine Armeen zur Verteidigung dieser ge⸗ stohlenen Länder verstärkt— daß er, infolge des Angriffs der Japaner, anbefehlen müsse, das den Japanern zu tun, was diese begonnen haben, nämlich sie zu morden. Und indem er diesen Appell zum Mord veröffentlicht, ruft er Gott an und bittet den himmlichen Segen über das grauenhafteste Ver⸗ brechen der Welt. Und der japanische Kaiser hat das gleiche mit Bezug auf die Russen getan.“ „Dieser unglückselige, bandenumstrickte junge Mensch, der als Führer von 130 Millionen anderer Menschen anerkannt wird, der von nieman⸗ den betrogen u. zum Selbstwiderspruch gezwungen wird, dankt den Truppen, die er seine eigenen nennt, für den Massenmord, den ste in Verteidigung der Länder verüben, die er mit noch Fee Rechte ebenfalls die seinen nennt. Alle beschenken sich gegenseitig mit scheußlichen Heiligenbildern, an die nicht nur kein Mensch unter den Gebildeten mehr glaubt, sondern die selbst der ungebildete Bauer aufzugeben beginnt— und sie alle beugen sich zur Erde vor diesen Bildern und küssen sie und halten pomphafte, trügerische Reden, an die auch keiner von ihnen glaubt. Wohlhabende Leute steuern kleine Teile des unredlich erworbenen Mammons zu dem Mordzwecke bei, während die Armen, von denen die Regierung alljährlich 1 Milliarden erhebt, sich ebenfalls verhalten glauben, ihr Scherflein herzugeben. Die Regierung ermuntert Scharen von Müßiggängern, welche die Straßen durch⸗ ziehen und das Porträt des Zaren spazieren tragen und singen und Hurra brüllen und unter dem Vorwand des Patriotismus tausendfache Ausschreitungen verüben. Und über das ganze Russenreich hin, in Palast und Hütte rufen die Priester, die sich Christen nennen, den Gott der Liebe an, daß er das Werk des Satans, das Menschengeschlechte, segnend unterstütze!“ * „Was aber sollen wir tun, wir hier in Rußland, in diesem Augenblick, wo die Feinde uns schon angegriffen haben, wo sie Unsere Leute töten, wo sie uns bedrohen— was soll der russische Soldat, der Offizier, der General, der Zar, der Bürger tun,“ wird man mich fragen.„Sollen wir dem Feinde erlauben, unseren Besitz zu stören, unsere Arbeitsprodukte fortzunehmen, unsere Brüder zu töten?...“ Meine Antwort darauf ist: Was immer die Umstände sein mögen, ob der Krieg begonnen sei oder nicht, ob Tausende von Russen und Japaner getötet seien, ob nicht nur Port Arthur falle, sondern selbst Petersburg und Moskau in Gefahr wären: ich kann nichts anderes tun, als was Gott von mir erwartet, ich kann als Mensch weder mittelbar noch unmittelbar am Kriege teilnehmen; ich kann nicht, ich will nicht und ich werde nicht. „Was bezüglich der Feinde, die uns ange⸗ griffen haben? Meine Antwort ist wieder jene der Apostel:„Liebet eure Feinde, und ihr werdet keine haben!“ Seine Feinde lieben, heißt nicht, sie abschlachten, um das Recht zu erwerben, sie mit Opium zu vergiften, wie es die Engländer getan; nicht sie hinzumorden, um ihr Land zu rauben, wie es die Franzosen, die Russen, die Deutschen getan.“ * * * „Mittlerweile fährt der Zar, die vor allem verantwortliche Persönlichkeit, fort, seine Truppen vor sich Revue passieren zu lassen, ihnen zu danken, sie zu belohnen, sie anzufeuern. Er ruft die Reserven ein. Und seine getreuen Unter⸗ tanen legen Leib und Habe vor ihm nieder, den sie nur mit den Lippen den„geliebten Monarchen“ nennen.... Und je schlimmer die Lage für Rußland sich gestaltet, um so frecher lügen die Zeitungsschreiber, um so schamloser verwandeln sie schmähliche Niederlagen in Siege, weil sie wissen, daß nie⸗ mand sie