. 0 * 1 . le 1 114 Nr. 49. Gießen, den 4. Dezember 1904. 11. Jahrgang. Redaktion: 0 Nedaktionsschlut: Kirchenplatz 11. Schloßgasse. Mitteld eutsche a Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. El Abonnementspreis: Bestellungen 1 Juserate 95 15 Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die ögespalt. usträger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindesteng Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33½ und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Ziele des Sozialismus. Die Sozialdemokratie will die politische Macht erobern, um an Stelle der heutigen ka⸗ pitalistischen Gesellschaftsordnung die soziali⸗ stische Gesellschaft zu setzen und damit die durch die heutigen Verhältnisse geschaffenen Mißstände zu beseitigen. Ueber dieses Ziel und nicht minder auch darüber, warum der Sozialismus die erstrebenswerte Gesellschaftsform ist, Klar⸗ heit zu verbreiten, muß die Hauptaufgabe un⸗ serer Agitation sein. Unser französischer Parteigenosse Jean Jauréès hat kürzlich in seinem Buche„Sozialistische Studien“ über die Ziele der Sozialdemokratie folgende klaren und treffenden Ausführungen gemacht: Die sozialistische Idee ist klar und edel. Wir erkennen, daß die gegenwärtige Form des Eigen⸗ tums die heutige Gesellschaft in zwei Klassen teilt und die eine dieser Klassen, diejenige der Proletarier, um leben, um ihre Fähigkeiten in etwas betätigen zu können, genötigt ist, eine Art Tribut an die besitzende Klasse zu zahlen. Da haben wir eine Menge menschlicher Wesen, Staatsbürger: ste besitzen nichts. Sie können nur von ihrer Arbeit leben, und da sie, um zu arbeiten, kostspielige Werkzeuge benötigen würden, die sie nicht besttzen, da sie Rohstoffe und Vor⸗ schüsse haben müßten, die sie ebenfalls nicht haben, so sind sie gezwungen, sich in den Dienst der anderen Klasse zu stellen, die über die Produktionsmittel, den Boden, die Fabriken, die Maschigen, die Rohstoffe und angehäuften Barmittel verfügt. Und die Klasse der Kapt⸗ talisten und Grundeigentümer macht natürlich von ihrer Macht Gebrauch und erhebt von der besitzlosen Klasse einen reichlichen Zins. Sie beschränkt sich nicht darauf, die geleisteten Vor⸗ schüsse zurückzuverlangen und die Werkzeuge amortisieren zu lassen. Sie erhebt auch zum voraus von den Erzeuguissen der Fabrik- und Feldarbeit jedes Jahr und auf unabsehbare Zeit einen beträchtlichen Anteil: Pachtgeld, Bodenrente, Mietztus für städtische Grundstücke, Zinsen der Staatsschuld, Ertrag der Aktien und Obligationen, industriellen und lommer⸗ ziellen Unternehmergewinn. 5 Demnach erhalten in der heutigen Gesell⸗ schaft die Besitzlosen nicht ihren vollen Arbeits⸗ ertrag. Und da in unserer auf intenstver Produktion begründeten Gesellschaft die wirt⸗ schaftliche Belätigung eine wesentliche Funktion jedes menschlichen Weseus ist, da die Arbeit ein wesentlicher Bestaudteil der Persönlichkeit ist, so gehören die Proletarier nicht völlig stch selbst an. Sie veräußern einen Teil ihres Wesens zum Vorteil einer anderen Klasse. Das Meuschenrecht ist also in ihnen unvoll⸗ ständig und verstümmelt. Sie können keine Lebensbetättgung mehr vornehmen, ohne dieser Beschränkung des Rechts, dieser Veräußerung ihrer Person unterworfen zu sein. Kaum find sie aus der Fabrik, aus dem Bergwerk, von der Schiffswerft, wo sie einen Tetl ihrer Krafte zurückgelassen haben, um Dividende und Gewinne zu schaffen, zurückgekehrt in ihre ärmliche Behausung, wo ihre Familie einge⸗ pfercht ist, so warten ihrer neue Besteuerung, neue Auflage, um die Miete zu beschaffen. Zugleich beschneidet die Staatssteuer in all ihren Formen, die direkte und die indirelte Steuer, ihr schon zweifach beschnittenes Einkommen, Oberhoheit einer Klasse muß also gebrochen nicht allein um Ausgaben für Kulturzwecke und gemeinsame Interessen zu decken, sondern um den drückenden Zinsendienst zum Vorteil eben dieser besitzenden Klasse zu sichern, oder um ungeheuere und überflüssige Heere zu unter⸗ halten. Und wenn schließlich der Besitzlose mit dem Rest seines so beschnittenen Lohnes das nötige für seinen Lebensunterhalt beschaffen will, so wendet er sich entweder, wegen Mangels an Barmitteln, an den Groß⸗ oder Klein⸗ händler und hat so die Uebervorteilung durch eine ganze, von Mittelspersonen wimmelude Organisation zu erleiden. Wie die Landstraße in der Feudalzeit fast auf jeden Schritt von Brückenzoll⸗ und Wegegeldzahlstellen unter⸗ brochen und gesperrt war, so ist der Lebensweg des Besitzlosen versperrt durch Abgabe⸗ pflichten jeder Art, die das Kapital ihm auferlegt. Er kann weder arbeiten, noch si ernähren, noch sich kleiden oder Unterhalt finden, ohne der kapitalistischen und besitzenden Klasse eine Art Lösegeld zu zahlen. Er wird nicht nur in seinem eigensten Leben, sondern auch in seiner Freiheit beschränkt. Damit die Arbeit wirklich frei wäre, müßten alle Arbeiter zur Teilnahme an der ökonomischen Leitung der Werkstatt berufen sein, wie sie durch das Wahlrecht an der politischen Leitung der Gesamtheit beteiligt sind. Heute aber spielen die Proletarier in der kapitaltstischen Organi⸗ sation der Arbeit eine passtve Rolle. Sie ent⸗ scheiden nichts, sie helfen nicht mitbestimmen, welche Arbeit getan und wie sie unter die vorhandenen Kräfte verteilt werden soll. Ohne ste zu fragen, ja, oft ohne daß sie es wossen, schafft das durch ihre Arbeit entstandene Kapital ein Unternehmen oder gibt es auf. Ste sind die Handlanger des kapitalistischen Systems, nur verpflichtet, die Pläne auszu⸗ führen, die das Kapital allein entwirft. Die vom Kapital geplanten Unternehmungen werden unter der Leitung vom Kapital eingesetzter Chefs durch die Proletarier ausgeführt. So beutet das kapitalistische System die Arbeitskraft des Arbeiters aus und beschränkt dadurch seine Freiheit. So wird die Persönlichkeit des Proletariers, wie sein Lebensunterhalt, herab⸗ gedrückt. Aber das ist noch nicht alles. Die kapita⸗ listische und besitzende Klasse bildet nur gegen⸗ über den Lohnarbeitern eine Klasse. Sie ist in sich selbst geteilt und durch die schärfste Konkurrenz zerrissen. Sie ist nicht dazu ge⸗ kommen, sich zu organisieren und infolgedessen die Produktion nach dem wirklichen Bedürfnis der Gesellschaft zu regeln. In dieser anarchischen Unordnung gelangt sie erst zum Bewußtsein ihrer Irrtümer vurch Krisen, deren schreckliche Folgen oft das Proletariat trägt. Durch eine ungeheuere Ungerechtigkeit werden somit die Proletarier sozial verantwortlich für den Gang der Produktion, den ste auf keine Weise zu bestimmen haben. Nicht frei und doch verant- wortlich, nicht befragt und doch bestraft werden — das ist das widersinnige Geschick der besitz⸗ losen Arbeiter in der kapitalistischen Unordnung. All diese Not, alle Ungerechtigkeiten und Unordnungen kommen nur daher, daß eine Klasse die Produktioas⸗ und Lebensmittel im Besitz hat und ihre Gesetze einer anderen Klasse und der ganzen Gesellschaft diktiert. Diese werden. Die unterdrückte Klasse und damit zugleich die ganze Gesellschaft muß befreit werden. Der Klassenunterschied muß aufgehoben werden, indem man der Ge⸗ samtheit der Volksgenossen, der organisterten Gemeinschaft, den Besitz der Lebens⸗ und Pro⸗ duktionsmittel überträgt, die heute in Händen einer Klasse Mittel zur Ausbeutung und Unter⸗ drückung sind. An Stelle der anarchischen und mißbräuchlichen Herrschaft einer Minderheit muß die allgemeine Genossenschaft der vereinigten Bürger gesetzt werden mit dem allgemeinen Besitz der Mittel zur Arbeit und zur Freiheit. Das ist das einzige Mittel, die Menschheit zu befreien. Und deshalb ist es das Hauptziel des kommunistischen Sozialismus, das kapita⸗ listische Eigentum in ein gesellschaft⸗ liches Eigentum zu verwandeln. In dem gegenwärtigen Zustand der Mensch⸗ heit, wo es nur nationale Organismen gibt, wird das soziale Eigentum die Gestalt des nationalen Eigentums haben. Das Vorgehen der Arbeiterklasse wird immer mehr und mehr international sein. Die verschtedenen Nationen werden auf dem Wege der Entwick⸗ lung zum Sozialismus ihre gegenseitigen Be⸗ ztehungen mehr und mehr in Frieden und Ge⸗ rechtigkeit ordnen. Aber die Nation wird noch auf lange Zeiten hinaus den historischen Rahmen des Sozialismus abgeben, die Form der Ein⸗ heit liefern, in der die neue Gerechtigkeit ge⸗ gossen wird. Man wundere sich nicht, daß wir, nachdem wir zuerst die Freiheit der menschlichen Person verlangt haben, die nationale Gemeinschaft in Aktion treten lassen. Nur die Nation kann allen die Mittel zur freien Entwicklung bieten. Die einzelnen, die kleinen, vorübergehenden Organi⸗ sationen vermögen nur zeitweise kleine Gruppen bon Individuen zu beschützen. Aber es gibt nur eine allgemeine und beständige Organisation, die die Rechte aller Individuen ohne Ausnahme, und nicht nur der lebenden, sondern der noch kommenden Generattonen zu sichern imstande ist. Und diese allgemeine, unvergängliche Organi⸗ sation, die auf einem bestimmten Teil des Planeten alle Individuen umfaßt— und die ihr Werk und ihre Gedanken auf die nachfol⸗ genden Generationen erstreckt, das ist die Nation. Wenn wir uns auf die Nation berufen, so deshalb, um die Allgemeinheit und Vollkommen⸗ heit des individuellen Rechts sicher zu stellen. Niemand darf der Gefahr ausgesetzt sein, der Raub oder das Instrument eines andern Menschen zu werden. Niemand darf der posi⸗ tiven Mittel beraubt sein, frei, ohne knechtische Abhängigkeit, von wem auch immer es sei, zu arbeiten. Bei der Nation findet das Recht aller Individuen heute, morgen und alle Tage seine Gewährleistung. Und wenn wir der nationalen Gemeinschaft das übertragen, was das Eigen⸗ tum der kapitalistischen Klasse war, so geschieht es nicht, um der Nation die Freiheit der Einzel⸗ personen zu opfern. Im Gegenteil, nur damit sie die Basis für alle persöulichen Betätigungen wie für alle individuellen Rechte abgeben soll. Das soziale, das nationale Recht ist für uns nur der Inbegriff der Rechte aller Gesellschafts⸗ alierer. Das soziale Eigentum ist nur das Mittel, das allen zur Verfügung steht. 5 —— Zahlen mittellen. Seite 2. Mitte Ibentsche Sonniads- Reitung N. 40. Aus dem Reichsetat. Am Dienstag hat der Reichstag wieder mit seinen Arbeiten begonnen, nachdem er am 16. Junt in die Ferien gegangen war. Sofort ist ihm auch der Reichshaushaltsetat zu⸗ gegangen und es wird für unsere Leser nützlich und interessant sein, wenn wir daraus einige Wir bitten nur, dieselben recht aufmerksam zu studieren. Zuerst die Schlußziffern. Sie zeigen uns, daß das Reich eine ganz unheimliche Pumpwirtschaft treibt. Ein Privatmann würde unter gleichen Verhältnissen unbedingt den Bankerott ansagen müssen. Der Etat bilan⸗ ziert in Einnahme und Ausgabe mit einer Summe von 2241561850 Mk. Davon entfallen 1945 247745 Mk. auf den ordent⸗ lichen, 296 313105 auf den außerordentlichen Etat.