1 1 eke . J natefal) 5 7 5 gde 1 gal e 11 10 Nr. 40. Gießen, den 2. Oktober 1904. II. Jahrgang. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Sonnt Mitteldeutsche 8-30 Kedaktionsschluß; Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. — 2 itung Abonnementspreis: Die Mitteldentsche die Expedition unrer Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33 /0% kund bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. 2 IJuserate Die ögespalt. Bei mindestens Der Bremer Parteitag hat einen Verlauf genommen, der in der sozia⸗ listischen Welt und insbesondere in der Arbeiter- schaft Deutschlands die größte Befriedigung hervorrufen wird. Unsere Freunde, die Feinde erwarteten mit ziemlicher Bestimmt⸗ heit eine Wiederholung der Dresdener Vor⸗ änge und der Aerger ist nun nicht gering, daß solche ausgeblieben sind. Wir können es den Gegnern nie recht machen. Und Dietz hatte Ein recht, als er in seiner Schlußrede bemerkte: ind wir„interessant“, dann kriegen wir was aufs Dach und erledigen wir in ruhiger Weise die Geschäfte, dann kriegen wir auch was ab und man sagt uns, ihr seid langweilige Leute. In der Tat sind die Herren Gegner mit uns sehr unzufrieden und diese Unzufrieden⸗ heit kommt in allen bürgerlichen Preßorganen — mit Ausnahme vielleicht der Frkftr. Ztg. und einzelner audern— zum Ausdruck. Be⸗ sonders viel haben, wie tmmer, die paar von den Nationalsozialen noch übrig gebliebenen an uns auszusetzen. Zweck der nationalsozialen„Partei“ war bekanntlich, die Sozialdemokratie„abzu⸗ lösen“ und weil das nicht so schnell ging, begnügt man sich damit, immerwährend an unserer Partei herumzunörgeln und ihr altkluge Lehren zu erteilen. Das betreibt namentlich Herr v. Gerlach, der Abgeordnete für Marburg, mit unermüdlichem Eifer und wenn seine auf⸗ dringlichen Predigten von uns nicht ernst ge⸗ nommen werden, wird sein Organ, die„Hessische Landeszeitung“ ernstlich böse und schimpft wie ein Rohrspatz. f f Nun, das soll uns nicht weiter anfechten! Und ebensowenig, was die Kreisblatt- und Schweinburg⸗Presse an uns auszusetzen hat. Alle Parteiblätter bringen denn auch ihre Be⸗ friedigung über die Bremer Tage zum Aus⸗ druck. Gewiß, alle Wünsche sind nicht be⸗ friedigt worden,— das ist ja auch nicht möglich — aber im allgemeinen ist das„Arbeitspro⸗ gramm ordnungsgemäß erledigt und außerdem noch eine Reihe wichtiger Fragen angeregt worden, derer Erörterung manche interessante und wertvolle Ausführungen brachten. 5 In der Diskussion über den Geschäfts⸗ bericht des Vorstandes fand die Tätigkeit der Parteileitung verdiente Anerkennung. Es gab wenig tadelnde Kritik. Dies, wie auch die ein⸗ stimmige Wiederwahl der bisherigen Vorstands⸗ mitglieder beweist, daß die Leitung das all⸗ gemeine Vertrauen der Partei genießt. Und das ist wichtig und notwendig. Beim Bericht der Kontrollkommisston gab es einige unangenehme Fälle zu erledigen, die gewiß nicht vorzukommen brauchten, ihren Grund aber in den Charaktereigenschaften und dem Verhalten einzelner haben. Da muß überall die nötige Selbsterziehung geübt werden! Auch die Verhandlungen über die parlamentarische Tätigkeit bewies, daß sich die Fraktion auf das Vertrauen der Partei stützen kann. ö Bei der Organisationsfrage sind die erwarteten großen Debatten ausgeblieben. Der „“Beschluß, das ganze Material einer Kommission zur Ausarbeitung einer Vorlage zu überweisen, ö 7— unseres Erachtens der beste und praktischste Ausweg.— In der Maifeier bleibt es propagierten Gedanken, auf die Arbeitsruhe zu verzichten, lehnte die Mehrheit der Partei ab. Bezüglich der Kommunalpolitik wurden die Vorschläge Lindemanns unverändert an⸗ genommen. Damit ist ja das große Gebiet der gemeindepolitischen Fragen nicht erschöpft, aber es sind Richtlinien geschaffen für eine sozial⸗ demokratische Kommunalpolitik. Bebels prächtiges Referat über den A m ster⸗ damer Kongreß hat allerlet neue Lichter auf die Beschlüsse des inkernationalen Arbeiter⸗ parlamentes geworfen. Wenn Bebel recht hat, so wäre der Versuch zur Annäherung der feind⸗ lichen französischen Brüder nicht ganz aussichtslos. Die rote Ratsversammlung ist geschlossen —. das Ergebnis der Arbeit zeugt von eifriger Pflichterfüllung. Die Partei kann mit ihren Abgeordneten zufrieden sein. Die Ratsver⸗ sammlung ist geschlossen, nun gilt es, ihre Ar⸗ beit der Partei fruchtbar zu machen. Möge Bremen der Ausgangspunkt neuer, eifriger Arbeit für die großen Ziele der Sozialdemo⸗ kratie sein! Sozialist sein Sie verlangen von mir, daß ich näher er⸗ kläre, was unter dem Ausdruck zu verstehen ist, Sozialist sein. Kein Einzelner hat indessen ein Recht dazu, im Namen des Sozialismus zu reden und deshalb kann ich nur sagen, was ich und viele andere über die mir gestellte Frage denken. Sozialist sein, das heitzt zunächst, daß ich jedem menschlichen Wesen das gleiche Recht einräume, das ich für mich beanspruche, nach Glück zu streben und in Besitz aller der Güter zu gelangen, die das Dasein schenken kann. Das heißt in Uebereinstimmung mit dieser Grundregel, welche auch die der Demokratie ist, als Regel eine volle Gleichstellung zwischen meinen Interessen und denen anderer anerkennen, einen Zustand schaffen, in dem Platz zur Ent⸗ wickelung für Neigung und Anlage eines jeden vorhanden ist. Sozialist sein, heißt für die Abschaffung aller Vorrechte wirken und Gleichheit auf dem ökonomischen und politischen Gebiet einführen, dahin streben, daß die alte verhaßte Grenze zwischen arm und reich, Untergebenen und Herren aufgehoben wird, sodaß es nur eine Klasse gibt, die sowohl die Pflicht als auch die Möglichkeit hat, zu arbeiten, und die niemand anderes sün sich arbeiten lassen und Gewinn daraus ziehen kann. Sozialist sein, heißt keineswegs bloß den Triumph einer bestimmten Partet vorbereiten, einen bestimmten Teil des Volkes einfach zur Macht bringen. Nein, es heißt arbeiten für eine Gesellschaftsordnung, in der alle aktiven Kräfte harmonisch verbunden werden und zu aller Nutzen zusammenwirken sollen. Das gilt für die Kinder eines Landes wie für die ver⸗ schiedenen Nationen. Frieden soll an die Stelle des Krieges treten, gegenseitige Dienste und Sympathie an die Stelle streitenden Eigenwillens und die Solidarität der Interessen an die Stelle der Zügellosigkeit der Selbstsucht. „Sozialist sein, heißt die Bedeutung der Organisation für die Menschheit selbst wie für ber Alten. Den von verschiedenen Seiten Eigentum eine Grundlage und eine Sicherung für jedes Elnzelwesen bedeutet, nur noch der Weg offen steht, jeden Einzelnen zum Eigentums⸗ besitzer zu machen und ihm seinen Reichtum zu sichern, indem man den gemeinsamen Reichtum schafft. Jeder einzelne Gesellschaftsbürger muß in Zukunft als Aktienbesitzer eines ape Ver⸗ eins betrachtet werden, in dem sein Beitrag sein guter Wille, seine Fähigkeit, seine Anstreng⸗ ung ist und welchen Vereins Gesamtgewinn nach gerechten Grundsätzen auf die Einzelnen verteilt wird, die bemüht waren, ihn zu schaffen. Sozialist sein, das heißt verlangen, daß die Freiheit durch die Organtsation mehr und mehr zur Wirklichkeit werden soll, die Freiheit, welche allen gleichen Zutritt zur Bildung und zu einer Lebensstellung gibt, eine Organisation, die im privaten wie im öffentlichen Leben der eigentums⸗ besitzenden Herrengewalt gegenüber den Eigen⸗ tumslosen ein Ende macht, welche die Macht von Menschen über Menschen verringert und welche uns zu einem Zustand führt, indem jeder das tun will, was er tun muß, ohne Zwang, ohne andere Herren als Gewissen und Vernunft. Sozialist sein, daß heißt daran glauben, daß dieses große Umbildungswerk hier auf Erden durchgeführt werden kann, daß es im Einklang steht mit dem Streben jedes edlen Herzens und der gesunden Einsicht und daß es übereinstimmt mit den Ergebnissen der Wissen⸗ schaft, sowie mit der Richtung der geschichtlichen Entwickelung. Aber der ist kein Sozialist, welcher bei einem stillen Zugeständnis stehen, einer stillen Hoffnung, einem trägen und toten Glauben stegen bleibt. Der Scozialist ist zu erkennen an Wort und Tat, er arbeitet ohne Furcht, ohne Schwanken daran, alle großen Fragen der Zeit umzuge⸗ stalten, unsere Gewohnheiten und Bräuche, die Gedanken und Einrichtungen, die Moral und die Kunst, die Familie und die Werkstatt. Mit einem Wort: Sozialist sein, das heißt arbeiten für eine Welt, welche angepaßt ist der neuen Ordnung der Produktion und den Gleich⸗ heitsgrundsätzen der Demokratie, für eine Welt, die niemals vollkommen und fertig wird, sondern immer noch Platz für etwas Besseres hat. Eine Welt, in der man sagen kann, daß die Freiheit und die Solidarität sich frei entwickeln können, daß Reichtum der Gesamtheit und Gewinn des Einzelnen, daß Licht und die Moralität, die Gerechtigkeit und das Glück für jeden Menschen vorhanden sind. Diese treffenden Ausführungen sind dem Blatte des alten französischen Sozialisten Benoit Malon entnommen und stammen aus der Feder Georges Renard. —— Landarbeiter Oberhessens! Mit dem Oktober ist die schwere Zeit des Jahres für euch zu Ende, die schwere Zeit, in der ihr an manchem heißen Tage wie das Vieh vom frühsten Morgendämmern bis in die Nacht hinein euch habt plagen und abhetzen müssen. Und doch, wenn die Zeit auch schwer war, sie hatte doch das Gute, daß es Arbeit und Lohn gab. Nun kommt der Winter mit seiner Not und Kälte. Besorgt müßt ihr nach anderem Verdienst euch umsehen. Und wie mancher von die Gesellschaft verstehen, daß, wenn wirkliches euch muß da mit wenuigem sich begnügen, muß ————ĩů—ůͤ— .— —— — 1 —— —— ——ů———: Seite 2. Mittoldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 40. Ach sein, wenigstens einen Teil seiner Zeit in Arbeit zu kommen. Und viele von euch werden sich nur mit Mühe durchhelfen können oder gar Schulden auflaufen lassen müssen, durch die sie im nächsten Jahr von vorn herein gedrückt und behindert sind. So habt ihr die eine schwere Zeit hinter euch, nur um in eine noch schwerere hineinzugehen. Gewiß gibt es viele Leute, die mit euch fühlen, die euch von Herzen gern helfen möchten. Aber was kann ein Einzelner gegen die allge⸗ meine Not, die in unsern ganzen bestehenden Gesellschaftsverhältnissen begründet ist? Der Einzelne kann da nichts, er ist ohnmächtig dieser Uebermacht gegenüber. Aber es gibt eine Macht, die stärker ist als alle gegebenen Verhältnisse, eine Macht, die alle Fortschritte in der Welt errungen hat und in Zukunft erringen wird. Und diese Macht, das sind die vielen Einzelnen, wenn ste sich zusammenschließen, wenn sie dem Heer der Satten und Zufriedenen ein größeres Und stärkeres Heer der Unterdrückten und Unbe⸗ rücksichtigten gegenüberstellen. Sagt, haben darüber schon einmal alle von euch nachgedacht? Habt ihr darüder schon ein⸗ mal mit einander gesprochen? Habt ihr schon andere Zeitungen gelesen, als die„Kreisblätter“ und„Generalanzeiger“? Nein, fast gar nichts habt ihr bis jetzt getan, als höchstens einmal über eure menschenunwürdige Lage gestöhnt und geschimpft. Damit allein aber ist gar nichts geholfen. Ihr habt noch viel zu wenig politisches Interesse, und wer sich darüber 11. und den Nutzen davon hat, das sind eben te Herren, die euch ausnutzen und schinden. Da ist in einem Buche über die oberhesstsche Landwirtschaft(Dr. Eugen Katz, 1904) ein Bericht aus Rodheim abgedruckt, in dem es heißt:„Der Landarbeiter hat zum Lesen gar keine Muße. Die Besitzlosen sind viel zu elend und entnervt, um sich für eine Idee zu be⸗ geistern.“ Und ein anderer Berichterstatter sagt: „Die Leute sind geistig zu beschränkt, um sozi⸗ alistische Gedanken aufnehmen zu können, und das ist gut so“!! Sagt, Landarbeiter, findet ihr das selbst wirklich auch gut so? Seid ihr selbst damit einverstanden, daß man eure Kräfte so bis zum Aeußersten ausnutzt, daß in euern müden Köpfen überhaupt kein Gedanke mehr Platz hat? Daß man euch so mit äußerer Gewalt abhält, über die Wege nachzudenken, die es auch für euch zur Besserung eurer Lage vielleicht geben könnte? Nein, das darf doch nicht sein, so völlig dürft ihr doch nicht ver⸗ gessen, daß ihr auch Menschen seid und keine Arbeitstiere. Und so ein halbes Stündchen das findet auch der Geplagteste von euch immer einmal, um einen Blick in solche Zeitungen zu tun, die es ehrlich mit den arbeitenden Schichten des Volkes meinen, und es wird euch wohltun, wenn ihr so ein Blatt lest, das auch euch aus dem Herzen spricht, das sich um eure Not kümmert, das rücksichtslos auch den Großen und Besitzenden, denen gegenüber ihr so wehrlos seid, die Wahrheit sagt. Lest nur zuweilen einmal die„Mitteldeutsche Sonntags- Zeitung“, kümmert euch einmal ein wenig um die so viel geschmähte und verleumdete Sozialdemokratie, die freilich jedem zufriedenen und selbstsüchtigen Spießbürger oder gar Grafen und Baronen ein Dorn im Auge sein muß, die euch aber in den Sonnenschein einer besseren Zukunft führen möchte. Das kann sie freilich nur, wenn ihr selbst so verständig seid, das auch zu wollen, wenn ihr zu uns übertretet in Scharen, wenn ihr uns helft, die 3 Millionen Stimmen, die wir bei der letzten Reichstags⸗ wahl schon errungen haben, zu vermehren und zu verdoppeln. Denn wir sind eine echte Volkspartei, die keine Macht hat und haben will, als nur die Masse des Volkes, zu der ihr auch gehört. Und je mehr von euch zu uns kommen, umso besser können wir auch für euch Fortschritte der Gesetzgebung erkämpfen, je eher ihr kommt, umso eher kann euch geholfen werden. Oder wollt ihr warten, bis eure Herren euch aus Gnade und christlicher Barmherzigkeit aus eurem Elend helfen? Dieselben Herren, die euch das Recht des Zusammenschlusses, das Koalitionsrecht um keinen Preis geben wollen, während sie selbst im„Bunde der Landwirte“ doch so kräftig für ihre eigenen Zwecke Radau zu schlagen wissen? Dieselben Herren, die die Hütekinder aus der Schule lassen und Knechte und Mägde in einen Schlafraum zusammen legen, um dann große Phrasen über die ent⸗ stttlichende Wirkung des Stadtlebens zu machen? Dieselben Herren, die durch ihre Fidetkommiß⸗ wirtschaft die Bodenpreise in die Höhe schrauben, den kleinen Bauern unmöglich machen zu Land zu kommen und dem Arbeiter in kleinen Ge⸗ meinden keinen Baugrund finden lassen? Und dann denkt an das schöne Kontraktbruch⸗ gesetz, das eben in Preußen durchgedrückt werden soll. Danach soll der Arbeiter, auch wenn er aus noch so triftigem Grunde sein Arbeits verhältnis bei einem junkerlichen Herrn verläßt, bei keinem andern mehr Arbeit finden dürfen. Und wie sehen dann oft diese Verträge aus, die mit euch geschlossen werden! Und in Hessen ebenso wie in Preußen! Was habt ihr danach für Rechte? Gar keine! Der Arbeit⸗ geber dagegen kann euch zu jeder beliebigen Stunde auf die Straße setzen und auch wo⸗ möglich noch einen Teil des rechtmäßig ver⸗ dienten Lohnes dabei zurückbehalten. Da wird aus dem Kreise Lauterbach sogar ein Ver⸗ trag genannt, in dem deutschen Arbeiterinnen vorgeschrieben wird, in Streitfällen mit dem Arbeitgeber dürften sie sich nicht an's Gericht wenden! Eine solche Bestimmung ist natürlich Unsinn und niemals gültig. Aber ihr seht, für wie dumm man euch hält und wie man eure Dummheit auszubeuten bereit ist. Da ist Aufklärung not, Landarbeiter, ihr müßt nachdenken lernen, damit ihr euch selbst helfen lernt. Und Aufklärung möchten wir euch bringen und möchten euch helfen, so⸗ bald ihr euch nur ein wenig regt nach dieser Hilfe. Einen andern Ausweg aber für euch gibt es gar nicht. Denn mit dem bloßen Ab⸗ warten und Dulden erreicht niemals einer auch nur das Geringste. Drum kommt, unterstützt uns, tretet in die Reihen unseres Millionen heeres, da findet ihr Waffen und Mittel, die auch euch aus eurer Not vorwärts helfen. Vorwärts! Vorwärts! 