e eee eee. . Nr. 19. Gießen, den 8. Mai 1904. 11. Juhrg. Redaktion: Kirchenplatz 11. Schloßgasse. Sonn Mitteldeutsche Nedaktionsschluz: Donnerstag Nachmittag& Uhr. 4 gs ⸗JZeitung. Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unrer Kreuzband viertelfährlich 1 Mark. Bestellung en nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33½0% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 500% Rabatt. Juserate 2 Die ögespalt. Bei mindesteng Zur Gemeindesteuer- Reform in Hessen. Die hessische Regierung hat einen vorläufigen Entwurf eines Gesetzes, die Gemeinde⸗ umlagen betreffend, ausgearbeitet und einem engeren Kreis von Interessenten(Ge⸗ meindenerwaltungen, Handelskammern 2c.) zur Meinungsänßerung vorgelegt. Der Ftnanz⸗ minister legt offenbar großen Wert darauf, daß das hochwichtige Werk der Gemeindesteuerreform nicht einseitig vom grünen Tisch der Regierung aus, sondern in engster Fühlung mit weiteren Kreisen in die Wege geleitet wird. Da erscheint es nützlich und geboten, schreibt das„Offen⸗ bacher Abendblatt“ auch unsererseits jetzt schon vom Standpunkt des Interesses der werktätigen Volksmasse aus den Reformplan einer Prüfung zu unterwerfen. Ersatz der drei alten Realsteuern: Grund⸗, Gewerbe⸗ und Kapitalrentensteuer, durch eine einheitliche Vermögenssteuex, die als Er⸗ gänzungssteuer(für fundiertes Einkommen) zu der allgemeinen progressiven Ein⸗ kommensteuer zu treten habe,— das war der Grundgedanke der vor wenig Jahren durch⸗ geführten Staatssteuerreform. Freilich wurde dieser begrüßenswerte Fortschritt teilweise wieder dadurch vereitelt, daß die Vermögens⸗ steuer zu niedrig bemessen und nicht progressiv gestaltet wurde, sodaß ein Ausfall an direkter Staatssteuer eintrat, der durch erhöhte indirekte Steuern(Stempelabgaben ꝛc.) hereingebracht werden mußte. Aber abgesehen davon bedeutete die Neuordnung des Staatssteuerwesens eine außerordentliche Vereinfachung und zweifellos auch eine gerechtere Verteilung der staatlichen Besteuerung. Aus diesem Grunde wurde, als es sich un⸗ mittelbar nach Abschluß der Staatssteuerreform darum handelte, das Gemeindesteuerwesen einer provisorischen Regelung zu unterwerfen(Gesetz vom 31. März 1901), von sozialdemokratischer Seite bereits betont, bei der demnächst vorzu⸗ nehmenden dauernden Neuordnung müsse als leitender Gesichtspunkt die möglichst enge Anlehnung au das Staatssteuerwesen gelten. Inwieweit entspricht nun der vorliegende Reformplan dieser Forderung? Nach dem ersten Anblick garnicht. Denn die drei besonderen Realsteuern sollen betbe⸗ halten werden. Artikel 1 des Gesetzentwurfs lautet: „Die Gemeinden erheben im Bedarfsfalle direkte Steuern(Gemeindeumlagen) vom Grund⸗ besitz, vom Gewerbebetrieb und vom Kapital⸗ Vermögen(Realsteuern), sowie vom Einkommen der Steuerpflichtigen.“ Das ist das alte Schema. Bei näherem Zusehen aber ergiebt sich, daß die alten Real⸗ steuern doch nur dem Namen nach beibehalten werden. Diese Steuern sollen sich nämlich nicht mehr auf den aus allerhand Umständen zu berechnenden„Ertrag“ der verschiedenen Vermögensarten aufbauen; sondern sie sollen fortan nach dem„gemeinen Wert“ des Grund⸗ befitzes, nach der Höhe des im Gewerbe arbei⸗ tenden Betriebskapitals und nach der Summe des sonstigen mobilen Vermögens bemessen werden. Aus den alten ungleichartigen Ertrags⸗ steuern sollen also gleichartige Vermögens⸗ steuern werden. Warum ist nun aber die Regierung, wenn sie einmal soweit ging, das alte ungleichartige Veranlagungsverfahren für die verschiedenen Realsteuern aufzugeben, nicht noch einen Schritt weiter gegangen und hat die drei gesondert benamsten Steuern in eine einheitliche Ver⸗ mögenssteuer verwandelt? Warum hat sie, wenn sie in der Sache die Annäherung an das neue Staatssteuersystem soweit vollzog, nicht auch in der äußeren For m die Uebereinstimmung hergestellt und damit unserem gesamten Steuer⸗ wesen die denkbar einfachste Struktur gegeben? Der Grund war: sie wollten den Gemeinden die Möglichkeit offen halten, die verschiedenen Vermögensarten verschieden scharf zu behandeln. Während bei der staatlichen Besteuerung aller Besitz, einerlei ob er in Boden, Gebäuden, Be⸗ triebskapital oder Wertpapieren besteht, in gleichem Maßstab zur Vermögenssteuer herange⸗ zogen wird(z. Zt. 75 Pfg. pro 1000 Mk.) sollen für die kommunale Besteuerung Unter⸗ schiede gemacht werden können. Es ist in erster Linie das mobile Kapi- talvermögen, zu deren Gunsten man das Prinzip einer einheitlichen Vermögensbesteuerung durchbrechen will. Der Artikel 32 beginnt zwar mit der Proklamterung des Grundsatzes: die Gemeindesteuer vom Gewerbebetrieb und vom Kapitalvermögen werden nach einem ein⸗ heitlichen und gleichmäßigen Satze erhoben, dann aber erfolgt im Absatz 2 sofort die Ausnahme⸗ bestimmung: „Soweit in einer Gemeinde der Realsteuer⸗ Ausschlag den Betrag von 10 Pfg. von 100 Mark Brutto⸗Vermögen überschreitet, darf die Steuer vom Kapitalvermögen für den Mehrbetrag nur von der Hälfte des zu Grunde liegenden Vermögens erhoben werden.“ Und in Artikel 35 wird noch weiter be⸗ stimmt, daß,„wenn besondere Verhältnisse einer Gemeinde es rechtfertigen“, durch Orts⸗ statut vorgesehen werden kann,„daß das Ka⸗ pitalvermögen auch abgesehen von dem Falle des Artikel 32 Absatz 2 zur Gemeinde⸗ steuer mit geringerem als seinem gemeinen Werte herangezogen wird.“ Damit ist den Gemeinden also die Möglich- keit eröffnet, die Herren Rentner ganz von der Vermögenssteuer zu befreien, oder doch sie mit einem lächerlich geringen Satz durchschlüpfen zu lassen. Warum das? Darauf antwortet die offtzielle Begründung wie folgt: „Es darf nicht verkannt werden, daß der leicht be⸗ wegliche und nicht an einen bestimmten Ort gebundene Rentner bei der Wahl seines Aufenthaltsortes doch auch die Frage der Höhe der an den einzelnen Orten zu zahlenden Steuern mit in seine Berechnungen ein⸗ stellt, und daß er unter sonst gleichen Verhältnissen nicht gerade an dem Orte se inen Wohnsitz nehmen wird, an dem er die höchsten Steuern zahlen muß. Bei dem Umstand, daß in Preußen das Kapitalvermögen oder das aus ihm fließende Einkommen zu einer besonderen Gemeindeabgabe nicht herangezogen wird, und bei der scharfen Konkurrenz, in der unsere größeren Gemeinden auf diesem Gebtete gerade mit den benachbarten preußi⸗ schen Orten stehen, erscheint es wohl gerechtfertigt, den Gemeinden selbst die Entscheidung über die Frage in die Hand zu geben, ob Gründe dazu vorliegen, kapital⸗ kräftigen Elementen, die ja ihre Einkommensteuer an die Gemeinde unter allen Umständen zahlen müssen, den Zuzug in die Gemeinde oder den Aufenthalt in derselben durch Gewährung völliger oder teilweiser Steuerfreiheit für ihr Kapitalvermögen vorteilhaft zu machen.“ Man will also den Wegzug der im Lande ansässigen Rentner verhindern und den Zuzug fremder Rentner begünstigen. Hinsichtlich der letzteren geht man sogar noch einen Schritt weiter als aus dem Vorgesagten ersichtlich ist. Ihnen wird sogar der Erlaß der kommu⸗ nalen Einkommensteuer für drei Jahre in Aussicht gestellt, sodaß sie für diese Zeit überhaupt keine Gemeindesteuer zu entrichten hätten. Der Artikel 35, Punkt 6 sieht nämlich, wenn„besondere Verhältnisse einer Gemeinde es rechtfertigen“, die Bestimmung vor: „daß Personen, die dem hessischen Staats⸗ verbande nicht angehören, und im Großher⸗ zogtum eine mit Erwerb verbundene Be⸗ schäftigung weder ausüben noch ausgeübt haben, für höchstens drei Jahre zu der Ge⸗ meindeeinkommensteuer nicht oder nur mit einem ermäßigten Betrage heranzuziehen sind, auch wenn sie in der Gemeinde einen Wohn⸗ sitz haben.“ Wir brauchen nicht besonders zu betonen, daß wir derartige Steuererleichterungen und Befreiungen gerade für die Kategorie der leist⸗ ungsfähigsten Zahler verwerfen müssen. Es mag zugegeben werden, daß der eine oder andere Rentner sich durch Wegzug einer höheren Be⸗ steuerung zu entziehen sucht, oder sich durch die kommunale Vermögenssteuer vom Zuzug ab⸗ schrecken läßt. Die große Mehrzahl der Rentner ist aber keineswegs so„leichtbeweglich“, wie die Regierung es hinstellt. Die wenigsten Besitzer von mobilem Kapitalvermögen sind „reine“ Rentner; die meisten sind sogleich als Grundbesttzer oder Teilhaber von Gewerbebe⸗ trieben mit mancherlei geschäftlichen und ver⸗ wandtschaftlichen Fäden au bestimmte Wohn⸗ sitze gefesselt. Auch bei der Beratung der Staatssteuerreform hat man viel von dem „Wegzug der reichen Leute“ gefabelt. Die Praxis hat inzwischen gezeigt, daß das Ge⸗ spenstermalerei war. In keinem Fall läßt es sich rechtfertigen, den einzelnen Gemeinden das Recht zu geben, den Rentnern die ihnen seither auf⸗ erlegte kommunale Kapitalrentensteuer zu er⸗ mäßigen oder gar zu streichen. Eine Gemeinde würde da natürlich die andere in Steuernach⸗ lässen zu überbieten suchen, um möglichst viele von den„leichtbeweglichen“ Rentnern für sich wegzufischen. Das wäre ein geradezu beschä⸗ mender Wettbewerb, dessen Kosten die Gesamt⸗ heit zu tragen hätte. Auch hinsichtlich der Gewerbesteuer sieht der Entwurf Durchbrechungen seitens einzelner Ge⸗ meinden vor, die mir nicht billigen können. Unser Offenbacher Parteiorgan bringt zu 905 M noch zwei weitere tikel. 5 Politische Rundschau. Gießen, den 5. Mai 1904. Der Hererokrieg kostet unserm Volke wieder ungeheuerliche Opfer an Geld und Menschenleben. Die Verluste, welche die deutschen Truppen teils in den Ge. 0 1 l 1 1 1 1 . 