1n fung! 3 — — S — = — ——ñ— 0 Nr. 2. Gießen, den 10. Januar 1904. 11. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Sonnt Mitteldeutsche Nedaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. gs⸗Jeitung. Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Bestelluugen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 1 Juserate Die 5gespalt. Bei mindestens die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 38/8% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 500% Rabatt. Positive Arbeit. Ueber dieses Kapitel wird unserm Magde⸗ burger Parteiorgan von parlamentarischer Seite geschrieben: „Sie haben noch nichts Positives geleistet, nur negative Kritik!“ rief Graf Bülow im Reichstag den Sozialkemokraten zu, beglück⸗ wünscht von dem frenetischen Jubel derer, die dem Volksgericht vom 16. Juni mit Müh' und Not entronnen. Derselbe Reichskanzler, dem es nicht möglich war, über die Zukunft der in Vorbereitung befindlichen Handel s verträge „Positives“ mitzuteilen, derselbe Staatsmann, der nicht in der Lage war, den Abgesandten des„christlich⸗patriotischen“ Frankfurter Ar⸗ beiterkongresses„positive“ Auskunft über die nächste sozialpolitische Tat der Regierung zu geben— dieser selbe Mann fragte neugierig nach dem„Zukunftsstaat“ und verlangte kate⸗ gorisch,„nun auf der Stelle“ solle Bebel sagen, wer im„Zukunftsstaat“ Stiefelputzer sein würde, wer„auswärtiger Politiker“. Im gewöhnlichen Leben verlangt man von einem Menschen, der andern Unklarheiten vorwirft, er solle selbst erst einmal ein klares Programm entwickeln. Wer aber in der Welt weiß, was Graf Bülow will— und kann? Daß gerade der glatte Re⸗ präsentant des Zickzackkurses sich herausnimmt, ein zukunftstaatliches Rigorosum anzustellen, ist ein humoristischer Lichtpunkt in der sonst sehr trüben neuzeitlichen Reichsgeschichte. Demnächst werden Graf Bülow und seine Kommissarien reichlich Gelegenheit bekommen, positibe Arbeit zu leisten, wenn es ihnen darauf ankommt. Man muß schon auf die Bänke schauen, wo die Kardorff, Massow, Lim⸗ burg⸗Stirum und ihre Freunde sitzen, um Leute zu sehen, denen unsre Sozialpolitik nicht zu schneckenhaft geht; man muß die„liberalen“ Wortführer rücksichtsloser Unternehmer⸗In⸗ teressen ausnehmen, im übrigen wird es nicht an Personen fehlen, die geneigt sind, Bülow recht viele positive Arbeit zum Schutze der Schwachen im Reiche anzuweisen. Beweisen doch die haufenweise eingegangenen Interpella⸗ tionen, Initiativanträge, Resolutionen und Ge⸗ setzentwürfe, die alle von der Sorge für die gegen Lohn oder Gehalt beschäftigten Reichs⸗ angehörigen diktiert sind, hinlänglich, wie sehr wir„positiv“ noch in den Kinderschuhen frei⸗ heitlicher sozialpolitischer Entwicklung stecken. Ist es nicht skandalös, daß jetzt wieder ein freies Vereins- und Versammlungs⸗ recht gefordert werden muß, nachdem dieses Kardinalrecht eines wirklich konstitutionellen Staates von der Regierung„positiv“ mehrfach abgelehnt ist? Enthüllt nicht der Antrag unsrer Fraktion auf gesetzliche Sicherung der Koali⸗ sationsfreiheit gegen kapitalistische und bureaukratische Willkür einen blamablen Zu⸗ stand unsres öffentlichen Rechtes? Greift es nicht an die Wurzel der angeblich unerreichten reichsdeutschen Arbeiterfürsorge, wenn die sozial⸗ demokratische Fraktion eine Resolutiyn betr. gesetzliche Einführung des von vielen Privaten längst bewilligten Zehnstun dentags ein⸗ bringt, zugleich nach Verfluß von zwei Jahren den elchtstundentag verlangt? Was in andern Ländern schon Gesetz ist, dort selbst von Staats⸗ betrieben praktiziert wird, müssen die Sozial⸗ demokraten in Deutschland erst positiv verlangen. Wir werden ja sehen, wer sich diesen kulturellen Erfordernissen gegenüber negativ verhält. Das Deutsche Reich rühmt sich seiner Ar⸗ beiterversticherungsgesetzgebung— sie ist von der Sozialdemokratie inauguriert worden, wie u. a. der liberal⸗freisinnig⸗man⸗ chesterliche Bamberger in seiner berühmten Rede 1881 gegen die Arbeiterversicherungsge⸗ setze zürnend Bismarck zurief. Nun wohl, unsere Versicherungsgesetze bieten gegenüber den aus⸗ ländischen manche Vorzüge, böten jedoch noch mehr, wenn die sozialdemokratischen Verbesserungs⸗Anträge angenommen worden wären. Aber ist es nicht der Anfangsgrundsatz staatspolitischer Weisheit, einem Uebel vorzu⸗ beugen, den Brunnen zu verdecken, ehe das Kind ertrunken?! Vom Standpunkt der Pro⸗ phylaxe* aus betrachtet, nimmt sich die deutsche Sozialgesetzgebung recht kläglich aus. Die Be⸗ richte der gewerblichen Aufsichtsbeamten bieten für diese Behauptung zahlreiche Belege. Unterstellt waren 1902 der deutschen Ge⸗ werbepolizeiaufsicht 178 936 Fabriken, Gruben und andere gewerbliche Anlagen. Die Arbeiter⸗ zahl betrug 4 849 108. Revidiert sind aber nur 94850 Betriebe, das sind gut die Hälfte der existierenden. Wer wundert sich, daß unter solchen Umständen die Verunglückungen, Ver⸗ letzungen und Erkrankungen der Arbeiter und Arbeiterinnen zunehmen? Eine solche Kontrolle der Gesetzesfreude des Unternehmertums ist doch schlimmer wie gar keine, weil sie manchen Gutgläubigen in den Glauben wiegt, die Ar⸗ beiterschutzgesetze würden beachtet, dafür sorge der Inspektor. Wenn Erhebungen über eventuelle Wir⸗ kungen eines geplanten Sozialgesetzes, sagen wir betreffend Verkürzung der Arbeitszeit, an⸗ gestellt werden, so betraut die Reichsregierung damit die Gewerbeaufsichtsbeamten. Als ob diese auch sonst noch in Anspruch genommenen Herren in der Lage wären, ein kompetentes Urteil über die wirkliche Lage der Arbeiter und der Betriebe abzugeben. Das können für die Arbeiter diese selbst am besten, aber es ist nicht Brauch in Preußen, Arbeiter und ihre Verbände zur Information Sankt Bureaukra⸗ tius heranzuziehen.„So was paßt sich nicht.“ Da jetzt schon die Gewerbeinspektorenberichte zahlreiche Mitteilungen über schwere und an⸗ haltende Bedrohungen der Lohasklaven durch mannigfaltige Betriebsgefahren und Webel⸗ stände enthalten, kann man sich leicht vorstellen, welches soziale Elend die Berichte erst aufhellen würden, wenn die Inspizierung eine gründ⸗ liche wäre! Da ist positive Arbeit massenhaft zu leisten, Graf Bülow braucht nur zuzugreifen. e wollen ihm die Sozialdemokraten gern zeige. Schlimm, sehr schlimm für die borussische Sozialpolitik ist, wenn ein späterer Kulturge⸗ schichtsschreiber erforscht, wie es bei uns im Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem Kin⸗ derschutz bestellt war. 316 303„jugendliche“ Arbeiter von 14 16 Jahren genossen 1902 ihre Jugendfreuden in den kapttalistischen Zwingburgen. 8077 waren noch nicht 14 Jahre und mußten hinein in den Schlund * Verhütung, besonders von Krankheiten. des mammonistischen Molochs. Auch von diesen Kindern arbeiteten Hunderte in sehr ge⸗ fährlichen Industrien. Männer laufen zu Tausenden arbeitslos umher;„lasset die Kindlein zu mir kommen“, betet der men⸗ schenfreundliche Kapitalist, und nicht umsonst. Wären die posttiven Vorschläge der Sozial⸗ demokratie gesetzlich wirksam gemacht, dann be⸗ fänden wir uns freilich noch nicht in dem „Zukunftsstaat“, aber dem Gegenwartsstaat blieb die Schmach erspart, unentwickelte Men⸗ schenblüten dem giftigen Hauch der Profitjägerei überliefert zu sehen. Alles das wird aber übertroffen von dem Gräßlichen in der Heimindustrie, die sich noch immer im„harmonischen Spiel der frei⸗ waltenden Kräfte“ entwickeln kann. Der im März zusammentretende deutsche Heimarbeiter⸗ kongreß wird unsre„positiven“ Staatsmänner vor Aufgaben stellen, die erfüllt werden müssen im Interesse des„göttlichen“ Gegenwart⸗ staates, wohlverstanden! Ob Graf Bülow das begreift? Oder ob er wieder eine Zukunfts⸗ staatsrede hält, um mit vielen Worten nichts zu sagen? Die Gelegenheit zur positiven Arbeit ist an allen Ecken und Enden vorhanden, das Volk schreit ordentlich nach Erledigung der dring⸗ endsten Kulturarbeiten. In der„negativen“ Sozialdemokratie erblickt das Volk die uner⸗ müdlichsten Dränger zur positiven Arbeit, trotz Massenverbreitung der Reden Bernhard v. Bülows. Politische Rundschau. Gießen, den 7. Imuar 1904. Reichsverband der Soztalistenver⸗ nichter. Jetzt haben sich die„Ordnungsleute“ und Staatsstützen zu einer Organisation zusammen⸗ getan, mit deren Hülfe der Sozialdemokratie gründlich und entgiltig der Garaus gemacht werden soll. Schon bald nach den Reichstags⸗ wahlen machten die Vorschläge des Doktor Giesebrecht von sich reden. Jetzt werden die nötigen Bettelbriefe veröffentlicht. An der Spitze des famosen Verbandes steht ein leibhaftiger General, der Gen.⸗Leutn. z. D. v. Liebert in Charlottenburg. Nach dem Bettelbrief soll der Verband„parteilos“,„neutral“ sein. Wenn man die Unterschriften sich ansieht, erscheint die Neutralität in eigentümlichem Lichte: es sind die Namen der berüchtigsten Reaktionäre und Scharfmacher, welche da als Führer im Kampfe gegen den sozialdemokratischen Drachen er⸗ scheinen. Die Namen Beumer, Hirsch, Jencke, Pauli, Tiedemann, und Zeb⸗ litz⸗Neukirch kennzeichnen den neu zu gründen⸗ den Verband als eine erwetterte Ausgabe des altbekannten Scharfmacherverbandes der In⸗ dustriellen. Die„Aufklärung“, die der Bettel⸗ verband über das wahre Wesen der Sozial⸗ demokratie verbreiten will, ist also nichts andres als Bahnbrecherarbeit für Wahlrechtsraub, Zuchthauskurs und Ausnahmegesetze. Aufklärung über die Sozialdemokratie! Damit könnten wir uns schon einverstanden erklären, wenn es sich um wirkliche, ehrliche Aufklärung han⸗ delte. Diese Leute verstehen darunter aber = —— — —— — e Seite 2. Mitteldeutsche Spuntags⸗ Zeitung. Nr. 2. Verdrehung und Verdächtigung, wie sie bisher schon von ihnen geübt wurde. Uns wirft diese Gesellschaft Verschleierung unsrer letzten Ziele vor, während sie selber in Wirklichkeit eine be⸗ wußte und politisch wohlberechnete Verschleier⸗ ung ihrer letzten Ziele betreiben. Mögen sie nur immer drauf los fechten! Und wenn ste auch Millionen Mark zusammen⸗ betteln— die Tatsachen und Verhältnisse, welche das Wachstum der Sozialdemokratie befördern, schaffen sie nicht aus der Welt, und die sozialdemokratische Bewegung wird weiter blühen und gedeihen, trotz Bülow⸗Reden und Reichsbettelverband! 1 Uebrigens mag sich der Reichs⸗Sozialisten⸗ Vernichtungs⸗Verband nux vorsehen, daß es ihnen nicht geht, wie einem andern patriotischen Unternehmen, der Firma:„Historische Festspiele, Deutschlaud in Waffen, Gesellschaft mit be⸗ schränkter Haftung.