. —** Nr. 36. Gießen, den 4. September 1904. 11. Jahrgang. Nebaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Sonnt Mitteldeutsche 8-31 Nebaltionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. itung. Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 2 Juserate 2 nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die ögespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25%% bei 6 mal. Bestellung 33½0% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 500% Rabatt. Bei mindestens Lobgesänge auf die deutsche Sozialpolitik. Es war in den 70er Jahren, daß Schreiber dieses, so schreibt ein Genosse im„Hamburger Echo“, der damals in einem größeren Dorfe domtizilierte, als Mitglied des Ortsarmenrates die elende Baracke besuchte, wo einige gebrech⸗ liche Ortsarme untergebracht waren, und sich entsetzte über das, was er sah und das lediglich der Gleichgültigkeit und Knauserei der Gemeindeverwaltung zur Last fiel. Erst nach heißen Kämpfen und nicht ohne Androhung drastischer Mittel, gelang es ihm, den Hartsinn des Kollegiums zu erweichen und die Bewilli⸗ gung der Mittel der zu umfassenden baulichen Verbesserungen und zur Einrichtung geordneter Zustände durchzusetzen. Als nun später der Be⸗ zirksbeamte als Vertreter der Aufsichtsbehörde in die betreffende Gemeinde kam und veranlaßt wurde, auch das Armenhäuschen zu inspizieren, machte er hochbefriedigt dem Ortsvorsteher leb⸗ hafte Komplimente, und dieser, welcher sich am hartnäckigsten gegen die belobten Einrichtungen gesträubt hatte, strich die Komplimente freudig ein, als ob alles seiner spontanen Initiative zu verdanken gewesen wäre. Das Gesicht, das dieser würdige Schulze damals schnitt, tauchte in unserer Erinnerung auf, als wir vor einigen Wochen in mehreren kapitalistischen Blättern lasen, wie sehr sich das deutsche Unternehmertum geschmeichelt fühlt über die Anerkennung, welche dem deutschen Arbeiter⸗Versicherungswesen auf der Weltausstellung in St. Louis gezollt wird, wo ein umfassendes Gesamtbild desselben im„Education Building“(Erziehungs⸗ gebäude) vorgeführt und nach Wesen und Wirkung durch fünf im Auftrage des Reichs⸗ versicherungsamts ausgearbeitete Hefte erläutert wird. Welche Hochgefühle werden erst die Brust unserer Kapitalisten schwellen, nachdem sogar auf unserm Internationalen Kongreß die staatliche Arbeiterversicherung in Deutschland zwar als verbesserungsbedürftig in verschiedener Richtung, aber doch als ein bedeutender rela⸗ tiver Fortschritt gegen andere kapttalistische Länder und als nachahmenswert für sämtliche Kulturstaaten geschildert wurde. „Wir deutsche Kapitalisten sind doch bessere Menschen!“ Das kann man zwischen den Zetlen lesen. Oder aber man sucht daraus Kapital zu schlagen für das deutsche Kaisertum und will gar aus Bebels Reden in Amsterdam eine verschämte Huldigung vor der sozialen Monarchie herausgehört haben, während er doch nur sagen wollte, daß bürgerliche Republiken in Gesetzgebuug und Verwaltung der Arbeiter⸗ klasse gegenüber noch nicht ohne weiteres des⸗ halb besser sein müssen, weil sie Republiken sind. Demgegenüber muß wieder nachdrücklich daran erinnert werden, daß die soziale Gesetz⸗ gebung in Deutschland eine Frucht der hier am stärksten entwickelten soztaldemokra⸗ tischen Bewegung ist, was ja bekaantlich auch Bismarck eingeräumt hat. Erst als die Wogen der sozialdemokratischen Bewegung höher und immer höher gingen, die Ziffer unserer Wahlstimmen und die Zahl unserer Mandate trotz Ausnahmegesetze mit jeder Wahlperiode stärker anschwoll und Hand und Hand damit die gewerkschaftliche Bewegung, trotz unsäglicher Schurigeleien durch Verwaltung und Unter⸗ nehmer, getragen vom Geist sozialistischer Wissen⸗ schaft unaufhaltsam erstarkte und das Unter⸗ nehmertum in die Enge trieb— erst dann fing das Eis an, aufzutauen, beschritt man den Weg der sozialen Gesetzgebung. Und diese hatte ja bekanntlich den Schalk im Nacken, man hoffte damit die Arbeiter der sozialdemokratischen Fahne abspenstig zu machen. Speziell ist noch zu beachten, daß die bür⸗ gerlichen Parteien, vor allem das Zentrum, mochten ste wollen oder nicht, Arbeiterforderungen unterstützen mußten, um nicht gar zu sehr bei den Wahlen von der Sozialdemokratie über⸗ flügelt zu werden und allen Anhang in den unteren Schichten zu verlieren. Das ist ja doch notorisch. Jetzt freilich fängt man auch in den Unter⸗ nehmerkreisen an, einzusehen, daß die soziale Gesetzgebung auch für die Industrie höchst vor⸗ teilhaft gewesen ist. Ihr vorzugsweise verdankt die deutsche Industrie ihren hohen Aufschwung, ihr verdankt sie, daß ste bereits die zweite Rolle (nach England) auf dem Weltmarkte spielt. Das wurde in Amsterdam konstatiert und es konnte von bürgerlichen Blättern nicht in Ab⸗ rede gestellt werden. Sogar ein führendes Or⸗ gan großkapitalistischer Interessen, die„Köln. Zeitung“, machte kürzlich das Zugeständnis: „Zum großen Teil ist es der Wirksamkeit der sozialen Versicherungen zuzuschreiben, daß die Arbeiterschaft durch ste gesunder, lebenskräftiger und damit leistungsfähiger geworden ist, und daß sich ihre Teilnahme am öffentlichen Leben durch die Mitarbeit in den Versichernngseinrich⸗ tungen, ihre geistigen und sittlichen Interessen gehoben haben.“ Durch den sozialdemokratischen und gewerk⸗ schaftlichen Klassenkampf sind die Errungen⸗ schaften erzielt worden, worauf man jetzt in den oberen Regionen stolz ist. Beiläufig: Genosse Jaures hätte daher den Mund nicht so voll zu nehmen brauchen, als er von der angeblichen politischen Ohnmacht der deutschen Sozialdemokratie sprach. Nicht bloß die Kinder, auch die herrschenden Klassen sind gütlichen Vorstellungen unzugäng⸗ lich, soweit ihre Ausbeuterinteressen in Frage kommen; aber wenn sie zu Konzesstonen an die Ausgebeuteten genötigt worden sind, erwacht eine bessere Erkenntnis; durch die„Realität der Tatsachen“ müssen sie mit den Nasen da⸗ rauf gestoßen werden, daß sie selber vo“ einer gesunden Sozialpolitik mehr profitieren, als von schrankeuloser Ausbeuteret und Autokratie. So haben sich ja auch die„eämer gegen den Sonntagsschutz gewehrt urd jetzt sind sie herzlich froh daran! Mit dem sozialistischen Endziel wird es genau so kommen. Leider aber erstreckt sich diese bessere Einsicht höchst selten über die im harten Kampf ihnen abgerungenen Konzesstonen hinaus. Jedem weiteren soztalpolitischen Fortschritt setzen sie immer wieder zähen Widerstand entgegen. Obgleich die Gespensterseherei durch die Tat⸗ sachen Lügen gestraft worden ist, regt sie sich immer wieder, sobald die Arbeiter weitere noch so zeitgemäße und gerechte Forderungen stellen. Daher die Waffe des Klassenkampfs vom Proletariat nie in die Scheide Das wird auch in den anderen kapitalistischen Ländern der Fall sein, trotz der Hymnen, die manche ihrer Sozialpolitiker auf die deutsche Versicherungs⸗Gesetzgebung anstimmen. Kein weiterer Weg als vom andächtig Schwärmen zum guten Handeln. ——— Die Sozialdemokratie im Reichstag. Wie es in unserer Partei üblich ist, hat die Reichstagsfraktion auch in diesem Jahre einen ausführlichen und umfangreichen Bericht an den Parteitag erstattet. Ueber die allgemeine Situation im letzten, hunderttägigen Sessions⸗ abschnitt wird bemerkt, daß die Verhandlungen beherrscht wurden von der Siehe zweier vorhergegangener politischer Ereignisse. Das eine war die Annahme des neuen Zolltarifs, dessen Einführung von den agrarischen Parteien beharrlich gefordert wurde, sei es auch auf Kosten eines Zollkriegs nach allen Seiten; das zweite war der für unsere Gegner völlig uner⸗ wartete Dreimillionensieg der Sozial⸗ demokratie am 16. Juni 1903. f Die Frage, ob und unter welchen Beding⸗ ungen der neue Zolltarif in Kraft gesetzt werden sollte, hat niemals während der hundert Sitz⸗ ungen amtlich auf der Tagesordnung gestanden. Es konnte das nicht geschehen, da es der Reichs⸗ regierung trotz eifriger Bemühungen nicht ge⸗ lungen war, Handelsverträge mit irgend welchen anderen Mächten auf der Grundlage des neuen Zolltarifs mit seinen Minimalsätzen für Getreide zu vereinbaren. Schon diese Tatsache allein bestätigt die Richtigkeit des sozialbemokratischen Urteils, daß der neue Zolltarif ein wenig ge⸗ eignetes Mittel zur Erzielung von Handels⸗ verträgen sei. Die Agrarier der schärferen Tonart drängten unablässig die Regierung, die bestehenden Handelsverträge schlankweg zu kündigen, um dann, wenn bet Ablauf der Kündigungsfrist neue Verträge noch nicht ver⸗ einbart sein sollten, den neuen Tarif einfach in Kraft zu setzen. Die Regterung leistete dieser Zumutung, trotz größter Sympathien mit den Agrariern Widerstand, da sie sich doch nicht der Einsicht verschließen konnte, daß eine solche Heraufbeschwörung von Zollkriegen nicht nur der deutschen Arbeiterschaft— denn darüber hätte sie sich wohl hinweggesetzt—, sondern auch den Industriekapitalisten durch Lahmlegung der Exportindustrie den schwersten Schaden zu⸗ fügen würde. Die Vertreter der liberalen Par⸗ teien bekämpften zwar die agrarische Forderung einer Kündigung der Handelsverträge durchweg, sie ließen jedoch durchblicken, daß sie auch für solche Handelsverträge zu haben wären, die für die Bevölkerung Deutschlands eine Erhöhung der Nahrungsmittelpreise infolge der Einführung der Minimalsätze des neuen Tarifs bedeuten würden. Anders die Sozialdemokratie. Die Redner unserer Partei haben getreu unserer Stellung- nahme bet den Zolltarifkämpfen und während der Wahlbewegung, keinen Zweifel darüber ge⸗ lassen, daß wir unter keinen Umständen für Handelsverträge zu haben sein würden, die eine Erhöhung der Lebens mittelzölle gegenüber den noch geltenden Zollsätzen des gesteckt werden darf. alten, durch die bestehenden Handelsverträge modifizierten Tarifs enthalten würden. Diese —ů— ——-»— . .