zu 0 ne. 30 er. *— 1 1 —— N 72 — n...... ̃—§5r;,6tꝙs— — ̃ 88— 282 en Nr. 48. 2. * — Gießen, den 29. November 1903. 10. Jahrg. ande 1 1, Schioßgusse Mitt eld eutsch E dome ace, 4 Uhr Sonntags- kit = Und. Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(B.-Z.K. 5107) Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Bestellungen Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellund 331½% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. 2 Juserate Die ögespalt. Bei mindestens Die preußischen Landtagswahlen aben mit den am vorigen Freitag vollzogenen bgeordnetenwahlen ihren Abschluß gefunden. Was in den letzten Tagen vorher mit ziemlicher Sicherheit feststand, geschah: die Freisinnigen ließen es lieber geschehen, daß der Junkerpartei noch etliche Mandate zufielen, als daß sie der stärksten Partei in Preußen, der Sozialdemo⸗ kratie, hätten Gerechtigkeit widerfahren lassen und einige Mandate zugebilliat. Damit wären der Linken etwa ein Dutzend Sitze erhalten geblieben, beziehungsweise erobert worden. So ist es der größten, stärksten und best⸗ organisterten Partei Preußens nicht gelungen, auch nur einen einzigen ihrer Angehörigen in das Abgeordnetenhaus des preußischen Landtags zu entsenden. Junker und die Pfaffen besitzen nach wie vor die überwiegende Mehrheit. Im Uebrigen hat es nur geringe Verschiebungen der Parteiverhältnisse gegeben. Die Beteiligung unserer Partei an den Landtagswahlen, um welche innerhalb der Partei jahrelang sehr lebhaft debattiert wurde, hat weder ihr selbst unmittelbare Vorteile ge⸗ bracht, noch das Parteiverhältnis des Landtags irgendwie wesentlich beeinflußt. Trotzdem wird man sich auf keiner Seite des Gefühls ent⸗ 1 0 können, daß diese letzten preußischen andtagswahlen ein wirkliches historisches Er⸗ eignis gewesen sind, und daß die Beteiligung der Arbeiterschaft an ihnen keineswegs ein flüchtiges Experiment gewesen ist, das durch das erste Fehlschlagen abgeschlossen und erledigt erscheint, sondern daß sie vielmehr den Aus⸗ gangspunkt für sehr ernste politische Ereignisse der nächsten Zukunft bildet. Dabei fällt das entscheidende Gewicht keines⸗ wegs der Tatsache zu, daß das Ergebnis dieser Wahlen für die Sozialdemokratie auch im ge⸗ wöhnlichen Sinne des Wortes keineswegs ent⸗ mutigend ist. Wenn wirklich auch für uns eine möglichst ausgedehnte Teilnahme an den Einrichtungen des bürgerlichen Parlamentaris⸗ mus, wenn wirklich auch für uns die Gewinnung von Mandaten der Endzweck aller Anstrengungen wäre, so bliebe uns noch ein guter Trost, denn eine Anzahl Wahlkreise werden uns bei der nächsten Wahl als reife Früchte zufallen. Aber ist denn diese Wahlbewegung überhaupt zu dem Zwecke in Szene gesetzt worden, um nur ja, sei es für welchen Preis immer, ein paar Sitze in der angenehmen Gesellschaft des Dreiklassen⸗Parlaments zu erringen. Wäre dem so, dann hätte unsere Partei wahrhaftig ihre roßen Ueberlieferungen aufgegeben und das Pringtp ihrer revolutionären Kampfmethode gebrochen. Davon kann aber natürlich keine Rede sein. Wir messen den Erfolg unserer Bestrebungen nicht nach der Zahl der Mandate, die wir erobern, sondern nach dem Grade der Erschütterung, den die bestehende Ordnung der Dinge durch sie erfahren hat. Bei den Reichs⸗ tagswahlen laufen beide Erscheinungsformen nahezu parallel; die Größe unseres unmittel⸗ baren Wahlerfolgs gibt uns einen recht zuver⸗ lässigen Maßstab für die fortschreitende Revo⸗ lutlonierung des Geistes. Den gleichen Maß⸗ stab bei den Klassenwahlen anzuwenden, wäre sichtspunkten recht gut verstehen, wenn ein Teil der Genossen— und keineswegs unversöhnliche Gegner der Wahlbeteiligung— den Ausgang der preußischen Wahlen mit einer gewissen reinen Genugtuung betrachten. Die Beteiligung an diesen Wahlen konnte doch— was immer auch nebenher dabei abfallen mochte— im Grunde nichts andres sein als eine Demonstration gegen die Entrechtung der Massen. Ihre Ergebnisse konnten keine tiefere Empörung hervorrufen, den bestehenden Zustand nicht schärfer brand⸗ marken, die Abscheulichkeiten, Unsinnigkeiten, Unmöglichkeiten des geltenden Wahlsystems nicht höher an den Pranger stellen als es geschehen ist. „Heute muß Gewalt vor Recht gehen!“ antwortete der Landrat des Kreises Teltow⸗ Beeskow, als ein Genosse empört über die fortwährenden Gesetzes⸗Verletzungen protestierte. Der Herr Landrat war auch gleich so gütig, den tatsächlichen Zustand der preußischen Ver⸗ fassung durch das Aufgebot einer bewaffneten Macht zu illustrieren. Ja, Gewalt geht vor Recht; aber nur so lange, bis dieses Recht selber zur Gewalt wird. Der preußische Wahlkampf ist zu Ende, der Kampf um die Gewalt in Preußen dauert fort. Er hat eben erst be⸗ gonnen!— . Sozialismus und Religion. Wohl lautet ein altes Sprüchwort;„Lügen haben kurze Beine“ und die Wahrheit wird über alle Lügen siegen. Inzwischen aber sieht man alle Lügen immer wieder von neuen auf⸗ tauchen und umhergehen. Mit Lügen sucht Denkfaulheit und Reaktion, Junkertum und Kapitalismus auch uns, die Sozialdemokratie, zu bekämpfen, weil wir uns ihren Ausbeutungsgelüsten nicht mehr unter⸗ werfen wollen. Was der Sozialismus der Sozialdemokratie bedeutet, das sagt schon das Wort selbst. Was der Sozialismus in der Welt will, das sollte von Rechts wegen jedes Schulkind wissen, ge⸗ schweige jeder Erwachsene. Und doch, wie ganz anders sieht es in der Wirklichkeit mit diesem so hochwichtigen Wissen in bürgerlichen Kreisen aus! Wer inmitten des täglichen Daseinskampfes lebt und webt und wirkt, der bekommt mancher⸗ lei zu hören und zu sehen. So auch hört man Leute, welche die sozialdemokratischen Bestre⸗ bungen nicht kennen oder nicht kennen wollen, gar oft noch reden: die Sozialdemokratie wolle dem Volke die Religion„rauben“, den Bibel⸗ glauben verächtlich machen. Nichts ist unlogischer und dümmer, als diese gegnerische Vehauptung. Wir, die wir die Zustände und Vorgänge der Zeit kritisch beobachten, wir wissen's genau: wäre die Wahrheit, d. h. die Aufklärung auch hinsichtlich des Verhältnisses von Sozialismus und Reltgion durch geeignete Agitation besonders in den finsteren Domänen des Zentrumsturms mehr vorgedrungen— wir hätten, wenn auch zum größeren Verdruß der Volksfeinde, dem neuen Reichstag sicher noch ein ganz anderes, lichtfreundlicheres Aussehen gegeben. Schon der Begriff„Sozialismus“ lehrt jeden, der Belehrung annimmt, daß unsere Parteiarbeit vornehmlich rein sozialpolitischen, volkswirtschaftlichen Aufgaben gewidmet ist und mit nichten für oder gegen eine Religkonsansicht bpöllig verkehrt. Man kann es aus diefen Ge- auftritt. Verbesserung, allmähliche Umwälzung der allgemeinen sozialen und politischen Lage, das allein haben wir Sozialdemokraten stets im Sinn, damit der proletarischen Welt der Arbeiter das Los auf Erden erträglich, angenehm werde, damit all' die mühselig Beladenen, die wirt⸗ schaftlich Schwachen, wes Standes und wes Gewerbes sie auch seien, zwar nicht auf Karossen mit Gummirädern über den Jahrmarkt des Lebens hineilen— denn dies ist närrischer und und schädlicher Luxus. Wohl aber wirken wir unentwegt darauf hin, daß von Grund aus eine neue Gesellschaftsordnung, welche die heutigen schreienden Gegensätze von Ueberfluß und Armut, von Herr und Diener, von Nichts⸗ tuern und Ueberarbeiteten, nicht mehr kennen soll. Denn Raum und Lebensmtttel für alle, able, bietet Murer Erd dar in Hülle und Fülle, Wir wollen, daß die Arbeiterklasse und alle die kleinen Leute in der Stadt und auf dem Lande, um ihr Brot und Kleid in ausreichendem Maße zu verdienen, sich nicht so unmenschlich abrackern und schuften müssen, während die Begüterten Millionen verprassen. Wir wollen, daß auch der arm Geborene für sich und die Seinen eine geräumige und gesunde Wohnstätte habe; daß er nicht in engen dumpfen Löchern verkomme, während der Großkapitalist alle Prachtwohn⸗ ungen, Palästen und Villen für sich allein in Anspruch nimmt. Endlich, indes keineswegs als letztes, fordern wir, daß unsere Kinder in der Schule nicht auch fernerhin an Geist und Gemüt leer ausgehen. Wie meint doch Heinrich Heine im ersten Kapitel seines Wintermärchens „Deutschland“: Wir wollen auf Erden glücklich sein, Und wollen nicht mehr darben; Verschlemmen soll nicht der faule Bauch, Was fleißige Hände erwarben. Es wächst hienieden Brot genug Für alle Menschenkinder.