f rr ee krasser als je Nr. 52. Gießen, Weihnachten 1903. 10. Jahrg Nedaktion: Kichenplatz 11, Schloßgasse. Solnt Mitteldeutsche 8-30 Redaktionsschluß: Vonunerstag Nachmittag 4 Uhr. itun 9 Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich ch 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition mmer Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) Bestellungen Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33½% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. 2 Juserate 2 Die ögespalt. 9 a 5 8 8 8 i 5 5 5 5 0 i . . Weihnachtslied. m Kreise froher Weihnachtsgäste, Sei uns gegrüßt o Lichterbaum! Verheißung strahlen Deine Aeste Manch' kindlichem Erlösungstraum. Doch was wir mild Beschertes fanden, Wie stolz das Halleluja klingt— Der Heiland ist noch nicht erstanden, Der in die Welt die Freiheit bringt. Wohl folgten, Lieder auf den Lippen, Die Weisen Bethleh'ms Leuchte gern; Wohl lag das Kindlein in der Krippen, Doch war sein Stern ein Wandelstern, Die heitern Strahlen flohen und schwanden, Wo schwarzer Wahn die Schleier schlingt Der Heiland ist noch nicht erstanden, Derfin die Welt die Freiheit bringt. NN Umsonst mit seines Purpurs Falten Bedeckt der Gott das Büßerkleid: Die Gnade mag im Himmel walten, Die Erde braucht Gerechtigkeit. Die Liebe zwingt mit neuen Banden, Ob auch die alte Fessel springt— Der Heiland ist noch nicht erstanden, Der in die Welt die Freiheit bringt. Kein Jenseits kann den Helfer senden, Den Christ säugt jede Mutter groß; Die Menschheit muß mit eignen Händen Erkämpfen sich ihr irdisch Los. Er kommt in rußigen Gewanden, Der Retter, der die Hölle zwingt— Derz Heiland ist noch nicht erstanden, Der in die Welt die Freiheit bringt! Erkenntnis heißt die Bundeslade, Die Wahrheit gibt und Tugend schafft; Und Arbeit heißt die Wirkungsgnade, Die uns erlöst— durch unsre Kraft. Wann wir den Erdfluch überwunden, Der Hand und Hirn der Not verdingt— Dann ist der Heiland auferstanden, Der in die Welt die Freiheit bringt. Schon pflanzt der Geist, der Ueberwinder, Der Arbeit großen Weihnachtsbaum, Um den die Völker einst wie Kinder, Sich schaaren unter'm Himmelsraum. O Weiht ag! wann der ob den Landen Die ries'gen Lichteräste schwingt— Dann ist in jeder Brust erstanden Der Heiland, der die Freiheit bringt. Lu dwig Pfau. Nc ccc Friede auf Erden! Wieder kam die fröhliche, gnadenbringende Weihnachtszeit, das Fest der Liebe und Er⸗ lösung wie es genanntund tausendfach besungen wird. Friede auf Erden und dem Menschen ein Wohlgefallen! Seit zweitausend Jahren wird diese frohe Botschaft der leidenden Mensch⸗ heit verkündet, aber vergeblich warten wir auf ihre Erfüllung. 5 a Er, zu dessen Gedächtnis die Christenheit dieses Fest begeht, predigte die reine Menschen⸗ liebe, forderte Gleichberechtigung der Aermsten und Niedrigsten mit den Reichsten und Mäch⸗ tigsten. Für seine Lehren erlitt er den Ver⸗ brechertod am Kreuze, zu dem ihn die herr⸗ schende Gesellschaft, die„Ordnungsleute“ seiner Zeit, verurteilten. Und käme er heute wieder, er würde ähnliche Perhältnisse vorfinden. Und gerade diejenigen, die sich dem Volke als Ver⸗ künder seiner Lehre vorstellen, handeln am Wenigsten in seinem Sinne, stehen vielmehr, genau wie damals die Pharisäer und Schrift⸗ gelehrten auf Seite der Mächtigen und Be⸗ sitzenden und treten den Bestrebungen der arbeitenden, unterdrückten Menschheit entgegen, die auf Friede, Gerechtigkeit und Wohlfahrt für alle Menschen gerichtet sind. Es herrscht kein Friede auf Erden! Im Gegenteil, die Gegensätze zwischen Arm und Reich, Kapital und Arbett treten in dieser Zeit zu tage. Gewiß, die Ent⸗ wickelung des Menschengeschlechts hat seit