4 ö 0 7 ee gvite 2. Mitteldeutsche Sonuntage⸗geitung. Nr. 10. fechten mit den Schwarzen teles auch durch den Typhus und andere Krankheiten erlitten haben, sind verhältuts mäßig ganz bedeutende, Und für was das alles? Wie notwendig hätten wir die für Afrita verpulverten Millionen für Kul- turzwecke in Deutschland zu brauchen! Noch ein verlorenes Mandat. In dem Wahlkreis Altenburg hat am Freitag die Nachwahl startgefunden und leider st die zu unsern Ungunsten ausgefallen. Zwar ist unsere Stimmenzahl utcht viel hinter der beb der Hauptwahl im vorigen Jahre abgegebenen urückgeblieben, aber immerhin muß der Verlust 15 Mandats sowle derjeuige von ca. 1200 Stimmen in's Verlustkonto gebucht werden. Der Konservatlve Porzig siegte mit 18083 Stimmen über unseren Genossen Buchwald, der es diesmal nur auf 17427 Stimmen brachte, während er am 16. Junk v. Is. 18695 erhlelt. Damals erhielten die Gegner zusammen 17491 Stimmen, sie brachten also diesmal etwa 600 mehr auf. Von den Freistunigen war gar kein Kandidat aufgestellt worden; offenbar haben die blederen Freistunskämpen sogleich den Reak— tlonär unterstützt und in den Reichstag verholfen. Für uns war die Positton allerdings sehr un⸗ günstig. Erstens waren auch für diese Wahl die alten Listen maßgebend, wodurch unserer Partet viele Stimmen verloren gehen; noch nachteiliger aber wirkt nach unserer Ueberzeugung der Umstand, daß die Wahl wiederum wie auch die Zschopauer auf Freitag angesetzt war. Da⸗ durch werden ganz zwetfellos viele Arbeiter, besonders die außerhalb ihres Wohnorts be— schaͤftigten von der Wahl abgehalten.— Für blele in weitentfernten Städten Beschäftigte be— deutet die Teilnahme an der Wahl den Verlust eines oder gar zweier Arbeitstage, wozu noch Relsekosten kommen.— Natürlich trieben die Gegner eine unerhörte Agitation, alle Mittel des Druckes und der Beelnflussung wurden gegen die abhaͤngige Wählerschaft in Anwendung ge— bracht. Hierin taten sich besonders die mit dem Bunde der Landwirte vereinigten Krieger⸗ vereine hervor. Sie bezeichneten jeden Krieger— vereinler, der nicht konservatto wähle, als mein— eldig, drohten mit Ausschluß aus den Vereinen; die Bauern nahmen sich die kleinen Leute vor mit der Drohung, keine Düngerfuhren mehr zu leisten, kein Kartoffelfeld mehr abzugeben. Daß sohhe Drohungen ernst gemeint waren, daran ist nicht zu zweifeln. — So hat uns die Reichstagsmehrheit ge— wissermaßen um ein Mandat geprellt. Ihr Plan ist klar: jede amtliche Wahlbeeiuflussung zugunsten eines uicht soztaldemokratischen Kan didaten kostet das Mandat, wenn der Sozial— demokrat stegreich ist, und ist unerheblich, wenn der Mischmaschkandidat durchs Ziel geht. Da nun kaum ein Wahlkreis extstlert, der amt⸗ liche Wahlbeeluflussungen nicht kennt, so kaun man so ziemlich allen soztaldemokratischen Man— daten mit Aussicht auf Erfolg in der Wahl prüfungskommisston zu Leibe gehen. Wenn daun in der Ersatzwahl ein sozialdemokratisches Mandat verloren geht, daun hat die Soztal⸗ demokratle„ihren Hoͤhepunkt überschritten“. Nun, unsere Genossen überall müssen und werden dafür sorgen, daß die Scharten wleder ausge— wetzt werden. Die Nachwahl in Franksurt⸗Lebus ist wieder auf einen Freitag und zwar den 18. Mal festgesetzt. Daß man immer den für die Arbeiter ungünstigsten Tag wählt, dahluter steckt System. Von unsern Genossen wurde wiederum der bisherige Abgeordnete Gen. Dr. O. Braun als Kandidat aufgestellt und be— reits am 1. Mat ein Flugblatt in 40000 Exemplaren verbreitet. Jedenfalls wird von Seiten unsrer Genossen der Kampf um das uns von der Reichstagsmehrheit entwendete Mandat mit aller Euergle geführt werden. Uunsre Aussichten sind hier weit ungünstiger als in Altenburg und wir müssen mit dem Verlust auch dieses Kreises rechnen. Deunoch werden unsere Genossen ihre volle Schuldigkeit tun. Als Kandidat des Ordnungsbreies ist der Na— tionalllberale Bassermann in Aussicht ge— nommen. Wahlrechts„Reform“ in Frankfurt. Das Stadtparlament in Frankfurt hat einen Antrag unseres Gen. Dr. Quarck und des Demokraten Zindorfer mit knapper Mehr— heit angenommen, daß„nur“ noch 900 Mark. statt wie bisher 1200 Mk. versteuerbares Ein— kommen für Erwerbung des Wahlrechts not- wendig sein soll. Die Natkoualliberalen stimm- ten unter faulen Ausreden gegen dieses gewiß zahme Resörmchen und auch einige Freisinnige hielten es mit ihnen, während sich verschledene andere vor der Abstimmung drückten. Dem bls⸗ herigen Zustand gegenüber, wo die Arbeiter durch den hohen Zensus fast vom Wahlrecht ausgeschlossen wurden, bedeutet die neue Be— stimmung immerhin eine Besserung. Nationalliberale Wahlrechtsseinde. Der natlonalliberale preußische Landtags- abgeordnete Menck, der sich kürzlich offen und scharf für die Aufhebung des allgemeinen gleichen direkten Reichstagswahlrechts aussprach und des— wegen von der Nattonalliberalen Korrespondenz geruͤffelt wurde, hat sich dadurch nickt im mindesten verblüffen lassen, sondern den„Ham⸗ burger Nachrichten“ geschrieben, daß die meisten der Industriellen, Kaufleute, Gewerbtreibende und Gebildeten Feinde des glichen Wahlrechts seien. Er sagt da in seinem Schreiben: Weshalb erklaren sich nun diese weiten Kreise nicht offen gegen das allgemeine Stimm— recht? Weil einer sich vor dem andern fürchtet! Es wird eben irrtümllcherweise angenommen, daß auf gesetzlichem Wege das allgemeine Stimmrecht nicht mehr beseitigt werden kann, so daß eine Erklärung gegen das allgemeine Stimmrecht gleichbedeutend mit dem Verlaugen nach dem Staatsstreich sei. Keiner will als Vertreter der Revolution von oben erscheinen. Im Herz sind wir alle für die Aufhebung des allgemeinen Stimm— rechts, das ist die Antwort, mit der man sich begnügen muß. Da muß man sich doch fragen: ist es statthaft, mit solch innerer Unwahrheit Politik treiben zu wollen? Als ehrliche Manner sind wir verpflichtet, offen Farbe zu bekennen.“ Herr Menck, der ehrliche Wahlrechtsgegner, wirft seinen Parteigenossen vor, daß sie mit „innerer Unwahrheit“ Politik treiben, daß sie keine ehrlichen Manner seien und nicht offen Farbe bekennen, mit anderen Worten, daß die nattonalliberale Polittkeine Poltttk des Volksbetrugs sei. Im Herzen, meint Herr Meuck, wären ste ja alle für die Beseiti— gung des allgemeinen Stimmrechts. In der Wahlagitatlon aber haben diese nämlichen Herren durch„innere Unwahrheit“ die Stimmen von Hunderttausenden erschlichen, die eben nur auf Grund dieses allgemeinen Stimmrechts Wähler sind und die schwerlich mit offenen Augen elue Politik mitmachen wollten, die da— rauf hinausläuft, sie ihrer staatsbürgerlichen Rechte zu entkleiden. Von der nattonallibe— ralen Parteileitung soll Herrn Menk der Aus- tritt aus der Partet nahegelegt worden sein. Schön. Wir fürchten nur, daß wenn sie alle Wahlrechtsgegner aus ihrer Partei hinaus- werfen will, schließlich bloß noch die„Leitung“ selbst übrig bleibt. Die französischen Gemeindewahlen haben am Sonutag stattgefunden und unsern Genossen bedeutende Erfolge gebracht. Die Re- aktionäre, Nattonalisten, Autisemiten und Klert⸗ kale haben auf der ganzen Linte schwere Nieder— lagen erlitten. In Marseille haben unsere Genossen mit tausend Stimmen Mehrheit ge— siegt. In Lyon wurden fast nur Sozialisten ge- wählt; von 39 Gemeinderaͤten sind 37 radikale Sozialisten und 2 Liberale, die Bürgerlichen verfügen nur noch über vereinzelte Vertreter im Rathause. Auch in Roubalx und Tourcoing haben unsere Geuossen die Mehrheit erlaugt. In Ville kommt ses zur Stichwahl zwischen dem Sozialisten und dem Radikalen. In Paris ist die bisherige Mehrheit der Nattonalisten gestürzt; die sozialistischen Stimmen nahmen hier seit den letzten Wahlen um 25000 zu. Auch Marseille, das bet den letzten Wahlen für die Sozialisten verloren ging, ist wieder glaͤnzend gewonnen worden und der frühere sozialistische Bürgermeister Flaisstéres tritt wie— der an die Spitze der Stadtverwaltung. Man hatte also die antisemitische Verwaltung bald satt und jagte sie zum Teufel. Im Norden, wo zwischen den Unternehmern und Arbeitern der, Spinnerei-Industrie ein erbitterter Kampf geführt wird, haben unsere Genossen ebenfalls bedeutend Terrain erobert. — Wieder eine Mandatsnieder⸗ legung. Der nationalliberale Landtagsabg. Weith, Gutsbesitzer in Niederwöllstadt hat sein Mandat krankheitshalber niedergelegt. Weith war Vertreter des 2. Wahlkreises der Provinz Oberhessen(Friedberg ⸗Nauhelm) und trat par⸗ lamentarisch sehr wenig hervor. Zu seinem Nachfolger haben die Wahlmänner den Rechts⸗ anwalt Windecker in Feiedberg vorge— schlagen. Das ist allerdings ein Vertreter der windigsten Sorte des Nattonalliberalismus. — Gemeinderatswahlen haben in diesem Jahre in Hessen stattzufinden. Das Ministerium hat die Kreisämter aufgefordert, die Landgemeinden anzaweisen, daß mit der Aufstelluug und Offenlegung der Wäh ler- lüsten begonnen und bis zum 1. September vollendet werden soll.