. N en eri en ju Mu unseret aße 31 ligste reie N Ille 18 ell. 19 — * Gießen, Neujahr 1904. 11. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Sonnt Mitteldeutsche Ags⸗Zeitung. Nedaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25%% bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33 ¼% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. 2 Juserate Die 5gespalt. Bei mindestens Zehn Jahre! Wie unsern Lesern bekannt ist, hat unser Blatt mit der vorigen Nummer das erste Jahr⸗ zehnt seines kampfesfrohen Daseins vollendet, mit der vorliegenden beginnt sie das zweite. Bekanntlich wurde die„Mittel deutsche“ von dem Genossen Dr. David, jetzt Reichstagsabgeord⸗ neten für Mainz, gegründet und stand dann fünf Jahre lang unter der Leitung des Genossen Ph. Scheidema nn, jetzt in Offenbach und eben⸗ falls Mitglied des Reichstags. Unsere Leser wird es interessieren zu hören, was diese Beiden über ihre Erlebnisse mit der Zeitung erzählen. Geben wir daher erst dem Gen. Dr. David das Wort, der die Gründung wie folgt schildert: Wie die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung in's Leben gerufen wurde. Die Reichstagswahl im Sommer 1893 hatte auch uns im Gießener Wahlkreis einen groß⸗ artigen Stimmenzuwachs gebracht. Die ersten Nachrichten aus der Stadt und den nächst⸗ liegenden Arbeiterorten erweckten in uns die Hoffnung, zum ersten Male in die Stichwahl zu kommen. Jedoch die nachfolgenden Mel⸗ dungen aus den entfernteren Landorten brachten die Enttäuschung. Wie in zahlreichen anderen Wahlkreisen, so ging's auch bei uns. Die politische Rückständigkeit der Landbevölkerung brachte uns um den im ersten Jubel erhofften Erfolg. In meiner damaligen Stellung als Lehrer am Gießener Gymnasium konnte ich mich nicht öffentlich an der Agitation beteiligen. Mit stillem Grimm vernahm ich das negative Resultar vom platten Lande. Sollte das immer so weiter gehen? Konnte ich selbst nicht mithelfen, die kleinbäuerliche Bevölkerung in die Kültur⸗ bewegung des werktätigen Volkes in der Indu⸗ strie mit hineinzuziehen? Ich war auf dem Lande aufgewachsen, kannte die Verhältnisse der bäuerlichen Bevölkerung, sprach ihre Sprache. Aber Liebknecht hatte mir auf eine Anfrage vor den Wahlen dringend abgeraten, meine Stellung aufzugeben. In ihr könne ich auch Gutes für unsere Sache wirken, meinte er. Da kam mir denn, unter dem unmittelbaren Eindruck der Wahlniederlage der Gedanke, ein Agitationsorgan, speziell zur Gewinnung der Landbevölkerung, zu gründen, das ich heimlich in meinen Mußestunden redigieren wollte. Der Plan wurde im engeren Kreise von Freunden und Parteigenossen beraten und ge⸗ billigt. Die Vertreter der Parteiorganisation wurden durch ein hektographiertes Zirkular über den Zweck des Unternehmens aufgeklärt. In einer Konferenz im Lokal des Genossen Orbig wurde die Sache durchgesprochen mit dem Re⸗ sultat, daß die Zeitung als Parteiorgan aner⸗ kannt und verbreitet werden sollte. 5 Eine finanzielle Unterstützung oder Garantie wollte und konnte die Partei freilich nicht übernehmen. Auch sonst stand uns kein Kapital zur Verfügung. Meine Ersparnisse, ganze 100 Mk., reichten gerade aus, um die Probe⸗ nummer zu bezahlen. Aber was brauchten wir mehr? War die Probenummer einmal heraus, dann waren, so hofften wir bestimmt, tausend Abonnenten da, und dann würden wir uns chon weiter durchschlagen. Die Redaktion konnte ich, so lange ich in meiner Stellung an der Schule war, unentgeltlich leisten. Auch für die Erpedition war, für die erste Zeit wenigstens, keine Vergütung vorgesehen. Adolf Schmidt sollte sie übernehmen und zugleich als verant⸗ wortlicher Redakteur zeichnen. Soweit war alles„im Blei“ und die Sache hätte losgehen können. Da stießen wir auf die erste große Schwierigkeit. Keine der Gießener Druckereien wollte sich dazu hergeben, ein solches Blatt zu drucken. Eine nach der andern lehnte ab. Schlietzlich sagte die Keller'sche Druckerei zu; ste setzte den Aufrufartikel, schickte uns den Abzug und— lehnte dann auch ab. Was tun? Ich machte einen letzten Versuch, fuhr nach Frankfurt a. M. zu Schmidt und Kobisch, die damals die„Volksstimme“ druckten. Sie er⸗ klärten sich bereit und stellten einen Kredit bis zu 600 Mk. in Aussicht. Zu Weihnachten 1893 erschien die Probe⸗ nummer in 3000 Exemplaren. „Achtung! da sind wir!“ so begann der Aufruf.„Nur sachte! Was wollt Ihr?“ ging es weiter. In Fragen und Antworten wurden dann die Ziele der Zeitung ausein⸗ andergesetzt. Zum Schluß hieß es: „Als ein treuer Berichterstatter, Beratet und Freund wird die Mittel⸗ deutsche Sonntags⸗Zeitung in das Heim des arbeitenden Mannes eintreten. Nehmt sie freundlich auf; je näher Ihr sie kennen lernt, um so lieber wird sie Euch werden. Je mehr Ihr sie aber liebt, umsomehr werden die Reichen und Vornehmen sie hassen. Denn sie wird ihnen die Wahrheit sagen. Die Wahrheit aber hören sie nicht gern. Darum werden sie darauf ausgehen, sie niederzudrücken. So heißt es denn gleich von Anfang an, fest zusammengestanden. Jedermann aus dem Volke muß mithelfen, damit das Werk gelinge. Frisch auf drum zur Werbung unter Freunden und Bekannten bei Jungen und Alten in Stadt und Land! Seid fest und beharrlich!— Dann wird die Mitteldeutsche Sonntags⸗ Zeitung frisch und fröhlich gedeihen ünd gar bald eine treffliche Wehr und Waffe sein im Kampf für Wahrheit, Recht und Volkswohl!“ Nun galt es, den Expeditionsapparat in Bewegung zu setzen. Da mußte manches erst noch gelernt werden. Ein Hinterzimmer im Hause Wallthorstraße 27, wo der Vater von Adolf Schmidt eine Wirtschaft eröffnet hatte, diente als Expeditionsraum. Die Probenummer fand allerorts eine freudige Aufnahme und als die letzte Januarnummer heraus war, da hatten wir in der Tat unsere 1000 Abonnenten. Da⸗ mit war das neue Unternehmen gerechtfertigt. Nun ging's mit frischem Mut weiter. Die Redaktion besorgte ich meist in den Nachtstunden. Spät Abends brachte mir Adolf Schmidt unter dem Schutz der Dunkelheit die Parteiblätter in meine Privatwohnung in der Ludwigstraße. Die Manuskriptsendungen wan⸗ derten in der Regel in den Bahnhofsbriefkasten, damit das Postamt möglichst wenig davon merkte und bei der zu erwartenden polizeilichen Nachspürung nach dem eigentlichen Redakteur keine Liebes dienste leisten könnte. Unter den Mitarbeitern der ersten Zeit ist an erster Stelle Simon Katzenstein zu nennen, der die Rubrik„Zur Belehrung und Unterhaltung“ versorgte und unter dem Dichter namen Ernst Hardeck auch kleine poetische Bei⸗ träge lieferte. Adolf Baer spendete aus seinem Leseschatz die„Sprüche zur Lebensweis⸗ heit.“ Auch ungenannten Freunden verdankte die Zeitung manche Zusendung. Durch die erste bezahlte Geschäftsannonce kam die Firma Benner und Krumm unseren Finanzen zu Hilfe. Ja unsere Finanzen! Die hatten es nötig. Hatten wir uns auch nicht in der Zahl der Leser verrechnet, so hatten wir doch nicht die unausbleiblichen Abzüge durch Rückständigbleiben und Verluste von Abonnentengelder bedacht. Dazu kamen Agitationskosten. Wir bereisten Oberhessen, unternahmen Rekognoszierungsfahr⸗ ten in die Dillenburg⸗Herborner Gegend; von Wetzlar, wo uns treue Freunde einen kleinen Stock Abonnenten verschafften, ging's lahnab⸗ wärts nach Weilburg, Weilmünster, Dietz, Limburg, Hadamar. Ueberall wurden Stütz⸗ punkte gesucht und meist auch gefunden. Mittlerweile kam die wohllöbliche Polizei der Redaktion auf die Spur. Allzuschwer war das bei der Kleinheit der Stadt ja nicht. Ich sah ein, daß meine Stellung an der Schule binnen kurzem unhaltbar werden würde. Der Direktor des Gymnastums, der verstorbene Prof. Dr. Hermann Schiller, wollte mich zwar noch nicht aufgeben. Man bot mir seitens der Re⸗ gierung die Mittel zu einem längeren Studien⸗ aufenthalt in Frankreich an. Offenbar, um mich aus der Gießener Sphäre herauszureißen. Allein die Annahme dieses Anerbietens würde mich moralisch verpflichtet und festgebunden haben. So lehnte ich ab und nahm, um auf gute Manier aus der unerträglich gewordenen Situation herauszukommen, Ostern 1894 Urlaub auf unbestimmte Zeit„behufs literarischer Ar⸗ beit.“ Nach ein paar Wochen öffentlicher Tätig⸗ keit für die Partei erhielt ich dann die amtliche Mitteilung, daß ich aus der Liste der Lehramts⸗ Assessoren gestrichen sei. Ich zog in eine Mansardenwohnung in der Marburgerstraße 22; wohin später auch die Redaktion verlegt wurde. Nun konnte ich mit voller Kraft an dem Wachs⸗ tum der Zeitung arbeiten. Der erste Jahrgang schloß mit einem Abon⸗ nentenstand von zirka 1800. Das Gros der Leser waren die Industriearbeiter in und um Gießen, die ihr neues Organ rasch lieb ge⸗ wonnen hatten und wacker unterstützten. Da⸗ neben aber hatten wir auch manchen treuen Freund in der kleinbäuerlichen Bevölkerung gewonnen. Waren unsere Hoffnungen auf Massenabonnement in den rein bäuerlichen Orten auch nicht in Erfüllung gegangen, so waren doch gute Anfänge erzielt worden. Der Frankfurter Parteitag brachte die Agrar- frage für die ganze Partei in Fluß. Man wählte mich in die mit der Ausarbeitung eines Agrarprogramms beauftragte Kommission. Das brachte mir eine Menge Arbeit und die Er⸗ kenntnis, daß auf diesem Gebiet noch umfassende theoretische Studien zu leisten seien, bevor die Partei sich über ein praktisches Agrarprogramm einigen könnte. Ich beschloß, meine Tätigkeit für einige Jahre darauf zu konzentrieren und ging auf die Suche nach Jemandem, dem ich — Seite 2. 