el rdienst gerka 7 Nr. 10. rr eee Gießen, den 6. März 1904. 11. Jahrg. Redaktion: 2 Mebaktionsschluß: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteld eutsche Dead Nachnitteg 4 U. e Sonnt Ags⸗Jeitung. Abonnementspreis: Bestellungen Juserate Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die ögespalt. Aus träger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Eppedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25%% bei 6 mal. Bestellung die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33 /% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Russische Polizei in Deutschland. Im Reichstage hat am Samstag und am Montag wiederum eine Debatte über die russische Spitzelwirtschaft in Deutschland statt⸗ gefunden und wieder wurde von unsern Ge⸗ nossen der Nachweis gebracht, daß russische Polizeibeamte sich erlauben, in Preußen mit fast derselben Dreistigkeit aufzutreten wie in ihren halbastatischen Heimatlanden. Nachdem bei der ersten Beratung des Justizetats diese Dinge und besonders der gegen unsere Genossen in Königsberg eingeleitete Geheimbund⸗ prozeß zur Sprache gebracht worden waren und hierbei die preußische Regierung eine ekla⸗ tante Niederlage erlitt, zog sie sich in das Drei⸗ klassenhaus zurück, um von hier aus, wo ihr keine Sozialdemokraten auf die Finger sehen, schwerste Anschuldigungen auf unsere Partei zu häufen. Da las der Minister Stellen aus den angeblich bei unsern Genossen gefundenen russischen Schriften vor, die direkt zur Er⸗ mordung des Zaren aufforderten. Wie es mit der Richtigkeit der Zitate aussieht, dafür zum Schlusse ein Beispiel. Natürlich sagten die Dreiklassenhäusler aller Parteischattterungen Ja und Amen zu den ministeriellen Schauer⸗ märchen. Umsomehr hatten unsere Genossen im Reichstage die Pflicht, die Minister aus ihrem Hinterhalte herauszuholen und von ihnen die Wiederholung ihrer Angriffe dort zu ver⸗ langen, wo ihnen von soztaldemokratischer Seite geantwortet werden kann. Das geschah bei der Diskussion über das Fremdenrecht in Deutschland, über das eine Generaldebatte eröffnet wurde. Dazu waren die beteiligten preußischen Minister erschienen und am Montag griff auch der Reichskanzler in die Debatte ein. Unser Genosse Haase ging mit den Geg⸗ nern scharf ins Gericht. Er verspottete die bürgerlichen Abgeordneten des preußischen Land⸗ tags, die durch das verabredete Frage⸗ und Antwortspiel sich von der Richtigkeit des mini⸗ steriellen Standpunktes so leicht überzeugen ließen. Die teilweisen Mitteilungen des Mi⸗ nisters aus den Prozeßakten sind unserm Ge⸗ nossen Haase erwünscht genug gekommen, da man ihm als Verteidiger der Angeklagten bis⸗ her jede Einsicht in die beschlagnahmten Druck⸗ sachen und Schriften verweigert hat. So konnte er den Beweis führen, daß die anarchistischen Schristen, die sich in verschwindend geringer Zahl unter den beschlagnahmten be⸗ finden, und die von der soztaldemokratischen Partei Rußlands von jeher auf das schärfste verurteilt und zurückgewiesen worden sind, von einem nicht ganz zurechnungsfähigen Verfasser stammen und aller Wahrscheinlichkeit nach von Spitzeln in die übrigen Drucksachen hineinge⸗ schmuggelt worden sind. Eine große Zahl tat⸗ sächlicher Unrichtigkeiten konnte er beiden Mi⸗ nistern nachweisen. Vor allem legte er in zwingender Weise dar, daß die sozialdemokratische Partei als solche und ihr Vorstand mit der ja völlig erlaubten Verbreitung russischer Schriften nicht das mindeste zu tun habe. Ja, er konnte noch darüber hinaus erklären, auf welche Weise der Minister zu seiner Aeußerung darüber ge⸗ kommen ist— eine sehr bequeme Art und Weise, wie man gestehen muß. Die öffentlichen Mitteilungen aus den Prozeßakten, so wenig unangenehm sie nun auch find, hält unsere Partei auf Grund der Strafprozeßordnung für en und macht dem Justizminister einen schweren Vorwurf daraus, daß er durch die Auswahl dieser Bruchstücke einen falschen, den Angeklagten ungünstigen Schein erweckt und die Richter gegen sie voreingenommen hat, so wenig das auch in seiner Absicht gelegen haben mag. Unter Hinweis auf die revolutionäre Vergangenheit des Bürgertums suchte er die bürgerlichen Parteien für die Sache der russischen Freiheitskämpfer und für eine freiheitliche Regel ⸗ ung des Fremdenrechts zu gewinnen. Mit einem Schweigen der Beschämung hörten die Gegner, mit dem Jubel des Beifalls unsere Genossen die wirkungsvolle Rede an. Die Verteidigungsreden der Minister grün⸗ deten sich auf zwei merkwürdige Sätze. v. Hammerstein erklärte, daß die Russen zwar nicht Anarchisten seien, aber es doch werden könnten und deshalb in Deutschland nicht ge⸗ duldet werden dürften. Und der Herr Justiz⸗ minister, der nebenbei nichts aus eigener Kenntnis weiß, sondern alles nur aus Berichten unter⸗ geordneter Beamter, sieht die Sache des rus⸗ sischen Absolutismus als die seine an. Er fordert gleichsam die bürgerlichen Parteien auf, in dem russischen Zaren den Schützer ihrer Existenz zu verteidigen. In Bezug auf die Tatsachen bestätigten die Minister alle Angaben unseres Gen. Haase: Man hat in Königsberg die Angeklagten verhaftet, noch ehe ein An⸗ trag von Rußland vorlag. Nebenbet forderte der Minister des Innern eine weitere Verschärf⸗ ung der Ausnahmegesetze gegen die Polen, weil diese den russischen Selbstherrscher hassen. Wären sie etwa bessere deutsche Staatsbürger, wenn ste ihren Anschluß an Rußland wünschten?! Bei der Fortsetzung der Debatte am Montag wagten die Freisinnskämpen vor den Vertretern der deutschen Arbeiterschaft nicht, die Stellung zu behaupten, die ste im Landtage eingenommen hatten. Sie mußten die Spitzel wirtschaft verurteilen, die Aufhebung des Auslieferungs⸗ vertrages mit Rußland fordern und Herr Dr. Spahn mußte für das regierende Zentrum dieselben Gedanken vertreten. Ernst ist es ihnen natürlich nicht damit; es war ein glücklicher Gedanke unserer Genossen, sie vor die Ent⸗ scheidung einer Abstimmung zu stellen: Sie fielen um und lehnten einhellig unsern Antrag ab, der nun ihre ureigensten Forderungen ent⸗ hielt. Daß die Rechte und die Nationalltberalen der Regierung durch dick und dünn folgen, war bekannt und überraschte niemanden. So blieb der Kampf im wesentlichen auf die Mintster und unsre Parteigenossen beschränkt. Bebel eröffnete die Schlacht mit einem ebenso wuchtigen wie nachhaltigen Angriff. Ruhig und nüchtern verfolgte er die Minister bis in jede ausweichende Redewendung, jedes noch, so schwach abwehrende Wort; ernst und sachlich weist er nach, daß weder die russtschen Stu⸗ denten noch wir etwas vom Terrorismus und der Anarchie wissen wollen, daß aber die jetzige Polizeipraxis auch die friedlichste gesetzmäßtige Propaganda treffe. 95780 Graf Bülow wandte eine merkwürdige Verteidigungstaktik an: Er gab Fürst Bismarck preis, um seine doch verlorene Sache zu retten. Er las die Akten über die Auslieferung der Russen Mendel, Cohn und Leo Deutsch aus jener Zeit vor— und man muß ihm zugeben, daß so schlimme Taten ihm noch nicht nachge⸗ wiesen worden sind. Was muß auf seiner Seele lasten, wenn er so geheimgehaltene Akten⸗ stücke preisgibt. Im übrigen zeigte er sich in Anspielungen auf die rmut und jüdische Ab⸗ kunft der polnischen Genossen ebenso wie in der Vornehmheit des Tones und der Sachlichkeit der Polemik wert, antisemitischer Reichstags ab⸗ geordneter zu sein. Auch die übrigen Minister kompromittierten ihre Sache nach Möglichkeit. Gerechtigkeits⸗ minister Schönstedt gestand, daß seine angeblich objektiven Mitteilungen an das Parlament auf einseitiger Information durch den Königsberger Staatsanwalt beruhen. Und Herr Hammer- stein bewies eine solche Kunst im Zitieren deutscher Klassiker, daß man wirklich nicht weiß, ob man sich über einen solchen Stand⸗ punkt moderner staats⸗ und weltmännischer Bildung freuen oder ärgern soll. Doch der Sieg wird nicht dadurch ent⸗ schieden, ob eine größere oder kleinere Mehrhett im Reichstag soztaldemokratische Anträge niederstimmt. Tritt keine Aenderung in der Behandlung der russischen Gastfreunde ein, so wird bei jeder Gelegenheit aufs neue Be⸗ schwerde erhaben. Und bei dem Urteil der öffentlichen Meinung liegt der Sieg. Bei dieser Affäre haben die Regierungsleute Deutschland und die deutsche Politik vor aller Kulturwelt in beschämender Weise bloßgestellt, indem sie sich offen für das Kosakentum erklärten. Und ganz richtig rief Bebel am Montag den Junkern zu, daß Deutschlands Ehre bei der Sozialdemokratie besser aufgehoben sei, als bei ihnen und der Regierung. * Unser Leipziger Parteiorgan hat sich die Mühe gemacht, die schauerlichen Zitate des Ministers Schönstedt auf ihre Richligkeit zu prüfen und siehe da, sie erwiesen sich zum größten Teile als gefälscht, einige fanden sich an den angegebenen Stellen überhaupt nicht. Von den Beispielen der„Leipz. Volksztg.“ sei nur dieses angeführt. Aus einen Artikel des russischen Sozialisten Burzews brachte der Minister folgendes Zitat: „Das hat der Volkswille vorzüglich verstanden und das bildet sein Hauptverdienst in der Geschichte, die Bestimmung des Vollstreckungssystems, das dahin geht, den Zaren hinzurichten. Ohne Kampf mit dem Zaren kann es in Rußland keinen ernsten polit'schen Kampf geben. Der Kampf muß gipfeln im Zaren⸗ mord. und, wenn nötig, in einer ganzen Reihe von Zarenmorden und einem systematischen poli⸗ tischen Terror. Das muß unser Programm des Mini⸗ mums sein.“ 5 i Das Zitat ist vom Anfang bis Ende zu⸗ sammengefälscht. In dem Artikel heißt es: „Alexander III. regierte 14 Jahre und Niko⸗ laus II. schon das siebente Jahr, und das in einer Zeit, wo die Reaktion augeuscheinlich den stärksten Widerstaud seitens der Revolutionäre hervorrufen und ihr ganzes Kampfesprogramm zu einem Postulat reduzieren mußten dem Zaren⸗ mord, und wenn das nötig erschiene, zu einer ganzen Reihe von Zareumorden and einem systematischen politischen Terror,“ l Der Autor spricht also hier seine Ver⸗ wunderung aus, daß die Greuel während der Regierungszeit Alexanders III. und des ————— 3 0 Seite 2. