—— . auk⸗ ere eZe ZG(„ el 0 resse N 99e eee eee see 1 N Ur. 18. Gießen, den 1. Mai 1904. 11. Juhrg. f Augertlaß 11. Schloßgasse Mitt eld eutsch E 8 Nachmittag 4 Uhr Sonnt r——ñ 2 6⸗Jeitung. Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unrer Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. 1 nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Bestellung n Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die finden in der M. S.⸗Ztg, weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt 1 Juserate Die ögespalt. Bei mindestens Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung O 1 E⸗ hebt der Frühlingssturm die Flügel Und jedes Herz wird froh gestimmt: Er ist gekommen, der die Zügel Der harten Hand des Winters nimmt; Der da zerbricht, was dürr geworden, Und Raum den jungen Trieben bringt; Der in gewaltigen Akkorden Das Lied der Auferstehung singt. Die Welle brach des Eises Schranken Und sprudelt schäumend himmelan Und trägt den hohen Lenzgedanken Vom Fels bis hin zum Ozean! Ihr Völker in der weiten Runde, Wer ist's, der euch verkünden mag Wann bricht nach mancher trüben Stunde Für euch herein der Maientag? Der Knechtschaft Winter konnte biegen Ins Joch euch mit der eis'gen Faust, Und heulend kam in blut'gen Kriegen Der Wettersturm einhergebraust. Es ist vorbei— und selig werden Möcht' euer Herz im Sonnenschein— Und bangend fragt ihr: wann auf Erden Wird endlich Völkerfrühling sein?— vslkerfrübling. Ihr braucht die Sterne nicht zu fragen Mit kummerblassem Angesicht; Es kann's euch jede Blume sagen: Das Leben ist allein im Licht! Ihr schaut vergebens auf nach oben, Solang' ihr euch im Traum behagt Und nach wie vor der Pfaffenroben, Der Purpurmäntel Schleppen tragt. Die Freiheit wird ihr eigner Henker Bei einem Volk, betört vom Wahn; Nur einer Welt der freien Denker Kann einst der Völkerfrühling nahn! Das Licht ins Volk! Von allen Zinnen 9 e Gepredigt wider Lug und Trug, Der gerne möcht' die Welt umspinnen, Wie er sie einst in Fesseln schlug. Das Licht ins Volk, daß es die Flügel Des Geistes brauch' in stolzer Kraft; Daß es, entwöhnt von Joch und Zügel, Sich selbst die bessre Zukunft schafft! Zu einem Bunde fest zusammen, Die ihr der Arbeit Söhne seid: So wahr der Sonne Strahlen flammen— Es kommt der Völker Maienzeit! 1 90 —. 285 Prolefdrier aller händer bereinigt Euch! Das Fest der Arbeit. In reichlich zwei Monaten sind fünfzehn Jahre verflossen, seitdem der 1. Mai als Fest⸗ tag der Arbeit eingesetzt wurde. Zur Hundert⸗ 2 5 1 des Bastillesturmes— 14. Juli 1899 — trat in Paris das Parlament der Arbeit zusammen, um das Werk der Befreiung aus der Knechtschaft, das hundert Jahre zuvor be⸗ gonnen worden war, der Vollendung entgegen⸗ zu führen. Es galt, den Kampf zu führen und Sturm zu laufen gegen eine neue Bastille, gegen die Zwingburg des Kapitalismus, welche die Bourgeoisie errichtet hatte. Den Kampf gegen die Bastille des Kapita⸗ lismus zu regeln und nachdrücklicher zu ge⸗ stalten, sollte die Aufgabe des internatio- nalen Arbeiter⸗Kongresses sein, zu dem aus allen Ländern die Vertreter der Ar⸗ beiterschaft zahlreich herbeigeeilt waren. Und 0 für diese gab es keinen bornierten Nationali— tätenhaß, sie kümmerten nicht die„nationalen“ Unterschiede, für sie gab es nur zwei Na- tionen: Hier Kapital, hier Arbeit! Hier die arbeitende, dort die besitzende Klasse. Hier die Unterdrückten, dort die Unter⸗ drücker! Und um dem Bewußtsein der internatio⸗ nalen Solidarität, der Zusammengehörigkeit, der Einheit des Denkens, Fühlens und Stre⸗ bens einen würdigen Ausdruck zu geben, und das Bruderband fester zu schlingen, beschloß der Kongreß in seiner letzten Sitzung, am 20. Juli 1889 einstimmig das Maifest der Ar⸗ beit.— Und die Arbeiter aller Länder haben jenen Beschluß zur Wahrheit gemacht. Seitdem begehen wir unser Maifest. Aller⸗ dings fand jener Beschluß innerhalb der deut⸗ schen Arbeiterwelt, die damals noch unter dem Drucke des schmachvollen Sozialistengesetzes, seufzte hier und da eine geteilte Aufnahme, das war aber nur vereinzelt, die Masse der zielbewußten Arbeiter jubelte mit Begeisterung dem Weltfeiertage des Proletariats zu. Und von Jahr zu Jahr wurde ganz besonders in Deutschland die Maifeier imposanter und ge⸗ waltiger, immer weitere Arbeiterkreise nahmen den Maigedanken in sich auf, mehr und mehr bürgerte sich das Weltfest der Arbeit ein. Trotz der wütenden Feindschaft der Gegner! Von den besitzenden Klassen und den Gewalt⸗ habern ist wohl kein noch so abscheuliches Mit⸗ kel unversucht geblieben, den Arbeiterfeiertag zu vernichten. Staatsanwälte, Gerichte, Gen— darmen und Soldaten wurden gegen ihn in Bewegung gesetzt; mit Verboten, Hunger, Ker⸗ ker, ja sogar mit Flinte und Säbel suchte man die Kundgebung des internationalen Prole tariats zu unterdrücken. Auch heute operter — T ———————————Ä— — — * ——— Seile 2. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. der Kapitalismus und seine Soldknechte und Soldschreiber noch mit den gleichen verächtlichen Mitteln. Ja, je mehr sich die Reihen der Ar⸗ beiter schließen, je mehr sie zur Erkenntnis kommen und dem Soztalismus sich zuwenden, um so gewalttätiger und hinterlistiger geht er gegen sie vor, sucht durch Polizeichikane, Rechts⸗ berdrehung, Klassenjustiz, Wahlentrechtung den Vormarsch des Arbesterheeres zu hindern. Ver⸗ 72 Die vereinigten Arbeiter aller zänder sind unbestegbar. Einigkeit der Arbeiter! Ste soll unsere Maifeier in erster Linie zum Ausdruck bringen. In jedem zielbewußten Arbeiter soll sie den unbeugsamen Entschluß zur Reife bringen, in Gemeinschaft mit den Millionen Gleichdenkender, Gleichfühlender, Gleichstreben— der, die gleichzeitig in allen Ländern der Erde den gleichen Willen bekunden, an dem Werke der Befretung zu arbeiten. In der Einigkeit liegt die Macht. Und was kann mehr zum Handeln stärken, als das Bewußtsein, daß Millionen zum gleichen Handeln entschlossen sind, ihre Kraft mit der unsrigen zu einer einzigen Summe von Kraft zusammenschmelzen, daß wir alle Soldaten sind einer großen Armee! Unser Kampf gilt der Befretung der Arbeiter und damit des gesamten Volkes vom Joche des Kapltalismus. Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlfahrt aller Menschen ist unsere Losung. In diesem Kampfe haben wir die Besten und Tüchtigsten der Menschen auf unserer Seite. Wer nur einlgermaßen um sich blickt, wessen geistiges Auge nicht durch Vorurteile, Egots⸗ mus und Herrschsucht getrübt ist, erkennt— und wenn er selbst der besitzenden Klasse angehört—. wie die ganze menschliche Gesell⸗ schaft unter der kapitallstischen Herrschaft leidet und verberbt wird. Recht und Gesetz, Wissen⸗ schaft und Kunst, Sitte und Ordnung wird durch den unheilvollen Einfluß des Geldsacks korrumpiert und in das Gegenteil verkehrt. Uusere Zeitung würde nicht ausreichen, wollten wir hierfür nur die markantesten Beisplele aus der letzten Zeit anführen. Immer mehr Men⸗ schen zwingt der kapitalismus in sein Joch, unerträglicher wird der Druck. Brauchen wir die Lage der arbeitenden Klassen, ihr menschenunwürdiges Dasein zu schildern? Jeder Arbeiter kennt sie und jeder sollte auch längst erkannt haben, daß nur die Verwirklichung des Soztalismus eine dauernde Besserung ihrer Lage verbürgt. Als Etappe zu diesem Ziele suchen wir den Achtstundentag zu erringen, den der Pariser Kongreß als die zunächst zu berwirklichende Hauptforderung be— zeichnete und zu dessen Propagterung die Mai— feier eingesetzt wurde. Der Mensch lebt nicht um zu arbeiten, er arbeitet um zu leben. Oder es sollte doch so sein. Die Arbeit ist nicht Zweck, sie ist Mittel. Der Kapitalismus hat aber die Arbeit zur Sklavin gemacht, ste in seine Dienste gepreßt. Je länger die Arbeits- zeit dauert, desto größer die Ausbeutung. Nimmersatte Geldgier suchte von jeher die Ar. beitszelt ins Maßlose zu verlängern und scheute sich nicht, die Gesundheit und das Leben der Arbeiter zu opfern. Die Arbeiter müssen daher in erster Linie im Interesse ihrer Selbsterhalt- ung für Verkürzung der Arbettszeit kämpfen. So grausige Zustände auch heute noch be⸗ stehen— man lese nur das Protokoll des letzten Hetmarbeiter-Kongrefses!— können wir doch bemerkenswerte Fortschritte verzeichnen, seildem der Weltfeiertag eingeführt ist. In einigen Berufen haben wir bereits den Acht⸗ stundentag, er besteht z. B. durchgängig in soztaldemokratischen Parteldruckereien. Was aber je und auf allen Gebieten für die Arbeiter er— reicht wurde, wem ist es zu danken? Wer hat sich je der Beladenen angenommen? Die Fürsten? Die Pfaffen? Die Reichen und Wohlhabenden? Nimmermehr! Von der Seite werden den Ar— beitern höchstens Bettelbrocken hingeworfen und dafür Dankbarkeit, Demut, Unterwürfigkeit. Nein, alles mußten sich die Arbeiter sel bst erkämpfen. Hat der Kampf auch Opfer gekostet, so ist er doch nicht umsonst geführt wor den. Welche erfreuliche Entwickelung hat die Gewerkschaftsbewegung genommen! Jul Zeit der ersten Malfeter hätten wir für Zukunfts⸗ phantasten erklärt, was heute tatsächlich erreicht ist. Aber unendlich viel bleibt noch zu tun! Außer für den Achtstundentag demonstrieren wir am 1. Mai für den Weltfrieden und gegen den Militarismus. Und unser Protest gegen den Mordspatriotismus und den privilegierten Völkermord bedeutet eine Kultur⸗ tätigkeit ersten Ranges. Willenlos werden ganze Völker zur Schlachtbank geführt, unge⸗ heuere Kulturrechte fallen der Vernichtung an⸗ heim, während die Masse der Völker darbt und entbehrt! Immer vollkommener, raffinierter werden die Zerstörungsmaschinen, deren Her⸗ stellungskosten Milliarden verschlingen. Immer zahlreicher die Heere, für deren Unterhalt die Völker ihren Wohlstand opfern. Welcher Wahn⸗ sinn, welche Bestialität! Darum fort mit weltpolitischen Raubzügen! Nieder mit dem Militarismus und Marinismus! Arbeiten wir alle, soviel in unsern Kräften steht, an der Beseitigung der Barbaret und Unkultur! Gegen Unterdrückung und Ausbeu⸗ tung in jeder Form heißt die Parole! Jeder kann, jeder muß mitarbeiten. Mann und Weib! Geloben wir uns heute wieder am Feste der Arbeit im Kampfe nicht nachzulassen, sondern tagtäglich einzutreten für Wahrheit, Fretheit und echtes Menschentum! Wirkung kürzerer Arbeitszeit. Kürzere Arbeitszeit— höbere Löhne, bessere Ernährung— bessere Arbeit. Der amerikanische Fabrikant Schönhof sagt in einem nattonal⸗ökonomischen Werk darüber: „Der höhere Lohn pro Tag, der in den Vereinigten Staaten vorherrscht, ermöglicht den Arbeitern eine bessere Lebensweise und Er⸗ nährung an Körper und Geist. Sie essen mehr und besser als irgend welche Arbeiter Europas, und ihre allgemeine Lebenshaltung ist eine höhere. Sie bedienen mehr Spindeln und Web— stühle in der Textilindustrie. In der Stahl⸗ fabrikation, in den Kohlenbergwerken, beim Koken und dergleichen bringt eine Anzahl Ar⸗— beiter in derselben Zeit mehr Produkte hervor, als irgend welcher ihrer europäischen Konkur— renten. Sie arbeiten stetiger in jeder einzelnen Stunde ihres Arbeitstages. Die Stetigkeit des Arbeiters, das Hingeben seiner ganzen Energie an die Arbeit ist äußerst intensiv und nur möglich, wo gute Nahrung vorwiegt. Jeder Moment wird genutzt, um die größtmögliche Stückmenge zu erzielen, die seiner Maschine oder seinen Händen abgerungen werden kann. Dies allein erklärt den hohen Verdienst in einigen Bes häf⸗ tigungen bei einem Stücksatz von einer Niedrig, keit, der in Europa Erstaunen erregt.