—— 8 ä—— — Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags ⸗Zeitung. Nr. 36. unsre Stellungnahme war bedingt durch die folgenden leitenden Gesichtspunkte: Aufgabe der Sozialdemokratie als Vertreterin der Arbeiter⸗ interessen im Klassenkampfe ist es, alle wirt⸗ schaftspolitischen Maßregeln zu bekämpfen, die eeignet sind, den Reallohn der Arbeiterschaft erabzumindern. Der Reallohn der Arbeiter⸗ schaft wird aber herabgemindert durch die Schwächung, welche die Kaufkraft des Geld⸗ lohnes durch künstliche Erhöhung der Waren⸗ preise, insbesondere der Preise der notwendigsten Lebensmittel erleidet. Diese Veringerung des Reallohnes kann auch keineswegs wett gemacht werden durch Lohnerhöhungen, die seitens der schutzzöllnerischen Interessenten jedesmal den Arbeitern in Aussicht gestellt werden, sobald sie zur Erhöhung ihrer eigenen Profite eine Ver⸗ stärkung der Schutzzölle fordern. Denn abge⸗ sehen davon, daß erfahrungsgemäß solche Lohn⸗ erhöhungen nur in sehr geringem Umfange oder gar nicht einzutreten pflegen für die Arbeiter der durch Schutzzölle begünstigten Betriebe, haben alle anderen Arbeiter nur Nachteile davon. Auf die Dauer reguliert sich aber das Niveau der Löhne nach der Gesamtlage des Arbeitsmarktes. Nur die Kampffähigkeit der gewerkschaftlichen Arbeiter⸗Organtsationen für Schutz und Trutz, nicht aber die künstliche Steigerung einzelner Unternehmerprofite sichert den Arbeitern den Lohn. Es ist deshalb eine ganz irreführende Behauptung, wenn verstchert wird, daß die Arbeiter als„Produzenten“ ein gemeinsames Interesse mit den Unternehmern an künstlichen Profitsteigerungen hätten. Für die Arbeiter fällt ihr Interesse als„Produzenten“ mit dem als„Konsumenten“ völlig zusammen. Die künstlichen Profitsteigerungen kommen nur den Ausbeutern der Produktion zugute. Da die Arbeiter aber am schwersten u leiden haben unter einer künstlichen Preis⸗ stetgerung der unentbehrlichsten Lebensmittel, nahm die Fraktion zur Frage der Handelsver⸗ träge die ihr durch das Arbeiterinteresse gebotene Stellung ein, daß ste erklärte, nur solchen Handelsverträgen ihre Zustimmung geben zu können, die mindestens keine Erhöhung der gegenwärtig gültigen Lebensmittelzölle zur Folge haben würden. Die Vorstöße der Agrarier wegen Kündigung der Handelsverträge nahmen im Laufe der Verhandlungen an Schärfe zu, während die Regierungsvertreter sich bemühten, bei sanftester Abwehr dieser Angriffe durch möglichstes Ent⸗ gegenkommen die wild gewordenen Agrarier zu versöhnen. Aber auch noch in anderer Weise wirkten die Zolltarif⸗ und Handelsvertrag⸗Fragen ein auf die ee und die Verhandlungen im Reichstag. In erster Reihe kommt für Deutschland ein Handelsvertrag mit Rußland in Frage. Die russische Regierung zeigte nun zunächst keinerlei Neigung, einem neuen Handelsvertrage auf der Grundlage des neuen deutschen Tarifs ihre Zustimmung zu geben. Da hat es die deutsche Reichsregierung nicht an Liebesdiensten gegen Rußland— eingestandenermaßen nach dem vom Fürsten Bismarck gelieferten Vorbild— fehlen lassen, um die Zarenre⸗ gierung ihren wirtschaftspolitischen Wünschen günstiger zu stimmen. Abgesehen von den eigenen reaktionären Gelüsten der preußischen und der übrigen deutschen Regierungen, sind die Ausweisungen russtscher opposttioneller Staats⸗ angehöriger aus dem deutschen Reiche, sowie insbesondere der gegen deutsche Staatsangehörige angestrengte Prozeß wegen des Schmuggels an⸗ geblich zarenbeleidigender und hochverräterischer Schriften nach Rußland auf die Bemühungen der Reichsregierung um die Gunst des Zaren und seiner Diener zurückzuführen. Es wird späterhin noch dargelegt werden, auf welche Weise dieses Diplomatenspiel mit den Interessen des deutschen Volkes und dem Ansehen des Deutschen Reiches von unserer Seite gewürdigt worden ist. (Fortsetzung folgt.) r Politische Rundschau. Gießen, den 1. September 1904. Die blamierten Hessen. Daß sich die hesstsche Regiernng mit dem Rede⸗Verbote gegen Reichsraksabg. Perner⸗ storfer gehörig in die Finger geschnitten hat, wird sie wohl selber zugeben. Möglicherweise gesteht man sich in Darmstadt jetzt selbst ein, daß es ein Fehler war, dem Berliner Russen⸗ kurse nachzugeben. Tatsächlich haben dadurch die preußischen und hessischen Polizeiweisen wieder reichlich Wasser auf die sozialdemokratische Mühle geführt und uns zu einem gewaltigen agitato⸗ rischen Erfolge verholfen. Ueber die„Staatsgefährlichkeit“ Pernerstorfers scheint übrigens die gewiß nicht als besonders „liberal“ verschrieene badissche Regierung an⸗ derer Ansicht zu sein als die hesstsche. In Mannheim konnte Pernerstorfer am Freitag ruhig reden. Und er sprach volle 2 Stunden ruhig, gemessen in seiner gemütlichen Art.— Schärfer hob sich seine Stimme, wird berichtet, als er oft mit einer beißenden Satire den Klerikalen und den Feudalen Oesterreichs, den schlimmsten Feinden der Sozialdemokratie, zu Leibe ging. In von glühender Begeisterung getragenem Pathos richtete er schließlich einen Appell an die Versammelten, sich eins zu fühlen in dem großen Bande, das die Sozialdemokratte aller Länder umschlingt. Nur dieser Gedanke gäbe der österreichischen Sozialdemokratie Mut und Selbstvertrauen, auszuharren auf ihrem verlorenen Posten bis zur Stunde der Befreiung der Arbeiterschaft aus dem Joche des Kapitals. Unter stürmischem Beifall der Riesenversammlung schloß der Redner. Erst als dann Drees bach den Russenkurs 1 0 und Genosse Geck die Resolution zur Verlesung brachte, in der das Vorgehen der preußischen und hesstschen Polizei scharf kritisiert wird, glaubte der Vertreter des Bezirkamts ein Uebriges tun zu müssen und löste die Versammlung auf, die unter Absingen der Marseillaise auseinanderging. In der Offenbacher Protestversammlung am Sonntag Vormittag war der Andrang ein so ungeheuerer, daß der große Saal des Saal⸗ baues nicht ausreichte, sondern zugleich im Garten eine weitere Versammlung abgehalten wurde. Bereits lange vor der angesetzten Zeit strömten die Massen aus Frankfurt, Fechenheim, und der weiteren Umgebung Offenbachs der Versammlung zu. Man hatte sich um einen auswärtigen Redner bemüht, allein es gelang nicht, einen solchen zu erhalten. Es sprachen daher die Abgeordneten Ulrich und Scheide⸗ mann. Ersterer sprach im Saal, Scheidemann im Garten. Von den Ausführunngen Ulrichs, der mit Beifall begrüßt wurde, sei folgendes wiedergegeben: Es gereicht mir zur besonderen Genugtuung, führte er aus, heute zu protestieren gegen die Verpreußung Hessens, weil ich bisher noch der Meinung war, daß, nachdem der„preußische Finger“ gegangen war, der hessische Rothe mehr Rückgrat haben würde, als er jetzt bewiesen hat. Die heutige Versammlung hat eine höchst merkwürdige Geschichte. Sie wissen, daß Per⸗ nerstorfer in Frankfurt nicht reden durfte. Er hat zwar doch geredet, aber die Polizei war der Meinung, daß, wenn Pernerstorfer seinen Vortrag gehalten hätte, die Folge davon der Zusammenbruch vielleicht der ganzen preußischen Monarchie gewesen wäre.(Heiterkeit.) Nun hat Pernerstorfer aber, wie gesagt, doch geredet und Frankfurt liegt noch ruhig am Main. Was in Frankfurt nicht möglich war, das glaubte man in Offenbach tun zu können. Ich gestehe offen, daß ich nicht daran dachte, daß gegen Pernerstorfers Vortrag hier etwas eingewendet werden würde. Ich hatte bisher die Auffassung, daß die hesstschen Behörden namentlich in diesen Fällen sich nicht dazu hinreißen lassen würden, das Vereins- und Versammlungsrecht irgend wie 11 beschränken. Ich protestiere namens der rbelterklasse und der noch wahrhaft liberal denkenden Bürgerschaft gegen eine solche Beschränkung, die darin liegt, daz man uns verhindern will, einen Referenken zu hören, das Verbot nicht erlassen. den wir hören wollen.(Beifall.) Es ist nicht damit abgetan, daß man davon spricht, dem Genossen Pernerstorfer ist der Mund ver⸗ schlossen worden, sondern wir müssen feststellen, daß mit dieser Aktion die hessische Regie⸗ rung einen Verfassungsbruch begangen hat.(Lebhafte Zustimmung.) Durch nichts ist das Redeverbot gerechtfertigt. Ich behaupte: die ganze Art, wie die hessiche Regierung hier ehandelt hat, beweist, daß sie sich von Preußen hat unterkriegen lassen. Ich werde, das glaube ich schon jetzt im Namen der sozialdemokrattschen Landtagsfraktion sagen zu können, mit meinen Kollegen eine Interpellation im Land⸗ tage einbringen und werde verlangen, daß nicht nur die Regierung, sondern auch die bür⸗ gerlichen Parteien Rede und Antwort stehen. (Großer Beifall.) Was will denn die hessische Regierung mit ihrem Vorgehen erreichen? Sie behauptet, Pernerstorfer sei ein lästiger Aus⸗ länder. Ich frage, wodurch hat sich Perner⸗ storfer lästig gemacht? Vielleicht durch die Tatsache, daß er ein Ausländer ist? Wer das sagt, der verschweigt nur die wahren Ursachen. Ich behaupte öffentlich, die hessische Regie⸗ rung hätte aus eigener e e lediglich durch die preußische Regierung und die hessische Zentrumspresse scharf gemacht worden. Wir werden im Landtag die Antwort der Re⸗ gierung hören. Die preußische Regierung hat in Frankfurt nur verboten, daß Pernerstorfer redet. Und als man dann verlangte, daß Pernerstorfer sich vorstellte, da hat er doch geredet und in der Tat ist alsdann ein Schutzmann aufgestanden und hat den Helm aufgesetzt. Allein Perner⸗ storfer sprach so außerordentlich gemütlich, daß selbst die preußische Pickelhaube die Segel ge⸗ strichen hat.(Heiterkeit.) Die Ausweisung er⸗ folgte aber nicht. Pernerstorfer durfte in der Versammlung bleiben und konnte den Verlauf derselben bis zu Ende verfolgen. Bei uns ist man noch preußischer als in Preußen. Bei uns hat man verboten, daß Pernerstorfer hier in der Versammlung überhaupt erscheint. Ich frage: Wie wollte man das verhindern? Wer will denn Pernerstorfer ausweisen, wenn er hier sitzen würde? Was würde die Polizei tun, wenn ich jetzt sagen würde: Pernerstorfer sitzt mitten unter uns.(Minutenlange, sich immer wiederholende Jubelrufe. Die Polizeiherrschaften blicken ratlos im Saal umher und suchen Per⸗ nerstorfer! Als Genosse Dittmann dem Kom⸗ missär ein Bild Pernerstorfers überreicht, bricht ein erneuter Jubel los. Schließlich verläßt die Poltzei die Bühne.) Ulrich fortfahrend: ich wollte mit dieser Bemerkung nur beweisen, daß die Polizei macht⸗ los ist, wenn Pernerstorfer unter uns weilen würde. Es steht also fest, daß das Ministerium des Innern eine Verfügung erlassen hat, die es im Ernstfall gar nicht zur Ausführung bringen könnte. Gerade das kleine Stückchen, das ich Ihnen hier vorgeführt habe, daß solche Auf⸗ regung bei der Versammlung und der Poltzet hervorgerufen hat, beweist die Schwäche der ganzen Verfügung. Das Vorgehen gegen Per⸗ nerstorfer ist ein Beweis dafür, daß wir uns in Deutschland in einer Situation befinden, die fordert, daß die deutsche Arbeiterklasse mehr als je auf dem Damme ist und jedem Versuch der Russifizierung unserer Verhältnisse ent⸗ gegentritt. 