9 Politische Rundschau. Gießen, den 29. September 1904. Die Internationale. Der 28. September war ein richtiger Ge⸗ denktag für die Arbeiterklasse. Vor vier Jahr⸗ zehnten wurde an diesem Tage in St. Martins Hall zu London die Internattonale Arbeiter-Assoziatton geboren. Die Grün⸗ dung war eine Tat, die in derGeschichte zählt: in der Geschichte der Kultur ganz allgemein und der Arbeiterklasse ganz im besonderen. Karl Marx war das schöpferische Genie, das den Sozialismus zur Wissenschaft erhob, er war der Geber des Kommunistischen Mani⸗ festes, und er war der Kopf der Internationale. Daß sein wissenschaftlicher Wille durchdrang, das hat der Internationalen Arbetter⸗Assoziation ihre geschichtliche Bedeutung gegeben, und so ist das Bedenken, daß wir einem Fundament⸗ bauwerk proletarischer Klassenkampforganisation schuldig sind, zugleich ein Gedenken an eine der Lebensgroßtaten, durch die unser geistgewaltiger Kämpfer Marx sich die unverlöschliche Dank⸗ barkeit der Proletarier aller Zungen erworben hat. In Deutschland vollzog der Nürn⸗ berger Arbeitervereinstag 1868 mit dem Ueber⸗ tritt zur Sozialdemokratie die Annahme des Programms zur Internattonale. Die deutsch⸗ österreichische Sozialdemokratie hielt vergangene Woche ihren Parteitag in Salzburg ab. Er wurde vom Genossen v. Vollmar im Namen der Sozialdemokraten Deutschlands begrüßt. Er sagte:„Wenn auch durch die Politik der Herrschenden unsere Länder von einander getrennt wurden, sind wir doch ein Volk gemeinsamen Denkens und Fühlens.! denen das eine noch nicht einmal 14 Jahre Manchmal bleibe Deutschland hinter Oesterreich zurück. Während er hier frei und offen sprechen dürfe, habe man in Deutschland den Schimpf erleben müssen, daß Pernerstorffer, der meinte, in Deutschland freiere Luft atmen zu können, das Gegenteil erfahren habe. Noch trauriger sei es, daß sich eine süddeutsche Regierung fand, welche Preußen Schergendienste leistete. Aus dem herrlichen Kriegsheere. In der letzten Zeit sind wieder recht zahl⸗ reiche Soldatenschindereien der gemeinsten Art vorgekommen, welche beweisen, was für ein System zur„Erziehung“ des jungen Deutsch⸗ land angewendet wird. So hatte sich vorige Woche der Unteroffizier Warschau vom 14. Fußartillerieregiment vor dem Kriegsgerichte in Straßburg zu verant⸗ worten. Es handelt sich um nicht weniger als 290 Fälle von Soldatenmißhandlungen. Zu den krassesten Vorkommnissen gehört der Befehl des Unteroffiziers an Rekruten seiner Korporal⸗ schaft, den Spucknapf auszutrinken. Einer seiner Leute, der einen Heringskopf be⸗ reits in den Kohleneimer geworfen hatte, sollte ihn von dort wieder aufheben und verspeisen. Der Mann weigerte sich, allein der Unteroffizier zwang ihn, den Mund zu öffnen, den aus dem Kohleneimer heraufgeholten Heringskopf zu kauen und dann hinunterzuschlucken, und ähn⸗ liches mehr. Den Rekruten Grimm ließ er mehrmals vor seinem Bette knien und ein Gebet hersagen, das folgendermaßen begann:„O Herr, ich bin ein Duseltier, mach ein gescheites Mensch aus mir“, und mit den Worten schloß:„Wer nie sein Brot mit Tränen aß, wer nie die kummervollen Nächte an seinem Bette weinend saß, der kennt euch nicht, ihr militärischen Mächte“. Warschau wurde zu 18 Monaten Gefängnis und Degradation verurteilt. Wegen Mißhandlung von Untergebenen in 5 Fällen wurde ferner der Kapellmeister Henckel von dem in Stade garnisonierenden Füsilierbataillon Nr. 76 seitens des Kriegs⸗ gerichts zu 3 Wochen Gefängnis verurteilt. Der Angeklagte pflegte die Leute mit den Füßen in die Kniekehlen zu treten. Um einen weiteren Fall von Rekruten⸗„Er⸗ ziehung“ nach bekannten Mustern handelte es sich am Montag bei einer Verhandlung vor dem Mainzer Kriegsgericht. Der Unteroffizier Göhrmann vom Fuß⸗Artillerie⸗Regt. Nr. 3 hatte sich wegen Mißhandlung und vorschrifts⸗ widriger Behandlung Untergebener zu verant⸗ worten. Im Ganzen wurden ihm 45 bis 50 einzelne Fälle zur Last gelegt, in denen er Rekruten an der Kehle faßte und wider die Spinde warf, mit der Faust den Leuten auf die Köpfe schlug und ihnen in das Genick stieß. Auch mit Fußtritten war der Angeklagte sehr freigebig, selbst außer der Zeit zog er die Rekruten zum Stubendienst ꝛc. heran. Aus der Beweisaufnahme war zu ent⸗ nehmen, daß die ganze Korporalschaft unter dieser„Erziehungsmethode“ des Angeklagten litt. Das Gericht verurteilte den Angeklagten wegen fortgesetzter Mißhandlung Untergebener und einer vorschriftswidrigen Behandlung zu 2 Monaten Gefängnis. In der Begrün⸗ dung des Urteils wird gesagt, daß der Ange⸗ klagte seine Erziehungsmethode bei jedem gering⸗ fügigen Anlasse zur Anwendung gebracht. Mildernd falle die„Geringfügigkeit“ der Miß⸗ handlungen ins Gewicht. Eine Statistik über die Soldatenschinde⸗ reien, verzeichnet von Ende Juni bis Ende September d. J. 42 gerichtliche Aburteilungen. An Strafen wurden ausgesprochen 1 Jahre Zuchthaus, 9 Jahre 5 Monate 15 Tage Ge⸗ fängnis, 9 Monate mittlerer Arrest c., 8 De⸗ gradationen, 1 Versetzung in die 2. Klasse des Soldatenstandes, 1 Ausstoßung aus dem Heere. Der Freiheitsentzug beträgt im Ganzen 12 Jahre 3 Monate 15 Tage. * 1 Die Sittlichkeit in der Kaserne wird durch ein Vorkommnis illustriert, das sich in der Kaserne des 83. Infanterie⸗Regiments in Cassel abspielte. Drei junge Mädchen, von 6050 Krei 2 abga . 40. 7. fert lugen Scinhf meinte, können, auriger 0 fand, re. t ahl⸗ 11 2 für en Deutsch vofftzer iet bor betant⸗ iger 90 ell. Zu Befehl poral⸗ inken. e, sollte eisen. coffzier us dem dpf zu id ähl⸗ ließ er u Gebet O herr, Nensch „Wer nie die weinend tärischen hnaten alt. enen in meister jerenden Kliegs⸗ rurtellt. üßen teu⸗Er⸗ delte es ing bor offiz. , N. 3 chris heran bis 50 denen er der die denten in Das en Ua lber bu dienst z. 5 zu ell⸗ 1 ft unte lac geklagt gebelel semiten keine eigene Kandidaten aufstellen. Ueber⸗ strengen Arreststrafen verurteilt. Wetzlarer Kreises noch seine Ecken haben.— dag behandelte man verschiedene„Nöte“: Einzel- n ür schwere Nöte. 3—— e e, Trunksucht, Unzucht, Hab Nr. 40. Mitteldentsche Sonutaas-geitung · Seite&. alt war, erlangten Einlaß in die Kaserne und herbergten mehrere Nächte darin. Was sich dabei ereignete, kann man sich leicht denken. An dem fkandalösen Treiben hatte sich auch ein Unteroffizier beteiligt. Wer weiß, wie lange sich dies Treiben noch fortgesetzt hätte, wenn nicht die Eltern des 14 jährigen Mädchens aus Angst und Sorge über dessen Verschwinden Nachfragen über den Verbleib angestellt hätten. Man erwischte sie endlich in der Nähe der Infanterte⸗Kaserne. Die Soldaten 1 5 zu — Ein ähn⸗ licher Fall kam bekanntlich vor Kurzem 15 Mainz zur gerichtlichen Verhandlung. * Sechs Jahre Zuchthaus! Zu dieser unerhört hohen Strafe wurde von dem Mainzer Kriegsgericht der Arbeitssoldat Josef Mathern wegen Fahnenflucht verurteilt. Wegen dieses Vergehens ist der Angeklagte schon wiederholt vorbestraft und die Umstände seiner verschiedenen Fluchtversuche sprechen, wie unser Mainzer Parteiblatt bemerkt, ganz entschieden für eine geistige Anormalität und für die Forderung einer irrenärztlichen Beobachtung, um einwands⸗ frei festzustellen, wie weit der Unglückliche für seine Vergehen strafrechtlich verantwortlich ge⸗ macht werden kann. Das barbarische Urteil, das von einem bürgerlichen Gericht nie und nimmer ohne eine vorherige Beobachtung auf den Geisteszustand verhängt worden wäre, wird hoffentlich wieder einmal der breiten Oeffent⸗ lichkeit die Notwendigkeit der Beseittigung des Militärstrafgesetzbuches beweisen. Wenig vornehme Gesinnung legte ein Träger des„vornehmsten Rockes“ in einer Affaire an den Tag, die kürzlich vor dem Schwurgericht in Augsbur g verhandelt wurde. Wegen Verbrechens des Kindesmordes saß das 20 Jahre alte Dienstmädchen Wolf von Neu⸗ burg a. D. auf der Anklagebank. Das Mäd- chen stand im Hause des Herrn Forstkandidaten und Reserveoffiziers Hermann Lang in Aschaffenburg im Dienst, wurde von diesem verführt und als das„Verhältnis“ Folgen hatte, ließ der Herr Reserveoffizier das Mädchen im Stich, was diesem Anlaß gab, das Kind nach der Geburt zu töten. Das junge Ding wurde zu 3 Jahren 2 Monaten Gefängnis verurteilt. Der Herr Vater des getöteten Kindes war zwar zur Verhandlung geladen, konnte aber, da zur Zeit im Manöver, nicht aufge⸗ funden(2) werden. Wenn er auch das arme Mädchen in's tiefste Unglück gestürzt hat, läuft er doch als„hochangesehen“ in den besten Kreisen herum. Nahrungsmittel der Aermsten verteuert. Der Stadtrat in Gera hat eine Eingangs⸗ abgabe auf Heringe eingeführt, einem Haußt⸗ nahrungsmittel der meisten thüringischen Arbeiterfamilien. Für Heringe sind jetzt nach einem Stadtratsbeschluß 30 Pfg. per Eimer für ein größeres Gefäß 50 Pfg. Eingangsab⸗ gabe an der beim Eingange zuerst berührten Hebestelle zu entrichten. Daß er mit diesem Zoll die Aermsten in einer ganz unverant⸗ wortlichen Art besteuert, scheint dem Stadtrat von Gera keine Kopfschmerzen zu machen. Die Stöckerei telt dieser Tage in Frankfurt⸗Sachsenhausen . 5 1 75 ab. Dr. Burckhardt⸗Godesberg erstattete den Tätigkeitsbericht. Zum Vorsitzen⸗ den wurde Stöcker wiedergewählt und beschlossen, den nächsten Parteitag in Essen abzuhalten. Den Wahlkreis Wetzlar wollen die Stöckerianer bei der nächsten Wahl unbedingt erobern und deshalb sollen die Konservativen und die Anti⸗ mäßig bescheiden ist also Burckhardt gerade boch d wohl mit der Eroberung des In einer öffentlichen Versammlung am Diens⸗ iltennot, Volksnot und wer weiß was 5 Stöcker führte dazu sucht und ⸗Genußsucht hätten so die Herrschaft an sich gerissen, daß man auch von einer Volks⸗ not sprechen könne. Moralischer Schmutz ver⸗ giste die Jugend. Mag stimmen. Wo das aber der Fall, trägt das Pfaffentum sein gerüttelt Maß voll Schuld daran. Sozialistischer Wahlsieg in Oesterreich. Bei den Landtagswahlen in Steiermark haben unsere Parteigenossen gute Erfolge erzielt. In der Stadt Graz stegte der frühere Reichs⸗ ratsabgeordnete Resel und in Leoben gelangte Genosse Dr. Schacherl in eine aussichtsvolle Stichwahl. Die sozialdemokratischen Stimmen zeigten fast überall Zunahme, teilweise recht bedeutende. Nussisch⸗japanischer Krieg. Aus der Mandschurei sind nach den vorliegen⸗ den Nachrichten besondere Veränderungen nicht zu be⸗ richten. Die japanische Armee, die 300000 Mann stark sein soll, gruppiert sich bei Mukden in Hufeisenform nach drei Richtungen.— Im allgemeinen befinden sich die Streitkräfte der Japaner zwei Tagemärsche von Mukden. Es ist bemerkenswert, daß die japanische Reiterei, die im Anfang des Feldzuges stets sehr vorsichtig und immer mit Infanterie zusammen operierte, plötzlich die Taktik geändert hat und unabhängig vorgeht. Die Japaner eroberten die Bergwerke von Jentai, doch waren die Maschinen zerstört. Vor Port Arthur soll der letzte Angriff der Japaner zurückgeschlagen worden sein. Die Japaner hätten ungeheure Verluste erlitten. Doch haben sie in den Tagen vom 19.— 21. September wichtige Stellungen erobert. Einige Meldungen bezeichnen die Lage Port Arthurs als hoffnungslos. Soziales, Gewerkschastliches, Arbeiterbewegung. Das Vermögen der Gewerkschaften ist in den letzten Jahren mit der Zunahme der Mitglieder selbst bedeutend gewachsen. Die Abrechnung vom 1. Quartal des Holzarbeiter⸗ Verbandes weist bei einem Mitgliederstande von 87650 einen Kassenbestand von 968 379 Mark auf, der jetzt weit über eine Million ge⸗ stiegen ist. Der Kassenbestand stieg um 160000 Mark im letzten Vierteljahre; die Zahl der Mitglieder um 5000. Dieses gewaltige Wachstum zeigen fast ausnahmslos alle unsere Gewerkschaften. So hat die Berliner Zahlstelle des Deutschen Metallarbeiter⸗Verbandes durch die kürzliche Aussperrung der Former allein über 3000 Mitglieder gewonnen. Die Zeiten, in denen dem deutschen Arbeiter die Mitglieder⸗ zahl und der Kassenbestand der englischen Ge⸗ werkschaften als Beispiele vorgeführt wurden, sind heute vorbei. Es gibt in Deutschland fast keinen Beruf mehr, in dem nicht die Gewerk⸗ schaft ein gewichtiges Wort mitzusprechen hätte. Einigung im Bremer Tischlerstreik. Der Holzarbeiterverband hat eine Einigung zwischen den streikenden Tischlern in Bremen und ihren Arbeitgebern erzielt. Auf Grund derselben erhalten die Arbeiter eine Lohnerhöhung. — Auch die Beilegung der Differenzen im Maurergewerbe steht nahe bevor. 72 ̃²˙ 1111 Von Nah und Lern. Hessisches. —. Die Kriegsbriefe des Generals Kretschmann vor Gericht. Der oft ver⸗ tagte Prozeß gegen die„Mainzer Volkszeitung“ wegen Veröffentlichung der Kretschmann⸗Briefe kam am Montag endlich zur Verhandlung vor der Mainzer Strafkammer. Als Angeklagter erschten der Geschäftsleiter Döller, welcher durch die Veröffentlichung den Oberstleutnant a. D. Balser und den Major a. D. Mickel, beide 1870 Angehörige der hessischen Diviston, beleidigt haben soll. Der Angeklagte erklärte, daß ihm eine Beleidigung der beiden Herren, die er garnicht kenne, vollständig ferngelegen habe. Die„Volkszeitung“ habe wie andere veröffentlicht. Mit Rücksicht auf die Autorität des Generals hätten sie die Briefe für wahr ee Da sich aber die Unrichtigkeit der riefe in Bezug auf die zweite Kompagnie des hessischen Jägerbataillons herausgestellt und die Hessen sich in Sens durchaus korrekt verhalten haben, hätte die Zeitung sofort eine berich⸗ tigende Erklärung abgegeben. Als erster Zeuge wurde Oberstleutnant a. D. Balser vernommen, der über den Aufenthalt der zweiten Kompagnie des hessischen Gardejägerbataillons beim Durch⸗ marsch und auf der Rückkunft in Sens ein⸗ gehend Auskunft gab. Danach hätten sich die Hessen nur korrekt benommen. Major a. D. Mickel teilte mit, daß die zweite Kompagnie des hessischen Jägerbataillons am 12. Novem⸗ ber 1870 in Sens im Quartier gelegen habe. Es seien keinerlei Ausschreitungen vorgekommen, im Gegenteil der Bürgermeister habe ihm gegen⸗ über seine Anerkennung über das Verhalten der Hessen ausgesprochen. Der Staatsanwalt hält die Veröffentlichung der Kretschmannbriefe für sehr bedauerlich, es habe sich um eine Tendenz⸗ schrift gehandelt. Der Krieg sollte als Greuel dargestellt werden. Die Gelegenheit sollle be⸗ nutzt werden, der deutschen Armee eines anzu⸗ hängen. Die Briefe Kretschmanns über das Verhalten der Hessen in Sens stellten eine Leicht⸗ fertigkeit über alle Maßen dar. Dieser Vor⸗ wurf könne dem General nicht erspart werden. Es treffe Frau Lilly Braun wegen der Ver⸗ öffentlichung der größte Vorwurf. Er bean⸗ trage gegen den Angeklagten 300 Mk. Geld⸗ strafe und Urteilspublikation. Der Verteidiger erinnerte an die Veröffentlichung von Er⸗ innerungen großer Staatsmänner wie Bismarck, von Stosch, und an die hlstorische Depesche von Ems. Unbefangene Leser der Briefe urteilten anders über die Briefe Kretschmanns als der Staatsanwalt. Der Verteidiger bestritt im üb⸗ rigen die Aktivlegitimation der Antragsteller und beantragte Freisprechung. Das Gericht erkannte dahin, daß der Strafantrag von den dazu be⸗ fugten Personen gestellt sei. Der Angeklagte wurde zu 100 Mark Geldstrafe und Publi⸗ ketion in drei Zeitungen verurteilt. So wäre auch diese Sünde gesühnt! — Herr Landtagsabgeordneter Weidner, der sich„christlich⸗sozial“ nennt, hat in seinem Heimatsorte Herchenh ain, dem er beinahe drei Jahrzehnte als Bürgermeister vorstand, eine schwere Niederlage erlitten. Bei der vorige Woche dort stattgefundenen Bürgermeisterwahl bekam er nicht eine einzige Stimme, sondern sein Gegenkandidat, Landwirt Komp wurde mit 65 Stimmen gewählt. Und was Herrn Weidner noch besonders grämen mag, tatsächlich auch tief blicken läßt, war, daß dieses Resultat im ganzen Orte mit ungeheurem Jubel begrüßt und gefeiert wurde. Wie wir hören, sind es nicht besonders saubere Dinge, welche dieses unzweideutige Mißtrauensvotum zeitigten und sie werden wohl noch später Gegenstand der öffentlichen Erröterung sein. — Gemeindewahlen. Einen recht erfreulichen Erfolg brachte unserer Partei die am Samstag stattgefundene Gemeinderats⸗ wahl in Urberach. Hier herrschte bisher das Zentrum im Gemeinderat, jetzt ist es aber unsern Genossen gelungen, sich die ihnen gebührende Vertretung zu erkämpfen. Von den vier zu wähleuden Gemeinderäten wurden drei unserer Genossen gewählt und zwar Valentin Braun mit 189, Karl Georg Rink mit 179 und Martin Schwab mit 175 Stimmen. Dieser Erfolg wird die Genossen ermutigen, auf dem betretenen Wege fortzuschreiten in ihrer Aufelärungsarbeit. Gießener Angelegenheiten. — Berichtigung. Der Druckfehlerteufel hat uns in dem Artikel„Volksschule und Religion“ der vorigen Nummer einen Streich gespielt. Dort muß es auf der zweiten Seite in der dritten Spalte Zeile 7 von oben statt„Faust“ Kunst heißen, was unsere werten Leser gefl. zur Notiz nehmen wollen.