diebe wren ger, e! 1 Etage. —— „555 Nr. 22. Gießen, den 31 Mai 1903. 10. Jahrg. 5 Redaktion: Nedaktionsschluß: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Donnerstag Nachmittag 4 Uhr 5 Mitteldeuts che n * Abounementspreis: Die altteldeutsche Dee Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. die Gypedition unter K 0 utse Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere zer frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Bestellung en nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33¼% D Juserate a Die ögespalt. Bei mindestens und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Parteifreunde! Benutzt die Feiertage zu nachhaltiger Agitation! Arbeitet unermüdlich, damit die ache des arbeitenden Valkes am 16. Juni zum Siege gelange! Führet namentlich unserer Presse immer neue Abonnenten zu, schafft der Mitteldeutschen Sonntags-Zeitung immer weitere Verbreitung! Was Ihr tut für unsere Hache, tut Ihr zugleich für Euch selbst und Eure Kinder! Pfingsten. Wieder steigen sie herauf die Tage eines christlichen Festes. Pfingstfest, das Fest zur Erinnerung an die Ausgießung des heiligen Geistes über die versammelten Jünger. o die christliche Legende. Damit trat die dritte in der christ⸗ lichen Gottdreieinheit in ihr Recht. Nicht die allmächtige Güte und Liebe des Gottvaters, nicht der blutige Opfer- und Ueberzeugungstod des Gottsohnes waren ausreichend, um die Menschheit den Segnungen einer neuen Welt⸗ anschauung, dem Christentum zuzuführen. Es mußte noch besonders und ausdrücklich hinzu⸗ kommen der heilige Geist. Erst sein Zauber, seine Macht konnte die Jünger befähigen, mit feurigen Zungen zu reden. Mit dieser Auf⸗ fassung und Lehre wurde und sollte begründet werden die Unwiderstehlichkeit und Unüber⸗ windlichkeit der neuen Ansckauung, oder religiös gesagt, des neuen Glaubens. Damit aber auch wurde die Kampfstellung des Neuen gegenüber dem Alten und Ueberlebten gezeichnet. Erfüllt von dem neuen Geist treten die Jünger vor ihre Zuhörer und suchen sie zu überzeugen von dem Unrecht, dem Falschen, dem Unwahren, unter dem sie leben. In glühenden Worten schildern sie die Möglichkeit eines besseren und schönezen Lebens. Daß sie ihren Worten und Ausführungen dabei ein religiöses Gewand verliehen und jenes bessere Leben in den Himmel verlegten, dafür waren sie Kinder ihrer Zeit und Söhne des Morgenlandes. Auch heute noch müssen sich im Morgenland alle Reformen an Haupt und Gliedern in ein religiöses Ge⸗ wand kleiden, und doch wissen wir, welche ge⸗ waltige Pläne zur Umgestaltung, sowohl auf politischem als auch auf sozialem Gebiete, sich gar häufig hinter diesem Gewand verbergen. Aus den Reihen der Hirten und Fischern, also aus den Aermsten der Armen, gehen sie meistens hervor, die Begründer einer neuen Religionslehre und mit besonderer Vorliebe wenden ste sich an die Armen, an ihre Klasseu⸗ genossen. Sie kennen deren Lage, sie kennen deren Not und reden deren Sprache. Mit diesen Elementen ausgerüstet eröffnen sie ihren Zuhörern und Anhängern im Namen der Religion neue Gesichtspunkte für ein besseres Leben. Daß es sich dabei sehr häufig nicht blos um religiöse Beweggründe, solche kommen allerdings auch vor, sondern um recht materielle und irdische Dinge handelt, das beweisen a die 2 vielen blutigen Verfolgungen, die solche neuen e zu erdulden haben im gegebenen Fall. Unter⸗ des Friedens diese Religion mehr als einmal drückung und Niederhaltung des Neuen um jeden, auch den blutigsten Preis, das ist eine sehr alte Parole. Und diese Parole wird um so rücksichtsloser befolgt, je mehr durch die neue Lehre altes Unrecht und alte Unterdrückung bedroht ist. Es ist auch durchaus nicht bloßer Zufall, daß die Priesterkasten der verschiedensten Religionen grade die ärgsten und wütendsten Verfolger neuer Lehren sind. Nicht um ihres Gottes willen bekämpften heidnische und jüdische Priester das Christentum, das war meist nur Vorwand. Ganz andere Gründe steckten da⸗ hinter, wir können sie zusammenfassen in das eine Wort Herrschaft, Herrschaft auf allen Gebieten. Diese Herrschaft auf allen Gebieten war bedroht durch den neuen, durch den heiligen Geist, wie er ausging von den armen Jüngern Jesu. Wie mächtig klingt der Ruf nach Gerechtig⸗ leit auf Erden, nach Liebe unter den Menschen durch ihre Reden. Wie mächtig muß das Un⸗ recht und die Unterdrückung, wie gewaltig muß das 1 0 0 nach Menschenliebe gewesen sein, wenn ste so viele und todesmutige Anhänger fanden. Kein Wunder, daß sich zusammentat alles was sich bedroht fühlte, um die neue Lehre zu unterdrücken. Habgierige Reiche, heuchlerische, herrschsüchtige Priester, grausame, blutdürstige und ruhmsüchtige Kaiser mit ihren Schmarotzern, Männern wie Weibern, sie alle wetteifern miteinander die scheußlichsten Mitteln der Grausamkeit zu ersinnen, um die neue Lehre und ihre Vertreter zu unterdrücken. Welches Meer von Lüge und Entstellung muß seine Wellen schlagen, damit nur Scheingründe für geplante und gewollte Grausamkeit gefunden werden. Man denke nur an die scheußlichen Christenverfolgungen eines Nero und an den durch ihn und seine Satrapen veranlaßten Brand von Rom. Siegreich aber blieb trotz⸗ alledem der neue Geist, jenes unfaßbare, gegenstandslose und doch so mächtige Ding, vor dem auch die Mächtigsten machtlos sind. Nahezu 2000 Jahre sind über die Erde gegangen und wieder ward es Pfingsten, und wieder hat ein neuer Geist bereits Millionen und abermals Millionen von Menschen ergriffen. Aber frei von morgenländischen Wundern und Zauberformeln, frei von religiösen Umhüllungen und Verschleierungen tritt der Geist jetzt in Erscheinung. Hieser neue Geist ist der Geist des Soztalismus. Seid vierzig Jahren ist er besonders erstarkt gerade bei uns in Deutschland. Auch hier sind seine Träger wieder die Armen und Elenden, die Aus⸗ geschlossenen und Verstoßenen. Nicht Mystik und Symbolik sind seine Attribute, Wissen⸗ schaft, Aufklärung und Recht heißt seine Losung. Das, was das Christentum und seine Kirchen seit ihrem langen Bestehen nicht be— seitigen konnten oder auch nicht immer beseitigen wollten, Habgier, Ausbeutung, Unterjochung, Herrschsucht, Heuchelei, Grausamkeit, Krieg usw., das will und wird der Sozialismus zum end⸗ lichen Heile der Menschheit beseitigen. Es ist hier heute nicht der Platz an all das Unmensch⸗ iche zu erinnern, das grade im Namen des stentums begangen worden. Aus unendlich em mag auch e ein Beispiel erwähnt en. Es mag gen 0 darauf hinzuweisen, f 1 c naß di. Diener den r Vieh ir Lehren meistens zu erdulden hatten und noch daß die Diener der ö igtbn der Liebe und 4 1 dazu benutzt haben, um in ihrem Namen die abscheulichsten Religionskriege und schrecklichsten Menschenschlächtereien zu schüren. Seit vierzig Jahren macht sich der Geist des Sozialismus in Deutschland besonders stark geltend, sammelt er seine Anhänger. Seit dem Auftreten Lassalles, seit der Gründung des Allgemeinen deutschen Arbeiter⸗ vereins am 23. Mai 1863, seit dieser Zeit dauert auch die Verfolgung des Sozialismus und seiner Anhänger. Lauter denn je ertönte der Ruf nach Recht und Gerechtigkeit, Millionen von Arbeitern und Geknechteten erheben ihn. So hartnäckig wir imme wird er von den Herrschenden überhört und verweigert. Ein scharfes Hüben und Drüben wird die immer deutlichere Signatur unserer Zeit. Auf der einen Seite die Masse des Proletariats, verachtet und fast rechtlos, aber erfüllt und getragen von dem neuen Geist, dem heiligen Geist des Fortschritts und der Kultur; auf der anderen Seite die Reaktion, geschützt und gedeckt durch Macht und Gewalt. Staat, Kirche und herrschende Gesellschaft, sich gegen— seitig ergänzend und unterstützend, setzen alles daran nur auch nicht Haaresbreite von ihren selbstgeschaffenen Privilegien zu opfern. Die Geschichte des Sozialismus in Deutsch⸗ land ist überreich an Beispielen dafür, zu welchen Mitteln seine Gegner zu seiner Unterdrückung und Verfolgung gegriffen und noch greifen. Nicht eine einzige der niedrigsten menschlichen Leidenschaften ist zurückgedämmt worden, wenn es sich darum handelte, den Sozialismus und seine Anhänger zu verfolgen. Blicken wir nicht weit zurück, sondern versetzen uns nur auf kurze Zeit in die Tage des letzten Reichstages. Ist es nicht beschämend und empörend zugleich, wie dort Recht, Gesetz und Verfassung mit Füßen getreten wurden, nur um unsere Abge⸗ ordneten mundtot zu machen und um so unge— hinderter dem deutschen Volke zu all seinen Lasten noch neue, schier unerträgliche, aufzu— bürden? Ja, und waren es nicht gerade die frommen, christlichen Mannen des Zentrums, die sich dabei besonders hervor— taten? Doch verwundern dürfen wir uns darüber nicht allzusehr. Diese frommen Christ⸗ lichen wissen, welcher Gegner ihnen im Sozialis⸗ mus erwächst und darum ihr glühender Haß. Sie wissen, daß die Sozialdemokratie entschlossen ist, um jeden Preis die deutschen Arbeiter auf⸗ zuklären und von jener Unwissenheit zu befreien, die dem Zentrum heute noch ein gut Teil seiner Existenz sichert. Und nicht anders steht