5 Unter lebhaftem Beifall wurde eine Resolu⸗ tion einstimmig angenommen, welche in scharfen Worten und fast mit der Mannheimer gleich⸗ lautend gegen das Vorgehen der hessischen Re⸗ gierung und die Verpreußung protestiert. So hat diese preußische Polizei⸗Maßregel wieder kräftig für unsere Partei gewirkt! Auf einer Ansichtspostkarte mit dem Portrait Pernerstorfers, die massenhaft verkauft wurde, wird in Steckbriefform die Russen⸗Maß⸗ regel verspottet. Wie Monarchien vergehen! Dieser Tage starb der Flügeladjutant des letzten Kurfürsten von Hessen, Major Louts Freiherr von Eschwege. Er war seinerzeit der N Nr. 36. Heberbringer eines Handschreibens an den da⸗ Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite. maligen König Wilhelm von Preußen, durch welches sich der in Stettin inhaftierte Kurfürst die fernere Selbständigkeit seines Landes zu sichern versuchte, indem er bei seinem königlichen Vetter an die gemeinsam in Berlin verlebten Jugendjahre appellierte. Dieser Versuch miß⸗ lang bekanntlich und mit Furcht und Zagen reiste Herr v. Eschwege mit dem eigenhändig geschriebenen Absagebrief des preußischen Königs fu. seinem Gebieter zurück, in der une urchtbarer Szenen, wenn der jähzornige un aufbrausende Kurfürst den ungünstigen Ausgang seiner Misston erfahren wür de. Aber er hatte sich umsonst geängstigt.„Mit zitternder Hand, die seine innere, lang unterdrückte Unruhe er⸗ kennen ließ, nahm der Kurfürst den Brief zur Hand, der ihm die letzte schwache Hoffnung auf Wiedererlangung seines Thrones raubte. Während er las, sank er in seinen Sessel in sich zusammen, stöhnte mehreremals laut und dann versank er in ein stundenlanges, düsteres Brüten, dabei fortwährend den Kopf in die Hände gestützt, auf das Schreiben des Königs starrend,“ so erzählte Herr von Eschwege oft seinen Vertrauten.— Es wäre auch der Fall denkbar, daß der Brief statt von einem anderen Fürsten von einer absoluten Volksversammlung ausginge. Der Neid der Besitzenden oder der sozialdemokratische Damenachter. Berliner Blätter berichteten kürzlich von einem außerordentlich eleganten„Damenachter“, der auf der Oberspree die Bewunderung der Sportsleute erregt habe. Was ift das, ein Damenachter“? werden unsere Leser fragen. Wir müssen zu unserer Schande gestehen, daß wir es im ersten Augenblick auch nicht gleich wußten, so wenig sind wir mit sportlichen Dingen vertraut. Na, kurz, es ist ein Damen⸗ ruderboot zu acht Personen und— das ist sein Verbrechen— gehört dem soztaldemokratischen Ruderklub Vorwärts in Berlin.„Seht, ist das die„Verelendung der Massen?“ Sind das die hungernden Proletarier, die Enterbten? Man e nur Millionärstöchter könnten sich erartiges leisten.“ So schreit die bürgerliche Presse und selbstverständlich erhebt darüber auch das sich durch besondere Borniertheit auszeich⸗ nende Pücklerorgan in Friedberg sein wüstes Gebrüll. Freilich! See⸗ und andere Bäder, Sommerfrischen, Rudersport, Champagner und andere schöne Dinge sind nur für die oberen Zehntausend da. Die Masse der Arbeitstiere soll seine zwölf Stunden schuften, dann seine Brotrinde kauen und sich auf die Streu legen. Treffend fertigt die„Welt am Montag“— ein bürgerliches Blatt— die Schreier über den „sozialdemokratischen Damenachter“ folgender⸗ maßen ab: „Es sind nicht die saubersten Motive, die der Notiz die beißende Würze gegeben haben. In ihr versteckt sich hinter politischer Kritik auch eine gemessene Portton Aerger darüber, daß Proletarierinnen sich auf Gebiete wagen, die bisher den Begüterten reserviert waren. Ein„Damenachter“— das Wort„Dame“ wird tronisch betont— besetzt von Sozialdemokra⸗ tinnen. Man rümpft die Nase. Unglaublich! Nächstens werden sie noch im Tiergarten reiten und im Lederkostüm Automobil fahren. Schließ⸗ lich bletbt als gentlemanlike(eines Bourgeois würdig) nur noch die Luftschiffahrt übrig. Natürlich wäre es diesen herrschen⸗ den Klassen lieber, wenn die Arbeiter wie früher ihren Verdienst in Schnaps anlegten. Das sichert ihnen das Regime. Einsichtige aber werden das Erscheinen des „Damenachters“ nur begrüßen. Die Zunahme der sportlichen Interessen in der Arbeiterbe⸗ wegung wird ihre Kraft nur vermehren. Und der Vorwärts sagt der„Nationalztg.“, ihre Aufregung über das Schlagwort von der Verelendung der Massen solle als berechtigt anerkannt werden, wenn die letzte der Berliner Arbeiterinnen im„Damenachter“ säße. Jetzt hätten erst acht davon ein Ruderboot. Und dies sei erreicht mit 30 Pfennig Wochenbeitrag, den man im Ruderklub Vorwärts zahle. Welche Annehmlichkeiten müsse dann erst der vielver⸗ lästerte sozialdemokratische Zukunftsstaat bieten! Der Platz an der Sonne in Südwestafrika wird uns immer teurer. Die Gesamtkosten der Bekämpfung des Herero⸗Auf⸗ standes waren auf 50 Milltonen Mark be⸗ ziffert worden; wie aber jetzt verlautet, dürfte diese Summe keineswegs ausreichen.— Wie es in der herrlichen Gegend überhaupt aussieht, schildert recht anschaulich ein Soldatenbrief, der in der„Märkischen Volksstimme“ zum Abdruck gelangte. Der Soldat schreibt da unter anderem: „Fast jeden Tag kleine Ueberfälle. Wir liegen unter Gottes fretem Himmel mit zwei Decken, immer unser Gewehr links oder rechts geladen neben uns. Schakale oder Hyänen kommen oft bis an den einen oder anderen Schläfer, gehen jedoch gleich wieder erschreckt los. Sonst alles gut und gesund. Freilich Typhus herrscht hier zu Lande unter den Truppen. Lazarette alle voll. Wenig Essen.... Krieg kostet Millionen, weiß nicht, wo jemals die Kolonie das wie der einbringen soll.... Je länger der Krieg dauert, um so schlimmer für uns, denn Krankheiten greifen immer mehr um sich. Leicht erklärlich, jede Nacht ohne Zelt im Freien tegen, am Tage furchtbar heiß.. und Nachts gegen 2 Uhr tritt Kälte ein, daß es Eis auf dem Wasser gefriert. Dann nur 2 bis 3 Decken und Mantel, Rheumatismus tritt leicht ein. Wenig Lebensmittel, Magen ausgehungert, anstrengende Treks und Ritte; wo soll es anders hin. Keine Straßen, Sand, Sand und Dornen. Das ist unsere Kolonie. Das Gras zum Weiden der Ochsen und Pferde brennen die Hereros ab. Hafer pro Woche für ein Pferd ein Kochgeschirrdeckel voll. Bei den Tieren kann man auf die Knochen die Hüte aufhängen. Und diese Tiere in den Krieg mit landeskundigen Eingeborenen.“ Und für diese schöne Gegend muß das deutsche Volk viele Millionen Mark opfern. Orduungsparteiliche Wahlfälschun gen bleiben straflos. Der Bürgermeister von Bösgesäß(Wahl⸗ kreis Hanau), der Oekonom Christian Rausch, hat bei der letzten Reichstagswahl, bei der er Wahlvorsteher in Bösgesäß war, seinen Dienstknecht Möller aus Fischborn, nachdem dieser bereits in Bösgesäß seine Stimme abge⸗ geben hatte, durch ein Geldgeschenk ver⸗ anlaßt, noch einmal in Fischborn zu wählen, da sein Name dort ebenfalls in die Wählerliste eingetragen war. Dieser Vorgang wurde von unseren Genossen den Behörden mitgeteilt. Aber weder der Staatsanwalt in Hanau, noch der Oberstaatsanwalt in Kassel, noch das Oberlandesgericht in Kassel fanden, daß ein Anlaß zum strafrechtlichen Einschreiten vorliege, der„gute Glaube an die Zu⸗ lässigkeit der Doppelwahl“ wurde den beiden Schuldigen zuerkannt. Sonderbar, höchst sonderbar! Als unser Genosse Abgeord⸗ neter Herzfeld bei der Stichwahl wo anders wählte als bei der Hauptwahl, bekam er zwei Wochen Gefängnis. Ihm wurde der„gute Glaube“ nicht zugebilligt, obwohl außer Herz⸗ feld noch sehr viele andere Leute der Meinung waren und auch noch sind, wenn man in zwei Wählerlisten eingetragen sei, könne man bei Haupt⸗ und Stichwahlen wählen, b man wolle, nur nicht zweimal bei derselben Wahl. Herzfeld hat nur eine S. ime abgegeben, bei der Haupt⸗ wie bei der Stichwahl. Der brave Knecht Möller dagegen hat auf Anstiftung seines Herrn, eines staatserhaltenden Bürgermeisters, zwei Stimmen abgegeben. Herzfeld wurde verurteilt, Möller und Bürgermeister Rausch werden nicht verfolgt. Denn Staatsanwalt und Gericht meinen, ein Bürger⸗ meister, der einem anderen Geld gibt, damit er doppelt wähle, begehe nichts Unrechtes. Ar⸗ beiter freilich, die doppelt gewählt haben, sind in verschiedenen Orten Deutschlands zu Ge⸗ fängnisstrafen verurteilt worden. Die Rechts⸗ auffassungen der verschiedenen Gerichte sind eben verschteden. Der staatserhaltende Bürgermeister daß er es mit Richtern von so milder Auf⸗ fassung zu tun hatte. Kriegervereine und Gewerkschaften. Auf dem kürzlich stattgefundeneng Bezirks⸗ kriegertage des Bezirks Hannover⸗Linden wurde die Zugehörigkeit von Kriegervereinsmitgliedern zu„sozialdemokratischen“ Gewerkschaften ein⸗ gehend erörtert. Dabet machte Regierungsrat Schlosser vom hannoberschen Regterungs⸗ prästdium die eigenartige dee„man“ 1 bestrebt, denjenigen Krieger vereinsm tgliedern, ie gewerblich gezwungen worden seien, einer sozialdemokratisch geleiteten Gewerkschaft beizutreten, den Anschluß an eine christliche Gewerkschaft zu ermöglichen. Die nach dieser Richtung angestellten„Ermittlungen“ hätten längere Zeit in Anspruch genommen. In nächster Zeit würden indes den einzelnen Ver⸗ einen bestimmte Verhaltungsmaßregeln in dieser Beziehung zugehen. Eine absolute Scheidung der nichtchristlichen Gewerkschaften von den Kriegervereinen müsse Platz greifen. en„Spitzen“ der Kirchenvereinler scheints demnach endlich zu dämmern, daß für den Arbeiter die Zugehörigkeit zu einer Gewerkschaft eine unerläßliche Notwendigkeit ist. Nur die„sozialdemokratischen“ Gewerkschaften sollen den eue ore eee en verboten sein, also gerade die Berufsorganisattonen, die es wirklich ernst nehmen mit der Vertretung der Arbeiterinteresen. Den Anschluß an eine christliche“ Gewerkschaft will man ihnen gnädigst estatten. Es fragt sich nur, ob die Begnadeten ust haben, um sich die Teilnahme am Parade⸗ marsch und Fahnenschwenken zu stchern, ihre Berufsorganisation aufzugeben. Wir glauben, daß sich dazu nicht viele entschließen werden. Ob übrigens die„christlichen“ Gewerkschaften darüber erfreut sein werden, daß man sie für ungefährlich genug erachtet, um den Schwanz der Kriegervereine zu bilden? Bei den Landtagswahlen in Oldenburg fielen unserer Partei vier Mandate zu, während wir bis jetzt deren sechs inne hatten. Natürlich ist das Oldenburger Wahlrecht ein derartiges, das wie mit Absicht darauf zugeschnitten ist, sozialdemokratische Wahlen zu verhindern. Für uns verloren gingen die drei Mandate von Del menhorst, die unsere Partei bei der letzten Wahl mehr durch Zufall eroberte. Eins wurde neu gewonnen. Der sozialdemokratische Gemeinde⸗ vorsteher. Wie unser Zentralorgan mitteilte, erhielt der sozialdemokratische Gemeindevorsteher Brand in Woelfis, Sachsen⸗Coburg⸗Gotha, die behörd⸗ liche Bestätigung.