——— Mit einem Wort: Wir wollen Recht schaffen dem Darbenden und Gedrückten. Der Sozialismus beschäftigt sich mit rein menschlichen oder weltlichen Dingen. Und fragt man uns ausdrücklich: wie wir's mit der Reli⸗ gion halten, so antworten wir abermals klar und wahr: Schon unser Erfurter Parteiprogramm stellt die Forderung auf:„Erklärung der Reli⸗ gion zur Privatsache“. Das hat den guten Klang und Wert eines Naturgesetzes. Und wenn wir es nicht sagten, es wäre doch so. Die Religion ist, dank der historischen Entwicklung, auf dem besten Wege, allgemein zur Privatsache zu werden. Wo, in welcher Gegend findet man in unserem Zeitalter einige Millionen Menschen zusammen, welche genau und aufrichtig eines und desselben Glaubens in allen Stücken wären? Nein, wir sagen: das ist weder bei je 1000000, noch bei 100 000, noch bei 10000, kaum bei je 1000 Menschen der Fall. Was dem einen heilig, ist dem andern oft gleichgiltig und in den Augen des dritten vielleicht gar lächerlich. Wie vermöchte die Sozialdemokratie, selbst wenn sie's wollte und nichts anderes zu tun hätte, all die Gegensätze im Glauben wieder zu vereinen? Das liegt in keines Menschen Macht mehr. Wer das Gegenteil behauptet, schwindelt sich und andern etwas vor. Denn das ist wie vorhin gesagt, eine Sache, die der 5 — — —— — ———— — ͤ—p —— — —— ——— 8 — —— — —— —— — 9 5 5 1 14 1 10 175 N 1 Seite 2. — 1 * Mitteldeutsche Sountags⸗ Zeitung. . einzelne mit seinem Gefühl, Gemüt, Herzen abzumachen hat, die den Nachbar nichts angeht. Das heißt eben„Privatsache“. Hat daher einer Gefallen an sein er Kirche, an seiner Religion, an der Bibel, am Koran, an den brahmanischen Veden,— nun wohl, so hüten wir uns, ihm das, was ihm teuer ist, zu schmähen, zu ver⸗ spotten und zu verkleinern. Lassen wir ihn un⸗ gestört glauben und beten, wie er will. Nur darf er dies nicht fanatisch ausartend betreiben, so wenig wie wir antireligiöse Kämpfe mitmachen. Freiheitliebend wie die Sozialdemokratie ist, ist sie unbedingt auch für vollständige Freiheit auch im religiösen Bekenntnis. Das beweist u. a. unsere Stellungnahme zur Jesuitenzu⸗ lassung in Deutschland, wenngleich gerade von ultramontaner Seite die heftigsten Verleumdungen wider uns in die Köpfe der katholischen Be⸗ völkerung gestreut werden. Wir vergessen nie, wie durch unvernünftiges, intolerantes Verhalten wir unsern Nächsten aufs tiefste kränken und verbittern würden. Und statt zum Anhänger unserer Partei machen wir ihn dann unvermeidlich zu unserem hartnäckigen Widersacher. Unser Beruf ist weder Religion zu lehren, noch Religion zu verachten. Mag ein jeder seiner Nation und seiner Väter Religion treu bleiben oder nicht— das ist uns völlig gleich⸗ giltig, wie wir schon oft genug betont haben. Der Sozialismus trägt weit besseres Ver⸗ langen! Was er von seinen zielbewußten An⸗ hängern, was wir von unsern Parteigenossen ohne Rücksicht auf Konfesston, Nationalität, Sprache und Hautfarbe voraussetzen, ist: Kenutnisnahme von unserm Parteiprogramm und furchtloses und beharrliches Eintreten für Durchführung seiner Prinzipien, wo es im staatlichen und kommunalen Leben nur irgend angebracht ist. Wahre Religion— man beachte wohl: nicht das, was sich öffentlich breit macht und in Landeskonferenzen der Päpstlichen und der von ihnen gehaßten und sie bitter wiederhassenden Lutherischen salbadert— nein, wahre Religion kann selbstredend, wie oft nachgewiesen wurde, nicht das mindeste gegen die sozialdemokratische Volksbewegung einwenden; wird doch diese von den unhaltbaren gesellschaftlichen Zuständen vor⸗ wärts getrieben. Die sozialistische Bewegung in unsern Tagen wächst und gedeiht ganz natur⸗ gemäß und bedarf keiner künstlichen Lockmittel. Allein blindwütende Ausbeuter, Finsterlinge und Gedankenschwache sind unermüdlich darin, unter dem Deckmantel der„Religion“, diese zu ihren Verdummungszwecken und lediglich für ihre Interessen zu mißbrauchen. Und so suchen sie tagtäglich dem arbeitenden Volke einzureden, un se re Bestrebungen seien„religions⸗ feindlich“, fanatisch, schädlich(wem?) usw. Dieser fortwuchernden Verlogenheit, diesem ge⸗ heimen und öffentlichen Muckertum werden wir wachsamen Auges mit allen zulässigen Waffen zu begegnen wissen. Wir werden nicht ruhen und nicht rasten, bis das Volk auch über seine geistigen Angelegenheiten selbständig urteilen und entscheiden wird. politische Rundschau. Gießen, den 26. November. Der Reichstag tritt zufolge einer im Reichsanzeiger veröffent- lichten kaiserlichen Verordnung am 3. Dezember zusammen. Zu eigentlichen geschäftlichen Ver⸗ handlungen dürfte es aber kaum in dieser Woche noch kommen; denn es ist anzunehmen, daß nach der voraussichtlich am 4. Dez.(Freitag) erfolgenden Präsidentenwahl bis Dienstag der nächsten Woche Vertagung eintritt. Die Verschwörung der Brotwucherer. Nur ein einziges Ziel hat der Agrarier und der in allen wirtschaftlichen Fragen mit ihm verbrüderte Konservative: Die Füllung des eigenen Geldsackes. Hierzu ist diesen ökonomischen Jesuiten jedes Mittel recht. Mit einer schier unglaublichen Unverschämtheit fordern sie die Verteuerung der Lebensmittel und würden vor einer Volksaushungerung keineswegs zurück⸗ schrecken. Mit einer perfiden Verschmitztheit maskieren sie ihr egoistisches Endziel mit allen möglichen heuchlerischen Scheinmotiven, um ihren selbstsüchtigen Raubgelüsten einen volks⸗ beglückenden Anstrich zu geben. So möchten ste jetzt die Einfuhr fremder landwirtschaftlicher Produkte, die so wie so schon mit drückenden Einfuhrzöllen belegt ist, durch die Einführung von Stromschiffahrts⸗ abgaben noch mehr verteuern, um schließlich den Lebensmittelimport gänzlich lahm zu legen und die Preise für alle Bodenprodukte selbst zu diktieren. Die Herren Großbauer und Junker werden uns dann mit Brot⸗ und Fleischpreisen beglücken, daß uns Hören und Sehen vergeht. Während in allen Handelszentren sich ein Sturm der Entrüstung gegen die geplante Wiedereinführung der Flußzölle erhebt, sieht die Reichsregierung dem agrarischen Treiben wohlgefällig zu. Doch muß sich das Volk mit aller Macht gegen die Volksausbeuter wenden! Wahlgeheimnis in Ostelbien. Wie manchmal trotz Wahlkouvert und Dunkel⸗ kammer die geheime Wahl für den Arbeiter aussieht, zeigt ein Arbeitszeugnis, das dem „Vorwärts“ vorlag und folgendermaßen lautete: Der Arbeit!!! hat bei mir vom 12. Mat 03 bis zum 17. Juni 03 in Arbeit gestanden. Ich bin mit seinen Leistungen sehr zufrieden gewesen, mußte ihn aber entlassen, da er sozialdemokratisch gewählt hat. Behrensdorf, den 17. Juni 03. v. Tresckow. Zwei blaue Stempel verschönen noch dies Zeugnis: 1.:„v. Tresckow⸗ Behrensdorf, Post Glienicke, Kreis Beeskow.“ 2.:„Gemeindevor⸗ stand zu Behrensdorf, Kreis Beeskow⸗Storkow.“ Das famose Zeugnis widerspricht zunächst der Gewerbe⸗Ordnung, dessen§ 113 den In⸗ halt der Zeugnisse auf die Art und Dauer der Beschäftigung einschränkt. Nur wenn die Arbeiter es verlangen, kann das Zeugnis auf Angaben über Führung und Leistungen ausgedehnt werden. Ohne Einverständnis des Arbeiters durfte der Arbeitgeber v. Tresckow den Entlassungsgrund nicht vermerken. Also zunächst ist es ungesetzlich. a Dann liefert das Dokument den Beweis, welchen unglaublichen Wahlterrorismus gewisse„Herren“ gegen„ihre“ Arbeiter ausüben. Wie konnte denn der Edle v. Tresckow wissen, seine Stimme gegeben hat?— Vielleicht war er zugleich Wahlvorsteher? Von der militärischen Gerechtigkeit. Als ein Gegenstück zum Fall Hüssener darf ein Urteil gelten, welches vom Marine⸗ kriegsgericht in Kiel gegen die Matrosen Lampichler und Lemke vom Linienschiff „Kaiser Wilhelu der Große“ gefällt wurde. Die Beiden wurden wegen„Ueberfalls“ auf den Ober maat Rouge unter Annahme militä⸗ rischen Aufruhrs zu 6 Jahren 1 Monat Zuchthaus, 5 Jahren Ehrverlust und Aus⸗ stoßung aus der Marine verurteilt. Den Anlaß zu dem„Aufruhr“ hatte der Hbermaat selbst gegeben, der die Matrosen wegen Nichtgrüßens zur Rede stellte. Der Kanonier Orzichowski wurde vom Danziger Kriegsgericht zu 3 Jahren Ge⸗ fängnis und Versetzung in die zweite Klasse des Soldatenstandes verurteilt, weil er im Manöver über Zapfenstreich ausgeblieben war und als er vom Leutnant Heitz erwischt wurde, diesen anredete:„Herr Leutnant, Sie wissen doch, daß Sie nicht mißhandeln dürfen!“ Der Leutnant sagte darauf:„Du bist ja ein ganz frecher Hund.“ O. erwiderte:„Wenn der Herr Leutnant mich du nennen, dann werde ich dasselbe tun.“ Als schließlich O. verhaftet werden sollte, bedrohte er den Wachtmeister.— Der Kanonier wird wohl gewußt haben, warum er den Leutnant an das Mißhandlungsverbot erinnerte. Und dafür 3 Jahre Gefängnis! wem der Arbeiter in der geheimen Wahl Eine andere, am 20. November in Halle erfolgte Verurteilung eines ehemaligen Füstliers beweist, wie wenig Rücksicht der Militarismus kennt, wenn sich ein armer Teufel gegen die Gesetze vergangen hat. Der Angeklagte, Schrift- setzer Müller, ist jetzt 38 Jahre alt und hatte im Jahre 1888, wo er als Füsilier bei dem Infant.⸗Regt. Nr. 36 stand, seinem Truppenteil den Rücken gekehrt. Er ging nach Holland, verheiratete sich dort ohne Konsens der Militär⸗ behörde— glücklicherweise ist das Verbrechen der unerlaubten Verehelichung verjährt— und glaubte auch die Fahnenflucht sei nun nach 15 Jahren verjährt. Nach dem früheren Wehr⸗ gesetz wäre das auch der Fall gewesen; neuer⸗ dings verjährt die Fahnenflucht aber erst mit dem vollendeten 39. Lebensjahre. Er kam nun Anfang Novembe— einige Monate vor Ablauf der Verjährungsfrist— nach Deutsch⸗ land, um, wie er bei der Verhandlung unter Tränen beteuerte, seinen Kindern eine gute deutsche Erziehung zu geben. Das Mili⸗ tärgericht nahm den Angeklagten aber sofort in Haft und machte ihm den Prozeß. Obwohl darauf hingewiesen wurde, daß seine Frau mit den Kindern in den unglücklichsten Verhältnissen lebten, erhielt er 1 Jahr 1 Monat Gefäng⸗ nis mit der Begründung, das militärische Interesse müsse berücksichtigt werden!!