0 Metteldeutsche euntags⸗Zeitung. Nr. 1. die geliebte Mitteldeutsche vertrauensvoll in die Hände legen konnte. Dieser Jemand wurde in der Person des Genossen Phil. Scheide⸗ mann in Marburg gefunden. Er kam im Sommer 1895 nach Gießen, ging mit Feuereifer an seine Arbeit und mag nun selber weiter erzählen. f Das tut unser Freund Philipp auch, der zum Geburtstage des Blattes aus Offenbach schreibt: Lieber Vetters! 4 Ist's denn möglich? Die M. S.⸗Z. soll schon zehn Jahre alt sein? Allerdings, wenn ich zurückschaue, um zu übersehen, welche Fülle von aufregender und aufreibender Arbeit von allen, denen das Blatt jemals anvertraut ge⸗ wesen ist, im Laufe der Zeit hat geleistet werden müssen, dann freilich: was bedeuten da zehn Jahre? 5 Die M. S.⸗Z. war ein gar zartes Pflänz⸗ lein im mächtig rauschenden Blätterwalde der sozialdemokratischen Partei, als sie mir im Jahre 1895 anvertraut wurde. Und da ich mir bewußt war, daß mich keine leichte Aufgabe erwartete— meine Vorgänger waren Dr. David und Simon Katzenstein, zwei schwer gelehrte Männer— war es auch für unseren Freund David gar keine Kleinigkeit, mich aus dem schönen Marburg, wo ich seit 6 Jahren eine angenehme Lebensstellung gefunden hatte, nach Gießen zu lootsen. a Schwere Gewitterwolken waren am poli⸗ tischen Horizont aufgestiegen. Im Reichstage wurde um die Umsturzvorlage gefeilscht. Ein Blitz aus dieser gewitterschwülen Atmosphäre hätte gar leicht dem zarten Gießener Kindlein das Lebenslicht ausblasen können. Dafür wurden mir allerdings in anderer Beziehung verlockende Aussichten eröffnet: ich sollte dafür, daß ich in den Parteidienst trat und meine Haut zu Markte trug, mit ziemlicher Sicherheit auf das fürstliche Gehalt von monatlich 120 Mk. rechnen dürfen, nicht viel weniger, als ich bis dahin verdient hatte. Allerdings waren noch wenige nebensächliche Bedingungen an die 120 Mk. geknüpft: ich durfte dafür das Redaktionslokal stellen, durfte es sogar auf meine Kosten heizen, beleuchten und reinigen lassen. 5 Aber da mir bon vielen Leuten gesagt wurde, daß ich müsse, wenn mich die Pflicht rufe, sagte ich zu. Einer Parteipflicht wollte ich mich unter keinen Umständen entziehen. David war froh, als er meine Zusage hatte, wurde er doch nun frei für größere wissen⸗ schaftliche Arbeiten. Ich vergesse nicht, wie er vergnügt wurde, als die Angelegenheit als ab⸗ geschlossen gelten konnte. Er erzählte, — meine Frau war mit nach Gießen gefaßten — in fröhlichster Stimmung dite schö sten Krofdorfer Geschichten, von dem„Mädchen mit den Packs Komellen“ und die reizende Szene „Wie m'r um'n Aag kimmt“. Und als dann gar auf dem Wege zum Bahnhof ein rheu⸗ matischer Omnibus an uns vorbeirumpelte, in dem sich der Kondukteur von dem Kutscher späzieren fahren ließ, da wollte uns der präch⸗ tige rote Doltor noch ganz besonders impo⸗ nieren;„Da sehen Sie mal, wie hier das Großstadtleben an uns vorüberbraust; so was giebt's doch in Marburg nicht!“ Na, wenn gar nichts uns nach Gießen ge⸗ zogen hätte, die Gäißer Omnibus hätten's uns bestimmt angetan.—— Volle fünf Jahre war mir die M. S. ⸗Z. anvertraut und ich darf wohl sagen, daß dieses Gießener Jahrfünft mir für alle Zeit— schlimme Stunden vergißt man so gern!— in angenehmer Erinnerung bleiben wird. In Gießen saß ich auf der Anklagebank und wurde verknurrt; in Gießen kandidierte ich sechsmal zu den Parlamenten der Iidt, des Landes und des Reichs und— siel sechsmal durch. Erinnerungen in Massen knüpfen sich an alle diese Daten. Die Durchfälle sind mir stets gut bekommen, aber die Agitationsarbeiten, die ihnen vorausgingen, haben mir doch zeit⸗ weilig arg zugesetzt. Aber durch sie wurde ich mit einer großen Anzahl prächtiger Menschen in Stadt und Dorf bekannt und mit Freuden gedenke ich heute wieder der braven, kernfesten Genossen in Oberhessen. Ja, die Agitation! An sie knüpfen sich die schönsten Erinnerungen. Es wird mir mein schlimmster Feind nicht bestreiten wollen, daß ich ziemlich eifrig ag'tiert habe. An siebenund⸗ dreißig Abeuden hinter einander Versammlungen abhalten, heute stundenlang auf der Bahn, morgen stundenlang zu Fuß, übermorgen die halbe Nacht auf dem Leiterwagen— bei Frost und Schnee(Nachwahl 1896), jede Nacht in einem andern Bett, zwischendurch die Zeitung und Flugblätter fertigstellen, Korrespondenzen erledigen— ach ja, die gut bezahlten Reptilien⸗ redakteure, die von den Agitatoren zu erzählen wissen, die sich von den Arbeitergroschen mästen, haben eine Ahnung! Und doch! Dieser Kampf mit den Gegnern ist eine Lust. Wie freue ich mich noch heute an die oft imposanten Volksversammlungen in Gießen, in denen mit den Gegnern gerungen werden konnte! Weder vor noch nach meiner Gießener Tätigkeit habe ich solche Gelegenheiten oft gehabt. Es ist mir ein geradezu behagliches Gefuͤhl, zu wissen, daß innerhalb fünf Jahren kein Gegner in der hessischen Universitätsstadt hat sprechen können, ohne daß ich die Klingen mit ihm gekreuzt hätte— bis auf einen. Dieser eine sprach nur unter der Bedingung, daß jede Diskussion unterbliebe, dieser eine hieß Eugen Richter. Na, und wenn ich an bestimmte Versamm⸗ lungen in Lollar, Lich, Langsdorf usw. denke, dann lacht mir das Herz im Leibe—— doch so kann ich ja nicht weiter erzählen, sonst ge⸗ brauchte ich die ganze Nummer der M. S.⸗Z. für mich allein. Also: die M. S.⸗Z. war uns stets eine schneidige Waffe im Kampfe mit den Gegnern; sie hat uns vortreffliche Dienste geleistet und wenn sie sich immer besser entwickelte und auf festere Füße zu stehen kam, so war das in erster Linie der Treue und hingebenden Mit⸗ arbeit der vielen Parteigenossen zu danken, die sich keine Mühe verdrießen ließen. Ich wünsche der nunmehr Zehnjährigen alles Gute, sie möge weiter wachsen, blühen und gedeihen. Ihnen, lieber Vetters, wünsche ich, daß Sie allezeit dieselbe freudige Hilfe bei den Genossen finden mögen, wie ich sie gefunden habe. Dann wirds auch in Zukunft vorwärts gehen. Und„Vorwärts“! soll allezeit unsere Parole bleiben. Herzliche Grüße Ihnen und allen den wackern Genossen in Gießen und Oberhessen! Ph. Scheidemann. * Für die freundlichen Worte und Wünsche des roten Philipp unseren herzlichsten Dank auszusprechen, ist uns angenehme Pflicht. Und wir dehnen diesen Dank zugleich auf alle Freunde und Genossen aus, welche unser Organ in dieser oder jener Form unterstützteu. Möge uns diese Unterstützung und Mitarbeit auch ferner erhalten bleiben; die Zahl derjenigen, die sie leisten, sich immer vergrößern zum Nutzen des Blattes und der von ihm ver⸗ tretenen Sache!* Denn wenn ein sozialdemokratisches Blatt, ein Organ der Besitzlosen und Unterdrückten seinen Zweck erfüllen soll, so müssen ihm diese ihr volles Interesse zuwenden, sie müssen es in jeder Beziehung als ihr Blatt betrachten, das ihre Gefühle, Wünsche und Forderungen in der Oeffentlichkeit zum Ausdruck bringt. Das eben ist der große Unterschied zwischen der sozialdemokratischen und bürgerlichen Presse: während der Eigentümer des bürgerlichen Blattes seine Zeitung einfach als Erwerbs- und Geldquelle betrachtet, damit viel verdienen will und danach seine Maßnahmen und den Inhalt der Zeitung einrichtet, gehört das sozialdemokratische Blatt der Gesamtpartei, welche dadurch Aufklärung schafft, zum Wohle der Gesamtheit arbeitet und so im hohen Maße kulturfördernd wirkt. Das ist oft genug auch von ehrlichen Gegnern anerkannt worden. Daß auch unsere kleine Mitteldeutsche, so⸗ viel in ihrer Kraft stand jederzeit in demselben Sinne arbeitete und gegen Lüge, Unrecht, Aus⸗ beutung und Mißstände auf allen Gebieten ankämpfte, ist selbstverständlich und bedarf keiner besonderen Erwähnung. Daß ste aber auch erfolgreich wirkte, dafür dürften die verschiedenen Wahlergebnisse im Kreise Gießen sowohl wie in den Nachbarwahlkreisen den Beweis liefern. Während der Reichstags⸗ wahl⸗Bewegung haben wir die Zahlen für jeden einzelnen Kreis vorgeführt, heute wollen wir nur auf unsere Stimmenzunahme im Gießener Kreise seit 1893 hinweisen. 