6k. e.« v,.. Ar. 45. 4 Gießen, den 6. Nopember 1904. 11. Jahrgang. Vedaktion: Kcchenplaz 11, Schloßgasse. Mitteldeutsche gs⸗Jeitun Webaftionsschluz Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. 2 Sonnt —— Abouuementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Durch die Poft bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unrer Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) Bestellungen finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33½% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. 1 Juserate Die ögespalt. Bei mindestens Die Sozialdemokratie in den Gemeinde⸗Vertretungen. Gemeindewahlen! Wenn unsere Partei heute ihre Angehörigen und besonders die Arbeiter schaft zur Beteiligung an denselben aufruft, be⸗ 1 1 1 gegnet sie schon größerem Verständuts als dies noch vor wenigen Jahren der Fall war. Heute weiß jeder Arbeiter, der sich nur einigermaßen um öffentliche Dinge bekümmert, daß er bei Gestaltung des kleineren Gemeinwesens erheblich interesstert ist und darum ebenso dafür sorgen muß, Vertreter seiner Interessen in die Gemeinde⸗ vertretung zu bringen, als in das Reichs⸗ oder Landtagsparlament. Unterläßt er das, macht er seine Forderungen nicht geltend und erhebt bei den Waylen seine Stimme nicht, sondern über⸗ läßt das Regiment den herrschenden und be— sitzenden Klassen, so wird er die Folgen seiner Lässigkeit recht bald zu spüren bekommen. Man wird ihm nicht nur höhere materielle Lasten aufbürden, man wird ihn auch in seinen Rechten zu beeinträchtigen suchen und jede Besserung zum Wohle der Gesamtheit wird hintangehalten werden. In mehreren Städten unserer Gegend— Gießen, Wetzlar, Offenbach, Frankfurt, Darm⸗ stadt— finden in kurzer Zeit Wahlen zur Gemeindevertretung statt. Mit Ausnahme von Offenbach hatte unsere Partet nirgendwo in den genannten Städten die ihr gebührende Zahl Vertreter in dem Stadtparlament. Infolge⸗ dessen hat der Teil der Einwohnerschaft, der in der Sozialdemokratie seine politische Ver⸗ tretung erblickt— womöglich die Mehrheit— keinen Einfluß auf städtische Dinge, ist einfach rechtlos. In Gießen und Darmstadt haben wir nur zwei, in Wetzlar gar keinen sozialdemokratischen Stadtverordneten und in dem großen Frankfurt hat sich Genosse Quarck ganz allein mit einem Haufen skrupelloser Bourgeois herumzuschlagen. Die Arbeiterschaft muß sich bemühen, diese Zu⸗ stände zu ändern und trotz des für ste un⸗ günstigen Wahlrechts sich die ihr zukommende Vertretung erkämpfen. Die Fähigkeit der Bürgerlichen auf kom⸗ munalpolitischem Gebiete ist wirklich nicht weit her. Wenige sind darunter, die ein bestimmtes Programm verfolgen, die sagen können, in welcher Richtung sie das Gemeinwesen geleitet wissen wollen. Sie werden gewählt in Rück⸗ sicht auf ihre Personen, niemand fragt sie nach ihren Ansichten, ihrer Stellung in Fragen der Gemeindepolitik. Die Unfähigkeit und Rück⸗ ständigkeit jener Kreise trat auf dem kürzlich in Frankfurt abgehaltenen Wohnungskon⸗ gresse, auf den wir gelegentlich noch ein⸗ gehender zu sprechen kommen werden, klar zu⸗ tage. Dieser Kongreß verlief wie das Horn⸗ berger Schießen. Er sollte die Wohnungs⸗ reform fördern und der Hauptreferent, Pro⸗ fessor Pohle, bestritt die Notwendigkeit einer solchen, zum großen Gaudium der anwesenden Hausagrarier!. Es erscheint daher nicht unangebracht, einiges über die Aufgaben der Sozialdemokratie in der Gemeinde zu sagen. Diese Aufgaben sind wichtig und zahlreich und es lohnt sich, ihnen Aufmerk⸗ samkeit und Eifer zu widmen. Unser Genosse Abg. Südekum, der auf dem Gebiete der Kommu⸗ nalpolitik besonders zu Hause ist, sprach dieser Tage darüber in einer großen Versammlung in Breslau und machen wir uns seine Darlegungen, soweit sie auf die hiesigen Verhältnisse zu⸗ treffend sind, zu eigen. führte er u. a. aus, wo die Sozialdemokratie sich wenig um die Gemeindewahlen kümmerte; diese Tatsache hatte äußere und innere Gründe. Wir haben Jahrzehnte um unsere Existenz ringen müssen, wir haben allein 12 Jahre unter einem Ausnahmegesetz leiden und kämpfen müssen. Daß wir unter solchen Verhältnissen nicht alle Gebiete des öffentlichen Lebens gleichmäßlg bearbeiten konnten, ist selbstverständlich. Noch im Jahre 1885, als in Berlin die Stadt⸗ verordnetenwahlen stattfanden, bekämpften viele Parteigenossen die Beteiligung aus Abneigung gegen das Dreiklassenwahlrecht. Aber je mehr die Erkenntnis von der Notwendigkeit der Er⸗ o berung jeder einzelnen Macht⸗ position Platz griff, desto mehr steigerte sich auch das Interesse an den Wahlen zu den Ge⸗ meindevertretungen. Wir müssen in der Tat versuchen, jede Position zu erobern und in jede Gemeindevertretung einzudringen. Selbst wenn wir vorerst in der Minderbeit sind, ist die segens⸗ reiche Tätigkeit sozialdemokratischer Vertreter erwtesen. Die Sozialdemokratie hat in der Gemeinde große Aufgaben zu lösen. Bis heute genießen in ihnen kleine Kreise viele Privi⸗ legien und die Massen so gut wie nichts von Rechten. Das Klassenregiment in der Gemeinde ist von einer geradezu brutalen Deut⸗ lichkeit, ob es sich nun um konservative, natio⸗ nalliberale oder freisinnige Herrschaft auf den Rathäusern handelt. Ja, wo Freistnnige herr⸗ schen, ist der Kampf am erbittertsten. Das sozialdemokratische Nürnberg z. B. wird von Freisinnigen beherrscht, die Sozialdemokratie hat keinen einzigen Vertreter im Rathaus. Und dabei legt es die bayerische Gesetzgebung in die Hand der Gemeindevertretung, dem arbeitenden Volke eine Mitbeteiligung am Gemeinderegiment zu gewähren. Im politischen Programm des Freisinns steht die Forderung des allgemeinen Wahlrechts. Was aber tat man? Man hat sogar die Bedingungen des Bürgerrechtserwerbs erschwert! In Preußen liegen die Verhältnisse etwas günstiger, das Wahlrecht ist an keinen willkürlichen Zensus geknüpft, aber man be⸗ dient sich oftmals kleinlicher und chikanöser Maßregeln, um die Arbeiter zu hindern, Stadt⸗ verordnete ihres Vertrauens zu erkiesen. Bei den öffentlichen Wahlen wird häufig ein skandalöser Terrorismus ausgeübt. Aber darüber sollen wir uns auch keiner Täuschung hingeben, daß die Lässigkeit der Arbeiter an diesen Zuständen ein gutes Teil der Schuld trägt. Es wird eine große agitatorische Arbeit verrichtet, aber der Erfolg ist oft beschämend. Gerade bei den Gemeindewahlen zeigt sich für uns der Wert der Solidarität; die Be⸗ teiligung in Massen ist der Schutz des Ein⸗ zelnen. Wenn man aber nach der Wahl den einen oder anderen Arbeiter fragt, so bekommt man faule Ausreden zu hören:„Ich wußte gar nicht, daß Wahl war“, oder„Ich wußte nicht, wen ich wählen sollte“ u. a. m. Diese Zu⸗ stände müssen bekämpft werden. Selbstverständlich können wir nicht auf dem Rathause die Welt reformieren, unsere Auf⸗ gaben können naturgemäß nur beschränkt sein, Es gab eine Zeit, aber ihre Bedeutung erkenat man am Verhalten der Gegner. Warum klammern sich die Gegner so an die Stadtverordnetenmandate? Weil hier ohne Zweifel wichtiges auf dem Spiele steht. Es ist den Gegnern kein Kompromiß zu schimpf⸗ lich, kein Mittel zu schlecht. Sie wissen wohl, daß in den Stadthäusern Politik von einschuei⸗ dender Bedeutung getrieben werden kann. Was in diesem Jahr auf dem Bremer Sottee als Kommunalprogramm der ozialdemokratie beschlossen wurde, soll nur als ein Grundriß, als Knochengerüst betrachtet werden, um das wir in den einzelnen Gemein⸗ den noch das Fleisch zu setzen haben. Es ist danach den Genossen in den Gemeinden jede een eines besonderen Wahlprogramms ge— assen. Es gibt für uns eine einfache Formel, die als Leitstern unserer Tätigkeit zu gelten hat. Während die Gegner bestimmte materielle Inte⸗ ressen vertreten, stellen wir den Menschen in den Mittelpunkt unserer Gemeindepolitik. Wir wollen, daß die Gemeinden jedem ein⸗ zelnen ihrer Mitglieder in jedem Augen⸗ blicke seines Lebens die größtmöglichste Förderung zuteil wer den lassen. Jedes Individuum soll jeden Augenblick Gegenstand der Fürsorge der Gemeinde sein. Lebensför⸗ derung, Schutz und Weiterbildung verlangen wir von ihr. N Zum Beispiel ist eins der schrecklichsten Probleme, das uns in den heutigen Verhält⸗ nissen entgegentritt, die hohe Sterblichkeit der Kinder. Eine Anzahl Kinder wird es stets geben, die nicht lebensfähig sind, uber doch nicht eine so große Zahl, die oft 40 bis 50 Prozent beträgt. Woran liegt in der Haupt⸗ sache die große Kindersterblichkeit? Die licht⸗ und luftlosen Wohnungen der Proletarier sind es besonders, die die Kinder nicht gedeihen und zur Blüte kommen lassen. Lassalle war es, der einst von der„verdammten Bedürfnis- losigkeit“ der Proletarier sprach und das trifft leider auch heute noch zu, gerade in Bezug auf die Wohnungen. Der größte Teil unserer großstädtischen Wohnungen ist menschen⸗ un würdig, darin ist kein Leben, sondern nur ein Vegetieren. Die Massenquartiere der Großstädte sind das Grab unserer nationalen Kraft. Im Ostend von London sieht man wohl viel mehr zerlumpte Proletarier als bei uns. Wer aber schärfer beobachtet, sieht nicht so viele Kinder mit Krankheiten behaftet wie bei uns. Das kommt daher, weil in London das Ein⸗ familienhaus besteht. Die Kinder sptelen den ganzen Tag an der frischen Luft und sind und bleiben dadurch gesund und rotbäckig. Hier dagegen säubert wohl die Hausfrau den ganzen Tag ihre kleine Wohnung und hält Ordnung, aber den Kindern ist nur vergönnt, während weniger Stunden anf einem engen Hofplatz zu spielen. Natürlich muß ihnen dann die körperliche Frische fehlen. Wir haben des⸗ halb die Aufgabe, das Bodenmonopol zu brechen und die Aus beuterherrschaft der Haus⸗ besitzer zu beseitigen. Auf dem diesjährigen Wohnungskongreß in Frankfurt a. M. hat der Baumeister Hartwig erklärt, die Mieter seien schuld an den schlechten Wohnungsverhältnissen. In einem Punkte hat er allerdings Recht, daß nämlich die Mieter sich nicht selbst um Ab⸗ stellung der Schäden bemüht haben.