—— Aus der Ferienkolonie. Eine scheußliche Soldatenmiß hand⸗ lung wird aus Bayreuth gemeldet. Der Unteroffizier Bechtold der 5. Eskadron des 6. Chevaulegerregiments befahl einem Gemeinen, einen Rekruten auszuhauen. Derselbe vollführte den Auftrag, aber in ganz bestialischer Weise. Er nahm einen Stallbesen und schlug dem Rekruten das Genick ab. Der Schwer⸗ verletzte mußte sofort ins Lazarett transportiert werden. An seinem Aufkommen wird gezweifelt. Der Unterofftzier, sowie der beauftragte Soldat sind verhaftet. Welche Strafe wird dern rohe Patron bekommen? Ob das Gericht nicht zarte Rücksicht anf seine„gute Führung“ und sein„Fortkommen“ nehmen wird? Sozialdemokratische Wahlerfolge. Bei den Gemeindewahlen in Ilmenau in Thüringen gewann unsere Partei vier neue Mandate und hat damit acht von den 18 Sitzen im Gemeindekollegium inne. Auch in Elter⸗ winden in Tlöüringen wurden vier Parteigenossen gewählt. In Debschwitz bei Gera eroberten die Genossen sechs von acht zur Wahl stehenden Mandaten. Ferner wurde in Oelsnitz i. V. in der Klasse der Ansässigen der dritte Partei⸗ genosse in das Stadtverordneten⸗Kollegium ge⸗ wählt. In dem Vororte Pforten bei Gera wurden sieben Parteigenossen in den Gemeinderat gewählt und je einer in den thüringischen Orten Langenwiesen und Blankenhain. 1 Die Stadtverordnetenwahlen in Charlot⸗ tenburg brachten unserer Partei einen glän⸗ zenden Sieg. In sechs Bezirken wurden die sozialdemokratischen Kandidaten mit bedeutenden Mehrheiten gewählt, im stebenten Bezirke hat Stichwahl zwischen unserem Genossen und dem Liberalen stattzufinden; letzterer erhielt nur eine Stimme mehr als der Sozialdemokrat! In Dresden verdoppelten sich zwar die sozialdemokratischen Stimmen bet der Stadt⸗ verordnetenwahl, aber trotzdem brachten unsere Genossen keinen Kandidaten durch. 5 Auch in Hanau unterlagen unsere Genossen. Die Gegner brachten es in der 3. Abteilung auf 1615 Stimmen, während die sozialdemo⸗ kratische Liste mit 1550 Stimmen in der Minder⸗ heit blieb. Trotzdem haben wir auch hier einen respektablen Stimmenzuwachs zu verzeichnen. In Görlitz wurden die drei Sozialdemo⸗ kraten in der 3. Abteilung enen und in n kamen unsere Genossen in Stich?“ wahl. ö Majestätsbeleidigendes Orbuungsblatt. Vor einigen Tagen wurde die„Rheinisch⸗ Westfäl.⸗Zeitung“, ein Scharfmacherblatt und Organ der Grubenbarone, wegen Majestäts⸗ beleidigung beschlagnahmt. Das Vergehen r. rr dd — A K ß AA 8 S S Ser rer — 1 Nr. 48. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 3. sollte in der Wiedergabe einer Aeußerung des berstorbenen Professor Mommsen liegen. Das edle Patrioten⸗Organ war darüber entsetzt und erhob ein Gnadengewinsel. Man hatte infolgedessen ein Einsehen und hob die Beschlag⸗ nahme auf. Verschiedene Staatsanwalts ⸗Ansichten. Bei den letzten Reichstagswahlen war der bekannte Freisinnige Dr. Barth in einem konservativen Flugblatt— also in größtmög⸗ lliüchster Oeffentlichkeit— schändlich verleumdet worden. Er ersuchte um Strafverfolgung, wurde aber auf den Weg der Privatklage verwiesen. Und dabei blieb es trotz aller Be⸗ schwerden bis zum Justizminister hinauf. In⸗ wischen wurde festgestellt, daß an der Ner⸗ nn langs verleumderischen Flugblattes auch Beamte des Kösliner Landratsamtes Behörden, die den hessischen Kreisämtern gleich⸗ 9 sehe beteiligt waren. Dr. Barth hat jetzt bon neuem den Beschwerdeweg eingeschlagen. Uns Hessen müßte diese Zurückhaltung eines preußischen Staatsanwalts um so auffälliger eerscheinen— in Wirklichkeit wundern wir uns natürlich nicht darüber—, als die Darmstädter Staatsanwallschaft so weit gegangen ist, gegen eeinen Arbeiter öffentliche Anklage zu erheben, weil er gelegentlich eines Wirtshausdisputs in Sprendlingen über den Reichstagsabgeordneten Dr. Becker, den Bruder eines Ministerialbeamten in Darmstadt, geschimpft haben soll. Wenn wir recht unterrichtet sind, meint unser Offen⸗ bacher Parteiblatt, soll der Abg. Becker geäußert haben, es liege ihm gar nichts an der Bestrafung des betr. Arbeiters. Um so auffälliger muß das Vorgehen der Staatsanwaltschaft erscheinen, die wegen einer Wirtshauskrakehlerei auf die Denunziation eines Polizisten oder Gendarmen hin einen Arbeiter, der in der Erregung schimpfte, den Prozeß machen will. Wir hoffen, daß sich im hessischen Landtag Gelegenheit bieten wird, dieses auffällige Verhalten der Staatsanwalt⸗ schaft zur Sprache zu bringen. In die oberen Regionen Oldenburgs leuchtete ein Prozeß ein wenig hinein, der dieser Tage gegen den Redakteur des„Residenzboten“, Biermann und dessen Gewährsmann, Ober⸗ lehrer Dr. Ries, wegen Beleidigung des inisters Ruhstrat durchgeführt wurde. Die Angeklagten wurden zwar verurteilt, der erstere zu 10, Dr. Ries zu 6 Monaten Gefängnis; von den gegen den Minister erhobenen Vor⸗ würfen wurde aber soviel erwiesen, daß er jedenfalls wird abdanken müssen. Der Herr Minister hatte u. a. verbotenen Spielen gefrönt. 1 Die französische Deputiertenkamme r verhandelte dieser Tage über das Budget des Aeußeren, wobei die Sozialisten Jaures, Pres⸗ senss und der Radikale Hubbard für die Ab⸗ bvüstung eintraten. Vorläufig noch ohne Er⸗ folg; doch erhielten ihre dahingehenden Anträge eine erhebliche Stimmenzahl. Soztalismus in Japan. IJIn dem fernen Inselreiche, das sich für die europäische Kultur so empfänglich gezeigt hat, gewinnt die Sozialdemokratie fortgesetzt an Boden. In der Hauptstadt Japans, Tokio, erscheint ein sozialdemokratisches Blatt:„Der Sozialist⸗ betitelt. Wie die internationale orrespondenz berichtet, enthält die neueste nach 1 1 9 1 Europa gelangte Nummer des japanischen Parteiblattes den Bericht über eine in Tokio m 8. Oktober stattgefundene Versammlung der bdaortigen Sozialdemokraten, die sich mit der pamals aktuellen Frage des Kriegs gegen Ruß⸗ land beschäftigte. Zu der Versammlung waren duch viel Bürgerliche erschienen, die ihren jingoistischen Standpunkt zu vertreten suchten. Schließlich wurde eine Resolution angenommen, die sich offen gegen den Krieg mit Rußland usspricht. Mit Recht bemerkt das japanische Parteiblatt hierzu, es sei ein großer Erfolg für te Partei und ein bedeutsames Zeichen, daß die Sozialisten„inmitten eines extremen Kriegs⸗ fleebers“ den Mut zum Proteste gefunden haben. — Also auch gf der andern Erdhälfte sind die Sozialdemokraten so„vaterlandslos“ wie die Deutschen. Soziales, Gewerkschastliches, Arbeiterbewegung. — Der Beruf des Getstlichen scheint sehr gesund zu sein. In der Allgemeinen Evangelisch⸗Lutherischen Kirchenzeitung veröffent⸗ licht Stabsarzt Dr. Radestock eine perhsalt⸗ Untersuchung über die Gesundheitsverhält⸗ nisse und Sterblichkeit der evangelisch⸗ lutherischen Geistlichen im Königreich Sach⸗ sen. Die durchschnittliche Lebensdauer dieser Geistlichen betrug danach 70 Jahre; es erlebten nämlich 51,36 Prozent das 70. Lebens⸗ jahr, 32,81 Prozent das 75. und 17,85 Prozent das 80. Lebensjahr. Der geistliche Stand besitzt somit, wie Radestock hervorhebt, vor allen andern Ständen, die größte Anwartschaft darauf, das Altersziel zu erreichen, welches der Psalmist dem Menschenleben setzt. Was die Todes⸗ ursachen anbelangt, so starben 17,3 Prozent der Geistlichen an Altersschwäche. Die Sterb⸗ lichkeit an akuten Infekttonskrankheiten ist be⸗ deutend geringer, als die der erwachsenen männ⸗ li hen Bevölkerung Sachsens. Auffallend niedrig ist die Sterblichkeit an Tuberkulose. Krebs⸗ erkrankungen ꝛc. sind nicht häufiger als in andern gelehrten Berufen. Die günstige soziale Lage des Geistlichenstands geht daraus hervor, daß Ende 1900 nach Radestock vorhanden waren: 314 geistliche Stellen mit einem Einkommen von 2400 bis 3000 Mk., 414 mit 3000 bis 4000 Mk., 329 mit 4000 bis 5000 Mk., 137 mit 5000 bis 6000 Mk., 67 mit 6000 bis 7000 Mk., 31 mit 7000 bis 8000 Mk., 15 mit 8000 bis 9000 Mk., 18 mit 9000 Mk. und darüber(Wohnungsgeld nicht mit inbegriffen). Dabei hat der vorige Landtag Gehalts⸗ erhöhungen für die Geistlichen beschlossen, um ihrem„Notstande“ abzuhelfen. Die obigen Angaben zeigen, daß die Not der Geistlichen nicht so schlimm ist. Bei der Gewerbegerichtswahl in Höchst a. M. wurden die von den Gewerk⸗ schaften aufgestellten Kandidaten gewählt. Eine Gegenliste war nicht aufgestellt. Pon Nah und Lern. hessisches. — Das direkte Landtagswahlrecht und die Nationalliberalen in Hessen. In der Frage der Reform des Landtags⸗ wahlrechts haben bisher sämtliche bürger⸗ lichen Parteien eine höchst zweideutige Rolle gespielt. Während sie in der Oeffentlichleit, in ihrer Presse und den Wählerversammlungen sich als Anhänger des direkten Wahlrechts geben, suchen ihre Vertreter im Landtage durch alle möglichen Winkelzüge die Wahlreform auf die lange Bank zu schieben und zu vereiteln. Hier⸗ von machen höchstens die paar Freistnnigen eine Ausnahme; aber die Haltung der Zent⸗ rumsleute wie der Antisemiten ist mehr als verdächtig. Besonders liegt aber den National⸗ liberalen das direkte Wahlrecht im Magen, einige der Ihren haben sich sogar direkt d a⸗ gegen ausgesprochen. Das geschah auch in der Landesversammlung der hessischen Nationalliberalen, die am Sonntag in Frankfurt hinter verschlossenen Türen tagte. Die Verhandlungen daselbst drehten sich nach Berichten der natl. Blätter fast nur um die Wahlreform und es zeigte sich dabei so recht, wie fest die Partei Drehscheibe am indirekten Wahlrecht klebt. Der Lederkönig Heyl in Worms, Osann aus Darmstadt, Böhm aus Offenbach, Gräf von Monsheim sprachen sich gegen das direkte Wahlrecht aus, oder verlangten „Kautelen“ und„Aequivalente“. Das heißt, man will nur dann für das direkte Wahlrecht stimmen, wenn zugleich noch Verschlech te⸗ rungen eingeführt werden. Zwar nahmen andere Redner, darunter Amtsrichter Fuhr in Ortenberg, eine reformfreundlichere Haltung ein, aber schließlich nahm die Landesversamm⸗ lung eine nichtssagende Resolution an, in der erklärt wird: „Wir sind bereit zu einer Verbesserung des Wahlgesetzes, welche das Staatsinteresse und die berechtigten Interessen der Wähler in liberaler Weise wahrnimmt.