es um die übrigen Teile der herrschenden Gesellschaft. Sie wissen alle, was für sie auf dem Spiele steht, sie fühlen und ahnen, das Pfingstfest der Arbeit ist das Fest der Befreiung von Knechtschaft und Druck, das Pfingstfest der Arbeit ist das Totenfest ihren Vorrechte. Wohlan denn, deutsche Arbeiter, so feiert Pfingsten, feiert das Fest des heiligen Geistes für Freiheit und höchste menschliche Kultur, und laßt euch von ihm erfüllen! Er ist der Mächtigste und Unbesiegbarste den es je gegeben! Laßt euch von ihm erfüllen, dem heiligen Geiste wirklicher Menschen⸗ verbrüderung und wehret dem Krieg und Erzeugern, seinen dem Militarismus und 57 5 9 9 78 * e 5 —— „77 ———— — 1 —— Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 22. Seite 2. Marinismus. Laßt euch erfüllen bon dem s unfähig. Nicht mitgezählt sind die Verletzungen, heiligen Geiste ed elster Nächstenliebe und! die in den ersten 13 Wochen geheilt wurden. S 3 2 wehret dem Hunger und seinem Nährvater, Und wie hoch waren die Renten? Durch⸗ S ss dem Zollwucher. Laßt euch erfüllen von dem schnittlich betrugen sie bei der Unfallversicherung Partelen 2 8 8 88 888 3 heiligen Geiste der Wis senschaft und wehret] pro Verletzten 106 Mk. Die Indalidenrente 38 3 5 888 der Unwissenheit, der Mutter aller Knechtschaft.] betrug durchschnittlich jährlich 142,04 Mk., 2 3 5. en t 8 1 die Ae 145,54 Mk. 3. üllen von dem heiligen Ge es um Sterben zu viel, zum Leben zu wenig! Selbstbewußtseins und der Pflicht Und dafür Dankbärteit? ö f 9 e e 30 10 80 1 gegen euch und eure Nachkommen und Und dennoch— obwohl die Sozialdemokratie Nationalliberale. 53 384190 20 666 gedenket des 16. Juni und eures damals gegen diese Versicherungsgesetze gestimmt(Deutsch)⸗Konservative 50 859 172 15 911 Rechtes. hat, weil sie ihr nicht weit genug gingen— Freisinnige Volkspartei 28 558 314 13 566 So feiert Pfingsten! das bißchen an Arbeiterversicherung und Sozial⸗ J Deutsche Reichsparte-i 20 343692 14941 L. W. reform, das wir heute haben, ist der Sozial- Antisem. u. Christl.⸗ Soz. 10 284250 28 425 demokratie zu verdanken. Sogar Bis⸗ l f 1 80 hat dies am 26. November 1884 dem 9 55 1 5 1 1. eordneten Auer gegenüber bekannt: ai Arbeiterschutz 1 Saia prager b ed Landwicte 6 1103890 36796 und Versicherungsgesetze. wenn nicht eine Menge sich vor ihnen fürchtete, Süddeutsche Volkspartel 7 108528 13 566 würden die mäßigen Fortschritte, die wir über⸗ S 13 427 Auf der letzten Weltausstellung in Paris haupt in der Sozialreform bisher gemacht Welfen„„ e e 10 484 war ein elf Meter hoher und über steben d n 775 1 16 e lichen Vot Fraktionslos u. zersplittert 15 81262 10 261 Quadratmeter Grundfläche fassender Obeltsk u der vielgenannten kaiserlichen Bort Walonalsozlale. ee schaft vom 17. November 1881 heißt es mit Dänen 5 1 15439 15 439 aufgestellt, der den Umfang der deutschen] dankenswerter O it, d den d d Li Arbeiter- Versicherung veranschaulichen sollte.] Umstur bekän ffenheit, daß nicht eic Sec b* 2255 955 Wenn derselbe aus gemünztem Golde gewesen im 5 70 müsse zwi 155 5 eßlich 7 Nec e wäre— so wurde gesagt— würde dies die⸗ ege der Repression Joztaldemokratischer] Packen ee 2 20 jenige Zumme betragen, welche in Deutschland Ausschreitungen, sondern gleichmäßig auf dem Mecklenb. Rechtspartel 1 r e b land der posttiven Förderung des Wohle der Ar. Masurisch. Volkspark. ee für die Arbeiterversicherung bereits ausgegeben worden ist. Man wollte das Ausland zur Nachahmung anreizen. Angesichts eines solchen Goldklumpens werden aber die ausländischen Kapitalisten eher alle Taschen zugehalten haben. Weit zweckmäßiger hätte man den Betrag veranschaulichen können, die der Arbeitgeber pro Tag für den Arbeiter zahlt. Jüngst wurde dem Internationalen Arbeiter⸗ versicherungskongreß in Düsseldorf eine Denk⸗ schrift vorgelegt, laut welcher die gesamte Ent⸗ schädigungsleisung der Arbeiterversicherung von 1885 bis 1900 betrug 2782 474 948 Mk.: Das hört sich pompös an. Aber woher kam das Geld? Die Arbeiter haben den größten Teil aufgebracht, nämlich 1337324599 Mk. Die Unternehmer brachten auf 1264 527677 Mk. Das Reich brachte auf 180624 672 Mk. Die aus aus eigenen Mitteln der Arbeiter aufgebrachte Summe kann ihnen nicht vorgehalten werden als Geschenk. Nicht viel anders steht es mit dem Beitrag des Reiches, das durch indirekte Steuern zuvor seinen Teil den Arbeitern cbzwackte. Aber die Beiträge der Unternehmer! Die erwähnte amtliche Denkschrift sagt dar⸗ über, es verursachte„die Kranken⸗ und Inva⸗ lidenversicherung pro Tag etwa je 4 Pfennige, die Unfallversicherung pro Tag 2 Pfg., also zusammen 10 Pfg. Kosten, wovon aber der Arbeitgeber nur etwas über die Hälfte zu tragen hat. Daß der Unternehmer durch der⸗ artige Beitragskosten nicht übermäßig belastet ist, liegt auf der Hand.“ Also 5 Pfg. pro Tag im Durchschnitt, manchmal mehr, manchmal weniger. Aber dieser Betrag, den man einem Bettler giebt, ohne groß auf Dankbarkeit zu rechnen, ist schließlich nur ein Teil des Lohnes. Auf dem⸗ selben Internationalen Kongreß in Düsseldorf erklärte der frühere Präsident des Reichs⸗ versicherungsamtes Dr. Bödicker: 5„Die Arbeiterversicherungslasten werden höchstens die steigende Tendenz der Löhne aufhalten, niemals aber die Industrie und Landwirtschaft mehr schädigen können, als Mit andern Worten: Müßten nicht die Unternehmer Beiträge leisten, dann wären die Löhne entsprechend höher! Eine Art Zwangs⸗ sparkasse für die Arbeiter sind also diese Gesetze! Und was leisten die Arbeiter dafür? Sie müssen arbeiten, ihre Gesundheit und ihre geraden Knochen, auch ihr Leben zu Markte tragen. Von 1885 bis 1900 blieben auf dem Schlachtfelde der Arbeit, so weit die Unfall- versicherung in Frage kommt(also das ganze Handwerk, die Hausindustrie, häusliche Berufe ꝛc. nicht gerechnet), 915 965 Opfer. Darunter waren 90333 Todesfälle, 30566 Personen dauernd und völlig erwerbs— unfähig, 447447 teilweise und dauernd erwerbs⸗ unfähig und 317619 vorübergehend erwerbs⸗ die Löhne selbst.“ beiter.“ Was heißt das wieder anders als „Ohne Sozialdemokratie keine Soztal⸗ ee Um zu verstehen, mit welchem Rechte sich die sozialdemokratischen Abgeordneten damals der obrigkeitlichen Sozialreform ablehnend gegenüberstellten, sei hier noch der folgende Satz aus jener kaiserlichen Botschaft erwähnt, der gleichfalls erkennen läßt, daß es sich um alles andre, nur nicht um ehrliche Sozialreform handelte:„In Wahrheit“, so hieß es,„handelt es sich bei den Maßnahmen, welche zur Ver⸗ besserung der Lage der besitzlosen Klassen er⸗ griffen werden können, nur um eine würdigere Ausgestaltung der staatlichen Armenpflege und um eine Weiterentwicklung der dieser bereits zugrunde liegenden Idee!“ In derselben so vielgepriesenen Botschaft wurden außerdem noch die Vermehrung der indirekten Steuern und das Tabakmonopol, dagegen Beseitigung von direkten Steuern verlangt. Die Armen sollten also ein paar Almosen erhalten und dafür durch neue Belastungen mit der ungerechtesten Steuerart wieder gestraft werden. Man nahm ihnen mit Scheffeln und man gab ihnen mit Löffeln. Nicht nur auf dem Gebiete der sozialen Versicherungsgesetzgebung, auch auf jedem andern Gebiete des Arbeiterschutzes war die Sozial- demokratie von jeher bis auf den heutigen Tag die treibende Kraft, die die faulen bürgerlichen Parteien und die Regierung zwang, Schritt für Schritt den berechtigten Anforderungen der Arbeiter Rechnung zu tragen. Von sozialpolitischen Aufgaben der letzten Jahre seien erwähnt, die Gewerbenovelle von 1900, die einige Verbesserungen brachte und für die unsere Fraktion stimmte, obwohl ihre weitergehenderen Anträge abgelehnt waren; die Seemannsordnung, die von unsrer Fraktion abgelehnt wurde, da ste zu geringfügige Ver⸗ besserungen brachte und den Seeleuten nicht einmal das uneingeschränkte Koalitionsrecht gewährt; das Kinderschutzgesetz, das auch nur mangelhaft ist, besonders deshalb, weil es die Kinderarbeit auf dem Lande völlig außer Betracht läßt. Von der sozialdemokratischen Fraktion waren eine Reihe wichtiger Initiativ⸗ anträge auf dem Gebiete des Arbeiterschutzes gestellt, die aber nur zum kleinen Teil Berück⸗ sichtigung fanden. politische Rundschau. Gießen, den 28. Mai. Zu den Reichstagswahlen. Die Stärke der Parteien im Reich s⸗ tage war am Schluffe seiner Tätigkeit nach einer von der„Hilfe“ veröffentlichten Zusammen⸗ stellung unter Berücksichtigung aller Nachwahlen die folgende: Summe 7752 693= 68,1 Proz. Wahlberechtigte. Wie die Zusammenstellung zeigt, entfallen auf einen sozialdemokratischen Abgeordneten im Durchschnitt fast dreimal soviel Stimmen als auf einen Zentrumsmann. Erhöhte Tabaksteuern und Zölle. Zurzeit wird vom ausländischen Tabak in Deukschland ohne Unters chied der Onalität 85 M. Zoll(bis 1879 nur 24 M.) auf 100 kg erhoben; dom inländischen Tabak erhebt das Reich eine Verbrauchsabgabe 45 M. pro 100 kg(bis 1879 nur 4 M.); zuletzt betrugen die Einnahmen aus der Verbrauchsabgabe un efähr 13 Mill. Mark, aus dem Zoll 53 ½ Mill., zusammen also 66 Mill. Mk. Durch die jetzige Be⸗ steuerung sind die