— Daß übrigens jede Zeitung unter solchen„Teufeleien“ zu leiden hat, ist bekannt genug. So passterte erst dieser Tage dem„Wiesbadener Volksblatt“, Zeitungen die Briefe des Generals Kretschmann einem Organ des Zentrums, in seiner Nr. 209 folgender arge Schnttzer. Es war da zu lesen: Mitteldentsche Sountags⸗ Zeitung. Nr. 40. „Mit Jnteresse verfolgen wir die antikatho⸗ lische Bewegung, der wir den besten Erfolg wünschen.“ Was für Augen mögen die gläubigen Leser des frommen Blattes ob dieses Bekennt⸗ nisses gemacht haben! Die weiteren Aus- führungen lassen aber erkennen, daß ein schauer⸗ licher Druckfehler vorliegt und es antialko⸗ holisch statt antikatholisch heißen muß. „Der Arbeiter, der statt eines Arbeiterblattes ein Organ der Arbeiter⸗ feinde hält, begeht einen geistigen Selbst⸗ mord, ein Verbrechen an seinen Brüdern, einen Verrat an seiner Klasse. Die Presse ist heute das wirksamste Mittel der Knechtung. Bemächtigen wir uns dieses Hebels und die Presse wird das wirk⸗ samste Mittel der Befreiung sein“. Diese Worte richtete unser alter Lieb⸗ knecht an die deutsche Arbeiterschaft. Möge sie jeder beherzigen! Parteigenossen, Ar⸗ beiter! Kein Kreisblatt, kein sogenanntes unparteiisches tritt für eure Interessen und eure Rechte ein, das tut einzig nur die sozialdemokratische Presse! Des⸗ halb ist es eure Pflicht, dieselbe zu unter⸗ stützen und ihr die nötige Verbreitung zu verschaffen. Besonders jetzt, beim Beginne des Winterhalbjahres, müssen sich unsere Freunde die Werbung neuer Abonnenten für die„Mittel deutsche Sonntags— zeitung“ besonders angelegen sein lassen! — Das Schwurgericht der Provinz O berhessen trat am Montag zur diesjährigen vierten Session unter Vorsitz des Landgerichts⸗ rats Schmidt zusammen. Es liegen sechs Fälle vor, deren Verhandlung die ganze Woche in Anspruch nimmt. Montag wurde gegen den Steinarbeiter Joh. Koch aus Rüddingshausen wegen Tot⸗ schlags verhandelt. Dieser Fall charakterestert sich als eine Folge des Alkoholismus. Der An⸗ geklagte arbeitete mit dem Hch. Koch zusammen in einem Steinbruch bei Nordeck. Am 6. Juli hatten beide der Schnapsflasche während der Arbeit außerordentlich zugesprochen und von einem am Morgen zugelegten Liter war noch ein Rest übrig, der mit auf dem Nachhauseweg genommen wurde. Darüber gerieten Beide in Streit und Tätlichkeiten. Der Angeklagte Joh. Koch schlug hierbei den andern nieder und stach ihm zweimal in den Hals, was den Tod des Verletzten zur Folge hatte. Der Oberstaats⸗ anwalt wies in seinem Plaidoyer auf die un⸗ heilvollen Folgen des übermäßigen Alkohol⸗ genusses hin und trat für die Anttalkohol⸗ Bewegung ein. Der Angeklagte wurde der Körperverletzung mit tötlichem Ausgange schuldig gesprochen und zu 3 Jahren 9 Monaten Gefängnis verurteilt. Der Eberstädter Kindesmord kam am Mittwoch zur Verhandlung. Als Angeklagte erscheint die ledige Mina Gör⸗ lach aus Eberstadt, 26 Jahre alt. Der Tatbestand ist vor einiger Zeit in unserm Blatte bereits dargelegt worden, denn be— kanntlich hatte die Verhaftung und Unter⸗ suchung der Görlach den Landtagsabgeord— neten Köhler zu seiner Interpellation ver⸗ anlaßt, die ein Strafverfahren gegen ihn und den Redakteur der„Hungener Land⸗ post“ nach sich zog.— Im April d. J. fand eine Frau auf einem Grabe des Eber— städter Friedhofes eine Kindesleiche. Die Untersuchung derselben ergab, daß es sich um ein neugeborenes Kind männlichen Ge⸗ schlechts handelte, das bei der Geburt ge⸗ lebt hatte und gewaltsam durch Schläge auf den Kopf getötet worden war. Die Mina Görlach wurde als die Mutter des geboren zu haben und stellte überhaupt jeden intimen Verkehr mit Männern in Abrede. Ihre Untersuchung in der Gießener Frauenklinik erwies das Gegenteil. Nun⸗ mehr legte sie ein Geständnis ab. Sie hatte es verstanden, ihre Schwangerschaft vollständig geheim zu halten, sogar ihre Eltern wußten nichts davon, und ebenso merkte Niemand etwas von der im März erfolgten Geburt. Das Kind tötete die Angeklagte dadurch, daß sie es mit dem Kopfe mehrmals auf die Kante der Bett⸗ stelle aufschlug. Bei der Verhandlung stellte sich heraus, daß sie mit dem Vater ihres Kindes, ihrem Verwandten Bender, schon seit Jahren geschlechtlich verkehrt hatte. Die Geschworenen sprachen die Angeklagte der Kindestötung schuldig, billigten ihr je⸗ doch mildernde Umstände zu, worauf das Gericht eine Gefängnisstrafe von 3 Jahren und 6 Monaten aussprach. Unter großem Andrange des Publikums kam am Freitag die Sache gegen den Hand⸗ lungsreisenden Hans Kehrein aus Gießen zur Verhandlung. Dieselbe dauerte bei Redaktionsschluß unseres Blattes noch fort. — Eine Begnadigung. Vor längerer Zeit war der evangelische Pfarrer Fertsch in Rendel von der Gießener Strafkammer wegen Unterschlagung im Amte zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt worden. Wie der Gieß. Anz. mitteilte, ist diese Strafe im Gnaden⸗ wege in eine Geldstrafe umgewandelt worden. Wir gönnen dem alten Manne den Erlaß der Strafe; bei manchen andern armen Teufel wäre eine Begnadigung aber auch am Platze. — Das Gießener Stadttheater eröffnet Dienstag, den 4. Oktober, die dies⸗ jährige Spielsaison. Zur Aufführung gelangt Ludwig Fulda's dramatisches Märchen:„Der Talismann“. Die Vorstellung wird durch einen Prolog eingeleitet. Nach dem von der Direktion bekannt gegebenen Spielplan sind eine große Anzahl neuerer Werke, sowie auch klassischer Stücke pe e — Der Handelshilfsarbeiter⸗Ver⸗ band hat vor kurzem hier eine Zahlstelle ge⸗ gründet. Allen in den einschlägigen Berufen Tätigen, wie Fuhrleuten, Kutschern, Haus⸗ burschen, Packern ꝛc. ist nur anzuraten, sich dem Verbande anzuschließen, damit endlich ein⸗ mal Besserung in den Lohn⸗ und Arbeitsver⸗ hältnissen dieser Berufe geschaffen werden. — Hartherziger Hausbesitzer. An⸗ wohner des Leihgesterner Weges waren kürzlich Zeuge eines Vorgangs, der die christliche Nächstenliebe des betreffenden Hausbesitzers trefflich illustriert. Der Fuhr⸗ werks⸗ und Hausbesitzer Appel war mit seinem Fuhr⸗ knecht Jeschke, der auch bei ihm im Hause zur Miete wohnte, in Differenzen geraten und hatte diesem die Wohnung gekündigt. Jedenfalls fand der Jeschke nicht sofort eine andere Wohnung und deshalb ließ ihn Appel heraussetzen. Nun hat der arme Teufel von Arbeiter 7 Kinder, davon lag eins krank im Bett und ein anderes ist erst 14 Tage alt! Die Kinder waren schutzlos dem Wetter preisgegeben, bis sich Nachbarsleute erbarmten. Die paar Möbelstücke, Betten 25, lagen im Regen. Herr Appel hätte doch wohl seiner Ehre nichts vergeben, wenn er etwas rücksichtsvoller vorgegangen wäre. Aus dem Rreise gießen. — Die Bezirks⸗Parteiversammlung in Wieseck, die am Sonntag stattfand, war von Wieseck selbst sehr schlec)t besucht, dagegen waren die Orte Trohe, Alten⸗Buseck und Rödgen verhältnismäßig besser ver⸗ treten. Genosse Seuling⸗Altenbuseck, Delegierter der vier Orte auf der Landeskonferenz erstatte über dieselbe Bericht. Die Versamm ung erklärte sich mit den Aus⸗ führungen Seulings, owie mit den Beschlüssen der Landeskonferenz einverstanden und versprach für die Ausführung derselben mit Energie wirken zu wollen. ch Wiesecker Wasserleitungsfragen. Zum Verdruß der Einwohnerschaft zieht sich die Fertigstellung unserer Wasserleitung recht fatal in die Länge. Aber nicht bloß dies gibt zu vielfachen und berechtigten Kritiken Anlaß, sondern noch verschiedene andere bei der Anlage vorgekommene Dinge und besonders die in Aussicht ge⸗ nommene Bemessung des Wassergeldes. Als man vor Kindes ermittelt. Sie leugnete anfangs, zwei Jahren auf die Quellensuche ging, entdeckte man die Quelle Flösserbrunnen, die täglich 216 Kubikmeter= 216 000 Liter Wasser liefert, mehr als genug für den Ortsverbrauch. Wenn man 250 Arbeiterfamilien und 250 Bauernfamilien annimmt und ersteren je 100 Elter, für letztere 500 Liter Wasser pro Tag zurechnet— reich⸗ lich genug, wenn der Verbrauch für das Vieh mit in⸗ begriffen ist— so ergiebt sich ein täglicher Gesamt⸗ wasserverbrauch von 150 Kubikmetern, es bleiben also noch 50 Kubikmeter für andere Zwecke übrig. Trotzdem suchte man nach weiteren Quellen und kaufte den Alten⸗ buseckern für gutes Geld Grundstücke ab, auf denen Wasser nicht zu finden ist, sonst hätten sie auch die Busecker schwerlich so bereitwilligst hergegeben. Unzu⸗ friedenheit herrscht aber, wie schon bemerkt, mit der Be⸗ messung des Wassergeldes, die gewissermaßen schätzungs⸗ weise, den Haushaltungen erfolgt und bewirkt, daß die größeren Verbraucher, also diejenigen, welche den größeren Viehbestand befitzen, die Wohlhabenderen, bil⸗ ligeres Wasser bekommen als die Arbeiterfamilien. (Die umfangreiche Berechnung, welche der Einsender bei⸗ fügte, können wir nicht zum Abdruck bringen; er be⸗ rechnet den Kubikmeter für den Min dest verbraucher zu 27 Pfg., mit größerem Verbrauch fällt der Preis auf 22, 8, 6 und 4 Pfg. D. Red.) Besser und gerechter ist es, wenn das Wassergeld je nach Verbrauch erhoben wird und darum sollten die Arbeiter für Einführung von Wassermessern eintreten. — Samstag Abend findet im„Gambrinus“ eine Bürgerversammlung statt, in der diese Frage weiter erörtert werden soll. — Zur Gemeindewahl in Ortenberg, die am 19. Sept. stattfand, und mit der Wahl dee drei bürgerlichen Kandidaten endigte, schreibt man uns: Ein recht laues Verhalten haben die hiesigen Arbeiter bei der Gemeinderatswahl gezeigt. Erstens war die Wahl⸗ beteiligung von ihrer Seite eine äußerst schwache und dann stimmten sie auch noch für ihre Gegner! Es sollte ihnen doch noch von der Reichstagswahl her in Er⸗ innerung sein, daß gerade diese drei für Kapitals⸗In⸗ teressen und gegen die Arbeiterpartei auftraten. Bei energischer Agitation wäre es der Arbeiterschaft sehr wohl möglich gewesen, einige Sitze zu erobern. Hier tut also die Aufklärung noch sehr nötig! h. Bei der Gemeinderatswahl in Blofeld errang unsere Partei einen erfreulichen Erfolg. Zwei unserer Genossen wurden mit 27 und 23 Stimmen ge⸗ wählt; 36 Wahlberechtigte beteiligten sich an der Wahl. Aus dem Rreise sriedberg⸗Büdingen. V. Eine Obstausstellung des Oberhessischen Obstbauvereins wurde am Donnerstag im Saalbau in Friedberg eröffnet. Kreisarzt Fey hieß als stellvertreten⸗ der Präsident die Vertreter des Ministeriums, Landes⸗ ökonomierat Müller⸗Darmstadt und Provinzialdirektor Breidert Gießen, sowie die übrigen Anwesenden will⸗ kommen. Die hiesige Ausstellung ist sehr gut beschickt und dauert bis zum 2. Oktober. Nach Beendigung derselben soll ein Teil des ausgestellten Obstes auf die Düsseldorfer Ausstellung gesandt werden. Aus dem Odenwald. S. Bei der Gemeinderatswahl in Neustadt i. O, die am 21. Sept. stattfand, haben unsere Genossen einen schönen Erfolg zu verzeichnen. Von unsern drei aufgestellten Kandidaten wurde Georg Scheidler II, Schneider, mit großer Stimmenmehrheit auf 9 Jahre gewählt, während die beiden andern Sitze der bürger⸗ lichen Partei zufielen. Letzteres wäre vielleicht zu ver⸗ hüten gewesen, wenn die Arbeiter zur Wahl nach Hause gefahren wären; obwohl die Wahlzeit ungünstig auf 12—3 Uhr festgesetzt war. Trotzdem können wir mit dem Resultat zufrieden sein, es war das erste Mal, daß wir eigene Kandidaten aufstellten und nur um 2 Stimmen blieben sie hinter den Gegnern zurück. Darum Genossen, fest zur Fahne gehalten! In drei Jahren müssen wir einen vollständigen Sieg erringen und außerdem wollen wir bei der Bürgermeisterwahl im Februar ein Wörtchen mitreden. Aus dem Rreise Wetzlar. * Herr Sanitätsrat Dr. Herr schickt uns auf die Notiz in vorletzter Nummer:„Im Wetzlarer Kranken⸗ hause“ eine längere Zuschrift, in der er bestreitet, in dem Falle irgendwie seine ärztlichen Pflichten versäumt zu haben. Am 4. August sei ihm von einem Unye⸗ kannten, nicht vom Krankenhaus, mitgeteilt worden, daß das Dienstmädchen in's Krankenhaus gebracht worden sei.„Als auf sofortige telephonische Anfrage mir von der Krankenschwester das Nähere über die Patientin mugeteilt wurde, verordnete ich, Ricinusöl bis zur Ab⸗ führwükung zu geben, Eisumschläge auf den Leib und die nötige Diät, bis ich anderen Morgens selbst käme. Die Verordnung wurde sofort ausgeführt! Etwas anderes kann und konnte in diesem Falle nicht geschehen. Abends 7 Uhr erschien in meiner Wohnung der Dach⸗ decker Schmidt und teilte mir mit, seine Tochter sei ohne sein Wissen mittags ins Krankenhaus gebracht —. 12 8 ür den lin 10 1 00 fte 755 del 3 A Gent. ben al Trotzdem en Alten, if denen 1 dle „ Umzu⸗ 1 bade Hegau. vit, daß dache den ten, bil⸗ rfamllien. endet bel⸗ 5 er be⸗ tauchet zu ptez uf sergab it ollen die eintreten. 15“ eine se Frage berg, die det drei ung: Ein ter bei der ie Wahl⸗ wache und Es sollte r in Er⸗ pitals⸗In⸗ aten. 8 ⸗ chast sehr Hier tut Blofeld Ag. Zwei immen ge⸗ det Wahl. gen. sehesischen aalbau in Ubertreten⸗ „ Landes, galdiuetor den wll⸗ ut beshsch Beendigung ts auf bie Neustabk“ 1 1 unsern dle übler I. f 9 Jahn, 1 der bürgt 1 t zu be 5 Hau, süustg 100 u vf ut ( Mal, bah 2 Stimme müsen 1. 7 nul n Pötihe Nr. 40. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. worden und liege dort ohne Pflege und ärztliche Hülfe. Als ich entgegnete, dies könne nicht richtig sein, da ich der Stationsschwester telephonisch die für den vorliegenden Fall nötigen und vorläufig einzig möglichen Verordnungen gegeben hätte, sagte er in gereiztem Ton:„Ja reiche Leute werden anders behandelt“ 2c. Hierauf entgegnete ich, daß ich keine Verpflichtung und Grund hätte, Abends nochmals in das Krankenhaus zu gehen, er möge sich gedulden bis zum anderen Morgen, wenn ich meine Visite, wie alltäglich, im Krankenhaus machte; sollte ihm das nicht genug sein, so stehe es ihm frei, seine Tochter wieder herauszuholen. Sch. tat dies unter Schimpfen und Beleidigungen gegen die Schwester⸗Oberin und mich.