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. Nr. 10. jetzigen Kaisers nicht schon zu den krassesten Formen des Kampfes geführt haben, wo doch diese Greuel so schrecklich gewesen sind. Der Autor will die Schreckensherrschaft des Absolutismus unterstreichen, bei dem Minister erscheint das Zitat als ein Aufruf zum Zarenmord! So werden eine ganze Reihe der Schön⸗ stedt'schen Zitate als falsch nachgewiesen. Für den Minister ist das höchst blamabel und er wird diese Richtigstellungen nicht mit Still⸗ schweigen übergehen können. Denn daß die UHebersetzungen der Leipz. Volksztg. richtig find, erscheint uns zweifellos. Aus dem Reichstage. Am Mittwoch voriger Woche war noch über den Etat des Reichseisenbahnamtes zu beraten. Der Freisinnige Müller⸗Meiningen brachte die Rede auf das Koalitionsrecht der Eisenbahner und forderte den Minister zu einer authentischen Erklärung seiner früheren Aeußer⸗ ungen heraus. Aber erst als die Genossen Molkenbuhr und Hildenbrand mit schwerem Geschütz vorrückten, entschloß sich dieser zu einer ausweichenden Antwort über diese seiner Ansicht nach„rein theoretische“ Frage. Dann beschwerte sich der Abg. Blumenthal von der Süddeutschen Volkspartei über die schlechte materielle Lage der Eisenbahnarbeiter, und auch hier ergänzten unsere Genossen seine Aus⸗ führungen nach vielen Beziehungen, insbesondere über die Lohnhöhe und die hohe Ziffer der Unfälle. Auch hier wich der Minister aus. Er suche für seine Arbeiter möglichst vtel zu er⸗ reichen, stände aber unter der Kontrolle des Reich öschatzamts. Dann hielt der Abgeordnete r Mülhausen, der Nationalliberale Schlu m⸗ berger eine Rede, durch die er Heiterkeit des ganzen Hauses herausforderte. Er sprach sich dabei für die Expropriation der Besitzenden zu⸗ gunsten der Allgemeinheit aus und erregte damit den lebhaften ironischen Beifall unserer Genossen. Donnerstag erfolgte die zweite Beratung des Justizetats, zu dem eine Anzahl Reso⸗ lationen vorlagen, welche die Fragen der Heim⸗ stättengesetzgebung, des Automobilverkehrs, der Sicherung der Bauhandwerkerforderungen und der Behandlung politischer Gefangener be⸗ handelten. Es wurde nun vorgeschlagen, zu⸗ nächst diese Materien gesondert zu beraten uud dann erst sich dem Königsberger Ge⸗ heimbundsprozeß und der Handhabung der Fremdenpolizei in Deutschland zuzuwenden. Die ganze Donnerstag⸗Sitzung wurde mit der Erörterung eines konservativen Entwurfs einer Heimstättengesetzgebung ausgefüllt. Ein konser⸗ vativer Neuling, Herr von Riley enhausen, der bisher nur das Abgeordnetenhaus geziert hat, verteidigte in einer ebenso komischen wie obstruttionsartig langen Rede, die die animierte Stimmung des Redners auf das Haus über⸗ trug, den Entwurf, dessen reaktionäre Quack⸗ salberei, wie Genosse Stadthagen überzeugend nachwies, auf nichts anderes hinauslief, als die Fretzügigkeit zu beseitigen and den Bauern im Frondienst des Großgrundbesitzers zu erhalten. Auch die freisinnigen Abgeordneten Gothein und Pohl bekämpften den Heimstättengedanken, dem auch der Staatssekretär Nieberding trotz seiner Höflichkeit gegen die Rechte keine besonderen Sympathien entgegenbrachte. Als Freund des Gedankens, wenn auch nicht aller Einzelheiten des Entwurfs bekannte sich der frelkonservative Herr Gamp, und auch das Zentrum, für das Herr Dr. Bachem sprach, nahm eine ähnliche Haltung ein. Zum Schlusse versuchte der württembergische Bauernbündler Wolff, das Märchen von der Feindseligkeit der Sozial⸗ demotratte gegen die Kleinbauern weiterzuver⸗ breiten, holte sich aber von Stadthagen eine gründliche Abfuhr. Die Resolution wurde dann von der Zolltarifmehrheit angenommen. Gegen Automobilisten und Bau⸗ spekulanten richten sich eine Anzahl Reso⸗ luttonen, welche die Haftpflicht der Automobi⸗ listen für die von ihnen verursachten Schäden fordern und, um die Verunglückten gegenüber mittellosen Kraftfahrern zu sichern, die Grün⸗ dung einer Genossenschaft der Automobilisten nach dem Vorbild der Unfallberufsgenossen⸗ schaften anregen. Der Gedanke, der diesen Resolutionen zugrunde liegt, ist angesichts des groben Unfugs, den die Automobilfexe auf Straßen und Chausseen unter Gefährdung des Lebens der Passanten treiben, durchaus berechtigt. Unsere Fraktion, für welche Genosse Stadt⸗ hagen sprach, stimmte denn auch den Reso⸗ lutionen zu. Aber ziemlich überflüssig war die weitschweifige Debatte, die sich an die Resolutionen knüpfte und die eine Wiederholung der Reden bot, die im Abgeordnetenhause und Herrenhause über den gleichen Gegenstand schon gehalten worden sind. Wenn die Konservativen und Nationalliberalen wieder einmal über die langen Reden der Sozialdemokratie beim Reichsamt des Innern klagen, muß man sie an die syste⸗ matische Zeitvertrödelung erinnern, die sie hier⸗ bei getrieben haben. 5 An zweiter Stelle gelangten Resolutionen auf Sicherstellung der Bauhandwerker⸗ forderungen und Ausschaltung der Kon⸗ kurrrenz der Gefängnisarbeit gegen das Hand⸗ werk zur Verhandlung. Genosse Lipinski betonte, daß unsere Genossen prinzipielle Anträge in gleicher Richtung schon bei Beratung des Bürgerlichen Gesetzbuchs gestellt haben. Trotz⸗ dem konnte unsere Partei auch diesen Resolutionen sympathisch gegenüberstehen, wenn es auch die mittelstandsretterische Begründung abzuwehren galt, in der sich Zentrum, Konservative und Antisemiten überboten. Bei der Fortsetzung der Debatte über den Justizetat am Dienstag— die Samstags⸗ und Montagsverhandlungen sind im Leitartikel be⸗ sprochen— trug Genosse Heine wertvolles Material für die Reform des Strafgesetzbuchs herbei. Er wies auf das Maschinenmäßige der Rechtspflege hin und zeigte an einigen Beispielen, wie das Schicksal der Angeklagten davon ab⸗ hängt, ob der Staatsanwalt die Maschine auf diesen oder jenen Paragraphen des Gesetzes einstellt. Gleichzeitig forderte er für das neue Strafgesetzbuch eine Einschränkung des freien Ermessens des Richters und eine genaue Um⸗ grenzung der einzelnen Fälle, um so die jetzt herrschende Willkür auszuschalten. Politische Rundschau. Gießen, den 3. März 1904. Ein Minister⸗Urteil über die Sozialdemokratie. Im badischen Landtage kam es vorige Woche zu einer interessanten Auseinandersetzung der Sozialdemokratie mit der Regierung. Unser Genosse Eichhorn hatte dem Minister an einer Reihe von Beispielen das parteiische Vorgehen der„liberalen“ Regierung vorgehalten. Minister Schenkel erwiderte darauf, daß er die Sozial⸗ demokratie allerdings anders bewerte als die andern Parteien, weil sie staatsfeindlich und umstürzlerisch sei und weil sie„hetze“. Natür⸗ lich wiesen unsere Genossen ihm nach, wie un⸗ klug er geredet habe, und er hat das auch selbst eingesehen. Er führte auf eine weitere Rede Eichhorns aus: „Das erste ist, daß der Abg. Eichhorn mir vorge⸗ worfen hat, ich hätte hinsichtlich der Entstehung der Sozialdemokratie in meinen seitherigen Reden behauptet, sie sei im wesentlichen nur deshalb so groß geworden, weil sie sich auf die Hetze und die Agitation und die unlautere Aufregung der Massen gestützt habe. So etwas kann ich aber hinsichtlich der Entstehung der Sozialdemokratie, einer anerkannt groß en und weit ausgedehnten Bewegung nicht gesagt haben. Ich habe damals gesagt: Die Sozialdemokratie ist zu einem großen Teil eine berechtigte, aus ge⸗ sunden Motiven hervorgegangene Bewegung; ich möchte daher ihre Vertreter hier im Hause nicht missen. Die Bewegung will eine Vertretung schaffen für die unteren Schichten unseres Volkes, für diejenigen, die von der Hand in den Mund leben und nicht viel Kapital besitzen.... Die Sozialdemokraten, namentlich eine Anzahl hervorragender Führer, Leute, die aus unserer Schicht, aus der Schicht der höher Ge⸗ bildeten und der Kapitalisten hervorgegangen sind, haben die sozialen Bedürfnisse dieser großen, vielgegliederten Schicht ergründet, sie haben verstanden, zum großen Teile die Angehörigen derselben um sich zu scharen, und sie haben daraus eine bei den Wahlen in Deutschland große Erfolge erzielende Partei geschaffen. Die se Partei hat an sich eine durchaus richtige und erstrebenswerte Aufgabe, nämlich die, die untern Schichten unseres Volles nicht bloß wirtschaftlich, sond ern auch in ihrer Kultur weiter empor⸗ zu heben, eine Aufgabe, die naturgemäß nur langsam zu Erfolgen führen kann.“ 8 Diesen Ausführungen fügte der Minister allerdings noch etliche alte und abgenutzte Vor⸗ würfe hinzu, z. B. daß wir Republikaner wären; er hat auch verschiedenes an dem„Zukunfts- staat“ auszusetzen. Man kann aber schließlich von dem Minister nicht verlangen, daß er das sozialdemokratische Programm anerkennt. We⸗ nigstens hat er aber vernünftigere Ansichten über die Sozialdemokratie geäußert, als man sie gewöhnlich von Staatsrettern und Amts⸗ blättern zu hören bekommt, die von nichts weiter als„Hetze“ zu reden wissen und dem Sozialismus überhaupt mit unglaublicher Bor⸗ niertheit gegenüberstehen.