teueren, besseren Zigarren im Verhältnis zu ihrem Preise weniger, mit Staatsabgaben belastet als die billigen, schlech⸗ teren! Seit den Bismarckschen Monopolplänen von 1882 haben die Versuche, größere Summen aus dem Tabakkonsum für den St. Militaris⸗ mus und Marinismus herauszuschlagen, nicht aufgehört; sie alle hatten als Kennzeichen: die billige Zigarre des Volkes, die Pfeife des armen Mannes sollte unverhältnismäßig verteuert werden. Und gleichzeitig wollte man kaltherzig über das Schicksal der vielen in der Tabakindustrie beschäftigten Arbeiter hinweggehen. Cs sind ja nur Proletarier! Inder Zolltarifkommission beantragte Freiherr von Heyl, den Zoll auf Tabak von 85 auf 125 M. zu erhöhen. Die Kommis⸗ sion lehnte diesen Antrag ab, beschloß dagegen eine Resolution:„unter Hinzuziehung von Ver⸗ tretern des inländischen Tabakbaues in eine Prüfung darüber einzutreten, in welchen Be⸗ ziehungen die zur Ausführung des Gesetzes vom 16. Juli 1879, betreffend die Besteuerung des Tabaks, erlassenen Vorschriften im Interesse der kleineren Tabakbauern vereinfacht werden können“. Dieser Resolution stimmte am 13. Januar d. J. der Reichstag einschließlich unsrer Fraktion zu. a Die Reichsregierung plant aber, wie gesagt, nicht eine Erniedrigung, sondern eine Erhöhung der Steuern und des Zolls.. Gegenwärtig sind in der Tabakindustrie 120 000 bis 150000 Arbeiter beschäftigt. Jede Zollerhöhung würde deren ohnehin sehr schlechte Lage noch verschlimmern, denn jene Erhöhungen wurden, wie ziffernmäßig nachzuweisen ist, den Arbeitern vom Lohn abgezogen.* tausend Zigarren, für das früher 24 ezahlt wurden, giebt es jetzt Viele Töchter von Kleir bauern si beschäftigt, die für ein niedriges Kostgeld bei den Eltern untergebracht sind. Während früher Hamburg und Bremen der Hauptsitz der Zigarrenindustrie waren, ist diese nach Süddeutschland verlegt worden, wo z. B. in Baden für 1000 Stück 4,50 M. Lohn bezahlt werden, während in Altona 6 M. selbst eee . .——— 2 3 P —T—T—T——.... — ULF ̃» XPC ˙ A ²˙ AA ˙¹Ü¹2¹ —— W ⏑=—— 2— . 5 en im 15 —— .— 1 0 1 J ö — — S —— Nr. 22. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 3. für Gefängnisarbeit gezahlt werden müssen. Trotzdem aber sagte der Abgeordnete Lucke Gund der Landwirte) schon im September 1894 in einer Bauernversammlung in Haslach: den Tabakbauern müsse„geholfen“ werden und sollten selbstzehntausend sozialdemokra⸗ tische Arbeiter dafür aus der Arbeit kommen. Die nächste Session bringt sicher eine Tabak⸗ steuervorlage! Zigarrenarbeiter und Zigarren⸗ händler wurden ihr zahlreich zum Opfer fallen und die konsumierende Bevölkerung in Stadt 1 0 0 je ärmer sie ist, um so mehr geschröpft werden! Zollwucher⸗Bekenntnisse. „Glauben Sie nur ja nicht, daß die Zoll⸗ tarifgeschichte unserer Landwirtschaft auch nur einen Deut nützt!“ So sagte der Zentrums⸗ abgeordnete Narbe in der Elsenbahn zu einem seiner Parteigenossen. Und dieser antwortete: „Ja, ja! Wir treiben eben im Strudel der Weltwirtschaft, da helfen solche Mittel⸗ chen nicht mehr!“— Den Bauern lügt diese Gesellschaft aber von dem Segen der Zölle vor. Die Antisemiten machens gerade so. Vom Zentrumsknüppel. Die Knüppeltaktik gegenüber der Sozial⸗ demokratie empfiehlt ganz offen ein rheint⸗ sches Zentrumsblatt, indem es Dorf⸗ bewohner, die unter dem Ruf:„Mer sind katholisch!“ mit allerlei landwirtschaftlichen Geräten auf sozialdemokratische Flugblattver⸗ teiler eindrangen, als nachahmenswerte Vor⸗ bilder darstellt. Das erscheint der ebenfalls klerikalen„Kölnischen Volkszeitung“ denn doch bedenklich, natürlich weniger aus moralischen, als aus taktischen Gründen. Wohl giebt ste zu, daß die⸗ Verfahren„an sich durchaus ver⸗ werflich“ sei, aber weit wichtiger hält sie,„daß man so der sozialdemokratischen Presse, welche unehrlicher Weise solche Dinge der ganzen Zentrumspartei anzuhängen liebt, nur Wasser auf die Mühle treibt, indem man ihr Gelegen⸗ heit giebt, über„geistige Waffen“ zu spotten. Ein derartiges Vorgehen ist ebenso zu verur⸗ teilen, wie das gewalttätige Auftreten von Sozialdemokraten in gegnerischen Versamm⸗ lungen, insbesondere in Berlin, worüber die freistnnige Presse sich gegenwärtig so bitter zu beklagen hat.“ Das„gewalttätige Auftreten“ von Sozial⸗ demokraten in gegnerischen Versammlungen ist bekanntlich erlogen und Eugen Richters Preß⸗ klique geht wieder besseres Wissen fortgesetzt mit den längst widerlegten Behauptungen hausieren. Doch die Taten der bürgerlichen Knüppelhelden sind erwiesen und werden von ihrer eigenen Presse bezeugt. Den Ge scheiteren unter den bürgerlichen Politikern ist das natür⸗ lich unangenehm; man will deshalb öffentlich nichts mit den Knüppelhelden zu tun haben, im Geheimen freut man sich aber der An⸗ wendung dieser„geistigen Waffen.“ Zum Fall Krupp. Vor dem Gericht in Neapel wurde vorigen Samstag gegen Maler Allers aus Hamburg wegen Sittlichkeitsverbrechen verhandelt. Unserem Stuttgarter Partetorgan wurde über den Prozeß berichtet: Die Villa Allers auf Capri wurde als eine Stätte widernatürlicher Orgien enthüllt, Allers als Urheber ermittelt. Seine Freunde sind mitverdächtig, darunter der verstorbene Krupp, der Gönner und Gläubiger Allers! Die Eltern von fünf Knaben hatten, weil mit hohen Geldsummen abgefunden, ihren Strafantrag zurückgezogen; ein sechster Knabe blieb fest und bekundete haarsträubende Einzel⸗ heiten. Entgegen der bestimmten Zusage seines Rechtsbeistandes erschien Aller s trotz richtiger Ladung nicht zur en dieser Wort⸗ bruch machte den peinlichsten Eindruck. Das Urteil lautete: Allers wird wegen rückfälliger widernatärlicher Unzucht an minderjährigen Knaben zu 4 Jahren 6 Monaten Zuchthaus und 10 Jahren Ehrverlust verurtellt. Die Villa und das Vermögen Allers' auf Capri hohe Entschädigungen an die Eltern der geschän⸗ deten Knaben zu zahlen. Was würde ans Tageslicht gekommen sein, wenn die mit schwerem Gelde zum Schweigen gebrachten Eltern der übrigen fünf Knaben ihren Strafantrag aufrecht erhalten hätten! Doch das Ergebnis der Aussage des einzigen fest e Knaben ist schon für unsere deut⸗ chen Kruppianer von solch niederschmetternder Wirkung, daß es ihnen nach weiteren Einzel⸗ heiten kaum gelüsten dürfte. Der Zufall wollte es, daß das Urteil gerade drei Wochen vor dem Tage der deutschen Mage ce ge⸗ fällt wurde. Die neapolttanischen Richter haben es nicht besser einzurichten vermocht. Die „Elenden“! Fähnrich Hüssener. Ganze vier Jährchen Gefängnis für einen Mord! Mit dieser überaus gelinden Strafe kam der Fähnrich Hüssener weg, der, wie bekannt, den Soldaten Hartmann am Ostersonntag auf so niederträchtige Weise hinter⸗ rücks erstach. Als die grausige Bluttat bekannt wurde, ging eine tiefe Erregung durch das ganze Volk, die sich noch steigerte, als dieser unreife Mensch in dem Briefe an die Mutter des Erstochenen den feigen Mord als„harte Soldatenpflicht“ hinzustellen und sich damit zu entschuldigen suchte.— In der Verhandlung wurde fest⸗ gestellt, daß der Angeklagte von jeher ein roher, gewalttätiger, blutdürstiger Patron war, von unglaublichem Dünkel besessen. Dabei legte er in einem Briefe an seine Mutter eine widerwärtige Frömmelei an den Tag. Das Gericht nahm— es ist kaum glaublich— einen minderschweren Fall an und verur⸗ teilte den Totschläger nur zu 4 Jahren und einer Woche Gefängnis und Degradatton, während der Strafantrag auf sechs Jahre Zuchthaus lautete. Man vergleiche mit diesem Urteil das gegen die Löbtauer Arbeiter gefällte! Und wie viele unserer Genossen werden wegen Bagatellen zu schweren Strafen verurteilt! Wegen Mordversuchs verurteilte das Oberkriegsgericht in Kassel den Unteroffizier Friedrich Degen vom 14. Husarenregiment zu 6 Jahren Zuchthaus, 3 Jahren Ehr⸗ verlust und Ausstoßung aus dem Heere. Dieser Stellvertreter Gottes hatte seinerzeit seine Ge⸗ liebte, die Dienstmagd Hemel, in die Fulda gestoßen, um sich ihrer zu entledigen. Das Mädchen war aber von einem anderen gerettet worden. In erster Instanz war Degen frei⸗ gesprochen worden, da man die Hauptbelastungs⸗ zeugin für nicht genügend glaubwürdig erachtete. In der heutigen Verhandlung aber wurde ihre Vereidigung vorgenommen. Soldatenschindereien. Trotz der verschiedenen Erlasse gegen die Soldatenmißhandlungen nehmen diese doch nicht ab, es scheint fast, als ob sie eher in der Zunahme begriffen wären. Dazu tritt bei den einzelnen Fällen eine geradezu erschreckende Roheit und Unmenschlichkeit der„Stellvertreter Gottes“ in Erscheinung. Anderseits muß man sich wundern, daß sich die Opfer der Aus⸗ schreitungen gegen die Quälereien nicht hand⸗ greiflich wehren. So stand vor Kurzem der 22 jährige Unteroffizier Kisch vom 15. Pionir⸗ Bataillon in Straßburg vor dem dortigen Oberkriegsgericht. Kisch war vom Oktober 1901 bis Mat 1902 Korporalschaftsführer und miß han delte täg⸗ lich in und außer dem Dienste, beim Exerzieren und in der Instruktionsstunde in geradezu bar⸗ barischer Weise. Er ohrfeigte fast sämtliche Rekruten täglich, stieß sie in den Rücken sowie mit der Hand ins Gesicht, bearbeitete sie mit der Klopfpeitsche, jagte sie bei Tag und bei Nacht unter fünf Betten hin und her, oft 50 bis 100 Mal des Abends, bis sie nicht mehr konnten. Ging es nicht rasch genug, so traktierte er sie mit der Klopfpeitsche, warf sie zu Boden und gegen die Stubentür, würgte sie mit wird mit Beschlag belegt. Außerdem hat Allers beiden Händen und stieß sie gegen die Wand. Beim Turnen stopfte er ihnen Lohe in den Mund, wobei er die Rekruten auf die Erde legen ließ und ließ sie wie Hunde das Sprungseil mit dem Mund von der Erde auf⸗ nehmen. Er zwang die Rekruten, sich gegenseitig mit ein er Schrubberbürste und Sand den Ober⸗ körper abzureiben, bis er wund wurde und die Leute längere Zeit Schmerzen litten. Er ver⸗ anlaßte die Rekruten, sich gegenseitig zu verklopfen, ließ sie fast täglich mit präsentiertem Gewehr in der Kniebeuge sitzen, sowie in der Stube umherlaufen. Damit ist aber die Liste der Scheußlichkeiten, die bei der Verhandlung aufgezählt wurden, noch lange nicht erschöpft. Der Vertreter der Anklage erklärte, die Rekruten wären so ein⸗ geschüchtert, daß ste die unglaublichen Quälereien nicht einmal anzuzeigen wagten. Erst als der Menschenschinder einem Soldaten auf den kranken geschwollenen Fuß getreten hatte, kamen die Untaten heraus. Kisch wurde zu 1 Jahr 6 Monaten Gefängnis und zur Degradation verurteilt.