FTT 18 Herzens wünschen, Rr. 35. Gießen, den 30. August 1903. 10. Jahrg. Medaktion: 2 Nedaktionsschluß⸗ Nirchenpiatz 11. Schloßgasse. Mitteld eutsche Donnerstag Nachmittag& Uhr — 9* * 9 Abounementspreis: Bestellungen IJInserate Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Eppedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33¼0% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Die ögespalt. Bei mindestens Das allgemeine Wahlrecht. Die geheimen Wühlereien gegen das allgemeine Wahlrecht, die neuerdings innerhalb„der be⸗ sitzenden und gebildeten Klassen“ aufgedeckt worden sind, dürfen vom Standpunkt der prole⸗ tarischen Klassenpolitik aus weder unter, noch überschätzt werden. Sie dürfen nicht unterschätzt werden,— schreibt unser Leipziger Parteiorgan— weil das all⸗ gemeine Wahlrecht den herrschenden Klassen ein Dorn im Auge ist und sein muß. Nichts törichter als das Gerede, daß die Arbeiter dem biedern Bismarck oder dem Hohenzollernhause für die Verleihung des allgemeinen Wahlrechts dankbar sein müßten. Dies Wahlrecht sollte, als es eingeführt wurde, keine Förderung des Proletariats, sondern ein Fallstrick für seine politische Enwicklung sein. Die edle Absicht ging schon daraus hervor, daß es verliehen wurde ohne die notwendigen Voraussetzungen der Preß⸗, Vereins⸗ und Versammlungsfreiheit, daß es den Massen gegeben wurde als eine Waffe, die sie handhaben sollten, ohne die Möglichkeit, sich darüber klar zu werden, wie sie zu handhaben sei. Wie Bonaparte im Jahre 1851 bei seinem Staatsstreich, so proklamierte Bismarck im Jahre 1866, als er den deutschen Bund ebenfalls durch einen Staatsstreich sprengte, das allgemeine Wahlrecht, beide in der Hoff⸗ nung, so die politisch unaufgeklärten Massen gegen die aufsässige Bourgeoisie ins Feld führen zu können. Der Dank dafür ist ihnen in der Münze gezahlt worden, die sie verdienten. Die Massen, die durch das allgemeine Wahlrecht in den politischen Kampf geführt wurden, begannen sich sehr bald klar zu werden über die ge⸗ heimen Absichten ihrer wohlwollenden Gönner, und sie verstanden sich aufzuklären, so sehr ihnen Preß⸗, Vereins⸗ und Versammlungsfreiheit fehlte. Das allgemeine Wahlrecht erwies sich sehr bald nach einem schon von Lassalle ange⸗ wandten Vergleiche als jene Lanze des griechi⸗ schen Helden, die alsbald die Wunde heilt, die sie geschlagen hat. Wenn das allgemeine Wahl⸗ recht unzweifelhaft dazu beigetragen hat, die Staatsstreiche der Bonaparte und Bismarck zu erleichtern, so hat es sehr bald in noch viel stärkerem Maße dazu beigetragen, alle staats⸗ streichlerische Politik unmöglich zu machen. Es ist in erster Reihe das Erziehungsmittel des modernen Proletariats geworden; es hat die klassenbewußte Arbeiterpartei zu einer mächtigen Organisation entwickelt, die von Jahr zu Jahr als ein immer unüberwindlicherer Stein des Anstoßes für alle Versuche anwächst, das Rad der Geschichte rückwärts zu drehen. So ist das allgemeine Wahlrecht den herr⸗ schenden Klassen in innerster Seele verhaßt. Sowohl allen noch so genialen Ministern und Monarchen, die es, als Kugel am Bein, an allen staatsstreichlerischen Heldensprüngen hindert, als auch den reaktionären Klassen, die mit großer Sorge dem Tage entgegensehen, wo es auch die ländliche Arbeiterklasse ihren Händen entreißen wird, als auch die liberale Bourgebiste, die nie etwas von ihm hat Ginge es nach ihren geheimen so würden alle bürgerlichen vöcher bis zu Eugen Richter, wissen wollen. Parteien von K mit der Regierung an der Spitze, dem allge⸗ meinen Wahlrecht lieber heute als morgen den Hals umdrehen. Man darf sich darüber nicht täuschen lassen durch die brünstigen Liebes ver⸗ sicherungen, die von allen bürgerlichen Parteien und wiederum mit der Regierung an der Spitze, dem allgemeinen Wahlrechte gespendet werden. Es ist die Zärtlichkeit des Wolfes für Rotkäppchen, und deshalb ist es ganz nützlich, wenn solche Machenschaften, wie sie der famose Herr Giesebrecht betrieben hat, von Zeit zu Zeit ans Tageslicht kommen. Sie signalisieren den Massen eine Gefahr, die be⸗ ständig über ihrem wertvollsten Rechte schwebte, und warnen ste eindringlich vor jeder gefähr⸗ lichen Vertrauensseligkeit. Allein wenn solche geheimen Wühlereien nicht unterschätzt werden dürfen, so dürfen sie freilich auch nicht überschätzt werden. So von hinten herum, mit geheimen Rundschreiben und Bettelspenden von hundert oder ein paar hundert Mark, kann und wird das allgemeine Wahlrecht nicht um die Ecke gebracht werden. Mit solcher unterirdischen Maulwurfsarbeit entwindet man dem Herkules seine Keule nicht, wenn er, wie es die preiswürdige Gewohnheit der Arbeiter⸗ klasse ist, seine Augen offen behält. Sympto⸗ matisch ist das Treiben des Giesebrecht und seiner Gefolgschaft von hohem Interesse, prak⸗ tisch aber ist es sehr gleichgültig. Dieser Herr Giesebrecht gehört, wie die Fränkel und die Lorenz, zu jenen Industrierittern, die aus der wachsenden Augst der herrschenden Klassen vor Arbeiterbewegung Kapital schlagen und, wie es scheint, mit ganz hübschen Ergebnissen für ihren Geldbeutel. Die Ausbeutung ist ein so unver⸗ äußerliches Element der kapitalistischen Gesell⸗ schaft, daß sogar eine sittliche Empörung über den Emanzipationskampf der Arbeiterklasse aus⸗ gebeutet wird, und es gehört zu den„Listen“ der Geschichte, von den Hegel zu sprechen pflegte, wenn unsere hochmögende Bourgeoisie in all ihrer Bildung und all ihrem Besitz sich von so dummen Teufeln, wie die Giesebrecht, Fränkel und Lorenz schließlich doch sind, über den Kamm steigen läßt. Folgt aus diesen beiden Seiten der Sache nun aber, daß die herrschenden Klassen niemals das allgemeine Wahlrecht autasten werden? Sicherlich nicht. Sie werden es antasten, an an dem Tage, wo das allgemeine Wahlrecht so viele sozialdemokratische Abgeordnete in den Reichstag schickt, daß die parlamentarische Maschine des Militär⸗ und Marinestaats nicht mehr funktionieren kann. Aber dann wird auch die Antastung des allgemeinen Wahlrechts der Anfang vom Ende der Klassenherrschaft sein. Damit erklärt sich der Klassenstaat für bankrott, und seine Liquidation beginnt. Auch in dieser Beziehung darf man das allgemeine Wahlrecht weder unter- noch über⸗ schätzen. Unter den politischen Erziehungsmitteln der Arbeiterklasse ist es das wirksamste gewesen, aber es kann niemals das Werkzeug sein, das die kapitalistische in die sozialistische Gesellschaft umwälzt. Wollen wir nicht, wie einst die bäuerliche Klasse in den mittelalterlichen Land⸗ tagen, zur ewigen Minderheit im Reichstage verurteilt sein, so dürfen wir unser Auge nicht vor der Gewißheit verschließen, daß unsere wachsende Macht dem allgemeinen Wahlrechte! gefährlich werden, daß ein Attentat auf das allgemeine Wahlrecht der letzte Verzweiflungs⸗ streich der herrschenden Klasse sein wird. Genug, daß dieser letzte Verzweiflungsstreich gegen eine Phalanx geführt werden wird, die durch das allgemeine Wahlrecht unerschütterlich und un⸗ besiegbar geworden ist. Die Tätigkeit der Sozial⸗ demokraten im Reichstage. Kurz nach dem Berichte des Parteivorstandes ist auch der 64 Druckseiten umfassende„Bericht über die parlamentarische Tätigkeit der sozial⸗ demokratischen Reichstagsfraktion“ erschienen. Eingehend behandelt der Bericht alle im letzten Jahre im Reichstage beratenen Materien, legt die Stellung⸗ nahme unserer Abgeordneten dar und begründet dieselbe. Der geringe uns zur Verfügung stehende Raum gestattet uns leider nicht, ihn ganz abzudrucken, wir müssen uns deshalb mit Auszügen begnügen. Die fünfjährige Legislaturperiode des am 16. Juni 1898 gewählten Reichstages zerfiel in zwei Sessionen. Die erste begann am 6. Dezember 1898 und wurde am 12. Juni 1900 geschlossen. Die zweite Session begann am 14. November 1900, wurde wiederholt, zuletzt bis zum 14. Oktober 1902, vertagt und am 30. April 1903 geschlossen. Dieser letzte Abschnitt umfaßt die 193. bis 302. Sitzung der zweiten Sessionz über ihn soll sich der vorliegende Bericht auslassen. Die Zolltarifvorlage. Die vor Weihnachten verabschiedete Zolltarifvorlage ist ein Klassengesetz schlimmster Natur. Gesetzliche Begünstigung und Förde⸗ rung der Macht des Großkapitals gegenüber der Arbeit ist der einheitliche Gesichtspunkt, der das Tarifgesetz und die 946 Pofitionen des Tarifs beherrscht und auch innerhalb der Tarifierung zum Ausdruck gelangt. Un⸗ geheure materielle Vorteile hätten von dem Gesetz, wenn es in Wirkfamkeit träte— das Inkrafttreten hängt von einer besonderen unter Zustimmung des Bundesrats zu erlassenden Verordnung ab— die Großgrundbesitzer, ein Teil der Großfabrikanten, die Hypothekenbanken und die Aktionäre der„schweren Industrie“— und das auf Kosten der gesamten erwerbstätigen Bevölkerung der Arbeiterklasse, des Mittelstandes, des Handwerkers und des Kleinbauern. Die Wirkungen des Zolltarifs auf wirtschaft⸗ lichem, politischem und allgemein kulturellem Gebiete lassen sich etwa folgendermaßen zusammenfassen. Die durch den Zolltarif beabsichtigte künstliche Ver⸗ teuerung der Lebensmittel dient der Niederhaltung der Lebenshaltung der Arbeiter und des Mittelstandes in Stadt und Land. Die Folge ist: Beeinträchtigung der körperlichen und geistigen Entwicklung der erwerbstätigen Bevölkerung, die Vermehrung von Krankheiten, Erhöhung der Unfallgefahr, der Invalidität und der Kindersterb⸗ lichkeit, Anwachsen der Armenlasten, vermehrter Anreiz zur Begehung von Eigentumsdelikten und eine Reihe anderer sittlicher Nachteile. Hand in Hand mit der künstlichen Niederhaltung der Lebenshaltung der Arbeiter geht die Bedrohung ihres Koalitionsrechts, die Erschwe⸗ rung sozialreformatorischer Maßregeln, die Verminderung der Leistungsfähigkeit der Arbeiter und damit der In⸗ dustrie und der Landwirtschaft. Dieselben Folgen zeitigt die durch die Erhöhung der Zölle herbeigeführte Er⸗ schwerung der Arbeits gelegenheit und Stärkung der Macht der am antisozialsten denkenden Bevölkerungs⸗ gruppen: der Großgrundbesitzer und der großindustriellen Verbände. Für Erhöhung der landwirtschaftlichen Zölle muß die Not des arbeitenden Kleinbauern als Feigenblatt herhalten, hinter dem sich die Raubgier des besitzenden Großgrundbesitzers versteckt. Den Bauern trifft die Zollteuerung nicht nur als Konsumenten. Seine Pro⸗ duktionskosten werden künstlich durch den Zoll ver⸗ S 2 Seite 2. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 35. teuert: die Einsaat, das Vieh, das Viehfutter ist mit hohen Zöllen belegt. Mit knapper Not entging der künstliche Dung einer Verteuerung durch den Zoll; in der Kommission beantragten nationalliberale Abgeordnete mit Rücksicht auf die„Notlage“ der leidenden Super⸗ phosphatfabriken, die nur rund 8 Prozent Dividende abwerfen, einen Tribut von jährlich 15 Millionen Mark der Landwirtschaft durch einen Superphosphatzoll auf⸗ zulegen. Getreidezölle erhalten die landwirtschaftliche Produk⸗ tionsweise in ihrer Rückständigkeit, die Zölle auf Brot⸗ getreide verringern die Kaufkrast der Abnehmer des Bauern. Die Zölle auf Arbeits vieh und Futter⸗ mittel(Gerste, Hafer, Mais usw.) erhöhen die Pro⸗ duktionskosten des Bauern, der sie kaufen muß. Da⸗ neben schädigen die Zölle auf Wild aufs schwerste die mühsame Arbeit des Kleinbauern. Die agrarischen Zölle geben dem landwirtschaftlichen Großbetrieb ein künstliches Uebergewicht über den Mittel⸗ und Kleinbetrieb, begün⸗ stigen die Aufsaugung des Mittel- und Kleinbesitzes durch den Großgrundbesitz und fördern die Rückständigkeit der Produktions weise. In ähnlicher Weise begünstigen die industriellen Zölle die Großindustrien auf Kosten des Mittelstandes und der inländischen Abnehmer. Treiber im Kampf der industriellen Schutzzölle waren die Vertreter nicht der Industrie oder des Hand⸗ werks, sondern die Besitzer der Rohstoffe und Halb⸗ fabrikate, vor allem die Besitzer von Kohle und Eisen, die Berg⸗ und Hüttenbetriebe, und die Spinner. Zur Produktion der Rohstoffe gehört viel Kapital und wenig Arbeit: die Zahl der von den großen Besitzern (meist Aktiengesellschaften) der Rohstoffe und Halbfabrikate meist sehr gering entlohnten Arbeiter beträgt nur einen kleinen Bruchteil derjenigen Arbeiter, welche in der Exportindustrie und der verarbeitenden beschäftigt werden, z. B. in der Maschinen⸗, in der Kleineisen⸗, in der Textilindustrie, im Baugewerbe. Alle diese Gewerbe, die eine große Zahl, den größten Teil aller Arbeiter beschäftigen, gebrauchen Rohstoffe. Jeder Zoll, der auf Rohstoffe oder Halbfabrikate gelegt wird, verteuert diese und damit die Produktionskosten der verarbeitenden Industrie, einschließlich des Handwerks. Es kommt noch eins hinzu. Die Besitzer der Rohstoffe haben seit Jahren sich koaliert, um die Preise im Inland zu erhöhen. Jeder Zoll begünstigt diese Preistreiberei zu Ungunsten der deutschen Exportindustrie, die eine Menge Hände beschäftigt und die durch die Lieferung billigerer Materialien an das Ausland durch die Kartelle in ihrer Exportfähigkeit stark beeinträchtigt wird. Ein Zoll auf die eigenen Waren nützt dieser Exportindustrie gar nichts, sondern schädigt sie, weil er Gegenmaßregeln des Aus⸗ landes hervorruft, das den Export der deutschen Waren wiederum durch Zölle zu hindern sucht, und steht der technischen Entwicklung entgegen. Wie sehr die ver⸗ arbeitende Industrie auf Freiheit von dem Schutzzoll— so nennt man wohlklingend den Zoll zum Schutz des Großkapitals— angewiesen ist, zeigt ein Vergleich zwischen Frankreichs und Deutschlands Welthandel der neunziger Jahre. Frankreich hat im Jahre 1892 seine Schutzzölle erhöht; es ist seitdem von der zweiten Stelle im Welthandel auf die vierte herabgedrückt. Deutschland, das 1892 mit der Herabsetzung der Schutzzölle durch die Handelsverträge begann, ist von der sechsten Stelle im Welthandel auf die zweite heraufgekommen; der deutsche Warenexport, der vor den Handelsverträgen gegen 3 Milliarden Mark betrug, hat sich bis auf nahezu 5 Milliarden gehoben. Tritt der neue Zoll⸗ tarif in Wirksamkeit, so würde der Export eine sehr bedeutende Einschränkung erfahren: Millionen Ar⸗ beiter würden arbeitslos werden. Nachdem der Bericht eingehend dargelegt, wie der Zolltarif zur Verteuerung aller notwendigen Lebensmittel und Gebrauchsartikel führt und somit die Arbeiter und die ganze minderbemittelte Bevölkerung empfindlich schädigt, fährt er fort: Das Bestreben der Fraktion war darauf ge⸗ richtet, die schädigenden Wirkungen des Gesetzentwurfs in breitester Oeffentlichkeit darzulegen, die sachliche Verhandlung des Gesetzes zu verlangen und mit allen geschäftsordnungsmäßig zulässigen Mitteln darauf zu dringen, daß dem Wesen des Parlamentarismus ent⸗ sprechend die Diskussion über die einzelnen Forderungen des Zolltarifs und Zolltarifgesetzes öffentlich im Parla⸗ ment vorgenommen und die Stellung der einzelnen Ab⸗ geordneten zu den wichtigen Teilen des Gesetzes durch namentliche Abstimmungen klar gelegt werde. Wenn die Beratung des Zolltarifs ordnungsmäßig in einer der Geschäftsordnung und der Verfassung entsprechenden Weise erfolgte, so war bei der ungeheuren Weitschichtig⸗ keit der Materie eine Verabschiedung des Gesetzes im Sinne der Mehrheit nur dann möglich, wenn sie in beschlußfähiger Anzahl einige Monate zusammenblieb. Die Fraktion rechnete auch mit dieser Möglichkeit und nahm an, daß bei einer sachgemäßen Behandlung der einzelnen Positionen des Tarifs sehr widersprechende Gegensätze in Erscheinung treten würden. Sie rechnete vor allen Dingen damit, daß dann weite Interessenten⸗ kreise erst durch die Beratungen von der Gestaltung und den Folgen des Tarifs eingehende Kenntnis erhalten und dann gegen den Tarif sich mit aller Entschiedenheit erklären würden. Der Zolltarif mußte bei geschäfts⸗ ordnungsmäßiger, sachlicher und gründlicher Beratung der einzelnen Positionen durch seine eigene Schwerkraft und durch das bei einer sachlichen Diskussion naturgemäß eintretende Aufeinanderprallen der Gegensätze zwischen den Interessen des Großgrundbesitzes mit denen der Großindustrie und den Interessen dieser mit denen der verarbeitenden Industrie und des Handwerks sowie durch die wachsende Einsicht von der Gemeingefährlichkeit der Gesetzes vorlage für die breite Masse der Bevölkerung fallen. Es war die Taktik der Fraktion also nicht darauf gerichtet, die Beratung der Vorlage hinzuzögern, sondern sie in vollster Oeffentlichkeit vornehmen zu lassen. Freilich erfordert eine sachliche Beratung der Vorlage, insbesondere nachdem die Mehrheit die Vorlage in der Kommission mit Forderungen bepackt hatte, die für jede Regierung unannehmbar sein müssen, Zeit. Als die Vorlage Mitte Oktober aus der Kommission wieder an das Haus gelangte, war es unmöhßlich, sie bei gewissen⸗ hafter, sachlicher Diskussion zur Verabschiedung zu bringen, wenn nicht der undenkbare Fall eintrat, daß die Mehrheit etwa 150 Sitzungen in beschlußfähiger Zahl beiwohnte. War eine ordnungsmäßige Verabschiedung aus technischen Gründen unmöglich, so kam noch eins hinzu. Die tief einschneidenden Wirkungen des Zolltarifs, der bei den Wahlen 1898 den Wählern noch völlig unbekannt war, und der erst so spät, gegen Ende der Legislaturperiode, dem Reichstag vorgelegt war, erforderte es, den Zolltarif den Wählern zur Entscheidung zu unterbreiten. Die Fraktion war entschlossen, alle geschäftsordnungsmäßigen Mittel anzuwenden, um eine solche Vorlage zu Fall zu bringen. Die Mehrheit des Reichstages war hin⸗ gegen gewillt, alles aufzubieten, um zu verhindern, daß der Zolltarif in seiner ganzen Gefährlichkeit und in allen seinen Einzelheiten der breiten Oeffentlichkeit bekannt würde und vor allen Dingen zu verhüten, daß er Wahlparole würde. Wenn bei der ersten Lesung in der Kommission und im Plenum die Redner der Mehr⸗ heit als Ueberzöllner auftraten, denen die Regierungs⸗ vorlage noch lange nicht genug biete, so ließ sich durch dieses Scheinmanöver die Fraktion nicht täuschen. Die Taktik der Zöllner ging dahin, möglichst viel zu fordern, um etwas zu erreichen. Die Junker haben allezeit genommen, was sie kriegen konnten, mit dem Vorbehalt, bei der nächsten Gelegenheit wieder mehr zu fordern und zu nehmen. So war es auch bei der Zolltarifvorlage. Das Zentrum zeigte in der Kommission sehr bald, daß es die Interessen der Arbeiter und der Allgemeinheit zu Gunsten der von ihm lebhaft vertretenen Interessen der Großgrundbesitzer und Großindustriellen im Gegensatz zu der Haltung eines Windthorst, Reichensperger und anderer früherer Führer des Zentrums völlig preiszugeben ent⸗ schlossen war. In dek Kommission tauchte bereits im Februar, späterhin auch im April und Mai, vom Abgeordneten von Kardorff angeregt, der Plan auf, nur das Tarif⸗ gesetz einer detaillierten Beratung zu unterwerfen, es zu formulieren und den Tarif mit den Sätzen, die die Mehrheit wünschte, in Form einer Resolution zuzustimmen. Dieser Plan war der Embryo des später im Plenum eingebrachten Staatsstreichantrags von Kardorff. Am 16. Oktober wurde die zweite Lesung des Zolltarifs im Plenum begonnen. Sie dauerte bis zum 11. Dezember,. 38 Sitzungen wurden zur Beratung des Tarifgesetzes und Tarifs verwendet. Doch blieben für die eigentliche Beratung dieses so wichtigen Gesetzes nur 26½ Tage übrig, wenn man die verfassungs⸗ und geschäftsordnungswidrige Behandlung der Tarifvorlage mit dem wohlklingenderen Namen Beratung bezeichnen will. Die Verhandlungen über den Roggen⸗ und Weizenzoll fanden am 16., 17., 18., 20. und 21. Oktober statt. Der Reichskanzler wiederholte die in der Kommission zu verschiedenen Malen abgegebene Erklärung über die Unannehmbarkeit einer Erhöhung oder Erweiterung der Mindestzölle. Die Zollmehrheit führte den Scheinkrieg weiter, sperrte sich dagegen, daß sie Jasage⸗Automaten seien. Unsere Redner bekämpften bei diesen und den später zur Verhandlung gelangenden Positionen nach⸗ drücklich jeden Mindestzoll und jeden Zoll. Am 21. Oktober wurde die Debatte über die Roggen⸗ und Weizenzölle geschlossen, weil kein Redner mehr zum Wort gemeldet war. Bei der Abstimmung wurden die Sätze der Kommissionsbeschlüsse für Mindestzölle auf Roggen mit 187 gegen 152, auf Weizen mit 194 gegen 145 Stimmen angenommen. Die Zölle des Tarifs wurden ohne namentliche Abstimmung angenommen. Die Beratung der Zölle auf Hafer und Gerste füllte die Sitzungen vom 22. und 23. Oktober aus. Die Debatte, an der sich von unserer Seite zwei Redner beteiligten, wurde, obgleich nur noch drei Redner einge⸗ zeichnet waren(darunter ein Fraktionsmitglied) durch einen Schlußantrag beendet. Die von der Kommission vorgeschlagenen Mindestzölle auf Gerste wurden mit 183 gegen 133, die auf Hafer mit 180 gegen 139 Stimmen, die Tarifsätze ohne na⸗ mentliche Abstimmung angenommen. Die Debatte, an der sich von unserer Seite zwei Redner beteiligten, wurde ohne Schlußantrag an dem⸗ selben Tage beendet. Die von der Kommission vorge⸗ schlagenen Mindestsätze fanden mit 132 gegen 106 Stimmen Annahme. Vorher wurden die von Wangenheimschen Ueberzollanträge verworfen. Die Vieh⸗ und Fleischzölle gelangten in den Sitzungen vom 25., 27., 28, und 29. Oktober zur Verhandlung. Außer der Zollfreiheit hatte die Fraktion eventuell die Herübernahme der geltenden Vorschriften aus dem be⸗ stehenden Tarif beantragt, nach dem der Grenzbewohner bis 2 Kilogramm Fleisch frei einführen darf. Die Debatte wurde durch einen von der Zollmehrheit einge⸗ brachten Schlußantrag abgebrochen. Die Mindestzölle wurden angenommen, unser Eventualontrag mit 190 gegen 105 Stimmen abgelehnt. An demselben Tage beschloß die Mehrheit über den Teil der von Wangen⸗ heimschen Anträge, welcher eine Erweiterung der Mindest⸗ zölle verlangte, zur Tagesordnung überzugehen. Die Fraktion stimmte gegen den Beschluß der Mehrheit. Denn er bedeutete eine Beschränkung der Redefreiheit der Minderheit und war unzulässig, weil diese Anträge noch nicht debattiert waren und weil sie keinen selbst⸗ ständigen Punkt der Tagesordnung bildeten. (ortsetzung folgt.) Politische Rundschau. Gießen, 27. August. Die Kaiserinsel. In den letzten Tagen ist unser Zentralorgan, der„Vorwärts“, wieder einmal die Zielscheibe heftiger Angriffe der offiziösen und Ordnungs⸗ presse. Das ist nun zwar etwas Gewöhnliches und Alltägliches. Seltener ist schon, daß bei dem„Vorwärts“ gehaussucht und sein verant⸗ wortlicher Redakteur, Genosse Leid, verhaftet wurde. Warum diese Staatsaktion? Dem „Vorwärts“ waren Mitteilungen zugegangen, nach welchen die Havelinsel Pichels werder von der Krone angekauft und darauf eine Art Festung, ein festes Schloß für den Kaiser errichtet werden sollte. Die„Nordd. Allg. Ztg.