— Uebrigens, mögen Minister, Fürsten oder andere Leute die So⸗ ztaldemokratie schelten oder preisen, sie wird dadurch in ihrer Weiterentwickelung nicht auf⸗ gehalten und es hat deshalb auch wenig zu bedeuten, daß der genannte Minister seine obigen Aeußerungen in der Sitzung vom Montag wie⸗ der abzuwaschen suchte. Wahlrechtstämpfe. In mehreren deutschen Bundesstaaten stan⸗ den in der letzten Zeit Reformen des Land⸗ tagswahlrechtes auf der Tagesordnung, so in Sachsen, Baden und Bayern. Die an⸗ geregten„Reformen“ entsprachen aber überall nicht dem, was unsere Partei auf dem Gebiete des Wahlrechts fordern muß, gegen die bis⸗ herigen Zustände boten aber die Vorschläge einige Verbesserungen, vielleicht mit Ausnahme von Sachsen. In Bayern schien die Möglichkeit der Ein⸗ führung eines relativ guten Wahlgesetzes vor⸗ handen zu sein. Doch das Gesetz ist an dem Widerstande der Liberalen gescheitert. Am Montag wurde das Gesetz, zu dessen An⸗ nahme dretviertel Mehrheit nötig war, ab⸗ gelehnt. Dafür stimmten Zentrum, Sozial⸗ demokraten, zwei Bauernbündler und der Demo⸗ krat Köhl, die zusammen 96 Stimmen auf⸗ brachten; dagegen sämtliche Liberalen und die Masse der Bauernbündler. Damit haben die Liberalen, welche glaubten, um einige Mandate zu kurz zu kommen, um des schäbigsten Man⸗ datsschachers willen die Frucht einer langjäh⸗ rigen Arbeit vernichtet. Das Volk wird ihnen dafür bei den nächsten Wahlen die gebührende Antwort geben; schon jetzt hat eine lebhafte Protestbewegung unserer Genossen eingesetzt. Ziemlich aussichtslos stehts auch in Baden mit der Wahlgesetzreform. Die besitzende Klasse ist überall bestrebt, das alte Unrecht aufrecht zu erhalten, ste will von ihrer auf veraltete, volksfeindliche Gesetze gegründeten Macht kein Titelchen abgeben. So lange es eben noch geht! Die Wahlrechtsreform in Sachsen sah na⸗ türlich echt sächsisch aus. Man brachte dort eine scheußliche Mißgeburt von Wahlgesetz zur Welt, eine Verbindung von Dreiklassenwahl und Ständewahl. Aber weil nach dem Ent⸗ wurfe die Sozialdemokraten Aussicht hatten, bis zu 16 Mandate zu erobern, lehnten ihn die konservativen Agrarier ab. Die Anti⸗ semiten spielten in der Wahlrechtsfrage eine geradezu jämmerliche Rolle und für jeden, der die Rückständigkeit und Volksfeindlichkeit dieser Gesellschaft etwa noch nicht gekannt hätte, war dabei Gelegenheit geboten, diese„Volkspartei“ gründlich kennen zu lernen. Antisemitischer Freisinn. Die am Dienstag im Wahlkreise Esch⸗ wege⸗Schmalkalden stattgefundene Stich⸗ wahl hat den Ausgang genommen, den wir als wahrscheinlich bezeichneten— der Antisemit Raab ist mit Hilfe der„Frei- sinnigen“ gewählt worden. Unser Genosse Hugo erhielt nur 7479 Stimmen, Raab brachte es auf 9793. Wollten die Freisinnigen ihren eigenen Parteigrundsätzen gerecht werden, so mußten sie für den Sozialdemokraten eintreten, ständigste Nr. 10. Miteldentsche Sountags⸗Zeitung Seite. der es dann wohl auf 10000 Stimmen ge⸗ bracht und damit gesiegt hätte. Doch der e zog es vor, einem der rück⸗ Vertreter des bornierten Antisemitis⸗ mus in den Reichstag zu verhelfen. Eine Er⸗ scheinung übrigens, die man auch schon des öfteren anderwärts, z. B. im Wahlkreis Gie⸗ 8en beobachten konnte und die den Bankrott des Freisiuns beweist. Zum Jubel haben aber auch die Judenfresser keine Veranlassung; das mühsam ergatterte Mandätchen schützt die famose „Reform“partei nicht vor dem Verkrachen. Aus der Ferienkolonie. Wenn der„Gemeine“ sündigt. Vom Krigsgericht Kassel wurde der Musketier Fä⸗ zel vom Infanterie⸗Regiment Nr. 167 wegen Widersetzlichkeit, Ungehorsams und Bedrohung von Vorgesetzten zu der harten Strafe von 5 Jahren Gefängnis verurteilt.— Weil er nicht mit„Hoch“ schrie, als an Kaisers Geburtstag das Kaiserhoch ausgebracht wurde, bekam der beim 106. Regiment in Leipzig die⸗ nende Soldat Reitzenstein vier Wochen stren⸗ gen Arrest. In seinem Verhalten wurde Achtungs verletzung vor versammelter Mannschaft gefunden. Die Verhandlung vor dem Kriegsgericht wurde unter Ausschluß der Oeffentlichkelt geführt.— Wegen einer gleichen „Freveltat“ verhängte auch das Kriegsgericht in Trier eine überaus harte Strafe über einen Soldaten.— 6; Monat Gefängnis wur⸗ den dem Musketier Bihl in Ulm aufgebrannt, weil er einem Einjährigen⸗Unteroffizter gegen⸗ über, der ihn beim Exerzieren mehr als nötig war drillte, drohte Beschwerde zu führen.— 10 Monate Gefängnis erhielt vor einigen Wochen der Husaren⸗Gefreite Freytag in Grimma, weil er sein Pferd geprügelt hatte. — Fünf Jahre Gefängnis! Diese furcht⸗ bare Strafe wurde dem Ulanen Thiele in Halle zudiktiert, weil er einen Gefreiten, mit dem er in Wortwechsel geraten war, an der Brust gefaßt und gegen einen Querbaum ge⸗ stoßen hatte. Wenn Vorgesetzte sündigen, fällt die Strafe in der Regel verhältnismäßig gelinder aus. Die Beispiele dafür aus der letzten Zeit find so zahlreich, daß wir nur einzelne davon anführen können. Unteroffizier Tscharnke in Breslau hatte einen Rekruten dermaßen ge⸗ ohrfeigt, daß diesem das Trommelfell zer⸗ schlagen wurde. Der Stellvertreter Gottes er⸗ hielt nur 43 Tage Gefängnis— der Vertreter der Anklage beantragte gar nur 2 Wochen Mittelarrest!— Fürchterlich und in un⸗ glaublich raffinierter Weise quälte der Unter⸗ offtzier Heidrich vom Inf.⸗Regt. Nr. 177 seine Rekruten. Einer der Gequälten hielt es nicht länger aus und er stürzte sich aus einem Fenster des ersten Stockwerks der Kaserne auf den gepfasterten Hof hinab und blieb schwerverletzt liegen. Der Leuteschinder kam mit 3 Monaten Gefängnis davon und es wurden ihm noch nicht einmal die Tressen aberkannt!— Ein anderer Schinder, Hab⸗ tnger, vom 1. bayer. Inf.⸗Rgt., der seine Untergebenen schlug und mißhandelte, bekam nur zwei Monate Gefängnis.— So könnten, wie gesagt, noch zahlreiche Beispiele angeführt werden, welche beweisen, wie wunderbar die Wege auch der militärischen Gerechtigkeit sind. Wahlreform in Schweden. Im schwedischen Reichstage ist von unserm Genossen Branthing ein Antrag auf Ein⸗ führung des allgemeinen Wahlrechts für jede unbescholtene männliche Person, die das 21. Lebensjahr erreicht hat und keine Armenunterstüßung bezieht, eingebracht worden. Branthing hat ferner den Antrag gestellt, daß das ganze Land in neue Wahlkreise eingeteilt, in jedem Wahlkreis nur ein Abgeordneter ge⸗ wählt werden und bei den Wahlen absolute Majorität entscheiden soll. Finanzskandal in Belgien. Umfangreiche Gründerschwindeleien kamen kürzlich in der belgischen Kammer zur Verhand⸗ lung. Die geriebenen Gründer gehören den „besseren“ Kreisen an und befinden sich Ful Die Gemeindearbeiter allerorts sollten sich dem Teil in hohen Stellungen. In dem einen Falle Verbande anschließen! haben sie dem Publikum Aktien einer Kohlen⸗ bergbaugesellschaft, die Kohlengruben bei Kassel ausnützen sollte, aufgehalst. Der Schwindel muß geradezu ins Große getrieben worden sein, denn Ende Mai 1901 repeäsentierten diese Aktien einen Wert von 7 Millionen Franken, sechs Wochen später— 700 000 Franken. Also einen Verlust von nahezu 7 Milltonen.— Im zwei⸗ ten Falle handelte es sich um Petroleumquellen in Galizien, die von einer neu zu gründenden Gesellschaft ausgebeutet werden sollten. Die Gründer kauften das Unternehmen um 4 Mil⸗ lionen und hängten dem Publikum um 9 Mil⸗ lionen Aktien und Obligationen auf. Schließ⸗ lich erwies sich das Unternehmen als unrentabel und verkrachte.— Bei beiden Gesellschaften saßen Senatoren und Mitglieder der Ari⸗ stokratie im Aufsichtsrate. Als der Krach kam, wurde die Beschuldigung erhoben, es seien falsche Bilanzen aufgestellt, und es sei direkter Betrug bei der Gründung vorgekommen; die Gerichte kamen zu dem Beschlusse, daß die Herren Senatoren— ohne Fehl und Tadel seien. Der Sozialist Vandervelde deckte bei dieser Affäre einen Rattenkönig von Korruption auf, aber— die Regierung des kapitalistischen Staates hält es für ihre Pflicht, den kapitali⸗ stischen Schwindel und die Staatsstützen zu decken. Wie immer und wie überall. Vom russisch⸗japanischen Krieg. Von einem großen Siege wußten die Russen vor einigen Tagen zu berichten. Sie wollten einen Angriff der Japaner auf den Hafen von Port Arthur mit Bravour zurückge⸗ schlagen und dabei eine Anzahl japanischer Kriegsschiffe in den Grund geschossen haben. Es stellte sich jedoch später heraus, daß es sich um alte, mit Explosivstoffen gefüllte Schiffe handelte, welche die Japaner versenken wollten, um die Hafeuausfahrt abzusperren. Vor dem Hafeneingang liegt das russ. Kriegsschiff„Ret⸗ wisan,“ das sich bei dem erwähnten Gefecht „mit Ruhm bedeckt“ haben sollte, auf dem Grunde und versperrt zum Teil den Hafenein⸗ gang.— Nach den weiteren Nachrichten landen die Japaner fortgesetzt Truppen und Kriegs⸗ material in Korea. eee Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. Mit der„gesicherten Existenz“ des Arbeiters, deren er sich nach einem Aus⸗ spruche von hoher Stelle bis in's„hohe Alter hinein“ erfreuen könne, siehts in Wirklichkeit etwas weniger tröstlich aus. Folgende Zeitungs⸗ meldung ist ein neues Beispiel dafür: Bis zum Skelett abgema ger tund fast völlig verhungert wurde am Sonntag nachmittag in seiner Wohnung, Fischerstraße 22, in Frank⸗ furt a. O. der 66jährige frühere Arbeiter, jetzige Rentenempfänger Schattschneider aufge⸗ funden. Er wurde sofort nach dem Kranken⸗ 1 wo er kurze Zeit darauf ver⸗ i Entwickelung der Gewerkschaften. Der Maurerverband hat es jetzt auf 110000 Mitglieder gebracht. Dieses schöne Resultat wurde im Laufe eines Jahrzehntes aus kleinen Anfängen heraus erreicht. Trotzdem stehen noch viele Tausende Maurer dem Verbande fern und um diese heranzuziehen, soll im Frühjahr eine außerordentliche Agitation ins Werk gesetzt werden.— Der Verband der in Gemeindebe⸗ trieben beschäftigten Arbeiter und Unterange⸗ stellten hatte am Schluße des vergangenen Jahres 10397 Mitglieder aufzuweisen. Dieser Verband, welcher erst 1896 mit ungefähr 150 Mitgliedern ins Leben trat, hat sich in den wenigen Jahren seiner Existenz ganz bedeutend ausgebreitet und damit bewiesen, daß auch die Gemeindearbeiter dringend einer Organisation bedürfen, um ihre wirtschaftlichen Interessen gegenüber den kommunalen Behörden zu wahren. Ein allgemeiner Heimarbeiterschutz⸗ Kongreß tagt am 7. und 8. März im Ber⸗ liner Gewerkschaftshause. Auf seiner Tages⸗ ordung steht u. a.: Die soziale Lage und die Notwendigkeit des gesetzlichen Schutzes der Heimarbeiter und Arbeiterinnen. Referent F. Käming⸗Berlin. Ferner: Die gesundheitlichen Ge⸗ fahren der Hausindustrie für das konsumierende Publikum. Referent: Herr Prof. Dr. Th. Sommerfeld⸗Berlin. Organisation des Krankenpflege⸗ Personals. An die Arbeiterschaft Deutschlands wendet sich ein Aufruf des Zentralverbandes des Massage⸗, Bade⸗ und Krankenpflege⸗Personals Deutschlands. In dem Aufruf wird die Unterstützung der organisterten Arbeiter erbeten zum Zwecke einer Agitation unter den Berufskollegen in den Kranken- und Irrenhäusern, wie sonstigen Heil⸗ und Badeanstalten. Lohn⸗ und Wohnverhält⸗ nisse dieser Arbeiterkategorie seien die denkbar schlechtesten. Deshalb werden alle organisterten Arbeiter ersucht, genannten Verband in seinen Bemühungen zu unterstützen. Die Gewerbegerichtswahlen in Frank⸗ furt a. M., welche, wie bereits in voriger Nr. mitgeteilt, nach dem Proportional⸗ system am Montag stattfanden, endeten auf der Arbeitnehmerseite mit dem Siege der von dem Gewerkschaftskartell aufgestellten Kandi⸗ daten. Auf diese fielen 6236 Stimmen, auf die„christlichen“ Gewerkschaften nur 596. Letz⸗ tere erhalten somit 3 Beisitzer, die Freien Ge⸗ werkschaften 30.