Lügen strafen wird: und im stillen heimsen sie das Geld für Abonnements ein. Je mehr von dem Gelde des Volkes für den Krieg verwendet wird, desto mehr stehlen die verschiedenen Behörden und Spekulanten, denn sie wissen, daß niemand sie zur Verantwortung ziehen wird, weil jedermann das gleiche tut. Das auf Totschlag einexerzierte Militär, welches Jahre in der Schule der Unmenschlichkeit und Gemeinheit und des Müßigganges ver⸗ bracht hat, freut sich, weil der Krieg ihnen besseren Sold und das allgemeine Schlachten Gelegenheit zum Avancement verschafft....“ * * * Der letzte Teil des Aufsatzes ist nach der Schlacht am Yalu geschrieben. Der Ton dieses Teiles ist noch schärfer als der des ersteren. Tolstoi fragt, wann das irregegeführte Volk sich endlich entschließen werde, seine Sache in die eigene Hand zu nehmen. Wann, fragt er, werden sie einmal zu den Zaren, Mikados, Ministern, Priestern, Generälen, Redakteuren und Spekulanten sagen: „Geht und stellt euch selbst in diesen Kugel⸗ regen, wir haben keine Lust mehr zu gehen und werden auch nicht mehr gehen.“ „Die deutsche Russenpresse ist ganz entsetzt über den Wagemut des alten Einsiedlers. Sie empfindet die Streiche, die der religiöse Schwär⸗ mer dem Zarismus verabfolgt, als Hiebe in's eigene Antlitz. Die Rheinisch⸗Westfäl. Zeitung erwartet, daß die Schergen des Zarismus end⸗ lich gegen den Wehrlosen gewaltsam einschreiten nud schließt mit folgendem Geständnis: „Ein freisinniges Rußland, das aber erst auf dem Wege Tolstois durch greuelvolle Um⸗ wälzungen entstehen könnte, wäre unser Tod⸗ feind; das absolutistische Rußland, dessen In⸗ dividualität wir schonend sich entwickeln lassen, wird uns lange hinaus ein guter Nachbar, ein kaufkräftiger Abnehmer unseres Kultur⸗ Ueberschusses und nötigenfalls ein treuer Ver⸗ bündeter sein können.“ Das absolutistische Rußland ist allerdings ein treuer Verbündeter der deutschen Großindustrie, die nach zarischem Muster über die Arbeiter herrschen möchte und die da fürchtet, daß sein Sturz auch ihr Herrentum gefährdet. Und dies sich zu erhalten, möchte sie mit Vergnügen auch einen Tolstoi rädern und vierteilen lassen. r Die Kriege und die Volkskrast. (Schluß). Werfen wir schließlich einen Blick auf die materielle Seite der Kriege, die Kosten. Eine hervoragende Autorität stellt fest, daß seit 1852 fast drei Millionen Männer dem Kriege geopfert worden sind, wobei die Wunden und Krankheiten, die in der Folge zum frühen Tod führen, außer Rechnung blieben. In dieser Zeit haben sich die Kriegskosten auf sechzig Milliarden Mark belaufen. Frankreich allein hat im 19. Jahrhundert ca. sechs Millionen Menschen verloren. Der Krimkrieg berechnete sich nach Engel auf rund 8 Milliarden, wopon allein zwei Milliarden auf England entfielen. Der italienisch⸗österreichische Krieg verschlang 1 ¼ Millarde, der Krieg der Nordamerikaner gegen die Südstaaten(18611865) kostete ihnen 18 Milliarden, den Südstaaten 9 Milliarden; der deutsch⸗französische Krieg einschließlich der 5 Milliarden Kriegsentschädigung, Frankreich allein 14 Milliarden, deutscherseits werden die Kosten auf rund 1 Milliarde 264 Millionen Mark beziffert. Der russisch⸗türkische Krieg von 1877 verschlang 4¼ Milliarden Mark. Die Kriege werden trotz ihrer kürzeren Dauer immer kostspieliger. Nach Berndts sta⸗ tistischen Mitteilungen hat den Deutschen jeder kampfunfähig gemachte Franzose 50000 Mark Auslage gekostet. Beim neuesten Krupp'schen Geschütz kostet ein Schuß 6800 Mars, und zwar kommen anf das Geschoß selbst 2600 Mark, auf die Ladung Pulver mit 485 Kilogramm 760 Mark und auf die Abnutzung des Geschützes N N ö — — Nr. 28. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. 3440 Mark. Die Herstellung eines solchen Ge⸗ schützes kostet einschließlich der nicht unbeträcht⸗ lichen Montagekosten 329000 Mark. Mit dem 93. Schuß wird es unbrauchbar. Die Vervollkommnung der Waffen verschlingt einen guten Teil der materiellen Mittel eines jeden Staats. Auf die Mtlitäretats der ein⸗ zelnen Großstaaten einzugehen, verbietet uns der Raum, doch sei noch eine Auslassung des rus⸗ sischen Staatsrats von Bloch in der Wiener Wage wiedergegeben, die die Kriegskosten der e für die fünf Großmächte Deutschland, esterreich, Italien, Frankreich und Rußland auf 104,89 Millionen Frank= 81 Millionen Mark pro Tag berechnete. Hierzu kämen jedoch die tägliche Unterstützung der Familien der Truppen, welche er für Deutschland auf cd. 1600000 Mark, für Oesterreich auf 400 000 Mark, für Italien auf 390000 Mark, für Frankreich auf 1100 000 Mark, für Rußland aber auf 520 000 Mark berechnet hat. Das sind die Kosten im Falle eines Kriegs. Doch auch die Kosten des bewaffneten Frie⸗ dens sind ungeheuere. Frankreich hat für seinen bewaffneten Frieden innerhalb der Zeit von 22 Jahren 22 Milliarden Frank ausgegeben. Was Deutschlands bewaffneter Friede dem Volk kostet, weiß es selbst gut genug. Wir wollen an die Riesenzahlen des ordentlichen und außer⸗ ordentlichen Militär⸗ und Flottenetats, die Reichsschulden, Pensionsetats u. s. w. hier nur erinnern. Aber es ist wahr, was von Bloch ausgeführt hat: Noch 50 Jahre bewaff⸗ neten Friedens und Europa ist ver⸗ nicht et. 9 Die Friedenskomödie in Haag berühren wir hier nicht; trotz ihr ist der Burenkrieg, der cubanische Krieg, die deutsche chinesische Expe⸗ dition, der jetzige japanisch⸗russische Krieg und noch ein halbes Dutzend kleinerer Feldzüge mög⸗ lich gewesen. Die Kriege werden sich auch noch ferner nicht sobald beenden; das brutale Recht des Stärkeren, das Rauf⸗ und Faustrecht wird noch wiederholt seine Gewalt geltend zu machen wissen; aber es naht dennoch die Zeit, wo auch die Kriege der„Ordnung und dem Recht im freien Leben“ weichen müssen. Ihre Abschaffung geht durch die Lö sung der großen sozi⸗ allen Frage, in der der letzte Klassen⸗ kampf zugleich mit dem letzten Rassen⸗ und Nationalitätenkampf ausgefochten wird, und die Arbeiterklasse hat in diesem letzten entscheidenden Kriege ihre große, weltgeschichtliche Misston zu erfüllen. (Aus dem Tabakarbeiter.) 2 Unterhaltungs-Ceil. Freie Turner. Von Robert Seidel. Wir heben die Arme Doch nicht um zu beten, Wir wollen sie stählen Um streitbar zu treten In Reih und in Glied: Der Wahrheit zur Ehr, Der Freiheit zum Schutze Und dem Volke zur Wehr. Wir üben die Füße, Doch nicht um zu fliehen; Wenn mächtige Feinde Auch gegen uns ziehen; Wir eilen zum Streite Und halten drin Stand Bis zum heiligen Tod Für der Freiheit Land. Wir beugen die Kniee, Doch nicht um zu flehen; Wir wollen sie stärken, Um tapfer zu stehen In Reih und in Glied, Im Kampf für das Recht, Für ein freies und gleiches Und glücklich Geschlecht. Wir stärken den Körper An Reck und an Barren Zu höheren Zwecken Als Herkulesnarren: Wer bauen dem Geist Dem Erlöser der Welt Eine heimische Werkstatt Und ein herrliches Zelt. Auf der Wanderschaft. Erzählung von Robert Schweichel, (Fortsetzung statt Schluß.) Hans, der sich inzwischen Ränzel und Wanderstab aus dem Hause geholt hatte, wollte sie beschwichtigen, erzielte dadurch aber gerade das Gegenteil. Er meinte:„Ich begreife, daß diese laute Lustigkeit Ihre Nerven reizt. Sie müssen aber bedenken, Fräulein, daß diese Leute die ganze Woche täglich zehn, elf, ja zwölf Stunden hart gearbeitet haben; da macht die Fröhlichkeit sich etwas ungestüm Luft. Sie kommt aus gesundem Herzen, und ich meine, das ist mehr wert, als die feinste Schminke, mit der die sogenannte gute Gesellschaft ihre Vergnügungen übertüncht. Sie sollten einmal zum Volke herabsteigen, Fräulein. Schon als Erzieherin der Jugend wurden ste einen großen Gewinn davon haben.