jener Zeit gewaltige Fortschritte gemacht, eine vorher nie geahnte Höhe erreicht. Die Naturkräfte wurden im weitesten Umfange dem Menschen dienstbar gemacht und Reichtümer auf Reich⸗ tümer gehäuft. nur Einzelnen zu Gute Aber dieser Reichtum kommt und diese benutzen ihn, sich Herrschaft und Macht über die große Masse ihrer Mitmenschen, der Enterbten anzueignen. Ueppigkeit, Wohlleben auf der einen Seite, auf der andern aber Not, niedrigste Lebens- haltung, von menschenwürdig m Lebensgenusse keine Rede! Unterdrückung und Unrecht lastet 500 denen, welche den Reichtum geschaffen aben. Der christliche Staat hält es nicht für seine Aufgabe, den Bedrängten beizustehen und sie zu schützen. Er stellt sich im Gegenteil als eine Vertretung der besitzenden Klassen dar und erachtet es als seine Aufgabe, den Befreiungs⸗ bestrebungen der darbenden Massen die größten Hindernisse zu bereiten. Drohend richtet er seine Machtmittel gegen jene, welche die„gott⸗ gewollte“ Ordnung nicht in Ordnung finden. Gefängnis und Kerker den Kämpfern für Frei⸗ heit, Menschenrecht und Völkerfrieden! Und die christliche Kirche? Zu welchem der einzelnen Bekenntnisse ihre Priester sich immer zählen mögen, sie predigen den Schw chen Demut, Gehorsam, Unterwürfigkeit, Zufriedenheit, denn im besseren Jenseits werden sie für alle er⸗ littene Uubill entschädigt.„Es ist immer so gewesen und wird immer so bleiben!“ Damit glauben sie die heutigen ungerechten Zustände genügend erklärt und entschuldigt zu haben. Höchstens wird den Satten sanft nahe gelegt, den Hungernden und Durstigen einige Bettel⸗ brocken hinzuwerfen, womit sie ihre Christen⸗ pflicht erfüllt haben. Man giebt löffelweise, was man in Scheffeln nahm. Im Uebrigen heiligt die Kirche die verderbliche und dem Volksganzen nach jeder Richtung hin schädliche Ausbeutung des Menschen durch den Menschen als göttliches Recht. Besser als wir es hier vermöchten, zeigen zahlreiche Vorkommnisse der letzten Monate die Schäden unserer„herrlichen“ Gesellschaftsord— nung. Die Soldatenquälereien, Prozeß Bilse und vieles andere müssen jedem einigermaßen um sich Blickenden davon überzeugen. Wer den christlichen Staat aber in seiner ganzen Pracht sehen will, blicke nach Crim⸗ mitschau! Seit vier Monaten kämpfen dort über 7000 Lohnsklaven einen gerechten Kampf. Man wollte eine lächerlich geringfügige Besse⸗ rung der Arbeitsverhältnisse erreichen, den 10stündigen Arbeitstag! Es fanden Verhand⸗ lungen statt, die zu keinem Resultat führten, 600 Arbeiter kündigen. Sofort sperrten die Fabrikanten die sämtlichen Arbeiter aus! Wochenlang hungern die Entbehrungsgewohn⸗ ten Proleten um einer gerechten Sache willen. Und— Ehre den deutschen Arbeitern!— ihr Solidaritätsgefühl betätigt sich hier in groß⸗ artiger Weise! Hunderttausende Mark werden von denen, die selbst jeden Pfennig auf das Nötigste brauchen, zur Unterstützung ihrer kämp⸗ fenden Brüder aufgebracht. Die Armen setzen in höchsten Mute alles daran, um sich nicht völlig von den Fabrikbaronen knebeln zu lassen. Sie entbehren und leiden. Da kommt Weih⸗ nachten, wo die fromme Heilsbotschaft von der Geburt des Erlösers verkündet wird. Auch die Ausgesperrten wollen Weihnachten feiern. Nicht jeder kann für sich und seine Kinder einen Weihnachtsbaum anzünden. Man beschloß da⸗ her, gemeinsam das Christfest zu feiern, und traf die nötigen Vorbereitungen. Da— was man nie für möglich gehalten hätte,— der chpistliche söchsische Staat ver bietet die Weihnachtsfeier! Man sieht in der Weihnachtsfeier Betätigung revolu⸗ tionärer Gesinnung, Widerstand, Aufruhr! Das fromme Lied„Stille Nacht“,„heilige Nacht“ wird im Munde der ausgesperrten Arbeiter zum Umsturzlied. In den Hütten der Armen darf kein Licht zu trügerischen Hoffnungen locken. Aber die Fabrikanten von Crimmitsckau werden froh⸗ lockend ihre Christbäume erstrahlen lassen, und wenn ihre Sprößlinge sich beklagen, daß sie nicht so viel geschenkt bekommen hätten, wie sonst, so werden sie eine Ansprache an sie halten und in ihr jugendliches Gemüt die Lehre un⸗ Bei mindestens —.