9 9 rate. Isen, vie ite ** ung! Nr. 6. Gießen, den 7. Februar 1904. 11. Juhrg. Redaktion: Nirchenpiatz 11, Schloßgasse. Mitteldeutsche Sonntags⸗Jeiti Nedaktionsschluß⸗ Donnerstag Nachmittag Uhr —— Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unrer Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) Bestellungen Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33/0% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50e Rabatt. 2 Juserate Die ögespalt. Bei mindestens Frühlingswehen! In der Kapitalisten⸗ und Reptilpresse ist der Jubel über den Ausgang des Kampfes in Crimmitschau noch nicht verklungen. Die weise„Darmstädter Zeitung“ spricht von dem Unternehmersiege als von einem„Früh⸗ lingswehen“, das durch unsere Zeit gehe! Muß das nicht jedem denkenden Arbeiter als em⸗ pörender blutiger Hohn klingen? Eine Un⸗ ternehmerorganisation ist im Werden begriffen, deren ausgesprochener Zweck die Zertretung der Arbeiterorganisation ist, die dem Arbeiter den Kampf um wirtschaftliche Gleichachtung unmöglich zu machen sucht. Und das nennt man da oben„Frühlingswehen“! Also war es auch Frühligswehen, als die Hohenpriester und Schriftgelehrten den aufrührerischen Zimmer⸗ mannssohn von Nazareth an's Kreuz brachten? Und Frühlingswehen war es, als Papst Inno⸗ zenz den grausigen Kreuzzug gegen die Albi⸗ genser predigen ließ? Frühling wehte in den scheußlichen Todesstrafen, die man zu hunderten nach dem Bauernkriege verhängte? Frühling wurde es, als nach den Freiheitskriegen die schönen Anfänge einer freiheitlichen Entwicklung im Innern mit so bewundernswerter Energie wieder erdrückt und zum Stillstand gebracht wurden? O ihr glücklichen Arbeiter, die ihr einen neuen ähnlich schönen Frühling soeben erleben dürft! Eure Arbeitgeber dürfen sich organisteren und die Outstders) ihrer Kartelle und Syndikate terroristeren. Sie dürfen sich auf ihren gesunden Egoismus berufen, dürfen eure bescheidensten Forderungen mit einem kühlen Hinweis auf die Konkurrenz abtun. Sie dürfen in einen glücklichen Familienleben nach irdischer Behaglichkeit und noch etwas mehr streben. Aber ihr, Menschen zweiter Klasse, zu denen euch Gott nun einmal gemacht hat, ihr dürft das alles natürlich nicht. In täglich 11 bis 15 stündiger Arbeit euch abhetzen, euer Familienleben, eure Gesundheit aufs Spiel setzen, Schimpfworte einstecken und der Willkür Einzelner gehorchen, das dürft ihr. Fast schien es in den letzten Jahren, als köunte das anders werden. Aber jetzt, Gott sei Dank, jetzt kommt der große Unternehmerverband, jetzt sind die guten alten Zeiten“ die„schönen patrtarchali⸗ schen Zustände“ gerettet, jetzt wird man der Not und der Sehnsucht der Millionen da unten den Mund stopfen, damit der friedliche Bürger ungestört durch eure bösen Klagen wieder ruhig schlafen kann. Er hat ja auch ein so gutes, so sehr gutes, zum Glück nicht allzu empfind⸗ liches Gewissen, das seine christlichen Ansprüche billig mit einigen Almosen abfinden läßt. — Frühlingswehen! Höre das, arbeitendes Volk, höre des und lerue daraus. Sieh, wie die Be und Regierenden mit deinen natürliche mit deinen heiligsten Bedürfnissen Spott treiben! Sieh, wie die ganze ee liche Moral bei der heutigen Gesellsec ze: hen Phrase geworden ist! Sieh, wie ubliche Wert jeder einzelnen Menschense e s, den alle großen Herzen und Ha⸗ ben, diesen Staats⸗ und Rel r noch nach Pfennigen rechnet. f )„Außenseiter“, d. h. solche, Sache, hier der Kartelle, stehen. Arbeiter, und du, elrbeiterin, deinen Teil bei⸗ tragen zu dem Aufwärtsstreben der großen Masse der Menschheit: nicht an jenes selbstge⸗ rechte Pharisäertum wende dich! nicht auf die Wüstenpfade der Herren von Thron und Altar laß dich mit deinen Hoffnungen locken. Die Oasen dort sind spärlich, viel zu spärlich. Du würdest nicht weit kommen. Sieh ein, daß du in die Sozialdemokratie gehörst, daß du hier die einzige ehrliche Vertretung deiner Wünsche, findest, daß hier allein der Mut und die Macht vorhanden ist, die letzten höchsten Ziele der Menschheit in's Auge zu fassen und in aus⸗ dauernder Zähigkeit zu verfolgen. Lies unsere Zeitungen, komm in unsere Versammlungen, Vereine, Genossenschaften, Gewerkschaften. Laß dich nicht entmutigen, wenn auch einmal eine Niederlage erfolgt wie in Erimmitschau. Die Fortschritte der Menschheit sind über viele Niederlagen hinweggegangen. Die Gerechtigkeit ist unser Ideal, die Menschheit unser Glaube! Ihr läßt uns opfern, was in unsern Kräften steht! Für sie laßt uns kämpfen, so lange wir Atem haben. Und über alle Mühen und Ent⸗ täuschungen im Einzelnen wird uns das Be⸗ wußtsein trösten, daß die gerechte Sache siegen muß. Und in diesem Sinne freilich können auch wir sagen: Ja, es geht ein Frühlingswehen auch über das traurigß Schlachtfeld von Crim⸗ mitschau, ein Frühlingswehen, das von kommen⸗ den bessern Zeiten die erste schöne Kunde bringt. Wer meint, er könnte es bannen? Er nehme sich in Acht! Wenn's sein muß, kann es auch zum Frühlings stur me werden! — Von der russischen Sozial⸗ demokratie. II. Die Verteidigungsrede des russischen Sozial⸗ demokraten Leon Goldmann vor dem Ge⸗ richte in Odessa, welche so recht eine Programm⸗ und Prinzipien⸗Erklärung bedeutet und das zaristische System mit seiner Schändlichkeit und Barbarei treffend beleuchtet, haben wir in der vorigen Nummer abzudrucken begonnen. Rück⸗ sicht auf den Raum nötigte uns, die zweite Hälfte für diese Nummer zurückzustellen und wir lassen sie daher hier folgen. Goldmann fuhr fort: 5 „Im Volke hat sich viel revolutionäre Ener⸗ gie aufgespeichert. Die Regierung fürchtet, daß die Volksempörung sich gegen die an allem Elend und Unglück des Volkes wirklich schuldige Selbstherrschaft wenden möge. Sie benutzt des⸗ halb die Roheit, Unwissenheit und die tierischen Instinkte tiefgesunkener Individuen und hetzt sie gegen die friedlich mit ihnen wohnenden Bürger nichtrussischer Nationalität, wie Juden, Polen, Armenier, Finnländer usw. auf. In ihren Dienst stellen sich gewissenlose Preßkosaken, die für das dem Volke aus der Tasche gezogene Geld, das ihnen die Regierung in Form von Subsidien— richtiger Bestechungen aus⸗ zahlt, im Stande sind, nicht nur Juden, Polen usw., sondern ganz Rußland zu verkaufen. Diese bestochene Presse benutzt die zoologischen Instinkte und religiösen Vorurteile des un⸗ wissenden Teiles der Bevölkerung, um ihn gegen den übrigen Teil aufzuhetzen. Auf dem so vorbereiteten Boden organisteren die Ge⸗ heim⸗Agenten der politischen Polizei die Metze⸗ leien gegen die jüdische Armut. Aber die Re⸗ gierung ist im Irrtum, wenn sie hofft, durch solche Taten, die in der Geschichte Rußlands als Schandflecken bleiben werden, die revolu⸗ tionäre Bewegung zu hemmen. Was aber die Juden direkt betrifft, so werden sie durch dies alles der revolutionären Bewegung in die Arme getrieben. Dem Juden, der seine Heimat liebt, sich als Bürger seines Vaterlandes an⸗ sieht und dem Rate des Herrn Plehwe(der russische Polizeiminister D. R.), Rußland zu verlassen, nicht folgt, bleiben nur zwei Wege: eniweder der Tod, oder der Kampf um die Freiheit und bürgerliche Gleichberechtigung. Ich muß hinzufügen: durch meine weitere Lebens⸗ erfahrung bin ich zu der Ansicht gekommen, daß auch die Rechte der Bürger russischer Her⸗ kunft bei uns illusorisch sind. g Für jeden Russen, der nicht dem Sprich⸗ worte folgt:„Meine Hütte ist am Rande, ich weiß von nichts“, dem wird das Leben in Rußland einfach unerträglich gemacht. Bei uns giebt es keine persönliche Unverletzbarkeit und kein Hausrecht. Die Polizei kann zu jeder Nachtstunde in das Haus eines jeden friedlichen Einwohners einbrechen, ihn mißhau deln, durchprügeln, durchsuchen und ins Gefäng⸗ nis stecken. Beim Ausgang auf der Straße ist niemand sicher, daß er von Kosaken ver⸗ haftet und geprügelt, im Polizei⸗Revier auf verschiedene Weise mißhandelt wird— voraus⸗ gesetzt, daß er nicht selbst zur Polizei gehört. Fast ganz Rußland besindet sich unter Be⸗ lagerungszustand. Was heißt das? Das ist die zügellose Freiheit der wildesten Willkür der Polizei und Gendarmen. Beim Belagerungs⸗ zustand erreicht diese Polizeiwillkür ungeheuer⸗ liche Formen. Jeder, der anders wie die Po⸗ lizei denkt, oder aus irgend einem Grunde der Polizei unbequem vorkommt, kann ohne Untersuchung und ohne Gericht verhaftet und nach Sibirien verbannt werden. In meiner Gegenwart wurde in Kischinew ein alter, kranker Greis auf 5 Jahre nach dem Jakutzker Bezirk verbannt, weil er für seine Mitbürger Klagen gegen die Polizei an die Staatsanwaltschaft geschrieben hatte. Ein Bauer wurde als polt⸗ tischer Verbrecher in das Gefängnis gesteckt, weil er die Absicht hatte, gegen seinen Pacht⸗ herrn wegen ungesetzlicher Wegnahme seines Ackers zu klagen. Die Polizei und Gendarmen rasen und rauben, mißhandeln die Stadt⸗ und Dorfbewohner und fur alles das erhalten ste Orden und Gehaltserhöhungen. Rußland ist durch den Absolutismus zur Erschöpfung ge⸗ bracht worden; um seine Macht festhalten zu können, scheut es sich nicht, die wichtigsten In⸗ teressen des Landes preiszugeben. Rußland hat Bildung nötig, da diese aber für die Selbstherrschaft schädlich ist, heißt die Parole: Nieder mit der Bildung! Das Volk braucht Belehrung und Selbständig⸗ keit, derartiges ist aber mit der Willkürherr⸗ schaft nicht vereinbar und darum wird es noch weiter in die Fesseln bureaukratisch⸗polizeilicher Bevormundung hineingezogen. Das Land be⸗ darf der öffentlichen Rechtspflege und der freien Meinungsäußerung, weil bei Ab⸗ wesenheit derselben jeder Machthabende die roheste Mißhandlung der Bürger begehen und die frechsten Verbrechen verüben kann. Eine *. —— 3 S FTC... ccTTTCTCTCT0CCCTCT0TTT—T—TTTT 5 r 5 —— 8 — — 2 5 1—— 3 — ̃̃̃ͤ——ñ̃———v— — . —— rr Seite 2. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. freie, ehrliche Presse ist nötig, die alle öffent⸗ lichen und politischen Ereignisse des Lebens nicht von dem Polizeistandpunkt aus betrachtet. Aber freilich, Rechtlosigkeit des Volkes und eine bestochene, niedrige und gemeine Presse gehören zu den notwendigsten Erfordernissen der absolutistischen Regierung. Man hat uns auf die Anklagebank gebracht. Wir sind aber keine Verbrecher, sondern Kriegsgefangene, was auch die Regierung selbst durch ihr ganzes Verhalten uns gegenüber dokumentiert. Weshalb verfolgt ste uns und unterwirft uns den grausamsten Foltern? Je⸗ denfalls doch nicht, um uns zu strafen und zu„bessern“. Ehrliche Menschen bedürfen weder der Strafe noch der Bekehrung. Gewiß, es giebt Fälle, daß schwache Menschen, welche die ungeheuern Greuel der Regierungsverfolgungen nicht ertragen können, dem moralischen Unter⸗ gange verfallen, was die Sprache des Polizei⸗ ministeriums„Besserung“, gute Gesinnung nennt. Solche Fälle kommen aber glücklicherweise sehr selten vor. Nein, sie will unsere Energie brechen und uns zwingen, den Kampf aufzugeben. Wird sie ihr Ziel erreichen? Als Beweis für das Gegenteil dient die Geschichte der letzten dreißig Jahre der russischen revoluttonären Be⸗ wegung, der Bewegung, die trotz aller Ver⸗ folgungen sich in den letzten Jahren über ganz Rußland verbreitet hat. Die Regierung, die uns den Kämpfen der revolutionären Armee entrissen, zwet Jahre im Gefängnis gefoltert und jetzt dem Gericht überliefert hat, will wahrscheinlich uns für das revolutionäre Feuer, das ganz Rußland er⸗ griffen hat, verantwortlich machen. Aber wo ist die Logik? Damit, daß wir eine Geheimdruckerei ge⸗ gründet, Proklamationen und Broschüren ge⸗ druckt haben, protestierten wir gegen das ge⸗ zwungene Schweigen, zu dem die Regierung das ganze Land verurteilt. Wir sind damit dem im Volke entwickelten Bedürfnisse nach freier Meinungsäußerung entgegenge⸗ kommen, dem Bedürfnisse, das in letzter Zeit von den breitesten Schichten der Bevölkerung und der Gesellschaft immer mehr und tiefer empfunden wird. Und wenn wir damit nach Ansicht der Regierung ein Verbrechen be⸗ gangen haben, so sind nicht nur wir allein dafür verantwortlich zu machen, sondern eigent⸗ lich der größte Teil des russischen Volkes, dessen Willen wir zum Ausdruck gebracht ha⸗ ben. Aber ein ganzes Volk kann keine Ver⸗ brechen begehen. Der Wiile des Volkes ist Gesetz! Ist der Zeitpunkt gekommen, wo die Regierung das ganze Volk unter Anklage stellen will, dann ist der Moment da, wo das Volk die R. erung auf die Anklagebank bringen muß. Vor dem Gerichte von 1877 sagte Bar⸗ dina(eine russische Revolutionärin), daß Ideen nicht auf Bajonetten aufgespießt werden können. Die Richtigkeit dieses Satzes hat sich bis in unsere Tage bestätigt. Die sozialdemokratische Idee beherrscht jetzt den Geist und die Herzen nicht einer kleinen Schaar idealer Kämpfer, sondern der breiten Massen des Volkes. Poli⸗ tische Freiheit ist für das Volk so nötig, wie Luft, Brot und Wasser. Der Kampf sür das Volk hat sich in einen Volks kampf umgewandelt! Ebensowenig, wie Ideen, kann man kämpfende Volks massen mit Bajonetten aufspießen. Ja, unsere heutige revolutionäre Bewegung wird nicht bloß von einzelnen„Ver⸗ rätern“ getragen, nein, es ist eine breite Volksbewegung, ein Kampf um die Frei⸗ heit, um ein besseres Dasein, um das Men⸗ schenrecht! Seit einigen Jahren erhebt sich die ganze arbeitende Bevölkerung Rußlands mit dem Rufe:„Brot und Freihett!“ Sie hebt sich zum Kampfe gegen die finstern, vol sbetrügerischen Gewalten. Von einem Ende Rußlands zum andern hallt der drohende Schrei: Nieder mit der Selbstherrschaft! Die Machthaber wollen diese Bewegung zum Still⸗ stand bringen; aber ist es denn möglich, die kulturelle gesellschaftliche Entwickelung aufzu- halten, die freiheitlichen und fortschrittlichen Bestrebungen der Bürger zu hindern? Versuchen Sie einen Strom aufzuhalten— so werden Sie ertrinken! Und der Absolutismus wird untergehen, sein Untergang ist unvermeidlich und sehr nahe! Keine Gefänguisse, keine Ver⸗ bannung, keine Polizeifäuste, keine Kosakenknu⸗ ten, nicht Flintenkugeln und Galgen werden im Stande sein, den unvermeidlichen Zusammen⸗ bruch des selbstherrlichen Systems zu ver⸗ hindern. Jeder, der wirklich seine Heimat liebt, jeder, der nicht gleichgültig dem Schicksale ihrer Bürger gegenübersteht, kann und darf nicht bei dem von uns geführten Kampfe passiver Zuschauer bleiben. Indem die Regierung über ganz Rußland den Belagerungszustand verhängt, erkennt sie offen an, daß alle Bürger in politischer Hin⸗ sicht„un zuverlässig“ sind. Und alle unzuver⸗ lässigen Elemente, d. h. alle diejenigen, bei denen anstatt sklavischer Unterwürfigkeit das Gefühl der Bürgerpflicht sich entwickelt hat, sie müssen sich der revolutionären Bewegung anschließen, in die Reihen der Kämpfer für die Befreiung Rußlands vom Joche der Bureau⸗ kratie eintreten. Der Bureaukratie, die ihre Herrschaft auf das Blut des Volkes gründet. Ich habe als echter Bürger meines Vater⸗ landes gehandelt. Ich bin in die Reihen dieser Kämpfer eingetreten und habe dieser edlen Tätigkeit alle meine Kräfte und Fähigkeiten gewidmet. Und dafür sitze ich jetzt auf der An⸗ klagebaak!“ * Natürlich hinderte diese glänzende Rede des Angeklagten Goldmann— der er noch eine zweite folgen ließ, in der er die Qualen schilderte, die er und seine Genossen im Ge⸗ fängnisse zu erdulden hatten— nicht seine und der andern Verurteilung zu lebensläng⸗ licher Verbannung nach Sibirien. Wir haben die Ausführungen des unerschrockenen russi⸗ schen Genossen in unserm Blatte aus dem Grunde wiedergegeben, weil sie erstens in ihren grund⸗ sätzlichen Teilen auch für die deutsche Beweg⸗ ung zutreffend sind, dann aber auch um zu schildern, unter welchen Schwierigkeiten unsere russischen Genossen zu kämpfen haben und welchen Mut und welche Entschlossenheit sie dabei an den Tag legen. Ihr tapferes Verhalten und ihre Opferwilligkeit muß für uns, die wir unter günstigeren Bedingungen für unsere Sache streiten, ein leuchtendes Vorbild sein! Die oben erwähnte zweite Rede können wir aus räumlichen Gründen in dieser Nummer nicht aufnehmen, wir werden sie, wenn auch nur auszugweise in der nächsten bringen. Mus dem Reichstage. Sozial politische Debatten füllten die Sitzungen des Reichstages in der zweiten Hälfte der Vorwoche aus. Am Donners⸗ tag gab zunächst der Freisinnige Gothein ein unbefangenes und gerechtes Urteil über den Streik in Crimmitschau ab und bezeichnete gleichzeitig die Forderung des Zehnstundentages zum Mindesten für die Arbeiterinnen als spruch⸗ reif. Dann hielt der in Oberschlesien gewählte Korfanty seine Jungfernrede. Er polemisterte gar nicht übel gegen den Abgeordneten Gamp und den Reichskanzler, dessen Wort von der führenden deutschen Schicht in Oberschlesien das eigentliche Thema seiner Ausführungen abgab. An der Hand seiner Kenntnis der oberschlesischen Verhältnisse führte er den Nach⸗ weis, daß die polnischen Arbeiter dort in der Tat aufs Aeußerste bedrückt werden und daß Unternehmer, Behörden und Geistliche sich zur Beschränkung ihrer natürlichen Rechte vereinen. Man merkte der Rede an, daß Herr Korfanty seine Wahl den Arbeitern verdankt. Eine Reihe sozialdemokratischer Forderungen hat er zu den seinen gemacht, denen er dann aus Eigenem nur die prononziert nationale Note verleiht. Dann folgte eine heitere Episode. Abg. Müller⸗Meiningen hatte die Handhabung des Vereins- und Versammlungsrechtes in der Republik Hamburg kritisiert und ein neuer Hamburgischer Bundesbevollmächtigter, Senator Dr. Schäfer antwortete ihm. Der hohe Se— nat mag von den bürgerlichen Frauenrechtlerinnen Nr. 6. N nichts wissen, die gegen die in Hamburg übliche Kasernierung der Prostitution Sturm laufen. Ihre Versammlungen werden entweder verboten oder aufgelöst. Herr Dr. Schäfer versuchte die Versammlungsverbote zu rechtfertigen, ver⸗ fuhr aber dabei so unglücklich, daß fast jeder seiner Sätze stürmisches Gelächter hervorrief. Anerkennenswert war die Offenheit, mit der der Herr zugab, daß in Hamburg mit Geneh⸗ migung der Polizei Bordelle bestehen. Die krausen Ansichten, die Herr Dr. Schäfer über das Wesen der Prostitution zum Besten gegeben hatte, wurden von unserm Genossen Wurm mit einigen treffenden Scherzworten, gekennzeichnet. Die Hauptsache aber war unserm Redner eine gründliche Abrechnung mit dem Zentrum und seiner schillerndeu Arbeiterfreund⸗ lichkeit. Er nahm dann weiter Stellung zur freien Aerztewahl und erklärte hierzu: „Herr Mugdan hat es so dargestellt, als ob die freie Arztwahl eine Parteifrage der Sozialdemokratie sei. Er weiß sehr wohl, daß innerhalb unserer Partei verschiedene Ansichten in dieser Frage herrschen; ich per⸗ sönlich bin stets für die freie Arztwahl eingetreten. Wir wünschen die Aerztefrage über die Parteiangehöri g⸗ keit hinauszuheben. Aber gerade die Aerzte haben Mit tel angewandt, die bei den Arbeitern als„Terrorismus“ bezeichnet zu werden pflegen. 1892 hatten wir die jetzt als Allheilmittel angepriesene freie Arztwahl gegen die Aerzte zu verteidigen, die damals die verhaßten Natur⸗ heilkundigen prinzipiell ausschließen wollten. Die Aerzte sollten lieber dafür sorgen, daß den Krankenkassen größere Mittel zur Verfügung gestellt werden, und daß den Arbeitern die Selbstverwaltung nicht genommen wird. Dr. Mugdan aber schien an Stelle der gewählten Be⸗ amten Staatsbeamte zu wünschen; das paßt zu dem traurigen Niedergang des Freisinns. Wir kümmern uns nicht darum, welcher politischen Partei die Angest ellten der Krankenkassen angehören, sondern stellen die Leute an, die wir für vertrauenswürdig halten.“ Bei der Freitags ⸗ Verhandlung spielte Crimmitschau wieder eine große Rolle. Die Unternehmerpresse hatte, als der Streik noch auf seinem Höhepunkt stand, triumphierend verkündet, daß bürgerliche Reichstagsabgeord⸗ nete der verschtedensten Parteirichtung nach Crimmitschan geeilt seien, um sich dort von den Fabrikanten die notwendigen Informationen zur Bekämpfung der sozialistischen Angriffe im Parlamente zu holen. Nach der Probe, die diese parlamentarische Schutzgarde der Crim⸗ mitschauer Fabrikanten ablegte, haben die In⸗ struktionsstunden ein sehr klägliches Resultat gehabt. Den Herren scheint im Grunde nichts weiter beigebracht worden zu sein als die papa⸗ geienmäßige Wiederholung der Behauptung, „der Streik ist eine Machtprobe der Sozialde⸗ mokratie gewesen“. Bis zum Ueberdruß wird dieses Wort wiederholt; vom Nationalliberalen Lehmann, wie von der einzigen morschen, bürgerlichen Säule, die in Sachsen bei der Wahl noch stehen geblieben ist, dem Antisemiten Gräfe. Ebenso verkündete es Beumer, der Führer des Verbandes der Industriellen als aller Weisheit letzten Schluß. Der Kampf dieser Vertreter des Kapitalismus gilt natürlich dem Zehnstundentag, Beumer sah in seiner Phan⸗ tasie schon den Einstundentag kommen und damit den Anbruch des„Zukunftstaates“. Der sozialdemokratische Redner Fräßdorf suchte die Herren durch den Hinweis zu beruhigen, daß es ja gerade in ihren Kreisen Anhänger der konsequenten Nichtarbeit gebe, die den einstün⸗ digen Arbeitstag mit Entrüstung von sich weisen würden und das„Chaos der Faulenzerei“ gar nicht so übel fänden. Unser Genosse beschränkte sich nick uf die Zurückweisung der An⸗ gri immitschauer Streik, sondern nal Steinarbeiter an und rechtfer⸗ tig 0 en Ausführungen die Stellung⸗ na hn akenkassen in ihrem Streit mit den Aerzte Graf Posadowsky hielt zum den längere Rede, in