“ Die Firma ist nämlich bankrott. Staatsverfassung und Polizeigeist. Die preußische Staatsverfassung erkennt den Bürgern das Recht zu, Vereine zu bilden. Die Polizei fordert aber nicht nur die Einreichung der Statuten, sondern auch der Mitgliederliste und die Anmeldung aller Aenderungen, die sich in ihr vollziehen. „Wozu? Da alle Preußen das Recht haben, Vereine zu bilden, so geht es doch die Staats⸗ behörde nichts an, ob und wie die Staatsbürger von ihrem Rechte Gebrauch machen!“ Auf diese Einrede eines Naiven gibt eine geplante Reform des preußischen Vereinsrechts die beste Antwort. Wie Schweinburg zu erzählen weiß, soll künftig die allgemeine Pflicht der Vereine zur Einreichung der Mitgliederliste aufgehoben, dafür aber das Recht der Polizei eingeführt werden, nach ihrem Belieben die Ein⸗ reichung der Mitgliederliste zu verlangen oder auf sie zu verzichten. Gutgesinnte Vereine sollen unbehelligt bleiben, desto gründlicher können dann die Mitglieder der„Gefährlichen“ überwacht werden. Die Reform läuft auf die Schaffung eines politischen Verbrecheralbums hinaus. Nicht besser verträgt sich mit der preußischen Staatsverfassung die angebliche Absicht der Re⸗ gierung, völlig von dem Belieben der Polizei abhängig zu machen, ob in einer fremden Sprache verhandelt werden darf oder nicht. Sollten amerikanische Milliardäre auf die Idee kommen, in Berlin eine Klubfiltale zu errichten, so werden sie gewiß keine Schwierigkeit haben: dafür soll die Möglichkeit verschwinden, polnische Arbeiter in ihrer Muttersprache über ihre Klassen⸗ lage aufzuklären. Das Recht, Vereine zu bilden, wird aber natürlich vollkommen illusorisch, wenn man sich einer Sprache zu bedienen gehalten ist, die die Vereinsmitglieder gar nicht oder nur unzulänglich beherrschen. Daß aber dieses Recht von der Kenntnis der deutschen Sprache abhängig sei, davon steht in der preußischen Perfaffung nichts zu lesen. Das preußische Dreiklassenhaus wird natürlich gegen solche Verschlechterungen nichts einzuwenden haben und ste anstandslos gutheißen. Recht ist nichts, Gewalt alles! Militärische„Reformen“ machen gegenwärtig viel von sich reden. Ste sind aber nicht darauf gerichtet, den Schä⸗ den des Militarismus auf den Leib zu rücken — o nein, unsere Mordspatrioten brauchen nicht zu erschrecken— es wird blos die Mode für Offiziersmäntel geändert, und zwar soll der Mantel im Rücken vom Kragen herab eine genau vorgeschriebene Falte zeigen, auch an den Aufschlägen sollen Aenderungen vorgenommen werden. Das ist innerhalb 16 Jahren die dreißigste größere Uniform⸗Aen⸗ derung, wie man einem konservattven Blatte aus Offtizierskreisen schreibt. Diese Aenderungen hatten jedem Offizier innerhalb 16 Jahre eine Extra⸗Ausgabe von 893 Mark verursacht. Bei einem Offtzierskorps von fast 25000 Köpfen ergiebt, wie die Nat. Ztg. hin⸗ zufügt, diese sehr niedrige Schätzung, bei der alle notwendigen und alle als Fortschritt aner⸗ kannten Veränderungen abgerechnet sind, einen entbehrlichen Mehraufwand von etwa 15 Mil ⸗ lionen Mark allein für die einmalige An⸗ schaffung, ungeachtet der fortgesetzten Erneuer⸗ ung. Dabei sei die Ausrüstung um kein Haar kriegsmäßiger geworden. Russische Spitzel in Deutschland. Wie ünser Zentralorgan dieser Tage be⸗ richtete, wurde unser Genosse Ehrenpfordt in Charlottenburg wegen Vergehens gegen § 128 des Str.⸗G.⸗B., d. h. wegen„Geheim⸗ bündelei“ zur Vernehmung als Angeschul⸗ digter vor das Charlottenburger Amtsgericht vorgeladen. Man glaubt also offenbar wieder einem„Geheimbund“ im ostpreußischen Sinne auf die Spur gekommen zu sein. Unser Genosse r. v. Wetscheslaff, dessen Frau in Hermsdorff krank darniederliegt, bekam eben⸗ falls die russische Knute zu spüren. Er wurde, ohne sich auch nur des allergeringsten Verstoßes gegen deutsche Gesetze bewußt zu sein, amtlich aufgefordert, bis zum 6. Januar Preußen zu verlassen, widrigenfalls er an Rußland ausge⸗ liefert würde. Nach weiteren Mitteilungen des Vorwärts scheint ganz Deutschland mit einem Netz von besoldeten russischen Spionen über⸗ sponnen zu sein, vor deren Schnüffeleien nie⸗ mand sicher ist. An deren Spitze steht nach dem Vorw. eine Persönlichkeit, die von den Untergebenen als Exzellenz angesprochen wird, 36,000 Mk. Gehalt bezieht und in einem Ber⸗ liner Vorort als„Ingenieur“ wohnt. Eine zweite solche Persönlichkeit, die den Spitzuamen „Michel“ trägt, wohne in Charlottenburg. Zu den„Untergebenen“ dieser beiden gehöre auch ein gewisser Karl Wolz, geboren im Jahre 1875 in Stuttgart, verheiratet mit Agnes Wolz. Er wohnte bis zum 12. Februar 1902 in Berlin und zog dann nach Charlottenburg. In Berlin war er als Kaufmann, in Charlottenburg da⸗ gegen als Beamter gemeldet. Auf Grund ge⸗ sammelten Materials macht der Vorw. ein⸗ gehendere Mitteilungen über das Treiben dieser russischen Spitzel. Verurteilter Reichstagsabgeordneter. In München wurde am 2. Januar der zur Freisinnigen Volkspartei gehörige Reichs⸗ tagsabgeordnete für Eschwege⸗Schmal⸗ kalden, Fabrikant Seyboth wegen Wechsel⸗ fälschung und Betrug zu einem Jahre drei Monaten Gefängnis und fünf Jahren Ehrverlust verurteilt. Er hatte einen Wechsel in der Höhe von 11700 Mk. auf eine Brauerei in Eschwege gezogen und das Accept gefälscht. Kurz vor dem Verfalltage hatte er den Wechsel bei der Reichsbank in Berlin eingelöst, so das kein Schaden entstanden ist. Seyboth leugnete erst, den Wechsel gefälscht zu haben und ver⸗ suchte, die Schuld auf seinen früheren Buch⸗ halter zu schieben. Doch die Gerichtsverhand⸗ lung lieferte den Beweis für das Gegenteil. Die Strafe wurde so hoch bemessen, weil S. schon wegen Bestechung vorbestraft ist. Die liberalen„Münch. Neueste Nachr.“ bemerken zu dem Falle:„Für den Liberalismus ist Seyboth jetzt politisch tot. Für die Münch⸗ ner Liberalen ist er es eigentlich schon vor Beginn der letzten Reichstagswahlen gewesen. Nicht nur deshalb möchten wir hier den Wunsch aussprechen, daß die gerichtliche Ver⸗ urteilung eine politische Ausschlachtung des Prozesses verhindern möge!“ Warum wurde Seyboth denn zum Reichs⸗ tage aufgestellt, wenn er damals schon politisch tot war? Und würden die„Liberalen“ etwa darauf verzichten, den Fall politisch auszuschlach⸗ ten, wenn es sich um einen Sozialdemokraten handelte? Wir wollten mal hören, wie da über die„verderbte“ Sozialdemokratie losgezogen würde! Seyboth wurde in der Stichwahl mit 10 388 gegen 7039 sozialdemokratische gewählt. Die Konservativen verhalfen ihm zur Wahl; am 16. Juni erhielten letztere 3812, die An⸗ tisemiten 3309, die Freistnnigen 4546 und unser Genosse Hugo 6485 Stimmen.— Der Wahl⸗ kreis hatte übrigens schon manches Pech mit seinen Vertretern. 1893 war dort der Anti⸗ semit Leuß gewählt worden, der bekanntlich wegen Meineids verurteilt wurde und infolge⸗ dessen sein Mandat niederlegen mußte. Die eee in Württem⸗ erg haben, wie wir schon früher mitteilten, unserer Partei erfreuliche Erfolge gebracht. Auch durch einzelne Mißerfolge können die glänzenden Fortschritte der Sozialdemokratie nicht beein⸗ trächtigt werden. Hatten wir vor zwei Jahren in 21 Orten 25 sozialdemokratische Kandidaten zum Siege gebracht, so stieg diesmal nach einer Aufstellung über die regelmäßig im Laufe des Monats Dezember vorzunehmenden Wahlen die Ziffer auf 31 Orte und 59 Kandi⸗ daten, mit denen wir siegten.— Die auf die sozialdemokratischen Kandidaten gefallenen Stimmenzahlen zeigten fast überall eine zum Teil erhebliche Steigerung. Die Ersatzwahl in Reichen bach⸗Auerbach hat, wie vorauszusehen war, mit dem glänzen⸗ den Siege unseres Genossen Hofmann ⸗Ber⸗ lin geendet. Er erhielt 16195 Stimmen, sein Gegner, der Exjesuit Graf Hoensbroech 10 108. Jeder hat gegen die Hauptwahl ca. 3000 Stim⸗ men eingebüßt, was auf die bei Ersatzwahlen stets in Erscheinung tretende geringere Wahl⸗ beteiligung zurückzuführen ist. Die prozen⸗ tuale Abnahme ist bei den Gegnern aber stärker, als bei uns. Von den Nationalsozialen. Vertreter bayerischer und württembergischer nationalsozialer Vereine gründeten dieser Tage in Stuttgart einen süddeutschen Verband, dem die nationalsozialen und„liberalen“ Vereine Süddeutschlands ohne Unterschied, ob sie dem Liberalen Wahlverein in Berlin augehören oder nicht, angeschlossen werden sollen. Zum Vorort des Verbandes wurde München be⸗ stimmt, und ein Parteisekretär daselbst einge⸗ setzt. Ein„Verband“ mit viel Offizieren und keinen Soldaten! Was dem Kriegervereinler alles verboten ist. a Das„Volksblatt für Anhalt“ veröffentlichte kürzlich folgendes Schreiben des Militärvereins Dessau:„In der am Sonnabend, den 7. d. M. abgehaltenen Versammlung wurde von den Kameraden(hier folgen 50 Namen) der Be⸗ schluß gefaßt, die von dem Anhaltischen Krie⸗ gerverband eingegangene Entscheidung auf eine an denselben gerichtete Anfrage bezüglich der Zugehörigkeit zum Konsumverein für Dessau und Umgegend seitens der Krieger⸗ vereinsmitglieder zu verlesen und beschlossen, dieselbe jedem Kameraden durch besondere Zu⸗ schrift zur Kenntnis zu bringen. Diese Ent⸗ scheidung lautet:„Es kann keinem Mitgliede des Anhaltischen Kriegerverbandes eventuell Deutschen Kriegerbundes gestattet werden, stch einem Verein anzuschließen, dessen Vorstand ausschließlich aus sozialdemokratischen Mit⸗ gliedern zusammengesetzt ist und offenkundig für die Sache der Umsturzpartei agitiert“. Die anwesenden Kameraden haben diese utscheidung als richtig anerkannt. Es wird die Erklärung abgegeben, daß die Mitgliedschaft im Krieger⸗ vereine diejenige zu obengenanntem Konsum⸗ verein ausschließt. Jeder Kamerad, welcher Mitglied des Konsumvereins ist, hat sich nun dahin zu entscheiden, ob er die Mitgliedschaft im Krieger verein aufgeben oder im sozialdemo⸗ kratischen Konsumverein bleiben will und wird ersucht, seinen Entschluß dem Vorstand zur Kenntnis zu bringen. Der Vorstand.“— Also schon ein harmloser Konsumverein schreckt die tapferen Krieger! Wovor fürchten sie sich nun eigentlich nicht?