2852 Stimmen wurden 1893 für den Sozialdemo⸗ kraten in der Hauptwahl abgegeben. Bei der 96er Nachwahl kam Scheidemann bereits mit 3351 in die Stichwahl und 1898 waren unsere Stimmen auf 4495 angewachsen. Und bei den letzten Wahlen im Sommer marschierte die Sozialdemokratie mit 602 5 Stimmen an der Spitze der Parteien im Kreise und darf man bei der nächsten Wahl die Er⸗ oberung des Kreises erwarten. Eben solche oder wenigstens annähernde Fortschritte wurden bet Landtags⸗ und Gemeinderatswahlen in Gießen und den Reichstagswahlen in den Nachbar⸗ kreisen gemacht. Dazu hat doch sicher die Mitteldeutsche mit beigetragen! Wohl den meisten Parteiblättern ging's im Anfang in finanzieller Beziehung so, wie es uns David von seiner Gründung erzählt. Ich war dabei, als die Frankfurter„Volksstimme“ ge⸗ gründet wurde und ich kann nur sagen, ich wünschte selbst meinem Feinde nicht die Plagen, die wir, die Gründer des Blattes, in der ersten Zeit damit durchgemacht haben. Und jetzt? Die letzten Sonntagsnummern der Volksstimme erschienen 32 Seiten stark! So sehen wir am Wachstum unserer Presse das Fortschreiten unserer Bewegung. Trotz⸗ dem tut in unserem Bezirke eine weitere Aus⸗ gestaltung unserer Parteipresse dringend not!. Hieran kräftig mitzuarbeiten sei unser Aller Aufgabe! Setzen wir zum Beginne des zweiten Jahr⸗ zehntes des Bestehens unseres Parteiorgans aufs neue mit gemeinsamer und unablässiger Arbeit zu seinem weiteren Ausbau ein! Ehe viel Zeit in's Land geht müssen wir ein Tage⸗ blatt haben! Herzlichen Dank nochmals allen Freunden und Mitarbeitern. Vorwärts zu weiteren Kämp⸗ fen und Erfolgen und Hoch die Sozial⸗ demokratie! Vetters. politische Rundschau. Gießen, den 29. Dezember. Die„Wahlfreiheit“ im Saargebtet erscheint durch einen Prozeß, der sich vorige Woche vor dem Landgerichte in Saarbrücken abspielte, in eigenartiger Beleuchtung. Der Vorsitzende der staatlichen Bergwerks direktion, Hilger klagte gegen den Zentrumsredakteur Lehnen, weil dieser gegen Hilger den Vor⸗ wurf schwerer Wahl beeinflussung erho⸗ ben hatte. Der Beklagte wurde zu 900 Mark Geldstrafe und Tragung der Kosten— die etwa 10 000 Mk. betragen— verurteilt. Der Verlauf des Prozesses ließ eine Verurtei⸗ lung erwarten. Die Verteidigung war in der Beweisführung aufs äußerste gehemmt. Nicht das, was in diesem Prozeß gesagt wurde, ist interessant, interessant war, was nicht ge⸗ sagt werden durfte. So verweigerte Minister Möller seine allgemeine Genehmigung zu Aussagen der Bergbeamten. Diese durften nur aussagen, wenn der Kläger, Geheim⸗ rat Hilger, die Einwilligung gab! Unbequeme Fragen an die Zeugen wurden vom Gerichts- hof als„unerheblich“ abgelehnt. So wurde u. A. die Frage abgelehnt, ob Bergbeamte im Wahllokal gesessen haben, um die Abstim⸗ mung zu kontrollieren“. Bergwerksdirek⸗ tor Schäfer wurde gefragt, ob eine Anweisung vorgelegen habe, über die politische Seine von anzulegenden Bergleuten zu berichten un ob solche Berichte von seiten der Steiger und Obersteiger vorgelegen hätten. Die Beantw — 58 or⸗ beamten Votgeset Dab, 0 aus Lic des Un llätter. lasen. Wahlfte beranlaß Terrots! geübt w genug, d. daß da etwa pr Pfarrer Verbeig Mittel 5 det habe 0 findet al erwarten mann⸗ aus der kandidat ten darf aber ese elsen ag len im 852 mo⸗ der mit ere imer 25 lelse Er⸗ olche lden bar⸗ die f im Ang War ge⸗ ich en, Iten zt? mme rie Aotz⸗ Aus⸗ not!, Aller ahr⸗ gans siger Che age⸗ den amp⸗ al⸗ Nr. 1. Mitteldeutsche Lountags⸗Zeitung Seite. tung dieser Fragen wurde ebenfalls auf Ver⸗ eine Abonnements⸗Einladung worin der In⸗ f f anlassung Hilgers abgelehnt! Zeuge halt der bürgerlichen Presse aufgezählt und Soziales, Hewerkschastliches, Bürger meister Offermann aus Wiebels⸗ kirchen durfte nur über das befragt werden, was er„als Privatmann“ getan. Er hat also„als Privatmann“ durch seinen Sekretär festgestellt, wie die Leute gewählt haben, und hat das Ergebnis an die Bergwerks ver⸗ waltung mitgeteilt, das heißt, nicht etwa der Direktion, sondern nur der Inspektion, soweit diese Beamten, soweit Zeuge weiß, Mit⸗ glieder des nationalliberalen Vereins waren. Die 9 291 nach den Gründen der bürgermeister⸗ lichen Wißbegierde wird nicht beanwortet. Wiederholt protestierte der Verteidiger da⸗ gegen, daß die einvernommenen Bergwerks⸗ beamten bei ihrer Aussage unverwandt ihren Vorgesetzten, Herrn Direktor Hilger, fixierten. Das, was die Verhandlung trotz dieses Druckes ans Licht brachte, genügt, um in den Augen jedes Unbefangenen die Angriffe der Zentrums⸗ blätter als völlig begründet erscheinen zu lassen. Freilich ist's nicht die Sorge um die Wahlfreiheit der Arbeiter, die diese Angriffe veranlaßte, sondern nur der Aerger, daß der Terroismus nicht zugunsten des Zentrums geübt wird. Der Staatsanwalt war boshaft genug, durch Zeugenaussagen feststellen zu lassen, daß das Zentrum Wahlbeeinflussungen nicht etwa prinzipiell abgeneigt sei: der katholische Pfarrer Didier mußte zugeben, daß er die Verweigerung der kirchlichen Sakramente als Mittel politischen Gesinnungszwangs angewen⸗ det habe. Die Reichstags ⸗Ersatzwahl im 22. sächs. Kreise findet am nächsten Dienstag statt. Es ist zu erwarten, daß unser Kandidat, Gen. A. Hoff⸗ mann⸗Berlin im ersten Wahlgange als Sieger aus der Wahlurne hervorgeht. Als Gegen⸗ kandidat tritt wiederum, wie bei den allgemeinen Wahlen, der Exjesuit Graf Hoensbroich auf. — Eine weitere Ersatzwahl ist für den wel⸗ fischen Abg. v. Schiele im Wahlkreise Os na⸗ brück auf den 18. Januar angesetzt. Albert Schäffle, der bekannte Nationalökonom und Staatsmann ist am 26. Dezember in Stuttgart gestorben. Er ist der Verfasser der bekannten Broschüre „Die Quintessenz des Sozialismus“, welche während des Sozialistengesetzes auch in Partei⸗ kreisen viel verbreitet und auch auf einige Tage verboten war. In dieser trat er der blöden Schlagwort⸗Agitation der Bürgerlichen gegen die Sozialdemokratie entgegen und versuchte, objektiv den Marx⸗Engelsschen Sozialtsmus darzustellen. Diese Broschüre wurde vielfach als eine Verteidigung des Sozialismus aufge⸗ faßt und daraus erklärt sich ihre weite Ver⸗ breitung in Arbeiterkreisen. Später hat Schäfle (1885) sich in einer Gegenschrift:„Die Aus⸗ sichtslosigkeit des Sozialismus“ von dem Ver⸗ dachte zu reinigen gesucht, den Sozialismus fördern zu wollen. Hermann Bahr antwortete ihm mit einer Broschüre: Die Einsichtslosigkeit des Herrn Schäffte. b Immerhm hat Schäffle sich eine gewisse Vorurteilslosigkeit dem Sozialismus gegenüber bewahrt. Im dritten Bande seines Hauptwerkes: Bau und Leben des sozialen Körpers, führte er aus, die Vergesellschaftung der Produktions⸗ mittel sei ein schwer zu erreichendes Ziel, aber ste würde, wenn es erreicht werden könnte, den kapitalistischen Privatbetrieb an Vollkommen⸗ heit und Gerechtigkeit weit übertreffen. Schäffle wurde 1831 in Württemberg ge⸗ boren. In den sechziger Jahren war er Pro⸗ fessor in Tübingen, im Jahre 1871 öster⸗ reichischer Handels minister. Preßsünder. Wegen Majestätsbeleidigung wurde Genosse Markwald, Redakteur der Magde burger Volksstimme, am 23. Dezember vom Landgericht wegen Majestätsbeleidigung und Aufreizung zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt. Der Artikel, in welchem die Ma⸗ jestätsbeleidigung gefunden wurde, ist darunter auch„kaiserliche Danksagungen“ aufge⸗ führt wurden. Es ist derselbe, den Garbe in Kassel abdruckte und dafür 3 Monate Ge⸗ fängnis erhielt. Die„Aufreizung“ wurde in einem zweiten Artikel gefunden, in dem von eventuell anzuwendenden„äußersten Gewalt⸗ mitteln“ die Rede war. Gen. Markwald er⸗ klärte, er habe darunter den Generalstreik ver⸗ standen. Ausland. Neues sozialistisches Blatt in Frankreich. Der sozialistische Abgeordnete Jaur es ist aus dem Parteiorgan,„Petite Republique“ ausgeschieden. Die„Petite Republique“ befindet fich in Privathänden nnd Jaurès empfand es schon seit langer Zeit unangenehm, daß das Blatt Verleger⸗Interessen dienen mußte, welche mit der politischen Tendenz nicht immer übereinstimmten. ie Bemühungen, diese Situa⸗ tion zu ändern, sind gescheitert, dagegen hat Jaurés Mittel gefunden, ein neues Organ zu gründen, zu dem er die Abgeordneten Rouanet und Pressense, sowie Viviani und andere bekannte Sozialisten hinzuzieht. Dieses Blatt dürfte wohl schon zu Neujahr erscheinen.— Zum Dreyfus⸗Prozeß. Die Revisions⸗Kommission hat sich nun ein⸗ stimmig für die Zulässigkeit des Wiederauf⸗ nahmeverfahrens des Dreyfus⸗Prozesses ausge⸗ sprochen. Die Zahl der gegen Dreyfus im Rennes⸗Prozesses aufgeführten Schriftstücke, die sich jetzt als ganz oder teilweise gefälscht er wie⸗ sen, soll etwa 1000 betragen. Giuseppe Zanardelli, der frühere italienische Ministerpräsi⸗ dent, ist am zweiten Weihnachtstage in Maderno am Gar dasee im Alter von 74 Jahren gestorben. Er hat somit seinen im Oktober durch die unter⸗ bliebene„Zarenreise“ erfolgten Sturz nicht lange überlebt. Mit Zarnadelli ist einer der letzten jener wackeren Soldaten Garibaldi's dahinge⸗ gangen, die für die Einigung Italiens kämpften. Schon als Neunzehnjähriger hatte er sein Rechts⸗ studium unterbrochen, um in die 1848er Legion einzutreten. Nach der Niederlage derselben kehrte er nach seiner, damals zu Oesterreich gehörenden Vaterstadt Brescia zurück, beendete seine Studien und war gleichzeitig im Stillen journalistisch und agitatorisch für die italienische Einheitsidee tätig. Nachdem er früher schon einigemale Ministerposten innegehabt hatte, wurde er 1901 Ministerpräsident. Er verwahrte sich mit aller Entschtedenheit gegen die von einzelnen Chauvinisten warm befürwortete Politik der Rache und blieb Zeit seines Lebens ein Freund der Arbeiter und der Demokratie. Leider fand er aber zu wenig Unterstützung in den Reihen seiner eigenen demokratischen Parteigenossen.