* — —————— 1 N tj als — 00 osen/ spse/ aum! ster u.. en- X — Nr. 32 Gießen, den 7. August 1904. 11. Jahrgang. Nedaktion: Kirchenplatz 11. Schloßgasse. Sonnt Mitteldeutsche gs⸗Zeitung. Nedatftionssseiux⸗ Donnerstag Nachmittag 4 Uhr Abonnemeutspreis: Bestellung en 2 Juserate 2 Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5gespalt.“ Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch] Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) Eyppedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33¼0% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bei mindestens Das Wahlrecht in Gefahr! Von verschiedenen reaktionären Blättern, welche mit Regierungskreisen in Verbindung stehen, werden Andeutungen in der Richtung gemacht, daß eine Aenderung des Reichstags⸗ wahlrechts im Werke sei und wie es scheint, haben bereits Unterredungen der Parteiführer der Rechten und des Zentrums darüber statt⸗ gefunden. So sagt eine offiziöse Korrespondenz zu der geplanten Einberufung des Reichstags zur Beratung des deutsch⸗russischen Handels⸗ vertrags: „Wichtige politische Entscheidungen, für welche ein festes Zusammengehen der Re⸗ gierung und der Mehrheit von größter Be⸗ deutung ist, stehen im Reiche wie in Preußen bevor. Auch beweist das immer stärkere Hervortreten republikanischer und revolutionärer Bestrebungen mit Nachdruck auf das feste Zusammenhalten aller staatserhaltenen Elemente hin. Daß mit der Vorlegung und Genehmigung des deutsch⸗ russischen Handelsvertrages mit einem Schlage Zweifel und Mißtrauen beseitigt und das volle Vertrauen der Regierung und der agrarisch⸗ schutzzöllnerischen Mehrheit beider großen Par- lamente und der hinter diesen stehenden großen Mehrheit des Volkes wieder hergestellt werden würde, bedarf der näheren Darlegung nicht.“ Wie es in Wirklichkeit damit aussieht, geht aus den Bemerkungen des„Vorwärts“ hervor, welcher schreibt:„Wir sind in der Lage, mit⸗ zuteilen, daß ein Plan unter den Parteiführern zur Erörterung gekommen ist, dahingehend, daß das Reichstagswahlrecht bedeutend verschlechtert und andrerseits das preußische Landtagswahl⸗ recht ein wenig verbessert werden soll, sodaß für beide Parlamente ein und dasselbe Wahl⸗ recht besteht. Man hofft durch Verbesserungen am preußischen Landtagswahlrecht die Oppo⸗ sition gegen die sehr erhebliche Verschlechterung beziehungsweise Beseitigung des bisherigen Reichstagswahlrechts abzuschwächen. Die preu⸗ ßische Regierung steht diesen Verhandlungen nicht nur freundlich gegenüber, sie sind sogar unter ihrer Mitwirkung geführt worden!“ Wir haben alle Veranlassung diefen Vor⸗ gängen die größte Anfmerksamkeit zu schenken. Vor allem muß aber das große Heer der be⸗ sitzlosen und minderbemittelten Klasse sich fest zusammenschließen, für Aufklärung sorgen, um mit aller Energie den von den Geldsäcken und Junkern geplanten Wahlrechtsraub zu vereiteln. e Der Tod des Tyrannen. „Seht Kinder, wie ein Wüterich verscheidet!“ Mit diesen Worten zeigt das gequälte Weib Armgard im„Tell“ ihren Kindern den sterben⸗ den Tyrannen, der vom Pfeile des Rächers und Befreiers Tell durchbohrt am Boden liegt.— Diesem Weibe vergleichbar blickt das gepeinigte niedergetretene russische Volk auf die zerfetzte Leiche seines Tyrannen, des Blut⸗ hundes Plehwe. Zwar in diesem Falle sah das Volk den blutgierigen Schurken nicht langsam verenden, vie Hinrichtung erfolgte so schnell und präzis, daß sie den Augenzeugen kaum zum Bewußtsein kam. Das war ein rascher wirkendes Geschoß, als dasjenige Tells, in einem Augenblicke wurde die menschliche Bestie beseitigt, fast zu rasch und uamerklich ang sichts ihrer zahlreichen schweren Verbrechen, die sie auf dem Gewissen hatte. Mit Jubel vernimmt alles, was einen Funken Freiheits⸗ gefühl in sich trägt, die an und für sich schreck⸗ liche Kunde von der Ermordung des Ministers; und obwohl wir Sozialdemokraten entschiedene Gegner der Todesstrafe und Gewalttätigkeiten sind, über diese Hinrichtung empfinden wir alle eine gewisse Genugtuung. Wie seinen Vorgänger Ssipjagin hat den russischen Ministern des Innern Plehwe am 28. Juli das verdiente Schicksal erreicht. Trotz der umfassenden Vorsichtsmaßregeln— seine Bewachung soll nicht weniger wie 800 000 Rubel jährlich gekostet haben— n urde er am 28. Juli mit seinem kugelsicheren Wagen durch eine wohl⸗ gezielte Bombe in die Luft gesprengt, als er im Begriffe war, zum Vortrag bei dem Zaren zu fahren. Leider gingen dabei noch einige andere Menschen mit zu grunde, doch sind es nicht zwanzig, wie vorher berichtet wurde, sondern es sind nur zwei Tote und sieben Schwerverwundete zu verzeichnen. Diese Unschuldigen sind gewiß zu bedauern und im Hinblick auf sie ist das Attentat— von den po⸗ litischen Gründen abgesehen,— zu verurteilen. Plehwe's Wagen wurde in tausend Splitter zerrissen und der Insasse sofort getötet. Es soll ihm der Kopf glatt abgerissen worden sein. Den ebenfalls schwer verletzten Bombenwerfer kennt man nicht, er weigerte sich bei dem Ver⸗ höre seinen Namen anzugeben. Jedenfalls werden die Beweggründe fuͤr seine kühne Tat von niemand mißbilligt, der nur einen Funken Mitgefühl mit den Tausenden hat, die als Opfer des Plehwe'schen Systems in Sibirien und in den Kerkern schmachten. Sogar in den meisten bürgerlichen Blättern wurde die Hin⸗ richtung des Ministers unter Hinweis auf seine Scheußlichkeiten gerechtfertigt. So schrieb die „Berliner Volksztg.“: g „Dem Toten schallen Verwünschungen und Flüche von Tausenden von Russen nach, die als Opfer seines Systems Ketten schleppen, oder an Gefängniswände, oder auch an Schubkarren angeschmiedet in den unwirtlichen Gegenden Sibiriens ein zerstörtes Leben betrauern, bis ste dem Wahnsinn verfallen, oder an unheilbarem Siechtum zugrunde gehen— mehr zum Tiere geworden als Mensch geblieben; nur, weil sie vielleicht von irgend einem denunziatorischen feilen Schuft als„verdächtig“ stigmatisiert und ohne ordentliches Gerichts verfahren, lediglich„im Verwaltungswege“ in die sibirische Hölle abgeschoben wurden, auf zehn, fünfzehn, zwanzig Jahre, was bei dem mörderischen Klima in Sibirien in den meisten Fällen gleichbedeutend ist mit„lebenslänglich.“ Aehnlich schreiben sogar rechtsliberale Or— gane, beispielsweise sagt die„National-Ztg.“: „Er begann sein Amt mit der Unterdrückung der Bauernunruhen in Poltawa, er setzte es so fort mit der Bekämpfung der Arbeiterkrawalle in Südrußland, mit der Einschränkung der Freiheiten des Semstwos, mit der Maßregelung der Adelsmarschälle. Eine Säule der Reaktion in Rußland, hat er unter seinem schweren Tritt manch' wucherndes Unkraut, aber auch zahllose viel⸗ versprechende Keime geknickt und vernichtet. Wie Finnland, so bäumt sich heute der ganze Süden Rußlands auf gegen die Willkürherrschaft der Plehweschen ——— 9 2 Kreaturen, weite Gebiete sind aufs äußerste verhetzt und verbittert. Mit dem Umfange des Zarenreiches sind auch die inneren Uebel gewachsen und kaum etwas hat diese innern Uebel so gefördert, wie jenes fin stere, trostlose System, als dessen Repräsentant sich auch Plehwe fühlte.“ Unser Zentralorgan faßt sein Urteil dahin zusammen: „Die überwältigende Kunde von der Besei⸗ tigung Plehwes bricht herein, da in allen po⸗ litischen Kreisen Deutschlands die Erregung über Verlauf und Ausgang des Königsberger Justizdramas dauert. Königsberg hat die russische Frage in das Zentrum alles politischen und kulturellen Ringens gestellt, das furchtbare Bild des russischen Gewaltsystems ist vor West⸗ europa gerichtskundig geworden; und nun be⸗ stätigt die auf den russischen Polizeiminister geschleuderte Bombe alles Entsetzen der russischen Zustände. Wir urteilen über dieses Attentat an dem mächtigsten Vertreter der russtschen Polizeiwill⸗ kür nicht anders, als wir über die früheren Attentate in Rußland geurteilt haben. Das Mitgefühl mit den zahllosen Opfern des System Plehwe schließt jede Möglichkeit menschlichen Mitgefühls mit diesem Toten aus. Er ist dem unsäglichen System verfallen, das er selbst gezüchtet. Er hat die schwerste Schuld an dem unsagbaren Leiden des russischen Volkes auf sich geladen. In ihm wird ein Mensch vernichtet, der Tausende getötet, der Millionen geknechtet. Er ist hingesunken unter dem Fluche des russischen Volkes, unter dem Ab⸗ scheu aller zivilisierten Menschen. Und rur diese große Frage ergreift die Betrachter der russischen Entwickelung: Wird der Tod dieses unseligen Mannes die politischen Wir⸗ kungen erzielen, die der Täter unter qual⸗ vollster Aufopferung seines Lebens erhofft? Wird endlich, endlich die Aenderung des furchtbarsten Regierungssystems herbeigeführt werden, durch welche allein die gewaltsamen Schläge, die Rußland seit Jahren und stets gewaltiger erschüttern, vermieden werden können? Wird sich das absolutistische System, durch diese neue Tat furchtbar gemahnt, entschließen zu dem einzigen Mittel, den Zu⸗ sammenbruch aller Dinge zu verhüten? Oder soll das russische Volk von Attentat zu Attentat gemartert werden?“ * Ein Mann, der weder Sozialist noch Revo⸗ lutionär ist, aber die Zustände und Parteien in Rußland genau kennt, Dr. Hugo Ganz, charakterisiert diesen Hund von Minister in Bernsteins„Montagsblatt“ folgendermaßen: „Seine Politik trägt die Merkmale der polizei⸗ lichen Abstammung an sich, die Polizei im macchiavellistischen!“ Sinne betrachtet, als das Verbrechertum im Dienste der Ord⸗ nung. Ich habe in ganz Rußland nicht einen einzigen Menschen gesprochen, der zur Bezeich⸗ nung des Plehwe'schen Charakters andere Aus- drücke gewählt hätte als jene, die zur Bezeich- nung der untersten Stufe der moralischen Existenz dienen. Man darf niemand unrecht tun. Es soll daher betont werden, daß im Lande der all⸗ »Macchiavellistischen— Staatskunst, die sich nur von der Klugheit, nicht von der Moral leiten läßt. — —— Seite 2. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. Nr. 32. gemeinen Kauflichkeit Herrn Plehwe doch der eine Vorzug nachgerühmt wird, daß er absolut unbestechlich sei. An Plehwe hat sich noch nicht einmal die Verdächtigung herangewagt, die sonst auch nicht den Großfürst schont. Aber die Russen wissen ihm für jene Eigenschaft wenig Dank. Denn Plehwe gilt als weit . denn als ein Verschwender oder Wüstling. Er gilt als Bösewicht ohne Skrupel, als politischer Sadist, als Bluthund und raffinierter Betrüger. Dabei als Zyniker ohne jede Gesinnung, als Vabanque- und Falschspieler, für den das po⸗ litische Metier und das Spiel mit Menschen⸗ leben nichts als ein angenehmer Nervenreiz; kurz als Tiger in Menschengestalt. Dabei ist er von bezauberndsten Manieren, ein Charmeur und Causeur mit dem treuherzigsten Gesichtsausdruck. Seine unglaubliche Fal schheit ist das nächste, worüber alle diejenigen klagen, die mit ihm zu tun hatten.