der er die Ein⸗ beg seheng der—indlichen Arbeiter und Dienst⸗ gaankenversicherung für notwendig le Rechtsfähigkeit der Berufs⸗ nn eses Thema wurde am Sams⸗ 1g tage zum soundsovielten Male eh Diesmal infolge einer von 5 ie Zentru gebrachten Interpellation. „ fentlich- und privatrechtlichen Stel⸗ 2———— 22— 2 AP e rr r S e S S. r S DS= SSA Sr AS SS== SCS S SN S SD. ——— — ——————— — Nr. 6. Mitteldeutsche Fonutags⸗Zeitung. Seite. lung der Arbeiter⸗Berufsveteine steht, wie be⸗ merkt, schon seit Jahrzehnten zur Diskussion. Bereits 1884 brachte die sozialdemokratische Fraktion einen ausgearbeiteten Gesetzentwurfe in und oft genug hat der Reichstag Resolutionen und Anträge angenommen und der Regierung überwiesen. Unterdes bestehen die schlimmsten Mißstände ruhig weiter. Auf privatrechtlichem Gebiet ist das bekanntlich gar nicht kleine Ver⸗ mögen der Gewerkschaften, für das Millionen mühsam erarbeitete Groschen opferfreudig hin⸗ gegeben worden sind, vollkommen schutzlos; haben doch die Berufsvereine nicht einmal das Klagerecht. Oeffentlich⸗rechtlich beseitigt§ 152 alle dem freien Koalitionsrecht entgegenstehen⸗ den Gesetze, aber die landesgesetzlichen Be⸗ stimmungen über Vereine und Versammlungen, die Auslegungskünste der Gerichte, die Willkür der Verwaltungsbehörden führen sie wieder ein. — All das sind Zustände, die keinem der Reichstagsabgeordneten, ja überhaupt keinem Menschen in ganz Deutschland unbekannt sind. Ueber ste zu urteilen, hat keinen Sinn mehr; sie müssen geändert werden. So erwartete man denn, daß auf die Frage des Zentrums nach dem Zeitpunkt und Inhalt der Reform ein vollständiger Gesetzentwurf die Antwort sein würde. Aber als nach der im wesentlichen durchaus treffenden Begründung der Inter⸗ pellation durch Abg. Trimborn Staatssekretär Posadowsky antwortete, erklärte er zwar, daß die Regierung„grundsätzlich nicht abgeneigt“ sei, der Frage näher zu treten, doch erkennt man aus seinen weitern Ausführungen, daß noch gar nichts geschehen ist und vorläufig noch alles beim alten bleiben wird.— Abg. Legien kennzeichnete denn auch nach ein⸗ gehender Schilderung der gegenwärtigen unhalt⸗ baren Lage diese Saumseligkeit der herrschenden Parteten und Klassen mit aller Deutlichkeit und zeigte am Beispiel Crimmitschaus, wie Behörden und Unternehmer mit dem Koali⸗ tionsrecht umspringen. Eine starke Wirkung brachten besonders die neuen Mitteilungen über die Racheakte der Crimmitschauer Unternehmer gegen die Arbeiter und den Textilarbeiterver⸗ band hervor. Bei der weiteren Debatte kam nicht mehr viel heraus. Keiner der bürger⸗ lichen Abgeordneten ist entschlossen, die Regier⸗ ung vorwärts zu zwingen, wenn auch Herr Trimborn im Schluß seine Unzufriedenheit mit der Erklärung des Staatssekretärs zu erkennen gab. Ueber das Koalitionsrecht der Staats arbeiter, das selbst der Frankfurter Arbeitertag unbedingt verlangt hat, schweigt die heuchlerische Sozialpolitik des Zentrums; es weicht dem Konflikt mit der Regierung aus. Eutschädigung unschuldig Verhafteter. Bekanntlich hatte die hessische Regierung im Bundesrate einen Antrag gestellt, daß ein An⸗ spruch auf Entschädigung für unschuldig er⸗ littene Untersuchungshaft gesetzlich festgelegt werden solle. Nunmehr ist ein diesbezüglicher Gesetzentwurf veröffentlicht worden. Im § 1 desselben ist die Entschädigungspflicht wie folgt umschrieben: „Personen, die im Strafverfahren freige⸗ sprochen oder durch Beschluß des Gerichts außer Verfolgung gesetzt sind, können für erlittene Untersuchungshaft Entschädigung aus der Staatskasse verlangen, wenn das Verfahren ihre Unschuld ergeben oder dargetan hat, daß gegen sie ein begründeter Verdacht nicht vorliegt. Außer dem Verhafteten haben diejenigen, denen gegenüber er kraft des Gesetzes unterhaltungs⸗ pflichtig war, Anspruch auf Entschädigung.“ Der Entwurf weist aber in seinem weiteren Inhalte bedauerliche Mängel auf. Zum Beispiel muß nicht die Zahlung einer Entschädigung erfolgen, sondern„kann“. Damit wird die Haftpflicht des Staates für die Ent⸗ schädigung Unsckuldiger, die durch ihn geschädigt wurden, gänzlich in die Willkür der Richter gegeben. N Enschädigung soll aber ausgeschlossen werden, wenn das Verfahren die Unschuld der Angeklagten nicht ergeben oder dargetan hat, daß gegen stie ein begründeter Verdacht nicht vor⸗ liegt. Bleibt bei den Richtern ein„begründeter Verdacht“ bestehen und ist die Freisprechung erfolgt,„weil— wie die Begründung sagt— der geführte Beweis zu einer Verurteilung nicht 1 so bleibt der Enschädigungsanspruch ersagt. Diese Bestimmungen müssen zu den denkbar schlimmsten Folgen führen. Es werden Frei⸗ gesprochene erster und zweiter Klasse ge⸗ schaffen. Es wird in die Meinung der Richter srafbar, Freigesprochene dauernd als einer trafbaren Tat„dringend Verdächtige“ zu kenn⸗ zeichnen, welche Kennzeichnung zugleich die schwerste Schädigung für die weitere Existenz der Betroffenen bedeutet. Nach allen Richtungen dehnbar und deshalb verwerflich sind die Bestimmungen des§S 2, welche den Entschädigungsanspruch ausschließen. So soll die Verschul dung der Untersuchungs⸗ haft durch„grobe Fahrlässigkeit“ die Ent⸗ schädigung ausschließen;„grobe Fahrlässigkeit“ ist jedoch ein schlimmer Kautschukbegriff. Ebenso gefährlich ist die Bestimmung, daß die Ent⸗ schädigung ausgeschlossen sein soll,„wenn das zur Untersuchung gezogene Verhalten des Ver⸗ hafteten gegen die guten Sitten verstoßen hat“. Wie leicht wird beispielsweise auf Grund einer solchen Bestimmung die Entschädigung Arbeitern verweigert werden, die wegen Express⸗ ungsversuch im Lohnkampfe angeklagt und ver⸗ haftet waren, aber freigesprochen werden mußten! Einer sehr genauen Prüfung bedarf auch die weitere Bestimmung des§ 2, wonach der Entschädigungsanspruch ausgeschlossen sein soll, „wenn der Verhaftete entweder wegen Ver⸗ brechens oder wiederholt wegen Vergehens des 9361 Nr. 3 bis 8 des Strafgesetz uches zu Freiheitsstrafe verurteilt worden ist und seit Verbüßung der letzten Strafe bis zur Ver⸗ haftung fünf Jahre noch nicht verflossen sind“. Gerade Vorbestrafte sind dem Verdacht straf⸗ barer Handlungen seitens der Anklagebehörden besonders leicht ausgesetzt und werden leichter aus geringeren Anlässen als andere Personen in Haft genommen. Ganz ungeheuerlich ist ferner, daß Rechts⸗ mittel gegen den Gerichtsbeschluß über die Entschädigungs⸗Gewährung ausgeschlossen bleiben sollen. 5 Selbstverständlich hat der Staat die Pflicht, jene Personen, die er unschuldig in's Gefäng⸗ nis schleppt und die oft genug dadurch wirt⸗ schaftlich ruiniert werden, entsprechend zu ent⸗ schädigen und er hätte diese Pflicht schon längst erfüllen sollen. Wie aber der Entwurf aussteht, wird der Reichstag noch eine gründliche Um⸗ arbeitung vornehmen müssen, wenn er die An⸗ sprüche der Gerechtigkeit nur einigermaßen er⸗ füllen soll. Ueber den Entwurf hat am Mittwoch bereits die erste Beratung im Reichstag stattgefunden. Politische Rundschau. Gießen, den 4. Februar 1904. Wieder neue Schießprügel? Wie Berliner Zeitungen berichten, wäre die Einführung eines neuen Infanterte⸗Ge⸗ wehres so gut wie beschlossen. Die neue Flinte sei ein Repetiergewehr mit Kolbenmaga⸗ zin, das zur Aufnahme von 16 Patronen ein⸗ gerichtet ist. Die Fertigmachung des Gewehres zum Schuß kann in wenigen Sekunden er⸗ folgen. Alle 16 Patronen können ohne Unter⸗ brechung hintereinander abgefeuert werden. Nur immer neue Mordwaffen! Das ist die Haupt⸗ parole im christlichen Staate! Wenn es aber Maßnahmen zum Wohle des Volkes zu treffen gilt— stehe Wurmkrankheit— ist niemals Geld vorhanden. Russische Spitzelwirtschaft in Deutschland. Bekanntlich waren in Königberg i. Pr. zwei unserer Genossen, Braun und No wa⸗ grodski verhaftet worden, unter dem Ver⸗ dachte, revolutionäre Schriften nach Rußland befördert und damit„hochverräterische“ Hand⸗ lungen begangen zu haben. Vor kurzem wurden die beiden aus der Haft entlassen, einige Tage später aber wiederum verhaftet. Braun war zum Krankenkassentage nach Leipzig gereist und hatte sich dann wegen Blinddarm⸗ entzündung, die er sich im Gefängnis zugezogen hatte, in eine Heilanstalt begeben, was das Wolff sche Telegraphenbureau veranlaßte, die Nachricht von der Flucht des Braun in die Welt zu setzen. Aus der ganzen Geschichte wird nicht viel herauskommen; empözend ist aber, daß deutsche Staatsbürger Rußland zu Liebe monatelang ins Gefängnis gesteckt werden, daß Preußen sich willig zum Büttel Rußlands macht! Ersatzwahlen. Am Montag hat die Stichwahl im Kreise Osnabrück zwischen dem Nationalliberalen Wamhof und dem Zentrumsmann v. Bar stattgefunden. Ersterer wurde mit 15509 Stim⸗ men gegen 15 137 des Zentrums gewählt. Un⸗ sere Parteigenossen hatten Wahlenthaltung proklamiert.— Die Ersatzwahl im Kreise Eschwege-Schmalkalden ist auf den 1. März angesetzt. Die Antisemiten machen An⸗ strengungen diesen Kreis mit ihrem Kandidaten Raab⸗Hamburg wieder zu erobern. Hoffentlich vereiteln das unsere Genossen durch nachhaltige Agitationsarbeit und sorgen dafür, daß dieser Kreis als 82. der Sozialdemokratie zufällt! Bei der Gemeinderatswahl in Grünwinkel bet Karlsruhe siegten am Samstag die 6sozialdemokratischen Kandidaten mit 130 gegen 100 Stimmen der Nationalliberalen und des Zentrums. Grün⸗ winkel ist wohl die erste badische nicht nur, sondern die erste deutsche Gemeinde, die einen sozialdemokratischen Bürgermeister, einen sozial⸗ demokratischen Gemeinderat und eine sozialde⸗ mokratische Zweidrittel⸗Mehrheit im Bürger⸗ ausschuß aufzuweisen hat. Wahlrechtsräuberei in Bremen. Eine„Reform“ des Wahlrechts nach sächst⸗ schem Muster beabsichtigen die herrschenden Klassen in Bremen. Dort herrscht gegen⸗ wärtig ein allen modernen Anforderungen widersprechendes ständiges Wahlsystem zu den Bürgerschaftswahlen. Das soll reformiert wer⸗ den, man will aber die Gelegenheit benutzen, nach bekannten Methoden unsere Genossen aus dem hanseatischen Parlament hinauszubugsieren, indem das Klassenwahlrecht von einem Zen⸗ sus abhängig gemacht werden soll. Nur wer fünf Jahre hintereinander ein jährliches Einkommen von 1200 Mark versteuert, soll wahlberechtigt sein. Es giebt jedoch fast keinen Arbeiter in Bremen, der fünf Jahre hintereinander, ohne daß er zwischendurch arbeits- los war oder vorüberhehend außerhalb Bremens Arbeit suchen mußte, 1200 Mk. Einkommen zu versteuern in der Lage ist; dasselbe trifft auch für eine ganze Anzahl kleiner Geschäfts⸗ leute, Handwerker usw. zu. Die geplante„Re⸗ form“ läuft also auch dort nach„bewährten“ Mustern auf einen Wahlentrechtungsversuch größeren Stiles hinaus. Unsere Bremer Ge⸗ nossen haben sich in großen Versammlungen gegen den geplanten Wahlrechtsraub energisch gewehrt. Vom Aufstand in Südwest⸗Afrika sind Nachrichten über verschiedene Kämpfe mit den Hereros, die für die deutschen Schutztruppen natürlich stegreich verliefen, veröffentlicht wor⸗ den. Danach sollen auch eine Anzahl deutscher Ansiedler ihr Leben eingebüßt haben. Die armen schwarzen Teufel werden jedenfalls bald europäische„Bildung“ und christliche„Kultur“ zu ihrem Schrecken genauer kennen lernen. In Italien ist der bedeutende Gelehrte, Professor La- briola im Alter von 62 Jahren an den Folgen einer Kehlkopf⸗Operation gestor ben. Labriola war Sozialdemokrat, einer der schärfsten und klarsten Denker. Er war kein — en 1 5 0 1 — —̃̃— Seite 4. F Mitt ldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 6. Agitator; der praktischen Polittt hielt er sich fern, trotz des großen Verständnisses, das er für sie besaß. Er blieb zeitlebens, als was er seine Laufbahn begonnen: kritischer Philosoph und Historiker. Labrioles Schriften gehören zu den besten Schöpfungen der internattonalen marxistischen Literatur und haben namentlich auf das Denken der italienischen Sozialisten in der günstigsten Weise klärend gewirkt.