U 7 agg nec joe aSs 0 ex AD N W . N We N Sons NOS TTT Nr. 26. Gießen, den 28. Juni 1903. 10. Jahrg. 19 7 Redaktion: Kurchenpiatz 11. Schloßgasse. Jonnt Mitteldeutsche 08⸗Jeitu Nedaktionsschlut: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. 19. Abounemeutspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unrer Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) Bestellungen Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 331½0% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. 2 Juserate Die odge. Bei mindestens Unser Wahlsieg. Drei Millionen Stimmen! Das Riesenaufgebot, das die deutsche Sozialdemo⸗ kratie bei dem diesmaligen Wahlkampfe in's Feld führte, hat drei Millionen erreicht. Nach vorläufigen Berechnungen sind über 900000 sozialistische Stimmen mehr als im Jahre 1898 abgegeben worden. Damals betrug die Zahl der soßtaldemokratss chen Stimmen 2107076. Mit der angegebenen Zunahme werden also die drei Millionen Stimmen nicht blos erreicht, sondern sogar noch überschritten. Gewaltig ist die Zunahme unserer Stimmen in Sachsen, in dem Lande des Wahlrechts⸗ raubes, wo der Uebermut der„Ordnungsleute“ keine Grenzen kannte und kennt, wo die Arbeiter⸗ klasse stets am raffiniertesten malträtiert und schikaniert wurde. Das Volk hat die Antwort gegeben auf die Wahlentrechtung, auf die Er⸗ höhung der Zivilliste des Königs und vieles Andere! Rund 150000 Stimmen beträgt die Zunahme der Sozialdemokratie in Sachsen!— Ein gleich großes Wachstum unserer Stimmen⸗ zahl ist in Rheinland und Westfalen zu verzeichnen. Hier hat sich der Zentrumsturm“ durchaus nicht als das vielgerühmte„Bollwerk“ gegen die Sozialdemokratie erwiesen, als das ihm die geistlichen Herren vom Zentrum immer hinzustellen liebten. Außerordentliche Zunahme an sozialdemokratischen Stimmen weist auch die Stadt Berlin auf; die 6 Berliner Wahlkreise brachten 23000 mehr als im Jahre 1898. Ebenso verzeichnen die Hansestädte be⸗ deutenden Zuwachs der Sozialdemokratie. Neueren Feststellungen zufolge hat die Sozial⸗ demokratie 3087000 Stimmen aufgebracht. Ein gewaltiger, glänzender Er⸗ folg! Er übersteigt unsere eigenen, kühnsten Erwartungen. Wohl haben wir es oft aus⸗ gesprochen, daß wir drei Millionen erreichen müßten, doch haben wir bei genauerer Berech— nung uns gesagt, daß derartige hochgespannte Wünsche kaum erfüllt werden würden. Nun gar die drei Millionen überschritten! Wahrlich, das Volk hat über die heutige Ordnung ein nicht mißzuverstehendes vernichtendes Urteil ge⸗ fällt. Es kommt weniger darauf an, ob wir ein Mandat mehr oder weniger erringen. Drei Millionen„Elende“! Sie verbürgen uns den entgültigen Sieg des völkererlösenden und völkerbefreienden Sozia⸗ lismus! 5 Wir haben ein Recht uns unseres Erfolges und dessen zu freuen, daß die Mehrheit des deutschen Volkes die Erreichung besserer, menschenwürdigerer Zustände anstrebt. Wir freuen uns, aber wir werden nicht in Sieges⸗ trunkenheit und ⸗taumel verfallen. Mit dem Erreichten dürfen wir noch nicht zufrieden sein, dürfen nicht auf unseren Lorbeeren aus⸗ ruhen, sondern müssen weiter arbeiten, un⸗ ermüdlich arbeiten um den baldigen und ent⸗ giltigen Sieg unserer gerechten Sache herbei⸗ zuführen. 5 Die Niederlage des sächsischen Ordnungskartells tritt mehr noch an dem Stimmenrückgang als in dem Verlust von Mandaten zu Tage. Im 4. Reichstagswahl⸗ kreise sind die konservativen Stimmen seit 1898 von 18,094 auf 17,110, also um rund 1000 zurückgegangen; im 5. Wahlkreise(Dresden⸗ Altstadt) erhielten die Antisemiten und Konser⸗ vativen 1898 zusammen 18,200 Stimmen, am 16. Juni d. J. erhielt der Kartellkandidat nur 15,172 Stimmen. Ebenso kläglich ist das Er⸗ a im 6. Kreise(Dresden⸗Land). Hier rachten es 1898 Reformer und Konservative auf 18,280 Stimmen, bei den diesmaligen Wahlen mußten sie sich mit 16,953 zufrieden geben. Im Pirnaer Wahlkreise erhielt Lotze diesmal 8626, 1898 aber 11,118, das ist ein Rückgang um 2500 Stimmen. Am kläglichsten von Allen hat bezüglich des zahlenmäßigen Er⸗ gebnisses Dr. Oertel, der Agrarierhäuptling im 9. Wahlkreise abgeschnitten. Die Zahl der auf ihn entfallenden Stimmen ist von 11,883 auf 6843 gesunken, also um rund 5000 Stimmen. Das hat in erster Linie allerdings die national⸗ liberale Kandidatur nur bewirkt, denn auf den Liberalen sind 4415 Stimmen entfallen. Auch in rein bäuerlichen Distrikten ist Oertels Stimmenzahl rapid zurückgegangen. In anderen Kreisen haben die Ordnungshelden Haare eben⸗ falls lassen müssen: im 11. Wahlkreise hat der Konservative einen Verlust von 500 Stimmen zu verzeichnen. Platzmann im 14. Kreise hat 400 Stimmen verloren, der Ordnungskandidat im 17. Wahlkreise etwa 1000 usw. Bedenkt man bei Betrachtung des kläglichen ordnungsparteilichen Ergebnisses, daß die Wählerzahl gewachsen ist und beleuchtet man die Stimmenzahlen des Kartells mit dem Stimmen zuwachs der Soztaldemo⸗ kratte, so wird das Ergebnis für die Ordnungshelden geradezu vernichtend. * Die 56 im ersten Wahlgange gewählten Sozialdemokraten sind folgende: Altenburg: Buchwald. Altona: Frohme. Berlin II: Fischer. Berlin III: Heine. Berlin IV: Singer. Berlin Y: Schmidt. Berlin VI: Ledebour. Brandenburg: Peus. Braun⸗ schweig: Blos. Bremen: Schmalfeld. Breslau⸗West: Bernstein. Charlottenburg: Zubeil. Darmstadt: Cramer. Elberfeld: Molkenbuhr. Gera: Wurm. Greiz: Förster. Halle: Kunert. Hamburg 1: Bebel. Hamburg II: Dietz. Hamburg III: Metzger. Hannover: Meister. Kiel: Legien. Lübeck: Schwartz. München II: Vollmar. Niederbarnim: Stadthagen. Nürnberg: Südekum. Ottensen⸗Pinneberg: Elm. Rostock: Herzfeld. Solingen: Scheidemann. Stutt⸗ gart: Hildenbrand. Zeitz: Thiele. Gotha: Bock. Saalfeld: Hofmann. Sonneberg: Reißhaus. Aschersleben: Schmidt. Otten⸗ sen: v. Elm. Randow⸗Greifenhagen: Körsten. Waldenburg: Sachse. Reichenbach: Kühn. Sachsen: Annaberg: Grenz. Chemnitz: Schippel. Döbeln: Grünberg. Dresden⸗ Altstadt: Gradnauer. Dresden⸗Neustadt: Kaden. Dresden⸗Land: Horn. Glauchau: Auer. Leipzig⸗Land: Geyer. Löbau: Sindermann. Meißen: Nitzsche. Mittweida: Göhre. Pirna: Fräßdorf. Plauen: Gerisch. Reichenbach: Hofmann. Stollberg: Gold⸗ stein. Zittau: Fischer. Zschopau: Rose⸗ now. Zwickau: Stolle. Antwort des Volkes. Was der Kaiser sprach: Am 26. November 1902 hielt Wilhelm II. beim Begräbnis Krupp's in Essen eine Rede, in der er zu den Arbeitern Folgendes sprach: Ihr Krupp'schen Arbeiter habt immer treu zu Eurem Arbeitgeber gehalten und an ihm gehangen. Die Dankbarkeit ist in Eurem Herzen nicht erloschen. Die Männer, die die Führer der deutschen Arbeiter sein wollen, raubten Euch Euren teuren Herrn. An Euch ist es, die Ehre Eures Herrn zu schirmen und zu wahren und sein Andenken vor Ver⸗ Unglimpfungen zu schützen. Ich vertraue darauf, daß Ihr die rechten Wege finden werdet, der deutschen Arbeiterschaft fühlbar und klar zu machen, daß weiterhin eine Gemein⸗ schaft oder Beziehung zu den Ur⸗ hebern dieser schändlichen Tat für brave, ehrliebende deutsche Arbeiter, deren Ehren⸗ schild befleckt worden ist, ausgeschlossen sind. Wer nicht das Tischtuch zwischen sich und diesen Leuten zerschneidet, ladet moralisch gewifsermaßen eine Mitschuld auf sein Haupt. Was das Volk antwortete: Es erhielten die Sozialdemokraten an Stimmen in Duisb.⸗Ruhrort⸗ Bochum⸗Gelsen⸗ Dortmund⸗ Essen Mülheim kirchen Stadt 1898 4400 7804 22379 19865 1903 22773 23287 39125 34130 mehr 13373 15483 16746 14266 d. h., in den vier Wahlkreisen der rheinisch⸗ westfälischen Großindustrie, der Heimat Krupps, hat die Sozialdemokratie eine Zunahme von 65,000 Stimmen. So sieht das zerschnittene Tischtuch unter den Arbeitern der rheinisch⸗westfälischen Groß⸗ industrie aus. 1 Was der Kaiser sprach: Und am 5. Dezember sprach er zu einer kommandierten Abordnung von Arbeitern in Breslau Folgendes: n „Jahrelang habt Ihr und Eure Brüder Euch durch Agitatoren der Sozialisten in dem Wahne erhalten lassen, daß, wenn Ihr nicht dieser Partei angehörtet oder Euch zu ihr bekenntet, Ihr für nichts geachtet und nicht in der Lage sein würdet, Euren berech⸗ tigten Interessen Gehör zu verschaffen zur Ver⸗ besserung Eurer Lage. Das ist eine grobe Lüge, ein schwerer Irrtum. Statt Euch objektiv zu vertreten, versuchten die Agitatoren Euch aufzuhetzen gegen Eure Arbeitgeber, gegen die anderen Stände, gegen Thron und Altar, und haben Euch zugleich auf das Rücksichtsloseste ausgebeutet, terro⸗ risiert und geknechtet, um ihre Macht zu stärken. Und wozu wurde diese Macht ge⸗ braucht? Nicht zur Förderung Eures Wohles, sondern um Haß zu säen zwischen den Klassen und zur Ausstreuung ihrer Verleumdungen, denen nichts heilig geblieben ist und die sich schließlich an dem Hohen vergriffen, was wir hienieden besitzen; an der deutschen Mannes⸗ ehre! Mit solchen Menschen könnt Ihr als ehrliebende Männer nichts mehr ——— Url 2 1— 2 78 *.— 5 2 r 2 — —— — S —— — r e E———K—„— *. 8 Seite 2. Mtteldentsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 26. zu tun haben, nicht mehr von ihnen Euch leiten lassen! Sendet uns Eure Freunde und Kameraden aus Eurer Mitte, den einfachen, schlichten Mann aus der Werkstatt, der Euer Vertrauen besitzt, in die Volksvertretung; der stehe ein für Eure Wünsche und Interessen, und freudig werden wir ihn willkommen heißen als Arbeitervertreter des deutschen Arbeiter⸗ standes, nicht als Sozialdemokraten. Mit solchen Vertretern des Arbeiterstandes, so viele ihrer sein mögen, werden wir gern zusammen arbeiten für des Volkes und des Landes Wohl. Es wird so für Eure Zukunft gut gesorgt sein, zumal da sie natürlich fest fußen werden auf Königstreue, auf der Achtung vor dem Gesetz und dem Staate, vor der Ehre ihrer Mitbürger und Brüder, getreu dem Schriftwort: Fürchtet Gott, habt Eure Brüder lieb, ehret den König!