„Jedes Wort, das er spricht, ist eine Lüge“, ist die Bemerkung, die man am meisten über ihn hört. Das Ver⸗ brecherische seiner Taktik besteht uicht nur darin, daß er dem Zaren einredet, die Revolution stehe vor der Tür, und ihn durch Drohbriefe, Proklamationen u. a., die er in die innersten Gemächer, ja in die Rocktaschen schmuggeln läßt, in fortwährender nervenzerstörender Angst erhält, sondern noch mehr darin, daß er faktisch Unruhen propoziert, um sie als Argumente benützen, und seine Position stärken zu können; daß er fortwährend Konspirationen entdeckt und die angeblichen Teilnehmer in der furchtbarsten Weise maßregelt, um seine Unentbehrlichkeit zu erweisen. Das Bezeichnendste aber, was ich über das System Plehwe hörte, war doch die Antwort, die ich erhielt, als ich einen recht hochangestellten Mann fragte, ob denn eine Besserung zu erwarten sei, wenn Plehwe einmal von seinem unausbleiblichen Schicksal ereilt worden sei.—„Nein“, lautet die Antwort.„So wohlverdient auch jedes Schicksal für ihn sein wird, geholfen wird uns nicht damit. Ein anderer Mann, das ist alles. Plehwe ist nur in idealer Ausprägung, was das System ver— langt! Der Poltizeistaat braucht Polizeiseelen und er findet sie immer. Plehwe ist mit allen Lastern außer dem der Bestechlichkeit behaftet, aber er ist durchaus kein Unikum in der russischen Beamtenwelt. Und es ist durchaus nicht wahrscheinlich, daß etwas Besseres nach— kommen würde. Wenn ganz Ruzland hofft(wörtlichl), daß ihm bald der Garaus gemacht werde, so ist es nicht, weil man davon sich eine Besserung der Zustände verspräche, sondern weil man doch irgend eine Genugtuung erleben will, wenn das Maß einer dieser Bestien voll ist! In der deutschen Presse weinen nur die der Knutenherrschaft freundlichen Organe, die kon⸗ servativen und die anttisemitischen Blätter dem Hingerichteten Krokodilstränen nach. So sagt das Blatt des Reichskanzlers, die„Norddeutsche Allg. Ztg.“:„Als das grausam hingeschlachtete Opfer einer mit Bombe, Dolch und Revolver arbeitenden verbrecherischen Propaganda verdient der ermordete Minister unser Mitleid, und das befreundete Nachbarland, das in Herrn v. Plehwe einen tatkräftigen, hochbegabten und pflichttreuen Beamten verlor, die auf⸗ richtige Teilnahme aller Freunde der gesetz— lichen Ordnung.“ Für die Tausende Opfer, die der Henker auf dem Gewissen hatte, hat das Regierungs- blatt kein Wort der Teilnahme! — Politische Rundschau. Gießen, den 28. Juli 1904. Wie für Kriegervereine agitiert wird. Geradezu terroristische Mittel werden zur Verstärkung der Kriegervereine aufgewandt. Wie schon kürzlich in Marburg, wurden auch anderwärts die Reservisten bei Kontrollen nach Kriegervereinlern und Nichtkriegern gesondert. Die Nichtmitglieder werden einem Examen Kriegervereins sind. Unter solchen Verhältnissen kann es nicht überraschen, daß die„Rheinisch⸗ Westfälische Ztg.“ schreibt, das Kriegervereins⸗ wesen habe im Laufe des Winters sehr an Ausdehnung gewonnen. Daß es sich dabei nicht um eine natürliche Entwickelung von Krieger Vereinen aus hindelt, ergibt sich auch aus der Mitteilung der„Rheinisch⸗Westf. Ztg.“, daß auf den Wunsch des Kaisers hin, möglichst alle ehemaligen Soldaten in Krieger verbänden vereint zu sehen,„sehr viel agitiert“ worden sei und namentlich die Landräte in den Wintermonaten bemüht gewesen sind, neue Kriegervereine ins Leben zu rufen. Auch von militärischer Seite sei viel getan worden durch Vergünstigungen und Entgegenkommen mancher Art. Dringend der Aufklärung bedarf die Andeutung der„Rhein.-Westf. Ztg.“, daß Gehalts- und Lohnaufbesserungen eine Rolle spielen beim Eintritt in den Krieger⸗ verein. Das Blatt schreibt nämlich wörtlich: „Einen Hauptzuwachs erhalten die Kriegerver— eine stets durch die großen Kaisermanöver mit Paraden. Da bei solchen Gelegenheiten die betreffenden Provinzial-Kriegervereine Spalier stehen dürfen und vom Kasiser besichtigt und begrüßt werden, so treten die Reservisten, Land⸗ wehrleute und„Landstürmer“ in die Krieger⸗ vereine ein, um dann gewöhnlich auch dauernde Mitglieder zu bleiben. Hiermit ist dann mit⸗ unter manche Gehalts- und Lohnaufbesserung verbunden.“ Wir erachten es als eine Pflicht jedes ehrenhaften Mannes, solchem Terroris⸗ mus Trotz zu bieten. Ein Mittel, Leute zum Eintritt in die Krieger-Vereine direkt zu zwingen, haben die milstärischen Vorgesetzten nicht. Es ist auch niemand verpflichtet, dem vorgeblichen Wunsche des Kaisers zu eutsprechen. Soldatenschindereien. Schon kürzlich wurde darauf hingewteesen, daß die Soldatenmißhandlungen in den ersten Vierteljahren dieses Jahres keine Abnahme zeigten. Für das Jahr 1903 wird jetzt festgestellt, daß nicht weniger als 700 Fälle im deutschen Heere zur Aburteilung gelangten. Hiervon entftelen nach einer Statistik auf das Gardekorps nicht weniger als 521! Die erkannten Strafen lauteten auf insgesamt 3000 Tage Gefängnis, Haft oder Arrest, in rund 20 Fällen wurde Degradation zu Gemeinen, in einigen Fällen unter Versetzung in die zweite Klasse des Soldatenstandes, ausgesprochen. Man darf dabei nicht außer acht lassen, daß diese 700 Fälle nur ein Bruchteil aller wirklich vorgekommen Mißhandlungen darstellen. Wie aus den meisten Mißhandlungsprozessen immer wieder hervorgeht, gelangt ein großer Teil der Mißhandlungen überhaupt nicht zur Kenntnis der Vorgesetzten und zur gerichtlichen Ahndung. Ohne Zweifel beläuft sich die Zahl aller wirklichen Mißhandlungsfälle auf viele Tausende. a Nach der nicht unbegründeten Annahme der „Berl. Volks⸗Ztg.“ ist der große Prozentsatz, der auf das Gardekorps entfällt, eine Folge der übermäßigen Sorgfalt, die bei diesem Korps auf den Paradedrill gelegt wird. Dieser wird wieder durch die zahlreichen Paraden, Empfänge, Denkmalsenthüllungen und sonstigen höfisch⸗militärischen Veranstaltungen bedingt. Ein einziger Präsentiergriff, ein einziger Vorbei⸗ marsch wird tagelang vorher geübt, damit es tadellos„klappt“, und bei diesem fortwährenden „Bimsen“, wie der kasernentechnische Ausdruck lautet, lassen sich die zu Handgreiflichkeiten ge— neigten Elemente am leichtesten zu Mißhandlungen fortreißen Die zumeist unerhört milden, oft wie ein offenbarer Hohn auf den Begriff„strafende Gerechtigkeit“ erscheinenden Strafen, auf die in den Mißhandlungsprozessen erkannt worden ist, tragen nicht dazu bei, diesem der deutschen Nation zur Schmach und zur Schande gereichenden verbrecherischen Uuwesen ein Ende zu machen. Eine Reichstagsersatzwahl muß demnächst in dem Wahlkreise Schaum- burg⸗Lippe an Stelle des verstorbenen ge⸗ mäßigt⸗liberalen Landrichter Deppe sstattfinden. unterworfen, weshalb sie nicht Mitglieder eines Unsere Partei, die bei der letzten Wahl 2310 und in der Stichwahl 3241 Stimmen erhielt, hat den Genossen Schriftsteller Thiel in Kassel als Kandidat aufgestellt, die Freisinnigen den in Wiesbaden durchgefallenen Genossenschafts⸗ anwalt Crüger. Generalratswahlen in Frankreich. Bei den am Sonntag stattgefundenen Wahlen zu den Generalräten— das sind die kommunalen Vertretungen der einzelnen Depar⸗ tements(Regierungsbezirke) siegten die Republikaner und gewannen 63 Mandate. Auch diese Wahlen beweisen wieder, daß das fran⸗ zöstsche Volk sich mehr und mehr der Demokratie zuneigt, was auch dadurch zum Ausdruck kommt, daß die Republik die Gesandtschaft beim Pabste aufhob. Russisch⸗japanischer Krieg. Bei den Operationen in der Mand⸗ schurei verfahren die Japaner ebeuso plan- mäßig und erfolgreich, wie im ganzen bisherigen Feldzuge. Der russische Oberbefehlshaber Kuro⸗ patkin ist jetzt von drei Seiten her ziemlich ein⸗ geschlossen und es bleibt ihm nur ein Weg nach Norden auf Mukden zu fret. Von Taschitschiao rückt Oku an der Eisenbahn entlang vor, von Südosten General Nod zu auf der Straße von Hsiuyen nach Haitscheng, und General Kuroki hat die Armeeabteilung angegriffen, welche vor dem Motienlingpaß stand und auch die Straße von Saimatsi am Täitscho entlang sperrte. Bei den hartnäckigen Kämpfen, zu denen es kam, fiel der General Keller. Er wurde durch einen Granatsplitter tötlich verwundet und starb nach 20 Minuten. Sein Tod bedeutet für die russische Armee einen harten Schlag. Generalleutnant Graf Keller war bei Ausbruch des Krieges Gouverneur von Jekaterinoslaw. Er wurde dem Ober⸗ befehlshaber beige zeben und war für diesen eine zuverlässige Stütze. Dieser Keller war ein Schurke, wie der hingerichtete Plehwe, dessen Gehilfe er war. Als Gouverneur in Jekateri⸗ noslaw lietz er bei einem friedlichen Streik im Jahre 1901 die Arbeiter fürchterlich aus ⸗ peitschen. Ebenso wurden später in Charkow auf seinen Befehl Studenten und Arbeiter wegen einer Demonstration verhaftet und aufs brutalste ausgepeitscht. Keller hat allerdings den mildernden Umstand seiner Schandtaten, daß er ein notorischer Trunkenbold war. Er, der Arbeiter und Studenten wegen ihrer frei— heitlichen edlen Ziele mißhandelte, ließ in der Stadt, die seinem Befehl unterstellt war, jeder Unstttlichkeit freien Lauf; er selbst trieb sich auf der Straße mit Dirnen umher. Das waren die Heldentaten dieses Generals im Frieden! — Am Samstag und Sonntag fand bei Tanutscheng ein heftiges Gefecht statt. Der Oct wurde von den Japane rnwgenommen und die Russen nach Haitscheng zurückge⸗ trieben. Letztere ließen 1500 Tote auf dem Schlachtfelde und verloren sechs Geschütze. Die Verluste der Japaner betrugen etwa 400 Mann. Am Sonntag früh bedrängten die Russen mit 21 Geschützen stark den linken japanischen Flügel. Nachdem die Japaner jedoch Ver⸗ stärkung erlangt hatten. trieben sie die Russen nach Norden hin zurück. Gegen Abend wurden die Russen mit schweren Verlusten zurückge⸗ schlagen. Vor Port Arthur wird die Lage für die Russen immer kritischer. Aufangs der Woche wurde nach dem Berichte eines Flüchtlings berichtet, die Japaner hätten schwere Belage rungsgeschütze auf den Port Arthur behertschenden Anhöhen aufgestellt. Unsere Landesk onferenz. In dem mit Fahnen und Blumen hübsch und ge⸗ schmackvoll dekorierten Saale der Vöglerschen Bierhalle in Pfungstadt wurde die diesjährige Landeskon⸗ ferenz der hessischen Soztaldemokratie am Samstag abends 8 Uhr durch den Vorsitzenden des Landes⸗ komitees, Genossen Abg. Ulrich eröffnet. Nachdem der Gesangverein„Liederkranz“-Pfungstadt die Delegierten mit dem schwungvollen Chor:„Seid gegrüßt Genossen alle!“ bewillkommnet hatte, begrüßte Genosse Ra a b⸗ Pfungstadt die Delegierten. Er wies hierbei darauf 22 V—-—]¹Iꝛʃ—ñ 18 77 TTV —. ͤ 2—.