— Der Verstorbene war seit dreißig Jahren Professor an der Universität Rom, an der er mit Frei⸗ mut den Sozialismus lehrte. Rußland und Japan. Während noch vor wenigen Tagen alles auf friedliche Lösung der Differenzen hindeu⸗ tete, ist nach neueren Nachrichten die Lage ernster geworden. Von beiden Seiten werden die Rüstungen mit Eifer betrieben. Nach einer Petersburger Depesche der„Frkf. Ztg.“ soll sich der russische Kaiser dieser Tage ebenfalls in einem weniger friedlichen Sinne geäußert haben. pon Nah und Fern. Hessisches. Die Zweite Kammer des Landtags tritt am 10. Februar wieder zusammen. Auf der Tagesordnung stehen etwa 20 Punkte, die kleinere Sachen, Anträge, Vorstellungen usw. betreffen. Nach Erledigung derselben beginnt voraussichtlich die Durchberatung des Staats⸗ budgets; der Bericht des Finanzausschusses dürfte annähernd u sein. Auch der Gesetzgebungs⸗Ausschuß hat eine Reihe von Vorlagen zur Berichterstattung fertiggestellt, so die neuen Feld⸗ und Forstfrevelgesetze, sowie das Gesetz betr. Reform des Beerdigungs⸗ wesens. Der frühere hessische Staats⸗ mintster Dr. Finger ist am Samstag in dem hohen Alter von 79 Jahren gestorben. Er gehörte lange Jahre, von 1872 bis 1898 dem Ministerium an. Als Ministerialrat trat er 1872 in das Ministerium der Justiz ein und wurde im Jahre 1884 zum Minister des Innern und der Justiz ernannt. Gießener Angelegenheiten. — Die neue Irrenanstalt. In der Stadtverordneten⸗Versammlung am Donnerstag kam die Geländefrage für die neue Landesirren⸗ austalt zur Verhandlung. Es wurde gegen 4 Stimmen beschlossen, dem Staate das an der rechten Seite der Licherstraße am Wald gelegene Gelände für 75000 Mk. zur Verfügung zu stellen. Unsere Genossen stimmten dagegen, weil sie ganz mit Recht der Ansicht sind, daß die In⸗ keressen der Stadt hierbei benachteiligt werden. Vorher war Gelände am Rodtberg für die Irrenanstalt in Aussicht genommen, das sich meist in Privatbesitz befindet. Von diesen Be⸗ sitzern haben, was von Interesse ist, die Stadt⸗ väter Löber und Petri verhältnismäßig höhere Preise verlangt als andere, also nicht gerade viel Gemeinsinn betätigt. — Die hohen Fleischpreise, die in gar keinem Verhältnis zu den gegenwärtig sehr billigen Viehpreisen stehen, waren in der letzten A e des soz.⸗dem. Wahlvereins Gegenstand der Besprechung. Ein gering⸗ bezahlter Arbeiter kann jetzt tatsächlich kaum noch ein Stückchen Fleisch für sich und seine Familie erschwingen. Nebenbei zeigt sich hier, wie auch der notleidende Mittelstand— das ehrsame Metzgerhandwerk— das Publikum zu schröpfen versteht. Leider ist wenig dagegen zu machen. Die Gemeinde könnte vielleicht etwas dagegen tun, wird es aber nicht. — Christlich⸗soziales. Wie aus dem Bericht über eine neuerliche christlich⸗soziale Versammlung in Marburg hervorgeht(siehe unter„Marburg“), hat sich dort der penstonierte Pfarrer Hoffmann aus Gießen— derselbe, der bet der christlich⸗sozialen Versammlung in Gießen den Vorsitz führte und den wir in unserm damaligen Berichte irrtümlich Fromm nannten— mißbilligend darüber ausgesprochen, daß im Gießener Wahlkreise stch bei der Stich⸗ wahl immer zwei Kandidaten gegenüberständen, die beide wenig christlich gestunt seien. Das Christentum des früheren teutschen Abg. Köhler scheint der Herr Pfarrer demnach nicht besonders hoch anzuschlagen. Wie es damit nach seiner Ansicht mit dem des Herrn Heyligenstaedt steht, geht aus dem Berichte leider nicht hervor. Aber dieser ist doch unseres Wissens Ehren⸗ mitglied bei einer ganzen Anzahl evangelischer Arbeitervereine c. und das könnte wohl dem Herrn Pfarrer genügen. Anscheinend hält er aber nur einen eifrigen Kirchengänger, einen Mucker zum Reichstagsabgeordneten für geeignet und man wird jedenfalls zur nächsten Wahl einen solchen präsentieren. Vergebliche Mühe! Das nächste Mal wird der Sozial⸗ demokrat gewählt! — Welch schmutziger und gemeiner Kampfesweise sich die Antisemiten be⸗ dienen, ist allgemein bekannt. Einen neuen Beweis dafür lieferte dieser Tage wieder das ber—ühmte Blatt des Herrn Hirschel in Offeu⸗ bach. Es brachte folgenden niedrigen Anwurf: „Von der Wahlprüfungskom mission des Reichstags wurde die Wahl des sozialistischen Abgeordneten Dr. Heinrich Braun wegen Wahlschwindeleten annulliert. Braun, ein eingewanderter ungarischer Jude, ist der Mann der Frauenrechtlerin Lilly Braun, einer Tochter des Generals v. Kretschmann, die durch die bekannte Veröffentlichung der Briefe v. Kretschmanns aus den Kriegsjahren 1870 und 71 das Andenken ihres Vaters in den Kot zerrte. Die Brauns waren auch bei dem Dresdener Parteitage wegen ver⸗ schiedener schmutziger Geschichten der Gegen⸗ stand von Angriffen“ ꝛc. Brauns Wahl wurde für ungültig erklärt, weil die Konservativen und Bündler, die bekanntlich den Antisemiten nahe stehen, Flug⸗ blätter veröffentlichten, die Unterschriften von Beamten trugen, also— sie Wahlschwindel trieben, nicht die Sozialdemokraten, wie das Offenbacher Blatt bewußterweise lügt.— Der Entscheid der Wahlprüfungskommission des Reichstags entspricht der von ihr bisher beob⸗ achteten Praxis, die aber in diesem Falle, wie auch von Gegnern zugegeben wird, nicht das Richtige trifft.— Bezüglich der Kriegs⸗ briefe verweisen wir auf die Erklärung der Frau Braun auf Seite 6 dieser Nummer, dar⸗ aus geht hervor, daß andere Leute, nicht seine Tochter, das Andenken des Generals v. Kretschmann in den Kot zerren. Die Ehe⸗ leute Braun stehen in geistiger und moralischer Beziehung so hoch über den antisemitischen Verfassern obiger Pöbelei, daß es überflüssig ist, ein Wort zur Abwehr zu sagen. Hirschel wäre gerade der Rechte, andern Leuten Moral zu predigen. — Ueber den Krankenkassentag in Leipzig werden die Gießener Delegierten vor⸗ aussichtlich demnächst in einer öffentlichen Ver⸗ sammlung Bericht erstatten. Das ist sehr not⸗ wendig, denn es muß über die Konflikte, welche in verschiedenen Orten zwischen Aerzten und Kassen ausgebrochen sind, Klarheit unter den Kassenmitgliedern geschaffen werden, zumal ge⸗ wisse Blätter falsche und gehässige gegen die Arbeiter gerichtete Darstellungen bringen. Aus dem Rreise gießen. — Wegen Errichtung eines Ge⸗ werbegerichts für den Kreis Gießen soll ein Gesuch an das Kreisamt gerichtet werden. Zu diesem Zwecke sind Petitionslisten ausgegeben und den Genossen in den einzelnen Orten zugeschickt worden. Orte, in denen ge⸗ werbliche Arbeiter beschäftigt sind, die aber Listen noch nicht erhalten haben und solche wünschen, wollen sofort bei der Expedition der Mitteld. Sonnt.⸗Ztg. welche verlangen. Es wird ersucht, die Listen zirkulieren zu lassen und womöglichst bald, spätestens bis 20. Feb⸗ ruar an den Vorsttzenden oder Vertrauensmann des Kreiswahlvereins oder an die Expedition unseres Blattes einzusenden. Hinzugefügt sei noch, daß für die Unterschriften der Arbeitgeber eine besondere Rubrik vorgesehen ist. Es ist wünschenswert, daß eine möglichst große Zahl Arbeitgeber das Gesuch mit unterstützen und die mit der Unterschriften⸗Sammlung be⸗ auftragten Leute wollen darauf ihr Augenmerk richten. Die Unterschriften müssen natürlich persönlich geschehen. — Zum diesjährigen Kreisfest. Die bevorstehende Kreiskonferenz hat bekanntlich über den Ort, wo das Kreisfest stattfinden soll, zu beschließen. Vom Vorstand des Kreiswahl⸗ vereins werden wir ersucht, bekannt zu geben, daß die Genossen derjenigen Orte, welche das Kreisfest wünschen, ihre diesbezüglichen Anträge bis spätestens 24. Februar einreichen sollen. — Wieseck. Auf den Vortrag der Frau Dr. Michels, die am Sonntag abend 8 Uhr im Saale des„Gambrinus“ über„Die soziale Frage“ spricht, sei nochmals aufmerksam gemacht. Die Parteifreunde werden gebeten, pünktlich am Platze zu sein und auch dafür zu sorgen, daß Frauen zahlreich an der Ver⸗ sammlung teilnehmen. Zur Versammlung hat selbst⸗ verständlich jedermann Zutritt, auch findet Diskussion statt, — Arbeiterfürsorge! Aus Lollar schreibt man uns: Der Artikel von Dr. Michels in der letzten Nummer der Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung legt es uns nahe, doch auch hier ein Mal nach den so viel gerühmten Arbeiterwohlfahrtseinrichtun⸗ gen der Unternehmer zu suchen. Hier in Lollar lacht man über die Lobhudelei der Soldschreiber und Redner des Unternehmertums, denn hier dürfte in Bezug auf die Main⸗Weser⸗Hütte auch dem eifrigsten Lobredner nichts Rühmenswertes einfallen. Weihnachten, wo alle Beamten, große und kleine, beschenkt werden, ist nur unfruchtbar für die Arbeiter, junge Leute dagegen, die nur einige Tage da sind, werden beschenkt, während Arbeiter, die mehr wie ein Menschenalter im Betriebe sind, leer ausgehen. Jüngeren Leuten, deren Haupt⸗ tätigkeit darin besteht, daß sie die ohnehin niedrigen Akkordlöhne zu„regulieren“, richtiger herabzudrücken suchen, erhalten Uhren und andere Dinge als Grati⸗ fikationen. Die organisierten Arbeiter verzichten ja gerne auf solche Geschenke, sie wollen nur anständige Behand⸗ lung und anständige Löhnung. In dieser Beziehung wird noch viel gesündigt, ob schon wir anerkennen müssen, daß dies ohne Willen und Vorwissen des Direktors geschieht; da wir ihn nur als humanen, gerechten Herr kennen gelernt haben. Vielleicht veranlaßt ihn unsere Zuschrift, mehr darauf zu sehen, daß auch seine Beamten mehr in seinem Geiste handeln, für alle Beteiligten dürfte dies angenehm und nützlich sein. — Aus Steinberg. Am Sonntag hielt der sozialdemokratische Wahlverein seine gut besuchte Gene⸗ ralversammlung ab. Der Kassenbericht ver⸗ zeichnet eine Einnahme von Mk. 200,27, eine Ausgabe von Mk. 158,83, somit bleibt Mk. 41.44 Bestand. Nachdem der Kassierer entlastet, wurde die Vorstands⸗ wahl vorgenommen, welche die Wiederwahl fast aller seitherigen Vorstandsmitglieder ergab. Aus dem Bericht des Bibliothekars geht hervor, daß das Lesebedürfnis sich im letzten Jahre in recht erfreulicher Weise gesteigert hat. Unter Verschiedenem wurde nochmals beschlossen, an den Gemeinderat das Ersuchen zu richten, unseren Antrag, die Oeffentlichkeit der Gemeinderatssitzungen betreffend, auf die Tagesordnung der nächsten Gemeinde⸗ ratssitzung zu setzen, um von demselben einen bestimmten Beschluß zu bekommen. Zum Schlusse gab Genosse Häuser einen Rückblick auf das Jahr 1903. Er er⸗ innerte an den Reichstagswahlkampf, welcher uns einen glänzenden Sieg gebracht. Der 16. Juni bilde einen Markstein in der Geschichte der deutschen, sowohl, wie der gesamten internationalen Sozialdemokratie. Die „Arbeiterfreundlichkeit“ des Unternehmertums zeigte sich in Iserlohn, Pirmasens und zuletzt in Crimmitschau. Aber trotz aller Gewaltmaßregeln, trotz Bülow⸗Reden und Kardorff⸗Rotte werde der Sozialismus zum Siege gelangen.