“ Was das Volk antwortete: Drei Millionen Arbeiter gaben am Wahltag ihre Stimmen für die Sozialdemokratie ab. 56„Agitatoren der Sozialisten“ wurden im ersten Wahlgang gewählt. 3 Millionen deutscher Arbeiter wollen als ehrliebende Männer nur mit den Sozialisten zu tun haben! Politische Rundschau. Gießen, den 25. Juni. Zu den Wahl⸗ Erfolgen der deutschen Sozialdemokratie haben die Bruderparteien fast aller Länder Glückwünsche an unsern Parteivorstand oder das Zentralorgan gelangen lassen. Aus allen europäischen Ländern, aus Amerika, sogar Australien trafen Glückwunsch⸗Depeschen oder -Schreiben der sozialdemokratischen Organisa⸗ tionen ein. Die dänische Parteileitung schrieb u. a.: „Als Deutschlands größte Partei seid Ihr ein Hort für den Frieden unter den Völkern Europas und ebnet mit Riesenschritten die Wege für den endlichen Sieg des Sozia⸗ lismus. An Eurer Seite kämpften auch wir am 16. Juni; wir erhöhten unsre Stimmen⸗ zahl mit Tausenden, vermehrten unsre Ver⸗ tretung in Dänemarks Reichstag. Hoch der internationale Sozialismus!“ Und vom österreichischen Parteivorstand lief folgendes Schreiben ein: „Die österreichische Arbeiterschaft aller Zungen begrüßt mit jubelnder Bewunderung den über alle kühnsten Erwartungen hinaus⸗ fliegenden Sieg der deutschen Sozialdemokratie. Das kämpfende Proletariat beglückpwünscht mit freudigem Danke seine deutschen Genossen, die seine Hoffnung und sein Stolz sind! Mögen die Stichwahlen vollenden, was gestern so glorreich begonnen.“ Dias österreichische Parteiorgan, die„Wiener Arbeiterzeitung“, begrüßte unseren Wahlsieg mit folgenden Worten: „Der so überwältigende, schier märchen⸗ hafte Erfolg, den die deutsche Sozial demokratie am Wahltag errang, hat hier den größten Eindruck gemacht; es war wie ein politisches Ereignis des eigenen Staates. Die freudige Genugtuung der Arbeiter ist nicht zu schildern; stolzer und ergriffener können auch die Berliner Arbeiter nicht an dem Tage gewesen sein, der ihnen und den Genossen im ganzen Reiche einen so un⸗ ermeßlichen Triumph beschied. Die„Arbeiter⸗ Zeitung“ gab um die Mittagsstunde ein Extrablat: heraus, das die freudige Kunde in die Proletarierbezirke trug und dessen 50,000 Exemplare blitzschnell vergriffen waren. In der ganzen Stadt wurde nur von den deutschen Wahlen gesprochen und überall, auch im feindlichen Lager, herrscht über diese gewaltige Beteiligung von Kraft, Begeisterung und Willen eee Bewunderung.“ Außer den angeführten Kundgebungen sind von den Genossen einer großen Anzahl Städte des Auslandes Glückwunschschreiben eingelaufen, die beweisen, mit welch' lebhaftem Anteil die Genossen des Auslandes unseren Kampf ver⸗ folgten. „Alles gegen die Sozialdemokratie.“ Das halbamtliche Organ der Reichs ⸗ regierung, die„Norddeutsche Allgem. Zeitung“ gab die Parole aus, bei den Stichwahlen allseitig gegen die Sozialdemokraten zu stimmen. Sie sagte: „Die Berechtigung unserer seit Monaten wiederholt ausgesprochenen Mahnung an die bürgerlichen Parteien, die Sozialdemokratie als gemeinsamen Gegner zu betrachten und bei der Wahltaktik danach zu verfahren, wird durch diese Tatsache erneut bekräftigt. Bei der gegen⸗ wärtigen Sachlage erscheint es uns als Pflicht aller Parteien, bei den Stichwahlen jede andere Rücksicht bei Seite zu lassen und, wo irgend sozialdemokratische Kandidaten in Frage kommen, geschlossen gegen diese zu stimmen.“ Uns wundert diese Stellungnahme durchaus nicht, gewundert hätte es uns, wenn eine gegen⸗ teilige Parole ausgegeben worden wäre! Wenn aber die Liberalen darob in großen Jubel aus⸗ brechen, wird der Ausgang der Stichwahlen zeigen, daß es auch Wähler giebt, die sich nicht kommandieren lassen. Druck von„Oben“. Unserm Münchener Parteiblatt wird von seinem Berliner Gewährsmann, der in der Kruppangelegenheit sich als so durchaus wohl⸗ unterrichtet gezeigt hat, Nachstehendes mitgeteilt: „Als an die zuständigen Stellen die Aufgabe herantrat, den Kaiser vom Ausfall der Haupt⸗ wahlen zu unterrichten, befand man sich dort in begreiflicher Verlegenheit. Diese Verlegenheit wurde indessen recht bald beseitigt, als es sich herausstellte, daß der Katser über das Ergebnis in Berlin und Umgegend schon völlig informiert war. Er soll dann sofort angeordnet haben, daß ihm„nicht theelöffelweise, sondern in voller Klarheit referiert werde. Er habe sodann die weiteren Mitteilungen mit großem Ernst und unbeweglicher Miene entgegengenommen und nach einer Pause tiefen Nachsinnens erklärt: Es muß jetzt Alles daran gesetzt werden, daß dieser(hier folgte eine kurze Pause) Ge⸗ sellschaft bei den Stichwahlen der Weg abgeschnitten wird. Besorgen Sie das! Sofort nach dieser Unterredung erfolgte dann die Hinübergabe der Stichwahlparole der Re⸗ gierung an die„Nordd. Allg. Ztg.“, sowie die Anknüpfung von Unterhandlungen durch einen Mittelsmann des Reichskanzlers mit verschiedenen Größen der bürgerlichen Parteien, darunter Herr Bachem aus Köln. Bei diesen Unter⸗ redungen, die nach Lage der Sache keinen vollen Erfolg haben konnten, sollen für einzelne Per⸗ sönlichkeiten sehr belangreiche Erklärungen er⸗ folgt sein, deren Inhalt nach dem etwa zu⸗ friedenstellenden Ergebnisse der Stichwahlen zu realisieren sein würde. Die Rückberichterstattung au den Kaiser soll keineswegs volle Befriedigung geschaffen, beim Kaiser vielmehr den Eindruck einer erhöhten Mißstimmung hinterlassen haben.“ Das zeigt jedenfalls, welchen Eindruck das Volksurteil gemacht hat. Wahlrechtsfeinde. Nachdem die Wahlen erneut den Beweis geliefert haben, daß die Sozialdemokratie un⸗ aufhaltsam vorwärts schreitet, der sozialistische Gedanke immer mehr und immer fester Wurzel faßt, sehen sich die Rückwärtser, die Vertreter und Wortführer der besitzenden Klassen, nach einem Rettungskahn um, der sie vor der sozia⸗ listischen Hochflut retten soll. Natürlich ver⸗ fallen sie auf das alte Mittel: Beseitigung des Reichstagswahlrechts! So schreiben die„Hamburger Nachrichten“, das frühere Bismarcksorgan, anschließend an den Zusammen⸗ bruch des Hamburger bürgerlichen Mischmasches: „Das heutige Wahlrecht gibt den⸗ jenigen den Sieg, welche die Massen für sich haben, die Stimmen werden mechanisch gezählt, nicht gewogen, die des Straßenkehrers gilt genau so viel, wie die des Handelsherrn, des Rechtsanwalts, des Professors usw. Die Sozialdemokratie aber hat die Massen für sich, folglich siegt sie und wird immer nur mächtiger, so iange man nicht das Wahlrecht ändert. Wir glauben nicht, daß Aussicht besteht, jemals in Hamburg und anderen Hochburgen der Sozial demokratie wieder bürgerliche Kandidaten bei der Wahl durchzubringen, so lange das Wahlrecht im Reiche nicht einer gründlichen Revision nach Maßgabe des immer stärker fühlbaren Bedürfnisses unterzogen wird. Auch Bremen ist also jetzt sozfalistisch im Reichstage vertreten und die Hansestädte sind nun ganz in den Händen der Sozial⸗ demokratie.“ Diese wahlrechtsräuberischen Aeußerungen sind sehr dumm und anmaßend zugleich. Der Sieg der Sozialdemokratie, das Wachsen der sozialdemokratischen Stimmen und das Zurückgehen der bürgerlichen ist doch nur der öffentliche Ausdruck einer vorhandenen Tat- sache, der Tatsache nämlich, daß die Mehr⸗ heit der Bevölkerung kein Vertrauen mehr zu den bürgerlichen Parteien hat. Diese Tat⸗ sache bleibt bestehen, auch wenn das Wahl⸗ recht geändert und damit den rückschrittlichen Parteien bessere Wahl, erfolge“ verschafft würden. Das Wahlrecht wirkt gewissermaßen wie der Manometer am Dampfkessel, es zeigt die Stimmungen im Volke an, den vorhandenen Druck. Wer das Wahlrecht beseitigt, befindet sich dann eben im Unklaren über die Volls⸗ meinung und braucht sich nicht zu wundern, wenn es„Explostonen“ giebt. Dann ist es aber doch auch eine unverschämte An⸗ maßung der handvoll Millioräre, dem ge⸗ samten millionenköpfigen Volke Gesetze vor— schreiben und es bevormunden zu wollen. Das werktätige Volk braucht keinen Vormund, es verfügt über genügend Selbständigkeit, seine Geschicke sel bst zu leiten. Dann ist aber auch der Wahlausfall und das Anwachsen der sozialdemokratischen Stim⸗ men nicht zum wenigsten eine Folge der Scharf⸗ macher. und Unterdrückungspolitik, die von Seiten der Industriekapitalisten betrieben wird. Dadurch spornt man die Arbeiter zum ent⸗ schiedensten Widerstand an und sie suchen durch Abgabe sozialdemokratischer Stimmzettel sich ihrer Unterdrücker zu erwehren. Gerade in Bremen, dessen Verlust von den Bürgerlichen so sehr beklagt wird, hat, wie unser Hamburger Parteiblatt richtig bemerkt, der von dem Unter⸗ nehmertum geübte Terrorismus, der die Ar⸗ beiter zu willenlosen Sklaven herabdrücken wollte, diese angestachelt, alle ihre Kraft einzu⸗ setzen, um den Wahlsieg zu erkämpfen und die neuesten Vertreter der alten Scharfmacherprak⸗ tiken aufs Haupt zu schlagen. Man denke aber nur micht, daß etwa nur Junker und Konservative die Wahlrechts räuberei und Rechtlosmachung des Volkes betreiben. Im Grunde ihres Herzens sind die National⸗ liberalen ebensolche Feinde des Wahlrechts. Und wenn Herr Heyligenstaedt, der natio⸗ nalliberale Kandidat in seinem„Programm“ versprach, das Reichstagswahlrecht hochzuhalten, so hat eine solche Erklärung einen sehr frag⸗ würdigen Wert. Man muß sich vielmehr die Taten der Nationalliberalen und die Aeußerungen ihrer führenden Organe vor Augen halten und man erkennt sofort: Die National⸗ liberalen sind Feinde des geltenden Wahlrechts! Fußtritt für den Sozialisteuvernichter. Den Max Lorenz, der bei den Wahlen die schmutzige Arbeit der Sozialistenbeschimpfung und Verdächtigung für die Ordnungsparteien leistete, jagen die Leute, denen er Wahlhilfe leistete, jetzt zum Teufel. Ein Hamburger Ordnungsblatt schrieb dieser Tage:. „Zur Bekämpfung der Sozialdemokratie“ erscheint seit einigen Monaten die„Anti⸗ sozialdemokratische Korrespondenz“, die ein tüchtiger Kopf, Max Lorenz herausgiebt. Nachdem die Reichstagswahlen vor⸗ über und die wichtigsten Entscheidungen ge⸗ fallen sind, muß es endlich einmal aus⸗ gesprochen werden, daß die Art, in der die Sozialdemokratie hier bekämpft wird, auf einen anständig en Leser n achgrade widerwärtig werden muß. Sicherlich 5 eee eee 10 2 Nr. 26. Mitteldentsche Sonntags ⸗Reitung. Seite 3. hat die Kampfesweise der„Korrespondenz“ die Sozialdemokratie nur gefördert. Das Blatt ergeht sich in wilder Hetze nicht nur gegen die befehdete Partei selbst, sondern auch gegen diejenigen Organe, die in ruhiger, sachlicher Weise die Bekämpfung dieser Partei sich zur Ehrenpflicht anrechnen, dabei aber nicht in das Horn der„Antisozialen Korre⸗ spondenz“ stoßen. Die„Korrespondenz“ treibt ein Denunziantentum, das sich nicht nur gegen einen angeblichen Geheimbund innerhalb der Sozialdemokratie richtet, der sich schließlich als eine unschuldige Ver⸗ trauensmännerorganisation entpuppte, sondern auch gegen die bürgerliche Presse und schwächt sie in ihren Vorstößen gegen die Sozial⸗ demokratie. Wahrlich, die letzten Wahlen sollten zur Genüge gezeigt haben, daß der von der„Korrespondenz“ betretene Weg ein Irrweg ist.“ Also:„Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan!“ Braucht man ihn aber wieder einmal, wird man ihn wieder holen, denn einem solchen Menschen ist es gleichgültig, wie man ihn be⸗ handelt, er sieht blos auf Bezahlung, wie jeder Preßkuli der Kapitalisten, mag er nun in einem Amtsblatte sein Wesen treiben oder auf eigene Rechnung arbeiten. Wie man Sozialdemokrat wird. Ein alter Handwerker und Geschäftsmann schreibt dem Halleschen„Volksblatt“: 1. Als Sohn eines Demokraten von 28 glaubte ich, als ich wahlberechtigt war, mich an die da⸗ malige Fortschrittspartei anschließen zu müssen. Das habe ich getan, so lange ich wählen konnte. Ja-Sager mochte ich nicht wählen, weil ich da eine Wahl überhaupt für überflüssig hielt. Als meine erwachsenen Söhne, welche brave Menschen geworden sind, vom Militär und aus der Fremde zurückkamen, waren sie echte Sozial⸗ demokraten geworden, weshalb ich mich mit ihnen veruneinigte. Nun aber, nachdem ich durch Verluste im Geschäft, Krankheit in der Familie und verschiedene Unglücksfälle fast an den Bettelstab kam und sogar Armen⸗ unterstützung annehmen mußte, kam ich zur Erkenntnis, daß meine Söhne, welche mich jetzt in meiner Armut von ihrem bescheidenen Ein⸗ kommen freudig unterstützen, doch recht hatten, Sozialdemokrat zu werden. Nun bin ich auch Sozialdemokrat, aber ohne Stimmrecht, weil ich Armenunterstützung in Anspruch nehmen muß.— Vielleicht kann noch mancher aus dem Mittelstande, zu welchem ich mich rechnete, zur richtigen Erkenntnis hierdurch kommen, ehe es auch bei ihm zu spät wird.— 2. Ich habe einen Bruder, welcher im Anfange der fünf— ziger Jahre steht. Seine Profession kann er noch recht gut versehen. Er beklagte sich, daß er mit mehreren Altersgenossen außerhalb Halle Arbeit suchen müsse. Hier war ihnen von einem sehr patriotischen Unternehmer zu ver⸗ stehen gegeben worden, sie sollten einen Strick nehmen oder ins Wasser gehen.— 3. Einer meiner Bekannten hatte einen wohlgepflegten Vollbart, der sein Stolz war. Als ich ihn kürzlich ohne Bart traf und ihn kaum wieder erkannte, bekam ich auf meine Frage, wo er den Bart gelassen habe, die Antwort:„Ja, der fing an grau zu werden; da mußte er fallen; sonst nimmt mich keiner in Arbeit.“— Noch ein sozialdemokratischer Bürgermeister. In Grüwinkel in Baden ist am Freitag der zweite sozialdemokratische Bürgermeister in Baden gewählt worden.— Da in Baden die Bürgermeister nicht die Bestätigung der Regierung bedürfen, so ist diese Wahl eine definitive. Deutsche Rechtsprechung. Wegen was alles man heutzutage verurteilt werden kann, zeigte ein Prozeß in Berlin. Von der Strafkammer des Landgerichts dort⸗ selbst wurden am 18. Juni die Maurer Schmitt und Heinrich wegen Zertrümmerung einer Kaiser büste in einer Wirtschaft zu je 1¼ Jahren Gefängnis verurteilt. Von dengbeiden Belastungszeugen wurde nun einer, namens Loesch, beeidigt, obgleich er zugeben mußte, daß er mit den Angeklagten ver⸗ feindet war und selbst nichts gesehen hatte. Er will vielmehr von dem anderen Zeugen namens Klamm auf den Vorgang be⸗ zügliche Mitteilungen erhalten haben. Klamm bestritt entschieden, diese Mitteilung gemacht zu haben, und wurde nicht vereidigt. Ein Be⸗ weisantrag des Verteidigers der die Unglaub⸗ würdigkeit des Zeugen Loesch nachweisen sollte, wurde abgelehnt. Der Verteidiger legte darauf sein Mandat nieder. Ein anderer Fall bietet ebenfalls Interesse. Das Schwurgericht Nürnberg verurteilte die geistesschwache Dienstmagd Lehner, die ihr eigenes einjähriges Kind in die Pegnitz ge⸗ worfen hatte, zu sieben Jahren Zucht⸗ haus. Dies Urteil ruft die kürzlich in Hanau erfolgte Freisprechung der Baronesse v. Seckendorff wieder in Erinnerung, die ihr neugeborenes Kind bekanntlich zum Fenster hinausgeworfen hatte. Noch ein weiterer Fall ist bezeichnend: Während des Streiks bei Borsig in Tegel traf der Metallarbeiter F. zwei Arbeitswillige. Auf seine Frage:„Ihr arbeitet in Tegel?“ erhielt er die höfliche Antwort:„Das geht Dir'n Dreck an!“ Darauf bemerkte er:„Wartet nur, einmal krie-en wir Euch doch, es kommt noch eine andere Zeit.“ Wegen dieser Aeußerung wurde F. vom Landgericht auf Grund des § 153 der Gewerbeordnung zu einer Ge⸗ fängnisstrafe von 14 Tagen verurteilt. Das Gericht führte aus, diese an die beiden arbeitswilligen Dreher gerichteten Worte stellten sich als eine Drohung dar und zwar als eine versteckte Androhung einer Schädigung. Es wäre auch anzunehmen, daß der Angeklagte beabsichtigt habe, durch diese Hrohung die Ar— beitswilligen zu bestimmen, an einen Streik zwecks Aufbesserung von Lohn- und Arbeits⸗ bedingungen teilzunehmen. Angeklagter habe ihnen durch seine Aeußerung für den Fall, daß sie weiter arbeiteten, Unannehmlichkeiten und Chikanen in Aussicht gestellt. Rechtsanwalt Dr. Heinemann legte für den Angeklagten Re⸗ vision ein. Der Strafsenat des preußischen Kammergerichts verwarf jedoch das Rechtsmittel mit folgender Begründung: Die Revision scheitere an der tatsächlichen Fest⸗ stellung des Vorderrichters. Auch könne nicht der Nötigungsparagraph des Strafgesetzbuches (der eventuell Geldstrafe zuläßt) angewendet werden, denn die Arbeits willigen seien nicht mit einem bestimmten Vorgehen bedroht worden, sondern ganz allgemein mit Unannehmlichkeiten. Da wäre nur§ 153 der Gewerbeordnung an⸗ wendbar!!— Die preußische Klassenjustiz ent⸗ wickelt sich ja immer netter! Neue Art Soldatenschinderei. Das Zentrumsblatt„Der Volksfreund“ berichtet über eine Soldatenmißhandlungsaffaire, welche ein Feldwebel der 12. Kompagnie des 40. Infanterieregiments sich zuschulden kommen ließ. Der Feldwebel hatte einen Soldaten, welcher das Gewehr mit Petroleum geputzt, nach einer dem kommandierenden General von dritter Seite erstatteten Anzeige genötigt, zur Strafe Petroleum zu trinken, wodurch der Soldat erkrankte. Das Kriegsgericht hatte sich bereits mit der Sache befaßt, über deren Aus⸗ de Einzelheiten nicht zu ermitteln gewesen ind. Wahlerfolge der dänischen Sozialdemokratie. Ueber die Fortschritte der dänischen Sozial⸗ demokratie bei den Folkethingwahlen am 16. Juni wird dem Vorwärts geschrieben: Seit 1902 hat die Partei 12,507 Stimmen gewonnen, 3 Mandate neu erobert und nur 1 verloren. Seit unsere dänischen Partei⸗ genossen an den Folkethingswahlen teilnehmen, wächst ihre Stimmenzahl ununterbrochen in starkem Maße: 1872 zählten sie nur 268 Stim⸗ men, 1876 waren es 1076; 1892 erhielten sie schon 20,094, 1895 24,508, 1898 31,8172, 1901 42,972 und nun 1903 sind es 55,479 sozialdemokratische Stimmen. Für die Linke wurden 118,826, für die Rechte 50,559, für die Moderaten 20,613 Stimmen abgegeben. Die Sozialdemokratie steht also, wie mit der Zahl ihrer Abgeordneten, auch mit ihrer Stimmenzahl an zweiter Stelle unter den Folkethingsparteien. Von besonderem Interesse ist es, daß der liberale Finanz⸗ und Verkehrs⸗ minister Hage sein Folkethingsmandat für den 7. Kopenhagener Wahlkreis an einen Sozial⸗ demokraten, den Tischler C. A. Schmidt, ver⸗ loren hat. Amtliche Wahlresultate der Nachbar ⸗ kreise. Höchst⸗Usingen: 32,844 Stimmen ab⸗ gegeben. Davon erhielten: Brühne(Soz.) 14,239, Itschert(Ztr.) 9496, Dr Lotichius(ntl.) 7242 und von Klöden(Bund der Landw.) 1867 Stimmen. Die Stichwahl fand am 25. Juai statt. Brühne unterlag leider. Hanau⸗Gelnhausen: Hoch(Soz.) 15,470, Lucas(ntl.) 9762, Müller(Ztr.) 4814, Küstner(freis.) 