„ re — ( Jen die ar. die a0 an⸗ itie uc m — 5— a Nr. 32. Mitteldentsche Sonutags⸗Zeitung. Seite. hin, daß bereits vor neun Jahren hier in Pfungstadt eine Landeskonferenz getagt habe. Damals habe die Partei sowohl in Pfungstadt wie in ganz Hessen noch in den Kinderschuhen gesteckt, während jetzt aus der ehemaligen nattonalliberalen Hochburg Pfungstadt eine sozialdemokratische Feste geworden sei. Er wünsche, daß die Arbeiten der Konferenz guten Fortgang nehmen und der Partei zur weiteren Förderung gereichen möchten. Als Vorsitzende wurden Ulrich und Raab bestimmt, zu Schriftführern Friedrich- Darmstadt und Zahn⸗ Mühlheim; die Mandatsprüfungkommission bilden die Genossen Beckmann⸗Gießen, Engelmann-Worms und Heilmann⸗Offenbach. Den Geschäftsbericht des Landeskomitees erstattet dessen Vorsitzender Ulrich. In diesem Jahre beschränkte sich die Tätigkeit des Landeskomitees auf die Erledigung geschäftlicher Angelegenheiten, es suchte nach Möglichkeit die Aufgaben durchzuführen, die ihm von der Steinbacher Landeskonferenz übertragen waren. Von dem Landkalender kamen 123 000 Stück zur Verteilung, obwohl er zunächst einer gewissen Animosität bei den Parteigenossen begegnete und größere Nachfrage erst später eintrat. Die Kalenderverbreitung führte zu einem Prozeß in Alzey, der zu unseren Ungunsten ausging. Weil die dortigen Genossen den Verbreiter bezahlt hatten, nahm das Gericht eine gewerbsmäßige Verbreitung an. Zukünftig müsse das beachtet werden, die Verteilung dürfte nicht gegen Bezahlung erfolgen, solche unnötige Gerichtskosten müssen wir uns sparen. Was die Ein⸗ führung einheitlicher Mitglieds⸗ und Kassenbücher betrifft, so hatte das Komitee hiermit Schwierigkeiten, denn von jeder Seite wurden andere Wünsche laut. Jetzt schlage das Landeskomitee das vorliegende Formular für die Mitgliederliste vor. Kassenbücher für alle Vereine an⸗ zuschaffen, sei nicht angängig. Mit dem beantragten Agitationsleitfaden glaubte das Landeskomitee nicht übereilt handeln zu sollen. Der von Weinschild vorgelegte Entwurf sei recht gut, aber mit Rücksicht auf die Wahlreform müsse noch von einer Herstellung abge⸗ sehen werden. Ueber die Schaffung eines Lande s⸗ Wochenblattes soll als besonderer Punkt verhandelt werden. Kurz sei nur mitgeteilt, daß die Verhandlungen mit den Gieß enern gescheitert sind. Diese glaubten, das Landeskomitee wolle sie auffressen.(Heiterkeit.) Damit war für das Landeskomitee die Sache erledigt. Im Allgemeinen geht's mit unserer Organisation vorwärts, wenn auch an einzelnen Stellen der Fortschritt besser sein könnte. Namentlich sollten die Parteigenossen ihre Zugehörtokeit zur Organisation auch materkell be⸗ tätigen.— Leider sei ein Versuch gemacht worden, unsere Organisation zu zersplittern und dieser Ver⸗ such sei besonders von Genosse Vetters gestützt worden, der auf dem Frankfurter hessen-nassauischen Parteitage ein Organisationsstatut beantragt habe, in dem der Anschluß des Friedberger Kreises an den Frankfurter Agitationsbezirk vorgesehen sei.(Vetters widerspricht.) Dazu wollten die Friedberger noch nicht einmal davon etwas wissen. Wir dürften keinen Keil in die Organi⸗ sation treiben, sondern wir müßten vielmehr an ihrer Weiterentwickelung arbeiten. Kassierer Orb erstattete hierauf den Kassenbericht und ver weist auf die gedruckt vorliegende Abrechnung. Danach beläuft sich die Rein-Ein na hme auf Mk. 7281.50, die Aus gabe auf 5393,79, so daß sich eine Mehreinnabme von Mk. 1887,71 ergibt. An Vermögen ist Mk. 4872,11 vorhanden. Der größte Teil der Ausgaben wurde für die Kalender aufgewendet und 1500 Mk. wurden an die Parteikasse geschickt. Es sind in diesem Jahre 28700 Marken mehr verkauft worden als im Vorjahre, demensprechend ist auch die Einnahme eine größere. Im Kreise Alsfeld⸗Lauterbach steht es noch wenig gut mit der Organisation, darum bedürfte er der Unterstützung, die sich namentlich die Gießener Genossen angelegen sein lassen sollten. Alsfeld möge aber nicht nur immer bestrebt sein erstklassige Redner zu bekommen, sondern sich auch bemühen, die Organisation zu stärken. — Unsere Mitgliederzahl betrage 8900, eine Zahl, der sich keine bürgerliche Partei in Hessen rühmen könne. Aus der nun folgenden Diskussion sind zunächst die Ausführungen des Genossen Michel s⸗Marburg, des Vertreters des Kreises Alsfeld hervorzuheben. Es sei ja richtig, führt er aus, daß jeder Kreis seinen Zahlungs⸗ verpflichtungen nachkommen müßte, aber man könne das proletarische Gewissen der Genossen doch nicht allein nach den von ihnen geleisteten Pfennigen abmessen. Kein Kreis habe mit solchen Schwierigkeiten zu kämpfen, wie Alsfeld⸗Lauterbach. Es seien aber auch in diesem Kreise eine Reihe sehr opferwilliger Genossen vorhanden. Seiner Ansicht nach sei die Hauptsache die, daß in allen Kreisen sozialdemokratische Agitation betrieben werde, gleichgiltig zunächst, woher die Kräfte kommen, seien sie in Hessen nicht vorhanden, so solle man sie eventuell aus Preußen nehmen. Das seien Fragen zweiter Ordnung. Er bitte das Landeskomitee, den Kreis möglichst von sich oder von Gießen aus zu berücksichtigen. Repp⸗Friedberg verteidigt den Antrag auf Einführung einheitlicher Mit⸗ gliederlisten und Kassenbücher. Weiter bemerkt er bezüg⸗ lich des Kreises Alsfeld, daß hier nur mehr als bisher gearbeitet werden müsse, aussichtslos sei derselbe keines⸗ wegs für uns. Der Organisation für Nassau könnten sich die Friedberger nicht anschließen. Engelmann⸗ Worms und Grzesinski⸗ Offenbach befürworteten einheitliche Mitgliederlisten und Kassenbücher. Vetters bestreitet, gestützt auf das in Frankfurt angenommene Organisationsstatut, daß er eine Abzweigung hessischer Kreise beabsichtigt habe, vielmehr hat er auf dem Frank⸗ furter Parteitag besonders betont, daß die hessischen und bayrischen Kreise ihrer Landesorganisation angehören müßten; soweit diese in Frage kommen, habe es sich in Frankfurt nur um Regelung der Agitation gehandelt. Von diesem Sachverhalt habe er Ulrich gleich am an⸗ dern Tage nach dem Frankfurter Parteitage unterrichtet, er müsse sich daher wundern, daß Ulrich jetzt mit der⸗ artigen grundlosen Anklagen komme. Von Absplitterung könne gar keine Rede sein, er selbst würde derartigen Versuchen als alter Parteigenosse, der die Organisation zu schätzen weiß, entgegen treten. Ulrich verweist auf das Frankfurter Statut und eine Aeußerung Quarck's, woraus er eine Absicht der Lostrennung des Friedberger Kreises herleite. Sei das nicht so gemeint, dann sei er zufrieden, man dürfte aber von vornherein keinen Zweifel darüber aufkommen lassen, daß man sich solchen Versuchen entgegenstellen müsse. Eiß nert⸗ Offenbach bestätigt im Namen der Revisoren, daß die Bücher nebst Kasse in bester Ordnung befunden wurden. Bezüglich der Ab⸗ rechnungen einzelner Kreise, stellte er einzelne Mängel fest. Seel⸗Mainz wünscht, daß künftig der Geschäfts⸗ und Kassenbericht gedruckt vorgelegt werde, während sich Heilmann gegen den Antrag ausspricht, der 20⸗Pfennig⸗ Marken einführen will. Bei der nun folgenden Ab⸗ stimmung wurde der Antrag Mainz, das Landesko mitee zu beauftragen, mit Hinzuziehung von Parteigenossen der verschtedenen Kreise einheitliche Mitgltederlisten und Kassenbücher auszuarbeiten und an die einzelnen Parteiorganisatioen auszugeben, angenommen.— Ebenso der Antrag in Zukunft den Geschäfts⸗ und Kassenbericht gedruckt vorzulegen. Angenommen wird ferner der Antrag Trohe, der Landeskalender habe in Zukunft spätestens Anfang Oktober in den Händen der Mitgliedschaften zu sein, damit dann sofort mit der Verteilung begonnnen werden könne. Abgelehnt wird dagegen der Antrag Friedbergs auf Herausgabe einer 20⸗Pfg.⸗Marke und das gleiche geschieht mit dem An⸗ trag, die Kreisvertrauensleute zur Beratung über Aus⸗ stattung und Inhalt des Landeskalenders hinzuzuziehen. Dem Landeskomitee wird Decharge erteilt und die Sitzung geschlossen. Sonntag früh 8 Uhr werden die Verhandlungen bei dem Punkt Parteipresse fortgesetzt und die das Landes⸗Wochenblatt betreffenden Anträge mit zur Bera- tung gestellt. Ulrich berichtet hierzu, daß aufgrund des Beschlusses der vorjährigen Landeskonferenz das Landes⸗ komitee mit den Gießener Genossen wegen der„Mitteld. Sonntagszeitung“ verhandelt hat. Zuerst schien es so, als wollten die Gießener uns entgegenkommen, aber als es ernst wurde, da merkten wir sogleich, das die Gie⸗ ßener nicht wollten. Von der Konferenz, die mit den Genossen der beteiligten oberhessischen Kreise abgehalten wurde, und die sich eingehend mit der Zeitungsfrage beschäftigt hatte, gingen wir mit der Ueberzeugung nach Hause, daß so, wie es in Steinbach beschlossen wurde, die Gründung eines wöchentlich erscheinenden Landes⸗ organs nicht erfolgen könnte. Wir haben ihnen des⸗ halb in Verfolg jenes Steinbacher Beschlusses den An⸗ trag 1 vorgelegt, um auf diese Weise zu versuchen, ein Landesorgan ins Leben zu rufen. Nun ist nach Ver⸗ öffentlichung unseres Antrages in der Presse und in den Versammlungen Stellung genommen worden gegen die Schaffung eines Landesorgans überhaupt. Außer den Gießener machten uns besonders die Mainzer Genossen Schwierigkeiten; sie sehen eine Gefahr für ihr Partei⸗ blatt darin, wenn ein Landesorgan geschaffen wird. Diese Befürchtungen halte ich für falsch. Wir sind aber schon gezwungen, ein wöchentlich erscheinendes Blatt herauszugeben wegen der Bevölkerung des Odenwaldes und anderen noch nicht für uns erschlossener Bezirke. Schließlich gibt Redner die Bedingungen bekannt, welche die Gießener stellten und auf die das Landeskomitee nicht eingehen konnte. Eißnert empfiehlt eine nochmalige Verhandlung während Dieter, Adeluug sich gegen Schaffung eines Wochenblattes aussprechen. Dagegen tritt Haus- schild⸗Offenbach lebhaft dafür ein, ebenso mehrere weitere Redner. Michels erklärt im Auftrage der Alsfeld Lauterbacher Genossen, daß dieselben auf baldige Einführung des Landes⸗Wochenblattes hoffen. Busold spricht sich für den Antrag des Landeskomitees aus, ebenso Rink. Vetters stimmt Eißnert zu, daß noch⸗ mals Verhandlungen gepflogen werden sollen. Der Wert eines Wochenblattes für die Agitation sei doch nicht abzustreiten. Es sei ja begreiflich, wenn die Gie⸗ ßener wenig Neigung hätten, ihr Blatt, mit dem sie sich ein Jahrzehnt abgemüht, herzugeben. Er sei jedoch im Gegensatz zu den Gießener Genossen für Umwandelung der„Mitteld. Sonntags⸗Ztg.