— Daß diese Tatsache, die doch eigentlich als Selbstverständlichkeit gelten müßte, als wunderbare Begebenheit von der ganzen Presse telegraphisch verbreitet wurde, ist auch ein Zeichen unserer heutigen Zustände. Russisch⸗japanischer Krieg. Die Entscheidungsschlacht in der Mandschurei ist nach den letzten Nachrichten im vollen Gange. Es befindet sich fast die gesamte Macht beider Heere in der Feuerlinte. Auf beiden Seiten sollen zusammen über eine halbe Million Mann und etwa 2000 Geschütze betei⸗ ligt sein. Das Zentrum der Russen steht bei Liaujang, das stark befestigt ist. Bei dem An⸗ griff auf die russische Stellung sollen 200 000 Japaner mit über 1200 Geschützen beteiligt sein. Trotzdem sei der Angriff mißglückt. Vor Port Arthur müsse die Entscheidung in wenigen Tagen fallen. Die Lage General Stössels set verzweifelt, namentlich seitdem die Japaner die Wasserleitung von Port Ar⸗ thur bei Choneicingang erobert. Die Tragweite zusee Erfolges der Japaner ist noch nicht ab⸗ zusehen. Die russische Ostseeflotte, die schon seit langer Zeit nach Ostasien abgehen soll, be⸗ findet sich in so schlechtem Zustande, daß sie nicht in der Lage ist auszulaufen. von Bösgesäß kann jedenfalls von Glück sagen, . N „„—!..— 88 8 ————ů— — r 7 ————. Seite 4. Mitteldeutsche Sountaas⸗Zeitung. Nr. 36. Soziales, Gewerkschastliches, Arbeiterbewegung. Lohnkämpfe. Der Maurerstreik in Ful da wurde nun auch beendet, nachdem er elf Wochen gedauert hat. Die Arbeiter erreichten, daß der Lohn vom 19. September ab bis Ende 7 1 1905 auf 37 Pfg. und von diesem ermin bis 31. März 1906 auf 38 Pfg. er⸗ höht wird. 1 Es waren hier„christliche“ Arbeiter, die einen erbitterten Kampf mit ihren frommen Unternehmern führten, und was anerkannt werden muß, tapfer aushielten. Trotz ihrer„christlichen Nächstenliebe“ suchten die Ausbuter ihre christ⸗ lichen Brüder im Arbeitskittel mit Hilfe der Polizei und der Stadtbehörden zu unterdrücken und sträubten sich aufs äußerste gegen die be⸗ scheidenen Forderungen der Arbeiter. Manchem der letzteren wird das hoffentlich die Augen geöffnet haben! — Die vor Kurzem erfolgte Aus sperrung der Berliner Former und Gießer ist ebenfalls been det und zwar bedeuten die Beschlüsse der von beiden Teilen eingesetzten Einigungskommission einen Erfolg der Arbeiter. ... Le—ͤ!k Pon Nah und Lern. Hessisches. — Gemeindewahlen. Einen schönen Erfolg erzielte unsere Partei in Eberstadt im Odenwald. Bei der dort am Freitag stattgefundenen Gemeinderatswahl wurden vier unserer Kandidaten gewählt und nur ein einziger der Gegner, die ihren Sieg schon vorher in der Tasche zu haben glaubten und unsere Kandidaturen sehr geringschätzig behandelten. Die Wahlbewegung war eine äußerst rege und machten von 1116 Wahlberechtigten 736 von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Die von unserer Seite Gewählten sind: Dr. Ascher, Ludwig Krug, Heinrich Pritsch und Georg Kölsch. — Auch in Erzhausen eroberten unsere Ge⸗ nossen weitere zwei Sitze und verfügen nun im Ganzen über fünf. — Ein Pückler⸗Jünger. Seitdem das Blättchen der nicht bloß finanziell, sondern auch politisch und moralisch bankrotten antisemitischen Partei in Hessen aus der Krippe des Bundes der Landwirte frißt, ist es gegen früher noch eine gute Portion frecher geworden— und das will schon etwas heißen— bewegt sich auch sonst ganz auf der Geistes, höhe“ des Dresch⸗ grafen. Die letzte Nummer des sauberen Or⸗ gans, die als Nummer 1000 sogar illustriert ist— auf der ersten Seite ist die Druckerei abgemalt, mit Herren Köhler, Hirschel und einem Hund im Vordergrunde— enthält einen ganz gemeinen Anwurf auf Pernerstorfer, den die Leute von dem Bündlerblatt nicht leiden können. Sie hassen überhaupt alle ehrlichen Leute. Besonders die Sozial⸗ demokraten. Deshalb geiferte das Blättchen den Amsterdamer Kongreß folgendermaßen an: „Unter dem Titel Internationaler Sozialisten⸗Kongreß, ist soeben eine lächerliche Komödie in Amsterdam zu Ende Walde Faselhänse und verrückte eiber aus der halben Welt klopften dort ihr bekanntes Blech und der deutsche Aug ust cute erzielte mit rollenden Augen und chüttelnder Mähne einen großen Erfolg.“ Damit ist der internationale Kongreß hoffent⸗ lich gerichtet. Weil Hirschel mit seinem Blatt in den Junkerbund eingeschwenkt ist, hat es sich auch einen„feudalen“ Redakteur in der Person des Leutnant a. D. Wolff zugelegt und den Proleten Reuther auf die Straße gesetzt. Warum wohl dieser Herr den vornehmsten Rock aus⸗ ziehen mußte? Allerdings, seine Leistungen in dem Blättchen zeigen ihn in aller Fülle erst⸗ klassiger Eigenschaften und einer solchen geistigen Stufe, daß sie Gründe genug vermuten lassen. Gießener Angelegenheiten. — Im Leitartikel voriger Nummer sind in einem Teile der Auflage einige Satz⸗ fehler, enthalten, die wir hiermit richtig stellen. Der in der ersten Spalte, der 25. Zeile von unten beginnende Satz muß richtig lauten:„Das sogenannte„eherne Lohngesetz“, welches den Kernpunkt seiner volkswirtschaftlichen Lehre bildete, hat von der Sozialdemokratie, welche als eine Partei positiver Wissenschaft, niemals Schlacken und mögen ste ihr auch noch so lieb geworden sein, mit sich herumtragen darf, längst preisgegeben werden müssen.“ Ferner ist in der 3. Spalte 9. Zeile von oben von den„schlafenden Riesen⸗Proletarier“ die Rede. Es muß richtig heißen, das Lassalle den schlafenden Riesen Proletariat aus der Lethargie rüttelte. — Amtsblatt⸗Denunziantentum. Ueber den glänzenden Verlauf der Pernerstorfer⸗ Demonstrationsversammlung in Offenbach hat sich der„Gießener Anzeiger“ fürchterlch geärgert. Er will dem Genossen Ulrich den Staats anwalt auf den Hals hetzen und sagt, Ulrichs Bemerk⸗ ung, daß Pernerstorfer in der Versammlung anwesend sei, wodurch die Polizei zum Suchen veranlaßt wurde, sei grober Unfug und nach Paragraph soundsoviel zu bestrafen. Der Amts⸗ blatt⸗Redakteur tritt also als Angeber, als Denunziant auf. Allgemein schätzt man im Volke solche Leute noch immer so ein, wie es in dem bekannten Volksliede zum Ausdruck kommt. Oder ob der Mann sich wie die Spitzel aus der Zeit des Sozialistengesetzes das„All⸗ gemeine Ehrenzeichen“ verdienen will? Heute ist aber kein Puttkamer mehr da, der „eklatante Genugtuungen“ giebt! — Zum Andenken Lassalles hatte auch der Gießener sozialdem. Wahlverein eine Versammlung auf Mittwoch Abend in das Lokal Orbig einberufen, in der Dr. Michels⸗ Marburg in zweistündigen sehr kla en Aus⸗ führungen unseren großen Vorkämpfer in seiner geistigen und geschichtlichen Bedeutung würdigte, dabei seine großen Vorzüge und Verdienste für die Arbeiterklasse, aber auch seine Schwächen auf politischem und ökonomischem Gebiete dar⸗ legte. Eine Diskusston schloß sich an den sehr beifällig aufgenommenen Vortrag nicht. Die Feier wurde erst am Samstag beschlossen. — Der Wahl verein hat in seiner nächsten Ver⸗ sammlung, Samstag, den 10. September eine sehr reich⸗ haltige Tagesordnung zu verhandeln, weshalb wir schon heute darauf aufmerksam machen und die Parteigenossen ersuchen, recht zahlreich zu erscheinen. — Auf die General⸗Versammlung des Konsumvereins, welche diesen Sonntag im„Gambrinus“ stattfindet, machen wir noch⸗ mals aufmerksam. Um auch den Frauen die Beteiligung an der Versammlung zu ermöglichen, ist dieselbe auf nachmittags 3 Uhr festgesetzt worden. Es wird erwartet, daß sich die Frauen besonders zahlreich einfinden, denn es bietet sich ihnen hier Gelegenheit, ihre Wünsche zum Ausdruck zu bringen und so ihrerseits mit an dem weiteren Ausbau der Genossenschaft zu arbeiten. — Das Stiftungsfest der Brauer auf der Pulvermühle war nur mäßig besucht. Die Solidarität der Gießener Arbeiter sollte bei solchen Anlässen mehr in Erscheinung treten, und sich jedes Gewerkschaftsmitglied verpflichtet fühlen, die befreundete Gewerkschaft zu unter ⸗ stützen, zumal die Brauer stets überall am Platze sind. — Prof. Geheimrat Riegel, der Di⸗ rektor der hiestgen medizinischen Klinik, starb am Samstag in Ems an einem Herzschlage. Er wurde am Dienstag unter großer Beteiligung auf dem neuen Friedhofe beerdigt. Die Professoren Dr. Brauns, Poppert und andere würdigten am Grabe die großen Verdienste des Verstorbenen um die hiesige Klinik. Aus dem Rreise gießen. — Die Wiesecker Gemeinderatswahl hatte eine ziemlich schwache Beteiligung aufzuweisen. Von 550 Wahlberechtigten stimmten nur 182 ab. Von unseren Kandidaten wurden zwei, Dech mit 106 und Deibel mit 94 Stimmen gewählt, während der dritte mit nur 6 Stimmen hinter dem Gegner, der 89 Stimmen erhielt, zurückblieb. Aus diesem Ergebnis sollten die Wiesecker Parteigenossen eine Lehre ziehen und nicht mehr sich so gleichgültig dazu verhalten, in dem Glauben, als kämen die Gegner hier nicht in Betracht. Mit wenigen Stimmen konnte der Mißerfolg unseres dritten Kandidaten verhütet werden. Und gerade dieser tüchtige Genosse wurde mehrfach gestrichen, weil er fremd zuge zogen ist! Am Abend vor der Wahl war von gegne⸗ rischer Seite eine Versammlung einberufen worden, die jedoch resultatlos außeinander ging, weil der Einberufer gar nicht erschien. Unsere zahlreich erschienenen Genossen waren daher der Meinung, daß keine zweite Liste auf⸗ gestellt würde. Die Sache änderte sich aber. Am Wahl⸗ tag Vormittag erschien der 20 jährige Sohn eines Kan⸗ didaten bei Herrn Fabrikant Bramm mit einer andern Liste, für die dann kräftig bis zum letzten Augenbick agitiert wurde. Unterdes blieben die Arbeiter ruhig zu Hause. Infolgedessen wurde Herr Kimmel, für den leider auch einzelne Parteigenossen stimmten, gewählt. Niemals sollte aus persönlichen Gründen eine Streichung einzelner Namen stattfinden, das beweist stets eine schlechte Disziplin und wirkt schädigend für uns.