“ Die weitere Erklärung des Herrn Dr. Herr enthält Beleidigungen und wir bringen sie deshalb nicht zum Abdruck; was er darin sagt, ist auch im Wesentlichen im Vorstehenden enthalten. Wir werden nicht verfehlen, die Sache nochmals gründlich zu untersuchen und die festgestellten Tatsachen bekannt geben. o. Nus Krofdorf schreibt man uns: Hier werden bei einer Uebung der Pflichtfeuerwehr 30 Pfennige für den Mann aus der Gemeindekasse bezahlt. Bisher war es üblich, daß man diesen Betrag und noch etwas dazu gleich am Abend nach der Uebung in Bier umsetzte und zwar früher in der Wirtschaft des Gemeindevorstehers und nach dessen Rücktritt bei dem Schwiegersohn des neuen Vorstehers. Bei der letzten, im Juli stattge⸗ fundenen Uebung waren nun eine Anzahl der Feuer⸗ wehrleute nicht mit dem Vertrinken des Geldes einver⸗ standen, sondern verlangten ihre 30 Pfg. aus bezahlt. Das wurde ihnen zwar versprochen, einige haben auch schon quittiert, aber bekommen hat noch keiner etwas. Warum diese Schwierigkeiten wegen der paar Pfennige? Aus dem Rreise Dillenburg⸗-Herborn. Eine Volksversammlung findet diesen Sonntag(2. Oktbr.), nachmittags 4 Uhr in Haiger im Lokale Völkel Wwe., Obertor 2, statt. Stadt⸗ verordneter Dr. Quarck⸗Frankfurt spricht über das Thema:„Nieder mit den Sozialdemokraten“, Selbst⸗ verständlich hat Jedermann Zutritt und wird freie Diskussion zugesichert. V. Eine jammerliche Wahlbeteiligung war bei der neulichen Stadtverordnetenwahl in Haiger zu verzeichnen. Von 345 Wählern übten ganze 70 ihr Wahlrecht aus. Gewählt wurde der christlich⸗soztale Buchbinder Weber mit 43 Stimmen, während unser Genosse Trott 20 erhielt. Die Wahl ist ein Schand⸗ fleck für unsern Kommunal⸗Liberalismus. Um einen Jasage⸗Bruder zu erhalten, schlug der nationalliberale Fabrikant Schramm, der noch vor Jahresfrist ein scharfes Flugblatt gegen die Christlich⸗Sozialen geschrieben hat, eine Kandidatur aus. Und um zu verhüten, daß unser Genosse Trott in's Rathaus komme, opferte er lieber sein liberales Ehrgefühl. Schramm spielt gewisser⸗ maßen in unserer Stadtverwaltung die erste Geige; was er will— wenn es noch so sehr das Interesse der Stadt schädigt— geht durch. Dabei ist er von einer erbitterten Unduldsamkeit gegen Andersdenkende, speziell aber gegen sozialdemokratische Arbeiter beseelt. Gegen die Wahl soll nun trotzdem von den Bürgerlichen Protest eingelegt werden. Angeblich soll nicht nach der alten, sondern nach der berichtigten Liste gewählt worden, sowie oft die Namensbezeichnung nicht genau gewesen sein, da es mehrere Weber gibt. Einmal soll sogar, nachdem der Wähler schon fort war, der Vertrauensmann der Christlichen an den Wahltisch gegangen sein und gesagt gaben, sie möchten den Vornamen seines Kandidaten noch hinzusetzen, was auch geschah. Interessant ist es auch, daß die Kandidatur Weber im evangelischen Verein nach der Gebetsversammlung proklamiert wurde. Allendorf bei Haiger. Wie die Besitzenden aus Blutgroschen der Armen und wirtschaftlich Schwachen Riemen schneiden, beweist der Beschluß unseres Vieh⸗ assekuranz⸗Vereins. Bekanntlich betragen die Versiche⸗ rungsgebühren bei der Schlachtviehversicherung pro Stück Mk. 4.—. Die reichen viehverkaufenden Bauern be⸗ schlossen nun in der General⸗Versammlung trotz des Protestes unseres Genossen, Gemeinde⸗Vertreters Krumm, in Zukunft die Hälfte dieser Schlachtviehversicherungs⸗ kosten aus der Assekuranz zu zahlen. Da die meisten Assekuranzmitglieder Kleinbauern und arme Arbeiter sind, die kein Schlachtvieh mästen und verkaufen können, so wird dieser Zuschuß zu Gunsten der Reichen auf die Schulter der Minderbemittelten abgewälzt. W In Langen aubach fand am Samstag vor 8 Tagen eine christlich⸗sozlale Versammlung statt, in der Dr. Burckhardt seinen Reichstagsbericht erstattete. In der Diskussion gab es ein Zusammenstoß mit unserem Genossen Trott, der an der Hand des Reichstags stenogramms nachwies, daß in der Rede Burckhardts, die als Flugblatt verbreitet wurde, wenigstens 20 Sätze enthalten sind, die Burckhardt gar nicht gesprochen hat. Trott, der ruhig und sachlich blieb, setzte dem Herrn Doktor so zu, daß dieser erklärte, nicht mit ihm disku⸗ tieren zu wollen. Nach diesem Rezept scheint Burckhardt seine Gegner mundtot machen zu wollen, denn er hat es dem Genossen Hoffmann in Bielefeld, der ihm seine Unrichtigkeiten vorhielt, ebenso gemacht. Einmal hielt Trott Dr. Burckhardt vor, er werfe sich dem Zentrum an den Hals und habe in Dortmund erklärt, ohne das Zentrum sei nichts Positives zu machen. Dr. Burckhardt erklärte dies als Lüge, worauf Trott ihm durch den betr. Versammlungsbericht aus dem„Volk“, unter Hallo der Versammlung, nachwies, daß er tatsächlich so gesagt habe. In seinem unter Ausschluß der Oeffentlichkeit erscheinenden Volksfreund dementiert nun Dr. Burckhardt alles. Aus diesem Grunde hat Trott Dr. Burckhardt zu der am Sonntag in Haiger stattfindenden Versamm⸗ lung unter Zuftcherung freier Diskussion eingeladen, um zu den einzelnen Fragen nochmals Stellung zu nehmen. Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain. e. Nichts ohne polizeiliche Genehmigung! Der Genosse Gaßmann hatte Ende August Versammlungs⸗ Plakate an die dafür bestimmten Stellen angeklebt, ohne dazu die polizeiliche Genehmigung eingeholt zu haben. Er erhielt deswegen ein Strafmandat, gegen das er Einspruch erhob. Vom Schöffengericht wurde er am Donnerstag auf Grund einer alten Verordnung zu 6 Mark Geldstrafe verurteilt, obwohl der Amtsanwalt nur 3 Mark beantragt hatte. Jungen sollen die Finger von Schieß gewehren lassen. Die Marburger Strafkammer verhandelte am Freitag voriger Woche gegen den Bäckerlehrling und Sohn des Gendarmen a. D. Cöster zu Löhlbach wegen fahrlässiger Tötung. Der Junge, dessen Vater Pächter der dortigen Feldjagd ist, hatte am Abend des 29. Juli auf dem Anstand einen fünfjährigen Knaben, den er für einen Rehbock gehalten, erschossen. Das Gericht ver⸗ urteilte ihn deshalb zu vier Monaten Gefängnis. Streiksünder vor Gericht. Der Zimmermann Stuckert von Ober⸗Ramstadt hatte an dem Neubau des Darmstädter Hofes Streik⸗ posten gestanden und die Lorscher Zimmerer mit Redens⸗ arten bedroht. Dem Zimmermann Fucker von Lorsch sagte er, daß er ihm„den Hals abschneiden“ werde, wenn er noch einen Balken in die Höhe zöge. Der Angeklagte riß auch ein Tor auf und wies mit allerlei Redensarten auf die arbeitswilligen Zimmerleute hin. Er wurde von der Strafkammer Darmstadt wegen Nötigung und Hausfriedensbruch zu 14 Tagen Gefäng⸗ nis verurteilt. Rotwein im Meere! Ein seltenes Strandgut ist auf Sylt ange⸗ trieben. Ein 700 Liter⸗Faß Rotwein. Da das Faß vollständig mit Muscheln bewachsen ist, so nimmt man an, daß es in einem Schiffs⸗ rumpf lange auf dem Grunde des Meeres lag, bis der Rumpf auseinanderbrach und das Faß zum Schwimmen kam. Stichproben haben er⸗ geben, daß der Wein noch tadellos ist. Zehn Arbeiter getötet! Geradezu massenhaft fallen die Opfer der Arbeit im Ruhrgebiete. Am Mittwoch Abend brach auf der Zeche General Blumenthal in Recklinghausen in einem im Abteufen begriffenen Schacht die Mauerbühne zusammen. Zehn Mann stürzten in die Tiefe, acht sind tot, zwei tötlich verletzt. Ob das grauenhafte Unglück nicht durch ordentliche Schutzmaßregeln zu vermeiden gewesen wäre?— Weiter brach in Essen das Gerüst eines Neubaues zusammen, wobei zwei Arbeiter verletzt wurden. Wieder Einer. Die Strafkammer in Augsburg verurteilte den katholichen Pfarrer Lorenz Alt von Steppach zu fünf Monaten Gefängnis und erkannte ihm für zwet Jahre die Fähigkeit, ein öffentliches Amt zu bekleiden ab. Alt hatte vor zwei Jahren der Kirchenstiftungs⸗ kasse Wertpapiere für 800 Mk. und von andern Wertpapieren Kupons für 727 Mk. eigenmächtg entnommen und für sich verwendet. Vom Stiftungspfleger hatte er sich unter irgend einem Vorwand den zweiten Schlüssel geben lassen, um die Kasse öffnen zu können. Kleine Mitteilungen. ** In Ockershausen bei Marburg stürzte ein älterer Mann beim Aepfelpflücken vom Baume und erlitt außer einem Armbruch noch andere Verletzungen. e Schlimmer Jugenderzieher. Der ver⸗ heiratete Lehrer Grünewald in Darmstadt, der wegen Sittlichkeitsverbrecheu verhaftet werden sollte, beging am Montag Selbstmord. r In den Wurstkessel gefallen. In Nürn⸗ berg hatte sich vorige Woche ein Metzgerlehrling auf den Rand des Wurstkessels gesetzt, war eingeschlafen und rückwärt in die kochende Brühe hineingestürzt. Er erlitt lebensgefährliche Brandwunden. Eine Typhus⸗Epidemie ist in Detmold ausgebrochen und dehnt sich weiter aus. Täglich werden etwa 20 neue Erkrankungen durchschnittlich angemeldet. Augenblicklich liegen noch 437 Personen krank darnieder; auch einige Todesfälle sind wieder zu verzeichnen. Opfer der Arbeit. Auf dem Stummschen Hüttenwerk in Neunkirchen erfolgte eine Hochofen⸗ explosion. Zwei Mann wurden lebensgefährlich und zwei leicht verletzt.— Ferner explodierte in der Seidenspinnerei in Kelsterbach a. M. ein Bottich mit Abfallseide. Die daran beschäftigten verheirateten Arbeiter Vonhoff und Rostan wurden derart verletzt, daß sie mit schweren Brandwunden bedeckt in das Hospital nach Frankfurt verbracht werden mußten, Die Brandwunden sollen lebensgefährlich sein.. ———— Partei-Uachrichten. Der Parteivorstand gibt bekannt, daß er sich konstituiert habe. Zuschriften sind wie bisher zu richten an J. Auer, Geldsendungen an A. Gerisch, beide Berlin S W., Kreuzbergstraße 30. Vorsitzender der Kontrolleure ist Hch. Meister, Hannover, Lange⸗ straße 1. Weiter fordert der Parteivorstand zur Neuwahl der Vertrauenspersonen auf, deren Adresse sofort mitzuteilen ist. Ferner sollen die Parteigenossen durch größtmög⸗ lichste Verbreitung der Parteipresse für unsere An⸗ schauungen und Grundsätze wirken und besonders auch auf die weiteste Verbreitung der„Neuen Zeit“, sowie auf die der„Gleichheit“ zur Gewinnung der Frauen für unsere Bewegung Bedacht nehmen. Wahlkreis Alsfeld⸗Lauterbach. Sonntag, den 9. Oktober nachmittags ½3 Uhr: Kreiskonferenz im Saale des Gastwirts Keutzer in Lauterbach. Tagesordnung: 1. Bericht des Kreisvertrauensmanns u. Neuwahl desselben. 2. Bericht des Vorstandes. Rechnungsablage und Neuwahl des Vorstandes. 3. Agitation. Organisation. 4. Verschiedenes. 5. Bericht von der Landeskonferenz und vom Partei⸗ tage. Berichterstatter: Dr. Robert Michels. Die Parteigenossen werden um recht zahlreiche Beteiligung ersucht. Der Kreisvertrauensmann. Versammlungskalender. Samstag, den 1. Oktober. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb(Wiener Hof). Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Gießen. Freie Turnerschaft. Abends 8 ½ Uhr Mitglieder⸗Versammlung bei Löb(Wiener Hof). Lauterbach. Sozialdemokrat. Wahlverein. Abends 8 ¼ Uhr Versammlung bei Gastwirt Keutzer. Sonntag, den 2. Oktober. Gießen. Handelshilfs arbeiter. Nachmittags % Uhr Versammlung bei Löb(Wiener Hof). Vortrag eines Frankfurter Kollegen. Kirchhain. Wander⸗Müller⸗Versamm⸗ lung. Nachmittags 3 Uhr im Restaurant„Zur alten Post“(Inhaber: Althaus). Tagesordnung: Die wirtschaftliche Lage der Mühlen⸗Arbeiter und die deutschen Gewerkschaften. Ref.: A. Wedemann. Dienstag, den 4. Oktober. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig. Briefkasten. Lollar. Erscheint in der nächsten Nummer.— In der vorigen Nummer mußten Umstände halber eine Anzahl Zuschriften zurückgestellt werden. Schirme Spazierstöcke kauft man gut und billig in der Cusseler Schirmfabril Giessen, Seltersweg 9. Marburg Fulda Ca ssel Schirme werden repariert und neubezogen. ———— VCCTVPTTTVTTTTTTTTTbTTTbTTTTCTbTTTTTTTTT eee ———— ů ů ů ů ů 4— c———— P 7 —— — — Seite 6. Mitteldentsche Sountags⸗ Zeitung. Paulus. Unter diesem Titel hat der Frankfurter Militärgeistliche Robert Falke die Geschichte des Apostels Paulus zu einem fünfaktigen Schauspiel verarbeitet. Wir müssen ihm dank⸗ bar dafür sein; denn die ganze Oberflächlichkeit und Armut einer protestantisch⸗theologischen Welt⸗ und Geschichtsauffassung kann nicht besser anschaulich gemacht werden als durch solch ein Machwerk. Zunächst wird die Bekehrung des Saulus zum Paulus geschildert. Die Stand⸗ haftigkeit des⸗Märtyrers Stephanus gibt den Anstoß zu einer innern Umwandlung in ihm. Das ist nicht schlecht. Aber dann muß in der geschmacklosesten Weise das rein äußerliche Wunder nachhelfen: Blitz und Donner, Erblin⸗ dung und Heilung. Als Apostel Christi tritt Paulus nun in Athen den griechischen Philo⸗ sophen gegenüber. Die letzteren sind als die Hudischtten Zerrbilder gezeichnet. Für die sitt⸗ liche Hoheit der Stoiker z. B. hat der Verfasser ar kein Gefühl.(Ein paar Aussprüche von 5 5 mögen hier Platz finden:„Der Mensch soll dem Menschen heilig sein“.„Gehe mit stetem Gedenken an Gott von einer gemein⸗ nützigen Handlung zur andern über.“„Ver⸗ eihe, damit auch dir verziehen werde“.„In ir Frage sei unser Ziel das allgemeine Wohl.“) Die große Rede des Paulus beginnt mit dem Gedanken, daß er nicht„hohe Weisheit“ zu künden habe, sondern„nur die„Wahrheit“, die natürlich mehr ist, als alle„Menschenweis⸗ heit“. Welch' ein Dünkel! Als ob nicht all die heiße ehrliche Arbeit menschlichen Forschens und Denkens auch„nur“ die„Wahrheit“ suchte, freilich in dem steten bescheidenen Bewußtsein, ste niemals ganz zu besitzen. Aber Paulus „kann's beweisen“, wie er äußerst selbstbewußt borausschickt. Und dann kommt der alte abge⸗ triebene Hinweis auf das„Buch der Natur“ und die Menschenseele. Daß dabei von den furchtbaren Grausamkeiten der Natur, vom „Kampf um's Dasein“, von der„Menschheit ganzem Jammer“ mit keiner Silbe die Rede ist, ist bei den Theologen leider eine recht ge⸗ wöhnliche Erscheinung. Der Stoiker Panätios im Stück hat Recht, wenn er sagt, daß das alles doch noch kein„Beweis“ für Gott sei. Aber„milde“ weist Paulus jetzt auf Christus hin,„würdevoll“ versichert er, daß dieser Gottes⸗ sohn mehr könne, als die Gottessöhne, von denen die griechischen Dichter erzählten, und„ge⸗ waltig“ schließt er: „Der Jesus war des höchsten Gottes Sohn— Die ganze Erde ist ihm untertan, Auch eure Götter und die Helden alle.“ Welch' billige inhaltslose Phrase, die jeder Priester jeder andern Religion genau mit dem gleichen„gewaltigen“ Pathos von„seinem—“ Gottessohn vortragen könnte. Aber Paulus „kann's“ auch hier wieder„beweisen“. Er behauptet nämlich, er habe in Christo Frieden gefunden. Gewiß, mag sein. Aber„schildern“ kann er's nicht, wie er selbst sagt, kann nur sagen:„Glaubt mir, Athener, glaubt dem Christushasser“. Und auf diese bloße Aufforde⸗ rung hin entsteht„große Bewegung“. So versagt der Verfasser gerade an dieser ent⸗ scheidenden Stelle vollständig. Denn wie einer, der bis dahin Christus ganz fremd war, durch den Wunsch des Missionars allein schon soll „bewegt“ werden, entzieht sich jedem menschlichen Verständnis. Und wieder geben wir dem Stoiker Panätios Recht: „Wir wollen wie du selbst, erst sehen, dann glauben.“ Da aber holt Paulus zum letzten Schlage aus,„wie ein Löwe sich zum letzten Sprunge auf sein Opfer richtet“ heißt es wörtlich im Stück. Und er sagt: „Nun hört mein letztes Wort! Was ich bewies, ihr wollt es mir nicht glauben.“ Was hat aber das„Glaubenwollen“ mit wirk⸗ lichen„Beweisen“ zu tun? Der wahre Beweis zwingt einfach zur Erkenntnis(z. B. 22 = 4. Kann einer da etwa auch anders „glauben wollen“?) Wenn einer am Schlusse eines Beweises den„guten Willen zum Glauben“ anruft, zeigt er damit eben nur, daß er in Wahrheit nichts„bewiesen“ hat. Und so endet die ganze Löwenrede mit der unendlich tiefen Weisheit: „Bekehrt ihr euch nicht bald, ihr weisen Toren, So seid ihr für das Himmelreich verloren.“ Auf gut Deutsch:„Wenn ihr nicht glauben wollt, soll euch der Teufel holen“. Das sich daraufhin am Schlusse des Aktes wirklich einige Leute bekehren, ist rührend. Von dem innersten Wesen Christi aber, von seiner innigen, be⸗ sonders den niedersten Volksschichten zugewandten Menschenliebe, die allein Herzen gewinnt, spürt man bei der ganzen pathetischen Rede keinen Hauch. Man hört nichts als den Theologen, den es ärgert, daß andere Leute andere Ansichten über die ewigen Rätsel der Menschheit haben, als er, und der dabei einiges Talent zum— Schauspiel er hat. Doch soll dem Verfasser kein Unrecht ge⸗ schehen: Auch Taten der Liebe werden doch zum Muster hingestellt. Der vierte Akt bringt 3. B. eine solche. Einem Sklaven, der seinen Herrn bestohlen hat und ihm davongelaufen ist, wird vergeben. Wohl weil er sein Unrecht einsteht? Weil er es wieder gut zu machen bereit ist? Gewiß, auch deshalb natürlich. Aber die erste Frage, die Paulus an den reuigen Sünder tut, ist doch: „Kann ich dir Vertrauen schenken? Glaubst du an Jesum Christum?“ Das ist natürlich die Hauptsache. Die christ⸗ liche Nächstenliebe ist natürlich nur für diejenigen da, welche den Herren Theologen nicht das Leid antun, ihrer Weisheit, pardon!„nur“ ihrer Wahrheit fragend oder gar mit eignen Gedanken gegenüberzustehen. Andersdenkenden, selbst wenn sie sich noch„Christen“ nennen, wird das edle schöne Wort„gewaltig“ zuge⸗ schleudert: „Wer anders Jesum Evangelium Verkündet als ich selbst, der sei verflucht!