“, weil er dies für einen großen Voriei für unsere Partei im ganzen Lande halte. Hasenzahl⸗Erbach berichtet aus dem Odenwald, daß die Lage der Arbeiter dort eine traurige sei, daß sie den Preis der„Mitteldeutschen“, die sie einzufühten suchten, noch zu hoch fänden. Beckmann⸗Gießen erklärt, daß man es den Gießener nicht verübeln könne, wenn sie nicht sofort auf den Antrag des Landeskomitees eingingen. Wir können nicht preisgeben, was wir uns in jahre⸗ langen Kämpfen aufgebaut haben. Trotzdem sind wir bereit, nochmals mit dem Landeskomitee zu verhandeln. Dr. David äußert die schwersten Bedenken gegen den Plan und schließt sodann seine längeren Ausführungen: Man lasse einstweilen den Gießenern ihr Blatt, aus dem sie bald eine Tageszeitung machen sollen. Das Wochen⸗ blatt muß ersetzt werden, durch das noch billigere Agi⸗ tationsmittel: den Landkalender. Damit schließt die Debatte. Bei der Abstimmung werden alle Anträge zu diesem Punkte abgelehnt und damit auch das wöchentliche Landesorgan. Hierauf erstattet die Mandats⸗Prüsungskommission Bericht. Es sind 82 Delegierte anwesend, die 92 Orte vertreten, ferner das Landeskomitee, die Landtagsabge⸗ ordneten, 8 Kreisvertrauensleute und je ein Vertreter der 3 Parteiblätter. Zu Punkt 3 der Tagesordnung: Internationaler Kongreß refertert Landtagsabg. Berthold. Er weist auf die früheren Kongresse von Paris, Brüssel, Zürich, London ꝛc. hin und erklärt diese internationalen Aus⸗ sprachen und Zusammenkünfte der Vertreter des Prole⸗ tariats für notwendig, im Interesse der Klärung und der Einheitlichkeit unserer Bewegung. Besonders erörtert er die Frage der Maifeier und wendet sich dabei gegen diejenigen, welche gegen die Arbeitsruhe am 1. Mai auftraten. Als Delegierten schlägt er Ulrich vor. Seel⸗ Mainz verteidigt die Stellungnahme der Mainzer in der Malfeierfrage. Dieser wollten sie nur eine würdigere Form geben. Durch die Maifeier sei noch nicht eine Minute Arbeitsverkürzung erreicht worden. Dagegen wendet sich Dr. Michels. Aus den Worten Seel's habe ich eine gewisse Ungeduld herausgelesen, daß das, was wir erstreben, sich nicht schnell genug bezahlt macht. Wir kämpfen nicht dafür, sofort, was wir er⸗ reichen wollen erstrebt zu sehen. Wir können nicht mit einem Satze in den Zukunftsstaat hineinspringen, sondern nur Schritt für Schritt unser Ziel erreichen, wenn diese Schritte auch oft kaum sichtbar sind. Was Seel gegen die Malfeier ausführte, könnte man gegen die ganze sozialdemokratische Bewegung überhaupt anführen. Was hat uns denn bisher den Kampf gegen den Militaris⸗ mus genutzt? Sind die Rüstungen zurückgegangen? Nein, und trotzdem geben wir den Kampf nicht auf. So viel über die Maifeier.— Redner gibt darauf dem Wunsche Ausdruck, daß die sozialistische Bewegung in den einzelnen Ländern ihre Taktik mehr einander anpasse. So haben wir es erleben müssen, daß zu derselben Zeit, wo die deutsche sozialdemokratische Reichstagsfraktion für die Aufhebung des Jesuitengesetzes gestimmt hat, die italienischen Genossen ein solches gefordert haben. Ferner möchte ich den Delegierten zum internationalen Kongreß bitten, dahin zu streben, daß unsere Stellung zur Kolo⸗ nialpolitik so bleibt, wie sie ist. Dr. David betont, daß die Maifeierarbeitsruhe in erster Linie eine Gewertschaftsfrage sei im Gebiete der gewerkschaftlichen Tätigkeit. Zweitens treffen die Ge— werkschaften ganz allein die moralischen und materiellen Folgen. Nur die Gewerkschaften treten für die Schäden ein, die diese Arbeitseinstellung zur Folge hat. Wenn die politische Partei ihrerseits die Verantwortung für die Arbeitsruhe am 1. Mai übernehmen will, so hat sie die dafür notwendigen Schritte zu tun. Zunächst könnte das so gemacht werden, daß jeder in einem festen Ar⸗ beitsverhältnis stehende Sozialdemokrat an diesem Tage seine Tageseinnahme opfert.(Sehr gut!) Damit wäre dasselbe getan, was den feiernden Lohnarbeitern zuge⸗ mutet wird,. Aus dieser Maikasse müßten dann die Wunden zugeheilt werden, die die Meifeier den Lohn⸗ arbeitern schlägt. Wir wollen eine Massenkundgebung des gesamten Volkes am ersten Sonntag im Mat, wo wir mit Kind und Kegel hinausziehen in die freie Natur und dort ein Volksfest begehen im wahren Sinne des Wortes. Diese Kundgebung muß so mächlig, so ganz allgemein sein, daß sie der Oeffentlichkeit die ganze Größe der sozialdemokratischen Bewegung vor⸗ demonstriert. Nicht abschwächen wollen wir die Maifeier; wir wollen sie imponierender gestalten. Friedrich⸗Darmstadt tritt für die Maifeier in der bisherigen Form ein. Zweifellos habe sie mit zur Förderung unserer Bewegung beigetragen. Als Delegierter für den Amsterdamer Kongreß wird Ulrich einstimmig gewählt. Zum Punkt 4, Parteitag in Bremen, referiert Genosse Dr. David. Er wolle aus dem Material, das dem Parteitage vorliegt, nur einzelne wichtige Punkte hervorheben. Da sei besonders der Antrag des Partei vorstandes auf Aenderung des Statuts der die„Gerichts⸗ barkeit“ und die Beitragszahlung neu regeln wolle. Bedenklich sei der Vorschlag, wonach der Ausschluß aus einer Lokalorganisation gleichbedeutend mit dem Aus⸗ Seite 4 Mitteldentsche Sauntaage-geitn und. Nr. 32. schluß aus der Gesamtpartei sei. Jede lokale Streitig⸗ keit könnte dann zu einer Angelegenheit der ganzen Partei werden. Für die Beitragszahlung sei das hessische Verfahren das beste. Er empfiehlt die in folgender Resolution gemachten Vorschläge: „Die Hessische Landes⸗Konferenz spricht den Wunsch und die Hoffnung aus, daß sich auf dem Parteitag zu Bremen Vorgänge wie in Dresden nicht wieder⸗ holen. Sie ist der Meinung, daß in einer großen, auf steten Fortschritt bedachten Bewegung Meinungs⸗ verschiedenheiten über einzelne Punkte unvermeidbar sind. Sie ist aber auch der Ueberzeugung, daß sich solche Differenzen in rein sachlicher von allen per⸗ sönlichen Angriffen freier Weise erledigen lassen, wenn die beteiligten Parteigenossen dadel nur von dem ernsten Willen geleitet sind, der gemeinsamen Sache zu dienen.“ Zum Parteitag sei zu wünschen, daß Bremen kein zweites Dresden werde. Keineswegs dürfen theoretische Streitfragen unerörtert bleiben. Es gibt keine große Kulturbewegung, keine historische Massenbewegung von irgend welcher Bedeutung, in der nicht immer und immer wieder Meinungsverschtedenheiten auftauchen. Kein Kopf ist so groß, kein Gehirn so leistungsfähig, daß es über eine Lebenserfahrung verfügte, um über solche großen Fragen mit Unfehlbarkeit zu entscheiden. Wir haben noch eine Menge Probleme vor uns, vieles ist noch nicht entschieden. Die E kenntnis schreitet fort mit der mensch⸗ lichen Erfahrung; das Gesetz hat immer gegolten, es gilt auch für die Sozialdemokratie. Es ist ein Zeichen von einem gesunden inneren geistigen Leben, wenn der⸗ artige Probleme von den verschiedensten Seiten dis⸗ kutiert und zum Austrag gebracht werden. Das ist die Form des geistigen Fortschrittes überhaupt. Diese Dis⸗ kussionen sind keine Gefahr für das Wachstum unserer Bewegung. Unsere Bewegung ist nicht von theoretischen Erwägungen ausgegangen. Die soztaldemokratische Be⸗ wegung ist keine wissenschaftliche Bewegung in ihrem Ursprung, sondern der Ausgangspunkt unserer Bewegung war die praktische Frage der Beseitigung des Massen⸗ elends. Redner schlägt folgende weitere Resolution vor: „Sämtliche Lokalorganisationen führen, unter Besei⸗ tigung ihrer derzeitigen besonderen Marken, eine einheit- liche, von der Berliner Zeutralkasse ausgegebenen Bei⸗ tragsmarke zu 10 Pf. ein. Diese Marke wird von der Zentralorganisatton an die Landes⸗ resp. Provinzorgani⸗ sationen, von diesen an die Kreiskassen und von den letzteren an die Lokalkassen gegen Barzahlung verkauft. Dabei kommt eine Staffelung der Preise derart zur Anwendung, daß den einzelnen Organisatlonen ein ihren Bedürfnissen entsprechender Pre zentteil der Beiträge ver⸗ bleibt. Die Bestimmung über den Preis, zu dem die Marke an die Landes- resp. Provinzorganisationen ab⸗ gegeben wird, steht dem Parteitage zu, die weitere Staffelung nach unten steht den Landes- resp. Provinz⸗ konferenzen zu. Die moralische Verpflichtung zur Ab⸗ führung höherer Beiträge seitens leistungsfähiger Wahl⸗ kreise oder von freiwilliger Spenden seitens einzelner Parteigenossen bleibt davon unberührt.“ In der Diskusston wendet sich Adelung-Mainz gegen den Vorschlag des Parteivorstandes, wonach die Reichstagsfraktion nur noch durch eine Delegation auf dem Parteitag vertreten sein soll. Die Folge davon würde sein, daß die Abgeordneten dann als Delegierte auf den Parteitag geschickt und die Nichtparlamentarler zurückgedrängt würden. Harris⸗Himbach hätte ge⸗ wünscht, daß David auf die Zollfrage und den Fall Schippel eingegangen wäre. Es sei nötig, in der Agrarfrage Klärung zu schaffen. Dr. Michels ist gegentelliger Meinung. Ungeklärte Fragen sollte man nicht für breite Massen in die Diskussion werfen. Wir haben bisher hierunter sogar oft gelitten, so bei der Vizepräsidentenfrage, die Bernstein viel zu früh in die Diskusston geworfen hat. Die Sozialdemokratie ist prinzipiell weder schutzzöllnerisch, noch freihändlerlsch. Aber dennoch muß Schippel nach seinen letzten Aus⸗ führungen veranlaßt werden, sich klarer auszusprechen, und eventuell sein Mandat niederzulegen, wenn er glaubt, nicht mehr mit der Parteianschauung überein zu stimmen. Im Schlußwort sagt David, daß er ein Referat allerdings nicht alles berücksichtigen konnte. Uebrigens vertrete Michels nach se inen Ausführungen denselben Standpunkt wie Schippel. Er(David) habe die Schippel'schen Ausführungen nicht gelesen, deshalb konnte er nicht darauf eingehen. Die beiden Resolutionen Davids werden ange⸗ nommen. Nach der Mlttagspause referiert Abgeord— neter Cramer über die Tätigkeit des Landtags. Hierüber, sowie über die weiteren Verhand— lungen berichten wir in der nächsten Nummer. Jemerkt sei nur noch, daß das Landeskomitee einstimmig wiedergewählt und sodann als Ort der nächsten Landeskonferenz Alzey bestimmt wurde. Hessisches. — Gemeindewahlen. In Weiß⸗ nossen bei der am Samstag stattgefundenen Gemeinderatswahl einen glänzenden Sieg. Von 203 Wahlberechtigten gingen 141 zur Urne. Die sozialdemokratischen Kandidaten erhielten davon 76 bis 127 Stimmen. Dieses Resultat wurde erzielt, trotzdem die Gegner alles versuchten, unsere Partei zu unterdrücken.— Gleich günstig für unsere Partei fiel die Wahl in Klein⸗Steinheim aus. Hier siegten unsere Genossen Schaffrat, Haupt und Herbert bei außerordentlich starker Wahlbeteiligung mit 198, 192 u. 186 Stimmen. Reine Stimmzettel wurden für unsere Partei 165 abgegeben, ein Resultat, das dort noch nicht zu verzeichnen ist und das, trotzdem 3 Parteien in den Wahl⸗ kampf zogen.