1865 und Hirschel(Ant.) 517. Zersplittert waren 17 Stimmen. Unserem Genossen Hoch fehlen demnach 1505 Stimmen an der absoluten Majorität. Wetzlar⸗ Altenkirchen: Abgegebene Stim⸗ men 22,788. Breidebach(Z.) 6192, Krämer(Il.) 5743, Dr. Giese(A.) 3901, Heckenroth(B. d. L.) 3828, Bebel(S.) 3106, zersplittert 18. Stich⸗ wahl zwischen Breidebach und Krämer. Dillenburg⸗ Herborn(5. nassauischer): Der bisherige Abg. Hofmann(l.) erhielt 4933 Stimmen, Burckhardt(Stöckerianer) 4326, Wirth(Z.) 4089, Lucke(B. d. L.) 526, Alberti (Freis.) 809 und Genosse Bebel 1313. Gegen die Wahl von 1898, wo wir nur 841 erhielten, haben wir ganz erfreuliche Fortschritte gemacht. Frankfurt a. Main: Die Wahlbeteiligung war in diesem Wahlkreise eine weniger zahlreiche als anderwärts. Von 72375 Wahlberechtigten haben nur 40853 abgestimmt. Davon erhielten Stimmen: Wilhelm Schmidt S.) 20 178, Dr. L. Bruck(Freis.⸗Dem.) 7543, Dr. H. Os⸗ walt(Natlib.) 5068, Dr. Heyder(Zentr.) 3550, Herm. Laaß(Antis.) 4506. Zu dem Wahl⸗ ergebnis bemerkt mit Recht unser Frankfurter Parteiblatt: Es fehlten ihm(unserem Kandi⸗ daten Schmidt) also genau 250 Stimmen, die mit Leichtigkeit in einem Bezirke hätten geholt werden können, wenn unsere Genossen etwas mehr Elfer entfaltet hätten. Wiesbaden! 32,097 giltige Stimmen abgeben. Von den giltigen Stimmen enfielen 7607 auf Bartling(uat.), 7445 auf Imwalle (Str.), 6177 auf Krüger(frs. Volksp.) und 10,875 auf Lehmann(Soz.). 7 Stimmen sind zersplittert. Kreuznach⸗Simmern: In diesem Kreise leistete sich das Zentrum merkwürdigerweise drei Kandidaten. Von 20719 abgegebene Stimmen erhielten: Dr. Paasche(l.) 9499, Fuchs(Z.) 3303, Marx(3.) 3127, Bley(B. d. L.) 2620, Bebel(S.) 1086, Capallo(Z.) 1054. Stich⸗ wahl zwischen Paasche und Fuchs. Pon Nah und Lern. Gießener Angelegenheiten. — Was für blödsinniges Zeug der Soldschreiber des Mischmasches vor der Stich— wahl zusammenschmieren mußte, davon legte eine Notiz in der Montagsnummer des Amts⸗ blattes Zeugnis ab. Da wurde erzählt, daß die Liberalen in Londorf, Trais, Allendorf ꝛc. am Sonntag Versammlungen abgehalten hätten und es habe„ein Häuflein Sozialdemo— kraten“ die„Versammlungen“ von Ort zu Ort verfolgt und sie durch Verunglimpf⸗ ungen des liberalen Kandidaten Heyligenstaedt zu stören gesucht. Und dann wird weiter gekohlt: „Aus Privatgesprächen erfuhr man, daß die Bewohnerschaft der ganzen Rabenau der Sozialdemokratie mit Abscheu gegenübersteht.“ Mit welchem„Abscheu“ man in der Rabenan der Sozialdemokratie gegenübersteht, das hätte der Anzeiger genauer aus dem Wahlresultat der Hauptwahl als aus Privatgesprächen er⸗ 1 1 er. * C 7 10 1 Seite 4. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 26. fahren. In allen in Betracht kommenden Orten — mit alleiniger Ausnahme von Londorf— stieg unsere Stimmenzahl ganz bedeutend. Mainzlar von 11 auf 23; Kesselbach von 5 auf 26; Trais a. d. L. von 11 auf 24; Allendorf von 13 auf 26 ꝛc.— Das schaut gerade nicht nach„Abscheu“ aus! An meine Wähler! Die Wahl ist, wie zu erwarten war, zu Gunsten der liberalen Partei ausgefallen. Sie hat es durch die fast ausnahmslose Unterstützung der Antisemiten auf über 10% Tausend Stimmen gebracht. Ich finde es ganz natürlich, daß alle bürger⸗ lichen Parteien einig und geschlossen gegen uns vorgingen. Und nicht allein die Par⸗ teien, Beamtentum, Gewerbe- und Kriegervereine, Unternehmer, Geistliche, Lehrer, Bürgermeister, Polizeidiener, Nachtwächter, die ganze bürgerliche Presse— sie alle haben gegen uns Partei genommen und nicht immer zeugten die„geistigen Waffen“ der Gegner von Bildung und Wahr⸗ heitsliebe. Und trotzalledem für die„vaterlands⸗ lose“ Sozialdemokratie nahezu 8000 Stimmen, und zwar aus eigner Kraft. Wir haben keinen Gegner um seine Stimme gebeten, wir haben auch den Wahlkampf unpersönlich und an⸗ ständig geführt. Nicht immer war uns dies leicht gegenüber den Provokationen, namentlich der liberalen Presse.— Ebenso erfüllt es uns mit Genugtuung, daß wir im Wahlkampfe unsere prinzi⸗ piellen Ziele immer und immer wieder betont haben. Jawohl, wir haben hunderte Mal erklärt, daß wir die kapitalistischen Produktionsmittel enteignen wollen; daß wir Republikaner sind usw. Und doch sind wir weitaus die stärkste Partei geworden. Nur noch der Zusammenschluß der bürgerlichen Krethi und Plethi, vom Bund der Landwirte bis hinüber zur Gießener„Demokratie“ konnten das Mandat für die Kapitalisten retten.— Und nun Genossen, frisch ans Werk, sammelt und stärkt unsere Organisation, herein in die Gewerkschaften, in die Wahlvereine! Bedenkt, welche Massen noch den Tanz ums goldene Kalb mit⸗ machen; diesen irregeleiteten Brüdern aus den Kleinbauern- und Arbeiterstande müssen wir Aufklärung und Klassen— gefühl beibringen. Sofort muß damit begonnen werden.— Und zum Schluß herzlichen Dank allen den braven Genossen, die als Redner, Flugblattverteiler und sonstwie für unsere Partei gearbeitet haben. Nicht umsonst haben wir gearbeitet, große Erfolge sind uns geworden! Daß auch im Gießener Wahlkreise in absehbarer Zeit das rote Banner siegreich weht, dafür wollen wir wie bisher fleißig und treu zusammen— arbeiten. Hoch die internationale Sozialdemokratie! Gießen, den 26. Juni 1903. Eduard Krumm. 175 Bei der Stichwahl im Wahlkreise Gseßen ist unsere Partei unterlegen. Unser Genosse Krumm erhielt gach vorläufiger Zählung 7833 Stimmen, während der Misch⸗ maschkandidat Heyligenstaedt es auf 10700 brachte, also eine Mehrheit von beinahe 3000 Stimmen erhielt. Vergleicht man das Stich⸗ wahlresultat mit dem der Hauptwahl, so ergibt sich, daß— was übrigens vorauszusehen war— sämtliche antisemitische Stimmen den Liberalen zugefallen sind. Die Hauptwahlstimmenzahl unserer beiden Gegner zusammen, ergiebt 10478 Stimmen, fast auf's Haar genau die gleiche Zahl, die Heyligenstaedt erhielt. Die 1500 Stimmen, welche wir gegen die Hauptwahl mehr erhielten, sind unsere Reserven; wir haben sie aus eigener Kraft aufgebracht. Heyligenstaedt ist Reichstagsabgeordneter. Man wird von seiner Tätigkeit als solcher so wenig oder noch weniger hören, als von der des Herrn Köhler. Es wird das letzte Mal sein, daß die Bürger⸗ lichen den Gießener Wahlkreis gewinnen! Wir sind mit der Zunahme unserer Stimmen bei der Haupt⸗ und bei der Stichwahl zufrieden, sie bürgt uns dafür, daß wir bei der nächsten Wahl den Sieg erringen. Trotzdem das Organ Hirschels die antisemitischen Wähler zur strikten Stimmen⸗ enthaltung aufforderte und Köhler ebenfalls Kundgebungen in diesem Sinne losließ, sind die Antisemiten sämtlich ins Lager des Misch⸗ masches übergelaufen. Das zeigt, daß von Disziplin bei den Reformern keine Spur vor⸗ handen ist. An den Resultaten der einzelnen Orte, auf die wir in der nächsten Nummer nachmals zurückkommen wollen, erkennt man sehr deutlich, daß Stim menenthaltung nur ver⸗ einzelt geübt wurde. Eine Anzahl Orte haben für unsere Partei ein geradezu glänzendes Er⸗ gebnis geliefert. Wieseck, Steinberg, Staufen⸗ berg, Lollar, Heuchelheim, Leihgesteru, Großen⸗ Buseck, Alten⸗Buseck, Reiskirchen und andere haben sich recht tapfer gehalten. Es muß unsere Aufgabe sein, unsere Organisation weiter auszustatten, damit wir das nächste Mal besser gerüstet sind und dem amtlichen Apparat, deren Tätigkeit den Sieg des Mischmasches herbei⸗ führte, das nötige Gegengewicht bieten können. — Die Kampfesweise des Misch⸗ masch⸗Organs, des„Gieß. Anzeigers“ war während der Wahlbewegung eine geradezu skandalöse. Die unglaublichsten Dinge, die gröbsten Schwindeleien wurden in die Welt gesetzt. In der pöbelhaftesten und dabei höchst plumpen Weise wurde unsere Partei beschimpft und verleumdet. Bald fabelte das Amtsblatt von sozialdemokratisch-antisemitischen Kom- promiß, vald brachte es Schauergeschichten über sozialdemokratische Ausschreitungen. Einzelne Blüten wollen wir uns gelegentlich noch etwas genauer ansehen. Hätte für Heyligenstgedts Wahl nicht die Beamtenschaft wie toll ge⸗ arbeitet, die Tölpelhaftigkeit der Amtsblatt⸗ Tintensklaven hätte unweigerlich seine Nieder— lage herbeigeführt. — Eine„bittere Enttäuschung“ sollen wir nach dem„Gieß. Anz.“ an dem Wahlergebnis im Wetzlarer Kreis erlebt haben. Das Amtsblatt schrieb bet Mitteilung des Resultats von Wetzlar: „Bitter enttäuscht sind die Sozialdemokraten, die sicher hofften, in die Stichwahl zu kommen. Während sie 1898 einen Stimmenzuwachs von etwa 125 Prozent hatten, haben sie diesmal nur ein„Plus“ von 599 Stimmen. Die 3106 sozialdemokratischen Stimmen sind mit einer Ausnahme von 120 im Kreise Wetzlar angegeben worden.