“, das Regierungsblatt, bezeichnete die Sache im Auftrage eines„maßgebenden Ortes“ als eine „lächerliche Hundstagsgeschichte“. Doch der „Vorwärts“ geht bei derartigen Dingen sicher und läßt sich nicht etwa von irgend einem Märchen aufbinden. Er hielt dem Dementi des offiziösen Blattes Aae seine Behaup⸗ tungen aufrecht und erklärte sich bereit, in einem eventuellen Prozeß durch das Zeugnis des Hof⸗ wü v. Trotha unter Beweis stellen zu wollen: 1. daß das Familienschloß auf Pichels⸗ werder in höfischen Kreisen ein in Aussicht genommenes Projekt ist; 2. daß die Hofherren die Notwendigkeit dieses Baues ausdrücklich mit der persön⸗ lichen Stcherheit des Königs be⸗ gründet haben; 3. daß die Insel zu diesem Zweck enteignet werden soll; 4. daß ein besonderer Verwaltungsbezirk und Reichstagswahlkreis geschaffen werden soll, in dem nur königliche Angestellte wohnen sollen. Herr v. Trotha wird insbesondere noch bezeugen, daß er die bisher erst in der Form einer Anregung— Nr. 1—4 ist dagegen bereits gestalteter Plan— aufgetauchte Frage der indirekten Zusammenstellung der Garde aus Elitemannschaften für sehr er⸗ wägenswert hält. Als der„Vorwärts“ die Enthüllungen über Krupp und kürzlich die über die Organisation der Wahlrechtsräuber machte, da fiel die„gut⸗ gesinnte“ Presse in gleicher Weise über ihn her. Schließlich stellte sich aber doch die Wahrheit seiner Behauptungen heraus und so wird's wohl auch diesmal sein.— Jetzt giebt man übrigens schon zu, daß der Bau eines„Jagdschlosses“ auf Pichelswerder geplant worden sei. Zentrums parade. Im„heiligen Köln“ hielten die vergangene Woche die Zentrumsleute ihre diesjährige Heer⸗ schau ab, die sie als„Generalversammlung der c be 2 ei t⸗ el er U 7 tr. 35. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. Katholiken Deutschlands“ bezeichnen. Aus diesem Anlasse wimmelte es in der Rheinstadt von Schwarzröcken, woran es dort schon in gewöhn⸗ lichen Zeiten nicht fehlt. Und die Herren ver⸗ stehen es, durch Aufgebot großer Massen und durch äußerliches Festgepränge zu imponieren. Etwa 3000 Mitglieder zählt der Katholikentag; und an dem Festzuge, der am Sonntage statt⸗ fand, zum Teil aber verregnete, beteiligten sich nach den Berichten 300 Arbeitervereine mit etwa 20000 Mann.— Als Prästdenten des Katholikentages fungieren: von Orterer, der Präsident der bayrischen Kammer, ferner Frei⸗ herr von Stotzinger als erster und Graf Praschma als zweiter Vizeprästdent und Fürst Löwenstein wurde Ehrenpräsident. Jedenfalls wollte man durch die Wahl einer so feudalen Führung bekunden, daß das Zentrum auch Arbetter⸗ partei ist.— Bei den Verhandlungen selbst, die in einer Reihe Vorträge der verschiedenen Zentrumsgrößen bestehen, erntet jeder Redner „stürmischen Beifall“. So ein Katholikentag ist im Grunde nur ein einziger von den Aus⸗ führungen der Redner unterbrochener Beifalls⸗ sturm. Die„Arbeit“ des Katholikentages besteht in der Zustimmung zu den zahlreichen Anträgen, wodurch diese zu Beschlüssen werden. Diese Anträge werden von Ausschüssen geprüft und der geschlossenen Generalversammlung vorgelegt, die ste dann annimmt. Eine Diskussion findet nicht statt. Man liebt den Widerspruch nicht. Pomphaftes Schau⸗ und Festgepränge soll die r Taten der Zentrumsleute ver⸗ decken. Neuer Reichsschatzsekretär. Der bisherige Staatssekretär im Reichsschatz⸗ amt v. Thielmann hat sein Amt niedergelegt und an seine Stelle ist der bayrische Staats⸗ rat v. Stengel getreten. Damit ist aber nicht gesagt, daß nun die Schulden⸗ und Defi⸗ zitwirtschaft im Reiche aufhört. Mörder Hüssener. Das Reichsmilitärgericht hat das milde Urteil gegen Hüssener aufgehoben und den Prozeß zur nochmaligen Verhandlung an die Vorinstanz zurückverwiesen. Ob der Jüngling noch die ihm gebührende Strafe erhält, bleibt mehr als fraglich. Ausland. Der Humbert⸗Prozeß hat am Samstag mit der Verurteilung der Angeklagten sein Ende gefunden. Gegen sie verhängte der Gerichtshof folgende Strafen: Therese und Frédérie Humbert werden zu fünf Jahren Kerker, Emile Daurignac zu zwei Jahren Gefängnis, Romain Daurignac zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Therese und Frédéric Humbert werden über dies zu Geldstrafen von je 100 Francs verurteilt. Als Verteidiger der Gauner-Familie fungierte der Rechtsanwalt Labori, der sich s. Zt. bei dem Zola⸗Prozeß einen Namen gemacht hat. Alle Welt bewunderte ihn damals als uner⸗ schrockenen Kämpfer ums Recht, und jetzt wendet er seinen ganzen Scharfsinn auf, um eine Schwindlerfamilie der verdienten Strafe zu entziehen! Das wird sein Ansehen kaum erhöhen.. Nach den Reden der Verteidiger nahm Madame Humbert selbst das Wort, um ihre längst angekündigten„Enthüllungen“ zu machen. Es kam dabei aber nicht sehr viel heraus. Sie erzählte:„Die Crawfords existieren, die Mil⸗ lionen existieren. Crawford hat mir gesagt: Sie wissen nichts, wir heißen nicht Crawford. Das Vermögen ist während des Krieges 1870 entstanden durch Aufkauf von Rente zu niedrigen Preisen. Wir heißen Regnier. Ich habe nichts da⸗ von Frédéric gesagt. Er hörte den Namen heute zum ersten Male.(Ein Geschworener lacht.) Meine Herren Geschworenen, Sie lachen. Sie müssen nicht lachen. Ich weiß nicht, ob der Name richtig ist. Die Crawfords haben es gesagt.“— Während die übrigen Verurteilten sich bei dem Urteil beruhigten, haben die beiden Höchstverurteilten Therese und Frederic Hum⸗ bert Kassation beantragt. Sie dürften damit aber wenig Glück haben, denn die Aufhebung des Urteils kann nur erfolgen, wenn! Form⸗ fehler vorgekommen sind.— Im Uebrigen hat der Prozeß die Zustände in der Justiz grell beleuchtet, diese ermöglichten erst dem geriebenen Frauenzimmer ihre unerhörten Schwindeleien. Der frühere engliche Premierminister Salisbury, einer der in den letzten Jahrzehnten meistge⸗ nannten Staatsmänner, ist nach kurzer Krankheit am Montag gestorben. Salisbury war als Führer der konservativen Partei, die natürlich nicht auf dem niedern Niveau der deutschen Konservativen steht, wiederholt berufen, das engliche Kabinett zu leiten, wenn die„Tories“ — so nennt man in England die Konservativen — im Unterhause die Mehrheit hatten. Von den drei großen Epochen in der Geschichte seines Wirkens, der Zeit des russisch⸗türkischen Krieges von 1874— 78, des Kampfes um die irische Homerule in der Zeit 1880— 86 und des Trans vaalkrieges, ist es die Zeit der inner⸗ politischen Kämpfe, aus der die politische Per⸗ sönlichkeit Salisburys uns am bedeutendsten entgegentritt. Als Gegner des zweifellos bedeutenderen liberalen Gladstone bekämpfte Salisbury im Gegensatze zu dem jetzigen konservativen Mini⸗ stertum rücksichtslos die Rechte der Iren; er war der rücksichtsloseste Feind der„Homerule“, der Selbstverwaltung Irlands und betrachtete Irland lediglich als ein von England und vom Hochadel auszubeutendes Land. Für die Arbeiterfrage hatte er lange nicht ein so tiefes Verständnis wie sein Vorgänger Disraeli, der später den Namen Lord Beacons⸗ field annahm und von dem das vielzitierte Wort herrührt:„Ganz Europa besteht heute aus zwei Nationen, aus der Nation der Reichen und aus der Nation der Armen!“ Der Partei Bericht. (Schluß.) N Ueber die Maifeier sagt der Bericht des Parteivorstandes: Alle Berichte stimmen darin überein, daß der Grundgedanke der Maifeier— die würdigste Begehung der Feier geschehe durch Arbeitsruhe— bei der diesjährigen Maifeier weiteste Ausbreitung und An⸗ wendung gefunden habe. Auch von Maßregelungen, Aussperrungen ꝛc. größeren Stils, hat man wenig gehört. Aus München wurde sogar gemeldet, daß die größeren Betriebe es ihren Arbeitern freigestellt haben, am 1. Mai die Arbeit ruhen zu lassen. Die Berliner Gewerkschaften, denen die Arrangements des Vormittags obliegen, hatten 40 Versammlungen veranstaltet, die sämtlich überfüllt waren. Auch in sämt⸗ lichen Vororten— wir zählten deren 25, fanden Vor⸗ mittagsversammlungen statt. Nur aus der Pfalz wurde eine nicht befriedigende Beteiligung an der Arbeitsruhe gemeldet. Dieses Ver⸗ halten der pfälzischen Arbeiter verdient Entschuldigung, wenn man die schwere geschäftliche Depression in Betracht zieht, unter der speziell die Arbeiter der Pfalz seit Jahr und Tag zu leiden haben. Festzüge, natürlich mit hoher obrigkeitlicher Erlaubnis, fanden statt in Brem en, Hamburg, Stuttgart und Offen⸗ bach. In Leipzig, Dresden und Magdeburg mußte zwar von der Veranstaltung eines geschlossenen Festzuges Ab⸗ stand genommen werden, jedoch wurden diesmal der zwanglosen Wanderung der Massen nach dem vorgesehenen Bestimmungsort Schwierigkeiten von den Aufsichtsbeamten nicht bereitet. 