— Für unsere Partei freunde wird es gut sein, rechtzeitig der An- gelegenheit ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden. Betrügerischer Minister. Gegen den ttalienischen Minister Nasi liegen, wie wir früher schon erwähnten, Au⸗ schuldigungen vor, daß er sich während seiner Ministerschaft bedeutende Unterschlagungen zu schulden kommen ließ. Die wegen dieser An- gelegenheit eingesetzte Untersuchungskommisston hat ihre Arbeiten beendet und beantragt die Auslieferung Nasis an die Gerichte wegen Be— trugs und Unterschlagung. Russisch⸗japanischer Krieg. Eine schwere russische Nieder- la ge. Die Japaner haben nun auch zu Laude einen sehr bemerkenswerten und vielleicht ent scheidenden Erfolg zu verzeichnen. Sie haben den Uebergang über den Jalu vorige Woche erzwungen, die Russen aus den befestigten Stellungen vertrieben, die sich mit Aroßen Ver- lusten nordwärts zurückziehen mußten. Damit haben die Japaner nicht nur einen großen milt⸗ tärischen Erfolg zu verzeichnen, noch größer ist die moralische Niederlage der Russen und deren Rückwirkung auf die Stimmung, und auch das Siegesbewußtseln der russischen Truppen und der Bevölkerung des Zarenreiches. Aus der Masse der Nachrichten über diese Kämpfe sei zunächst eine Mitteilung des pu sischen Generalstabes vom 1. Mat erwahnt, welche besagte:„Japanische Batterien eröffneten am 1. Mat 4 Uhr früh ein sehr heftiges Feuer auf die russische Stellung bei Tiurent⸗ scheng und die Truppen bei Potetynzia. Ju Folge der erdrückenden Ueberlegen⸗ heilt der japanischen Artillerte an Zahl der Geschütze und in Folge der großen Verluste, welche die russischen Truppen in diesen Stell · ungen erlitten, hielt General Sassulitsch es für unzweckmäßig, bie Stellung bei Tlurentscheng welter zu behaupten.“ Und aus japanischer Quelle wurde über die Kämpfe am Jalu be⸗ richtet: Der Kampf dauerte Mittwoch, Don- nerstag, Freitag und Samstag. Am Donners⸗ tag vollführten die Japaner den Uebergang uͤber den Jalu und ihre Konzentratlon am rechten Üfer des Flusses. Am Freitag erstreckte sich der Kampf auf ein anges Geblet, wobei mit schweren Geschützen über den Fluß gefeuert wurde. Der Kampf wurde am Samstag bei Anbruch des Tages wieder aufgenommen. Wäh- rend der Nacht zum 1. Mai überschritten die Gar dediviston und die zweite Diviston der Ju. paner den Fluß und nahmen Fühlung mit dem linken Fluͤgel der Russen. Sonntag früh begann der allgemeine Angriff. An demselben nahmen sämtliche japanischen Batterien auf dem linken Flügel und die Kanonenbootsflottille teil. Sounkag um 11 Uhr vormittags wurden Mich wurd dez! bach, rede Felde ad haub Becke Wah Aud! daß Cube Wäg! sätze Für Gen Neigt Nan Im män dem licht zahl of ld sich daß Neass Wal wur Weil zu W. dle Wa om dag Wel Gu hat der die Vel der te G5 fein der 0 erz gn uur . ber dei fl ordert, it der hler⸗ tember Bartei⸗ r An⸗ hen. Nasi „ An⸗ seiuer en zu * An⸗ nisston g die n Be⸗ eg der⸗ Lande it enl⸗ haben Woche igten Vel- Damit ml größer U Und „ und uppen „ Auz tämpfe schen wählt, ele estigt kuren. 1. JN gen“ 1 clue, Sul h füt mischer ali be⸗ Dolle ners cagang eee ee, ee Nr. 19. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. die Russen gezwungen, Antung(nördlich des Jaluflusses) aufzugeben. Sie setzten die Stadt in Brand und zogen sich nach Föng⸗ wangtschöng zurück. Die Japaner beobachteten scharf die Jalumündung. Ein weiteres Telegramm vom 2, Mai be⸗ richtete, daß der Kampf am Jalu äußerst heftig gewesen sei, ehe die Russen aus ihren Verschanzungen bei Kiulingtscheng vertrieben wurden. Nach dem japanischen Angriffe flohen die Russen in Verwirrung. Sie verloren dabei 28 Schnellfeuergeschütze. Vor Port Arthur scheint deg Japanern ein neuer Versuch, den Hafen vermittels Ver⸗ senkung von Branderschiffen zu sperren, miß⸗ glückt zu sein. Aus dem Reichstage. Wahlprüfungen bildeten am Mitt⸗ woch den ersten Beratungsgegenstand des Reichstags. Eine große Anzuhl von Wahlen wurden für gültig erklärt. Ueber die Wahl des nationalliberalen Abg. Dr. Becker⸗Offen⸗ bach, der bekanntlich auf nicht ganz einwand⸗ freie Weise unsern Genossen Ulrich aus dem Felde schlug, wurde Beweiserhebung beschlossen. Und wenn sich die in dem Wahlprotest be⸗ haupteten Tatsachen als wahr erweisen, dürfte Beckers Mandat kassiert werden. Bei einigen Wahlen kam es zu lebhaften Zusammenstößen, und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Mehrheit des Reichstags sich bei den Entscheidungen mehr von parteipolitischen Er⸗ wägungen als von unparteilichen Rechtsgrund⸗ sätzen leiten ließ. Bei den Wahlen des Abg. Fürst Bismarck in Jerichow und unseres Genossen Braun in Frankfurt⸗Lebus zeigte sich, daß die Kommission je nachdem Kameele verschlucken und Mücken seihen kann. Im Wahlkreis Jerichow sind unsre Vertrauens⸗ männer durchgängig in nahezu 30 Orten aus dem Wahllokal ausgewiesen und so die Oeffent⸗ lichkeit der Wahl beschränkt worden und andere zahllose Verstöße vorgekommen. Unsere Ge⸗ nossen Goldstein, Geyer und Fischer und die Freisinnigen Gothein und Kopsch gaben sich alle Mühe, dem Reichstag klarzumachen, daß so prinzipielle Verstöße unbedingt zur Kassterung führen müßten. Mützte nichts; die Wahl wurde für gültig erklärt.— Dagegen wurde die Wahl des Genossen Braunkasstert weil der Regierung präsident in Frankfurt a. O. zu Gunsten des bürgerlichen Kandidaten Wahlbeeinflussung getrieben hatte. Das bedeutet eine Rechtsbeugung schlimmster Art. Bismarcks Wahl, bei der zahllose Ungesetzlichkeiten vorge- kommen, wird für ungültig erklärt; Braun dagegen wird aus dem Reichstag gewiesen, weil ein Regierungspräsident einen Aufruf zu Gunsten seines Gegenkandidaten unterschrieben hat. Das beweist klar die Parteilichkeit, mit der die Mehrheit des Reichstags vorgeht. Zu der Börsengesetznovelle, über die am Donnerstag und Freitag weiter beraten wurde, ergriff am Freitag von der sozialdemokratischen Partei Gen. Bern; stein das Wort. Vorher sprach der Antisemit Graf Reventlow dazu, der durch den Ton seiner Ausführungen ein erfolgreiches Studium der Reden seines Standes⸗ und Gesinnungsge⸗ nossen Pückler bewies. Graf Schwerin⸗Löwitz erzählte von seiner Tätigkeit im Börsenaus⸗ schuß, wo er leider immer das Unglück hatte, zur Minderheit zu gehören, während Geheimrat Wendelstadt die Regierung gegen den Vorwurf verwahrte, irgendwie radikale Umänderungen des Börsengesetzes zu beabsichtigen. Bernstein führte aus: „Die Regierung ist wieder einmal in scharfen Ge⸗ gensatz zu den Agrariern geraten und muß ihren ganzen Scharfsinn aufwenden, um deren Argumente zu be⸗ kämpfen. Ueber den Begriff des Terminhandels haben das letzte Urteil eben nicht die Juristen, sondern die Volkswirte abzugeben. Das ganze Gesetz ist auf Grund unbestimmter Empfindungen gemacht, um die öffentliche Meinung zu beruhigen. Nun haben mich ja die Erfahr⸗ ungen, die ich als Bankbeamter gemacht habe, zur So⸗ zlaldemokratie geführt, aber ich habe damals auch ge⸗ sehen, daß die Leute, die öffentlich gegen in den intimsten Beziehungen zur Börse standen. Der zweite Grund für das Börsengesetz war der Wunsch, die Getreidepreise hoch zu⸗ halten. So ist es gewissermaßen ein Ausnahmegesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Baisse⸗ spekulation geworden. Denn gegen die Preissteigerung haben die Agrarier nie etwas gehabt. Sie bevorzugen auch die Lokal märkte, weil sich dort die Preise steigern lassen. Ein sachgemäßer Preis wird durch eine mög⸗ lichst große Zahl von Käufern und Verkäufern gesichert. Darum ist in unserem heutigen Wirtschaftsleben die Börse unentbehrlich. Das Börsengesetz giebt auch keinen Schutz gegen ungesunde Preissteigerungen, denn bei den gewaltigen Kapitalmengen, die heute in einer Hand konzentriert sind, kann durch effektiven Aufkauf der Vor⸗ räte dasselbe erreicht werden. Andererseits ist durch das Verbot des Terminhandels die Spekulation auf den Kassamarkt gedrängt worden und die Festlegung großer Kapitalien auf diesem hat eine Steigerung des Zins⸗ fußes bewirkt. Der Zins aber muß im letzten Grunde von der arbeitenden Klasse getragen werden; darum halten wir, wenn schon das ganze heutige Wirt⸗ schaftssystem auf Spekulation beruht, die Freiheit des Verkehrs noch für das kleinere Uebel. Wir werden nie⸗ mals Maßregeln unterstützen, die auf eine Erhöhung des Zinses hinauslaufen, und so auf diesem Wege das Einkommen der Kapitalistenklasse auf Kosten der arbeiten⸗ den Klasse steigern. Aus diesem Grunde lehnten wir seinerzeit das Verbot des Terminhandels ab, als dessen Folgen wer eine Steigerung der Warenpreise voraus⸗ sahen. Trotz des§ 467 des Bürgerlichen Gesetzbuches flo⸗ riert das Spiel heute noch ebenso wie früher. Ich er⸗ innere nur an die Spielerpro zesse in Oldenburg, Hannover usw., an denen Kreise beteiligt waren, die den Herren auf der Rechten sehr nahe stehen. Es wird von der Unmoralität des Börsenspiels gesprochen, aber vom Staate werden bis zu 67 Millionen Mark dem Volke durch die Lotterien entzogen. Und für sie darf in jeder Weise Reklame gemacht werden mit Unterstützung der Regierung. Das Börsengesetz ist nicht an den großen Banken, sondern an den Kunden der kleinen Provinz⸗ banken gescheitert, zu denen auch Landwirte gehören. Sie alle wollen spekulieren, aber nicht, daß die Oeffent⸗ lichkeit es erfährt. Die eigentliche Gefahr liegt nicht in der Börsenspekulation, sondern darin, daß die Bankokratie sich mit den großen Unternehmerverbänden verbündet, sie liegt in der Beherrschung gewaltiger Massen von Menschen durch kleine aber überaus mächtige Kapital⸗ konzentration, und denen kommen Sie durch Ihre Bör⸗ sengesetzgebung nicht bei. Wir werden die Vorlage prüfen vom vertieften Standpunkt volkswirtschaftlicher Untersuchung und nicht von dem eines oberflächlichen Moralurteils. Samstag wurde ebenfalls noch über die Börsenreform verhandelt, doch war die Debatte von keiner großen Bedeutung. Die zweite Beratung des Etats wurde am Montag fortgesetzt und Dienstag endlich zu Ende geführt. Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. Der Zentralverband der Zimmerer hat sich im Jahre 1903 in erfreulicher Weise nach vorwärts entwickelt. Ende 1902 zählte er in 464 Zahlstellen 22811 Mitglieder, am Schluß des Jahres 1903 in 516 Zahlstellen 29 998 Mitglieder, das ist eine Zunahme von 42 Zahlstellen und 7187 Mitgliedern. Das ge⸗ samte Verbandsvermögen beträgt 558 045,86 Mark. In den sieben Jahren von 1897 bis 1903 hat der Verband, ausschließlich kleiner Platzsperren, zusammen 621 Kämpfe zu führen gehabt, die 907 138,70 M. Kosten verursachten. Im gleichen Zeitraum wurden durch die Wirk⸗ samkeit des Verbandes die Lohn⸗ und Ar⸗ 1276 Orten resp. Fällen verbessert. Davon ist an einer Reihe von Orten wiederholt eine Aufbesserung erfolgt. Warnung für Bäcker. In süddeutschen Blättern werden durch Inserate Bäcker bei hohem Lohn nach Frankfurt a. M. gesucht. Damit bezweckt man nur, wie die Frankfurter Verbandsleitung der Bäcker schrelbt, willige und billige Arbeitskräfte dorthin zu ziehen, da⸗ mit die Innungsmeister den Tarif, welchen die Frankfurter Bäckergehllfen sich im Jahre 1900 erkämpft haben, noch mehr durchbrechen beitsverhältnisse der Berufskollegen in deshalb nicht durch die Inserate verlocken und sich in materiellen Schaden bringen lassen. 5 Unsere Maifeier ist überall unter großer Beteiligung auf das Beste ver⸗ laufen. Wie vorauszusehen war und bei denkenden Ar⸗ beitern selbstverständlich ist, kam nicht das geringste vor, was die törichten Scharfmachereien der bürgerlichen Blätter, die vorher von poltzeilichen„Maßnahmen“ zu erzählen wußten, auch nur im Entferntesten rechtfertig en könnte. Die spießbürgerliche Maiangst hat sich, wie immer, als unbegründer und unsinnig erwiesen. Von überallher wurde stärkere Beteiligung als in früheren Jahren an der Demonstration gemeldet. Leider waren in unserer Gegend die Veranstaltungen vielfach von der Ungunst des Wetters beeinträchtigt. Trotzdem trat überall die lebhafte Begeisterung für unsere Sache zu Tage, überall zeigten sich die Arbeitermassen von dem Maigedanken durchdrungen und der hohen Kampfes⸗ ziele bewußt. In Gleßen wies der Festzug recht zahlreiche Beteiligung auf; die Teilnehmerzahl wird auf min⸗ destens 600 angegeben. Noch größer war aber die Zahl der Nachzügler, die sich erst unterwegs anschlossen, oder erst viel später sich nach dem Festplatze begaben. Von vielen Seiten wurde der festgesetzte Zeitpunkt des Abmarsches als zu früh bezeichnet, weil es den Familien vielfach nicht möglich sei, bis ½ 2 Uhr oder noch früher fertig zu sein. Vielleicht kann bei späteren Anlässen Rücksicht darauf genommen werden. Nach dem Walde fand am Nachmittage eine wahre Wallfahrt statt. Es war ein stärkerer Besuch als je in früheren Jahren zu verzeichnen, sicher waren mehr als 2000 Personen bei dem Waldfest. Leider gerieten eine große Anzahl der Festteilnehmer in das starke Gewitter, das gegen 8 Uhr niederging. Gerade als sich der Haupttrupp der Heimkehrenden in der Nähe des Siechenhauses auf freier Straße befand, öffneten sich die Himmelsschleusen zu einem wolkenbruchartigen Regen, der unsre Maifeiernden gründlich durchweichte. Manches gute, mit schwerer Mühe angeschaffte Kleidungsstück erlitt da kaum wieder auszubessernd n Schäden! Solche mißlichen Zufälle sind gewiß sehr zu bedauern und für die Betroffenen äußerst unangenehm; wer kann aber dafür! Derartiges kann bekanntlich j dem bei jeder Gelegenheit passieren. Abgesehen von dem Wetter⸗Pech nahm aber auch unser Waldfest den besten Verlauf und nichts störte die allge⸗ meine Maifreude. In den Orten der Umgebung von Gießen war wenig von der Maifeier zu spüren, nur in Heuch el⸗ heim, Altenbuseck und Wieseck waren Feiern arrangiert. Während in den ersten beiden Orten der Besuch recht befriedigend war, ließ er in Wieseck sehr zu wünschen übrig.— Warum man übrigens in vielen Land orten den 1. Mai so stillschweigend vorüber gehen läßt? Es sollten sich doch die Genossen und Arbeiter allerorts an der internationalen Kundgebung nach Kräf⸗ ten beteiligen! Wir sind überzeugt, es fehlt vielfach nur an der Anregung. Trotz der Lokalabtreibungen im Wetzlar er Wahlkreise z. B. müßte unbedingt eine Mai⸗ feier auf irgend eine Art zu ermöglichen sein. Unsere Freunde in diesem Kreise sollten sich das mal recht an⸗ gelegen sein lassen! Ebenso verhält es sich in vielen hessischen Orten. Wenn sich zum Beispiel mehrere Orte zu diesem Zwecke vereinigen und gemeinsame Feiern ab⸗ halten würden, so würde zweifellos die Sache viel leich⸗ ter und zu jedermanns Befriedigung durchzuführen sein. Wir leiden allerdings viel unter dem Mangel an Red⸗ nern, aber es muß schließlich auch mal ohne einen solchen gehen! Von den Feiern im übrigen Hessen und Deutschland wurde starker Besuch und bester Verlauf berichtet. In Vilbel bewegte sich wie alljährlich, ein schöner Zug durch den Ort. Voran im Schmuck der Arbeiter⸗Rad⸗ fahrerverein, dann kamen die Sptelleute und die Mustk, ihnen folgte das Maifestkomité, welchem eine Gruppe weißgekleideter Jungfrauen folgte, die in roten Trans⸗ parenten den„1. Mai 1904“ trugen. Nach dem Umzug war ein Fest im„Pfau“, dessen schön dekorierter Saal sich nur für die Menge Menschen als zu klein erwies. Das Maifest wird hier immer mehr zu einem Volksfeste, an dem die ganze Einwohnerschaft teilnimmt. Fried⸗ berg verzeichnete ebenfalls große Beteiligung. In Offenbach war vormittags eine öffentliche Ver⸗ sammlung im Gewerkschaftshause, in der Abg. Ulrich die Festrede hielt. Mittags erfolgte der Festzug durch die Stadt mit zahlreichen roten Fahnen und unter Be⸗ teiligung einer ungezählten Menschenmenge auch aus den umliegenden Orten. In Darmstadt nahm die Feier einen großartigen Verlauf. Genosse Ulrich⸗Offen⸗ bach hielt unter rauschendem Beifall die Festrede. Frankfurt hatte 6 Versammlungen bereits am Samstag Abend abgehalten, sie waren alle überfüllt. Das im Stadtwalde an der Louisa abgehaltene Wald⸗ fest wurde durch den gegen 7 Uhr einsetzenden Gewitter⸗ können. In Frankfurt liegen Bäckergehilfen das Börsenspiel wetterte n, insgeheim zahlreich arbeitslos; die Kollegen sollen sich regen stark beeinträchtigt. Trotzdem nahmen viele Tau⸗ sende daran teil. Rühmenswert war die Haltung der ——— Seite 4. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 19. Sänger, die teilweise im ärgsten Wetter ruhig weiter sangen, als ob nichts geschehen wäre. Mainz war preußisch geworden. Wie schon früher mitgeteilt, hatte man unsern Genossen nicht nur die Stadthalle verweigert, worin die Mainzer stets die Maifeier abhielten, sondern auch den Umzug verboten, was sonst in Mainz noch nie vorgekommen ist. Zu allem Ueberfluß kratzte die Polizei aber auch noch die Maiplakate von den Anschlagesäulen. Und warum das alles in dem„gemütlichen“ Mainz? Weil am gleichen Tage die Einweihung der neuen Brücke vor sich ging. Dazu war Wilhelm II. erschienen und deshalb suchte man die Maifeter zu unterdrücken, damit sie den byzan⸗ tinischen Rummel nicht störe. Aber die preußischen Po⸗ lizelkunststücke bewirkten nur, daß die Maidemonstration noch gewaltiger als sonst ausfiel: man wird dadurch jedenfalls keinen einzigen Genossen zu patriotischen Hurrahschreiereien bekehrt haben!— Besonders gewaltig und sast allgemein war die Feier in Berlin und seinen Vororten. Hamburg hatte wie alljährlich seinen imposanten Festzug, ebenso Stuttgart. So⸗ gar in Sachsen war diesmal ein Festzug erlaubt worden und zwar in Meißen. Etwa 3000 Personen stark bewegte sich derselbe nach dem Festplatze.— Kurz, in allen Teileu Deutschlands feierte die Arbeiterschaft das Fest der Arbeit in würdiger imposanter. Weise. Dasselbe wurde vom Auslande berichtet. In Bel. gien fiel die Ftier besonders imposant aus; in Brüssel bewegte sich ein Zug vor, ca. 10 000 Per⸗ sonen durch die Straßen. Auch die Arbeiter Däne⸗ marcks, Schwedens, Oe sterreich und der Schweiz fehlten nicht bei der internationalen Kund⸗ gebung; in verschiedenen Schweizer Städten nahmen russische Studenten an dem Umzuge teil. Kurz, der Maiged“anke schreitet in der ganzen Welt vorwärts! r ñ r q Pop. Nah und Lern. Hessisches. (Durch falsches Umbrechen sind in einem Teile der Auflage zwei hierher gehörige Notizen unter Pol. Rundschau(Franz. Gemeindewahlen) gestellt worden.) aer hesfischen Wahlrechts⸗ vorla'ge berichtet die„Frankf. Ztg.“, daß es in dem Ausschusse der Zweiten Kammer zu einer Einigung gekommen sei. Demgemäß em⸗ pfehle der Ausschuß die Ein führung der direkten Wahl, mit den im Entwurf vor⸗ gesehenen„Kantelen“ und auch in der Frage der Vermehrung derstädtischen Mandate ist es durch den Kompromißvor⸗ schlag des Abg. Gutfleisch zu einer Einigung gekommen. Danach soll die Zweite Kammer künftig aus 60(bisher 50) Abgeordneten be⸗ stehen. Auf die Städte sollen 15 Abgeordnete und 45 auf die Landbezirke entfallen. Hiernach würden nach Maßgabe der augenblicklichen Be⸗ völkerungsziffer die Provinz Starkenburg 24 Abgeordnete(4 mehr als seither) und zwar die Städte 5(Darmstadt 3, Offenbach 2) und das Land 19 Abgeordnete; die Provinz Oberhessen 18 Abgeordnete(2 mehr als seither) und zwar die Städte 4(Gießen 2, Alsfeld 1 und Fried⸗ berg 1), die ländlichen Bezirke 14 Abgeordnete; die Provinz Rheinhessen 18 Abgeordnete(auch 4 mehr als seither) und zwar die Städte 6 (Mainz 3, Worms 2, Bingen 1) und das Land 12 Abgeordnete erhalten. Es bleibt jetzt noch die Einteilung der drei Provinzen in die neuen Wahlbezirke übrig. Mit dieser Einteilung wird sich der Ausschuß in den nächsten Tagen beschäftigen. Lederkönig Heyl Dem nationalliberalen paßt der Wahlgesetzentwurf gar nicht und er lätzt seinen Tintenkuli in der„Wormser Ztg.“ wütend auf die Regierung los hacken. Nach Junkerart beschuldigt er die Regierung liberaler Tendenzen— der Mann, der sich auch liberal nennt!