“ Unsere Genossen haben sich keineswegs der Hoffnung hingegeben, in die Stichwahl zu gelangen und konnten das gar nicht, wenn man sich die Stimmenzahl der Nationalliberalen und des Zentrums von 1898 vor Augen hält, von denen der eine 6100 und der andere 5200 erhielt. Wir sind mit unseren Erfolgen in Wetzlar, wo wir einen Zuwachs von mehr als 25 Prozent zu verzeichnen haben, sehr zu— frieden. Ebenso unrichtig ist es, wenn der elnzeiger von einer„schweren Niederlage“ spricht, die wir in Frankfurt erlitten haben sollen. Gewiß, glänzend ist das Frankfurter Resultat für uns nicht, aber eine„Niederlage“ sieht denn doch ein bißchen anders aus. — Zahlreiche Wählerversammlungen haben unsererseits in der Zwischenzeit von der Haupt⸗ wahl bis zur Stichwahl stattgefunden. Genosse Kru m m sprach in Londorf, Annerod, Göbelnrod, Queckborn, Bersrod, Beuern, Harbach. Ferner fanden Versamm⸗ lungen statt in Oberschmitten, Unterschmitten, Kohden, Odenhausen, Trais a. d. L., Ettingshausen, Merlau, Grünberg, Nidda, Großen⸗Buseck, Wieseck, Bingenheim und Echzell. In diesen Orten waren die Genossen Bartels, Spar r-Darmstadt, Dr. Michel s-Marburg, Trott⸗Haiger und Vetters die Rebner. Ueberall hatten die Versammlungen zahlreichen Besuch aufzuweisen und die Ausführungen unserer Redner wurden beifaͤllig aufge⸗ nommen. In einigen dieser Versammlungen traten Gegner auf. So hat der„liberale“ Rechtskonsulent Jöckel am Sonntag in Queckborn unserm Genossen Bartels entgegen, der ihn natürlich gehörig heimleuchtete. Ebenso erging es dem jungen Herrn in Grünberg, wo er in der am Mittwoch stattgefundenen, von über 200 Personen besuchten Versammlung das Wort ergriff. Dort hatten unsererseits Sparr⸗Darmstadt und Bartel s⸗ Berlin gesprochen. Die treffenden Ausführungen derselben über die indirekten Steuern, den Reichshaushaltsetat, das stehende Heer ꝛc. suchte Herr Jöckel durch nicht blos langweilige, sondern inhaltslose Redereien und unwahre Behauptungen zu entkräften. Von Bartels wurde er aber derart abgeführt, daß er selbst klein beigab. In den von uns anberaumten Versammlungen in Bingenheim und Echzell am Dienstag und Mittwoch traten unsern Genossen Vetters, der dort sprach, ebenfalls Gegner entgegen. Pastor Hildebrand aus Echzell erschien mit noch einigen nationalliberalen Herren, die ihre„patriotischen“ Pauken losließen. Vetters fertigte sie gründlich ab. Wir kommen auf einzelne Episoden noch zurück. 5 Kreisfest. Wie aus dem Inseratenteil ersichtlich ist und von uns übrigens schon früher mitgeteilt wurde, findet das erste Partei-Kreisfest am Sonntag, den 5. Juli in Trohe statt. Damit verbunden ist das Stiftungsfest und Fahnenweihe des Arbeitergesangvereins.— Es ist, wie bemerkt, das erste Mal, daß wir in unserem Kreise ein Kreisfest veranstalten. Im Offenbacher und Darmstädter Wahlkreise pflegen unsere Genossen schon seit langer Zeit alljährlich ihr Kreisfest zu feiern. Bei solchen Veran⸗ staltungen kommen zahlreiche Genossen aus den verschiedensten Ortschaften zusammen, lernen sich kennen, tauschen ihre Ansichten aus und das ist für unsere Agitation und Organisation zweifellos von größtem Nutzen. So hat auch unser Fest seinen agitatorischen Wert, wenn es auch zunächst bestimmt ist, unsern Freunden nebst ihren Familien ein paar frohe Stunden zu bereiten.— Es darf wohl die Erwartung ausgesprochen werden, daß die Genossen des Gießener Wahlkreises und auch der Nachbarkreise sich recht zahlreich in Trohe einfinden. Da. Komitee wird alles tun, um ihnen den Aufenthalt dort angenehm zu machen und wenn wir, was wir hoffen wollen, gutes Wetter haben, so wird es ein herrliches Fest geben.— Die Festrede wird Genosse Stadt⸗ verordneter Krumm halten. — Auch im dritten nassauischen Wahlkreise (St. Goarshausen⸗Montabaur) haben die sozialdemo⸗ kratischen Stimmen eine ganz respektable Zunahme auf⸗ zuweisen, was dort umsomehr in's Gewicht fällt, weil dieser Kreis mit zu den unbestrittensten Zentrums⸗ domänen gehört. Bei den drei vorhergegangenen Wahleu blieb unsere Stimmenzahl immer zwischen 650 und 700. Bei der diesmaligen Wahl erhielt Gen. Vetters 975 Stimmen. Der Zentrumsmann Dahlem wurde natürlich gewählt, wenn auch nur mit schwacher Mehr⸗ heit. Er erhielt 10,524, der Nationalliberale 5328 und der Kandidat des Bundes der Landwirte 4075. Unsere Genossen konnten nur eine geringe Agitation entfalten, sie mußten sich einzig auf die Verteilung eines Flugblattes beschränken. Versammlungslokale sind nur in 2 Orten des ausgedehnten Kreises zu haben.— Der Wahlkreis Limburg weist eine verhältnis⸗ mäßige geringere Zunahme der sozialdemokratischen Stimmen auf, trotz der rührigen Agitation die unsere Genossen entfalteten. Genosse Habicht brachte es nur auf 1900 Stimmen gegen 1829 im Jahre 1898. Der Zentrumsmann Cahensly, der bisherige Abg., ist der Stichwahl dem Nationalliberalen Buchsieb unterlegen. Aus dem Nreise Marburg-NRirchhain. R. Nachträgliches von der Wahlbewegung. In den letzten 8 Tagen vor der Reichstagswahl wurde in unserem Wahlkreise eine Agitation entfaltet, die wohl einzig im ganzen Regierungsbezirk Kassel dasteht. Namentlich waren es die sogenannten Nationalsozialen, welche den Wahlkreis mit Versammlungen überschwemmlen. 3— Nr. 26. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung Seite 3. Nicht weniger wie 10—12 Versammlungen fanden an jedem Abend in den verschiedenen Dörfern statt. Aus allen möglichen Himmelsrichtungen hatte Herr v. Gerlach seine Gehi fen herbeigeholt und als Redner auftreten lassen, jedoch nicht immer mit dem gewünschten Erfolg, nameutlich, wenn der rote Bader dazwischen kam. Noch am Vorabend der Wahl versuchten die Gerlachianer den Sozialdemokraten ein Schnippchen zu schlagen, indem sie eine große öffentliche Versammlung in Marburg und je eine in Cölbe und Ocker shausen abhielten, um dadurch die sozialdemokratische Versammlung, welche am gleichen Tage in Marburg stattfand, zu sprengen. Aber weit gefehlt. Die sozialdemokratische Versammlung war von 450 Personen besucht! Bader sprach unter großem Beifall und schilderte u. a. seine Erlebnisse in der Wahlbewegung. Cbenso stark besucht war auch die nationalsoziale Versammlung, in der v. Gerlach sprach. Dagegen konnte die nationalsoziale Versammlung in Cölbe nicht abgehalten werden, da nur — 9— Personen erschienen waren. Eine wenige Tage vorher stattgefundene sozialdemokratische Versammlung war dagegen von 80 Personen besucht. Ebenso erging es ihnen in Ockershausen, wo die Versammlung zwar gut besucht war, die Rede des Nationalsozialen jedoch sehr kühl aufgenommen wurde.— Aber auch wir„Roten“ glauben unsere Schuldigkeit in Bezug auf Agitation getan zu haben. Zwar hatten wir nicht nötig, wie es Herr v. Gerlach getan hat, an jedem einzelnen Wähler im ganzen Wahlkreis Flugblätter und Stimmzettel per Post zu schicken. Umso mehr haben sich aber die Genossen an der Ver⸗ teilung von Flugschriften in anerkennenswerter Weise beteiligt. Und der Erfolg ist auch nicht ausgeblieben, indem unsere Stimmen um 200 Prozent(1898: 38 Pro⸗ zent) zugenommen haben. Eine von 160 Personen besuchte Parteiversamm⸗ lung fand am letzten Samstag statt, um zu der Stich⸗ wahl zwischen dem konservativen v. Pappenheim und dem nationalsozialen v. Gerlach Stellung zu nehmen. Der Zweck der Versammlung hatte viele Neugierige herbeigelockt. Auswärtige Genossen waren von Kirch⸗ hain, Cölbe, Ockershausen und Cappel durch Abgesandte vertreten. Nachdem der Vertrauensmann je ein Schreiben, welches sich auf die Stichwahl bezog, vom Parteivorstand, von unserem Kandidaten P. Bader und von Herrn Professor Rathe verlesen hatte, entwickelte sich über unsere Stellung zur Stichwahl eine sehr leb⸗ hafte Debatte. Das man nicht für den Konservativen stimmen konnte, war ja selbstverständlich. Der Haupt⸗ punkt drehte sich darum, ob man für den National⸗ sozialen stimmen sollte. Genosse Dr. Michels, der das einleitende Referat übernommen hatte, beleuchtete noch einmal das flottenschwärmerische Benehmen der sogenannten Nationalsozialen, brachte auch einige Blüten aus der Hessischen Landeszeitung und den national⸗ sozialen Flugblättern zur Verlesung und kam zum Schluß zu der Ueberzeugung, daß man einen Mann, der für jede Heeres⸗ und Flotten⸗Vorlage stimmt, der ferner sich nicht gescheut hat, in seinen Flugblättern die infame Lüge zu verbreiten, die Sozialdemokraten wollten den Bauern sein bißchen Hab und Gut weg⸗ nehmen, daß man diesem Mann bei der Stichwahl seine Stimme nicht geben kann. Im gleichen Sinne sprachen die Genossen Abel, Weiershäuser, Wolf aus Marburg und Genosse Wedemann aus Cölbe. Genosse Wagner aus Kirchhain war jedoch dafür, daß man in der Stichwahl seine Stimme Herrn v. Gerlach geben könnte. Es fand eine geheime Abstim ung statt, an der sich nur Parteigenossen beteiligen durften. Die Abstimmung hatte folgendes Resultat: 23 waren für das Eintreten für Herru v. Gerlach, 73 für Stim⸗ menenthaltung, 5 Zettel ungültig. Der Vertrauens⸗ mann ermahnte darauf die Parteigenossen, den Beschluß strikte durchzuführen, da dieser Beschluß auch den Ge⸗ nossen in den entferntesten Orten mitgeteilt werde. Im Verschiedenen wurde die jetzt zu betreibende Agitation im Wahlkreise besprochen. Das noch be⸗ stehende Wahlkomitee wurde beauftragt, einen Entwurf auszuarbeiten, über den dann in einer am Samstag den 4. Juli stattfindenden Parteiversammlung beraten werden soll. Ockershausen gab bei der Wahl von 1898 nur 18, dagegen bei der letzten Wahl 101 sozialdemo⸗ kratische Stimmen ab, während alle anderen Kandidaten nur 68 Stimmen auf sich vereinigten. Den Vorsitzenden des dort bestehenden Vereins„Kriegerkamerad⸗ schaft“ hat sich furchtbar geärgert, daß seine„Kame⸗ raden“ rot gewählt haben. Das mußte gerochen werden. Er berief deshalb am letzten Sonntag eine Versamm⸗ lung des Vereins ein, in der er eine Vernichtungsrede gegen die„roten“ Kameraden hielt. Natürlich wurden dann die„roten Kameraden“ ausgeschlossen; auch will der Herr Vorsitzende Becker ein besonderes Augenmerk auf diejenigen Kameraden richten, die die„Mitteldeutsche Sonntagszeitung“ lesen.