“ Das ist gegen die Judenchristen gerichtet, die bekanntlich meinten, Christus sei nur für die Juden da gewesen. Unter ihrem Bilde kann es aber der protestantische Geistliche sich natür⸗ lich nicht versagen, seinen katholischen Mitchristen gelegentlich einen Hieb zu versetzen. Gegen sie ist auch die Stelle gemeint, wo Paulus die ihm angebotene„Leitung“ der Kirche ablehnt: „Es soll sich die Gemeinde selbst verwalten“. Das klingt ja ganz sozialdemokratisch, Herr Pfarrer? Denn etwas anders will ja unser Wort von der„Religion als Privatsache“ gar nicht sagen. Und wie viel gerade eine Militär⸗ gemeinde von diesem Zustande unerzwungener Gottesverehrung entfernt ist, das wissen Sie gewiß selbst am allerbesten. Zum Schlusse des Aktes aber weissagt Paulus weiter.(Dafür, wie nichtssagend solche billigen rückwärts da⸗ tierten Prophezeiungen sind und wie gerade in ihrer Häufung die künstlerische, auf innerer Wahrscheinlichkeit beruhende Wirkung völlig vernichten, fehlt dem Verfasser jeder Sinn.) Und so verkündet Paulus nach dem germanischen Söldner, der ihn im Gefängnis zu bewahren hat, daß Christus in Deutschland das„Sieges⸗ zeichen der Weltenherrschaft“ aufpflanzen werde. Wenn Paulus dabei an unsre Zeit eben denkt, so hat er so Unrecht nicht. Es wundert uns nur, daß sein heftiges Temperament sich dabei so ruhig mit der katholischen Färbung dieses Regiments abfindet. Vielleicht hat er aber auch diesen Nebenumstand damals noch nicht vor⸗ ausgesehen. Alles braucht man ja schließlich auch von ihm nicht zu verlangen. Der letzte Akt briogt dann den Tod des Paulus. Zuvor tritt er noch dem Kaiser Nero gegenüber, ein entsetzlich verdünnter Aufguß der schönen Szene in Schillers„Don Carlos“, wo der Marquis Posa vor König Philipp von Spanien steht und der Tyrann die Einsamkeit seiner Fürstenherrlichkeit einmal empfindet. Wir wünschen dem Buche von Herzen recht viele Leser. Bei jedem Menschen, dem es nicht an Geist und Gemüt mangelt, wird es hundert⸗ mal aufklärender wirken, als alle Streitschriften. Für diejenigen aber, die sich das wirklich präch⸗ tige Charakterbild des Apostels Paulus durch diese Verdramatisterung nicht wollen verwischen lassen, empfehlen wir dringend, sich für 60 Pfg. in der Bibliothek von Reklam das Büchlein von Renan„die Apostel“ anzuschaffen. K. Wbr. Erntesegen. Des Sommers Pracht ist nun dahingegangen, Schon schimmert bunt das vordem grüne Caub, Noch kurze Frist, dann sehen wir mit Bangen, Die ganze Schönheit wird der Stürme Raub! Doch froh schau' auf der Ernte reichen Segen, Er ruht geborgen für die harte Seit, Und nicht der Trübsinn soll dein Herz bewegen, Denn alle Schönheit ist Vergänglichkeit! Nur wenn du keinen Frühling hast genossen, Nur wenn kein Sommersonnschein dir geglüht, Von all den Blüten und den tausend Kosen Dir keine einz'ge Blume hat geblüht— Nur wenn dein Erntesegen gänzlich ausgeblieben, Vor trüber Sukunft du mußt bangend steh'n, Und Vot dich schreckt und alle deine Lieben, Dann darfst du seufzend in die Zukunft seh'n. Doch sollst du nicht die Mutter Erde hassen, Als ob sie weniger dich Armen liebt— Nein, selber sollst du nach dem Rechte fassen, Das dir einst nur ein festes Wollen gibt. Durch festes Wollen wirst du dir's erzwingen, Daß auch für dich die Ernte einst bereit, Ven reichsten Segen wirst du dir erringen, Nicht darbend auf der Seite steh'n wie heut. An dir ist es, zu säen edlen Samen In alle Herzen wie in fruchtbar Feld— Dann bist du länger nicht ohn Ernt' und Namen Und dir gehört die ganze weite Welt! Frida Pritzlaff. 2— Dragoner kommen! Von Florian Stark. f Bisher lag in dem kleinen Städtchen Zopf felde keine Garnison. Nur hier und da sah man manchmal eine Uniform in der Stadt, wenn Einer aus der Residenz auf Urlaub da⸗ hinkam oder wenn aus dem Nachbarort, wo ein Zug Husaren lag, einer der Reiter ein Dienstmädchen besuchte. Sonst war es furcht⸗ bar„langweilig“. Auf jedem Karnevalsfest immer nur Fracks! Eines schönen Tages aber endeckte man bei Zopffelde ein tüchtiges Kohlenlager, das sofort ausgebeutet wurde. Auch andere Fabriken wurden errichtet. Eine Zuckerfabrik, eine Seifen⸗ stederei, eine Spinneret... bald wiesen fünf mächtige, qualmende Schornsteine gen Himmel. Mit der Errichtung der Fabriken kamen natürlich auch Arbeiter nach Zopffelde, immer mehr und mehr, ganze Kolonien von Arbeiter⸗ häusern wurden erbaut. Die weisen Väter der Stadt wurden etwas unruhig. Achthundert Arbeiter! Wenn es da einmal zu Lohndifferenzen kam... oder bei der Matfeier... oder sonst irgendwann... ste wurden sehr unruhig und gingen mit stch zu Rate. Die Polizet vermehren. Gut! Das aber genügte nicht. Früher hatte man zwei städtische Polizisten und einen Nachtwächter. Es war gar nie etwas Anderes für diese Augen des Gesetzes zu tun, als hier und da einen der ehrsamen Bürger, der ein wenig über den Durst getrunken hatte, nach Hause zu geleiten und an patriotischen Festtagen den Platz für den Auf⸗ marsch der Turner⸗, Gesang⸗ und Veteranen⸗ vereinsmitglieder frei zu halten. Nun hatte man vier Polizisten und zwei Nachtwächter. Die hatten auch nicht mehr zu tun, aber sicher war sicher. Es war aber doch möglich, daß diese sechs Mann den achthundert Arbeitern nicht genügend imponierten, wenn es „zu Etwas kam“. „Wir brauchen Militär!“ sagte da ein Stadt⸗ vater. Man bejabelte den Mann. Aber wohin mit den Soldaten? Einfach in den Häusern einquartieren? Einige Stadtväter protestierten, einige waren dafür. Jene, die protestierten hatten junge, lebenslustige Frauen, jene, die dafür waren, heiratsfähige Töchter mit ode ohne Kaution. Nach langen Beratungen en 5 Immer nur Zylinderhüte! J — Namen ihlaff. n Zobf⸗ da sah Stabt, ub da⸗ kt, Wo ter ein furcht⸗ erhüte! Fracz! an bei sofort sabriken Seifen⸗ n fünf zimmel. kamen immer irbeiter⸗ F etwas 1 6 d der bel 1% ut sch 11 70 n pe e Augen 0 len Nr. 40. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung Seite 7. f schloß man sich, eine Kaserne zu bauen, und nach mehrerenßz„geheimen“ Sitzungen wurde der Antrag,„die zu erbauende Kaserne soll eine Kavalleriekaserne sein“, mit der nötigen Majorität angenommen. Die Kaserne war fertig. Nun brauchte man noch die Soldaten dazu. Der Bürgermeister, der„Vize“ und zwei Stadträte fuhren in die Restdenz und gingen zum Kriegsminister. Dem berichteten ste vom Baue der Kaserne, von der „Gefahr“, die achthundert Arbeiter für die fried⸗ Itebende, patrtotische Bürgerschaft bilden es sei allerdings noch nichts vorgekommen allein man könne nicht wissen„eine Gefahr liege stets in der Luft... es sei immerhin besser...“ Und so weiter. Seine Exzellenz der Herr Kriegsminister hörte zu, nickte ab und zu mit dem Haupte und versprach schließlich,„dem Ansuchen nach einer Garnison nach Tunlichkeit zu entsprechen.“ Die Deputation fuhr beglückt nach Hause. Vierundzwanzig Stunden später hatte der Herr Kriegsminister bereits ganz vergessen, daß Zopf⸗ feld zu seiner Kaserne keine Soldaten habe. Es war aber auch etwas viel verlangt, an derartige Dinge zu denken; denn erstens waren die Herbstmannöver vor der Tür, zu denen sich einige ausländische Offiziere eingefunden hatten, und zweitens hatte Seine Exzellenz die Ent⸗ deckung gemacht, daß sein Adjutant und seine 2% na, seine.. seine„Flora“, eine Trapez⸗ künstlerin vom Wintergarten ihn schmählich betrogen. Es vergingen sechs Monate, acht Monate, ein Jahr, anderthalb Jahre Zopffelde hatte noch immer keine Garnison, dafür aber war die Zahl der Arbeiter auf neunhundert angewachsen. Nun ereignete es sich an einem Sylvesterabend, daß einige Arbeiter und einige junge Bürgerssöhne in Streit gerieten. Beide Parteien waren der Sylvesterfeier angemessen bezecht; es kam zu hitzigen Worten, und als einer der jungen Bürschchen mit dem Spazier⸗ stocke auf einen Arbeiter losschlug, gab es eine solenne Keilerei, bet der die Bürgerssöhne und der Nachtwächter ziemlich blaue Flecken davon⸗ trugen. Der Bürgermeister, der„Vize“ und zwei Stadträte fuhren abermals in die Residenz, be⸗ richteten dem Ministerium des Innern über den„unliebsamen“ Vorfall und baten ihn, er möge ein gutes Wort einlegen, daß Zopffelde endlich seine Garnison erhalte. Der Minister versprach,„dem Ansuchen nach Tunlichkeit zu entsprechen“. Wieder verflossen vier Monate. Endlich aber wurde der Bürgermeister von Zopffelde im Amts weg davon verständigt, daß die Stadt im Herbste eine Eskadron des zwanzigsten grünen Dragonerregiments in Garnison erhalten werde. War das ein Jubel! Die Stadtväter be⸗ schlossen, der einrückenden Garnison ein Fest zu geben, Triumphpforten sollten gebaut werden, die Stadt beflaggt und des abends beleuchtet werden, der Turnverein, der Gesangverein und der Veteranenverein sollten Spalier machen, vierundzwanzig weißgekleidete Ehrenjungfrauen den Kriegern Blumen streuen und fünf andere auserwählte Mädchen in patriotischen Kostümen dem Eskadronskommandanten einen Riesen⸗ sollte ein„Festkränzchen“ für geladene Tell⸗ nehmer sein. Die ganze Bürgerschaft war in Aufre ung. Anfangs in freudiger, als aber aus der char der Mädchen, die für die nötigen neunundzwanzig Jungfrauen kandidierten, ein beträchtlicher Teil urückgewiesen wurde, kam es zu Streitigkeiten. amilien, die Jahrzehnte lang im besten Ein⸗ vernehmen gelebt, überschütteten sich mit ge⸗ hässigen Reden und die Vergangenheit der neun⸗ undzwanzig auserwählten Ehrenjungfrauen wurde öffentlich bespöttelt. Es flossen Tränen genug, um mehrere Gebirgsbäche damit zu füllen. Einer der Stadtväter, der fünf Töchter besaß und dem man nur die jüngste in das Korps der Ehrenjungfrauen aufnahm, während der„Vize“ seine drei Mädeln unterbrachte, legte sein Mandat nieder und erzählte im Gasthaus ganz merkwürdige Dinge über die bisherige Tätigkeit des„Vize“ und seiner drei Mädeln. Das Bezirksgericht bekam einige Schock Ehren⸗ beleidigungsklagen zu erledigen. Inzwischen kam der Herbst heran. Die Eskadron rückte ein. Ein Rittmeister, ein Ober⸗ leutnant, zwei Leutnants, ein Kadett und hundert⸗ dreiundvierzig Mann vom Wachtmeister abwärts. Die Festlichkeiten verliefen glänzend. Der Bürgermeister blieb nicht ein einziges Mal in seiner Rede stecken, nur das eine Mädchen, die den„Handel“ darstellte, hatte das Unglück, daß ihr während des Tanzens der Trikot auf der Wade zerriß und die darunter befindliche Watte zum Vorschein kam. Einige Tage nach dem Feste kam man langsam zur Erkenntnis, daß man sich allzu große Hoffnungen gemacht, wenigstens was die heiratsfähigen Mädchen des Bürgerstands an⸗ langte. Es gab ihrer etwa hundert, und da der Rittmeister ebenso wie der Oberleutnant bereits mit Lebens begleiterinnen versehen waren, so blieben nur die zwet Lentnants. Den Ka⸗ detten konnte man nicht recht zählen. Abermals große Balgerei, wer diese zwei Offtziere in Quartier nehmen sollte. Man be⸗ schloß, das Los entscheiden zu lassen., aber nachdem die zwei Leutnauts ausgespielt waren, munkelte man, es sei bei der Ztehung geschwindelt worden. Allmählich aber begann sich die Aufregung zu„legen“, denn man machte die Bemerkung, daß die beiden Offiziere merkwürdigerweise lieber mit den Damen des Theaters verkehrten als mit den Bürgerstöchtern. Der Theaterdirektor, der früher nur seine Frau und seine Schwägerin, sowie eine ziemlich alte Heroine beschäftigt hatte, war nach dem Einrücken der Dragoner zur Erkenntnis ge⸗ kommen, daß er sein Personal„auffrischen“ müsse. Er ließ sich eine„naive“ und eine „sentimentale“ Liebhaberin senden. Die zwei Damen waren aber weder naiv, noch sentimental, sondern wußten recht gut mit den Dragoner⸗ offtzieren auszukommen. Die Bürgerssöhne, die in die beiden pikanten Dämchen ebenfalls verschossen waren, ärgerten sich, und dret Monate nach dem Einrücken der Dragoner wurde bereits der eine Sohn eines Stadtrats im Duell erschossen. Auch die übrige„Ordnung“ im Städtchen ließ zu wünschen übrig. Es kam gar oft zu blumenstrauß überreichen. Um neun Uhr Abends selbst oder zwischen dem Militär und den Hand⸗ werkern. Der Stadtrat sah sich alsbald ge⸗ nötigt, acht Polizisten und vier Nachtwächter anzustellen, und auch das genügte kaum. Die Moral wurde auch wenig durch die Anwesenheit der Dragoner gehoben. Zwei Jahre sind es her, daß die Dragoner in Zopf⸗ feld liegen, und schon besitzt das Städkchen einen„Kindergarten“ und einen„Verein zur Pflege armer Wöchnerinnen“. Die Gefahr aber, die durch die neunhundert Fabrikarbeiter„fortwährend in der Luft lag“, ist durch die Anwesenheit der Dragoner glück⸗ lich abgewendet. Allerlei. Kleritale Unduldsamkeit bis über das Grab. Unter dem Titel„Sezessionisten des Todes“ kommt Peter Rosegger in seinem„Heim⸗ garten“ auf die immer wieder auftauchenden Klagen zu sprechen, daß evangelischen Christen auf katholischen Friedhöfen das Grab versagt wird, und bemerkt dazu folgendes: Mich wundert oft das eine, daß die Leute, selbst Atheisten, gar zu viel halten auf ein Grab im katholischen Friedhof. Geweihte Erde! Was heißt das? Die Erde ist Gottes überall. Oder ist es der Geselligkeitssinn des Menschen, der noch als Toter unter seinesgleichen sein will? Ich würde mir selbst als Christ nichts daraus machen, hübsch allein in„ungeweihter“ Erde zu ruhen. Wenn Menschen, denen auf Kirchhöfen das Grab verweigert wird, sich ruhig in ihrem trauten Hausgarten bestatten lassen, dann werden die Friedhöfe bald billiger zu haben sein. Der Friedhof ist keine religidse, sondern eine soziale Angelegenheit, und das Vorurteil, gerade auf dem allgemeinen Leichenacker begraben sein zu wollen, muß und wird sich wohl einmal über⸗ leben, das es auch anderswo gottesfriedliche Ruheplätze gibt. Sollte es den Behörden nicht recht sein, dann müßten sie halt den gegen⸗ wärtigen abscheulichen Friedhofsstreit selbst lösen. Sie können es. r Humoristisches. Der Pantoffelheld.„Wie ist das nur möglich, daß Deine Frau über Dein verspätetes Nachhausekommen aufwachen konnte?“„Ach, ich sag' Dir.. sie ist eben zu schlau! Schnupftabak hat sie mir aufs Kopfkissen gestreut!“(Fl. Bl.) Boshaft.„Vor drei Wochen am Ersten habe ich Euch in der Rechenstunde einen Hundertmarkschein gezeigt..“—„Herr Lehrer, bitte zeigen Sie ihn uns noch einmal— wir haben ihn vergessen!“(Fl. Bl.) Das läßt tief blicken. Unteroffizier: Na, Kinder, da ihr heute entlassen werdet, wollen wir zum Abschied noch ein schönes Lied aus dem Gesangbuch singen. Sucht euch selbst eins aus! Soldat Müller: Zu Befehl, Herr Unteroffizier, dann wollen wir fingen: Nun danket alle Gott! Bedauerliche Ausnahme. „Aufgeklärt“ sind unsre Zeiten, Wie man täglich neu erfährt; Nur die eine, ach wie schade! Nur die eine Mirbachiade blutigen Raufereien zwischen den Dragonern Ferd. Nennstiel Giessen, Nochs lw. 8. Lager in sämtlichen Kastenmöbelu, poliert und lackiert, als Vertikows, Kleiderschränke Tische, Stühle, Spiegel las-, Porzellan- und Steingutwaren empfehlen in reicher Auswahl zu billigsten Preisen Die bleibt stets„unaufgeklärt“! Direkter Bezug 5 2 von der eee, Lang& Wiederstein rabrik für Private unter . 5 Marktstraße 4 Gießen Telephon 394. Ausfall des Händler-Aufschlages Di fabrik„ be“ Betten und 808 8. Polstermöbel— Duisburg. 