— Die Versammlung nahm diese Ausführungen beifällig auf. — Daubringen. Einen Familienabend be⸗ stehend in Gesang, Vorträgen und Tanz, hält der Wahl verein diesen Samstag, 6. Febr. abends 8 Uhr im Saale bei Wirt Schäfer ab. Unsere Parteifreuude werden ersucht, für recht zahlreiche Beteiligung an der Veranstaltung zu wirken. Eingesandt. (Für den Inhalt der unter dieser Rubrik veröffent⸗ lichten Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keine Verantwortung.) Kommunales aus Wieseck. Obwohl unsere Gemeinde für dieses Jahr den Bau der Wasserleitung und für nächstes Jahr den Bau einer Schule vorgesehen hat, bewilligt der Gemeinderat für weitere Bauten Mittel, als ob die Gemeinde über Tausende zu verfügen hätte, was doch leider nicht der Fall ist. So wurde in einer der letzten Sitzungen Er⸗ gauge Zet Ind un Tel shast 5 0 slühe 1 J Nnü wisc age dare eiche Mit! schme er se mehr dalle der licht ug Seit, und aben rde rage telle Iral elt Mes könn m Dal kann pra oli lezte a5 ige nde uch er⸗ bst⸗ lt, abt det ing n cht ner auf net alle fur die end be pt⸗ gen den ne ub ung sen, ors herr sere ten ten der ne⸗ ber⸗ abe b. lde⸗ Nr 6. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. Seite 5. richtung eines Neubaues fur die Wohnung des Arztes einstimmig beschlossen. Ich glaube doch nicht— viele Bürger werden derselben Ansicht sein— daß die Ge⸗ meinde hierzu verpflichtet war. Es wäre besser gewesen, wenn sich der Gemeinderat mit der Sache nicht befaßt hätte, zumal die finanzielle Lage keine günstige ist und der Gemeinde kein Nutzen daraus erwächst. Andere Dinge waren nötiger. Vor Jahren wurde beschlossen, einen Fahrweg vom Unterdorf nach der Altenbusecker Straße durchzuführen, der von großem Nützen für die Einwohnerschaft gewesen wäre, der Beschluß wurde aber im Hinblick auf den Wasserleitungs⸗ und Schulbau nicht ausgeführt. Konnte man das gelten lassen, so hätte man aber jetzt anstatt des beschlossenen Neubaues den Fahrweg zur Ausführung bringen sollen, damit wäre einer großen Zahl Einwohner Rechnung getragen worden. Es ist doch ein höchst mißlicher Zustand, wenn das Dorf keine richtige Zufahrtsstraße hat. Hier war nach meiner Ansicht der Gemeinderat zu bewilligungseifrig; erst bittet man bei der Behörde um längere Frist für den Schulneubau und jetzt bewilligt man Errichtung eines anderen Gebäudes, wozu man gar nicht e war! i„ Aus dem Areise griedherg⸗Büdingen. e. Bei der Kaisergeburtstags feier in Schwalheim, die dort am Samstag be⸗ gangen wurde, gings recht lebhaft zu. Zum Zwecke der Feier hatten sich der Kriegerverein und der patriotische Gesangverein zusammenge⸗ tan und waren übereingekommen, daß jeder Teil ein Faß Bier zu leisten habe, die gemein⸗ schaftlich getrunken werden sollten. So geschah es auch. Weil aber das Kriegervereinsfaß früher geleert war, als das der Sänger, kan es zu Reibereien, die sich zu einem heftigen Knüppelge fecht entwickelten, das nachts zwischen 2 und 3 Uhr auf der Straße ausge⸗ tragen wurde. Auch der Nachtwächter wurde darein verwickelt und gezwungen, von seiner (eichenen)„Waffe“ Gebrauch zu machen. Da⸗ mit konnte er sich bei den Patrioten nicht ein⸗ schmeicheln, schon in der folgenden Nacht bekam er seine Quittung und zwar dermaßen, daß er mehrere Tage das Bett hüten muß.— Be⸗ dauerlich und traurig ist, daß die Mehrzahl der Beteiligten Arbeiter sind. Haben die nichts besseres zu tun? Aus dem Rreise Alsfeld⸗Cauterbach. e. Volksversammlungen. Am ver⸗ gangenen Sonntage fanden zwei von unserer Seite einberufene Volksversammlungen statt und zwar nachmittags in Lauter bach und abends in Alsfeld. Beide waren außer⸗ ordentlich stark besucht. Gen. Dr. Michels sprach über„Der Sozialismus und das arbei⸗ tende Volk“; Frau Gisela Michels über„Die Frau und der Sozialismus“. Beide Vortragende ernteten für ihre Ausführungen, die wir rau⸗ meshalber auch nicht auszugsweise wiedergeben können, lebhaften Beifall. In Lauterbach, im Saale von Keutzer, schloß sich eine lebhafte Diskussion an die beiden Vorträge. Der be⸗ kannte nationalsoziale Pfarrer a. D. Lich, sprach besonders über Flotten⸗ und Kolonial⸗ politik, sowie über das Koalttionsrecht. Ueber letzteren Gegenstand machte er ganz treffende Bemerkungen; doch seine weltpolitischen Phan⸗ tasten waren geradezu haarsträubend. Der Vor⸗ sitzende des Lauterbacher Kriegervereins erklärte sich für Ausschluß aller Sozialdemokraten aus den Kriegervereinen, dort gehöre kein Sozial⸗ demokrat hinein.(Sehr richtig. D. R.) Als ihm hier ein„Pfui“ zugerufen wurde, verließ er entrüstet den Saal.— Im Uebrigen herrschte besonders während der trefflichen Rede der Frau Michels eine solche Ruhe, wie selten in einer Versammlung. Leider waren nur wenige Frauen anwesend.— Ein etwas anderes Bild bot die Versammlung in Alsfeld, hier war der grotze Saal„zum deutschen Kaiser“ ebenfalls bis auf den letzten Platz besetzt, auch viele Frauen befanden sich unter den Zuhörern. Des Genossen Michels ausgezeichnete Rede wurde häufig von Beifall und Zustimmung unter⸗ brochen. Lebhaftes Interesse wurde auch natur⸗ gemäß der Rede seiner Frau entgegengebracht, denn hier war es noch nicht oft da, daß eine Frau einen polttischen Vortrag hielt. Ihre ge⸗ wiß nicht leichte Aufgabe hat Frau Michels bestens erfüllt und der Erfolg wird gewiß nicht ausbleiben. Eine Diskussion fand hier nicht statt. Alle Teilnehmer— mit Ausnahme einiger Spießbürger— waren befriedigt von dieser selten großen Versammlung. Aus dem Nreise Wetzlar. h. Handelskammersekretär und Amtsanwalt. Eine merkwürdige in Deutsch⸗ land wohl kaum ein zweites Mal vorhandene Einrichtung besteht bei dem Amtsgericht in Wetzlar. Hier fungiert der Handelskammer⸗ sekretär im Nebenamte als Amtsanwalt. Daß aus der Vereinigung dieser Funktionen in einer Person sehr leicht Konflikte aller Art entstehen können, liegt auf der Hand. Man denke nur daran, in welcher Situation sich der Amtsanwalt befindet, wenn, was ja passteren kann, ein Mitglied der Handelskammer, schließ⸗ lich ein Vorgesetzter des Amtsanwalts we⸗ gen irgend einer geringfügigen Uebertretung als Sünder vor Gericht steht! Wird er da das „öffentliche Gewissen“ mit dem nötigen Nach⸗ druck vertreten können? Als Grund für die Uebertragung des Amtes an den Sekretär soll dessen niedriger Gehalt als solcher mit ins Gewicht gefallen sein. Warum bezahlt denn die Handelskammer ihren Angestellten nicht so, daß er nicht auf Nebenverdienst angewiesen ist? h. Ueberfahren. Am Dienstag geriet in Kloster Altenberg der Fuhrmann Heberling unter seinen Wagen, auf dem er Frucht geladen hatte. Die Räder gingen ihm über den Leib, wodurch sein sofortiger Tod her⸗ beigeführt wurde. Auf dem Gute Kloster⸗Alten⸗ berg, das fürstlich Braunfelsischer Besitz ist, kamen schon sehr oft ähnliche Unglücksfälle vor. Aus dem Nreise Marburg⸗Rirchhain. r. Einen Lichtbilder⸗Vortrag hat die Gewerkschaftskommission für nächsten Mon⸗ tag, den 8., abends arrangiert. Schriftsteller Carl Thiel ⸗Cassel wird im Hildmann⸗ schen Saale seinen vor einigen Wochen auch in Gießen mit lebhaftem Interesse aufgenomme⸗ nen Vortrag„Der erste Schöpfungstag“ wie⸗ derholen. Der Vortrag schildert mit Zuhilfe⸗ nahme zahlreicher guter Lichtbilder, die durch einen Projektions⸗Apparat auf eine 16 am große Leinwand geworfen werden, das Werden unseres Planetensystems. Ueber den Inhalt des Vortrags sind schon früher in unserem Blatte ausführliche Angaben gemacht worden; wir fügen hinzu, daß er darauf berechnet ist, der werktätigen Bevölkerung in leicht faßlicher, wissenschaftlich durchaus einwandfreier Form eine Fülle von Wissen und Interessanten zu bieten.— Die Gewerkschaftskommisston glaubte, durch Veranstaltung eines Vortrags wie ein solcher hier noch nicht geboten wurde, den Wünschen und dem Bedürfnis der Marburger Arbeiterschaft entgegenzukommen und hofft, daß ihre Mühe durch rech: zahlreichen Besuch be⸗ lohnt werde. Näheres siehe Inserat. r. Christlich⸗Soziale Versammlung. Die Stöckerschen Helden scheinen es auf Marburg abgesehen zu haben. Vor einigen Wochen fand hier die erste Ver⸗ sammlung statt, in der der Reichstagsabgeordnete Dr. Burckhardt über die Ziele der Christlih⸗Sozialen sprach. In der darauf folgenden Diskusston schnitt Herr Dr. Burckhardt gerade nicht gut ab, da ihm ein Soziolde⸗ mokrat und ein Liberaler entgegen traten. Angesichts dessen, daß eine Anzahl Sozialdemokraten in der betr. Versammlung anwesend war, hatte sich Herr Dr. Burck⸗ hardt vielleicht gescheut, so über die Sozialdemokratie herzuziehen, wie es sonst bei den Christlich⸗Sozialen üblich ist.— Was er aber damals unterlassen hatte, das wurde in einer Versammlung, die am Montag stattfand, nachgeholt. Nach der Praxis der Konserva⸗ tiven, wurde diesmal die Versammlung auf nachmittags 4½ Uhr anberaumt, damit Arbeiter ferngehalten wer⸗ den. Sie wollen„Herren unter sich“ sein. Die Versamm⸗ lung war von etwa 50 Personen besucht./ etwa waren katholische und evangelische Geistliche,/ Man⸗ schettenbauern und Beamte und 1 Arbeiter. Herr Pfar⸗ rer Wahl aus Langen hielt einen Vortrag über Auf⸗ gaben und Aussichten der Christlich⸗Sozialen. In Wirk⸗ lichkeit könnte man seinen Vortrag nennen: Die Ver⸗ nichtung und Verläumdung der Sozialdemokratie durch Herrn Pfarrer Wahl. Denn den allergrößten Teil seiner Rede brauchte er zur„bildlichen“ Niederwerfung der Sozialdemokratie. Namentlich waren es die Partei⸗ und Gewerkschaftsführer, denen der Herr Pfarrer alle möglichen Sünden nachsagte. In Crimmitschau hätten die Sozialdemokraten die armen Arbeiter so weit terro⸗ ristert, daß sie 22 Wochen im Streik standen. Eine blühende Stadt samt Industrie wäre zu Grunde ge⸗ richtet. Die Crimmitschauer Fabrikanten hätten 22 Wo⸗ chen keinen Profit gehabt, die tecroristerten Arbeiter seien jetzt ins Unglück gestürzt und die Sozialdemokraten lassen sie jetzt hilflos im Stich. In Frankfurt sei vor Jahresfrist derselbe Fall passiert. Auch dort wurden die Bauarbeiter von den Führern ins Unglück gestürzt. Die Partei- und Gewerkschaftsführer seien weiter nichts wie Grünschnäbel, Giftmischer, Fälscher und verwahrloste Elemente.