— Zur E 2 .— — — . .——.———* VFVVTFbbVTPPPTVbVTPCVVCTTVVTVTTTTVTTTTTTTTT 31 — 0 0 922 *— —— — — 5 —— russischen Grenze besitzt. Seite 2. 0 Witte ldeutsche Sonntags ⸗Jeitung. Befriedigung des Spieltriebes der Kinder sollten genügende Spielräume der Jugend von der Gemeinde zur Verfügung gestellt werden. Die Sozialdemokratie hat sich ferner der Schule anzunehmen, die in jeder Gemeinde mustergiltig entwickelt werden muß. Die Ge⸗ meinde hat sich auch der jungen Leute über das schulpflichtige Alter hinaus anzunehmen. Auch die künstlerische Erziehung gehört zu den vornehmsten Aufgaben der Gemeinde. Daß Krankenhäuser und ähnliche Wohlfahrts⸗ institutionen von der Gemeinde errichtet und erhalten werden müssen, versteht sich von selbst. Trotzdem fehlen sie heute noch in vielen Städten oder wo städtische Krankenhäuser vorhanden sind, befinden sie sich in mangelhaftem Zustande und haben ungenügendes ärztliches und Pflege⸗ personal. Ferner müssen die Gemeinden für muster⸗ giltige Arbeitsbedingungen in ihren eigenen Betrieben sorgen. Hier kann sie den Unternehmern als beachtendes Beispiel dienen. Heute ist's damit vielfach schlimm bestellt. Wir verlangen ausreichende Alters- und Invaliden⸗ versicherung für die Arbeiter. Und wenn man für den besser gestellten Beamten einen mehr⸗ wöchigen Erholungsurlaub für notwendig hält, warum nicht für die Arbeiter! Das Submissions wesen bedarf eben⸗ falls einer gründlichen Veränderung. Gemeinde⸗ vertreter müssen bei der Vergebung der Arbeiten ausgeschieden werden. Wir wollen nicht, daß das Amt eines Gemeindevertreters zu persön⸗ lichen Zwecken ausgenutzt wird.— Im all⸗ gemeinen muß es unsere Aufgabe sein, die Wählerschaft über unsere Ziele mehr als bis⸗ her aufzuklären und ihr zu zeigen, daß die Stadtgemeinden im Sinne der Sozialdemokratie geleitet werden müssen, wenn sie im Interesse aller wirken sollen. Wenn die Gemeinde das ist, was sie sein sollte, dann werden Wunder⸗ werke für die Gesamtheit unserer Volksgenossen gerade aus ihnen erwachsen. —— Politische Rundschau. Gießen, den 3. November 1904. Ein Parteitag für Preußen soll zwischen Weihnachten und Neujahr in Berlin zusammentreten. Es soll auf dem⸗ selben über speziell preußische Angelegenheiten, 3. B. die Schulfrage, das Kontraktbruch⸗ Ne Wohnungsgesetz, die Wahlrechts⸗ rage und einige andere Gegenstände be⸗ raten werden. Der Zusammentritt dieses soztaldemokratischen Preußentags wird ein poli⸗ lisches Ereignis werden nicht bloß für Preußen allein, sondern für das übrige Deutschland auch. Im preußischen Herrenhause ward das Wort gesprochen, daß„Preußen in Deutschland voran, Deutschland in der Welt voran sei“, und jenes Haus der verstaubten Perücken, der muffigsten Reaktion hat durch sein Milieu dem Worte auch die richtige Bedeutung verliehen. Denn Preußen ist die reaktionäre Vormacht Deutschlands, Deutschland ist darum auch das festeste Bollwert, das die Reaktion westlich der isisc Darum ist eine der wichtigsten Sorgen der Reaktion, die Sozial⸗ demokratie, in der allein sich heute aller prak- tischer Fortschritt verkörpert, von allen preußischen Angelegenheiten fernzuhalten.— Die Sozialdemokratie, die numerisch die weitaus stärkste Partei Preußens ist, besitzt im preußischen Landtag keinen einzigen Vertreter. Der bürgerliche Freisinn hat bei den letzten Landtagswahlen lieber auf alle sozialdemokratische Wahlhilfe verzichtet, und Kreise, die er hätte erobern können, den Junkern überlassen, als daß er der gehaßten und gefürchteten Arbeiter⸗ partei auch nur zur Erringung eines einzigen Sitzes ßehilflich gewesen wäre. Augeblich tritt die bürgerliche Linke des Abgeordnetenhauses für das allgemeine und gleiche Wahlrecht ein, kommt es aber zum Klappen, dann weigert sie sich, die Pforten des Landtags einer Partei zu öffnen, die nach einem wirklich europätschen Wahlsystem über einen guten Teil sämtlicher Sitze verfügen müßte. Die Sozialdemokraten Preußens, die nicht im preußischen Landtag reden dürfen, werden nun vor dem preußischen Landtag ihre Stimmen erheben, und man wird sie hören müssen. Denn je eindringlicher sich die Sozialdemokratie mit preußischen Angelegen⸗ eiten beschäftigt und je begreiflicher es den assen wird, daß die jetzige preußische Wirt⸗ schaft nicht ewig dauern darf, desto höher wird der Einfluß unsrer Partei zwar nicht im preußischen Staat, aber doch im preußischen Volk steigen. Die zweiundzwanzig roten Mandate von Sachsen waren die Qutttung, die das sächsische Volk seiner Regierung für ihre reaktionäre Mißwirtschaft überreichte. Wenn erst die Preußen sehen lernen, wie es in ihrem engeren Vaterland zugeht, wird es auch hier nicht anders kommen können. Und dann wird es heißen: die Sozialdemokratie in Preußen voran, die Sozialdemokratie in Deutschland voran, die Sozialdemokratie in der Welt voran. Dazu soll der preußische Parteitag helfen! Wieder mehr Soldaten und neue Panzerkähne fordert die deutsche Reichsregierung. Wenig⸗ stens wurde von verschiedenen Blättern ange⸗ kündigt, daß der in wenigen Wochen wieder zusammentretende Reichstag sich mit einer Er⸗ höhung der Armee⸗Präsenzstärke von zwanzig⸗ tausend Mann zu befassen habe werde. Außer⸗ dem werde auch eine starke Flottenvermehrung auf der Bildfläche erscheinen, und alle Dementis dieser Nachricht seien nicht das Papier wert, auf dem ste gedruckt sind, denn man wolle zu⸗ erst die Armeevermehrung in die Scheuern bringen und nachher mit eben solcher Euergie auf die Verstärkung der Marine dringen.— Das ist schon viel eher zu glauben, als daß etwa die preußische Regierung das allgemeine Wahlrecht für den Landtag einzuführen beab⸗ sichtige.— Schon oft haben Minister das Be⸗ stehen von Militär⸗ und Marine⸗Vermehrungs⸗ Plänen abgeleugnet und kurze Zeit darauf selber die Vorlagen eingebracht. Verderbliche Wirkung des Zolltarifs. Welche erhebliche Schädigung die deutsche Zollpolitik unserer auf den Export angewiesenen Fertigindustrie zufügt, stellt, worauf ein Partei⸗ blatt hinweist, der Lüdenscheider wie auch der Solinger Handelskammerbericht fest. Die Aus⸗ fuhr nach Rußland hat bereits erheblich nach⸗ gelassen; beide Berichte wissen aber auch von einer die deutsche Industrie verdrängenden Praxis in der Handhabung der bestehenden Verträge zu berichten, wie sie seitens Oesterreichs beliebt wird. Einzelne Artikel werden plötzlich unter Tarifnummern rubriziert, welche um 100 und mehr Prozent höhere Zölle vorsehen, als die bisherigen Sätze. Dadurch wird die Export⸗ fähigkeit mancher Artikel vollständig unter⸗ bunden. In den Kreisen der Fertigindustrie und Halbzeugverbraucher macht sich nun erklärlicher⸗ weise eine starke Bewegung gegen die Zölle auf Rohmaterial und Halbzeug geltend. Zu spät!l Zwecklose Millionen⸗Ausgaben. Nach einer Mitteilung der„Chronik der christl. Welt“ sind in den letzten Jahrzehnten nicht weniger als 55 Kirchen allein in Berlin errichtet worden! Denkmäler des heute in ge⸗ wissen Kreisen herrschenden frömmelnden und reaktionären Geistes. Und dafür sind über 31 Millionen Mark aufgewendet worden! — Als des römis gen Reiches innerer Verfall sich bereits in erheblichem Maße vollzogen hatte; als die Religion der Christusbekenner immer mächtiger und siegreicher vordrang und die alte Ordnung der Dinge untergrub— da nahmen die heidnischen Mächtigen noch einmal ihre Zuflucht zu den alten Göttern. Neue Tempel, einer herrlicher als der andere, wurden ihnen errichtet, mit Aufwendung ungeheuerer Opfer an Geld und Arbeit. Und doch sanken die Götter vom Himmelsthron. Aehnlich verfahren heute die herrschenden Klassen. In kaum zwanzig Jahren ist in Berlin die Riesensumme von 31 Millionen Mark für prächtige Gottes⸗ häuser geopfert worden. Man will unter allen Umständen„dem Volke die Religion erhalten“. Aber gleichgültig gehen die Massen d an ihnen vorüber; die Weltanschauun neuen Zeit tritt in ihre Rechte. Götter helfen nicht! Schutz der„nationalen“ Unzucht. In München tagte ein internationaler Kongreß zur Bekämpfung des Mädchenhan⸗ dels. Auf der Vorbesprechung dieser Tagung, an der auch Regierungsvertreter teiln spielte sich nach unserem Münchener Parteiblatte ein niedlicher Zwischenfall ab. Als nämlich ein Redner erwähnte, daß zwischen den größeren Bordellen Kartelle beständen zur Auswechs⸗ lung der Ware, daß z. B. die Budapester öffentlichen Häuser Ungarinnen nach Ham⸗ burg verschickten, sprang der Vertreter des Hamburger Senates, Regierungsrat Sthammer erregt auf und bemerkte:„In den Hamburger Bordells dulden wir keine Auslän⸗ derinnen, sondern nur Einheimische.