— In einer Rede über das Koalitionsrecht der Arbeiter, die er vor zwei Jahren im Parlament hielt, sprach er den sehr richtigen Satz aus: „Die aus der Freiheit entspringenden Uebel sind vorübergehender Natur, ihre Vorteile dagegen von Dauer“. Kriegsgefahr in Ostasien. Zwischen Rußland und Japan besteht gegen⸗ wärtig ein äußerst gespanntes Verhältnis, das jeden Augenblick den Ausbruch des Krieges zwischen beiden Mächten befürchten läßt. Nach den von dort eingegangenen Meldungen werden in Japan die Kriegsrüstungen mit ziemlichem Eifer betrieben. Im japanischen Volk nimmt die Kriegsstimmung von Tag zu Tag zu. Die Presse rät nachdrücklich zur sofortigen Entsen⸗ dung von japanischen Truppen nach Korea, wo die japanischen Interessen durch den von Norden her seitens der russischen Militärbehör⸗ den ausgeübten Druck und die russischen Intri⸗ guen in Sbul bedroht seien. In unterrichteten Kreisen macht sich mehr und mehr die Meinung geltend, daß dieser Schritt unvermeidlich sein werde. Arbeiterbewegung. Aerzte und Krankenkassen. In einer Anzahl Orte ist es wieder zu Konflikten zwi⸗ schen Krankenkassen und Aerzten gekommen, weil die letzteren immer höhere Forderungen stellen. Die Verhandlungen mit den Aerzten in Leip⸗ zig haben bis jetzt zu keiner Einigung ge⸗ führt. Die Aerzte veschlossen bei Nichtannahme ihrer Vorschläge die Kündigung bis zum 1. April. Der strittige Punkt ist der§ 2 des ärztlichen Entwurfs. Dieser lautet:„Die Ortskrankenkasse verpflichtet sich, die Namen der Aerzte ihren Mitgliedern in geeigneter Weise bekannt zu geben und die Mitglieder anzuweisen, einen der ihnen zu nächst wohnenden Aerzte zu Rate zu ziehen und dessen Weisungen streng zu befolgen.“ Die Kassenvertreter erklären, daß mit Annahme dieser Bestimmung die ganze„freie Arztwahl“ wieder illusorisch gemacht würde, sie weigern sich entschieden, diesem Vorschlage zuzustimmen. Der Töpferstreik in Velten ist beendigt, den die Untern⸗hmer als Anlaß zur allgemei⸗ nen Aussperrung der Töpfer genommen hatten. Nach den Einigungsbedingungen begnügen sich die Streikenden mit einer Erhöhung der nied⸗ rigsten Tarifpositionen um 3 Prozent, und ei⸗ ner Lohnerhöhung um 1˙½ Pfg. pro Stunde für die Hilfsarbeiter. Auf diese Bedingungen hatte man sich schon im November geeinigt, damals lehnten ste aber die Ofenfabrikanten ab. Der Streik hat 12 Wochen gedauert. Sozialdemokratische Wahlsiege bei Gewerbegerichtswahlen. In Bamberg, wo bei den Wahlen zum Gewerbegericht bei den Arbeitgebern einer Liste des Gewerbevereins eine solche der sozialistischen Kleinmeister und bei den Arbeitnehmern die sozialdemokratischen Gewerkschaften und die vereinigten christlichen Arbeiter sich gegenüberstanden, siegten in allen Wahlbezirken die sozialistischen Kan⸗ didaten.— In Krefeld siegten ebenfalls die freien Gewerkschaften bei den Gewerbe⸗ gerichtswahlen. Auf ihre Kandidaten fielen 1977 Stimmen, während es die Christlichen nur auf 815 brachten. Sulvester. Vas Jahr verrinnt, es geht zu Ende, Und während es zu Grabe sinkt, Rings auf dem ganzen Erdenrunde Der letzte Abschiedsgruß erklingt. Das letzte Lied zur Scheidestunde. Das von den Lippen leise fließt, Es wird zum Hoffnungs⸗Hochgesange Der laut das neue Jahr begrüßt. Es ist das Lied von bess'ren Seiten, Das ewig durch die Lande tönt, Es klingt in jedem Herzen wieder, Das sich nach Glück und Freiheit sehnt. Die Menschen kommen und vergehen, Das Leben ist ein Augenblick, Wir sehen Naß und Liebe schwinden Doch nicht die Hoffnung nach dem Glück. Auch heute steht das Traumbild wieder Vor uns'rem Geiste hell und klar, Und mit der Hoffnung in dem Herzen Begrüßen wir das neue Jahr. Wir wollen kühn mit festem Blicke Der Sukunft in das Auge sehn, Denn uns beseelt stets ein Gedanke: Das Wissen, daß wir vorwärts gehn. Wir wissen, daß die Sahl der Streiter Mit jedem Tage größer wird Und daß die Bahn, auf der wir gehen Uns endlich doch zum Siege führt. Die alten Vorurteile stürzen, Wenn wir geeint zusammenstehn, Und wo Gewalt und Willkür thronen, Dort werden Freiheitsbanner wehn. Das iel liegt nah, der Weg ist offen, Nur vorwärts Brüder in den Streit. Ruft laut hinaus in alle Winde: Wir kämpfen für Gerechtigkeit! Heinrich Bartel. —— Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 1. 9 Pon Nah und Fern. Gießener Angelegenheiten. Glückliches Neujahr! Diesen Wunsch zum Jahresbeginn allen unseren Lesern! Möge das neue Jahr ihnen allen eine Besserung ihrer Lebenslage bringen, soweit sie es bedürfen. Und wer von ihnen bedürfte es nicht? Nur ganz vereinzelt wer⸗ den sich darunter welche finden, deren Lage eine zufriedenstellende wäre, nichts zu wünschen übrig ließe. Doch immer wieder müssen wir darauf hinweisen: die Lage des Einzelnen kann dau⸗ ernd nur gebessert werden, wenn die Lage der Gesamtheit gehoben wird. Hieran im neuen Jahre tapfer und nachhaltig mitzuarbeiten, das sei vor allem unser Gelöbnis an der Jahreswende! Zwar, wenn wir einen Blick auf das ver⸗ flossene Jahr werfen und das Ergebnis unse⸗ rer Arbeit, unserer Agitation überschauen, dür⸗ fen wir einigermaßen befriedigt sein. Nach den Reichstagswahlen zeigten verschiedene Land⸗ tags⸗, Gemeinde- und Gewerbegerichtswahlen, daß unsere Sache marschiert, daß Wahrheit und Erkenntnis auf politischem und sozialem Gebiete erfolgreich gegen Rückständigkeit und Unwissenheit ankämpften. Aber nicht allein die Wahlen zeigen uns die Fortschritte der sozial⸗ demokratischen Bewegung. In den letzten Tagen, anläßlich der Crimmitschauer Aussperrung sehen wir eine ganz gewaltige Kundgebung der deut⸗ schen Arbeiterschaft.— Welche Opferfreiwillig⸗ keit, welche großartige Solidarität legt sie hier an den Tag! Hunderttausende von Mark wer⸗ den von Besttzlosen, die oft selbst am Notwen⸗ digsten Mangel leiden, zur Unterstützung der kämpfenden Kameraden aufgebracht! Hier zeigt sich in schönster Weise, wie das Gefühl der Zusammengehörigkeit, der Geist der Solidarität innerhalb der deutschen Arbeiterwelt erstarkt ist. Und doch— wie viele Tausende ausgebeuteter armer Menschen stehen unserer großen Bewe⸗ gung noch gleichgültig gegenüber, leisten ihren Bedrückern Sklaveudienste! Die Aufklärung dieser Massen erfordert noch eine gewaltige Ar⸗ beit, die geleistet werden muß. Und sie wird getan werden! Grüßen wir das neue Jahr in der Hoffnung auf den Sieg unserer Sache und eine bessere Zukunft! — Gewerkschaftsfest. Wie unsern Lesern bereits bekannt ist, findet das diesjährige Winterfest der Gewerkschaften diesen Samstag, den 2. Jauuar im Saale des Café Leib statt. Sowohl der Arbeitergesangverein„Ein⸗ tracht“, wie auch die„Freie Tur nerschaft“ haben ihre Mitwirkung zugesagt. Ersterer wird unter anderem auch das Koschatsche Walzerlied „Am Mörther See“, das bei der Abendunter⸗ haltung auf Lonys Bierkeller so viel Beifall fand, wieder zum Vortrag bringen. Die Turner werden mit Pyramidenstellen und sonstigen turnerischen Produktionen zur Unterhaltung beitragen. Ferner findet Geschenke⸗Verlosung — keine Versteigerung!— statt. Dazu wird jeder Festtellnehmer ersucht, Geschenke zu stiften, die aber bis spätestens Samstag Mittag bei Orbig abgeliefert sein sollen, damit sie ge⸗ ordnet und nummeriert werden können.— Die Festrede hält Genosse Krumm.— Wegen der Fleischpreise haben die Antisemiten im Landtage eine Anfrage an die Regierung gerichtet mit der Ueberschrift: „Die Schädigung des Publikums durch den Zwischenhandel mit Schweinen und Schweine⸗ fleisch.“ Darin wird gesagt: „Zu gegenwärtiger Zeit werden nach Angabe von Gastwirten und Privaten in Darmstadt bet den Metz⸗ gern bezahlt: Für 1 Pfd. Schweinefleisch 76 Pfg., für Au Speck 1.— Mk., für 1 Pfd. Schmalz 70 Pfg. Im Allgemeinen erhält zu gegenwärtiger Zeit der Land⸗ wirt unseres Landes für das Pfund Lebendgewicht 1. Qualität 38— 40 Pfg., für das Pfund Schlachtge⸗ wicht 1. Qualität 45—50 Pfg.“ Schließlich wird die Regierung gefragt, was ste zu tun gedenk, um das gegenwärtige Mißverhältnis zwischen den Einkaufs⸗ und Ver⸗ kaufspreisen des Schweinefleisches zu beseitigen und ob sie bereit set, die allgemeinen Einkaufs preise von Vieh in Gegenüberstellung mit den am Orte jeweils geltenden Verkaufspreisen von Fleisch und Fleischprodukten, in den großen Städten des Landes allwöchentlich öffentlich anschlagen zu lassen.— Eine Aufklärung der Verhältnisse im Fleisch⸗ und Viehhandel ist ja sehr wünschenswert. Wenn die anfragenden Herren aber vorher von„Fleischnotgeschrei“, der Händlerpresse sprechen, so ist das eine höchst alberne. von Leuten, die durch Zolltarif und Grenzsperre die Preise auf eine unglaubliche Höhe treiben halfen.— Uebrigens können sich die Herren, die von„Schädigung des Publikums durch Zwischenhandel“ sprechen, mal bei dem Gießener Amtsblatt Belehrung holen, das kürzlich lebhaft für den Schutz des Zwischenhandels eintrat! i — Vorsicht mit Feuerwerkskörper nl Das Abbrennen von Feue werkskörpern in der Neujahrsnacht ist auch in Gießen sehr in Schwung. Wir raten einem Jeden, diesen gefährlichen Unfug zu unterlassen, durch den schon sehr schwere Unfälle herbeigeführt wurden. So wird aus Schierstein a. Rh. berichtet, daß dort am Abend vor Weihnachten in dem Lößner'schen Laden beim Abbrennen eines sog. Frosch's der ganze Vorrat der Feuerwerkskörper explodierte und eine fürchterliche Brandkatastrophe verur- sachte. Die Tochter des Ladeninhabers erlitt dabei so schwere Brandwunden, daß sie noch in der Nacht star b. — Die Neujahrsnum mer des„Wahren Jakob“ ist wieder sehr reichhaltig. Außer den beiden farbigen Bildern:„Silvesterfeier bei Dörchläuchting“ und„Der Ritt auf dem Rasiermesser“, erwähnen wir die Illustrationen:„Zur Aufhebung des Jesuitenge⸗ setzes“,„Silvester“,„An der preußisch⸗russischen Grenze“, „Der Hochverräter“,„In der Silvesternacht“, sowie das zweite Bild aus der Edmund Edelschen Serie„Bourgeois⸗ Typen“ und den in Wort und Bild erheiternden„Reichs⸗ tags⸗Guckkasten“. Der textliche Teil enthält die Ge⸗ dichte„Neujahr“,„Schwarz ist Trumpf“,„Goldenes Abc“,„Ein Neujahrsgruß“ von Klara Müller, „Der Kampf um das Wahlrecht“ und zahlreiche