“ Fräulein Julie rückte den goldenen Kneifer mit einer energischen Bewegung auf ihrer kleinen, spitzen Nase zurecht. Ihre Freundin nahm ihr jedoch die drohenden Pfeile vom Bogen, indem sie mit den Worten aufstand:„Herr Gruber hat darin wohl recht. Wir beurteilen und ver⸗ urteilen die arbeitende Klasse ohne sie zu kennen. Laß uns aufbrechen!“ a Hans nickte ihr beifällig zu. Er fühcte die Damen denselben Weg, den die Arbeiter herauf⸗ gekommen waren. Es war der kürzeste. Nach kurzer Strecke senkte er sich ziemlich steil bis zur Chaussee hinab, und Fräulein Julie ver⸗ schmähte es nicht, die feste Stütze von Grubers Arm anzunehmen. Während sie nun die Chaussee aufwärts verfolgten, bis rechts ein Fußpfad abbog, der durch Buschwerk und Buchenwald bis Suderode fortlief, erklärte Fräulein Mohr, daß sie von dort aus die Bahn benutzen würden. „Und so lassen sie uns denn auch gleich mit⸗ einander abrechnen,“ fügte sie mit einem fast feierlichen Ernst hinzu“. Zwar haben wir Sie bis Alexisbad in unseren Dienst genommen und wenn Sie auf Ihren Schein bestehen, dann müssen wir uns fügen und Sie entschädigen. Aber wir schätzen Ihre Dienste auch ohnedem schon so hoch, daß ich mit Don Carlos sagen muß:„Ich werde zahlen, wann ich König bin.“ Wären Sie damit zufrleden?“ „Nein,“ rief er lachend und steckte sie damit an.„Denn das Vergnügen, das ich dem Irr⸗ tum über mich verdanke, ist ganz unschätzbar. Wenn aber auch Sie mir der Täuschung ver⸗ geben, dann quittiere ich über empfangene Be⸗ zahlung.“ Fräulein Mohr gab ihm die Hand und seufzte:„Daß Sie auch ein Sozialdemokrat sein müssen!“ „So haben Sie sich wenigstens überzeugt, daß wir keine Ungeheuer sind,“ scherzte er. Das ist immerhin ein guter Anfang.“ „Dem aber keine Fortsetzung folgt,“ pro⸗ testierte sie. Fräulein Irma Schäfer ging mit gesenkten Blicken schweigend hinter ihnen. Wie oft auch Hans, dem garnicht scherzhaft zu Mute war, sich nach ihr umsah: sie hob nicht die Augen. Als sie an den nur schmalen Fußweg gelangten, blieb er stehen, während Fräulein Mohr in diesen einlenkte, um auf die Freundin zu warten, die etwas zurückgeblieben war. Diese beschleu⸗ nigte ihre Schritte nicht, und als sie an Hans vorüberkam, sagte sie:„Sie haben vorhin mit meiner Freundin abgerechnet; allein Sie sind noch in meiner Schuld. Haben sie es vielleicht vergessen.“ „Ach, ich bin viel tiefer in ihre Schuld als Sie ahnen,“ erwiderte er mit gedämpfter Stimme, während seine Blicke die heimliche Glut seines Herzens verrieten. Sie schüttelte den Kopf und sagte:„Sie haben es vergessen und ich mochte Sie vor meiner Freundin nicht daran erinnern. Sie wollten mir von Ihrer Kindheit erzählen, und jetzt ist es leider zu spät dazu.“ „Leider,“ seufzte er, und sie wandte den Kopf von ihm ab nach der andern Seite des Gebüsches, damit er ihr Erröten nicht sehe. „An die Geschichte hatte ich in der Tat ver⸗ gessen. Aber ich könnte sie ihnen schreiben in den nächsten Tagen. Darf ich?