— Das Schönste ist noch, daß der Vorstand des Konsumvereins durch⸗ aus nicht sozialdemokratisch genannt werden kann; der Geschäftsführer z. B. gehört weder einer gewerkschaftlichen noch politischen Orga⸗ nisation an! — Macht Abeite bet, d ernögl Ungete bltdz beit S0 st gegeber doraus Itter li 10 iche fel Beh lt 11 e auf lenen zum bach inzen⸗ Brr⸗ sein 108. Stim, sahlen Wahl zen⸗ aber jicher Tage „dem ereine e dell hören Zum u be⸗ besteht das gespannte Verhältnis noch fort. Wie der Frkftr. Ztg. aus New⸗York berichtet wurde, hätten dortige Geschäftshäuser Depeschen aus Ostasien erhalten, wonach der Krieg be⸗ reits begonnen habe. Anderseits erklärte ein in Holland weilender japanischer Diplomat, daß Japan den Krieg nicht wünsche. Erimmitschau. Die Ursache des Kampfes in Crimmitschau wird jetzt in der Presse mehr und ernsthafter erörtert und dabei tritt immer mehr die Ueber⸗ zeugung zu Tage, daß die Arbeiter auch sach⸗ lich im Rechte sind. Unter der Ueberschrift: „Der Hintergrund des Weberstreiks im Crim⸗ mitschau“ veröffentlicht Herr Dr. Robert Wil⸗ brandt⸗Berlin in der„Sozialen Praxis“ einen Artikel, in dem er u. a. auch die Gefahr für die deutsche Industrie zeigt, die dadurch ent⸗ steht, wenn dieselbe sich zur Erhaltung ihrer Konkurrenzfähigkeit lediglich auf die unmensch⸗ liche Ausbeutung der Arbeitskraft durch überlange Arbeitszeit und niedrige Löhne stützt. Der Verfasser führt u. a. aus: „Die modernsten Leistungen des Maschinenbaus für die Textilfabriken warten noch auf ihre allgemeine An⸗ wendung. Beharren bei langer Arbeitszeit, niedrigem Lohn und veralteter Technik, das ist die Gefahr in unseren Textilfabriken, das die Klippe, an der viele deutsche Unternehmungen der Textilindustrie gescheitert find. Solches Zurückbleiben macht auf die Dauer rettungslos konkurrenzunfähig gegen voranschreitende Länder. Einmal kommt stets der Tag, wo die moderne Technik billiger produziert als die überholte, die mit langer Arbeitszeit und niedrigen Löhnen ihr Dasein fristet. Dagegen bewirkt der soziale Fortschritt den technischen und der technische wieder den sozialen. Kurze Arbeitszeit treibt ähnlich wie hoher Lohn zum Ankauf besserer Maschinen, deren Mehrleistung jene Produktionsverteuerung mehr als ausgleicht; die besseren Maschinen ermöglichen wieder intensivere Leistung des Arbeiters. Der Arbeiter kann aber die intensivere Ar⸗ beit, die auf seiner Seite durch die modernen Maschinen ermöglicht wird, nur verwicklichen, wenn er durch kürzere Arbeitszeit und höheren Lohn dazu befähigt wird; denn nur bessere Lebenshaltung und kürzere Ar⸗ beitszeit geben ihm dazu die Spannkraft und Frische. So setzt die volle Ausnutzung der durch die Technik gegebenen Möglichkeit den sozialen Fortschritt sogar voraus. Der Zehnstundentag auch in der deutschen Textil⸗ industrie wie in der englischen wäre nicht nur für die Arbeiter, sondern schließlich auch für die Unter⸗ nehmer ein Gewinn; es wäre ein Segen für die deutsche Industrie. Dies ist der technische Hintergrund des Weberstreiks.“ Dr. Wilbrandt, der übrigens irrtüm⸗ licherweise auch immer von einem„Weber⸗ streik“ spricht, geht dann auf die entsetzlichen Verheerungen ein, welche die überlange Arbeits- zeit gerade unter den Frauen und im ganzen Familienleben anrichtet, und empfiehlt, daß der Staat an Plätzen wie Crimmitschau die Anlage von Fabriken begünstigt oder selbst verwendet, welche Männerarbeit brauchen. Ge⸗ meint sind damit Maschinenfabriken, Holzbe⸗ arbeitungsfabriken, kurzum Industrien, in denen die Frauenarbeit noch keine Rolle spielt. In diesen Fabriken, meint Herr Dr. Wilbrandt, würden Löhne gezahlt, welche zur Erhaltung der Familie ausreichen. Die Frauen würden dann die Textilfabriken meiden und so müßten auch dort die Löhne steigen. Das gut gemeinte Mittel scheint uns wenig Erfolg zu versprechen. Denn auch in den ge⸗ nannten Industrien werden die Löhne der Männer sosherabgedrückt, daß sie eben nicht mehr zum Unterhalt der Familie ausreichen, die Frau also gezwungen ist, mitzuverdienen. Schließlich kommen auch noch die ledigen Frauen in Betracht. * Ein anderes bürgerliches Blatt, das Haupt⸗ organ des Zentrums, die„Kölnische Volksztg.“ widmete dem Fall Crimmitschau ebenfalls kürz⸗ lich einen längeren Artikel, der sich indessen vorteilhaft von denen anderer Ordnungsblätter unterschied, die fast ohne Ausnahme nichts anderes zu tun wissen, als die Arbeiter und Debatte im Reichstage: „Wenn man die Reden des Ministerialdirektors Dr. Fischer und besonders die des Ministers v. Metzsch liest, so findet man, daß den Arbeitern eine Menge Dinge als Verbrechen angerechnet werden, zu denen sie durchaus berechtigt sind, mit denen man aber den Eindruck zu erwecken sucht, als begingen sie die unerhörtesten Ausschreitungen. Sie stellen Streilposten auf, bewachen die Briefkästen, reisen den Agenten der Fabrikanten nach, um Arbeits willige von der Arbeit in Crimmitschauer Fabriken abzuhalten. Wo ist denn das verboten? Die Fabrikanten suchen mit allen Mitteln Arbeitswillige heranzuziehen, ihre Agenten machen Versprechungen, die nicht gehalten werden, Gendarmen geleiten die Arbeitswilligen feierlich zur Fabrik, alles damit die Streikenden gezwungen werden, sich zu unterwerfen. Warum sollen denn nun diese ihrerseits nicht das Recht haben, den Zuzug Ar⸗ beitswilltger zu verhindern, vorausgesetzt, daß sie sich dabei keine Gesetzesübertretungen zuschulden kommen lassen? Man muß vor allem gerecht sein und in diesem schweren wirtschaftlichen Kampfe Arbeiter und Unter⸗ nehmer mit gleichem Maße messen. In Sachsen herrscht aber noch mehr als anderswo die Gewohnheit, daß bei einem solchen Kampfe die Behörden sich un be⸗ dingt auf die Seite der Unternehmer stel len.“ Am Schlusse erklärte das Blatt: „Wir glauben in diesem Streite völlig unparteiisch zu sein. Und da müssen wir gestehen, daß die Erim⸗ mitschauer Arbeiter Bewunderung verdienen für ihre Ausdauer und die übrigen für ihre Opfer⸗ willigkeit.... Die Behörde, sei es die staatliche, sei es die städtische— müßte unsres Erachtens bei einigem guten Willen nachgerade imstande sein, den Frieden zu vermitteln.“ Das wäre sie vielleicht zweifellos, wenn sie es eben nicht für ihre ganz besondere Aufgabe erachtete, die Interessen des Unternehmertums zu schützen, den Arbeitern ihren gerechten Kampf aber nach Möglichkeit zu erschweren. So wird jetzt wieder berichtet, daß den Ausgesperrten ihre Versammlungen auch auf Altenburgischem Gebiete verboten wurden. Das nennt man in Sachsen Gerechtigkeit! Dieses Verhalten der sächsischen Behörden empört selbst den nationalliberalen Professor Delbrück, der in den„Preußischen Jahr⸗ büchern“ dazu schreibt: „Kann ein Kulturvolk sich ein solches Regiment gefallen lassen? Immer und immer wieder muß darauf hingewiesen werden, daß hier der eigentliche Sitz der soztalen Krankheit ist. die Be⸗ hörden selber sind es, die die Masse der Arbeiter der Sozialdemokratie zutreiben, weil sie die Leute verhindern, auf gesetzlichem Wege in den gewerb⸗ lichen Kämpfen ihre Interessen zu verfechten. Ehe der Reichskanzler sich nicht entschließt, hier einmal energisch durchzugreifen, und einem Minister, wie Herrn von Metzsch, ein quos ego zuzublasen, daß er es in seiner Amtswohnuug nicht mehr aushalten kann, werden ihm alle seine dialektischen Siege im Reichstage nichts helfen, Da mögen sich noch so viele nationale und christliche Gewerkvereine bilden und der Herr Reichskanzler mag ihre Deputationen empfangen und ihnen freundliche Aussichten eröffnen, mit Worten ist hier gar nichts getan. Das sind doch alles nur Rekruten für die Sozialdemokratie, solange nicht durch Taten der erste und höchste Grund⸗ satz der Politik, die Gerechtigkeit im deutschen Retche sichergestellt ist.“ Für die Anerkennung und Sicherstellung dieses Grundsatzes kämpft aber nur die Sozial⸗ demokratie und höchstens noch eine sehr kleine Anzahl ehrlicher Politiker. * Sonst ist die Lage in Crimmitschau unver⸗ ändert. Ein amtliches Dresdener Blatt berichtete am Dienstag, daß am 4. Januar im Rathause von Crimmitschau von Geh. Rat Roscher Besprechungen mit Vertretern der Arbeiter und Besprechungen mit Vertretern der Arbeitgeber abgehalten. In der Besprechung mit den Arbeitern wurden einige Vorschläge zum Einvernehmen gemacht, die jedoch in der später abgehaltenen Besprechung mit den Ar- beitgebern nicht angenommen wurden. Infolgedessen geht der Ausstand zunächst weiter. — Also die Arbeitgeber sind es, welche den Frieden nicht wollen! Natürlich, die Ar⸗ beiter sollen sich den Kapitalisten bedingungslos unterwerfen. Mittel deutsche Sountags⸗Zeitung. Seite a. f Ausland. besonders die Sozialdemokratie anzugreifen und Soziales, Gewerkschaftliches N zu verdächtigen. Das Zentrumsblatt sagte da⸗ 3 5 5* Zwischen Rußland und Japan mals unter anderem— es war kurz nach der Arbeiterbewegung. Für den Holzarbeiterverband be⸗ deutete der dritte Weihnachtsfetertag des ver⸗ flossenen Jahres eine Art Jubiläum. Am 27. Dezember waren es 20 Jahre, seit auf dem Tischlerkongreß in Mainz die durch das So⸗ zialistengesetz zertrümmerte Zentralorganisatian der Tischler neu gegründet wurde. Dem Zen⸗ tralverband der Tischler wurden in den achziger Jahren noch sehr viel Schwierigkeiten von der Polizei und den Gerichten gemacht, doch ent⸗ wickelte er sich in ganz erfreulicher Weise. Aus dem Tischlerverband ging der Hol zarbeiter⸗ verband hervor, der auf dem Kongreß in Kassel 1893 gegründet wurde und jetzt fast 80 000 Mitglieder zählt. Vorsttzender ist auch heute noch, wie schon vor 20 Jahren, Karl Kloß, der also jetzt auf 20jährige Tätigkeit als Gewerkschaftsbeamter zurückblickt. Verbandstag der Handschuhmacher. Eine kleine, aber kampfesmutige Organisatlon, die der deutschen Handschuhmacher, begann am zweiten Weihnachtsfeier⸗ tage im Lokale Stadtgarten in Zeitz nach fünfjähriger Frist ihre elfte Generalversammlung. Der Verband der Handschuhmacher, eine der ältesten Organisationen, besteht bereits 3 4 Jahre und die Handschuh macher sind bekanntlich prozentual mit am besten(über 80 pCt. der Berufsgenossen) organistert. Obwohl die Organisa⸗ tion nur über rund 4100 Mitglieder(darunter 50 weibliche) verfügt, hat sie im Laufe der letzten fünf Jahre über 282,000 Mark an Unterstützungen gezahlt. Natürlich haben auch die Handschuhmacher unter der Krise sehr zu leiden gehabt. Die Beziehungen des Ver⸗ bandes zu den Kollegenorganisationen des Auslandes sind fortgesetzt gute. So wurden für den Streik in Kaaden 7000 M., für die Kollegen in Niort 200 M., für streikende Kollegen in Schweden 600 M., für die ausgesperrten dänischen Arbeiter 3400 M. und für die Textilarbeiter in Brünn 300 M. aufgebracht. Aus dem erstatteten Tätigkeitsbericht geht ohne Zweifel hervor, daß der Verband seine Aufgaben voll erfüllt hat. In den ersten beiden Verhandlungstagen beschäftigte man sich mit dem inneren Ausbau der Organisation. Der Verbandstag der Dachdecker fand zwischen Weihnachten und Neujahr in Dortmund statt. Aus dem Bericht des Vor⸗ sitzenden ist zu entnehmen, daß die auf der letzten Generalversammlung beschlossene Bei⸗ tragserhöhung sich gut hat durchführen lassen. Im Sommer fand eine Abstimmung über Ein⸗ führung der Arbeitslosenunterstützung statt, woran sich über 50 Prozent der Kollegen be⸗ teiligten. Für Einführung der Unterstützung votierten 644, dagegen 949 Kollegen. Der Mitgliederstand hat sich nur unwesentlich ver⸗ ändert. Die Krise wirkt andauernd hemmend auf die Entwickelung der Organisation ein. Regelmäßig tritt im Winter ein Rücktritt der Mitgliederzahl ein, meist wegen Beitragsrück⸗ stände. Die Mitgliederzahl betrug am Schlusse des 3. Quartals 3375. Im Jahre 1903 hatte der Verband 21 Lohnkämpfe zu führen. 