kleinere Beiträge. — Die Sylvester-Zeitung 1908 ist soeben im Verlage der Buchhandlung Vorwärts zum Preise von 10 Pfennig erschienen. Den Inhalt des in Zwei⸗ farbendruck hergestellten Festblattes haben wir schon neulich mitgeteilt. Bestellungen nimmt unsere Expedi⸗ tion entgegen. Aus dem Rreise gießen. — Wieseck. Der Wahlverein hält am Samstag, den 2. Januar im Gambrinus bei Wacker seine Weihnachtsfeier ab. Dieselbe besteht in Konzert, Weihnachtsverlosung, Vor⸗ trägen usw. Es ist alles getan worden, um den Mitgliedern einige frohe Stund zu be⸗ reiten und deshalb recht zahlreiches Erscheinen der Mitglieder und ihrer Angehörigen und Freunde zu erwarten. — Eine grausige Tat versetzte an den Feiertagen die Einwohner in Alten- useck in hochgra⸗ dige Aufregung. Am ersten Weihnachtstage, abends gegen 11 Uhr überfiel der dort wohnende 538jährige verheiratete Zigarrenmacher Wilh. Becker IX. den 21jährigen Weißbinder Karl Alban und richtete die⸗ sen durch mehrere fürchterliche Stiche derart zu, daß der Verletzte sofort tot zusammenbrach. Schon am Tage vorher verfolgte Becker den Alban; und die Em⸗ pörung über bestialische Tat ist um so größer, als der Täter sein Opfer ohne jeden ersichtlichen Grund ver⸗ folgte und abschlachtete. Der Mörder wurde noch in der Nacht verhaftet und in das Gießener Untersuchungs⸗ gefängnis transportiert, wo er sich in der Nacht zum Sonntag erhängte. Der Mensch war als gewalt⸗ tätiger und roher Patron bekannt und gefürchtet, wegen verschiedener Rohheitsdelikte ist er schon bestraft worden, ein⸗ mal hat er sogar seine Mutter lebensgefährlich verletzt. Dagegen war Alban ein braver und allgemein geachteter Mensch, der zusammen mit seiner Schwester seine betag⸗ ten Eltern unterstützte. Er war als Mitglied des Volks⸗ vereins Parteigenosse und als solcher tat er jederzeit seine Schuldigkeit. Unter Beteiligung der gesamten Ein⸗ wohnerschaft wurde er Sonntag Nachmittag zu Grabe getragen; en Volksverein, dem Turnverein und dem Gesangverein„Germania“ wurden Kränze mit entspre⸗ chenden Widmungen niedergelegt.— Seit Menschenge⸗ denken ist in Alten⸗Buseck eine solche abscheuliche Tat nicht vorgekommen; die Erregung in dem friedlichen Orte ist daher erklärlich und begreiflich. Aus dem Rreise Jriedberg⸗Püdingen. J. In Unfall⸗ und Invaliden⸗An⸗ gelegenheiten und⸗Prozesse n empfiehlt es sich für alle Arbeiter, die damit zu tun haben, von den erhaltenen Schriftstücken auch die Umschläge, Couverts usw. aufzuheben, da diese oft wichtige Dokumente bilden. Als Be⸗ weis diene folgendes: Eine Frau in Friedberg, deren Mann vor Kurzem verstorben, liegt mit dem Vorstande einer Berufsgenossenschaft in Streit wegen Auszahlung einer Reute. Den ablehnenden Bescheid des Vorstandes erheelt die Frau am 8. Oktober. Am 8. November legte sie Berufung ein. Die Berufung wurde zurückgewiesen, weil nach Mitteilung des betr. Postamtes die Frau den Entscheid schon am 7. Oktober erhalten hätte und mithin die Frist nicht gewahrt sei. Die Frau war aber in der Lage, auf Grund des Couverts mit dem Post⸗ stempel bei der Post nachzuweisen, daß man dort eine falsche Mitteilung an die Berufsge⸗ nossenschaft gemacht hatte und das Postamt mußte nunmehr eine andere Bescheinigung aus⸗ stellen. Hoffentlich kommt die Frau nun zu ihrem Geld. Den Arbeitern aber raten wir, die Umschläge von Briefen dieser Behörden aufzuheben bis zur vollständigen Erledigung ihrer Rechtssachen. Aus dem Rreise Wetzlar. * Aus Krofdorf. Unter Bezugnahme auf eine Notiz im„Gieß. Anz.“, worin mitgeteilt wird, daß dem Unternehmer, welcher die Gradlegung der Straße Krof⸗ dorf⸗Gießen ausführt hat, die Vertragssumme vom Ge⸗ meinderat um 5 Prozent erhöht worden sei, schreibt man uns, daß diese Erhöhung durch nachträgliche Aen⸗ derung des Vertrags begründet und berechtigt war. Diese Notiz im Anzeiger geht jedenfalls von neidischen Konkurrenten aus. — Einegroßartige„Staatsaktion“ wurde kürzlich gegen den Wirt Klinkel in Odenhausen in Szene gesetzt. Am heiligen Sonntag morgen erschien der Bürger meister⸗ Sekretär von Krofdorf mit Polizeidiener, ließ mehrere junge Leute aufs Rathaus kommen, um festzustellen, wer bei dem Wirt— getanzt habe! Die Folge war ein Strafmandat für ht Wirt, gegen das dieser Einspruch erhoben at. Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain. r. Stadtverordneten⸗Versamm⸗ lung. In der letzten Stadtverordnetenver⸗ sammlung handelte es stich u. A. um den Ab⸗ schluß eines Vertrages über den Neubau einer Volksschule. Dieser wurde schon vor 1 Zeit genehmigt; man konnte sich 0 ein deshalb veröffentlichtes Preisausschreiben meldeten sich nur auswärtige Architekten. Sämtliche Marburger hatten es abgelehnt, sich an der Konkurrenz zu beteiligen, was man ihnen auch nicht verdenken kann. So kam es, daß der erste Preis nach Charlottenburg fiel. Der Magistrat hatte daraufhin einen Vertrag mit dem Charlottenburger Architekten abge⸗ schlossen dahingehend, daß er sämtliche Zeich⸗ nungen zum Neubau liefern und dafür 2500 Mark erhalten sollte. Der Architekt selbst hatte erst 9000 Mark verlangt, war jedoch später mit 2500 Mk. zufrieden. Einige Stadtverord⸗ nete übten daher Kritik an dem ganzen Preis⸗ ausschreiben und traten dafür ein, daß der Neubau einem Marburger Architekten über⸗ tragen werde. Infolge dieser Kritik wurde der Magistratsantrag mit Stimmengleichheit abgelehnt und kommt deshalb in der nächsten Sitzung nochmals zur Verhandlung. — Herr August Heppe, der sich bei der letzten Stadtverordnetenwahl eine„Schlappe“ eholt hat, kann sich immer noch nicht 1 r hatte gegen die Gültigkeit der Wahl Ein⸗ spruch erhoben, da bei der Wahlhandlung Un⸗ richtigkeiten vorgekommen seien. Namentlich hatte er gegen die Wahl des Kreissekretärs Voß Einspruch erhoben. Die Versammlung erkannte an, daß Voß nach der Städteordnung nicht wählbar sei. wahl stattfiuden. nicht über den Architekten einigen. Auf Deshalb muß eine Neu⸗ Ci Vor! sc am von der gefährlich Zachbesch des Ange Ton, so fei entml bolge, de Siegmun Meter in ihn mite gusstieß; Auch zer auf der gericht i wegen ge und Sac bon 14. gegen let Strafkar bestätigte Dle Weise a Jett wi Dem ge Schnierl get kei Reihung euer G mer g b pit nen 9 Fehn scandlt 9 he ehr ge Dee 10 ub du Subald Sein j data lings 0 0 nach fen. f eine b dem Ktof⸗ m Ge⸗ chreibt Aen⸗ war. dischen ion“ al in ligen eister⸗ ließ iilen, tanzt für hoben il. mm enber⸗ u Ab⸗ ubau e sich Auf keiben tekten. , sich man 15 es, 0 fill. ertrag abhe⸗ 15 B00 ö hatte shäter ang Leis 1 v ig rde 132 ichten ———— ee eee ee eee eee ge, ding das Gerücht davon von Mund zu Mund, Nr. 1. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. DOelskrankenkasse. Der Ae dz te⸗ Vertrag tritt am 1. Januar in Kraft. Damit sind die nachbenannten Ortschaften in folgende Aerzte⸗Bezirke geteilt und haben sich die Kassenmitglieder nur an diese Aerzte zu wenden Bezirk Cappel, Gisselberg, Nieder⸗ weimar, Hermershausen, Haddamshausen, Cyriaxweimar: Dr. Kothe und Dr. Schröder zu Marburg; Cölbe: Dr. Wigand und Dr. v. Heusinger zu Marburg; Bürgeln: Dr. v. Heusinger und Dr. Müller zu Marburg; Ginseldorf, Bauerbach: Dr. Hoffmann und Dr. Happel zu Marburg; Caldern, Michelbach, Wehrs⸗ hausen, Elnhausen, Dilschhausen: Dr. Wig and und Dr. Happel zu Marburg; Wehrda: Dr. Hoffmann und Dr. Müller zu Marburg; Marburg, Ockershausen, Marbach: Dr. Schirmer, Dr. Sardem ann, Sani⸗ tätsrat Dr. Abe e, Prof. Dr. Hildebrand zu Mar⸗ burg, sowie die 7 e Herren.(Die weiteren Bezirkseinteilungen drucken wir in nächster Nr. ab. D. R.) U Ein ungebildeter„Edelster“. Vor der Strafkammer in Hanau hatte sich am 23. Dez. der Freiherr Siegmund von der Tann, aus Tann in der Rhön, wegen gefährlicher Körperverletzung, Bedrohung und Sachbeschädigung zu verantworten. Der Vetter des Angeklagten, Freiherr Melchior von der Tann, sollte gesagt haben, er(Frhr. Siegmund) sei entmündigt worden, und wer ihm etwas borge, der bekomme sein Geld nicht wieder. Siegmund von der Tann ließ sich deshalb seinen Vetter in seine Wohnung rufen und prügelte ihn mit einem Lattenstück, wobei er die Drohung ausstieß;„Du mußt noch verrecken“. Auch zerriß er ihm seinen Rock und warf ihn aus der Straße mit Steinen. Das Schöffen⸗ gericht in Hilders verurteilte den Angeklagten wegen gefährlicher Körperverletzung, Bedrohung und Sachbeschädigung zu einer Gefängnisstrafe von 14 Tagen und 25 Mk. Geldstrafe. Da⸗ gegen legte der Verurteilte Berufung ein. Die Strafkammer aber verwarf die Berufung und bestätigte das erstinstanzliche Urteil. Geistlicher Wüstling. Die Fälle, wo Pfaffen sich in schändlichster Weise an Kindern vergehen, reißen nicht ab. Jetzt wird wieder ein derartiger Fall aus dem Elsaß berichtet. Wie ein elsässer Blatt aus Schnierlach meldet, hat der seit 1903 dort stationierte Vikar Jakob Kopf aus Furcht vor strafgerichtlicher Verfolgung das Weite gesucht. Dem genannten Colmarer Blatte wird aus Schnierlach gemeldet: Es war schon längere Zeit kein Geheimnis mehr, daß Kopf perversen Neigungen huldigte gegenüber Knaben, die seiner Erziehung anvertraut waren. Kopf hatte immer 3 bis 5 Knaben um sich, die er gewöhnlich bis spät in die Nacht bei sich behielt, um an ihnen die schändlichsten geschlechtlichen Aus⸗ schreitungen zu begehen. Zur Aufdeckung dieses schändlichen Treibens hat hauptsächlich die Tat⸗ sache