— Eine ganze Reihe weiterer Soldatenschindereien hatten die Kriegs⸗ gerichte in der letzten Zeit abzuurteilen; hinter den Mauern der Gießener Kaserne haben sich, wie aus einer Verhandlung des Frank⸗ furter Kriegsgerichts hervorgeht, ähnliche Dinge abgespielt.— Und da redete der antisemitische Reichstags⸗ kandidat für Wetzlar, Giese, von„angevb⸗ lichen Soldatenmißhandlungen“! Ehrenrettung des Hänge⸗Peters. Ein Gesuch um Wiederaufnahme des Verfahrens gegen Dr. Karl Peters ist, wie berichtet wurde, dem Kaiser wirklich eingereicht worden. Freunde von Karl Peters unter Führung des freikonservativen Abgeordneten b. Kardorff hätten das Schriftstück, das auch die Unterschrift vieler„höchstgestellten Persön⸗ lichkeiten“ trage, unterzeichnet. Warum empfehlen die Herren nicht gleich Dr. Peters für den Posten des Kolonialdirektors? Ueber die Tätigkeit der sozialdemokra⸗ tischen Neichstagsabgeordneten urteilt der Agrarier Dr. Oertel— ein ver⸗ bissener Gegner der Sozialdemokratie: „Es läßt sich gar nicht leugnen, daß die Sozialdemokratie im Reichstage eine Rolle spielt, die über ihre eigentliche Bedeutung und ihre parlamentarische Stärke weit hin⸗ ausgeht. Das kommt daher, daß die meisten sozialdemokratischen Abgeordneten während der Tagung bis zu einem gewissen Grade Berufsparlamentarier sind. Sie beschäftigen sich fast ausschließlich oder doch hauptsächlich mit den parlamentarischen Aufgaben, sie be⸗ kommen ihre bestimmten Ressorts angewiesen, sie studteren infolgedessen die Materialien, die in ihr Ressort gehören, mit großem Fleiß und Eifer. Daher kommts, daß die meisten sozialdemokratischen Redner trotz aller Mängel und trotz aller unzureichenden Klarheit doch den Stoff ziemlich beherrschen. Wenn derartige, auf einem verhältnis⸗ mäßig fleißigen Studium beruhende Ausführungen durch ein paar nonchalante Redensarten abgetan werden, so kann das keinen guten Eindruck machen.“ Sozialdemokratischer Bürgermeister. In Ispringe in Baden wurde unser Genosse Wilh. Haug mit 150 Stimmen zum Bürgermeister gewählt. Auf den bisherigen mit Recht bei der Arbeiterklasse nur wenig beliebten Bürgermeister entfielen nur 106 Stim⸗ men. Daß darüber der badische Staat zu Grunde gegangen sei, davon ist noch nichts bekannt geworden. Man wird sich übrigens wohl mit dem Gedanken vertraut machen müssen, daß diesem sozialdemokratischen Bürgermeister bald weitere folgen werden. Verbrecherischer Sport der Besitzenden. Bei einem Automobil⸗Wettrennen zwischen Paris⸗ Madrid wurden eine Menge Leute überfahren, getötet und schwer verletzt. 15 N 1—— S — — 8——— = — 2 Seite 4. Mitteldentsche Sountaas⸗Zeitung Nr. 22. Aber auch mehrere der verrückten Fahrer selber haben den Hals dabei gebrochen. Unverständlich ist, daß der französische Minister den gemein⸗ gefährlichen Unfug nicht verboten hat. Von Nah und Lern. Hessisches. — Sozialdemokratischer Wahlsieg in Offeubach⸗Land. Wie erinnerlich, wurde die Wahl unseres Genossen Orb als Land⸗ tagsabgeordneter für den Offenbacher Landkreis für ungültig erklärt und eine Neuwahl der Wahlmänner in Bieber angeordnet. Diese nat am Montag stattgefunden und mit einem glänzenden Siege unserer Partei geendet. Unsere Wahlmännerliste erhielt 336 Stimmen, während es die Zentrumsleute trotz fieberhafter Agitation auf nur 286—90 brachten. Damit ist die Wahl unseres Genossen Orb als Abge⸗ ordneter des 16. Wahlbezirks gesichert und der Kuhhandel der Gegner im Landtage, durch welchen man der Sozialdemokratie das Mandat zu entreißen hoffte, hat nicht zu dem gewünschten Resultate geführt. Gießener Angelegenheiten. — Jetzt haben wir ihn! Den liberalen Kandidaten nämlich— Herr Kommerzienrat Heyligenstädt ist der Erkorene. Natürlich ist der„Gießener Anzeiger“ pflichischuldigst außerordentlich entzückt von dem gemachten guten Griff“— das heißt von einem„Griff“ kann nicht gut geredet werden, Herr Heyligenstädt wird schon mehr dazu gedrängt und gestoßen worden sein. Er(der Anzeiger) empfiehlt die Kandidatur mit folgenden Worten: „Angesichts der Kandidatur des Herrn Heyligenstädt, bekanntlich eines Mannes, der sich aus kleinsten Verhältnissen, aus einem einfachen Arbeiter zu einem der größten In⸗ dustriellen in unserem Wahlkreise empor⸗ gearbeitet hat und der auch in Arbeiterkreisen als ein Mann von humansten Gesinnungen und Freund einer vernünftigen Arbeiterschutz⸗ Gesetzgebung bekannt und angesehen ist, können wir auf eine würdige und sachverständige Ver⸗ tretung unseres Wahlkreises im Reichstage hoffen.“ Trifft aber ganz genau zu, was wir im Leitartikel der letzten Nummer sagten. Wenn ein Sozialdemokrat sich aus kleinen Verhält⸗ nissen emporarbeitet, wird es ihm zum Vor⸗ wurf gemacht, anders dagegen, wenn es sich um einen Nationalliberalen handelt! Nun wird sich Herr Heyligenstaedt recht ein⸗ gehend mit dem Inhalt des Eugen Richter'schen „Sozialistenspiegels“ und ähnlichen Produkten vertraut machen müssen! — Antisemitische Preßpolemik. Folgende hübsche gegen Genossen Scheidemann gerichtete Briefkastennotiz fand sich kürzlich in dem Offenbacher Antisemitenblatt: „Geschwollener Giftmolch vom„Offen⸗ bacher Abendblatt“. Verspritzen Sie Ihre stinkenden Säfte nur immerzu! Wenn man auf dem Wege einem ekelhaften Gewürm begegnet, so geht man ihm am liebsten aus dem Wege, so halten's auch wir. Uebrigens gereicht es uns zur besonderen Ehre, daß Sie, der Sie das gemeinste Subjekt sind, das uns bis jetzt bekannt geworden ist, uns mit einem so ganz besonderen Hasse verfolgen.“ Und solche Gesellschaft will noch Anspruch auf Anstand machen, wirft den Sozialdemokraten gehässige Kampfesweise vor!— In einer andern Nummer heißt es in der Form eines Inserats: „Tüchtige Tierbändiger! In der Redaktion des„Offenbacher Abendblattes“ ist die Toll⸗ wut ausgebrochen“ ꝛc. Und dieses unsagbar blöde und bubenhafte Machwerk hat dem „Gieß. Anz.“ so gut gefallen, daß er es abdruckte. Das Amtsblatt hat also auch„Witz“ wenn es ihn sich in dem berühmten Hirschel⸗ Organ holt!— S'st halt ein Elexd mit dem Amtsblatt und in dem Amtsblatt! — Aus Wie seck erhalten wir eine längere Zuschrift, die sich gegen die in der vorigen Nummer veröffentlichte (die Bureaukosten des Bürgermeisters betreffend) wendet. Der Raumverhältnisse wegen müssen wir sie auf die daß unser Genosse Bartels als Referent mit seinen — Wählerversammlungen hielt unsere Partei vergangene Woche ab in Klein⸗Linden, Dauernheim, Geiß⸗-Nidda und Nonnenroth. In Klein⸗Linden war der Besuch der Versammlung im Verhältnis zu der zahlreichen dort wohnenden Arbeiter⸗ schaft ein schlechter zu nennen. Sehr zahlreich hingegen waren am Sonntag die Zuhörer in Dauernheim und Geiß⸗Nidda erschienen, wo ebenso wie in Klein⸗Linden, Genosse Krumm sprach, dessen Ausführungen unge⸗ teilteste Zustimmung fanden.— Das Gleiche war der Fall in Nonnenroth, wo Vetters sprach. Lelder konnte dort unser Redner nicht früh genug am Platze sein, weil sich die Versammlung in Laubach so lange hingezogen hatte, es waren deshalb schon ein Teil der Leute wieder fortgegangen.— Donnerstag fand eine von unserer Partei einberufene, sehr stark besuchte Wählerversamm⸗ lung in Langgöns, der antisemitischen Hochburg, statt. Abg. Köhler mochte wohl fürchten, daß Gen. Krumm, der im Antisemitenblatt als„Wolf in Schafskleidern“ bezeichnet wird, hier allzugroße Eroberungen machen könne, darum war er erschienen und hatte sich Herrn Hirschel als Redestütze mitgebracht. Dieser ergriff denn auch in der Diskussion das Wort und sprach länger als eine Stunde. Er suchte den Zollwucher zu verteidigen und brachte im Uebrigen die alten Zitate und die gegen unsere Partei erhobenen Angriffe vor. Gen. Krumm widerlegte die Hirschel'schen Einwendungen, die sich be⸗ sonders auf den Zolltarif bezogen, in ruhiger und sach⸗ licher Weise. Hirschel erhielt dann nochmals das Wort, wobei er weniger auf die bei den Reichstagswahlen in Betracht kommenden Fragen einging, sondern sich mehr mit unsern Genossen im Landtage beschäftigte. Genosse Vetters wi's dann noch auf die Angriffe der kapita⸗ listischen Parteien auf das Wahlrecht hin, das zu schützen die Aufgabe jedes Wählers sein müsse, tadelte die Hal⸗ tung der Antisemiten in Fragen der Kolonialpolitik ꝛc. und empfahl die Wahl Krumms.