— Wie es heißt, soll die Wahl von der Gegenseite angefochten werden; hoffentlich sind bei einer künftigen Neuwahl die Drückeberger besser am Platze. — Einen glänzenden Erfolg erzielten unsere Parteifreunde in Heuchelheim bei der dort am Mittwoch stattgefundenen Gemeinderatswahl. Unsere Kandidaten erhielten 214 bis 302 Stimmen, während es die Gegner trotz lebhafter Agitation nur auf 117— 135 brachten. Die Wahlbeteiligung war eine ziemlich rege, von 454 Wahlberechtigten stimmten 342 ab. Die Gegner suchten dadurch ihrer Liste zum Siege zu ver⸗ helfen, daß sie einen von unseren Kandidaten mit darauf setzten. Doch das nützte nichts, es war auch vergeblich, daß in Reimen und mittels Plakat zur Stimmabgabe für die gegnerische Liste eingeladen wurde. Ein Bravo! den Heuchelheimern! r. Aus Watzenborn⸗Steinberg. Das Messen mit zweierlei Maß, wie es in unserm„Rechtsstaate“ so oft beliebt wird, gewöhnen sich nach und nach auch simple Dorfbürgermeister an. Das konnte man hier kürzlich wieder wahrnehmen. Unsere hiesigen Hurra⸗ patrioten veranstalteten am 18. August zur Ver⸗ herrlichung des Schlachttages von Gravelotte, an dem so mancher Volksgenosse sein Leben im Interesse beute⸗ gieriger Kapitalisten opfern mußte, einen großen Rummel. Abends gegen 10 Uhr zogen etwa zwei Dutzend dieser „Kriegshelden“, die aber nicht„dabei“ waren, mit Musik und Fackeln durch Steinberg und Watzenborn. Natürlich gönnen wir den Leuten ihre Freude an der Ver⸗ herrlichung des organisierten Massenmordes, bedauern höchstens, daß es noch Arbeiter gibt, welche da noch mitlaufen und beim Ge öhlen der geist⸗ und sinnlosen Landsknechtslieder sich die Kehlen wund schreien. Es sei aber nur daran erinnert, daß bei unserm Kreisfest der Bürgerm eister uns den Umzug durch Watzenborn verweigerte, während hier ein paar Mann zu später Nachtzeit mit erheblichem Lärm durchs Dorf marschieren, ohne lange um Erlaubnis zu fragen. Wo bleibt da das gleiche Recht für alle? Als der Bürgermeister ge⸗ wählt sein wollte, gab er die Versicherung ab, daß er der Arbeiterschaft nicht entgegentreten wolle. Es zeigt sich aber, daß bei ihm der Grundsatz:„Ein Wort, ein Mann“ nicht zur Geltung kommt, Die Arbeiter merken sich hoffentlich die ungleiche Behandlung und geben den Herren bei den bevorstehenden Gemeinderats⸗ wahlen die richtige Antwort auf das zweierlei Maß. Aus dem Nreise ꝗriedberg⸗Büdingen a. Glänzend gesiegt hat unsere Partei bei der Gemeinderatswahl in Vilbel. Unsere Kandidaten wurden mit folgenden Stimmenzahlen gewählt: Jakob Möller, Schreiner mit 378, Friedr. Klinkel, Schreiner, 369, Friedr. Schmidt, Maurer, 361 und Franz Hoffmann, Maurer, 360. Die gegnerischen Kandidaten brachten nur 316—340 Stimmen auf, trotzdem für sie eine ge⸗ waltige Agitation entfaltet wurde. Der Wahlkampf war ein sehr heißer. Von 887 Wahlberechtigten übten 732 ihr Dahlrecht aus. Am Sonntag verbreiteten wir ein wirksames Flugblatt und agitierten von Haus zu Haus, Es war nicht allzuschwer, die Wähler für unsere Kandidaten zu gewinnen, denn die Wirtschaft des verflossenen Gemeinderates spürt jeder Einwohner nur zu sehr an seinem Geldbeutel. Mit dieser Interessen⸗ politik wird nun gründlich aufgeräumt werden. Nament⸗ lich wird dafür gesorgt werden, daß die Gemeinderats⸗ verhandlungen in möglichster Oeffentlichkeit geführt und die Teilnahme an denselben jedem Ortsbürger ermög⸗ licht wird. — Saubere Metz ger. Ju höchst gewissen⸗ loser Weise setzten die Metzger Goldberg und Strauß in Vilbel die Gesundheit ihrer Mitmenschen aufs Spiel. Sie schmuggelten Fleisch nach Frankfurt, das von einem hochgradig tuberkulösen Rinde stammte, also höchst gesundheitsschädlich war. Glücklicher⸗ weise entdeckte der Fraukfurter Fleischkontroleur das kranke Fleisch noch rechtzeitig, so daß es konfisziert und unschädlich gemacht werden konnte. Immerhin waren schon etwa 20 Pfund davon verkauft und es fehlten verschiedene Stücke von dem Tier. Der Tier⸗Arzt Müller in Vilbel wurde vom Dienst suspendiert. Wie berichtet 6. — uten icli zue geßne⸗ u, die ferufer nossen e au Wahl⸗ Kan⸗ dern enbick hig u r den wählt. ichung hlechte Die ez sochten hl die unsere t am Uusete ihrend 11 lemlich b. Die ber⸗ darauf gchlich, abgabe Bravo! Nessen staate“ 0 auch hler Hurra⸗ t Ver⸗ n dem beute⸗ ummel. ) dieser t Nustt atürlich Ve cdauern a noch iunlosen , Gs relfest genborn ppäter schieren, lebt da ister ge⸗ daß et 55 leigt u Wott, Arbeiter a8 ud uderats⸗ Naß. fl bei der wurden Möller, e 360, man, brachten elne ge⸗ anni en übten breiteten PEEK Ä—rꝛ—————— A 36. Mittel dentsche Sonutags⸗Zeitung. Seite 5. wird, soll der Fleischschmuggel von Vilbel aus schon länger betrieben werden. Hoffentlich trifft die Schuldigen eine empfindliche Strafe. Genosse Dr. Quarck brachte in der Frankfurter Stadtverordneten⸗Versammlung die Sache zur Sprache und verlangte Maßregeln zur Ver⸗ hütung ähnlicher Durchstechereien. Aus dem Nreise Alsfesd-Cauterbach. — Beim Kriegerfest. In Lauter hatte kürz⸗ lich der Kriegerverein ein Preisschießen arrangiert. Dabei gerieten ein paar Dorfgrößen, der Gutsbesitzer Zimmer und der Spinnereibesitzer Birkelbach in Differenzen. Die Gegner bearbeiteten sich schließlich derart mit Biergläsern, daß der eine Kämpfer mit einem Haupt voll Blut und Wunden abzog. Zunächst mußte der Arzt in Aktion treten, später wird es noch das Gericht. So geht's, wenn bei den Kriegern die schon so lange aufgespeicherte Kraft explodiert. Aus dem Nreise Wetzlar. h.„Der Dank des Vorwärts.“ Unter dieser Ueberschrift macht ein Schweinburg⸗Artikel die Runde durch die ganze Ordnungspresse und selbstverständlich fand er auch im„Wetzlarer Anzeiger“ willige Aufnahme. Genannter Artikel macht sich einen schoflen Angriff der zentrumskatholischen Berliner„Germania“ zu eigen, worin der Druckerei Vorwärts vorgeworfen wird, einen bei ihr 19 Jahre beschäftigt gewesenen Maschinenmeister am 1. Januar ds. Js. auf die Straße gesetzt habe. Der Entlassene habe keine Stellung mehr gefunden, sei erkrankt und jetzt kürzlich gestorben. Die Druckerei habe demnach an dem Arbeiter so hartherzig gehandelt, wie es kaum ein Privatunternehmer tun würde.— Wie der brave Anzeiger und seine Mit⸗Reptilien sich doch der Arbeiter in den sozialdemokratischen Betrieben liebevoll annimmt! Die Kreisblätter ꝛc. sollten doch erst mal in ihren eigenen Betrieben nach dem Rechten sehen, in der Vorwärts⸗Druckerei helfen sich die Arbeiter schon selber. Letztere haben auch in diesem Fall mit der Leitung der Druckerei verhandelt, aber die Entlassung des Betreffenden ist eben zum Bedauern der Leitung selbst nicht zu vermeiden gewesen. Die Arbeitsverhältnisse im Vorwärts dürfen sich schon sehen lassen und es sollten die Kreisblätter erst einmal in ihren Betrieben Arbeits⸗ bedingungen einführen, die nur zu 60 Prozent so günstig sind wie im Vorwärts, wo bei 8 stündiger Arbeitszeit bessere Löhne als in anderen Druckereien bezahlt werden und außerdem noch andere Vergünstigungen(Ferien ꝛc.) geboten werde. Dagegen bezahlen die beiden Wetzlarer Blätter erst seit Kurzem tarifmäßig und würden es heute noch nicht tun, wenn sie von ihren Arbeitern nicht dazu gedrängt worden wären. Kürzlich veröffentlichte übrigens der Korre⸗ spondent deutscher Buchdrucker diejenigen Zet⸗ tungsdruckereien, die nicht tarifmäßig bezahlen. Darunter befanden sich etwa 40 bis 50 Kreis⸗ blätter! h. Der Spielteufel wird zu Gunsten der Wieder⸗ herstellung des Wetzlarer Domes mobil gemacht— der Oberpräsident der Rheinprovinz hat dem Domverein die Genehmigung zu einer Lotterie mit 650 000 Mk. Rein⸗ gewinn erteilt. Außerdem erhob man bekanntlich Steuern von der Einwohnerschaft zum gleichen Zwecke, was den Steuerzahlern durchaus kein Vergnügen macht. Warum hat man den Freiherrn v. Mirbach nicht für den Dombau interessiert.— Nebenbei bemerkt, dürfte es fraglich sein, ob die Steuerzahler überhaupt zur Leistung dieser Dom⸗ bausteuer gezwungen werden können. — Die„Heiligkeit des Eigentums“ wucde neulich von dem Wetzlarer Schöffen⸗ gericht 3 Frauen zum Bewußtsein gebracht, die sich bei der Grube Raab ein Stückchen Gruben⸗ holz, das dort unter dem Schutt verfaulte, angeeignet hatten. Wert: 50—80 Pfennig. Strafe je einen Tag Gefängnis und die Kosten. So will es die heutige göttliche Weltordnung. Von den Frauen waren zwei Wittwen. o Zur Lassallefe ter in Gleiberg fand am Sonntag eine Versammlung im Saale zum schwarzen Walfisch statt, in welcher Gen, Vetters über die Be⸗ deutung dieses großen Vorkämpfers der sozialistischen Bewegung sprach und die Anfänge derselben schilderte. Die Ausführungen des Redners wurden aufmerksam ver⸗ folgt und beifällig aufgenommen, Aus dem Rreise Dillenburg⸗Herborn. t. Ein Dorf trocken gesetzt! In dem Dörfchen Korb im Oberwesterwald erschienen am Samstag ein Gendarm von Hachenburg und verschloß im Verein mit dem Bürgermeister und Polizeidiener sämtliche Zieh⸗ brunnen. Sie machten an sämtlichen Wasserpumpen, welche sich in den Wohnhäusern befanden, die Schwengel und Kolben unbrauchbar, um so die Wasserentnahme zu verhüten, trotzdem die Pumpen und Brunnen Eigentum der Hausbesitzer sind. Dadurch ist jetzt das ganze Dorf ohne Trinkwasser und die Bewohner sind daher gezwungen, ihren Wasserbedarf aus dem durch das Dorf fließenden Waschbach zu nehmen. Den Anlaß zu diesem Vorgang kann man nur darin suchen, daß der Königl. Landrat Büchting, ein sehr zu Reformen geneigter Be⸗ amter, mehrmals die Gemeinde aufgefordert hat, eine Hochdruckwasserleitung anzulegen, was aber stets abge⸗ lehnt wurde, weil das Dorf zu klein ist und die Ge⸗ meinde zu viel Schulden hat. Daß das Wasser der Brunnen schlecht sein soll, glaubt hier niemand; wenig⸗ stens ist hier nichts davon bekannt. Der Gesundheits⸗ zustand unter den Einwohnern in Korb ist ein sehr guter, unter den ca. 130 Einwohnern befinden sich 82, 80⸗ und 78 jährige Personen; eine ansteckende Krankheit, die aufs Wasser zurückgeführt werden kann, ist noch nie im Orte gewesen. Ueber die Maßnahme ist Beschwerde geführt und es herrscht darüber eine große Aufregung unter der Bevölkerung. Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain. Von der Tabakfabrik Niederehe in Marburg geht uns mit Bezug auf unsere Notiz in Nr. 34 folgende Berichtigung zu: „Die Firma Stephan Niederehe& Sohn in Marburg a. d. Lahn beschäftigt 105 Personen, davon sind 33 Mädchen. Von den weiblichen Arbeitern werden Ueberstunden überhaupt nicht gemacht. Dieselben arbeiten teils in Akkord tells im Tagelohn. Durchschnitts⸗Tagelohn für ausgebildete Arbeiterinnen ist Mk. 1.60 und steigt derselbe bis zu Mk. 2.20. Alle Ueberstunden der männlichen Arbeiter werden durchweg bis zu 10 Pfg. per Stunde höher bezahlt als die ge⸗ wöhnlichen Arbeitsstunden. Die Mädchen haben einen Weg bis zur Fabrik von höchstens einer Stunde. Von weiterliegenden Plätzen kommen alle mit der Bahn. Der Gesundheitszu⸗ stand der Mädchen ist stets ein guter und sind Krankheitsfälle äußerst selten. Die Männer verdienen je nach Leistungs⸗ fähigkeit und ist der Durchschnitts⸗Tagelohn Mk. 2.85. Bei Ueberstunden stieg der Tages⸗ verdienst bis zu Mk. 4.70.