— . — .————— 5 2— . re 8 5 8.— 5 2 e 8.——————— E. ̃ ⅛—=.'! p. e 205 1—* g ä— —— Dr . ͤ ĩðW52 0r˖ꝶ 2 TTT 2 ä 1 1 ö . 0 1 9 ö 1 e—— Seite 2. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. vergeßlich einprägen, daß an solchem Unheil nur der geminderte Profit und die frevelhafte Begehrlichkeit der Arbeiter schuld sei, deren Verbrechen Gott durch seine königlich sächsischen Stellvertreter gestraft und gesühnt habe, indem er ihre Weihnachtslichter von Polizei wegen auslöschte Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen! Wir sind es, die Sozialdemokraten, die dafür kämpfen. 5 Unsere Aufgabe sei aber, den Kampf für Gerechtigkeit und für Erlösung unablässig weiter zu führen. Und neue Hoffnung und Sieges⸗ gewißheit strömt in die Brust eines jeden Mit⸗ kämpfers am Tage der Wintersonnenwende. Es wird Frühling werden! politische Rundschau. Gießen, den 18. Dezember. Bülow's Zukunfts⸗Staatsreden sollen dem deutschen Volke gewissermassen als Weihnachtsgabe in Massen bescheert werden. Durch die bürgerlichen Zeitungen läuft eine Notiz, daß jene Reden bei Mittler u. Sohn in Berlin erschienen seien. Hinzugefügt wird noch,„daß sich das kleine, billige Heftchen zur Massen verbreitung in Arbeiter⸗ kreisen eigne, wo es hoffentlich seine auf⸗ klärende Wirkung über die sozialistischen Uto⸗ pien nicht verfehlen wird.“— Gewiß nicht! Namentlich wenn, was sicher anzunehmen ist, die Buchhandlung Vorwärts jene Reden mit denen Bebels herausgiebt. Mit den Stram⸗ pel⸗Anni⸗Geschichten erregt man nur Heiterkeit bei den Arbeitern. Ueber Bülow's Zukunfts⸗Staatsrede urteilt der Abg. für Marburg, v. Gerlach, in der„Nation“ folgendermaßen: „Graf Bülow eröffnete den Kampf mit ei⸗ ner sehr sorgfältig, fast zu sorgfältig präparier⸗ ten Rede, die dem neuen Reichstag den Stem⸗ pel aufdrücken sollte: die Miquelsche Sammel⸗ politik in zwar nicht verbesserter, aber vermehr⸗ ter Auflage. Der ganze Reichstag soll es sein, von Adolf Stöcker bis Eugen Richter, der sich zusammenschließt im Kampfe gegen die Sozial⸗ demokratie. Das war der Grundton der ersten Rede. Aber als es einige Herren selbst nach der zweiten Rede noch nicht völlig erfaßt zu haben schienen, da ergriff der Kanzler zum dritten Mal das Wort und wurde nun so deutlich, daß selbst die parlamentarischen Wai⸗ senknaben es kapieren mußten. Die„eine reaktionäre Masse“ unter dem wohl⸗ klingenden Namen des Zusammenschlusses aller „bürgerlichen Parteien“, das ist das Ideal der Bülowschen Politik. Um dieses Ideal zu fördern, hat sich Graf Bülow sogar der ihm gewiß recht unerfreulichen Mühe unter⸗ zogen, sich mit einzelnen Stellen der sozialdemo⸗ kratischen Literatur durch seine vortragenden Räte vertraut machen zu lassen. Ohne ihm nahe zu treten, darf man wohl behaupten, daß er, der sich sonst umfassenderer allgemeiner Bil⸗ gung als ein gewöhnlicher preutzischer Minister erfreut, zu der für einen gebildeten Menschen erforderlichen allgemeinen Bildung die Kenntnis der sozialdemokratischen Literatur nicht rechnet. Wenigstens merkt man aus seinen Reden von einer solchen Kenntnis nicht 8. Diesmal schwenk: er allerdings den „grünen Bädecker für die Reise nach Utopien“, wie er Kautskys letzte Schrift nannte, in seiner Hand. Ob er aber diesen Bädecker gelesen hat, ist mir zweifelhaft. Er