— Die Versammlung, in der sich die beiden Parteien in etwa gleicher Stärke gegenüberstanden, nahm im Uebrigen einen recht ruhigen Verlauf und wir sind damit sehr zufrieden. Aus dem Rreise Alsfeld-Cauterhach. — Die Wahlbewegung kommt in unserem Kreise jetzt mehr in Fluß. Der von den Liberalen auf den Schild gehobene Kreisrat Wallau hält zahlreiche Versammlungen ab und er macht zweifellos den bis⸗ herigen Abg., dem Antisemiten Bindewald eine em⸗ pfindliche Konkurrenz. Dieser sucht natürlich für sich zu retten, was zu retten ist.— Unsere Partei hielt am Sonntag zwei Versammlungen ab und zwar in Angers⸗ bach und Frischborn. Gen. Or big⸗Gießen sprach in beiden Versammlungen unter dem lebhaften Beifall der zahlreichen Zuhörer.— Zum erstenmale trat auch am Sonntag ein Sozialdemokrat in Laubach auf. Dort hatte Bindewald eine Versammlung anberaumt, abfallen sollten. Daß Gegner in keiner Ver sammlung erschienen, ist selbstverständlich. Courage haben sie blos in eigenen Versammlungen.— Am Sonntag, 24. Mai, hielt der Pfarrer Heckenrot— Kandidat der Konser⸗ vativen— zwei Versammlungen in Friedewald und Daaden ab, in denen Genosse Bartels ihm entgegen trat. Dieser Kandidat der reaktionären Konservativen, welcher den Vorsitz allein führte, war in Bezug auf Gewährung unbeschränkter Redefreiheit liberaler als alle anderen Parteien. Auch der Herr Pfarrer gehört zu jenen gemäßigten Konservativen, die in Sozialpolitik machen wollen, um ihre vermuckerte Partei aufzufrischen. Antwortete er doch dem Genossen Bartels, daß er aus der konservativen Partei austreten würde, sobald sie sich von den Grundsätzen des Christentums bei ihrer Haltung zu Gesetzentwürfen entfernen würde. Den von Genossen Bartels gerichteten Wunsch, in Daaden die Diskussion fortzusetzen, nahm er gern an. Es war eine heitere Versammlung für uns. Ein Nationalliberaler zog gegen die Konservativen vom Leder und der Herr Pfarrer liebäugelte nun gerade auch nicht mit den Nationalliberalen. Eine etwas schärfere Tonart zog ein christlicher Bergarbeiter auf gegen einen stammelnden Antisemiten. Unter schallender Heiterkeit der Versamm⸗ lung zeigte Genosse Bartels, daß alle genannten Parteien nichts taugen. Weder den Konservativen, Nationallibe⸗ ralen noch Antisemiten blieb etwas geschenkt. Während die anderen Redner immer ein Wortgefecht hatten, ant⸗ wortete unserem Genosse Bartels— Niemand. Auch der Kandidat Heckenrot nicht. Dieser schloß mit der Bemerkung die Versammlung—„er hätte viel zugelernt, denn er sei noch Neuling in der Politik“. Stimmt! Man merkt es nämlich sehr. — Ganz richtig. Am vorvergangenen Sonntag sagte der Pastor von Rodheim (Bieber) in seiner Predigt u. a.: Niemand könne Christum leugnen, sogar die Sozial⸗ demokraten stützten sich mit ihren Lehren auf ihn. Das ist gar nicht so unrichtig. Die Verwirklichung des Sozialismus bedeutet die Verwirklichung der Lehren Christi, mit denen aber das heutige offiztelle und Scheinchristentum im schreiendsten Wiederspruch steht. h. Als„schlichter Mann aus der Werkstelle“ stellt das Zentrum einen Berg⸗ arbeiter Breidebach auf. Die Aussicht, daß das Zentrum den Wetzlarer Wahlkreis erob ern wird, ist ziemlich schwach, darum leistet es sich eine Arbeiterkandidatur. Man hört nichts davon, daß es auch in solchen Kreisen Arbeiter auf⸗ stellt, die als sein sicherer Besitzstand gelten. — Aus dem fünften nassauischen Wahl⸗ kreis. Die Christlich⸗sozialen hatten am 25. Mai zu der ca. 60 Personen erschienen waren. In langen ermüdenden Ausführungen berichtete er über seine Tätigkeit im Reichstage und verfehlte dabei natürlich nicht, nach bekannter antisemitischer Art auf die Juden und Sozialdemokraten loszupauken. Gen. Vetters trat ihm in kurzen Ausführungen entgegen. Er wies besonders auf den Militarismus hin, der allen Völkern schwere Lasten aufbürde. Weiter setzte unser Genosse die ungerechte Verteilung dieser Lasten durch das indirekte Stenersystem, on dem Bindewald kein Wort gesagt hatte, auseinander, beleuchtete den„Patriotismus“ der herrschenden Klassen und kritisierte das Verhalten der Antisemiten in vielen Fragen. Bindewald's Antwort auf die kurzen Ausführungen Vetters dauerte etwa 15 Stunde. Seine patriotischen Phrasen fanden wohl den Beifall der Kleinbürger, doch wurde die längere Erwiderung unseres Genossen mit großer Aufmerksamkeit angehört und wird nicht ohne Eindruck geblieben sein. Aus dem Rreise Wetzlar. Zur Wahlbewegung im Kreise Wetzlar⸗ Altenkirchen. Vier Partei⸗Versammlungen fanden statt in Gleiberg, Krofdorf, Vetzberg und Dutenhofen. Die drei erstgenannten Orte sind ja die sogenannten Hochburgen der Sozialdemokratie dieses Kreises und ist ja schon deshalb nicht zu verwundern, Aus führungen den reichen Beifall der Genossen erntete. Aber der Erfolg in Dutenhofen ist um so bemerkens⸗ werter, als dort noch niemals eine sozialdemokratische Versammlung stattgefunden hat, überhaupt noch kein „fi Sozi“ dort aufgetreten ist. Die Versammlung war von zirka 100 Personen besucht, mindestens 5 Bauern des Ortes. Aus diesem Grunde legte Genosse Bartels den Hauptnachdruck bei seinem Referat auf den Zolltarif und seine Wirkungen auf die Landwirte. Dann kritisierte er kurz die Reichspolitik und beschäftigte sich am Schluß mit den Lügen über die Sozialdemo⸗ kratie und was sie dann in Wirklichkeit will. Es müßte mit dem Nuckuck zugehen, wenn bei dem Beifall, den Genosse Bartels von jenen Klein- und Mittel⸗Bauern nächste Nr. zurückstellen. eine Versammlung nach Haiger einberufen. Haupt⸗ redner war Kandidat Dr. Burckhardt,— der viel von Gewerkschaften erzählte und sachlich die National⸗ liberalen anzapfte, die Sozis blos nebenbei. Vom Zolltarif sprach er nicht ein Wort. Der zweite Redner, Herr Lizentiat Weber sprach viel über das sozialpoliti⸗ sche Programm seiner Partei. Schon während der Referate hatten sich einige„gebildete“ Herren Direktoren und Prokuristen der Agnesta⸗Hütte, so anständig und nationalliberal benommen, daß der überwachende Beamte mit Auflösung drohen mußte. Ob das die Helden gern gewollt hätten? Ihr Redner zapfte dann die anwesenden Parteigenossen Trott und Bartels so niedrig an, wie es solch einem gebildeten Herrn nur möglich ist. Genosse Bartels leuchtete ihm aber so heim, daß er, ohne zu antworten, mit seinen vornehmen Schreifreunden bald verschwand. Dann fragte Genosse Bartels den Kandidaten, weshalb er in seiner Kandidatenrede eigent⸗ lich den Zolltarif vergessen hätte? Antwort: Ueber die Zollfrage hätte er am Abend vorher schon an einem anderen Orte gesprochen. Und nun entspann sich eine zollpolitische Debatte zwischen den Referenten und unserem Genossen, in der er nach der Meinung vieler Versammelten gewiß nicht den Kürzeren gezogen. Alle meinen nämlich, nachdem, was man ihnen bisher erzählt, hätten sie sich einen Sozialdemokraten anders— blos nicht so anständig und wissend vorgestellt. Man sieht, nach allen Erfahrungen, wenn die Sozialdemokraten überhaupt erst mal auftreten, zerreißt das Lügengewebe, das man über sie gesponnen. Aus dem Rreise Marburg⸗-Mirchhain. R. R. Als antisemitischer Kandidat tritt, wie neulich schon mitgeteilt, Herr Oswald Zimmermann aus Dresden auf, der„Direktor“ des dortigen antise⸗ mitischen Blattes. In einer am 20. Mai stattgefundenen Wählerversammlung entwickelte der auf die Nach⸗ folgerschaft Böckels spekulierende Herr sein„Programm“, das sich von dem, was Böckel vertrat und zerteat, nur wenig unterscheidet. Böckel, seit den beiden letzten Legislaturperioden Abgeordneter für den Marburger hatte— nicht auch für unsere Partei dort Stimmen Kreis, erhielt bei der vorletzten Wahl noch 6000 22. Amun Je Un 6 Na Houser ld und ntgegen batlben, 10 auf r dg behött ollie ichn, er aus ald se iter en don en die ar eine beraler r Herr lit den og ein genden summ⸗ artelen lllibe⸗ ührend „ ant⸗ Auch it der elernt, immt! genen ein Hand zial⸗ ehren Die die denen tum der gerg⸗ daß bern sich bol, auf⸗ l. Nr. 22. Mitteldeutsche Sonptags⸗Zeitung. Seite 5. Stimmen, mußte sich aber 1898 mit nur 2800 begnügen, ein Z ichen, daß es mit dem Antisemitismus in unserem Wahltreise immer weiter abwärts geht. Böckel hat dies auch wohl gemerkt und aus diesem Grunde auf eine Kandidatur verzichtet. Andererseits kann man auch annehmen, daß ihm das Mandat abgekauft worden ist, indem man ihm gesicherte Stellung verschaffte. Was die Wähler nun von seinem Nachfolger Zimmermann zu erwarten haben, geht aus dem ersten Flugblatt und seiner Wahlrede hervor. Wie der Antisemit Zimmermann über den nationalsozialen Kandidaten v. Gerlach denkt, geht aus seinem