— Auch der Parteitag in Dresden wurde kräftig ausgenützt, was ja selbstverständlich mit zur Vernichtung der Sozialdemo⸗ kratie gehört. Und so ging die Schimpferei in einem fort, so daß es selbst einigen Herren zu bunt wurde, und sie während des Vortrages den Saal verließen. Am Schluß seines Vortrags suchte er die Beschimpfung der Soztaldemokratie etwas abzuschwächen, indem er einen Lobgesang über ihre Disziplin, Organisation, Agitation und Presse anstimmte und sie jeder Partei zum Muster hinstellte.— In der Diskussion sprach nur Herr Pfarrer Hoffmann aus Gießen, der es beklagte, daß sich in Gießen bei der Stichwahl immer zwei Kandidaten gegenüberständen, die beide für die Kirche nichts übrig haben. Bei der vorletzten Reichstagswahl habe man in Gießen einen Mann gewählt, der zur Kirche und Staat ganz miserabel stehe und der in fünf Jahren nur 3 mal im Reichstage war.— Redner spielte sich noch⸗ mals als den besten Freund der Bauern auf, indem er anführte, daß ihr ein Landmann viel lieber sei, als einer mit einem gestickten Stehkragen oder einer, der eine Krone trägt.(11) Zum Leidwesen des Referenten ergriff niemand mehr das Wort und gingen die Amts⸗ brüder und Manschettenbauern mit dem erhebenden Be⸗ wußtsein auseinander, die Sozialdemokratie nach christ⸗ licher Art im Wahlkreis Marburg vernichtet zu haben. — Marburg ist gerettet. — Steuern zahlen! Wer keine Mahngebühr zahlen will, muß die Steuern bis zum 14. Februar bezahlen. Vergnügen macht allerdings beides nicht. — Berichtigung. Zu der Notiz der vorigen Nr. sei richtig gestellt, daß der Warenumsatz im ver⸗ flossenen Vierteljahr nicht 1300, soudern 13000 Mark betrug. Der Darmstädter Vergiftungsfall hat bis jetzt elf Opfer gefordert. Im Ganzen hatten von den 52 Personen, die ihre Mittags⸗ mahlzeit aus der Alicen⸗Kochschule bezogen 26 gegessen, 17 davon erkrankten. Drei liegen immer noch krank darnieder, die andern drei sollen sich außer Gefahr befinden. Das so fürchterlich wirkende Gift, das in den verhäng⸗ nisvollen konservierten Schnitt⸗Bohnen enthalten war, ist sogenanntes Wurstgift. Man nimmt an, daß es sich in der Büchse durch kleine Fleischteile entwickelte, die beim Einmachen durch irgend einen Zufall mit hineingeraten waren. Letzte Nachrichten. Zum russisch⸗japauischen Konflikt wird aus London gemeldet, daß der Krieg je⸗ den Augenblick ausbrechen könne. Japans Vor⸗ bereitungen für den Krieg seien fertig, es werde weitere Verhandlungen mit Rußland ver⸗ weigern. 6000 russische Truppen wurden in Port Arthur nach Korea eingeschifft.— Eine bedeutsame Aktion sei sicher zu erwarten. !!. Partei-Uachrichten. Der Frankfurter sozialdemokratische Verein sst die Mitgliederzahl im letzten Jahre von 632 auf 14 6 4 gestiegen. Die Einnahmen betrugen 14 500 Mk,; das Vereinsvermögen hat sich fast ver⸗ doppelt. Es wurde die Anstellung eines besoldeten Parteisekretärs in Aussicht genommen. Versammlungskalender. Erscheint zahlreich und pünktlich in den Ver⸗ sammlungen! Sonntag, den 7. Februar. Staufenberg. Volksverein. Nachmittags 4 Uhr Versammlung bei Wirt Grölz. Langgöns. Nachmittags 4 Uhr Versammlung bei Wirt Seipp. Montag, den 8. Februar. Gießen. Schneiderverband. Abends ½9 Uhr Versammlung bei Orbig. Sonntag, den 14. Februar. Stammheim. Wahlverein. Versammlung bei Musch. Mehrere Einsendungen mußten zuruck⸗ gestellt werden. Wir bitten die Betreffenden um Nachsicht. — 2——ů— 2— F—ñ——ͤ—ʃ 2. ————— 2— — — . — eee 3 Seite 6. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Die Kriegsbriefe des Gene⸗ rals v. Kretschmann. Seitdem Frau Lily Braun, die Tochter des Generals v. Kretschmann dessen an seine Gattin vom französischen Krigsschauplatze aus gerichteten Briefe herausgab, hat sich die Presse sehr ausgiebig mit ihnen beschäftigt. Von so⸗ genannter„patriotischer“ Seite wurden die in jenen Briefen geschilderten Vorkommnisse als unwahr hingestellt und der General selbst, dessen„gute Gesinnung“ doch über allen Zwei⸗ feln stand, in unschöner Weise verdächtigt. Ja, gegen die„Mainzer Volkszeitung“ soll sogar, wie wir bereits in voriger Nummer mitteilten, strafrechtlich wegen des Abdrucks jener Briefe eingeschritten werden. Zu dieser Hetze schrieb die Herausgeberin, Frau Braun bor einigen Tagen im Vorwärts: „An den einzelnen Stellen seiner Briefe erzählt mein Vater von Ausschreitungen, Plünderungen, Grausam⸗ keiten, die sich die Deutschen zu schulden kommen ließen, und spricht offen und ehrlich von der durch den Krieg tief verderbten Moral. Sie verschwinden räumlich fast ganz im Vergleich zu den zahlreichen Beweisen eines glühenden, beinahe blinden Patriotismus und einer ein⸗ seitigen Vorliebe für den Soldatenstand, und doch ge⸗ nügten sie, um fast die ganze bürgerliche Presse Deutsch⸗ lands in chauvinistische Raserei gelangen zu lassen. Von den hessischen Käseblättchen an, die als Organ der Kriegervereine nahe daran waren, den toten Verfasser der Kriegsbriefe wegen Beleidigung zu ver⸗ Hagen, bis zu den Leitartikeln der„Münchener Neuesten Nachrichten“, die als Beweis gegen das von meinem Vater verurteilte Gebahren bayerischer Truppen die tönenden offiziellen Anerkennungen von Fürsten und Heerführern nach dem siegreichen Feldzug zitieren— ein Trompetengeschmetter beleidigter Hurrapatrioten! Ziemlich deutlich lassen die Kritiker sich in die Menge derer einteilen, die nicht„dabei“ waren und in das kleine Häuflein jener, die„dabei“ ge⸗ wesen sind. Die tollsten Schreier sind natürlich die, denen die Schule die Helden von 1870—71 mit einem Heiligenschein überliefert hat. Es genügt ihnen nicht, daß sie fiegten, sie müssen auch als reine Tugendspiegel gesiegt haben, deren weißes Gewand wie das der Ritter vom heiligen Gral, trotz Pulverdampf und Blut, flecken⸗ los geblieben ist. Manch ein ehrlicher Schwärmer mag so urteilen, noch viel mehr aber handelt es sich dabei um Heuchler, die, ebenso wie sie dem Volke die Religion erhalten wollen, nur, um es zu knechten, auch den Heroenkultus zu schützen suchen. Er gilt, neben allem andern, auch als fester Damm gegen das Vordringen der roten Internationalen. Aus dem ganzen Gebahren dieser gegen die„Kriegsbriefe“, die an sich nichts weniger als umstürzlerisch sind, losgelassenen Meute geht hervor, mit welcher Angst die bürgerliche Gesellschaft um jeden Fuß breit Boden zittert, wie jedes abbröckelnde Stückchen alter Märchenherrlichkeit ihr als eines der„heiligen Güter der Nation“ erscheint. Dabei muß es heute für jeden oberflächlichen Kenner der Ge⸗ schichte, für jeden dilettantischen Psychologen feststehen, daß der Krieg, wie er einerseits große Charaktereigen⸗ schaften zur Erscheinung bringt,— Ausdauer, Mut, Tapferkeit,— er andererseits die niedrigsten Triebe — Selbstsucht, Habsucht, Grausamkeit, — auslöst. Man verurteilt keine Armee und setzt keinen Sieg herab, wenn man konstatiert, daß diese Triebe— zur Geltung kamen. Wie die Not Verbrechen und Prostitution erzeugt, so erzeugt auch der Krieg seine eigenen Laster. Darum kämpft ein aufgeklärter Mensch gegen die Not, nicht aber gegen die Soldaten. Wer, wie ich, fünfundzwanzig Jahre seines Lebens fast ausschließlich in Offiziers⸗ kreisen lebte, wer nicht nur den eigenen Vater, an dessen Worte ich trotz aller Kriegervereine nicht zweifeln würde, sondern zahlreiche seiner zum Teil heute recht hohe Stellungen bekleidende Kriegsgefährten reden und erzählen hörte,— Männer, die, wenn sie unter sich sind, nie einen Augenblick die häßlichen Begleiterscheinungen des Krieges zu leugnen versuchen,— den muß die Heuchelei der Sorte von Vaterlandsliebe, die sich angesichts der„Kriegsbriefe“ hören ließ, doppelt an⸗ widern. Daß niemand von denen, die für meinen Vater und seine Auffassung von den Wirkungen des Krieges Zeugnis ablegen könnten, es getan haben, er⸗ scheint mir weniger verurteilenswert. Es sind alles Abhängige: abhängig von den Existenzbedingungen, der Familie, der Tradition, den Klassenvorurteilen. Wegen einer Wahrheit, die ihnen nicht mehr bedeutet, als ein toter Kamerad, wirft man das alles nicht über Bord. Umsoweniger, als die weitaus meisten unter ihnen die Wahrheit nicht anders ansehen, als die katholische Kirche die Bibel: sie taucht nur für die Geweihten und ist eine Gefahr für die Massen. General von Bogulawski, der typische Vertreter der Kritiker, die„dabei“ waren und darum in der Ver⸗ urteilung der Kriegsbriefe zurückhaltend sind, sagt in der„Täglichen Rundschau“, daß ich 24 bis 30 Briefe und mehrere Stellen in den Briefen„geziemender Weise“ hätte fortlassen sollen. Diese Bemerkung wirft ein grelles Schlaglicht auf die Art, wie Geschichte gemacht wird und nach der Auffassung dieser Kreise sogar gemacht werden soll: man verfälscht die Wahrheit und schafft so einen in seiner Wirkung ewig dauern⸗ den Betrug. Das gehört aber mit zu jenen„Sün⸗ den wider den Geist“, die nie vergeben werden können. Zum Schlusse seines Artikels zitiert der General von Boguslawski den Ausspruch des Herzogs von Biron, als er die Guillotine betrat:„Ich war untreu gegen Gott, meinen König und meinen Stand; ich bereue“, und bemerkt dazu, daß die Herausgeberin der„Kriegs⸗ briefe“ dieses Bekenntnis wohl niemals ablegen würde. Er hat recht. Es giebt nur eine Treue: die gegen⸗ über der erkannten Wahrheit.„Wer die Wahrheit weiß und saget sie nicht, der ist fürwahr ein erbärm⸗ licher Wicht.“ Auch mein Vater hat nicht gewollt, daß sein Zeugnis der Wahrheit vernichtet werde. Er hat den Krieg immer als Geißel der Menschheit angesehen. Wenn seine Briefe dazu beitragen, den falschen Nimbus zu zerstören, mit dem ein kriegsfremdes Geschlecht ihn heute umgiebt, so haben sie auch in seinem Sinne ge⸗ wirkt.