— Auf Seite der Arbeit⸗ geber wurden für Innungen, die Wahlenthal⸗ tung proklamiert hatten, 211, für die Liste des soztaldemokratischen Vereins 97 Stimmen ab⸗ egeben. Es entfallen danach auf die letztere Ziste 10, auf die Innungsliste 23 Beisitzer. Mit Recht tadelt unser Frankfurter Parteiblatt die schwache Beteiligung unserer Genossen auf der Arbeitgeberseite. Das hessische Eiseubahn- Skandälchen kam am Freitag in der zweiten Kammer zur Verhandlung. Es wörde darin dargetan, daß der„Volksvertreter“ bei dem Bahnbau Butzbach⸗Lich ein sehr respektables Sümmchen verdient hat. Nicht nur die 33000 Mk. „Proviston“, sondern er erhielt seit 2 Jahren auch noch 500 Mk. monatlich für seine Tätigkeit! Unter diesen Umständen ist es ja erklärlich, daß der wackere Mann sich redliche Mühe für das Zustandekommen des Bahnprojekts gab— er hat„Tausenden genützt,“ wie er sagte, sich selbst rechnet er hoffentlich auch dazu. Aus der Debatte über diese nette Affaire sei nachfolgend das Wichtigste mitgeteilt. Zuerst ergriff der Interpellant, der Nationalliberale Reinhart das Wort, der ausführte: Es sejen keineswegs politische Motive, sondern nur mancherlei Gerüchte in der Kammer und außerhalb, die ihn zu der Anregung genötigt haben. Es entspreche der Ehre des Hauses, sich Klarheit zu verschaffen, nach⸗ dem der Abg. Joutz den Empfang der 33 000 Mk, als Entschädigung für den Verkauf der Obligationen zu ge⸗ geben habe. Es frage sich darum, ob die Gemeinden, welche die Obligationen übernahmen, von diesem Ver⸗ dienst des Abg. unterrichtet waren. Da der Betrag mit den Baukosten verrechnet wurde, sei das Interesse des Landes geschädigt. Abg. Gutfleisch: Wäre der Abg. Joutz nur Geschäftsmann, so wäre ihm kaum ein Vorwurf zu machen, aber er ist mehr, er ist Abgeordneter, er ist als solcher Vertrauens mann eines ganzen Landes. Er steht im Dienste der Gemeinnützigkeit, er handelte aber aus Selbstsüchtigkeit. Was sollte daraus werden, wenn es üblich würde, seine Stellung so zu mißbrauchen. Wenn der Glaube des Landes an uns Abgeordnete wankend wird, so ist das für das Land selbst der größte Schaden. In allen Kreisen der Be⸗ völkerung besteht nur eine Meinung und die verur⸗ teilt das Handeln des Abg. Joutz aufs schärfste. Abg. Haas(natl.) fühlt sich im Interesse seiner angegriffenen Ehre zur Verteidigung und Aufklärung verpflichtet. Nachdem Reduer aus dem Staatsdienst ausgetreten war, sei ihm von dem Reichsverband der deutschen Genossenschaften das Amt eines Anwaltes angetragen worden und habe er dies angenommen 0 ——— — 0 5 0 e re ä—— Seite 4. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung Nr. 10 Hierfür bekäme er festen Gehalt. Die ehrenamtliche Stellung, die der Redner als Präsident des Hessischen Landwirtschaftsrats und der Landw. Genossenschaften bekleide, bringe keinerlei pekuniäre Vorteile. Der Angegriffene Joutz sagt, bei dem Bahnbau Bußzbach— Lich habe er nach der Bewilligung des Staatszuschusses„nur“ eine geschäftliche Tätig⸗ keit entwickelt und die ihm für seine große Mühe seit dem Jahre 1894 angebotene Belohnung angenommen, was man ihm nicht verwehren könne. Es sei niemand benachteiligt; durch die gute Verzinsung machen die Ge⸗ meinden sogar noch ein Geschäft. Für das abgeschlossene Geschäft, das ihm angeboten worden, habe er Steuer bezahlt und werde er das Geschäft, wenn er Gelegenheit habe, wieder machen. Als der Abg. Reinhart s. Zt. Auffichtsrat der Bank war, gingen Millionen ver⸗ loren, durch ihn(Joutz) sei niemand benachteiligt. Abg. Ulrich hat sich mit der Frage beschäftigt, ob es zulässig sei, ob J. als Geschäftsmann und als Ab⸗ geordneter zwei Gesichter zeigen könne, wie geschehen. Als Geschäftsmann durfte J. den Handel ganz gut machen, als Abgeordneter aber nicht. Diese beiden Eigenschaften habe J. miteinander verquickt. Wenn J. als Abgeordneter zu geschäftlichen Angelegenheiten berufen wurde, mußte der Geschäftsmann Joutz ausscheiden, daran ist nicht zu rütteln. Wenn J. noch den Ge⸗ meinden mitgeteilt hätte, daß er die 6 Prozent verdiene, lag die Sache anders; so habe er sich auf eine schiefe Sbene und das Haus in eine unangenehme Lage gebracht, Die Verteidigung des Abg. Joutz sei zwar die einzige richtige, doch habe derselbe seine Stellung falsch aufgefaßt. Abg. Molthan(Ztr.) und Ko rell(Bauernbund) mißbilligen ebenfalls das Geschäft des Herrn Joutz, während Reinhart sich dagegen verwahrt, daß er die Angelegenheit aus politischem Hasse zur Erörterung ge⸗ bracht habe.— Finanzminister Gn auth erklärt, daß durch das Finanzministerium Klarheit in der Sache ge⸗ schaffen worden sei, da man sich mit den beteiligten Ge⸗ meinden ins Benehmen gesetzt habe. Dieselben haben nachträglich einen Beschluß gefaßt, daß sie mit dem Vorgehen des Joutz nicht einverstanden seien, be⸗ sonders, daß man den Betrag in die Baukosten einstelle. Der Voranschlag habe s. Zt. auch im Ministerium Auf⸗ sehen erregt durch die hohen Posten und hatte dasselbe etu Interesse daran, Aufklärung zu erhalten. Im übrigen hoffe er, daß er in Eisenbahnaugelegenheiten auch fernerhin mit allen Abgeordneten mit Ausnahme des Herrn Jo utz mit dem seitherigen Vertrauen arbeiten könne. Joutz verteidigt sich hierauf nochmals mit der geheuchelten Naivität, die er in dieser Sache an den Tag zu legen für gut findet. Dann wird der Gegenstand verlassen. Man sollte meinen, daß nach einer solchen eiustimmigen Verurteilung der Handlungsweise des Abg. Joutz dieser nichts eiligeres zu tun haben müßte, als schleunigst das Mandat seinen Wählern zur Verfügung zu stellen. Bis jetzt scheint ibm aber dieser Gedanke noch nicht gekommen zu sein. Einem Manne allerdings, der so seinen Vorteil wahrzunehmen versteht, mag es schwer fallen, auf die Diäten zu ver⸗ züchten. Wir wollten einmal die„Ordnungs“⸗ iter hören, wenn es sich um einen Sozial⸗ b demokraten handelte! Ja, wenn ein sozial⸗ emokratischer Stadtverordneter einige Rosen⸗ kohlköpfchen im Felde abgerissen hat, verkündet man durch„Privatdepeschen“ der ganzen Welt das Verbrechen. Amtsblatt⸗Moral! Pon Nah und Lern. Gießener Angelegenheiten. — Im Wahlverein waren die Mitglieder zu der letzten Versammlung am Samstag recht zahlreich erschienen und verfolgten mit Interesse die Ausführungen des Genossen Krumm, der über„Gemeindepolitische Fragen“ sprach. Er verglich die Gemeindesteuer⸗ und Oktrollasten, sowie die Preise der von der Stadt hergestellten, zum Verbrauch der Einwohner bestimmten Ar⸗ tikel nach den amtlichen statistischen Angaben und es geht daraus hervor, daß in Gießen die Berhältnisse ungünstiger liegen, als in jeder andern hessischen Stadt. Es sind sowohl die Gemeindesteuern, als auch die Preise für Gas und Wasser höher als in andern Städten. Nur das Oktroi ist niedriger. Dagegen sind die Begräbniskosten außerordentlich hoch und hterin muß bald eine Aenderung herbeigeführt werden. Das habe seinen Grund mit darin, daß die Friedhofsanlage viel zu teuer sei. Man sage zwar, der Voranschlag sei nicht über⸗ schritten worden, aber der Voranschlag wurde eben gleich so festgesetzt, daß eine Ueberschreitung nicht gut möglich war. Trotz der hohen Wasser⸗ preise steht das Wasserwerk finanziell ungünstig. Jetzt liege die Frage vor, wie die Kosten der Kanalisation aufzubringen seien und es sei hier schwer, das Richtige zu treffen; z. B. ob der Gesamtheit die Kosten aufzubürden seien oder ob man hauptsächlich die Hausbesitzer heran⸗ ziehen solle, und es sei der Vorschlag einer Bier steuer gemacht worden. Gegen Vermeh⸗ rung der indirekten Steuern müßten wir uns aber wenden.— An den Vortrag schloß sich eine recht anregende Diskusston. Die meisten Redner sprachen sich gegen Vermehrung in⸗ direkter Steuern aus.— Nachdem noch die Wahlen zur Kreiskonferenz vorgenommen waren, erfolgte Schluß der Versammlung. — Unglaubliche Verdächtigungen werden von der Ordnungspresse gegen die So⸗ zialdemokratie anläßlich der in verschiedenen Städten ausgebrochenen Streitigkeiten zwischen Aerzten und Krankenkassen geschleudert. Was da zusammengefabelt wird, geht auf keine Kuhhaut und besonders das beliebte Thema vom„sozialdemokratischen Terrorismus“ wird in allen Variationen heruntergehaspelt. Da ist eine Erklärung interessant, welche die Ar⸗ beitgeber einer großen Zahl Ortskranken⸗ kassen erlassen haben und in welcher sie sich „gegen die in letzter Zeit vielfach hervorgetretene Be⸗ hauptung wenden, daß die Ortskrankenkassen meist von einer bestimmten politischen Partei beherrscht und ihre Maßnahmen und Beschlüsse von irgendwelchen politischen Erwägungen beeinflußt würden. Sie erklären, daß Politik in den Kassen nicht getrieben, vielmehr alles in sachlichster Weise erledigt werde, keinesfalls würden die Arbeit⸗ geber von den die Mehrheit bildenden Vertretern der Arbeitnehmer majorisiert.“ Ob diese Erklärung auf die Scharfmacher⸗ und Sozialistenhetzblätter etwas ernüchternd wirken wird, ist allerdings fraglich. Denn der Gesellschaft ist jedes Mittel gegen die Sozial⸗ demokratie recht; in blinder Wut werden die ungeheuerlichsten Lügen gegen die Sozialdemo⸗ kratie geschleudert. Dabei hat die Partei mit der Aerztefrage eigentlich gar nichts zu tun. Bedauerlich ist, daß auch die Aerzte mit den gewagtesten Behauptungen operieren und vor Unwahrheiten gröbster Art nicht zurück⸗ schrecken. So trat neulich einer im„Gieß. Anz.