“ Soweit die Berichtigung, über deren An⸗ gaben sich unser Gewährsmann jedenfalls weiter äußern wird. Außerdem hat die Firma die Freundlichkeit uns anzukündigen, daß sie uns vor den Kadi zu schleppen gedenkt, weil wir stie durch die erwähnte Notiz beleidigt hätten. Wir möchten wissen, inwiefern darin die Firma beleidigt sein soll. Es ist vielmehr gegen die dort beschäftigten Arbeiter der Vorwurf erhoben, daß ste nicht durch Anschluß an die Organisation ihre Lage zu verbessern suchen. Durch den Be⸗ leidigungs⸗Prozeß gewinnen weder die Arbeiter noch die Firma etwas, selbst wenn er für die letztere günstig verläuft. Darum wäre es viel klüger gehandelt und läge im Interesse der Firma, wenn sie nicht prozessterte, sondern sich vielmehr um die Besserung der Lohnverhältnisse ihrer Arbeiter bemühte. Ein solches Bemühen wird bei uns stets Anerkennung finden.. r. Feldzug der Stöckerianer. Die Christlich⸗ Sozialen wollen diesen Winter eine rege Agitation ent⸗ falten, In der letzten Kriegsratssitzung des christlich⸗ sozialen Vereins wurde beschlossen, zwölf Versammlungen in der Umgegend Marburgs abzuhalten, in denen ihre Größen als Redner auftreten sollen. Daß die Christlich⸗ soztalen in der nächsten Reichstagswahl einen eigenen Kandidaten aufstellen, ist ficher. Drum fangen sie schon jetzt mit der Agitation an. Zu bedauern sind dabei nur die armen Bauern, welche die sattsam bekannten Stöckeriaden und pfäffischen Vernichtungsreden über sich ergehen lassen müssen. v. Opfer des Kriegsspiels. Bei einer am Mittwoch stattgefundenen Felddienstübung des Marburger Jägerbataillons sind vier Reservisten zusammengebrochen. Einer davon ist am Herzschlag sofort gestorben. Mußten denn die Leute kurz vor dem Manöver noch in dieser Weise angestrengt werden? — Gewerkschafts⸗-Kommission. Als Vor⸗ sitzender fungiert von jetzt ab Herr Otto Busse, Schuh⸗ macher, und sind alle Anfragen an diesem zu richten. Durchgebraunnte Prinzessin. Die Prinzessin Luise von Koburg, eine Tochter des belgischen Königs, welche wegen angeblicher Geistesstörung in der Heilanstalt Lindenhof in Coswig(Sachsen) untergebracht und seit zwei Wochen in Bad Elster zur Kur aufhältlich war, ist von dort spurlos ver⸗ schwunden. Die 47 jährige Frau hatte ein Verhältnis mit einem ungarischen Oberleutnant und man nimmt an, daß ste mit diesem ge⸗ flüchtet ist. Austritt aus der Landeskirche. In Breslau faßte eine von über 1000 Per⸗ sonen, auch Frauen besuchte Maurerversammlug nach einem Vortrag des fretreligtösen Predigers Tschirn nahezu einstimmig eine Resolution, zur Befreiung von geistiger Vormundschaft für den Massenaustritt ihrer Familien aus der Landes⸗ kirche und den Uebertritt zur freireligtösen Ge⸗ meinde sorgen zu wollen. Großes Petroleumlager im Brand. Freitag voriger Woche gerieten die riesigen Petroleumtanks(große Kessel oder Be⸗ hälter aus Eisenblech) im Hafen von Ant⸗ werpen durch Explosion in Brand. Es sind dabei etwa 35 Millionen Liter Petroleum verbrannt, nach andern Angaben ist das Quan⸗ tum noch viel größer. Die durch das Riesen⸗ feuer entwickelte Hitze war so groß, daß im Bereich derselben die Pflastersteine glühten und 175 Etwa 20 Menschen kamen ums eben. Kleine Mitteilungen. * In Hungen war am Freitag ein junger Mann mit Reinigen abgeschossener Patronen beschäftigt. Plötzlich explodierte eine noch nicht entladene Patrone und verletzte ihn schwer an der Hand und Arm. * Unglück bei der Arbeit. Der Bergmann Uehl in Ehringshausen verletzte sich vorige Woche beim Sprengen so schwer, daß er sofort in die Gießener Klinik gebracht werden mußte. a An die 50000 Mk. unterschlagen. Dieser Tage wurde die Buchhalterin Elise Frettwurst in Mainz zu 2½ Jahren Gefängnis verurteilt, weil sie ihrem Prinzipal 36 000 Mk. unterschlagen hatte. Nachträglich hat sich herausgestellt, daß sie außerdem noch ca. 10000 Mark veruntreut hat, weshalb sie nochmals vor Gericht erscheinen muß. Versammlungs kalender. Samstag, den 3. September. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb(Wiener Hof). Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Lauterbach. Sozialdemokrat. Wahlverein. Abends 8/ Uhr Versammlung bei Gastwirt Keutzer. Marburg. Bauhilfsarbeiter. Versammlung abends 9 Uhr bei Hildmann. Ref.: Mäckelmann⸗ Frankfurt.— Wahlverein: Oeffentliche Ver⸗ sammlung., Vortrag von Dr. Quarck⸗Frankfurt über„Handelspolitik und Sozialdemokratie.“ Staufenberg. Volks verein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Wirt Vogel(oberes Zimmer). Zahlreich und pünktlich erscheinen! Sonntag, den 4. Sept. Daubringen. Arbeiterverein, Versammlung nachmittags 3 Uhr bei E. Schäfer. Vollzähliges Erscheinen notwendig! Montag, den 5. Sept. Gießen. Schneider verband. abends 9 Uhr bei Orbig. 5 Marburg. Oeffentliche Holzarbeiter⸗Versammlung. Abends 8 Uhr bei Hildmann. Ref.: Buckendahl⸗ Frankfurt. Dienstag, den 6. Sept. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig. Letzte Nachrichten. Freiherr v. Mirbach, der große Kirchen⸗ bauer, dessen Name in der letzten Zeit in Ver⸗ bindung mit dem Pommernbankprozesse viel genannt wurde, ist, wie eine Depesche meldet, auf wiederholtes Ersuchen von den ihm neben⸗ amtlich übertragenen Geschäften als Kabinetts⸗ sekretär der Kaiserin und Oberverwalter der Schatulle entbunden. Auch seine Stellungen in den kirchlichen und gemeinnützigen Vereinen habe er niedergelegt. Das hat lange genug gedauert. Russich⸗japanischer Krieg. Aus Tokio wird der Frkftr. Ztg. vom 1. Septbr. depeschiert: Nach zweitägigen Kämpfen ist Liaujang heute vou den Japanern eingenommen worden. Die Japaner verfolgen die Russen. Briefkasten. Daubringen. Disziplin ist ja gut, die Eure aber wohl zu„haarscharf“. Wollt Ihr jeden aus⸗ schließen, der in der Versammlung fehlt, da wird bald nichts mehr zum Ausschließen da sein! Uebrigens war die Zeit der Versammlung nicht angegeben!— Mehrere Einsendungen mußten zurückgestellt werden, Versammlung v—— —— — —————.—5 I ͤ.—̃ A—ͤ—U—— — * — — —— 2— —— ̃ VM— ——— 8 9 Den. P — 3 1 10 Seite 6. Mitteldentsche Sonntags ⸗ Zeitung. Nr. 36. Ueber Jaurès und Guesde, die beiden Führer der jetzt noch uneinigen fran⸗ fösthoren Sozialisten, plauderte Gen. Dr. Frank in der„Schwäb. Tagwacht“: Ich schrieb vor ein paar Tagen an meine Freunde, Jaures machte den Eindruck eines kleinen Bierbrauers, er sei dick, kurz, vollbärtig, habe einen gemächlichen Gang und einen Regen⸗ schirm. So hatte ich ihn am Bahnhof, gesehen, — er war mit dem gleichen Zuge, wie ich, in Amsterdam angekommen. Als der Kongreß dem alten gedrückten Indiervolke und dessen ehrwürdigen, weißhaarigen Abgesandten seine Sympathie ausgedrückt hatte, verließ ich den großen Konzertsaal und ging eine Treppe höher, um den Verhandlungen der„Taktikkommission“ beizuwohnen. Nur mühsam konnte ich, die Tür öffnen, dichtgedrängt saßen da in dem kleinen Raum mehr als hundert Delegierte, Männer und Frauen, und alle schauten wie hypnotistert, unverwandt tief aufatmend und mit leidenschaft⸗ lich blitzenden Augen auf einen Mann— einen Redner, nein, einen Prediger und einen Künstler, der den Willen der Menschen formt wie weich gewordenen Wachs— und das war Jaures, der gleiche Jaures, über dessen Persön⸗ lichkeit ich mich mit ein paar flachen Witzeleien hinwegretten wollte. Ein alter Kritiker hat den Romandichtern das Rezept gegeben, sie müßten das Volk dort aufsuchen, wo es zu finden ist — nämlich bei der Arbeit. Ich bin heute zur Einsicht gelangt, daß derjenige, der sich ein Urteil über einen Menschen anmaßt, ihn auch zuerst dort gesehen haben muß, wo er sich selbst charakterisiert: bei der Arbeit,— und nachdem ich Jaurées jetzt bei der Arbeit gesehen habe, und sein Wort auf mich habe wirken lassen, bekenne ich reumütig:„Das ist ein Mann, ein ganzer Kerl.“ Viele deutsche Parteigenossen lauschten fast zwei Stunden lang seiner Rede, von denen ich weiß, daß ste seine französische Sprache nicht verstanden— und doch sah ich auf ihren vor Erregung geröteten Gesichtern alle Anzeichen tiefinnerlicher Teilnahme— die einschmeichelnde Stimme, die bald weich und gerührt zitterte, bald wie grolleader Donner anschwoll, bald hart und scharf wie zuckende Axtschläge einhieb, hatte eine fesselnde wunder⸗ bare Wirkung, die ich am liebsten in das Ge⸗ biet der Musik verweisen möchte. Und dazu die Bewegungen, die Redegesten! Jetzt duckt er sich, kauert fast am Boden, den Kopf zwischen den breiten Schultern eingezogen, die Augen funkeln nach allen Seiten, als wenn er ein Ziel suchen würde, er spricht leise, und allmählich wird die Stimme stärker und stärker, und gleichzeitig wächst die gedrungene Gestalt, sich erhebend, mehr und mehr, scheinbar weit über ihr natür⸗ liche Größe, und wie er stolz aufgerichtet da⸗ steht, sich mit der geballten Faust auf die Brust schlägt und aus seinen ersten Sätzen die letzten dröhnenden Konsequenzen zieht— so hat er die Hörer in seinen Bann gezwungen und wird von einem Meer des Beifalls umtost. Ob nun seine politische Taktik, seine„neue Methode“ für das französische Proletariat der richtige Weg ist—, weiß ich nicht—, aber er ist ein Könner, ein Willensmensch, und auch die besten Theorien können das Talent nicht überflüssig machen. * Als Jaureès in seiner Rede den antimini⸗ steriellen Sozialisten den Vorwurf machte, ste e in einigen Gemeinde⸗Verwaltungen die ange behauptete Mehrheit schuldhaft wieder verloren, sprang auf der dunkeln Langseite des Saales ein bleicher Mann empor, außer sich vor Erregung, und rief ein paar Worte da⸗ zwischen, die einen entsetzlichen Lärm entfesselten, Empören bei den einen, Beifallstoben bei den anderen— das war Jules Gues de, in dem sich die„alte Methode“ verkörpert. Kaum hatte sich Jaures gesetzt, als sich Guesde zum Wort meldete und die Widerlegung seines Gegners versuchte. Es schien in jenem Augenblick fast unmöglich, den Eindruck der oratorischen Glanz⸗ leistung von Jaures zu verwischen— und doch ist dieses Guesdes bis zu einem gewissen Grad gelungen. Er fand tief ergreifende Herzens⸗ töne, seine Stimme sank manchmal herab bis zum erschöpften Flüstern,— er kämpfte wie ein Verzweifelnder um einen Glauben, um eine Idee, für die er ein Leben lang treu gelitten hatte und die er nicht aufgeben kann, ohne sich selbst aufzugeben. Schon sein Aeußeres erinnert an einen begeisterten Apostel: Langes, ange⸗ grautes Haar fällt ihm dem Nacken hinunter, die Nase ist edel, fast römisch geformt und der lange, dünne Vollbart gibt dem Gesicht etwas Achtunggebietendes. Ich habe noch selten einen Menschen gehört, aus dessen Worten eine so unerschütterliche Ueberzeugung sprach, wie hier — in manchen Augenblicken allerdings schwieg der Politiker und nur der Fanatiker hatte das Wort, der die Festung selnen Dogmen verteidigt. Und gerade in solchen Momenten, übte er starke Wirkung—, eben durch Gewalt der in jeder Silbe gärenden Ueberzeugung. Hinter Guesde stand während seiner Rede eine schöne schwarz⸗ gekleidete Frau mit blassem Antlitz, die ihn immer ängstlich besorgt ansah und jeder seiner nervösen Bewegungen folgt— es war seine Tochter. Große Tropfen lagerten auf seiner Stirne, als er seine Rede schloß— und halb ohnmächtig sank er auf seinen Stuhl nieder—, sein Kind bemühte sich um ihn. Unwillkürlich richteten sich von ihm meine Blicke hinüber zu dem Platze von Jaurés. Und da saß er da, lächelnd, gesund, kampfbereit— und als mich ein Genosse jetzt fragte, was ich von dem Duell, dessen Zeugen wir gewesen, denn denke, da mußte ich antworten:„Jaures hat, so scheint es mir, den Fehler der Kraft und Guesde die Tugenden der Schwäche.