hat wenig⸗ stens nichts daraus zitiert, und er hat doch sonst keine Abneigung gegen das Zitieren. Unter diesemMangel einer gründlichen Kenntnis der Sozialdemokratie litten die sämtlichen Bülowschen Reden erheb⸗ lich. Sie waren ja reizende Feuilletons. Aber geschadet haben sie der Sozial⸗ demokratie nichts. Und wenn Graf Bülow mit Engelszungen geredet hätte, so wäre es auch noch so gewesen. Denn was nützen die besten Reden und die feinsten Witze gegenüber den Tatsachen? Die einzige Tat⸗ sache„Crimmits hau“ hätte genügt, um, jeder antisozialdemokratischen Rede die Spitze abzubrechen.“ So urteilt ein Mann, der ein Gegner der Sozialdemokratie, gewiß kein„Reichsfeind“ ist. Sein Urteil sticht vorteilhaft von den Lob⸗ gesängen ab, die dem Reichskanzler von der bürgerlichen Presse bis in die Reihen der Frei⸗ sinnigen hinein wegen seiner Antisozialistenreden gespendet wurden. Man wird mit solcher Be⸗ kämpfung der Sozialdemokratie nicht weit kom⸗ men, das sollten die Freisinnigen aus Erfah⸗ rung wissen. Eugen Richters„Irrlehren der Sozialdemokratie“ und seine„Bilder aus dem Zukunftsstaat“, die trotz der daraus sprechen⸗ den kläglichen Unwissenheit ihres Erzeugers in bezug auf sozialistische Dinge noch hoch über Bülows Abklasch dieser Weisheit stehen, sind bei ihrem Erscheinen von der liberalen und der reaktionären Presse ebenso gepriesen wor den als das endlich gefundene Mittel zur Vernich⸗ tung der Sozialdemokratie. Sie sind heute vergessen. Und das Resultat der Sozia⸗ listenvernichtung? Die Sozialdemokratie musterte 3 Millionen ähler, während der Freisinn als eine politische Ruine dasteht und bald ganz verschwundeu sein wird. Blutrünstige Reaktionäre. Nächstens wird eine Flugschrift des be⸗ kannten Mlilitärschriftstellers General v. Bo⸗ gulowski erscheinen, in welcher, wie einige Zeitungen berichten, folgende Tollhäuslereien zu lesen sein werden: „Wir brauchen ein Gesetz gegen die revolutionäre Sozialdemokratie, und ich bin überzeugt, daß es kommen muß und wird— möge es nicht zu spät sein. Es gilt die Autorität des Staates herzustellen. Millionen würden die Augen aufgehen, Mil⸗ lionen kleiner Gewerbetreibender und Hand⸗ werker würden vom Terrorismus befreit aufatmen.— Die Doktrinärs und Mauserungs⸗ männer werden jammern; Verbissenheit und Groll würden auch ihre Rolle spielen. Die Möglichkeit einzelner Ausbrüche, Verschwörungen, ist nicht abzu⸗ leugnen. Aber ste ist unwahrscheinlich. Wie das Gesetz beschaffen sein könnte, will ich hier nicht erörtern, unter allen Umständen müßte dos Leitmotiv sein: Zerstörung der sozialdemokratischen Organisationz Verhinderung weiterer Verhetzung, Bestrafung der Anstifter von Streiks ohne Innehalt der kontraktlichen Zeit. Der Moment für den entscheidenden Kampf wird sich finden. Und der Weg? Wo ein Wille ist, ist ein Weg! Daß man zuerst versuchen müßte, das neue Wahlgesetz, selbst um den Preis wiederholter Auflösungen des Reichstages durch zusetzen, ist ein Weg. Aber man muß sich bewußt sein, daß es dann kein Zurückweichen mehr gibt. Dann kann es nur heißen:„Nicht reden, sondern handeln!“ Aehnliches Zeug ungefähr faselte auch der Antisemitenhäuptling Lieber mann von Sonnenberg kürzlich im Reichstage, als er sagte:„Ich wünsche geradezu, daß es zur Revolution kommt— dann würde es endlich besser werden.