— und droht mit dem Widerstande der feudalen Herren der Ersten Kammer fol— geudermaßen: 8 „Sollte selbst, wider alles Erwarten, der Regierungswahlentwurf mit der Forderung des kautellosen direkten Wahl rechtes in der Zweiten Kammer Annahme finden, so ist noch immer die Erste Kammer da, die ohne Er⸗ weiterung ihces Budgetrechtes— wir verweisen bezüglich dessen auf württembergische und badische Beispiele— nicht für die Vorlage zu haben sein wird.“ Daß die Partei Drehscheibe gegen das all⸗ gemeine Wahlrecht ist, braucht nicht mehr ge⸗ sagt zu werden. Aber bei dem Einflusse, den. der Lederkönig in Hessen besitzt, kann es ihm wohl gelingen, die Vorlage zu Fall zu bringen. — Stimmenkauf hatte Gen. Landtags⸗ abgeordneter Orb⸗Offenbach dem nationallibe⸗ ralen Reichtagswahlkomitee vorgeworfen. Orb wurde zwar zu 600 Mk. Strafe verurteilt, es wurden aber bei der Beweisaufnahme Tat⸗ sachen festgestellt, die im gewöhnlichen Leben als Stimmenkauf bezeichnet werden. Gießener Angelegenheiten. — Für Wiedereinführung des Oktrois auf Mehl und Backwaren scheint bei der Mehrheit der Stadtväter Neigung zu bestehen. In der letzten Stadtverordnetensitzung, in der über den Voranschlag beraten wurde, wobei es so eine Art General debatte gab, wurde eifrig nach neuen Stenerquellen gesacht. Daß die Abstcht besteht, eine erhöhte städtische⸗ Biersteuer einzuführen, haben wir schon früher erwähnt. Nun willl man die Wiederein⸗ führung der Brotsteuer damit begründen, daß ja das Brot seit ihrer Aufhebung nicht billiger geworden sei. Damals habe selbst der Stadt⸗ verordnete und Bäckermeister Löber erklärt, man schenke damit den Gießener Bäcktun ver⸗ schiedene Zehntausende Mark. Mit Recht wandte sich unser Gen. Krumm entschieden gegen diese Steuerpläne, welche den Minderbemittelten wiederum erhöhte Lasten auferlegen. Derantige Steuern seien ungerecht, wenn nötig, solle man die direkten Steuern erhöhen. Weiter meinte Krumm, der im Laufe der Sitzung mehrmals das Wort ergriff, daß man in der Vermehrung des Beamtenstabes eigentlich weit gegangen sei und es nun endlich damit genug sein lassen könne. Ferner tadelte er die hohen Begräbniskosten, die in kleiner andern hessischen Stadt in gleicher Höhe erhoben würden. Beigeordneter Georgi und einige andere Stadtverordnete erklärten sich ebenfalls gegen die Zrotsteuer, dagegen Kirch und Heichel⸗ heim dafür. Selbstverständlich bedeutet auch die städtische indirekte Verbrauchsgegenstände nichts anderes, als eine Belastung der ärmeren Bevölkerung zu Gunsten der Besitzenden und es muß im Interesse der Gesamtheit dagegen mit aller Macht protestiert werden. — Tiefe volkswirtschaftliche Einsicht bekundete neulich das Gießener Amtsblatt in einer Notiz, die uns erst einige Wochen später zu Gesicht kam. Es leilte dar in nach der Landesstatistik mit, daß von den Einwohner Hessens 73 Prozent steuerfrei seien, 26 Prozent ein Einkormen von unter 4000 Mt. und nur ein einziges Prozent der Einwohner des Groß⸗ herzogtums ein jährliches Einkommen von über 4000 Mk. habe. Daran knüpft das Blatt folgende Be trochtung: „Daraus läßt sich der Schluß ziehen, daß diejenigen, welche so viel Einkommen haben, daß sie sür industrielle U ternehmen, Fabrikanlagen, größere Handelsgeschäfte Geld übrig haben, sehr dünn gesät sind. Und doch müssen sie für die Ernährung eines großen Teils der Bevölkerung Sorge tragen.“ Nun hängt euch, ihr Marx, Engels, Rodbertus und wie ihr gelehrten Nationalökonomen alle heißen mögt! Mit eurer Ansicht, daß die Kapitalisten sich durch die Arbeit der Besitzlosen nicht bloß sehr gut ernähren, sondern Ri esen⸗Reichtümer aufhäufen, ist's nichts. Mit einem Satze wirft der Gießener Anzeiger eure vielen dickleibigen Bücher über den Haufen!— Wir gestatten uns ganz bescheiden die Meinung auszusprechen, daß, wenn das eine Prozent der Höchstbesteuerten für die Ernährung der übrigen Bevölkerung sorgen müßte, in 14 Tagen mindestens neun Zehntel der letzteren elendlich dem Hungertode verfallen wären. — Auf dem Verbandstage der süd⸗ deutschen Konsum vereine, der am Sonntag vor acht Tagen in Mannheim stattfand, war auch der Gießener Kopsumverein durch einen Delegierten, und zwar das Vorstandsmitglied Keßler vertreten. Im Ganzen nahmen an der Tagung 127 Vereine— soviel gehören zu dem Verbande— mit 66 Delegierten teil. Aus dem vom Verbands direktor Barth erstatteten Jahres⸗ bericht geht hervor, daß in den 127 Vereinen 83,346 fitglieder dem Verbande angehören gegen 120 mit 68,120 Mitgliedern im Vorjahre. Steuer auf notwendige Der Gesamterlös stellte sich auf 23,791,496 Mk. „d. i. 3,594,263 Mk. mehr als im Vorjahre. Nach Abzug der Unkosten blieb ein Nettonutzen von 2,041,087 Mk.(im Vorjahre 1,649,695. Mark) wovon 1,823,519 Mk. rückvergütet und 69,986 Mk. als Reservefonds verwendet wurden. Der Grundbesitz bewertet sich auf 3,762,766 Mk, Geschäftsanteile: 1,629,812 Mk. ꝛc. Auschließend an den Bericht tadelten die Revisoren die größeren Warenmankos bei Ab⸗ gang der Lagerhalter und empfahlen Stärkung des Reservefonds. Auch wurde gerügt, daß die Vereine große Kapitalien in ihren Schränken liegen laffen. Es wurde bei gelegentlicher Re⸗ viston ein Verein angetroffen, der 75,000 Yk. in Staatspapieren im Kassenschrank liegen ließ, und dies damit entschuldigte, bei den vielen Bankkrachs sei man mißtrauisch geworden. Ueber die Organisation des gemeinsamen Warenbezuges und die bisherigen Erfolge der Einkaufsvereinigungen sprachen Strauß⸗Gß⸗ lingen und Dejun g Mannheim, aus deren Referaten hervorging, daß gerade hier noch viel, sehr viel geleistet werden muß, daß aber Arbeit und Mühe lohnend und im Inter esse der Sache dringend notwendig ind. Kauf⸗ man n⸗Hamburg sprach über: Die Rechte der Generalversammlung gegenüber der Genassen schaftsverwaltung in recht interessanter Weise. Die Beseitigung sozialer Schäden bedinge die genaue Abgrenzung der Funktionen. Schmitt⸗ che n⸗Magdeburg sprach sich für Förderung der Eigenproduktion aus. Schließlich beschloß der Verbandstag einstimmig den Beitritt zum Zentralverband deutscher Kon⸗ sumvereine. n. Maurervarsammlung. In einer gut be⸗ suchten Maurerversammlung referierte am Samstag im „Wiener Hof“ der Gen. Hüttmann aus Frankfurt a. M. über:„Die Lebenshaltung der Gießener Maurer und die: Berechtigung der diesjährigen Lohnforderung.“ Betrachte. jemand unbefangen die bisherigen Lohnverhältnisse im Maurergewerbe— so führte Redner aus— so sei a durchaus nich! schwer zu entscheiden, ob die Forderung berechtigt sei oder nicht. Jeder, der dem Arbeiter und in diesem Fall dem Gießener Maurec, samt seiner FJa⸗ milie eine einigermaßen anständige Existenz zubillige, müsse das Geforderte als bescheiden bezeichnen. Löhne, wie sie bis heute in Gießen bezahlt wurden, seien einfach unerhört und eine Schande für das ganze Gewerbe. Von dem verdienten Lohn im Gawerbe allein könne keiner existieren. Ohne Uebertreibung müsse gesagt werden, Gleßen mit Umgebung zahle in ganz Deutsch⸗ land im Maurergewerbe mit die schlechtesten Löhne. Als Beweis für seine Behauptungen führte Redner eine An⸗ zahl interessante Zahlen an, welche die oben geschilderten Zustände deutlich illustrieren. Rechne man in Gießen im Maur ergewerbe mit einem Durchschnütsstundenlohn von 35 Pfg., der bestimmt noch zu hoch angenommen sei, so ergebe sich bei normalen Arbeitsverhältnissen, abzüg⸗ lich jährlich 15% Arbeitshindernisse: wegen Arbeitsmangel, Witterungsverhältnisse, Krankheit und anderer Ursachen, daß der Einzelne ca. 2350 Stunden jährlich bechäftigt ist. Diese Stundenzahl ergibt einen durchschnittlichen Jahres⸗ arbeitsverdlenst von 775,50 Mk. Jedeufalls eine so geringe Summe, daß damit kaum einem Menschen zuge⸗ mutet werden kann. auszukommen. Ziehe man von dieser Summe 350 Mk. ab, die jährlich für Miete oder Haus⸗ zins, Kleidung, Heizung, Beleuchtung, Steuern, Ver⸗ sicherungsbeiträge, Bildungsmittel, Vergnügen und andere Sachen ausgegeben werden, bleiben vom Jahres verdienst nur noch 400 bis 425 Mk. übrig, um die notwendigsten Lebensmittel beschaffen zu können. Eine fünfköpfige Arbeiterfamilie würde pro Tag 1,17 Mk. zu verzehren haben, oder pro Kopf 23,4 Pfg. Redner ist der Meinung, solche Zahlen sprechen für sich und müßten den Dümmsten die Augen öffnen, selbst der eigensinnigste Unternehmer müsse die obigen schlechten Zustände als nicht übertrieben anerkennen. Es sei aber ein Fehler, wollten die Maurer in diesem Augenblick herkommen und alle Verantwortung auf die Unternehmer abwälzen, denn selbst könnten sie sich nicht von Mitschuld freisprechen. Etwas mehr Mut und fester Zusammenhalt, selbst nach einer verlorenen Schlacht führt zum Ziel. In vielen Orten Deutschlands mußten oft Lohnbewegungen mit negativem Resultat beendigt werden, der Kollegen Erfolge erzielt. Das sei auch in Gießen möglich. Es gelte noch heute der Grundsatz im In⸗ teressenkampf der Arbeiter:„Einigkeit macht stark!