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Im Nackfolgenden sei etwas ausführlicher über die Verhandlungen des Bremer Parteitags berichtet, von denen wir in der letzten Nummer nur einen Teil und nur das Hauptsächlichste bringen konnten. Wir sind natürlich trotzdem genötigt, uns der größtmöglichsten Kürze zu befleißigen und wir müssen diejenigen Partei- genossen, welche sich eingehender zu unterrichten wünschen, wiederholt auf das Protokoll ver⸗ weisen. Den Bericht über die Parlamentarische Tätigkeit der Reichstagsfraktion erstattet Abg. Ledebour. Unter Hinweis auf den gedruckt vorliegenden Bericht will er weniger auf Darlegung der Tätigkeit als vielmehr auf die gegen die Fraktion erhobenen Vorwürfe und den„Fall Schippel“ eingehen. Letzteren hatte ein Fraktionsbeschluß in Fluß gebracht, der Schippel nach einem in Berlin gehaltenen Vortrage aufforderte, seine handelspolitischen Ansichten klar darzulegen, die in dem erwähnten Vortrage beinahe agrarisch erschienen waren. Schippels Antwort erschien in einer Artikel⸗ Serie in der Chemnitzer Volks stimme und um⸗ faßte im Ganzen 47 Spalten. Ledebour führt dazu aus: Wenn jemals die Fraktion die Massen in Bewegung gebracht, jemals ihre Schuldigkeit getan hat, so bei der Schroffheit und Unerbitt⸗ lichkeit, mit der sie die Zollerhöhung bekämpft hat. Die bürgerliche Zollpolitik, prinzipiell keine der wichtigsten Fragen für unsere Partei, war doch in den letzten Jahren der Haupt⸗ gegenstand der Kämpfe unserer Fraktion. Wäh⸗ rend dieser Kämpfe hat sich Schippel völlig passiv verhalten. Er hat niemals in die Debatte eingegriffen, niemals sich an den Kommissions⸗ vberhandlungen beteiligt, obwohl er nach Wissen und Können der Berufensten einer gewesen wäre. Niemand verlangt, daß er seine Ueberzeugung verleugne, und es scheint, als ob er sich damit rechtfertigen wollte, daß er bei seiner abweich⸗ enden Meinung eben geschwiegen hätte. Aber er hat nicht geschwiegen. Er hat außerhalb des Reichstags in Schriften die Argumente dargestellt, die von den Interessenten für den Schutzzoll geltend gemacht werden. Nun sagt er, man müsse die Parteigenossen über die An⸗ schauungen der Gegner aufklären. Gewiß, aber er als Sozialdemokrat hätte doch auch die Pflicht gehabt, dazuzusetzen, weshalb wir die gegne⸗ rischen Anschauungen nicht akzeptieren können, in welchem Punkte sie töricht sind. Nun wurde Schippel auch von unsern Gegnern als Agrar⸗ schutzzöllner angesprochen, insbesondere vom Freiherrn v. Heyl, der zu seinen hervorragend⸗ sten Bewunderern gehört. Schippel schwieg. Aber andere Parteigenossen fühlten sich bewogen, ihn zu verteidigen, indem sie darauf hinwiesen, daß er den Fraktionsaufruf mitunterschrieben hätte, der in flammenden Worten der Ent⸗ rüstung den Zollwucher brandmarkte. Schippel hat geschwiegen. ü lange gedauert hat, ist nur ein Zeichen unserer Toleranz. Bei den scharfen Polemiken zwischen Kautsky, der dem armen Schippel wie ein Alp auf der Seele liegt, und Schippel in den letzten Jahren hat die Fraktion nie eingegriffen. Wir wollten endlich Klarheit haben, wie es sich ver⸗ Daß unsere Aufforderung so einigen ließe, daß Schippel im Reichstagshand⸗ buch und im Fraktionsaufruf gegen Zölle auf⸗ tritt, während er durch seine Argumente in Versammlungen und Schriften nur den Gegnern nützt. Wir verlangten eine klare, unanfechtbare Erklärung Schippels vor der Masse der Partei⸗ genossen. Nahen wir Schippel schon so gekannt wie jetzt, hätten wir vielleicht die Frage so ö 5 Wie vereinbart Genosse Schippel die atsache, daß er im Reichstage die Stellung ⸗ nahme der Fraktion im Zollkampfe unterstützte, mit der andern Tatsache, daß er seit Jahren mit den Argumenten operiert hat, die nur den Gegnern zugute kommen? Schippel hat sich mit dem Gleichmute, der ihn auszeichnet, über⸗ legt, ob er antworten solle. Schließlich hat er geantwortet, aber die Antwort, die er gegeben hat, war nicht die, die wir erwartet haben. Er hat alle schutzzöllnerischen Parteigenossen aus der Vergangenheit und Gegenwart zitiert, aber wir wollten ja seine Anschauungen kennen lernen. Die mußten wir schon im Interesse der Genossen im Lande draußen kennen lernen, die in den Zollfragen mit den Gegnern auf⸗ einandergeraten und denen dann der große Nalionalökonom Schippel als Knüppel zwischen die Beine geworfen wird. Wenn Schippel plötzlich am Schlusse sagt, ich habe nie daran gedacht, Agrarschutzzöllner zu sein, so verhöhnt er die ganze Partei. Redner bespricht hierauf die übrigen vor⸗ liegenden Anträge. Der Antrag Essen, sämt⸗ liche Kolonial forderungen alzulehnen, hat seinen Grund in unsrer Stimmenthaltung bei dem Hererokredit. Ueber der Berichterstat⸗ tung schwebte ein Unstern. Der eine Grund Bebels für die Stimmenthaltung, das Huma⸗ nitätsgefühl für die Ansiedler, ist in dem Be⸗ richt weggelassen worden und das hat eine üble Wirkung gehabt. Man hat gesagt, die Weißen haben sich gräßlicher Grausamkeiten gegen die Schwarzen schuldig gemacht. Aber doch nicht alle Weißen. Es sind doch nicht bloß Händler, denen alles zuzutrauen war, es gibt auch An⸗ stedler und Arbeiter drüben. Weiter sind die Kolonien nun einmal deutscher Besitz. Es sind Landesgenossen hinüber gelockt worden. Nie⸗ mand wird bestreiten, daß die Regierung die Deutschen zu retten verpflichtet war. Diese Rettungspflicht mußten wir anerkennen. Weil aber ein Rachefeldzug unternommen worden ist, konnten wir nicht dafür stimmen. Deshalb haben wir uns der Abstimmung enthalten. Stimmenthaltungen von unsrer Seite sind er⸗ folgt bei den Kreditbewilligungen für den deutsch⸗ französischen Krieg und beim Dynamitgesetz. Aber es gibt Fälle, wo wir bei Folgeerschei⸗ nungen der Kolonialpolitie positiv eingreifen 0 müssen.— Nachdem der Berichterstatter weitere zum Fraktions⸗Bericht gestellte Anträge be⸗ sprochen, geht er auf die von Timm in einem Artikel der„Neue Zeit“ vorgebrachten Kritiken ein und schließt: Timm irrt sich, wenn er glaubt, der Einfluß der Sozialdemokratie auf die Gesetzgebung ist geringer geworden. Er war noch niemals so groß wie jetzt. Timm meint vielleicht, früher waren die Gegner persönlich uns gegenüber wohlwollender als jetzt. Aber das ist kein Gradmesser für unsre Einflüsse. Unser Einfluß beruht auf der Furcht vor unserm Wachstum, vor der Ueberschwemmung mit der sozialdemokratischen Flutwelle. Diese Sturmflut herbeizuführen, arbeiten wir unab⸗ lässtig. An Selbstkritik fehlt es uns nicht. Und darin liegt die Bürgschaft, daß der Einfluß der Partei nicht schwindet. In der Diskussion erklärt sich Dr. Michels⸗ Marburg mit der Haltung der Fraktion in der Frage der Herero⸗Kredite nicht einverstanden. Den Satz Bebels: Wir werden nie einen Fetzen Landes von Deutschland herausgeben, halte ich nicht für richtig. Er steht im Widerspruch mit unserm Parteiprogramm, nach dem wir das Selbstbestimmungsrecht der Völker anerkennen müssen. Bebel hätte recht, wenn Deutschland ein geschlossenes Land wäre, das ist aber nicht der Fall. Es wohnen bei uns nicht nur Deutsche, sondern Dänen, Fran⸗ zosen und Polen. Der Fall kann ja praktisch werden, wenn man es mit der Hakatistenpolitik so weiter treibt: Nehmen wir an, es kommt zu einem Volksaufstand in Polen. Müssen unsere Sympathien da nicht mit den Polen gehen, die für ihre Nationalität bis zum letzten Blutstropfen kämpfen. Es darf in unsrer Gegnerschaft zur Kolonialpolitik und Militär⸗ politik keine Ausnahmen geben. 8 Hoch⸗Hanau zollt der Fraktion in ihrer Haltung in soztalpolitischen Fragen Anerkennung, tadelt aber, daß viele ihrer Anträge in Reso⸗ lutionen umgewandelt wurden.— Roll wagen⸗ Augsburg begründet seinen Antrag, wonach die Fraktion ersucht wird, gesetzliche Einführung des Zivilbegräbnisses zu fordern. Abg. Lipinski bemerkt gegenüber Hoch, daß die Fraktion nach reiflicher Beratung von einer Interpellation wegen des Leipziger Aerzte⸗ Streikes abgesehen habe; während Düwell⸗ Essen ebenfalls die Stimmenthaltung bei der dent e e bemängelt. Abg. Körsten tadelt es, daß die Fraktion gegen den Gesetz⸗ entwurf betreffend die Kauf mannsgerichte ge⸗ stimmt hat. Dadurch werde die Agitation er⸗ schwert.* Bebel wendet sich entschieden gegen Körsten, der hier die ganze Frage unserer Stellung zur Sozialreform aufgerollt habe. Nach seiner Auf⸗ fassung müßte die Partei immer auf die rück ständigsten Wahlkreise Rücksicht nehmen, und was sie für angemessen halten, zur Grundlage der Taktik machen. Bisher haben wir es als unsere Aufgabe angesehen, die rückständigen Wahlkreise zu erziehen, und das konnten wir nur vom Standpunkt unseres Prinzips aus. Alle diese Anklagen, wir hätten gegen die Sozialgesetze gestimmt, haben beim letzten Wahl⸗ kampfe gegen uns die entscheidende Rolle ge⸗ spielt und das Resultat war, daß unsere Stimmen und Mandate um fast 50 Prozent wuchsen, und ich begreife nicht, wie man an⸗ gesichts dieser Resultate eine so rückständige reaktionäre Taktik vertreten kann. Wenn das wahr ist, was er sagt, wundere ich mich nur, daß er gewählt wurde. Weswegen ich ihn tadele, das ist, daß er zugelassen hat, daß An⸗ träge angenommen wurden, die ein Tadelsvotum gegen die Mehrheit seiner Kollegen enthalten. Wenn jeder stch Vertrauensresolutionen geben lassen und damit auf den Parteitag kommen wollte, das würden schöne Zustände werden.— Wu ind schroffe Gegner der Kolonialpolitik. Einige Worte zum Artikel des Genossen Ti mm in der„Neue Zeit“. Ich freue mich über jede Kritik, besonders, wenn wie damals der Partei⸗ vorstand etwas abbekommt. Wenn ich nicht Vorstandsmitglied wäre, hätte ich dem längst etwas am Zeuge geflickt.(Heiterkeit.) Aber Timms Kritik ist ungerecht. Sie beruht auf einer Unkenntnis des parlamentarischen Mecha⸗ nismus, die bei einem so alten Parteigenossen wunderbar ist. Wir haben genug Initiativ⸗ anträge eingebracht. Timm hat keinerlet Beweis dafür, daß unsere Schwäche im Reichstag mit unserer größeren Stärke gewachsen ist. Die zahlreichen Resolutionen, das Wettrennen um die Arbeiterstimmen ist ein Beweis für unsere Stärke. Schließlich sind alle Parteien dem Zentrum auf dem illoyalen Wege gefolgt, die Anträge in Resolutionen umzuwandeln, als die übermäßig ausgedehnte Etatsberatung ihre Er—⸗ ledigung doch unmöglich gemacht hatte, ist der Reichstag an der Fülle von 70 bis 80 Reso⸗ lutionen einfach erstickt. Es wäre Torheit, an⸗ zunehmen, daß wir jetzt im Reichstag komman⸗ dieren könnten. Wir gebrauchten auch zwei volle Sesstonen von 6 Monaten, um alle diese Resolutionen durchzuberaten. Wir kommen aber zu Zuständen, bei denen jede parlamentarische Tätigkeit unmöglich wird. Ich habe deshalb schon in Dresden vor einer Ueberschätzung des Parlamentarismus gewarnt. Weitere Einwürfe sind gegen unsre Stimmenthaltung in der Frage der Hererokredite erhoben worden. Aber die Erklärung, die von der großen Mehrheit der Fraktion beschlossen worden ist, war durch⸗ aus korrekt. Nachdem wir genügend Tat⸗ sachen erfahren hatten, haben wir in dritter Lesung gegen die Kredite gestimmt. Weiter meine Erklärung in bezug auf die Verteidigung des Landes im Falle eines Angriffskrieges. Ich habe mich selbst gewundert über das Auf⸗ sehen, das diese Erklarung verursacht hat. Ich habe dasselbe schon vor 24 Jahren im Reichstag erklärt; mein Freund Vollmar ist — — . 1 FP l 8 55 e e e —— 1 —— —— — —— — Seite 10. Mitteldenische Sonntags⸗Zeitung. Nr. 40. damals nach einer Debatte im Züricher„Sozial- demokrat“ zu meiner Meinung gekommen, und wir haben diese Erklärung oft wiederholt. Wären wir 1870 nicht bloß deshalb angegriffen worden, weil Bismarck den französischen Kaiser zur Provokation gezwungen hat, so hätten wir schon 1870 für die Kredite gestimmt. Wir haben uns durchaus korrekt verhalten und die Fraktion hat alle Fragen gründlich beraten. (Beifall.) f f Stadthagen und Lipinski verteidigen ebenfalls die Haltung der Reichstagsfraktion. Die Diskussion wird geschlossen und der Referent Ledebour geht nochmals kurz auf die erhobenen Angriffe ein. Bei der Abstimmung wird nur der Antrag von Niederbarnim, der verlangt, die Fraktion möge auf Beseitigung der für Landarbeiter und Gesinde bestehenden Aus⸗ nahmegesetze hinwirken, angenommen, alle übrigen abgelehnt. 19 55 Nunmehr folgt die Erörterung des „Falles Schippel“ den man vorher innerhalb des Fraktionsberichts gesondert zu behandeln beschlossen hatte. Die von Bebel und Freythaler beantragte und schließ⸗ lich angenommene Resolution wurde bereits in der vorigen Nummer mitgeteilt. Jentsch⸗Berlin betont: In der Partei herrscht Meinungsfreiheit. Wenn sich die Partei einmal festgelegt hat, so ist es Pflicht eines dissentierenden Genossen, der Partei keine Steine in den Weg zu legen. Wir haben diesen Grundsatz bei der Frage der Landtags⸗ wahlbeteiligung befolgt. Abg. Schöpflin⸗Leipzig: Mit Schippel muß einmal ein ernstes Wort gesprochen werden. Die Resolution gibt ihm ein Mißtrauens⸗ votum und das ist richtig. Schippels Haupt⸗ fehler ist, daß er nicht zu seinem Worte steht. Ob Schippel die Konsequenzen zieht, ist seine Sache. Auf alle Fälle ist er dann erledigt. Wir sind es endlich satt, uns un⸗ ausgesetzt mit dem Fall Schippel beschäftigen zu müssen, mit seinen Tüfteletien, Grübeleien und Spintisierereien, die er fortwährend ausheckt. Hoch-Hanau: Ich will nicht auch noch einen Stein auf Schippel werfen; es sind genug gegen ihn geschleudert worden und mit vollem Recht, nach Verdienst. Ich werde für die Resolution Bebel und auch für das Amendement Freythaler stimmen. Die Genossen meines Kreises haben mich ausdrücklich beauftragt, gegen Schippel Stellung zu nehmen. Er hat Taktlosigkeiten begangen, die keinem Arbeiter verziehen werden und noch weniger einem führenden Genossen verziehen werden können. Es tut mir leid, gegen Schippel vorgehen zu müssen, denn ich gestehe es offen, ich habe aus seinem Buche über Handelspolitik viel gelernt. Schade, daß er nicht so fortgefahren hat. Das Exempel, das hier statuiert wird, sollte nicht nur Schippel gelten, sondern all den anderen Genossen, die Anlaß zu Krakeel und Miß⸗ stimmung gegeben haben. Die mögen sich das hinter ihre Ohren schreiben und die Disziplin in der Partei künftig hoch halten. Nunmehr ergreift Schippel das Wort, dem längere Redezeit bewilligt worden war. Ich werde Sie vielleicht enttäuschen, führt er aus, wenn Sie eine große Verteidigungsrede von mir erwarten. Sie dürfen mir das nicht übel nehmen. Denn wenn man sechs Monate in einem Streit steht, wenn man sich bemüht, den Frieden herzustellen, wenn man Erklärung über Erklärung erläßt, daß die Beschuldigungen gegen mich unwahr sind, daß ich auf dem Standpunkt der Partei stehe, daß ich gewillt bin, weiter für die Partei zu wirken, und wenn man dann immer noch nicht erreicht, daß die Gegner Ruhe geben, wenn man immer wieder hört, ich set über die Einleitung nicht hinaus⸗ gekommen und es geht wie beim Liede vom Kupferschied:„Wenn man das Lied nicht weiter kann, so fängt man wieder von vorne an 1“, so muß man den Wunsch haben, daß man zum Ende kommt. Mag das Ende mehr oder weniger gut für mich ausfallen, die Haupt⸗ sache ist, daß wir so oder so zum Ende kommen. Ledebour will ich keinen Vorwurf machen, aber ein objektives Referat gab er nicht. Hätte er das geben wollen, so hätte bezüglich des Fraktionsbeschlusses, der von mir eine Erklärung verlangte, er nicht von der Fraktion, sondern nur von einer Fraktionsmehrheit sprechen dürfen. Wo ist denn nun die Entrüstung am größten? In Chemnitz, im ganzen, großen Verbreitungsgebiet der„Volksstimme“— hat da die Volksseele aufgekocht?