beigetragen, daß schließlich kein Junge sich mehr getraute, Kopf bei der Messe zu asststieren. Die von dem Scheusal mißbrauchten Knaben sind durchweg Söhne aus besseren Familien. Sobald sich Kopf verfolgt sah, flüchtete er. Sein jetziger Aufenthalt ist nicht bekannt. Un⸗ verständlich ist es, wie das Treiben dieses Wüst⸗ lings so lange vertuscht werden konnte, obgleich es nachgerade die Spatzen von den Dächern pfiffen. Sein Amtskollege, der Pfarrer, hätte doch bemerken müssen, in welch auffälliger Weise der Vikar Kopf sich mit den Knaben zu schaffen machte. Die Tatsache, daß es diesem Schweine- prlester monatelang möglich war, sein schmutziges Handwerk zu betreiben, obwohl seine perversen Neigungen einem großen Teile der katholischen Bevölkerung bekannt waren, beweist, wie sehr das Volk noch in blinder Verehrung des Pfaffen⸗ tums befangen ist. Geknickte Zentrumsstütze. August Vogeno, Teilhaber der Firma Vogeno u. Hoffmaun, Tuchfabrik in Haarem bei Aachen, hervorragender Zentrumsführer und Redner auf den Katholikentagen, besonderer Freund verschiedener Bischöfe, erster Beigeord⸗ neter und Gemeindevertreter in Haaren, wurde wegen bedeutender Unterschlagungen von Kirchen⸗ und Vereinsgeldern verhaftet. Schon seit Wochen doch der mächtige klerikale Einfluß versuchte die Geschichte zu vertuschen. Die unterschlagenen Summen wurden durch begüterte fromme Damen gedeckt. Vogeno kam eben aus der Kirche, als ihn das Ersuchen traf, mal zum Bürgermeister⸗ amt zu kommen. Er ging ahnungslos in die Falle. Daß er zur Fahrt ins Gefängnis eine Droschke erhielt, ist wohl selbstverständlich. Kleine Mitteilungen. n Aus dem Zuge gestürzt. Vorigen Mittwoch Abend sprang eine Dame im Harburger Bahnhofe trotz warnender Zurufe vom Zuge ab, der sich noch in Bewegung befand. Sie kam zu Fall und stürzte so unglücklich auf den Bahnsteig, daß sie besinnungslos liegen blieb. Die Verletzte wurde später von ihren An⸗ gehörigen abgeholt. §S Traurige Weihnachten waren dem in der Leimfabrik von Ph. C. Weiß in Haiger beschäftigen Arbeiter Mony aus Allendorf bescheert. Er geriet am Dienstag vor den Feiertagen mit der Hand in die Transmisston, wob i ihm der ganze Arm abgerissen wurde. Der Unglückliche wurde in die Klinik nach Gießen gebracht. l Nicht weniger als vier Selbstmorde kamen während der Feiertage in Frankfurt vor.— Außerdem aber auch zahlreiche Schlägereien, wobei es viele zum Teil schwere Verletzungen gab. * Opfer der Arbeit. Beim Neubau eiuen Kruppscheu Hochofens in Aheinhausen bei Essen stürzten am Donnerstag drei Arbeiter in die Tiefe. Einer war sofort tot, zwei wurden tödlich verletzt. FEFFTFTFTFTFTFTFTTFT—T—T—T—T—T—T—T—T—T—Ä—WWW—W—WT—T—TTTTFVVTTTT—T—T————————j—j—ß— Versammlungskalender. Samstag, den 2. Januar. Friedberg. Soz.⸗dem. Wahl verein. Nach⸗ mittags 3 Uhr Versammlung bei Ihl. Tages⸗ ordnung: 2. Vortrag des Genossen Busold als Reproduktion der Vorträge des Genossen Michels in Frankfurt. Gießen. Freie Turnerschaft. Die nächste Turn⸗ stunde findet umständehalber erst Donnerstag, 7. Januar statt. r Marburg. Bekanntmachung der Gewer k⸗ schaftskommission. Zwecks Revision der Bibliothek müssen sämtliche Bücher bis Sonntag, 10. Januar abgegeben werden. N — Quittung. Für die ausgesperrten Weber in Crimmit⸗ schau gingen weiter ein: S.⸗Reiskirchen Mk. 1.— D. Gr.⸗Buseck Mk. 1.— Liste Nr. 43 Mk. 21,30.— Trohe Liste Nr. 26 Mk. 8,15.— Liste Nr. 55(Cig.⸗ Fabr. Gießen) Mk. 3.60.— Wieseck 3. Rate Mk. 22. — Von den Arbeitern der Main⸗Weser⸗Hütte Mk. 59.75. — In der Quittung in Nr. 52 muß es heißen: Be⸗ amte der Ortskasse 2. Rate Mk. 10(nicht 2.10). Der Vertrauensmann. Für die Porzellanarbeiter in Schlierbach gingen bei uns ein: Krofdorf d. St. Mk. 6.76. RN. d. M. S.⸗Z. 1 Bemüht Parteifreunde! eac sa nach besten Kräften für die immer weitere Verbreitung Eueres Blattes, der Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung! Die„Mitteldeutsche Sonntags⸗ Zeitung“ erscheint wöchentlich einmal und kostet nur 28 Pfg. den Monat; 73 Pfg. das Vierteljahr. ůͤů— Freunden und Bekannte. bringe meine 7. Schuhmacherei in empfehlende Erinnerung. Weihnachten in Crimmitschau. Der seit länger als vier Monaten währende Riesenkampf zwischen Kapital und Arbeit, der sich in dem sächsischen Städtchen Crimmit⸗ schau abspielt, hat die Aufmerksamkeit ganz Deutschlands auf sich gezogen. Selbstverständlich der deutschen Arbeiter in erster Line. Mit einer beispiellosen Opferwilligkeit unterstützen sie ihre kämpfenden Brüder, wohl noch nie bei einem Lohnkampfe sind die Gaben in gleicher Fülle geflossen. Aber auch von bürgerlicher Seite kommen zahlreiche Spenden. Das Verbot der Weihnachtsfeier durch die sächsischen Be⸗ hörden hat teilweise auch in den Kreisen des Bürgertums Entrüstung hervorgerufen und die Sympathien den Ausgesperrten zugewandt. So waren die vom Kapital auf das Pflaster Ge⸗ worfenen in der Lage, ein Weihnachtsfest zu feiern, wie sie es wohl noch niemals konnten, als sie in Arbeit standen. Diese Armen— so schilderte die„Leipz. Volksztg.“ die Weihnachtsbescherung— die durch das Machtwort der Unternehmer seit vielen Wochen ohne Arbeit sind, sie sind vielleicht in diesen Stunden die glücklichsten Menschen Crimmitschaus, denn ihnen hat die deutsche Arbeiterschaft ein Weihnachtsfest bereitet, das um so erhebender ist, als es von wahrer Menschen⸗ liebe, von echter Solidarität und vom tiefsten Mitempfinden getragen ist. Je näher man dem Gesellschaftshaus kommt, um so deutlicher glaubt man die freudigen Erregungen in den daher⸗ schreitenden Arbeitern und Arbeiterinnen wahr⸗ zunehmen. In diesem Lokal sind die Liebesgaben der deutschen Arbeiterschaft für die Crimmitschauer Kämpfer zusammengetragen. Hier nehmen die Ausgesperrten die Beweise echter Brüderlichkeit und wahrer Menschenliebe entgegen und ihre leuchtenden Augen sagen, daß diese aufrichtigen Beweise ihnen ein Weihnachtsfest bereiten, wie es vielleicht viele noch nicht erlebt haben. Wenn auch dank der außergewöhnlichen säch⸗ sischen Zustände, die in Crimmitschau herrschen, die Bescherung sang⸗ und klanglos vor sich gehen mußte, ohne mächtigen Eindruck ist sie trotzdem nicht gewesen. Die Fülle der Gaben, sowie die behördliche Schererei werden den Crimmit⸗ schauer Textilproletariern Weihnachten 1903 nie vergessen machen. Für die Weihnachtswoche erhielten die Kämpfenden doppelte Streik⸗ unterstützung. Am Dienstag wurden 28 000 Pfd. Stollen(das sächsische Weihnachtsgebäck) verteilt, vorzügliche Ware, und am Mittwoch und Donnerstag erfolgte die Verteilung der sonstigen Gaben. Vermutlich wird auch nach Weihnachten noch recht beachtlich viel zu verteilen sein, da es trotz guter Organisation gar nicht möglich ist, d' Massen ber eingegangenen Geschenke a1 Tagen zu verteilen, denn wahre Berge von Haben füllten den Saal des Gesellschafts⸗ hauses. Der Andrang der Ausständigen war groß, so daß einige zwanzig Personen alle Hände voll zu tun hatten, die Leute zu be⸗ friedigen. Leipziger Genossen und Genossinen leiteten die Verteilung, die sie mit Sorgfalt und voller Hingebung durchführten. Noch am Mittwoch nachmittag kamen immer neue Kisten mit Geschenken, so daß man füglich nicht mehr wußte, wie und wo all die Sachen unterzu⸗ bringen und zur Auswahl auszustellen sind. Wahrlich, die deutsche Arbeiterschaft und die mit ihr sympathisierenden Kreise haben den Kämpfern in Crimmitschau ein unvergleichliches Weihnachten bereitet. Wohl beschenkt auch mancher Unternehmer„seine“ Arbeiter zu Weihnachten, aber meistens aus einer sehr schlauen und berechnenden Spekulation! heraus. Diese Geschenke aber, die die Crimmitschauer erhielten, wurden ehrlichen und uneigennützigen Sinnes gegeben, als Anerkennung für das tapfere und treue Verhalten im Kampfe um eine gerechte Sache. Die Verteilung der Gaben erfolgte im Saale des Gesellschaftshauses. Dieser bot in dieser Zeit einen eigenartigen Anblick. Auf der Bühne strahlt ein Weihnachtsbaum; zwischen den aufgestapelten Warenmassen wogt und flutet es; ein Stimmengewirr wie auf eine a gut besuchten Jahrmarkt, ein fortwährendes Kommen und Gehen. Ungefähr je dreißig Per⸗ Seite 6. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. sonen werden in kurzen Zeitabschnitten in den Saal hineingelassen und jedes Auge betrachtet momentan erstaunt die bunte Masse der Gaben. Hinter dem Weihnachtsbaum hängen auf langen Stangen ganze Reihe Würste; mehrere Zentner. Nahe der Bühne zwei lange Tafel- reihen mit Kinderspielsachen. All die vielen Dinge namentlich anzuführen, ist unmöglich. Links daneben mehrere Kisten mit Kinderfilz⸗ schuhen für jedes Alter. Weiter drei lange Tische mit wollenen Kindersachen, Strümpfe, Jäckchen, Mützen, das reine Wollwarengeschäft. Auf derselben Seite befindet sich auch die Herrenkonfektion in reichhaltigster Auswahl. Der Bedarf scheint ein großer zu sein, denn der Absatz ist reißend. uf der rechten Seite des Saales, nahe der Bühne ist die Spezerei⸗ warenabteilung. Bei Eröffnung der Bescherung war darin zu verzeichnen: ca 40 Zentner Margarine, einige Zentner Butter, viele Zentner Zucker, Kaffee in hunderten von Paketen, ganze Kisten Zichorie, Pfefferkuchen, mehrere Seiten Speck, kurz, Herz was begehrst du? Da kommt soeben eine bleiche, verhärmte Frau. Auf ihrer Legitimationskarte steht: fünf Kinder. Die Frau strahlt vor Freude, wie sie, gemäß ihrer Kinderzahl, einen Korb voll Lebensmittel usw. erhält. Sie will nicht soviel annehmen,„die andern sollen auch etwas bekommen,“ wendet sie ein.