— In Dreieichenhain stegte ebenfalls die sozialdemokratische Liste, ebenso in noch anderen Orten. — Der Prozeß wegen der Kretsch⸗ mann⸗Kriegsbriefe gegen die„Mainzer Volkszeitung“ soll nun am 26. September von dem Mainzer Landgericht verhandelt werden. Gießener Angelegenheiten. — Städtische Arbeiter! In der letzten Stadtverord netenversammlung, in der unser Gen. Krumm die Lohn- und Arbeitsverhält⸗ nisse der städtischen Arbeiter zur Sprache brachte, erklärte der Herr Oberbürgermeister, daß dem Leiter des Tiefbauamtes Herrn Braubach von Ueber stunden der Arbeiter nichts bekannt sei. Herr Braubach hat sich mangelhaft unterichtet, er dürfte nur die Lohn⸗ und Arbeitsbücher nach⸗ sehen, dann wird es klar sein, daß fast täglich 2 Stunden Ueberarbeit geleistet werden.— Der Mangel an Straßenkehrern hat allerdings nicht allein seinen Grund in den miserabelen Löhnen der III. Klasse(per Stunde 23 Pfg.) sondern ebensoviel in der Behandlung, die der Straßenmeister den Arbeitern angedeihen läßt, sie ist machmal so laut und lebhaft, daß Leute mit schwachen Nerven sich andere, ruhigere Arbeitgeber suchen. Erst in den letzten Tagen, wo ein Mann nach 10 stü ndiger Arbeit fortging, weil er umziehen mußte, dies auch dem Vorarbeiter meldete, verhängte der Herr Straßenmeister Strafe; die Folge war, daß der Mann den städtischen Dienst quittierte. Geldstrafen gegen Leute mit 23 Pfg. Stunden⸗ lohn find überhaupt fast lächerlich. g. Das Gewerkschaftskartell beschloß in seiner letzten Sitzung, daß im Oktober oder November der be⸗ kannte und beliebte Rezitator Walkotte wieder einen Vortrag halten soll. Ferner wurde beschlossen. die Frage der Errichtung einer Aus kunftsstelle für Arbeiter in Rechtsangelegenheiten den Gewerkschaften zur weiteren Erwägung zu unterbreiten. In ihrer Mehrheit sprachen sich die Karte lldeleglerten für das Projekt aus.— In Gießen hat sich ein Streikbrecher-Werb ebureau in der Wirtschaft zum Adler am Markt aufgetan. Das Kartell beschloß, energische Maßregeln zu ergreifen, die hiesigen Arbeiter davor zu warnen, zugleich auch vor dem Besuche dieser Wirtschaft. — Werdet keine Streikbrecher! Im„Gießener Anzeiger“ sucht der Gastwirt Phil. Schneider, Wertschaft„zum Adler“ am Marktplatz in Gießen schon längere Zeit Arbeiter verschiedener Berufe für eine Fabrik bei Mühlheim a. Rh. Es handelt sich dabei um die Farbenfabriken Bayer in Lever- kusen, wo sich über 1000 Arbeiter im Streik befinden. Wir warnen alle Arbeiter dringend, auf das Angebot des Schneider hereinzufallen. Wir ersuchen zugleich jeden Arbeiter, diese Wirtschaft zu meiden, dessen Inhaber sich für einen Judaslohn dafür hergibt, den Arbeitern den Kampf zur Besserung ihrer Lage zu erschweren.— Diese Mahnungen richtet das Gewerkschaftskartell an die Arbeiterschaft Gießens und Umgebung und es Pflicht jedes denkenden Arbeiters dies zu beherzigen. — In der Bauarbeiteraussperrung im Maingebiete finden jetzt Verhandlungen zwischen den kirchen(Kr. Offenbach) errasigen unsere Ge⸗ Betelligten statt, die aber noch zu keinem Ergebnis geführt haben. Aus Darmstadt werden übertriebene Nachrichten von Ausschreitungen Streikender verbreitet. — Das„Jugendfest“, das am Donners⸗ tag unter überaus zahlreicher Beteiligung statt⸗ fand, wurde durch die tropische Hitze und den fast undurchdringlichen Staub ungünstig beein⸗ flußt. Zur Bekämpfung des Staubübels hätte do wirklich von der Stadt etwas geschehen können. Wäre es denn nicht möglich gewesen, am Vormittag ein paar Gleßfässer hinauszu⸗ schicken? Unter allen Umständen mußte die Grünbergerstraße ordentlich gesprengt werden. Wenn einmal„hoher Besuch“ in die Stadt kommt, wird ja alles mögliche gethan! Auch die Inhaberin der Wirtschaft im Philosophen⸗ wald hätte den Platz vor der Wirtsch aft ein wenig gießen lassen sollen. Doch die etwa 3½ Tausend Kinderchen ließen sich in ihrem Vergnügen nicht stören und zogen am Abend befriedigt mit ihren Geschenken heim. Der Lehrerschaft und allen, die sich mit der Veran⸗ staltung bemühten, muß alle Anerkennung aus⸗ gesprochen werden. Die höheren Schulen blieben dem Volksfeste fern. ah. Das Sommerfest der Freien Turnerschaft am Sonntag hatte einen ungewöhnlich starren Besuch aufzuweisen und 1 55 den besten Verlauf. Insgesamt haben über 2000 Personen den Festplatz an der Pulver⸗ mühle besucht, die meisten davon gaben sich bis zum späten Abend der Festfreude hin, trotz der Hitze und der Schnakenplage. Bald nachdem die Turner aufmarschiert waren, ergriff Stadt⸗ verord. Ed. Krumm das Wort zu einer sehr beifällig aufgenommenen Ansprache, in der er den Verein zu seiner bisherigen guten Ent⸗ wickelung beglückwünschte. Er wies auf den Wert des Turnens hin, das schon vor langer Zeit bedeutende Pädagogen, wie Comenius, Pestalozzi u. a. empfohlen hätten und geübt wissen wollten. Später, nach den sogenannten „Freiheits“kriegen betrachtete man das Turnen als staatsgefährlich, zahlreiche Turnvereine wurden verboten, die Führer der Turner ins Gefängnis gesteckt. Als aber die Verfolgungen aufhörten, verfielen die Turnvereine dem Hurra⸗ und Mordspatriotismus und trieben politische Gesinnungsschnüffelei. Das führte zur Grün⸗ dung des Arbeiterturnerbundes, der die Körper⸗ pflege und Ausbildung durch Turnen bezwecke und dies auch Arbeitern ermöglichen wolle. Heute steht der Arbeiterturnerbund mit seinen 57000 Mitgliedern groß und mächtig da, aber es müssen noch viele Arbeiter den Klimbim⸗ Vereinen Valet sagen und in den Turnverein eintreten. Jetzt, wo der Virein in einer städ⸗ tischen Turnhalle übe, werden seine Leistungen immer bessere werden.— In der Tat konnten sich diese auch sehen lassen. Hervorgehoben muß noch werden, daß recht viel zur Belustigung der Kinder geboten war, deren heitere Fröhlich⸗ keit sich allen Erwachsenen mitteilte. — Ein teurer Spaß. Wegen Ur⸗ kundenfälschung hatte sich am Dienstag der Glasermeister und Sarghändler Schmitt vor der hiesigen Strafkammer zu verantworten. Er hatte bei verschiedenen seiner Konkurrenten fingierte Sargbestellungen per Postkarte ge⸗ macht und freute sich wie ein König, als der Schreinermeister Beil darauf hereingefallen war. Letzterer hatte sich mit seinen Leuten noch tüchtig anstrengen müssen, um in der kurzen Zeit die Bestellung zu erledigen, als er aber den Sarg bei dem angeblichen Besteller abliefern wollte, konnte man ihm dort erklären, daß Gott sei Dank niemand gestorben sei. Ob das aber den Sargfabrikanten ebenfalls mit Freude erfüllte, mag dahin gestellt bleiben. Es stellte sich heraus, daß es Schmitt war, welcher die Leute unbefugt und gegen ihren Willen sterben ließ. Er behauptete zwar, ganz unschuldig zu sein und die Bestellungskarten nicht geschrieben zu haben, doch das Gericht ist mit dem Schreib⸗ sachverständigen überzeugt, daß er der Sünder ist und verurteilte ihn zu drei Wochen Ge⸗ fängnis. — Der Beleidigungsprozeß wegen des Eberstädter Kindes mordes gegen den Abg. Köhler-Langsdorf und gegen den Redakteur der „Hungener Landpost“ Fritz Holzinger wurde Freitag re tte en , u die n. dt U en ein Wa 1 50 er —. Nr. 32. Mitteldeutsche Sountags⸗ZJeitung. Seite 5. vormittag vor der Gießener Strafkammer unter Vorsiz des Landgerichtsdirektors Bücking verhandelt. Das Ge⸗ richt beschloß zunächst die Sache Köhlers von der gegen Holzinger zu trennen und gegen diesen allein zu ver⸗ handeln. Der Angeklagte gibt nach Verlesung des Artikels aus der„Hungener Landpost“, in welchem die Anfrage Köhlers an den Landtag, betreffend das Vor⸗ gehen der Staatsanwaltschaft gegen die des Kindesmords angeschuldigte Mina Görlach in Eberstadt, obgedruckt war, zu, dafür verantwortlich zu sein. Darin wird eine Beleidigung des Staatsanwalts Reuß, des Pro⸗ fessors Pfannenstiel und des Medizinalrals Dr. Haberkorn gefunden. Die Genannten bekunden, daß bei der Unter⸗ suchung kein Zwang auf die Görlach ausgeübt worden sei. Bei Drucklegung unseres Blattes dauert die Ver⸗ handlung noch fort. Oberstaatsanwalt Theobald bean⸗ tragte 3 Monate Gefängnis. — Au die Parteigenossen von Wieseck, Trohe und Rödgen. Laut Beschluß der Bezirks⸗ konferenz in Trohe ersuchen wir die Parteigenossen zwecks Regelung der Diätenfrage zur Delegation nach Pfungstadt ihren entsprechenden Beitrag abzuführen. Wegen Bericht⸗ erstattung wolle man sich an den Delegierten wenden. r. Achtung, Gemein dewähler in Watzenborn⸗Steinberg! Laut Be⸗ kanntmachung liegt die Wählerliste zu der dem⸗ nächst stattfindenden Gemeinderatswahl vom. bis 10. August auf der Bürgermeisterei zu jeder⸗ manns Einsicht offen. Versäume keiner daher, innerhalb dieser Frist sich von seiner Eintragung zu überzeugen, denn nur wer in der Liste steht, kann von seinem Wahlrecht Gebrauch machen. Sache der Arbeiter und Kleinbauern ist es, bei der nächsten Wahl zu zeigen, daß sie eine Gemeinde⸗Politik, wie sie seither getrieben worden ist, nicht billigen. Rüstet Euch, und gebt diesen Herren klar und deutlich zu verstehen, daß mit den sauer verdienten Steuergroschen der Arbeiter und Kleinbauern nicht weiter ge⸗ wirtschaftet werden kann. Auch ist es die höchste Zeit, daß der„Schwagernklub“ gesprengt und Leute in unsere Gemeindevertretung ge⸗ langen, welche die Interessen der ganzen Ge⸗ meinde zu wahren verstehen. u. Gründung eines Wahlvereins in Lich. Am 25. Juli fand in Lich eine gut besuchte öffentliche Versammlung statt, in welcher über Schaffung eines Wahlvereins verhandelt wurde. Nachdem Beckmann ⸗Gießen die Notwendigkeit des Zusammenschlusses der Ar⸗ beiter auch in politischer Beziehung dargelegt hatte, ließen sich 38 Mann in den Verein auf⸗ nehmen. Sogleich wurden die Mitgliedsbücher ausgestellt und der Vorstand gewählt, worauf Beckmann die Versammelten ermahnte, an der neugegründeten Organisation festzuhalten und für Erreichung besserer Zustände mitzuarbeiten. — Montag, den 8. August, abends 9 Uhr, findet die nächste Mitglieder⸗Versammlung statt, in der ein Vortrag über ein noch zu bestimmen⸗ des Thema gehalten wird. Aus dem Rreise Jriedberg⸗Püdingen — Das antisemitische Bauernfänger⸗ blatt in Friedberg spricht von dem Attentat gegen den russischen Menschenschinder Plehwe als einer jüdisch⸗ sozialdemokratischen Untat, die in Rußland ungeheuere Aufregung hervorrufe. Das ist ja nun Tatsache, doch ist die Aufregung eine freudige. Aber das Hirschel⸗ blatt, das s. Z. die Bluttaten in Kischinew verteidigte, begeistert sich für russische Zufrände und solche Schurken wie Plehwe und beschimpft diejenigen in gemeiner Weise, welche gegen die kosakischen Schergen und Spitzbuben einen aufe pferungsvollen Kampf führen. Diese Gesinn⸗ ung ist bezeichnet für ein angebliches Bauernblatt; nirgends werden die Bauern mehr geschunden als in Rußland! Die Bauern sollten die Kerle, die sich zu ihren Führern aufwerfen, mal eine Zeit nach Rußland als Bauern schicken, damit sie die russische Knute zu fühlen bekämen. Vielleicht würden sie dann anderer