— Zur„Bestreitung einmaliger außer⸗ ordentlicher Ausgaben“ soll der Kanzler er⸗ mächtigt werden 293057772 Mk. im „Wege des Kredits“ flüssig zu machen, d. h. zu pumpen.— Zu den„einmaligen außerordentlichen Ausgaben“, die sich gegen das Vorjahr um rund 127 Millionen ver⸗ mehrt haben, sind aber nicht nur die Kosten der südwestafrikanischen Expedition abgeschoben worden, die bisher im ordentlichen Etat geführt wurden, sondern auch das Defizit des wirklichen ordentlichen Etats soll mit einem Teil von ihnen gedeckt werden. Die Zuschußanleihe für den ordent⸗ lichen Etat beträgt diesmal 51 Millionen und übersteigt damit alle Vorgängerinnen. Das Verfahren, Mittel des ordentlichen Etats durch Pump aufzubringen, bedeutet dasselbe wie wenn eine Hausfrau Schulden machen muß, um Brot ünd Kartoffeln einkaufen zu können. Die Deckung des„ordentlichen“ Defizits durch Pump verstößt gegen alle Regeln einer ver⸗ nünftigen Finanzpolitik. Darüber sind bisher 0 Lehrer der Finanzwissenschaft einig ge⸗ wesen. Die Deckung des„ordentlichen“ Defizits verstößt gegen die Reichsverfassung und gegen die„Finanzreform“, die erst in diesem Jahre gemacht worden ist. Die 51 Millionen müßten rechtmäßig von den Bundesstaaten be⸗ zahlt werden— die erklären sich aber dazu auzerstande.— Als im Jahre 1902 zum erstenmal die neuerfundene„Zuschußanlethe“ in einem Etatsentwurf erschien, da erklärte der Redner der herrschenden Zentrumspartet, von dergleichen könne nun und nimmer die Rede sein, das widerspreche allen Regeln eines vernünftigen Staatshaushaltes, treibe das Reich in die allerschlimmste Schuldenwirtschaft hinein, man begebe sich damit auf eine schlefe Ebene, auf der es kein Halten mehr gäbe. Es gibt auch kein Halten mehr auf ihr! Neue Millionenforderungen für Heer und Flotte sind im Haushaltsplan für 1905 nicht unbe⸗ deutende enthalten. 15 Milltonen mehr sollen die ordentlichen fortdauern⸗ den Ausgaben für das Heer erfordern. Der außerordentliche Militäretat fordert 41,7 Mill. mehr. Die gesamten Mehrforderungen des Militarismus für 1905 betragen daher rund 53 Millionen. Die Mar ine fordert an einmaligen ordent⸗ lichen Ausgaben mehr 10,6 Millionen, an fort. dauernden ordentlichen Mehrausgaben 5,9 Millionen, an außerordentlichen mehr 6,2 Mil⸗ lionen in Summa 22,7 Millionen. Die fortdauernde Mehrbelastung beträgt also 20,9 Millionen, die einmalige ordentliche 7,6 Millionen, die außerordentliche rund 48 Millionen. Insgesamt fordern Mari⸗ nismus und Militarismus für 1905 70 Millionen mehr als für 1904! Die großen Mehrausgaben für das Heer erklären sich daraus, daß eine Erhöhung der Friedenspräsenzstärke, wie die An⸗ schaffung neuer Handwaffen von der Reglerung verlangt wird. Dagegen will ste sich zu der ge⸗ setzlichen Festlegung der zweijährigen Dienstzelt verstehen, was längst hätte gescheheu sollen. Die Friedenspräsenzstärke soll um nicht weniger als 10339 Mann erhöht werden und vom 1. April 1905 ab 505839 Maun betragen. Die Kostenrechnung für diese Ver⸗ mehrungen beträgt nicht weniger als 62,1 Millionen an einmaligen und knapp 12 Mill. an fortdauernden, alljäbrlich wiederkehren⸗ den Ausgaben. Diese neuen schweren Lasten soll der Reichstag dem Volke aufhalsen, um dafür die Festlegung der zweijährigen Dienstzeit einzuhandeln! Bei den früheren Kämpfen um die Heeresvermehrungen hat die Sozialdemo⸗ kratie stets ihren grundsätzlichen Charakter fest⸗ gehalten und gegen die neuen Forderungen des Militarismus, ganz besonders auch gegen die Preisgabe parlamentarischer Grundrechte durch Festlegungen für viele Jahre gekämpft. Ihre Wahlkämpfe hat sie im Zeichen neuer Militärvorlagen geführt, im Kampf gegen Septennate und Quinquennate ist sie geworden, was ste heute ist. Als ein kleines Häuflein, und unter viel ungünstigeren Umständen als heute hat sie diesen Kampf zähe geführt und ihr gilt auch noch heute der alte Kampfruf: Diesem System keinen Mann und keinen Groschen! Für die afrikanischen Sandwüsten werden natürlich ebenfalls nicht zu bescheidene Forderungen erhoben. Hundertdreiund⸗ dreißig Millionen Mark kostet bisher der Feldzug um die Erhaltung der feinen südwest⸗ afrikanischen Kolonte, die wie alle übrigen stets nur Opfer gekostet hat und immer weitere kosten wird. Zehn Millionen sind vom Reichstage bereits vor seiner Vertagung bewilligt worden. Entgegen den feierlichen Versprechungen des Reichskanzlers hat dann die Reglerung ohne den Reichstag zu fragen, darauflos gewirt⸗ schaftet und 76 ¼ Millionen mehr ver⸗ braucht, als bewilligt worden sind. Diese werden jetzt nachträglich gefordert. Und außerdem werden noch 46 ½ Millionen auf neue Rechnung für das Jahr 1905 gefordert! Niemand weiß, ob man damit auskommen wird, am wenigsten die verantwortliche Reichsregierung. Man kann im Gegenteil getrost jede Wette dasauf eingehen, daß noch eine ganze Anzahl von Millionen zur Verteidigung der„deutschen Ehre“ in Südwest⸗ afrika verpulvert werden. Das ganze südwest⸗ afrikanische Heldenstück hat dem arbeitenden Volke wieder ungeheuere Lasten auferlegt und die deutsche Ehre eher geschädigt als ihr genützt. Raubgterige Ausbeuter haben die armen und friedlichen Eingeborenen zur Empörung getrieben und das deutsche Volk hat den Schaden in jeder Beziehung davon! Politische Rundschau. Gießen, den 1. Dezember 1904. Von einer„verkrachten sozialdemokra⸗ tischen Gründung“ wissen die Ordnungs blätter ihren Lesern wieder einmal zu erzählen. Es handelt sich um den Konsum⸗Verein Leipzig⸗Connewitz— nicht zu verwechseln mit dem großen Verein Leipzig⸗Plag witz— der seine Auflösung be⸗ schlossen hat. Der Fall liegt sehr einfach, der Aufsichtsrat ist von einem unzuverlässigen Ge⸗ schäftsführer getäuscht worden. Auf Grund einer von der Geschäftsleitung vorgelegten Bi⸗ lanz, die einen Gewinn von etwa 115000 Mt. auswies, hatte eine Generalversammlung am 1. Oktober beschlossen, 9 Proz. Einkaufsdividende zu zahlen. Zur Ausführung dieses Beschlusses kam es aber nicht, denn der Gewinn war gar nicht vorhanden. Die Verwaltung hatte eine falsche Bilanz vorgelegt, und der Aufsichtsrat hatte sich vom Geschäftsführer Bock täuschen lassen, der die Bestände der Fleischerei zu hoch angesetzt hatte, weil er sich offenbar scheute, einzugestehen, daß kein verteilungsfähiger Ge⸗ winn vorhanden war. Der Aufsichtsrat hat nun eine neue 00 aufgestellt, die nur einen Gewinn von 8314 Mk. ergibt. Unter bilanz ist also nicht vorhanden. In der neuen Generalversammlung, der unter anderem auch ein Vertreter der Groß⸗ einkaufsgesellschaft, ein Vertreter des Konsum⸗ vereins Leipzig⸗Plagwitz und ein Bücherrevisor beiwohnten, wurde sehr eingehend über die Lage des Vereins verhandelt. Es wurde ge⸗ wünscht, daß der Plagwitzer Verein den Conne⸗ witzer mit Aktiven und Passiven übernehmen solle. Der Vertreter des Plagwitzer Vereins erklärte jedoch, daß sein Verein nur das Material- und Schnittwarenlager übernehmen wolle, die Fleischerei und die Grundstücke jedoch nicht. Dann wurde beschlossen, den Geschäftsführer zu entlassen, ihn sowie die Gesamtperwaltung für etwaige Verluste haftbar zu machen und von den Aussichtsratsmitgliedern die Remuneration zurückzufordern. Es wurde daranf die Liquidation beschlossen und die Liquidatoren gewählt. Die Versamm⸗ lung verlief durchaus ruhig und die Mitglieder werden die an ste gerichtete Mahnung, ruhige Haltung zu bewahren, beherzigen. Es hat übrigens auch kein Mensch etwas eingebüßt, es können nur für dieses Jahr keine Dividenden ausgezahlt werden. Der Ueberschuß, welcher vom Geschäftsführer mit 115000 Mk. angegeben. wurde, beziffert sich nur auf zirka 8300 Mk. Das der einfache Tatbestand. Ordnungs⸗ parteiliche Blätter benutzen diesen Vorfall, um mit Behagen ein Bündel Lügen anzubringen und ihren Lesern von„sozialdemokrattscher Mißwirtschaft“ und so weiter vorzuschwafeln. Auch das antisemitische Papier in Friedberg schwätzt von einer verkrachten sozialdemokrati⸗ schen Unternehmung und fälscht den Bericht über die Versammlung noch ein bißchen schauer⸗ licher zurecht. Gerade die Antisemiten sollten nicht von verkrachten sozialdemokratischen Grün⸗ dungen reden, denn die verkrachten antisemi⸗ tischen Gründungen sind kaum noch zu zählen. Der frühere„hessische Bauernkönig“ Otto Böckel, der jetzt so stumm geworden ist, kann darüber sehr viel erzählen. Das Unternehme der „Deutschen Wacht“ in Dresden mit dem Vor⸗ sitzenden der deutschen Reformpartei, Oswald Zimmermann als„Direktor“ und Chefredakteur stand ja auch schon einmal vor dem Bankrott.“ Die Schweriner Wahl. Nach dem amtlichen Resultat der Ersatzwahl für den Kreis Schwerin⸗Wismar hat Stichwahl zwischen dem Nationalliberalen Büsing und unserm Genossen Antrick stattzufinden. Letz⸗ terer erhielt 10590 Stimmen, Büsing 7036 und der Konservative Dade 7033. Verglichen mit dem Ergebnis der Hauptwahl von vorigem Jahre hat unsere Partei 210 Stimmen ge⸗ wonnen. Es ist also wieder nichts mit dem berühmten„Niedergang der Sozialdemokratie“, den die Gegner unberdrossen behaupten. Trotz der brutalen Mittel, welche die Gegner in diesem Wahlkampfe anwandten, hielten die Wähler treu zur roten Fahne. Die andern Parteien haben zwar auch eine Zunahme zu verzeichnen und zwar eine solche von 572 Stimmen. Das kommt durch die außergewöhnlich starke Wahl- beteiligung, die etwa 93 Prozent betrug; in vielen Orten hatten bis Mittag schon sämtliche Wähler ihre Stimmen abgegeben!— Die Stich⸗ wahl ist bereits für 2. Dezember festgesetzt. Von Gemeindewahlen ist noch aus verschiedenen deutschen Städten zu berichten. In Magdeburg wurden in den Vorstädten Neustadk und Sudenburg die bet den sozialdemokratischen Kandidaten Beims und Hennig gewählt. In der Altstadt unter⸗ lagen unsere Kandidaten, doch haben unsere Stimmen eine ganz erfreuliche Zunahme auf zuweisen.— In Solingen wurden, bei den⸗ Stadtverordnetenwahlen der dritten Abteilung die vier sozialdemokratischen Kandidaten mit je rund 1800 Stimmen gewählt; die Kandidaten der vereinigten Bürgerparteien brachten es auf rund je 1100 Stimmen. Von den 30 Stadt⸗ verordneten sind jetzt 8 Soztaldemokraten.— Bei zwei Ersatzwahlen in Berlin wurde im 22. Bezirk das Mandat von unserm Genossen Wengels erobert, im 30. Bezirk kommt unser Genosse Sassenbach mit einem Freistunigen in Stichwahl.— Die Stichwahlen in Frankfurt brachten uns nur noch ein einziges Mandat, obwohl unsere Partei an elf Stichwahlen beteiligt war. Man konnte ein besseres Ergebnis allerdings kaum erwarten. 