“ * Lange Arbeitszeit— schlechte Löhne, schlechte Ernährung— schlechte Arbeit. Im abgelegenen Odenwald herrscht noch lange Arbeitszeit und schlechte Löhnung. Welche Folgen das zeitigt, sagt uns der badische Fabrik⸗ inspektor Wörishoffer in einem amtlichen Jahres⸗ bericht: „Wie wichtig eine gute Ernährung für die Leistungsfähigkeit der Arbeiter ist, sieht man erst dann mit aller Deutlichkeit, wenn Arbeiter von dürftiger Ernährung in eine Fabrikarbeit eintreten, die etwas mehr Ansprüche macht. So zog eine Fabrik Arbeiter aus industrielosen und armen Gegenden des Odenwalds herbei. Ste waren meist von dürftigem Ernährungszustande und zeigten sich für die au sich nicht gerade schwere Arbeit nicht ausdauernd genug. Die Erwartung, daß sich dies bei dem höheren Verdtenste und der damit verbundenen reich⸗ licheren und kräftigeren Ernährung bessern werde, ging nicht in Erfüllung. Die Folgen der zu dürftigen Ernährung in der Jugend Rr. 1. konnten nicht beseitigt werden. Der Versuch des Herbeizuges von Arbeitern aus den ge⸗ nannten Gegenden wurde daher auf gegeben.“ Politische Rundschau. Gießen, den 28. April 1904. Spießbürger ⸗Angst. Zur Maifeier wußten vorige Woche bürgerliche Blätter von„Sicherheits⸗N aß · nahmen“ der Behörden zu beichten. Da er— zählte man: „Schon jetzt ist, jedenfalls nach einheitlichem Plane, in vielen Städten den soztaldemokratischen Verbänden ein Umzug in geschlossener Masse untersagt worden, da derartige Kundgebungen eine Demonst ra⸗ tion gegen den bestehenden Rechts zust and bedeuten und deshalb eine Gefahr für die öffent⸗ liche Sicherheit, Ruhe und Ordnung in sich bergen. Die Gendarmerie wird am Maltage voll zählig auf dem Plane erscheinen, um nötigenfalls ein⸗ greifen zu können. Auch das Militär wird am 1. Mai teilweise auf Ausgang verzichten müssen, da Ka⸗ sernenkonsignierungen vorgesehen sind.“ Welche blödsinnige Angst spricht aus diesen Sätzen! Umso blödsinniger, als noch nie bei der Maifeier— sie wurde schon dreizehn⸗ mal begangen!— auch nur das Geringste vorgekommen ist. In früheren Jahren bestand das Verbrechen der Matfeier des Proletariats aller Länder darin, meint dazu der„Vorwärts“, daß sich die Arbeiter erkühnten, aus eigenem Recht an einem Festtage, den sie sich selbst ge⸗ schaffen, der Fron zu entlaufen und Menschen zu sein. Das war, so erzählte man uns, die furchtbare Auflehnung gegen die Rechtsordnung, die mit starker Hand niedergehalten werden mußte. Diesmal ist der 1. Mai gesetzlicher Feiertag. Der Kalender selbst ist revolutionär geworden und paktiert mit dem Umsturz. Der 1. Mai ist von Staats wegen in diesem Jahr ein Tag der Arbeitsruhe. Wenn das Prole⸗ tariat also diesmal sein Weltfrühlingsfest feiert, so verletzt es nicht das mindeste„Recht“, es stört um leine Minute den rastlosen Gang der göttlichen Profitmaschine. Aber das stärkt nur die Mat⸗Angst der bürgerlichen Kreise. Sie fürchten nun, daß die Massen unter der Sonne für den Frühling demonstrieren und durch bloße Gewalt ihrer Zahl und die Tiefe ihres Gefühls beweisen, wie stark die Welt der Arbeit sei. Wir sollen nicht Feste feiern, damit wir nicht in dem Be— wußtsein unsrer Macht wachsen. Wir sollen dem Mai nicht huldigen, damit der Philister nicht mit eigenen Augen das Schreckliche schaudernd zu sehen braucht, wie gewaltig die brausende Frühlingskraft der Menschheit der Unterdrückten sei.— Aber die aufzebotenen Soldaten und Gendarmen werden keine Arbeit bekommen. Und je mehr Bewaffnete zur Rettung der Ord— nung aufgeboten werden, desto mehr geplagte Proleten werden sich der Maikeier freuen und ewaltige Kundgebungen veranstalten für Be— Frein aus der Kapitalsknecht⸗ schaft für den Weltfrieden! Tatsächlich sind die Matfeierumzüge in ver⸗ schiedenen Orten, wo sie in früheren Jahren anstandslos stattfiaden konnten, verboten worden, so in Jena, Braunschweig und in mehreren badischen Städten. Unsere Genossen in der badischen Kammer haben denn auch eine Interpellation eingebracht, in der sie von der Regierung wegen dieser Verbote Erklärungen verlangen. Geheimnisvolle Wahlkouverts. Vor einiger Zeit teilte der„Vorwärts“ mit, daß möglicherweise die Auflösung des Reichstags geprant sei, was aber von den Re⸗ gierungsblättern als tolle Phantasie bezeichnet wurde. Sie wurden aber recht kleinlaut, als der„Vorw.“ nachwies, daß Wahlkouverts in großen Posten bei verschiedenen Fabriken in Bestellung gegeben und strenge Geheimhaltung sowie möglichste Beschleunigung der Herstellung anbefohlen worden sei. Die Frage, weshalb das geschah, blieb unbeantwortet. Jetzt konnte unser Erfurter Parteiblatt bezüglich einer Fabrik in dee b 1 vardel Hanke die W hel s 2. une bar twaß 6 0 0 sulsce del e Hauer tel facht alisc elt Hänger Nlutbe 2 De Regie ulgen bun! tient pole d ber egänt Hehe men! derh führur lechtg here I Talen“ Mit Chine ung Maß⸗ Da 1 lichen catischen ntersagt ustra⸗ ustand ffent⸗ 1 sc boll⸗ ls ein⸗ am l. a Ka⸗ diesen lie hei ehn⸗ ringste estand ariats arts“ genem pt ge⸗ schen 5, die nung, herden cher tlonär . Der Jahr brole⸗ feiert, 0 ec 0 der t der daß ihling ihrer helsen, sollen u Be⸗ dem licht bernd lsende üdkten und men. Ord⸗ blagte 1 und Be⸗ echt ber⸗ hren. tel ld in nose eile I del ungen ——— wardein in Ungarn zu berichten. Nr. 18. Mitteldentsche Sonutags⸗Zeitung. Seite 3. Arnstadt das gleiche mitteilen. Die Sache war also gar nicht so unverdächtig. Es ging etwas vor. Ordnungsblätter⸗Schwindel. Von einem blutigen Zusammenstoß zwischen Sozialisten und Gendarmen wußte die bürgerliche Presse aus Elesd bei Groß⸗ Das war blanker Schwindel, die Sozialisten hatten mit der Sache gar nichts zu tun; es waren Bauern, die die Gründung der Unabhängig⸗ keitspartei hintertreiben wollten. Diese Lügen⸗ nachrichten wurden jedenfalls von der un⸗ garischen Regierung in der Absicht in die Welt gesetzt, um den Sozialisten eins anzu⸗ hängen.— 31 Personen sind in dem furchtbaren Blutbad getötet worden. Sächsische Wahlrechts„Reform“. Der Ausschuß des sächsischen Landtags, der die Wahlrechts vorlage zu beraten hatte, lehnte, wie schon früher mitgeteilt, den Entwurf der Regierung ab und verkündete in dem Bericht folgende tiefgründige Weisheit: Der Zeik⸗ punkt für eine Aenderung des Wahlrechts sei noch nicht gekommen. Die Regierung solle das vorgelegte Material durch Unterlagen über die Wirkung eines Pluralwahlsystem ergänzen, das Sicherung gegen die Ueberflutungstaats feindlicher Ele⸗ mente biete. Und die nationalliberale Min⸗ derheit des Ausschusses erklärte: Die Ein⸗ führung des allgemeinen gleichen Wahl⸗ rechts ist mit dem Wohle des Staates un⸗ vereinbar. Und im Weiteren verlangen diese„Libe⸗ ralen“ ebenfalls das Mehrstimmrecht.— Mit solchen Mittelchen glauben die sächsischen Chinesen die sozialdemokratische Kulturbeweg⸗ ung aufzuhalten. Antisemitische Jämmerlichkeit. Der antisemitische Reichstagsabgeordnete Bruhn, Nachfolger Ahlwardts und Verleger der„Staatsbürgerzeitung“ hat aus Anlaß der Konitzer Mordaffäre sechs Monate Ge⸗ fängnis wegen Beleidigung erhalten und drei davon in Tegel verbüßt. Jetzt hat er und mit ihm 29 antisemitische Bürgervereine Berlins ein Gnadengesuch eingereicht, in dem gebeten wird, es möchten ihm die anderen drei Monate erlassen werden. Das Gnadengesuch ist vom Kaiser abgelehnt worden. Das hat die tapferen Staatsbürgerzeitungs männer in tiefe Betrübuis versetzt und voller Schmerz jammern sie: Der Kaiser habe durch seine Entschließung bekundet und bekunden wollen, er sei zur Zeit nicht ge⸗ willt, mit den Parteien zu gehen, die sich als national bezeichnen.— Maulhelden! Wahlrechtsbewegung in Belgien. „In der belgischen Kammer haben die So⸗ zialisten einen Antrag auf Revision der Verfassung eingebracht. Er bezieht sich auf die das Mehrstimmenrecht, die Bildung des Wahlkörpers für die Provinzialwahlen, die Zahl der Abgeordneten die Bedingungen für die Wahlberechtigung zum Senat, die Zahl der Senatoren, die Dauer der Mandate usw. be⸗ züglichen Artikel. Die Progressisten(Fort⸗ schrittler) unterstützen zwar den Antrag, doch hat er keine Aussicht auf Annahme, da die klerikale Mehrheit schon ihrer Existenz wegen dagegen stimmen wird und die Doktrinär⸗Libe⸗ ralen, die sich an die Phrase von„Bildung und Besitz“ klammern, ebenfalls Freunde des Pluralwahl rechts sind. Sozialistischer Sieg in Amerika. In Milwaukee wurden bei den kürzlich stattgefundenen Munizipalwahlen neun Sozia⸗ listen als Stadtverordnete gewählt; bisher waren die Sozialdemokraten im dortigen Stadthaus gar nicht vertreten. Bei der Bürgermeister⸗ Wahl wurden 15 333 Stimmen für den Kandi⸗ daten der Sozialdemokratie abgegeben. veider hatte auch die sozialistische Arbeiterpartei einen besondern Kandidaten aufgestellt, der es auf 3650 Stimmen brachte. Zusammen wurden also 18 983 sozialistische Stimmen abgegeben, während bei den Kommunalwahlen vor 2 Jahren nur 8453 und vor 4 Jahren gar nur 2584 Stimmen für die Sozialdemokratie aufgebracht wurden. Das sind recht erfreuliche und viel⸗ versprechende Fortschritte! Aus dem Reichstage. Ueber Unterstützung der Kriegs⸗ veteranen hat der Reichstag sich schon oft unterhalten, ohne daß für die Unterstützungs⸗ bedürftigen etwas herausgesprungen wäre. Am Mittwoch lag zu dem Etat des Invaliden⸗ fonds eine Resolution Oriola vor, die die be⸗ kannten Forderungen der Veteranen zusammen⸗ faßt. In ihrer Unterstützung war das ganze Haus einig. Der Schatzsekretär äußerte sich entgegenkommender, als sein Vorgänger. Die Resolution wurde angenommen, womit aller⸗ dings die Veteranen ihre Unterstützung noch nicht in der Tasche haben.