“ Zu der Frage, ob die deutschen Soldaten in Frankreich geplündert haben, ist interessant, was der verstorbene General und Admiral v. Stosch am 14. Februar 1871 an seine Frau schreibt: „Ich habe reuig an mein Herz geschlagen und ihm geantwortet, daß auch ich Beute nach Hause gesendet habe. Die Ssévresfabrik(Porzellanfabrik) enthielt nur Staatsgut; als Granate auf Granate hineinschlug, ko n⸗ fiszierten wir die Vorräte, und sie wurden durch königliche Ordre verteilt. Ich war gerade an der Loire und wurde doch bedacht, und zwar durch den König und den Kronprinzen. Saint⸗Cloud wurde durch die Franzosen in Brand geschossen, ein Teil des Inhalts mit Lebensgefahr gerettet und ebenfalls als Staatsgut verteilt. Kirchbach war an beiden Orten kommandieren⸗ der Genera“, erhielt also die reichsten Geschenke und schickte sie in Kisten nach Hause. Wer will ihm daraus einen Vorwurf machen? Ich aber will auch keinen hören. Der Eigentumsbegriff schwindet notgedrungen in jedem Kriege, aber findet sich auch in geordneten Verhältnissen wieder ein. Ich selbst kann nicht leugnen, daß ich über den Besitz der Franzosen mit kaltem Blut verfüge, als ob es uns gehörte. Wer sich auf diesem Wege bereichert, tut Unrecht, denn die Werte gehören dem Staate: aber es ist Pflicht, die Kerls arm zu machen.“ 5 1 „ Anterhaltungs-Ceil. E Der Sieg des Schwachen. Erzählung von Melchior Meyr. (Fortsetzung.) Die Bäbe versetzte:„Wie ich dich im Pfarr⸗ haus den Gang hintergetragen hab', sind wir gesehen worden— von der Pfarrerin.“ „Von der Pfarrerin!“ wiederholte Tobias. „Also daher kommt's!“ Und mit dem Humor der Verzweiflung setzte er hinzu:„Nun,— und was weiter?“ „Den andern Morgen hat sie mir's vorge⸗ halten und mir den Dienst gekündigt.“ „So!“ erwiderte der Schneider.„Und mich hat mein Vater aus dem Pfarrhaus kommen sehen, hat mir aufgepaßt und mich geschlagen, bis er genug gehabt hat!“ „Ach, du armer Tobias!“ rief die Bäbe und faßte ihn mitleidig bei der Hand. „Und die Leute wissen alles, die Ledigen haben heut ihren Spott mit mir gehabt im Wirtshaus und haben mich beinah aus der Haut geärgert— in drei Tagen wird man im ganzen Ries davon reden!“ „Da haben wir's“, versetzte die Bäbe. „Wer hätte gedacht, daß es uns so unglücklich ginge!“ Im Tone seines desperaten Humors fuhr der Schneider fort:„Was kann uns denn jetzt 19. eigentlich noch passieren?“ „Nicht viel mehr“, antwortete die Bäbe. „Das mein' ich auch,“ sagte der Bursche. Schweigend sah er vor sich hin. Nach einer Weile richtete er seinen Kopf empor, seine Augen erweiterten sich, und er rief:„Nun paß' auf, was ich dir sag'! Ich hab' um dich Angst ausgestanden; ich hab' Schläg' ausgehalten und Schande verschluckt an allen Ecken und Enden. Jetzt bin ich fertig mit der Welt— und jetzt sag' ich dir: du, die Bäbe, die hier vor mir steht— du wirst mein Weib und keine andere!“ „O du guter Tobias“, rief die Bäbe, halb anerkennend, halb nicht zu glauben wagend. „Bäbe“, rief der Schneider,„ich verlang', daß du mir glaubst! Meine Geduld ist am End'— kein Mensch geht mich jetzt mehr was an als du, und um keinen Menschen kümmer' ich mich jetzt mehr was! Ich bin vierund⸗ zwanzig Jahre alt, ich hab' mein eigenes Ver⸗ mögen, wenn's auch wenig ist, und kann tun, was ich will. Und ich d dem Alten auf, ich verlang' mein Geld heraus, und wir gehn mit⸗ einander fort in die weite Welt!“ Die Augen des Mädchens richteteten sich freudig und liebend auf den Schneider.„Wenn du das könntest,“ entgegnete ste,„dann wär'“ noch nichts verloren. Du weißt, daß ich mir noch was ausgedacht hab', was ich dir noch immer nicht hab' sagen können. Wenn du wirklich so denkst, dann können wir's mitein⸗ ander tun und die Leut' hier auslachen.“ „Bravo!“ rief Tobias.„Hier meine Hand! Was ich gesagt hab', geschieht!“ Die Bäbe drückte seine Hand und rief: „Ich dank' dir! Aber dort kommen Leute, und ich soll noch Milch holen. Gutnacht! Für heut ist's genug!—“ v Die Wolken, die sich erhoben und das kurze Gespräch unseres Liebespaares begünstigt hatten, brachten ein nächtliches Gewitter und dieses hatte eine Reihe von Regentagen zur Folge. Die Bauernfamilien sahen sich auf Arbeiten in Stube und Stadel angewiesen und lebten jede möglichst für sich. In solcher Zeit bietet das Dorf einen öden, ungeselligen Anblick. Man sieht nur selten Leute über die Gasse gehen, und diese nicht im vorteilhaftesten Auf⸗ zug; Weiber, die den veralteten Oberrock wie eine Kaputze über den Kopf gezogen haben, Männer in abgebleichtem Zwilchkittel und bräunlich gewordenem Schaufelhut. Die grau⸗ schmutzigen Wege und Plätze mit größern und kleinern Regenlachen gewähren kein sehr er⸗ freuliches Bild, und das regelmäßige Prasseln und„Pflatschen“ macht auf die Dauer einen kaum anders als langweilig zu nennenden Eindruck. Glücklich diejenigen, die ihr Vergnügen nicht außen zu suchen haben, sondern in sich selbst und bei den Ihrigen finden! Solchen freilich klingt der fallende Regen wie Musik, und das bescheidene graue Tageslicht tut ihren Augen wohl; denn wer bei sich selbst daheim ist, dem wird alles heimlich. Unser Bursche saß am Schneidertisch und nähte. Er war nicht glücklich; aber infolge des gefaßten Entschlusses und des Abschlusses mit der Welt hatte doch eine gewisse Zufrieden⸗ heit in ihm Platz geuommen. Der dunkle Himmel und das eintönige Geprassel harmo⸗ nierten mit seiner Stimmung und schufen ihm ein düsteres Behagen. Ergebung und Hoffnung erfüll en sein Herz; er wußte, was er zu tun hatte, und brauchte sich darum auch nicht zu eilen, sondern konnte sich vorderhand noch ganz ruhig gehen lassen. Zuweilen sah er von seiner Arbeit auf und betrachtete gedankenvoll die herabstürzenden Tropfen, die ihn wie ein be⸗ wegtes Gitter von der Außenwelt schieden und einfriedigten. Wenn er die Ausführung seines Entschlusses vertagte, hatte er nicht ganz unrecht. Einen Bruch mit seinem Vater gab's zwar immer; aber es war doch nicht einerlei, ob er unter Gun oder heftigeren Formen statthatte. ermalen war für die Antragstellung in der Tat die ungelegenste Zeit. Der Alte zeigte sich in den kiefsten Unmut versunken und ging mit einem Gesicht herum, das auch einem lle, . 0 100 tile f hie 10 Alle 1 3 dull Ib e 0 fg 9 0 suder ger iet fs fl fand Auch sossen Ke sahru elch nicht! z la Mule Tobia gespie licht, fülige 15 bl des A lebhaf der schöne ihn Sanft Abend durch Beste D da 0 der W der 9 asc N Heu! Seeigr 1 für g zu be Wett ner. lückte Sol kerri fannt, net fene ter eee —— See des Inztteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite? andern scheugebietend vorgekommen wäre. Er hatte seinerseits erfahren, daß man die Streiche Burschen und seine Abstrafung kannte und daß sie beide in den Mäulern der Leute herum⸗ getragen wurden. Er mußte sich denken, daß auch die Sybille unterrichtet sei und daß die Hoffnung, den Burschen mit ihr zu verheiraten, auf den schwächsten Füßen stehe. Die Schande der Familie war dem Manne, der nach außen eine Art von Würde behauptet hatte, ebenso empfindlich wie der mögliche Verlust eines schon besessenen Vorteils ärgerlich und die Un⸗ gewißheit der Lage peinlich. Wer hätte an eine solche Person Worte richten mögen, welche die gärenden Stoffe zur Eruption bringen mußten? Tobias konnte froh sein, daß der Alte nicht anfing; und er war es auch. Mit der Zeit wurde der Erboste ja doch anders— dann konnte man„in der Art“ mit ihm reden, und er nahm Räson an. Vater und Sohn bedienten sich im unum⸗ gänglichen Verkehr der äußersten Einstlbigkeit und saßen meist beisammen oder liefen umein⸗ ander herum, als ob sie sich gar nichts an⸗ gingen. Tobias nähte mit immer größerem Eifer und schien an nichts anderes zu denken, als an die Stoffe, die unter seiner Künstler⸗ hand Form gewinnen und Leute machen sollten. Auch durch Aureden von den übrigen Hausge⸗ nosfen wurde er nur werig gestört. Kaspar, in alle Vorgänge und übeln Er⸗ fahrungen des Tobias eingeweiht, fühlte ein entschieden stiefbrüderliches Vergnügen, das er nicht umhin konnte, auf seinem Gesicht merken zu lassen. Die gute Walpurg dagegen empfand Mitleid, herzliches Mitleid. Der Streich, den Tobias gewagt, der Betrug, den er dem Vater gespielt hatte, schadete dem Burschen bet ihr nicht, sondern nötigte ihr im geheimen ein bei⸗ fälliges Lächeln ab. Nach ihrer Meinung war er völlig im Rechte, und wenn sie die Härte des Alten auch begriff, so wünschte sie doch lebhaft, der Streit möchte damit enden, daß der Tobias seinen Willen durchsetzte und die schöne Pfarrmagd kriegte. Znnächst suchte ste ihn durch die Teilnahme ihres Blickes, die Sanftheit ihres Tones beim Morgen⸗ und Abendgruß, und wenn ste mit ihm allein war, durch Anspielungen zu trösten, die ihn das Beste hoffen ließeu. Dem Regenwetter folgte ein„Saumwetter“, das heißt eins, das vorbereitende Arbeiten auf der Wiese gestattete, aber mit der Einheimsung der Frucht zu säumen gebot, weil kleinere Re⸗ enschauer die völlige Trocknung verhinderten. ie Notwendigkeit, das schon ziemlich verdorbene Heu noch ein paarmal umzukehren, war nicht geeignet, den Humor des Alt. zu verbessern, und sein Gesicht aufzuklären; er Sohn fand für gut, das entscheidende Gespraäch noch weiter zu vertagen und in jeder Beziehung erst gutes Wetter eintreten zu lassen. So verging beinahe eine Woche, in der unsere Geschichte um keinen Schritt vorwärts rückte. Tobias sah weder die Bäbe noch die Sibylle, und Bekannte, die ihm begegneten, verrieten lange nicht mehr das Interesse der sonntäglichen Schadenfreude, sondern gingen meist teilnahmslos an ihm vorüber. Die Ruhe seines resignierten Herzens wurde durch nichts gestört als an einem der letzten Tage durch eine Begegnung der Pfarrleute. Diese kamen miteinander, ohne daß seine Seele daran dachte, hinter einer Hausecke hervor, und der über⸗ raschende Anblick versetzte den Unvorbereiteten in eine Aufregung, die ihn fast ganz außer Fassung brachte. Auszuweichen und zu tun, als ob er sie nicht sähe, war unmöglich; er mußte ihnen entgegen⸗ und an ihnen vorüber⸗ gehen. Nach einem flüchtigen Blicke in das Gesicht der Pfarrerin, dessen Ernst ihm nichts Gutes anzukünvigen schien, zog er die Kappe und legte in Ton und Gebärde des Grußes die demütigste Verehrung zur Schau, während der Tumult seines Herzens den höchsten Grad erreichte.— Zehn Schritte weiter erkannte er, was ihm trotz aller Vorsätze wieder begegnet war. Er sagte zu sich:„Hilft also gar nichts an mir?“ Traurig schüttelte er den Kopf. Am Samstag, bei lebhaftem Nordost, trenn⸗ ten sich die Wolken in welßliche Haufen, und der kundige Bauer hoffte auf schöne Tage. Als die Schneiderfamilie beim Mittagessen saß, begann der Alte zur Walpurg:„Ich sollt' eigentlich heut noch in die Stadt(d. h. nach Nördlingen); ich brauch' allerhand Sachen; aber ich hab' keine rechte Lust dazu.“ Die Meinung war, daß die Haushälterin statt seiner die Einkäufe machen sollte. Tobias bemerkte ruhig und bescheiden: er wolle hinein⸗ gehen, denn er habe auch für sich etwas anzu⸗ schaffen. Nach kurzem Besinnen erwiderte der Alte: „Meinetwegen.