“ Interessant war noch die eine Bemerkung Heyls, der mitteilte, daß der zweite Aus⸗ schuß der Kammer sich wegen der Vorlage in solchen Differenzen befinde, daß keine Aus sicht bestehe, in diesem Landtag das Gesetz überhaupt zu erledigen. Die Landesversammlung der hessischen Na⸗ tionalliberalen war für das werktätige Volk sehr lehrreich, so sagt mit Recht unser Offen⸗ bacher Parteiblatt. Und Agttationsstoff ist reichlich für uns abgefallen. Die politischen Verhältnisse in Hessen werden den sächsischen immer ähnlicher. Die bürgerlichen Parteien schlteßen sich mehr und mehr zusammen. Die vorjährigen Landtags und die diesjährigen Reichstagswahlen haben das deutlich genug gezeigt. Die ehemaligen Parteiprinzipien unserer Gegner in den verschiedensten Lagern verflüchtigen sich immer mehr. Nur einen Grundsatz haben sie alle aufgestellt: Gegen die Sozial⸗ demokratie; gegen die Stürmerin und Drängerin nach vorwärts! Unter dieser Parole finden sie sich zusammen und im Zeichen des Kuddelmuddels und Kuhhandels hoffen sie zu siegen. Eine kurzsichtige Politik. Sachsen hat es gelehrt. U Wohl bringt uns eine solche Parteigruppie⸗ rung zunächst schwierigere Kämpfe, als sie früher die Sozialdemokratie in Hessen zu bestehen hatte. Wir haben eine Partei gegen alle anderen zu stehen. Aber wie lange wird es dauern und diese eine Partei ist stärker als alle anderen zusammen! — Errichtung einer Arbeiterkammer hatten unsere Genossen in den beiden vorher⸗ gehenden Landtagen beantragt und diesen Antrag auch jetzt wiederholt. Ueber denselben, der wörtlich lautet: „Großherzogliche Regierung zu ersuchen, den Ständen eine Vorlage zu machen, durch welche eine direkte Vertretung der Arbeiter⸗ schaft des Landes im Großherzoglichen Mi⸗ nisterium nach dem Vorbilde der Landwirt- schaft und der Gewerbe herbeigeführt wird“, liegt jetzt der Bericht des Ausschusses vor. Der Berichterstatter, Abg. Dr. Frenahy, reka⸗ pituliert zunächst das Schicksal des Antrags in den früheren Landtagen und teilte ein Schreiben der Regierung an den Ausschuß mit, worin diese erklärt, von ihrer ablehnenden Haltung auch diesmal nicht abgehen zu wollen. Der Ausschuß beantragt, die Regierung zu ersuchen, im Bundesrat dahin zu wirken, daß die Frage der Arbeiterkammern bald möglichst reichsgesetzlich geregelt werde.— Bis dahin wird allerdings noch eine lange Zeit vergehen! Da wird es die Aufgabe unserer Genossen im Landtage sein, nach Kräften dafür einzutreten, daß diese Einrichtung wenigstens in Hessen ge— schaffen wird. Gießener Angelegenheiten. — Städtisches. Man schreibt uns: In nächster Zeit werden der Stadtverordneten⸗ Versammlung höchstwahrscheinlich Anträge auf Vermehrung der Kriminalpolizei zu⸗ gehen. Es soll ein neuer Wacht meister⸗ posten eingerichtet werden, wozu der dermalige Kriminalschutzmann ausersehen ist— Gehaltser⸗ höhung 400 Mk., ebenso 400 Mk. Funktions⸗ zulage für einen neuen Schutzmann. Das sind 800 Mk. neue Ausgaben, nicht im Interesse der Stadt, sondern im Interesse, wie uns mitgeteilt wird, und auf Wunsch der Staats- anwaltschaft Gießen.— Wir bringen dies jetzt schon zur Sprache, damit nicht eines Tages die Stadtverordneten, die(außer den paar „Machern“) überhaupt derartige Projekte 15 Minuten vor der Entscheidung erst gewahr werden, orientiert sind und der Staatsbehörde die Beschaffung der nötigen Beamten überlassen kann. Die fortwährende Vermehrung der städti⸗ schen Beamten muß doch endlich ein Mal in einem langsameren Tempo geschehen. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. wäre es nur billig, wenn der aft die Kleidung gestellt w Straßenmeister, der höher besoldet ein Gummimantel be⸗ de, ist es unmöglich, die gleiche uch den übrigen im Freien agen.— Es muß auch zeichnet werden, daß für tner Balzer beschäftigten für Aufbewah⸗ w.) vorhanden edem Privatunternehmer von„Baubuden“ zwingt, scheint cht für nötig zu halten, dasselbe alten Schloß“ Schutzmannsch Nachdem dem Schutzleute, willigt wur Vergünstigung a Beamten zu vers als ein Mißstand be die beim Stadtgär Arbeiter kein Unterkunftsraum rung der Kleider, rend man j beim Essen us zum Herrichten die Stadt es ni Vielleicht ist im„ rei? Dann wären doch die 100000 Mark für etwas Nützliches ausgegeben. — Aus der Stadtverordneten⸗ Versammlung. In der letzten Sitzung lag ein Gesuch des Stadtverordneten Hanau vor, in welchem derselbe wegen Krankheit um einen Zeit erkrankt ist, gehört ten, welche auch bei gen der Arbeiterschaft helfend und mit unseren Parteifreunden arbeiten. daß er bald völlig genesen möge, damit er seine Tätigkeit wieder auf⸗ nehmen kann. ein Raum f vierteljährigen Urlaub welcher schon seit einiger zu denjenigen Stadtverordne Wir wünschen, iegenzuchtverein werden Mk. 200(anstatt jetzt Mk. 125) Eine Anzahl Stadtverordneter wollte über diesen Betrag hinausgehen, waren aber in der Minderheit. — Gemeindevertreter⸗Pflicht und Geschäftsinteresse. Diese beiden geraten oft mit einander in Konflikt. chiedenen Städten hat man daher fest⸗ daß städtische Arbeiten an Gemeinde cht vergeben werden sollen, damit sie ihr Mandat nicht im persönlichen Interesse Aehnliches befürchteten 5 Gießener Firmen der Eisenbrauche von dem Stadtverordneten Haubach. In einer Be⸗ an die Stadtverordunetenver⸗ diesen aus der Bau⸗ da er ihnen durch fortan jährlich vertreter ni ausnutzen können. sammlung baten sie, deputation zu entfernen, seinen Ofenhandel eine empfindliche Kon⸗ Manche Leute kauften Oefen bei Herrn Haubach, weil sie glaubten, dadurch würde ihnen derselbe bei Beschlüssen der Bau⸗ deputation freundlicher gesinnt sein. Die vom Oberbürgermeister vernommenen Empfänger der Oefen bestätigten Gründen, die mit Haubach's Stadtverordneten⸗ tätigkeit nicht das geringste zu tun hätten, in Geschäftsverbindung mit ihm getreten seien.— Nach dieser Beweisaufnahme nahmen die Herren ihre Eingabe zurück und erklärten schriftlich, ihre Vorwürfe nicht aufrecht erhalten zu kurrenz mache. jedoch alle, daß sie aus — Gegen die Konsumveretne zieht der„Gieß. Anzeiger“ in letzter Zeit mit be⸗ sonderem Eifer zu Felde. veröffentlicht er ein„Eingesandt“ über das andere, die von einzelnen Detaillisten und vom Detaillisten⸗Vereine ausgehen, worin über die angebliche Schädigung der Geschäftswelt durch Konsumvereine geklagt wird. Er findet es un⸗ gerecht, wenn Geschäftsleute Mi ter Vereine beim Einkauf Mit Wohlgefallen liedern bestimm⸗ orteile, Rabatt Ausführungen richtete das mtsblatt vorwiegend gegen die Beamten⸗ Konsumvereine, doch kann man sie ebensogut als gegen die Arbeiter⸗Konsumvereine ge⸗ richtet betrachten. Wie unsere Partei zu den Konsum⸗ i Die sozialdemo⸗ kratische Partei als solche steht der Genossen⸗ schaftsbewegung neutral gegenüber; wenn die Gegner vielfach von„sozialdemo⸗ kratischen“ Konsumvereinen reden, so sprechen sie damit bewußt oder unbewußt eine Un⸗ wahrheit aus, sozialdemokratische Konsum⸗ vereine existieren in Deutschland nicht. mehr gehören dem Konsumvereine Leute aller Parteirichtungen als Mitglieder an, ja, es ibt eine Menge derartiger Vereine, deren mtliche Mitglieder Gegner der Sozialdemo⸗ je find. In früheren Jahren bestand sogar vereinen steht, ist bekannt. innerhalb unserer Partei eine starke Abneigung, vielfach sogar Gegnerschaft gegen die Genossen⸗ schaftsbewegung. Das ist aber in letzter Zeit anders geworden, weil man zu der Ansicht ge⸗ langt ist, daß die Konsumvereine für die Ar⸗ beiter äußerst segen s reich wirken können und tatsächlich wirken. 8 Und aus diesem Grunde müssen wir uns gegen die Amtsblatt⸗Scharfmacherei wenden. Will der Arbeiter seine Lage, seine Lebens⸗ haltung verbessern, wogegen das Amtsblatt hoffentlich nichts einzuwenden hat, so muß er sich mit seinen Arbeitsgenossen zusammenschließen, um sich gegen die Ausbeutung des Unternehmer⸗ tums zu schützen, sich gegen Herabdrückung der Löhne wehren, diese vielmehr zu steigern suchen. Oft genug muß aber der Arbeiter zu seinem Leidwesen bemerken, daß die so sauer errungenen Lohnerhöhungen durch die fortwährende Steigerung der Warenpreise gleichsam aufgesogen werden, daß also das, was auf der einen Seite gewonnen, auf der andern Seite wieder verloren geht. Daraus ergibt sich ganz von selbst die unabweisbare Notwendigkeit für die Arbeiter, sich nicht nur als Produzenten in Gewerkschaften, sondern auch als Konsu⸗ menten in Genossenschaften zu organisieren. Gegen die heutige Zoll⸗ richtiger: Lebensmittel⸗ Verteuerungspolitik, die auch der„Gieß. Anz.“ unterstützt, muß der Arbeiter in geeigneter Weise Front machen. Auch der heutige Zwischen⸗ handel bedeutet eine ungeheure Kräftever⸗ geudung und muß deshalb die Lebensmittel ganz bedeutend verteuern. Die zahllosen überflüssigen Arbeitskräfte, die darin brach liegen, die Ladenmieten, Reklamen und sonstigen Spesen müssen von den Käufern bezahlt werden und werden auf die Preise aufgeschlagen. Eine ver⸗ nünftige Regelung der Wareuverteilung muß im Interesse der Gesamtheit angestrebt werden! Doch davon ein andermal. 