1 li⸗ . el, her der l⸗ ld eur ot. ahl 1 d Ind nt em ge⸗ en , 103 sei ler tien nen das ahl⸗ 0 lic⸗ u bel n r er auf dell⸗ fung lt abel auf abt il. gen 5 5 eil ll ——— b ̃ b——»— Nr. 49. Witteldentsche Sonutags⸗Zeitung. Seite. Unsern Genossen gelang es aber zwei bisherige Stadiverordnete, die sich stets— in 7 Beziehung arbeiterfeindlich zeigten, Rechtsan⸗ walt Geiger und Bauunternehmer Lüscher hin auszuwählen. Leider wurde im Bahnhofs⸗ viertel auch der Antisemit Laaß gewählt. Im Bornheimer Bezirk wurde der Genosse Hütt⸗ mann mit 1340 Stimmen gegen den Nat onal⸗ liberalen Aepfelwein⸗ Produzenten Rackles 1063 Stimmen) gewählt. Die Niederlage von eiger, Lüscher und Caspart wird in unsern Genossenkreisen allgemein mit Genugtuung auf genommen. Der„freisinntge“ Rechtsanwalt Geiger, der schon seit 25 Jahren der Stadt⸗ verordneten⸗Versammlung angehört, bekämpfte unsern Genossen Quarck stets am unanständigsten. Daß aber in Frankfurt ein Antisemit der rück⸗ ständigsten Sorte in die Stadtvertretung gelangt, ist für das dortige Spießertum außerordentlich bezeichnend und im Interesse der Stadt jeden⸗ falls noch mehr zu bedauern, als die Rieder⸗ lage Geigers zu begrüßen ist. Der Pückler⸗ jünger wird sich allerdings bald genug abge⸗ wirtschaftet haben!— In Bingen a. Rh. siegte die Zentrumsliste über diejenige der übrigen Parteien mit knapp 100 Stimmen Mehrheit. — In Dresden siegte am Mittwoch leider wieder der antisemitisch⸗konservative Mischmasch. Die sozialdemokratische Liste hatte 4000 Stim⸗ men Zunahme zu verzeichnen. Wie bürgerliche Stadtväter mit den Gemeindegeldern wirtschaften. Ju Bromberg begeht das Grenadier⸗ regiment zu Pferde Freiherr v. Derfflinger am 16. Dezember sein zweihundertjähriges Regi. mentsjubiläum in Gegenwart des Kaisers. Auf Antrag des Magistrats bewilligte die dortige Stadtverordnetenversammlung zur Ausschmück⸗ ung und Illumination der Stadt einen Betrag von 30000 Markl! Ein ähnlicher Fall wird von dem Kreistag des Kreises Ahaus(Westfalen) mitgeteilt. Derselbe bewilligte die Mittel für ein Prunk⸗. geschenk zur Hochzeit des Kronprinzen. Kurz vorher hatte derselbe Kreistag aber den Antrag des Amtmännes und Pfarres von Sttenstein um Gewährung einer Unterstützung für zwölf durch Brandunglück geschädigte Familien abgelehnt! Das kommt selbst dem„Gieß. Anzeiger“ so widerspruchsvoll vor, daß er diese Mitteilung unter der Spitzmarke „Sonderbar!“ abdruckt. Oder ist ihm nur die Scheere ausgerutscht? Ein Streik⸗Drama. Vor dem Gericht in Cluses(Städtchen im franz. Departement Obersavoyen mit bedeutender Uhrenindustrie) hatten sich vier Söhne des Fabri⸗ kanten Crettiez wegen Totschlags zu verant⸗ worten. Gelegentlich des Streiks der Uhrarbeiter hatten die Burschen ohne Ursache von den Fenstern ihres Wohnhauses auf den Zug der Arbeiter geschossen, drei Arbeiter getötet und mehrere verwundet. Auf der andern Seite waren angeklagt sechs Arbeiter, die bei dem infolge der Handlungsweise der Fabrikanten⸗ söhne entstandenen Tumult in dem Hause des Fabrikanten geplündert haben sollen. Die Verhandlungen verliefen durchweg günstig fur die Arbeiter. Das Gericht sprach sie frei, dagegen wurden drei der Brüder Crettig wegen Totschlags zu je einem Jahre, einer zu 8 Monaten Gefängnis verurteilt. Außerdem wurde den Verurteilten solidarisch eine Ent⸗ schädigung von 12700 Franks auferlegt.— Gewiß ein mildes Urteil, aber in Deutschland wäre es sicher für die Fabrikanten noch milder, für die Arbeiter aber bestimmt schlechter aus⸗ gefallen. Nussisch⸗japanischer Krieg. — Vor Port Arthur. Nach japa⸗ nischen Mitteilungen über die Kämpfe um die Festung gelang es den Japanern in heftigen Sturmangriffen unter bedeutenden Verlusten mehrere wichtige Forts zu nehmen. In der Mandschure' ist der Winter mit voller Strenge eingetreten. Die Flüsse sind fest zugefroren. Etwa 30 Kilometer im Umtreise von Mukden joll die ganze Gegend von den Russen total ausgesaugt sein, die alle Kohlen⸗ und Getreidevorräte requirierten. Die Dörfer verschwinden sehr schnell vom Erdboden. — Es läßt sich sehr leicht denken, daß die Russen hier die„Kulturarbeit“ gründlich be⸗ sorgen! Russische Deserteure melden sich, wie der„Frkftr. Ztg.“ aus Wien berichtet, täglich auf dem dortigen Konsulat, mit der Bitte um Aufnahme in die japanische Armee. —— Reichstag. Am Dienstag Nachmittag eröffnete der Präsident Ballestrem die Verhandlungen mit einer Ansprache an die Abgeordneten, in der er sie ersuchte, immer recht zahlreich zur Stelle zu sein. Es kamen dann Petitionen zur Beratung. Zuerst solche um Aenderung des Fleisch⸗ beschaugesetzes. Dazu ergriff als erster Redner unser Genosse Scheidemann das Wort, der in frischer und lebhafter Weise mit den Agrariern abrechnete, die das Gesetz als Mittel zur Preistreiberei benutzen wollen. Scheidemann betonte zunächst, daß es sich bei diesem Gesetz um außerordentlich wichtige Dinge dreht. Doch beständen über die Aufgaben des Gesetzes Meinungs⸗ verschiedenheiten. Die Parteien der Linken sind über⸗ zeugt, daß das Gesetz lediglich als sanitäres gehand⸗ habt werden darf, während man auf agrarischer Seite das Gesetz benutzen will zur Fernhaltung der ausländi⸗ schen Konkurrenz auf den Viehmärkten. Nach der Meinung der Agrartier, die im Frühjahr Herr Held vertrat, ist unser nationales Vieh gesund, die deutsche Landwirtschaft lann den heimischen Bedarf decken. Im weiteren zerzauste Scheldemann gründlich diese und ähnliche agrarische Phrasen, die bei Beratung dieses Gegenstandes von Antisemiten, Zentrümlern ꝛc. verzapft worden waren, geiselte das Bestreben der Agrarier, die Untersuchung des vom Lande in die Städte eingeführten minderwertigen Fleisches zu beseitigen. Es steht fest, daß sich ein großer Teil des vom Lande in die Stadt als gesund gelieferten Fleisches bei der zweiten städtischen Untersuchung als verseucht erweist. Es ist also böchst gefährlich, diese zweite Untersuchung abzuschaffen. Reichsgesetzlich be⸗ trachtet. ist der Beschluß des preußischen Landtages, der diese zweite Untersuchung abschafft, direkt ungesetzlich. Eine politische Freibank, in der nicht ladenreine, volksschädliche Gesetze gemacht werden, das ist das preußische Abgeordnetenhaus!(Für diesen Ausdruck zog sich der Redner einen Ordnungsruf zu.) Was die Agearier mit dem Gesetze wollten, schloß unser Genosse unter dem Beifall der Linken, ist nichts Anderes, als alle auswärtige Konkurrenz einfach zu beseitigen, um dann beliebig die Preise zu bestimmen. Das wun⸗ dert mich auch weiter nicht von den Agrariern; Alles, was mich wundert, ist die unbegrenzte Langmut des deutschen Volkes gegenüber den agrartschen Unverschämt⸗ heiten. Aber die Sozialdemokratie wird endlich mit dieser Junkersippe fertig werden. Gegen Scheidemann rückte eine ganze Kolonne agra⸗ rischer Redner heran, an der Spitze der antisemitische „Stern“ Reventlow, ein eingebildeter Wichtigtuer, aber unser Redner fertigte alle Angriffe mit Leichtigkeit ab. Dann kam eine Petition auf Einführung des Be⸗ sähigungsnachweises an die Reihe, wozu der Zentrums⸗ mann Erzberger und der Antisemitrich Raab lange Reden hielten. Ihnen antwortete unser Genosse Bö mel⸗ burg mit einer wirkungsvollen Kritik der zünftlerischen Bestrebungen. Am Mittwoch wurde die Mittelstandsrettung noch weiter und zwar mit dem gleichen Erfolge fort⸗ gesetzt. Es wurde die ganze Sitzung hindurch über eine Erweiterung des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb debattiert, ohne daß von den paten⸗ tierten Mittelstandsrettern etwas für den Mittelstand Nützliches vorgebracht worden wäre. Von Aah und Lern. Hessisches. Aus dem he ssischen Landtage. Das Schlachtvieh-Versicherungs⸗ gesetz wurde in der Sitzung vom Donnerstag nach dem Ausschußantrage angenommen. Es bestimmt im Wesentlick en, daß der Versicherung alles in Hessen zur Schlachtung kommende Rindvieh im Alter von mehr als drei Monaten unterliegt, wenn die Schlachtung eine gewerb⸗ liche ist oder das Tier in Folge eines Unglücks⸗ falles sofort getötet werden mußte. Von der Versicherung ausgeschlossen sind Tiere, die dem Reiche oder einem Bundesstaate angehören, ferner solche, die bereits nach ihrem Zustande vor der Schlachtung als zum Genusse für Menschen e anzusehen sind oder die innerhalb eines Monats vor der Schlachtung aus einem anderen Staate eingeführt sind. Gegen die Sozialpolitik unternahmen hierauf die Bauernbündler einen Vorstoß, holten sich damit eine gründliche Niederlage. Nach alter Schablone reden diese Leute von „übertriebener Sozialpolitik“, welche das Klein⸗ gewerbe ruiniere. Die Bündler Erk und Brauer hatten einen Antrag gestellt, der die Regierung ersucht, dahin zu wirken, daß Bestimmungen über Sonntagsruhe und Nachtarbeit im Müllereigewerbe nur auf Dampfmühlen, nicht aber auf die Mühlen, die durch unregel⸗ mäßige Wasserkraft betrieben werden und drei oder weniger Arbeiter beschäftigen, zur Anwen⸗ dung kommen. Ministerialrat Braun wies den Antragstellern nach, daß ste im Begriffe seien, von den Behörden zu fordern, die Beamten zu einem sogar strafrechtlich verfolgbaren Vor⸗ gehen zu veranlassen. Das könnten ste doch wohl kaum ernstlich von der Regterung ver⸗ langen. Brauer warf der Regterung vor, ste kenne die Verhältnisse in den kleinen Mühlen nicht und lasse es überhaupt in jeder Beziehung an einer genügenden Berücksichtigung des Klcin⸗ gewerbes fehlen. Von der Regierung werde Volksverhetzung betrieben! Staatsminister Rothe und Ministerialrat Braun wiesen die plumpen und unmotivierten Angriffe mit Ent⸗ schiedenheit und in sichtlicher Erregung zurück. Letzterer wies den Bauernbündlern nach, daß ste die gesetzlichen Bestimmungen kritisterten, ohne ste überhaupt zu kennen. Wenn es nach dem Willen jener Herren ginge, wären die Arbeiter im Müllereigewerbe schutzlos der Willkür ihrer Arbeitgeber ausgeliefert. Den Rückgang der kleineren Müllereibetriebe auf die Einführung sozialpolitischen Maßnahmen zu ück⸗ zuführen, sei einfach lächerlich. Aus dem Rechte des Arbeiters auf Besserung seiner so⸗ zialen Verhältnisse entspringe die Pflicht des Staates, einzugreifen und zu helfen. Für solche Gesinnung muß sich nun die Regierung den Vorwurf gefallen lassen, sie betreibe Voltsver⸗ hetzung. Derartige unerhörte Angriffe verbitte ich mir auf das Allerentschie denste. Ich über⸗ lasse dem ganzen Lande das Urteil, wer die Verhetzung des Volkes betreibt, ob die Regier⸗ ung oder der Abg. Brauer und seine Freunde. Die Rede des Regierungsvertreters blieb auf das Haus nicht ohne Eindruck. Dann führte Genosse Ulrich noch den Herren eindringlich vor, wie wencg eigentlich für wirklichen Arbeiter⸗ schutz getan werde. Er lache darüber, wenn mau ihn(Ulrich) einen Hofsozialdemoklaten nenne, freue sich aber, wenn die Regierung etwas tue, worin er sie unterstützen könne.