“ Wer stch der Szene im Reichstag erinnert, als Bebel von den Hamburger öffentlichen Häusern sprach und ihm der Bundesrats bevollmächtigte der Hansestadt stolz entgegnete:„In Hamburg gibt es keine Bordelle“, wird sich über die un⸗ vorsichtige Wahrheitsliebe des Herrn Regierungs⸗ rates nur freuen können. Interessant ist auch der wahrhaft„patrio⸗ tische“ Gruudsatz, die Konkurrenz der auslän⸗ dischen„Arbeiterinnen“ zu beseitigen. In anderen Fällen denkt man nicht so und schaffte am liebsten Kulis herbei, um die einheimischen im Preis zu drücken. Auch Herrn Ballin sind die Aus⸗ länder recht willkommen. Die„horizontale“ Arbeit muß geschützt werden, in ihr darf kein Preisdrücken herrschen, sie scheint also in den Augen des Senats eine privilegierte Stellung einzunehmen, deren Vorteile den teutschen Jung⸗ frauen zugute kommen müssen. Am Ende aber ist der Herr Regierungsrat doch schlecht unterrichtet, denn die staats⸗ erhaltenden Elemente, die dem deutschen Volke die billigere und bessere ausländische Fleisch⸗ nahrung vorenthalten, schwärmen doch sehr für festes und junges ausländisches Weiber⸗ fleisch. Sozialistische Wahlerfolge. In Freistett, einem bisher durchaus natio⸗ nalliberalen Orte im badischen Oberlande— dem sogenannten Hanauerlande— siegten unsere Genossen bei der Bürgerausschußwahl in der dritten Klasse. Sämtliche sozialdemokratische Kandidaten sind gewählt, darunter acht Tabak⸗ arbeiter.— Das kleine Dorf Ziegenhain bei Jena(bekannt durch die Ziegenhainer Stöcke) wählte einen Sozialdemokraten zum Bürgermeister. ö Einigung der französischen Sozialisten. Nachrichten aus Frankreich lassen erkennen, daß die vom Amsterdamer Kongreß angeregte Einigungsbewegung unter unsern dortigen Ge— 1 9 nossen gute Fortschritt- macht. In dem National⸗ es Volkes einer Und die alten N 0 men, 11 179 9 19 * 0 I ö 0 0 ö J 0 inmitten reiteten, Herz will ma in eint sie nicht geliefert i fl der 1 borläufl punkte lens so Staat! geführt, Nu Vor Reuter⸗ stattgefu 1 . ö tober el Forts mussiche. Granate Luft.( auf dem 1 1 5 41 1 7 * * rat der„Jauresisten“ gelangte eine Resolution zur Annahme, in welcher es heißt, daß die Partei entschlossen sei, die Organisation des Proletariats in einer Klassenpartei anzustreben und in der Propaganda des sozialistischen End⸗ ziels zu verharren. vollkommnung der sozialpolitischen Gesetzgebung, ö für die Sicherung der vollständigen Verwelt⸗ lichung des Unterrichts und des Staates, für stürmt Erlung N. stan. N. traf Ein and Granate Die dem ste eine Wo Die engl klar zun Garntso Jedenfa fahrt r berhind Hehe Iegt sinz Gleichzeitig wird betont, 1 daß die Partei energisch eintrete für die Ver⸗ die Einführung der zweijährigen Dienstzeit, die ale Einkommensteuer und die Arbeiterpensionen. Schließlich wurden 15 Mitglieder in das Eini⸗ gungskomité gewählt. revolutionären Sozialistischen Partei mitgeteilt und dieser antwortete sofort in entgegen⸗ kommendem, der Einigkeit sehr sympathischem Sinne. Jedenfalls beweisen diese Beschlüsse, daß der Wille zum Frieden auf beiden Seiten vorhanden ist und das ist die Hauptsache. Das französische Ministerium war am Freitag nahe daran, gestürzt zu werden. Sein Sturz war von den Nationalisten, Kleri⸗ kalen und ihren Verbündeten geplant, wenigste Die beschlossene Reso: 5 lution wurde dem Sekretär des Zentralrates der . d einer i alten cht. bonalet nhan⸗ agung, men, latte ünlich ßeren wechs⸗ apester Ham⸗ er des ammer burger zlän⸗ sche“ 0 lt, als ääusern ictigte inburg die un. lungs⸗ patrlo⸗ uslän⸗ deren liebsten Preis Aus⸗ tale“ f kein in den tellung Jung. gbrat — staate- Volle pleisch⸗ ehr für eihen⸗ atio ide— unsere in der ratische Tabal⸗ nhaln Slice 1 zum listen. i geregte en G= mional⸗ blution I des rebel 165 betont, 6 Vel⸗ 1 ö 9 1 7 wenigen Stimmen und Nr. 45. 2 F 7**— 8 25 1 CCE 1 3 Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 3. wollte man den Kriegsminister André beseitigen. Mit knapper Not entging Combes mit seinem Ministerium der Gefahr; es siegte mit ganz das hat es Jaures verdanken. Die nationalistischen Zeitungen 1 führten schon seit längerer Zeit den Kampf gegen Andre, den sie besck uldigten, in der Armee, d. h. im Offizierkorps, ein förmliches Spitzel⸗ und Denunziantensystem eingerichtet zu haben. Daran mag 99 75 wahre sein; aber André hätte damit nur die Praxis des früheren Gene⸗ ralstabes übernommen. Zum allerwenigsten hat die Pfaffengesellschaft das Recht, darüber großes Geschrei zu erheben, ihr kann mit Recht diel Schlimmeres vorgeworfen werden. Das Schicksal des Ministeriums schien bestegelt, als schiffe. schiffe gehalten habe. Jaures die Kammer mit seiner gewaltigen Stimme an jene Tage erinnerte, da Vörstaner inmitten der Armee einen Staatsstreich vorbe⸗ reiteten, wie sie einst an die gefälschten Dokumente Henrys geglaubt habe, und rief aus:„Heute will man nun, daß die Kammer auf Dokumente hin eine Entscheidung treffe, deren Originale sie nicht gesehen, und die durch Verrat aus⸗ fen per oder gestohlen sind.“ Stürmischer Bei⸗ all der Linken folgte und das Ministerium war vorläufig gerettet. Auch von unserem Stand⸗ punkte aus ist zu wünschen, daß es sich wenig⸗ stens so lange hält, bis es die Trennung von Staat und Kirche, au der es arbeitet, durch⸗ geführt hat. Russisch⸗japanischer Krieg. Vor Port Arthur haben nach einer Reuter⸗Meldung vorige Woche lebhafte Kämpfe stattgefunden. Die Japaner machten am 26. Ok⸗ tober einen allgemeinen Angriff auf die Kikwan⸗ Forts von Port Arthur und brachten die russischen Batterien zum Schweigen. Eine Granate sprengte ein russisches Magazin in die Luft. Gleichzeitig griffen die Japaner die Forts auf dem Erlung und Sungtschu an, brachten die russischen Batterien zum Schweigen und er⸗ stürmten und besetzten die Forts von dem Erlung und Sungtschu. In der Nacht zum 27. stand Alt⸗Port Arthur in Flammen. Am 27. traf eine Granate einen russischen Dampfer. Ein anderer russischer Dampfer wurde von zwei Granaten getroffen und sank. Die russische Ostseeflotte ist, nach⸗ dem ste in dem spanischen Hafen Vigo etwa eine Woche ankerte, wieder in See gegangen. Die englische Gibraltarflotte hat alle ihre Schiffe klar zum Gefecht gemacht, ebenso ist die ganze Garnison von Gibraltar mobilisiert worden. Jedenfalls will die englische Flotte die Durch⸗ fahrt russischer Schiffe durch den Suezkanal verhindern, weil die Differenzen wegen der Beschießung der Fischerboote noch nicht beige⸗ legt sind. Als die unsinnige Tat Betrun⸗ kener schildert der Korrespondent der Londoner„Times“ die Beschießung der eng⸗ lischen Fischerboote durch die russischen Panzer⸗ Die Offiziere müssen die Fischerboote unbedingt erkannt haben, es sei lächerlich, die Ausrede zu gebrauchen, daß man sie für Kriegs⸗ Ebensowenig könne von Nervosttät aus Furcht vor japanischen An⸗ schlägen die Rede sein. Die Beschießung er⸗ folgte auf Befehl und die russischen Kanoniere schossen vorzüglich. Man muß ihnen ein Kom⸗ pliment für ihre Treffstcherheit machen, aber gleichzeitig kann man unmöglich sich die Ge⸗ schichte erzählen lassen, diese Leute seien vor Furcht fast gelähmt gewesen oder die Nacht sei so dunkel gewesen, daß ste die Fahrzeuge, auf die sie feuerten, nicht unterscheiden konnten. Schließlich haben wir die Tatsache, daß die Russen davon dampften und vorläufig über ihren Streich Stillschweigen bewahrten. Das ist wiederum unvereinbar mit einem in gutem Glauben begangenen bloßen Irrtum, aber es paßt ganz zu dem Verhalten eines betrunkenen Befehlshabers, der der Versuchung nach⸗ gab, sich mit den englischen Fischerbooten einen kleinen Scherz zu gestatten. Der Gedanke der Betrunkenheit wird auch jedem kommen, der einmal auf hoher See rufsische Offi⸗ 1 ziere oder Beamte voll von Wudki oder Champagner gesehen hat. So etwas würde ein Russe in solchem Zustande eben so leichtherzig tun, wie er auf der Jagd die Treiber anschießt, und, wenn einer von den armen Burschen dabei stirbt, die Sache mit einer Handvoll Rubel erledigt. Fischer sind in den Augen eines Russen von guter Herkunft nicht mehr als Bauern, und in betrunkenem Zustande würde ihn kein Gefühl der Verantwortung drücken. Die Fischer in Hull, so empört und vom Schmerz erfüllt sie auch find, entschuldigen die russischen Seeleute, die den ihnen erteilten Befehlen 1 0 und häufen ihre Vorwürfe auf den Admiral oder den Ofstzier, der zur Zeit den Befehl führte. Sie meinen, er müßte gehängt werden, und nur die strengste Strafe wird ihre Stimmung mildern. r Panzerschiffe gegen Fischerboote. Es scheint, der Herr Pfarrer Falke hat Geschmack bekommen an der großen Rolle vor der Oeffentlichkeit und vielleicht auch ein wenig an den großen Honoraren des Herrn Scherl. Er tritt wieder einmal im„Tag“ vor uns auf. Was er uns diesmal vorführt, ist der mutige Kampf und glänzende Sieg eines christ⸗ lichen Schriftgelehrten über den fürchterlich drohenden Drachen des Buddhismus. Denken Sie sich, meine verehrten Leser, in Leipzig hat sich ein buddhistischer Misstonsverein gebildet! Eine gewisse Anni Besant reist in Deutschland, ein Oberst Acoß in Indien umher und werben für Buddha. Wie wird Ihnen? Sehen Sie nicht, daß damit unsere ganze„christliche“ Kultur an der Wurzel bedroht wird? Ist das nicht die gelbe Gefahr vor unsern Haus- und Kirchen⸗ türen? Aber Gott sei Dank, der Auserwählte Christi ist auf dem Posten. Er wird uns retten! Doch nein, ich sehe eben, ich verstehe den Herrn Pfarrer ganz falsch. Er nennt ja selbst diese modernen Buddhisten ungefährliche Leute, über die man lächeln und zur Tages⸗ ordnung übergehen könne.