“ mit der unsinnigen Behauptung auf, Laß die Kassenrendanten Gehälter von 10—17000 Mk. bezögen. Der Artikelschreiber kann sich zu seiner Deckung nicht auf den Minister Möller berufen; denn die Unwahrheit einer solchen Behauptung erkennt jedermann ohne Weiteres. Und indem es Derartiges kritiklos veröffentlicht, macht sich das Amtsblatt ebenfalls der Unwahrheit schuldig. Ihm brauchts zwar auf eine mehr oder weniger nicht anzukommen, es ist nicht die erste und wird nicht die letzte sein. 5 — Auf die Konsumvereins⸗Versamm⸗ lung, welche diesen Sonntag nachmittags 4 Uhr im Lokale des„Gambrinus“, Kirchstraße, statt⸗ findet, sei nochmals aufmerksam gemacht. Es ist nicht nur gestattet, sondern sogar sehr er⸗ wünscht, daß sich die Frauen der Mitglieder recht zahlreich an der Versammlung beteiligen und nicht bloß als stumme Zuhörer, sondern sie sollen ihre Wünsche und Beschwerden in bezug auf das Geschäft ungeniert vorbringen. Dies umsomehr, als in manchen hier in Betracht kommenden Dingen die Frauen ein sachverstän⸗ digeres Urteil abzugeben in der Lage sind und ihre Kritik deshalb bei der Geschäftsleitung mehr Beachtung finden muß, als diejenige der Männer. Die Versammlung wurde gerade in Rücksicht auf die Frauen auf den Sonntag Nach⸗ mittag gelegt. — Zur Mär zfeier beabsichtigt die hiesige Parteileitung eine große Volksversammlung zu veranstalten, in der ein auswärtiger Redner über 1848er Märztage sprechen soll. Voraus⸗ sichtlich findet die Versammlung am Samstag, den 19. März statt. Gewerkschaften und be⸗ freundete Vereine, deren regelmäßige Versamm⸗ lungen auf diesen Tag fallen, wollen Rücksicht auf die Märzfeier nehmen. — Volksversammlungen. Von Seiten des Bäckerverbandes sind in Gießen und Um⸗ gebung eine Anzahl Versammlungen einberufen worden, um gegen die Maßregelungsgelüste der 6 Gießener Innungsbäckermeister zu protestieren. Die Versammlungen finden statt: in Heuchel⸗ heim: Samstag, den 5. März abends ½9 Uhr bei Wirt A. Rinn; in Wieseck: Sonntag nachm. 4 Uhr bei Wacker; in Gießen: Montag 9 Uhr abends in Lony's Bierkeller und in Lollar Dienstag abends ½9 Uhr in der „Traube“. Tagesordnung in allen Versamm⸗ lungen:„Die sanitären Zustände in den Bäckereien und die Maßregelungspläne der Gießener Bäcker⸗Jnnung.“ — Die Tochter unseres Genossen Louis Opificius in Frankfurt, Frl. Marie Opificius, hat in Freiburg i. B. das Staats⸗ examen als Aerztin bestanden. Opifictus ist auch in Gießener Parteikreisen bestens bekannt, wo man die erfreuliche Nachricht mit regem Interesse vernehmen wird. Kreiskonferenz für den Wahlkreis Gießen Grünberg. Auf der Konferenz waren 13 Orte durch 29 Dele⸗ gierte vertreten. Als Vorsitzende werden Beckmann und Häuser⸗Steinberg bestimmt. Ersterer, als Vor⸗ sitzender des Kreiswahlvereins, erstattet kurz Bericht über die Parteitätigkeit im zweiten Halbjahr 1903, woran sich der Kassenbericht des Vertrauensmannes anschließt. Die Gesamteinnahmen betrugen danach Mk. 606.07, denen Mk. 582.65 Ausgaben gegenüberstehen. Für die Unterstützungskasse in Sterbefällen wurden Mk. 180.10 vereinnahmt und Mk. 149.50 verausgabt. Der Ge⸗ samtbestand beträgt Mk. 330.60. Die Revisoren be⸗ stätigten die Richtigkeit der Abrechnung. In der sich an die Berichte anschließenden kurzen Debatte wird gewünscht, daß die Agitation etwas lebhafter betrieben werden möge und angeregt, Agitationsbezirke zu bilden. Ferner weist der Kassierer darauf hin, daß, nachdem die Partei in stärkerer Anzahl im Reichstage vertreten sei, größere finanzielle Mittel benötigt würden. Deshalb müßten wir ebensogut wie die anderen Genossen im Reiche zu den Kosten beitragen, sonst sei der Partei⸗ vorstand nicht in der Lage, die nötigen Ausgaben zu decken. Als Vertrauensmann wird Bock wiedergewählt. — Dr zweite Punkt: Organisation, wird auch nur kurz behandelt. Es wird hervorgehoben, daß wir be⸗ strebt sein müssen, in allen Orten des Kreises, wo keine Parteivereine bestehen, zuverlässige Verbindungen zu erhalten. Beschlossen wird, daß es mit dem Ein⸗ trittsgeld in die Vereine bei den gegenwärtigen Be⸗ stimmungen verbleiben soll. Zum folgenden Punkt: Gemeinderats wahlen referiert Häuser⸗Steinberg. Im Hinblick auf die im Herbste stattfindenden Wahlen zu den Gemeindevertretungen sei es notwendig, sich ein⸗ gehend mit den Bestimmungen der Landgemeindeordnung vertraut zu machen und sich rechtzeitig nach tüchtigen Genossen umzusehen, welche in der Lage sind, die In⸗ teressen der Minderbemittelten im Gemeinderat zu ver⸗ treten. Das sei nicht so leicht, weil überall die Gegner in der Mehrheit sind. Darauf ist auch die Landgemeinde⸗ ordnung zugeschnitten, die bestimmt, daß die Mehrheit (5 Mitglieder) aus dem Drittel der Höchstbesteuerten genommen werden muß. Im Weiteren befürwortet Redner, daß das Landeskomitee die Drucklegung der Landgemeindeordnung, sowie des soz.⸗dem. Kommunal⸗ programms veranlassen solle.— Es wird nach kurzer Debatte beschlossen, einen diesbezüglichen Antrag an das Landeskomitee zu richten.— Der Antrag der Genossen in Altenbuseck betr. den Erlaß der Beiträge während Krankheitsfällen, wird abgelehnt, weil bereits im Landes⸗ statut diese Bestimmung enthalten ist. Auch dem Antrag von Lollar, den Beschluß einer früheren Konferenz, daß die Konferenzen stets in Gießen stattfinden sollen, anfzuheben, wird nicht zugestiamt.— Das dies⸗ jährige Kreisfest wird in Steinberg abgehalten. Schließlich wird noch eine Resolution beschlossen, wo⸗ durch die Preßkommission aufgefordert wird, nach besten Kräften für baldige Schaffung eines Tageblattes zu wirken. Hierauf erfolgte Schluß der Konferenz. Aus dem Rreise gießen. — Der Arbeiterzug von Grünberg, der dort früh 5.46 abging und in Gießen 6.46 eintraf, geht bekanntlich ab 1. März bereits 4.34 morgens von Grünberg ab und trifft in Gießen 5.32 ein. Das ist für die Arbeiter, welche diesen Zug benutzen müssen, eine sehr unangenehme Einrichtung. Für die meisten be⸗ ginnt die Arbeitszeit um 7 Uhr und diese— es kommen da mehrere hundert Arbeiter in Be⸗ tracht— sind gezwungen, mehr als eine Stunde ö Zeit zu vertrödeln. Im Wartesaale des Bahn⸗ hofs können sie sich nicht aufhalten, der wird* zu dieser Zeit gereinigt, wobei natürlich ge⸗ ——— 1 De zuuffutte aal Scher S b feilt Al fe ale Frau bewarb,. an dem pohl füt d Bebe prlbatim Frau el Von Roc Daz Urte Out las 1 U. 6 Buder kunnt Det R fast ein trotzben Million Genera bolgesc mand f 20000 und„ die A. erzielte sollen, abschlu 06 sceden hab es Merein die Mi und 0 eingelg benden man zufried viel el lters Vegs Ilkab gellag hat, f duch a licht! licern b. 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Durch einen in der Frankfurter„Volksstimme“ erschienenen Artikel mit der Stichmarke„Ein kurzsichtiger Herr“ fühlte sich der Lehrer Schreiber in Him bach bei Büdingen beleidigt und stellte gegen das Blatt Strafantrag. Nach dem Artikel sollte der Lehrer eine Aeußerung getan haben, eine Frau, die sich um eine Stelle als Industrielehrerin bewarb, würde die Stelle nicht erhalten, well ihr Mann, au dem man Rache nehmen wolle, bei der Reichstags⸗ wahl für die Sozialdemokratie tätig gewesen sei. Durch die Beweisaufnahme wird festgestellt, daß der Lehrer privatim sich äußerte, ob es sich wohl empfehle, der Frau eines Sozialdemokraten die Stelle zu übertragen. Von Rache nehmen soll er aber nichts gesagt haben. Das Urteil gegen den verantwortlichen Redakteur Genossen Quint lautet auf 50 Mark Geldstrafe. Aus dem Rreise Wetzlar. h. Ganz netten Profit verzeichnen die Buderus'schen Eisenwerke nach dem be⸗ kannt gegebenen Rechnungsabschluß für 1903. Der Reingewinn beziffert sich danach auf fast eine halbe Million Mark(499 133 Mk.), trotzdem für Abschreibungen und Rücklagen eine Million Mk. eingesetzt wurde. Es soll der Generalversammlung eine Dividende von 5% vorgeschlagen werden; Aufsichtsrat und Vor⸗ stand teilen ca. 48 000 Mk. unter sich und weitere 20000 Mk. sind als Belohnungen an Beamte und„gemeinnützige Zwecke“ vorgesehen. Daß die Arbeiter, deren emsiger Tätigkeit der erzielte Gewinn zu verdanken ist, etwas erhalten sollen, davon steht nichts in dem Rechnungs⸗ abschluß. h. Die Affaire Jakob zeitigt noch ver⸗ schiedene unangenehme Nachwirkungen. Zunächst hat es Differenzen in dem Vorschuß⸗ und Kredit⸗ Verein abgesetzt, die darin zu Tage treten, daß die Mitglieder auschließlich des Vorstandes und des Aufsichtsrates zu einer Versammlung eingeladen werden, in der man über„alle schwe⸗ benden Fragen“ beraten will. Demnach scheint man mit der Leitung des Vereins keineswegs zufrieden zu sein.— Ferner wird die Tatsache viel erörtert, daß Zeugen, z. B. Heinz, ibre Unterschrift auf verschiedenen ihnen vorgelegten Wechseln als gefälscht erklärten, während Jakob sie als echt bezeichnete. Da der An⸗ geklagte sonst alle Fälschungen eingestanden hat, findet man es auffällig, daß er diese nicht auch anerkannte amal er seine Lag: durchaus nicht verbesserte, enn er sie ableugnete. Mög⸗ licherweise hat bie Sache noch weitere Folgen. h. Die diesjährige Musterung im Kreise Wetzlar findet laut amtlicher Bekanntmachung vom 8.—17. März im„Schützengarten“ in Wetzlar statt. Dort haben sich 8 Uhr morgens die Milttärpflichtigen an folgenden Tagen einzufinden: Dienstag, den 8. März: die aus der Bürgermeisterei Aßlar; Mittwoch, den 9. März: aus der Bürgermeisterei Atz bach; Donnerstag, den 10. März: aus der Bürgermeisterei Braunfels(Stadt und Land); Freitag, den 11. März: aus der Bürgermeisterei Greif enstein; Samstag, den 12. März: aus der Bürgermeisterei Hohensolms und Launs bach; Montag, den 14. März: aus der Bürgermeisterei Rechtenbach; Dienstag, den 15. März: aus der Bürgermeisterei Schöffengrund; Mittwoch, den 16. und Donn ers⸗ tag, den 17. März: aus der Bürgermeisterei Wetzlar. Die Gestellungspflichtigen aus der Bürgermeisterei Launsbach brauchen erst /9 Uhr am Platze zu sein. * Krof dorf. Der Vater des Genossen Dr. David, der lange Jahre in Krofdorf tätig war und später in Jülich wohnte, ist dort im Alter von 77 Jahren gestorben. Der Verstorbene war bei der Bevölkerung seines ehemaligen Amtsbezirks und weit darüber hin⸗ aus bekaunt und beliebt. Ueberall steht er als wohlwollender und gerecht denkender Mann in bestem Andenken. Aus dem Rreise Marburg⸗Rirchhain. r. Wahlverein. Die am letzten Sams⸗ tag stattgefundene Wahlvereins⸗Versammlung ehrte zunächst den verstorbenen Genossen Abg. E. Rosenow in üblicher Weise.