Meinung. Aus dem Rreise Marburg-Rirchhain. r. Eine Stadtverordneten⸗Sitzung, zu welcher der Vorsteher die Herren Stadtväter erst durch den Stadtdiener hatte herbeiholen lassen, tagte am Montag. Als glücklich die Hälfte der Mitglieder mit einer Stunde Ver⸗ spatung erschienen war, konnte man endlich an die Tagesordnung gehen, die schon einmal liegen bleiben mußte. Nachdem man einige Etats⸗ überschreitungen genehmigt hatte, beschloß die Versammlung, zur Heilstätte für unbemittelte Lungenkranke einen Beitrag zu bewilligen. Derselbe wurde auf sage und schreibe 10 Mk. für die Stadt Marburg festgesetzt. Nun wird hoffentlich die Stadt auch die Heilstätte rege in Anspruch nehmen und unbemittelte Lungen⸗ kranke dorthin schicken. Für ganze zehn Mark allerdings kann man nicht viel verlangen. Und gerade hier wäre ein anständiger Betrag ange⸗ bracht gewesen, da doch unter den Unbemittelten, worunter man doch nur die Arbeiter verstehen kann, die Schwindsucht am meisten Opfer for⸗ dert. Am Schlusse der Sitzung leistete sich die Versammlung noch einen Kontraktbruch. Der Fuhrunternehmer Eduard Heppe hat bekannt⸗ lich die neuerbaute Pferdebahn der Stadt Marburg übernommen. In einem Vertrage zwischen H. und der Stadt heißt es, daß H. das Baukapital verzinsen solle auf 5 Jahre. Die Strecke von Wilhelmsplatz zum Heumarkt rentierte sich jedoch nicht und H. stellte die Fahrten auf dieser Strecke ein. Dem stimmte der Magistrat zu und setzte den Zinsfuß des Baukapitals noch obendrein auf zwei Prozent herab. So wurde der erst vor Jahresfrist ge⸗ schlossene Vertrag gebrocheu. Wie, wenn sich nun die Mieter städtischer Häuser den Vorgang zum Muster nehmen und keine Miete bezahlen? r. Das Gewerkschaftsfest am Sonn⸗ tag war vom herrlichsten Wetter begünstigt und verlief unter sehr großer Beteiligung in schönster Weise. Wohl an 1500 Menschen, zum größten Teil Arbeiter, waren anwesend, um im Verein mit ihren Klassengenossen einige vergnügte Stunden zu verleben. Das Programm war auch ein sehr reichhaltiges. Außer dem Konzerte der Stadtkapelle, müssen besonders die guten Gesangsvorträge des Arbeiter-Gesangvereins „Eintracht“ hervorgehoben werden, die öfters auf Verlangen des Publikums wiederholt werden mußten. Auch für die Kinder war wieder gut gesorgt. Die Kleinen, die mit jedem Jahre in großer Zahl auf dem Feste erscheinen, vergnügten sich vortrefflich. Abends ging ein Lampionzug durch die Stadt nach der Restauration„Schloß⸗ garten“, wo das Fest durch einen Tanz seinen Abschluß fand. ö — Versammlungen der Bauhilfs⸗ und Erdarbeiter finden statt: In Cappel am Sonntag nachmittags 3 Uhr in der Wirt⸗ schaft Carle, in Ockershausen abends 8 Uhr im Lokale Metzig. n. Müllerversammlung in Cölbe. Sonntag den 7. August, nachmittags 3 Uhr, findet im Restaurant von Heinrich Ortwein eine Müllerversammlung statt. Auf der Tagesord⸗ nung steht: Der Streik in den Wesermühlen, die Lohnbewegung in Berlin und München und Zweck und Ziel unseres Verbandes. Referent: Kollege Wedermann⸗Cölbe. Zu dieser Versammlung bittet die Zahlstelle, daß die Ge⸗ werkschaftsmitglieder sich zahlreich einfinden. Gemeinen Betrug verübte der Maurerpolier Koch aus Mols⸗ bach gegen die streikenden Maurer in Mainz. Er hatte am 7. Juli am Südbahnhof in Mainz die auf Posten stehenden streikenden Maurer aufgesucht und ihnen erklärt, daß er laut Vertrag mit den Bauunternehmern 42 Maurer vor auswärts hierher verbringe. Von dem Streik habe er nichts gewußt, sonst hätte er den Vertrag nicht abgeschlossen. Die Maurer boten ihm Rückvergütung für den Rücktransport der 42 Mann an, er verlangte aber außerdem 100 Mk. für persönlichen Schaden. Schließlich trauten die Steikenden dem„ehrlicheen Makler“ nicht und ließen ihn verhaften, worauf sich seine Angaben als erlogen erwiesen. Die Strafkammer verurteilte ihn gerechterweise zu einem Jahre Zuchthaus. Nachträgliches aus der kleinen Garnison. Vor dem Oberkriegsgericht in Frankfurt am Main fand am Freitag und Samstag die Verhandlung gegen den Oberleutnant Witte statt wegen Zeugenmeineides. Oberleut⸗ nant Witte hat früher im Lothringischen Train— batatillon Nr. 16 in Forbach gedient und wurde durch die Enthüllungen im Bilse⸗Prozeß so arg kompromittiert, daß er eine Strafversetzung als Bezirksofftzier nach Siegen i. W. über sich er⸗ gehen lassen mußte. Witte bildete eine der Hauptpersouen des Bilseschen Romans: Aus einer kleinen Garnison. Es wird in dem Roman erzählt, wie er täglich den Besuch der Frau Kommandeuse empfangen habe, es wurde gesagt, daß er sehr viele Schulden habe usw. Der in dem Bilse⸗Prozeß als Zeuge vernom⸗ mene Oberleutnant Witte stellt unter dem Eid alle diese Anschuldigungen lebhaft in Abrede, ebenso bestritt er eidlich, erhebliche Schulden kontrahiert zu haben. Gerade in dieser Bezie⸗ hung hatte Bilse jedoch sehr schwerwiegende Behauptungen aufgestellt. In dem jetzigen Meineidsprozeß wurde während der ganzen Dauer der Verhandlung die Oeffentlichkeit ausgeschlossen.— Es muß sich aber doch auch hier, wie seiner Zeit in dem Forbacher Prozeß herausgestellt haben, daß der Träger des vornehmsten Rockes sehr wenig vornehm handelte, denn das Urteil lautete auf 1 Jahr 3 Tage Zuchthaus, zwei Jahre Ehr⸗ verlust, dauernde Eidesunfähigkeit und Ent⸗ fernung aus dem Heere. Kleine Mitteilungen. Opfer der Arbeit. Im Kruppschen Laschenwalzwerk in Essen wurden durch Zerspringen eine Schneidesäge sieben Arbeiter schwer verletzt. — Auf Zeche Hagenbeck wurde ein Bergmann von herabstürzenden Gesteinsmassen erschlagen. * Von Andrees Polarexpedion soll bei einer kleinen Insel nördlich von Spitzbergen eine Flaschenpost mit einem von 1898 datierten Briefe gefunden worden sein. Andree versuchte bekanntlich damals mittels eines Luftballons den Nordpol zu erreichen. Er stieg im Juli 1898 nebst zwei Begleitern mit seinem Ballon von Spitzbergen aus auf und seit⸗ dem hat man nichts wieder von den kühnen Luft⸗ schiffern gehört. Partei-Uachrichten. Unsere Totenliste. In Berl in starb vorige Woche 72 Jahre alt der Genosse Gustav Keßler. Früher Regierungsbaumeister, trat er noch während des Sozialistengesetzes öffentlich zur Partei über. Er machte sich besonders um die Organisation der Bauarbeiter verdient.— In Halle starb August Grothe, früher Schreiner, der während des Sozialistengesetzes aus Berlin ausgewiesen wurde und stets eifrig für die Partei wirkte. Versammlungskalender. Samstag, den 6. August. Friedberg. Wahlverein. Vecsammlung abends 8½ Uhr bei Ihl. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb(Wiener Hof). Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Steinberg. Wahlverein. Abends 9 Uhr, Ver⸗ sammlung im Lokale„zur Wetterau“. T.⸗O.: 1. Bericht von der Landeskonferenz. 2. Delegierten⸗ wahl zur Kreiskonferenz. 3. Die bevorstehende Gemeinderatswahl. 5 Heuchelheim. Arbeiterbildungsverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei K. Rinn. Wieseck. Wahlverein. Abends 9 Uhr General⸗ versammlung im Vereinslokal. Tages⸗Ordnung: Gemeinderatswahl. Sonntag, den 7. August. Staufenberg. Volks verein. Nachmittags 5 Uhr Versammlung bei Wirt Vogel(oberes Zimmer). Nichtmitglieder haben Zutritt. Montag, den 8 August. Gießen. Schneid rverband. Versammlung bei Orbig. Marburg. Konsum verein. Abends ½9 Uhr Generalversammlung im Lokale Hild mann. Mittwoch, 10. Aungust. Gießen. Freie Turnerschaft. Abends 9 Uhr im„Solmser Hof“, Bahnhofstraße 31: Sitzung des Festkomitees Abends 9 Uhr Die Kreiskonferenz für den Wahlkres Gießen⸗ Grünberg findet Sonntag, den 14. August vorm. 10 Uhr im Lolale Orbig in Gießen statt. Brlefkasten. T.⸗Haigr. Auf nächste Nummer zurückgestellt, mit den Christlichen pressierts nicht so. L.⸗Wieseck. Wasserleitungsgeschichte ebenfalls erst in nächster Nummer. h.⸗Wetzlr. Wie vorstehend. Seite 6. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 32. —— Von Nah und Fern. Eine merkwürdige Verurteilung mußte vor wenigen Tagen der verantwortliche Redakteur der Frkftr.„Volksstimme“, Genosse Quint, über sich ergehen lassen. Quint hatte sich vor dem Schöffengericht wegen Beleidigung des Zentrumsapostels Helmer zu verantworten, die vom Kläger und seinem Vertreter Dr. Heß in einer von der Volksstimme gebrachten Notiz aus Rödelheiul erblickt wurde. Durch die Zeugenaussagen wurde nun mehr festgestellt, als 11 der unter Anklage gestellten Notiz be⸗ hauptet war. Der fromme Helmer war Meister in den Rödelheimer Fahrradwerken von Weil und hat sein Amt erwiesenermaßen dazu mißbraucht, den in der Fabrik beschäftigten Mädchen nachzustellen und sie in der schamlosesten Weise zu berühren. Alle Zeuginnen sagten aus, daß ihnen der verheiratete„Kläger“ Helmer unsittliche Anträge gestellt. Trotz dieses er⸗ drückenden Beweismaterials wurde Quint wegen formaler Beleidigung zu 50 Mk. Geldstrafe verurteilt, weil der Gerichtshof der Anstcht war, daß man auch dem verworfensten Menschen nicht seine geringe moralische Qualität öffentlich vorhalten dürfe. Von Rechts wegen. Durch plötzlichen Schrecken hat ein Mädchen in Oberlahnstein, wie von dort berichtet wird, die Stimme verloren. Das Mädchen war am Samstag vor 8 Tagen im Begriff in die elterliche Wohnung in der Braubacherstraße zurückzukehren und wollte eben in die Haustüre eintreten als ein angetrunkener und auf dem Treppentritt eingeschlafener Mann herunterfiel und die Böschung hinunterkollerte. Darüber erschrack das Mädchen dermaßen, daß es seit dem Augenblick die Sprache verlor. Prügelnde Aerzte. Die Aerzte Dr. Bertololy und Dr. Kull⸗ mer in Lambrecht(Pfalz) stehen, wie der Frankf. Ztg. berichtet wird, seit längerer Zeit in Differenzen, die bereits das Gericht und den Aerzteverein beschäftigt haben. Als nun am Abend des 12. Juli bei eintretender Dunkelheit Dr. Kullmer mit dem Rad an der Villa des Dr. Bertololy vorbeifuhr, überfiel der letztere den ersteren mit einer Hundspeitsche. Als dann beide handgemein wurden, kam die Frau Dr. Bertololy mit einem Stockdegen hinzu, und hieb dem De. Kullmer damit auf den Kopf. Einen Hieb bekam er laut„Pf. Kurier“ an die Schläfe, den zweiten über die Stirn, sodaß er eine klaffende Wunde davontrug. Ein Fabrikant riß die Streitenden auseinander. Der Fall erregt hier großes Aufsehen. Eine Lohnbewegung der Pastore wird in Mecklenburg angekündigt. Beweg⸗ lich klagt einer der Kanzelredner in den„Meck⸗ lenburger Nachrichten“ über die wirtschaftliche Lage der Pastoren, um schließlich einem Ader⸗ laß der Staatskasse für die Verkünder der Lehre von der christlichen Demut und Entsagung das Wort zu reden. Der bewußte pastorale Lohnkämpfer gibt ausdrücklich zu, daß das Wort von den fetten Pfarren in Mecklenburg berechtigt— war, wie er sagt. Heute freilich litten aber wenigstens in der Mehrzahl der Kirchenmänner mit ihren Familien bittere Not. Die meisten Pastoren hätten nicht mal über 4000 Mark(sage viertausend Mar!) Jahreslohn! Solche Klagen der protestantischen Geistlichen sind nichts Neues. In Schleswig-Holstein ent⸗ rüstete sich ein Geistlicher seiner Zeit über die jämmerlichen Anfangs-Gehälter. 