548 Mitglieder waren an Streiks oder Aussperrungen beteiligt. Zur Aufbringung der erforderlichen Mittel war eine Extrasteuer ausgeschrieben. Die Reiseunterstützung stieg auf 2044,37 Mk. in den letzten 2 Jahren, gegen 1275,85 Mk. in der vorhergehenden Periode. Die Ausgaben für Streiks betrugen 29 516,21 Mk., davon aus der Haupfkasse 18 795.884 Mk. Die Ge⸗ samtausgaben betrugen 57 070,12 Mk., denen eine Einnahme von 57 056,98 Mk. gegenüber⸗ steht.— Auf dem Verbandstage erstattete Hermann⸗Bremen ein Referat über„Lohn⸗ bewegungen und Streiks“, an das sich eine ausführliche Diskussion schloß. Die Ausfüh⸗ rungen gingen meist dahin, daß eine größere Zurückhaltung bei Inszenierung von Lohnbe⸗ wegungen zu beobachten sei. Der Berliner Droschkenkutscher ⸗ Streik, der vor einigen Wochen ausgebrochen war, ist jetzt beendet. Die Vertreter der beiden Parteien haben sich auf einen bis 1. Juli giltigen Vergleich geeinigt. Parteifreunde! ae Leer far Euer Blatt, die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung! 8 e 9 — 3 r Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 2. Pon Nah und Fern. Gießener Angelegenheiten. — Die Stadtverordneten hielten am Montag eine Sitzung ab. Vor Eintritt in die Tagesordnung beschwert sich Gen. Orbig, daß vielfach der Kreisausschuß Gesuche um Wirtschaftskonzessionen genehmigt habe, trotz⸗ dem sie vorher von der Wirtschaftskommission und der Stadtverordnetenversammlung abge⸗ lehnt wurden. Unter solchen Umständen habe die Kommission gar keinen Wert; man müsse gegen das Verfahren des Kreisausschusses pro⸗ testieren oder die Kommission, deren Mitglieder die Lust an ihrer zwecklosen Tätigkeit verlören, auflösen. Stadtverordneter Kirch schließt sich dem an. Der Oberbürgermeister erklärt, daß er sich niemals mit einer derartigen Nichtbe⸗ achtung der Stadtverordnetenbeschlüsse einver⸗ standen erklärt habe.— Das Gesuch der deutsch⸗ amerikanischen Petroleum⸗Gesellschaft, betreffend die Genehmigung zur Errichtung eines Petro⸗ leumlagers wird abgelehnt, nachdem sich Krumm, Heichelheim und Georgi dagegen ausgesprochen. Ueber den Neubau der höheren und erweiter⸗ ten Mädchenschule entspann sich eine längere Debatte. Man will den Plan in der Fassade und auch in der innern Einrichtung ändern; letztere insofern, als man die Turnhalle in das Schulgebäude legen und einen Festsaal darüber im oberen Stock anordnen will. Die Architekten Stein und Meyer sollen den Plan dement⸗ sprechend umändern und dafür werden 1000 Mark gefordert. Mehrere Redner sind der Meinung, daß man einen Festsaal nicht brauche und außerdem solle doch das Stadtbauamt die Pläne umändern. Demgegenüber führt der Bberbürgermeister an, daß aus einer Reihe von Gründen die Sache noch teurer komme, wenn das Stadtbauamt mit der Aenderung betraut würde. Schließlich wird beschlossen, erst Schul⸗ gebäude in anderen Städten zu besichtigen, she weiter darüber verhandelt wird.— Schließ⸗ lich kommt das Gesuch des Komités für Er⸗ richtung eines Theater- und Saal baues zur Verhandlung, das dahingeht, die Stadt⸗ vertretung wolle zustimmen, daß für den Bau der im städtischen Besitz befindliche Schülersche Garten an der Johannisstraße in Aussicht ge⸗ nommen und der Platz dem Komité zinslos überlassen werde. Dem stimmt die Versamm⸗ lung zu. Das Theater soll 700 Sitz⸗ und 150 Stehplätze erhalten. Die Kosten des Projekts werden auf 748 000 Mk. veranschlagt. Zur Erlangung von Plänen soll eine Konkurrenz ausgeschrieben werden. — Der Großherzog hat am ersten Weihnachtsfeiertage die Herberge zur Hei⸗ mat besucht und für jeden der dort logierenden Handwerksburschen ein Geldgeschenk— 100 Mk. für zusammen etwa 90 Leute— gespendet. Diese, wie wir gerne anerkennen, edle und menschenfreundliche Handlung, die vorher noch nie von einem Fürsten berichtet wurde, stellte ein Hamburger Scharfmacherblatt als„Frater⸗ utsteren mit der Sozialdemokratie“ hin und richtete einen wütenden Artikel gegen den Groß⸗ herzog. Das war aber selbst dem„Gieß. Anz.“ zu dumm, er kanzelte seiuen Hamburger Ge⸗ stunungsverwandten gehörig herunter, nenut dessen Leistung albern und ungezogen und wirft ihm„prähistorische Lebensauffassung“ vor. Da hat der Anzeiger ganz recht. Wir möchten aber in aller Bescheidenheit bemerken, daß das Gießener Amtsblatt oft genug, besonders zur Zeit der Reichstagswahl, Dinge über die So⸗ ztaldemokratie schrieb, die in bezug auf Albern⸗ heit ganz gut mit dem Hamburger Blatt kon⸗ kurrteren konnten.— So weit sind wir heutzu⸗ tage, daß eine wohltätige und zweifellos echt christliche Handlung als— sozialdemokratisch bezeichnet wird! — Für die Großherzogsspende, die von verschiedenen hessischen Staatsstützen und Ueber⸗Patrioten mit Hilfe von Polizei⸗ dienern und Schulkindern im Lande zusammen⸗ gefochten wurde, ist kein hoher Betrag aufge⸗ bracht worden. 64000 Mk. überreichte eine Deputation dem Großherzog am Neujahrstage nebst einer Truhe, in der sich die Liste mit den Namen der angeblich 84 000 Spender befand. Vielleicht soll der Großherzog seine freie Zeit mit dem Studium der Liste ausfüllen. Ganze 64000 Mark! Diesen Betrag hätten ein halbes Dutzend der hessischen Patentpatrioten mit Leichtigkeit aufbringen können, man brauchte da wirklich nicht jedes Dorf abzuklopfen. Ja, Patriotismus ist sehr schön, kosten darf e aber nichts. 5 — Beschäftigung von Schulkindern. Vom 1. Januar ab tritt das Kinderschutz⸗ gesetz in Kraft. Demnach dürfen Schnlkinder, auch die älteren in gewerblichen Betrieben zum größten Teil gar nicht mehr beschäftigt werden. Z. B. dürfen die Milchkutscher nicht mehr wie seither die Schulbuben mittags oder Sonntags zum Milchaustragen benutzen, das Kegelaufsetzen durch Schuljungen ist zukünftig auch für geschlossene Gesellschaften abends und Sonntags ganz verboten, und auch das Aus⸗ tragen von Zeitungen, Kleidern, Bäckerwaren usw. ist zukünftig nur noch solchen Kindern ge⸗ stattet, die das zwölfte Lebensjahr zurückgelegt haben. Nach 8 Uhr abends dürfen Kinder überhaupt nicht zu gewerblichen Arbeiten heran⸗ gezogen werden. Zuwiderhandlungeu werden bestraft. Zweifellos bedeutet das Kinderschutzgesetz einen sozialpolitischen Fortschritt, es dämmt die Kinderausbeutung wenigstens einigermaßen ein, wenn es auch noch Lücken genug aufweist. Und durch die einzelstaatlichen Ausführungs⸗ Bestimmungen, die zahlreiche Ausnahmen von den gesetzlichen Vorschriften gestatten, wird es in seiner Wirksamkeit noch mehr beeinträchtigt. Besonders ist wenig getan, um die übermäßige Anstrengung der Kinder in der Landwirtschaft zu verhüten.— Im Ganzen wird aber auch hier nicht so heiß gegessen, wie es nach dem Wort⸗ laut des Gesetzes gekocht erscheint. — Die Kalender verbreitung ist auch diesmal glatt erledigt worden, soviel wir unter⸗ richtet sind, hat es nirgend Anstände gegeben. Ganz selten kommt es noch vor, daß unser freundlich angebotener Landbote murrend und scheltend zurückgewiesen wird; im Allgemeinen findet er aber eine freundliche Aufnahme, viel⸗ fach wird er sogar mit Sehnsucht erwartet. Hoffentlich sorgt das Landeskomité dafür, daß der nächstjährige etwas früher herauskommt. — Der„Gieß. Anz.“ ließ sich dieser Tage aus dem Ohmthale von der erfolgten Kalender⸗ verteilung berichten und der betr. Korrespondent fügt an seine Mitteilung:„Die anderen Par⸗ teien könnten sich fürwahr an dieser Art der Agitation ein Muster abgucken. Hier geschieht aber meist nur dann etwas, wenn eine Wahl vor der Tür steht, in anderen Zeiten kümmert sich niemand um Parteiangelegenheiten“.— Der gute Mann verlangt viel von den„Staats⸗ erhaltenden“. Die werden sich hüten, die poli⸗ tische Ruhe zu stören. Kommt die Wahl, dann ziehen eine Schaar Amts⸗ und Landgerichts⸗ räte, Rechtsanwälte usw. los und besorgen schon die„Aufklärung“ der Wähler,— Bürger⸗ meister und Polizeidiener besorgen das Uebrige. — Das Gewerkschaftsfest am Sams⸗ tag war außerordentlich zahlreich besucht und nahm den besten Verlauf. Es hat sich gezeigt, das ein gemeinsames Fest der Gewerkschaften entschieden den Vorzug verdient gegenüber den sonst üblichen einzelnen Weihnachtsfeiern. In dem geräumigen Saale war jeder Platz vesetzt. Was im Programm geboten wurde, war zum größten Teil recht anerkennenswert und fand den Beifall der Festteiluehmer. Besonders seien die Leistungen der Sänger und der Turner hervorgehoben. Doch waren leider die Pausen zu lang. Unseres Erachtens müßte die Fest⸗ leitung dafür sorgen, daß sich das Programm rascher abwickelt; vielleicht könnte man auch die Verlosungen so einrichten, daß durch sie nicht soviel Zeit weggenommen wird. Zu der Verlosung selbst hatten einzelne Mitglieder und Gewerkschaften, z. B. die Bäcker und Brauer recht ansehnliche und wertvolle Gegenstände ge⸗ stiftet, zur Freude der Glücklichen, die sie als Gewinne nach Hause tragen kounten. Man könnte aber vielleicht die Frage erörtern, ob es angebracht erscheint, bei einem nicht auf die Explosion. Weihnachtsfeiertage fallenden Feste einen Wesh⸗ nachtsbaum herzurichten. Denn das erfordert doch immerhin nicht geringe Mühen und Kosten, die man sich füglich sparen könnte.— Aehnlich liegt die Sache auch mit Aufführung schwieriger Theaterstücke. Da verwenden die Mitwirkenden viel Mühe und Zeit, ohne dafür bei dem durch vielfache andere Einflüsse abgelenkten Publikum das nötige Interesse und die gebührende Aner⸗ kennung zu finden. Wer aber weiß, welche Opfer Diejenigen bringen, die durch Aufführung eines Theaterstückes das Festprogramm zu bereichern suchen, wird ihnen Dank wissen, den auch wir an dieser Stelle gerne zum Ausdruck bringen. — Die Festrede hielt an St elle des leider ver⸗ hinderten Genossen Krumm Gen. Vetters, der hierbei auf die Kämpfe und Erfolge der Arbeiter⸗ bewegung im vergangenen Jahre hinwies, die großartige Betätigung des Klassenbewußtseins und des Solidaritästgefühls bei Gelegenheit der Crimmitschauer Aussperrung feierte und zu weiterem festem Zusammenhalt aufforderte.