— Bei dem nächsten Beratungspunkte handelt es sich um ein Rest⸗ stück vom China⸗Kreuzzuge, nämlich um die ostasiattsche Brigade, die noch in China ver⸗ blieben ist, die aber nicht weiß, was ste eigent⸗ lich dort treiben soll. Die sozialdemokratischen Redner Südekum und Ledebour verlangten unbekümmert um die Einwände des Staats⸗ sekretärs und mehrerer regierungsfrommer Ab⸗ geordneter schleunige Abberufung jener Truppe, die für den Ernstfall lächerlich winzig, für das dekorative Prestige viel zu kostspielig ist. Alle andern Parteien stimmten in der Abstim⸗ mung für die Belassung. Wegen der Stillegung der Koh⸗ lenzechen im Ruhrrevier hat die sozialdemokratische Fraktion eine Interpellation eingebracht, die am Donnerstag zur Verhand⸗ lung kam. Darin wird der Reichskanzler unter Hinweis auf die Arbeitslosigkeit der Arbeiter und die Existenzvernichtung von Bauern, Hand⸗ werkern und Geschäftsleuten jener Gegend ge⸗ fragt, welche Maßnahmen er zu ergreifen gedenkt. Graf Posadowsky erklärt, daß der Reichskanzler die Beantwortung ablehne, weil es sich um eine Landessache handle. Es wird in eine Be⸗ sprechung der Interpellation eingetreten, wozu Gen. Hu é ausführt: „Die heutige Antwort des Reichskanzlers wird die Sympathien für die Regierung im Ruhrrevier nicht vermehren. Wie kann er behaupten, daß hier keine Reichssache vorläge? Die Stillegung der Ruhrzechen ist ja nichts andres als eine Folge der Syndi⸗ katspolitik, und mit ihr befaßt sich der Reichstag durch die angeordnete Enquete über die Kartelle. Hat die Reichsregierung nicht mehr die Macht, dem Kohlen⸗ syndikat gegenüber die Kleinbürger, Bauern und Arbeiter zu beschützen? Es handelt sich hier nicht um einen natürlichen Vorgang. Auch in früheren Jahren sind Gruben im Ruhrrevier stillgelegt worden, weil sie keinen Ertrag mehr gaben, ohne daß eine Aufregung entstand. Hier aber haben wir es mit einem gewaltsamen Akt der Syndikatspolitik zu tun. Es sind an uns nicht in erster Linie Arbeiter herangetreten, sondern kleine Bürger, der sogenannte Mittelstand, mit Amtsvorstehern und Landräten an der Spitze, die durch die Stillegung der Gruben schwer geschädigt wer⸗ den. Es ist falsch, wenn behauptet wird, weil der Be⸗ trieb unrentabel sei, und sie wären, wenn das Syndikat nicht bestände, noch früher außer Betrieb gesetzt worden. Die Tatsachen beweisen das Gegenteil. Redner beruft sich auf die Bergberichte. Die großen Gruben kaufen die kleinen Zechen auf und setzen sie still, um ihre Be⸗ teiligungsziffer zu erhöhen. Wir begrüßen gewiß jeden wirtschaftlichen Vorteil auf das lebhafteste und wenn die Stillegung einer Grube einen Fortschritt für die Gesamtheit bedeutete, dann würden wir die ersten sein, die mit ihr einver⸗ standen sind. Wir find auch durchaus keine Feinde des Syndikats, wie ich in einem Artikel in den„Sozialistische Monatshefte“ vor kurzem klargelegt habe. Freilich ist zu konstatieren, daß das Syndikat sich allmählich zu einem Lohndrücker⸗Kartell herausgebildet hat. Wenn das Syndikat in der bisherigen Weise weiter ar⸗ beitet, so ist gar nicht abzusehen, warum es nicht alle Gruben im süblichen Ruhrrevier stillegt, da es ja den ganzen Bedarf aus den nördlichen Gruben allein liefern kann. All die kleinen Zechen im südlichen Gebiet wären schon längst stillgelegt, wenn den Herren nicht aus Angst vor den bestehenden Parlaments verhandlungen das Herz gebebt hätte. Nach der Anschauung des Berg⸗ meisters Engel, des Geschäftsführers des Bergbauvereins, darf der Staat selbst dann nicht auf Grund des§ 65 des Berggesetzes einschreiten, wenn alle südlichen Gruben stillgesegt wären, denn ein Kohlenmangel tritt dadurch nicht ein. Die kleinen Besitzer werden unter Anwendung von allerhand Machinationen durch große allmählich ausgekauft. Ein Flugblatt wirft den großen Besitze rn geradezu Betrug vor, ohne daß Anklage erfolgt wäre. Durch allerhand Kunstgriffe wird den kleinen Besitzern der Aktienbesitz verekelt. Herr Hilbck hat im Abgeord⸗ netenhaus behauptet, die kaufenden Zechen hätten gar keinen Nutzen davon gehab!. Ein merkwürdiger Ge⸗ schäftsmann, der Geschäfte macht, von denen er von vornherein weiß, daß dabei nichts zu verdienen ist! So dumm sind unsere Grubenbesitzer nicht. In einem Be⸗ richt der Zeche„Concordia“, die 1902 Zechen kaufte und sofort stillegte, wird übrigens der Ankauf als durch⸗ aus vorteilhaft bezeichnet. Eine andere Zeche rechnete sich einen um 800 000 Mark erhöhten Verdienst jähr⸗ lich aus diesen Ankäufen heraus. Herr Möller sprach von einer Theaterpanik im Ruhrrevier. Es sind ja bloß 32 Zechen mit nur 20 000 Arbeitern bis jetzt stillge⸗ legt! Nur 20 000 Arbeiter verlieren ihre Arbeitsstätte! Ohne den Entrüstungssturm im Ruhrrevier wären jetzt noch weit mehr Zechen stillgelegt. Die Stillegung wird mit der Unrentabilität verteidigt; aber die stillgelegte Zeche Eiberg gab durchschnittlich 7,8 Proz. Dividende. Hätte ich das nur von meinem Kapital! meinte ein Gutsbesitzer zu mir. Für die Zeche Steingart hat die arme Gemeinde Altendorf vor kurzem erst ihre Schulden um 20 000 Mark erhöht, und jetzt wird die Zeche still⸗ gelegt. Wo bleiben die Geschäftsleute, die Bauern, die sich auf den Anbau von Gemüse einge⸗ richtet haben? Was ist eigentlich nach Syndikatsanschau⸗ ungen rentabel? Als die Zeche Ehrenberg 1900 nur 75 Proz. verteilte, klagte ein Aktionär über die hohen Arbeitslöhne. Es werden durchaus nicht etwa Gruben mit abgebauten Flözen stillgelegt. Wir haben da als Mit⸗ glieder des deutschen Volkes die Verpflichtung, zu verhindern, daß durch die Syndikatspolitik nationale Schätze an Kohlen vergeudet oder verloren werden. Die Empörung über das Kohlensyndikat ist im Ruhr⸗ revier ganz allgemein. Das spiegelt sich wieder in den Aeußerungen der dortigen nationalliberalen und ultramontanen Presse. Gerade die Kleinbürger und Geschäftsleute sind es, die die Arbeiter scharf machen. Vom Parteistandpunkt aus könnten wir damit ja sehr zufrieden sein, wir brauchen uns keine Mühe mehr zu geben, um die Leute aufzurütteln. Wir erblicken prinzipiell das Heilmittel gegenüber diesen Verhältnissen in der Verstaatlichung der Erdschätze, wie aller Produktionsmittel überhaupt. Aber darum handelt es sich hier nicht. Es handelt sich vielmehr hier um die Rettung unersetzlicher, mit dem Verderben bedrohter Naturreichtümer. Wenn freilich Reich und Reichstag den kapttalistischen Groß⸗ menschen gegenüber machtlos dastehen, dann wird die Ueberzeugung von der Notwendigkeit der Vergesell⸗ schaftung der Produktionsmittel immer weitere Kreise ergreifen.“ Aus der folgenden Debatte ging hervor, daß in der Tat in allen Kreisen die Ueber⸗ zeugung vorhanden ist, daß etwas Durchgreifen⸗ des geschehen muß; aber bei der grundsätzlichen Abneigung aller bürgerlichen Parteien gegen auch nur teilweise Verstaatlichungen wußte von Kanitz bis Wiemer niemand zu sagen, wie man der Kalamität entgegentreten könne.— Graf Kanitz, dessen agrarische Freunde— ein seltsam Ereignis— mehrfach bei unseres Ge⸗ nossen Hus Rede„Bravo“ gerufen hatten, unterschrieb durchaus das Urteil über die Wirt⸗ schaft des Kohlensyndikats; aber als einziges Mittelchen wußte er nur die Revision der Etsen⸗ bahn⸗Frachtbriefe in Vorschlag zu bringen. Am besten von den bürgerlichen Rednern sprach Gothein, der zudem als Bergrat von diesen Dingen etwas versteht. Mit Recht wies er darauf hin, daß schon das preußische Wahlun⸗ recht zur Behandlung dieser Frage im Reichs⸗ tag nötigt. Die Besprechung wurde bis auf Weiteres vertagt. Freitag ging man wieder an die Etats⸗ beratung und zwar kam der Kol onial⸗- etat an die Reihe. Bebel erklärte bei dieser Gelegenheit, daß er bei der dritten Lesung nochmals auf die Ursachen des Herero-Auf⸗ standes eingehen werde. Im Uebrigen wurden nur Detailfragen erörtert, wobei nichts beson⸗ ders Bemerkenswertes zu Tage kam. Die De⸗ batte über die Kolonien wurde Samstag noch fortgesetzt. Bei dem Titel Samoa brachte unser Genosse Stadthagen mehrere Beschwerden vor. Es scheint dort vieles im Argen zu liegen. Das Steuersystem begünstigt die großen Plantagengesellschaften und schädigt ——k —— 8—————ů— Seite 4. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 18. die kleinen Kolonisten. Die farbigen Polizisten erlauben sich schwere Mißhandlungen gegen die Weißen. Stadthagen konnte die Photographie eines der Gemißhandelten auf den Tisch des Hauses niederlegen. Herr Arendt von der Reichspartei war sehr empört darüber, daß die geschädigten Kolonisten Samoas die Vertretung ihrer Klagen vertrauensvoll in die Hände unserer Partei gelegt haben und suchte sich an Stadthagen zu reiben, der ihn gebührend ab⸗ fertigte. Nachdem der Kolonialdirektor Herrn Solf, den Gouverneur von Samos verteidigt und die Bestrafung der farbigen Polizisten, die sich Uebergriffe haben zu Schulden kommen lassen, zugesagt hatte, erhielt er auch diesen Etat bewilligt. Den Kolonialschwärmereien wurde noch die ganze Montagssitzung geopfert. Es handelte sich um den Bau zweier Eisen⸗ bahnen in Ostafrika und Togo. Der Plan der ostafrikanischen Eisenbahn, die von einer Pri⸗ vatgesellschaft gegen Reichsgarantie erbaut wer⸗ den soll, ist in der vorigen Session zur Strecke gebracht worden. Er hat aber eine fröhliche Auferstehung gefetert und es sieht nach den Erklärungen der Mehrheitsparteien ganz so aus, als sollte er jetzt verwirklicht werden. Die Belastung für das Reich ist nicht gering. Es verpflichtet sich, 87 Jahre hindurch eine Ver⸗ zinsung des in den Bau der Eisenbahn hinein⸗ gesteckten Kapitals von 336 000 Mk. zu garan⸗ tieren. Dazu bekommt die Eisenbahngesellschaft in Ostafrika ein Terrain(460 000 Hektar) von der fünffachen Größe der Insel Rügen kosten⸗ frei geschenkt. Genosse Ledebour stellte in scharfen Worten fest, daß es sich hier nur um eine verhüllte Landspekulation handelt, für welche das deutsche Volk das Risiko zu tragen hätte. Die Vorlage wurde schließlich der Bud⸗ getkommission überwiesen, ebenso ein anderes Kolonial bahnprojekt. Dienstag begann die Börsengesetznovelle. 