— Alsdann fand eine rege Aussprache über„Die politische Lage in Deutschland“ statt, in der die verschie⸗ denen Redner die wichtigsten Vorkommnisse der letzten Zeit zur Sprache brachten. Nament⸗ lich die russische Spitzelwirtschaft wurde scharf von der Versammlung verurteilt. Auch die Reichstagsverhandlungen wurden erwähnt und die Stellungnahme„unseres“ jetzigen Reichs⸗ tagsabgeordneten v. Gerlach besprochen.— Im weiteren Verlauf der Versammlung wurde be⸗ sonders auf eine rege Agitation zur Verbreitung der„Mittel deutschen Sonnt.⸗Ztg.“ hingewiesen. Um auch die übrigen Genossen im Wahlkreise für unsere Presse zu gewinnen, wurde man stch dahin einig, daß die Marburger Genossen, die die gelesenen Zeitungen entbehren können, sie an den Vertrauensmann Gg. Härtling, Ritter⸗ straße 9, abliefern sollten. Derselbe würde als⸗ dana das weitere veranlassen.— Zur März⸗ feier findet am Freitag, den 18. März im Jesbergschen Lokale eine Volksversammlung statt, in der über die Bedeutung des Tages referiert wird. * Wegen Flugblattver teilen am Sonntag standen kürzlich zwei Arbeiter aus Kassel zum zweiten Male vor der Marburger Strafkammer. Sie hatten während der Reichstagswahl in Frielendorf im Kreise Ziegenhain Sonntags Flugblätter verteilt und waren deswegen vom Schöffengericht Ziegenhain wegen Ver⸗ gehens gegen die Sonntagsruhe verurteilt worden. In der Berufs instanz erkannte die Strafkammer hier auf Freisprechung, weil festgestellt wurde, daß die Betreffenden die Flugblätter nicht öffentlich und sichtbar getragen, sondern nur in den Häusern abgegeben hatten. Das Kammergericht verwies dann die Sache zur nochmaligen Verhandlung zurück, doch die Strafkammer kam abermals zu einem freisprechenden Erkenntnis. — Ein sächsische„Sittlichkeits“ rettung eigener Art wird, wie die Frankfurter Volksstimme berichtete, in Leipzig vorbereitet, und zwar gegen Genossen Dr. bn J 171 ff. in e Er soll gegen die berühmten 88 171 ff. im Straf⸗ gesetzbuche, die von„Verbrechen und Vergehen gegen die Sittlichkeit“ handeln, durch einen Aufsatz verstoßen haben, der bereits vor länger als sechs Monaten im bekannten Leipziger Magazin für Literatur, einem bürgerlichen Fach⸗ blatte erschien. Was tat aber Michels in diesem Aufsatze? Predigte er etwa Unzucht und Amü⸗ sement zum Gebrauch agrarischer Zirkus Busch⸗ Konsumverein für Marburg u. Umg. e. G. u. b. H. Aktiva. Bilauz am 30. September 1903. Passiva Kassenbestand 169,87 Geschäftsanteile 1830,50 Warenbestand 8116,04 Reservefond.. 250,.— Fastage ꝛc. 282,77 8398,81 Kautionen 17 7 5 99 5(in Olasröhrchen zu 28 Tabletten) Anteil bei der Groß⸗ Anleihen 1 Il einkaufs⸗Gesellschaft 310,30 e ed 0 40 0 ne 2 zept* t 5 1, 1 ition 7 8 1 71111 1 Außenstände 1 541,46 Spareinlagen 1106,18 erhälllich in allen Unkostenrest 58,50 Apotheken. Reingewinn. 1115.89 1057.7 1057244 6 9 K* Mitgliederstand zu Anfang des Geschäftsjahres 172, Zugang U. Kamin d 99, 10 6, mithin verbleiben 265 Mitglieder.— Die Geschäfts⸗ guthaben betrugen am 30. September 1902: 1057 Mk., Zugang Uhrmacher 773,50 Mk., mithin am 30. September 1903: 1830,50 Mk. samthaftsumme der Mitglieder betrug am 30. September 1902 k., Zugang 2970 Mk., Abgang 30 Mk. mithin haben am 30. September 1903 die Mitglieder für 8130 Mk. Haftsumme auf⸗ Gustav Rohr. 5190 zukommen. Der Vorstand: Franz Fischer. decharin Giessen, Neustadt 19, Neubau Vorteilhafte Bezugsquelle für Uhren, Gold⸗ und Die Ge⸗ Männer für die Nacht nach Wucherzoll⸗Kund⸗ gebungen? Ach nein— Genosse Michels be⸗ ging das Verbrechen, für die Moral gegen die bestehende Brautstandsunmoral aufzutreten. Er geißelt die jeder Sittlichkeit und jedem feinen Empfinden Hohn sprechenden umständ⸗ lichen Vorbereitungen, mit denen heute die bürgerliche Gesellschaft für Verlobte die Braut⸗ nacht umgibt. Statt daß man in der Braut- nacht die junge Frau ihrem Bräutigam über⸗ liefert, wie man eine gefangene Maus dem Kater vorwirft, damit er sie verschlinge, sollten nach Dr. Michels die Brautleute vielmehr einer an der Seite des andern wie zwei getreue Freunde und gute Kameraden leben. Er ver⸗ langt statt der plötzlichen Revolution im Ge⸗ schlechtsleben eine langsame Entwicklung des⸗ selben; statt all der vielen heute üblichen In⸗ delikatessen will er Gefühlsfeinheit. Man mag mit ihm über Einzelheiten seiner Kritik und seiner Reformvorschläge streiten— aber wer möchte auf den Gedanken verfallen, den Ver⸗ fasser wegen— Unsittlichkeit anzuklagen! Und doch ist das unglaubliche in Leipzig, am Er⸗ scheinungsort des Aussatzes, geschehen, der von der Verlagsbuchhandlung auch als kleine Broschüre herausgegeben wurde. Da breitet sich wieder einmal eine jener Justizaktionen vor, die für ihre Urheber zu enden pflegen mit— nun, man weiß, womit... Der Leipziger Staatsanwalt müßte denn noch im letzten Augenblick erkennen, was er anrichtet, und das 0 tun, was er tun kann— sich zurück⸗ ziehen. Durchgebraunter Bankier. Der Bankier Christoph Schade in Dar m⸗ stadt ist nach Unterschlagung mehrerer Hundert⸗ tausend Mark verschwun den. Seiner Fa⸗ milie teilte er mit, daß er sich das Leben nehmen wolle, doch glaubt man, daß er sich ins Aus⸗ land begeben hat. r Genosse Göhre hat seine Kandidatur im 20. sächsischen Kreise niedergelegt. Die am Sonntaß statt⸗ gefundene Parteiversammlung in Gelenau stellte Pink a u⸗ Leipzig auf. Versammlungskalender. Erscheint zahlreich und pünktlich in den Ver⸗ sammlungen! b Samstag, den 5. März. Gießen. Holzarbeiter. Abends 8 Uhr Versamm⸗ lung bei Lö b(Wiener Hof). Vortrag von Vetters. Wahl zum Verbandstage.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Sonntag, den 6. März. Lollar. Wahlverein. Nachmittags 3/ Uhr Versammlung bei Wirt Schupp. Berichterstattung von der Kreiskonferenz. Montag, den 7. März. Gießen. Schneiderverband. Abends 2/9 Uhr Verfammlung bei Orbig. Briefkasten. Pfr. Sommerlad Watzenb.⸗Stbg. Ihre Zuschrift findet in der nächsten Nummer Aufnahme. R. Mbg. So war's doch nicht gemeint! Das Uebrige wird beachtet. h.⸗Wtzl. Ganz recht. Wenn Herr Kaiser sich so warm für das Volksbad ins Zeug legt, sollte er auch dafür sorgen, daß die Arbeiter in seinem Wer ke Waschgelegenheit haben. Hein reichhaltiges Lager in Ronfirmanden⸗Schuhen H. Posern Markt Silberwaren ee e eee hält bestens empfohlen Aulgasse 4. 3 9 — Seite 6. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Von Nah und Fern. Ein schändlicher Raubmord wurde am Freitag(26. Febr.) in der Mittags⸗ stunde in Frankfurt a. M. an dem Klavier⸗ händler Lichtenstein verübt. Der scheußliche Mord erregte umsomehr Aufsehen, als er im belebtesten Teile der Stadt, Zeil Nr. 69, neben der Katharinenkirche, am hellen Tage begangen wurde. In dem betreffenden Hause befand sich das Pianofortelager und das Bureau der Firma Lichtenstein, wo sich der Ermordete gewöhnlich in der Mittagsstunde allein befand. Diesen Umstand kannten die Täter jedenfalls und grün⸗ deten darauf ihren verbrecherischen Plan. Zweifel⸗ los waren mehrere Personen an dem Ver- brechen beteiligt und es gilt als ausgeschlossen, daß einer den kräftigen, anfangs der Fünfziger Jahre stehenden Mann bewältigen konnte.— Man fand seine Leiche mit furchtbar zugerich⸗ tetem Kopf, die Schädeldecke war vollständig zertrümmert. Um den Hals war ein Strick acht bis zehn Mal geschnürt, sodaß gleichzeitig Totschlag und Erdrosselung vorliegt. Dadurch war es Lichtenstein wohl unmöglich, um Hilfe zu rufen. Die Klaviere in der Nähe der Leiche waren mit Blut bespritzt. Die Ver⸗ letzungen schienen von einem scharfkantigen Eisen, einem Meisel oder Stichhammer herzu⸗ rühren. Geraubt wurden 850 Mk. aus dem Geldschranke, ebenso waren der Leiche des Er⸗ mordeten die goldene Uhr und alle übrigen Wertsachen abgenommen. Die Mörder entkamen wunderbarerweise, denn sie haben nach den Fest⸗ stellungen kaum eine Viertelstunde Zeit zur Verübung ihrer grauenvollen Tat gehabt. Unter den etwa 40 Verhafteten, die im Verdachte der Täterschaft stehen, befindet sich auch der Klavier⸗ transporteur Groß, gegen den die Verdachts⸗ momente besonders schwerwiegend seien. Er wird streng bewacht. Ein sideles Gefängnis scheint sich der Duellmörder Falkenhagen, der wegen Tötung des Landrats v. Bennigsen seit zwei Jahren die Festung Weichselmünde ziert, dort eingerichtet zu haben. Der Brave hatte sich am 23. Febr. vor dem Schöffengericht in Danzig wegen Beleidigung seiner Wachmann⸗ schaft zu verantworten. Falkenhagen wurde zu 100 M. Geldstrafe verurteilt.— Die Vorfälle auf der Festung Weichselmünde, welche diese Verhandlung zur Folge hatten, teilten wir be⸗ reits mit. Falkenhagen weigerte sich im Sep⸗ tember v. J. nach einer von den Festungs⸗ gefangenen veranstalteten Festlichkeit im dienst⸗ lichen Auftrage bei ihm erschienenen Militär⸗ personen zu gehorchen, gebrauchte angeblich die Worte:„Wer hier hineinkommt, den steche ich über den Haufen“ und soll auch gesagt haben:„Von solchen Leuten(er meinte an⸗ scheinend die wachhabenden Soldaten) sei er schon einmal bestohlen worden.“ Aus dem Gegenwartsstaate. Schlecht und recht brachte sich die 59 jährige Kleidermacherin Dominika Witsch von Durach in Württemberg bis jetzt mit ihren beiden Schwestern in der bayrischen Stadt Kempten durch, zahlte ihre Steuern und war niemanden im Wege. Jetzt wurde sie krank, ihr Erspartes ging darauf und die Armenpflege mußte ihr helfen. Nun kann sie fast gar nichts mehr ver⸗ dienen. Da kam die Stadtgemeinde, um ihr zu— helfen?