„Es ist nur ein Wölkchen, es wird vorüber gehen.“ Ja, aber lieber Herr Militäroberpfarrer, wes⸗ halb fahren Sie denn gegen solche Sperlinge überhaupt Kanonen auf? Schon im Jahre des Heils 1898 haben Sie ein Buch geschrieben über„Buddha, Mohamed und Christus“. Haben Sie mit dieser Sonne Ihrer Wahrheit das „Wölkchen“ doch noch nicht zerstreut? Daß Schopenhauer seine Philosophie ganz auf buddhistischer Grundlage aufbaut, ist übrigens ein kleiner Irrtum von Ihnen. Was Athets⸗ mus, Willen zum Leben und Leiden der Existenz(Kampf um's Dasein) anbelangt, so stehen außer dem Buddhismus doch noch ganz andere Geistesmächte hinter diesen Ideen und es ist durchaus nichts Entscheidendes, ob der Denker dabei seine Uebereinstimmung mit dem Buddhismus betont oder nicht, ebensowenig wie die entsprechenden Berufungen desselben Philosophen auf das Christentum an und für sich schon einen Beweis für oder gegen die Richtigkeit seiner Gedanken bedeuten. Die Lehre von der Seelenwanderung und vom Nirwana aber kann man aus Schopenhauers Gedankenbau ruhig herauslösen, ohne sein Wert⸗ vollstes dadurch in's Wanken zu bringen. Wir Sozialdemokraten lehnen gewiß Schopenhauers Pessimismus und Weltmüdigkeit ab, aber gegen den Versuch, ihn als Buddhisten auf die christliche Opferbank schleppen zu wollen, müssen wir ihn denn doch in Schutz nehmen. Von dem„Alleszermalmer“) Kant ausgehend hat der merkwürdige Gedankendichter Schopenhauer romantische Träumereien mit philosophischer Spekulation verbunden. Wer ihm gerecht werden will(wozu freilich die Theologen nicht immer den besten Eifer beweisen), muß ihn aus seiner Zeit heraus begreifen. Das zeitlich Be⸗ dingte, das freilich wird von ihm wie von jedem Geisteswerk abfallen müssen und niemand wird dem eine Träne nachweinen. Daneben enthalten seine Werke eine solche Fülle ewiger 1) Ein theologisch inspirierter Beiname unseres größten Philosophen. Werte, allgemeinmenschliche Gedanken und dich⸗ terische Schönheiten, daß sich mit ihnen die Menschheit wohl noch Jahrhunderte lang über den Untergang ungezählter Predigtsammlungen und theologischer Streitschriften trösten wird. Ein anderer Irrtum des Herrn Falke dürfte der sein, daß er die Moral so bequem nennt, „welche den Menschen zu seinem eigenen Erlöser und selbstverantwortlichen Heiland macht.“ Nach meiner Logik wenigstens ist es umge⸗ kehrt bequemer, die Verantwortung seiner Schuld auf andere Schultern gelegt zu glauben. Ich bezweifle auch sehr, ob z. B. Herr Falke selbst es so„bequem“ halten würde, unter Verzicht auf seine jetzige Stellung à la Buddha mit dem Almosenbecher durch die Welt zu pilgern. In diesem Wörtchen„bequem“ liegt wieder die ganze theologische Anmaßung, Gedanken⸗ welten, in die die Herren sich absolut nicht hineinpersetzen können, kurzer Hand abzuurteilen. Als ob die Kirchenfrommen heutzutage wirklich so viel„Unbequemlichkeiten“ hätten! Und wenn Herr Falke in so viel intimeren Beziehungen zu Gott und Christus steht, so möchten wir ihn fragen: Woher hat er diese Beziehungen? Er wird uns auf die Bibel ver⸗ weisen. Aber die hat unsereins doch auch „leider“ einmal„durchaus studiert mit heißem Bemühen“. Oder ist Falke ein so wunder⸗ barer Menschenkenner, daß er es sich so„be⸗ quem“ machen dürfte, uns gleich für rein bös. willig zu halten? Vielleicht haben wir einen schlechteren Kopf und ein ärmeres Herz mitbe⸗ kommen, als der Auserwählte Christi. Aber wäre das unsere Schuld? Und wüßte das außerdem Herr Falke dann so gewiß, daß sich ein solches Urteil mit seiner christlichen Bescheiden⸗ heit vertrüge? b Nein, Herr Pfarrer, weder Sie noch den Heiland, den Sie verkünden, könnte ich mich zwingen als Richter über mein Leben, über mein Denken und mein Handeln anzuerkennen. Auch ich bin geneigt, mit Henry George, dem ebenso wissensreichen wie gemütstiefen Begründer der Bodenreform(Wissen Sie übrigens etwas davon?) anzunehmen:„Und die an Ormuzds) Seite kämpfen, mögen Sie auch einander nicht kennen, irgendwo, irgendwann, wird das Namens⸗ verzeichnis verlesen.“ Daß aber Ihr Christus dieses Verzeichnis dereinst aufstellen wird, dafür müßten Sie mich doch erst noch ganz andere Beweise hören und sehen lassen, als diejenigen sind, die bon Ihnen bisher an's Licht der Oeffentlichkeit gedrungen sind. Drum fechten Sie nur immer gegen Buddha und gegen seine wunderlichen jüngsten Jünger, schießen Sie von der Panzerflotte Ihres theologischen Wissens aus ein paar armselige Fischerboote in den Grund. Der Sieg ist billig. Ihr wahrer Gegner aber, der sitzt ganz wo anders. Und ob Sie, wenn Sie mit Ihrer etwas altmodischen Ausrüstung in dessen Gewässer kommen, ob Sie den Kant, Darwin, Renan, Feuerbach“, ja auch nur einem Häckel gegenüber ebenso leicht lächelnden Mundes weiterkämpfen werden, das scheint mir noch sehr, sehr eine offene Frage. K. Wbr. Soziales, Gewerkschastliches, Arbeiterbewegung. Eutwickelung der Gewerkschaften. Die Metallarbeiter⸗Zeitung hat eine Auflage von 190000 Exemplaren erreicht, das Organ des Maurerverbandes, der„Grundstein“ hat es auf 150000 Exemplare gebracht, die Auflage der Holzarbeiterzeitung beträgt über 100000 und die der Bergarbeiter⸗Zeitung 90000. Da diese Blätter für die Mitglieder obligatorisch sind, so entspricht die Stärke der Auflage un⸗ ) Göthes Faust:„habe nun.., leider! auch Theo⸗ logie durchaus studiert mit heißem Bemühen.“ ) Der persische Gott des Guten und des Lichtes, der gegen Ahriman, den Gott des Bösen und der Finsternis zu kämpfen hat. „ Dessen Buch„Wesen des Christentums“, das wir sehr empfehlen, ist eben für 1 Mk, bei Reklam erschtenen und überall zu haben. — — Teite 4. Mitteldeutsche Sonntags geituna. Nr. 45. gefähr der Zahl der Mitglieder, was also eine recht erfreuliche Entwicklung bedeutet. August Brust abgesägt. Der Zentrums⸗ abgeordnete Brust hat das Amt des Vorsttzenden des Verbandes christlicher Bergleute nieder⸗ 98 Was nur an Verdächtigungen und eschimpfungen der freien Gewerkschaften und der Sozialdemokratie geleistet werden konnte, hat Brust fertig gebracht, sein rüder Ton wurde verschiedentlich sogar von seinen eigenen Leuten verurteilt und kürzlich wandte sich auch die „Köln. Volksztg.“, das rheinische Hauptblatt des Zentrums, gegen ihn. Aber gerade die Un⸗ flätigkeiten Brusts und seiner Kreaturen haben das Wachstum des deutschen Bergarbeiter⸗ verbandes mit gefördert, der jetzt 90 000 Mit⸗ glieder zählt. N Pon Rah und Fern. Hessisches. — Zur Verhütung von Bleierkrank⸗ ungen der Maler, Anstreicher und Lackierer hat das hessische Ministerium des Innern einen Entwurf von Bestimmungen ausgearbeitet und der Handelskammer zur Aeußerung überwiesen. — Die Gemeindewahl in Mombach bei Mainz wurde von dem Kreisausschuß für ungültig erklärt. Bei der am 5. Oktober statt⸗ gefundenen Wahl stegte die Liste der Liberalen und Sozialdemokraten. f Gießener Angelegenheiten. Zu den Stadtverordueten⸗Wahlen! Obwohl der Wahltag amtlich noch nicht bekannt gemacht ist, verlautet, daß der 21. oder 23. November in Aussicht genommen sei. Wie bereits erwähnt, sind diesmal 16 Mandate zu vergeben; 10 Stadtverordnete scheiden ordnungsmäßig aus und für weitere sechs, die verstorben oder verzogen sind, müssen Ersatz⸗ wahlen vorgenommen werden.— Nach dem Reichstagswahl⸗Ergebnis verfügt unsere Partei in der Stadt Gießen über zwei Fünftel der Wahlstimmen. Gerechterweise müßten wir demnach zwölf Vertreter in der Stadtoerord— neten⸗Versammlung haben. Bisher hatten wir deren nur zwei, die Masse der Arbeiter und Minderbemittelten war also von der Gemeinde⸗ vertretung beinahe ausgeschlossen. Wollten die Bürgerlichen loyal handeln, so müßten sie ihre Listen danach einrichten, daß unsere Partei eben- falls zu ihrem Rechte und der ihr gebührenden Vertretung käme. Das ginge beisptelsweise in der Form zu machen, daß man auf der Gegen⸗ seite statt 16 Kandidaten deren etwa nur 10 aufstellte. Natürlich geben u ir uns nicht der Hoffnung hin, daß es den Bürgerlichen einfällt, Gerechtigkeit zu üben. Der Arbeiter soll bloß arbeiten, zahlen, und das Maul halten! Zum Teil sind allerdings die Arbeiter selbst schuld, wenn sie derart behandelt werden, sie haben nicht genügend für ihre Vertretung gesorgt, sich zu wenig um die Gemeindewahl gekümmert! Auch bei der letzten Stadtverordnetenwahl sind Hunderte von ihnen zu Hause geblieben! Es muß daher bei der bevorstehenden jeder nach besten Kräften in seinen Bekanntenkreisen agitteren, damit ein besseres Resultat erzielt werde. Unsere hauptsächlichsten Programm⸗ punkte sind im Leitartikel dieser Nummer be⸗ prochen, worauf wir unsere Leser verweisen.