“ Sie zögerte mit der Antwort. Dann nickte sie. Fräulein Mohr sah sich um, und sie flüsterte, indem sie ihren Schritt beschleunigte: „Wir haben in der„Goldnen Rose“ Zimmer bestellt.“ Sie glühte wie eine Rose und Hans halt es, als ob er goldnen Wein getrunken ätte. Auf einer Bank, die an einer kleinen Wiese im Gebüsch stand, hielten sie eine letzte Rast. „Ob wir uns wohl noch einmal in diesem Leben wieder begegnen werden?“ fragte Fräulein Julie, das Stillschweigen unterbrechend, in dem Jedes seinen Gedanken nachhing. „Ja,“ rief Hans mit Entschiedenheit und mit einer Kraft der Stimme, die darin ihren Grund hatte, daß er seine Brust von dem be⸗ klemmenden Gefühl des bevorstehenden Scheidens befreien wollte. a Fräulein Irma lächelte; ihre Freundin lachte laut auf und fragte spöttisch:„Sie ge⸗ bieten über den Zufall?“ f „Es gibt keinen Zufall,“ entgegnete Han etwas verlegen.„Nicht, weil ich wie Wallen⸗ stein an die Sterne über uns glaube, sondern an die Sterne in meiner Brust. Und so muß ich wohl sagen: Ich glaube, ich hoffe es!“ Er haschte verstohlen die Hand Irmas, die neben ihm saß, und er glaubte einen leisen Druck ihrer Finger zu verspüren, bevor sie dieselbe ihm sanft entzog. „Sehr schmeichelhaft für uns,“ rief Fräulein Mohr mit einer ironischen Verneigung. Dann holte sie unter ihrem karrierten Staubmantel die Uhr hervor.„Nun aber ist es die höchste Zeit!“ rief ste. Sie gingen weiter. Eine Unterhaltung wollte nicht mehr recht in Fluß kommen. Jedes schien mit sich selbst zu sehr beschäftigt. So gelangten sie in das am Fuß des Gebirges idyllisch in Grün Fe Suderode und schritten den Ort ohne Aufenthalt hinunter zur Bahnstation. Schon vernahm man den langgezogenen Pfiff der herankeuchenden Lokomotive. Die vielen Menschen, die auf dem Bahnsteig den Zug er⸗ warteten, zwangen Hans zur Selbstbeherrschung. So voll sein Herz war, ein Lebewohl, ein Auf Wiedersehn, ein Händedruck, ein tiefer Blick, das war Alles, als der fauchende Zug vor der Station hielt und er den Damen beim Ein⸗ steigen half. Nur Fräulein Julie wehte ihm mit ihrem Taschentuch einen Gruß aus dem Fenster zu. Hans sah dem Zuge mit fest zusammenge⸗ preßten Lippen nach. Und nun? Er kam sich wie von einem schönen Traum zu nüchterner Wirklichkeit erwacht vor. Das also sollte das Ende sein? Aber in seinem Innern rief es tausendmal Nein. Es lag ja in seiner Macht, den Mädchen über die Viktorshöhe nachzugehen — und sich dadurch zu blamieren. Er hörte im Geiste, wie sie ihn auslachten. Er ging nach dem Dorfe zurück und sah sich vor dem ersten Gasthause auf dem Wege, an der Ecke der mit kleinen Häusern besetzten Straße nach Gernrode. Kurz entschlossen trat er ein, ließ sich etn Zimmer geben, Briefpapier bringen und begann, nachdem er, auf und ab gehend, eine Pfeife ge⸗ dampft hatte, zu schreiben,„als ob ihm der heilige Geist diktierte“. (Schluß folgt). Humori sches. Größte Rückständ? t es wahr, daß Ihre Heimatsstadt in allem und rückständig ist?“—„Jawohl; nich ein n Denkmalsko mitee haben wir.“ Neue Auw denn krank gestell', Harte Herr Doktor wied ie Pil aum hast du Dich „Damit mir der n berschreibt, die so schön in mein Blas roh Fl. Vl.) — N Mitteldeutsche Sounntaas⸗ Zeitung. No. 28. Rittergasse 17, sind zu beziehen: (Bei kleineren Bestellungen von außerhalb wird ge⸗ beten, den Betrag nebst Porto— event. in Briefmarken — gleich beizufügen). Die innerpolitischen Zustände des deut⸗ 15. jeden Monats mindestens 12 Seiten stark. Das Abonnement ist allen denen zu empfehlen, die sich für die wichtigen Fragen des Gemeindelebens interessieren. 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