— Beileibe nicht! Sie wurde aus gewiesen, trotzdem sie schon viele Jahre in der Stadt Kempten wohnt und sich mit ihren Schwestern dort eine Heimat gegründet hatte. Ihre Beschwerde bei der Regierung in Augsburg wurde abgewiesen. Die nahezu 60 Jahre alte, kranke Frau wird nun von ihren Angehörigen gerissen, muß die Stadt verlassen und in ihrem Geburtsort in Württemberg bet⸗ teln gehen.— Herrliche Welt! Eine elektrische Schnellbahn soll zwischen Hamburg und Berlin ange⸗ legt werden. In der Budgetkommission des preußischen Abgeordnetenhauses erklärte der Eisenbahnminister Bub de, ein Konzessionsgesuch für eine elektrische Schnellbahn Berlin--Ham⸗ burg mit einem Anlagekapital von 150 Mill. Mark sei beantragt. Der Plan unterliege augen⸗ blicklich eingehender Prüfung im Eisenbahn⸗ ministerium. Brandkatastrophe in Paris. In einer Fabrik von Zelluloidkämmen am Boulevard Sebastopol unweit der Zentralmarkt⸗ hallen, entstand am Samstag(20. Feb.) infolge einer Exploston eine Feuersbrunst, durch die 12 Personen getötet und 14 zum Teil schwer verwundet wurden. Durch die Exploston wurden die Nachbargebäude zum Erzittern ge⸗ bracht und alle Schaufenster zertrümmert. Gleich nach der Exploston schlugen helle Flammen aus den Fenstern des Gebäudes, in welchem sich die Fabrik befindet, heraus. Das Haus geriet so⸗ fort in Brand.. Ein Gotteslästerer. Der kindlichfromme Glaube, daß alles, was geschieht, auf göttliches Eingreifen zurückzuführen sei, kann unter Umständen auch recht seltsam betätigt werden. Der Schmiedemeister von Holzkirchen bei Vilshofen in Bayern, Josef Petz, sah und verehrte auch in allen Natur- erscheinungen das göttliche Walten, wie es ihn der Herr Pfarrer von Jugend auf gelehrt hatte. Diese Religiosität wurde ihm zum Ver⸗ hängnis. Als im Juni vorigen Jahres über die Fluren der Gemeinde Holzkirchen ein euer Hagelschauer niederging, der die Felder schwer heimsuchte, da versetzte das Unglück den Schmied in eine starke Erregung. Da der frommgläubige Mann auch hierin das Werk Gottes erblickte, machte er seinem Unmut in einer Gotteslästerung Luft, die von verschiedenen Leuten, darunter auch von seinem Bruder, gehört wurde. Dieser war ebenfalls ein sehr frommer Mann und hielt sich deshalb verpflichtet, den eigenen Bruder wegen Gotteslästerung dem Gericht zu denunzieren. So kam der so frommgläubige Schmied vor die Passauer Strafkammer und wurde wegen Gotteslästerung zu einem Monat Gefängnis verurteilt.— Dahin kanns mitunter kommen, wenn man den Leuten Tag für Tag einredet, Gott hätte alles verfügt, was vor⸗ geht und was die Menschen an Gutem und Schlimmem erleben. —— 10 f „ Unterhaltungs-Ceil. ———— E Boffnung. Soweit zurück ich denken kann, Kenn' ich den Kummer, kenn' ich Sorgen. Der Hunger wiegte oft mich ein, J Er weckte, ach, mich oft am Morgen. Warum hab' denn nur ich allein Vergebens nach dem Glück gejagt d Warum blieb ich nur freudenlos d So habe ich mich oft gefragt. Bin ich es wirklich, der allein! So schwer vom Schicksal ward getroffen PB 4 Sind's nicht noch and're, die, wie ich, Auf ferne bess're Tage hoffen d Noch and're sind es, die wie ich, Entbehren lernten und entsagen, Und die, wie ich, trotz alledem, Auf Besserung zu hoffen wagen. 2 Millionen sind es, die, gleich mir, Vom Glücke wurden stets vergessen, Millionen, die ihr täglich Brot Im Schweiß des Angesichtes essen. Doch hoffen wir! Es kommt ein Tag, Wo uns're Sklavenketten brechen. Schon weicht die Nacht, die Sukunft wird Ob der Vergangenheit uns rächen. Oskar Vogel. 1·— die Quelle gewaltsamer Taten sprudelt 0 ö Der Sieg des Schwachen. Erzählung von Melchlor Meyr. 23.(Fortsetzung.) g „Ja, du lieber Himmel,“ versetzte das Weib immer noch zweifelnd,„da muß sich ja dann die ganze Welt verwandelt haben!“ „Die ganze Welt nicht,“ bemerkte der Sie⸗ ger wieder freundlich,„aber ich hab' mich ver⸗ wandelt, Bas'! Ich hab' endlich getan, was ich schon lang hätte tun sollen!“ „So?“ versetzte die N indem sie den Blick auf die Verwüstung richtete;„das muß ich sagen!“ Tobias, ihre Gedanken erratend, entgegnete. „Darauf kommt nichts an. Mit einer Karlin ist der Schaden wieder gut gemacht; was es mir aber genutzt hat, das würd' ich nicht um tausend Karlin hingeben! So, klaubt die Scher⸗ ben zusammen und macht dann, daß wir eine Suppe kriegen!“ Während das Weib die Trümmer auflas, öffnete die Tür sich wieder, und Kaspar trat ein, von einem Gange herkommend, den ihm der Vater aufgetragen. Auch er hatte die Leute vor dem Hause gefragt, aber schon eine weniger tragische Antwort erhalten, und er ging in die Stube mit der Aussicht auf die 1 Demütigung des Bruders. Als er iesen stolz und zufrieden neben dem Vater stehen sah, gaffte er ihn an. Tobias rief:„Ah, Du kommst grad recht!“ und mit dem Blicke eines Gebieters fügte er hinzu:„Hilf der Bas' die Sachen zusammen⸗ klauben! Mach!“ Der Bube, mit entrüstet trotziger Miene, sagte:„Klaub' du nur selber zusammen!“ Da ging Tobias auf ihn zu, erhob die Rechte und rief:„Willst du gleich helfen, dummer Bub', oder ich geb' dir eine Ohrfeig', daß du den Himmel für eine Baßgeig' anstehst!“ Kaspar, der den Bruder entschlossen, den Vater unbeweglich sah, bekam eine Ahnung vom Stande der Dinge, ging knurrend beiseite und gehorchte. Nachdem so ziemlich aufgeräumt war, eilte die Walpurg aus der Stube. Bald ließ sich auf der Gasse ein Gemurmel hören nebst Aus⸗ rufen der Verwunderung, und der Haufe zer⸗ streute sich. Die Alte kam dann mit einem Kübel voll Wasser und einem Waschlappen zu⸗ rück und begann die völlige Reinigung der Stube. Nach einer guten halben Stunde saß die ganze Famtlie friedlich beim Abendessen. Alle Spuren der Zerstörung waren verwischt— die Stube frischer als vorher und so heimlich als jemals. Tobias hatte die Zeit zu seiner Exe⸗ kution insofern gut gewählt, als am Samstag Boden, Tisch und Bänke ohnehin geputzt wer⸗ den mußten; es machte kaum besondere Arbeit nötig, und die Haushälterin konnte noch am Tage die Suppe auftragen. Die gute Alte war nach ihm am vergnügtesten. Ueber die Ereignisse des Abends in der Hauptsache unterrichtet, freute sie sich herzinniglich, daß ihr geheimer Liebling den bösen Alten so„gekriegt“ hatte und seinen lieben Schatz zum Weibe haben. sollte. Einen ganz besonderen Spaß machte es ihr, daß der Kaspar, der auch sie durch grobe Reden schon öfters geärgert hatte, lächerli verdutzt dreinschaute und nicht„Mau“ zu sage wagte. Sie betrachtete ihn und den Vater, und eine Schadenfreude umspielte ihre Lippen, so tief und frisch und doch so gutmütig, daß sie 1 alten Gesicht ordentlich etwas Anmutiges gab. i Gegen das Ende des Essens veränderte sich die Miene des Alten, und er machte ein selt⸗ sames Gesicht. Nachdem der Auftritt in jedem Betracht geendigt war, hatte er ihn doch wieder überdenken müssen und staunte nun hinterdrein über seine Möglichkeit. Das Ganze erschien ihm wie ein toller Traum, lächerlich und dessen⸗ ungeachtet über die Maßen ernsthaft.„Soll ich dem Burschen jetzt wirklich nachgeben müssen? Soll ich verloren haben?“ Diese Frage 79 sich noch einmal in ihm, und er überlegte. Aber alle bessern Gründe sprachen fürs Nachgeben 6 0 3 Der erkennen „Ju, das bete itt! n sug mit! Vermögel Del! lich eine pon Tob gering w. noch une Der Sol keines weg Schwung um diese ich zuftt leichte d solcher rührt, dr Mach nehmend du denn das Mid sein; ode Tobi Jar nicht „So! wunderu biel übe hit das Ale;„ könntest ein ode . fn. heksezte ung scüttelt wissen un ie ö Der 0 Nr. 1. — l. 10. Mittel deutsche Sonutags⸗Zeitung. Seite 7. Nicht r sich in füge— er beschloß, mit guter Manier sich zu fügen. i Tobias erhielt eine Ahnung von diesen inneren Vorgängen und fühlte sich durch Gut⸗ a5 Weh In dann der Se in, Was dem se 5„dos gegnetl. Karli was ez nicht un e Scher wir eine auflas, har krat den ihn atte die hon eine und er auf die Als er m Vater echt!“ fügte er summen⸗ Miene, 1 hoh die helfen, Ohrfeig, stehst“ sen, den Ahnung h heiseitt ar, eilte lich sich bst Aus⸗ ufe zer⸗ t einem hen zu⸗ ung det aß die. 1 Alle t— 1 lic als er Efe Samstag Abt wel agel 9 noch al Alle war reignist mütigkeit und Klugheit getrieben, den Ueber⸗ wundenen durch freundliche Reden munterer zu machen und ihm namentlich durch kindliche Be⸗ scheidenheit wohlzutun. Er war, wie gesagt, erleuchtet— und hatte noch einen Zweck; er wollte, das Eisen schmiedend, so lang es noch warm war, heute noch die Geldfrage erledigen. — Als die Walpurg in die Küche, Kaspar aus der für ihn höchst unheimlichen Atmos⸗ phäre in den Hof abgegangen war, sagte er: „Vater, ich glaub, es ist das beste, wenn wir heut auch gleich ausmachen, was ich von dir zum Heiratsgut bekomme.“ i Der Alte, das Praktische dieses Antrags erkennend, erwiderte mit kuriosem Lächeln: „Ja, das glaub' ich schon auch, daß dies das beste ist!“ 5 „Nun,“ rief unser Bursche treuherzig,„so sag mir gleich, was du über das mütterliche Vermögen von dir noch geben willst!“ Der Alte besann sich und nannte ihm end⸗ lich eine Summe, die nach Verhältnis seines von Tobias nicht ganz gekannten Vermögens gering war, so daß der geltebtere Kaspar immer noch um ein Gutes besser bedacht werden konnte. Der Sohn erkannte wohl, daß der Vater ihn keineswegs begünstigte, aber er war in höherem Schwunge der Seele— nebenbei gesagt, auch um dieses froh!— und versetzte:„Damit bin ich zufrieden und dank' dir schön!“— Er reichte dem Alten die Hand, und dieser, von solcher Bescheidenheit und Brapheit beinahe ge⸗ rührt, drückte sie ihm väterlich. Nach einer Pause begann derselbe mit teil⸗ nehmend zweifelndem Ausdruck:„Was willst du denn aber jetzt eigentlich tun?— Wenn das Mädchen hundert Gulden hat, wird's alles sein; oder hat sie mehr?“ Tobias erwiderte groß:„Danach frag' ich gar nicht.“ „So!“ meinte der Alte mit irontscher Be⸗ wunderung.„Aber auf die Art bringt ihr nicht viel über tausend Gulden zusammen, und du bist das notige Leben nicht gewohnt.“ „Not werden wir nicht leiden,“ warf Tobias bestimmt ein. „Wo vollt ihr denn aber hin?