— Ueber unsere Kandidatenliste wird eine der nachsten Versammlungen beschliezen. Von der freisinnig⸗nationalliberalen Partei liegt eben⸗ falls noch keine vor, desto mehr dagegen von anderen Gruppen und Stammtischen. Wie es heißt, wollen die Bürgerlichen demnächst eine größere Versammlung abhalten. — Ueber das Wahlrecht zu den Ge⸗ meinde wahlen herrschen in Bezug auf das Wahl⸗Alter oft noch Unklarheiten. Es sei deshalb darauf hingewiesen, daß nach dem klaren Wortlaute des Art. 13 der Städte⸗Ordnung derjenige wahlberechtigt ist, der„zur Zeit der Wahl“ also am Wahltage 25 Jahre alt ist. Diese Auffassung erkanute kürzlich auch der Offenbacher Oberbürgermeister an. Wenn also die hiesige Wahl am 21. November stattfinden soll, wie der Anzeiger zu berichten wußte— wir haben auch den 23. als Wahltag nennen hören— so sind alle diejenigen wahlberechtigt, welche bis zum 21. resp. 23. November 25 Jahr alt werden. Es müßte daher eigentlich der Wahltag zugleich mit der Auslegung der Wählerlisten bekannt gegeben werden, weil es sonst denjenigen, die in der Zeit zwischen dem letzten Tage der Listenauslegung und dem Wahl⸗ tage 25 Jahre alt werden, nicht mehr möglich ist, ihre Aufnahme in die Listen zu bewirken. — Zur Wahlvereinsversammlung, welche diesen Samstag stattfindet, wollen die Parteigenossen recht zahlreich erscheinen. — Zu dem Rezitationsabend Walkottes am Freitag hatte sich ein außerordentlich zahlreiche Zuhörerschaft eingefunden, so daß der Saal des„Hotel Einhorn“ bis auf den letzten Platz besetzt war. Sogar von Krofdorf waren eine Anzahl Besucher herüberge⸗ kommen. Sie werden es nicht bereut haben. Herr Walkotte bot diesmal ein heiteres Stück, Max Dreyer's „Tal des Lebens“. Der Schwank ist eine Satyre auf die„Lex⸗Heinze⸗Männer“ und geiselt mit gesundem Humor die Bestrebungen der pfäffischen und sonstigen Sittlichkeitsfeyxen. Wie immer, entledigte sich auch diesmal der Rezitator mit bekanntem künstlerischem Geschick seiner Aufgabe. Die drastischen und treffenden Wendungen riefen wahre Lachsalven hervor und man war allgemein von dem Dargebotenen befriedigt. — Den Nutzen des gewerkschaft⸗ lichen Zusammenschlusses der Arbeiter, besonders der Unterstützungseinrichtungen der Gewerkschaften, erkannte neulich der Bürger⸗ meister in Varel(Oldenburg) an. Er be⸗ merkte in einer Stadtverordneten⸗Sitzung, als es sich um die Unterbringung der Obdachlosen handelte:„Die in der Gesellenherberge ver⸗ kehrenden Fremden sind zum Teil so gestellt, daß sie auf die Unterstützung des Vereins gegen Bettelei verzichten können. Das von den Ge⸗ werkschaften in dem letzten Jahrzehnt so in⸗ tensiv ausgebaute Unterstützungswesen ermög— licht es dem organisierten Arbeiter, immer mehr auf das oft für ihn so verhängnisvolle„Fechten“ und die öffentliche Wohltätigkeit der Kommunen zu verzichten. Schon das sollte jeden bisher noch nicht organisierten Arbeiter anspornen, sich zu organisieren, wenn ihn schon nicht das Ge⸗ fühl der Solidarität dazu treibt.“ Diese durch ⸗ aus richtigen Worte sollten sich die Arbeiter unserer Gegend zu Herzen nehmen, denn in vielen Berufen steht es mit der Organisatson wahrlich nicht zum besten. Beispielsweise wäre es für die Tabakarbeiter die höchste Zeit sich endlich einmal aufzuraffen! — Kontrollversammlungen im Kreise Gießen finden statt: Im Hofe der alten Kaserne am Brand in Gießen: Am 7. November, 2 Uhr nachm. für die Orte: Annerod, Allendorf a. d Lahn, Alten⸗ buseck, Beuern, Burkhardsfelden, Großenbuseck. Am 8. November vorm. 9 Uhr für: Großenlinden, Hausen, Heuchelheim, Kleinlinden, Langgöns Leihgestern. Am 8. November nachm. 2 Uhr für: Oppenrod, Rödgen, Trohe, Watzenborn, Steinberg, Wieseck. Für die Stadt Gießen(ebenfalls im Hofe der alten Kaserne) am 9. Novemb. 9 Uhr vorm.: die Jahrgänge 1897, 98 und 99 der Infanterie; 9. Nov. 2 Uhr nachm.: Jahrg. 1900 und 1901 der Infanterie; 10. Nov., 9 Uhr vorm.: Jahrg. 1902, 03 und 04 der Infanterie; 10. Nov. 2 Uhr nachm.: Sämtliche Jahr⸗ gänge der Reserve der Garde, Jäger, Kavallerie, Feld⸗ artillerie, Fußartillerie, Pioniere und Verkehrstruppen. 11. Nov., 8¼ Uhr vorm.: Sämtliche Jahrgänge der Reserve des Trains, Sanitätspersonals, Veterinärper⸗ sonals. Sonstige Mannschaften und Marine, sowie zur Disposition entlassene Mannschaften aller Waffen, In Lollar(am Bahnhof) 11. Nov. 2½ Uhr nachm.: für die dazu gehörigen Ortschaften. In Grünberg 12. Nov. 9½¼ Uhr vorm. In Lich(Amtsgerichtsstr.) 12. Nov. 25/ Uhr nachm. In Hungen(an der Post) 14. Nov. 9¼ Uhr vormittags. Aus dem Rreise gießen. — Die Gemeinderatswahl in Wieseck ist auf diesen Samstag, deu 5. November, nachmittags 4—7 Uhr festgesetzt. Unsere Par⸗ teifreunde werden ersucht, sich recht zahlreich an der Wahl zu beteiligen. Die in Gießen be⸗ schäftigten Arbeiter aus Wieseck wollen sich eine Stunde früher von der Arbeit freimachen, da⸗ mit ste rechtzeitig zur Wahl erscheinen können. Tretet alle an die Wahlurne und wählet die sozialdemokratischen Kandidaten! Dieselben sind: Philipp Walter II., Gastwirt, Daniel Erb I. Fabrikarbeiter, Friedr. Deibel III., Weißbinder.— Es sei noch be sonders darauf aufmerksam gemacht, daß die Wahl nach den alten List en stattfindet, eine Zurückweisung von Stimmberechtigten wegen Steuerrück⸗ ständen also nur insoweit stattfinden kann, als sie schon zur Zeit der ersten Wahl vor⸗ handen waren und noch nicht geregelt sind. Die etwa nach dem ersten Wahltermin auf⸗ gelaufenen rückständigen Steuern kommen bei der Nachwahl nicht in Betracht. Arbeiter! Bleibe keiner der Wahl fern! Laßt Euch auf keine Stimmenzer⸗ splitterung ein, sondern stimmt Mann für Mann für die Liste des Wahlvereins! f. Wieseck. Eine heitere Bürgerversamm⸗ lung tagte am Mittwoch Abend im Saale der „Germania“. Einberufen war dieselbe von dem neu⸗ gegründeten bürgerlichen„Wahlverein“ und sie sollte sich mit der Gemeinderatswahl beschäftigen. Man hatte aber zum Vorsitzenden einen Mann bestellt, der ein ganz guter Mensch sein und zu allen möglichen taugen mag, aber nur nicht zur Leitung einer Versammlung. Diese nahm iufolgedessen einen Verlauf wie die Sitzungen des berühmten polnischen Landtags und es gab ununter⸗ brochene Heiterkeit, wie sie ausgelassener in keiner Fast⸗ nachtssitzung aufkommen kann. Erst gab der Vorsitzende seiner Freude Ausdruck, daß die Versammlung so stark „bevölkert“ sei— die starke Bevölkerung setzte sich aller⸗ dings zur Hälfte aus Mitgliedern des„roten“ Wahl⸗ vereins zusammen. Dann tadelte er, daß der Wahl⸗ verein seine Kandidaten aufgestellt habe, ohne die übrigen Bürger(also die Gegner! D. R.) zu fragen und sprach die denkwürdigen und zweifellos richtigen Worte aus: „Die heutige Versammlung ist keine Partei, garnichts!“ Nach dieser Feststellung ergriff der Fabrikant Bra mm das Wort. Er wußte nicht genug Rühmenswertes von den beiden ausscheidenden Gemeinderatsmitgliedern zu sagen, deren Tätigkeit er zu beobachten doch gar nicht Gelegenheit hatte. Von dem dritten sagte er aber nichts. Der hat also weniger den Beifall des Herrn Bramm gefunden. Er ist allerdings auch nur ein Arbeiter. Schließlich stellte man nach dem Vorschlage des Herrn Bramm eine Liste auf mit den Namen Becker, Kümmel und Deibel III. Unsere Parteifreunde enthielten sich der Abstimmung. Die ganze Vorstellung, bet der sich noch Herr Maurermeister Schäfer durch sein Redner⸗ talent besonders hervortat, dauerte einschließlich drei⸗ maliger Pause von je 10 Minuten, eine ganze Stunde. Nach der„Versammlung“ gab es noch ein fideles Bei⸗ sammensein, wobei sich die Helden des Abends einander anhochten und sich das Versprechen gaben, die am andern Abend stattfindende Versammlung der„Roten“ nicht zu besuchen. Hoffentlich wissen die sich darüber zu trösten. ch. Die vom Wahlverein Wieseck einberufene Bürgerversammlung, die am Donnerstag Abend ö im Saale des Herrn Ziegler stattfand, war trotz des Boykotts, der von Seiten des biederen Vorsitzenden der Faschings⸗Versammlung verhängt war, recht gun besucht. Es entwickelten zunächst unsere Kandidaten ihre Ansichten über die Aufgaben der Gemeinde zur vollsten Zufrieden⸗ heit der Versammelten. Daran schloß sich eine ein⸗ gehende Diskussion, an welcher sich besonders auch das bürgerliche Gemeinderats mitglied Daniel Erb II. beteiligeree und sich nicht überzeugen lassen wollte, daß die Ein⸗ führung von Wasseruhren zur genauen Konstatierung des Wasserverbrauchs notwendig sei. Es wurde ihm dies aber von Seiten unserer Kandidaten und auß anderer Reduer überzeugend nachgewiesen. Nachdem die hauptsächlichsten tiefeinschneidenden Gem eindeangelegen⸗ heiten erledigt waren, gelangte folgende eingelaufene Resolution zur einstimmigen Annahme: „Nach eingehender Erörterung der wichtigsten Ge⸗ meindeangelegenheiten in der heutigen Bürgerversamm⸗ lung ist letztere der Ansicht, daß die minderbemittelte Klasse entschieden im Nachteil und nicht genügend im Gemeinderat vertreten ist. Deshalb erklärt die Ver⸗ sammlung am 5. November für die von uns aufgestellten Kandidaten energisch und vollzählig bei der Wahl ein⸗ zutreten. Ferner hält die Versammlung die Beschlüsse der letzten Gemeinderatssitzungen, besonders den betr. die Oeffentlichkeit der Gemeinderatssitzungen, für ver⸗ fehlt und protestiert energisch dagegen. Die Versammelten sind mit dem vom Wahlverein aufgestellten Kommunal⸗ programm einverstanden und fordern die strikte Durch 3 führung desselben.“ Zum Schluß gab noch ein unparteiischer Bürger seiner Befriedigung über die Leitung und den Verlauf dieser Versammlung gegenüber der gestrigen Ausdruck. Nach einem eindringlichen Appell an die Versammelten. am Samstag alle ihre Pflicht zu tun, schloß der Vor⸗ sitzende, Genosse Scheffmann, die Versammlung. 