— Im Ganzen war es ein erhebendes Fest, was die organisierten Arbeiter Gießens miteinander feierten. b. Der Bezirksturntag der Arbeiterturn⸗ vereine vom zweiten Bezirk des 9. Kreises fand am Sonntag in Niederrad bei Frankfurt statt. Es war ein zahlreicher Besuch zu verzeichnen; alle Vereine außer zweien waren vertreten. Die Freie Tur nerschaft Gießen war ebenfalls durch einen Delegierten ver⸗ treten. Die Verhandlungen leitete der Turngenosse Kraft⸗Frankfurt. Im vergangenen Jahre hat der Bezirk eine gute Zunahme zu verzeichnen; vier Vereine(Alzey, Griesheim, Steinbach und Vilbel) traten bei, im Gan⸗ zen wurde ein Gewinn von 335 Mitgliedern festgestellt, Die Vorstandswahlen ergaben folgendes Resultat: Vor⸗ sitzender Kraft⸗Frankfurt; Kassierer: Weichselfelder⸗ Wiesbaden; Schriftführer: Lange⸗Höchst; Turnwart: Krüger⸗Offenbach und Decke r-Frankfurt. — Die Christlich⸗Sozialen Dr. Burckhardt und Behrens werden, wie uns mit⸗ geteilt wird, diesen Sonntag abend im Felsen⸗ keller eine Versammlung abhalten. — Feuerlärm erscholl am Donuerstag abend kurz nach 9 Uhr. Es brannten die Holz⸗ häuschen der auf dem linken Lahnufer gegen⸗ über der Pulvermühle befindlichen Rübsam'schen Badeaustalt. Das Feuer fand reichliche Nah⸗ rung und bald lagen sämtliche Häuschen mit Ausnahme eines einzigen in Asche. In der Badeanstalt hat es in früheren Jahren schon mehrfach gebrannt. Aus dem Rreise gießen. — Der Unfug mit Feuerwerkskörpern führte am Sylvesterabend in Klein⸗Linden zu einer In einem dortigen Laden wurden die in einem Kasten aufbewahrten Feuerwerkskörper durch einen Frosch, den ein Bursche weggeworfen hatte, entzündet. Fenster und Türen wurden zertrümmert, die anwesenden Personen zu Boden geschleudert, jedoch glücklicherweise nicht schwer verletzt. Auch das entstandene Feuer wurde bald gelöscht. Immerhin war der Schrecken gar nicht gering, der den in Mitleidenschaft gezogenen Personen durch den dummen Streich verursacht wurde. — Heuchelheim. Der Arbeiter⸗-⸗Bildungs⸗ verein hält diesen Sonntag, 10. Jan. abends 7 Uhr, im Lokale des Herrn August Rinn seine Gene r al⸗ versammlung ab. Auf der Tagesordnung steht zu⸗ nächst die Abrechnung und Vorstands wahl, ferner soll über die Einrichtung der Turn-Abteilung und was damit zusammenhängt, verhandelt und schließlich über eine demnächst abzuhaltende Abend⸗Unter haltung Beschluß gefaßt werden. Weiter ist noch die Frage zu erörtern, ob der Verein in nächster Zeit nicht einige wissenschaftliche Vorträge, vielleicht in Verbindung mit den Gießener Genossen, arrangieren soll. Angesichts der sehr reichhaltigen Tagesordnung werden die Mit⸗ glieder ersucht, recht zahlreich und pünktlich zu er⸗ scheinen. Jeder muß sich bemühen, unsere Sache fördern zu helfen und dazu sein Teil Arbeit beitragen. Kräftig vorwärts im neuen Jahre sei unsere Losung. r. Aus Watzenborn⸗Steinber g. Unser Gemeinderat entfaltet in der letzten Zeit einen ganz merkwürdigen Bewilligungseifer, daß man fast glaubt, die Gemeindevertretung weiß nicht wohin mit dem Ueber⸗ fluß. In der letzten Sitzung hatte der Gemeinberat über die Errichtung eines Turmes auf das neue Schul⸗ haus zu befinden. Dieser soll 750 Mk. kosten, was unsere Genossen für eine überflüssige Ausgabe halten. Sie stimmten deshalb dagegen, während die übrigen Gemeindevertreter dem Gemeindesäckel die neue Ausgabe zumuten zu können glaubten. Infolgedessen wurde die 5— nacht f lt de 1 lat! burg „Aus demo der! zu be ec ge Da schliel sonder st, u De l del! Nauf . 1 an d fag nge Aba id 9 lachen f 0 2 ahzult un ale Lalbst demo alen on hule 80 1 0 a der n ati uit argh one a doll a8 erturn⸗ nd am 8 boar außer schaft n ber⸗ sgenosse Bezitt (geh, u Gan⸗ tgestellt, Vor⸗ felder⸗ wart: Dr. 5 mi⸗ Jelsen⸗ erstag Holz⸗ gegen⸗ 1 schen Mah⸗ en mit ju del schol örpern u einer die in c einen tzündet. vesenden cherweist T wude ar nicht Persone dungs 7 h, ene rl steht su⸗ vahl/ eilung aun rage 5 Fe cbindung gehts e Mik 1 fördern grräft ig ufer in galt 6 u Ulle, ie 1 80, 3 „ ob . Nr. 2. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. — —— —— Errichtung des Turmes mit 7 gegen 4 Stimmen be⸗ willigt. Vorher fragte Genosse Haas, wer dann eigentlich das Projekt ausgeheckt habe, aber weder der Bürgermeister noch der Architekt Rohrbach konnten die Frage beant⸗ worten. Da taugen unversehens kostspielige Projekte auf, man weiß nicht von wannen sie kommen, die Mehrheit des Gemeinderats ist aber mit der Bewilligung ganz schnell bei der Hand, schneller als oft bei sehr notwendigen und im Interesse der Gemeinde liegenden Dingen der Fall ist. Auch an diesem Falle ersehen die Arbeiter wieder, wie notwendig es ist, daß sie für eine Ver⸗ mehrung ihrer Vertreter im Gemeinderat sorgen. Feste Organisation! Aus dem Rreise Jriedberg-Wüdingen. — Das Militärverbot wurde über die Wirtschaft des Genossen Ihl„Zur Stadt New⸗Nork“ in Friedberg verhängt So berichtet wenigstens die „Kl. Presse“. Wenn die Militärbehörde damit beabsichtigt, die Ausbreitung der Sozialdemokratie zu hindern, so wird sie bald einsehen müssen, daß diese Maßregel ver⸗ geblich war. Zum großen Teil sorgen schon die Zustände, unter denen die Soldaten zu lelden haben und die Er⸗ fahrungen, welche sie in ihrer Dienstzeit machen, dafür, daß die sozialdemokratische Saat bei ihnen später auf guten Boden fällt.— Uebrigens wird wohl der Gen. Ihl den Verlust ertragen können. Friedberg hat keine Garnison; und die paar Soldaten, die hier und da auf Urlaub dorthin kommen, machen den Kohl auch nicht fett. Das Verbot wird also wohl nicht den Bank⸗ rott des Wirtes herbeiführen. Aus dem Rreise Wetzlar. * Aus Idiotien. Das Wetzlarer Amts⸗ blatt leistete sich dieser Tage einen von Schwein⸗ burg bezogenen Artikel in drei Fortsetzungen „Aus dem Lande Utopien“ gegen die Sozial⸗ demokratie. Mit dem pyramidalen Blödsinn, der da in drei Artikeln aufgehäuft wird, sich zu befassen, hieße unsere Leser beleidigen. Aber es geht ohne bewußte Lügen nicht ab. Da wird behauptet, der Vorwärts habe ge⸗ schrieben:„Die Ernte gehört nicht den Bauern, sondern allen Menschen“. Daß das Schwindel ist, und daß der Vorwärts geschrieben hat: Die Erde gehört nicht den Bauern usw., weiß der Anzeiger ganz genau. drauf los gelogen! h. Herr Gymnasiallehrer Weber wird, wie der„Anz.“ mitteilt, zum 1. April an das Gymnastum in Wesel versetzt. Weber ist eine Stütze der konservativen Partei und tat sich während der Wahlkämpfe im Juni als Vorsitzender des Heckenroth'schen Wahlkomités hervor. Daß ein Lehrer zu derjenigen Partei hält, die sich auf dem Gebiete des Schulwesens stets als die rückfändigste erwiesen hat, auch den sonstigen Forderungen der Lehrerschaft feindlich gegenübersteht, muß allerdings als eine Mer“ gürdigkeit verzeichnet werden. Die Stöckerianer wollen zur nächsten Reichs⸗ tag wahl unbedingt den Wahlkreis Wetzlar erobern. sie fangen deshalb jetzt schon an ihn zu beackern. Zwei Trabanten Stöckers, der Apotheker Dr. Burckhardt und der„Gärtner“ Behrens— beide so wahrheits⸗ liebend wie ihr Herr und Meister und beide auch so unverfroren und skrupellos in der Agitation wie er— durchziehen den Wahlkreis um Gimpel zu fangen und den Antisemitismus von der Giese⸗Reutherschen Couleur abzulösen. Damit das leichter von statten geht, gibt man sich vorwiegend in der antisemitischen Maske und serviert den„christlichen Sozialismus“ als Nachtisch. Selbstverständlich wird dabei gehörig über die Sozial⸗ demokratie geschimpft— das ist die Hauptsache— alle alten Märchen über einzelne unserer Parteigenossen, ganz besonders über Singer, aufgewärmt, kurz die Sozialdemo⸗ kratie als der Inbegriff aller Scheusäligkeit hingestellt. So machte es auch„Gärtner“ Behrens in Ehrings⸗ hausen, wo er am Dienstag Versammlung abhielt. Der Mann hat seinen Lehrer Stöcker— das muß man ihm lassen— ganz gut begriffen und betreibt die Agi⸗ tation wie der„teure Gottesmann“ es stets getan. Da⸗ mit ist genug gesagt. Behrens tut sich auch nicht wenig darauf zu gute, daß er als Komiteemitglied des„na⸗ tionalen“ Frankfurter Arbeiterkongresses mit bei dem Reichskanzler herumscherwenzelte und mit einem Sack voll Versprechungen wieder abtrotten konnte. Was er in Ehringshausen vorbrachte, waren neben den Schimpfe⸗ reien auf die Sozialdemokratie und die Juden nichts als„nationale“ Phrasen.„Freie Diskussion“ war an⸗ gekündigt, deshalb ergriff der anwesende Gen. Vetters das Wort, wies die Angriffe auf unsere Partei zurück, legte dar, wie die„christliche“ Arbeiterorganisation nur Zersplitter ung in der Arbeiterbewegung hervor⸗ rufe. Das ganze Verhalten der christlich⸗sozialen Partei Aber nur breist sei stets ein arbeiterfeindliches gewesen. Wer als Arbeiter seine Lage verbessern wolle, müsse sich den freien Gewerkschaften anschließen und zur Sozial⸗ demokratie halten, die stets die Arbeiterinteressen vertreten habe. Auf die etwa halbstündigen Ausführungen Vetter's antwortete Behrens, der zugleich Vorsitzender war, mit einer mehr als einer Stunde langen Pauke, in der er alles Mögliche und Unmögliche vorbrachte. Als Vetters entgegnen wollte, brüllte ihn der größte Teil der Ver⸗ sammlung nieder. Das Verhalten der Leute machte den Eindruck, als ob es verabredet war. Wenigstens wurde uns gesagt, daß der Kriegerverein sich besonders bemerkbar gemacht habe.— Nun, wir kommen wieder! h. Bürgermeister Lichtenthäler aus Krofdorf ist nunmehr wieder aus der Unter⸗ suchungshaft entlassen worden.