15 Wir bestreiten aber, daß die Konsum⸗Ge⸗ nossenschaften die klei nen Geschäftsleute schädi⸗ gen. Eher ist das Gegenteil der Fall; nur muß man bei Beurteilung dieser Frage die Gesamtheit, nicht einzelne. Interessen⸗ gruppen ins Auge fassen. Beispielsweise hat der Konsumverein Plagwitz⸗Leipzig dieser Tage über 1 Million Mk. Geschäftsgewinn an seine Mitglieder verteilt. Diese hohe Summe behalten die Mitglieder nicht für sich, sie setzen damit vielmehr wieder andere Geschäfts⸗ leute in Nahrung und das Weihnachtsgeschäft in Leipzig erfährt dadurch eine bedeutende Be⸗ lebung. Wo die Konsumvereinsbewegung in Blüte steht, wissen auch die Geschäftsleute sehr wohl ihren Wert zu schätzen. Besonders sollten das aber die Arbeiter, sie handeln nur in ihrem Interesse, wenn sie sich dem Konsumverein an⸗ schließen.— Kämpfen die Arbeiter um ein paar Pfennige mehr Lohn, so schimpft die Amtsblattpresse über Begehrlichkeit und schreit nach Polizei; dabei sollen sie aber für ihre notwendigsten Bedürfnisse die höchsten Preise zahlen! — eber Bodenreform und Ethik hielt am Dienstag Abend in der hiesigen Orts⸗ gruppe der Bodenreformer Herr Prof. Sta u⸗ dinger ⸗Darmstadt einen hochinteressanten Vortrag, an den sich eine längere Diskussion schloß. Wir kommen in der nächsten Nummer eingehend darauf zurück. — Vortrag. Am Montag, den 7. Dez., wird Schriftsteller Thiel⸗Kassel im Saale des Cafe Leib einen Vortrag über„Die Ent⸗ stehung der Erde“ halten. Der Vortrag wird durch Vorführung zahlreicher Lichtbilder unterstützt werden. — Gerichtliches. In dem Prozeß wegen der Ladendiebstähle bei Nowack verhängte die Strafkammer am Freitag folgende Strafen: Frau Trütschler 10 Monate, Frl. Sperber 6 Monate, Frau Vogel 4 Monate Gefängnis. — 15 Letztere war ein Jahr Zuchthaus bean⸗ ragt. — Der Betrugsprozeß gegen den Immobilienmakler Jakob in Gießen hat mit Verurteilung desselben zu 4 Monaten Gefängnis geendet. In der Urteilsbegründung wird aus⸗ gesprochen, daß sich der Angeklagte beiden Teilen gegenüber, dem Käufer und Verkäufer des in Frage kommenden Grundstücks, als Vertrauens⸗ mann aufgespielt und auch von beiden Seiten sion genommen habe. erhebliche Provi den Tatbestand des unzulässig und schließe Betrugs in sich.— Bemerkenswert ist noch, daß dem Angeklagten ein Verdienst von siebzig⸗ tausend Mark in einem Jahre nachgerechnet wurde! Es schweben noch weitere Anklagen gegen Jakob. — Auf das Stiftungsfest der„Ein⸗ tracht“ in Lonys Bierkeller machen mir nochmals aufmerksam.(Siehe Inserat.) Aus dem Rreise gießen. Ueber Lohndrückereien in der Main⸗Weserhütte in Lollar gehen uns leb⸗ b Besonders bei den Herdformern sind in der letzten Zeit ganz bedeutende Herabsetzungen der Akkordlöhne erfolgt und zwar ohne daß dieselben vorher 0 In einzelnen Fällen setzt man Akkordpreise herab, die schon seit 15— 20 Jahren in dieser Höhe bezahlt wurden. 80 Mark bezahlt wurden, sollen jetzt für 7 Mark, andere für 4 Mark statt 4 Mark 80 Pfennig gemacht werden. Vackofentüren wurden pro 100 Kilo früher mit 6 Mk. 30 Pfennig bezahlt, jetzt gibt es 5 Mark; Balkonge⸗ länder früher 4 Mark, jetzt 3 Mark 50 Pfenuig. ließe sich noch eine ganze Reihe von Artikeln anführen, für die die Akkordpreise erheblich herabgesetzt wurden. (Dabei reden gewisse Blätter von der„Hebung“ der Lage der Arbeiter!) Wer von den Formern gegen die Abzüge protestiert, fliegt hinaus. Kürzlich entließ die Firma drei tüchtige Former, die erklärten, bei diesen Löhnen nicht bestehen zu können. Formermeister Wolf in den Dillkreis und das Hinter⸗ land und besorgt willigere und billigere Kräfte, denen alle möglichen Versprechungen gemacht werden. Es ergeht an alle Former die dringende Mahnung, auf der Main⸗Weserhütte jetzt keine Arbeit zu nehmen, damit nicht durch vermehrtes Angebot die Verhältnisse noch schlechtere werden.— In der Hütte herrschen auch sonst noch zahlreiche Mißstände, auf die wir demnächst hin⸗ weisen werden. Aus dem Rreise Wetzlar. Nachträgliches zur Landtags⸗ . Das amtliche Resultat der am Freitag vollzogenen Abgeordneten wahl ist — Lollar. er E 8 hafte Klagen zu. angekündigt wurden. Die Herde, die bisher mit Stackmann(konservativ), 101 Stimmen, Roth(nationalliberal). 8 Bebel(Sozialdemokrat), Mithin ist der konservative Kandidat mit einem absoluten Mehr von ganzen 5 Stimmen gewählt. Parteigenossen waren damit der enthoben, das kleinere Uebel her⸗ falls es ihnen etwa gefallen hätte, dasselbe zu ent⸗ Unsere vier Verlegenheit auszusuchen, in der engeren Wahl sich für scheiden. Die Nationalliberalen hatten bis zum letzten Augenblick gehofft, doch die Mehrheit der ner für ihren Kandidaten zu erlangen offnung hatte insofern ihre Berech⸗ n den Landorten etwa 20 Volks⸗ u Wahlmännern gewählt waren, Schulfrage entscheidend für den Nationalliberalen in die Wagschale fiel. Es wird uns versichert, daß etwa die Hälfte r— und zum Teil nicht ganz un⸗ das konservative Lager abge⸗ Gegen die Wahl ist von Seiten der Nationalliberalen Protest erhoben, fall auf Vorgänge bei der Urwahl lbezirke Erda(3 konservative Wahl⸗ und im Allgemeinen mit der det wird, daß der Kreisschul⸗ Pfarrer Geibel ⸗Dutenhofen, idaten der Konservativen im Kreise e“ bei den Wahlmännern gemacht iese Besuche nicht ohne Einfluß besonders auf die Lehrer, o kann immerhin mit der daß die Wahl in rken kassiert wird. sultat erzielt wird, bleibt die uns nicht allzuviel zog sich nicht ohne die von der Zerfahrenheit im lichen Lager Zeugnis ablegen. D 1 alliberalen Vereins schon sitz niederlegte und als und diese H schullehrer z deren Stellung zur dieser Lehre beeinflußt— in schwenkt seien. männer) stützt, Tatsache begrün inspektor, H mit dem Kand „Privatbesuch auf die Wahlmänner, gewesen sein mögen, s t gerechnet werden, mehreren Urwahlbezi damit ein anderes Re freilich eine Frage, Kopfschmerzen bereiten soll ewegung vo — Die Wahlb heitere Episoden, Vorsitzende des nation vor Wochen den Vor r CCC e * 5——ʃ᷑ B——ꝙc—ꝙ—ꝙ—¶ð²è³. — Nr. 48. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. gekränkte Leberwurst zur Junkerpartei hinüber⸗ wechselte, haben wir schon berichtet. In letzter Stunde brachten die National⸗ liberalen die Nachricht aus dem Kreise Alten⸗ kirchen, daß der konservative Pfarrer Heckenroth, der Reichstagskandidat in unserm Wahlkreis, sich mit dem Zentrum kartelliert habe, um die Nationalliberalen, darunter Reichstagsabge⸗ ordneten Krämer, zu verdrängen. Darauf re⸗ plizierten die Konservativen, daß dem Zentrum von den Nationalliberalen dasselbe Kartell gegen die Kandidatur Heckenroth angeboten worden sei, aber dort keine Gegenliebe gefunden habe! Man braucht sich also gegenseitig nichts vorzu⸗ werfen. Die Antisemiten erlebten bei dieser Wahl einen„Erfolg“ von der Art, wie sie zahlreiche bei der Reichstagswahl zu verzeichnen hatten. Der Reuthersmann aus Offenbach hatte etwa 4 Wochen lang seine Wähler bearbeitet, er ist täglich von Dorf zu Dorf, von Mann zu Mann gewandert in unentwegter Arbeit auf Wahl⸗ männersuche. Der Erfolg konnte daher nicht ausbleiben. Am Wahltage konnte man in der antisemitischen Hochburz Schwalbach zwei ganze antisemitische Wahlmänner zählen. Und diese zwei Wahlmänner stimmten bei der Ab⸗ geordnetenwahl unentwegt schon im ersten Wahlgang für den Kandidaten der National⸗ liberalen, der zugleich der Kandidat der viel⸗ geschmähten„Juden“ und„Judenliberalen“ war. Der Antisemitismus steht eben im Zeichen des unaufhaltsamen Niederganges. Was uns betrifft, so haben wir bei dieser Wahl ohne Agitation viel gesehen und viel gelernt. Bei dem elendesten aller Wahlsysteme konnten wir nur einen kleinen moralischen Erfolg verzeichnen. Viel hätte trotzdem nicht gefehlt und unser kleines wackeres Fähnlein wäre aus⸗ schlaggebend geworden in einem zweiten Wahl⸗ gange. In diesem Falle wären die Unsern eben so entschieden gegen den konservativen Kandi⸗ aten marschiert, wie sie im ersten Wahlgange ür Bebel votiert haben. Einen eigenen Wahl⸗ erfolg werden wir niemals bei diesem Wahl⸗ system zu verzeichnen haben. Aber die aus⸗ schlaggebende Stellung, in die wir gelangen können und wollen, wird uns als bestes Er⸗ ziehungsmittel des rückratlosen Liberalismus dienen. Die Denkzettel, die unsere Parteigenossen in Breslau, in Teltow⸗Breskow und in Biele⸗ feld den Liberalen aller Schattierungen beige⸗ bracht haben, werden hoffentlich auf diese ihre Wirkung nicht verfehlen. (Anmerkung der Redaktion.) Mit den letzten Sätzen unseres Parteifreundes können wir uns nicht ganz einverstanden erklären. Wir sind nicht der Meinung, daß, falls unsere Genossen die Entscheidung in der Hand gehabt hätten, sie zur Rettung der National⸗ Alberalen verpflichtet gewesen wären. Vielmehr würden unsere Wahlmänner dieselbe Taktik wie anderwärts be⸗ obachtet, nämlich Wahlenthaltung bei der Stichwahl geübt haben. Den Nationalliberalen Rückgrat beibringen? Das dürfte ein aussichtsloses Beginnen sein! Einen Unterschied zwischen Nationalliberalen und Konservativen wird man selbst bei mikroskopischer Untersuchung kaum entdecken.) h. Unnötige Prozesse. Eine Verordnung des Regierungspräsidenten wegen der Viehseuchengefahr hat das Gericht in der letzten Zeit fast in jeder Sitzung beschäftigt. Und jedesmal erfolgt Freisprechung