Flugblatt hervor, in dem er ihn einen Mann nennt, der vorgestern kon⸗ servativ, gestern christlich-sozial, heute nationalsozial sich nennt und auch nicht die geringste Gewähr böte, daß er morgen blutroter Sozlaldemokrat würde. Die antisemitische Versammlung am Mittwoch war von ungefähr 400 Personen besucht. Als Vorsitzenden und Leiter der Versammlung hatte sich Herr Zimmer⸗ mann einen Herrn aus Frankfurt mitgebracht, der die Versammlung in so ungeschickter Weise leitete, daß er von einem jungen, organisierten Arbeiter in dieser Hin⸗ sicht noch etwas lernen kann. Natürlich wurde die Versammlung mit einem Kaiserhoch eröffnet. Als unser anwesender Kandidat Paul Bader vor dem Vortrage das Wort zur Geschäftsordnung verlangte, wurde es ihm nicht erteilt. Dagegen versicherte ihm der Vor⸗ sitzende, daß, sowie er seine Eröffnungsrede beendet habe, Herrn Bader das Wort zur Geschäftsordnung erteilt werde. Das geschah jedoch nicht, Nachdem der Vor⸗ sitzende seine Eröffnungsrede unter Hohngelächter und Beifall beendet hatte, erteilte er Herrn„Direktor“ Zimmermann das Wort zum Vortrage. Er brach da⸗ mit schnöde sein Bader gegebenes Ehrenwort. Das erregte natürlich die Versammlung und mit Recht forderte Gen. Bader diejenigen auf, die mit ihm und für eine parlamentarische Ordnung seien, das Lokal zu verlassen. Sofort erhoben sich 150 wahlberechtigte Männer mitsamt den anwesenden Domen— fast die Hälste der Anwesenden— und verließen das Lokal. Das hatte der antisemitische Vorstand wohl nicht geahnt, daß es in Marburg auch noch Männer gibt, die auf Recht und Ordnung halten. Der Vorsitzende machte erst darauf aufmerksam, daß er bei jedem, der sich seinen Anordnungen nicht füge, von seinem Hausrecht Gebrauch machen werde. Was Herr Zimmermann nachher ge⸗ schwätzt hat, und wie er über die„roten Hallunken“ hergezogen haben mag, darüber können wir nichts be⸗ richten. Jedenfalls sind wir nicht zu kurz gekommen. Bezeichnend bei diesem Vorgang war wieder das Ver⸗ halten der Nationalsoztalen. Als Gen. Bader auf⸗ forderte, wer mit ihm und für parlamentarische Ordnung sei, das Lokal zu vrlassen, da war'n es wieder die Nationalsozialen, welche treu sitzen blieben. Als im vorigen Jahre im Reichstag bei Beratung des Zolltarifs die Geschäftsordnung von der reaktionären Mehrheit zertrümmert wurde, da waren es gerade die Nationalsozialen in Marburg, die das große Wort hatten. Zwei Versammlungen hielten die National⸗ sozialen darüber ab und protestierten gegen die Ver⸗ gewaltigung; als sie aber ihr sonst so großes Wort in die Tat umsetzen sollten, da hatte sie die Kourage ver⸗ lassen. Wenn einer von den Herren im Reichstage sein wird, wird die Geschichte auch ähnlich ausfallen. Interessant war auch der Verlauf der antisemitischen Versammlung in Hachborn. Nachdem der Kandidat Zimmermann seinen 40 Minuten langen Vortrag beendet hatte, erhielt Genosse Bader das Wort. Da Zimmer⸗ mann auch im 10. sächsischen Wahlkreis(Döbel n) von den konservativen und dem Vund der Land wirte aufgestellt worden ist, während er hier die Konservativen aufs heftigste bekämpft, so frug ihn Bader in der Diskussion, welchen Wahlkreis er eventl. annehmen würde. Herr Zimmermann gab auf die ihm unangenehme Frage keine Antwort. Trotzdem„freie Diskussion“ zu⸗ gesichert war, mußte sich Genosse Bader mit Anfüh⸗ rung des Nötigsten begnügen. Im weiteren Verlauf der Diskussion ergriff der Bündler Klingelhöfer das Wort. Erst bedauerte er das Auftreten des Antisemiten, sagte aber nachher: der Bund der Landwirte hat zwar den Beschluß gefaßt, für den konservativen Herrn v. Pappenheimer zu stimmen. Ich erkläre aber, das ich mich an diesen Beschluß nicht halte, indem ich für den Antisemiten Zimmermann stimme, und fordere ich die Mitg ieder des Bundes der Landwirte auf, das Gleiche zu tun.— Mehr kann man wirklich nicht ver⸗ langen! In Döbeln und andern Kreisen läßt sich der Antisemit von den Konservativen und dem Bund der Landwirte aufstellen und in Marburg verhauen die Antisemiten die Konservativen. Wahrlich, eine nette Gesellschaft. Der Arbeiter, der noch diesen Leuten seine Stimme giebt, ist wirklich zu bedauern. Hoffentlich wird woel die verktätige Bevölkerung unseres Wahl⸗ kreises aus all den vielen Versammlungen usw. gelernt haben, das es für sie keinen besseren Kandidaten giebt, als den Kandidaten der Sozialdemokratie: Paul Bader! Lokalfrage. Den Parteigen ossen zur Nachricht, daß uns auch das Lokal des Herrn Hildemann, Barfüßertor, zu politischen Versammlungen zur Ver⸗ fügung steht. Wir bitten die Gen ssen, dies Lokal und das des Genossen Daniel Jesberg, Wehrdaerweg 2, zu berücksichtigen und dort auch u verkehren. Ferner machen wir bekannt, daß das Bureau des Wahlkomitees sich bei dem Gen. Daniel Jesberg, Wehrdaerweg 2, befindet und bitten wir die Genossen, alle wichtigen Mitteilungen nach dort gelangen zu lassen. Weiter wird auf die am Donnerstag, den 4. Juni, stattfindende außerordentliche Parteiversammlung bei Jesberg aufmerksam gemacht. Da etwas wichtiges auf der Tagesordnung steht, werden die Genossen ersucht, zahlreich zu erscheinen. Das Wahlkomitee. J. A: R. Rösler, Schriftführer. St. Konsum verein. Mitten im Wahl⸗ kampfe, an dem auch viele Mitglieder des Konsumvereins teilnehmen, fanden dieselben doch soviel Zeit, um auch der edlen Musikkunst ihren Tribut zu zollen. Das am Abend des Himmelfahrtstages im Hildemannschen Saale arrangirte Konzert wies erfreulicherweise einen äußerst zahlreichen Besuch auf; der große Saal war bis auf das letzte Plätzchen von den Mit⸗ gliedern des Vereins und ihren Angehörigen besetzt. Nach einem von Frau Gisela Mi hels gehalteneu Vortrag über das Genossenschafs⸗ wesen speziell über die Aufgaben und die Stellung der Frauen zu demselben, der wohlverdienten Beifall fand, begann das Konzert, zu welchem als Einleitung unser Parteigenosse Dr. Mi chels einen kurzen aber sehr interessanten. Vortrag über Musikgeschichte hielt; außerdem gab derselbe vor jeder Programmnummer eine kurze Schilder⸗ ung des Lebenslaufes der betr. Komponisten, mit unverwüstlichem Humor gewürzt, zum besten, was sehr viel zum besseren Verständnis der vorgetragenen Musikpiecen beitrug. Dieselben bestanden in Kompositionen aus dem I de, 19. Jahrhundert und solchen der modernen Zeit und wurden in ausgezeichneter Weise zu Gehör gebracht. Klavier- und Violinvorträge wechselten ab mit Gesangsvorträgen und es ver⸗ dienen sämtliche Mitwirkenden gleiches Lob. Nach dem Konzert fand noch ein kleines Tänzchen statt. Allen Teilnehmern aber wird der schön⸗ verlebte Abend unvergeßlich bleiben und wir sagen den betr. Damen und Herren hierdurch unsern verbindlichsten Dank. Patrioten. Wegen Steuerhinterziehung wurde den Inhabern der Firma Pfeifer u. Diller in Horchheim bei Worms, Kaffee⸗Essenzfabrik, eine Strafe von Mk. 30 000 auferlegt. Bei dieser Gelegenheit wurde auch bekannt, daß di! Firma trotz der schlechten Zeiten im Jahre 1901 bei verhältnismäßig geringem Anlagekapital einen Reingewinn von Mk. 180000 hatte. *Die Frau hat Recht. Vom Glogauer Land⸗ gericht ist die Ehe des Dreschgrafen Pückler auf Antrag seiner Frau und auf Grund des Paragraphen 1568 des Bürgerlichen Gesetzbuches geschieden worden. Diese Bestimmung besagt, daß ein Ehegatte die Scheidung beantragen kann, wenn der andere Ehegatte durch schwere Verletzung der durch die Ehe begründeten Pflichten oder durch ehrloses oder unsittliches Verhalten eine so tiefe Zerrüttung des ehelichen Verhältnisses verschuldet hat, daß dem Ehegatten die Fortsetzung der Ehe nicht zugemutet werden kann. Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung. . Es geht vorwärts! Eine recht er— freuliche Entwickelung hat der Metall⸗ arbeiterverband in der letzten Zeit ge⸗ nommen. Binnen kurzer Frist hat sich seine Mitgliederzahl um 50 000 vermehrt und beträgt jetzt 150000. Die Redaktion der Metallarb.⸗ Zeitung nennt diesen Erfolg das Ergebnis treuer und hingebungsvoller Arbeit der Ver⸗ bandsmitglieder, sie hat aber auch nicht Unrecht, wenn sie schreibt:„Dank schulden wir aber auch unseren Freunden, den Feinden, die mit immer weniger Scheu ihre arbeiterfeindlichen Pläne enthüllen, indem sie brutale Maßregeln über die Arbeiter verhängen und diese dadurch zur Erkenntnis ihrer Interessen, ihrer Klassenlage bringen.