“ AS Unterhaltungs-Cril. ——— 2 Der Gekehrte. Erzählung von Friedrich Gerstäcker. 3.(Fortsetzung.) Patrick wäre nun auch mit dem größten Vergnügen diesen ganzen Abend noch Ketzer ge⸗ blieben, um sich immer mehr und freundlicher für seine guten Vorsätze belohnen zu lassen. Damit war aber die alte Dame nicht einver⸗ standen, und drängte und trieb zu dem guten Werk. Auch Pater Antonius kam bald darauf, sein neues Beichtkind abzuholen, und Patrick sah sich allerdings gegen seinen Wunsch, aus dem traulichen Kreis fortgerissen, seinen Geist, Pater Autonius hielt das für unbedingt nötig, heute abend auf die morgen stattfindende Zere⸗ monie gehörig vorbereiten zu können. Die ganze Sache hatte sich Patrick übrigens viel leichter gedacht, und in seiner Unschuld ge⸗ glaubt, daß es nur einer einfachen Erklärung von seiner Seite bedürfe, die alte Religion aus⸗ und die neue anzuziehen, wie man etwa einen unbequemen Rock wechselt. Hierüber belehrte ihn Pater Antonius bald eines anderen. Seine Erklärung, zur allein seligmachenden Kirche überzutreten, war nur eben der Anfang gewesen, das andere mußte jetzt nachfolgen. Vor allen Dingen wußte er wahrhaft entsetzen⸗ erregend wenig von irgend einer Religion über⸗ haupt,»esonders aber von der katholischen. Die einfachsten Glauben zsätze waren ihm voll⸗ kommen fremd, und alle die vielen Formeln und Gebeie kannte er nicht einmal dem Namen nach. Die jetzt auswendig zu lernen war die erste ihm gestellte Aufgabe, und Patrick fing schon im stillen an seinen Entschluß zu berenen. „Hätt' ich das vorher gewußt,“ brummte er leise vor sich hin„würd' ich mich doch am Ende noch einmal besonnen haben. Alle Wetter, Pater Anselmus hätte die ganze Geschichte ja gar nicht strenger nehmen können.“— Aber der Kuß von Beatriz— der eine Kuß— und es waren eigentlich doch mehr wie einer ge⸗ wesen— übte größere Kraft auf das noch keineswegs dem Himmel erschlossene Herz des jungen lebenskräftigen und frohen Iren, als alle Ueberzeugungsgründe und Gebetsformeln des es sonst gewiß recht gut und aufrichtig meinenden frommen Paters. Wenn er in seinem Eifer aushielt und sich allem wacker unterwarf, was von ihm gefordert wurde— der Kuß bildete die Basis der Religton; und die Beloh⸗ nung, die er für seinen Fleiß verlangte, lag ihm näher als die einstige Seligkeit. Aber der Pater Antonius nahm es doch entsetzlich schwer. Am nächsten Morgen wollte sich Patrick nämlich einige Erholung gönnen, diese wurde ihm aber auf das entschiedenste und unnachsich⸗ tigste verweigert. Jede Zerstreuung, die ihn jetzt von seinem heiligen Werke abzog, konnte und mußte nach des Paters Meinung für ihn die verderblichsten Folgen haben, und die wirk⸗ liche Bekehrung nur noch verzögern, wenn nicht gänzlich unmöglich machen. Auch wurde ihm strenges Fasten auferlegt. Keine Fleischspeisen, keine geistigen Getränke durfte er zu sich nehmen und drei volle Tage dauerte die Vorbereitung zu dem„Schritt.“ Am vierten Tage endlich, an einem Sonn⸗ tag und in offener Kirche sollte der Uebertritt des jungen Mannes erfolgen. Die ganze Ge⸗ meinde war zu der feierlichen und freudigen Handlung eingeladen worden und Patrick schlug das Herz, wenn er daran dachte, daß auch die Beatriz Zeugin seiner„Bekehrung“ sein würde. Sonst hatte das Oeffentliche dieser Zermonie etwas Unbehagliches für ihn, er hatte auch schon versucht, den Pater davon abzubringen, ja ihm sogar erklärt, daß er sich einer solchen öffent⸗ lichen Ausstellung unter keiner Bedingung unter⸗ werfen wurde. Dieser aber beharrte auf der getroffenen Bestimmung, und Patrick war schon zu weit gegangen, um jetzt noch zurück zu können. Er wollte das alles auch nicht umsonst aus⸗ wendig gelernt haben. Sein Auge suchte nach Beatriz und ihrer Mutter in der Kirche. Einer sehr löblichen und vernünftigen chilenischen Sitte aber gemäß, nach der die Frauen in Gottes Haus nur in einfach schwarzen, Gestalt und Antlitz dicht verhüllenden Gewändern erscheinen und ihrer Putzsucht an so heiliger Stätte nicht frönen dürfen, konnte er sie nicht aus den übrigen zahlreichen Frauen⸗ gestalten herauserkennen. Den jungen Carlos entdeckte er allerdings in der Schar der Beter, aber nur eine schwarzverhüllte Frau mit ihm. Das war jedenfalls die Mutter, und Beatriz hatte es doch nicht übers Herz bringen können, der feierlichen Handlung beizuwohnen. Die Angst um den Geliebten lies das vielleicht nicht zu. Augst hatte Patrick übrigens selber genug. Als der Zug in die Kirche ging, kam ihm un⸗ willkürlich der Gedanke, das Ganze sehe gerade so aus, als ob er zum Hochgericht geführt werden solle— und es war ihm auch ungefähr so zu Mute. Erst einmal ordentlich im Gang, biß er die Zähne aber fest zusammen, warf einen mehr krotzigen als demütigen Blick über die ganze Versammlung, gerade als ob er hätte sagen wollen:„wer etwa lacht, hat es mit Patrick O' Kearney zu tun“; und überstand die Zeremonie in aller Form und Genüge. „Gott sei Dank!“— murmelte er leise vor sich hin, als er endlich aufstand— und zu seiner Schande muß ich gestehen, daß dies das erste wirklich brünstige Gebet war, was er an diesem feierlichen Tage dem Höchsten brachte— „datz die Sache endlich überstanden ist. Und nun zu Hause.“ Aber auch hierin hatte er geirrt, und die schwerste Zeit sollte jetzt erst für ihn beginnen. Der Pater erklärte ihm nämlich, daß seine ganze Bekehrung so gut wie null und nichtig sein würde, wenn er sich nicht jetzt die nötige Zeit und Buße anferlege, über den getanen Schritt auch ungestört und reiflich nachzudenken. Es sei keine Kleinigkeit, keine alltägliche Handlung, wie das Wechseln etwa eines Wohnortes, son⸗ dern das Wichtigste und Heiligste, was der Mensch in diesem Leben vornehmen könne, sich auf den Himmel vorzubereiten, und dazu, von dem Geistlichen geführt, die richtige Straße zu betreten, die allein nach oben führte. Das war alles vernünftig genug gesprochen; auch dem Schritte, den er eben wirklich getan, genug. hn ul gerade geführt ugefähr Gang. „ walf ick über 1 häte 6 ut. and die N .. mmicht der Menschen wegen hast Du doch den 1 führen soll.“ auf die er gar nicht gerechnet Nr. 36. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. konnte er nichts dagegen einwenden und Patrick wurde jetzt zu seiner nicht eringen Bestürzung noch einmal in ein weitläufiges, ziemlich ödes Gebäude geführt, das viele Aehnlichkeit mit einem Kloster hatte, dort auf fünf Tage bei Wasser und Brot oder vielmehr den einfachsten Lebensbedürfnissen abgeschlossen, zu beten. Nach den fünf Tagen, erklärte ihm dabei der Pater Antonius, der ihn auf das freundlichste unter⸗ stützte und freiwillig sein Fasten teilte, könne er gehen, wohin er wolle; er sei nun in den Bund der katholischen Christen als ein würdiges Mitglied aufgenommen, und habe allen Anfor⸗ derungen, die von den Menschen an ihn gestellt werden könnten, genügt. Mit dem Himmel 5 5 müsse er sich in seinem eigenen Herzen 2 abfinden. 4. Die Welt ist einem steten Wechsel unter⸗ worfen. Wie Nacht und Tag so kreisen Freud und Schmerz und Sorge und Wonne, Lust und Traurigkeit, die ewige Bahn. Wenn uns das aber die glückliche Zeit auch nicht trüben soll, mag es uns doch vorsichtig und aufmerksam auf uns selber machen, uns solchem Taumel nicht zu sorglos hinzugeben, während es uns ein Trost im Unglück oder schwerer Zeit wird, aus der wir vertrauend glücklichen Tagen ent⸗ gegensehen dürfen. So auch Patrick O' Kearney. Die fünf Tage, hatte, und die ihm deshalb allerdings etwas unerwartet kamen, wurden ihm zwar blutsauer, aber ste vergingen doch auch nach und nach, und Bruder Antonius trug mit seinem freundlichen, vernünftigen Ge⸗ spräch, in der den Gebeten nicht gewidmeten Zwischenzeit, viel dazu bei, seine Ungeduld zu zügeln. Diese, die ihn nach Beatrizens Woh⸗ nung zog, war allerdings in etwas zu entschul⸗ digen, und als die letzte Stunde schlug, als sein frommer Beichtvater ihn noch in einem langen innigen Gebete entlassen hatte— das er aber eigentlich nicht recht verstand, da es nur vom Entsagen und göttlichem Glauben als Ersatz für alles andere handelte, lief er mehr, als er ging, dem kleinen freundlichen Santa Rosa wieder zu. „Entsagung und Beten?“— Darin hatte er jetzt seiner Meinung nach, genug geleistet für ein Lebensalter, und Glück und Freude lag für ihn auf dem„schmalen, dornenvollen Pfad,“ den er von nun an nach des Geistlichen Mei⸗ nung betreten, in vollen reichen Gaben aus⸗ gebreitet. Er nahm sich kaum Zeit, zuerst in seine eigene Wohnung zu eilen, dort sein Bußgewand abzuwerfen und in seinen besten Sonntagsstaat zu fahren. Dann setzte er seinen Hut auf und wollte eben das Innere verlassen, als sein Blick auf einen bis dahin nicht bemerkten und mitten auf dem Tische liegenden Brief fiel. „Eine Gratulation,“ murmelte er stillver⸗ gnügt vor sich hin, nahm sich aber jetzt natür⸗ lich nicht die Zeit, die spanischen Zeilen, was ihm immer noch etwas schwer wurde, durchzu⸗ studieren. Er steckte den Brief nur in die Tasche, ihn bei gelegener Muße zu lesen, war mit drei Sätzen die kurze Treppe hinunter, unten auf der Straße und lief mehr als er ging dem Hause der Geliebten zu. An der Tür trat ihm der indes zu Pferd herübergekommene Pater Antonius entgegen, und Zeatrizens Mutter saß in der Ecke auf einem schmalen Bambussofa und trank ihren . 