1 Aus dem Nreise Alsfesd⸗Cauterbach. Herr Kreisrat Wallau, der Reichstags⸗ abgeordnete für unseren Wahlkreis, geht fleißig auf — ——— rsamm⸗ ö ale det em neu⸗ se pole lan hatte ein ganz en mag, „ Diese agen des munter⸗ ler Fast⸗ orstzende so fark ich aller⸗ 1 Vahl⸗ t Wahl⸗ e übrigen ad sprach rte aus: üchts!“ Iramm tes von edern zu gar nicht er aber es Herrn nut ein Borschlage en Becker, enthielten bel det u Redner⸗ lic drei⸗ e Stunde. cles Bei⸗ einander m andern nicht zu u Hösten, luberufene ag Abend trotz des 9 9 9 9 genden der u besuchl⸗ Ausichen Zuftteden⸗ eine ein⸗ auch das . betelle die Eil⸗ statierulg yurde ihn und aug achdem di augelehel uugelaufel igsten 00 perfil, abel No. 45. un itterdentsche Sonntags⸗Zeitnug. Seile 5. die Agitation, das muß man ihm lassen. Gegen seine Wahl haben die Antisemiten, wie es heißt, Protest eingelegt, weil er Flugblätter mit seinem Amtstitel unter⸗ zeichnet hatte, was nach der Praxis der Mandats⸗ prüfungskommission zur Ungültigkeitserklärung führen muß. In Voraussicht einer Neuwahl hält er deshalb fleißig Versammlungen ab, in denen er Bericht erstattet. Der Bericht fällt natürlich immer sehr— national⸗ liberal aus. Am Sonntag hielt er eine Versammlung im„Deutschen Kaiser“ in Alsfeld ab, die indessen nur schwach besucht war. nächst auf die Soldatenmißhandlungen zu sprechen, die er damit zu erklären suchte, daß die Unteroffiziere jetzt zu angestrengt werden, weil sie die Soldaten in zwei Jahren ausbilden müssen. Dadurch werden die armen Kerle nervös und es kommt schließlich dazu, daß sich die Rekruten so ost an die Schränke stoßen. Dem soll nach des Herrn Kreisrats Ansicht eine Vermehrung der Unteroffiztere abhelfen, für die aber die Sozial⸗ demokraten in ihrer Verblendung nicht zu haben seien. Ueberhaupt leistet Herr Wallau in Sozialistenvernichtung das Möglichste und am liebsten, wenn keine da sind. Im übrigen sprach er sich für die höchsten Getreide⸗ und Viehzölle aus und stellte die längst widerlegte Behaup⸗ tung auf, daß Deutschland selbst genügend produziere. Seit der Wahl hat sich der Herr zum extremen Agrarier entwickelt.— Zur Diskussion meldete sich kein Mensch. Der Vorsitzende gestattete huldvollst 10 Minuten Redezeit, doch es waren nur einzelne Sozialdemokraten und Antise⸗ miten anwesend. 1 Aus dem Rreise Weßlar. h. Baugenossenschaft für Arbeiterwoh⸗ nungen. Die außerordentliche Generalversammlung der Genossenschaft fand am Samstag im deutschen Hause statt. In den Vorstand wurden neu gewählt die Herren Stielger, Hasselbauer und O. Weckmüller. Neben den Berichten über Vermögenslage und Grundstückskäufe wurde auch als 3 Punkt der Tagesordnung die Kommunal⸗ wahl eingestellt. Herr Michaeli hielt über diesen Punkt einen längeren Vortrag, indem er die Notwendigkeit der Vermehrung des Gemeindeeigentums an Grund und Boden nachwies, damit bei Anlagen von neuen Straßen der Gewinn der Allgemeinheit nicht entzogen werde. h. Die Wahlbewegung zu den diesmaligen Stadtverordnetenwahlen ist bisher recht lebhaft gewesen. Am meisten gestritten wird in der 3. Ab⸗ teilung, welche über 1100 Wähler umfaßt. Da unsere Parteigenossen als Partei wegen Mangel an geeigneten Kandidaten nicht in die Wahlbewegung eingetreten find, so wittert man namentlich in den Versammlungen, welche von den verschiedenen Interessengruppen, Eisenbahn⸗ komitee u. s. w, einberufen sind, das Umgehen des roten Gespenstes. Dieserhalb kam es mit Herrn August Seibert, der überall dabei sein will, wo es ein bißchen Vorsehung zu spielen gibt, wiederholt zu scharfen Aus⸗ einandersetzungen. Dieser Herr erlaubt sich ein abfälliges Urteil über unsere Partei im all gemeinen, welche nicht den guten Willen besitze, sachlich mitzuarbeiten. Wir sind weit entfernt zu hoffen, d eses Vorurteil bei Aug. Seibert zu beseitigen, indem wir auf die verschiedensten Urteile hervorragender Persönlichkeiten auf dem Gebiete der Verwaltungstechnik hinweisen, Unsern Parteifreunden und allen Arbeitern empfehlen wir, sich recht zahlreich an der Wahl zu beteiligen und für folgende Kandidaten einzutreten: Jakob Freitag IV., Marmorarbeiter, Wetzlar⸗Niedergirmes; Eduard Kyrmse, Bäcker meister, Wetzlar; Kasper Michaeli, Mechaniker, Wetzlar und Lehrer Norsch, Niedergirmes.— Es ist zu beachten, daß Freitag und Norsch nur als 3. und 4. Name zu nennen sind, da diese einen besonderen Wahl⸗ gang für sich bilden. h. Totge stürzt. In einem Anfall geistiger Umnachtung kletterie der Hüttenarbeiter Griebel auf das Dach des Lenz'schen Schulgebäudes. Der Unglückliche stürzte herunter und erlitt so schwere Verletzungen, daß sein Tod nach kurzer Zeit eintrat. Demnach muß der arme Kranke ohne jede Aufsicht gewesen sein, denn andernfalls hätte doch das Unglück verhütet werden können. h. Kontrollversammlungen finden im Kreise Wetzlar vom 10.— 18. November statt und zwar: In Wetzlar am 10. Nov. 10 Uhr vorm, für Garben⸗ heim, Oberbiel, Nauborn, Steindorf. In Oberndorf 12. November 115 nachmittags. In Aßlar 14. Nov. 118 Uhr. In Wetzlar, Schützengarten(für Wetzlar und Niedergirmes) 14. Nov. 3¼ Uhr nachm. In Wiß mar 17. Nov. 11½ Uhr vorm. In Duten⸗ hofen 17. Nov. 3¾ Uhr nachm. In Braunfels 18. Nov. 1 Uhr nachmittags. Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain. r. Die Generalversammlung der Orts⸗ krankenkasse, findet am 10. November, abends 8 Uhr, in der Aula der alten Realschule statt. Auf der Tages⸗ ordnung stebt ein Vortrag des Herrn Prof. Bonhoff über„Volksbäder“,— Ferner ist die Vorstands⸗ wahl vorzunehmen, zu der die Christlichen stark mobil In seinem Vortrage kam er zu⸗ machen, um ihre Kandidaten durchzubringen. Unsere Kandidaten sind Faulstich und Weber, deren Wahl die organisterten Arbeiter durch zahlreiches Erscheinen sichern wollen.— Was das Volksbad betrifft, so sollte die Generalversammlung die Errichtung eines solchen durch die Stadt energisch fordern. Sache der Stadt wäre es aber schon längst gewesen, eine derartige gemein⸗ nützige Errichtung zu schaffen. Wie aber an vielen anderen Orten, hat man auch in Marburg erst an andere Dinge zu denken, als etwas für die Minder⸗ bemittelten zu tun, was außerdem noch im gesundheit⸗ lichen Interesse unbedingt notwendig ist. r. Die Generalversammlung des Wahl⸗ vereins am Samstag war gut besucht. Genosse Steets gab zunächst den Kassenbericht, aus dem her⸗ vorgeht, daß die Kossenverhältnisse des Vereins, der jetzt erst ein Jahr besteht, befriedigende genannt werden können. Aus dem Jahresbericht, den der Vorsitzende Härtling gab, ist hervorzuheben, daß 12 Versammlungen abge⸗ halten wurden, in einigen derselben traten auswärtige Genossen als Referenten auf. Auch in den übrigen Versammlungen, in denen keine Vorträge gehalten wurden, fanden Aussprachen über die verschiedensten, wichtigsten politischen Ereignisse und Tagesfragen statt. Beigetreten sind im Berichtsjahre 99 Mitglieder. Abgereist sind 34, so daß der jetzige Bestand 65 Mitglieder beträgt.— Die Neuwahl des Vorstandes ergab: Genosse Härt⸗ ling als Vorsitzender, Steetz Kassierer und Stosch als Schriftführer. Alsdann hielt Genosse Weber einen kurzen Vortrag über die Aufgaben des Wahlvereins. Redner kam hauptsächlich auf die beiden am Orte be⸗ stehenden Organisationen: die„lose“ und den Wahlverein zu sprechen. Von den zwei Organisationen wäre die so⸗ genannte lose überflüssig. Man sollte versuchen, die⸗ jenigen Genossen, welche nur aus Angst vor ihrem Arbeitgebern dem Wahlverein nicht angehören, davon zu überzeugen, daß nur eine feste Organisation imstande ist, etwas zu leisten. Aus diesem Grunde empfahl ler die Auflösung der losen Organtsation bei einer passenden Zeit. Ferner besprach er die Aufstellung von Kandidaten bei Reichstags⸗, Landtags⸗ und Stadtverordnetenwahlen. Auch diese können nur in einem Wahlverein in Vor⸗ schlag gebracht werden. Hieran schloß sich eine lebhafte Debatte, in der von fast sämtlichen Rednern die Ansicht zum Ausdruck gebracht wurde, daß die lose Organi⸗ sation noch beibehalten werden müsse, weil sie sich in der vergangenen Zeit als zweckmäßig erwiesen habe. Selbstverständlich müsse man dahin streben, daß sich alle Parteigenossen dem Wahlvereine anschließen.— Nach Erledigung dieses Punktes wurde die Diskusston über den Bericht vom Parteitag sortgesetzt. Eingehend be⸗ sprach man die Fragen der Jugendliteratur und des Generalstreiks, ebenso die Kommunalpolitik. Die Schul⸗ frage wird auf die Tagesordnung der nächsten Ver⸗ sammlung gesetzt und soll dazu ein auswärtiger Genosse als Referent gewonnen werden.— Schließlich erörterte man noch unsere Preßverhältnisse. Es wurde beschlossen, die Frankfurter„Volksstimme“ auf Kosten des Vereins im Jesberg'schen Lokale aufzulegen. Von verschiedenen Genossen und Abonnenten wurde dieses Blatt empfohlen, das allen Anforderungen, die man an ein tägliches Parteiblatt stellen könne, genüge. Die Mitteld. Sonnt.