“ fragte der Alte;„im Dorfe ist nichts frei. Und als dritter könntest du von der bloßen Schneiderei ohne ein ordentliches Anwesen hier gar nicht leben.“ „Im Dorfe will ich auch nicht bleiben,“ versetzte der Sohn. „Wo denn?“ fuhr der Alte fort.„Weißt du etwas in der Nachbarschaft? Oder,“ setzte er etwas spöttisch hinzu,„im Kesseltal?“ Tobias zeigte ein Gesicht wie einer, der seiner Sache gewiß ist, und erwiderte:„Vater, ich mein', wir haben heut' genug miteinander ausgemacht. Lassen wir's dabei beendet sein, morgen ist auch noch ein Tag. Ich weiß, wo ich hingehör' und wo ich mein Glück machen muß— und wenn ich das sag', dann ist's genug.“— Der Alte schaute ihn an und schüttelte den Kopf.„Darf's der Vater nicht wissen?“—„Jetzt noch nicht,“ versetzte der Bursche, und da er im Gesicht des Alten tiefen Unglauben erkannte, stand er auf und sagte: „Vater, vertrau' mir! Ich hab' dir heut' gezeigt, daß ich etwas kann, was du mir vorher hnicht zugetraut hattest“(„Unverschämter Mensch!“ dachte der Alte)—„und jetzt soll's immer so fortgehen“(„Gute Aussichten!“).„Vom heutigen Tage hebt für mich ein neues Leben an. Ich werde glücklich, ich werde, und das in nicht gar zu langer Zeit, ein reicher und angesehener Mann sein— und du wirst deine Freude an mir haben.“— Der Alte war versucht, ihm ins Gesicht zu lachen; er begnügte sich indessen mit einer Gebärde, die ungefähr sagte:„Ich muß dich jetzt gehen lassen! Wenn du ein Narr und Bettler wirst, ist's deine Sache.“ Tobias beachtete diese Bewegung um so weniger, als es unterdessen dunkel geworden Der Glückliche hätte nun zur Bäbe gehen und der Guten, Lieben und Treuen den Erfolg war und die Glocke„bedächtig“ neun Uhr schlug.“ mitteilen können; aber er hatte sich etwas anderes ansgedacht, was ihm schöner dünkte; und da ihn die Ergebnisse des Tages doch ermüdet hatten, sagte er dem Vater herzlich Gute Nacht und ging 15 Bette. Am andern Morgen war unser Schneider der Löwe des Tages. Der Abend des Sams⸗ tags ist auch für den Bauer eine Ferienzeit; man besucht sich mehr als sonst in der Woche, das Wirtshaus hat größern Zuspruch und man überläßt sich mit reinerm Behagen der Lust des Gesprächs. Daß nun ein Auftritt, wie der zwischen Tobias und seinem Vater, mit der größten Schnelligkeit im ganzen Dorf herumkam, ist bei dem Interesse, das die Familie schon auf sich gezogen hatte, nicht zu verwundern. Aus den Vermutungen des Trupps, der vor dem Hause stand, aus der Nachricht der Walpurg, die den Streit als nicht der Rede wert darstellte, und endlich aus den Zu⸗ sätzen phantasiebegabter Erzähler bildeten sich verschiedene Lesarten, die sich zum Teil stark widersprachen. Nach den Ansichten der meisten hatte es in dem Schneiderhause eine„schreckliche Geschichte“ gegeben; denn die Walpurg mochte sagen, was sie wollte— daß weder der alte noch der junge Schneider ins Wirtshaus kamen, was sie sonst an diesem Tage nie versäumten, das war deutlich genug. Nach den einen jedoch hatte der Vater den Sohn halb totgeschlagen. nach den andern der Sohn den Alten mit einem Hammer oder Beil auf den Kopf getroffen, daß das Blut in der Stube herumlief— daß er einen„Treff“ hatte auf sein Lebtag und am Ende noch das Gericht cinschreiten mußte.— Sonntags in der Früh klärten sich die Meinungen. Die Ansicht vieler kam der Wahrheit ziemlich nahe; nur blieb das letzte Ergebnis des Streits unbekannt. Daß der junge Schneider diesmal über den alten Herr geworden, das stellte sich eine halbe Stunde vor der Kirche bei den meisten als gewiß heraus. Und diese Tatsache erschien allen ungemein spaßhaft, wenn man full noch nicht wußte, was nun daraus werden ollte. Als zur Kirche geläutet wurde, sah man den alten Schneider allein aus dem Hofe treten und still und ernst dem Gotteshause zugehen. Weder auf dem Wege noch in der Kirche selbst konnte man an seinem Kopfe die geringste Spur einer Verletzung wahrnehmen; diejenigen, die noch daran gehalten hatten, mußten ihre Meinung verbessern. Von der Kirche ging er erbant und, soweit es seine andächtige Stimmung zuließ, heiter nach Hause. Er war aber zugleich so in sich gekehrt, daß ihn auch nähere Bekannte nur grüßten und nicht zu fragen den Mut hatten. Im Pfarrhause war das Ereignts erst kurze Zeit vor dem Beginn des Gottesdienstes bekannt geworden. Der Grund war, daß sich die Frau Lehrerin am Samstag unpäßlich fühlte, abends nicht mehr ausging und auch am Sonntag erst spät sich erheben konnte. Die Lesart, die durch ein Bauernweib an die Pfarrerin kam, meldete arge Händel zwischen Vater und Sohn, wobei sie sich wechselseitig beschädigten und viele Ge⸗ schirre zugrunde gingen.„Also wieder!“ sagte sich die Frau mit Ernst und Unmut, wie sie allein war.„Nun wird's bald unmöglich, den Skandal vor meinem Mann länger zu verbergen! — Daß er von der letzten Geschichte nichts erfahren hat, ist schon ein Wunder“(übrigens aus dem Charakter des Geistlichen und aus ihren eigenen Vorkehrungen zu erklären). „Aber jetzt, wo die Sache wieder aufgerührt ist, wird am Ende doch etwas an ihn kommen und es wird vielleicht notwendig werden, ihm alles zu sagen. Wollte Gott, das Mädchen hätte mein Haus nie betreten!“— Das Zu⸗ sammenschlagen der Glocken mahnte sie, die sonntägliche Toilette zu vollenden und stch ins Gotteshaus zu begeben. Hier konnte sie von ihrem Stuhl den alten Schneider nicht sehen, und auf dem Heimwege fragen wollte ste nicht; ihre bedenkliche Stimmung erfuhr daher keine Milderung. (Fortsetzung folgt.) M Gemeinnütziges. Schuhwerk geschmeidig zu machen. Das Leder der Schuhe und Stiefel macht man weich und erhält es bei neuem Ansehen, wenn man es an Stelle dev Stiefelwichse mit Glycerin einschmiert. Insbesondere ist dieses Mittel bei neuen, engen Schuhen zu empfehlen, da das nicht leicht austrocknende Glycerin ste auch geschmeidig erhält. Bei älteren Schuhen und Stiefeln wäscht man zuerst die Wichse ab und trägt das Glycerin auf, wenn das Leder noch feucht ist. Splitter. Der Mensch bedarf so unendlich vieler äußerer Vor⸗ und Mitwirkung zu einem leid⸗ lichen Dasein, daß, wenn er der Sonne und der Erde, Gott und der Natur, Vorvordern und Eltern, Freunden und Gesellen immer den gebührenden Dank abtragen wollte, ihm weder Zeit noch Gefühl übrig bliebe, um neue Wohl⸗ taten zu empfangen und zu genießen. Goethe. ** * Man muß nicht durch Gesetze regeln wollen, was die Sitte regelt. 5* 5 Der Charakter ist ein Fels, an welchem gestrandete Schiffer landen und anstürmende scheitern. Kant. 5 Humoristisches. Auch ein Veweis. Bauer:„Unser Bürger⸗ meister ist ungemein beliebt! Ich glaub', wenn's bei dem amal brennet'— kein Mensch im ganzen Dorf tät löschen!“ Der sächsische Geheimrat spricht:„Und woher, meine Herrn, woher gommt denn das ganze sogenannte soziale Elend? Der wiehste Luxus in Zigarren und Lagerbier, die Butzsucht, de außerehelichen Niederginfte, de Brostitution, de erwertriewene Ginder⸗ sterblichkeit!!—— von der verfluchten Sozial⸗ demokratie!!!“ — Geschichtskalender. 6. März. 1886: 3. Sozialistengesetzverlängerung. 1877: Johann Jakoby f. 7. 1901: Grubenunglück auf Zeche„Konsolidation“ bei Gelsenkirchen 10 Tote. 3. 1875: Staatsanwalt Tessendorf löst die soz. Partei auf. 9. 1897: Reichsratswahlen in Wien, soz. Stimmen. 10. 1832: Mazzint, soz. Revolutionär f. 1793: Einsetzung des franz. Revolutionstribunals. ö 11. 1901: Eisenindustrieller Stumm 7. 12. 1898: Genosse Krewinkel, Aachen f. 1. Lesung der Umsturzvorlage. 5—. Zur Beachtung für alle, welche an die Redaktion schreiben. 1. Wenn du etwas einer Zeitung mitteilen willst, tue dies rasch und schicke es sofort ein; denn was neu ist, wenn du es denkst, ist viel⸗ leicht nach wenigen Stunden nicht mehr neu. 2. Sei kurz; du sparst damit die Zeit des Redakteurs und deine eigne. Dein Prinzip sei: Tai sachen, keine Phrasen. 3. Sei klar, schreibe möglichst mit Tinte und leserlich, besonde 8 Namen und Ziffern; setze mehr Punkte als Komma. 4. Schreib nicht„gestern“ oder„heute“, sondern den Tag oder Datum. 5. Korrigiere niemals einen Namen oder eine Zahl; streiche das fehlerhafte Wort durch und schreibe das richtige darüber oder daneben. 6. Die Hauptsache: Beschreibe nie beide Seiten des Blattes. Hundert Zeilen, auf einer Seite geschrieben, lassen sich rasch zer⸗ schneiden und au die Setzer verteilen. 7. Gieb der Redaktion in deinen sämtlichen Schriftstücken Namen und Adresse an. Anonyme Zuschriften kann die Redaktion nie berückfichtigen, 88 000 1895: ——— — — ñ5— Seite 8. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Konsumverein Giessen u. Umgegend. Sonntag, den 6. März d. s., nachm 4 Ahr, Oeffentliche ODolksversammlungen finden statt in folgenden Orten: im„Gambrinus“, Kirchstraße, bei Herrn Albold: ussefoscentlche beneraversammang, Tagesordnung: Bericht über das erste Halbjahr des laufen⸗ den Geschäftsjahres. Verschiedenes. Die Mitglieder und ihre Frauen werden dringend ersucht, rech zahlreich zu erscheinen. Der Vorstand. Heuchelheim, bei Aug. Rinn, Samstag, 5. März, abds. ½9 Uhr. Wieseck, im Gambrinus, Sonntag, 6. März, nachm. 4 Uhr. Gießen, in Lony's Bierkeller, Montag, 7. März, abends ½9 Uhr. ollar, Gasth. Zur Traube, Dienstag, 8. März, abends ½9 Uhr. J Tages⸗Ordnung in allen Versammlungen: „Die sanitären Verhältnisse in den Bäckereien und die Massregelungs- pläne der Giessener Bäckerinnung“. Um zahlreiches Erscheinen bittet Der Vorstand der Zahlstelle Giessen. Julius Philipp Ahrmacher Goldarbeiter Optister giessen, Bahnhofstrasse 56 g. Hochs Nach olger empfiehlt sein reichhaltiges Lager aller Arten Taschenuhren, Regulateure Wand- und Weckeruhren 210 rketten, Gold- u. optische Waren elegenheitskaufl zu Konfirmationsgeschenken sehr geeignet: Herren⸗Remontoir⸗Uhr, Silber, gesclic gestempelt 2 Jahre Garantie, Me. eee Silber, 10 10 gestempelt 2 Jahre Garantie, Mk. 1 Damen⸗Remontoir⸗Uhr, garen erg 2 karat. Gold 2 Jahre Garantie, Mk. Reachten Sie bitte meine. Reparaturen in eigener Werkstatt gut und billigst. 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