— Die Bauernbündler standen da, wie begossene Pudel und änderten ihren Antrag dahin, die Regierung möge erwägen, wie die Härten, die im Müllereibetriebe durch die gesetzlichen Be⸗ stimmungen hervorgerufen seien, sich beseitigen lassen. Dieser veränderte Antrag wurde gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und Frei⸗ sinnigen mit schwacher Mehrheit augenommen. Und diesen plumpen Angriff, der so recht die Rückständigkeit dieser Gesellschaft kennzeichnet, nennt das Friedberger Antisemitenorgan „Morgenluft im Landtag“! Cloakenduft wäre wohl richtiger.. — In Mainz wurden am Sonntag die Wahlen der Vertreter zur Generalversammlung der Ortskrankenkasse vorgenommen. Auf der Arbeitnehmerseite erhielt die Liste bes Ge⸗ werkschaftskartells 2037 Stimmen gegen 952 vor drei Jahren. Die Liste der christeich⸗ nationalen Kandidaten erhielt nur 411 Stimmen, trotzdem von dieser Seite gewaltige Anstreng⸗ ungen gemacht wurden. Gießener Angelegenheiten. — Die Preise im Volksbad. Wir erhalten folgende Zuschrift:„Gestatten Sie mir noch Einiges über das„Volks“bad und dessen „billige“ medizinische Bäder zu sagen. An einer Gelenkerkrankung leidend, war ich nach Aus⸗ steuerung aus der Krankenkasse, sowest herge⸗ stellt, daß mir der Arzt„Salzbäder“ verordnete. Im Volksbad mußte ich bezahlen: — 5 8 8K 2n82 —— —.— —— — ä—— — 2——— 5 Seite 4. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 49. 8 60 Pfg. für ein Wannenbad zweiter Klasse, 20 Pfg. Zuschlag, 60 Pfg. für 6 Pfd. Salz und 10 Pfg. für ein Badetuch, in Summa Mk. 1.50 für ein Bad. Es mag ja sein, daß die Salze den Bade⸗ raum angreifen und eine stärkere Abnutzung hervorrufen; aber ein Zuschlag von 33 Proz. des Badepreises ist zu hoch. Das Salz muß in der Anstalt mit 60 Pfg. bezahlt werden, bei dem Händler erhält man das gleiche Quantum für 36 Pfg., also auch hier ein Aufschlag von 66 ¾ Proz.— Um Heilerfolge durch Bäder zu erzielen, muß immer eine größere Anzahl genommen werden. Nehmen wir 20 Bäder an, so muß auch ein Unbe⸗ mittelter bezahlen: 20“ 20 Pfg. Zuschlag= 4 Mk. für Venutzung der Zelle; er muß ferner einen Ueberpreis fuͤr Salz 20 24 Pfg. 4 Mk. 80 Pfg. bezahlen. Und so was nennt sich—„Volksbad“! Würde es der Leitung des Volksbades Ernst sein, dem Arbeiter und Kranken Gelegenheit zu geben, das Bad oft benutzen zu können, so dürfte es diese„Steigerungssätze“ nicht erheben. Er könnte allen denen Bäder zu ermäßigten Preisen abgeben, die sich durch Steuerzettel legitimierten.“—e—. Die Zuschrift zeigt wieder, wie berechtigt unsere Kritik war. — Ueber die Lahnkanalisation hielt am Samstag Herr Bergrat Chelius⸗Darmstadt einen Vortrag im Leib'schen Saale, zu dem sich eine zahlreiche Zuhörerschaft eingefunden hatte. Der Herr Vortragende legte dar, daß in Oberhessen noch große Mengen guten Eisen⸗ erzes vorhanden seien, die des Abbaues harrten. Es müsse aber die Möglichkeit einer billigen Verfrachtung geschaffen werden, damit die hesst⸗ schen Erze erfolgreich mit solchen anderer Her⸗ kunft in Konkurrenz treten könnten. Deshalb set die Schiffbarmachung der Lahn geboten, sie würde ganz Oberhessen Nutzen bringen.— Der Meinung sind wir auch. Für dergleichen Kultur⸗ aufgaben hat man aber in Deutschland kein Geld, weil man es hundertmilltonenweise für afrikanische Sandwüsten verpulvert! Mit einem winzigen Bruchteile dessen, was der Hererozug Nd 198585 die Lahnkanalisation ausgeführt werden — Schwindel⸗Inserate. In den Zei⸗ tungen tauchen öfters und besonders jetzt vor Weihnachten Annoncen anf, in denen— meist von ausländischen Firmen— 150 oder gar 300„Prachtgegenstände“ für wenige Mark an⸗ geboten werden. Jeder halbwegs Denkfähige, ist sich über den Schwindel sofort klar, wenn er solche Anpreisungen liest. Dieser Tage ging uns von einer Firma Schmidt in Wien ein derartiges Inserat zu, in dem 140 Gegenstände, Uhren, Ketten, ze.— alles Gold natürlich— für ganze sieben Mark angeboten werden. Selbst⸗ verständlich lehnte unsere Expedition den Auf⸗ trag ab, wie sie es stets mit allen ähnlichen zu tun pflegt. Aber siehe da, die antisemitische „Deutsche Volkswacht“ in Friedberg, die sich in Mittelstandsretterei nicht genug tun kann und in jeder Nummer gegen die Warenhäuser wie toll wütet, brachte die Schwindel⸗An⸗ nonce des Wiener Ramschbazars! Denn um einen solchen handelt es sich ganz offenbar. Wieder ein kleines Beispiel antise⸗ mitischer Theorie und Praxis! Und da hatte der Antisemiterich Raab am Mittwoch im Reichstage die Unverfrorenheit, den„Vorwärts“ wegen Aufnahme von Inseraten der Waren⸗ häuser anzugreifen! So ein bißchen stttliche Eutrüstung heucheln, steht diesen politischen Bauernfängern doch gar zu schön! — Milde Strafe. In Sachen der Studenten Hirsch und Bausch, gegen welche wegen nächtlichen Krakehls und Beleidigung der Polizeibeamten Strafverfolgung eingeleitet war— wir haben in voriger Nummer über die Schöffengerichtsverhandlung berichtet— wurde am Dienstag das Urteil verkündet. Es lautet gegen Hirsch auf 20 Mk. und gegen Bausch, der einem Schutzmann einen Stoß versetzte, daß er hinstürzte, auf ganze 40 Mk. Geldstrafe. Dafür können sie sich bald wieder das Vergnügen machen, nachts zu skandalieren, Schutzleute zu frozzeln und womöglich zu prügeln. — Auf Genossen Scheidemann ist das Gießener Amtsblatt begreiflicherweise nicht besonders gut zu sprechen. Es vermerkt ihm sein energisches Auf⸗ treten im Reichstage übel und sagt, er trage nicht dazu bei„Verhandlungen anziehend zu gestalten.“„An⸗ ziehender“ sind dem Anzeiger jedenfalls die Reden des Herrn Abgeordneten Hehyligenstädt. — Eine allgemeine Wählerver⸗ sammlung haben die Freisinnigen und Nattonalliberalen auf Montag, den 5. Dez., abends 8½; Uhr nach dem Neuen Saalbau sfeisc Garten) einberufen. Abg. Dr. Gut⸗ leisch wird über das„Wahlrecht zum Land⸗ tag“ reden. Es ist jedenfalls auch für unsere Parteifreunde interessant zu hören, was der Abgeordnete für Gießen darüber zu sagen hat. — Die Generalversammlung der Ortskrankenkasse findet kommenden Mitt⸗ woch, den 7. Dez., abends /9 Uhr im„Post⸗ keller“ statt. Auf der Tagesordnung steht Bericht über den Krankenkassentag in München; ferner Wahl der Rechnungsprüfungskommission und Ersatzwahlen des Vorstandes. — Das Stiftungsfest der Freien Turnerschaft am Samstag war recht gut besucht und nahm den besten Verlauf. Die Turner bemühten sich im Verein mit den Sängern der „Eintracht“, den Festteilnehmern einen recht genußreichen Abend zu bieten, was ihnen auch vollkommen gelungen ist. Die Leistungen der am Theaterstücke Mitwirkenden verdienen volle Anerkennung.— Diesen Samstag hält der Brauer⸗ Verband seine Winterfestlichkeit im Leib'schen Saale ab. Unsere Gießener Gewerkschaftsmitglieder werden es sich nicht nehmen lassen, das Brauerfest, die letzte festliche Veranstaltung organisierter Arbeiter in diesem Jahre, zahlreich zu besuchen. Aus dem Rreise gießen. r Wissenschaftliche Vorträge in Lollar. Am vorigen Freitag hielt Genosse Dr. Michels ⸗ Warburg den zweiten seiner Vorträge. Er behandelte die Kulturgeschichte aus den Zeiten von der Reformation bis zur großen französischen Revolution. Seine Ausführungen waren kurz folgende: Die Kirche des Mittelalters war durch die Ueberhandnahme des griechischen Geistes und die wirtschaftlichen Umgestaltungen der großen Entdeckungen, aus einer düster-mönchischen zu einer üppig⸗heidnischen geworden. An die Stelle der Kastelung trat der Luxus, oft die Lüderlichkeit. Hier⸗ gegen setzte in allen Ländern, wenn auch mit verschiedenem Glück eine Bewegung ein, die wir als die der Refor⸗ mation betrachten. Dieselbe wurde getragen von hohem Idealismus der Weltverbesserung(Savonarola), von kleinlichen theologischen Bedenken(Luther) und von gemeiner Habsucht und Gier auf die reichen Kirchengüter (die Mehrzahl der deutschen Fürsten). Eine Besserung des sozialen Elends brachte der Protestantismus nicht. Luther verwies die Christen, mehr als die Päpste es jemals getan, auf ihre Sklavenpflichten gegenüber der Obrigkeit. Er gab uns die Institution des beschränkten Untertanenverstandes und warf sein Volk hierdurch noch um Jahrhunderte zurück. Er ließ die Bauern totschlagen und war der erste Fürstendiener. Im 17. und 18. Jahrhundert folgte die Zeit der großen nationalen Bil⸗ dungen. Der aufstrebende Handel verlangte die Nieder⸗ reißung der vielen beengenden Zollschranken und hiermit der kleinen Staaten und zeitigte den absolut regierten großen Einheitsstaat(Frankreich unter Ludwig XIV.). Nur Deutschland behielt seine Kleinstaatereien und seine „angestammten“ Fürsten alle. Bald tat Frankreich aber noch einen Schritt weiter. Das Bürgertum rüstete sich zur großen Abrechnung mit den die Entwicklung hin⸗ haltenden privilegierten Feudalklassen.— Von dieser Abrechnung„der sog, großen französischen Revolution“, wird der Referent in einer für Mitte Januar festzusetzen⸗ den Versammlung weitersprechen. Die Versammlung war trotz Schnee und Wetters gut besucht. Das In⸗ teresse sehr rege. Die Initiative der Lollarer Genossen zu dieser Veranstaltung der Arbetterbildung verdient volles Lob und reiche Nacheiferung. Wissen ist Macht! r. Schuleinweihung in Watzenborn⸗Ste in⸗ berg. Hier erfolgte am Sonntag die Einweihung der neuen Schule, bei welcher Gelegenheit viele Reden ge⸗ halten wurden. Zuerst sprach der Herr Pfarrer, der erwähnte, wie erbärmlich die Schulverhältnisse in früheren Zeiten, im 16. und 17. Jahrhundert gewesen seien, in⸗ folge der unerschwinglichen Abgaben, welche dem Kloster Schiffenberg geleistet werden mußten. Seine Rede gipfelte in dem Satze„Kirche und Schule gehören zusammen“. Dem gegenüber betonen wir, soll unsere Schule wirkliches Wissen und Bildung verbreiten, so ist die Trennung der Kirche von der Schule in erster Linie berbeizusühren. Als Vertreter der Kreisbehörde sprach Kreisamtmann Dr. Kranzbühler. Er meinte, in erster Linie sei die Schule dafür da, unsere Jugend zu willigen und ge⸗ horsamen Menschen heranzuziehen, dann müßte„echte vaterländische Gesinnung“ in unsere Jugend gepflanzt werden. dazu da, der Jugend das nötige Wissen beizub ringen und ihr die Wahrheit nicht vorzuenthalten, wie das jetzt großenteils geschieht, dann werden unsere Kinder, wenn sie erwachsen sind, schon wissen, welche Gesinnung sie zu betätigen haben. Als dritter sprach der Kreisschulrat über die Entwicklung der Schule im Allgemeinen. Er meinte, zwischen allen Kulturländern Europas sei ein förmlicher Wettbewerb in Bezug der Ausgestaltung der Schule zu beobachten, Deutschland marschiere stets an der Spitze. Diese Stellung dürften wir uns auch nicht nehmen lassen.