“— Welche unglaubliche Borniertheit und Roheit zugleich liegt in solchen Worten! Indessen ist die Offenheit dieser Edelsten erfreulich, ste legen so ihre wahre Gesinnung an den Tag. Durch Wahlentrechtung, Ver⸗ gewaltigung, Zerstörung der gewerkschaftlichen und politischen Organisation ill man die Ar- beiter zu Verzweifelungsausbrüchen provozieren, um dann die Arbeiterbewegung im Blute zu ersticken! Aber dieses Indianergeheul wird die Sozialdemokratie nicht von ihrem vorgezeichneten Wege abbringen! Stärke und Entwickelung der Parteien. Nach der amtlichen vergleichenden Ueber⸗ sicht der Wahlen von 1898 und 1903 haben sich am ersten Termin 68,1 Prozent und am zweiten 76,1 Prozent der Wähler an den Reichstagswahlen beteiligt. Von den einzelnen Parteien giebt die amtliche Tabelle folgendes Entwicklungsbild: Nr. 52. 1898 1903 Wählerzahl Proz. Wählerzahl Proz. Deutschkonserv. 859 222 11,1 948 448 10,0 Reichspartei 343 642 4,4 3330 Nationalliberale 971302 12,5 1313 051 13,8 Freis. Vereinig. 195 682 2,5 243 230 2,6 Freis. Volksp. 558314 7,2 542 556 5,7 Deutsche Volksp. 108 528 1,4 92110 Zentrum 1455 139 18,8 1875 292 19,7 Polen 244 128 3,1 347 784 3,7 Antisemiten. 284 250 3,7 244543 2,6 Bund d. Landw. 110 389 1.4 118 759 1,2 Bauernbund 140 304 1,8, Andere Part. (Nationalsoziale, Dänen, Welfen, Litauer, Els usw. 268 234 355 248 024 2,6 AUnbestimmt 92 137 1,2 55 249 0,6 Zersplittert 0 13 846 0,2 11884 CO, Sozialdem. 2107076 27,2 3010 771 31,7 Nach diesen amtlichen Feststellungen haben seit 1898 an Stimmenzahl absolut abge⸗ nommen: Reichspartei, Freisinnige Volkspartei, Antisemiten, Bauernbündler, Wilde. Absolute Zunahme, aber Abnahme im Verhältnts zur vermehrten Wählerzahl haben Konservatioe und Bund der Laadwirte. Absolut und relatio gewachsen sind Nationalliberale, Freisinnige Vereinigung, Zentrum, Polen und Soztaldemokraten. Die letzteren haben a m stärksten zugenommen, nämlich auf je 100 abgegebene Stimmen 4,5. Gewerbliche Berufe in der soztaldemo⸗ kratischen Reichstagsfraktion. Nach einer Zusammenstellung sind in der sozialdemokratischen raktion 3 Maschinen⸗ schlosser, 2 Former, 1 Kunstgießer, 1 Klempner, 3 Gürtler, 1 Goldschläger, 1 Sattler, 1 Tape⸗ zierer, 4 Textilarbeiter, 1 Glaser, 2 Drechsler, 6 Tischler, 2 Klaviermacher, 1 Holzbildhauer, 1 Bürsteabinder, 1 Stellmacher, 1 Zim merer, 1 Maurer, 7 Schriftsetzer bezw. Buchdrucker, 1 Litograph, 1 Buchbinder, 1 Zigarrensortierer, 6 Zigarrenarbeiter, 1 Schuhmacher, 3 Schneider, 1 Handschuhmacher, 1 Töpfer, 1 Glasarbeiter, 1 Schlachter und 1 Kaufmann. Diese 58 Mit⸗ lieder der Fraktion haben sämtlich den vor⸗ stehend für sie angegebenen Beruf erlernt, wenn ste heute größtenteils nicht mehr in diesem Berufe tätig sind, so vermögen ste doch stets mit Sachkenntnis über die Berufsfragen der angeführten Berufe zu urteilen. Mit wel cher Sachkenntnis sie es können, das hat in jüng ster Zeit erst der Kampf gegen den Zolltarif be⸗ wiesen. Daraus erhellt zur Evidenz, daß es keine bessere Vertretung für die Gewerkschaften giebt, als die sozialdemokratische.— Auch der „Mittelstand“ sollte die Tatsache beachten, daß in der sozialdemokratischen Fraktion sich mehr „Leute der Praxis“ befinden, als in andern Parteien. Militaristische Kultur. Einjährige als Opfer seiner Schindereien hatte sich der Unteroffizier Heim der 12. Komp. des 3. bayr. Inf.⸗Regts. ausgesucht. Er hatte bei seinem Abgang von der Unteroffizierschule das Prädikat„guter energischer Abrichter“ erhalten und wollte nun auch diesem schöuen Titel Ehre machen. Die Einjährigen belegte er mit den unflätigsten Schimpfwörtern, ließ ste blödsinnige Sätze 300 mal abschreiben, stieß sie mit dem Seitengewehr vor die Brust und in die Kniekehlen, daß Blut floß usw. Der bodenlos rohe Patron versuchte vergebens„krankhafte Anfälle“ vorzuschützen, es gelang ihm aber nicht; denn er wurde wegen Dutzenden von Fällen des Mißbrauchs der Dienstgewalt und der Waffe usw. zu5 Monaten Gefängnis und Degradation verurteilt. Aus einer Reihe von Gründen erfreuen