“ Zur Beachtung bei der Reichstagswahl! Das Geheimnis der Wahl ist gesichert! Keine Stimmzettelspitzelei mehr! Nach dreißigjährigem Sträuben hat sich die Regierung zum Aerger der Rückwärtser endlich entschlossen, die verfassungsmäßige Geheimhaltung der Wahl zu sichern. Jeder kann diesmal furchtlos den Mann seiner Ueberzeugung wählen. Niemand kann seine Abstimmung kontrollieren. Kein Gutsherr, Inspektor, Fabrikleiter ꝛc. kann mehr die Arbeiter mit kenntlich gemachtem Wahlzettel zur Urne marschieren lassen. Jedermann nehme sich in der Tasche von Hause einen sozialdemokratischen Wahl⸗ zettel ins Wahllokal mit. Er muß ungefähr 9 zu 12 Zentimeter groß sein. Wesentliche Abweichungen in der Zettel— größe machen die Wahl ungültig! Im Wahllokal empfängt er ein amt⸗ liches Wahlkouvert, die alle gleich sind und keinerlei Kennzeichen haben dürfen. Mit dem Wahlkouvert geht jeder einzeln in einen Nebenraum oder an einen durch einen Verschlag abgetrennten Tisch. Hier steckt der Wähler, unbeobachtet von jeder⸗ mann, seinen sozialdemokratischen Stimm⸗ zettel in den Umschlag und schließt ihn wie einen Brief; Zukleben ist nicht not⸗ wendig. Die Wahl dauert diesmal von 10 bis I Ie Niemand darf aber seine Stimme nach 7 Uhr abgeben, auch wenn er vor 7 Uhr im Lokal ist. Es empfiehlt sich also, nicht im letzten Augenblick, sondern so früh wie Stimme bis 7 Uhr abgeben kann. Eure Arbeitgeber können Euch bei diesen Wahlen nicht mehr für die Betätigung Eurer sozialdemokratischen Ueberzeugung bestrafen. Ihr wählt frei! Wählt sozialdemokratisch! — Partei-Nachrichten. Eine Erbschaft Bebels. Aus Straß burg wird berichtet: In Anerkennung seines Kampfes gegen den Wilitarismus hat der altelsässische Bankier Staeh⸗ ling, welcher vor einigen Tagen starb, dem Reichstags⸗ abgeordneten Bebel 10 000 Franks testamentarisch ver⸗ macht.— Natürlich führt Bebel, wenn er die Erbschaft annimmt, die Summe der Partei zu. Versammlungskalender. Samstag, den 3.0 Mai. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbi g. Großen⸗Buseck. Abends 9 Uhr, Wähler ver⸗ sammlung bei Größer. Ref. Krumm. Reiskirchen. Abends 9 Uhr Wähler versam m— lung. Ref. Vetters. Fünfter nass. Wahlkreis. Am 2. Pfingstfeiertag findet eine Vertrauensmänner⸗ Versammlung für den 5. nass. Wahlkreis beim Genossen W. Türk, Emmerichenhain, Nachmittags 1 Uhr statt. Genosse Bartels-Berlln und Fauth⸗Wetzlar werden anwesend sein. Die Genossen des Dillkreises können an der Wagentour teilnehmen. Abfahrt 9 Uhr Haiger. Anmeldung an den Vertrauensmann Louis Troth, Haiger. Quittung. Für den Wahlfonds gingen weiter ein: Gewerk schafts⸗Kartell Mk. 50.—; Holzarb.⸗Verb. Mk. 20.—; Heuchelheim Mk. 70.—; Lollar Mk. 20.—; Gießen, Liste Nr. 46 Mk. 10.75; Liste Nr. 38 Mk. 770 Liste Nr. 44 Mk. 13.—; S. Mk. 2. möglich zu erscheinen, damit jeder seine 5 1 — 5 15 5 0 1 N N 0 45 ( 1 N 1 15 8 a— Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. cee Pfingsten. es Wenn sich Novembernebel kalt, Grau auf die Fluren senken: Wenn wir es merken, daß Geistgewalt. Nicht die Natur kann lenken, Daß in dem Ding, dem brutalen Sein Nur die Gemeinheit königt, welche die Lüge mit heuchelndem Schein Als Gottesweisheit beschönigt. 16 Seite 6. Kinderbegeisterung, Kindermut, Niemand möge sie schelten; Wem sie nimmer entzündet das Blut, Soll uns als Mann nicht gelten. Aber wenn ihm die Blüten nicht Dauernde Früchte getragen, Schwindet schnell mit des Frühlings Licht, All' sein Hoffen und Wagen. W enn in blühender Maienlust Höher die Herzen schlagen, Schwillt begeistert die junge Brust, Kühn zu wetten, zu wagen; Was unmöglich weiland erschien, Will bedünken erreichbar; Siegesträume den Geist durchzieh'n Rosigen Wolken vergleichbar. Ninderbegeisterung, Kindermut, Hoffnung auf baldige Siege, Wärmen da nimmer das frierende Blut, Stärken da nimmer zum Kriege. Nein, da gilt nur der männliche Sinn, Welcher mit Ernst es lernte, Ohne Belohnung und ohne Gewinn Schaffen für künftige Ernte. 7 G K Unterhaltungs-Ceil. ———ů D Auch ein Vild aus dem Kechtsstaate. Eine Irrenhausgeschichte. 3(Fortsetzung.) Amtsrichter D. und der Kreisphysikus waren gegenwärtig. Dieselben suchten mich umzu⸗ stimmen, daß ich von der Wiedererlangung der Mündigung absehe und priesen die Ent⸗ mündigung, ich hätte dadurch einen Bei⸗ stand usw. Ich erwiderte ihnen, daß mir dieselbe überall hinderlich wäre, sowohl in geschäftlicher Beziehung als in der öffentlichen Gesellschaft. Dann frug Amtsrichter D. nach der Buchführung. Mein Vater hatte nur eine Strazze und war trotzdem ein wohlhabender Mann geworden. Ich hatte sie vorschriftsmäßig. Anatsrichter D. frug mich:„Können Sie Bilanz ziehen?“ Ich bejahte es.„Ob Sie Bilanz ziehen können?“ herrschte er mich an, als ob ich nicht laut genug gesprochen hätte. Ich antwortete nochmals laut:„Ja!“„Ich frage Sie, ob Sie Bilanz ziehen können?“ fuhr er mich zum dritten Mal in aufgeregtem Tone an. Erwartend von ihm, daß er mich augen⸗ blicklich prüfe, schaute ich auf. Doch hütete er sich davor, eine Prüfung vorzunehmen und begnügte sich durch ein protziges:„Hm! hm!“ seine Befriedigung über mein letztes Stillschweigen zu äußern. Bezüglich der wenigen Schulden, die von meiner verstorbenen Mutter noch zu zahlen waren, und welche ich abbezahlte, um mich nachher mit der Schwester in F. und dem Schwager in C. zu vergleichen, äußerte Amts⸗ richter D.:„Sie konnten ja auch gerade so gut etwas Anderes mit dem Gelde anfangen, als Rechnungen bezahlen.“ Dann meinte er wieder, ich sei mit großem Aufwande über die Straße gegangen. Ich bewies ihm dagegen, daß ich nur zwei anständig aussehende, nicht einmal neue Anzüge besäße, die stets in properer Ordnung gehalten, tadellos angezogen wären und durchaus Niemand auffallen könnten, wären es auch nicht, soweit mir bekannt. Ich war entlassen.— Wenige Tage später wurde ich zum Kreisphysikus vorgeladen, damit derselbe meine geile Fähigkeiten nochmals allein prüfe.— Dleser stellte Betrachtungen darüber an, weil ich mein Geschäft verlegen wollte, da die Schwester das Geschäftshaus verkaufen ließ und sagte:„Ja, man wird Ihnen aber ver⸗ bieten, überhaupt ein Geschäft zu treiben, da Sie als Entmündigter nicht selbständig sein dürfen.“ Ich antwortete ihm ruhig, daß ich meine Arbeiten stets sauber, exakt und pünktlich ausführte und würde die Kundschaft zufrieden. gestellt, wofür die regelmäßigen Einnahmen und der lebhafte Verkehr Beweis genug seien und hätte dabei nur 1 Mädchen zur Hilfe im Ge⸗ schäft.— Diese beiden Vorladungen kosteten mich je 40 Mk. Meine Mündigung erhielt ich aber nicht. Unter dem Titel„Auflassung“ sollte ich noch für mich tätig sein. In der Zeitung wurde gleichzeitig veröffentlicht, daß mir Niemand etwas borgen solle ꝛc. Ich war Niemand etwas schuldig geblieben und wurde so öffentlich beleidigt. Amtsrichter D. sagte sogar aus, daß ich kein Geld in die Hände bekommen solle, nicht einmal selbst verdientes. Während meiner Geschäftsführung, die doch seine Zustimmung hatte, widersprach sich das allerdings. Zum Ueberfluß wurde im März von der Vormundschaft ein Rechtsanwalt be⸗ auftragt, meine Zahlungen für die Lieferanten zu buchen. Der hatte sich aber in meinem Geschäft überhaupt nicht blicken lassen, und ich mußte wöchentlich einmal mit meinem Hauptbuche zu ihm kommen. Da schrieb er Alles wörtlich ab und gab mir den klugen Rat, ihm die einzuzahlenden Gelder zu über⸗ geben, damit er sie auf die Post sende. Ich ließ es dagegen einfach bleiben, da ich näher zur Post hatte als er, und mir auch die Post⸗ quittungen im Buche lieber waren als seine. Für seine überflüssige Arbeit konnte er mir keine Achtung abgewinnen.— Am 1. April 1892 ging das Geschäft in die Hände des Hauskäufers Br. über. Mir wurde die Bedingung gestellt, daß ich für 600 Mk. seine Frau in den betr. Arbeiten zwei Monate lang unterrichte. Für die Summe garantierte er mir sowie der Vormund und meine Schwester. Allein nach Ablauf der 2 Monate und sorg⸗ fältigem Unterricht lachte man mich aus, ste seien einem Entmündigten nichts schuldig und die Ueberlieferung des Geschäftes, die Amts⸗ richter D. angeordnet hatte, verstünde sich mit dem Unterricht ohne jegliche Vergütung. Bei Gelegenheit einer Eingabe wegen Warenklage, schickte mir der Amtsrichter D. dieselbe mit der schriftlichen Bemerkung zurück, daß mir über⸗ haupt jede Klage und Beschwerde ver⸗ boten seien. Ich hatte damit wiederum einmal einen Beweis, daß ein Entmündigter von seinen Feinden belogen und betrogen werden kann. Freilich ist dies eine gewagte Sache, denn diese Leute können einmal an den Unrechten kommen, welcher dergleichen nicht ruhig über sich ergehen läßt und sich so im Zaume hält, wie ich es tat.— Br., der neue Hausbesitzer, verlangte sogar von mir, ich müsse ihm ohne Lohn und bei Selbstverköstigung weiter im Geschäft helfen und behauptete frech, er hätte auf Grund seines Einverständnisses mit Amtsrichter D. mich mit⸗ gekauft.— Frau Br. begriff aber nicht Alles, denn zwei Monate reichten nicht, soviel zu er⸗ lernen, um nur notdürftig die Arbeiten versehen zu können.— Da ich nun eigens gemietete Stube und Kammer, sowie eigne Möbel und Kleider ze. täglich in sauberer Ordnung hielt und die übrige Zeit mit Rechnen, Zeichnen, Malen und Lernen ꝛc. ausfüllte, so hatte ich den ganzen Tag Beschäftigung. Ich bemühte mich von Zeit zu Zeit immer wieder um eine Stelle, aber Niemand wollte mich annehmen, aus dem Grunde, daß ich wegen Geisteskrankheit ent⸗ mündigt wäre, und schenkten sie mir daher kein 1 Durch meine noch kürzliche Tätigkeit im Geschäft hatte ich doch das Gegen⸗ teil bewiesen. Aber so sind viele Menscheu, und es heißt nicht umsonst:„Wenn die Glocke zur Verleumdung läutet, dann ist schnell eine Welcher, wenn ihm die Kraft gebricht, So sich zu trösten erdreistet; Nabe mir selber bemessen die Pflicht, Habe mein Wollen geleistet, Beugte mich nicht vor der siegenden Macht weder auf Drohen noch Bitten, Habe des Erdenlebens Nacht Stark und stolz durchschritten. J.... ͤ ͤ K ͤ ͤ MMK. ᷑̃᷑§ᷣ—%⅛ Ü—qtꝗ ß. Johannes Wedde. gläubige Gemeinde zusammen. Einen ehrlichen Mann verleumden, der seine Straße ruhig wan⸗ delt, ist eben so leicht als einen Schla enden ermorden. Aber der Ruf eines verleumdeten wieder herzustellen ist so schwer als Pockennarben auszuglätten.