— Bemerken wollen wir bei dieser Gelegenheit noch, daß der Bürgermeister und sein Sekretär bei ihrer Verhaftung per Chaise nach Wetzlar gebracht wurden, eine Rücksicht, von der wir wünschten, daß sie auch sogenaunten„politischen Ver⸗ brechern“ gegenüber, Leuten, denen keine un⸗ ehrenhafte Handlung zur Last gelegt wird, geübt würde. Aus dem Rreise Marburg⸗Rirchhain. r. Einelebhafte Krankenkassen-Ver⸗ sammlung tagte am Montag im Gasthaus „zur Sonne“. Es war die Generalversammlung der Filiale der Zentral⸗Krankenkasse der Schnei⸗ der, die in Marburg ca. 60 Mitglieder zählt, die sich zur Hälfte aus Arbeitgebern und Ar⸗ beitern zusammensetzt. Die Verwaltung hatten bisher stets die Arbeitgeber in den Händen, doch scheinen die Gesellen Grund zu haben, damit unzufrieden zu sein, weshalb sie ver⸗ langten, daß der Vorstand aus ihrer Mitte gebildet werde. Darüber kam es zu lebhaften Auseinandersetzungen, an der sich besonders die Schneidermeister Braun und Hein⸗ möller beteiligten. Ersterer zog es vor, das Lokal zu verlassen, letzterer dagegen tat sein Möglichstes, die Vorstandswahl zu verhindern. Als es trotzdem dazu kam und der Kandidat der Gehilfen mit 14 Stimmen gewählt wurde, während Meister Heinmöller als bisheriger Vorsitzender nur 8 Stimmen erhielt, erklärte er sich mit dieser Wahl nicht zufrieden. Es sei Stichwahl notwendig, meinte er. Als ihn die Gehilfen aufmerksam machten, daß bei nur 2 Kandidaten eine Stichwahl der größte Un⸗ sinn sei, schloß er kurzerhand die Versamm⸗ lung, ohne die anderen Wahlen, und überhaupt die Tagesordnung zu erledigen.— Herr Schneidermeister Heinmöller hat sich damit eine Blöße gegeben, die man von ihm nie erwartet hätte. Als eifriges Mitglied der Nationalsozialen hielt er bei der Reichstagswahl selbst Ver⸗ sammlungen ab, und sollte man daher meinen, daß er eine Versammlung geschäftsordnungs⸗ mäßig leiten könne. Daß dies aber nicht der Fall ist, hat die Krankenkassenversammlung gezeigt. Hoffentlich wird er sich besinnen, und sein Amt niederlegen, ehe es ihm vom Haupt⸗ vorstand genommen wird. r. Vom Konsum verein. In der Notiz in Nr. 51 war die Mitgliederzahl des Kon⸗ sumvereins unrichtig wiedergegeben; es mußte 271 Mitglieder heißen, nicht 171, wie dort zu lesen war. Jetzt ist die Mitgliederzahl bereits auf 330 gesttegen; gewiß eine recht er⸗ freuliche Entwicklung, die sich in gleicher Weise auch im Warenumsatz zeigt.— Bei dieser Ge⸗ legenheit sei erwähnt, daß im Leipzig⸗ Plag witzer Konsumverein der Umsatz allein im Monat Dezember nicht weniger als 1374612 Mark betrug, während das mit Ende Dezem⸗ ber zu Ende gegangene halbe Geschäftsjahr einen Erlös von 6131937 Mk. brachte, bei⸗ nahe ½ Million mehr als in der gleichen Periode des Vorjahres. Eine sehr leistungs⸗ fähige Genossenschaft! * Die Aerztebezirke der Ortskranken⸗ kasse. Den in der vorigen Nummer veröffentlichten Arztbezirken seien noch die folgenden hinzugefügt: Bezirk Schönstadt, Schwarzenborn, Wolfskaute, Schwabendorf, Albshausen, Halsdorf, Ernsthausen, Wolferode, Burg⸗ holz, Sindersfeld, Reddehausen, Betziesdorf: Sanitäts⸗ rat Dr. Rehn und Dr. Reinhardt in Rauschen⸗ berg; Sterzhausen, Goßfelden, Sarnau, Göttingen, Niederwetter, Unterrosphe, Oberrosphe, Mellnau, Toden⸗ hausen, Ober⸗, Mittel⸗ und Untersimtshausen, Münch⸗ hausen, Niederasphe, Amös au, Treisbach, Oberndorf, Warzenbach, Brungershausen, Kernbach: Sanitätsrat Dr. Güngerich und Dr. Schlipp in Wetter; Bortshausen, Ronhausen, Beltershausen, Hahnerheide, Leidenhofen, Dreihausen, Heskem, Mölln, Hachborn, Ilschhausen: Dr. Frohwein in Ebsdorf; Allendorf, Langenstein, Niederklein, Amöneburg, Rüdigheim, Schweinsberg, Kleinseelheim, Großseelheim, Niederwald, Schönbach, Stausebach, Anzefahr, Himmelsberg: Sant⸗ lätsrat Dr. Römer, Dr. Klöne und Dr. Eisen⸗ berg in Kirchhain; Oberweimar, Niederwalgern, Wenkbach, Argenstein, Roth, Wolfshausen, Erbenhausen, Hassenhausen, Bellnhausen, Sichertshausen, Oberwalgern, Reimertshausen, Weipoltshausen, Kirchvers, Alten vers, Rollshausen, Damm, Holzhausen, Stedebach, Odenhausen: Dr, Wigand und Dr. Hofmann in Fronhausen; Moischt, Wittelsberg, Roßdorf, Mardorf, Erfurtshausen, Schröck: Sanitätsrat Dr. Mütze in Holzhausen; Mornshausen, Lohra, Willershausen, Nanzhausen, Allna: „Dr. Haun und Dr. Göring in Gladenbach. Kleine Mitteilungen. Ein schreckliches Unglück ereignete sich am Mittwoch vor 8 Tagen in Kastel. Die Kinder der Witwe Möslein dortselbst, benutzten seit längerer Zett ein Shrap nell Artilleriegeschoß) als Spielzeug, ohne zu wissen, daß es noch geladen war. Als nun der 10jährige Junge ein Loch in einen Riemen schlagen wollte und dazu das Geschoß als Unterlage benutzte, explodierte es und richtete große Ver⸗ wüstungen in der Wohnung an. Der Mutter wurde der Unterleib aufgerissen, so daß die Gedärme hervor⸗ traten. Dem dreijährigen Mädchen drang der größte Teil des Geschosses in den Körper, dem Knaben selbst wurde der rechte Arm zerrissen. Die Schwerverletzten wurden nach dem Rochusspital geschafft, wo das Mäd⸗ chen innerhalb einer Stunde und die Mutter am andern Morgen verstarb. Wegen Unterschlagung wurde der Gerichts⸗ altuar Wilkow vom Fuldaer Amtsgericht verhaftet und in das Gefängnis in Hanau eingeliefert. i Vom Zuge überfahren wurde auf der Westerwalderstrecke Siershahn⸗Engers der Kannenbäcker Krämer aus Grenzhausen und sofort getötet. Opfer der Arbeit. In der Grube Resen bei Neunkirchen stürzte ein junger Bergmann, der mit einem Pferde auf der Förderschale stand, zusammen mit diesem in die Tiefe. Mann und Tier waren sofort tot.— Bei Siershahn im Westerwald wurde in einer Thongrube ein Arbeiter von herabstürzenden Erdmassen verschüttet und getötet.— Beim Neubau des Bahn⸗ hofs in Bebra wurden am Mitwoch 2 Arbeiter durch herabfallende Erdmassen schwer verletzt. Quittung. Für die ausgesperrten Weber in Crimmit⸗ schau gingen weiter ein: Wetzlar. Liste Nr. 2205 Mk. 3.—; Nr. 2206 Mk. 17.—;(darunter Launsbach unter Beteiligung einer Anzahl Frauen 11,95); Nr. 2207 15,17. Nr. 2209 20,85. Nr. 2213 25,10.; Nr. 2215 8,40. Kinzen⸗ bach 2,65. Abgesandt in 2. und 3. Rate Mk. 120. Ein Theaterbrand in Chikago. Das Jahr 1903 hat in Chikago mit einem fürchterlichen Brandunglück abgeschlossen, das Hun erte Menschenleben forderte. In dem neu⸗ erbauten, erst kürzlich vollendeten Jroquois⸗ theater in Chikago brach am 30. Dezember während einer Nachmittagsvorstellung auf der Bühne Feuer aus. Man wollte den Astbestvor⸗ hang herablassen, derselbe funktionierte aber nicht, sondern blieb in der Mitte stecken. Binnen kurzem ergriffen nun die Flammen den mit etwa 2000 Personen, darunter viel Frauen und Kindern besetzten Zuschauerraum. Des Publi⸗ kums bemächtigte sich bei Ausbruch des Brandes eine gewaltige Panik. Viele wurden erdrückt; ein Teil mag auch durch die ausströmenden Gase getötet worden sein. In verschiedenen Rängen und Räumen wurden die Leichen haufen⸗ weise übereinander, zum großen Teil mit zer⸗ tretenen Gesichtern und Körpern gefunden, die Gesichtszüge vom Todeskampfe verzerrt. Im Ganzen sind etwa 750 Personen umge⸗ kommen. Viele junge Frauen und Kinder befanden sich unter den Toten. Eine Menge Leichen, die in den Schau- und Leichenhäusern untergebracht wurden, waren nicht mehr zu er— kennen. Die Entstehungsursache wird von einigen der fehlerhaften elektrischen Leitung, von den Theaterleitern dem Bersten eines Ca«⸗ ciumbehälters zugeschrieben. 8 Das Iroquois Theater war Eigentum des Seite 6. Witteldentsche Sountags-Zeitung. ogenannten amertkanischen Theatertrusts. Der Ban galt für absolut feuersicher(1). Er be⸗ stand aus Marmor und Granit über einem Se wie das bei den„Wolkenkratzern“ ewöhnlich ist. a 5 905 eigentliche Gebäude hat denn auch dem verheerenden Element durchaus stand gehalten. Das Theater steht von außen unverändert aus und über dem Haupteingange erhebt fich noch unbeschädigt das mächtige Indianerhaupt. Aber das Innere ist ausgebrannt. Sicherheitsmaß⸗ regeln gegen Feuersgefahr waren entweder gar nicht da, oder wurden nicht in Betrieb gesetzt. So fehlt auf amerikanischen Bühnen die ig g Feuerwache, die den deutschen Theatern obli⸗ gatorisch ist. Auch dieses Feuer, das durch Kurzschluß der elektrischen Leitungen in den Kulissen entstand, hatte einen winzigen Anfang, dessen man noch leicht hätte Herr werden können. ö N Daß die Notausgänge, deren eine ganze Anzahl vorhanden waren, nicht benutzt werden konnten, weil sie mit eisernen Türen geschlossen, ja fast verrammelt waren, kann nur aus einer frivoler Leichtfertigkeit der Theaterleitung resul⸗ tieren. Auch sonst scheint die Theaterleitung und viele Angestellte und Schauspieler bei dem großen Unglück keine rühmenswerte Rolle gespielt zu haben. Anstatt Löschversuche auf der Bühne 1 machen, trugen die Schauspieler und sonstige ugestellte zu der allgemeinen Wirrnis nicht wenig dadurch bei, daß sie in den Zuschauer⸗ raum sprangen und mit den Frauen und Kindern des Publikums um den Ausgang kämpften. Allem Anscheine nach will man die Schuldigen zur Verantwortung ziehen.— Verhaftungen mehrerer Angestellten des Iroquoistheaters unter der Anschuldtgung der feahrlässigen Tö⸗ tung sind vorgenommen worden. Unter ihnen befinden sich der Bühnenleiter, der Bühnen⸗ zimmermann und mehrere Kulissenschieber. Am Neujahrstage wurde der Assistent des Bühnen⸗ leiters Plunkett und vier Chorsänger ebenfalls verhaftet. Plunkett ist des Totschlags angeklagt. Zahlreiche andere Angehörige des Theaterperso⸗ nals wurden polizeilich vernommen. Was nützt das aber nun, wenn die hier angeführten Angestellten bestraft werden? Die find viel weniger schuldig als die Behörden der Stadt, die es an der der nötigen Kontrolle fehlen ließen. Aber eng verbunden mit der Kapitalistenklasse und von den Gestnnungen der⸗ selben beseelt, scheeren sich die Leiter der Stadt den Teufel um das Interesse der Gesamtheit und die Sicherheit der Bevölkerung, sondern 0 25 stets nur das Kapttalisten⸗Interesse wahr. a Gute Autwort. Im Landtag von Meiningen gab es neulich eine scharfe Debatte zwischen Soztalisten und Freisinnigen. Die letzteren wollten und setzten es durch, daß die Gendarmen das Recht erhalten, ohne weiteres auf fliehende Arrestanten zu schießen. Die Sozialdemokraten machten na⸗ türlich heftige Opposttion. Da rief ihnen ein Freisinniger zu:„Die Sozialdemokraten leben überhaupt in Utopia!“ Prompt erfolgte an die Gefolg reute Eugens die Antwort:„Und Sie leben in Idiotia!“ Deutsche Gerechtigkeit! Wegen Beleidigung Arbeitswilliger wurde in Breslau der Angestellte des Holzarbeiter⸗ verbandes zu 3 Monaten Gefängnis ver⸗ urteilt. Er hatte gesagt: Ich kann es nicht hindern, wenn ihr Streikbrecher genannt werdet. Der Angestellte des Zimmererverbandes erhielt die gleiche Strafe. Er hatte gesagt: Wenn ihr arbeitet, werden wir im Verband über euch reden müssen!— Einundeinhalb Jahr Ge⸗ fängnis erhielt der Maurer Machate, weil er ebenfalls Arbeitswillige beleidigt haben sollte. Das waren hohe Strafen!