„Genug da für alle, lassen Sie sich die Sachen schmecken“, belehrt das„Laden⸗ fräulein“ die Frau, die unter großen und recht überflüssigen Dankesbezeugungen von dannen geht. Lustig zuzusehen ist es, wo es Damen⸗ konfektion giebt. Die liebe Eitelkeit, sie be⸗ hauptet sich in allen Lagen des Lebens. Jenes junge nette Frauchen dort probiert ein Jakett, zwei Freundinnen halten auf Wunsch die Kri⸗ tik, ob das Kleidungsstück auch gut sitzt. Ein halbes Dutzend junger Mädchen hält große Beratung über einen Umhang usw. Bei einigen Kisten Schuhwaren nutzen regelmäßig eine Reihe Personen und üben Anprobe; das Geschäft wickelt sich etwas langsam ab, denn, wer die Wahl hat, hat auch die Qual. Unter gegen⸗ seitigen Scherzworten wird gesucht, geprüft, probiert, ausgetauscht; ein tatsächlich fesselndes Leben und Treiben. Vor dem Saaleingang, im Hofe, stehen wohl über 300 Menschen, den Augenblick ercdartend, wo sie an die Reihe kommen. Sie sehen ihre Kollegen und Kolle⸗ ginnen mit Körben voll Sachen aus dem Saal heraustreten. In einer Gruppe von Frauen äußert ein Mütterchen seine Bedenken, ob noch etwas übrig sein werde, wenn es an der Reihe ist. Da fährt soeben ein mit Kisten beladener Wagen in den Hof.„Na ja“, sagt das Mütter⸗ chen,„nu hab ich keine Angst mehr, nu krieg ich auch mein Teil.“ Lachend wird dem Mütter⸗ chen versichert, daß ihre Sorge unnütz war, denn es sind der Gaben genug da, um alle reichlich beschenken zu können. Wenn man bedenkt, daß 7000 Menschen beschert werden, so kann sich jeder ausmalen, welch eine Un⸗ menge von Gaben vorhanden ist. Diese Berge von Beweisen der Solidarität in der deutschen Arbeiterschaft, die Verbote von den Behörden und das Verhalten der Unternehmer im Gegensatz dazu, üben eine Wirkung aus auf Alt und Jung, die durch die allerschönsten hurrapatriotischen oder kirchen⸗ christlichen Redensarten nicht mehr abgeschwächt werden kann. * Es ist erklärlich, daß durch die behördlichen Maßregeln den Streikenden die allgemeine Sympathie zugewendet wurde. Und keineswegs blos der Arbeiter. Man findet es in allen Kreisen unerhört, den Arbeitern die Weih— nachtsfeier zu verbieten, ihnen beinahe jede Zusammenkunft unmöglich zu machen. Einige⸗ male konnten die Ausgesperrten in Sachsen⸗ Altenburg Versammlungen abhalten, dort wendet man aber jetzt auch die sächsischen Praktiken an und verbietet die Versammlungen. Das wird Zehntausende von Arbeitern darüber aufklären, daß der Staat nur das Unternehmer ⸗Interesse vertritt, daß Unternehmertum und Klassenstaat zusammenstehen, um die Arbeitermassen in Ab hängigkeit zu erhalten. Gleichzeitig werden die enormen Summen, die Masse der Gaben, die für Crimmitschau gespendet worden sind, im⸗ ponierend wirken, und auch den bisher indiffe⸗ renten Arbeitern einen Begriff davon geben, was die Arbeitermasse zu leisten vermag, wenn ste nur will. In Crimmitschau wollten die Unternehmer der Arbeiterbewegung ein ent⸗ scheidender Schlag versetzen, es ist ihnen aber nicht gelungen und wird ihnen niemals gelingen, wenn die deutsche Arbeiterschaft wie bisher ihre Pflicht tut. Sogar ein bürgerliches Blatt in Sachsen wendet sich gegen die Behörden— und das will gewiß viel sagen. Die liberale„Dresdener Zeitung“ sagt u. Anderem: „Kein Dramatiker und Rührstückfabrikant könnte wirksamere Mittel ersinnen, Teilnahme für die Crimmit⸗ schauer Streikenden zu wecken, als es die säch sische Obrigkeit fertig gekriegt hat. Und die Scharf⸗ macherpresse macht es sich unaufgefordert und erwünscht zum Beruf, mit allem Eifer hinter den Behör⸗ den herzuhetzen und die irregeleiteten Leiden⸗ schaften noch mehr zu schüren.„Ja“, schreien da die Retter des Staats,„die Behörde muß doch zu solchen Maßnahmen ihre Zuflucht nehmen, um der maß⸗ losen Verhetzung der Massen ein Ziel zu setzen!“ Dem⸗ gegenüber möchten wir doch feststellen, daß keine Hetz⸗ rede soviel Erregung hervorzurufen vermag, als eben dieses unglückliche Bescherungs⸗ verbot. Das Unheil, das man mit ihm angerichtet hat, ist ganz gewiß weit größer als jenes, das man durch die Maßregel vermeiden wollte. Die Früchte beginnen bereits zu reifen; in großer Anzahl haben Arb iter ihren Austritt aus der Landeskirche angemeldet“. Das sagt ein nationalliberales Blatt! 7* Die Unternehmerpresse leistet sich indessen weitere Hetzereien gegen die Streiken⸗ den. So heult ein Scharfmacherblatt und andere ihm nach: „Es ist selbstverständlich, daß die Sozialdemokratie, welche, um die Mildtätigkeit anzuregen, bisher stets von den„hungernden“ Webern in Crimmitschau, denen das Nötigste zum Leben fehlt, gesprochen hat, alles bestreitet. Aber man berücksichtige doch die hohen Spare in⸗ lagen, den Fleisch verbrauch, die gute Kleidung und Wohnung der Arbeiter, man überzeuge sich von der Tatsache, daß die Streikenden noch jetzt gemeinschaftliche Gänsebratenessen, Schweineschlachten und bis in den Morgen währende Festlichkeit aller Art abhalten. Der Kampf ist jetzt ein Kampf aller Arbeitgeber Deutschlands gegen die übermächtige So⸗ zialdemokratie geworden.“ Diese blödsinnigen Ausstreuungen werden dem Unternehmertum nichts nützen, sondern die deutsche Arbeiterschaft wird die Kämpfenden weiter unterstützen. Weiß doch jeder Mensch, was für Schwelgereien mit 12 bis 14 Mark Wochenlohu bestritten werden können! * Einigungs⸗ Verhandlungen sind ge⸗ scheitert. Am Mittwoch vor den Feiertagen haben in Anwesenheit des Geh. Regierungsrats V. Böh⸗ mert⸗Dresden Verhandlungen zwischen Unter⸗ nehmern und Arbeitern stattgefunden, denen der Vorsitzende des Textilarbeiter-Verbandes bei⸗ wohnte. Die Verhandlungen scheiterten an dem Verlangen der Fabrikanten, bezüglich der Wiedereinstellung der Ausgesperrten eine Auslese halten zu wollen. Darauf konnten sich die Vertreter der Arbeiter nicht einlassen. Es ist selbstverständlich, daß die Un⸗ ternehmer, wenn ihnen eine solche Konzession gemacht worden wäre, unter den Ausgesperrten rigoröse Musterung gehalten haben würden. Der Kampf geht also weiter, die Unternehmer scheinen die Machtfrage mit allen eventuellen Konsequenzen zu wollen. Das Verlangen der Unternehmer, Auslese halten zu können, ist schon deshalb ein völlig ungerechtfertigtes, weil die Herren ja selost schuld sind, daß die ge⸗ samte Arbeiterschaft sich im Kampfe befindet. Ohne begründeten Anlaß warfen die Unter⸗ nehmer 8000 Menschen auf die Straße, und wollen jenem Akte nun den ebenso schlimmen folgen lassen, die von der Arbeiterschaft mit der Wahrnehmung ihrer Interessen bebauten Arbeiter zu maßregeln. Diese würden dann, da das Unternehmertum mit schwarzen Listen arbeitet, in ganz Deutschland keine Beschäftigung mehr erhalten. 97 Huterhaltungs-Ceil. 15 Der Sieg des Schwachen. Erzählung von Melchior Meyr. (Fortsetzung.) Das Aergste war geschehen. Der Vater hatte ihn gezüchtigt wie einen Buben, hatte ihn über alle Begriffe schmählich traktiert. Was konnte ihm jetzt noch widerfahren? Was hatte er noch zu verlieren?— Jetzt ging's in einem hin, was noch geschah. Auf etwas mehr oder weniger Schande, und auf etwas mehr oder weniger Schläge kam's jetzt nicht mehr an. Die Wahrheit war an den Tag gekommen und nicht mehr zu vertuschen. Keine Ausrede, keine Lüge half mehr. Jetzt galt es, bei der Wahrheit zu bleiben und auszuhalten und geradeaus vorwärts zu gehen. Für ihn gab es nur noch eine Pflicht in der Welt. Die Leute hatten ihren Spott mit ihm und ärgerten ihn; der Vater und der Bruder verachteten ihn und taten ihm Böses an, so viel sie konnten; nur die Bäbe hatte ihn gern— sie hielt alles auf ihn und schätzte ihn so hoch mit allen seinen Fehlern. Sie war die einzige Se le, die's wirklich gut mit ihm meinte— die einzige auf der ganzen Welt! Von ihr nicht zu lassen, ihr anzuhangen und ihr alles Liebe und Gute zu tun, was er uur vermochte, das war das einzige, was er jetzt noch zu tun hatte. Tränen füllten die Augen des guten Bur⸗ schen, als er in der Hülle und Fülle seiner Schmach an die Liebe der Bäbe dachte, an die Freundschaft und die Güte, die sie ihm bis jetzt bewiesen hatte. In der Rührung seines Herzens erneuerte er das Gelöbnis der Treue mit feierlichen Beteuerungen und faßte wieder⸗ holt den Eutschluß, um ihretwillen alles zu dulden, was der Teufel ihm auch noch antun mochte! Und nun, in dieser Verfassung, schämte er sich nur der Scham und der Furcht vor den Leuten. Daß er im Pfarrhaus solche Angst hatte, und daß er so froh war, es im Rücken zu haben— das war elend von ihm! Die Bäbe riskierte so viel für ihn, und er selbst wollte nur immer gut wegkommen und trachtete, wenn's gefährlich wurde, nur immer danach, weit davon zu sein! Nicht dafür, daß er den Vater angelogen, wohl aber für dieses schlechte Benehmen hatte er die Schläge gar wohl verdient. 5 Solche Gedanken und Empfindungen übten schließlich auf den Burschen eine trösten de, stärkende Wirkung. Der Vorsatz, unbedingt alles auszuhalten um der Geliebten willen, und das Gefühl, ihrer dadurch immer würdiger zu werden, warfen einen veredelnden Schein auch auf die bisher erduldete Schmach; sie beruhigten ihn und gaben ihm Haltung, sogar eine Art von Würde.