“ Was die Arbeits gelegenheit in diesem Jahre in Gießen angehe, so sei dieselbe jetzt schon sehr gut und werde im Laufe dieses Jahres noch besser, daß sehr wohl ein Erfolg möglich sei. Aber trotz dieser sehr guten Geschäftslage hänge der Erfolg von der Einig⸗ keit der Gießener Maurer ab. Wenn es nicht gelinge, später wurden aber durch die Einigkeit julerest af. chte dr elossen. Weise. inge die chmitt⸗ derung eschloßz itritt 1 Koh⸗ gut be⸗ natag im rt a. M. u und die Baltachte lunisse in Jo sei Forderung stet und in einer Fe⸗ fubilige, . Uhle, eien einfach Gewerbe. lein könne ise gealt 15 Deulsch⸗ Söhne. Als elne Au⸗ geschilderten in Gießen sundenlohn genommen ssen, ab detzwargel N Hachen, echäfligt lt. hen Jahre l ee d schen nge: 5 dieser oder Haus tens, Vel. ud andere tee melde ö g sinstyfie eee eee e Nr. 19. Mittel deutsche Souuiags⸗Reitung. Seite 5. alle Kollegen zu interessieren, werden die Unternehmer am Jahresschluß wieder mit„vollem Beutel“ heimgehen und die Maurer hätten das Nachsehen. Redner bespricht die lange Arbeitszeit, den ungenügenden Unfallschutz, und die Behandlung der Arbeiter. Besonders der Parlier Wahl bei Winn behandle die Maurer wie Sklaven, die nur nach seiner Pfeife tanzen müßten. Solchen „Trabanten“ der Unternehmer müßten Manieren beige⸗ bracht werden. Nachdem noch einige andere Redner in ähnlichem Sinne sich geäußert, und nachdem Koll. Mandler als Vorsitzender gewählt war, ging die Versammlung mit dem Beschluß auseinander, über 14 Tage eine neue Versammlung einzuberufen. — Kulturträger für Afrika gesucht! An den Plakattafeln der Stadt befinden sich Bekannt⸗ machungen des Bezirkskommandos, durch die Reservisten aller Waffengattungen zum Eintritt in die nach Afrika gegen die Schwarzen zu entsendenden Expeditionen ge⸗ sucht werden. Wer sein Leben und seine Gesundheit nicht nützlicher anzuwenden weiß, als sie freiwillig in Afrika der Profitsucht einzelner Kapitalisten zu opfern, der hinge sich besser gleich auf. Aus dem Rreise gießen. — Unsere Landeskonferenz wird, wie in voriger Nummer bekannt gegeben, am 30. und 31. Juli in Pfungstadt abgehalten. Zum ersten Male sind für die Konferenz zwei Tage vorgesehen, wozu das Landeskomité in seiner Bekanntgabe folgendes bemerkt: Parteigenossen! Das Landeskomité hat, entsprechend den Wüunschen der letzten Landes⸗Konferenzen, zum erstenmal zwei Tage für die Konferenz vorge⸗ sehen. Es ist der Anschauung, daß am Samstag, abend s 8 Uhr mit der Verhandlungen begonnen werden soll. Die Wichtigkeit der Tagesordnung macht eine zahl⸗ reiche Beschickung der Konferenz nötig, sorgt deshalb dafür, daß überall Delegierte gewählt werden. Diskutiert die Tagesordnung und sendet etwaige Anträge recht⸗ zeitig an den mitunterzeichneten Genossen Ulrich, damit dieselben veröffentlicht werden können. Die Delegierten sollen mit einem Mandat verse hen sein; die Formulare versendet das Landes⸗Komité und werden dieselben von Genossen Ulrich bezogen. Für unsere Parteigenossen in Oberhessen ist also diesmal die Beschickung des Landes⸗ parteitags mit erheblicheren Kosten verknüpft. Es wäre daher empfehlenswert, wenn sich mehrere Parteiorte über gemeinsame Delegation einigten und sich zu diesem Zwecke bald mit einander in Verbindung setzten. Steinberg. Eine Volksver⸗ sammluung findet Samstag, den 7. Mai im Saale„Zum grünen Baum“ statt. Frau Tietz aus Berlin wird das Referat halten. Alle Arbeiter und besonders auch die Frauen seien hierzu eingeladen; die Genossen werden ersucht, für starken Besuch zu wirken. — Gestohlene rote Schleife. Aus Stein⸗ berg schreibt man uns: 1 Hier scheinen sich jetzt sogar Spitzbuben mit unsern Gegnern zur Sozialistenbekämpfung verbündet zu haben. Der hiesige Arbeiterverein legte am Dienstag voriger Woche einen Kranz mit roter Schleife am Grabe des verstorbenen Genossen Hinkler nieder. Doch diese Schleife muß das Blut zweier der Tat dringend verdächtigen Herren arg in Wallung gegen uns gebracht haben, denn am Sonntag hörten wir, daß die Schleife von dem Kranze verschwunden sei, was wir auch bestätigt fanden. Wenn diese Herren nun glauben, mit ihrer Niederträchtigkeit uns gegenüber etwas be⸗ sonderes getan und den Staat gerettet zu haben, so haben sie sich doch verrechnet. Wir werden uns be⸗ mühen, der Diebe habfaft zu werden, um sie ihrer verdienten Strafe nicht entgehen zu lassen. Der Staats⸗ anwaltschaft ist bereits davon Anzeige gemacht worden Aus dem Nreise ꝗriedberg⸗Büdingen. — Die Wahrsagerin von Vilbel. Vor der Gießener Strafkammer wurde am Dienstag gegen die Katharina Bind aus Vilbel wegen Betrugs verhandelt. Als Belastungszeugen traten eine Anzahl ältere und jüngere Frauen aus Vilbel auf, denen die Angeklagte durch unglaublich plumpe Schwindeleien größere und kleinere Geldbeträge abzunehmen verstand. Die Schwindeleien be⸗ standen darin, daß sie den Frauen zuredete, in der Lotterie zu spielen; ne kenne eine Frau in Bornheim, die mit dem Loose„etwas machen“ (es mit Sympathie behandeln,„behexen“) könne, damit es gewänne. Merkwürdigerwetse glaubten die Leute diese ungeheuerlichen Schwindeleien und stellten dadurch ihrem Intellekt ein sehr schlechtes Zeugnis aus, blamierten gewissermaßen ihren doch sonst ziemlich aufgeklärten Heimatsort. Der Familie Klöß knöpfte die Schwindlerin ca. 2500 Mk. ab und führte dadurch deren Ruin herbei. Infolgedessen verübte Frau Kl. Dienstag früh Selbstmord. Die Angeklagte wurde zu 2 Jahren Gefängnis verurteilt. Aus dem Rreise Wetzlar. h. Schwere Krise im Kredit⸗ und Vo r⸗ schuß verein. Am Mittwoch Abend hat im Schützen⸗ garten wiederum eine Generalversammlung des Vor⸗ schußvereins stattgefunden, in der die im Verein herr⸗ scheuden schweren Mißstände, die in der letzten Zeit besonders durch den Fall Jakob ans Tageslicht kamen, erörtert wurden. Welcher Art die Mißstände waren, ließ schon die bekannt gemachte reichhaltige Tag⸗sord⸗ nung vermuten; noch mehr aber deuteten mehrere An- träge von Mitgliedern daraufhin. So war ein Antrag gestellt auf Umwandlung des Vereins in eine Genossen⸗ schaft mit beschränkter Haftpflicht, event. Festsetzung der Haftsumme. Weitere Anträge lauteten: 1. Antrag, die Decharge bezüglich der letzten Jahresrechnung dem Vorstand nicht zu er⸗ teilen. 2. Haftbarmachung des Vorstandes für den Effektivverlust am Konto Hermann Jakob, sowie für die im Protokoll festgestellten Fehl beträge an Deckungen für gewährte Kredite durch Beschreitung des Rechtswegs und Beschluß über eventl. Einleitung des Strafverfahrens gegen den Vorstand. 3. Absetzung des Vorstandes und Neuwahl. Die Generalversammlung war außerordentlich stark besucht. Ueberhaupt hat die Angelegenheit in den Reihen der Mitglieder begreiflicherweise eine große Erregung her⸗ vorgerufen. Nachdem die Vorstandswahlen erledigt, ver⸗ las der Vorsitzende Herr Heinzenberg das Revisions⸗ protokoll. Er legt zunächst dar, welche Schwierigkeiten die Revisionskommission zu überwinden hatte, da ihr von Seiten des Kassierers Genz Widerstand entgegen⸗ gesetzt und der Einblick in die Bücher verweigert wurde. Es stellte sich aber dann heraus, daß eine ganz unver⸗ antwortliche Wirtschaft eingerissen war, derart, daß sich die Kommission genötigt sah, die Sache dem Staatsan⸗ walt zu unterbreiten. Man könne es als ein Glück Insehen, daß Jakob damals durchgebrannt sei, dadurch kam die Geschichte an den Tag. Der Bericht stellt fest, daß in einer Anzahl Fälle Kredite gewährt wurden, ohne daß hierfür die nötige Sicherheit vorhanden war. Am bedenklichsten liegt der Fall Oskar Di et yt ch, hier stehen einer Schuld von 129000 Ml. nur für ins⸗ gesamt ca. 109000 Mk. Sicherheiten gegenüber. Fast ebenso hoch beläuft sich die Kreditüberschreitung bei einem andern Konto, über das aber, wie über mehrere kleinere beruhigende Erklärungen abge geben worden.— Die An⸗ gelegenheit dürfte noch weitere Kreise ziehen. Für uns ist dabei interessant, daß hier wieder einmal bisher sehr angesehene Bürger und Ordnungsleute höchst be⸗ denkliche Manipulationen machen. X Sudelei in der Bäckerei und der schnei⸗ dige Rechtsanwalt. Vorigen Freitag wurde vor dem Schöffengericht eine Privatklage verhandelt, die nicht ohne allgemeines Interesse ist. Bäckermeister Hölterle war klagbar gegen eine Frau geworden, die behauptet hatte, daß vor einigen Jahren in der Bäckerei des Klägers ein durch die Backstube führendes Rohr für Abwässer geborsten sei, und daß sich der Inhalt über die darunter liegenden Brote ergossen habe. Teilweise hätte Hölterle die beschmutzten Brote an arme Leuten verschenkt, den größten Teil aber in seiner Filiale in der Neustadt ver⸗ kauft. Bei der Beweisaufnahme gab H. den Vorfall z u, er bestritt aber, daß es sich um ein Abtrittsrohr handele und daß beschmutzte Brote verkauft worden seien. Als Zeuge war von der Frau ein Bäcker ange⸗ geben worden, der zur Zeit des Rohrbruches bei H. ar⸗ beitete. Bei der Vernehmung desselben, der im allge⸗ meinen bestätigt, was die Frau gesagt, trat der Ver⸗ treter des Klägers, Rechtsanwalt Kaufmann, in einer Weise gegen den Zeugen auf, die den energischsten Wider⸗ spruch herausfordern muß. Er suchte zuerst in Ab⸗ wesenheit des Zeugen dessen Glaubwürdigkeit dadurch zu erschüttern, daß er ihn dem Gericht(dem ein Bäcker⸗ meister als Schöffe angehörte) als einen unzuverlässigen Menschen, der schon aus vielen Stellen entlassen worden sei, hinzustellen suchte. Bei der Vernehmung selbst fragte er den Bäcker, wo er überall gearbeitet habe, was ihn doch gar nichts anging und als Zeuge bekundete, daß er gegenwärtig in der Konsumbäckerei arbeite, sagte der Herr Anwalt:„So, da werde ich mich nach Ihnen er⸗ kundigen!“ Verwunderlich ist, daß der Zeuge diese Fragen überhaupt beantwortete und bedauerlich, daß der Vorfitzende sie zuließ.