— So! Während Frankreich daran ist, die Schule von dem Einfluß des Pfaffentums zu befrein, liefert man sie in Deutschland denselben mehr und mehr aus! Unser Herr Bürgermeister machte den Schluß. Er sprach den ganz vernünftigen Satz aus, daß kein Kapital besser, als für Bildung und Lrziehung angelegt werden könne. Darin pflichten wir ihm voll und ganz bei. Leider ist das Kapital, was heute in Deutschland dafür angelegt wird, für einen Kulturstaat lächerlich winzig. Wenn nur ein Dritteil der Riesensummen für Bildungs⸗ zwecke verwendet würde, die heute dem Militarismus, Marinismus, dem Kolonialwahnsinn und für Rachekriege geopfert werden, dann könnten wir sagen, Deutschland marschiert an der Spitze der Kultur. Aber für wahre Volksbildung ist unsere herrschende Gesellschaft nicht zu haben. Je dümmer das Volk, desto williger läßt es sich ausbeuten. Uebrigens wundern wir uns über den Ausspruch des Bürgermeisters; diesen Standpunkt hat er sonst nicht vertreten. Es soll uns aber freuen, wenn er sich eines Besseren besonnen hat. Aufgabe der So⸗ zialdemokratie wird es aber sein, dafür zu sorgen, daß die Schule immer mehr zu einer Pflegestätte wahrer Bildung wird, damit das arbeitende Volk seine Lage erkennen, sich von geistiger und politischer Bevornundung befreien kann und sich nicht als willenloses Werkzeug einer Handvoll Besitzender gebrauchen läßt. Aus dem Rreise griedberg⸗Büdingen. — Bei der Stadtverordnetenwahl in Friedberg war diesmal eine außerordentliche starke Beteiligung zu verzeichnen. Von rund 1000 Wählern machten 745, also 75 Prozent, von ihrem Wahlrechte Gebrauch. Wie in letzter Nummer bereits erwähnt, unterlag unser Genosse Busold dem vereinigten Misch⸗ masch. Für den sozialdemokralischen Zettel wurden 380 Stimmen abgegeben, gegen 375 bei der vorigen Wahl, doch ist unsere Stimmenzunahme bedeutend stärker, als es in diesen Zahlen zum Ausdruck kommt, weil damals Freisinn, Zentrum und Juden(die hier eine Partei für sich bilden) mit unserer Partei gegen die Nationalliberalen stimmten, diesmal waren aber alle mit Ausnahme der Freisinnigen gegen uns vereinigt.“ Natürlich wurde kräftig der rote Lappen geschwungen, um den Spießern graulich zu machen. Es gelang das auch, obwohl Busold der einzige Gemeindevertreter war, der eine grundsätztiche Gemeindepolitik verfolgte. ** Verhafteter Gemeinderechner. In voriger Nummer gaben wir die Mitteilung wieder wonach dem Gemeinderechner in Petterweil aus seinem im Schlaf⸗ zimmer befindlichen Geldschranke 3000 Mark gestohlen worden seien. Bald stellte sich heraus, daß der gute Mann dieses Gerücht selber aufgebracht hat, weil er ein großes Defizit in der Kasse hatte. Man kam aber sehr bald hinter das durchsichtige Märchen und er wurde verhaftet. Aus dem Rreise Alsseld⸗Cauter bach. b. Die Gemeinderatswahl ist laut Bekannt⸗ machung des Bürgermeisters auf Montag, den 5. Dez. festgesetzt. Unsere Parteifreunde haben, wie bereits mit⸗ geteilt, die Genossen Jak. Eder und Wilh. Jakob aufgestellt. Es sind im ganzen sechs Gemeinderäte zu wählen. Für unsere Genossen empfiehlt es sich, nur Zettel abzugeben, welche bloß diese beiden Namen enthalten. mehr hinzufügen! Ein kurzes Flugblatt, das die Wahl unserer Kandidaten empfiehlt, gelangte bereits zur Ver⸗ teilung.— Sonntag Abend, den 4. Dez., findet im Saale„Zum Deutschen Kaiser“ eine öffentliche Ver⸗ sammlung statt, in welcher Redakteur Hauschild⸗ Offenbach über das sozialdemokratische Kommunalpro⸗ gramm sprechen wird. Die Arbeiterschaft Alsfelds wird um recht zahlreiches Erscheinen ersucht. g. Wem wählen wir in den Gemeinderat? Diese Frage wird jetzt in Als feld viel erörtert. Im Amtsblatt erschien kürzlich ein„Eingesandt“, das sich lebhaft bemühte, ein Zusammengehen der Arbeiterschaft mit den Bürgerlichen als vorteilhaft für die letzteren hinzustellen. Nebenbei wurde die Frage aufgeworfen, ob„jeder“ von den vorgeschlagenen Kandidaten den Unsere Schule ist doch wohl in erster Linie Also keine Namen bürgerlicher Kandidaten 2 E .:..:... 2 „ in starle hlern kechte ühnt, lach 380 Bahl, irler, weil eine 1 die alle inigt. ugen, das war, riger dem hlaf⸗ ohlen gutt l et aber wurde 9———..—— Pp—. ñ—— N — — — — ö 3 Nr. 49. Mitter deutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. Aufgaben als Gemeindevertreter gewachsen sei. 2 die Arbeiterkandidaten betrift.. sich bt Wähler darüber keiner Sorge hinzugeben, mehr als die bisherigen Stadtväter leisten sie unter allen Um⸗ ständen. Beteiligen sich die Arbeiter und kleinen Leute zahlreich an der Wahl und wählen nicht wie die Kälber, so ist der Erfolg unserer Kandidaten sicher. Aus dem Nreise Wetzlar. — Die berüchtigte Körordnung, na welcher im Kreise Wetzlar nur Stiere der 4158 als Mastvteh sehr ungeeigneten Vogelsberger Rasse angekört wurden, ist nun endlich beseitigt oder wenigstens durchbrochen. Durch diese Maß⸗ nahme war es den Bauern fast unmöglich gemacht, eine andere, für sie nutzbringendere Rasse Vieh zu züchten und sie hoben dadurch nicht geringen Schaden gehabt. Ein Haupt⸗ verfechter dieses Produktes vom grünen Tisch war der frühere Landtagsabgeordnete Schla⸗ bach, er erklärte vor der Reichstagswahl in einer Versammlung in Aßlar: Ehe die Kör⸗ ordnung aufgehoben werde, solle lieber ein „Roter“ in den Reichstag kommen! Nun mußte a erleben, daß seine geliebte Körordnung el! h. Eilige Danksagung. Am Tage der Stadtverordneten⸗Stichwahl konnte man in dem am gleichen Tage erscheinenden Wetzlarer Anzeiger, der um etwa 5 Uhr zur Ausgabe ge⸗ langt, bereits die Danksagung der Herren Müller und Reinhardt lesen. Das Wahlresultat war erst gegen 2 Uhr festgestellt. Wenn man die Zeit zum Setzen und Drucken rechnet, so kommt man zu der Ueberzeugung, daß das Dankinserat schon aufgegeben ewe sein muß, ehe noch das Resultat festgestellt war! o. Aus Krofdorf. Ein hiesiger Hand⸗ werter beklagte sich kürzlich in einem„Einge⸗ sandt“ des Gieß. Anz. darüber, daß ihn die Gemeinde mit Bezahlung seiner Rechnungen für geleistete Arbeiten länger als ein Jahr warten ließ. In diesem Falle, um den es sich hier handelt, trifft aber nicht die Gemeinde, sondern die Kirche die Schuld, für welche diese Arbeiten ausgeführt wurden. Die politische Gemeinde Krofdorf hat nämlich(leider!) die Verpflichtung, notwendige Reparaturen an und in der Kirche ausführen zu lassen. Nun hatte aber der Herr Pfarrer neue Vertäfelungen machen lassen und diese Arbeit zu bezahlen hat sich die Gemeinde mit Recht geweigert. 8. Ein sittenstrenger Pastor. Aus Oden⸗ hausen schreibt man uns: Der hiesige Gesangverein hatte den Beschluß gefaßt, bei der Trauung eines Mit⸗ gliedes das Brautpaar durch einige Gesangsvorträge in der Kirche zu ehren. Man fragt dabei nicht lange nach diesem oder jenem, es wird ein Brautpaar in dieser Beziehung wie das andere gehalten. Anders dachte der noch nicht lange im Amt als Seelsorger tätige junge Pastor. Der hatte kürzlich herausbekommen, daß ein Brautpaar schon vor Erledigung der standesamtlichen und kirchlichen Aeußerlichkeiten das bekannte Gebot, das der Herrgott dem Adam und der Eva gab(1. Mos. 28) erfüllt haben mußte. Dieses strafwürdige Verbrechen gegen die kirchlich abgestempelte Sittlichkeit mußte ge⸗ rochen werden und deshalb untersagte der Herr Pastor die Liedervorträge des Gesangvereins bei der Trauung. Was glaubt der gute Mann damit zu bezwecken? Denkt er etwa„Fälle“ dieser Art dadurch zu verhüten? Da dürfte er sich gewaltig täuschen. Höchstens stiftet er damit allerlei Unfrieden an. Ein rechter Mann wird seine Frau und sich selbst nicht in dieser Weise bloßstellen lassen, sondern lieber auf die kirchliche Trauung, als auf die Ehrung durch seine Sangesgenossen verzichten. aus dem Nreise Dillenburg⸗Herborn. t, Ein Automobil für den Landrat! In der letzten Kreistagssitzung für den Kreis Dillenburg wurde u. a. über die Anschaffung eines— Automobils für Herrn Landrat v. Wussow beraten, damit dieser auf bequemere Weise seine Inspektionsreisen usw. machen kann. Ein wackerer Landbürgermeister war zwar sehr dagegen und meinte, die dafür geforderten 15000 Mark würden besser zur Wegeverbesserung verwandt; aber die großagrarischen Elemente im Kreistage pflich⸗ teten dem Herrn Landrate bei, daß die Anschaffung eines Autos sehr notweudig sei, und so wurde der Ankauf mit 12 gegen 8 Stimmen beschlossen. Es lebe der landrätliche Töff⸗Töff⸗Kurs! Aus dem Rreise Marburg-RMirchhain. 1. Ueber die Schulfrage sprach am Samstag der Arbeitersekretär Genosse Heiden ⸗Frankfurt im Wahlverein. Die Versammlung war ziemlich gut besucht. Meserent führte in seinem Vortrage etwa Folgendes aus: Daß Preußen der rückständigste Staat ist, beweist außer vielen rückständigen Gesetzen auf allen Gebieten die Be⸗ handlung wichtiger Tagesfragen, besonders anch der Schulfrage. Noch heute bestehen überlebte Verfügungen, die sich oft widersprechen, zu Recht. Das Schulgesetz, das schon in der Verfassung vom Jahre 1850 ver⸗ sprochen worden ist, ist bis heute nicht zu Stande ge⸗ kommen. Preußens Volksschule, die einmal in vorderster Reihe stand, hat nicht Schritt gehalten mit der geistigen Entwickelung, ja nicht einmal mit den Bedürfnissen, die die Großindustrie an die Ausbildung des Proletarier⸗ kindes stellen muß. Der alte Standpunkt, daß beim Unterricht in der Volksschule das Hauptgewicht auf die Religion gelegt werden müsse, wird von den maßgebenden Parteien noch heute vertreten. Verlangt doch das kon⸗ servative Handbuch, man solle die Kinder zu gläubigen Christen erziehen und ihnen patriotische Gesinnung bei⸗ bringen. Die anderen Unterrichtsfächer(Rechnen, Schrei⸗ ben ꝛc.) sollen dagegen eingeschränkt werden. Wilhelm II. hat nach seinem Regierungsantritte 1889 eine Ordre erlassen, in der er bezüglich der Schule betont, daß vorwiegend das„Religiöse“ und„Historische“(Patrio⸗ tische) gepflegt werden solle. Ferner hat der Kultus⸗ minister Goßler angeordnet, daß die Hohenzollernge⸗ schichten ausführlich gelehrt und die preußischen Könige als Vorbilder hingestellt werden sollen. Wie sehr in den Volksschulen die Religton überwiegt, zeigt die große Menge des religiösen Gedächtnisstoffes. Die Kinder der Volksschule werden nicht erzogen, sondern ihnen werden Kenntnisse beigebracht, von denen sie den größten Teil im Leben nicht verwerten können. Wie die Schulver⸗ hältnisse weiter aussehen, ergibt sich daraus, das 70 Prozeut aller Schulen nur ein⸗ und zweiklassig sind und von einem bezw. zwei Lehrern unterrichtet werden. Sind die einklassigen Schulen überfüllt, so werden die Halbtagsschulen gebildet, das heißt, die eine Hälfte der Kinder geht Vormittags, die andere Hälfte Nachmittags zur Schule. Außerdem gibt es noch die Sommerschulen, wo nur 12 Stunden, und die Drittelschulen, in denen gar nur ein Drittel des normalen Unterrichts gegeben wird. Daß die drei letztgenannten Schulen nur den Großgrundbesitzern zu Gute kommen, ist selbstverständlich. Außerdem bestehen iu vielen Gemeinden noch die Hüteferien, während welcher die Hütejungen nur einmal wöchentlich auf zwei Stunden die Schule zu besuchen brauchen.