1 aber die Geliebte, seine Beatrize, sah er nicht. „Wo ist Beatriz?“ rief er, fast ohne die alte Dame zu begrüßen, ungeduldig aus.— „Lieber Gott, wenn sie nur halb die Sehnsucht nach mir hätte, wie ich nach ihr, sie würde mich nicht eine Minute länger auf ihren lieben An⸗ blick warten lassen. Ach Senore Santilla, Ihr Anblick tut kranken Augen wohl, und Pater Antonius hier mag mir gleich bezeugen, was ich alles getan habe, in Ihren und Beatrizens Augen Gnade zu finden.“ „In Gottes Augen mein Sohn,“ sagte der Geistliche mit leiser, halb vorwurfsvoller Stimme, Die alte Dame war indessen etwas verlegen von ihrem Sitz aufgestanden. Seinen Gruß aber freundlich erwidernd, frug sie ihn rasch etwas ängstlich, ob er den Brief nicht erhalten hätte, der in seinem Zimmer für ihn auf dem Tisch gelegen. (Fortsetzung folgt.) Allerlei. ueber die gesundheitliche Wirkung des Obstgenusses wird geschrieben: Noch immer besteht das Vorurteil, Obst sei Luxus, denn es habe keinen rechten Nährwert. Das ist ein Irrtum. Alle Obstarten enthalten reichlich Zucker und auch etwas Eiweiß. Unersetzlich durch andere Nahrungsmittel ist ihr Gehalt an blutbildenden mineralischen Salzen, sowie an aromatischen Fruchtsäuren. Diese begründen den noch viel zu sehr unterschätzten diätetischen Wert der Obstfrüchte. Denn sie lösen viele Krank⸗ heitsablagerungen(harnsaure Salze) im Körper auf, regen Appetit und Verdauung wohltätig an. Saftiges Obst stillt den Durst und erfrischt Gesunde und Kranke. Für Kinder gibt es nichts köstlicheres. Nur muß man reifes und gutes Obst kaufen; die Ausgaben dafür sind nützlicher als für viele andere, viel teurere Nahrungs⸗ und Genußmittel. Eine Art Obstkur bewahrt vor bielen Krankheiten und läßt sich ohne Zeit⸗ verlust im Berufe durchführen. Man esse jedoch Obst nicht unmäßig zwischen den andern Mahlzeiten, nicht mit schwerverdaulichen sauren und sehr fetten Speisen zusammen. Obst und Bier schließen sich in der Regel aus. Obst, Milch und Brot gehören zusammen.— Leider sind die Obstpreise trotz ziemlich guter Ernte so hohe, daß es tausenden von Arbeiterfamilien nicht möglich ist, von den hier gegebenen guten Ratschlägen Gebrauch zu machen. Die erste Tabakpflanze in Nassau. Das alte Städtchen Herborn nimmt nicht nur den Ruhm, die erste Kartoffelpflanze in Nassau gehabt zu haben, für sich in Anspruch, sondern dortselbst, am Fuße des Westerwaldes, wurde auch der erste Tabak in Nassau gebaut. Um das Jahr 1600 wirkte an der dortigen Universität(Herborn hatte von 1584 bis 1817 Universität) ein gewisser Professor Rosenbaum, der in seinem Garten Tabakpflanzen baute. Da das Rauchen damals noch nicht allgemein Ge⸗ brauch, aber doch schon bekannt war, fanden die ausländischen Pflanzen vielfach Beachtung. Auf Bitten seiner Schüler mußte sich der Professor dazu herbeilassen, die Eigenschaften und Kräfte des geheimnisvollen Krautes in einer Vorlesung darzulegen. Nachdem in einer Extravorlesung zunächst das Tabakkraut einer eingehenden bo⸗ tanischen Betrachtung gewürdigt worden war, sollten die Zuhörer die in dem Kraut schlum⸗ mernden Kräfte auch„praktisch“ kennen lernen. Jedem derselben gab der Professor eine Anzahl getrockneter Blätter als Rauchopfer. Aber die Sache nahm einen gar„üblen“ Ausgang. Von Kopfschmerz, Erbrechen und anderem Unbehagen ergriffen, mußte jeder Neuling sein Zimmer und Bett aufsuchen, um die Nachwehen der ersten Rauchstunde zu kurieren. Es gelang. Aber der erste Versuch war genügend, um die Sehnsucht nach weiterem Tabakgenuß bei Lehrer und Schüler auszuschließen. Um die Gefahren des Tabakrauches zu illustrieren, wurde seitens der Studenten der Teufel mit dem Attribut der brennenden Pfeife dargestellt. Auch die Geistlichen dortiger Gegend waren auf der Seite Rosenbaums und seiner Schüler. Sie hielten dafür, daß durch den Tabakgenuß die Geistes⸗ kräfte geschwächt würden und unterschrieben willig den Grundsatz Rosenbaums:„Wir werden uns vom Rauchen enthalten, damit wir nicht aus unseren Köpfen und Nasen Schornsteine machen und unser Gehirn verdummen!“ Heute ist man in bezug auf den Tabak doch anderer Meinung, auch in Pfarrerkreisen.(Tabak⸗Arb.) „Arbeit“ König Sduards. Die elegante englische Herreuwelt ist in Schritt getan, der Dich zum ewigen Leben Hosenfalte in die Oeffentlichkeit getreten ist! Statt der doppelten Falte, die bis jetzt als Gipfel der Vornehmheit galt, hatte die könig⸗ liche Hose zwei Falten vorn und zwei Falten hinten, was ihr das Ansehen eines nicht sehr hübschen viereckigen Fabrikschornsteins gab. Da nun auch der Prinz von Wales seit jenem Tage nur noch„vierfaltige Hosen“ trägt, da müssen alle Londoner, wenn sie als Leute von Geschmack angesehen werden wollen, ihre Beine in die viereckigen„Fabrikessen“ hineinstecken.— Wieviel Geist mag Eduard verschwendet haben, ehe ihm die geniale Idee der vierfachen Hosen⸗ falte kam. Splitter. Der Staat, der jährlich zehntausende in den Gefängnissen sättigt, hat nicht die Möglichkeit, hunderte vor dem Hunger außerhalb der Ge⸗ fängnismauern zu bewahren.— Erst mußt du aus Hunger stehlen; dann sättigt dich der Staat und schützt dich vor dem Hunger. 5„Südd. Postillon. * Die großen Menschen in der Weltgeschichte haben gestegt, weil das Ewige sie begeisterte, und so siegt immer und notwendig die Be⸗ geisterung über den, der leicht 3 ist. ichte. Humoristisches. Das letzte Wort. Der gräfliche Schloßherr, wie er die Automobilfahrt antritt:„Johann, richten Sie für alle Fälle die Familiengruft her.“ Ein moderner Haushalt. Madame Gu dem neuen Dienstmädchen):„Marie, ich zahle Ihnen heute gleich den Lohn für drei Monate im voraus, es macht sechzig Mark; hier haben Sie einen Wechsel über 100 Mark, kriege ich also vierzig Mark heraus!“ Ausnahme. Gnädige(zum neu engagierten Dienstmädchen)„Ich hoffe, Sie werden meine Kinder lieben— ausgenommen natürlich meinen achtzehnjährigen Sohn!“ ——— Litterarisches. Ferdinand Lassalle und seine Bedeutung für die Arbeiterklasse. Zum vierzigsten Todes⸗ tage desselben hat Eduard Bernstein unter obigem Titel eine Broschüre herausgegeben, die im Verlage der Buchhandlung Vorwärts, Berlin, erschienen ist. In dem Vorwort zu derselben sagt der Verfasser:„Die vorliegende Schrift soll in knappen Umrissen das Wirken und Wollen Lassalles dem Leser vor Augen führen. Ich habe mich ihrer Abfassung um so lieber unterzogen, als es mir wiederholt bei Vorträgen aufgefallen ist, wie wenig insbesondere die jüngere Arbeitergeneration von Lassalle weiß, wie unbekannt den meisten das reiche geistige Erbe ist, das Lassalle der Arbeiterklasse hinterlassen hat. Möge es der Schrift gegeben sein, dies Erbe für viele wieder zu beleben.“ Lassalles Verdienste um die Arbeiter⸗ klasse rechtfertigen diesen Wunsch des Verfassers. Bern⸗ steins Broschüre behandelt aber zugleich ein Stück Partei⸗ geschichte, soweit sie mit Lassalles Persönlichkeit zusammen⸗ hängt, die kennen zu lernen unseren jüngeren Partei⸗ genossen willkommen sein wird. Ein vorzügliches Licht⸗ druckbild nach dem im gleichen Verlage erschienenen Kupferdruck ist der Broschüre beigegeben. Der Preis beträgt 50 Pfg. Die Schrift ist durch die Expedition der„Mitteldeutschen Sonntagszeitung“ zu beziehen. rs. Für sozialdemokratische Ge⸗ meindevertreter ist die vom Reichstags⸗ abgeordneten Dr. Südekum⸗Berlin heraus⸗ gegebene„Kommunale Praxis“, Zeitschrift für Kommunalpolitik und Gemeindesozialismus, sehr empfehlenswert. Die letzten Nummern enthalten die Artikel⸗Serie Dr. Hugo Linde⸗ manns über das dem Parteitag zu unterbrei⸗ tende Kommunalprogramm, sowie sonstige zahl⸗ reiche und beachtenswerte Artikel und Notizen über alle das Gemeindeleben betreffende Fragen. Sehr zweckmäßig wäre es auch, wenn unsere lokalen Parteivereine die Zeitschrift abonnieren und den Mitgliedern, die sich dafür interessteren, zur Verfügung stellen würden; mancher Artikel dürfte Veranlassung zur Erörterung im Vereine geben und zu eingehenderer Besprechung der eigenen Gemeindeangelegenheiten führen. Die „Kommunale Praxis“ erscheint am 1. und 15. jeden Monats und kostet vierteljährlich 1.50 Mk. Eule Man stelle sich vor, daß König Eduard, der tonangebende Dirigent der Mode, bei der Regatta in Cowes mit einer vierfachen Probenummern versendet gratis und franko der Verlag Berlin W. 15, Düsseldorferstr. 10 — ———T——————— Seite 8. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Ro. 36. Edgar Borrmann, Giessen Eisenhandlung Neustadt 112 empfiehlt: Herde und Oefen— Landwirtschaftl. Geräte Fruchtpressen— Keltern— Bohnenschneider Petroleum⸗, Spiritus⸗ u. Gaskocher Wasch⸗, Wring⸗ u. Mangelmaschinen Dezimal⸗, Tafel⸗ und Wirtschafts⸗Waagen Fleischhack⸗ eib⸗ u. 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Sonntags⸗Zeuung(E, Krumm), Gießen, Verantwortl. Redakteur F. A. Vetter, Gießen, Druck von Heppeler& Mapei. Gabel. 1 55 Grosse internatlonale Rad- und Motorfahren Sonntag, den 4. September, nachm. 3½ Uhr. Eröffnungsfahren— Gauwanderpreisfahren— Hauptfahren Ausscheidungsfahren. Motorfahren: offen für Fahrer aus Stadt und Kreis Giessen. Motorfahren: offen für alle Fahrer. Während der Rennen Nrosses Konzert, ausgeführt von der Kapelle des Inf.⸗Reg. Kaiser Wilhelm No. 116. Eintrittspreise für die Rennen: Vorverkaufsstellen: Vorverkauf: a. d. Kasse:] Cafe Hettler, Südanlage. Trib.⸗Karte⸗Sperrsitz M. 2,20 M. 2,50] Gebr. Berdux, Bahnhofstr. do. num. Bankpl.„ 1,20„ 1,50 Hotel Viktoria. Sattelplatz„ 0,80„ 1,00] Lindau& Winterfeld, 1. Platz num.„ 0,80 1190 Seltersweg 58. 2. Platz„ 0,40] Gust. Sonntag, Ecke Schul⸗ Stehplatz und Terrasse„ 0,20 und Sonnenstr. Omnibus verbindungen von den Bahnhöfen zur Reuubahn. Achtung! Achtung! pflasterarbeiter von Giessen und Umgegend. Große öffentliche Pflästerer-Uersammlung Dienstag, 6. Sept., abends 7 Uhr bei Orbig, Ritterg⸗ Tagesordnung: 1. Die wirtschaftliche Lage der Pflästerer und wie ist dieselbe zu verbessern? 0 Referent: Gauleiter Kollege C. Wiese⸗Düsseldorf. 2. Freie Diskussion. Kollegen! Wir fordern Euch alle auf, ohne Aus⸗ nahme in dieser Versammlung zu erscheinen und Euch den Vortrag unseres Kollegen anzuhören. Es kostet ja nichts! Keiner bindet sich! Nur hören und daun selbst urteilen! Jeder sei zur Stelle! Keiner fehle! Der Einberufer. Lussefoscent, Mtgiede-Vesammung