— Die Frau wurde zu 10 Mk. Geldstrafe verurteilt. aus dem Rreise Marburg⸗-Rirchhain. r. Der Konsumverein hält seine Generalversammlung Montag, den 9. Mai im Restaurant Geisler ab. Es stehen wichtige Punkte auf der Tagesordnung. r. Maifeier in Marburg. Vom schönsten Wetter begünstigt, konnte am 1. Mai unsere programm⸗ mäßige Feier morgens um 6 Uhr beginnen. Vor dleser Zeit hatte sich eine ganze Anzahl Genossen am be⸗ stimmten Orte eingefunden. Nach längerem Marsche gelan gte man an der Mosseiche, unserm Ausflugsorte an. Hier hatten sich bereits einige Vorläufer und vor allen Dingen die nötige Ersrischung eingefunden. Es dauerte auch gar nicht lange, so entfaltete sich weitere, fröhliche Maifeststimmung. Gesangsvorträge, gemein⸗ schaftliche Gesänge und sonstige Unterhaltungen wechselten mit einander ab. Erst nach 11 Uhr, als kein Tropfen mehr im Becher war, dachte man an den Heimweg und man zog zum Restaurant Hillberger, wo man sich trennte.— War die Beteiligung am Vormittag eine gute zu nennen, so hätte man am Nachmittage auf etwas besseren Besuch rechnen dürfen. Zwar war das Lokal voll besetzt, aber immerhin fehlten noch einige Genossen. Der Arbeitergesangoerein leitete die Feter durch ein Lied ein. Darauf hielt Gen. Die h l-⸗Frankfurt die Festrede, welche mit lebhaftem Beifall aufgenommen wurde. Ein weiteres Lied schloß die einfache aber wür dige Feier. Große Aengstlichkeit legte die Marburger Behörde wegen der Maifeier an den Tag In der Nacht zum 1. Mai ließ sie den Spiegelslustturm scharf bewach en, jedenfalls damit nicht etwa morgens eine rote Fahne als Revolutionszeichen da oben flattere. Natürlich muß⸗ ten die Turmwächter unverrichteter Sache abziehen. Daß man uns in jo schlimmem Verdacht hat! Wir haben ihr doch dazu noch nie eine Veranlassung gegeben. s. Als Beigeordneter wurde in der letzten Stadtverordnetensitzung der Regierungsbaumeister Sar⸗ demann gewählt. Er tritt an die Stelle des bis⸗ herigen Beigeordneten Apotheker Siebert, der eine Wieder⸗ wahl ablehnte. Kleine Mitteilungen. ** Eine Kindesleiche wurde kürzlich auf dem Friedhofe in Eberstadt bei Butzbach in geringer Tiefe auf einen Grabeshügel eingescharrt von einer Frau ent⸗ deckt, die das betr. Grab mit Blumen bepflanzen wollte. Die kleine Leiche konnte erst ganz kurze Zeit in der Erde gelegen haben. In den letzten Tagen wurde uns dar⸗ über mitgeteilt, daß man Spuren über die Herkunft des Kindes gefunden habe. * Familien⸗Tragödie. In Barmen versuchte der Arbeiter Speiser am Montag seine Frau in der Wohnung ihrer Mutter zu erschießen. Die Kugel prallte an einer Korsettstange ab; ein anderer Schuß traf aber die Schwester der Frau, die sofort tot war. Ebenso wurde die Mutter der Frau lebensgefähr⸗ lich verletzt. Darauf tötete sich Speiser selbst durch einen Schuß. z Die schwarzen Pocken sind in Westfalen ausgebrochen. Aus Bochum, Witten und Hattingen wurden mehrere Erkrankungsfälle gemeldet. Um eine Verschleppung zu verhüten, begann man mit der Ein⸗ richtung von Isolierungsräumen. Versammlungskalender. Erscheint zahlreich und pünktlich in den Ver⸗ sammlungen! Samstag, den 7. Mai. Gießen Soz.⸗dem.⸗Wahl verein. Abends 9 Uhr. Versammlung bei Orbig. Montag, den 9. Mai. Gießen. Schneiderverband. Versammlung bei Orbig. P———.—— 1 Briefkasten. r. Mbg. Wir halten es nicht für nötig, uns mit den Rüpeleien des antisemitischen Dienstmanns weiter zu beschäftigen. Dieser Arme im Geiste folgt einfach dem Beispiel, das ihm seine Führer geben. Vielleicht spekuliert er auf eine Hausknechts- oder Schweinehirten⸗ Stelle bei dem Dreschgrafen Pückler. Mehrere Einsendungen mußten zurückbleiben. ——— 4 Letzte Nachrichten. Vom russesch japan ischen Kriege. Port Arthur blocktert. Den Japanern ist es gelungen, den Hafen von Port Arthur durch Versenken von 9 Handelsschiffen vollstän⸗ dig zu sperreu. Dauach bombardierte das japa⸗ nische Geschwader die Festungswerke und die Stadt. In Tok io rief dieser neue Erfolg lebhafte Kundgebungen hervor. Abends 9 Ubr f 5% Bemüht Parteifreunde! cn a nach besten Kräften für die immer weitere Verbreitung Eueres Blattes. —— r 22 1 2 2 9 * ——— 8 3————— ——— r————— — . ——ů—j—f—f —— —— — 9 J 4 0 12 N 1 Seite 6. Mittel dentsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 19. Von Nah und Fern. Das schwache Kaiserhoch. Aus einer„schwarzen Garnison“, in der kein Militär liegt, wurde kürzlich dem„Offen⸗ bacher Abendlatt“ geschrieben: Hier fand eine Kontrollversammlung statt. Nachdem die üblichen Zeremonien vorüber waren, ließ der betreffende Offtzier ein Hoch auf Kaiser und Großherzog von den anwesenden 300 Mann ausbringen. Das Hoch klang jedoch dem Offtzier zu schwach, so daß er entrüstet mit seinem Degen auf⸗ stampfte und also sprach:„Gewiß sind so ein paar Lumpen unter Euch, die Euch aufhetzen. Solange das deutsche Heer be⸗ steht und wir die Macht haben, werden wir dieses Gewächs nicht aufkommen lassen!“— Wir wissen nicht, wie stark oder wie schwach das kommandierte Hoch aus den 300 Kehlen geklungen hat, aber das wissen wir, daß die zu den Kontrollversammlungen befohlenen Ar⸗ beiter über den infolge eben dieser Versamm⸗ lung zu verzeichnenden Lohnverlust wenig er⸗ bau: gewesen sind. Wer Arbeitergroschen verbraucht. In der Generalversammlung der Orts⸗ krankenkasse in Lehrte wurde ein Posten in der Rechnung moniert. In Vertretung der Kasse war ein Herr dreimal nach Burgdorf gefahren(Bahnstation, etwa 10 Kilometer von Lehrte entfernt) und hatte dabei jedesmal höchstens einen halben Tag aufgewendet. Für diese dret Fahrten hatte er nicht weniger wie 56 Mark Spesen berechnet. Dieser Herr war— der Bürgermeister von Lehrte. Die Ausgaben, die dem Herrn Bürgermeister erwachsen sind, können höchstens etwa 5 Mark Eisenbahnfahrgeld und drei Mittagsmahlzeiten gewesen sein. Kriegerverein als Unternehmer⸗Schutz⸗ truppe. Als in dem pommerischen Ort Richten⸗ berg bei Franzburg ein Maurerstreik ausge⸗ brochen war, lesen wir im„Hamb.⸗Echo“, schickte der Franzburger Kriegervereins-Vorstand an die dem Verein angehörenden Maurer fol⸗ gendes Schreiben:„Franzburg, 6. April 1904. Der Kriegerverein zu Franzburg fordert Sie auf, beiliegende Erklärung, unterschrieben mit Ihrem Namen, innerhalb von zwet Tagen an den Vorsttzeuden zurücksenden zu wollen. Falls Sie dieser Aufforderung nicht nachkommen kön⸗ nen oder die Unterschrift nicht leisten wollen, so sind Sie hiermit laut Vorstandsbeschluß ge⸗ mäß den Statuten aus dem Verein ausge⸗ schlossen. Dr. Dieckmann. Dahms. Tessendorf.“ — Die verlangte Erklärung lautet:„Bei meiner Ehre versichere ich, daß ich getreu meinem Soldateneide von unbedingt königstreuer Ge⸗ sinnung bin, daß ich weder dem Zentralver— bande der deutschen Maurer, noch einem andern sozialdemokratischen Verein angehöre oder an⸗ gehören werde, solange ich Mitglieo des Krieger⸗ vereins bin.“ „55 e In. * C N 7 8 Unterhaltungs-Ceil. 5 Maifeierlied. Von Richard Dehmel. Es war wohl einst am ersten Mai, viel Kinder tanzten in einer Reih', arme mit reichen, und hatten die gleichen vielen Stunden zur Freude frei. Es ist auch heute erster Mai, viel Männer schreiten in einer Reih'; heut sind sie heiter, und haben weiter keine Stunde zur Freude frei. N 5 Doch blüht wohl einst ein erster Mai, da tritt alles Volk in eine Reih'; mit einem Schlage hat's alle Tage ein paar Stunden zur Freude frei. Diese prächtigen Verse brachte der„Vorwärts“ in seiner Mainummer. Richard Dehmel 8ist einer der bedeutendsten Lyriker der Gegenwart. Die Selbstmörderin. Von Karl Marchionini. Auf einige Wochen hafte ich mich in ein fern von der Großstadt abgelegenes Dorf zur Erholung meiner Nerven begeben. Es war wunderschön auf diesem Flecken der Erde. Das Auge schweifte über grünschimmernde Hügel und über reife Kor ifelder. In der Nähe des Dorfes stand ein schöner, dunkler, kühler Wald überaus prächtig und einladend da. Ein Flüß⸗ chen schlängelte sich dahin, das im Sommer ganz besonders für die Dorfbevölkerung eine wahre Wohltat war. Der Ort war mit Gaben aller Art reich geschmückt. Die Sonne war hier nicht sparsam gewesen, und wäre die Mensch⸗ heit, die hier ihren Besitz hatte und ihrem Er⸗ werb nachging, besser geartet gewesen, so wäre es eine Freude für jeden gewesen, hier wohnen und schaffen zu können. Doch auch hier so wie überall gab es zwei Klassen, gab es Besitzende und Besitzlose, und ganz besonders die letzteren waren in diesem Orte so arm, daß ihnen die Armut aus den Augen schaute. Sie waren Landarbeiter und schufen all die Herrlichkeiten, die es rings um⸗ her zu schauen gab, sie arbeiteten, sie säeten, ste ernteten für die Besitzenden, während sie selbst besitzlos blieben und nur so viel ver⸗ dienten, vaß sie den Hunger stillen konnten. Damit sich niemand an dem Besitz der Reichen vergreifen sollte und damit stets die Ruhe und die Sicherheit bewahrt bleiben sollte, hatte der Vater Staat den Besitzenden einen Gendarmen zur Hilfe gegeben, und dieser waltete natürlich auch mit unparteilicher Strenge seines schweren Amtes. Dienstboten, ja selbst ältere Männer, die sich auf längere Zeit vermietet hatten und die, wenn ste schlecht behandelt wurden, aus dem Dienste vorzeitig austraten, holte er zu⸗ rück. Das Gesetz wollte es so haben. Arme Leute, die sich etwas Holz aus dem Walde ge⸗ holt hatten, wurden von dem Gendarmen notiert und dem Strafrichter übergeben. Das Gesetz und seine Instruktion verlangten es. Mit den zeichen Bauern trank er öfters im Wirtshaus einen Schoppen zusammen, und manchmal sahen ihn Arbeiter des Morgens in der Frühe, wenn er mit hochgerötetem Gesicht aus dem Wirtshaus kam.