— Ein Arbeits⸗ williger dagegen, der, um sein Verhalten zu rechtfertigen, gesagt hatte, der Bevollmächtigte des Maurerverbandes habe 500 Mk. gestohlen, wurde nur zu 30 Mark Geldstrafe verurteilt! e 4 7 Unterhaltungs-Ceil. ie 2 Der Sieg des Schwachen. Erzählung von Melchlor Meyr. 15.(Fortsetzung.) Das Mädchen war durch diese Worte erust⸗ lich getroffen, und mit aufrichtiger Bewegung erwiderte sie:„Ach ja, Frau Pfarrerin, ich seh's ein, ich hab' recht gefehlt! Aber man überlegt halt nicht alles!“ „Das seh' ich,“ entgegnete die Frau. Nach kurzem Bedenken sagte sie:„Nun horch! Ich will kein Aufsehen machen und kein Gerede peranlassen. Du bleibst bis zum Ziele und suchst dir unterdessen einen andern Dienst— in einem andern Orte.“ Die Bäbe sah wehmütig ergeben vor sich hin.„Ich seh's ein, daß Bitten mir jetzt nicht mehr helfen würden. Es soll geschehen.“ „Bis dahin,“ fuhr die Pfarrerin fort, „kommt so etwas in meinem Hause nicht mehr vor.“ 0 „O Frau Pfarrerin,“ rief das Mädchen, „ich versprech' Ihnen—“ „Ich will schon auch selber sorgen,“ ver⸗ setzte die Frau.„Der Hausschlüssel bleibt künftig in meiner Verwahrung.“ „Ein leichtes schmerzliches Lächeln flog über die Züge der Magd, die aber alsbald ruhige Fassung zeigten. Die Pfarrerin fuhr nach einer kleinen Pause fort:„Es ist mir unlieb, daß ein Mädchen, das durch mich ins Dorf gekommen ist, einen jungen Burschen verlockt und Unfrieden in eine Haushaltung gebracht hat. Der alte Schneider will seinen Sohn mit der Tochter des Bach⸗ Webers verheiraten— ich weiß es von guter Hand. Und nun kommst du und machst den Sohn ungehorsam gegen den Vater und stiftest Händel ar zwtschen ihnen! Du würdest wohl daran tun, diesen Liebeshandel ganz und gar aufzugeben. Der Eber ist nicht der Mann, dem Tobias seinen Willen zu lassen, und der, obwohl er gestern gezeigt hat, daß er auch frech sein kann, wird nicht imstande sein, etwas gegen ihn durchzusetzen. Du solltest das einsehen und den jungen Menschen überhaupt gehen lassen, nicht nur so lange du noch bei mir bist, wo sich's von selber versteht!“ „Frau Pfarrerin,“ erwiderte die Bäbe mit bescheidenem Ernste,„nehmen Sie mir nicht übel— aber das kann ich Ihnen nicht ver⸗ sprechen. Ich will alles tun, was Sie ver⸗ langen. Ich will dem Tobias nicht nachgehen, und in das Pfarrhaus und in den Pfarrhof soll er um meinetwillen nicht mehr kommen. Aber wenn er mich zum Weibe haben will, dann kann ich nicht zu ihm sagen: Geh' und heirate die Weberstochter, weil's dein Vater verlangt! Der Vater meint, weil die andere mehr Geld hat, drum wär' sie besser. Aber ich kann etwas, das auch Geld wert ist, und es ist sehr die Frag', ob er mit mir nicht weiter kommt als mit der andern— von der Lieb', die er nun einmal zu mir hat, gar nicht zu reden. Ich muß mir jetzt alles gefallen lassen, was mir geschehen ist; aber was mein Ver⸗ hältnis zum Tobias angeht, Frau Pfarrerin, da will ich nichts dran ändern, weder so noch so. Vielleicht geh's doch noch anders, als man jetzt denkt!“ Die Frau versetzte:„Ich kann dich nicht zwingen, meinen Rat anzunehmen, und will mich in deine Angelegenheiten nicht mischen. Handle, wie du's vor deinem Gewissen glaubst verantworten zu können. Aber so lang du bei mir bist, kommst du mit dem Burschen nicht mehr zusammen, weder im Pfarrhaus noch anderswo. Das verlang' ich von dir. Später kannst du's halten, wie dir's beliebt.“— Nach einem Moment setzte sie hinzu:„Trag' das 18 jetzt hinaus— die Sache ist abge⸗ macht.“ die Stube verlassen. „Noch eins!“ rief die Frau.„Ich brauch' dir nicht erst zu sagen, daß von dem, was passtert ist, nichts bekannt werden darf!“ „O,“ antwortete das Mädchen,„ich habe keine Ursach', davon zu reden!“ „Aber der Bursch?“ „Der wird nicht davon schnaufen,“ erwiderte die Bäbe mit halbem Lächeln;„dafür steh' ich 4. „um so besser“, versetzte die Frau.„Dann können wir hoffen, daß es für jetzt aus ist.“— * Der alte und der junge Schneider gingen den ganzen Tag umeinander umher, indem sie nur das nötigste miteinander sprachen und dabei möglichst vermieden, sich ins Gesicht zu sehen. Beim Abendessen war die Familie stumm: jedes machte sich seine Gedanken. Das Gesicht des Alten drückte Unschlüssigkeit und Unzufriedenheit aus; man sah, daß ihn etwas plagte. Nach dem 1 ging er in den Hof, Kaspar folgte, die Walburg begab sich in die Küche, und Tobias war allein. Von der Arbeit müde, lehnte er sich in eine Ecke und gab sich seinen Gedanken hin. Er hatte eine Empfindung, die fast ans Ange⸗ nehme streifte. Mit seinem Verhalten den Tag über konnte er nur zufrieden sein. Er war nicht davon gelaufen— was er schon der Bäbe wegen nicht durfte!— aber er hatte sich nicht schwach gezeigt, und es war ihm, als ob jetzt der Alte sich schämte und sich vor ihm scheute. Die Sache konnte nun von selber eine ganz andere Gestalt bekommen. Und wenn das geschah, war ihm doch eigentlich aus den Schlägen das Heil erwachsen!— Aller⸗ dings war die Lage, in der er sich befand, noch ungewiß und dunkel; aber in das Dunkel fiel der Schein begründeter Hoffnung, und darum füllte sein Herz düsterwohles Gefühl, dem er sich in der Dämmerung gern hingab. Aus dem traumhaften Zustand weckte ihn der alte Schneider, der allein zurückkam. Diesem war es schon seit einigen Stunden im Kopfe herumgegangen, daß die Sache so nicht bleiben könne, und daß er mit dem Burschen reden müsse, um zu sehen, wie sie nun eigentlich mit⸗ einander ständen. Einen Teil des Tages hatte er wirklich Scheu getragen, den wunden Punkt zu berühren; aber nach und nach war ihm das Gefühl der väterlichen Gewalt wiederge⸗ kommen; er sagte sich, daß dem Burschen gestern nur recht geschehen sei und daß er das begonnene Werk, wenn auch mit andern Mitteln, heute fortsetzen müsse. Als er den Sohn in der dunkelnden Stube sah, schien ihm der rechte Moment gekommen. Durch keine Erinnerung mehr befangen, trat er gegen ihn vor und sagte:„Es ist gut, daß ich dich allein treff'. Wir zwei haben noch was miteinander auszumachen.“ Tobias erhob etwas betroffen den Kopf; aber die Wirkung der Anrede war nicht, wie sie der Vater erwartete. Mit einem Fache as erwiderte der Bursche:„So? Noch was?“ Der Alte, die Entgegnung verstehend, lächelte spöttisch.„Du meinst,“ versetzte er auf ihn herabsehend,„ich wär schon fertig mit dir?“ „Allerdings!“ antwortete der Sohn.„Vor⸗ derhand hätt' ich gemeint—“ „Weder vorderhand noch nachderhand,“ unterbrach ihn der Alte mit Schärfe. Was dir gestern passiert ist, das ist nur die Strafe gewesen für deine unverschämte Heimtücke. Hat man je so was gesehn? Mir sagen, daß es mit der Person aus sei, zum Scheine folgen, ur Sibylle gehen und ums Haus herum zur farrmagd schleichen— ist das nicht schändlich?“ „Du willst's ja nicht anders haben,“ ent⸗ gegnete Tobias seinerseits anklagend.„Du weißt, daß ich die Sibylle nicht mag, und doch nötigst du mich zu ihr hin und willst mich fressen, wenn ich nicht gleich geh'! Was bleibt mir da anders übrig, als dir was vorzu⸗ machen?“ „Sauber, das muß ich sagen!“ erwiderte der Alte.„Also wenn der Vater nicht gleich Die Vabe er ff das Faffeebrekt unden olle f 0— b v lugt, 1 fl 10 Tobi 0 U d br Nec 0 8. Ae 1 f 52 le le eil ehen, 110 Wahr f el We nich— Aman die Mu ute un eir — und Del Tobias uff Schleck an je Uohühe achtet dagen Schau fund el Immel licht al 10 Zuge feines! getriebe Dal Tot, sch der „Jeht dr ge Nacht, Aber ich kan nich e ih m tr den 1 0 0 dale, lch f ub n. 0 . 5 Die ten dart cn, Nan 6 suhen U f de An 6 f a8 ee * N brauch 1 1 0 habt widerte teh it „Daa “ gingen dem fle u. Das it und etwas in den sic in ch in en hin. g Auge⸗ en Tag Er war hon der alte sich als ob or ihm selber . Und lich aus Aler⸗ befand, Dunkel 10, und Gefühl, hingab. eckte ihn Diesem n Kopfe bleiben u leben lich mit⸗ es hatte u Punkt har ihm blederge⸗ Burschen er das Mitteln, i Stube kommen. e, flat gu daß en loch 1 75 ich tossen ö Noch 0 12 1 1 Mitteldeutsche Sountgs⸗Jeitung. Seite 7. tut, was der Sohn in seiner Dummheit ver⸗ langt, dann darf ihn der für'n Narren halten und an der Nase herumführen?“ „Er kann eben dann nicht anders,“ versetzte Tobias,„und es geschieht eben!“ „Halt's Maul,“ rief der Alte entrüstet, „und laß das einfältige Geschwätz!“— Nach einer Weile fuhr er fort:„Ich habe also doch Recht gehabt neulich: die Person ist wieder an dich gekommen, trotz ihrem Schimpfen? Der „miserable Kerl“ ist ihr nun wieder gut genug? Das ist die rechte War'!“ „Die Bäbe,“ eutgegnete Tobias mit dem Ernste eines verletzten Gemüts,„hat gehandelt wie ein braves Mädchen. Sie hat mir ver- ziehen, weil sie erfahren hat, daß ich ihr im Herzen doch treu geblieben bin, wie's auch wahr ist. Die Bäbe ist das beste Mädchen von der Welt, sie hat mich lieb, sie tut alles für mich— sie allein meint's gut mit mir, sonst niemand. Und das Mädchen laß ich nicht, die muß mein Weib werden, und wenn die ganze Welt des Teufels wird. Ich laß mir's nun einmal nicht nehmen, ich tu's nicht anders — und damit Punktum!“ Der Alte hatte diese Rede, in welcher sich Tobias zum Gipfel des Mutes und Trotzes hinaufsteigerte, mit einer Anwandlung von Schrecken gehört, wie man ihn empfindet, wenn man jemand plötzlich gegen alle bisherige Ge⸗ wohnheit und Natur handeln sieht. Er be⸗ trachtete ihn mit immer größer werdenden Augen von oben bis unten, und nur durch Schnaufen erleichterte er sein Herz. Endlich fand er Worte und rief:„Dahin ist's ge⸗ kommen! Ich hab' dir also die Narrheit noch nicht ausgetrieben?“ „Im Gegenteil,“ erwiderte der jetzt im Zuge befindliche und von der Wirksamkeit seines Verfahrens überzeugte Bursch,„hinein⸗ getrieben hast du's in mich, nicht ausgetrieben!“ Das war zu viel— es war nicht nur Trotz, sondern Hohn! Bebend vor Zorn stellte sich der Alte vor den Rebellen hin und rief: „Jetzt horch, ich will dir was sagen! Ich hab' dir gezeigt, wie man's ungeratenen Buben macht, auch wenn sie so alt sind, wie du bist. Aber das ist noch nicht das Beste gewesen, ich kann's noch ganz anders? Und wenn du mich erzürnst—“ Seine rechte Hand ballte sich und seine Augen sprühten Feuer, als ob er den Burschen verbrennen wollte. Dieser, der sich erhoben hatte, entgegnete jedoch fest und nachdrücklich:„Du bist mein Vater, du bist stärker als ich, und du kannst mich schlagen. Ich kann nichts dagegen tun und muß es mir gefallen lassen. Aber das sag' ich dir: wenn du mich totschlägst, laß ich die Bäbe nicht! Dann erst recht nicht!