5 Die internationalen Beziehungen wurden wie bisher gepflegt. Am 20. Juli fand in Brüssel eine internationale Konferenz der im Bureau vertretenen Nationen statt, um die Tagesordnung des im nächsten Jahre in Amsterdam stattfindenden internationalen Kongresses festzusetzen. Dieselbe Konferenz sprach auch den dänischen und deutschen Genossen ihre Glückwünsche zu den erfochtenen Wahlsiegen aus, worauf unsere Delegierten für die den deutschen Genossen erwiesene internationale Wahlhilfe herzlich dankten. Wahlen. Im Herbst vorigen Jahres haben in einer großen Anzahl von Orten Gewerbegerichtswahlen stattgefunden. Allerorts, wo eine gute Gewerkschafts⸗ bewegung vorhanden ist, drang die Liste der freien Gewerkschaften teils ohne Gegenliste, teils mit sehr großer Mehrheit gegen die Liste der christlichen Gewerkschaften oder die der Hirsch⸗Dunckerschen Gewerkvereine durch. In Berlin wurden auch vier sozialdemokratische Beisitzer von den Arbeitgebern gewählt. In Augsburg hatten sich die christlichen Arbeitervereine und die Hirsch-Duncker⸗ schen Gewerkvereine vereinigt, um gemeinsam die freien Gewerkschaften zu bekämpfen. Trotzdem die ersteren das Wohlwollen und die Unterstützung der Unternehmer ge⸗ nossen, siegte die Liste der Gewerkschaften mit 4500 gegen 2890 Stimmen, die auf die vereinigten Gegner fielen. In Rummelsburg bei Berlin siegte auch die sozialdemokratische Liste in der Klasse der Arbeitgeber. Bei der Gewerbegerichtswahl in Schwerin, welche am 11. Oktober stattfand, kamen wie bei der diesmaligen Reichstagswahl auf Antrag der Gewerkschaften Stimm⸗ zettel in amtlichen Umschlägen zur Verwendung. Die vom Gewerkschaftskartell aufgestellten Kandidaten wurden einstimmig gewählt. Das Proportionalwahlsystem kam bei den Wahlen in Gießen und München zur Anwendung. In Gießen steigerten die Gewerkschaften ihre Stimmen von 237 vor drei Jahren auf 763 Stim- men, während die vereinigten christlichen Arbeitervereine es nur auf 69 Stimmen brachten. Dafür erhielten sie einen Arbeiterbeifitzer, verloren dagegen zwei Sitze von den Arbeitgebern an die Gewerkschaften. In gleicher Weise äußerten sich die Wirkungen des Proporz in München.— Im Elsaß finden die Gewerbegerichts⸗ wahlen, wie auch die Gemeindewahlen stets Sonntags statt. An den Gemeinderats⸗ und Stadtverord⸗ neten wahlen beteiligen sich die Genossen in stets zu⸗ nehmendem Maße. Alle dabei erzielten Erfolge aufzu⸗ führen, ist unmöglich. Die Berichterstattung muß sich bescheiden, einzelne typische Fälle herauszuheben. So z. B. beteiligten sich unsere Genossen in Altenburg im Oktober v. J. zum erstenmale an den Stadtverordneten⸗ wahlen und errangen fünf Mandate. Dadurch, daß man alle Steuerzahler bis zu einem Einkommen von 4500 Mark der dritten Abteilung zugeteilt hatte, glaubte man die Sozialdemokratie aus dem Rathaus fernhalten zu können. Unsere Genossen brachten es dennoch auf 3884 Stimmen, während die Gegner nur 2686 Stimmen aufbrachten. Weitere Erfolge unserer Partei führt dann der Bericht von einer Reihe anderer Orte an.— Mehrere badische Gemeinden besitzen auch sozialdemokra⸗ tische Bürgermeister, was daraus zu erklären ist, daß der Gewählte der Bestätigung des Landesfürsten nicht unterliegt. In dem badischen Städtchen Malsch war das ein⸗ trächtige Zusammenwirken der sozialdemokratischen Bürger⸗ ausschußmitglieder mit dem Bürgermeister den Ultra⸗ montanen recht unangenehm geworden und unter der Führung der Pfarrer wurde der Bürgermeister dem Bezirksamt und dem Ministerium wegen zu„freier“ Gesinnung denunziert. Doch der Bürgermeister ließ sich nicht einschüchtern, sondern erließ freimütig folgende Erklärung:„Den sozialdemokratischen Bürgerausschuß⸗ mitgliedern, die bis jetzt auf dem Rathaus tätig waren, darf ich mit Recht das Zeugnis ausstellen, daß sie nur für das Wohl und die Fortschritte der Gemeinde einge⸗ treten sind. Ich erkläre hier offen, daß wir ohne sozial⸗ demokratische Bürgerausschuß mitglieder noch keine Spar⸗ kasse, keine gewerbliche Fortbildungsschule sowie auch keine Wasserleitung hätten. Deubel, Bürgermeister.“ Die Erklärung ist ebenso ein ehrendes Zeugnis für den Freimut und die Unbefangenheit des Bürgermeisters, wie für die von den Genossen im Dienste der Gemeinde ausgeübte Tätigkeit. Die Beteiligung an den Landtagswahlen ist bei den Genossen in immer größere Aufnahme gekommen und derzeit fast allgemein. Von den Landtagswahl⸗ erfolgen, die der Bericht aufzählt, sei nur das über Hessen Angeführte erwähnt. Hierbei zählt uns der Parteivorstand 7 hessische Mandate zu, in Wirklichkeit haben wir nur 6. Der Versuch, uns das Mandat von Offenbach⸗Land, das kassiert worden war, zu entreißen, scheiterte. Genosse Orb wurde wiedergewählt, bezw. der Wahlbezirk Bieber wählte die 6 sozialdemokratischen Wahlmänner mit 70 Stimmen Mehrheit wieder. In den einzelnen Landtagen befinden sich Sozial⸗ demokraten(die Zahlen in Klammern geben die Gesamt⸗ zahl der Mitglieder des betr. Landtags an): Bayern 11(154); Württemberg 6(93); Baden 6(33); Hessen 6(50); Oldenburg 6(40); Sachsen⸗ Weimar 2(33); Anhalt 4(36); Sachsen-Alten⸗ burg 4(30); Sachsen-Koburg-Gotha 10(30); Sachsen-Meiningen 7(24); Lippe-Detmold 3(2); Reuß a., 1(i;(deu ß e e Schwarzburg-Rudolstadt 7(16); Bremen 20 (150); Hamburg 1(160); Elsaß-Lothringen 1(58). Nicht vertreten ist die Sozialdemokratie demnach in den gesetzgebenden Körperschaften in Preußen, Sachsen, Braunschweig, Schaumburg, Schwarzburg⸗Sondershausen, Waldeck und Lübeck. Seit den Münchener Parteitag stand die Agitation unter dem Einfluß der bevorstehenden allgemeinen Reichstagswahlen. Bebels Referat in München war das Alarmsignal und die Herausgabe desselben als Broschüre ein wesentliches Unterstützungsmittel unserer Redner in der vorbereitenden Wahlagitation. Letztere schlug um so höhere Wogen, jemehr sich die Kämpfe um — — * ——— — 5 l r ie eee e——=—„ ———— — 5 3 —— — 2 3 8 e 2 3 K 1 9 8 — 5 0 Seite 4. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 35. den Zolltarif im Reichstag zuspitzten. Eine gewaltige Protestbewegung ging unter der Führung der Genossen durch das Reich, die in ungezählten massenhaft besuchten Versammlungen ihren Ausdruck fand. In den Groß⸗ städten und Industriezentren vermochten die Versamm⸗ lungslokale die Erschienenen nicht zu fassen. Unsere Gegner hatten die redliche Absicht zu einem großen Schlage auszuholen. Die aus dem Wahlkampf des Jahres 1898 berüchtigte Flugschriftenfabrik des Hülleschen Verlags, wurde ersetzt durch die Machwerke des Bürger⸗Fränkel, den Eugen Richter mit der Heraus⸗ gabe des„Sozialistenspiegels“ zu übertrumpfen suchte. Ein aus Vertretern aller bürgerlichen Gesellschaftsklassen gebildetes Komitee schwang den Klingelbeutel, dabei auf die Tatkraft und die Opferfreudigkeit unserer Genossen verweisend. Großsprecherisch verkündete man, Singer habe in München erklärt:„Wir wollen alles aufbieten um in die gesetzgebenden Körperschaften eine so stattliche Zahl von Sozialdemokraten hineinzubringen, daß man in Deutschland ohne die Sozialdemokratie nichts mehr machen könne, auch keine Gesetze“. Und daß Bebel ausrufen konnte:„In dem beginnenden Wahlkampf müssen mir unsere vollste Schuldigkeit leisten, bis zur völligen Erschöpfung unserer physischen und materiellen Kräfte“, dem sollte durch umfassende Belehrung der breitesten Wählermassen über die Wertlosigkeit des sozial⸗ demokratischen Programms begegnet werden, Der Schlag, den man gegen uns zu führen beab⸗ sichtigte, war ein Schlag ins Wasser. Für uns war der Ausfall der Wahlen ein glänzender. Gestählt ist die Partei aus dem Wahlkampf hervorgegangen, bereit, jeden Augenblick den Kampf mit gleichem Nachdruck zu führen. von Nah und gern. Gießener Angelegenheiten. — Lassalles Todestag. Kommenden Montag sind 39 Jahre verflossen, seitdem Ferdinand Lassalle, der Begründer des Allgem. deutschen Arbeitervereins und damit der sozial⸗ demokratischen Arbeiterbewegung überhaupt, zu Genf an der im Duell erhaltenen Wunde starb. Was Lassalle für uns bedeutet, ist schon in diesem Blatte oft dargelegt worden. Seine Ver⸗ dienste um die Sache der Arbeiter und Besitz⸗ losen behalten diese in dankbarer Erinnerung und alljährlich halten unsere Genossen Ge⸗ dächtuisfeiern zu Ehren Lassalles ab. In Gießen findet die diesjährige Feier am Sonn⸗ tag nachmittag von 3½ Uhr in Loay's Bier⸗ keller statt. Gen. Vetters wird über Lassalles Wirken sprechen. —„Hie Bebel, hie David“. Unter dieser Ueberschrift leistet sich der Gießener An⸗ zeiger einen Leitartikel, worin er die in unserer Partei zwischen den„Revisionisten“ und der „revolutionären Orthodoxie“ bestehenden Gegen⸗ sätze darzulegen sich bemüht, eine schwere Krise für die Sozialdemokratie herannahen sieht, die vielleicht den Zerfall unserer Partei zur Folge haben könne. Daß das Blatt den Zeitpunkt, bis zu welchem die deutsche Sozialdemokratie aus den Fugen gehen wird, gar nicht erwarten kann, geht aus einer anderen Notiz hervor, in der über die in mehreren sozialdemokratischen Versammlungen über die Vizepräsidentenfrage erfolgten Auseinandersetzungen berichtet wird und heftiger Krakehl auf dem Parteitag vor⸗ ausgesagt wird.— Nun, unsere Partei ist in der Lage, sich eine„Krise“ und hestige Debatten, woran bürgerliche Parteien zu Grunde gehen würden, leisten zu können. Aber den Gefallen, daß sie auseinanderläuft, wird die Sozialdemo⸗ kratie den Ordnungsleuten vorläufig noch nicht tun. — Ueber die Verhältnisse unserer hessischen Parteipresse brachte neulich das Offenbacher Abendblatt einen Artikel. Darin wurde auf die Mängel derselben hingewiesen und zu ihrer besseren Ausgestaltung der Vor⸗ schlag gemacht, dem Wunsche der Gießenec, Wetzlarer, Marburger ꝛc. Genossen nach einem täglichen Organ dadurch Rechnung zu tragen, daß man das Offenbacher Abendblatt in einer besonderen Ausgabe für Gießen und Umgegend erscheinen läßt. Dabei sollte die Mittel⸗ deutsche Sonntags⸗Zeitung nicht nur bestehen bleiben, sondern erweitert und auch in den übrigen Landkreisen Hessens eingeführt werden. Wir finden diesen Vorschlag, der bereits in einer Offenbacher Parteiversammlung erörtert und gut geheißen wurde, durchaus diskutabet, wenn wir auch die sich ihm entgegenstellenden Schwierigkeiten keineswegs unterschätzen. Wir würden es mit Freuden begrüßen, wenn die Verhandlungen uber diesen Punkt zu einem günstigen Ergebnisse führten. — Ueber die Entwickelung der Tabak⸗Industrie in Gießen und Um⸗ gegend macht der vor einiger Zeit erschienene Jahresbericht der hessischen Gewerbe⸗ Inspektionen folgende Angaben, die für einen großen Teil unserer Leser von Interesse sein werden. Danach waren beschäftigt: in der Stadt Gießen 1111 Anzahl[Männliche Arbeiter Arbeiterinnen Jahre Fabriten er⸗ jugend⸗ er⸗ jugend⸗ wachsene liche[wachsene] liche 1892 15 331 26 672 88 1894 16 379 40 648 86 1896 18 379 46 741 96 1808 19 365 35 746 98 1902 19 271 19 70⁰ 95 in der Umgebung von Gießen 1892 21 156 19 669 106 1896 21 216 40 92⁰ 137 1898 33 369 32 1003 153 1901 34 146 29 978 163 1802 32 158 17 981 126 Aus den Anfangs- und Endzahlen und aus den fettgedruckten Höchstzahlen für jede Arbeiter⸗ kategorte kann man die Entwicklung der Gießener Zigarrenindustrie bequem erkennen. In der Zigarrenindustrie sind, wie man ersehen kann, überwiegend Frauen beschäftigt. Natürlich stellen die Herren Zigarrenfabrikanten Frauen nicht deswegen ein, um ihnen Verdienst zu geben oder die Langeweile zu vertreiben, sondern um billigere und willigere Arbeitskräfte zu haben. — Der Gewerbe⸗Inspektoren⸗Bericht enthält übrigens vieles Interessante, worauf wir noch Gelegenheit nehmen werden einzugehen. f. Ueber das Bundesfest des Arbei⸗ ter⸗Sängerbundes für den Rhein- und Maingau, das am 9. August in Dieburg stattfand, konnten wir in der vorletzten Nummer nur eine kurze Notiz bringen, weil uns der Bericht darüber infolge eines Versehens zu spät zuging. Für einen großen Teil unserer Leser ist derselbe aber auch jetzt noch von Interesse und deshalb tragen wir aus ihm noch Folgendes nach.