sich die Einjährigen in der Regel einer rücksichtsvolleren Behandlung durch die Unterofftziere. Darum verdient dieser Fall besonders der Erwähnung. Ueber 1500 Soldatenmißhand⸗ lungen hat der Unteroffizier Frauzki in Rendsburg auf dem Kerbholz und damit den berichtigten Schinder Breidenbach in den Schatten gestellt. Wegen eintausendfünf⸗ hundertundzwanzig Fällen von Sol⸗ datenmißhandlun gen, achtzig Fällen von vorschriftswidriger Behandlung, zwanzig Fällen ...... . —— EPE F ccc W ——— — e Nr. 52. Mitteldeutsche E ountags⸗Zeitung Seite 3. des Geldborgens, besser gesagt der Erpress⸗ ung an Untergebenen wurde die Bestie zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Der Prozeßbericht liest sich wie der Bericht aus einer mittelalterlichen Folterkammer. Faust⸗ schläge, Prügel mit Klopfpeitschen, Besenstielen, Tritte gegen den Magen, mit dem Kopf an die Wand laufen lassen, Anspeien— das haben sich deutsche Soldaten, in 100 200 Fällen mancher Einzelne, widerstandslos ohne Klage, ohne Beschwerde gefallen lassen! Erst als ein Mißhandelter aus Furcht vor seinem Peiniger fahnenflüchtig wurde, kam die Sache ans Tages⸗ licht. Inzwischen hatte Franzki seine Unter⸗ offizierslaufhahn in aller Gemütsruhe beendet und war auf Grund günstiger Qualifikationen —— Schutzmann in Hamburg geworden. Für seine Folterwerkzeuge hatte die Bestie patriotische Kosenamen. Seinen Knüppel hatte er Friedrich Wilhelm getauft. Als„Friedrich Wilhelm“ am Rücken eines Soldaten entzwei gegangen war, bekam er in„Friedrich dem Großen“ einen kräftigeren Nachfolger. So hat der Unteroffizier Franzki besser und richtiger preußische Geschichte geschrieben, als mancher königlich preußische Hofhitoriker. Der Reichskanzler sagt, Preußen set durch den Drill groß geworden, zum Drill aber gehören auch die Prügel. Die Macht des alten feudalen Preußen beruht allerdings auf„Friedrich Wil⸗ helm“ nach Franzkis Geschichtsauffassung und 10„Friedrich dem Großen“— dem Unzerbrech⸗ chen. Hört man aber den Reichskanzler oder den preußischen Kriegsminister weiter, so ist das ein bedauerlicher„Einzelfall“. Die Sozialdemo⸗ kratie aber, die das Verdienst trägt an der Aufdeckung solcher entsetzlicher Zustände und der allein es zuzuschreiben ist, wenn dieser militä⸗ rische Sumpf einmal trocken gelegt werden sollte, ist gemeingefährlich, voltsfeindlich, gewalttätig, terroristisch! Sozialdemokratische Wahlerfolge. Bei den Gemeindewahlen in Württem⸗ berg haben unsere Genossen in einer Reihe Städte und Landgemeinden recht ansehnliche Erfolge errungen. In Stuttgart gingen sie mit der Volkspartei zusammen, es wurden von jeder der beiden Parteien 4 Kandidaten ge⸗ wählt.— In Heilbronn gewann unsere Partei zwei Sitze und noch in einer Reihe von anderer Orte brachte unsere Partei ihre Kandi⸗ daten durch oder erzielte Stimmenzuwachs.— Ferner siegten unsere Genossen in Rintheim bei Karlsruhe, wo fünf Sozialdemokraten in den Gemeinderat gewählt wurden, und wo diese jetzt die Mehrheit haben.— In Konstanz wurden durch gemeinsames Vorgehen mit den Demokraten und dem Zentrum erstmals vier F in den Bürgerausschuß ge⸗ wã lt. Mit Landtagswahlrechtsreformen beschäftigt man sich gegenwärtig in verschiedenen deu 1115 Vaterländern. Bayern, Baden, Sachsen, bekanntlich auch Hessen, wollen die bestehen⸗ den Wahlgesetze ändern. In Bayern haben die Liberalen erklärt, gegen das Wahlgesetz stimmen zu wollen und nehmen dabei die Wahlkreiseinteilung zur Ausrede, die allerdings das Zentrum begünstigt. In Wirklichkeit wollen die Herren nichts vom direkten Wahlrecht wissen, genau wie ihre Gleichgesinnten in Hessen. Oeffentlich in den Wahlversamm⸗ lungen stellten sie sich als Freunde des direkten Wahlrechts vor, seine Einführung suchen sie aber hinterrücks zu vereiteln.