“ Mehrmals in dem Jahre, welche ich bei Br. wohnte, kam letzterer herauf 155 ich hätte ihn mit dem Haus betrogen. inmal sogar machte er mit geballten Fäusten mehrere Wutangriffe auf mich und drohte, mich vom obersten Stockwerke über das Geländer in den Hausflur zu werfen. Er achtete nicht einmal die Gegenwart des gerade mit mir beschäftigt gewesenen Händler E.„B. Ich blieb ruhig vor ihm stehen, ohne ein Glied zu rühren und erwiderte:„Tun Sie's doch!“ Selbst Frau B. eilte herbei um ihrem Manne Beistand zu leisten und nicht ein Wort der Besänftigung hatte sie für ihren Mann. Daher mietete ich mich bald nachher, zum 1. April 93 in eine ebene gelegene Wohnung(Stube) ein. — Als ich dorthin auszog, wiederholte sich diese Scene und mit Wutgeschrei, ich hätte sein Haus nicht zu verlassen(ich hatte 3 Monate vorher auf den 1. April gekündigt) belästigte er mich bis zuletzt. Ich konnte in der Eile nicht ordent⸗ lich packen und es stürzten verschiedene Sachen unterwegs Zmal vom Wagen aus den Papp⸗ schachteln. Im Herbst 1892 hatte ich viele Schererei mit dem Vormunde. Anfangs zahlte er mir alle 3 Tage 2 Mark Zinsengelder, dann aber rur M. 1.50. Mein Vermögen betrug noch über 6000 Mk. und hatte 4% Zinsen zu erwarten, abgesehen davon, daß Schwester und Schwager einig waren, mir 1000 Mk. für die paar Wochen Einj. Dienst und einen Teil für meinen Unter⸗ richt(den größten Teil durch eigne Ersparnisse selbst gedeckt) anzurechnen, was in Wirklichkeit kaum den vierten Teil ausmachte. Sie hatten auch den Erlös der Möbel aus dem Geschäfts⸗ hause und einen großen Garten unter sich ver⸗ teilt. Im Juni mußten die Mietsleute aus den Landhause meiner verstorbenen Eltern ausziehen, weil mein Schwager glaubte, das Haus leer⸗ stehend besser verkaufen zu können. Dadurch fehlten die Zinsengelder für mich gänzlich. Gerne hätte sch in dem leerstehenden Hause eine Stube bewohnt, um die Wohnungsmiete zu sparen, und den Garten oder ein Teil des⸗ selben benützt, um so lange er unverpachtet war, etwas Nutzen daraus für mich zu gewinnen. Allein der Vormund widersetzte sich energisch meinen Wünschen. (Fortsetzung folgt.) re Splitter. Jeder Mensch darf über die Torheiten der andern lachen, wenn er es auch über die seinigen thut. Sonst hat er das Recht dazu e, eixner. ** Hätte das Leid mehr Mut, Es würde sehr Vieles gut! Frieda Schanz. ** * Dies über alles: sei dir selber treu Und daraus folgt, so wie die Nacht dem Tage, Du kannst nicht falsch sein gegen irgend wen. Shakespeare. FSS l 1 65 le et er 03 de 13 et i l el ele lte n l. Nr. 22. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. Männliche tüchtige Geister werden durch Erkennen eines Irrtums erhöht und gestärkt. Goethe. 55 Humoristisches. 5 Selbstbekenninis. Liberaler Kandidat: Ich bin ja so liberal! Ich schwärme für die Freiheit der Arbeit, gegen die Streikbrüder, für die freie Kon⸗ kurrenz, für die freie Liebe, für die freie Eisenbahnfahrt der Reichstagsabgeordneten, für die Steuerfreiheit von Handel und Gewerbe— na zum Donnerwetter, für mehr Freiheiten kann man doch als liberaler Mann nicht schwärmen. Wenn zwei dasselbe tun— wollen. Prinzipal(zu seinem Kommis): Was einen Pfingst⸗ urlaub möchten's? Denken's denn, Sie sind so über⸗ flüssig, wie ein König, daß' immer auf der Reis' sein können? Aus einer Genleinde⸗Versammlung. Krakeeler:„Krieg i' jetzt endli''s Wort?“— Bürger⸗ meister:„Ja, Du hast's Wort!... Aber jetzt halt Maul!“ Mißverständnis. Arzt(in der Sprechstunde zum Patienten):„Haben Sie Appetit?“— Patient: „Nun, wenn Sie gerade etwas bei der Hand haben, so will ich es nicht abschlagen.“ Geschichtskalender. 31. Mai. 1878: Untergang des deutschen Kriegs⸗ schiffes„Großer Kurfürst“ an der engl. Küste. 1817: Georg Herwegh; Wilh. Tölcke geboren. 1793: Sturz Robespierre's. 1. Juni. 1899: Zuchthausvorlage im Reichstage eingebracht. 2. 1882: Garibaldi, f. 1878: Nobiling⸗Attentat auf Wilhelm I. 3. 1902: Schießerei auf die streikenden Arbeiter in Lemberg. 1898: Paul Grottkau, soz. Agitator, früher in Berlin, in Milwaukee,. 4. 1899: Adeliger Rowdy⸗Krawall gegen Präsident Loubet in Paris. 5. 1897: Kriminalkommissar Tausch freigesprochen. 1728: Adam Smith, Begründer der National ⸗Oeko⸗ nomie,. 6. 1901: Waldersee verläßt China,— ohne Lor⸗ beer. 1867: Attentat auf Alexander II. von Rußland. Sozialdemokratische Schriften zur Reichstagswahl. Um unsere Genossen im Wahlkampfe wirksam zu unterstützen hat es sich die Partetleitung angelegen sein lassen, durch eine Reihe Broschüren Aufklärung über die wichtigsten bei der Reichstagswahl in Betracht kommenden Fragen zu schaffen. Bisher sind schon eine ganze Anzahl, verfaßt von den besten Parteischriftstellern, erschienen und ihr wertvoller Inhalt verleiht ihnen bleibenden Wert. Wir führen davon die nachfolgenden an und empfehlen unsern Freunden die ja nicht teuren Werkchen. Alle sozialistischen Schriften, auch die hier nicht eingeführten, können von der Expedition der „Mitteld. Sonntgs.⸗Ztg.“, bezogen werden. Bei Be⸗ stellungen von auswärts wird die vorherige Einsendung des Betrages nebst Porto erbeten. Wen soll der Arbeiter wählen? Unter diesem Titel erscheint im Parteiverlage ein Wahlaufruf an die Arbeiter in Stadt und Land von Richard Calwer. Der Einzelpreis ist 10 Pfg. Grundsätze und Forderungen der Sozial⸗ demokratie. Von Karl Kautsky und Bruno Schönlank. Preis 10 Pfg. Enthält eine kurzgefaßte, allgemein verständliche Er⸗ läuterung des Erfurter Programms. Muß jeder Genosse besitzen! Handelspolitik und Sozialdemokratie. Von Karl Kautsky. Eine populäre Darstellung der handelspolitischen Streitfragen. Preis 30 Pfg. Christentum und Sozialismus. Von A. Bebel. Preis 10 Pfg. Diese religiöse Polemik zwischen unserm Genossen und dem Kaplan Hohoff fand bereits in den Jahren 1873/74 statt. Der Inhalt des Schristchens ist aber noch heute durchaus zeitgemäß. Die Vernichtung der Sozialdemokratie durch den Zentralverband deutscher Industrieller. Preis 20 Pfg. Der Umsturz im Reichstage.(Die Kämpfe um den Zolltarif.) Preis 20 Pfg. Winke für die Reichstagswahlen. Preis 10 Pfg, Christliche Arbeiterpflichten. Jesuitische Fragen und sozialdemokratische Antworten. Preis 20 Pfg. Sozialdemokratie und Zentrum.(Arbeiter⸗ versicherung und Zentrumspolitikd). Preis 20 Pfg. Lohnarbeit und Kapital. Separatabdruck aus der Neuen Rheinischen Zeitung vom Jahre 1849 von Karl Marx. Preis 20 Pfg. Weltkrach und Weltmarkt. Eine weltpoli⸗ tische Skizze von Fr. Mehring. Preis 25 Pfg. Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon, Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg. die Nummer. Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg. Empfehlenswerte sozialistische Schriften. Die Kolportage⸗Kommission des Wahlvereins— Gießen, Wirtschaft Orbig— empfiehlt: Sozialistische Monatshefte. Jeden Monat ein zirka 80 Seiten starkes Heft. Preis pro Heft 50 Pfg. Freie Stunden. Beste Romanlitteratur. Illu⸗ striert. Wöchentlich ein Heft. à 10 Pfg. Die Hütte. Zeitschrift für das Volk und seine Jugend. Illustriert. Prachtvoll ausgestattet. Alle 14 Tage ein Heft. à 25 Pfg. Die katholische Kirche und die Sozial⸗ demokratie. Von Karl Kautsky. Der Verfasser giebt in der kürzlich erschienenen Broschüre eine historische Darstellung der ökonomischen und politischen Grundlagen der katholischen Kirche und skizziert die prinzipielle und taktische Stellung, welche die Sozialdemokratie ihr gegen⸗ über einnimmt. Preis 30 Pfg.(Agitationsausgabe.) Bernstein und das Sozialdemokratische Programm. Von Karl Kautsky. Eine Anti⸗ kritik. Preis brosch. 2 Mk. Die Agrarfrage. Von Karl Kautsky. Eine Uebersicht über die Tendenzen der modernen Landwirt⸗ schaft und die Agrarpolitik der Sozialdemokratie. Preis brosch. 5 Mk., gebd, in Leinwand 6.50 Mk. Wilhelm Liebknecht. Sein Leben und Wirken. Unter Benutzung ungedruckter Briefe und Aufzeichnungen. Herausgegeben von Kurt Eisner. Mit Porträts und Abbildungen. Preis 30 Pfg. Dic Voraussctzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie. Von Ed. Bernstein. Preis brosch. 2 Mk. Das Erfurter Programm. Von Karl Kautsky. Preis brosch. 1.50 Mk., gebd. 2 Mk. Die agrarische Gefahr. Von Paul Göhr e. Der Verfasser schildert in gemeinverständlicher Sprache die einseitige agrarische Interessen⸗Bewegung von ihrer Entstehung bis zu ihrer heutigen das Volkswohl ge⸗ fährdenden Macht und legt dar, wie allein die sozial⸗ demokratische Bewegung die letzten Ziele dieser Bewegung des Junkertums und seiner Anhängsel verhindern kann. Preis 20 Pfg. ———— ů . 0 1 . 10 1 . 1 19 2 2 — 1 Leser und Leserinnen!! 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