— Eingeleitet wurde das Fest durch einen Fackelzug am Samstag Abend, an welchem sick etwa 500 Personen beteiligten. Hieran schloß sich ein Festkommers in dem wundervoll ge⸗ legenen städtischen Schloßgarten. Sonntag Morgen von 7 Uhr ab brachten Extrazüge von allen Bahnrichtungen die Bundes vereine. Als Preisrichter bei dem Konkurrenzsingen, das um 9 Uhr begann, fungierten: Prof. J. Gelhaar⸗ Frankfurt a. M., Musikdirektor Karl Reisert⸗ Frankfurt a. M., Mustkdirektor J. Knettel⸗ Bingen, Musikdirektor Brodt⸗Hanau, Musik⸗ direktor Erich Venkome-Wiesbaden, Musik⸗ lehrer Ph. Jäger⸗ Heddernheim und Wilhelm Kleinschmidt⸗Höchst a. M. In der ersten Abteilung(Vereine mit über 45 Sängern) mit dem Pflichtchor:„Vergißmein⸗ nicht“ von Willi Stollwerk, beteiligten sich 10 Vereine. Den 1. Preis erhielt Union-Frank⸗ furt a. M. Zweite Abteilung(Vereine von 30 bis 44 Sängern):„O Welt Du bist so schön“, eben⸗ falls von W. Stollwerk; Beteiligung 12 Ver⸗ eine. Den 1. Preis erhielt Bruderliebe⸗ Langendiebach. Dritte Abteilung a.(Vereine von 24 bis 29 Sängern):„Spielmann's Tod“ von G. A. Uthman; Beteiligung 12 Vereine. 1. Preis: „Eintracht“-⸗Gießen. Dritte Abteilung b.(Vereine bis 25 Sängern): „Spielmanns Tod“; Beteiligung 13 Vereine. 1. Preis:„Vorwärts“ Klein- Steinheim. In allen Abteilungen stand den Vereinen ein selbstgewählter Chor zu. Gegen /2 Uhr war das Konkurrenzsingen zu Ende. Um 3 Uhr bewegte sich ein stattlicher Festzug mit sechs Musikchören, an welchem sich zirka 5000 Per⸗ sonen beteiligten, durch die Straßen nach dem Festplatz. Der Letztere war trotz seiner Größe alsbald überfüllt. zu den Massenchören geschritten: Vorgeschriebener Chor„Der Menschheit Er⸗ wachen“ von G. A. Uthmann. Dieser Gruppe gehörten 13 Vereine mit 614 Sängern an. Gruppe II. und IV. Vorgeschriebener Chor „Empor zum Licht“ von G. A. Uthmann. Der Gruppe II gehörten 15 Vereine mit 402 Sängern an, der Gruppe IV 17 Vereine mit 401 Sängern. Gruppe III. Vorgeschriebener Chor„Weckruf“ von R. Heinrich. 12 Vereine mit 326 Sängern. Gruppe V. Vorgeschriebener Chor„Ich weiß es kommt mein Stündchen Nacht“ von R. Heinrich. Dieser Gruppe end 12 Vereine mit 422 Sängern an. ährend in der Festhalle die Massenchöre zu Gehör gebracht wurden, fanden Reigenaufführungen von einzelnen Arbeiter⸗ Radfahrvereinen auf dem Festplatz statt, welche ganz besonderen Beifall fanden.— Das Fest war ein richtiges Volksfest und unterschied sich in seiner Art und Weise sehr vorteilhaft von den Festivitäten der bürgerlichen Vereine. Alle Teilnehmer werden deshalb mit Befriedigung auf dasselbe zurückblicken. Der Gesangverein„Eintracht“ ⸗Gießen, der seit einem Jahre von Herrn Aug. Bauer dirigiert wird, hat gezeigt, daß er unter dem rastlosen Eifer seines Dirigenten in der Lage ist, mit jedem anderen gleich starkem Vereine zu konkurrieren. Es ist deshalb sehr bedauerlich, daß sich viele Arbeiter, die dem Arbeitergesang⸗ verein angehören müßten, in allen möglichen, im bürgerlichen Fahrwasser schwimmenden Ver⸗ einchen befinden. Wir rufen deshalb ihnen an dieser Stelle nochmals zu:„Herein mit Euch in den Ar⸗ beiter gesangverein, wohin Ihr gehört!“ „Wenn nur ein Teil diesem Rufe Folge leistet, sind wir fest überzeugt, daß die Eintracht bei dem nächsten Bundesfest in der Lage sein wird, in der I. Gruppe zu singen und den Kampf mit den größeren Vereinen mit Ehren aufnehmen kann. Höchst wahrscheinlich findet das dritte aul, e im Jahre 1905 in Gießen att. Nach der Festrede wurde Aus dem Rreise gießen. — Aus Hausen wird uns mitgeteilt: Wie in vielen anderen Orten unseres Kreises, wo Arbeiter in größerer Anzahl wohnen, be⸗ stand auch hier früher ein Wahlverein. Durch die bedauerliche Lauheit seiner Mitglieder ist er aber wieder eingeschlafen. Nun haben einige rührige Genossen wieder einen Arbeiter⸗Verein zu Stande gebracht, dessen Aufgabe die Förde⸗ rung unserer Bestrebungen sein soll. An alle Genossen und Arbeiter in Hausen ergeht des⸗ halb die Aufforderung, sich dem Verein an⸗ zuschließen. Diesen Samstag 29. Aug., findet bet dem Wirt Konr. Wallbott die General- Versammlung statt, in welcher der Vorstand entgültig gewählt werden soll und selbstverständ⸗ lich auch neue Mitglieder aufgenommen werden. Hinein in die Organisation! Aus dem Rreise Wetzlar. h. Das Wetzlarer Kreisblatt ent⸗ rüstete sich dieser Tage über den„Vorwärts“, weil dieser die Pläne mit der Insel Pichels⸗ werder veröffentlicht hatte. Nachdem der An⸗ zeiger die erfolgte Verhaftung des Redakteurs, Genossen Leid, mitgeteilt hat, muß er— jeden⸗ falls im Auftrage irgend eines Vorgesetzten— schreiben: „Man will scheinbar einmal ein Exempel an dem Blatte statuieren, das sich seit längerer Zeit die Spezialität zugelegt hat, zugetragene Geschichten als Wahrheiten zu bezeichnen und mit unerwiesenen Behauptungen die Verhetzung gegen alles, was im heutigen Staate Autorität hat, zu betreiben. Daß sich daneben bei einem Blatte, wie dem Vorwärts, auch geschäftliche Interessen geltend machen, ist selbstverständlich. Wenn man die letzte Abrechnung durchsieht, die der Parteivorstand dem Parteitage vorlegte, so findet man, daß ein erheblicher Teil der Gelder, mit denen die sozialdemokratische Propaganda bestritten wird, aus dem Zentral⸗ Gruppe I. 1 inige krein orde⸗ alle deb⸗ an⸗ indet 515 lan änd⸗ del. ent⸗ 15 els⸗ 115 eure, eden⸗ 1— bel eit hal, tigel srt, lend fiche Nr. 35. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. organ stammt. schäftsjahr einen Ueberschuß von über 70000 Mark geliefert. Der Ueberschuß ist im wesentlichen der Sensationsmache zu ver⸗ danken, die das Blatt mit den oben be⸗ zeichneten Geschichten betreibt.“ Wir begreifen den Schmerz des Anzeigers, bei dem niemals geschäftliche Interessen maß⸗ gebend waren, über die starke Verbreitung des Vorwärts und der soz ialdemokratischen Presse. Unzufriedene Menschen aber, wie wir nun ein⸗ mal sind, genügt uns das noch nicht, sondern wir setzen Alles daran, um unserer Presse noch mehr und allgemein Eingang zu verschaffen. Und da kann es schließlich leicht dahin kommen, daß die Landratspresse blos noch Zwangs⸗Abon⸗ nenten aufzuweisen hat, was sie, nach dem seit Jahren die unerschöpfliche Geldquelle des Reptilienfonds zu fließen aufgehört hat, sehr schmerzlich berühren wird. Darum würden wir dem Anzeiger raten, für baldigen Erlaß eines Gesetzes zu sorgen, das jeden Deutschen verpflichtet, die Kreisblätter zu abonnieren und den unter Strafe stellt, der etwas anders liest, als die Schweinburg⸗Artikel und die Krieger⸗ vereinsfestreden des Wetzlarer Anzeigers. h. Lohn für treue Arbeit. In der Druckerei des Wetz. Anzeigers wurde ein Schriftsetzer„wegen Mangel an Arbeit“ ent⸗ lassen, der bereits 22 Jahre dort arbeitet. In wenig Wochen muß ein jüngerer dort stehen⸗ der Setzer zum Militär einrücken, bis dahin wäre es wohl der reichen Firma möglich ge⸗ wesen, den Arbeiter weiter zu beschäftigen. Wir wollten das Geschimpfe des Blattes hören, wenn Aehnliches im„Vorwärts“ passierte, über dessen Druckereiverhältnisse das Kreisblatt dumme Bemerkungen zu machen sich erlaubte. h. Massen⸗ Einquartierungen. Für eine große Anzahl Wetzlarer Einwohner macht sich diesen Tagen der Militarismus äußerst unangenehm fühlbar. Große Massen Soldaten werden in Wetzlar und Umgebung einquartiert, so daß auch arme Teufel, die nur ein Zimmer haben, einen Soldaten beherbergen müssen.— Warum nehmen die Patentpatrioten und Hurraschreier nicht die Kosten auf sich? g — Die Lassalle-⸗Feier findet nicht in Gleiberg, sondern in Launs bach bei Wirt Wörner am Sonntag statt. r. Gebildeter Herr vom Gericht. Kürzlich geriet in Hachenburg, wie man uns von dort schreibt, in einem Restaurant ein Gerichtssekretär in heftigen Disput mit einem Lehrer. Dabei vergaß der erstere ganz und gar seine— wie wir annehmen wollen— gute Erziehung und überschüttete den Lehrer mit allerhand Liebens würdigkeiten und schließlich bedachte er ihn mit einer Einladung à la Götz von Berlichingen.„Sie können mich verklagen, wenn's Ihnen nicht paßt!“ schrie er den Lehrer an. Diesem mochte aber das Sprichwort von der Hexe beim Teufel einfallen und er erwi⸗ derte, er würde das allerdings tun, wenn jener nicht Gerichtsbeamter wäre, denn für ihn würde die Strafe wohl recht gelinde ausfallen!— Die Zeugen dieses Vorfalles bekamen eigen⸗ tümliche Begriffe von der„Bildung,“ die Manchem aus den„besseren Kreisen“ eigen ist. Aus dem Rreise Marburg⸗Rirchhain. R. Sehr schlechte Lohnverhältnisse müssen an dem Bahnbau Marburg⸗Dreihausen herrschen. Fast jeden Samstag kommt es dort zu Schlägereien, deren Ursache darin liegt, daß den Erdarbeitern vor ihrer Einstellung ein höherer Lohn versprochen als am Zahltage ausgezahlt wurde. Wenn darüber die Leute zornig werden und sich zu Tätlichkeiten hin⸗ reißen lassen, so ist das gewiß nicht zu billigen, aber es ist auch begreiflich. Am Samstag wurde dem Schachtmeister, weil er den versprochenen Lohn nicht zahlte, das Haus mit Steinen bombardiert und einem Arbeiter ein Auge aus⸗ gehauen. Kürzlich war es dem Unternehmer durch Versprechen hoher Löhne gelungen, einen Trupp Italiener hierher zu locken. Als auch ihnen der versprochene Lohn nicht gezahlt wurde, zogen sie mit Weib und Kind wieder ab und nahmen auch noch manches andere mit. Es hat für das letzte Ge⸗ Den Arbeitern von Marburg und Umgebung sei dies zur Wahrnung mitgeteilt. r. Zur Landtagswahl. Die Marburger National⸗ liberlae haben beschlossen, als Kandidaten für den Landtag im hiesigen Kreise den Geh. Justizrat Professor Leh mann aufzustellen. Ein entsetzliches Brandunglück ereigne e sich am Montag in Budapest. Dort ist das sogenannte„Pariser Warenhaus“ in der Kerepeser Straße total niedergebrannt. Um ca. 7/ Uhr abends entstand im ersten Stock jedenfalls durch Kurzschluß Feuer, das rapid um sich griff. In wenigen Minuten ergriff das Feuer auch das obere Stockwerk, wo sich auch Wohnungen befinden. Von dort sprangen viele Personen auf die Straße, da eine andere Rettung unmöglich war. Es dürften etwa 30 Personen bei der furchtbaren Katastrophe das Leben eingebüßt haben. Unter den Opfern der Katastrophe befindet sich auch die Gattin des Eigentümers, Frau Goldberger, sowie ihre Schwägerin und Schwieger⸗ tochter. Die Letztere verbrannte, während die beiden ersteren aus dem vierten Stock auf die Straße sprangen und tot auf dem Pflaster liegen blieben. Ein Vater von sechs Kindern sprang vom Fenster herunter: er wurde glücklicherweise gerettet. Seine Kinder blieben jedoch oben und konnten nicht gerettet werden, sodaß er einen Wahnsinnsanfall bekam. Die Feuerwehr war nach Berichten ihrer Aufgabe nicht gewachsen: die Sprung⸗ tücher waren nicht sofort zur Stelle und wurden außerdem schlecht gehandhabt, so daß viele beim Herabspringen das Genick brachen.