1800 Mark Anfangsgehalt— dazu die Naturalleistungen: Freie Wohnung, Pfarrland u. s. w.— sei ein Lohn für sSchlächtergesellen, aber nicht für Pastoren! Und in Berlin stellte vor einiger Zeit ein Pastor zum Beweis der unauskömm⸗ lichen Bezahlung der Pastoren ein Jahresbudget auf, indem er behauptete, ein Pastor könne nicht ohne zwei Dienstbolren und eine Wohnung für mindestens 1800 Mark auskonmen.— Wir ver⸗ denken es den Pastoren an sich natürlich gar nicht für möglichst günstige Existenzbedingungen zu kämpfen. Nur sollten sie sich erstens nicht vom Staat sondern von denen bezahlen lassen, die ihrer Dienste benötigen, und zweitens sollten ste darauf verzichten, den Arbeitern Bedürf⸗ nislosigkeit zu predigen! Err 2 1 Unterhaltungs-Cril. 2 So du mir, so ich dir. Erzählung von Friedrich Gerstäcker. 3.(Jortsetzung). Unwillkürlich fast und ehe er wußte, was er tat, mehr nach alter Gewohnheit rief er „herein,“ und eine Hand drückte draußen die Klinke nieder.— Aber die Tür war noch ver⸗ schlossen und Salomo konnte jetzt nicht anders als öffnen— jedenfalls war es die Riecke, die ihm den Kaffee brachte. Er schob den Nachtriegel zurück und klinkte die Tür auf, fuhr aber unwillkürlich mit einem leisen Ausruf des Erstaunens zurück, als Fanny, die verratene Fanny selber, fertig zum Ausgehen angezogen, vor ihm stand. „Fanny!“— rief er fast unwillkürlich aus, während das junge Mädchen ihr Auge fest auf ihn geheftet das Zimmer betrat, und die Türe hin er sich wieder ins Schloß drückte. „Herr Schönbein.“ sagte sie dabei ernst, nur mit einer abweisenden Bewegung, als ihr der verlegene Ungetreue einen Stuhl anbieten wollte, „ich sinde ihr Erstaunen gerechtfertigt, mich nachdem, was gestern vorgefallen, heute auf Ihrem Zimmer zu sehen.“ „Beste Fanny!“ „Bitte unterbrechen Sie mich nicht,“ sagte das Mädchen kalt,„und nennen Sie mich nicht mehr mit einem Namen, zu dem Sie kein Recht mehr haben. Ich bin von jetzt an für Sie nur noch die Tochter des Schneidermeisters Ehrlich — eine Fremde. Doch zur Sache, Sie werden mir wohl glauben, daß mir dieser Schritt— schwer genug geworden ist, und es hat einen laugen Kampf gekostet, bis ich mich dazu ent⸗ schlossen habe. Aber es mußte sein, denn mein ganzes künftiges Lebensglück stand dabei auf dem Spiel, und wenn Sie das auch kalt lassen würde, war ich es mir selber schuldig.“ „Aber beste Fan— nein, bestes Fräulein Ehrlich—.“ „Ich will Sie nicht lange über die Absicht meines Besuches in Zweifel lassen,“ fuhr das Mädchen ernst fort,„Ihnen aber auch gleich bekennen, daß ich weiß, weshalb Sie mich ver⸗ schmäht. Daß es auf solche Weise geschehen, mögen Sie vor sich und Gott verantworten, mir aber sollen Sie darüber keine Rechenschaft schuldig sein. Aber der Welt gegenüber hatten Sie kein Recht, meinen guten Namen so dem Spott und Hohn preis zu geben, und der Welt gegenüber müssen Sie mir darüber Genug⸗ tuung geben.“ „Ich gebe Ihnen mein Wort,“ stammelte Salomo, im höchsten Grade über die Worte, über das ganze Benehmen des Mädchens bestürzt, „daß mir der gestrige Vorfall selber unendlich leid und schmerzlich ist, und ich gern alles tun werde, was in meinen Kräften steht—.“ „Ich nehme Sie beim Wort,“ sagte das schöne Mädchen ernst.„So hören Sie denn, was ich von Ihnen verlange. Es ist ein Glück, daß unsere gestrige Kirchenszene niemanden bis jetzt bekannt ist, als dem Geistlichen, den mein Vater bis jetzt bewogen hat zu schweigen, und meinen beiden Freundinnen. Die letzteren haben, wie ich versichert zu sein glaube, bis jetzt noch nicht darüber gesprochen, aber daß sie auf die Länge der Zeit nicht imstande sein werden, das Geheimnis zu bewahren, davon sind Sie wohl, mein Herr, so fest überzeugt wie ich selber. Würde jene Szene aber hier in Kheim bekannt, so wäre mein Name damit an den Pranger geschlagen. Ich wäre das Stichblatt für alle erbärmlichen Witzbolde des ganzen Ortes, und was hat ein armes Mädchen weiter, als ihren guten Namen?“ „Aber was, um Gottes willen, kann ich tun?— mein Herz—.“ „Schweigen Sie von Ihrem Herzen,“ sagte die Jungfrau kalt, das hat hierbei nichts mehr zu tun. Mein Herz haben Sie zertreten und damit sind wir fertig. Für mich gibt es auch nur ein einziges Mittel, dem Hohn der Welt zu begegnen— wenn das auch ein ver⸗ zweifeltes ist, und ich sehe keinen Grund dafür, es Ihnen nicht zu nennen.— Unser Altgesell — ein braver wackerer Mensch— liebt mich schon seit längerer Zeit— ich habe seine Liebe nicht erwidert, weil ich— schwach genug war, den Schwüren eines anderen zu glauben. Das hat sich jetzt geändert und heute abend werde ich noch sein Weib. Mein Vater ist heute schon mit Tagesanbruch nach meinem Geburtsort gefahren, die nötigen Aufgebote mit Geld aus⸗ zugleichen und mein künftiger Mann übernimmt das Geschäft, von dem sich mein Vater zurück⸗ ziehen— ihm wenigstens die Leitung überlassen wird. Vorher muß ich durch Sie selbst auch vor der Welt gerechtfertigt werden, damit böse Zungen ferner nicht imstande sind mir die Schmach des gestrigen Tages vorzuwerfen. Mit einem Wort, Sie müssen mir Genugtuung für das Erlittene geben.“ „Aber Sie spannen mich auf die Folter, Fräulein,“ sagte Salomo bestürzt—„so sehr ich mich auch über Ihren Entschluß, was den wackeren Altgesellen betrifft, freue, so begreife ich doch nicht, in welcher Art die Genugtuung sein kann, die ich Ihnen geben soll. Ich kann mich doch nicht— mit Ihnen—“ „Sie sollen es gleich hören,“ unterbrach ihn Fanny.„Von jetzt an ist natürlich jeder Ver⸗ kehr zwischen uns abgebrochen, und ich hoffe sogar, daß Sie mich künftig, wenn wir uns ja zufällig auf der Straße treffen, nicht einmal mehr grüßen werden. Ich will selbst vergessen lernen, daß wir uns je gekannt haben, aber heute— müssen Sie mich noch einmal nach Ersheim in die Kirche begleiten, die gestern der Schauplatz meiner Schande war.“ „Nach Ersheim in die Kirche?“ rief Salomo wirklich erstaunt. „Ja,“ sagte Fanny ruhig— und zwar zum Altar wie gestern. Welchen Zwang ich meinem Herzen damit antun muß, mir noch einmal den gestrigen furchtbaren Augenblick so lebhaft ins Gedächtnis zurückzurufen, können Sie sich wohl. denken; die Erinnerung daran würde mich aber wahnsinnig machen, verweigerten Sie mir die Genugtuung, die ich von Ihnen fordere!“ „Aber Sie sprechen in Rätseln!“ „Die leicht zu lösen sind,“ sagte die Jung⸗ frau düster, die größte Schmach, die einem un⸗ bescholtenen Mädchen widerfahren kann, haben Sie mir gestern angetan, und mein Vater wollte sie, trotz seiner Jahre nur in Blut abgewaschen wissen. Meine Bitten haben vermocht, daß er der Vernunft Gehör gab; er hätte sein Kind sonst nur noch mehr dem Gespött der Leute preisgegeben. Andere Genugtuung sollen Sie mir geben. Gestern sprachen Sie ein Nein, als der Geistliche Sie zu ihrer Antwort nach unserer christlichen Trauungsformel aufforderte — verschmähten sie die Braut, die vertrauens. voll an Ihre Seite getreten war— und heute müssen Sie mir die Genugtuung geben Sie zu verschmähen.“ „Wrr sollen noch einmal zusammen vor den Altar treten?“ rief Salomo Schönbein auf's äußerste erstaunt. „Ja,“ sagte das Mädchen mit kalter Ent⸗ schlossenheit in Blick und Ton.„Die Rache will und muß ich haben, daß ich Ihnen Gleiches mit Gleichem bezahlen kann. Sie sollen Ihr Ja auf die Frage heute noch klar und deutlich sprechen, und meine Ehrenrettung sei dann Ihr gestriges Nein.“ „Aber das geht ja unmöglich an,“ stammelte Herr Schönbein wirklich bestürzt. „Geht unmöglich an,“ erwiderte das Mädchen mit kaltem Hohn.„Fürchten Sie sich, mein Herr, dem zu begegnen, was Sie gestern die Grausamkeit hatten, mit durchdachter Bosheit. auf mich, ein armes hilfloses Mädchen, zu — — Nr. 32. Mitteldentsche Sonntaas⸗Zeitung. Seite 7. häufen?— Geht das jetzt unmöglich an?— Gut; dann aber gebe ich Ihnen mein Wort, daß ich in zehn Minuten bei Hanke& Blenkert bin— Sie werden rot wie Blut?— Hab ich den richtigen Fleck getroffen? Aber beruhigen Sie sich— Sie können nichts mehr verraten, ich weiß schon alles.“ „Sie wissen?—“ „Ich weiß, weshalb ich verraten bin und gönne Ihnen Ihr Glück— wenn Sie meinen Willen vorher erfüllen. Weigern Sie sich aber, dann— was kann mir dann noch an der Achtung der Menschen liegen.— Mein Name wird dann in Spott und Uebermut auf jedes Buben Lippe sein und ich selber brauche nichts mehr zu verheimlichen. Weigern Sie sich also, mir die verlangte Genugtuung zu geben, dann will ich selbst mit Rosalinde Blenkert sprechen. Von meinen Lippen soll sie erfahren, welche Rolle Sie in unserem Hause gespielt von— meinen Lippen soll sie hören—.“ „Lassen Sie mir nur eine viertel Stunde Zeit,“ unterbrach sie Salomo mit flehen dem Tone—„nur fünfzehn Minuten, mir alles zu überlegen, was Sie von mir verlangen.“ „Die seien Ihnen gestattet“— sagte Fanny ruhig—„längere Zeit haben wir überdies nicht; die nächste Viertelstunde muß es ent⸗ scheiden, ob Sie mir helfen wollen— ob ich mir selber helfen soll. Ich lasse Sie für diese Zeit allein und werde indessen auf dem Vorsaal auf und ab gehen.“ „Aber Fräulein Fanny—.“ „Zurück mein Herr!“ rief das Mädchen, den bittend nach ihr ausgestreckten Arm mit Entrüstung fortschleudernd—„wenn Sie noch einen Funken von Mitleid mit mir haben, so erfüllen Sie meinen Munsch, daß ich mit dem heutigen Tage Ihrer verhaßten Nähe enthoben werde— mehr verlange ich nicht. Erfüllen Sie ihn aber nicht, so werden Sie erfahren, was ein zum Tod beleidigtes Weib vermag,“ und ehe er ihr nur eine Silbe erwidern konnte, verschwand sie durch die Tür und warf sie wieder hinter sichs ins Schloß. Salomo Schönbein blieb in peinlicher Ver⸗ legenheit, wie sie ihn verlassen hatte, noch eine Weile stehen. Seinem scharfen Ohr entging aber nicht, daß das gereizte Mädchen wirklich draußen auf dem Vorsaal mit raschen Schritten auf und ab wanderte— sie wartete, bis die ihm gestattete Frist abgelaufen war, und er selbst befand sich jetzt in der peinlichsten Ver⸗ legenheit.