⸗Ztg. wird als offizielles Parteiorgan für Marburg beibehalten, wobei ein Genosse den Wunsch aussprach, daß diese sich bald zu einem Tageblatt umwandeln möge. Eine Zugentgleisung ereignete sich am Freitag auf der Kleinbahn Braubach⸗Nastätten. Zwischen Becheln und Braubach in einem Bergeinschnitt, wo die Baha ziemlich starkes Gefälle hat, geriet ein Güterzug aus dem Geleise, wobet die Maschine zertrümmert wurde und die Wagen sich auf⸗ und ineinander schoben. Das Personal, be⸗ sonders der Lokomotivführer und der Heizer wurden schwer verletzt. Ein sächsischer Ordnungs mann erster Güte, der Standesbeamte Dr. Acker⸗ mann, Sohn des verstorbenen Präsidenten der Zweiten Kammer und früheren Konservativen Reichstagsabgeordneten für Dresden, Hofrat Ackermann, ist wegen Sittlichkeitsverbrechen mit noch mehreren Herren aus den„besten“ Kreisen verhaftet worden. Wegen eines Hochs auf den Herrgott wurde in Blankenburg eine Frau aus Holzerode zu 10 Mk. Geldstrafe verurteilt. Sie hatte beim Grastanzfest die Ansprache gehalten und glaubte die Rede, in der sie Gott fur den Ernte⸗ segen dankte, nicht wirksamer schließen zu können, als durch ein kräftiges„Darum stimmt ein! mit mir in den Ruf: unser Herrgott, er lebe hoch und abermals hoch und zum dritten Male hoch!“ Das Schöffengericht nahm an, daß die Frau nicht beabsichtigt habe, die Religion zu verspotten, sondern daß es ihr mit dem Ruf völlig ernst gewesen sei, aber die unpassende Wendung habe doch auf manchen Zuhörer ver— stimmend gewirkt und darum sei auf eine Strafe von 10 Mk. zu erkennen. Hoffentlich beseitigt 1 D Instanz das merkwürdige Urteil eder. — Kleine Mitteilungen. „ Eine Masernepidemie ist in Rain⸗ rod bei Schotten unter den Schulkindern ausgebrochen, mehr als die Hälfte der Kinder sind erkrankt. Die Schule mußte geschlossen werden. . Wegen Kindes mord wurde ein Dienstmädchen aus Furfeld in das Mainzer Untersuchungsgefängnis eingeliefert. Es hat sein im vorigen Jahr geborenes Kind mit einem Strick erdrosselt und die Leiche in der Scheuer seiner Dienstherrschaft vergraben. Auch gegen den Vater des Kindes ist Haftbefehl erlassen. Partei-Uachrichten. Zu dem Tode Albert Schmidts. Ver⸗ schiedene Parteiblätter hatten behauptet, daß Genosse Schmidt nach dem Verlassen des Gefängnisses einen verzweifelten Kampf um die Existenz habe führen müssen, was ihn schwermütig gemacht habe usw. Die Gegner greifen natürlich derartige im guten Glauben gegebene Darstellungen auf und benutzen sie zu Angriffen auf die Partei. Der Parteivorstand erklärt demgegenüber, daß Schmidts Familie während seiner Gefängnishaft das volle Gehalt(monatl. 250 Mk.) ausbezahlt erhielt. Auch als er aus dem Gefängnis entlassen war, wurde er ebenfalls vom Parteivorstand unterstützt, bis er die Stelle in Bielefeld übernahm. Vom Undank der Partei kann also nimmermehr die Rede sein. Alles, was Ge⸗ nosse Schmidt auf Grund der gebrachten Opfer von der Partei fordern konnte, hat diese im reichsten Maße gewährt. Im Konflikte zwischen Bernstein und Meh⸗ ring, der sich an die in der„Leipz. Volksztg.“ während des Parteitags erschienene, gegen Südekum gerichtete Notiz anschloß, hatte die„Leipz. Volksztg,“ den Partei⸗ vorstand um sein Urteil ersucht, das derselbe kürzlich veröffentlichte. Bernstein hatte in seinem„Neuen Mon⸗ tagsblatt“ seinen Mitarbeiter Ruberrimus schreiben lassen, die„Leipz. Volksztg.“ arbeite mit doppeltem Konzept; in dem einen Teile der Ausgabe habe sie den Schmäh⸗ artikel wider Südekum aufrecht erhalten, im andern dem Parteitag gegenüber Abbitte geleistet. Der Partei⸗ vorstend erklärt den Vorwurf für unbegründet und illoyal. Entschiedenste Verwahrung legt er aber auch gegen Mehring ein; dessen Erklärung, jene Abbitte sei nur erfolgt, um einen Skandal zu vermeiden, wird scharf verurteilt.„Es würde“, so heißt es,„mit Tren und Glauben in der Partei bald übel bestellt sein, sollte es Sitte werden, unzweideutigen Erklärungen nach⸗ träglich solche Kommentare zu geben.“— Gegen das Urteil erhoben beide Teile Einspruch. Versammlungskalender. Samstag, den 5. November. Gießen. Sozialdem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Marburg. Holzarbeiter. Versammlung bei Hillberger. Sonntag, den 6. November. Gießen. Brauer. Nachmittags 2 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb(Wiener Hof). Lauterbach. Sozialdemokrat. Wahl verein. Nachmittags 3 Uhr Versammlung bei Gastwirt Keutzer. Montag, den 7. November. Marburg. Schuhmacher, Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Hillberger. Preie Turnerschaft Giessen. Sountag, den 13. November, nachm. 3 Uhr General-Oersammlung im Pfau(Dreher). Tagesordnung: 1. Geschäfts⸗ und Kassenbericht. 2. Anträge für den Kreisturntag in Griesheim. 3. Vorstandswahl. 4. Verschiedenes. Um zahlreiches Erscheinen bittet Der Vorstand. Abends 9 Uhr 1 3 1 N 1 6 0 1 10 ö 0 1 1 1 U 1 0 10 4 1 0 1 1 1 0 Seite 6. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 45. 3 Tae en f 9 E 3 Die Poesie. Nur in heil'gen Räumen Feierstunden Soll die Poesie sich finden lassen, Niemals aber hat man sie gefunden— Bei der Arbeit oder auf den Gassen d Heute Nacht als alle Menschen schliefen, Sah ich Schaufeln in die Erde graben, Hört ich dumpfe Stimmen, welche riefen, Männer, welche stumme Weisung gaben. Straßenarbeit! Alltägliche Mühen, Schwach nur vom Laternenlicht beschienen, Keine Nachtigallen, Blumenduft und Blühen, Doch die Poesie war mitten unter ihnen. Hans Pförtner. Vor Christi Richterstuhl. Eine Phantasie von K. Wbr. Motto: Will einer erst die Herrschaft Gott verschaffen, 1 Sieht er in sich gar leicht des Herrn Werkzeug Und strebt zu herrschen, damit jener herrsche; Auch ist der Seeleneifer und der Eigennutz Nicht gar so unvereinbar als man glaubt. (Grillparzer, Ein Brüderzwist in Habsburg). In der großen Stadt läuteten die Toten⸗ glocken und zwei Seelen eilten vor den Richter⸗ stuhl Christi. Ein Pfarrer der eine, ein Sozial⸗ demokrat der andere. Im Auge des Theologen schimmerte ein triumphierendes Leuchten, als wollte er sagen:„Seht ihr, es ist doch so, wie ich immer gesagt habe! Da ist wirklich Christus, zu richten die Lebendigen und die Toten“. Der andere aber sah um sich mit ruhigem Staunen, so wie etwa ein Gelehrter, dem eine bisher un⸗ bekannte Erscheinung neues überraschendes Licht über die Welt verbreitet. Und da stand wirklich Christus. Fragend sah ihm der Sozialdemokrat in die ernsten unendlich gütigen klaren Augen. Ein wundersames Gefühl unbedingten Ver⸗ trauens kam über ihn. Der Theologe dagegen schlug sich an die Brust und murmelte:„Herr, sei mir Sünder gnädig!“ Und das Gericht begann. Es war eine Beichte. Die Unendlich⸗ keit rahmte die Szene ein und die einfachen Worte der Bekennenden schienen im Augenblick ihr einziger lebendiger Inhalt. Der Pfarrer sprach kniend. Er betonte seine Unwürdigkeit, ein Diener Christi zu heißen. Das gute Wollen habe er gehabt, wie oft ihm das Können ge⸗ jehlt, wisse er selbst nur zu genau. Er habe ja manches für Arme, Kranke und Sterbende getan, Almosen gesammelt und gespendet, wie seines Amtes gewesen, er habe die Mittel zur Restaurierung seiner Kirche zusammengebracht und ein Kränzchen zu christlich frommer Lektüre gegründet, um so sein Teil zur Schutzwehr gegen die Brandung des Unglaubens beizutragen. Freilich, wie wenig aber das alles! Aber er baue auf die Gnade des Herrn. Endlich schloß er, das schöne Haupt mit den sauber gepflegten dunkeln Haaren demütig auf die gefalteten Hände gestützt, wie erdrückt vom Bewußtsein seiner Unzulänglichkeit, und doch das Wort der Begnadigung erwartend. Aber der Richter sprach dies Wort nicht. Er schaute ihn wunder⸗ bar eindringlich forschend an. Dann stellte er Fragen, absonderliche Fragen. Weshalb er sich einst so übereifrig um einen Orden bemüht gabe? Woher er so genau über das Jenseits Bescheid bekommen habe, daß er sich darüber mit seinen alten Kollegen jahrelang zankte? Weshalb er mit seinem Zorn den Mann ver— folgt habe, der ihn einmal mit„Hochwohl⸗ geboren“ statt mit„Hochehrwürden“ anredete? Einmal hatte er im Konfirmandenunterricht die Kinder der Vornehmeren auf die ersten Reihen gesetzt, dann drei Bänke freigelassen, und nun erst die übrigen plaztert. Ob das wirklich nur aus„pädagogischen“ Gründen geschehen sei? Dann war der große Streik gekommen. Da hatte er in schroffster Form die Streikenden gescholten, weil sie den Streikbruch zum größten Verbrechen stempelten. Weshalb hatte er nicht ebenso schroff gegen den 11 Stundenarbeits⸗ tag der Frauen gepredigt, denen doch alle Mutter⸗ und Hausfrauenpflichten dadurch ge⸗ radezu unmöglich gemacht werden? Eine Zeit lang war er Gefängnisgeistlicher gewesen. War ihm darin die Ahnung eines Zusammenhangs zwischen Armut und Verbrechen aufgestiegen? Man hatte ihm später den Vorsttz einer gemein⸗ nützigen Baugenossenschaft angetragen. Er lehnte ihn ab mit der Begründung, daß er dadurch das Vertrauen der Hausbesitzer seiner Gemeinde verscherze. Weshalb war ihm das der anderen Bepölkerungsschichten weniger wert? Er hatte freilich mit dieser Vorsichtspolitik keine schlechte Karrtere gemacht. Die Gunst höherer Kreise hatte ihm vielfach geleuchtet. So war er von Wichtigkeit der eigenen Persönlichkeit recht über⸗ zeugt worden. Das ist menschlich und verzeih⸗ lich. Aber hielt diesem Stolze wenigstens ein warmes Herz für die Mitmenschen die Wage? Welche Opfer hatte er ihnen gebracht, die ihm wirklich schwer geworden wären? Oder bedeutete ihm das Priesteramt an sich schon die Nach⸗ folge Christi? Wie Stiche durchzuckte es bet all diesen Fragen die Seele des Theologen.