— An dem raschen Umsichgreifen des Brandes soll die miserable Bauart die Hauptschuld tragen. Das ganze große Geschäft hatte nur e in en Ausgang. Alle Käufer und Angestellte drängten diesen ein m Aus⸗ gang zu, wobei es zu wilden Szenen kam, weil die Treppen und Korridore so eng waren, daß kaum drei Menschen nebeneinander gehen konnten. Das Tor selbst war kaum breiter als ein Meter. Dabei waren die Gänge größten⸗ teils noch durch Kästen und Packete verbarrikadiert.— Dann hat also die Baubehörde einen großen Teil der Schuld. Kleine Mitteilungen. * Bei der Arbeit verunglückte auf dem Gießener Braunsteinwerk der Arbeiter Wilhelm Duten⸗ höfer aus Leihgestern. indem ihm ein Glied vom Finger abgequetscht wurde.— Ein Großfeuer wütete am Dienstag in Fulda und legte die„Norddeutsche Woll kämmerei in Asche. Auch die in der Nähe befindliche Speditionsfirma Feuer⸗ stein wurde in Mitleidenschaft gezogen, etwa 1000 Zt. dort lagerndes Mehl gingen zu grunde. Der ca 400 000 Mark betragende Schaden ist durch Versicherung gedeckt. ** Erkrankung durch Fischgift. Die Familie eines pensionierten Obergendarmen, der in Kassel in der Landaustraße wohnte, erhielt von Verwandten aus Ostpreußen eine größere Fischsendung. Nach dem Genuß der Fische, an dem noch eine Reihe von Bekannten im Hause teilnahmen, erkrankten die Betreffenden so heftig, daß ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden mußte. Der Obergendarm ist gestorben. * Eisenbahnunfall. Der Personenzug Wald⸗ kappel— Kassel entgleiste am Montag früh bei der Station Bettenhausen. Die Maschine und der nächste Personenwagen sprangen aus. Verletzt wurde von Per⸗ sonen niemand. Die Passagiere des betreffenden Zuges mußten zur Fahrt nach Kassel die elektrische Straßenbahn benutzen. Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung. . Der Tischlerstreik in Kassel und die mit demselben verbundenen Aussperrun⸗ gen der Bauarbeiter sind nunmehr in ein neues Stadium getreten. Nach wiederholten Verhandlungen mit beiden Parteien hat das Gewerbegericht als Einigungsamt einen ein⸗ stimmigen Schiedsspruch gefällt, demzufolge die Tischler die Arbeit wieder aufnehmen sollen unter der Bedingung, daß der Stundenlohn sofort um 4 Pfg. erhöht wird, Ueberstunden⸗ und Sonntagsarbeit möglichst zu vermeiden sind und die tägliche Arbeitszeit eine 9 stündige bleibt wie bisher. Die Akkordlöhne werden um 10 Prozent erhöht, notwendige Ueberstunden⸗ und Sonntagsarbeit mit 10—20 Pfg. Aufschlag bezahlt. Alle anderen ausgesperrten Bauarbeiter ziehen ihre nach der Aussperrung erhobenen Forderungen zurück und treten zu den alten Bedingungen wieder ihre Arbeit an. Dieser Schiedsspruch wurde nun von der letzten Ver⸗ sammlung der streikenden Tischler mit 155 gegen 30 Stimmen als Basis der Verhandlungen angenommen. Damit ist aber der Tischler⸗ streik noch keineswegs zu Ende, und gerade angesichts der beinahe täglich gepflogenen Unter⸗ handlungen ist es jetzt mehr als je notwendig, daß jeder Zuzug nach Kassel für alle Angehö⸗ rigen des Baugewerbes strengstens fernge⸗ halten wird.— Eine größere Anzahl ita⸗ lienischer Bauarbeiter sind von den Unter⸗ nehmern angeworben worden und in Kassel eingetroffen. Als diese italienischen Streikbrecher ankamen und ihre Quartiere aufsuchen wollten, kam es zu Tumulten. . Ein beachtens wertes Urteil über die Bergarbeiterbewegung im Ruhrbezirk fällte der Essener Korrespondent der„Voss. 310 Er schrieb: „Wer sich darüber informieren wollte, ob die Erregung unter den Ruhrbergleuten durch das bisherige Entgegenkommen der Gruben⸗ besitzer abgeschwächt worden sei, dem bot sich am heutigen Sonntage hierzu reichliche Gelegen⸗ heit. Fanden doch in den verschiedenen Revieren im ganzen zehn öffentliche Bergarbeiter⸗ Versammlungen statt, in denen meistens hervorragende Führer der Bewegung sprachen. Ich habe drei von diesen Versammlungen besucht und in allen den Eindruck gewonnen, daß die Führer alles aufbieten, um ihre Forderungen auf friedlichem Wege durchzusetzen, was um so bedeutsamer ist, als die an der Spitze des alten Bergarbeiterverbandes stehenden Männer einen großen Einfluß auf die große Masse ausüben.“ . Der Deutsche Bergarbeiterver⸗ band hat seit 1. August 1903 über 3000 Neuaufnahmen von Mitgliedern vollzogen. In einer in Herne stattgefundenen Versammlung, welche von etwa 2000 Bergleuten besucht war, wurden allein mehrere hundert Aufnahmen vorgenommen. Nach einer anderen Meldung traten dem Bergarbeiterverbande allein in der letzten Woche über tausend Mitglieder bei. . Ein Riesenstreik. Seit Montag wird in der sächsischen Fabrikstabt Crimmit⸗ schau nicht gearbeitet, oder nur vereinzelt gearbeitet, denn 8000 Textilarbeiter und Arbeiterinnen, ein Drittel der gesamten Stadt⸗ bevölkerung liegen im Streik oder sind ausge⸗ sperrt. Von den geplagten Lohnsklaven war die Forderung erhoben worden, die noch immer 11 Stunden währende Arbeitszeit herabzu⸗ mindern. Doch die Unternehmer zogen die Verhandlungen darüber hinaus. Deshalb kün⸗ digten vor 14 Tagen in fünf Fabriken ca. 600 Arbeiter mit der Einschränkung, daß die Kündi⸗ gung als nicht geschehen zu erachten sei, wenn eine Einigung erzielt werde. noch kündigten die protzigen Unternehmer sämt⸗ licher Betriebe mit wenigen Ausnahmen ihren Arbeitern. Damit war der Kampf unvermeidlich. Einigungsversuche der Arbeiterorganisation blieben erfolglos. Jetzt ist nun die Kündigung abgelaufen.— Trotzdem die Streikenden von den Unternehmern und der Polizei auf alle Art provoziert werden, bewahren sie die uner⸗ schütterliche Ruhe, die ihnen von den Führern dringend anempfohlen wurde. Briefkasteu. Mehrere Einsendungen mußten zurückbleiben. Tr.⸗Hgr. Gedichte in nächster Nr. Versammlungskalender. Samstag, den 29. August. Gießen. Soz.⸗dem. Wahl verein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Heuchelheim. Arb. ⸗Bild.⸗Verein. Abends ½9 Uhr Versammlung bei Wirt Karl Rinn (Zur Wilhelmshöhe). Steinberg. Arbeiterbildungs verein. Abends 9 Uhr Versammlung im Lokale zur Wilhelms höhe, Marburg. Maurer. Nachmittags 6 Uhr Ver⸗ sammlung bei Jesberg.— Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Jesberg. Sonntag, den 30. August. Marburg. Gewerkschaftskommission. mittags/ 10 Uhr bei Jesberg. Montag, den 31. August. Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Marburg. Schneider. berger. Samstag, den 5. September. Friedberg. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 8½ Uhr Versammlung in Stadt New⸗York. Vor⸗ Abends 9 Uhr bei Hill⸗ Am selben Tage 8 * 2 * 2 5 — A * 8 2— — N 5531 Seite 6. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 35. Von Nah und Lern. Eine Begnadigung. Dem Unteroffizier Degen vom Husaren⸗ Regiment in Kassel, der wegen Mordver⸗ suchs, begangen an der ledigen Elisabeth Hemel, vom Oberkriegsgericht des 11. Armee⸗ korps zu sechs Jahren Zuchthaus und Aus⸗ stoßung aus dem Heere verurteilt worden war, hat der Gerichtsherr in Uebereinstimmung mit dem Kaiser zwei Jahre der zu verbüßenden Strafe auf dem Gnadenwege erlassen. Wie schon früher mitgeteilt, war Degen in der ersten Instanz freigesprochen und erst auf die Berufung des Gerichtsherrn hin zu angegebener Strafe verurteilt worden. Dagegen legte Degen Reviston ein, die aber verworfen wurde. Fünf Jahre Zuchthaus wegen 5 Pfennigen. Das Reichsgericht beschäftigte sich mit einem Falle, wo wegen 5 Pfennigen ein Mann zu 6 Jahren Zuchthaus verurteilt werden muß. Es handelt sich um den Dachdecker E. R., welchem vom Schwurgericht in Neuruppin diese unerhört hohe Strafe auferlegt worden war, weil er gebettelt und auf der Landstraße zwischen den Orten Linde und Löwenberg dem Schneider L. 5 Pfennige mit Gewalt abgenommen. Mil⸗ dernde Umstände hat das Gericht nicht an⸗ genommen. Nur wegen der Geringfügigkeit es Objekts ist auf die Mindeststrafe erkannt, die nach§ 250 des Str.⸗G.⸗B. für einen auf offener Landstraße begangenen Raub zulässig ist. In seiner Reviston behauptete der Angeklagte, bei der Geringfügigkeit des Objekts hätte nur auf Gefängnis erkannt werden dürfen. Das Reichs⸗ gericht erkannte auf Verwerfung der Reviston. Es handelt sich um Abs. 3 des§ 250 des Str. G.⸗B., welcher besagt: Auf Zuchthaus nicht unter 5 Jahren wird erkannt, wenn der Raub auf einem öffentlichen Wege, einer Eisen⸗ bahn, einem öffentlichen Platze, auf offener See oder einer Wasserstraße begangen wied.— Sind mildernde Umstände vorhanden, so tritt Ge— fängnisstrafe nicht unter einem Jahre ein.— Es ist eins so ungeheuerlich wie das andere; der Absatz 3, sowie der Umstand, daß die Ge⸗ schworenen dem Manne keine mildernden Umstände zubilligten und ihn kaltblütig auf 5 Jahre ins Zuchthaus schickten! Kinder in der Fabrik. In der Theorie fordert das Zentrum Aus⸗ schluß der Frau von der Fabrikarbeit, in der Praxis sind es aber gerade ultramontane Arbeitgeber, welche die größte Vorliebe für die billige Frauenarbeit betätigen. Das zeigt sich überall dort, wo hauptsächlich Ultramontane als Unternehmer fungieren, z. B. in der Aachener Textilindustrie, weiter im Bezirk M.⸗Gladbach, Bocholt usw. und ganz besonders in Oberschlesten in der Domäne der Zentrumsgrafen. Hier werden, was sonst in Deutschland nicht üblich ist, Frauen auf Gruben und in Hüttenwerken beschäftigt und mit Anbruch der Krise wurden männliche Arbeiter freigesetzt, dafür Frauen eingestellt. Noch besser wird es jetzt in der Zentrumsdomäne M.