— Der Herr Vorsitzende Becker wird gut thun, wenn er alle Kameraden vom Verein ausschließt, da derselbe doch nur aus Arbeitern besteht und diese mit den„roten“ Kameraden gleiche Interessen haben und voran treten müssen. Aber auch der andere Verein„Kriegerverein“ hatte unter der roten Wahl zu leiden. Derselbe wollte am Sonntag sein Krieger⸗ fest feiern. Wie man hört, soll der Landrat dem Kriegerverein das Mitnehmen der Fahne auf dem Feste verboten haben, warum? weil die Kerle sozialdemokratisch gewählt haben sollen. Wahlmogelei. Verschiedene Klagen sind dem Wahlkomitee zugegangen, daß die Vorschriften des Wahl⸗ gesetzes nicht beachtet wurden. Soz. B. hat der Bürger⸗ meister in Bensdorf für seinen Knecht gestimmt. Außer⸗ dem sollen in verschiedenen Orten die Wählerlisten nicht vorschriftsmäßig ausgelegen haben. Kleine Mitteilungen. l Gerichtsvollzieher Schmitt aus Beer⸗ felden wurde vom Schwurgericht in Darmstadt wegen Verbrechens im Amte unter Zubilligung mildernder Um⸗ stände zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr ver⸗ urteilt. * Steckbrieflich verfolgter Pfarrer. Der Würzburger Untersuchungsrichter erließ einen Steck⸗ brief gegen den katholischen Pfarrer Kirchner, geb. 1861 in Kirchlauter an den Haßbergen, zuletzt in Hausen am Main, wegen betrügerischen Bankrotts und Unterschlagung. Es wird vermutet, daß Kirchner sich in die Schweiz geflüchtet hat. e Ein Prügelkaplan. Aus purer chrislicher Nächstenliebe hat der Kaplan Wolpert in Lechhausen beim Religionsunterricht den siebenjährigen Knaben einer Arbeiterswitwe derart mit dem Stock mißhandelt, daß der Junge zwei Stunden bewustlos liegen blieb. Der Diener Gottes wird sich vorläufig vor dem„irdischen“ Richter zu verantworten haben. Partei-Nachrichten. — 3 Monate wegen Stöcker⸗ Beleidigung. In dem Prozeß wegen Beleidigung Stöckers wurde Genosse Noske, Redakteur unsres Königsberger Partei⸗ blattes zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt. Der Gerichtshof nahm an, daß Stöcker in dem Prozeß Ewald objektiv etwas Un wahres gesprochen habe; es sei aber in keiner Weise erwiesen, daß er wissentlich oder fahrlässig einen Meineid geleistet habe. Mit Rücksicht auf die Schwere der Beleidigung sei, wie geschehen, erkannt worden. Ein Jahr Gefängnis wegen Majestäts⸗ beleidigung! Wegen Mapjestätsbeleidigung, die in einer Notiz der„Posener Volkszeitung“ begangen sein soll, ist der verantwortliche Redakteur der Breslauer „Volkswacht“, Genosse Ludwig Radlof, Dienstag vormittag von der ersten Strafkammer des Breslauer Landgerichts zu der furchtbaren Strafe von ein em Jahre Gefängnis verurteilt und wegen Fluchtverdachts sofort verhaftet worden. Die Verhandlung fand unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt. Der Gerichtshof führte in der Begründung aus, daß der Ausfall der Wahlen felbstverständlich ohne Einfluß auf die Höhe der Strafe sei, daß jedoch die vergiftende Wirkung solcher Majestätsbeleidigung eine scharfe Sühne erheischt. Deshalb wurde auf die furchtbar hohe Strofe erkannt. Briefkasten. Wieder mußten mehrere Einsendungen zurückgestellt werden. Versammlungskalender mußte ebenfalls zurück⸗ bleiben. Die Stichwahlen. Daß von den 122 Kreisen, in denen unsere Partei in der Stichwahl stand, uns nur wenige würden, wußten wir im voraus. Die Sozial⸗ demokratie hat in der Stichwahl stets mit den gesamten Gegnern zu kämpfen, nur in den seltensten Fällen kommt ihr eine bürgerliche Partei zu Hilfe. Mehr als den vierten Teil der 122 Kreise konnten wir nicht zu gewinnen erwarten und so ist es denn auch gekommen. Bis jetzt hat unsere Partei in 26 Kreisen ge⸗ siegt, so daß die Gesamtzahl der sozialdemo⸗ kratischen Mandate sich auf 82 beläuft. Leider haben wir einige schmerzliche Verluste zu ver⸗ zeichnen, denen allerdings erfreuliche und zahl⸗ reiche Gewinne gegenübersteheu. So haben wir Offenbach, Hanau und Fürth ver⸗ loren; Höchst nicht gewonnen, was wir gehofft hatten.— Großartig haben wir in Sachsen abgeschnitten. Ganz Sachsen, mit Ausnahme eines einzigen Kreises— Bautzen, wo der Antisemit gewählt wurde— gehört der Sozialdemokratie! Leipzig⸗Stadt wählte unseren alten Motteler, den„roten Post⸗ meister“, Knuten⸗Oertel wurde von unseren Ge⸗ nossen Schulze hinausgeworfen. Borna und Oschatz fiel uns ebenfalls zu. 15 Ferner wurden Sozialdemokraten gewählt: Königsberg: Haase; Stettin: Herbert; Frankfurt a. O.: Braun; Breslau: Tutz⸗ auer; Magdeburg: Pfannkuch; Flensburg: Mahlke; Lennep: Meist; Bochum: Hus; Dortmund: Bömelburg; Frankfurt a. M.: Schmidt; Mannheim: Dreesbach; Karls⸗ ruhe: Geck; Pforzheim: Eichhorn; Eßlingen: Schlegel; Böblingen: Sperka; Göppingen: Lindemann; München 1: Birk; Ludwigs⸗ hafen: Ehrhardt. Mainz: Dr. David. In Alsfeld fiel der Antisemit Bindewald durch; in Marburg wurde der Nationalsoziale v. Gerlach gewählt; in Friedberg siegte Graf 1 510 in Wetzlar ebenfalls der Nationalliberale ramer. 9 Naeh erfolgter 8 unterwerfe ich mein Warenlager einem n in eee r welcher Samstag beginnt.— Marktstrasse 17 parterre, 1., 2. und 3. Etage. (früher J. Cobn& C0.) Lebernahme Räumungs-Ausverkauf Ein großer Teil verschiedener Artikel ist im Preise 50— 75 Prozent ermäßigt. Sämtliche 4 Schaufenster sind mit Waren, welche zum Räumungs-Ausverkauf gestellt sind, dekoriert und ist deren Besichtigung sehr zu empfehlen. Jacob Heilbronner ö* 1 1 Marktstrasse 17 22 parterre, 5 1., 2. und 3. Etabe- „ 2— . r Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung · Nr. 26. Von Nah und Fern. Mord in Aschaffenburg. Am Samstag Nachmittag machte die bei ihrem Bruder in Aschaffenburg zu Besuch weilende 22 jährige Schwester des Obergärtners Haas einen Spaziergang durch die Fasanerie auf den Büchelberg und wollte um 6 Uhr wieder zu Nagl sein. Das Mädchen kam jedoch zur estgesetzten Zeit nicht, und ihr Bruder beruhigte sich mit dem Gedanken, daß es sich in der Zeit eirrt und später kommen werde. Als das ädchen jedoch über Nacht ausblieb, machte Herr Haas am Sonntag Morgen der Polizei Anzeige. Eine darauf vorgenommene Streife durch Fasanerie, Godelsberg, Büchelberg hatte den Erfolg, daß gegen 11 Uhr in der Nähe des Büchelberghauses die Leiche des Mädchens, mit durch stochenem Halse auf dem Rücken liegend, gefunden wurde. Der Körper war etwa 25—30 Schritte weit ins Gebüsch geschleift worden. Man nimmt Lustmord an. Uhr und Kette, sowie Geldbörse des Mädchens werden vermißt. Ein Feldschütze will das Mädchen, dem auf ungefähr 20 Schritte eine männliche Person folgte, am Samstag abend gegen 8 Uhr am Büchelberg gesehen haben. Als der Tat ver⸗ dächtig wurde ein in Kassel geborener, zuletzt in Marburg wohnender und von seiner Frau getrennt lebender Kaufmann Kelle am Sonn⸗ tag Nachmittag verhaftet. Vierfache Gatten mörderin. Ein Prozeß, wie er in den gerichtlichen Annalen kaum seinesgleichen finden dürfte, spielte sich vorige Woche vor dem Schwurgericht des Landgerichts in Allenstein(Ostpreußen) ab. Im Kreise Ortelsburg, unweit der russi⸗ schen Grenze, liegt das Dorf Röblau. Die Einwohner dieses Dorfes leben in guten wirt⸗ schaftlichen Verhältnissen und sind friedfertige Leute. Nur selten ist die Staatsanwaltschaft genötigt einzuschreiten. Um so größer war die Erregung, als im Frühjahr 1902 die Stille durch die plötzliche Verhaftung der Gastwirts⸗ frau Przygodda gestört wurde. Frau Przygodda soll jetzt zum fünftenmal verheiratet sein. Ihr fünfter Gatte soll eines Tages die Beobachtung gemacht haben, daß seine Frau ihm eine Quantität Arsenik ins Essen geschüttet habe. Aus diesem Anlaß kam es zwischen den beiden Ehegatten zu einem heftigen Auftritt. Gast⸗ wirt Przygodda erstattete Anzeige, zumal er festgestellt hatte, daß seine Frau große Mengen Arsenik verborgen halte. Da fiel es auf, daß die ersten vier Männer sämtlich ganz plötzlich aus dem Leben geschieden waren. Alle vier waren Besitzer von bäuerlichen Gehöften und befanden sich in günstigen wirtschaftlichen Ver⸗ hältnissen. Die Staatsanwaltschaft ordnete die Ausgrabung aller vier Leichen an. Es ergabssich, daß schon die Erde in der Nähe der vier Gräber mit Arsenik durchsetzt war. Die ärzt⸗ liche Untersuchung ergab auch, daß alle vier Männer soviel Arsenik genossen hatten, daß sie sterben mußten. Da ein erkennbarer Be— weggrund zu diesem fürchterlichen Verbrechen nicht vorhanden ist, die Tatsachen aber trotz beharrlichen Leugnens gegen Frau Przygodda sprechen, so zweifelte man zunächst an der geistigen Zurechnungsfähigkeit der Frau. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft wurde sie längere Zeit in der Provinzial-Irrenanstalt Kortau beobachtet. Es ergab sich jedoch, daß sie voll⸗ ständig geistig gesund ist. Sie ist deshalb in das Untersuchungsgefängnis wieder zurück— gebracht worden und hat sich nun wegen vier vollendeter und eines versuchten Mordes zu verantworten. Es waren drei Tage für die Verhandlung angesetzt. Das Urteil, das am 19. Junt gefällt wurde, lautet: Die Angeklagte, Besitzersfrau Przygodda, wird dreier Gatten⸗ morde für schuldig erachtet. Der Gerichtshof erkannte demgemäß dreimal auf Todes⸗ strafe und Ehrverlust. Gegen das Urteil ist von der Verurteilten Revision angemeldet worden. Vom serbischen Königsmord. Die Militärverschwörung in Serbien soll nur in Folge eines Zufalls nicht vor Ausführung der Morde bekannt geworden sein. Vor einigen Tagen jagte sich der Oberstleutnant Schiwkowitsch in selbstmörderischer Abficht eine Revolverkugel in den Kopf. Trotzdem kleine Gehirnfasern herausgetrieben wurden, blieb er wie durch ein Wunder am Leben. Man be⸗ zeichnete damals als Grund des Selbst⸗ mordversuches finanzielle Kalamitäten. Nun kennt man die wahre Ursache. Oberstleutnant Schiwkowitsch schickte, so berichtete die„Frankf. Ztg.