1 von Nah und Lern. Hessisches. — Die Beratungender hessischen Wahlrechtsvorlage in dem dafür ein⸗ gesetzte! Ausschuß gehen noch langsamer als im Schneckentempo vorwärts, wenn man über⸗ haupt von einer Vorwärtsbewegung reden will. Am Dienstag war der Ausschuß wieder mal beisammen, auch die Regierung nahm an der Sitzung teil, doch es kam wieder nichts dabei heraus. Dem Widerstand der ländlichen Ab⸗ geordneten gegen den Artikel 3 des Entwurfs, der eine Vermehrung der städtischen Vertretung im Landtag um fünf Sitze vorsieht, will ein Kompromißvorschlag des Abg. Gutfleisch damit begegnen, daß die Zahl der ländlichen Abge⸗ ordneten ebenfalls um fünf erhöht werden soll. Wir haben die offenen und geheimen Wahl⸗ rechtsfeinde im Verdacht, daß sie die Verbesser⸗ ung des Wahliechts durch Verschleppung zu vereiteln suchen. — Die Gesetze und Verordnungen, welche gegenwärtig in Hessen gültig sind, ver⸗ langte ein bei der Zweiten Kammer einge⸗ brachter Antrag von Köhler und Genossen in einer Sammelausga be zusammenge⸗ faßt zu veröffentlichen. Dieser Antrag lag kürzlich dem vierten Ausschusse zur Beratung vor. Die Regierung verkennt den Wert eines derartigen Sammelwerks nicht, weist jedoch eingehend auf die Schwterigkeiten hin, die sich einer derartigen Arbeit entgegenstellen. Schließ⸗ lich wirv darauf hingewiesen, daß gegenwärtig eine von Abg. Reh veranlaßte Gesamtausgabe hessischer Gesetze und Verordnungen, für welche amtliche Förderung bereits in Anspruch ge⸗ nommen wurde, im Werke ist. Erst wenn diese Sammlung vorliegt, werde man beurteilen können, ob und wieweit die Ausgabe von Hand⸗ büchern für einzelne Dienstzweige noch wün⸗ schenswert sei. Der berichtende Ausschuß schließt sich der Regierungsäußerung an, beantragt den Antrag Köhler für erledigt zu erklären, dagegen Beratung der aber die Kreisämter anzuweisen, eine Zusammen⸗ stellung der zur Zeit für den Kreis maßgeben⸗ den Ausschreiben, Verfügungen usw. zu fertigen und zu veröffenlichen und diese Zusammen⸗ stellung von 10 zu 10 Jahren zu erneuern. Gießener Angelegenheiten. — Zur Maifeier machen wir noch da⸗ rauf aufmerksam, daß der Festzug spätestens 2 Uhr von Oswaldsgarten abmarschiert, die Genossen wollen sich pünktlich ½2 Uhr einfinden. Die Aufstellung und Einteilung des Zuges be⸗ sorgen die dazu bestimmten Zugordner, deren Anweisungen die Teilnehmer Folge leisten wollen. Daß auch sonst das Komitee zu unter⸗ stützen ist, wo immer es verlangt wird, brauchen wir nicht besonders zu betonen, wir sind überzeugt, daß jeder mit dazu beitragen wird, daß keine Störungen vorkommen und unsere Maifeier wie immer einen würdigen Verlauf nimmt.— Bei ungünstigem Wetter wird das Fest am folgenden Sonntage abgehalten und in diesem Falle findet nachmittags 4 Uhr im Lokale Orbig eine öffentliche Versammlung statt, in der Gen. Krumm über die Maffeier sprechen wird. — Die Stadtverordneten⸗Ver⸗ sammlung hält Freitag eine Sitzung ab, in der über den Etat für 1904/05 beraten wird. Der Voranschlag dazu ist dieser Tage erschienen; er schlteßt in Einnahme und Ausgabe mit 3439 271 Mk. ab, ca. 240 000 Mk. höher als im Vorjahre. Die Finanzen der Stadt stehen im Allgemeinen nicht unguͤnstig, obwohl große Ausgaben für Kanalisation nötig sind. Wir kommen im übrigen in nächster Nr. eingehender auf den Etat zurück. — Spaßiges aus dem Amtsblatt. Neulich beschäftigte sich der Gießener Anzeiger mit einem in der Frankfurter Zeitung er⸗ schienenen Artikel, der ein Zusammengehen der Linksliberalen mit der Sozialdemokratie empfahl. Dabei gab das Amtsblatt folgendes zum Besten: „Die hessischen Sozialdemokraten in ihrer großen Mehrheit, namentlich Dr. David in Mainz, und in Sonderheit unsere Gießener Sozialdemokraten Kruu msq m und Orbig und ein großer Teil ihrer Anhängerschaft, sind die schlimmsten Brüder wahrlich nicht und besitzen wohl im Grunde von dem neulich im Reichstage von Bebel betonten deutschen und mehr hessischen Nationalismus ein gut Teil mehr, als ste selber zugestehen möchten. Man kann sogar in einzelnen Dingen mit ihnen zusammengehen und mit vielen ihrer Bestrebungen warm sympathisteren,— so lange die hessischen Sozialdemokrsten sich als direkte Anhänger und Mitglieder der Reichstagspartei bekennen, deren revolutionärer Charakter auf dem Dresdener Radautag in so prononzierter Weise betont und durch die Tat be⸗ wiesen wurde, wird sich, des sind wir überzeugt, trotz aller zärtlichen Sirenengesänge von dieser Linken Niemand umgarnen lassen.“ Damit das Amtsblatt noch wärmer mit unsern Bestrebungen sympathisieren kann, wer⸗ den wir auf der nächsten hessischen Landeskon⸗ ferenz den Austritt aus der Gesamtpartei be⸗ schliezen und Mitglied des Kriegerbundes Hassia und des Flottenvereins werden. — Ausländische Arbeiter, Italiener, Kroaten usw. sind in großer Anzahl bei der Kanalisation und auch sonst in Gießen und Umgebung beschäftigt. Viele dieser Leute führen eine Lebenshaltung, die geradezu eine Gefahr für bie Gesundheit der Gießener Einwoh⸗ nerschaft bedeutet. Veranlaßt durch die Pockenerkrank⸗ ungen im Ruhrgebiet wurde hier die Impfung der Ausländer angeordnet. Zu den dafür bestimmten Ter⸗ minen erschienen aber die Betreffenden nicht auf der Polizei, erst als angedroht wurde, daß sonst ihre Ab⸗ schiebung erfolgen würde, stellten sie sich ein. Bei der Gelegenheit stellle sich heraus, daß viele dieser Leute keine Wohnung haben, sondern in Scheunen, alten Schuppen u. s. w. kampieren! Es sind übrigens ein⸗ heimische Arbeitskräfte genügend vorhanden, man brauchte nicht sovsel Ausländer heranzuziehen. — Der älteste Student Deutschlands, Christian Busch, ist am Montag hier unter großer Beteiligung der Studentenschaft zu Grabe getragen worden. Busch hatte 66 Semester hinter sich. Er konnte seine Studien deshalb nicht vollenden, weil seine Geisteskräfte durch eine Hirnhautverletzung, die er sich in seiner Jugend bei Fechtübungen zugezogen hatte, beeinträchtigt waren. Er war Besitzer des Anwesens„Zum Kaisergarten“ im Seltersweg, das er angeblich der Stadt vermachen wollte. Doch die Unterschrift des Testaments wäre unterblieben und so sind der Stadt ca. 100 000 Mk, entschlüpft. e— Die Gewerbeinspektion für Ober⸗ hessen hat seit Kurzem ihre Amtsräume nach der Bleichstraße Nr. 6 in Gießen verlegt. Aus dem Nreise gießen. n. Wieseck. Die Maife ier der hiesigen Ge⸗ nossen findet Sonntag Abend 8 Uhr im„Gambrinus“ statt. Es wird eine öffentliche Volksversammlung abge⸗ halten, in der Genosse Harris-Himbach über die Bedeutung der Maifeier reden wird. Die Wiesecker Arbeiter wollen recht zahlreich in der Versammlung er⸗ scheinen.— Bei einem Zigarrendtebstahl, der am Dienstag in der Zigarrenfabrik von Maier aus⸗ geführt wurde, fielen zirka 2300 Zigarren dem oder den Dieben in die Hände. Bei einigen in der Fabrik beschäftigten Arbeitern wurden Haussuchungen vorge⸗ nommen, die aber nichts zu Tage förderten. Einigen an der Wasserleitung beschäftigten Italienern brach man sogar die Koffer auf. Daß man immer zuerst die Arbeiter im Verdacht hat! — Lollar. Ein„großes Arbeiterfest“ will die Main⸗Weserhütte am 7. Mai veranstalten, weil eine Anzahl Arbeiter 40 Jahre und länger in dem Werke beschäftigt sind. Wenn die Verwaltung Besserung der Arbeitsverhältnisse anstreben würde, über die schon viel geklagt wurde, wäre dies den Arbeitern jedenfalls lieber, als große Feste. r. Aus Watzenborn⸗Stein berg. Am Samstag hielt der sozialdem. Wahlverein eine gut be⸗ suchte Mitgliederversammlung ab. Unter anderm wurde beschlossen, die Maifeier gemeinsam mit den Gießener Genossen zu begehen. Um an dem dortigen Festzug teil⸗ nehmen zu können, müssen wir um 12 Uhr abmar⸗ schieren und versammeln uns vorher bei Wirt Schwarz. Unsere hiesigen Genossen und Arbeiter wollen sich recht zahlreich einfinden. Der Tod hat schon wieder eine Lücke in unsere Reihen gerissen: Parteigenosse Jakob Hinkler starb am Samstag in dem jugendlichen Alter von 25 Jah⸗ ren. Am Dienstag fand die Beerdigung statt und der Wahlverein sowie der Gesangverein Jugendbund gaben dem Verstorbenen das letzte Geleite. Hierbei hätte es wieder zu erregten Szenen kommen können über die Niederlegung des Kranzes mit der roten Schleife. Der Pfarrer hatte schon am Sonntag angekündigt, er würde derartiges nicht dulden. Unsere Genossen waren aber die Klügeren, sie ließen den Kranz während des Leichen⸗ zuges zurück, und begleiteten die Leiche bis an den Eingang des Friedhofes. Dann halten sie den Kranz und legten ihn, nachdem der Pfarrer seine Grabeede gehalten hatte, mit entsprechender Widmung nieder. Dieser Vorfall zeigt wieder, wie die christliche Toleranz aussieht. Trotzdem der Pfarrer hoch und teuer versichert, er wolle den Frieden, sucht er immer aufs neue Haß und Erbitterung gegen sich bei der hiesigen Arbeiterschaft zu erwecken.(Das beste wäre jedenfalls, man bemühte den Herrn Pfarrer gar nicht. D. R.) Aus dem Areise griedberg-Büdingen. e. Die Maifeier in Friedberg findet Sonntag Nachmittag 3 Uhr in Steinhäusers Garten statt. Es wird zahlreiche Beteiligung 15 Gewerkschaftsmitglieder und Genossen er⸗ artet. Aus dem Rreise Wetzlar. * Wählerversammlung und Polt⸗ zeistunde. Der Antisemit Reuther war in eine Polizeistrafe genommen worden, weil er gelegentlich einer Versammlung, die während der vorjährigen Wahlbewegung in einem Orte bei Wetzlar stattfand, die Polizeistunde über⸗ treten haben sollte. Er hatte das betreffende Lokal gemietet, hielt sich also nicht verpflichtet, der Aufforderung des Polizeibeamten zum Ver⸗ lassen des Lokals nachzukommen, als um 11 Uhr Polizeistunde eingetreten war. Auf seinen Widerspruch gegen das Strafmandat bestätigten Schöffengericht und Strafkammer die Geldstrafe, indem sie meinten, R. hätte ebenfalls den Saal verlassen müssen. In Betracht komme§ 365 des Strafgesetzbuches, wonach sich strafbar mache, wer in einer Schankstube oder einem öffentlichen Vergnügungslokale über die Poli⸗ zeistunde hinaus verweile, nachdem der Wirt oder ein Polizeibeamter ihn zur Entfernung aufgefordert habe. R. legte Reviston ein und betonte, daß er ja den fraglichen Raum ge⸗ mie et gehabt habe. Unter diesen Umständen hätte er auch noch nach dem Eintritte der Po⸗ lizeistunde darin verweilen dürfen. Uebrigens könne ein gemieteter Raum nicht mehr als Schankstube oder öffentliches Vergnügung lokal angesehen werden. 5 7 Das Kammergericht a e wil dell eine n Werke ung der hon biel s lieber, 9. Am gut be⸗ wurde Hleßener ug teil⸗ abmar⸗ waz. sch recht u unsere r storb 0 Jah⸗ und der d gaben hätte es ber die e. Der r würde en aber Leichen⸗ an den u Kranz rabeede nieder. Toleranz ersichett, ue Haß terschaft bemühte Nr. 18. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. hob denn auch die Vorentscheidung auf und verwies die Sache noch einmal an das Landgericht Limburg zurück. Mit Unrecht sei vom Vorderrichter die Behauptung, R. habe den Raum gemietet, nicht beachtet worden. Diese Behauptung sei für die Entscheidung sehr wohl von Bedeutung. Das Landgericht müsse feststellen, ob die Behauptung zutreffe und noch einmal Entscheivung treffen. Es müsse Freisprechung erfolgen, wenn die Angabe des Angeklagten richtig sei. h. Polizeiliche Ueberwachung der Hausschlachtungen, die zu gewerblichen Zwecken erfolgen, hatte die Wetzlarer Metzgerzwangs⸗ innung bei der Handwerkskammer in Koblenz bean⸗ tragt, die in ihrer Sitzung vom 11. April darüber verhandelte. Es heißt in dem Berichte über diesen Punkt:„Da es sich nach Ueberzeugung der Anwesenden hier um eine sanitäre Maßregel von Bedeutung handelt, soll die Innung einen Antrag an die zuständige Polizei⸗ behörde für den Kreis sowohl, als auch für die Stadt Wetzlar richten, damit für ständige Revisionen Sorge getragen wird.“— Es wird sich also hier in der Hauptsache um die von Gastwirten vorgenommenen Hausschlachtungen handeln. Man kann gewiß den An⸗ trag billigen. Aber die Metzgerinnung hätte alle Ursache, erst einmal bei sich selbst in dieser Beziehnng Ordnung zu schaffen. Dem Metzger, der kürzlich in dem von der Innung verwaltetem Schlachthaus ein hochgradig krankes Vieh schlachtete, wurde von der Innung nur ein „Verweis“ erteilt. Wir geben ja zu, daß ihr schärfere Strafmittel nicht zu Gebote stehen— und das ist auch ganz gut— in jeder freien Organisation wäre der Betreffende aber ausgeschlossen worden, die Zwangs⸗ innung muß ihn behalten. Man glaubt unter diesen Umständen nicht so recht, daß der Antrag nur von Sorge um die Gesundheit der Konsumenten diktiert war. Aus dem Nreise Marburg⸗Rirchhain. r. Die Parteiversammlung am letz⸗ ten Samstag war ziemlich gut besucht. Gen. Härtling erstattete zunächst Bericht über den Provinzial⸗Partestag in Frankfurt. In der da⸗ rauf stattfindenden Diskusston sprachen die Ge⸗ nossen Abel und Weber ihr Einverständnis mit den Beschlüssen des Parteitages aus, während Gen. Rösler die Organisattionsfrage anschnitt, und betonte, daß wenn Marburg jetzt zu Frank⸗ furt gehören sollte, man sich jedoch erst mit dem Parteivorstande in Verbindung setzen möge, da Marburg bei der Kreiseinteilung des Par⸗ teivorstandes bisher zu Cassel gehörte. Man einigte sich jedoch in dieser Frage dahin, daß man dem Parteivorstand den Nutzen der Zu⸗ Obwohl nur christliche Bauarbeiter eingeladen waren, hatten sich auch eine ziemliche Anzahl von Zentral⸗ verband der Maurer eingefunden. Herr Becker vom christlichen Verband sprach über die Lohn- und Arbeitsverhältnisse am Orte.— Die Mitglieder vom Zentralverband haben Anfangs März an die Marburger Bauunternehmer ihre Forderungen eingereicht, von denen die hauptsächlichsten waren: Einführung der 10 stündigen Arbeitszeit und 40 Pfennig Stundenlohn. Diese Ge⸗ legenheit benutzten nun auch die„Christlichen“, die die⸗ selben Forderungen stellten. Da die Christlichen aber mit weniger Geschick zu Werke gingen, hatten sie auch gleich Maß regelungen zu verzeichnen; Mitglieder der Lohnkommission wurden bei Dauber entlassen. Dadurch scheint bei ihnen etwas Mutlosigkeit eingerissen zu sein, denn Herr Becker bat den anwesenden Gauvor⸗ steher Hütt mann vom Zentralverband, ein Zusammen⸗ arbeiten der beiden Organisationen herbeiführen zu helfen. Hüttmann führte darauf die Gründe an, die den Zentral⸗ verband zu seinen Forderungen nötigten. Aber durch seine Zersplitterungsbestrebungen habe der christliche Ver⸗ band die Positten der Arbeiter geschwächt. Der Zentral⸗ verband babe also keine Schuld, wenn die Forderungen nicht im ganzen Umfange durchgesetzt würden. Er er⸗ mahnte aber die Anwesenden, in der Sache zusammen⸗ zustehen, damit die jämme lichen Lohnverhältnisse endlich mal eine Aufbesserung erführen. Nachdem fand sich Herr Becker bemüßigt, über die Sozialdemokratie in einer Weise herzuziehen, die Unwillen in der Versamm⸗ lung hervorrief. Hüttmann erwiderte in aller Ruhe, daß der Zentralverband mit der sozialdemokratischen Partei nicht das Mindeste zu tun habe, wer das Ge⸗ genteil behaupte, sage die Unwahrheit. Wer wirklich für Besserung der Bauarbeiterverhältnisse eintreten wolle, müsse dem Zentralverband beitreten.— Eine Resolution, in der Regelung der Lohnfrage verlangt wird, fand einstimmig Annahme. r. Gen. Paul Schuhmacher ist kürzlich im Alter von nur 24 Jahren an Kehlkopfschwindsucht gestorben. Sein Leiden verhinderte ihn, öffentlich für die Partei tätig zu sein, doch leistete er sein Möglichstes im Stillen. Ehre seinem Andenken! r ͤ K Partei-Nachrichten. Freigesprochen wurde der Gen. Dr. Quarck und 22 Genossen, von der Hanauer Strafkammer. Der Bürgermeister von Wächtersbach wollte die Genossen unbedingt bestraft haben, weil sie in der Wahlzeit eine unangemeldete Versammlung abgehalten haben sollten. — Auch Döller von der„Mainzer Volksztg.“, der wegen Beleidigung des Geometers Kipper in Kastell angeklagt war, erzielte Freisprechung. Er konnte nach⸗ weisen, daß Kipper tatsächlich, wie er diesem vorgeworfen hatte, einen Situationsplan gefälscht hatte. Die Landes⸗Konferenz der Sozialdemokraten Hessens findet Samstag 30. und Sonntag 31. Juli er. in Pfungstadt statt.(Das Lokal wird noch bekannt gemacht.) Die vorläufige Tagesordnung lautet: 1. Geschäftsbericht des Landes⸗Komités. Referent Genosse Ulrich. 2. Rechnungsablage. Referent Genosse O rb. 3. Der internationale Kongreß in Amsterdam. Referent Genosse Berthold. 4. Der Parteitag in Bremen. Referent Genosse Dr. David. 5, Tätigkeit des Landtags Referent Genosse Cramer. Die bevorstehenden Kommunalwahlen. Referent Genosse Ulrich. 7. Einlaufende Anträge. 8. Wahl des Landeskomités. 9. Wahl des Ortes der nächsten Landes-Konferenz. Offenbach, den 30. April 1904. Das Landes⸗Komité. E. Ulrich, J. Orb, Gr. Marktstraße 23. Friedrichstraße 24. Wahrheitsliebende Antisemiten. Dem Pastor Krösell, Mitglied der anti⸗ semitischen Reichstagsfraktion wurde kürzlich vor Gericht ein wegig schmeichelhaftes Attest ausgestellt. Er hatte den Rittergutsbesitzer D ee⸗ renthal wegen Beleidigung verklagt und dieser wurde vom Schöffengericht in Stargard zu 150 Mk. Geldstrafe verurteilt. Derenthal soll zu dem Fuhrmann, der während der Wahl⸗ agitation in Pyritz⸗Saatzig dem antisemitischen Pastor a. D. Krösell das Fuhrwerk stellte, ge⸗ sagt haben:„Wie können Sie nur den Pastor Krösell im Lande herumfahren? Er hat als Pastor gelogen, und ein Pastor, der lügt, ist in meinen Augen ein Schweinehund.“ Aus dem Ergebnis der Bewetserhebung folgerte der Verteidiger des angeklagten Rittergutsbe⸗ sitzers, daß bewiesen sei, daß Krösell viermal gelogen habe. In der Urteilsverkündig⸗ ung heißt es, der Gerichtshof habe in min⸗ destens drei Fällen den Beweis für geführt erachtet, daß Krösell bewußt die Unwahrheit gesagt habe.— Krösell mag sich mit seinen Parteifreunden Werner, Stöcker, Burckhardt usw. trösten, denen ähnliche gerichtliche Zeugnisse gestellt wurden. 5 gehörigkeit Rarburgs zu Frankfurt vorlegen g und die Genehmigung nachsuchen möge.— ö Versammlungskalender. Ein Ei b E. 5 Nachdem noch der Bericht des Vertrauens⸗ Er scheint zahlreich und pünktlich in den Ver⸗ n seubahnerstreik in 525 besprach e ee 110 Amehmgt 9 1 0 e eee e den 30. April Ungarn. esprachen einige Genossen die politischen Vor⸗ N nds 9 5 5. e donmmssse der legten(geit. Aut mt dem Gießen de rere en e un weren. Vorige Woche hat sich in ungarn eine Streit. lung bei Löb(Wiener Hof). Stichwahl zum Ver bewegung abgespielt, die einzig in der Geschicht gung Fortbildungsverein beschäftigte man sich, dessen] baydstage.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Mlrbeitsel 5 17 dane, sen er⸗ Lesesaalangelegenheit in letzter Zeit viel Staub Versammlung bei Orbig. der d 1 all 9 0 fill“ 0 eh agelaug aufgewirbelt hat. Zu der Frage, ob dem Fort⸗ Gießen. Gewerkschaftstartell. Abends 9 uhr. standen alle Räder sti er ganze gewaltige bildungs verein die M. S.⸗Z. und der Wahre Jakob Sitzung bei Orbig. Betrieb der ungarischen Staatseisenbahnen, der noch weiter geliefert werden sollen, beschloß man, Montag, den 2. Mal. über ein Netz von 13000 Kilometern Bahnlänge Polt. beim Vorsitzenden erst einige Anfragen zu Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Uhr verfügt und in dem 37000 Angestellte beschäftigt 1 stellen.— Zum Schluß weist der Vertrauens- Versammlung bei Orbig. sind, war außer Tätigkeit gesetzt. Die Bahn⸗ wel 4 mann auf die Maifeter hin, und ermahnte angestellten gingen mit einer Einheitlichkeit und 1155 die Genossen, recht dafür zu agttieren und zu Briefkasten. Geschlossenheit zu Werke, wie man sie bisher Orte wirken. Siehe Juserat. r. Stbg. Es widerstrebt uns, an diesen traurigen] nur kaum bei Lohnarbeitern bemerkte. Und oft lber r. Lohnbewegung der Bauarbeiter. Vorigen] und für die Eltern doch sehr schmerzlichen Fall kritische] genung entwickelten sogar organisierte Ar⸗ ende Donnerstag fand im Café Quentin eine von dem Bemerkungen zu knüpfen. Sind andere intolerant, beiter nicht die gleiche Energie. Es sind aber f 10 christlichen Bauarbeiter⸗Verband, der seit Kurzem bier[brauchen wir es nicht auch zu sein. nicht die Arbeiter hier die Hauptbeteiligten, 190 eine Zahlstelle hat, einberufene Versammlung statt. T.⸗Hgr., St. Rog. Nächste Nummer. sondern die mittleren und höheren Eisenbahn⸗ e 5 m e beiter allerorts! Beteiligt Euch lecht zahlreich a der Maifeier! bal 5— 10 Mul- Teiler 1504. 5 9.405 Sonntag, den 1. Mai, nachmittags im Giessener Stadtwald, I. 9 rechts: krafbal 1 Wald-Fest e Pon. u bestehend in Konzert, Gesangsvorträgen, Tanz, Kinderspielen, Preisschiessen. fern 7 175 Die Festrede hält Stadtv. Ed. Krumm. .. , Festzug. märsch punkt 2 Uur vom Swaldsgarten. Alle Arbeiter und Arbeiter-Vereine 4 werden freundlichst ersucht, am Tuge teilzunenmen. % Hintritt 20 ig. Das Gewerkschaftskartell u. Maifeier-Komitee. l 5 Bei ungünstiger Witterung findet das Fest e Tage später statl. — Ä————— — —— Seite 6. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 18. Beamten und aus ihnen rekrutierten sich auch die Führer des Streiks. Aber alles war einig, vom Stationschef bis zum Streckenarbeiter! Wenn der Vorgesetzte Schulter an Schulter mit dem Untergebenen um bessere Existenzbedingungen kämpft, dann müssen sehr schwer wiegende Gründe dafür vorliegen. Und die sind tatsächlich vor— handen. Seit dreißig Jahren ist keiner⸗ lei Verbesserung der Gehalts- und Lohnver— ältnisse für die Eisenbahnangestellten eingetreten! kehrere Jahre lang richten sie Gesuche und Bitten um endliche Einführung der Gehaltser— höhung an die Regierung, die sie seit Jahren mit Versprechungen abspeiste. Jetzt war eine „Reform“ in Aussicht gestellt. Was die sihnaet Reform bot, war der reine Hohn. Man bot den 37000 Angestellten insgesamt 2643 000 Kronen als Aufbesserung der Bezüge, so daß auf einen Angestellten im Durchschnitt eine Gehaltserhöhung von 73 Kronen im Jahre, oder von 6 Kronen 8 Heller(etwa 5 Mk.) im Monat fällt. Fünf Mark nach dreißig Jahren! Der Reformentwurf sagte im allgemeinen, daß die Unterbeamten eine Auf⸗ besserung von 80 bis zu 200 Kronen erhalten. Die Beamten erhalten freilich 200 bis 400 Kronen jährlich mehr, doch ist's der leere Schein, denn gleichzeitig werden die Wohnungs⸗ gelder derartig herabgesetzt, daß die Gehaltserhöhung dadurch größtenteils auf ge⸗ hoben ist. Man darf wohl sagen, Beamte, Unterbeamte und Bedienstete haben in gleicher Weise Grund, sich gegen diese ihnen zugemutete Wohltat aufzulehnen. Und was tat die Regierung? Anstatt den geplagten und seit Jahren mit ihren berechtigten Wünschen und Forderungen immer wieder hin⸗ gehaltenen Eisenbahnern einigermaßen entgegen— zukommen, trieb man sie zum Aeußersten. Bei vernünftigem Verhalten der Regierung wäre sicher der Ausstand, wenn nicht überhaupt ver⸗ mieden, so doch nach ganz kurzer Zeit beigelegt worden. So aber trat der Streik im ganzen Umfang ein, tagelang konnte kein Zug von Budapest abgelassen werden, stand der Eisen⸗ bahnverkehr in fast ganz Ungarn vollkommen still. Einige Abgeordnete suchten zu verhandeln und sie erreichten auch Zugeständnisse von der Regierung. Sie gab nach. Es wäre vielleicht gut gewesen, wenn die Streikenden auf die Angebote eingegangen wären, aber sie fürchteten jedenfalls mit Recht, daß sie zum soundsovielten Male getäuscht und hintergangen würden. Nun griff die Regierung zubrutalen Gewaltmitteln. Die Reser visten der Etsenbahntruppen wurden einberufen und in Dienst gestellt. Durch diesen Gewaltakt wurden die Reihen der Streikenden dezimiert, zerspreugt, ein großer Teil der militaͤrischen Bormäßigkeit unterstellt. Das war für die Streikenden ein vernichtender Schlag. Und noch einen zweiten Gewaltstreich ließ die Re- gierung folgen: die Verhaftung des Streik— komitees. Wohl waren einige Mitglieder des Komitees der Verhaftung entronnen: nach ihnen fahndete die Polizei. So waren die Eisenbahner ihrer Führer beraubt, ihr Streiklager zersprengt, ihre Reihen durch Zwangsaushebung der Re⸗ servisten dezimtert. Alle Verbindungen des im Lande weit verbreiteten Herres der S'reikenden waren zerissen: der Telegraph, der überall die Drohungen und Entstellungen der Regierung herumträgt, war für die Eisenbahner gesperrt. Unter solchen Umständen war die Nieder lage der Eisenbahner bestegelt, die so wacker Stand gehalten hatten. An verschiedenen Orten hatten sich Streikbrecher in großer An⸗ zahl eingestellt. Das Gros der Ausständigen mußte sich auf Gnade und Ungnade ergeben. Wenn sie sich jetzt auch beugen müßten, so wird in ihnen doch eine Erbitterung zurückbleiben, die den Machthabern noch manchmal sauer auf⸗ stoßen wird. Für die geplagten Eisenbahner hatte der ungarische Staat nichts übrig; dem König aber, dem alten Franz Joseph ist eine Lohnzulage von zwei Millionen Kronen zugedacht! Hoffentlich sind manchen Eisen- bahnern die Augen über den Klassenstaat auf⸗ gegangen. —— 7 5 Anterhaltungs-Ceil. 95 ————— Schönheit. Skizze von Otto Krille. Hell und warm war der erste Maitag er⸗ schienen, so klar, daß er selbst einen Poeten aus der Stadt hinauslockte auf die bewaldeten Hügel und Fabrikvororte. Der wollte, genuß⸗ froh wie alle Poeten, sich den herrlichen Morgen nicht entgehen lassen. Langsam war er die Höhe hinangestiegen, mit der Sonne Schritt haltend, und als er auf dem Gipfel inmitten der Kiefern stand und vor sich die Ebene liegen sah, da lachten ihm die glühenden Strahlen ins Gesicht, daß das Blut seine Wangen purpurn färbte und er die Augen zusammenkniff, geblendet von der über⸗ wältigenden Schönheit. Unten in den Dörfern mar es sonntäglich still. Aus den strohgedeckten Häusern stieg ein bläulicher Rauch in die Luft. Und die Men⸗ schenwohnungen sahen von der Höhe so klein aus, so winzig wie Spielzeug. Und ein unendliches Mitleid mit den Men⸗ schen ergriff ihn, die in solcher Kleinheit, in solcher Häßlichkeit hausen mußten, während rings um sie die Schönheit wohnte. Hütte an Hütte stand da unten zusammen⸗ gepfercht auf engem Raum. Zwischen ihnen aber ragte das große Fabrikgebäude empor, sie leichsam beherrschend. Auch heute am Sonntag steg aus dem gewaltigen Schornstein eine mächtige Rauchwolke auf, zerteilte sich vier Meter über dem Essenkopf und breitete sich dann aus über das ganze Dorf. Als die Sonne höher stieg, wurde es auch um die Hütten lebendig. Die schmutzigen Stra⸗ ßen bevölkerten sich. Hier und dort wurde auf einem schmalen Stück Acker gegraben. Der Schall von Axtschlägen drang auf die Höhe. Peitschenknallen gellte durch den friedlichen Morgen, und bald mischte sich auch der Bimmel⸗ ton einer Kapellenglocke ein. Auf der Höhe aber herrschte die Ruhe. Nie⸗ mand stieg dort hinauf. Der Poet saß allein auf einem Baumstumpf und träumte. Natürlich träumte er wie alle Poeten von der Schönheit. Er wollte hinuntergehen in das Dorf und hinein in die Elendslöcher und den Leuten zu⸗ rufen:„Kommt heraus! Werdet Menschen! Werdet Kinder der Schönheit!“ Und im Geiste stieg er hinunter und redete von allem, was sein Poetengemüt erfüllte. „Essen und schlafen kann auch das Tier, und wenn man es vor den Wagen spannt, dann zieht es auch. Aber ihr sollt mehr sein und höher stehen als diese Kreaturen. Da schwitzt ihr täglich und jagt nach reichlichem Brot, aber an der Schönheit, die euch geboten wird, euer Gemüt zu veredeln, daran geht ihr achtlos vorüber. Euer Kampf ist nur ein kleinlicher und erbärmlicher Zank um Nichtigkeiten des Lebens. Wenn ihr euch nicht herausheben könnt aus der Enge des Daseins, wie wollt ihr der Zukunft leben?“ Ja, so würde er sprechen. In seinen Träumereien aber kam ihm Ant⸗ wort von unten. Sein geistiges Poetenauge sah einen alten Tagelöhner mit gefurchtem Ge⸗ sicht, auf dem ein wehmütig herbes Lächeln spielte. Der Alte sprach: „Keunst du uns nicht? Weißt du nicht, daß der Pesthauch der Fabriken unsere Leiber dorrt, daß sie zusammenschrumpfen zu häßlichen Klum⸗ pen? Hast du unsere ärmliche Kleidung gesehen? Bist du einmal in unsere Stuben und Kammern 11 und hast die sonnenlichtfremden kahlen Wände gesehen, die niedrigen Decken, die kleinen Fenster, vor denen die Blumen unter Ruß und Rauch ersticken? Ueberall eine Häßlichkeit, die das Schönheitsgefühl, das Schonheitssehnen aus unsern Herzen verdrängt hat. „Gieb uns satt zu essen und unsere Wangen werden sich röten, unsere Augen werden leuch⸗ ten und unsere Körper werden sich edel formen und verjüngen. „Wenn wir durch die Straßen der Stadt ehen, prunkt der Reichtum und die Schönheit inter den Scheiben der Läden, Reichtum und Schönheit, daß wir aufjauchzen möchten vor Freude und weinen müssen über unsere Armut und Häßlichkeit, denn wir verelenden inmitten des Reichtums und wir verhungern in der Fülle. „Rufe uns auf mit flammenden Worten gegen Unterdrückung und Ausbeutung, gegen Elend, Ungerechtigkeit und soztalen Unsinn, und freudig werden wir dir beistimmen. Deine Worte werden in unserer Brust ein vielstim⸗ miges Echo wecken und der Nachklang wird unser Gemüt durchzittern und alles wachrufen, was in seiner Tiefe schlummert, Bitterkeit und aß, Freiheitsdrang und Kampfesmut. Die Jeten sind ernst! Rufe uns zum Kampfe und nicht zur Stille!“ Noch glaubte der Poet die Worte des Alten zu vernehmen, als er plötzlich emporschreckte. Aus der Ebene drang ein scharfer, widriger Geruch auf die Höhe, und als er über den Rasen strich, da war es, als ob die jungen, goldgrünen Gräser an den Spitzen dunkelten und abstarben, wie unter einem Froste. Der Fabrikschornstein aber blickte höhnisch aus der Niederung empor, denn er war es, der den Gifthauch sandte. Und der Poet dachte an die Menschen, die in der Fabrik arbeiten müssen. Als er sich aber von dem häßlichen Bilde wenden wollte, hörte er Stimmen. Gerade vor ihm, unten auf der Straße zog ein Trupp Menschen vor⸗ bei, lachend und plaudernd. Bald stieg auch Gesang aus frischen Kehlen, ein kraftvoller Marschgesang. Rote Blumen leuchteten von den Hüten der Singenden, die nun leicht die An- höhe heraufgeschritten kamen. Es waren hagere eckige Gestalten in Sonntagskleidern, mit derben Gestchteen und prosaischen Zügen darin. Aus ihren stahlgrauen Angen aber blickte urwüchsige Lebenspoesie. Ihre frohe Laune ermutigte den Poeten bei der Begegnung, den Letzten im Zuge nach der Ursache zu fragen. 5 „Heute ist Matfeier!“ erwiderte ihm dieser. „Was ist das für eine Feier?“ „Hm. Wie soll ich Ihnen das in wenigen Worten sagen... das ist die Feier einer Zu⸗ kunft der Freiheit und des Wohlstandes, ein Fest für die Erlösung der Armen aus der unwürdigen Sklaveret der Lohnarbeit. Ich weiß nicht Herr, ob Sie das verstehen. Für uns ist es eine Feier der Hoffnung....“ „Auch der Schönheit?“ „Auch der Schönheit!“ Da schritt der Poet mit dem Trupp weiter. Gespannt lauschte er den Worten der Arbeiter, und eine neue Zeit sprach ihm aus ihren unge⸗ formten Reden. Als er Abschied nahm, reichte er ihnen die Hand. Oben auf seinem alten Träumersitze machte er wieder Halt, „Eine Schönh flieht, läßt der — — — a ch Schönheit ist ßt Freiheit und Schönhei enn Und er schaute hinunter zu den ärmlichen, geschwärzten Häusern und träumte von einer Zeit, in der die Menschen ein schönheitsfrohes Geschlecht sein würden. Die Maschinen, die den Armen heute knechten, weil sie ihm nicht gehören, würden ihn von der elrbeit befreien, die seinen Menschenleib heute häßlich macht. Wie er so stand und sann, da empfand auch er die Hoffnungsfreude und Freiheitszuversicht, die er an jenen Männern bewundert hatte. Auch er verspürte an diesem Tage mit den gedrückten Proletariern den Maienhauch der Zukunft, den konnte auch der Pestrauch der Fabrik nicht verdrängen. „Brot ist Schönheit. Schönheit heißt Kampf.“ Mit diesen Worten stieg er hinunter unter die Menschen, um ein Kämpfer zu sein. 8 2 . 