⸗Gladbach. Dort hat ein Fabrikant in der Fabrik eine sogenannte Kinderkrippe eingerichtet. Die Frauen nehmen die Säuglinge mit zur Fabrik, dort werden dieselben der Obhut einer sechzigjährigen Matrone anvertraut, und wenn die Arbeiterinnen einen Augenblick Zeit abknapsen können, eilen sie zur Krippe, legen die Kinder an die mit schmutzigen Kleidern bedeckte Brust, um den Hunger der Kleinen ft stillen. Daß das gesundheitlich sehr vorteilhaft, wird kaum ein Arzt bestätigen, zu der Muttermilch genießen die Kinder auch den Fabrikstaub. Vielleicht wird man die Kinder⸗ krippe aber als Wohlfahrtseinrichtung ausrufen. In Tatsache hat man die Einrichtung geschaffen, weil dadurch möglich ist, daß junge Mütter, die noch billiger arbeiten als ihre unverheirateten Kolleginnen, in die Fabrik hineinkommeun. Jedenfalls darf man erwarten, daß der Gewerbe⸗ Inspektor sich um die Angelegenheit bekümmert und dafür sorgt, daß die geradezu mörderische Einrichtung aufgehoben wird. Erst werden die Kinder im Mutterleibe vergiftet, sind sie zur Welt gebracht, schleppt man sie direkt hinein in die Fabrik— Deutschland marschiert an der Spitze der Sozialreform. Industriearbeit und Krüppelhaftigkeit. Die Arbeitsstätte ist für den modernen Proletarier kein Segensfeld. Längst hat er sich gewöhnt, von einem„Schlachtfelde der Arbeit“ zu reden. Wie sehr er ein Recht dazu besttzt, lehrt folgende Statistik der Rhein⸗ provinz. Im Jahre 1902 waren dort bei einer Gesamtbevölkerung von 5 759 798 ins⸗ gesamt 49 508 Verkrüppelte vorhanden, davon 32242 männliche. 16 419 dieser Ver⸗ krüppelten hatten ihre Gebrechen durch Unfall, 7936 durch Ueberanstrengung und Krankheit erworben. Der gewerbefleißigste Bezirk, Düsseldorf, besitzt allein 17732 er⸗ wachsene Verkrüppelte, 8580 stehen unter 16 Jahren, hiervon 5865 im schulpflichtigen Alter, von diesen wächst ein großer Teil, unfähig die Schule zu besuchen, ohne jedweden Unterricht heran. So sorgen die patriotischen Industriellen für die Mehrung der Volkskraft! In der besten aller Welten. Ueber eiue Wiener Gerichtsverhandlung berichtet die„N. Fr. Pr“.: Die Bauarbeiterin Leopoldine Listopad erschien, nach dreimaliger Abstrafung wegen Bettelns, neuerdings als Angeklagte vor dem Bezirksgerichte Josefstadt. Sie gab zu, gebettelt zu haben:„Was soll ich tun? Ich hab' zwei Kinder. Der Bub“, — sie trug den Knaben auf den Armen— „ist blind. Eine Kostfrau nimmt ihn nicht. Ich kann nicht in die Arbeit gehen, weil mir das Kind niemand abnimmt.(Weinend): Es bleibt nichts, als daß ich mit dem Buben ins Wasser Nhe Der Wachtmann Pürsche bezeichnet die ngeklagte als eine„professionelle“ Bettlerin. Der Richter verurteilte die Listopad zu vier Tagen strengen Arrest.„Ich werd“, sagte sie beim Abgehen,„probieren, wieder auf einem Bau zu arbeiten, aber das Kind...!“ 5 * 7 2 Unterhaltungs-Ceil. —— 2 Saat und Ernte. Es wogt des Kornes gold'nes Meer Die Winde wehen leise. Der Schwalben leicht beschwingtes Heer Schon rüstet sich zur Reise! Wer in der Erde Schoß versenkt Den guten Keim, den echten, Der wird mit Früchten reich beschenkt, Den Kranz der Ernte flechten. Wer Swietracht nur und Völkerhaß Im Menschenherzen nähret, Dem Volke ohne Unterlaß Das Waffenhandwerk lehret; Der sät den Krieg, er möge bang Vor seiner Ernte zittern, Sie künden Tod und Untergang Mit brausenden Gewittern. Doch wer der Freiheit edle Saat In's Herz des Menschen säet, Wer immer treu in Wort und Tat Für Recht und Wahrheit stehet, Wer nimmer scheut des Kampfes Müh'n, Nie der Verfolgung Plage, Dem wird der schönste Sieg erblüh'n Dereinst am Erntetage! Max Kegel. Der Wunderschrank. Vaterländische Erzählung von Ludwig Schierk. (Fortsetzung.) V Im Hause des Herrn Thomas Seebald war der Tod eingekehrt. Man hatte den unheimlichen Gast mit all dem Glanze empfangen, welcher der Würde dieses erhabenen Hauses zu entsprechen schien. Ueber dem Portale wehte eine lange Trauer⸗ fahne; denn das vaterländische Bürgertum hat allmählich die Gewohnheit der Könige ange⸗ nommen, welche durch jenes Mittel ihren ge⸗ liebten Untertanen verkünden, daß sie die Reise in eine bessere Welt anzutreten im Begriffe seien. So erfuhren die Winde, die Vögel, die verschuldeten Handwerker in den Vorstädten die traurige Kunde, daß Herr Thomas Seebald, der Besitzer des Wunderschrankes, an einem Schlagflusse, der beliebten Todesart der Reichen, gestorben sei. Die kunstgewerbliche Treppe des Hauses trug das Trauerkleid. Ernst und steif, wie eine zu dieser Treppe gehörige Figur, stand der lange George am Fuße derselben, um die Gäste stumm zu grüßen, welche sich voraus⸗ sichtlich bald einfinden mußten. Er hatte den blauen Frack mit einem schwarzen vertauscht, und sein Antlitz zeigte einen Ausdruck, in dem sich der Schmerz um ein Verlorenes mit der Sorge um ein Zukünftiges sehr glücklich ver⸗ einigten. Geschäftige Geister eilten ab und zu. Das große Warenmagazin des Städtchens hatte seine Vertreter hierher gesandt und bewies seine Leistungsfähigkeit durch die Tatsache, daß in zwanzig Minuten zur rascheren Erledigung der Aufträge ein elektrischer Fernsprecher her⸗ gestellt war, der das betrübte Reich des Todes mit den lachenden Räumen der vaterländischen Modewerkstätte verband. 1 Es klopfte, es scharrte, es flüsterte in allen en. Die Beamten einer Leichenbestattungs⸗Unter⸗ nehmung schritten in großer Würde von Zimmer zu Zimmer, und ihr sorgfältig geordnetes und beherrschtes Gesicht, ihre leise, gemessene Sprech⸗ weise brachten bald jene Stimmung zur Geltung, welche der Majestät des Todes so gut entspricht. Die kleine, klugblickende Hausfrau hatte ihre Tränen getrocknet. Sie saß im Gestndezimmer des schönen Wohnhauses hinter einem mäßigen Bergrücken, der aus trauernden Spitzen, schwarzen Kleiderstoffen und ähnlichen Erzeugnissen vater⸗ ländischer Leichenbestattungs⸗Industrie gebildet wurde. Die arme Frau nahm die Lichtseite dieses Höhenzuges in Besitz, und ihre welken, hilflosen Hände glitten über die Abhänge und in die Taler der schwarzen Kleiderstoffe oder verirrten sich prüfend in dem verworrenen Gestrüpp der trauernden Spitzen. b Jenseits der Wasserscheide standen zwei ge⸗ duldige, weibliche Figuren mit dem gesenkten Blicke geschäftlichen Hochachtung. Es waren Schneiderinnen, die das Warenmagazin der kleinen, klugblickenden Hausfrau zu Diensten stellten. Ihre bleichen Wangen schienen in Erwartung der Nachtarbeiten, die ihnen der Todesfall unfehlbar bringen mußte, noch etwas an Farbe verloren zu haben. ü Herr Thomas Seebald junior zog sich in die Gemächer des zweiten Stockwerkes zurück. Dort entledigte er sich des feinen Ueberrockes, steckte sich eine Zigarre an und nahm auf der Ebenholzplatte des kunstgewerblichen Schreib⸗ tisches Platz. Die greisenhafte Sonne des Herbstes zeichnete das Schattenkreuz des hohen Bogenfensters auf den feinen, teppichbelegten Boden des Zimmers und bestrahlte die gleißen⸗ den Rückenschilde der kostbaren Einbände, welche die Werke der großen vaterländischen Dichter und die Weinflaschen des langen George um⸗ schlossen. Der gezähmte Papagei begann auf seinem Gestellchen bänglich hin und her zu rücken, da er seinen Herrn in dieser Stellung sah; denn der kluge Vogel merkte sich gar wohl die Stunde, in der gewöhnlich die Spiegel versuche angestellt wurden. l Allein Herr Thomas Seebald junior stand heute über allen Papageien der Welt. Seit zwölf Stunden war er Chef seines Hauses. Schon in der ersten jener flüchtigen Gefährtinnen der Menschen hatte er sich die Tatsache klar Fe daß er seinen Vater verloren habe und esitzer eines Wunderschrankes geworden sei, der ihn für der Rest seines Lebens der Mühe gemeiner Arbeit völlig überhob. Mit dieser Erkenntnis überkam ihm die Würde seines Besitzes. Am frühen Morgen hatte ihm der Sachwalter seines Vaters ein. ie ie en t, er 2 18 69 15 10 65 en flat die gen ell. — — Nr. 35. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. Schriftstück übermittelt, in welchem der junge Kreisrichter, der im Städtchen vor Laugeweile starb, seine Geneigtheit aussprach, einen ver⸗ schuldeten Handwerker, der die Ketten des Hauses Seebald an Händen und Füßen trug, aus seiner Hütte herauswerfen zu helfen. Zur Vornahme dieser menschenfreundlichen Handlung bedurfte er der Genehmigung des Gläubigers. Herr Thomas Seebald junior stand vor dem erheben⸗ den Augenblicke, in dem er als Chef des großen Hauses seine erste Unterschrift zu leisten hatte. Im Leben der vornehmen Leute bildet der erste Hase, die erste Unterschrift und die erste Nacht in den Armen der bezahlten Unschuld ein besonderes Ereignis. Ueber den ersten Hasen war Herr Thomas Seebald junior bereits hinaus. Seit dem Tage, da er das Knallen eines Jagd⸗ gewehres zu ertragen vermocht hatte, war er ständiges Mitglied jener nützlichen Gesellschaft geworden, die den vaterländischen Witzblättern eine nicht zu erschöpfende Fülle menschlicher Schwachheit liefert. Die erste Nacht dankte er der Gefälligkeit eines bleichen Nähmädchens, das in der Vorstadt Tag und Nacht arbeitete, um einem gichtkranken Greise, der einst bessere Zeiten gesehen, den Weg ins Armenhaus zu sparen. Die erste Unterschrift dankte er der Geneigt⸗ heit des jungen Kreisrichters. Herr Thomas Seebald junior besaß eine sehr deutliche Hand⸗ schrift. Allein die Würde seiner gegenwärtigen Stellung, sowie das Bewußtsein, daß er als Besitzer eines Wunderschrankes nun über allen Kreisrichtern und Sachwaltern seines weiten Vaterlandes stehe, verhinderten ihn, sich bei dem Geschäfte seiner ersten Unterschrift jener klaren Zeichen zu bedienen, die das Herz seines Er⸗ ziehers so oft höher schlagen ließen. Der junge Mann warf also ein feines Gewirr vornehmer Buchstaben auf das Papier und überließ es dem Scharfsinn seiner Mitbürger, sich unter dem Namen Seebald ein Kleefeld oder einen Schnee⸗ schild vorzustellen. Dann zog er sich in seine Heiligtümer zu⸗ rück und nahm auf seinem Schreibtische jene Stellung ein, in der ihn der Leser vor einer Weile gefunden hat. In diesem Augenblicke glich er der Karikatur eines jungen Monarchen, der sein erstes Todesurteil unterzeichnet hat. Bei einer guten Zigarre stellen sich die guten Gedanken von selbst ein. Der junge Herr faßte den Plan, einen Teil seines Vermögens von den Dächern der Vorstädte zu lösen und einer Aktiengesellschaft zu widmen, die aus dem Schoße der großen, vaterländischen Firma Mörwitz und Sohn demnächst entspringen sollte. In den nächsten drei Minuten beschloß er, dem langen George einen braunen Leibrock mit weißen Knöpfen anzuschaffen und die Würde eines Kammerdieners zu verleihen. Unbemerkt schweif⸗ ten seine beweglichen Gedanken hierauf in die Gesindestube, wo die beiden Schneiderinnen an der Arbeit saßen. Die jüngere hatte sehr zarte Händchen und große, furchtsame Augen; jene Augen, die er besonders liebte... es war kein Wunder, daß sein blasses, vornehmes Gesicht in jenem rosigen Schimmer zu erglühen begann, der unsere vaterläudischen Jünlinge so anziehend macht. Dec die hastige Art, mit der George seinen jungen Herrn in diesem Augenblicke störte, rückte der arme Mensch die Möglichkeit, Kammerdiener zu werden, in weite Ferne. 