„Herr, ich habe doch selbst schon gesagt, daß ich unvoll⸗ kommen sei und nur auf Gnade warte für Recht!“ Richtig aber klangen die Worte des Heilands weiter:„Herz für deine Brüder, darauf kommt alles an! Hast du in deinem frommen Kränz⸗ chen wohl je einmal auf ernste sozialwissen⸗ schaftliche Betrachtungen gedrängt? Wo ist aber dein Herz für die Brüder, wenn dich die Lage von Millionen unter ihnen so wenig interesstert? Du hast die Gabe schwungvoller Reden be⸗ kommen. Aber meinst Du, wenn du nun deine Predigten drucken ließest, damit sei der hundert⸗ fachen Not deiner Mitmenschen ebenso gedient, wie deiner Eitelkeit? Habe ich euch deshalb das Leben über den Tod hinaus gewiesen, daß ihr euch damit über das Leiden— des andern trösten sollt? Habe ich die Nächstenliebe des⸗ halb verkündet, daß du nun gegen Philosophen und Heiden, gegen Juden und Katholiken, gegen Sozialdemokraten und Ultramontane wettern und schmähen solltest? Und so eng hast du den Kreis deiner Nächsten gezogen, daß du selbst die Mitglieder deiner eigenen Konfession zum Teil als zu liberal, zum Teil als zu orthodox mit Abneigung anschaust? Weshalb meinst denn du mehr zu sein, als so viele andere irrende, suchende, ehrlich forschende Menschen? Meine Worte habe ich euch nicht gesprochen, um alle Welträtsel zu lösen, um euch alles eigene Weiter⸗ denken zu ersparen. Ich habe euch gelehrt, daß man den Menschen nach seiner Liebe be⸗ urteilen soll, daß Gott das Herz anschaut, aber ich habe keinem von euch alle Wissenschaft in Pacht gegeben. Bin ich deshalb in die Welt gekommen und in den Tod gegangen, um meine alten ewigen Feinde, Pharisäer und Schrift⸗ gelehrte, in euerm Talar und meinen Worten im Munde wieder auferstehen zu sehen?“ Wehmütig bebte es um die Lippen des Richters. Im Herzen des Geistlichen aber arbeitete die gewaltigste Erregung. Endlich brach sie los, wie ein vulkanischer Feuerstrom: So wenig sollte er den Heiland verstanden haben? Er, der sein ganzes Leben dem Studium der heiligen Bücher gewidmet hatte? Der mit so vielen Kollegen unendlich darüber disputtert hatte, wer von ihnen Christum richtig begreife? So manchen Aerger hatte er dessentwegen unter⸗ geschluckt. Und nun sollte er doch so ganz Un⸗ recht haben? Und plötzlich stiegen überraschende andere Gedanken in ihm auf: Zweifel! War denn diese Erscheinung da vor ihm mit dem schwermütig weichen Gesichtsausdruck, mit dieser stillen, ruhigen Duldsamkeit, war denn das wirklich der richtige Heiland? Mußte der dann nicht eigentlich streng und würdevoll aussehen, bereit mit seinen Donnerwettern die größere Hälfte der ganzen Menschheit zu zerschmettern? Waren denn nicht viele berufen und wenig aus⸗ erwählt? Und sollte er, schon von Amtes wegen Christi Diener, sollie er etwa zu diesen Aus⸗ erwählten nicht gehören? Freilich, direkt in den Himmel kommt ja kein Mensch, das hatte er in seinem Buche über das Jenseits überzeugend nachgewiesen. Wir sind alle unvollkommen und haben erst noch eine weitere Entwickelung nach dem Tode durchzumachen. Aber er mußte doch auf diesem Wege mindestens einen kleinen Vor⸗ sprung vor manchen anderen haben. Daß er im Ernst auf dem falschen Wege gewesen sein könnte, das war ja undenkbar, ganz undenk⸗ bar! Vielleicht sollte all das, was er eben er⸗ lebte, nur eine Probe sein? Und„Herr, Herr,“ kam es ihm heraus,„du willst mich nur prüfen, oder— oder du bist nicht der Heiland, bist nicht der Gottessohn, den ich suche.“ Da ertönte langsam und feierlich die Aut⸗ wort des Richtenden, die zugleich das Urteil bedeutete:„So gehe hin, und suche denn den deinen!“ Und es tat sich ein Raum vor dem Gerichteten auf, in graues Dämmern gehüllt. Schwer atmend trat er ein. Es war ja klar, daß ihm Unrecht geschah, bitteres Unrecht. Der Heiland mußte anders wiederkommen. Lange dauerte es, bis er aus dem düstern Grübeln die Augen emporhob und sich umzuschauen suchte. Ja, da war auch Gesellschaft, zahlreiche sogar, aber was für welche! Da saßen ein paar Pharisäer im vollsten Staat mit ihren Gebets⸗ rollen und allen andern Abzeichen großer Frömmigkeit. Warteten sie hier immer noch auf ihren Messias? Und wie eindringlich hatte man doch diesem Geschlecht mit sanfter und unsanfter Gewalt die Wahrheit beizubringen gesucht, daß er längst erschienen! Und schimmerte nicht dort aus einer Ecke eine päpstliche Tiara? Also auch sie hofften, diese verweltlichten Priester⸗ fürsten, auch sie konnten immer noch hoffen, daß ihnen ein Heiland kommen würde, wie sie ihn sich dachten? Unbegreiflich! Er mochte sich nicht näher umschauen, zu fremd und einsam fühlte er sich in dieser Gesellschaft. Es war eine sehr schwere Prüfung, die ihm da auferlegt war, eine sehr schwere, aber er wollte ja be⸗ stehen! Er griff unwillkürlich auf den blank⸗ geputzten Orden auf seiner Brust, der aller⸗ dings in diesem Dunstlichte keinen Schein hatte. Doch war er immerhin ein Zeichen, daß seine Verdienste nicht jeder gerechten Anerkennung zu entbehren brauchten. Und er dachte an die Bücher, die er hatte drucken lassen! Man wird seinen Namen noch jetzt auf Erden nennen. Aber freilich, hier oben so verkannt zu werden, das ist doch bitter, recht, recht bitter. (Schluß folgt.) — 2 Allerlei. Gegen Schnupfen gibt es zwar unzählige„unfehlbare“ Schnupfen⸗ mittel, von denen aber keins hilft. Und doch gibt es, wie das„Korrespondenzbl. f. öffentl. und persönl. Gesundheitspflege“ schreibt, einige sicher und rasch wirkende Schutzmaßregeln gegen den sich durch Kribbeln in der Nase und Nießen ankündigenden Feind, die ihn gar nicht recht Boden fassen lassen. Man nehme sofort ein heißes Schwitzbad. Ferner wechsle man det Schnupfen recht häufig die gebrauchten Taschen⸗ tücher durch saubere aus. Täglich mehrmalige Mund⸗, Rachenspülungen und vorsichtige Nasen⸗ bäder und ⸗Duschen mit temperiertem reinen Wasser tun vorzügliche Dienste. Vor allem aber trinke man nichts oder nur sehr wenig und führe so den entzündeten Schleimhäuten keine überflüssige Flüsstgkeit zu. Zwei⸗ bis dreitägige derartige Trockendiät, also Mei⸗ dung von Suppe und Beschränkung aller Ge⸗ tränke, auch von Wasser, auf das notwendigste Maß führen bald zum Ziele. Sehr erleichtert wird solche Diät durch Be⸗ vorzugung wenig gesalzener Speisen; also keine Räucherwaren, keine gewürzten Saucen, dagegen Mehlspeisen, leichtes Fleisch, getrocknete Früchte zu Brot genießen. Bei der Einfachheit dieser „Heilmittel“ empfiehlt sich eine Probe mit ihnen entschteden, um so mehr als viele ernstere Krank⸗ heiten, besonders auch empfindliche Schwächung des Geruchsvermögen, aus einer Vernach⸗ lässigung des Schnupfens entstehen können. 5 . „„ c c c ......... ̃. ̃———— Nr. 45. . r ee en ee eee ene aer eee: ee ee Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. Ein weißer Nabe. In den Großstädten ist es einer kinderge⸗ segneten Proletarierfamilie oft nicht leicht, eine Wohnung zu finden, weil die Hausbesitzer weniger fruchtbare Eheleute meistens vorziehen. Da ist es interessant, einmal von einem Gegen⸗ stück zu hören. In Chikago nämlich hat sich ein Hausagrarier gefunden, der ein großes Gebäude errichten ließ, dessen Wohnungen nur an verheiratete Leute mit Kindern vermietet werden. Das Haus hat von seinem Besitzer den hübschen Titel„Storchnest- erhalten. Es gibt Lein Geschäft Hessens, welches dem reellen Arbeiter dieselben Vorteile bietet wie der Keider- Bazar Marburg a. d. Lahn ⸗„ Offeriere aus meinem Riesenlager «Oberhess. 3000 Quadratmeter): Burkin-Herren-Anzüge do. schwerste Qualität 2 8 Kammgarn u. Cheviot-Anzüge, blau, braun, schwarz 13,00„ Allerfeinste Herren-Anzüge, mit geitentaschen, heste Verarbeitung 5 2 Sarros in bester Ware, in prima Kammgarn, Cheviot, l Burkin, in Ia. Qualität, früher 15 Mk., jetzt 6,00„ Herr.-Burkin-Hosen, in bester Ware, früh. 9 Mk.,„ 3,00„ früher 30 Mk., jetzt 5 10 Radfahrer-Anzü Tederhosen in 20 Qualitäten Burkin-Hosen, neueste Muster, mod. verarbeitet„ Manchester⸗Hosen, Mauchester⸗Röcke, Joppen und Westen.— Blaue Sammthosen, Filzhüte. 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Das ist der„gute Ton“, mit dem die bürgerlichen Zeitungsschreiber sich stets brüsten. Eine Hochstaplerin. Das Kreisgericht zu Leoben(Steiermark). (meine Räume umfassen 8,00 Alk. 10,00„ ** 7 5 2 verurteilte Leontine von Hervay geb. Bellachini, die im Sommer 1903 in fünfter Ehe den Bezirkshauptmann Hervay von Kirchberg in Mürzzuschlag heiratete, ohne von ihrem vierten Mann geschieden zu sein, wegen Bigamie und Falschmeldung zu 4 Monaten einfachen Kerkers. Der Bezirkshauptmann Hervay erschoß sich be⸗ kanntkich in diesem Sommer. Humoristisches Druckfehler.(Aus einem Nachruf.) In den Reichstag gewählt, zählte der Verstorbene zu den ungesehensten Mitgliedern. Für Arbeiter und Landleute empfehle mein reichhaltiges chuhwaren-Lager in gediegenen, soliden Qualitäten zu billigsten Preisen. Arbeitersehuhe und Stiefel Sowie alle sonstigen Schuhwaren im jeder Preislage und reicher Auswahl. Justus Benner Marktstrasse 34. 22 i 17,00„ **„* 10,00„ 70 5 von 3,00„ an 3,00 5 55 6 81 A. Fauth, Schneiderm. 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