— Die schönste Sorte von Wahlgesetz, das sicher die Zustimmung der Dreiklassenmänner findet, bietet man den hellen Sachsen. Da werden die Wahlkörper nach„Ständen“ gebildet— als befände man sich im Mittelalter— und die Geschichte ist so eingerichtet, daß nur wenige oder gar keine Sozialdemokraten in den Landtag kommen. Im übrigen sieht das Ding den sächsischen Staatslenkern ähnlich. Ausland. Frauenstimmrecht in Dänemark. Das dänische Folkething(Abgeordnetenkammer) hat die Vorlage betreffend die kommunale Wahlreform einstimmig angenommen. Die So⸗ zialdemokraten sind besonders mit der Bestimm⸗ ung, die den verheirateten Frauen das Wahl⸗ recht verleiht, sehr zufrieden. Nach der vom Folkething vor zwei Jahren angenommenen Vorlage sollte nämlich nur die Frau, die ihr besonderes Vermögen hat, nicht aber die, welche mit ihrem Manne in Gütergemeinschaft lebt, das Wahlrecht erhalten. Dadurch würden also nur die wohlhabenden Frauen der Bourgeoisie, nicht aber auch die Frauen der Arbeiter das Wahlrecht bekommen haben. Die ganze Vor⸗ lage wird nun dem Landsthing(Herrenhaus) überwiesen, wo sie aber auf starken Widerstand stoßen wird. Revolutionäres aus Rußland. In einer in Petersburg verteilten Prokla⸗ mation wird mitgeteilt, daß der Poltzeichef von Bjalystok, Metlenko, am 13. November ermordet worden sei, weil er unbewaffnete Ar⸗ beiter, die von einer Versammlung im Walde friedlich heimkehrten, durch die Polizei an⸗ greifen und schlagen ließ; selbst Frauen und Kinder seien dabei nicht geschont worden. In Sormowo, einer Vorstadt von Nishni⸗Nowgo⸗ rod, ist die Leiche eines gewissen Piatnitzki, der für einen Lockspitzel galt, gefunden worden und in Ufa ist der Prästdent des dortigen Ge⸗ richtshofes, Peslikow, von einem politischen Verbannten, Namens Pokroweki, ermordet worden; Letzterer erschoß sich dann selbst.— Die Universität in Warschau, sowie das Technikum in Kiew sind auf unbestimmte Zeit geschlossen worden. Sie dienen dem Mammon. Die würdigen Prälaten im Vatikan nämlich. In ben Kassen des Vatikans in Rom werden täglich neue Fehlbeträge entdeckt. Ein intimer Freund Leos XIII. ist vom Papste zur Rückerstattung von 10 Milliouen Lire, welche er entnommen hatte, aufgefordert wor⸗ den. Auch andere Prälaten sollen sich bedeu⸗ tende Beträge angeeignet haben. Papst Plus ist entschlossen, dieser Mißwirtschaft unter allen Umständen ein Ende zu bereiten. Die Nachrichten zeigen, daß man in der Umgebung des Papstes das„Teilen“ aus dem ff versteht. Soziales. Zum Klassenkampf in Crimmitschau. Die Chemnitzer Volksstimme meint zu dem Verbot des Weihnachtsfestes in Crimmitschau: „Die sächstschen Machthaber haben sich gerade⸗ zu selbst übertroffen. Eine Weihnachtsbescheer⸗ ung zu verbieten, in Deutschland, dem christ⸗ lichen Staate, in dem Deutschland, wo die Her⸗ zen angeblich gerade zu Weihnachten am ge⸗ fühlvollsten und am weichsten sind, das konnte nur im total verknöcherten und reaktionären Sach⸗ sen geschehen. Der Widerwille gegen das säch⸗ sische System wird jetzt kaum noch gesteigert werden können. Jede Spur einer Art von sächsischen Empfinden ist in der Brust der Bewohner dieses Landes ertötet worden. Die Regierung lasse am Weihnachtstage eine Ab⸗ stimmung darüber vornehmen, wer die Aufrecht⸗ erhaltung Sachsens mit eigener Regierung wünsche, wer nicht. Die große Masse des Volkes hat die Regierung gegen sich. Auf Bajonetten allein aber kann man nicht lange sitzen Wenn die Weihnachtsglocken tönen, in den Kirchen von den Kanzeln das„Friede auf Er⸗ den“ verkündet wird, dann werden Millionen von Arbeitern sich den heiligen Schwur leisten, Alles daran setzen zu wollen, daß dieser Kampf gegen die Kapitalisten und die sächsischen Macht⸗ haber zu einem siegreichen Ende geführt wird.