05 U 10 dure flieg 01 zu Fla eine Man so t elge del, 229, im Ble mar auf eine Ma D YYY v vv ten hor⸗ juch ler den. An: gere ben Ius sige ten lach ser. gen ein del eiß ist ler. tel, e⸗ ce Nr. 18. Mitteldentsche Sonutags⸗Zeitung Seite 7. Der König N sich. Friedrich Wilhelm II. von Preußen war schon als Kronprinz ein vollendeter Luͤdrian; die Weiber und der Suff gingen ihm über Alles. Als König schien er sich anfangs bessern zu wollen, denn Mirabeau schreibt:„Der König scheint seiner gewohnten Lebensart ganz entsagen zu wollen; das heißt doch wohl die Saiten hoch spannen. Er hat drei Reisen nach Schönhausen gemacht, ohne nur die Fräulein von Voß an⸗ zusehen; seitdem er auf dem Thron ist, hat er sich nie ausschweifend betragen, hat nie einem Frauenzimmer in den Busen gelangt. Einer von den Vertrauten seiner Schwachheiten schlug ihm vor, nach Charlottenburg zu gehen; nein, sagte er, meine ganze alte Kun d⸗ schaft befindet sich daselbst.“ Bienen⸗Arbeit. Ueber den Wert eines Bienenvolkes für die Landwirtschaft stellte der Ingenieur Ferdinand Lupsa in der„Carinthia“ eine interessante Be⸗ rechnung auf. Ein Bienenvolk zählt im Sommer durchschnittlich 18 000 Stück. Etwa 75 Bienen fliegen in der Minute aus; von 7 Uhr morgens bis 6 Uhr abends wären somit 49500 Flüge zu zählen. Jede Biene besucht während ihres Fluges ungefähr 45 Blüten, ein Bienenvolk an einem Tage also 2 227,500 Blüten. Rechnet man ungefähr 100 schöne Tage für das Jahr, so erhält man 222,750,000 Blüten, die von einem Bieuenvolke in einem Jahre besucht wer⸗ den. Wird nun auch nur der 10. Teil der 222,750,000 Blüten befruchtet, so wären das immer noch 22,750,000 Befruchtungen, die ein Bienenvolk in einem Jahre besorgt. Rechnet man den Wert von 1000 Befruchtungen nur auf einen Pfennig, so hätte die Landwirtschaft einem einzigen Bieuenvolke immer noch 222,75 Mark im Jahre zu verdanken. Wer hat die Schuld? Von F. E. im Ulk. Jungens vom Rhein und Söhne der Mark, Sachsen und Bayern wie Bäume so stark, Prächtige Kerls von der Waterkant Ziehen nun hin durch das Negerland,— Singen so fröhlich und fiebern vor Mut,— Grau ist die Steppe und rot ist ihr Blut. Waten durch Sand und suchen den Quell, Finden ihn nicht und die Sonne sticht grell, Immer voran und allzeit getreu Hören sie sausen des Feindes Blei. Wehe, das traf! Das traf gar gut— Grau ist die Steppe und rot ist ihr Blut. Blühendes Leben, und ist nun tot, Mußte das sein und war uns das not? Wer hat die Schuld? Besteh'n wird er nicht, Nicht vor der Menschen, noch Gottes Gericht; Stahl uns die junge, die tapfere Brut— Grau ist die Steppe und rot ist ihr Blut. Splitter. Erst indem wir es mit Zweckgedanken er⸗ füllen, erheben wir unser Dasein zum Leben. 5 Reichel. * Ein Charakter ist ein Mensch, der weiß, was er will, der nicht nach Launen und Stimmungen handelt, sondern nach festen Grund⸗ sätzen. 5 Treu. * Es kann einem nichts Schlimmeres passieren, als von einem Hallunken gelobt zu werden. . Schumann. Im 1 Jahnbundert wird der Krieg aussterben, aussterben werden die Ge⸗ fegen de und der Haß, und der Mensch wird eben. Erhaben über alle steht das große Vater⸗ land, das ganze Weltall, und eine große Hoff⸗ nung beseelt ste, der Himmel. Wir haben den Glauben, wir fühlen uns gleich als Brüder, in der Brüderlichkeit fühlen wir uns als Men⸗ schen, und in der Freiheit fühlen wir die Kraft des menschlichen Geistes. Wir lieben die, welche uns lieben. Wir lernen das Gute erstreben zum Nutzen aller, und dann wird sich alles umgestalten, das Wahre wird sich offenbaren, das Schöne wird in seinem Glanze erstrahlen und die Leuchter des Erhabenen werden das Weltall erhellen. Viktor Hugo. Humoristisches Sekundärbahn⸗Idyll.„Sind die Züge auf dieser Strecke immer so leer?“ „Na, ich sag' Ihnen, neulich bin ich'mal in ein, Coupé eingestiegen, da war sogar a Maus fall' n aufg'stellt. Kleiner Irrtum. Fremder:„... Also eine Trinkerheilanstalt ist dies hier?! Ich dacht's mir gleich, wie ich den dicken Herrn mit der roten Nase da am Fenster stehen sah!“— Hausmann:„Erlauben Sie, das ist aber unser Herr Direktor!“ Ein Verdächtiger. Maier: Herr Sekretär ich tät schön bitten: warum habens mich denn in den Militärverein nit aufgenommen? Sekretär: Aber, mein Lieber— wenn man Maier heißt und noch dazu am 1. Mai geboren ist!! Unverändert. Auch in der schönsten Maienluft Bleibt doch der Denunziant ein Schuft. Ein weißer Rabe. Es war einmal ein Fabrikant, Dem blieb Profitgier ferne. Er hat den Achtstundentag anerkannt, Und reichlichen Lohn zahlt er gerne. Und wer da gefeiert am ersten Mai, Dem hat er nicht gekündigt— Die Seinigen haben mit Wehgeschrei Den braven Mann entmündigt. ——— GHSieschichtskalender. 1. Mai. 1890: Erste Maifeier. 1851: Erste Weltausstellung in London. 1805: Joh. Jakoby, So⸗ zialist“. 2. 1898: Brotkrawalle in Italien. 1849: Aufstand in Dresden. 1519: Leonardo da Vinci, berühmter ital. Maler 7. 3. 1791: Revolution in Polen. 1469: Macchla⸗ vellt, ital. Staatsmann 5. 4. 1897: Erschießung der fünf Barcelonaer Anar⸗ chisten. 1896: Zweiter Gewerkschaftskongreß in Berlin. 5. 1818: Karl Marx geboren. 1789: Anfang der franz. Revolution. 6. 1901: Scharfmacher Möller wird Handels⸗ minister. Ludwig Börne*. 7. 1899: Dritter Gewerkschaftskongreß in Frank⸗ furt. 1898: Hungerrevolte in Mailand. 1866: Attentat Blind's auf Bismarck in Berlin. — Marktbericht. Auf dem Wochenmarkt in Gießen kosteten am 26. April: Butter per Pfund Mk. 1,00— 1,20, Hühnereier 1 St. 5—6 Pfg., Käse pr St. 6—8 Pfg., Käsematte 2 St. 5—6 Pfg., Erbsen per Liter 21 Pfg., Linsen per Liter 32 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo 6,00— 7,00 Mk., Weißkraut pr. Stck. 9 12 Pfg., Zwiebeln per Ztr. Mk. 7,00— 10,00, Tauben per Paar 0,80 bis 1,00 Mk., Hühner per St. 1,30—1,40 Mk. Hahnen per St. 0,80— 1,70 Mk., Enten per St. 1,70 bis 2,20 Mk., Gänse per Pfd. 00— 70 Pfg. Fleischpreise in Gießen am 25. April: Ochsen⸗ fleisch per Pfd. 68— 78 Pfg., Kuh⸗ und Rindfleisch 62 bis 68 Pfg., Schweinefleisch 69 bis 72 Pfg., Schweine⸗ fleisch, gesalzen, 76 Pfg., Kalbfleisch 69— 74 Pfg., Hammelfleisch 50—74 Pfg. pr. Pfund. Viehpreise in Frankfurt am 25. April(Amtl; Notier.): pr. 100 Pfd. Schlachtgew. Och sen: a. vollfl. ausgem. bis 6 Jahre Mk. 71— 73, b junge fleischige, nicht ausgem. ältere ausgem. 64— 67, c. mäßig gen. junge, gut genährte ältere 59—62, Bullen: a. vollfl. höchst, Schlachtw. 61— 63, b. mäßig gen. jüngere und gut genährte ältere 58- 60. Färsen: a. vollfl. ausgem. höchsten Schlachtw. 61 63, b. vollfl. ausgem. Kühe höchsten Schlachtw. 58—60, c. ältere ausgem. Kühe und wenig gut entwickelte jüngere Kühe und Färsen 45—47, d mäßig gen. Kühe und Färsen 42 bis 44. Bezahlt wurde für 1 Pfund Kälber: a. feinste Pfg. 85—88, b. mittlere 80—84,», geringe Saugkälber 64—66, d. ältere gering gen. Kälber (Fresser) 00 00. Schafe, Mastlämmer und jüngere Masthämmel, 68— 70, b. ältere Masthämmel 60— 62. Schweine: a. vollfl. der feineren Rassen 53— 00, b. fleischige 51— 52, c, gering entwickelte, sowie Eber 44 46 Pfg. 2 9 9 1 Parteifreunde! ci a nach besten Kräften für die immer weitere Verbreitung Eueres Blattes. 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Colksversammlung. Tages-Ordnung: „Die Bedeutung des 1. Mai“. Referent: Gg. Beckmann. Daran anschliessend: desellige Unterhaltung, desangs-Vorträge Usw. Freunde und Freundinnen der Arbeitersache sind herzlich will- kommen. SEN Konsum-Verein Giessen und Umgegend. Arbeiter und Hausfrauen werdet Mitglieder des Konsumvereins und kauft Eure Lebensmittel nur in dessen Verkaufsstelle. n kann jeder werden schon bei einer Anzahlung von 50 Pfg Wer Mitglied geworden, wird Teilhaber am Vereinsgeschäft und nimmt an den erzielten Ueberschüssen teil. Der Besehäftsanteil beträgt 30 Mark und kann in jähr- lichen Raten von 10 Mark eingezahlt werden. Auf den voll ein- gezahlten Gesehäftsanteil werden 4 Prozent Vorzugsdivi- dende gewährt. Mitglieder- Anmeldungen werden jederzeit in unserer Verkaufsstelle Bahnhofstrasse 31 entgegengenommen. Unseren Mitgliedern zur Nachricht, dass für den gemeinsamen Kartoffelbezug s schon jetzt Sparmarken ausgegeben werden. Auch machen wir wiederholt darauf aufmerksam, dass alle 3 Kolonialßwaren in nur guten Oualitäten und in vollem Gewieht verausgabt werden. Ebenso empfehlen wir unser Lager in Näh- und Strickgarnen, Nadeln, Knöpfen usw. alles in preiswerten Qualitäten. Der Vorstand. Zur Ausführung photographischer Arbeiten: Aufnahmen, Reprodukflonen und Uergrösserungen empfiehlt sich Eb. Illers, Wetzlar, obenor(Zur Glocke). Edgar Borrmann, Giessen Neustadt 11 1 Telefon 298 Eisenhandlung, Stahlwaren, Werkzeuge, Haus- und Küchengeräte⸗ Handlung Spaten Landwirtschaftl. Geräte Herde und Oefen Drahtgeflecht Wasch⸗ u. Wringmaschinen Petroleum⸗ u. Gaskocher Stachelzaundraht, Mangen, Vogelkäfige Wee Reibemasch. Waagen und Gewichte r. Kleins Fleischsaftpresse Stehleitern Messerputzmaschinen Feuerlöschapparate ꝛc. 9%, Für jede Reparatur wird garant. eee ihre Jacob Erscheint alle 14 Tage nebst einem Unterhaltungsblatt Redigirt von B. Heymann Eingetragen im Reichspostkatalog unter Nr. 2895 Preis pro Quartal 65 Pf., der einzelnen Nummer 10 Pf. Verlag der Mitteld. Sonntags-Zeitung(E. Krumm), Gießen. Verantwortl. Redakteur F. A. Vetters, Gießen. Druck von Heppeler& Meyer, Gießen. . 2— — 0. 1 1 850 i00 wil 2 l Jon hält in. di Sexrer men den. eht locher nach we 20 Veilage sur Mitteldeutschen Sonntags-Leitung. Nr. 18. Gießen, Honntag, den 1. Mai 1904. 