— Wie die Schüler „untergebracht“ sind, ergibt sich daraus, daß 1861000 Kinder in ein⸗ und zweiklassigen Schulen unterrichtet werden. 857000 Kinder besuchen Schulen, in denen die Schülerzahl mehr als 80 in einer Klasse beträgt, also vollständig überfüllt sind. 2735 Schüler konnten überhaupt nicht aufgenommen werden, weil kein Platz da war und mußten deshalb 2 Jahre warten. Hunderte von Schüler müssen mit dem 12. Jahre entlassen werden, um anderen Platz zu machen.— Aus alle dem ersieht man, daß das reinste Schulelend in Preußen herrscht. Hat der Staat die Schulpflicht eingeführt, dann hat er auch die Pflicht, Raum zu schaffen, um die Kinder unterzubringen. Auch die Lehrer sind überanstrengt. Mehr als 30 bis 40 Schüler sollte kein Lehrer haben, 70 bis 88 sind aber gang und gäbe. Hier heißt es also Geld bewilligen für Schulen, die modern und allen hygienischen Anforderungen entsprechend eingerichtet werden können. Aber nur 341 Millionen Mark werden jährlich für Schulzwecke ausgegeben und hiervon mußten die Gemeinden 242 Millionen Mark aufbringen, und nur 99 Milliouen Mark wurden vom Staat geleistet. Welche Unsummen von Geld wird dagegen für Heer und Flotte ausgegeben!— Nachdem der Redner noch das Zedlitzsche Schulgesetz besprochen hatte, kam er auf die Simultan⸗Schulen zu sprechen.— Alsdann besprach er die Stellung der Sozialdemokratie zur Schule,. Unsere Forderungen sind in unserem Programm enthalten. Vor allen Dingen müsse verlangt werden: Trennung der Schule von der Kirche. Unentgeltlichkeit der Lehrmittel, Anstellung von Schulärzten. Damit diese Forderungen anerkannt und schließlich durchgesetzt werden, dafür sollten die Genossen jederzeit eintreten bei Ge⸗ meinde⸗, Reichstags⸗ und Landtagswahlen.— An den Vortrag schloß sich eine ergiebige Debatte, in der mehrere Redner die Ausführungen Heidens ergänzten. — Zur Prüfung der in letzterer Zeit viel umstrittenen Lokalfrage wurde eine Kommission gewählt, welche die Angelegenheit untersuchen soll. Im Verschiedenen ersuchte der Vorsitzende, daß sich die Genossen bei der demnächst stattfindenden Kalenderverbreitung recht zahlreich beteiligen möchten. 1. Kleinliche Chikane. Kürzlich ließ der Weiß⸗ bindermeister Rathenbrock zwei seiner Gesellen wegen Mangel an Arbeit aussetzen. Nach Verlauf von acht Tagen verlangten diese mit gutem Recht Kündigung oder Entschädigung. Der biedere Meister, dem offenbar die Gewerbeordnung gänzlich unbekannt ist, sagte den Gesellen, sie sollten sich bei ihm in die gute Stube setzen, was einer auch tatsächlich machte und dieser fühlte sich soweit ganz wohl dabei. Den zweiten suchte er auf andere Art zu chikanieren. Das kleinliche Vorgehen des Herru Rathenbrock hat jedenfalls darin seinen Grund, daß die Arbeiter ihrer Gewerkschaft angehören. Der Raubmord in Heldenbergen. Bisher gelang es noch nicht, den Mörder des Pfarrers Thöbes zu ermitteln. Als mut⸗ maßlicher Täter wird der 26 Jahre alte Metzger⸗ geselle Oskar Hudde aus Schalke in West⸗ falen steckbrieflich verfolgt. Er soll sich in Frankfurt aufhalten.— Die tausend Mark, die dem ermordeten Pfarrer Thöbes in Heldenbergen kurz vor seinem Tode von einem Unbekannten zu wohltätigen Zwecken übersaudt worden waren, sind, wie bei der Testamentseröffnung festgestellt wurde, dem Raubmörder nicht in die Hände gefallen, wie bisher angenommen wurde. Man fand sie in einem Geheimfach eines Sekretärs. Die gesamte, auf 10000 Mk. geschätzte Haus⸗ haltungs einrichtung erhält die Haushälterin des Pfarrers. Partei-Uachrichten. Totenliste der Partei. In Frankfurt a. M. starb der Sattler Schwindt, einer derjenigen Partei⸗ genossen, welche schon während des Scozialistengesetzes für die Sozialdemokratie kämpften. Schwindt hat, ohne öffentlich viel hervorzutreten, jederzeit für die Partei getan, was er konnte und deshalb wird ihm die Partei ein gutes Andenken bewahren. Gemeindewahlen. Bei der am Donnerstag in Mainz stattgefundenen Stadtverordnetenwahl siegte die Liste der vereinigten liberalen Parteien und der Sozialdemokratie mit 5583 gegen 2406 Stimmen, die auf die Zentrumsliste fielen. Wegen des Zusammen⸗ gehens unserer Partei mit den Liberalen hat sich in unserer Parteipresse eine heftige Polemik entsponnen, die jedenfalls auch die nächste hessische Landeskonferenz be⸗ schäftigen dürfte.— In Pirmasens wurden sechs Sozialdemokraten gewählt. Landkarte von Hessen. Der heutigen Gesamtauflage unseres Blattes liegt ein Prospekt des Verlags des Offenbacher Abendblattes in Offenbach a. M., Wandkarte vom Großher⸗ zogtum Hessen und Provinz Hessen⸗Nassau mit an⸗ grenzenden Landesteilen bei. Eine Karte hängt in unserer Expedition zur Ansicht aus und übermitteln wir auch, um den einzelnen Bestellern unnötiges Porto, be⸗ sonders durch Nachnahme, zu ersparen, die Bestellungen an die Expedition des Offenbacher Abendblattes. Wer aus unserem Leserkreise die oben näher bezeichnete Karte wünscht, wolle die Bestellkarte der Expedition der Mittel⸗ deutschen Sonntags⸗Zeitung in Gießen, Rittergasse 17, baldigst zusende n. Versammlungskalender. Samstag, den 3. Dezember. Gießen. Sozialdem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Heuchelheim. Turnabteilung des Arbeiter⸗ bildungs⸗Vereins. Abends 8½ Uhr Ver⸗ sammlung im Turnlokal. Sonntag, den 4. Dezember. Lollar. Wahlverein. Nachmittags ½4 Uhr Versammlung bei Fr. Schupp. Dienstag, den 6. Dezember. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig. Auskunftsstelle für Arbeiter⸗ Angelegenheiten. Kirchenplatz 11 III. Unentgeltlich. Sprech⸗ stunden: Werktags 11—1 Uhr, Sonntags /½9 bis 10 Uhr. Bei Anfragen von außerhalb wolle man das Rückporto beifügen. Empfehlenswerte sozialistische Schriften. Von der Expedition der Mitteld. Sonnt.⸗Zeitung Gießen, Rittergasse 17, sind zu beziehen: Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg. Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon. Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg. Freie Stunden. Beste Romanlitteratur. Illu⸗ striert. Wöchentlich ein Heft. à 10 Pfg. Die Volksschule, wie sie sein soll. Rühle. Preis 30 Pfg. Die innerpolitischen Zustände des deut⸗ schen Reiches und die Sozialdemokratie. Von Gg. v. Vollmar. Preis 20 Pfg. Von Otto 5 . Meite 6. Mitteld utsche Sonutags⸗Zeitung. Ar. 49. 8 1 ae e ———ů A unbesieglich! Ich weiß ein Heer von unbesiegten Streitern, Die nimmer weichen und die nimmer wanken; Sie steh'n im Glied, die Waffen hoch, die blanken, Und trotzen euren Schützen, euren Reitern. Sie stürmen eure Wälle ohne Leitern Und aufersteh'n, so viel auch ihrer sanken, weil sie vom Born des ew'gen Lebens tranken— An diesem Heer wird euer Heer zerscheitern. Schon geh'n sie unsichtbar um eure Hallen Und hauen euren Löwen ab die Pranken Und hauen euren Adlern ab die Krallen. Ihr Heerschild blitzet und die Tempel schwanken, Ihr Schlachtruf donnert und die Burgen fallen— Nennt ihr die Streiter?— Das sind die Gedanken. Ludwig Pfau. dyllen aus einem Gebirgsdorfe. Frei nach dem Leben von Ludwig Schierk. 235(Fortsetzung.) Die Justiz verließ das gastliche Schloß der Aurich's und etablierte sich im nahen Städtchen, wo sich der gute Landesfürst ihrer annahm. Zu den Dorfhütten wurden etliche Aecker ge⸗ schlagen, und ein Geschlecht von Bauern erhob sich. Um so stolzer, als es Schulden machen durfte. Das Grundbuch, das der gute Landes⸗ fürst beim Gerichte unterhielt, bekam zu tun. Hypotheken schossen den Bauern über den Kopf. Ste arbeiteten rüstig und suchten endlich Trost in dem Branntwein, den ihnen der Jude im alten Erbgerichte gegen gleich baare Bezahlung verabreichte. Nicht lange, so gab es Versteige⸗ rungen, bei denen das Geld der Aurich's zu seinem Rechte kam. Die gräfliche Hand packte mit eisernem Griffe das Dorf. Als den Leuten unter diesem Griffe der Atem auszugehen drohte, kam Hilfe von oben. Der Engel der Industrie brachte Glück und Freude in die Welt. Im nahen Städtchen, wo der gute Landes⸗ fürst das Gericht unterhält, blühte eine Leinen⸗ fabrikation auf, welche zwei Dutzend Dumm⸗ köpfe in den Stand setzte, ihren leiblichen Nach— kommen ein Vermögen zu hinterlassen. Die Aurich's, denen der Webstuhl nicht genug aristo⸗ kratisch war, bauten das Eisenwerk. Menschliche Arbeit ward sehr begehrt. Die kleinen Jungen, welche die Eskimohütten gebaut hatten, bekamen endlich so große Hände und so lange Beine, daß sie sich nach einem andern Geschäfte umtun mußten. Die Kleineren, Feigeren, die bei Raufhändeln gewöhnlich nach unten zu liegen kamen, wurden Lohnweber; die Stärkeren, Mutigeren, denen die Wucht des Naturrechts oben hinauf geholfen, wurden Hüttenleute. Die Lohnweber führten ein herrliches Leben. Sie gingen Sommer und Winter barfuß und zogen die Stiefel nur viermal im Monate an. Sie trugen weiße, luftige Kleider. Die ganze Woche traten sie kaum über die Türschwelle. Wenn die Sonne die Waldwipfel vergoldete, unter denen die gräflichen Hirsche im feucht⸗ kalten Morgenhauche tagaus, tagein dahin⸗ schreiten mußten, saß der Lohnweber in seiner trockenen Stube schon rüstig an der Arbeit. Lustig flog sein Schiffchen rechts und links aus und zog die Fäden durch das Gespinst, wie das Schicksal durch unsere schönsten Träume seine unbarmherzigen Striche zieht. Er aber träumte nicht. Voll Gleichmut hielt er sich in der Mitte, gleich den klugen Menschen, die sich hüten, vom Pfade des Hergebrachten auszubiegen. Der ganze Rhythmus seines Lebens liegt in den Beinen, die unverdrossen den Takt treten zu dem hohen Liede der Geuügsamkeit; dem Liede, das mit den Worten beginnt:„Man muß sein Leben aus dem Holze schnitzen, das man hat! Am Samstag, dem Tage, der schöner ist als selbst der Sonntag, weil seine Stimmung im Vorgefühle eines Kommenden gipfelt, zog der Weber die Stiefel an. Da trug er die Frucht seiner wöchentlichen Arbeit— eine schwere Bürde— dem städtischen„Brotgeber“ ins Haus. Hat der Leser einmal versucht, sich das jüngste Gericht vorzustellen, das uns der Pfarrer in der Nachmittagspredigt so schrecklich ausmalt? Dem Lohnweber ist sein„Liefertag“ das jüngste Gericht. Gottvater ist der weinsatte Fabrikant, der „Brotgeber“, der Spender alles dessen, was der Weber seine Seligkeit nennt. Ihm bleibt nichts verborgen. Wie der ewige, himmlische Richter, der am Ende aller Zeiten unser Leben so gründlich durchnehmen