derjenigen, die dagegen verstoßen haben sollen. Warum hebt man dann diese Verfügung nicht auf? So werden dem Staat eine Menge unnötiger Kosten verursacht. hb. Eine überaus harte Strafe diktierte die Strafkammer am Mittwoch dem Angeklagten R. aus Krofdorf auf. Er erhielt wegen„Gotteslästerung“ 6 Monate Gefängnis! Dies wegen einer Aeußerung, die er in einer Wirtschaft, vielleicht in angeheiterter Stimmung getan hat! Aus dem Rreise Dillenhurg⸗Herborn. Vom Westerwald schreibt man uns: Die Land⸗ sagswahl ist vorüber und der nationalliberale Amts⸗ richter Hofmann in Rennerod ist gewählt worden. „Gewählt“ ist eigentlich zuviel gesagt; von der Kasino⸗ klique ernannt“ dürfte diese Wahl richtiger bezeichnen. In großen Orten, wie Hof z. B. haben sich 2 bis 3 Mann, meist aus geschäftlichen Gründen beteiligt. Auch das Streberchen Burkhardt, der noch mehr die „Wahrheit“ liebt, wie Herr Stöcker selbst, hielt den Ae ae deen ge aue en en dane 1 0 In verhelfen. Er h bargen„daß hier keine von Zentrumspfaffen geleithammelte Schaafheerde vor⸗ handen ist, wie ihm eine solche das Reichstagsmandat zugeschanzt hat. Wir sind wahrhaftig keine Freunde der nationalliberalen Partei, aber tausend Mal lieber wie ein Burkhardt— ist uns doch noch Herr Hof— mann, der sich wenigstens persönlich von einer ge⸗ hässigen„Stöckerschen“ Kampfesweise ferngehalten hat. Versandten doch die„christlichen“ Burckhardt⸗ männer noch in letzter Stunde an ihre Vertrauens⸗ männer ein geheimes Zirkulär, welches Herrn Hofmann das schreckliche Verbrechen vorwarf, er gehe nicht zur Kirche.— Nun„die um Stöcker“ werden es durch ihr eigenartiges„Christentum“ noch fertig bringen, daß überhaupt Niemand mehr in die Kirche geht.— Unsere Parteigenossen aber müssen unermüdlich tätig sein, um der pfäffischen Klique der Burkhardt und Stöcker das Wasser abzugraben.— Große Unzu⸗ friedenheit herrscht hier mit dem neuen Fleisch⸗ schaugesetz. In Hof sitzt ein Fleischbeschauer, der aber nur in Bach und Ruhl seine Tätigkeit ausübt. Durch diese Orte fährt der Marienberger Tierarzt jedoch nach Hof, übt dort die Fleischschau aus, und was die Hofer im eigenen Orte für 75 Pfennige haben könnten, müssen sie so mit Mk. 1.50 bezahlen. So bringt man die Bauern ums Geld und verekelt ihnen eine, an sich durchaus nützliche, wohltätige Einrichtung. Vielleicht macht die Regierung in Wiesbaden derartigen Narrenspossen ein Ende und läßt den Tierarzt in Bach und Ruhl und den Hofer Fleischbeschauer in Hof. — Oder sind die Westerwälder Bauern dazu da, die Einkommensverhältnisse der Tierärzte verbessern zu helfen? T. Aus dem Rreise Marburg⸗Rirchhain. r. Die Stadtverordnetenwahlen die am Dienstag stattfanden, hatten eine Be⸗ wegung unter die Marburger Bürgerschaft ge⸗ bracht, wie es bei derartigen Anlässen noch nie der Fall war. Bisher war es in der Ordnung, daß einige angesehene Männer zur Wahl gingen, und die von der„Rathauspartei“ vorgeschlage⸗ nen Kandidaten wählten. Die vorletzte Wahl dagegen erweckte durch die Kandidatur des „Arbeitervertreters“(so nannte er sich wenig⸗ stens) Herrn Optiker Engel etwas Interesse an der Wahl, und brachte etwa den 6. Teil der Wähler zur Urne. Nachdem Herr Engel gewählt war, glaubte man, würde etwas Leben in die Bude kommen. Aber nichts von allem. Nicht mal bei der bekannten„Butterbrot⸗Affäre“ mit den Handwerksburschen wandte der„Ar⸗ beitervertreter“ Herr Engel sich gegen die Aus⸗ führungen des Herrn Oberbürgermeisters, trotz⸗ dem das Herz des Herrn Engel vor der Wahl so warm für die armen Arbeiter schlun. Auf Engel, der inzwischen zu den Freimaurern übergegangen ist, kann sich also die Marburger Arbeiterschaft nicht verlassen. Ein ganz anderes Bild bot dagegen die am Dienstag stattgefundene Stadtverordneten⸗ wahl der dritten Klasse. Schon die Vorbe⸗ reitungen ließen auf hartnäckigen Kampf schließen; die Wahl bekam einen politischen Anstrich, was früher nie der Fall war. Der„Bürgerverein“, der sich als Führer der Marburger Einwohner⸗ schaft aufspielte, stellte den Antisemitenhäuptling Heppe auf und zog sich dadurch die Unanade des Oberbürgermeisters zu. Dieser erklärte öffentlich, daß er sein Amt niederlegen werde, wenn Heppe gewählt werde. Als Grund gab er an, daß Heppe zur Fastnachtszeit einen roßen Bündel Heu aufs Rathaus bringen ieß, mit der Bemerkung: das sei Heu für die Heuochsen auf dem Rathaus.— Ja, man ulkt den Oberbürgermeister nicht ungestraft an! Ob er übrigens seine Drohung ausgeführt haben würde, ist noch fraglich.— Außer dem Bürger⸗ verein entwickelten die Beamten eine lebhafte Agitation und erzielten damit auch Erfolg. Nach alter Gewohnheit wird der sogenannte Rathauszettel in der Hauptsache von den Magi⸗ stratsbeamten aufgestellt; natürlich kommen da⸗ bei nur gute„Patrioten“ als Kandidaten in Frage, nie aber Angehörige der Arbeiterschaft, die man jedenfalls nicht als volljährig betrachtet. Als man aber merkte, daß die Arbeiterschaft sich an den Wahlen beteiligen würde, gings wie im Ameisenhaufen. Diese Tatsache bildete das Tagesgespräch, es erschienen noch andere Parteien auf dem Plane, und stellten Kandidaten auf, um den„Roten“ das Wasser abzugraben. Eine e e wie bei den Reichstags wahlen! Mit voller Kraft stürzten die Gegner in die Wühlarbeit, liefen von Wirtshaus zu Wirts⸗ haus, warnten vor den Arbeiterkandidaten und empfahlen ihren August Heppe. Vernünftigere erkannten an, daß die Arbeiterpartei, die ein⸗ zige ist, die mit einem Programm auftritt. Wir waren uns bewußt, daß keiner unserer Kandidaten durchdringen würde, doch es mußte der Anfang gemacht werden und wir können auf das Resultat stolz sein. Die Gegner er⸗ zielten 115 bis 241 Stimmen, unsere Kandidaten 72 bis 971! Für den Anfang ein recht erfreu⸗ licher Erfolg, der noch dazu fast ohne Agitation erreicht wurde! Bei der nächsten Wahl wird die Arbeiterschaft ein gewichtiges Wort mit⸗ sprechen. In der Zwischenzeit müssen alle Ar⸗ beiter das Wahlrecht erwerben, damit sie das nächste Mal mit dem nötigen Nachdruck in den Kampf eintreten können. Der Kindesunterschiebungs ⸗Prozeß gegen das gräfliche Ehepaar Kwilecki hat mit der Freisprechung sämtlicher Angeklagten geendet. Damit wird die Geschichte nun aller⸗ dings nicht sauberer und namentlich bleibt frag⸗ lich, ob das Kind, um das der Streit sich drehte, wirklich von der Gräfin geboren wurde. Allein es fehlte an dem nötigen Beweismaterial. Von dem Publikum wurde das Nichtschuldig der Ge⸗ schworenen mit Jubel begrüßt. Kleine Mitteilungen. * Ein gefährlicher Betrieb scheint die Zuckerfabrik in Groß⸗Gerau zu sein. Nachdem dort erst vor 8 Tagen ein Sattler, der in die Transmission geriet, sein Leben einbüßte, ereignete sich am Montag ein ähnlicher Unfall. Der Arbeiter Seebold wurde von der Transmission erfaßt, wobei ihm ein Arm zerstückelt und ein Bein gebrochen wurde, auch trug er schwere innere Verletzungen davon.. ** Ein Fels stur zhat in Ems zwei Menschen⸗ leben gefordert. Dort werden Arbeiten vorgenommen, welche die Freilegung eines Raumes um die König⸗ Wilhelm⸗Felsenquelle bezwecken. Dazu wird ein Teil des Bergabhanges abgetragen und Stützmauern aufge⸗ führ“. Wie es scheint, war aber für die oberen Ge⸗ steinsschichten dadurch der Halt verloren; am Samstag nachmittag erfolgte ein größerer Absturz. Zwar konnte sich noch der größte Teil der dort tätigen Arbeiter flüchten, doch zwei wurden von dem Gestein erreicht und getötet. Quittung. Für die ausgesperrten Weber in Crimmit⸗ schau gingen ein: Gießen: Wahl⸗V. 30 Mk., Glaser⸗Verb. 10 Mk., Schneider 20 Mk., Skat 25 Pfg., Alten⸗Buseck 14 Mk. A. Bock. Marburg: Gewerkschaftskommission 10 Mk., Buch⸗ drucker 36 Mk., Holzarbeiter 17.80 Mk., Schneider 16,95 Mk., Schuhmacher 11 Mk., Metallarbeiter 4.80 Mk., Fabrikarbeiter und Formstecher 9.20 Mk. f R. Rößler. — 8 Versammlungskalender. Samstag, den 28. November. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallarbeiter. Abends 9 UhrVersammlung bei Orbig. Marburg. Wahlverein. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Jesberg. T.⸗O.: Partei und Ge⸗ werkschaft. Ref. Vetters⸗Gießen. Sonntag, den 29. November. Heuchelheim. Arb. ⸗Bild.⸗Verein. Abends 8 Uhr außerordentliche General⸗Versammlung bei Karl Stein müller. Erscheinen notwendig. Dienstag, den 1. Dezember. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 8 Uhr Sitzung bei Orbig. ir Irpefter Und Tandseufe empfehle mein reichhaltiges 2 dchuhwaren-Lager 2 in gediegenen, soliden Qualitäten zu billigsten Preisen. Arbeiterschuhe und Stiefel Sowie sämtl. Winterschuhwaren in. Preislage und reicher Auswahl. Justus Benner Marktstrasse 34. Zahlreiches und pünktliches ——* 0 2 2—. 2—.5—— 7————— 12—————————— 8— 8 2 3W3VVVVTTTTTT r ee 8* 8 e 8 ———— Seite 6. * Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Kr. 43. 