—— Auch ein Pfarrer waltete in diesem Dorfe seines Amtes. Er hatte für das Seelenheil seiner Schäfchen zu sorgen. Am Sonntag wetterte er in der Kirche von der Kanzel herab, daß es eine Lust war, den Mann in seinem Pflichteifer zu hören. Dem Gesinde empfahl er, es möge der Herrschaft treu und ergeben sein, auch möge es unermüdlich fleißig sein. Den Mädchen empfahl er Keuschheit, denn ein sitten⸗ reines Mädchen habe Anspruch auf die ewige Seligkeit. Den Bauernburschen verbot er das Trinken. Der Herrschaft empfahl er, sie möge das Gesinde menschlich behandeln. Kurz, dieser Pfarrer hatte für jeden einige Worte. Er wußte natürlich, daß sie nicht befolgt wurden, aber er mußte doch predigen, da er nun doch ein⸗ mal Pfarrer war. Er selbst war auch kein Philister. Er war auch ein Freund eines guten Trunkes, mischte manchmal im Verein mit einigen reichen Bauern im Hinterstüblein die Teufelskarten, und was das Keusche anbetraf, so konnte seine junge, hübsche Köchin auch etwas erzählen. Doch diese war still, sehr fromm und verehrte den Pfarrer als einen sehr gottes⸗ fürchtigen Mann. Eines Nachmittags, die Sonne stand noch in beträchtlicher Höhe, entstand eine große Auf⸗ regung im Dorfe. Dorfbuben kamen atemlos gelaufen und erzählten, die alte Liese, eine Dorfarme, sei ins Wasser gesprungen. Alles lief nun an den Fluß, doch es war zu spät, sie war verschwunden. Endlich, als man eine gute Weile gesucht hatte, fand man in einer stillen Ecke des Flusses zwischen Kraut und Schilf die Leiche des Weibes. Sie wurde von einigen Arbeitern ans Land gezogen und auf das Gras gelegt. Die Menschenmenge umringte die Leiche und auch der Gendarm war erschienen, er hatte das dicke Notizbuch in der Hand, um den Fall aufzuschreiben, damit er dann darüber Mitteil⸗ ungen seiner Behörde machen konnte. Ein reicher Bauer, der neben mir stand, erzählte mir kurz die Geschichte des Weibes. Die alte Liese sei früher ein sehr hübsches Mädchen gewesen, sie habe, so lange sie habe arbeiten können, bei den Bauern als Magd gedient. Auch habe sie einen Sohn gehabt. Sie habe in ihrer Jugend mit einem Bauernburschen schön getan, der habe ihr was besorgt und sie dann sitzen lassen, weil die Liese arm war und er nur ein reiches Mädchen habe heiraten dürfen. An ihren Sohn habe die Liese viel gewandt. Der sei auch ein tüchtiger Mensch geworden, doch beim Militär, da haben sie ihn so ge⸗ zwiebelt, daß er sich erschossen habe. Seit der Zeit habe die Liese keine Lust zum Arbeiten gehabt, sie habe die Menschen verflucht und ein gottloses Leben geführt. Sie sei nach dem Tode ihres Sohnes nie mehr in die Kirche ge⸗ gangen. Schließlich hat niemand so eine gott⸗ lose Magd behalten wollen, und da sie auch nicht mehr so recht arbeiten konnte, habe sie ins Armenhaus ziehen müssen. Da habe es dem Weibe natürlich nicht behagt.„Sie war übrigens eine wahre Dorfplage,“ meinte zum Schlusse der Bauer,„sie hat so manchen Dieb⸗ stahl auf dem Gewissen, allerdings hat man sie nie ertappen können!“ Ein junger Bauernbursche stieß mit dem Fuße nach dem Kopfe des unglücklichen Weibes und lachte laut auf. g Ich protestierte ganz energisch gegen diese Behandlung der Leiche. Der Gendarm trat da⸗ zwischen und meinte, ich möge mich nicht des alten Weibes wegen aufregen. Mir schnitt es fast das Herz entzwei, als ich so recht in das Gesicht der Lebensmüden blickte. Laut schrie es in mir auf, ich konnte es nicht fassen, wie es möglich ist, daß man in dieser Gegend ein Weib so zu Grunde richten konnte. Was hatte sie denn getan? Hatte sie nicht auch liebende Eltern gehabt? War das Weib nicht auch einst ein glückliches, frohes Mädchen gewesen? Hatte sie nicht froh und freudig gearbeitet? Doch sie traute den Schwüren des Burschen zu viel. Die hübsche Armut wurde schnöde be⸗ trogen. Und wollte sie nicht später ihr Schicksal mit Geduld ertragen? Warum tötete man ihren Sohn, ihre einzige Stütze? Ste, die sie bis dahin noch immer an eine Gerechtigkeit geglaubt hatte, mußte sie sich nicht abwenden von diesen frevelhaften Menschen? Hatte man ihr nicht ihr letztes, was sie besaß, geraubt? Nun war sie für ewig verstummt. Ihre fahlen Lippen waren geschlossen, ihre Hände lagen danieder. Ste hatte aufgehört zu leben, sie hatte aufgehört zu klagen. Das Leben war ihr zum Fluche geworden. In ihrem eingefallenen Gesicht konnte ich lesen, daß sie mit einem Fluche auf den Lippen in die Ewigkeit ge⸗ wandert war.—— Ich blickte auf, einige Männer kamen mit einer Bahre, sie faßten das Weib an den Füßen und am Kopfe und luden sie auf die Bahre, und fort ging es ins Totenhaus für Armen⸗ häusler, ins Spritzenhaus.— Lachend blickten einige Burschen und Mädchen dem Zuge nach. Nur hier und da sah man ernste Gesichter. Die Dorfjugend trollte mit. Ein altes Mütter⸗ chen blickte dem Zuge mit wehmütigem Gesicht nach. Ahnte sie vielleicht, daß man mit ihr auch einst so umgehen werde?—— Es war ein wunderschöner Sonntag. Herr⸗ lich war die Sonne aufgegangen und schien nun mit ihren goldenen Strahlen auf die Erde herab. Mich hielt es nicht in meiner Behausung, ich ging hinaus, es war noch ziemlich früh. In Gedanken versunken, ging ich am Spritzen⸗ haus vorbei; da plötzlich wurden die Türen geöffnet, und auf einem Karren, an dem ein Pferd vorgespannt war, fuhr man die alte * 19. — fla 0 gen 12 Leite hatte I Fall lud, bes. übses e habe Magd bt. Sie urschen ö und sie ar und dürfen. wandt. vorden, 0 ge eit der Irbeiten t und ch dem che ge⸗ e gott. e auch habe sie abe es e War le zum Dieb⸗ at man it dem Weibes en diese rat da⸗ cht des itt es in das rie es wie es d ein 5 hatte fü bende gt auch esen? cbeitet urschen löde be⸗ 5chicksal e man „die sie chtiglelt wenden tte mal fanult? fallen lu yen, sie war iht falenen eilen leit ge⸗ ien mit n Füßen Mull, Namen. Hlacten . nach. tel. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. Nr. 19. Frau, die sich vor einigen Tagen das Leben genommen hatte, in einem schwarzen Sarge hinaus auf den Friedhof. Zwei Männer führ⸗ ten das Pferd. Sonst war niemand dabei, niemand folgte diesem Weibe. Langsam schritt sch dem Wagen nach bis nach dem Friedhofe. Hier und da schaute ein verschlafenes Gesicht aus einer Hütte, es war ja Sonntag, und an diesem Tage schlafen auch die Landleute des Morgeus länger. Ich war der einzige, der die⸗ sem Weibe folgte. Man kam auf den Kirchhof, doch immer, immer weiter— nach der„ungeweihten“ Erde ing's. Noch im Tode wurde das Weib ge⸗ traft. Ihr sollte es nicht vergönnt werden, zu. sammen mit den andern Toten unter den schattigen Bäumen zu ruhen. Nein, abseits von diesen Toten, abseits von den schattigen Bäu⸗ men, am Zaune, wo kein Bäumlein stand, hatte man ihr ein Loch gegraben. Finster und schweigend empfing uns der Totengräber, er musterte mich mit neugierigen Blicken. Er schien sich zu wundern, daß ich diesem Weibe gefolgt war. Eilig ging er jetzt im Verein mit den beiden Männern an seine Arbeit. Ich hatte in⸗ dessen schnell einige Feldblumen zu einem kleinen Strauß gebunden und gab sie dem Weibe mit. Die Tränen standen mir in den Augen. Lang⸗ sam perlten sie herab auf die frische Erde. Sie vermischten sich mit den Schweißtropfen der Männer, die eiligst das Grab zuschaufelten. Als sie fertig waren, zogen sie ab, während ich noch eine Zeit in Gedanken versunken da⸗ stand. Noch einmal zog an meinen Augen diese Frau und ihr Schicksal vorüber. Und aufs neue fielen die Tränen auf das Grab der Armut und des Elends. Nachmittags gab's im Dorfe Erntefest. Lustig drehten sich die Mädel mit den Burschen beim Klang der Fiedel im Kreise, alles war froh, alles munter. Als ich dem Treiben zu⸗ schaute, setzte ein Bauernbursche seinem hübschen Mädel eine Blumenkrone auf den Kopf. Die Musik blies Tusch und jung und alt klatschte in die Hände. Das Madel, das soeben preis⸗ gekrönt war, blickte so froh, so selbstbewußt umher, sie war ja die Schönste im Dorfe. Alle Bauernburschen wetteiferten um ihre Gunst, und wenn sie auch arm warm war, sicher würde sie einst ein reicher Bursche zum Altar führen. So schien ich zu lesen in ihrem freudigen Antlitz. Ob ihr Wunsch in Erfüllung gehen wird?— Niemand kann es ja ahnen. In diesem Augen⸗ blick dachte ich wieder an die unglückliche Tote. War sie nicht auch die Schönste im Dorfe ge⸗ wesen? ———.—— Frühling. Zum Kampf hat die Natur die Losung ausgegeben;— Bemerkst Du wohl ihr tiefgeheimes Ringen? Der Frühling soll des Winters Macht bezwingen,—— Was frommet dem sein trotzig Widerstreben?— Mag er noch einmal sich mit Grimm erheben, Dem holden Lenz wird doch der Sieg gelingen,— Hinschmilzt der Schnee, die Eisesdecken springen,— Gegrüßt, gegrüßt du neues, junges Leben! Mit tausend Knospen ziert sich Strauch und Baum, In Halme schießt der Same,— Wald und Auen, Sie wochen auf, gleichwie aus schwerem Traum. O herrlicher Genuß, sie anzuschauen! Hinaus, hinaus zu ihrem lichten Raum. Da lern' mein Herze, hoffen und vertrauen! Karl Frohme. Humoristisches. Der Turm zu Babel. Eine gelungene Antwort gab ein Schuljunge, als ihn in der Religionsstunde der Herr Pfarrer fragte:„Warum wurde denn der babylonische Turm nicht ausgebaut?“—„Weil d'Mau⸗ rer allaweil goschnupft ham“, antwortete treuherzig der junge Bauer. Empfehlenswerte Schriften. Die Kolportage⸗Kommission des Wahlvereins— Gießen, Wirtschaft Orbig— empfiehlt: Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg. Die Volksschule, wie sie sein soll. Von Otto Rühle. Preis 30 Pfg. Die innerpolitischen Zustände des deut⸗ schen Reiches und die Sozialdemokratie. Von Gg. v. Vollmar. Preis 20 Pfg. Handelspolitik und Sozialdemokratie. Von Karl Kautsky. Eine populäre Darstellung der handelspolitischen Streitfragen. Preis 30 Pfg. Christliche Arbeiterpflichten. Jesuitische Fragen und sozialdemokratische Antworten. Preis 20 Pfg. Grundsätze und Forderungen der Sozial⸗ demokratie. Von Karl Kautsky und Bruno Schönlank. Preis 10 Pfg. 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