“ Dies war mit einem Ausdruck von Mär⸗ tyrerentschlossenheit gesprochen, daß der Alte erstarrte und verstummte. Er sah ihn an wie einen, mit dem's nicht richtig ist, gegen den man aber ebendeswegen vorderhand nichts machen kann, und erwiderte nur:„Gut, das wollen wir sehen!“ Und Tobias versetzte keck:„Ja, das wollen wir sehen!“ Die Walpurg erschien mit der brennenden 1 9— eine Unterbrechung, die dem Vater lieber war als den Sohne. Das Weib machte ein sonderbares Gesicht. Sie hatte die zanken⸗ den Stimmen gehört und war halb aus Neu⸗ gierde, halb um einen schrecklichen Auftritt zu verhindern, in die Stube gegangen, stellte sich aber nun, als ob sie von nichts wüßte. Ste suchte den Alten durch häusliche Fragen auf andere Gedanken zu bringen, verlor die Geduld nicht, als dieser sie anschnauzte, und erlangte es endlich, daß er ihr Gehör gab. Nach einer Weile erhob sich Tobias, der sich wieder gesetzt atte, wünschte gelassen und wohlwollend Gute acht und ging in seine Kammer. (Fortsetzung folgt.) Eine neue Niesenbrücke, welche New⸗Nork mit Arwokzn über den East⸗ River verbindet, ist am 19. Dezember mit Febarger Feierlichkeit eingeweiht worden. 8 gab dabei die größte Illumination, die jemals in Amerika gesehen worden ist. Um die Leuchtkraft der 20 000 Lampen n waren Dampfmaschinen mit nahezu 1000 Pferde⸗ kräften erforderlich und für die Lichtzuführung waren 32 000 Kilometer Draht nötig. Die Lampenreihen wurden an den Tragkabeln, Hängeseilen, Längsträgern und Türmen ange⸗ bracht, sodaß dem Beschauer ein durch die Dunkelheit der Nacht flammendes Bild des ganzen Bauwerkes geboten war. Die Brücke ist tragfähiger, breiter und höher als die alte. Ihre Breite beträgt 118 Fuß, gegen 85 der Breite der alten Brücke, und statt einer hat sie zwei Etagen, zwei Promenaden von je 10%½ Fuß Breite, zwei Bicyelepfade, je 7 Fuß breit, vier Trolleygeleise, zwei Geleise für Hochbahnzüge und zwei Fahrwege für Fuhr⸗ werke, welche je 20 Fuß breit sind. Die alte Brücke hatte eine Promenade von 15 Fuß Breite, zwei Fahrwege je 18 Fuß breit, auf denen außerdem noch die Trolleygeleise liegen und zwei Geleise für Hochbahnzüge. Die Länge der neuen Brücke übertrifft diejenige der alten um 1275 Fuß, ihre Tragkabel liegen auf den „Wiegen“ der stählernen Türme 335 Fuß und 8 ½ Zoll über dem mittleren Hochwasser, während dieser Punkt bei der alten Brücke 272 Fuß über dem Hochwasser liegt. Die Tragfähigkeit der neuen Brücke ist auf 98,000 Tonnen be⸗ rechnet, gegen 48,000 bei der alten Brücke. Die Kosten der neuen Brücke belaufen sich auf über 20,000,000 Dollars- 80 Millionen Mk., während für die alte Brücke 13,000,000 Dollars ausgegeben wurden. Einen Mohren weiß zu waschen ist selbst unserer erfindungsreichen Zeit noch nicht gelungen; aber einen Neger weiß zu brennen oder weiß zu leuchten, soll bereits möglich sein; wenigstens behauptet Dr. Henry Pancoast, Professor an der Universität Philadelphia, eine wunderbare Eigenschaft der Röntgenstrahlen entdeckt zu haben: sie sollen die schwarze oder braune Haut der Neger weiß machen können! Es bleibt wenigstens nach jeder Einwirkung der Röntgenstrahlen auf der damit behandelten Hautstelle des Negers ein weißer Fleck zurück, der nicht mehr verschwindet. Die Neger könnten also, wenn sie wollten, sich weißbrennen lassen. Aber sie scheinen es gar nicht zu wollen. Dem Redakteur eines großen Londoner Blattes er⸗ klärte der Direktor einer in London auftreten⸗ den Negertruppe:„Wenn man arm geboren ist, nützt eine weiße Haut auch nicht viel. Wenn man aber reich ist, kann man eine be⸗ liebige Hautfarbe haben und wird trotzdem überall gern gesehen sein. Warum sollten wir also unsere Hautfarbe abändern wollen?“ Dieser Neger ist entschieden ein sehr vernünftiger Mann. Ein Neujahrswunsch. (Von einem Crtimmitschauer Ausgesperrten.) Die Wahrheit lob ich mir, sei sie auch grob, Die Wahrheit tut uns not; drum hat es mir Das müde Herz erfrischt, als ich vernahm, Was ihr, ihr Weberzwingherren aus der Crimmitschau Uns Webern zu Neujahr gewunschen habt: „Ihr Hunde alle müßt krepieren!“ So sagtet ihr und tatet wohl daran. Man kennt nun doch den heißen Herzenswunsch Den ihr für uns, die Webersklaven, habt, Die euch so groß, so reich, so fett gemacht. Nun gebet acht, was ich e uch wünsche: Nicht daß auch ihr krepieret, sterben werdet ihr— Umgeben von den Erben und den Pfaffen— Ja doch von selbst. Ich wünsche euch sogar Ein leichtes Ende, einen sanften Tod. Doch was das neue Jahr euch bringen sollte, Ist— seht, wie ich so rechtlich denke— Nur das, was wir uns selber wünschen: Zehn Stunden Arbeit tariflich auf den Glocken schlag Im dumpfen rasselnden Maschinensaal Und dazu— seien wir splendid— Den Stundenlohn von fünfunddreißig Pfennig. Glaubt ihr, ihr tollgeword'nen Herren, So würde rasch sich euer Koller legen Und die Vernunft einziehn in eure Köpfe, Wo jetzt nur Größen wahnsinn spuckt.— Habt acht, habt acht, ihr tollgeword'nen Herren, Daß euer Wunsch sich nicht erfülle!— denn— Krepieren wir, so müßtet ihr, die wür ernähren, Recht bald vor Hunger auf der Straße sterben! Humoristisches. Neujahrstoast eines Staatserhaltenden: „Meine Herren! Das verflossene Jahr war dank der aufopfernden Tätigkeit unserer Regierung ein Beispiel musterhafter Ordnung. Es bestand aus 365 Tagen oder 52 Wochen, von denen jede einen Sonntag und sechs Wochentage enthielt. Ich glaube, dieser Rückblick erfüllt uns mit inniger Genugtuung und berechtigt uns mit Stolz auszurufen: unsre sorgfältige, von so schönen Erfolgen gekrönte Regierung lebe hoch, hoch, hoch!“— („Jugend“). Ja, Bauer, das ist ganz was anderes. Ein Bauer trat mit dieser Klage Vor Junker Alexander hin: „Vernehmt Herr, wie ich heut am Tage So übel angekommen bin. Mein Hund hat Eure Kuh gebissen; Wer wird die nun bezahlen müssen?“ „Da sollst Du Schelm den Beutel ziehen,“ Fuhr allsofort der Junker auf. „Mir war das Stück von solchen Kühen Für dreißig Taler nit zu Kauf; Die sollst Du augenblicks erlegen. Das sei erkannt von Rechtes wegen!“ „Ach nein! Gestrenger Herr, ach höret!“ Rief ihm der Bauer wieder zu, „Ich hab es in der Angst verkehret, Denn Euer Hund biß meine Kuh!“ Und wie hieß nun das Urteil Alexanders? „Ja Bauer, das ist ganz was anders!“ Richey. (Aus der Sammlung„Der deutsche Spielmann“, Verlag von G. D. Callwey.) r Litterarisches —„In Freien Stunden“. Romane und Erzählungen für das arbeitende Volk. Von dieser illustrierten Wochenschrift, die im Verlage unserer Par⸗ teibuchhandlung Vorwärts erscheint, ist jetzt der 14. Band erschienen. Er enthält die Romane„Die Regu⸗ latoren in Arkansas“ von Friedrich Gerstäcker und„Ramuntcho“ von P. Loti. Außerdem aus der Novellenserie unseres alten Parteiveteranen R. Schwei⸗ chel,„Aus dem Leben der Enterbten“:„Moorland“ und„Es hängt Gewicht sich an Gewicht“ und zwei kleine Beiträge:„Der beglückte Dichter“ und„Der halbe Kaspar“ von Moritz Reich. Neben diesen hervor⸗ ragenden Werken volkstümlicher Erzählungskunst enthält der Band noch viele kleine unterhaltende und belehrende Artikel. Der Herausgeber hat sich die Aufgabe gestellt mit„In Freien Stunden“ die unbeschreiblich öde und geistlose Schundliteratur aus den Arbeiterkreisen zu ver⸗ drängen. Der vorliegende Band beweist wiederum das Geschick, der gestellten Aufgabe gerecht zu werden. Gerstäcker, 5 derfasser des Hauptromans, hat ein abenteuerreiche“ eben geführt und was er gesehen und erlebt, hat en in seine Romane zu farbenprächtigen Bil⸗ dern und lebendigen Szenen verflochten. Die künstlerisch vollendeten Illustrationen des Münchener Malers J. Dam⸗ berger ergänzen die Darstellung des Erzählers. Durch die Verbreitung guten Lesestoffes kann die verheerende Pest der Schundliteratur bekämpft werden. Deshalb sollten Arbeiterinnen und Arbeiter die weiteste Verbrei⸗ tung der Wochenschrift„In Freien Stunden“ in den Kreisen ihrer Freunde und Familien unterstützen. Wir empfehlen unsern Lesern das Abonnement auf die Wochenhefte, die zum 1. Januar mit zwei neuen Ro⸗ manen„Die Flußpiraten des Misstssippt“ und„Ga⸗ briele Lambert, der Galeerensklave“ von Alexander Du⸗ mas erscheinen. — Geschichtskalender. 10. Januar. 1874 und 1877: Reichstags⸗ wahlen(1874 wurden 351670 und 1877 493 447 sozlalistische Stimmen abgegeben). 1778: Linné, Na⸗ turforscher. 11. Ende des Meeraner Weberstreiks, hebung des Gumbinner Todesurtei 8. 12. 1890 Johannes Wedde, sozilalist. Schrift- steller, T. 1885: Polizeirat Rumpf in Frankfurt a. M. erbolcht. 1902: Auf⸗ 13. 1902 Kugelmann, alter Achtundvlerziger, Freund von Karl Marx, in Hannover 5. 14. 1887: Puttkamer's verschärfte Sozialisten⸗ gesetzvorlage im Reichstage. 15. 1898:„Vorwärts“ veröffentlicht Posadowsky's geheimen Streikerlaß. 16. 1901: Böcklin, berühmter Maler, f. 1865: Proudhon, soztalist. Theoretiker, F. 0 * — —— Mitteldeutsche Sonntaas⸗Zeitung. No. 2. Seite 8. 2 7 3 Alle Mitglieder werden gebeten, pünktlich zu Versammlung bei Geißler. T.⸗O.: 1. Vors. Sozialdem. Wahlverein diessen. enen. 5 mat 1 er Vorstand. Zahlreiches Erscheinen! Samstag, den 16. Jaunar abends 9 Uhr 1 bete.cc, leletaafe, eee, Heuchelheim. 4 25. Bilb. Verein. Abende Erscheint zahlreich und pünktlich in den Ber⸗ 7 Uhr bei Wirt Aug. Rinn Generalver⸗ General-Versammlung. Tae eden Gießen. Holzarbeiter und Metallarbeiter 1. Kassenbericht. 2. Vorstandswahl. 3. Kartellbericht.(Hecht) Brauer. er 5 l 5 Staufenberg. Volksverein. Abends 9 Uhr 4. Verschiedenes. sammlungen! Samstag, den 9. Januar. sammlung(T.⸗O. siehe unter„Kreis Gießen“.) Briefkasten. Th.⸗Rehe. Mußten bis nächste Nr. zurückstellen. 8 Allgem. Gewerksckaftz Versammlung am Sonntag, den 17. Januar, nachm. 4 Uhr Fg, im Lokale Orbig, Nittergasse. 5 Tagesordnung: 1. Geschäfts⸗ u. Kassenbericht. 2. Saalfrage. 3. Verschiedenes. Um zahlreiches Erscheinen ersucht 1 Das Gewerkschaftskartell. ³.— 0.ü˙.... husskohlen Brikeits liefern in nur bester Qualität Dacheneimer& Scfaumbeige Marburgerstrasse 22. für Arbeiter und Landleute empfehle mein reichhaltiges 2 Fchuhwaren-Lager in gediegenen, soliden Qualitäten zu billigsten Preisen. Arbeiterschune und Stielel sowie sämtl. Winterschuhwaren in jeder Preislage und reicher Auswahl. Justus Benner Ferd. Nennstiel Giessen, NMoch si. 8. 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Redakteur F. A. Vetters, Gießen. Druck von Heppeler& Meyer, Gießen. liedern können jederzeit in unserer ü 1 ö 1 1