08 Es waren Gäste angekommen, ihr Beileid auszusprechen; vornehme Personen, denen sich Herr Thomas Seebald in der ganzen Größe seines kindlichen Schmerzes zu zeigen hatte. Der Bürgermeister, der Kreisrichter, ein alter Hauptmann mit einer Kupfernase und einem lahmen Bein, der Chef der Firma Mör⸗ witz und Sohn, der Redakteur des Lokalblattes, der Eigentümer des Hotels zur„Deutschen Warte“... sie alle priesen die Tugenden des Verstorbenen in einer Art, als beabsichtigten te, dem jungen Herrn das Material zu einer iographie des Vaters zu liefern. Der tote Herr Thomas lag daneben auf dem Rücken, die wachsgelben Hände friedlich gefaltet. Was sollten die Klagen seiner Freunde, die Tränen seiner Frau, die Seufzer seines Sohnes? Er war heimgegangen. Morgen werden sie ihn begraben mit all dem Pomp, den sein Wunderschrank zu zahlen vermag. Im gemessenen Schritt eines Trauermarsches wird man ihn durch die Straßen tragen, die er so oft behaglich durchwandert hat, um die Häuser zu sehen, auf denen seine Banknoten lagen. Am Grabe wird der Pfarrer eine Rede halten über das schöne Wort:„Was trauert ihr und vergeht vor Leid, da ich meinen Sohn u mir genommen?“— dann senken ste das in ie kühle Erde, was sterblich war an Herrn Thomas Seebald dem Aelteren. Es gab in der Tat eine Leichenfeier, wie sie nicht jeder Tag bringt. Die Leichenbestattungs⸗ Unternehmung des kleinen Städtchens begründete an diesem Tage ihr Ansehen und ihren Ruf, und die vaterländische Jugend bekam zum ersten Male Gelegenheit, die launigen Uniformen zu bewundern, welche der gute Landesfürst über die Beamten seines großen Reiches kürzlich ver⸗ hängt hatte. Als die trauernden Gäste in den zahlreichen Wagen, die der Wunderschrank des Hauses See⸗ bald bereitgestellt hatte, allmählich davonrollten, um ihre Uniformen auszuziehen oder das ge⸗ meine Geschäft des Werktags fortzusetzen, blieb der würdige Pfarrer allein bei dem Grabe zu⸗ rück. Er entledigte sich des schweren Seidenman⸗ tels, gleich den Beamten, die ihr Staatskleid mit dem Kanzleirocke vertauschten, und schritt mürrisch durch die Gräberreihen gegen eine feuchte Ecke des Friedhofes, wo sich eine kleine, armselige Gruppe gesammelt hatte, die einen kahlen Holzsarg umstand. In drei Minuten schloß sich der grobe Lehm über der sterblichen Hülle einer kleinen, gebückten, hustenden Frau, die dem jungen Menschen, der fassungslos davon⸗ wankte, vor Jahren ein kleines Holzpferdchen mit schwarzen Heidelbeeraugen gekauft hatte, um ein freudloses Knabenleben durch einen Lichtstrahl zu erhellen. (Schluß folgt.) Der„Böhnhase“. Gerade in unserer Muttersprache haben fast alle wichtigeren Stadien der Kulturentwickelung erkennbare Spuren zurückgelassen, so daß sogar der modernste Mensch des zwanzigsten Jahr⸗ hunderts noch täglich Redewendungen gebrauchen kann, deren— heute freilich meist längst ver⸗ gessener— Ursprung auf das Mittelalter, ja vielleicht gar auf die halbmythische germanische Urzeit zurückgeht, die uns Tacitus schildert. L. Günther liefert in den Grenzboten eine reich⸗ haltige Zusammenstellung deutscher Rechtsalter⸗ tümer, wie sie in unserer heutigen Sprache noch zu finden sind. Wir entnehmen seinen Ausführ⸗ ungen einen kurzen Abschnitt über Spracheigen⸗ tümlichkeiten aus dem Gebiete des Zunftswe⸗ sens. Von jeher hat in den deutschen Städten das Handwerk, von dem wir noch heute sagen, es habe einen„goldenen Boden“, in Blüte gestanden. Aber eifrig wachten in alter Zeit auch die Meister darüber, daß niemand ihnen „ins Handwerk pfusche“, d. h. als nicht zur Gilde, Zunft oder Innung gehörendes Mitglied das gleiche Gewerbe ausübe. Wer sich dieses herausnahm, der mußte gewärtigen, daß auf ihn als sogenannten„Böhnhasen“ oder„Dach⸗ hasen“ Jagd gemacht wurde; denn so nannte die Verfolgung den unzünftigen Handwerker, ganz besonders den Schneider, die heimlich in ihren Kämmerchen unter dem Dachboden(Bühne, ndd. boen, boéne) zu arbeiten gezwungen waren, um sich der Eutdeckung zu entziehen. Heute muten uns diese Zustände schon recht fremdartig an; denn wenn auch noch in unserer Reichs⸗ ee von„Zünften“ die Rede und en„Innungen“ sogar ein recht umfangreicher Abschnitt gewidmet ist, so weisen doch diese modernen„Korporationen von Gewerbetreiben— den“ bei unserer grundsätzlich anerkannten Gewerbefreiheit erklärlicherweise nur noch einen schwachen Abglanz ihrer alten Herrlichkeit auf. In unserer Umgangssprache aber haben sich manche der technischen Ansdrücke aus dem älteren Gewerberecht zu viel allgemeineren Begriffen umgewandelt. Denn als„zur Zunft gehörig“ pflegen wir heute im weiteren Sinne auch wohl Nichthaudwerker, ja sogar akademisch gebildete Personen zu bezeichnen(„Zunft der Professoren, Krieg. der Juristen, der Philologen“), und ebenso hat der„Pfuscher“ seine 1 Bedeutung, die deutlich noch in den neuerdings von 11 5 7 studierten und approbierten Aerzten so viel ge⸗ schmähten„Kurpfuschern“ zu erkennen ist, mehr und mehr erweitert, so daß wir das Wort oft schon schlechthin für„Stümper“ gebrauchen. Heute kann ferner sogar der Gelehrte„sein Handwerk verstehen“, aber freilich auch seine Wissenschaft, handwerksmäßig“, d. h. schablonen⸗ haft betreiben, er kann weiter einem anderen Kollegen„ins Handwerk pfuschen“, worauf dann dieser es vielleicht unternimmt, ihm„das Hand⸗ werk zu legen“. Ja sogar die Wendung„das Handwerk grüßen“, wie man es einst nannte, wenn die Handwerksgenossen beieinander vor⸗ sprachen(um z. B. eine Unterstützung zu ver⸗ langen), wird jetzt wohl in schersbaster Rede für den Fall gebraucht, daß sich Fachgenossen jeder Art kollegiale Besuche machen. Gemeinnütziges. Keine Unterdrückung des Durstes. Ueber das Trinken der Feldarbeiter giebt ein Arzt folgende beachtenswerte Andeutungen, die nicht nur für diese allgemein beherzigenswert erscheinen: Viele Landleute bekämpfen bei den Feldarbeiten den Durst, um dadurch dem heftigen Schwitzen vorzubeugen. Dies ist aber verwerflich und kann unter Umständen zu gefährlichen Krankheiten führen. Der Durst ist als Mah⸗ ung zum Ersatz der dem Körper verloren ge⸗ gangenen Flüssigkeiten anzusehen, und es treten bei Nichtbeachtung dieser Mahnung allmähliches Austrockenen der Gewebe und schließlich der Sonnenstich ein. Abgesehen von diesen schlimmsten Folgen leuchtet auch ein, daß durch den aus Mangel an Flüssigkeiten geschwächten Stoff⸗ wechsel die Körperernährung beeinträchtigt wird. Es ist daher keinesfalls rätlich, den Durst völlig zu unterdrücken. Wenn man jedoch trinkt, trinke man langsam und mäßig; anzu⸗ empfehlen ist es, dem Trinkwasser etwas Zitronensäure, die man krystallistert in den Drogenhandlungen und Apotheken erhält, zuzu⸗ setzen. Es wird dadurch der durch Wasserzufuhr bewirkten Veränderung der Magensäure in rationeller Weise entgegenwirkt. Humoristisches. Frommer Wunsch. Vorsitzender: Ange⸗ klagter, Sie sind zu lebenslänglichem Gefängnis verur⸗ teilt worden. Haben Sie dazu noch etwas zu sagen? Angeklagter: Ja, hoher Gerichtshof, i möcht halt recht schön bitten, daß i mei' Straf im Vatikan absitzen därf. Keine Sommerfrische. Fürst Ferdinand hat einem Interviewer mitgeteilt, daß er nicht aus Furcht vor irgend einer Gefahr sein„Heimatland“ ver⸗ lassen habe; er habe nur in Bulgarien keine geeignete — Sommerfrische ausfindig machen können. (Glühlichter.) Ein guter Kerl! Richter:„Es liegt eine Alimentationsklage vor; Sie sind der Vater des Kindes?“ Holzhacker-Sepp(stolz):„Dös will i moanen, wer denn sunst!“ Richter:„Schon gut; aber es handelt sich um die Bemessung des Betrages, welcher hierfür monatlich bezahlt werden kann.“ Holzhacker⸗Sepp: „Aber Herr Richter, mei Rosl ist a blutarms Madl, i verlang für dös koan Kreuzer von ihr, na i nöt!“ 2—— Geschichtskalender. 29. August. 1523: Ulrich v. Hutten, f auf der Insel Ufenau i. Züricher See. 30. 1831: Aufruhr der Kommunalgarde in Leipzig zwecks Einführung einer neuen Städteordnung. 31. 1864: Ferdinand Lassalle, 1 in Genf. 1. September. 1901: Chinesische Sühneprinz⸗ Komödie in Basel. 1898: Selbstmord des Obersten Henry in Paris(Dreyfuß⸗Prozeß). 2. 1895: Wilhelm II. Rottenrede beim Garde⸗ festmahl. 1867: Internationaler Arbeiter⸗Kongreß in Lausanne. 3. 1856: Royalistenputsch in Neufchatel. 4. 1898: Brüsewitz begnadigt. 1895: Stöcker! Scheiterhaufenbrief im„Vorwärts“ veröffentlicht. 1870; Proklamation der Republik in Frankreich. 5. 1902: Rudolf Virchow, f. 1870: Manifest des Braunschweiger(soz.⸗dem.) Ausschusses gegen den 1868; Soz.⸗dem. Vereinstag in Nürnberg. 2 r 1 PF Seite 3. Mitteldeutsche Souutags⸗Zeitung. No. 35. Leser und Leserinnen!! Berücksichtigt bei Euren Einkäufen die Inserenten dieses Blattes! JJ T Lassalle-Feier. Sonntag, 30. Aug. 1903 in Fony's Wierkeller: Konzert Gesangsvorträge“ Sinken „Eintracht“ 1 7 1 2. Anfang 3½ Uhr. Eintritt 10 Pfg., Tanz 30 Pfg. Das Gewerkschaftskartell. * N 1 9%%%%%%%%%% Wahlkreis Wetzlar. Sonntag, 30. August, nachmittags /½ 4 Ahr im Lokale des Gastwirts Wörner in Launsbach: Lassalle⸗Feier. Vortrag des Herrn Redakteurs Oskar Quint⸗Frankfurt a. M. über Rekruten aller Waffengattungen erhalten auch dieses Jahr besonders 8 billige Ausstattungen. Wer sich nicht persönlich stellen kann, empfängt unter Nachnahme: 1 schönen Koffer, Unterhose, Jacke, Hemd, Socken, 2 Taschen⸗ stücher, alles für 6.— Mark Sämtliche 7 Bürsten, als: Kleiderbürste Glanzbürste Schmutz⸗ bürste, Haarbürste, Messing⸗, Fett⸗ und Wichsbürste extra für Mark 1.10. bes Keide-Bara Marburg i. H. sesensten erhalten auch in diesem Jahre wieder ganz besond. Ermäßigung beim Einkauf von: Livil-Kleidung Ferdinand Lassalle. „sees ese Wahlkreis Friedberg-Büdingen. Sonntag, den 30. August, Vormittags 10 Uhr: Kreis⸗Konferenz in Friedberg, im Lokale Stadt Rew⸗Hork. Tages⸗Ordnung: „Bericht des Vorstandes und Rückblick auf die Reichstagswahl. . Kassenbericht. A Vorstandswahl. Die Landeskonferenz in Steinbach. Der Parteitag in Dresden und ev. Wahl von Delegierten. „Verschiedenes. Die Orte Vilbel, Rodheim und Büdingen haben zugleich einen Revisor zu wählen und wollen dieselben bereits um 8 Uhr zur Stelle sein. Um zahlreiches Erscheinen ersucht r 9 Der Vorstand J. A.: Heinrich Busold. A Ipeziageschaf D 2 für Taschen- u. Weeker-Uhren, Uhrketten Carl Geismar, Uhrmacher Seltersweg 46. Giessen Seltersweg 46. Edgar Borrmann, Giessen 5 Neustadt 11 2 1 Telefon 298 isen⸗„ Stahl⸗ und Messingwaren, Werkzeuge und Beda i für Schreiner, Zimmerleute, Küfer, 1. Schlosser. Schmiede ze.— Türe, Fenster⸗ und Möbelbeschläge Drahtgeflechte, Flechtrohr ꝛc.— Vogelkäfige, Vogelzüchterutenfilien, Lager in Herden und Oefen, Haus⸗ und Küchengeräten a Wasch⸗ u. Wringmaschinen, Landwirtsch. Maschinen u. Geräten Kehlleisten, Holzornamenten, Bett⸗ u. Tischstollen, Cement Gyps, Chamotte.— Erntestricke, gnt. Garbenbänder, Johns Kamin⸗ zum Beispiel: Buxkin-Anzug. v. 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