“, am Vorabend des Attentates, am 10. Juni, mittags, einen Brief mit voller Unterschrift an den König, in dem er genau den Plan des Ueberfalles angab, alle Namen der Verschwörer verriet und auch den Zeitpunkt des Ueberfalles mitteilte. Der König empfing im Moment grade eine Deputation, steckte den Brief uneröffnet in seine Generalsblouse und 5 gänzlich, ihn später zu eröffnen. So fand man auch am 19. Juni den Brief in der Blouse, und nach der Eröffnung des Briefes erfuhr man den wahren Grund des Selbstmord⸗ versuches des Oberstleutnants Schiwkowitsch. b Unterhaltungs-Ceil. J ee 4 Der Zukunft entgegen! Der Sturm jauchzt durch den Frühlingswald, Wo junge Knospen schwellen. Und rüttelt aus dem Winterschlaf Mit seinen Kampfgesellen, Was weit und breit noch nickt und gähnt, Den Lenz noch fern und kraftlos wähnt. Goldpfeile schwirren durch's Gezweig: Es gischt und braust und wettert... Der Lenz rückt zum Bastillensturm, Ver alles niederschmettert, Was bannen will die freie Kraft, Die jubelnd neues Leben schafft. So naht der Menschheit Frühling einst, Weckt stolzes Siegeshoffen, Uns're Rerzen stehen dann Der Wahrheit Sonne offen. Schon glänzt der Sukunft Frührotschein, Die maienfrisch bald bricht herein! Heinrich Berg. Auch ein Bild aus dem Rechtsstaat e. Eine Irrenhausgeschichte. 6(Fortsetzung.) Abends gab es viermal in der Woche Magarinesuppen, einmal Speck, Sonntags Limburger Käse oder Leberwurst. Auch wurde täglich 1 Schoppen dünnes aber frisches Bier ausgegeben. Die Verpflegungskosten machten laut Statuten jährlich 260 Mk., doch wurden auch Ausnahmen gemacht, und für eine und dieselbe Verpflegung höhere Preise genommen. So mußte mein Vormund jährlich 480 Mark zahlen. Einige Andere zahlten für die erste Klasse teils weniger, teils ebensoviel, selten mehr, nur wenn es vornehmere Leute waren. Im Anfang meines Aufenthaltes miß⸗ trauten mir die Wärter sehr, da sie an mir sonst nichts fanden und die in den Akten ange⸗ kündigten Wutanfälle erwarteten. Als sie jedoch sahen, daß diese überhaupt nicht vorkamen und sie meinethalben keine Mühe hatten, im Gegen⸗ teil ich ihnen durch Arbeit Erleichterung schaffte befreundeten sie sich allmählich mit mir und war der Verkehr mit denselben nur durchaus freundschaftlich. Dies kann ich sogar vom Direktor sagen, abgesehen von seinem feind⸗ seligen Amt, daß er gegen mich verwaltete, bezüglich dessen ich seine Leistungen keineswegs anerkannt habe; im näheren Verkehr war er aber durchaus nicht boshaft gesinnt. Die Wärter, ebenso der Gärtner ließen mich Kränze zu Begräbnissen machen und vergüteten mir einen Geldbetrag, was jedoch sonst verboten war. Ich ließ mir für das Geld Guitarresaiten be⸗ schaffen, spielte und sang abends, manchmal von Wärtern und besseren Pfleglingen begleitet. Dies wurde mir vom Direktor nicht verboten. Letzterer war aber nicht immer rosiger Laune. Eines Morgens sah er mich Kränze winden. Mittags war Begräbnis eines Wärter⸗ kindes und ein Pflegling(auch Strümpfestricker wie ich) half mir mit Grün ordnen. Da frug er:„Für wen sind die Kränze?“ Ich ant⸗ wortete:„Für Herrn Dr. K., den Herrn Apotheker ꝛc.“„Für das Geld?“ Ich hatte nämlich zuvor für 8 Kränze zu winden Mk. 1.55 erhalten.„Das könnten Sie auch über Feier⸗ abend machen, fuhr er fort, anstatt daß zwei Mann von der Arbeit abgehalten werden.“ Ich entgegnete ihm, daß sich lebende Blumen am Morgen vor der Leiche verarbeitet, in Kränzen am frischesten erhielten; worauf er sich entfernte. Ein anderes Mal nach dem Fluchtversuch, wo er mich in die unterste Magazinzelle sperren ließ, höhnte er mich, ich sei nicht fähig, ein Geschäft zu führen und könne überhaupt keinen Brief schreiben. Freilich in der Zelle konnte ich das allerdings nicht und erwiderte:„Derartige Bemerkungen können Sie sich hier schon leisten.“ Einmal beschwerten sich Pfleglinge über das schlechte Essen, da sagte er ihnen:„Ihr seid ja nicht da zum Lange⸗ leben, sondern zum Ableben.“— In den ersten 2 Jahren meines dortigen Aufenthaltes schrieb ich öfters an meine Schwester, mich doch zu holen, oder wenigstens zu besuchen, weil ste jedes Jahr ein oder zwei Sendungen machte; sie vertröstete mich aber nur. Daß sie Schuld an meiner Internierung war, wußte ich da noch nicht. Dazwischen bat ich schriftlich meinen Vormund um einige Tage Aufnahme, damit ich im Sommer wenigstens einen Versuch zur Arbeitserwerbung machen könne, aber auch der hielt mich hin.— Schließlich erfuhr ich, daß eine einfache Bürgschaft zur Freilassung genügend sei, auch ohne Bewilligung des Vormundes oder der Verwandtschaft. So schrieb ich an einen Freund. Dieser besuchte mich bald, und fuhr mit seiner Frau und einem Nachbar am nächsten Sonntag mit eigenem Gespann zum Hospital, trotz des strömenden Regens. Mein Freund erhielt zwar beim Direktor die Erlaubnis mich zu besuchen, seine Frau und der Nachbar wurden jedoch zurückgewiesen. Auch durfte mein Freund das erste Mal einen daselbst internierten Bekannten nicht sehen, weil er so krank sei, wie man ihm sagte, daß 2 Wärter bei ihm sein müßten, was noch niemals der Fall gewesen ist.— In den ganzen 4 Jahren und 2 Monaten meiner Internierung lernte ich noch andere kennen, von welchen ich absolut nicht begreifen konnte, weshalb dieselben inter⸗ niert waren.— Die Besuche des Direktors Dr. T. mit seinen Studenten hatten für gesunde oder genesene bezw. auf dem Wege der Genesung befindlichen Pfleglinge gar keinen Wert. Er bekümmerte sich hauptsächlich um Abnormitäten bezw. Kopfbildungen von Mißgeburten ꝛc., seine sogenannte„Pathologie“. Wohl ging er mit den Leuten die Anstalt hindurch und kam auch einmal in die kleine Abteilung wo ich war. Ich fragte ihn ruhig:„Nicht wahr, Herr Medizinalrat, man muß lebenslänglich hier bleiben, oder gibt es auch eine Aussicht, daß man endlich entlassen werden kann?“ Da sah er mich scheu an und sagte:„Wenn Ihr Zu⸗ stand derartig ist, daß Sie entlassen werden können, dann wird man Ihnen Urlaub erteilen.“ Ich erwiderte ihm, daß ich darum bitte, ent- lassen zu werden, oder mindestens einen Urlaub zu erhalten. Während dessen retirierte er all⸗ mählich die Türe hinaus und der Treppe zu, und sah halb nach mir als ob er sich vor mir fürchtete, während ich doch ruhig sprach und ihm langsam nur bis zur offenen Türe not⸗ wendigerweise folgte, um verstanden zu werden. Bei meinen letzten Worten war er schon halb die Treppe hinunter, als ob er ein schlechtes Gewissen hätte. Dann habe ich nichts mehr von ihm gehört. Die Revisionen hatten ebenso wenig Erfolg. Während der ersten 2 Jahre meines Dortseins habe ich nur ein einziges Mal den Landesdirektor sprechen können, betreff Urlaub gegen Bürgschaft meines Freundes. Die beiden Revisoren, welche im Juli 94 ein⸗ mal durchkamen, kannte ich nicht, wußte daher E r.. ˙ ˙,.—˙eUmßL ͤ⁰!.k!.! WMm̃ Un Nr. 26. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. auch nicht in wieweit man den Herren Ver⸗ trauen schenken konnte. Kontrollen, wie die der Landesdirektoren, Ausschuß ꝛc., sind für Pfleglinge wertlos, denn Gebäude und Ein⸗ richtung zu loben, hat für jene keinen Zweck. Nachher wird dann im Wirtshause ein gemein⸗ schaftliches Essen abgehalten, was mit der Reise extra auf Kosten des Kommunals geht.— Bald nachher machte mein Freund ein Gesuch mit der nötigen Beglaubigung an den Direktor. Er erhielt die Zusage, und holte er mich mit einem anderen jungen Manne von dort am 8. September 95 mittags ab.— In dem Dorfe meines Freundes war ich nun teils für das Geschäft, besonders aber in der Landwirtschaft 11 Wochen lang gegen Kost und Wohnung peschäftigt. Nebenbei suchte ich schriftlich eine Stelle, auch bemühte sich ein Reisender, mich unterzubringen, indem er auf eigne Kosten annoncierte. Auf letzteres liefen 7 Gesuche ein, doch hatte Niemand Lust, trotz der niedrigen Bedingungen, einen aus dem Irrenhause Ent⸗ jassenen anzunehmen. Ich selbst fuhr etliche Mal nach der Stadt und versuchte anzukommen, 8 war aber auch erfolglos. Schließlich ließ die Herbstarbeit in der Landwirtschaft nach, auch hatte ih ihm seine Buchführung soweit in's Reine, gebracht und konnte daher meinem Freunde keine längere Gastfreundschaft mehr zumuten. Mein Vormund zahlte wohl nachher eine Vergütung für diese Penston, aber nicht in dem Maße, wie nach dem Hospital, sonst hätte mich mein Freund behalten können, und blieb mir dann doch Zeit, eine Arbeitsgelegen⸗ heit ausfindig zu machen. Als nun der Ober⸗ vormund hörte, daß ich dort war, äußerte er sich zu Hause:„Ich möchte wissen, was das für eine Familie ist, die den Kerl aufnimmt.“ Auch meiner Schwester, welche von meiner Freilassung hörte, war es nicht recht, denn sie schrieb an den Vormund, ob es nicht möglich sei, daß ich wieder in's Irrenhaus zurück⸗ geschafft würde, wogegen der Vormund ant⸗ worlete, daß gegen die Bürgschaft nichts zu machen sei.— Leider durfte ich nicht mehr bleiben. Der mir wohlwollende Reisende kam nochmals extra zu meinem Freunde, sowie der Lehrer aus dem Dorfe und Nachbarn und berieten, was wohl zu tun sei, mich von der Anstalt unabhängig zu machen. Sie kamen zu dem Schluß, daß ich, mit ihren guten Zeuguissen ausgestattet, meine Entlassung von dort sicher erhalten würde, zumal vor Kurzem der Marien⸗ burger Prozeß die Behörden so bewegt hätte, daß manche Verbesserung getroffen worden sei. Ich fügte mich in's Unvermeidliche und wußte wohl, daß ich wieder in der alten Gefangenschaft weiter bleiben mußte; nur blieb mir der Trost, im nächsten Jahre wieder geholt zu werden. Am 23. November kehrte ich daher ins Hospital zurück. Dort erhielt ich wieder meine alte Beschäftigung und verbrachte eintönig und ergebungsvoll meine Tage.