wird, prüft er das Werk der Hände mit jenem überlegenen Blicke, der den Fehler als eine Grundbedingung mensch⸗ lichen Tuns erkannt hat. Vor ihm steht der zerknirschte Sünder. In stummer, ergebener Haltung wartet er des Ur⸗ teils aus dem göttlichen Munde. Die Strafe der Lohn verkürzung trägt der wahrhaft Buß⸗ fertige mit Geduld: wie viele menschliche Seelen schmachten im peinigenden Pfuhle des Fege⸗ feuers! Bald vergoldet die Morgensonne einer neuen Arbeitswoche die Waldwipfel, unter denen die gräflichen Hirsche im feucht⸗kalten Hauche einher⸗ schreiten müssen. Wieder webt der Weber in seiner warmen Stube; wieder fliegt sein Schiff⸗ chen und zieht die Schicksalsfäden. Da greifen ihm die Gedanken aus; der Unmut links, die Unlust rechts! Ist der Teufel mein Taufpate gewesen? Hat das Glück kein Auge für mich? Aber da helfen ihm die Beine aus dem wüsten Träumen; das arme Hirn kehrt in die Wirklichkeit zurück; das Ohr lauscht wieder dem Rhythmus des hohen Liedes der Genügsamkeit. Man muß sein Leben aus dem Holze schnitzen, das man hat. IV. Die Hüttenleute schnitzten ihr Holz nach einer anderen Melodie. Es war eine Melodie, zu der gewaltige Naturkräfte einen Takt schlugen, dem sich ein Menschenohr nicht zu entziehen vermochte. In markerschütterndem Schlage dröhnen mächtige Eisenhämmer; glühende, große Funken sprühen in weiten Bogenlinien durch den glut⸗ hauchenden Arbeitsraum. In allen Ecken schnaubt und zischt es; in jedem Winkel knattert und kracht es; aber der Grundton dieses Höllen⸗ lärmes ist der wuchtige Tritt der Hämmer. An beiden Seiten der hohen Halle toben drei dieser Hämmer. Ihr Stiel ist ein Baumstamm. Von irgend einer Kraft, einem unsichtbaren, riesigen Etwas geschwungen, heben und senken sie sich in polterndem Getöse, und der aufdring⸗ liche, unerbittliche Rhythmus ihres Falles er⸗ zeugt ein Gefühl unermeßlicher Betänbung. Und doch bilden sie nur die Vasallen eines mächtigeren Herrn, der in der Mitte des lärmen⸗ den Raumes thront. Wie er den Mittelpunkt des rasenden Getöses bildet, geht von ihm selbst ein ehernes Stampfen aus; von ihm, dem König der Hämmer. Eine gewaltige, dunkle Masse, von der Kraft des einströmenden Dampfes federleicht gehoben, fährt da empor; im nächsten Augenblicke saust sie nach abwärts. Bei jedem Abwärtsfallen stiebt ein Schwarm feuriger Klümpchen entsetzt nach allen Seiten. Der Hammerkönig ist der Mittelpunkt des Treibens. Die zahlreichen Schmelzöfen, deren gierige Flammenaugen durch den Raum leuchten, glühen fast nur für ihn. Auf kleinen eisernen Wägen fährt man das weißstrahlende Metall eilig herbei, als dulde der Gestrenge kein Ver⸗ säumnis. Der feurige Klumpen wird ihm ge⸗ reicht. Vorsichtig steigt der Riese empor, dann senkt er sich zu leise versuchendem Drucke, indes der Klumpen behutsam nach allen Seiten ge⸗ wendet wird. Aber die Schläge werden heftiger; höher hebt sich die Masse, mächtiger saust sie nieder; bald ist das Werk getan. Die brei⸗ artige Masse der Glut ist in regelmäßige Form geschlagen.. Die Bewegungen des Hammerkönigs haben etwas Erhabenes, Sicheres, Ungezwungenes an sich. Man meint ein Individuelles, Persönliches, ein mit Bewußtsein und gedankenvoller Ver⸗ 1 tiefung Arbeitendes zu sehen. Eine Menschenheerde wimmelt zu seinen Füßen. In blauen Kitteln und Holzpantoffelnn wankt das hin und her; dürftige Kleidungsstücke Müde Blicke aus entzündeten Augen, heisere Stimmen aus ge⸗ flattern um magere Glieder. schwärztem Munde, die Zähne schneeweiß; Narben an Händen und Gesicht; verbundene Finger; Verstümmelungen an den zitternden Händen. Alle Bewegungen traumhaft inmitten dieses Dröhnens, Hämmerns, Funkensprühens; und doch diese Bewegungen mit unfehlbarer Sicherheit zwischen diesen glühenden Stücken ausgeführt. gefahrvollen Ufer des Stromes dahin. Der ganze Anblick ladet ein, darüber naͤch⸗ zudenken, unter welchen Bedingungen menschliche Existenzen sich noch fortzufristen vermögen. Aber unsere guten Hüttenleute dachten nicht. Ihr Ohr war gefangen von der unendlichen Melodie, die aus dem Summen der Maschinen zu ihnen redete. Sie verstanden es ganz deut⸗ lich; so deutlich, daß es kaum des Taktschlages der Hämmer bedurft hätte. ste diese Melodie; sie wurde nach und nach ein Teil ihres Wesens: Sie kam ihnen vor wie das Schicksal, das über ihrem Dasein schwebte. Diese Melodie folgte ihnen auf Schritt und Tritt. Sie erscholl aus den Worten der Predigt, die ihnen der Pfarrer hielt; sie ertönte im Brausen der Orgel, auf der ihnen der alte Schulmeister, dem ste so oft das Leben sauer gemacht, das erbauliche Kirchenlied vorspielte. Sie entschliefen nach dieser Melodie, wenn sie sich auf das Lager streckten; ja sie starben nach dieser Melodie. Wer kennt sie nicht, diese Melodie? Sie webt im Summen der Schmelzöfen; sie dröhnt im gewaltigen Tritt der Dampfhämmer; sie rauscht in den Kronen reichsgraͤflicher Eichen⸗ wälder; sie flüstert in den lauschigen Hecken des Königsparkes die ewige, rätselhafte Melodie: „Das Geld regiert die Welt“. Und diese Melodie regierte unsere guten Hüttenleute, wenn sie einmal das Gleichgewicht verlieren wollten. Ueberdies trug jeder Einzelne zwei Dinge mit sich herum, die ihn an ihren Klang sogleich erinnern konnten: einen leeren Beutel und einen hungrigen Magen. Wüster, tobender värm erzeugt stille Winkel. So wandelt der Trunkene am Jeden Tag hörten — —————-—-—¾̃— Und so barg auch das lärmende Eisenwerk des Grafen, dem die Hirsche im Walde gehörten, ein solches Heiligtum. 5 Es war ein feuchtes Gemach, dessen einziges Fenster durch vorgestellte Maschinenteile lichtlos gemacht worden war. Ein Heizer, der in der Nähe seinen Posten hatte, versteckte hier seine und seinen Schnupftabak. Man sah das bewegliche Männlein unzählige- Branntweinflasche male in jenes Versteck eilen, sich und seine Nase zu stärken. Je öfter es diesen Weg machte, desto glühender wurde jene Nase, und desto schwankender schien der Schritt. Kam dann der grobe Aufseher in die Nähe, dann machte es sich bei dem Feuer emsig zu tun; denn Trunkenheit führte leicht zur Entlassung. Der Graf, dem die Hirsche im Walde gehörten, trank nur Champagner und betrachtete den Branntwein als eine Pest der Menschheit. In jenem Gemache fristete unter einem dick 1 Gummiüberzuge ein sonderbares Etwas ein kü mmerliches Dasein. 7 Es war eine alte Drehorgel; eines jener schrecklichen Instrumente, welche die Vorsehung über die fühlende Menschheit verhängte, als die Folter ihre Kulturmisston beendet hatte. 1 Sie enthielt drei Stücke: einen Marsch, bei dem die Bässe auszubleiben pflegten, ein Tanz⸗ motiv, dessen Rhythmus bedenklich schwankte, ein Lied an den Landesfürsten, der im n Städtchen das Gericht unterhielt. (Fortsetzung folgt.) r A eee . 49. 15 Nr. 49. Mitteldentsche Souutags⸗Feitung. Seite 7. Allerlei Aus der„besten der Welten“. 33 haben 4 Aus Siegen berichten die Blä Humoristisches ö tter vom 5 1 1 Mit Gott 1 König und Vaterland. 10. November:„In der Mittagsstunde ereignete Ja so! Erster Gerichtsvollzieher: Dem 5 5 ö In der Zeit der Gegenrevolution nach 1848 sich auf dem hiesigen Gülerbahnhofe ein Un- Herrn da drüben habe ich wieder auf die Beine geholfen! r d. wurde die Kreuzzeitung mit dem Motto„Mit glücksfall, der auf die Unsitte zurückzuführen[Zweiter Gerichtsvollzieher: Wie hast du denn e 1 Gott für König und Vaterland“ gegründet. ist, unter den dort stehenden Wagen die bei] das angefangen? Erster Gerichtsvollzieher: Ich 1 enn Zu welchen Wunderlichketten das Zur⸗Schau⸗ dem Abladen neben die Geleise fallenden Kohlen] habe ihm sein Autowobil gepfändet. a Tragen dieses Mottos führte, zeigt ein Inserat aufzulesen. Als man gegen 1 Uhr einen Wagen Pariert. Schutzmann: Sie stehen hier bereits stücke aus der Kreuzzeitung am 1. Januar 1849 rangierte, ertönte plötzlich ein Schrei und man eine volle Stunde. Sie scheinen sehr wenig zu tun zu be auß Es lautet: bemerkte zwischen den Gleisen eine Frau liegen; haben! Streikposten: Det können Sie mir doch aus ge„Die schwere doch glückliche Entbindung man hob sie auf und sah, daß ihr ein Fuß nicht zum Vorwurf mechen. Sie kicken mir ja schon eeweiß; meiner lieben Frau Friederike von Braunschweig e ee e bude bon einem gesanden Sohn und mit Borte wen Man brate dn Bruna, du en Reuß den en eee, en, enden für König und Vaterland treuen Station, von wo sie nach Anlegung eines fröstelte.„Aeh, Kindermann, in diesem Zimmer köpnen mitten Untertan seiner Majestät, unseres Aller Notverbandes, ins Marienhospital gebracht ans Saaler ene e eee, kühens; gnädigsten Königs von Gottes Gnaden, beehre wurde.— Die„Unsitte“— Kohlen aufzu⸗ 65 wuß Wit 155 2 7. e Mun ich mich allen Verwandten und Freunden, die lesen! Das hört sich so an, als ob sich die hente drei Grad Würm 1. e 105 Stüden gleich mir mit Gott für König und Vaterland[ante Frau aue lauter Uebermut wegen ein lauchtigsten Züge dis Lächeln eines glücklichen Einfall. ene am im Herzen tragen, ganz ergebenst anzuzei paar Kohlenstückchen in Gefahr begeben habe,„Oeffnen St uster, li i 1 Wir z erg zuzeigen. wozu sie doch nur die bitt N„„Oeffnen Sie das Fenster, lieber Kindermann! Wir 1 0 Wolgast, den 6. Januar 1849. 1 haben Auun e bitterste Not veranlaßt wollen doch ja diese drei Grad Waͤrme noch hereinlassen.“ 1 von aldow.“ A uschlihe]————⅛— u. 8 3 Vorteilhaftes Angebot! ... geber!“ Edgar Borrmann, Giessen adligen schneiden, 8* 10 9 p Frisieren u. Rasieren] N Eisenhandlung l in empfehlende Erinnerung, r—ů N 125 1 gute und saubere Bedienung zusichernd. N 1 A e 8 N ene nach ein r mich zur Anfertigung von Haar⸗ 5 Herde und Oefen— e Geräte vol wie Haarketten.. Direkter Bezug Fruchtpressen— Keltern— Bohnenschneider sclte. 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Nach der Beweisaufnahme ergab sich, daß die beiden Angeklagten in Notwehr gehandelt hatten. Der Tatbestand war kurz der folgende: . An einem Augustsonntage hielten sich in einem Tanzsaale bei Dessau mehrere Infanteristen auf. Auch der jetzt vom Militär entlassene Unteroffizier Heine war anwesend— in äußerst angetrunkenem Zustande. Am Büffett gertet der„Stellvertreter“ mit mehreren Sol⸗ daten in Wortwechsel, wurde aber von dem Horntsten Wagner aus dem Saale entfernt, um Skandal zu vermeiden. Für seinen Liebes⸗ dienst waren dem Hornisten 4 Wochen Mittel⸗ arrest zugedacht; er wurde aber freigesprochen. Abseits hatten friedfertig die beiden Haupt⸗ angeklagten des Dessauer Prozesses, der Gefreite Gunther und der Musketier Voigt mit einigen Mädchen an einem Tische gesessen. Als die Mädchen das Lokal verlassen wollten, wurden sie auf dem Hausflur von dem Unteroffizier Heine angerempelt und geschlagen. Günther stellte den Unteroffizier zur Rede; der betrunkene„Stellvertreter“ soll dabei wütend mit seinem Seitengewehr um sich geschlagen haben, so daß Voigt ihm die Waffe entriß. Heine packte das Seitengewehr Voigts und entlief. Voigt und Günther verfolgten ihn, entwanden ihm die Waffe wieder und sollen ihn dabei geschlagen haben. Voigt lieferte später das Seitengewehr des Unteroffiziers in der Kaserne ab. Und die Folge: gegen Günther und Votgt eine Anklage wegen Aufruhrs, gegen Heine wegen Körperverletzung. Der Anklagevertreter hielt es trotz günstiger Zeugenaussagen für erwiesen, daß sich die beiden Soldaten gemeinschaftlich tätlich an einem Vor⸗ gesetzten vergriffen, sich zusammengerottet und durch Anwendung von Gewalttätigkeiten Auf⸗ ruhr begangen hätten. Er bedauert, gegen die Angeklagten, die sich bis dahin tadellos eführt hatten, die Gesamtstrafe von 5 Jahren 9 Monaten Zuchthaus gegen Günther und 5 Jahren Zuchthaus gegen Voigt beantragen zu müssen.