(Heiterkeit.) In all den zahlreichen Wahlkreisen, in denen die „Volksstimme“ gelesen und verbreitet wird, ist trotz der Reden von Schöpflin und Stücklen nicht eine Versammlungsresolution gefaßt worden. Aber in Hamburg III erklärt man, man wisse gar nicht, was mit mir los ist(Sehr richtig!l), aber man solle mit mir Schluß machen. In Glauchau und anderen Orten, wo man meine Artikel, die 47 Spalten, genau gelesen hat, haben die referierenden Parteigenossen ausgeführt, daß kein Grund zum Ketzergericht vorliegt. Parteigenossen, legen Sie die Hand aufs Herz, wie viele von Ihnen, die bereit sind, mich zu verurteilen, haben diese Artikel gesehen und gelesen, Stück für Stück verfolgt, meinen Ton mit dem der Gegner verglichen? Denn natürlich fallen überall beim Hobeln Späne. Wenn Sie das alles getan haben, dann können Sie ruhig Ihr gewichtiges Urteil aussprechen. Aber gehen Sie im Eruste an die Dinge heran. Gerade war charak⸗ terisiert, wie leicht die Stimmung wechselt. Hoch war entzückt über mein Buch über Handelspolitik, nannte es noch gestern tüchtig, fleißig und an⸗ regend. Und in meinem Buche ist alles wesent⸗ lich schärfer ausgedrückt als in meiner Rede, wegen deren ich jetzt verurteilt werden soll. Ich hatte mir eine rein geschichtliche Aufgabe gestellt, ich bin nicht verpflichtet, einen Leitfaden für die Agitation zu schreiben, ich brauchte nicht auf die Agrarier schimpfen und nicht sozialistische Rezepte einstreuen, ich hatte mir eine Aufgabe gestellt und der mußte ich genügen. Ich stellte den Freihandel in England, die Gegenströmungen in Amerika und Deutschland, die kurze Periode des Freihandels und schließlich allen freihänd⸗ lerischen Theorien zum Trotz und trotz aller Agrarfeindlichkeit dar. Einen Anhänger der materialistischen Geschichtsauffassung müßte es doch freuen, wenn jemand die Ursache aufklärt, warum eine mächtige Bewegung entsteht, die wir nicht ändern können und mit der wir uns abfinden können, wie mit so vielen andern Dingen, mit denen wir uns vorläufig ab⸗ gefunden haben. Und wir könnten uns sehr täuschen, wenn wir die Stärke einer solchen Bewegung, die natürlich nur in der bürgerlichen Welt besteht, unterschätzen. Ich soll unklar sein; ich kann nicht dafür, daß jemand anders mich nicht klar findet. Zweideutig muß es immer sein, wenn jemand warnt, eine Bewegung nicht zu unterschätzeu, nicht mit dem Kopf gegen eine feste Mauer zu rennen. Schippel legt dann weiter die Entwickelungs⸗ geschichte seines Falles dar und bringt dann Zitate aus Parvus' Artikeln, die ihn(Schippel) allerdings in sehr gehässiger Weise angreifen und beschimpfen. Viele haben sich entwickelt und gerade in Handelsfragen ist man noch nicht am Ende der Entwicklung angelangt. Meine Aenderung des Standpunktes habe ich 1895 mit aller Deutlichkeit zugegeben; warum also hier ein Vorwurf?(Bebel: Das soll kein Vor⸗ wurf sein.) Aber es wirkt nach außen als Vorwurf. Schöpflin's Frage, ob ich die Konse⸗ quenzen ziehen werde, kann ich jetzt nicht be⸗ antworten. Sie sprechen von meiner Zwei⸗ deutigkeit. Also seien Sie hier nicht zweideutig und haben Sie den Mut, das zu fordern was sie wollen, meinen Ausschluß aus der Partei. Sindermann-Dresden: Im ganzen Lande ist man gegen Schippel empört wegen seiner Unklarheit. Nur in Chemnitz hat er ein Ver⸗ trauensvotum bekommen. Es ist in letzter Zeit zum Unfug geworden, sich Vertrauensvoten aus⸗ stellen zu lassen. Das Chemnitzer Vertrauens⸗ votum soll Schippel sogar selber geschrieben haben. Das muß Mißtrauen erwecken. Heute war ja dasselbe Trauerspiel. Wieder hat er für Schutzzölle Stimmung gemacht, um dann schließlich leise anzudeuten, daß er doch nicht ganz für Schutzzölle sei. Man hat im Wahl⸗ kampf Schippel gegen uns ausgenutzt. Schippel rührte sich nicht, er schwieg und ließ uns im Stich. Er weicht immer aus und darf sich nicht wundern, wenn man ihm sagt, du darfst nicht mehr Mitglied der Partei sein. Wenn ich an Schippels Stelle wäre, so würde ich sagen: Ich gehöre innerlich nicht mehr zu Euch und ich kehre der Partei den Rücken. Bernstein erklärt sich gegen alle Resolu⸗ tionen gegen Schippel. Man hat Schippel Zweideutigkeit vorgeworfen und ich gebe zu, daß im Auftreten Schippels eine gewisse Zwei⸗ deutigkeit liegt. Die Hauptsache ist aber, daß Schippels Standpunkt nach meiner Meinung ein theoretisch falscher ist. Darum vermißte ich in der Resolution hauptsächlich eine Bekräfti⸗ gung des Standpunktes der Partei, wie er in den Resolutionen von Mainz und München zur Handels- und Verkehrspolitik festgelegt worden ist. Er beantragt eine Resolution, in welcher es heißt:„Der Parteitag bekräftigt aufs neue den Standpunkt, den die Partei in der Handels⸗ und Verkehrspolitik auf dem Mainzer und Münchener Parteitag festgelegt hat, nimmt die Erklärung Schippels, daß er Gegver der Agrar⸗ zölle sei, zur Kenntnis und geht zur Tages⸗ ordnung über“. Paeplow⸗Hamburg beantragt eine weitere Resolution, in welcher die Stellungnahme Schippel's mißbilligt wird. Man solle nicht immer als Scharfrichter richten; Schippel habe sich zu unserm Standpunkt bekannt.— Im Weiteren wenden sich Jentsch und Zubeil gegen Schippel. Ulrich-Offenbach. Als proletarische Partei haben wir die Pflicht, jede agrarische Neigung in der Partei zu unterdrücken. Schippel war der Radikalste aller Radikalinskis und hat sich aus der Partei hinaus entwickelt. Schippel hat der Partei Knüppel in den Weg geworfen. So sehr ich Schippel als Menschen gern habe, als Politiker verurteile ich ihn. Die Zollfragen sind nicht der einzige Differenzpunkt, denken Sie an Schippels Stellung zur Milizfrage. Die Zollfrage ist eine Machtfrage. Schippel ist sich über die Agrarzölle nicht klar. Er hat auch heute nicht gesagt, daß er jeden Agrarzoll aus innerster Ueberzeugung bekämpft. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Schippel erklärt klipp und klar, daß er mit uns auf dem Boden des Kampfes gegen die Agrarzölle steht und ihn nicht verlassen wird; oder Schippel hat sich selbst außerhalb der Fraktion gestellt und wir müssen auch das Amendement Frey⸗ thaler annehmen. Bebel: Man redet wieder von Unterdrückung der Meinungsfreiheit. Aber selbst unter der Lupe konnte man nichts davon entdecken. In keiner Partei herrscht so große Meinungsfreiheit wie in der Sozial⸗ demokratie. Jeder Parteigenosse kann auf Grund wissen⸗ schaftlicher Untersuchungen eine Parteianschauung für falsch erklären. Aber er muß uns sagen, wie es besser gemacht werden soll. Schippel aber schreibt lange Bücher und hält Vorträge, in denen er die gegenwärtig herrschende Wirtschaftspolitik als notwendig und im höchsten Interesse der herrschenden Gesellschaftsorduung gelegen darstellt. Er feiert sie geradezu als eine Politik von enormer Lebenskraft. Wie kann der Mann, der derartige Sätze als Postulat an die herrschenden Klassen aufstellt, ernsthaft die zurzeit herrschende Wirtschaftspolitik ernstlich bekämpfen? Das ist eine der Zweideutigkeiten. Schippels Darstellung der Fraktionsvorgänge war durchauk falsch und unrichtig. Nach dem Vortrag in Berlin III, der wie eine Provokation wirkte, waren die Parteigenossen außer sich. Wir glaubten, Schippel will hinausgeschmissen sein. Nicht nach zweifelhafter und oberflächlicher, sondern nach gründlichst beratener Entschließung erging die Auf⸗ forderung der Fraktion an Schippel, sich klar auszu⸗ sprechen. Aber Schippel hat sich zunächst geweigert, auf die Forderung einzugehen. Schließlich hat er auf 46/ Spalten— auch heute mündlich— die herrschende Zollpolitit verteidigt; in einer halben Spalte hat er dann seine Meinung als Agrarzollgegner dargelegt. Weiß denn einer heute, wie er zu den Fragen 19 70 Er mußte doch vor allem sagen, wie wir als Sozia demokraten mit diesen Erscheinungen fertig werden sollen. Unser langes Abwarten beweist doch nur unsere Tol e⸗ ran z, unsere große Nachsicht Wir hatten gerade 7 Zolltampf und die Wahlichlacht hinter uns. De sche das Referat Schippels wie ein Blitz aus heiterem 11 0 ein. Bernstein stellt es auch 1 50 e ich diese Improvisation nicht überlegen 2 5 10 fh spreche ich als Parteigenosse.(Sehr — 0. — ens ind leg b daf igt, 51 ei gel 10 cken, 5 Schippel ebe zu, Zul. E, da dam mizte ich dektäst⸗ ie er in hen zur worden Handels, zer und mt die r Agrar: Tage. ie weilerk Ugnahme lle nich pel habe — Ju Zubeil he Patte Migung ppel war hat sch Schippel heult. ern habe., yollfragen , dente! fla. Schi Er h Agrarul 0 9 järt fh zoden d und il hat fi gestell ent dit tant . bn get Uu der En d oft nb th heft ange No — welcher ufs neue — — . —— . T—. ͤ——. n e Nr 20. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Oeite 11. richtig!) Das ist ein charakteristischer Bewels für die Taktik dieses Mannes, daß er nie öffentlich sagt, was er meint. Einst stand er auf dem äußersten linken Flügel, jetzt sagen intime Freunde von Schippel, daß er nicht mehr zu uns gehört. Schippel hat uns stets Verlegenheiten gemacht. Bei den Berliner Stadtver⸗ ordnetenwahlen, bei der Maifeier, auf dem Parteitag in St. Gallen und schließlich sein mehr als merkwürdiges Verhalten in der Agrarfrage in Breslau. Und immer die höhnende herabsetzende Weise gegen das, was er am Tage vorher selbst geglaubt hat.(Sehr richtig!) Dann sein Milizartikel in den Monatsheften. Solange die Partei besteht, ist über unser Programm derartiges von einem Parteigenossen noch nicht gesagt worden. Dann kam seine Stuttgarter Zoll⸗ und seine Hamburger Kanonenrede. Liebknecht und ich waren so naiv, Schippel in Schutz zu nehmen. Es ist doch etwas anderes, wenn man sich in der Ruhe zu Hause hinsetzt und schreibt, was die ganze Partei in den Augen der Gegner herab⸗ setzt, als wenn man in der Hitze des Kampfes über die Schnur haut. Wir wollen Schippel nicht ausschließen. Vielleicht wird mancher sagen, wir werden dazu ge⸗ zwungen sein; mir sollte das leid tun. Aber wie oft hat sich in den letzten 18 Jahren Parteitag, Fraktion und Parteivorstand mit Schippel beschäftigen müssen! Und immer wieder schlägt Schippel bei allen seinen Wandlungen den hochfahrenden Ton der Unfehlbarkeit an. So erzeugt er die Erbitterung, die die Partei schwer schädigen muß. Wenn wir 10 Schippel hätten, würde eine vollständige Zerrüttung der Partei die Folge sein. Wer die dann notwendige Spaltung ver⸗ meiden will, der verlange, daß jeder von uns sich als Sozialdemokrat benimmt und sich so zum Partei⸗ programm stellt, daß wir allezeit wissen, daß wir es mit einem Genossen zu tun haben.(Lebhafter Beifall.) v. Elm⸗ Hamburg. Schippel hat nach meiner Ueberzeugung niemals Agrarzölle befür⸗ wortet, er hat uns erklärt, daß die Agrarzölle vom Standpunkt der kapitalistischen Gesellschaft eine Notwendigkeit seien. Das ist kein Maje⸗ stätsverbrechen. Wir sagen auch, der Milita⸗ rismus ist für die herrschenden Klassen not⸗ wendig, und bekämpfen deshalb doch den Mili⸗ tarismus. Auch Schippel hat die Agrarzölle als Zollwucher stets bekämpft. Er kommt trotz verschiedener Beurteilung der handelspolitischen Strömungen zu demselben Schluß wie wir. Schippel ist kein Agrarzöllner. Ich meine, der Parteitag ist zu einer solchen Beurteilung Schip⸗ pels, wie sie beabsichtigt ist, nicht berechtigt. Dr. Arons⸗Berlin erklärt sich für die Resolution Paeplow. Mit Schippel müsse ein ernstes Wort gesprochen werden, aber in so anständiger Form, wie sich das einem so alten Parteigenossen gegenüber ziemt. Hoch⸗-Hanau schließt seine Ausführungen: Von einem Herausschmeißen Schippels aus der Partei ist nicht die Rede. Wir sagen nur: er darf nicht Führer sein.— Kautsky meinte, Schippel interessiere uns weniger als Theore⸗ tiker, sondern als sozialdemokratischer Reichs⸗ tagsabgeordneter, der die Partei hemmt. Und da hat sich trotz aller theoretischen Streitig⸗ keiten der letzten Jahre in dieser eminent prak⸗ tischen Frage sofort unsere volle Einmütig⸗ keit gezeigt. Schippel selbst hat sich diesem Verdikt gefügt und sich als Gegner der Agrar⸗ zölle bekannt. f In der Mittwoch⸗Nachmittagssitzung wird die Debatte fortgesetzt und es sprechen dazu noch Katzenstein, Cunow, Antrick, Frau Zietz und Dr. Südekum, der für Schippel eintritt. Schippel wendet sich schließlich gegen die wider ihn erhobenen Angriffe. Er erklärt, daß er nie die Partei verhöhnt habe. Man habe übrigens noch nie verlangt, daß jeder Partei⸗ genosse Gegner von Schutzzöllen sein müsse. Kautsky ist auch nur als Opportunist prinzipiell gegen Schutzzölle. In Oesterreich hat er schon Resolutionen mit verfaßt, die prinzipiell die Schutzzöllnerei nicht verwerfen. Ich habe in meinem Buche als wissenschaftlicher Mensch die Verpflichtung gefühlt, einmal die Ursachen zu zeigen, aus denen sich das Bürgertum vom „Freihandel zu Agrarzöllen entwickelt hat. Ich habe aber auch gleichzeitig vom Standpunkte der Arbeiter gegen die Agrarzölle Einspruch erhoben. Als Grund habe ich angeführt die ungerechte Aufbringung der Abhilfemittel bei der Masse der Arbeiter. Ich habe nun oft genug erklärt, erkläre es aber nochmals: Ich bin gegen Agrarzölle und ich bitte Sie nun endlich, diese Erklärung hören zu wollen und sie ernst nehmen zu wollen. Ueber meine Zurückhaltung beim Zolltarif ist auch viel geredet worden. Wer nicht gerade um jeden Preis einen Streitfall konstruicren will, der muß doch mein Schweigen verstehen. Wenn jemand in einer Frage überstimmt wird in der Fraktion, so schweigt er eben in dieser Frage still. Damit aber die Gegner meine sonstigen schutzzöllnerischen Neigungen nicht auch für die Agrarzölle ausnutzen, habe ich meine Gegnerschaft gegen Agrarzölle deutlich bekannt. Der Satz in meinem Buche ist ja geradezu formuliert, um den Gegnern ins Gesicht gehalten zu werden. Ich will hier nochmals erklären, daß ich innerlich kein Agrarzöllner bin. Sorgen Sie aber dafür, daß diese Art, den Gegner auf Aeußerungen, die falsch interpretiert werden können, mit der Nase zu stoßen, aufhört, dann beg en wir noch immer mit einander auskommen önnen. Nach dem Schlußwort des Referenten Lede⸗ b our und einer Reihe persönlicher Bemerkungen wird zur Abstimmung geschritten, die namentlich ist. Die Resolution Bebel wird mit 234 gegen 44 Stimmen angenommen und ebenso das Amendement Freythaler mit 150 gegen 126 Stimmen. Letzteres lautet: „Der Parteitag erklärt weiter, daß das Vertrauen, dessen ein Genosse zur Bekleidung von Vertrauensstellungen in der Partei unbedingt bedarf, gegenüber dem Genossen Schippel aufs Tiefste erschüttert ist und daß, wenn Schippel fortfährt, in der bisherigen Weise zum Schaden der Partei zu wirken, er gezwungen sein wird, die Konsequenzen seines Verhaltens zu ziehen.“ Am Mittwoch Abend wird noch das Mandat Fendrichs für gültig erklärt.— Donnerstag unternahm der Parteitag auf Einladung der 16107 Genossen die Dampferfahrt nach Helgo⸗ and. Freitag Vormittag kommt die Organisationsfrage zur Verhandlung. Berichterstatter ist Gerisch, der sich zunächst über die Beteiligung der Reichstagsfraktion an dem Parteitage äußert sowie über die Vertretung der Wahlkreise auf dem Parteitage. Im Ferneren bespricht er die Bestimmungen des Statuts, die sich auf den Ausschluß beziehen und zu denen, eine Reihe Anträge vorliegen. Weiter führt er aus: Der weit verbreitete Wunsch nach einer strafferen Organisation hat im Breslauer An⸗ trag seinen prägnantesten Ausdruck gefunden. Mitglied der Partei soll nur der sein, der unserm Zentral⸗Wahlverein angehört. Aber damit würden wir alle Frauen ausschließen, dem Berliner Parteivorstand eine unerfüllbare Aufgabe in der Anmeldung der Mitglieder bei der Polizei stellen und die Staatsbeamten und Arbeiter der verschiedenen Staaten ohne An⸗ meldungspflicht auf dem Umwege über Berlin der Polizei ausliefern. Schließlich könnten wir in Mecklenburg und andren Bundesstaaten überhaupt keine Organisation haben. Eine Kampfpartei wie die unsre darf sich auch keine Organisation geben, die durch den Federstrich eines preußischen Polizeiministers erschüttert werden kann. Man soll auch nicht glauben, durch eine feste Organisationsform sofort die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder erreichen zu können. Auch diese haben erst seit Einführung der hohen Unterstützungen einen festen Stamm. Es kommt ja schließlich gar nicht darauf an, daß die Beitragsmarken und Mitgliedsbücher einheitlich von Berlin her ausgegeben werden, sondern daß wir einen bestimmten Betrag nach Berlin bekommen. Aber jedenfalls werden wir nicht auf diesem Parteitage zur endgültigen Entscheidung kommen. Aus diesem Grunde empfehle ich Ihnen folgenden Antrag: „Zur gründlichen Vorbereitung einer Umarbeitung des Organisationsstatuts setzt der Parteitag eine Kom⸗ mission von 23 Mitgliedern ein, die aus Angehörigen der wichtigsten Bundesstaaten und Provinzen zusammen⸗ gesetzt ist. Diese Kommission hat spätestens 3 Monate vor Stattfinden des nächsten Parteitages einen neuen Organisationsentwurf auszuarbeiten und den Partei⸗ genossen zur Diskusston zu unterbreiten. Die Beschluß⸗ fassung erfolgt auf dem nächstjährigen Parteitag.