— Er kleidete sich an und ging in die Stube. Bei dem Vater, der auf der Bank saß, 14. stand die Walpurg; Tobias konnte, ohne sich etwas zu vergeben, guten Morgen sagen, und er tat es mit ruhigem Ernste und mög⸗ lichst in der hergebrachten Weise. Die Haus⸗ hälterin dankte freundlich, und sogar der Alte gab mit geschlossenen Lippen eine Art Laut von sich, der als eine Erwiderung gelten konnte. Man rief den Kaspar von der Kammer und aß die Morgensuppe. 0 a Der alte Schneider, als er frühmorgens neben dem schnarchenden Kaspar erwachte, hatte doch eine gemischte Empfindung gehabt. Der Sohn hatte eine Züchtigung verdient, das war augenscheinlich; aber die Art, wie er sie ihm angedeihen ließ, war doch sehr stark.“ Er hätte ihm ein Glied abschlagen können und mußte jetzt nur froh sein, daß es nicht geschehen war. Ein verwünschter Handel, und ein Elend, so einen Menschen zum Sohne zu haben!— In den Tiefen seiner Seele über den Unge⸗ Der Alte hr Seit arif ni un, da stleden heute oc en Auf Hollig ge. 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Daß der Alte und Tobias„solche Gesichter machten“, fiel der Walpurg auf; allein sie hatte, im ersten Schlafe liegend, von dem Auftritt auf der Gasse so wenig vernommen wie Kaspar, und wenn sie nun auch denken mußte, daß die beiden wieder einen Stuß mit⸗ einander gehabt, so war ihre Seele doch weit entfernt, die Wahrheit zu erraten. f Nachdem die Löffel am Tischtuch abgewischt und in die Tischlade gelegt waren, ordnete der Vater die Arbeiten des Tages an, und die ganze Familie begab sich auf die Wiese. Hier führte Tobias seinen Teil regelmäßig aus, in⸗ dem er den Ernst und die würdige Ruhe, die er angenommen hatte, zu behaupten wußte. Der Alte, nachdem er ihn einmal prüfend von der Seite angesehen, schüttelte den Kopf. Er begriff nicht, wie der Bursch zu einem Gesicht kam, da, mit sich und seinem Schicksal zu⸗ frieden schien. Er hatte gemeint, er würde heute noch viel schlimmer aussehen, als nach dem Auftritt im Garten; und jetzt schien er völlig getröstet zu sein! Sogar eine gesunde Farbe hatte er und bewegte seine Glieder ganz leicht— an nichts konnte man sehen, was ihm gestern passiert war.— Nach dem letzten Ge⸗ danken erhellte sich übrigens das Gesicht des Alten mit einem eigenen Lächeln. Es war ihm eingefallen, daß er nach den ersten Ohrfeigen dem zu Boden Geworfenen hauptsächlich die Schultern und den Rücken der ganzen Länge nach bearbeitet hatte und demgemäß die Folgen der Züchtigung von den Kleidern bedeckt sein mußten.— 5 Während in der Schneiderfamilie die Be⸗ ziehungen so hinliefen, fand im Pfarrhaus eine entscheidende Szene statt. Die Bäbe war früh aufgestanden und zur Bereitung des Frühstücks in die Küche ge⸗ gangen. Das Bewußtsein, sich etwas Unge⸗ wöhnliches herausgenommen zu haben und deswegen zur Rede gestellt werden zu können, äußerte sich in einer eigenen Mischung von Ergebung und Gefaßtheit. In ihrem Bette erwachend, hatte sie die Vorgänge der gestrigen Nacht erwogen, und es war ihr möglich, ja wahrschetnlich vorgekommen, daß die Pfarrerin nichts Bestimmtes wußte, sie nicht wirklich ge⸗ sehen, sondern nur etwas gehört und etwas geargwöhnt hatte. In diesem Falle war ihr nicht nur im eigenen Interesse, sondern auch um des Geliebten willen ein bestimmtes Be⸗ nehmen vorgezeichnet, und sie beschloß, es genau einzuhalten. Wie sie dem geistlichen Ehepaar den Kaffee in die Stube brachte, grüßte sie wie sonst, und nur die Pfarrerin, deren Augen durch Einsicht geschärft wareu, bemerkte im Tone eine Weich⸗ heit und im Gesicht einen Schein von Wehmut. Der alte Herr war aufgeräumt. Er befand sich körperlich wohl, und in diesem Zustand war er nicht nur munterer, sondern auch noch gutmütiger als gewöhnlich, namentlich aufge⸗ legt, andere durch Lob zu erfreuen. Mit der würdigen Freundlichkeit eines Herrn und Seelenhirten begann er:„Der Tee ist dir gestern geraden, Bäbe; er ist mir ganz gut bekommen; ich habe vortrefflich darauf geschlafen, und von Husten ist keine Spur mehr da.“ Mit einem Erröten, das der Geistliche für die Wirkung seiner Anerkennung nahm, er⸗ widerte das Mädchen:„Das freut mich, Herr Pfarrer! Mühe hab' ich mir gegeben!“ „Hast aber auch aufstehen müssen,“ fuhr der alte Herr fort,„aus dem ersten Schlafe!“ „O,“ versetzte die Bäbe,„das ist meine Schuldigkeit. Und für den Herrn Pfarrer würd' ich mit Freuden ganze Nächte durch⸗ wachen, wenn's sein müßt'!“ Durch diese Huldigung befriedigt, nickte der Geistliche, während die Pfarrerin mit sonderbaren Augen vor sich hinsah. Nach dem Frühstück begab sich der Herr in seine Studierstube, recht erheitert durch den Gedanken, daß es eben doch noch gute, wackere, aufmerksame Leute und treue Dienstboten gebe. Die Pfarrerin dagegen sagte zu der Ge⸗ rühmten, als sie das Geschirr hinaustragen 805„Ich hab' mit dir etwas zu reden, äbe.“ 7 Das Mädchen stellte das Kaffeebrett wieder auf den Tisch und bot alles auf, den Effekt dieser Worte auf ihr Gemüt nicht sichtbar werden zu lassen. Die Frau stellte sich vor sie hin, sah fie an und begann:„Nun, sagt dir dein Gewissen nichts?“ ö „Mein Gewissen?“ entgegnete die Bäbe mit großer Verwunderung. „Ich sollt's meinen“, versetzte die Frau. Und mit strengem Ausdruck fuhr sie fort:„Du hast gestern Nacht einen Burschen ins Pfarr⸗ haus gelassen!“ Das Mädchen zuckte unmerklich, faßte sich aber im Moment und schien höchlich überrascht und schmerzlich befremdet zu sein. Mit der Miene einer unbegreiflich Angeklagten erwiderte ste:„Frau Pfarrerin, wie können Sie denken—“ „Leugn' es nicht,“ unterbrach sie die Frau, „ich weiß es!“ Noch hielt die Bäbe stand. Die Sorge für den Geliebten und für ihr Verhältnis schien ihr eine viel höhere Pflicht zu sein als Auf⸗ richtigkeit, und mutig antwortete sie:„Ach, Frau Pfarrerin, das muß Ihnen geträumt haben! So wahr ich—“ „Schweig,“ sprach diese mit heftigerem Tone,„und lüg nicht! Ich habe es durchs Schlüsselloch mit meinen eigenen Augen gesehen, wen du in deine Kammer getragen hast.“ Das machte freilich dem Leugnen und zu⸗ nächst auch em Reden ein Ende. Von Röte übergossen, it atmendem Busen, aber trotzdem noch mit einer gewissen Haltung stand die Entlarvte da und schwieg. „Bekenn es,“ rief die Pfarrerin gebieterisch, mit leuchtenden Augen—„oder du mußt mir im Augenblick aus dem Hause!—“ Nun sah die Bäbe den Moment für ge⸗ nicht mehr am Orte, vielmehr ein offenes Be⸗ kenntnis in jeder Hinsicht erfordert war. Mit reuigem Gesicht, mit feuchten Augen und weichem kommen, wo die Versicherung der Unschuld Tone begann ste:„Frau Pfarrerin, ich will's Ihnen gestehen, ich hab' mich vergangen und bitte Sie um Verzeihung! Aber mein Fehler ist nicht so groß, wie Sie vielleicht denken. Der Tobias hat mich gern in allen Ehren, er will mich heiraten, aber sein Vater will's nicht leiden, und wir haben eben keine andere Ge⸗ legenheit gewußt, wo wir uns ruhig über die Sache beraten können. Sie dürfen mir's glauben, Frau Pfarrerin, es ist nichts ge⸗ schehen—“ „Ich glaub' dir's schon,“ fiel die Frau ein, indem ein kaum merkbares Lächeln um ihre Lippen spielte. Mit erneuter Strenge fuhr ste dann aber fort:„Was du getan hast, ist un⸗ recht genug. Wenn es nun der Herr gesehen hätte? Du kennst ihn. Dieser Unfug in seinem Hause wäre für ihn die größte Kränkung ge⸗ wesen— er hätte vor Zorn und Kummer gar nicht gewußt, was er anfangen sollte. Und wenn's nun jemand anders gesehen hätte, und es würde bekannt, daß die Pfarrmagd des Nachts Liebhaber zu sich einläßt— was würde man im Dorfe sagen, und was würde man von uns denken?“ (Fortsetzung folgt.) Splitter. Durch Löcher scheint auch der geringste Fehler; Talar und Pelzwerk decken alles zu. Panz're die Sünd' in Gold, so bricht an ihr Der starke Speer des Rechtb unschädlich ab; Hüll' sie in Lumpen, und ein Zwerg durchbohrt Mit einem Strohhalm sie. Shakesspeare. Der große Mann ist der, der sich in Ueber⸗ einstimmung weiß mit den Gesetzen der Natur und mit der Wahrheit der Dinge. Und dräut der Winter noch sehr Mit grimmigen Geberden! Und streut er Schnee und Eis daher! Es muß doch Frühling werden! Carlyle. Geibel. Numoristisches Sehr richtig. A.: Da hat der Bülow ganz recht: Der Zukunftsstaat ist blos der„Sprung eines Blinden in's Dunkle!“ B.: Aber mein Lieber— einem„Blinden“ kann es doch egal sein, wo er hinhuppt; der sieht ja so wie so nichts.— Aus Kalau. Sie: Warum war denn im Kwilecki⸗Prozeß immer von dem„Kampf um's Mayerat“ die Rede? Er: Das ist doch sehr einfach: weil sich's um den kleinen Meyer gehandelt hat. Das ist doch wieder was Andres! Spießer: Hm, das ist ja freilich bös mit den ho⸗ hen Kosten für das Militär, aber— wir können doch unserer Armee die beste Waffe nicht verweigern? Arbeiter: So? Aber dem Volke die beste Schul⸗ bild ung verweigern, das könnt ihr! (Südd. Postillon) Sein erster Gedanke. Wirt: Das ist doch narrisch! Das ist in Norddeutschland in'nem Dorf a Madel derwacht, das hat siebzehn Jahr lang ge⸗ schlafen! Hausknecht: Donnerwetter— muß die aber Schlafgeld zu bezahlen hab'n! (Südd. Postillon.) — versalmittel! pfohlen! Seit 50 Jahren bekannt und beliebt. Wer gerne Puddings, Torten und andere Mehlspeisen ißt, sollte nicht verfehlen,„Malzena“ zu versuchen. Ein Uni⸗ Ausgiebig, sehr nahrhaft, außerordentlich leicht verdaulich und garautiert absolut rein! 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