10. Jahrg. Russisch⸗japanischer Krieg. Ueber die Stärke der japanischen Truppen in Koreg wird aus Tokio be⸗ richtet, daß bis jetzt 5 japanische Divi⸗ stonen in Korea gelandet wurden. Bis jetzt stünden 100000 Mann japanischer Truppen auf koreanischem Boden. In den südlichen Hä⸗ fen von Japan sollen 76 Transportschiffe be— reit stehen, um mit weiteren 8„Divisionen (60 000 Manx) nach einem vorläufig noch un⸗ bekannten Bestimmungsort abzugehen. Gerüchte über Vermittlungs be⸗ strebungen, die von England ausgehen sollen, werden vielfach in der Presse erwähnt. Mehrere russische Zeitungen haben sich für den Plan sympathisch ausgesprochen. Dieser Tage wurde berichtet, daß der neue britische Bot; schafter in Petersburg, der demnächst dort ein⸗ trifft, einen Brief des Königs von England an den Kaiser von Rußland überbringe, indem ebenfalls von einer Vermittelung die Rede sei, die eintreten soll, wenn Rußland einen großen Waffensteg zu Lande errungen habe. Nun aber erst den Waffenerfolg haben! Haß der russischen Regierung eine Vermittelung und Beendigung des Krieges sehr angenehm wäre, wird niemand bezweifeln. Am Jaluflusse ist es zu kleineren Gefechten gekommen. Die Japaner haben den Fluß in der Nähe der Mündung an mehreren Stellen überschritten. Nun dürften bald größere Schlach⸗ ten zu erwarten sein. Politische Rundschau. Kapitalistische Sozialpolitik. Eindringlicher und überzeugender als die soztaldemokratische Presse in einem Dutzend Leitartikel beweisen könnte, offenbart sich die Sozialpolitik unserer herrschenden Klassen in einem Inserat, das dieser Tage die Spalten des„Generalanzeiger“ von Halle zierte. Es hat folgenden Wortlaut: Ein in Sozialpolitik erfahrener Mitarbeiter, der in der Lage ist, Artikel zu schreiben, die zur Wahrung der Interessen der Leser dienen und deshalb egen etwaige beabstchtigte Gesetze und Er⸗ fasse wie z. B. gegen die Verkürzung der Arbeitszeit für Frauen usw. gerichtet sein müssen, für ein Fachblatt ge⸗ sucht. Offerten Postfach 144 erbeten. Also ein Sozialpolitiker gegen Sozial- politik! Der Kapitalismus läßt sich für blankes Geld alles servieren: Artikel für und gegen Sozialpolitik, je nachdem das seinen Bedürf⸗ nissen entspricht. Der erfahrene Mitarbeiter muß im vorliegenden Falle überzeugend nach⸗ weisen, daß die Verkürzung der Arbeitszeit der Frauen überflüssig und unnötig, ja, daß sie am Ende sogar schädlich sei. Die Leser des Fachblattes sollen glauben, das sei wirklich die Ansicht des Verfassers der in Frage kommenden Artikel. Und das zu einer Zeit, in welcher man nach den Erfahrungen im Crimmitschauer Streik selbst von der Reichsregierung den Er⸗ laß eines Gesetzes, welches den Zehnstundentag für Frauenarbeit festlegt, in Erwägung zieht. Eine neue Pücklertade. Die Berliner Antisemiten gaben neulich wieder einmal eine Vorstellung mit dem Dresch⸗ grafen, um ihre Kassen zu füllen. Das Gräflein legte nach dem Berichte der antis.„Staats⸗ bürgerztg.“ folgendermaßen los: „.... Das Elend aber, in dem Sie sich befinden, meine Herren, das kommt von der Schlappheit und von der Feigheit, die herrschen in allen Kreisen und in allen Berufsständen von Berlin. Kein Mensch will mehr etwas wagen, etwas riskieren, kein Mensch will mehr offen hervortreten mit seiner Meinung. Niemand will mehr Opfer bringen, niemand will mehr energisch kämpfen, nur immer recht leise und vorsichtig auftreten, nur um Gottes willen keinen Krach und keinen Tumult, das ist die Losung der Angstmeier und der Nachtwächter:.... Der sogenannten ersten Gesell⸗ schaft, die so über alle Maßen verlumpt und vetliedert ist, der müssen wir mal den Standpunkt ganz gehörig klar machen. Fort mit den feinen Salonleuten, die immer nur denken an ihre schönen Kleider; fort mit den Fatzkes und mit den Jammerkerle, fort mit den Drohnen, den Parasiten und den Schmarotzerpflanzen, die immer nur genießen wollen, ohne zu arbeiten; fort mit den liberalen und freisinnigen Theologen, welche auf der Kanzel ihren Herrn und Meister verleugnen; fort mit den feigen und schlappen Parlamentarlern, welche nicht den Mut besitzen, der Regierung ganz energisch die Wahrheit zu sagen, und welche immer ja sagen zu allen den dummen und albernen Gesetzen, welche in letzter Zeit fabriziert worden sind; fort mit den Staatsanwälten, welche immer nur Leute quälen, fort mit den Richtern, die zu viel Rücksicht auf die Juden nehmen, fort mit den Staats männern, die sich nur mit Juden herumtreiben und das eigene Volk im Stich lassen; fort mit Höflingen, die zu feige sind, und zu schlapp, um ihren Herren und Gebietern die Wahrheit zu sagen; fort mit den Fürsten, die das eigene Volk im Stiche lassen und nur dem Auslande nachlaufen.“ Es gibt doch wenigstens einen Preußen, der seine Meinung frei äußern darf, ohne hinter schwedische Gardinen zu koumen. Uebrigens wurde der Dreschgraf in Berlin auf Ersuchen des Glogauer Gerichts verhaftet. Er hatte sich dort wegen Beleidigung zu verantworten, war aber zu den Terminen nicht erschienen. Das Telegramm, welches die Verhaftung an⸗ ordnete, enthielt die Weisung:„Graf Pückler sofort aber schonend verhaften“— Vom Glogauer Gericht erhielt er ganze 50 Mk. Geld⸗ strafe. Für eine solche Bagatelle darf er sich noch öfters das Vergnügen leisten, die Gerichte zu foppen. Hoffentlich haben sich von jetzt ab sozialdemokratische Redakteure und Arbeiter der gleichen Rücksichtsnahme zu erfreuen, wenn ihnen etwas derartiges zustößt. Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. Fortschritte der Gewerkschaften. Ueberraschend und erfreulich ist der Fort⸗ schritt, den die Gewerkschaftsbewegung im Jahre 1903 gemacht hat. Die Generalkommisston be⸗ zifferte kürzlich den Zuwachs der freien Ge⸗ werkschaften auf zirka 140 000 Mitglieder. Es sind aber Anzeichen vorhanden, daß diese Zahl noch zu gering veranschlagt ist. So veröffent⸗ licht jetzt der Deutsche Metallarbeiter⸗ Verband seine Jahresabrechnung, aus der sich eine Mitgliederzahl von 160135 und da⸗ mit gegen 1902 eine Zunahme von 31293 er⸗ gibt. Der Deutsche Metallarbeiter⸗Verband war bekanntlich im vorigen Jahre die Zielscheibe der Kühnemänner, in Iserlohn und Berlin wurde versucht, ihn kampfunfähig zu machen und zum Weißbluten zu bringen. Aber alles war umsonst, in Iserlohn stieg die Mitglieder⸗ zahl von 216 auf 1625, in Berlin von 30345 auf 35 741! Und die Jahresabrechnung ergibt weiter, daß das Vermögen des Metallarbeiter⸗ verbandes trotz der zahlreichen, schwierigen und kostspieligen Kämpfe, in die er verwickelt war, sich doch um über 200 000 Mk. vermehrt hat! Die Einnahmen und Ausgaben bilanzieren mit 3242 773,49 Mk., die Reineinnahme beträgt 2814 807,57 Mk.,(1902: 1567 433,67 Mk.) Die Ausgaben des Verbandes für Unter⸗ stützungen sind enorm gestiegen; u. a. wurden geleistet an Reisegeld 146 773,14 Mk. Arbeits⸗ losenunterstützung 329 859.59 Streikunterstützung 1 220 551,59 Besondere Notfälle 84 060,19 Rechtsschutz 45 374,36. In Summa wurden also 1826,68 Mk. für Unterstützungszwecke auf⸗ gewendet. Außerdem sind noch für Streik⸗ und sonstige Unterstützungen ganz bedeutende Summen aus den Lokalkassen geleistet werden. Ange⸗ sichts dieser Tatsachen sagt die„Metallarbeiter⸗ Zeitung“ mit Recht, daß der Verband sowohl in Bezug auf seine Mitgliederzahl wie seine finanzielle Leistungsfähigkeit ein erfreuliches Bild zeigte. Trotz alledem und alledem! Auch der Holzarbeiter⸗Verband hat im letzten Jahre eine bedeutende Steigerung der Mitgliederzahl zu verzeichnen. Sie betrug Ende 1903 83 662 gegen 70851 im Vorjahre. Es wurde eine Mehr einnahme von 312 409 Mark erzielt, die in der Hauptsache den Fonds für die am 1. April in Kraft getretene Arbeits⸗ losen⸗Unterstützung bildet. Der Gesamt⸗ Vermögensstand belief sich am Ende des Vor⸗ jahres auf 1 350 434 Mk. Eine Reihe anderer Gewerkschaften weisen ebenfalls eine recht günstige Entwickelung auf. Leider hat Gießen und Umgebung an der er⸗ freulichen Aufwärtsbewegung wenig Anteil; darum lassen auch die Arbeits⸗Verhält⸗ nisse in fast allen Berufen sehr viel zu wün⸗ schen übrig. Es wäre endlich an der Zeit, daß sich die Arbeiter unserer Gegend auch mehr emporrafften und in größerer Zahl den Gewerk⸗ schaften sich anschlössen. Gewerbegerichtswahlen. In Kastel b. Mainz fand am Sonntag die Gewerbegerichts⸗ wahl statt, bei der die Liste der freien Gewerk⸗ schaften mit 285 Stimmen siegte. Die Cheist⸗ lichen brachten es nur auf 79 Stimmen. Ein Gewerkschaftshaus wollten die Leipziger Arbeiter errichten und haben zu diesem Zwecke das Etablissement„Tivoli“ für 560000 Mk. angekauft.— Die vor Kurzem veröffentlichte Bilanz des Frankfurter Ge⸗ werkschaftshauses wies einen sehr erfreulichen Ueberschuß von ca. 13000 Mk. auf. Jedoch der bei dem Berliner Gewerkschaftshause erzielte Reingewinn reichte noch nicht hin, um die Höhe der buchmäßigen Abschreibungen decken zu können. Lohnbewegungen. Der Ausstand der Maler und Weißbinder in Matnz ist beigelegt, die Unternehmer bewilligten die haupt⸗ sächlichsten Forderungen und so wurde, nachdem der Streik nur einige Tage gedauert, eine Einigung herbeigeführt. In Frankfurt dauert der Streik noch an.— Die Schreiner in Offenbach legten am Samstag vor acht Tagen in einer Anzahl Werkstellen die Arbeit nieder, weil die Arbeitgeber sich weigerten, in eine Lohnerhöhung von 10 Prozent und Ver⸗ kürzung der Arbeitszeit um eine halbe Stunde einzuwlilligen. Maigedanken. „Ich bin der Rerr, dein Gott!“ sagt König Mammon. Aber die Arbeiter glauben an keine Götter mehr— das hat ihnen der Ka⸗ pitalismus gründlich ausgetrieben. „Sechs Tage sollst du arbeiten“, gebeut die Bibel. Aber sie hätte noch hinzufügen sollen, wie viel Stunden am Tage! Ob acht! Oder sechszehn? Oder vierundzwanzig d „Bete und arbeite!“ Ja, das ist leicht gesagt! Erst muß man doch auch Arbeit haben! „Reiche und Arme müssen sein!“ Das bilden sich die Reichen bloß ein. Wir Armen den⸗ ken darüber ganz anders. „Vor Gott sind alle gleich!“! Vor der Polizei aber nicht! Das wissen die Arbeiter am besten. „Alles neu— macht der Mai!“ Ne also! Warum sollt' er denn da unsere göttliche Weltordnung nicht auch mal bischen neu machen d Nötig wär's schon lange! (Südd. Postill.) Empfehlenswerte sozialistische Schriften. Die Kolportage⸗Kommission des Wahlvereins— Gießen, Wirtschaft Orbig— empfiehlt: Sozialdemokratie und Zentrum(Arbelter⸗ versicherung und Zentrumspolitil). Preis 20 Pfg. Der Umsturz im Reichstage.(Die Kämpfe um den Zolltarif.) Preis 20 Pfg. Weltkrach und Weltmarkt. Eine weltpoli⸗ tische Skizze von Fr. Mehring. Preis 25 Pfg. Bernstein und das Sozialdemokratische Programm. Von Karl Kautsky. Eine Auti⸗ kritit. Preis brosch. 2 Mk. Christentum und Sozialismus. Von A. Bebel. Preis 10 Pfg. * Dee Nr. 18. Mitteldeutsche Sonutags⸗ Zeitung. Seite 10. Ein Cagl! vor der Konfirmation finden Sie noch loote Konfirmanden⸗Anzüge in allen Farben und Macharten, pro Stück in Buckskin Von Mk. 7,.— an. Ebenso Stiefel, Stiefeletten, Hüte, Hemden ꝛe. ꝛc. Hochzeits-Auzüge für Land und Stadt. Auzüge vom schwersten Buckskin, dunkel, hell, Mk. 10,—. Kammgarn-Herren-Anzüge blau, braun und schwarz, Mk. 3,50. Mein Lager in Hoseu, Westen, Jünglings⸗, Knaben⸗ und Kin der⸗Anzügen, Ueberzieher, Kirchen⸗Röcken, Buckskin ꝛc. steht unübertroffen da! Scheuen Sie die Reisekosten nicht, Sie bekommen das beste und billigste. H. Moller, Marburg „Lum oOberhessischen Kleiderbazar“ D eee Wenn Sie bei Ihren Ein⸗ käufen Vorteile genießen wollen, dann überzeugen Sie ich von der enormen Billigkeit meiner sämtlichen Artikel. Massenauswahl in Damenkonfektion Damenputz, Kleiderstoffe VBaumwollwar., Teppiche Gardinen, Kurzwaren Herrenwäsche ꝛc. ꝛc. 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