— Bezüglich der Verpflegung ist zu bemerken, daß die Kleider für den Werktag oft sehr mangelhaft waren; die Hemden, wenn auch desinfiziert, war es nicht gerade ein Vergnügen zu lragen, wenn man bedachte, daß vorher Kranke mit eiternden Wunden und Unreinliche dieselben angehabt hatten. Gebadet wurde alle 4 Wochen einmal. Anfangs wurde mir sogar im Ostbau zugemutet, in einem Wasser zu baden, das ein anderer schon benutzt hatte.— Ende März 96 kamen der Oberpräsident, Landesdirektor und Landesrat zur Revision. Auf meine Bitten, mich zu ent⸗ lassen und mir meine Mündigung wieder zurück⸗ zugeben, damit ich mir helfen könne, antworteten sie mir mit ganz gewöhnlichen Vertröstungen. Dann reichte ich ein Schreiben an die Staats⸗ anwaltschaft beim Direktor ein. Dasselbe legte er zu den Akten und sandte es nicht ab. Auf einen heimlichen Brief an den Vorsitzenden des Landgerichts kam endlich Antwort an dem Direktor.— Nun war er voll Zorn, als er die Anmeldung zum Mündigungsverfahren machen mußte, und nun gezwungen war, mir auch die Ergänzungsbriefe dahin zu besorgen. Am 1. Nov. nahm der Direktor Verschiedenes von mir zu Protokoll, indem er mich verhörte, während des Verhörs die kaum ausgesprochenen Worte in's Fade herum. Daher war mein Vertrauen auf solche Protokollnahme nicht be⸗ sonders.— Am 2. Nov. kam der Amtsrichter des nächsten Städtchens, ein Studienfreund des Direktors, mit seinem Gerichtsschreiber, welch' letzterer das Wort führte. Er teilte mir zu⸗ nächst mit, daß mein Antrag abgelehnt sei, stellte mir jedoch in Aussicht, selbigen sofort erneuern zu können, was ich tat. Nun wurde ich Verschiedenes gefragt über das von mir angefochtene Urteil des Geh.⸗Rats T. und über Geschäftsfähigkeit. Der Direktor war dabei und brachte den Gerichtsschreiber mit seinen Bemerkungen dahin, daß eine überspannte Prüfung daraus gemacht wurde. Da gab er mir auf: Erklärungen über Themata aus der National⸗ Oekonomie zu machen. Es schien bald, als ob ich ein handels wissenschaftliches Professor⸗Examen ablegen sollte. Ich beant⸗ wortete ihre Fragen alle zur Genüge, obgleich ich in meinem früheren Geschäft solche Theorien gar nicht nötig hatte. Die ganze Verhandlung wurde in Folge der Bemerkungen des Direktors in einem ziemlich übermütigem Tone geführt, den ich mit Bescheidenheit erwiderte. Der Direktor blieb bei seiner Aussage, mein Zustand sei noch wie anfangs und er könne mich nicht gesund schreiben. Was er sich unter Gesundheit vorstellte, ist mir heute noch nicht begreiflich. (Fortsetzung folgt). Der Tabak als Heilmittel. Im„Tabak-Arbeiter“ lesen wir: Bekanntlich wird der Tabak in großem Umfange als Heil⸗ oder Des infektionsmittel gegen die Schafräude gebraucht. In Ländern mit ausgedehnter Schafzucht, wie Argentinien, Australien, Südafrika, splelt daher der Tabak in der Schafwäsche eine besondere Rolle und meistens werden derartige Tabake oder aus Tabak hergestellte Extrakte zollfrei oder zu einem ermäßigten Satze eingelassen. In Argen⸗ tinien wurden in den beiden Jahren 1900 und 1901 für 6,2 Millionen Pesos Tabak und Tabakwaren eingeführt, darunter allein für über 3 Millionen Pesos Extrakte(Krätzemittel) zur Schafwäsche und außerdem für 1801 Pesos denaturalisierter Tabak, der wohl zu gleichem Zwecke Verwendung fand. Ein erheblicher Teil der Extrakte kam aus Deutschland. Diese Heilmittel gegen die Schafräude(sarna) bestehen vorwiegend aus Tabakextrakten, doch werden auch alle möglichen andern Zusammen⸗ setzungen geheimer und nicht geheimer Herkunft, angewendet. In Argentinien bestehen verschie⸗ dene Fabriken, welche solche Antisarnicos herstellen. Jedoch werden die Hauptmengen vom Auslande bezogen und bedeutende deutsche Importfirmen haben darin einen großen Umsatz. Auf den Estancias bestehen beson dere Schaf⸗ bäder verschiedenartiger Konstruktionen, um die Tiere mehrere Male im Jahre mit dem Krätze⸗ mittel zu behandeln. Die Sarna soll bereits um das Jahr 1825 nach Argentinien einge⸗ schleppt worden sein. Antisarnicos werden vom vorsichtigen Landwirt auch als Vor⸗ beugungsmittel angewendet, und der Verbrauch muß mit dem Fortschreiten der rationellen Schafzucht noch weiter zunehmen. Rechtssprechung. Ansteckung mit Geschlechtskrankheit als Körperverletzung bestraft. Eine be⸗ deutsame Gerichtsentscheid ung ist von dem Landgericht zu München gefällt worden. Dieses Gericht erklärte die Ansteckung mit einer Geschlechtskrankheit für eine„schwere Körperverletzung.“ Ein Postgehilfe be⸗ wog ein unbescholtenes Mädchen zu intimem Verkehr, obgleich er wußte, daß er von einer Geschlechtskrankheit noch nicht geheilt war. Das Mädchen erkrankte schwer. Auf den ge⸗ stellten Strafantrag hin verurteilte das Gericht den Angeklagten zu einer Strafe von fünf Monaten Gefängnis. Bei der leider sehr des Gerichts war. denn er drehte mir was doch eigentlich Sache Dies war mir nicht lieb, roßen Ausdehnung der Geschlechtskrankheiten — Deutschland marschiert beinahe an der Spitze der„Syphilisation“— iß diese Gerichts ⸗ entscheidung von ungeheuerer bk; Es ist zu erwarten, daß die Entscheidung, sollte sie etwa angefochten werden, vom Reichsgericht als zutreffend anerkannt werden wird. Es wäre damit ein großer Schritt vorwärts getan zur Eindämmung der mitunter geradezu frevel⸗ haft leichtsinnigen Verbreitung von gesundheits⸗ mörderischen Geschlechtskrankheiten. 1. — Wahl-Katechismus für national⸗liberale Reichstags⸗Kandidaten. ö Bist Du Kandidat, so merke 7 88 Dir genau, was Du zu tun, Sei bedachtsam bei dem Werke; Denn die Pflicht gebeut Dir nun: Agitieren, referieren 0 Und besonders imponieren, 1 Wenn es angeht, auch düpieren, 1 Aber niemals debattieren—* Kandidat, das schreibe dir. Groß und deutlich auf Papier! 45 — 9 2 Wandern sollst Du rings im Kreise, 1 Selbstverständlich nie allein; N Immer sollen auf der Reise* Kund'ge Männer bei Dir sein. 1 Dich zu leiten, Dich zu schützen, Bravo rufend Dir zu nützen, Hüte schwenkend oder Mützen Kräftig Dich zu unterstützen— Werden Männer mit Dir geh'n Und Dir stets zur Seite steh'n. Kommst Du so an Ort und Stelle, Steigst Du auf das Podium; Drauf der Leiter schwingt die Schelle Und begrüßt das Publikum. Meine Herren! Ernste Zeiten Kräftig wider Umsturz streiten Guter Sache Sieg bereiten. Mann für Mann zur Urne schreiten— Also spricht er, und sofort Giebt er Dir zum Speech das Wort. Erst verneigst Du Dich mit Würde, Räusperst Dich und fängst dann an: Pflichtgefühl... gar schwere ürde. Bürgersinn... Kein eitler Wahn! Rote Rotte... Umsturzbande. Fort mit ihnen... aus dem Lande Männer aus dem Bürgerstande— Eine Stunde sprichst Du so, Setz'st Dich dann auf den—— Doch es ist Dir streng verboten, Dich etwa aus Uebermut Einzulassen mit den Roten Weil das niemals endet gut Auf der Würde Gipfel steigen, Denkerhaupt bedeutsam neigen, Rückansicht verachtend zeigen, Doch vor Allem gänzlich schweigen— Das ist Deine einz'ge Pflicht, Falls etwa ein Roter spricht. Vist Du Kandidat, halt' immer Dich an diese Vorschrift streng: Bet' Dein Sprüchlein; aber nimmer In ein Wortgefecht Dich men's! Agitieren, referieren Und besonders imponieren. Wenn es angeht, auch düpieren, Aber niemals debattieren— Weil Du, wenn Du debattierst, Unfehlbar Dich schwer blamierst! Splitter. 1 Zu erobern ist wohl nicht das Hauptwerk: Das Eroberte erhalten, 14 Dieses ist das Schwerere. 1 Herder. 1 Humoristisches. Zu früh geiubelt. Unter nicht endenwollendem 0 Jubel wurde bei den Wahlkommersen der Gegner in N Dessau verkündet, daß Genosse Peus in Brandenburg unterlegen ei. Die Gegner hatten aber zu früh ge⸗ jubelt; denn Peus ist zum erstenmal im ersten Wahl⸗ gang gewählt worden. Die langen Gesichter sollen beim Bekonntwerden dieser Tatsache ergöͤtzlich gewesen sein. Seite 8. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. No. 26. Leser und Leserinnen!! Berücksichtigt bei Euren Einkäufen die Inserenten dieses Blattes! CI Sozialdemokrat. Wahlverein des Wahlkreises Giessen-Grünberg. 2 — 2686 Großzes Areisfest 600 verbunden mit Si lit s- Fest des Wahlvereins Trohe und Fahmentoei ie des 2 Arbeiter-Gesangvereins. N Um halb 1 Uhr Empfang der auswärtigen Vereine. Um halb 2 Uhr Aufstellung des Festzuges. 200 Um halb 3 Uhr Uebergabe der Fahne. N Festrede: Herr Stadtverordneter Eduard Krumm⸗Gießen 2 s Konzert, Gesang, Kinderspiele, Tanz. 20 8 Für beste Speisen und Getränke ist gesorgt. Eintritt 20 Pfg. à Person. Die Genossen allerorts ladet zu zahlreicher Beteiligung ein 20 8 Das Fest-Komitee. 9 Millionen Cigarren fabelhaft billig zu verkaufen. 100 St. 5 Pf.⸗Cigarren nur M. 2,95 0⁰„ 6„ 5 1 3,70 100 7 8* 7 7* 4,70 100 1 10 1* r Bei 300 Stück Frankolieferung. Versand gegen Nachnahme. Für Güte der Ware wird aus⸗ 777 1 garantiert. Edgar Borrmann, Giessen Neustadt 11 1 Telefon 298 Eisen⸗, Stahl⸗ und Messingwaren, 1 und Bedarfsartikel für Schreiner, Zimmerleute, Küfer, Spengler, Dachdecker, Schlosser, Schmiede ꝛc.— Tür⸗, Fenster⸗ und Möbelbeschläge, Drahtgeflechte, Flechtrohr ꝛc.— Vogelkäfige, ee Lager in Herden und Oefen, Haus⸗ und Küchengeräten, Wasch⸗ u. Wringmaschinen, Landwirtsch. Maschinen u. Geräten, Kehlleisten, Holzornamenten, Bett⸗ u. 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