„Das Gesetz müsse, erllärte er, erfüllt werden. Die beantragte Strafe set das Min⸗ destmaß für die Vergehen, deren sie sich schuldig gemacht hätten.“ Die Verteidiger ver⸗ suchten, die Hinfälligkeit der Anklage nachzu⸗ weisen. Sie wiesen darauf hin, daß das Ver⸗ gehen der Angeschuldigten im Zivilverhält⸗ nis überhaupt nicht beachtet worden wäre. Ferner hätten die Augeklagten doch in otwehr gehandelt. 5 5 15 5. erschien der Hinweis auf die Notwehr so ungeheuerlich für militäricche Verhältnisse, daß er die denkwürdige Erklärung abgab: 1. i 5 „Im Militärverhältnis gibt es keine Notwehr des Untergebenen gegen den Vorgesetzten. Nur der Weg der Beschwerde sei dem Untergebenen offen.“ Als dann der Verteidiger die Frage stellte, ob der Untergebene dann auch die Pflicht habe, sich von dem Vorgesetzten mit der rechts⸗ widrig gebrauchten Waffe ruhig abschlachten zu lassen, ohne sich dabei zur Wehr setzen zu dürfen, bejahte der Auklagevertreter die äußerste Folge seiner vorherigen Erklärung. Nach dieser Auffassung ist also jeder deutsche Soldat verpflichtet, wie ein gefesseltes Stück Vieh stillzuhalten, wenn er einem finnlos betrunkenen oper verrückt gewordenen Vorgesetzten in die Hände sällt, den die Lust anwandelt, dem Untergebenen den Säbel in den Leib zu rennen, oder ihm damit die Augen auszustechen, oder ihm den Schädel einzuschlagen. Selbst dem Gerichtshofe ging diese aberwitzige Auffassung des Vertreters der Anklagebehörde zu weit. Er erklärte in der Begründung des furchtbaren Urteils, das für jeden der beiden Soldaten auf 5 Jahre Zuchthaus lautete, daß es für die Untergebenen dem Vorgesetzten gegenüber allerdings eine Notwehr gebe, die sich aber nur als Abwehr, nicht als Gegen⸗ wehr äußern dürfe. Die Herren des Gerichtshofes muten da den einfachen Soldaten Unterscheidungen zu, über deren Anwendung in der Praxis die geschulten Juristen in jedem einzelnen Falle unter sich in Widerspruch geraten. Wo würde die Abwehr in Gegenwehr übergehen? Ist überhaupt bei Angriffen mit der blanken Waffe Abwehr ohne Gegenwehr möglich? Da tät es not, man gebe jedem Soldaten einen ausführlichen Kommentar zum Militärstrafgesetzbuch in die Hand und die Zeit, um die knifflichen Auslegungen zu be⸗ greifen, damit er nicht infolge einer gelegent⸗ lichen Verwechslung von Abwehr und Gegen⸗ wehr bei der Ausübung der Notwehr auf mindestens fünf Jahre ins Zuchthaus kommt. E Ein weiteres Zuchthausurteil hat das Kriegsgericht in Freiburg i. Baden gefällt. Es verurteilte die Reservisten Lehmann und Kubach vom Infanterie-Regiment Nr. 142 wegen Meuterei, begangen während des Manövers im Jahre 1903 in dem Orte Kerfers⸗ berg bei Offenburg, zu je 5 Jahren Zucht⸗ haus und Ausstocßzung aus dem Heere. Der Reservist Renn wurde wegen Meuterei und Meineids zu 3 Jahren 6 Monaten Ge⸗ fängnis verurteilt. Drei andere Soldaten, die bei dem Vorfalle weniger beteiligt waren, kamen mit Gefängnisstrafen von 3 Monaten bis zu 1 Jahr davon. Die Verurteilten hatten in dem genannten Orte, wo sie in Quartier lagen, einen Unteroffizier, der sich öfters Mißhand⸗ lungen der Soldaten zu schulden kommen ließ, verprügelt. Zu Urteilen wie die hier besprochenen hat die bürgerliche Presse in der Regel wetter nichts zu sagen. Dagegen kommt man im Volke immer mehr zu der Ueberzeugung, daß das Militärstrafgesetzbuch, das solche Grausamkeiten möglich macht, nicht länger zu halten ist. Diese Ueberzeugung muß sich auch dem schlimmsten Rückschrittler aufdrängen. Blut geschriebenen Gesetzbuches, das die Herr⸗ schenden privilegiert und das dienende Volk zu stummer, willenloser Unterwürfigkeit herab⸗ würdigt— das ist es, was der Dessauer und ähnliche Prozesse mit ehernem Worte hinausrufen ins Volk! Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. Bild aus der heutigen Ordnung. Eine zweiundsiebzigjährige Greisin, auf einem Auge blind, wird durch Bekanntmachung im Amtsblatte für den Regierungsbezirk Lüne⸗ burg steckbrieflich verfolgt— wegen Bettelns und Landstreichens! Wegen dieser Verbrechen ist die Untersuchungshaft über sie verhängt. Die Polizeibehörden werden ersucht, die Greisin zu verhaften und in das nächste Gerichtsgefäng⸗ nis abzuliefern. Dann wird das durch das Alter und das Elend der Frau beleidigte Rechtsgefühl des gemütvollen Deutschen Ge⸗ nugtuung erhalten. Die Alte wird verurteilt werden zu einigen Wochen Haft mit nachfol⸗ gender Ueberweisung an die Landespolizei⸗ behörde, heißt Arbeitshaus. Und herrlich er⸗ füllt sich dann das Wort:„Daß der Staat sich in höherem Maaße als bisher seiner hilfs⸗ bedürftigen Mitglieder annehme, ist nicht bloß eine Pflicht der Humanität und des Christen⸗ tums, von welchen die staatlichen Einrichtungen durchdrungen sein sollen, sondern auch eine Aufgabe staatserhaltender Politik, welche das Reform dieses mit Ziel zu verfolgen hat, auch in den besitzlosen Klassen der Bevölkerung, welche zugleich die zahlreichsten und am wenigsten unterrichteten sind, die Anschauung zu pflegen, daß der Staat nicht bloß eine notwendige, sondern auch eine wohltätige Einrichtung sei.“ Gewerkschaftliche Erfolge. Was durch eine gute Gewerkschaft für die Arbeiter zu er⸗ reichen ist, zeigen die Lohnkämpfe, die in diesem Jahre von dem Zimmererverbande durch⸗ geführt worden sind. Es sind davon 72 ent⸗ schieden und zwar 54 mit vollem und 5 mit teilweisem Erfolg; 11 Ausstände waren erfolg⸗ los geführt worden. Die Erfolge des Ver⸗ bandes sind: a. Lohnerhöhung in 148 Zahl⸗ stellen und zwar wurde der Lohn erhöht in 6 Zahlstellen um 1 Pfennig pro Stunde, in 41 um 2 Pfg., in 7 um 2½ Pfg., in 32 um 3 Pfg., in 15 um 4 Pfg., in 30 um 5 Pfg., in 5 um 6 Pfg., in 8 um 7 Pfg., in 1 um 7½ Pfg., in 2 um 8 Pfg., in 1 um 10 Pfg. b. Die Arbeitszeit wurde verkürzt in 27 Zahl⸗ stellen um ½ Stunde, in 10 um 1 Stunde. In 107 Zahlstellen wurden die Lohn⸗ und Arbeitsbedingungen durch Verträge festgelegt. Einschließlich der aus früheren Jahren noch geltenden bestehen zurzeit 162 Lohntarife im Zimmerergewerbe. Der Zimmererverband zählt in 566 Zahlstellen 41318 Mitglieder; er erfreut sich einer steten Weiterentwicklung und kann auf seine Erfolge stolz sein. Von Nah und Lern. Ein Freund des Nackten. Der Oberleutnant Freiherr von Horn beim dritten bayerischen Infanterieregiment hatte im vergangenen Sommer eine Abteilung Soldaten auf freiem Gelände und unter dem musternden Blick mancher Bauernmagd— wegen der Hitze — pudelnackt exerzieren lassen. Nun wurde dem Offizier sein Reformplan, die teueren Uniformen zu ersparen, so wenig gedankt, daß er strafversetzt worden ist. Freie Liebe des Pfarrers. Großes Aufsehen erregt in Celle das Gerücht von dem Verschwinden des Pastors Kreusler. Derselbe wird seit einigen Tagen vermißt. Gleichzeitig ist eine in dem Haus des Geistlichen beschäftigte junge Dame, die Tochter angesehener Leute aus einem Dorfe in der Umgegend, spurlos verschwunden, nachdem ste zuvor eine größere Geldsumme bei einem Bankgeschäft erhoben hatte. Das ungleiche Liebespaar ist unterdeß bereits in New⸗York angekommen. Kleine Mitteilungen. * Beim Baumfällen verunglückte der Ar⸗ beiter Rodenhausen in Wieseck. Es fiel ihm ein Baumstamm auf das Bein, wodurch er einen Beinbruch erlitt.— Ferner wurde der Waldarbeiter Finger aus Bottendorf bei Marburg von einem umstürzenden Baume erschlagen. Das gleiche Schicksal ereilte den 18 jährigen Holzfäller Dietz aus Riebelsdorf, der vor den Augen seines Vaters von einem Aste zer⸗ schmettert wurde. k Auf der Straße zwischen Lich und Langs⸗ dorf wurde am Sonntag eine ältere Frau von einem jungen Mann angebettelt. Als sie das Portemonnaie aus der Tasche nahm, entriß ihr es der Mensch und flüchtete. Man erwischie ihn aber bald und nahm ihn fest. * Verbranntes Kind. In dem Dorfe Günter⸗ fürst bei Erbach i. Odenw. spielten vorigen Donnerstag in einem Hause mehrere Kinder mit Feuer. Erwachsene waren im Augenblick nicht zugegen. Die Kleinen setzten Holzspäne in Brand, wobei die Kleider eines zweijährigen Kindes Feuer fingen. Das Kind wurde furchtbar ver— brannt und erlag nach einigen Stunden seinen qual⸗ vollen Leiden. k Wieder Einer. Die Staatsanwaltschaft zu Memmingen hat gegen den katholischen Pfarrer Kühl von Illereichen wegen Unterschlagung, Sittlichkeitsver⸗ gehen usw. einen Haftbefehl erlassen. C000. Bem üht Parteifreunde! cn etz nach besten Kräften für die immer weitere Verbreitung Eueres Blattes. Mitteldeutsche— umungs- 0 Ausverkauf! 2 Nr.— in Bezugnahme auf meine Voranzeigen beginnt nunmehr der Räumungs-Ausverkauf Samstag, 3. Dezember. g 1 1 Ich habe alle Waren zu horrend billigen Preisen herabgesetzt, doch würde es zu weit führen, alle am Lager befind- 10 14 lichen Artikel mit Preisen aufzuzählen, weshalb ich meine verehrte Kundschaft höfl. ersuche, 1 die in meinen Schaufenstern mit herabgesetzten Preisen versehenen Waren zu besichtigen. i 9 a 1 Folgende Posten habe ich separat auf Tischen ausgelegt: 5 fin 0 Einen grossen Posten Herren-Paletots und-Ulsters anfangend mit Mk. 8,00. 13 1. 1 Einen grossen Posten Herren und Knaben⸗Capes * aulangend nit Ink. 325. 1 Tlnon grossen Posten Knaben- und Burschen-Palefots anfangend mit Mk. 3,50. 15 Einen grossen Posfen Berren- und Burschen-Anzüge 10 anfangend mit sIIk. 6, O0. Einen grossen Posten Loden- Joppen von Mk. 2,50 bis 4,50, letztere mit Futter. Einen grossen Posten Knaben-Buckskin-Anzüge 5 g anfangend mit Mk. 2,80. Einen gross. Posten Herren-Buckskin-Hosen 190 von Mk. 2,80 bis 4,50. Einen grossen Posten Buckskin- u. Kammgarn-Reste Carl Frensdor! 10 Bahnhofstrasse G 2 essen Bahnhofstrasse 1 ö 1 6 Eeke Neustadt Ecke Neustadt. e 1 Verlag der Misteld. Sonnfags⸗Zelfung FT Rrümm, Yießen. Perantwortl. Redakteur F. A. Vetters, Gießen. Druck von Heppeler& Meyer, Vießen. 4 6 —