— Aber was sollte er tun? Noch einmal die Trauungszermonie durchmachen und sich dann durch die beleidigte schöne Furie mit einem Nein blamieren zu lassen? es war zu entsetzlich, wenn er auch wohl gut genug fühlte, wie gerecht das Verlangen war, und wie sehr er es verdient hatte. Und weigerte er sich— die erzürnte Schöne da draußen wäre zu allem fähig gewesen, und wenn sie jetzt zu Hanke& Blenkert ging, konnte alles schief gehen. Noch wußten diese von nichts, und brachte er heute seine früheren Prinziale dahin, die Verlobung mit ihrer Tochter und Salomo Schönbein nur zu deklarieren, so konnten sie dann nicht mehr zurück, mochte geschehen sein, was da wolle. Er selber wollte dann schon vorbauen und in günstiger Stunde seiner zu⸗ künftigen Braut die Sache so erzählen, wie sie für ihm am günstigsten lautete. Lief aber das gereizte Mädchen jetzt hinauf und erzählte alles, was sie wußte, so brauchte sie das Ganze nur noch ein wenig auszuschmücken und da war er verloren, seine Stellung zu Hanke& Blenkert und zu der Tochter des Geschäfts für immer ruiniert. Fügte er sich also der kleinen Unannehmlich⸗ keit und schwor ihm Fanny, daß sie die Sache als Geheimnis bewahren und ihre Freundinnen ebenfalls dazu verpflichten wolle, so durfte er doch wenigstens hoffen, daß sie nicht vor den nächsten vierzehn Tagen ruchbar wurde, und bis dahin konnte er ja aufgeboten und getraut sein.— „Haben Sie sich entschlossen?“ fragte plötz⸗ lich Fanny, die wieder mit eiserner Ruhe auf der Schwelle erschien. Deinen Mund auf meinem Mund, „Ja,“ stöhnte Salomo,„ich fühle, daß ich Ihnen diese Genugtuung schuldig bin— Sie können es von mir verlangen.“ „Es ist gut, so kommen Sie—.“ „Aber vorher müssen Sie mir schwören, daß Sie gegen niemand Gebrauch davon machen wollen?“ „Wie meinen Ste das?“ fragte die Jung⸗ frau kalt. „Daß Sie— daß Sie niemand, das was heute geschehen wird, erzählen,“ sagte Salomo etwas verlegen. „Glauben Sie, daß ich mit meiner eigenen Schande prahlen werde?“ rief Fanny. „Mißverstehen Sie mich um Gottes willen nicht,“ bat Salomo, dem jetzt nur vor allen Dingen daran lag, die Erzürnte nicht noch mehr zu reizen.„Ich meinte mit dem nicht Sie mein Fräulein, sondern die beiden jungen Damen, die wahrscheinlich auch heute Zeugen sein werden. Wenn Sie die dazu verpflichten wollten—.“ „Gestern stellten Sie die Bedingung nicht,“ srah Fanny, mit bitterem Lächeln auf ihren rüheren Bräutigam sehend,„aber es sei. Ich, nehme das zugleich als ein Geständnis, daß Sie wenigstens in etwas Reue fühlen und jetzt empfinden, wie tief Sie mich eigentlich beleidigt haben. Ich verspreche Ihnen also, dafür zu sorgen, und glaube, Ihnen deren Schweigen verbürgen zu können. Sie sollen es mir auch schwören. Aber jetzt fort— die Zeit vergeht und wir dürfen den nächsten Zug nicht ver⸗ säumen, denn mein Vater und der Geistliche warten schon in Ersheim auf uns.“ „Jetzt gleich?“ rief Salomo erschreckt,„ich hätte erst notwendig einen Weg zu gehen.“ „Reut Sie ihre Zusage schon?“ rief Fanny höhnisch—„Sie sind an nichts gebunden und können ganz hier bleiben— möglich dann, daß uns der notwendige Weg, den Sie zu gehen haben, in eine Straße, in ein Haus führte.“ „Trauen Sie mir das nicht zu,“ bat aber Salomo erschreckt—„Sie haben übrigens recht. es ist vielleicht besser, wir machen etwas, das für uns beide— für alle dabei Beteiligten— peinlich sein muß, so rasch als möglich ab.“ „Gut dann brauchen wir auch kein Wort weiter darüber zu verlieren,“ sagte Fanny kalt, „Folgen Sie mir— der Wagen wartet unten.“ (Forsetzung folgt). Allerlei. Liebesbrief eines katholischen Pfarrers. Vor dem Schöffengericht in Saarge⸗ münd wurde dieser Tage gegen den Zimmer⸗ mann Bonchheit und den Malermeister Scheffer verhandelt, die angeklagt waren, einer Frau Müller Briefe des Pastors Colbus entwendet zu haben. In den Briefen fanden sich recht niedliche Zärtlichkeiten, mit welchen der 69 jährige Geistliche und frühere langjährige Zentrumsabgeordnete die 28 jährige Adressatin bedachte. Unter anderem folgende Stellen: „Mein gutes, mein liebes Marie! Ich habe gezittert vor Freude, als ich Deinen Brief er⸗ halten habe. Ich kenne ja Deine Schrift. Diesen Brief habe ich schon, ich weiß nicht wie oft gelesen. Es ist mir, als sähe ich Dich in meiner Nähe. Ich sehe Deine jugendliche Ge⸗ stalt, Deine anziehende Brust, Deine rosenfarbigen Lippen, Deine schönen Augen, Deine wunderschönen Haare, Deinen ganzen reizenden Körper. Ich höre Deine Stimme, Du sagst mir so sanft: O, ich liebe Dich. Und dann drücke ich Dich an mein Herz, ich küsse und küsse Dich tausendmal, Du bist mein, ganz mein, und ich bin Dein, ganz Dein. O mein liebes Marie, Dir sagen, wie sehr ich Dich liebe, ist nicht möglich. Wärest Du mein, könntest Du nur bei mir bleiben, so wäre ich glücklich, mehr als glücklich, ich würde Neunkirchen und alles gerne vergessen. Leider aber vergehen Tage, Wochen, Monate und ich kann Dich nicht sehen. Es vergeht fast kein Tag, wo ich nicht an Dich denke, es vergeht fast keine Nacht, wo ich nicht von Dir träume, dann halte ich Dich in meinen Armen, Dein bloßes Herz auf meinem bloßen Herzen, ich in Dir und Du in mir. O schöner Traum! Doch soll es nicht immer ein Traum bleiben. Ich lade Dich also hier⸗ mit ein, zu mir zu kommen, die nächste Woche, Montag den 16., oder Dienstag den 17. Juni. — In einer anderen Stelle heißt es: Es wird Dir nichts fehlen. Dein Korsett wirst Du so⸗ bald ausziehen, dann wirst Du mit gutem Appetit essen und dann wird auch Dein Herz für mich nicht wie eingesperrt sein. Bleibst Du über Nacht, so wirst Du ein nettes Zimmer und ein sehr gutes Bett bekommen. Du wirst nicht kalt bekommen, Dein Freund, Dein bester Freund auf Erden wird in der Nähe und an Deiner Seite sein und wir werden uns lieben, so oft und wie wir wollen. Colbus suchte zu bestreiten, daß der Inhalt der Briefe richtig wiedergegeben sei, der Vor⸗ sitzende stellte jedoch fest, daß sie der Ver⸗ teitiger richtig verlesen. Litterarisches. Der Neue Welt⸗Kalender für das Jahr 1905 ist soeben wieder erschienen. Es ist bereits der 29. Jahrgang des beliebten Kalenders und er bietet, wie immer, einen außerordentlich reichen Inhalt. Wir heben aus demselben hervor: Kalendarium.— Postwesen.— 18931903(Sta⸗ tistisches).— Rundblick.— Messen und Märkte.— Im Kreislauf des Jahres.— Frühling. Erzählung von Wilh. Schmidt.— Der Dichter. Gedicht von Karl Henckell.— Die letzten preußischen Landtagswahlen. Von Leo Arons.— Schonet die Augen. Von Dr. R. Sußmann(mit Illustrationen).— Verlust. Gedicht von Ernst Preezang.— Winke für Gartenfreunde. Von Curt Grottewitz(mit Illustrationen).— Kinderlieder. Von Paul Remer.— Der lange Halm. Erzählung von Wilh. Holzamer.— Die zwei Sensen. Gedicht von Detlev v. Liliencron.— Elektrische Schnellbahnen. Von Bruno Borchardt(mit Illustrationen).— Aus früheren Kämpfen. Von Ed. Bernstein.— Krimmitschau. Von C. Legien.— Th. A. Steinlen. Von Wilh. Holzamer (mit Illustrationen).— Emil Rosenow(mit Portrait). — Der Krieg in Ostasten. Von A. Conrady(mit Illu⸗ strationen).— Sprüche.— Fliegende Blätter.— Der Brief. Von C. Buysse.— Für unsere Rätsellöser.— Trächtigkeits⸗ und Brütekalender.— Hierzu vier Bilder: Aehrenleserinnen— Der Lotse— Junge Mutter.— Ein Dreifarbendruck auf Kunstdruckpapier: Ein Quartett. Ein Wandkalender. 17—— Humoristisches. Ein Telephongespräch zwischen dem russischen und dem deutschen Justizminister veröffentlicht die Jugend: „Klinglingling!“ „Hier Petersburger Justizpalast! Sie wünschen?“ „n Morjen, Herr Kolleje. Können Sie mir nich vielleicht sagen, wie's mit der deutsch⸗russischen Jejen⸗ seitigkeit steht? Wir haben da'nen Prozeß und kennen det russische Recht nich.“ „Trösten Sie sich, Herr Kollege, wir russischen Richter kennen es auch nicht.“ „Aber ich möchte es jerne wissen. Haben Sie doch die jroße Jüte——“ „Danach hätten Sie sich doch eigentlich vor dem Prozeß erkundigen können!“ „Dat nächste Mal!“ „Ich werde mal nachschauen und Ihnen dann depe— schieren. Auf jeden Fall können Sie ja einstweilen die Angeklagten verurtetlen. So machen wirs wenigstens hier in Rußland.“ „Danke erjebenst!“ „Bitte sehr, wenn Sie wieder was brauchen?“ „Klinglinglingling!“ Aus Konstantinopel. Der Sultan(zum Palastdiener): Es hat eben geklingelt. Wenn Mirbach es ist und er will etwas für christliche Kirchen haben, dann sagen Sie, ich wär nicht zu Hause. Vielbeschäftigt.„Und was haben Herr Putzel den ganzen Sommer über gemacht?“—„Ich— oh, ich hab halt geschwitzt!“ Empfehlenswerte sozialistische Schriften. Von der Expedition der Mitteld. Sonnt.⸗Zeitung Gießen, Rittergasse 17, sind zu beziehen: Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg. Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon. Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg. Seite 8. Mitteldeutsche Sountaas⸗Zeitung. No. 32. Empfehlenswerte Schriften. Städteverwaltung und Munizipal⸗Sozi⸗ alismus in England. Von C. Hugo. Preis brosch. 2 Mk., gebd. 2.50 Mk. Die Vernichtung der Sozialdemokratie durch den Zentralverband deutscher Industrieller. Preis 20 Pfg. f Die agrarische Gefahr. Von Paul Göhre. Der Verfasser schildert in gemeinverständlicher Sprache die einseitige agrarische Interessen⸗Bewegung von ihrer Entstehung bis zu ihrer heutigen das Volks wohl ge⸗ fährdenden Macht und legt dar, wie allein die sozial⸗ demokratische Bewegung die letzten Ziele dieser Bewegung des Junkertums und seiner Anhängsel verhindern kann. Preis 20 Pfg. Grundsätze und Forderungen der Sozial⸗ demokratie. Von Karl Kautsky und Bruno Schönlank. Preis 10 Pfg. Enthält eine kurzgefaßte, allgemein verständliche Er⸗ läuterung des Erfurter Programms. Muß jeder Genosse besitzen! Die katholische Kirche und die Sozial⸗ demokratie. Von Karl Kautsky. Der Verfasser giebt in der kürzlich erschienenen Broschüre eine historische Darstellung der ökonomischen und politischen Grundlagen der katholischen Kirche und skizziert die prinzipielle und taktische Stellung, welche die Sozialdemokratie ihr gegen⸗ über einnimmt. Preis 30 Pfg.(Agitationsausgabe). Handelspolitik und Sozialdemokratie. Von Karl Kautsky. Eine populäre Darstellung der handelspolitischen Streitfragen. Preis 30 Pfg. Ratgeber für Arbeiter, eine Zusammenstellun g der wichtigsten Bestimmungen der Arbeiter⸗Verficherungs⸗ gesetze und der bürgerlichen Gesetzgebung dc. 20 Bogen Taschenformat. Verlag der Leipziger Buchdruckerei⸗ Aktiengesellschaft. Preis gebunden 1,25 Mk. Die zebn Gebote und die besitzende Klasse. Von Adolf Hoffmann, Berlin. Preis 30 Pfg. Das Schriftchen ist besonders geeignet, die Arbeiter über die heutigen Zustände und die sittlich⸗ religiöse Heuchelei 7 5 herrschenden Klassen aufzuklären. Die Schreibweise ist packend und dem Verständnis der Arbeiter angepaßt. Die Agrarfrage. Von Karl Kautsky. Eine Uebersicht über die Tendenzen der modernen Landwirt⸗ schaft und die Agrarpolitik der Sozialdemokratie. 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