“ Er nannte ihm die Bedürfnisse für Handwerk und Landwirtschast, zählte ihm 500 vor, und Tobias machte sich auf den eg. Auf dem hübschen Fußpfad, der schon wie⸗ der trocken war, durch Wiesen und durch Felder, auf denen das üppige Getreide, durch den Regen gebeugt, streckenweise am Boden lag, wanderte der junge Schneider der Zierde des Rieses, dem großen, schönen, grauen Turme der Hauptkirche von Nördlingen entgegen, jetzt still gedankenlos, dann wieder stnnend. Den Gegenstand seiner Erwägung bildete der Vor⸗ satz und dessen mögliche Folgen. Wenn er seinem Vater aufsagte und sein Vermögen herausbekam, brachten sie wenig zusammen— sehr wenig, zum Hausen fast zu wenig; denn die Bäbe hatte bis jetzt nur etwas über hun⸗ dertundfünfzig Gulden erspart. Freilich war sie geschickt, arbeitsam und brauchte wenig; aber mit dem gemeinsamen Vermögen konnten ste auch nicht eine mittelmäßige Sölde kaufen, ohne bedeutende Schulden zu machen; und wenn dann Kinder kämen—!— In seinem Innern stieg der lebhafte Wunsch: er möchte mit dem Vater gütlich auseinanderkommen und ihn bewegen, ein übriges zu tun; denn das konnte der Alte, wenn er wollte.— Die Notwendigkeit, mehr Geld zusammenzubringen, erschien ihm so dringend, daß er bei sich aus⸗ machte, sein Gesuch bescheiden vorzutragen, etwaige harte Reden sich gefallen zu lassen und alles zu versuchen, um das väterliche Herz zu erweichen. Es handelte sich um das Glück der Bäbe, und da war es keine Schande, zu tun, was die Klugheit gebot! Der Auftritt konnte arg, sehr arg werden— der Alte konnte sich lange„spreißen“; aber Aussicht auf etlichen Erfolg gab unstreitig auch der Umstand, daß der Plan mit der Sibylle durch das Bekannt⸗ werden seiner Geschichten doch gewiß einen be⸗ deutenden Riß erhalten hatte. Die Stadt lag vor ihm. Der Gang durch die auch nachmittags noch immer belebten Straßen und der Besuch der verschiedenen Kaufläden, nebst Fragen, Sehen und Feilschen zog ihn von den bisherigen Gedanken ab und machte ihn ganz zum praktischen, seinen Vorteil erwägenden Bauer. Nachdem er alles möglichst wohlfeil eingekauft hatte, schlenderte er zu⸗ frieden durch die Straßen, grüßte und wurde gegrüßt und freute sich der Stadtleute wie der Bauern, die ein gemütliches Wort für ihn hatten. Endlich empfand er einen soltden Durst, und da er erfragt hatte, daß gegenwärtig das beste Bier der Lammwirt schenke, kehrte er bei diesem ein. Er setzte sich in eine Ecke und bemerkte mit Vergnügen, daß kein Mensch aus seinem Vorfe in der Stube war, den die Langeweile vielleicht getrieben hätte, ihn durch Aufziehen aus seiner Ruhe zu stören. Das Bier war vortrefflich, ebenso stark als angenehm schmeckend, und er leerte ziemlich schnell seinen Maßkrug. Wäh⸗ rend des Laufens hatte sich auch das Mittag- essen wieder in ihm„gesetzt“, er fühlte nach Stillung des Durstes Appetit, aß zwei Groschen⸗ würste und einen„Kemmicher“(Weißbrot mit Kümmel bestreut), ließ sich nuch eine Maß ge⸗ ben und hatte ein Wohlgefühl wie seit langer Zeit nicht. Als er so dasaß, kam eine Person aus seinem Dorfe, aber eine ungefährliche— ein gutes altes Weiblein. Tobias rief ihr gleich freundlich zu, sie möge sich zu ihm setzen. Die Alte zeigte sich von einem ungewöhn⸗ lichen Vergnügen belebt, und wie sie am Tische ankam, rief sie:„Ach, Tobias, es ist gut, daß, ich dich tre'!“ Aber ich hab' eine Freud'!“ „Nun,“ fragte der Schneider die Witwe die sich neben ihn setzte und ihre Röcke auf der Bank zurechtzog,„was ist denn Gut's ange⸗ kommen?“ Die Alte langte in ihre Seitentasche, zog zerknittertes Papier heraus und sagte: daß ich da hab'?“ erwiderte Tobias. wem und woher?“ von Eurer Rebekk' in Augs⸗ ein „Was meinst jetzt, „Einen Brief,“ „A en U plelleicht „Nein, von meinem Andres aus Amerika!“ „Was nicht noch!“ rief Tobias.„Und der schreibt also gut!“ „O ganz gut,“ versetzte die Alte;„er ver⸗ dient sich ein schönes Geld und lebt wie ein Graf. Da, lies selber!“ 4 Der Schneider, teilnehmend und neugierig, nahm, entfaltete bedachtsam und fing an zu lesen, und zwar, für sich und das Weib, mit halblauter Stimme. (Fortsetzung folgt.) Deutsche Städte mit mehr als 50 000 Einwohnern. Nach der letzten Volkszählung gibt es in Deutsch⸗ land 73 Städte mit mehr als 50 000 Einwohnern und zwar: Berlin 1888 848 Augsburg.. 89 109 Hamburg 705 738 Mühlhausen i. E. 89 012 München 499 959 Wiesbaden 86 111 Leipzig 455 089 Erfurt 85 202 Breslau. 422 709 Mainz 84 335 Dresden 395 349 Lübeck 82 098 n 372 529 Görlitz 80 931 Frankfurt a. M. 288 989 Würzburg 75 497 Nürnberg. 261022 Plauen i. V. 73 891 Hannover.. 235 649 Darmstadt. 72 019 Magdeburg 229 667 Bochum 65 551 Düsseldorf. 213 711 Spandau 65 030 Stettin. 210 702 Münster i. W. 63 754 Chemnitz 206 584 Bielefeld. 63 046 Königsberg i. Pr. 189 483 Ludwigshafen 61 905 Charlottenbueg 189 305 Frankfurt a. O. 61852 Stuttgart. 176 318 Freiburg i. Br.. 61 506 Bremen 163 118 Potsdam 59 796 Altona A461 501 Metz 58 424 Elberfeld. 156 966 Remscheid„ 58 103 Straßburg i. E. 150 268 München⸗Gladbach 58 023 Dortmund 142 733 Königshütte 57 919 Barmen 141944 Zwickau 55 825 Danzig 140 563 Llegnitz 54 882 Mannheim 140 384 Rostock 54 713 Aachen 135 245 Fürth 54 142 Braunschweig 128 226 Elbing 52 518 Een 118 862 Gleiwitz 52 362 rr 117033 Bromberg 55 204 Kiel 1 107 977 Osnabrückk.. 51142 Krefeld 106 893 Beuthen(Oberschl.) 51 404 Kassel. 106 034 Dessau„30 8 Karlsruhe 96 976 Bonn 50 736 Schöneberg 95 998 Linden b. Hannov. 50 628 Duisburg 92 730 Hagen i. W. 50 612 Rixdorf 90 422 Offenbach. 50 508 EK———ñ— ᷑ Humoristisches. Beim Dorfbader. Patient: Was kostet das Zahnreißen?— Bader: Eine Mark— die Stunde! Die Gerechten.„Daß Sie den Redakteur drei Vierteljahr in Untersuchungshaft behalten haben? Die Freisprechung war doch vorauszusehen?“—„Aem des⸗ wegen, äm deswegen, Herr Kollege; jetzt hat der Lumich wenigstens seine Strafe weg!“ Beim Arzt.„Na, wo fehlts denn, Madamches“ —„Ich bin gewohnt, daß man mich gnädige Frau nennt.“—„So? Jo, von der Krankheit kann ich Sie nit kuriere! Simpl. Empfehlenswerte Schriften. Die Kolportage⸗Kommission des Wahlvereins— Gießen, Wirtschaft Orbig— empfiehlt: Die innerpolitischen Zustände des deut. schen Reiches und die Sozialdemokratie⸗ Von Gg. v. Vollmar. Preis 20 Pfg. Die Volksschule wie sie sein soll. Rühle. Preis 30 Pfg. Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg. Von Otto —ů—ů—— —— — 3 ö ö ö N ——— — 5 ————— ————— * . 5 ö K— — a 2 —— c 727SCTT Seite 8. % Marburg! 0 Montag, 8. Cebruar, abends punkt halb 9 Uhr im Saale des Herrn Hildmann, Barf üßertor 8: Wissenschaftl. Vortrag des Herrn Schriftstellers Carl Thiel⸗Kassel, über „Der erste Schöpfungstag“. Unter Vorführung von mehr als hundert scharfen und klaren Lichtbildern, welche die Sonne, die einzelnen Planeten ꝛc. und ihre Bewegung veranschaulichen. Eintritt 20 Pf. pro Person. Die Gewerkschafts-Kommission. CL 7 Samstag, 13. Februar, abends 8 Uhr im Saale des Caßò Leib: % Brauer-Ball 00 Eintrittskarten im Vorverkauf 75 Pfg., zu haben bei Orbig, Rittergasse und Löb, Wiener Hof, abends au der Kasse 1 Mark. Zu zahlreichem Besuch ladet ein Das Komitee. Allllꝛ Zur bevorstehenden Saison bringe mein großes Lager von Trischen-, Dauerbrand-, Amerikaner, Regulierhein⸗, Hoch-, Hopew- und Darmslädler-Oesen in diversen Fabrikaten, ferner: Ofenschirme, Osenvorsetzer, Verdampfschalen, Feuergeräte⸗ ständer, Kohlenfüller u.⸗Kasten, Kohlenlöffel, Stocheisen, Asch⸗ und Mülleimer usw., in empfehlende Erinnerung.. Auch habe eine Volldampf Wasch maschine sowie Dr. Kleins Fleischsaftpressen zu verleihen. . 1 00 auf den Vertrieb der patentierten röders Tohlen- und Kälber-Saugapparate sowie Fensterfeststeller aufmerksam. Hochachtungsvoll Edgar Borrmann Eisenhandlung, Haus- u. Küchengeräte. Geer Beinrich Doll, Giessen 5 7 sUläusburg 7 Buchbinderei* Geschäftsbucher*& Drucksachen 1 Papier-Bandlung 8 3 Elurahmen von Bildern. lle edelste Dusskohlen 5 Brikelts liefern in nur bester Qualität Hachenbeimer& Schaumbegger Marburgerstrasse 22. Freunden und Bekannten bringe meine Schuhmacherei in empfehlende Erinnerung. Georg Baum, Schillerstr. 29. Ferd. Nennstiel Ciessen, Nuchsdi. S. Lager in sämtlichen Kasteumöbeln, poliert und lackiert, als Vertikows, Kleiderschränke Tische, Stühle, Spiegel Letusmöbe Küchenmöbel Spezialität: Betten und Polstermöbel eigener Anfertigung Uebernahme voll- ständ. Ausstattung. C. F. Schwarz Söhne 0 (IIh. Heinrich Möller. Reichhaltiges Lager in: Herren- u. Hnabenhleidern Slosse im Ausschnili ALentigqung adac Mauss Feste Preise! Streng reelle Bedienung! iller(früher Kohlermann) Plockstrasse 12. Wiessen Plockstrasse 12. Reichhaltiges Lager in Holz⸗ Korb⸗ u. Bürstenwaren Haus⸗ und Küchengeräte zu billigen Preisen. F eee Karl Mu 0 755 2 5 — 5 J 4 1 5 4 1 ist unentbehrlich als Bindemittel für Suppen und Saucen und unübertrefflich zur Verfeinerung von allen Kuchen und Backwerk. Dasselbe ist überall nur in den mit der Schutz⸗ marke und dem Namen des ursprünglichen Fabrikanten Durxen versehenen gelben Packeten zu haben und hüte man sich vor minderwertigen Nachahmungen. (in Glasröhrchen zu 28 Tabletten) erhälllich in allen Apotheken. Wasserkrüge Packkörbe A Benner& Krumm ießen, Bahnhofstr. 40. Tägl. frische Kreppeln sowie sämtliche anderen HBachiaren in nur guter Qualität. L. Müller Gießen, Bahnhofstraße 61. Lager in Nähmaschinen, Fahrrädern Reparaturwerkstätte Für jede Reparatur wird garant. Au- und Verkauf von rädern H. Hitler Gießen, Neuenweg 18. Konsumvereindiessen und Umgegend. Wir machen unsere Mitglieder darauf aufmerksam, daß wir die Vertretung einer vorteilhaft be⸗ kannten Samenhandlung über⸗ nommen haben und empfehlen für die bevorstehende Früh⸗ jahrsbestellung unser Lager in allen Sorten Samen. Es liegt im eigenen Interesse der Bedarf habenden Mitglieder, diesen neu eingeführten Artikel fleißig zu kaufen. Zugleich empfehlen: Honserren als Erbsen, Bohnen, Spinat ze. Auch alle sonstigen Artikel der Kolonialbranche stets nur in vorzüglichen Qualitäten. Neuanmeldungen von Mit⸗ f können jederzeit in unserer erkaufsstelle Bahuhofstraße 31 erfolgen. — Zu staunend billi Glas-, Porzellan- und Steingutwaren empfehlen in reicher Auswahl zu billigsten Preisen Lang& Wiederstein Marktstraße 4 Giessen Telephon 394. Verlag der Mitteld. Sonntags⸗Zeitung(E. Krumm), Gießen. Verantw. Redakteur F. A. Vetters, Gießen. gen Preisen werden jetzt alle Sorten Winter- Schuhe verkauft im Frankfurter Schublager N. Reiss Giessen, Mausburg 12 Druck von Heppeler& Meyer, Gießen. Nähmaschinen und Fahr⸗ ohne Rezept ö 0