80 15 Unterhaltungs-Cril. 7 ä Für Freiheit und Recht. Und mögt ihr den stürmischen Freiheitsdrang, Ihr Großen, ihr Schwarzen, bekämpfen, Ihr werdet den brausenden Freiheitsgesang Der stürmenden Völker nicht dämpfen! Vor dringen die Völker mit fröhlichem Mut, Wie ihr euch auch setzet zur Wehre, Es stürzet der Herzen heilige Glut Die steinernen Geld⸗Altäre. Gesprengt sind die Fesseln und frei ist der Geist, Den ihr darnieder gehalten; Und wie der Sturm den Erdball umkreist Und Berge und Felsen kann spalten— So stürmen die Völker jetzt um euch her, Um euch, ihr Großen, ihr Schwarzen, Zu üben an euch, ihr Herrn, nunmehr Das Amt der zürnenden Parzen. Wir haben ertragen lange genug Die schändenden, sklavischen Bande, Ihr täuscht uns nicht länger durch schnöden Betrug Und füllt uns die Augen mit Sande. Nicht länger mehr wollen wir Sklaven sein, Ein Spielzeug in eueren Händen, Wir wollen Menschen, wie ihr, auch sein Und unser Elend nun enden! Schon leuchten die Fahnen mit heiligem Schein, Es wehen die flatternden Fahnen! Wir stürmen mit grollendem Mut hinterdrein. Wie steil auch führen die Bahnen. Wir kämpfen für Freiheit und Menschenglück, Wir kämpfen für gleiche Rechte, Die ihr uns stets Hieß't mit höhmischem Blick Bis jetzt nur— Pöbel und Knechte! Karl Haupt. Der Sieg des Schwachen. Erzählung von Melchior Meyr. 9. FC Fortsetzung.) Die Bäbe hatte eine sonderbar angenehme Empfindung.„Er tut's nicht?“ rief sie, indem ste unvorsichtig ihre Freude blicken ließ. Nach einem Moment setzte sie gleichgültig hinzu: „Wenn aber sein Vater durchaus will, dann wird er doch daran müssen. Das soll einer sein, der seinen Kopf hat!“ „Ja,“ sagte die andere,„diesmal richtete er aber doch nichts aus, wie's scheint. Meine Schwester ist grad im Hofe gewesen, wie sie an einander geraten sind, und hat das Meiste mit angehört.“ Diese bedenkliche Nachricht setzte die Bäbe einigermaßen in Verlegenheit, sie mußte sich zusammennehmen, um mit dem Tone einer Unbeteiligten zu sagen:„Der Tobias ist nicht gescheit; die Sibylle hat Geld und kriegt viel⸗ leicht das Haus; warum will er denn nicht?“ „Ja,“ erwiderte die Kamerädin,„er soll eben eine andere im Sinne haben, eine Schönere, Geschicktere, Feinere.“ Dabei schaute sie die Bäbe schelmisch lächelnd an. Diese erkannte, daß in der Stube des Schneiders ihr Name genannt worden und das Geheimnis verraten sei; sie errötete und schaute einen Moment verwirrt für sich hin. Aber eine sehr wohltuende Empfindung durchdrang ste; und schnell gefaßt und lächelnd lwendete sie sich zu dem Mädchen und sprach:„Nun, ich weiß jetzt genug von der Geschichte. Aber ich glaube, dem Tobias und der, welche er im Sinne haben soll, geschähe ein Gefallen, wenn du dafür sorgen würdest, daß die Sache nicht weiter auskäme.“ Und mit ihrem holdesten Schmeichelton setzte sie hinzu:„Willst du das? Bist du so gut? Gib mir deine Hand!“ „Nun,“ versetzte die andere, indem ste ein⸗ schlug,„weil du so ehrlich bist und bekennst— da hast du meine Hand darauf.“ Die Freundin wünschte nun ihrerseits zu erfahren, wie die Bäbe mit dem Tobias denn eigentlich stände. Aber darauf entgegnete diese:„Das kann ich dir nicht sagen, liebs Mädle. Wir stehen eigentlich gar nicht miteinander, und weiß Gott, was noch geschieht. Wenn die Sache ein Gestcht bekommt, sollst du's erfahren.“— Die Nachricht der Kamerädin war gegründet. Der alte Schneider hatte von einem Bekannten gehört, ihm scheine es, als ob der junge Schuster ein Aug' auf die Sibylle habe; dies hatte ihn aufgeregt und bestimmt, den Angriff auf Tobias früher zu unternehmen, als er im Sinne gehabt. Zu seinem Erstaunen fand er den Burschen widerspenstig. Er sei jetzt nicht in der Laune, um ein Mädchen anzuhalten; wenn der Schuster sein Glück versuchen wolle, könne er ihn nicht hindern, und wenn er sie kriege, werde er sich darum auch keinen Tod antun. Der Alte machte Vorstellungen, er ereiferte sich, er drohte. Tobias blieb bei seinem:„Es geht nicht, ich kann nicht.“ 5 Nun fing der Gewaltige au zu schmähen und stellte ihm nicht undeutlich Schläge in Aussicht. 0 N Der Sohn, mit dem Duldermut der Re⸗ signation, erwiderte:„Das wird die Sach' auch nicht anders machen.“ Der Alte stand ratlos da; er fühlte, daß er jetzt doch nicht gleich zur Tat schreiten könne, und nachdem er ihn einen Moment angesehen, sagte er:„Was ist denn nun mit dir auf ein⸗ mal? Ist am Ende die Pfarrmagd wieder an dich gekommen, trotz ihrer Reden?“. Darauf aber versetzte Tobias mit Würde: „Zu so etwas hat die Bäbe viel zu viel Cha⸗ rakter! Du weißt recht gut, wie ich und das Mädchen miteinander stehen, und daß ich sie gar nicht wert bin. elenden Menschen, und sie hat recht, und ich geb' ihr recht.“ „Und denkst du am End' doch noch an sie, du Dummkopf!“ rief der Alte. „An sie denken tu' ich,“ bemerkte Tobias mit Ruhe;„aber weiter auch nichts.“ Der Alte, der nicht mehr wußte, was er entgegnen sollte, verstummte, und nur ein ge⸗ wisses Schnaufen ließ ahnen, was in ihm vorging. Unter diesen Umständen fand es der Sohn für geraten, den Auftritt zu beendigen; er sagte: „Plag mich jetzt nicht, Vater; denn jetzt geht's einmal nicht. Es kann wohl sein, daß es mir in kurzem anders ist, und dann will ich dir nicht entgegen sein. Der Schuster wird mir die Sibylle so schnell nicht wegnehmen.“ Der Alte fand nun auch für gut, abzubrechen und mit einer Art von Knurren die Frist zu gewähren. Ein Trost war es für ihn, daß der Schuster zwar ein derber Bursche war, aber lange nicht so schön wie sein Tobias; daher es allerdings keine Wahrscheinlichkeit hatte, daß er diesen bei ihr, die ihn liebte, so geschwind ausstechen werde.— Dieser erste Beweis von Selbständigkeit gegenüber seinem Vater, die Ermannung wenig⸗ stens zu„passivem Widerstand“, trug unserem Burschen sehr gute Früchte. Die Bäbe kam verwandelt nach Hause: sie sah plötzlich alles umgekehrt! Der gute Tobias! So brav war er, so treu hing er ihr an, obwohl sie ihn gekränkt und sich angestellt hatte, als kennte sie ihn nicht! Er stemmte sich gegen den Vater und riskierte seinen Zorn um ihretwillen! Und was hatte sie getan? Sie hatte ihn verachtet und verlassen, weil ihm einmal in seinem Leben etwas begegnet war, das ihr nicht gefiel. Kann das nicht auch anderen Leuten geschehen, wenn sie plötzlich erschreckt werden? Hat noch niemand den Kopf verloren? Ist es noch keinem passiert, daß er sich nicht mehr„verwißt“ und eine Dummheit gemacht hat, daß es eine Schande war?— Sie hatte wenig Liebe bewiesen bei dieser Gelegenheit und wenig Geduld! Sie hatte dem braven Menschen Unrecht getan, großes Unrecht! Aber sie wollt' es auch wieder gutmachen— sobald als möglich! Am andern Morgen erhielt der junge Schneider einen Brief durch die Kamerädin zugesteckt, folgenden Inhalts:„Liebster Tobias! Du wirst dich wundern, daß ich an dich schreibe, Sie hält mich für einen wo ich doch gesagt hab', ich wolle nichts mehr von dir wissen, und zweimal an dir vorbei⸗ gegangen bin, ohne dich anzusehen und zu grüßen. Aber da hab' ich eben unrecht gegen dich ge⸗ handelt, und ich schäme mich, daß ich's getan hab'. Wie mir gesagt worden ist, hast du mit deinem Vater Streit gehabt, weil du die Sibylle nicht willst und mir treu bist trotz meines schlechten Benehmens gegen dich. O liebster Tobias, du bist besser als ich! Was Du gefehlt hast, das ist geschehen ohne alle Ueberlegung; aber ich hab's überlegt, was ich getan hab', und das ist eben das Schlechte. Du hast den Schwur der Liebe gehalten, und ich hab' ihn D weil ich dir nicht verziehen hab', ondern gleich bös geworden bin! Aber wenn du wüßtest, wie leid es mir tut, und wie ich mir jetzt Vorwürfe mache, du würdest mir ge⸗ wiß vergeben und mich wieder gern haben!— Vergib mir, Tobias— mein Auserwählter! Vergib deiner dich ewig liebenden Bäbe!— Wenn du das Geschehene vergessen kannst, und wenn du noch immer der Alte bist gegen mich, so komm heute abend eine halbe Stunde nach Betläuten in die Nähe des Pfarrhofs; ich hab“ mir was ausgedacht, wie wir ungestört mit einander reden können, trau' mir's aber nicht aufs Papier herzuschreiben und will dir's lieber sagen. Ich hoff“, wir können dann in aller Ruhe überlegen, was wir anfangen sollen. Dein Vater läßt uns in Güte nicht zusammen, das seh' ich nun schon auch ein, wir müssen an etwas anderes denken, und wir wollen über etwas einen Rat halten, woran ich schon früher gedacht hab'. Ich will nach Betläuten an den Zaun kommen bei unserm Stadel. Man kann Uns da vom Pfarrhaus aus nicht sehen wegen des Holderbaums, der davor steht und dessen Aeste fast bis an den Boden gehen. Auf dem Wege draußen wird um die Zeit wohl auch niemand sein; du mußt dich eben umsehen!— Auf Wiedersehen, liebster, bester Tobias!— Ich mein' halt, es kann nicht anders sein, und du wirst mir doch wieder gut und kommst zu mir. Du wirst dich dann überzeugen, wie ich bin, und wie ernst es mir ist mit meiner Lieb' zu dir, und was ich für dich tun kann, weil ich dich liebe!— Liebe fürchtet keine Not, Scheut auch nicht den bittern Tod. Wahrer Lieb' ist nichts zu viel, Denn ihr winkt das höchste Ziel! Auch wir werden zusammenkommen, gewiß, und es wird uns noch wohlgehen in diesem Leben. — Ich verbleibe deine bis in den Tod getreue Bäbe.“ Die Wirkung dieses Briefes auf Tobias ist schwer zu beschreiben. Er fühlte ein Entzücken, wie er nicht geglaubt hätte, daß es menschen⸗ möglich wäre. Die Bäbe bat ihn um Verzeihung! Die Bäbe schrieb, er habe den Schwur der Liebe gehalten und sei besser als sie! Die Bäbe liebte ihn ewig und war ihm treu bis in den Tod— ihm, der geglaubt hatte, er sei ein Mensch, von dem ein rechtes Mädchen gar nichts mehr halten könne!— die wiedergewonnene Liebe, die wiedergewonnene Ehre— es war zu viel auf einmal!