“ Dieser Antrag wird nach kurzer Diskussion angenommen und zugleich werden die Mit⸗ glieder der Kommission gewählt. Es folgt der Punkt Naifeier. Als Referent führt Abg. Richard Fischer⸗ Berlin aus: Unsere Stellung ist gegeben. Der internationale Kongreß hat entschieden, auf unsre Anregung jede Abschwächung und jede Verschärfung der Resolution abgelehnt, und wir haben als deutscher Parteitag einfach die Schuldigkeit, diesen Beschluß anzuerkennen. Der Einwand, wir könnten überhaupt nicht beschließen und dann den Gewerkschaften die Verantwortung aufladen, scheint mir prinzipiell falsch. In Paris, in Amsterdam haben die Gewerkschaftsführer an den internationalen Beschlüssen teilgenommen. Gewiß haben Ge⸗ werkschaftsführer, die es ernst mit ihrer Sache nehmen, von der Maifeier eine ebenso große Arbeit wie Verantwortung: aber durch die Geschichte und besonders durch die Feindseligkeit der Bourgeoisie ist die Maifeier ein Stück des Klassenkampfes geworden und da ziemt es sich nicht zu fragen: Was kostet es? Wäre es nicht Verrat und Verbrechen an der Arbeiterklasse gewesen, wenn beim Krimmit⸗ schauer Kampf oder bei der Zuchthaus vorlage die Sozialdemokratie erklärt hätte, das sei in serster Linie Sache der Gewerkschaften. Nicht um der Augenblicksvorteile willen, sondern um das ständige Wachstum unsrer Bewegung und das unerschütterliche Festhalten an unsrem Klassenideal zu bekunden. Je mehr durch Aus⸗ dehnung der Gewerkschaftsbewegung sich der persönliche Zusammenhang mit der politischen Bewegung löst, um so notwendiger wird es, daß die Massen alljährlich aus tiefstem Herzens bedürfnis heraus ihr sozialdemokratisches Glau⸗ bensbekenntnis ablegen, das zu einem drohenden Menetekel für die Gegner wird. Deshalb empfehle ich, daß wir wie früher stets die Ar⸗ beitsruhe für die vornehmste Form der Maifeier erklären, die Pflicht dazu aber nur denen auf⸗ erlegen, die die Möglichkeit haben, sie zu el⸗ füllen.(Lebhafter Beifall.) In der Diskussion hält Weinheber⸗ Hamburg die von den Unternehmern verfügte Aussperrung für eine schwere Schädigung der Arbeiterinteressen. Die in der Metallindustrie beschäftigten Arbeiter beteiligen sich nicht an der Maifeier, in Hamburg feiern nur Bau⸗ handwerker, Schuster, Schneider und Gastwirte. Wo Großzindustrie herrscht, ist die Arbeitsruhe nicht möglich; sie ist nur möglich, wo Klein⸗ handwerk besteht. Man sollte sich endlich ein⸗ mal über eine andere Formulierung des Mai⸗ feierbeschlusses einig werden. Demgegenüber meint Zubeil, die Verlegung der Maifeter auf den Sonntag, die ja hier keine Unterstützung gefunden hat, wäre der schlimmste Rückschritt. Wenn die Gewerkschaftsführer ernstlich versuchen wollten, auf dem Gewerkschaftskongreß gegen die Maifeier vorzugehen, so würden sie merken, daß die Masse der Mitglieder auf dem Boden der Maifeier steht. Im ähnlichen Sinne wie Weinheber äußern sich noch weitere Redner. Bömelburg: Alle Anträge, die auf Ar⸗ beitsruhe verzichten, sind für uns unannehmb ar, weil die internationalen Kongresse es anders beschlossen haben. Wollen wir uns diesen Be⸗ schlüssen nicht fügen, so durften wir keine inter⸗ nationalen Kongresse beschicken. Der nächste Gewerkschaftskongreß wird nun wohl zur Frage der Maifeier Stellung nehmen. Im Weiteren legt der Reduer die Schwierigkeiten dar, welche der allgemeinen Arbeitsruhe am 1. Mai heute noch entgegenstehen und die Gewerkschaften oft in eine peinliche Situation brächten. Aber so lange der Amsterdamer Beschluß besteht, werden auch wir mit allen Kräften danach streben, die Arbeitsruhe am 1. Mat möglichst zu verallge⸗ meinern. In seinem Schlußwort betont Fischer, daß die Gewerkschaften die Entscheidung darüber haben, ob sie die finanziellen Opfer bringen wollen und können. Aber wie ein Ssozial⸗ demokrat so reden kann, wie Klühs⸗Breslau ge⸗ tan hat, ist mir unverständlich. Weil die Be⸗ wegung schwach ist, dürfen wir doch die Agi⸗ tation nicht einstellen. Im Gegenteil, da müssen wir doppelt agitieren. Die Gewerkschaften sollen es ernst nehmen mit der Maifeter. Weiter wird Nr. 40. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 12. nichts verlangt. Bei besseren wirtschaftlichen Verhältnissen können die Gewerkschaften mehr für die Maifeier tun als heute. Die Grund⸗ anschauung aller Gewerkschaften ist wirtschaft⸗ liche Besserstellung des Proletariats, aber nicht unter Aufgebung des Klassenkampfes. Wird bei den Gewerkschaften der Klassenstandpunkt aufgegeben, so droht auch dem politischen Kampf die Gefahr. Wir haben also Veranlassung, diesen Standpunkt zu bekämpfen im Interesse der Gewerkschaften selbst. Ich glaube auch, daß die deutsche Arbeiterschaft in Zukunft nicht dafür zu haben sein wird.(Beifall.) Die von dem Referenten beantragte Reso⸗ lution, welche mit derjenigen früherer Jahre gleichlautend ist, wird angenommen. Freitag Nachmittag wurden die Verhand- lungen bei dem Punkte Kommunalpolitik fortgesetzt. Der Referent, Abg. Lindemann, hat hierzu eine längere Resolution“) vorgelegt, die er ausführlich begründet. Redner gibt eine Erläuterung seiner Resolution, besprach die Auf⸗ gaben der Gemeinde, den Umfang der kommu⸗ nalen Verwaltungstätigkeit und die Forderungen, welche die Sozialdemokratie in kommunaler Be⸗ ziehung aufstellt. Die Grundsätze, nach welchen die Gemeindeverwaltung verfahren, das Ge⸗ meindewesen eingerichtet werden soll, legte der Referent eingehend dar. Ebenso erfuhren die Forderungen auf dem Gebiete der kommunalen Arbeiterpolitik eingehende Begründung. Auf alle diese Dinge kommen wir in allernächster Zeit noch zurück, gegenwärtig sind wir des mangelnden Raumes wegen dazu außer Stande. Nach längerer Diskussion, an der sich u. a. Hoch, Südekum, Sepitz, Ulrich, Repp⸗ Friedberg beteiligten, wird die Resolution Linde⸗ mann angenommen. Mehrere Anträge lagen vor, welche die Beschlußfassung über diesen Tagesordnungspunkt dem nächsten Parteitag überweisen und eine Kommission zur weiteren Bearbeitung des vorliegenden Materials ein⸗ gesetzt wissen wollten. Samstag früh kommt der Internationale Kon⸗ greß in Amsterdam zur Verhandlung. Berichterstatter ist Bebel: Ein internationaler Kongreß ist eine schwierige Sache. Die Verschiedenheit in Sprache und Denken macht die Verständigung weit schwerer als auf nationalen Parteitagen. Dazu kamen die Zwistiokeiten der Franzosen, zu denen naturgemäß auch die anderen Nationen für oder wider Stellung nehmen. So kam es zu den heftigen Zusammenstößen in Paris und ich hatte für Amsterdam ähnliches befürchtet, Ein Stein des Anstoßes, der Fall Millerand, war be⸗ seitigt, aber die Grundfrage, die der Teilnahme der Sozialisten an der Regierung, war noch ungelöst, und je länger eine solche Streitfrage besteht, desto tiefer wird der Gegensatz. Gegenüber diesen Befürchtungen kann ich erklären, daß der Amsterdamer Kongreß uns eine außerordentliche Befriedigung bereitet hat. Die Schwierigkeiten wurden aber überwunden durch den ernsten Willen aller Beteiligten, durch das liebenswürdige Entgegenkommen der Holländer und die äußerlich glänzende Ausstattung des Kongresses. Man muß das kleine unscheinbare Gebäude, in dem 1872 im Haag der letzte Kongreß der Internationale tagte, mit diesem prächtigen Konzerthaus vergleichen. Die Schar der Delegierten aus allen Kulturländern war vollzählig. Wir, die sonst immer an erster Stelle in bezug auf die Stärke der Delegation waren, wurden diesmal von England, bei dem besonders die Trades Unions sehr stark vertreten waren, und Frankreich überholt. Aus Deutschland waren 40 Dele⸗ gierte der Partei und 27 der Gewerkschaften erschienen. Nun ist es ja gewiß merkwürdig, wenn die sozialistische Partei Japans und Argentiniens dieselbe Stimmenzahl haben soll wie wir, und daß der Genosse Katayama den Ausschlag gegen die Resolution Adler⸗Vandervelde gab, hat spöttische Kommentare hervorgerufen. Aber wir haben bisher noch kein einigermaßen gerechtes Stimmenverhältnis finden können. Sehr gestört wurden die Verhandlungen durch die ungenügende Vorarbeit des internationalen Bureaus, dessen Sekretär Serwy nur die französische Sprache kennt. Die Belgier versprachen für die Zukunft Abhilse. Die Kommissionen, in denen die Vorarbeiten erledigt werden mußten, erforderten zwei volle Arbeitstage. Besonders die Taktikkommission hatte lange Vorarbeiten zu erledigen. Genosse Quarck hat in der Frankfurter Volksstimme bedauert, daß die Taktik⸗Verhondlungen überhaupt in der Kommission statt⸗ ) Wir bringen die sehr umfangreiche Resulution in der nächsten Nummer zum Abdruck. gefunden haben. Ich habe in Amsterdam den Antrag gestellt, erst Kommissionsverhandlungen abzuhalten. Ich fürchtete einen Zusammenstoß der Franzosen und wollte die erhitzten Geister sich erst in der Kommission abkühlen lassen. Es kam anders, bis auf eine kleine Episode am Schluß, wo Jaures und Guesde zusammenstießen, nahmen die Verhandlungen einen großartigen Verlauf, Nichts lag uns ferner, als hinter geschlossenen Türen zu verhandeln, denn der kleine Saal war dicht gefüllt. Hätten wir diese Art der Verhandlungen vorausgesehen, so hätten wir auch für eine ausreichende Berichterstattung gesorgt. Das Resultat der Taktik⸗Kommission war die Annahme der Dresdner Resolution. In der Versiche⸗ rungsfrage wurde Molkenbuhrs Resolution akzeptiert. In der Kolonialfrage wurde ein unseren Anschau⸗ ungen entsprechender Beschluß gefaßt, nachdem in der Kommission die Geister heftig aufeinander geplatzt waren. Auf Antrag Paeplow wurde beschlossen, daß die Gewerkschaften den Gewerkschaft⸗ lern fremder Nationen den Eintritt erleichtern. Auch die Frage des Generalstreiks ist dis⸗ kutiert worden. Ich will darauf heute nicht eingehen. Wie die Dinge gelaufen sind, werden wir die Frage auf dem nächsten Parteitag ver⸗ handeln müssen. In die Maifeier⸗Kesolution haben wir den Satz hineingebracht, daß die Arbeitsruhe, wenn keine Schädigung der Ar⸗ beiterinteressen damit verbunden ist, die wür⸗ digste Form der Feier sei. Die wichtigsten Ver⸗ handlungen waren die über die Taktik. Red⸗ ner gibt in längeren Ausführungen ein Bild der Verhandlungen darüber und geht dabei auf die Kritik ein, die Quarck in der Frankfurter „Volksstimme“ geübt hat. Quarck habe die Sache so dargestellt, als habe die deutsche Dele⸗ gation sich nie über die Frage, ob sie für die Resolutton Adler⸗Vandervelde oder die von den Guesdisten eingebrachte(Dresdener) stimmen wollten. Das sei durchaus unrichtig. Neben⸗ bei bemerkt Bebel, man solle nicht mit ihm Personenkultus treiben und von ihm als„all⸗ verehrten“ Führer sprechen. Er sei ein Partei⸗ genosse, wie jeder andere. Redner schildert dann die französischen Parteiverhältnisse und gibt der Meinung Ausdruck, daß es bald zu einer Einigung des französischen Sozialismus kommen werde. Wir in Deutschland, schließt Zebel, leben leider unter so jammervollen Zuständen, daß wir bisher nicht wagten, einen internatio⸗ nalen Kongreß nach Deutschland einzu⸗ berufen, weil die maßgebendste Regierung Deutschlands in den Fesseln des Russenkurses liegt, weil wir befürchten müssen, daß unsere Regierung aus Gefälligkeit die russischen Frei⸗ heitskämpfer dem Zarismus in die Hände spielen werde. Aber wir lassen es jetzt darauf ankommen, der nächste internationale Kongreß soll 1907 in Stuttgart tagen. Wir hoffen, daß man sich wenigstens vor der internationalen Welt schämen wird, daß man nicht schon so tief gesunken ist, daß man nicht alle Scham verloren hat. Wir hoffen, daß die württem⸗ bergische Regierung in der Hauptstadt des Landes, das die relativ größte bürgerliche Freiheit hat, genug Rückgrat gegenüber reaktionären Ver⸗ lockungen haben wird. Wir wollen alles leisten, was wir zu leisten imstande sind, daß der inter⸗ nationale Kongreß im Jahre 1907 in Stutt⸗ gart gut vorbereitet ist und daß unsere aus⸗ ländischen Genossen ihre helle Freude daran haben können.(Lebhafter Beifall.) Nach kurzer Debatte werden Singer und Bebel in das internationale Bureau delegiert. Im Laufe der weiteren Verhandlungen er⸗ ledigt der Parteitag noch mehrere Anträge, die Freisinnigen künftig bei Stichwahlen nicht mehr zu unterstützen, durch Uebergang zur Tages⸗ ordnung. Einstimmig gelangt eine Resolution zur An⸗ nahme, die sich gegen die Sold atenmiß⸗ handlungen richtet und gegen den immer mehr beliebten Ausschluß der Oeffentlichkeit bei den Militärgerichts⸗Verhandlungen protestiert. Von den weiteren angenommenen Anträgen sind zu erwähnen: eine Resolution von Schul z⸗ Bremen in der Schulfrage, worin am Schluß erklärt wird: „Die Befreiung der Volksschule aus ihrer heutigen unwürdigen Stellung als Magd der herrschenden Klassen und der Kirche kann nur das Werk der Arbeiterklasse vermittelst des Klassenkampfes sein.“ Ebenso wird eine von Dr. Michels und Kautsky beantragte Resolution, welche die italienische Sozialdemokratie zu ihrem tapferen und siegreichen Kampfe beglück⸗ wünscht, einstimmig angenommen. Ferner wird eine längere Resolution an⸗ genommen, die von Königsberg und andern Orten beantragt ist und sich gegen den Russen⸗ kurs wendet. In einem Zusatz Bernsteins beauftragt, einen Gesetzentwurf zur Schaffung eines Fremden-Rechtes einzubringen. In die Parteileitung wurden gewählt: zu Vorsitzenden Bebel mit 249 und Singer mit 250 Stimmen— zum Kassterer Gerissch mit 250 Stimmen— zu Sekretären Auer mit 250, Molkenbuhr mit 250 und Pfann⸗ kuch mit 249 Stimmen. Zu Kontrolleuren sind wiedergewählt: Bock, Brühne, Ehrhard, Geck, Kaden, Koenen, Meister, Pfarr und Frau Zetkin. Auf Vorschlag Meisters wird debattelos eine Erhöhung des Gehalts der Sekretäre und des Kassierers von 3600 Mk. auf 4200 Mk. beschlossen. Als Ort des nächsten Parteitags wird Jena bestimmt. Damit sind die Arbeiten des Parteitags erledigt. Der Vorsitzende Dietz dankt den Bremer Genossen herzlichst für den liebens⸗ würdigen Empfang, den sie dem Parteitage bereitet haben, für das herrliche Parkfest und die prächtige Helgolandfahrt. Er gibt im Weiteren einen Ueberblick über die Parteitags⸗ arbeiten und schlietzt: Wir schiffen sicher in den Sozialismus hinein, denn einer freiwilligen Armee, die nach Millionen zählt, kann die alte morsch gewordene Gesellschaft keinen Wider⸗ stand mehr leisten.(Lebhafter Beifall.) Um unser Ziel zu erreichen, dazu gehört Agitation, Organisation und die alte Opferfreudigkeit. Diese wollen wir auch betätigen im nächsten Jahre und immerdar, das bekräftigen wir durch ein dreifaches Hoch auf das Blühen und Gedeihen der deutschen Sozial⸗ demokratie. Sie lebe hoch!(Die Dele⸗ gierten stimmen dreimal in das Hoch ein und fingen stehend den ersten Vers der Arbeiter⸗ marseillaise.) Von selbst kommt keine Besserung der Lage der Be⸗ sitzlosen, der Arbeiter und kleinen Leute, keine freiheitliche Ausgestaltung uuserer politischen Verhältnisse, alles muß erkämpft sein! Zu solchem Kampfe ist Aufklärung nötig, welche nur die Arbeiterpresse bringt. Für ihre weiteste Verbreitung zu sorgen ist daher Pflicht jedes Angehörigen der werktätigen Bevölkerung, der kämpfenden freiungskampfe der Unterdrückten gegen⸗ unterstützt, schädigt sich und seine Klassen⸗ genossen! 5 Darum werbt für den Quartalsbeginn fleißig neue Leser für die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Die„Mitteldeutsche Sonntags⸗ Zeitung“ erscheint wöchentlich einmal und kostet nur 23 Pfg. den Monat; 78 Pfg. das Vierteljahr. Splitter. Kampf um den Futter anteil oder ein Kampf um den Futter platz auf unserer Erde. * * Ein jedes Band, das noch so leise Die Geister an einander reiht, Wirkt fort auf seine stille Weise b enbare Zeit. Durch unberech 3. Verlag der Mitteld. Sonntags⸗Zeitung(E. Krumm), Gießen, Verantwortl. Redakteur F. A. Vetters, Gießen, Druck von Heppeler& Meyer, Gießen. wird die sozialdemokratische Reichstagsfraktion Arbeiterklasse. Wer gleichgiltig dem Be⸗ übersteht, wer die Presse der Arbeiter nicht Es ist die Menschheitsgeschichte entweder ein l 2 3 55 bu 2 2 — 7 . 5ÜÜ0“¹¹iA u(... 2 2 S S 10