— Wie schön, wie herrlich war es, daß sie ihm nun den anderen Vorschlag machen wollte, auf den er so viel Vertrauen gesetzt hatte, bevor er ihn nur kannte! Nun gab es gewiß etwas ganz Besonderes zu wagen, etwas gegen den Vater, ohne daß er ahnen konnte, was! Und das geschah ihm recht, dem gewaltigen,„zähbastigen“ Manne, der ihm keine Ruhe gab und N solche Leute auch noch ihren Meister finden! Liebe fürchtet keine Not, Scheut auch nicht den bittern Tod! Das läßt sich hören! Das kann man sich gefallen lassen!— Er fühlte Mut für zehn, der Glückliche, von der Geliebten Gepriesene! Er wollte mit dem Teufel„reißen“(raufen), wenn's darauf ankam— um ein Mädchen wie die Bäbe!— Diesen Gedanken, stillen wie laut werdenden, gab sich unser Schneider nur in gestcherter Einsamkeit hin. Vor seinen Leuten mäßigte er seine Freude zu dem Ausdruck heiterer Zufrieden⸗ heit: und in dieser, die man so lange nicht an ihm gesehen hatte, gefiel er dem Vater und der dem man zeigen mußte, daß En. R K .. r e r D . 1 Walpurg und erweckte neue Hoffnungen für die Nr. 48. 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. Zukunft. 5. Abends zu der bestimmten Zeit näherte sich Tobias umsichtig dem Zaune des Pfarrhofs. Nicht lange, 10 kam die Geliebte angewandelt. Mit leiser Stimme, in der aber doch die innigste Freude sehr merkbar sich kundgab, sagte sie: „Guten Abend, Tobias, ich dank' dir für dein Kommen!“ „Und erst ich dir,“ rief der Gute, ordentlich zerknirscht von seinem Glücke.„O Bäbe, wie gut bist du! Was tust du alles für mich, für einen Menschen, der dich—“ „Still,“ entgegnete das Mädchen,„dazu ist jetzt keine Zeit! Du willst also etwas wagen um meinetwillen, Tobias? Du bist entschlossen?“ „Zu allem, Bäbe! Sag's und auf der Stell'—“ „Fürs erste handelt es sich um was anderes. Wenn ich dir meinen Plan auseinandersetzen soll, müssen wir Zeit dazu haben und Ruhe, und die haben wir jetzt nur an einem Orte. 1 du aber auch kommen, wenn ich dir ihn e 110 1 „In die Hölle geh' ich für dich,“ rief Tobias. „In die Hölle— zum Teufel selber, wenn's sein muß! Nur heraus damit!“ Die Bäbe lächelte.„In die Hölle sollst du nicht, im Gegenteil, du sollst an einen ganz andern Ort!“ „Also ins Paradies!“ versetzte der Schneider mit Feinheit. „Wenn du's dafür nehmen willst!“ entgegnete das Mädchen erheitert.„Kurz von der Sach': ins Pfarrhaus sollst du kommen, wann alles schläft— zu mir— in meine Kammer!“ Diese Worte trafen den Burschen wie ein Donnerschlag. Das Entgegenkommen war so über alle Erwartung, daß es ihn förmlich blendete. Zu gleicher Zeit fühlte er aber auch unwiderstehlich, was er dabei riskierte und— perübte. Die Wohnung des Geistlichen war Sonntag, den 29. November, nachm. von 4 2 u Lony's Bierkeller: Feier des 30, jähr. Stiftungs-Festes besteheud in Hongeri, Gesungsvor trägen, Ieuler, Houplels ele. Z3n recht zahlreichem Besuch ladet ein Eintritt 20 Pfg. lieber als ins Pfarrhaus!“ Der Vorstand. für den wohlgezogenen Burschen ein Ort, vor dem er eine heilige Scheu trug. Er hatte ein dumpfes Gefühl von etwas Verbotenem, Nicht⸗ seiusollendem, ja Frevelhaftem, was er begehen sollte, um dafür die grausamste Strafe zu empfangen. Von entgegengesetzten Gefühlen bewegt, erwiderte er erst nach merklicher Pause und das Wort hinausdehnend:„Ins— Pfarr⸗ haus?“ g „Nun ja,“ versetzte die Bäbe.„Um elf Uhr schlafen sie fest. Dann kommst du, ich laß dich ins Haus, wir gehen sachte in meine Kammer, und ich sage dir in aller Ruhe, was wir tun müssen, um zusammenzukommen und glücklich zu werden.“ „Bäbe,“ rief der geängstete Schneider, dessen Phantasie bei ven Worten des Mädchens lebhaft gearbeitet hatte,„ich muß dir gestehen— wenn du einen andern Ort wüßtest—“ a „Nun,“ fragte die Bäbe,„schreckt dich denn der? Du wolltest ja vorhin in die Hölle gehen, wenn's darauf ankam!“ „Ja,“ meinte der Tobias,„in die Hölle „Aber warum denn?“ fragte das Mädchen, indem sie ihre Ungeduld zu bemeistern suchte. „Wenn man was hörte, wenn man uns beisammen träfe— der Teufel hat sein Spiel! — Die Schande!— im Pfarrhaus!—“ Die Bäbe mußte ihr von Unmut gedrücktes Herz durch einen Seufzer erleichtern.„Aber sag' mir doch,“ erwiderte sie mit dem Tone des Vorwurfs und der Klage,„wie du zu diesen Einbildungen kommst? Wollen wir denn zu⸗ sammenkommen, um was Unrechts zu tun? Wir wollen ja miteinander ausmachen, wie wir's anfangen sollen, damit wir Mann und Frau werden; und eine andere Gelegenheit gibt's nun einmal hier nicht!“ „Das wohl,“ versetzte Tobias;„aber—“ „Aber?“ wiederholte das Mädchen.„Nun, ich seh' schon, wieviel die Glocke geschlagen hat. Du traust dir wieder nichts und hast mir wieder nur was vorgeprahlt! In Gottes Namen! Ich hab' das Meine getan; wenn du nicht willst, ist's deine Sach'! Gutnacht!“ (Fortsetzung folgt.) —.———̃—— Humoristisches. Ein Gemütsmensch. Fabrikbesitzer:„Ich kann dir in diesem Jahre nichts mehr geben, Artur! Du hast bereits 50000 Mk. bekommen— weißt du auch, daß von dieser Summe 50— 60 Arbeiterfamilien ein Jahr lang leben müssen?“ Sohn:„Wenn du den Leuten so unsinnig hohe Löhne zahlst, Papa, dann wunderts mich allerdings nicht, daß du deinen Sohn nicht standesgemäß erhalten kannst!“ Casus belli. General:„Es muß wieder mal frischer, fröhlicher Krieg kommen, gnädige Frau.“— Dame:„Ach ja, Sie meinen, weil Sie schon so viel Oeden auf Vorschuß haben.“—(W. Jak.) Scherzfrage:„Wer waren die ersten Sozis?“ Antwort: Möros, sein Bürge und der Tyrann Dionys. Dieser erklärte nämlich seinen Eintritt in die Organisation mit folgenden Worten: „So nehmt auch mich zum„Genossen“ an!“ (Lust. Bl.) Geschichlskalender. 29. November. 1878: Massenausweisungen aus Berlin(66 Familien⸗Väter). 1793: Prof. Veccaria, Mailand, Gegner der Todesstrafe, 7. 30. 1878: Erstes sozialdemokratisches Flugblatt unter dem Sozialistengesetz in Berlin verbreitet. 1. Dezember. 1900: Jakobowsky, Liederdichter, F. 1897: Bergarbeiterunglück in Kaiserslautern, 37 Tote. 2. 1896: Prozeß Leckert⸗Lützow. streich Napoleons III. in Frankreich. 3. 1894: Wilh. II. Rekruten⸗Bevorzugungsrede. 4. 1901: Petition gegen die Zölle mit 3½ Mill. Unterschriften geht an den Reichstag. 5. 1901: Graf Arnim's Armenverhöhnung im Reichstag(der Vater wird alles versoffen haben). 1791: Komponist Mozart stirbt im Elend. desang- Verein„Eintracht“, Giessen. G Peinrich Hol. Ciessen 5 N Uhr an 7 äusburg 7 Elnrahmen von Bildern. Papier-PBandlung Buchbinderei„ Geschäftsbücher& Drucksachen 8 iSd eelNesldeslve:l Hpbeiter⸗siotiz⸗ — U Zur bevorstehenden Saison bringe mein großes Lager von Jrischen-, Dauerbrand-, Amerikaner-, Regulierheiz⸗, Hopew- und Darmstädler-Oesen Kalender 100% Geb. 60 Pfg., Porto 10 Pfg. 1851: Staats⸗ Casseler Schirmfabrik Th. Budde& Co. Sel 9 giessen: nahe am eugplatz.· Mas- berg a. L., xeuhadt ii. Zulda, Buttermartt 14. Beste Bezugsquelle für 5 SCHIRME 7 STockE Binige Preisel Solide Ware! Schirme werden repariert und neu bezogen. Hüte untl Iützen! Unterhalte darin ein großes Anger in guter Tdlare zu billigen Preisen. Aparte Ueuheiten! Koch- in diversen Fabrikaten, ferner: Ofenschirme, Ofenvorsetzer, Verdampfschalen, Feuergeräte⸗ ständer, Kohleufüller u. ⸗Kasten, Kohlenlöffel, Stocheisen, Asch⸗ und Mülleimer usw., in empfehlende Erinnerung. Auch habe eine Volldampf Waschmaschine sowie Dr. Kleins Fleischsaftpressen zu verleihen. 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Stimmen- zähl der Partejen.— Beteiljgung der Parteien an Haupt- und Stichwahlsen.— Die Volksschulen in Deutschland.— vom Schlachtfeld der Arbeit.— Ein- nahme- und Husgabetabellen.— Hotiz- Halender.— Die Iflitglleder der freien Gewerkschaften.— Weibliche Ilitgliede, FFC TTT in den Gewerkschaften.— Pinanzielle Cesstungen der Gewerklchaften.— Adrelsen der deutschen Gewerbeinspel⸗ toren, der Zentralperbände, Arbester- sekretarsate.— Zur Beachtung für Revisoren. Der Kalender ist ein unentbehrliches Nachschlagebuch für Gewerkschaften und Partei Zu beziehen durch jede Buchhandlung. Verlag: Buchhandlung Vorwärts Berlin SW. 68, Lindenftr. 69. Wasserkrüge Polstermöbel eigener Anfertigung Uebernahme voll- „ Ständ. Ausstattung. Vudlolf Vichter, Gießen Marktstraße 26. Hutmacher. eee eee Paekkorbe kaufen Beuner& Krumm Gießen, Bahnhofstr. 40. 1 Schlafstelle frei! M. Melcher, Wetzsteingasse 10 — ——— ͤ— r 1 Seite 3. Mitteldeutsche Sountaas⸗Zeitung. 19 1 No, 48. 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Sterbekasse Gießen grabamöröachen am Sonntag, 6. Dezember, nachm. 4 Uhr. im Restaurant Cambriues,(August Albold).„e, nee Tages⸗Orduung:. 5 1. Geschäfts⸗ und Kassenbericht. 7 Lestung!! 2. Neuwahl des Vorstandes und Anfsichtsrates. 3. Erhöhung des Sterbegeldes. 4. Verschiedenes. Wegen der Wichtigkeit der Tagesordnung wird um zahlreiches Erscheinen ersucht. Gießen, den 28. November 1903. Der Vorstand. e Betten erer ettstese 12 Bäcker verband Giessen. Matratzen“ S 5 8— Deckbett Wir beehren uns, die verehrl. Gewerkschaften, 2 Kissen sowie Freunde und Gönner zu unserer am 6. Dezbr. cr. im Posltheller, Wagengasse stattfindenden Sn großen Tanz⸗Soiree verbunden mit humor. Vorträgen, Verlosung und Scherzpolonaise freundlichst einzuladen. Der Vorstand. NB. Gewerkschaftsmitglieder können Eintrittskarten bis zum 6. Dezbr., nachmittags 2 Uhr bei Herrn Löb für 30 Pfg. in 4 Empfang nehmen. An der Kasse wird voller Eintritt erhoben. 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