“ Das Verbot der Weihnachtsbe— scheerung hat, wie man der Leipz. Volksztg. schreibt, innerhalb der Arbeiterschaft große Empörung hervorgerufen. Noch immer glaubte die Mehrzahl der Proletarier, daß wir in einem Rechtsstaat leben. Sie hielten es nicht für möglich, daß eine derartige Feier untersagt werden könnte. Sie fühlten sich verletzt in ihrem religtösen Empfinden. Die Folge war, daß am Samstag gegen 1000 Personen ihren Austritt aus der Landeskirche anmeldeten und zwar geschah dies, ohne daß von irgend einer Seite hierzu die Anregung gegeben wurde. Alle gegenteiligen Meldungen bürgerlicher Blätter beruhen auf Unwahrheit. Die Sozialdemokratie oder die Streikleitung hat in keiner Weise ihre Hand im Spiele. Die behördlichen Maßnahmen bringen auch den letzten Arbeiter zum Bewußtsein, daß es im Klassenstaat ein Recht für die Unterdrückten nicht giebt. Der Kapitalismus kennt keine 1 außer der Religion des Geld⸗ a ck 8. Natürlich werden die Ausgesperrten trotz⸗ dem ihre Weihnachtsfeier abhalten. Sie wer⸗ den über die Grenze wandern in das Städt⸗ chen Schmölln, um dort dem Machtbereich ihrer vaterländischen Regierung entrückt, die Gaben der Arbeiterschaft Deutschlands zu em⸗ pfangen. Vertrieben von Haus und Hof, müs⸗ sen sie hinaus in die kalte Winternachk; müssen stundenweit wandern, um das erhabenste Fest begehen zu dürfen, welches die christliche Reli⸗ gion besitzt. Gewerbegerichtswahlen nach dem Proportionalsystem fanden kürzlich in Karlsruhe statt und zwar dort zum ersten Male. Es wurden auf die Liste des Gewerk⸗ schaftskartells 2666 Stimmen abgegeben. Von den 12 zu wählenden Arbeiterbeisitzern entfallen 10 auf die vom Gewerkschaftskartell vorgeschlagenen Kandidaten, während die Christ⸗ lichen, Hirsch⸗Dunckerschen und evangelischen Arbeitervereinler mit 405 Stimmen 2 Vertreter erhalten. Bei der Wahl der Arbeitgeberbeisitzer wurden von den vom Gewerkschaftskartell vor- geschlagenen Kandidaten 2 gewählt; 10 ent⸗ fallen auf die Liste der Innungen und des Gewerbevereins. Erntertrag in Preußen. Die entgiltig, Ernteschätzung für Preußen hat ergeben daß sett 1893, dem ersten Jahre der Ernte⸗ ertrag noch nie so bedeutend war, wie im Jahre 1903. Der Hektarertrag betrug nämlich bei Sommerweizen 2304 Kilogramm gegen 1936 im Jahre 1902, bei Wiaterroggen 1607 Kilo⸗ gramm gegen 1520, bei Sommerroggen 1023 gegen 989, bei Sommergerste 1988 gegen 1905, bei Hafer 1837 gegen 1801 Kilogramm. Nur bei Winterweizen und Kartoffeln trat eine kleine Abnahme des Hektarertrages ein und zwar ging der Ertrag bei Winterweizen von 2180 i. J. 1902 auf 2022 Kilogramm i. J., 1903, bet Kartoffeln von 13135 auf 13016 Kilogramm zurück. Aus dem Hess. Landtage haben wir von den Verhandlungen der vorigen Woche noch einiges nachzutragen. Am Diens⸗ tag kam noch der Antrag der sozialdemokra⸗ tischen Fraktion betreffend. 8 Vertretung der Arbeiterschaft im Großherzoglichen Ministerium des Innern zur Verhandlung. Der Ausschuß beantragt, mit Rücksicht darauf, daß die ganze Ar⸗ beiterfürsorge vom Reich aus geschehe, die Kammer wolle an die Regierung das Ersuchen richten, dieselbe möge im Bundesrat dahin wirken, daß diese Frage(Arbeitskammern) bal⸗ digst reichsgesetzlich geregelt werde; Hierzu be⸗ merkt Abg. Ulrich, daß ihm dieser Antrag nicht genüge, da von Reichswegen wahrschein⸗ lich nichts erreicht werde, ebenso wie Land⸗ wirtschaft und Gewerbe, müsse auch die Arbei⸗ terschaft ihre direkte Vertretung im Ministerium haben. Das Vorbild sei dadurch gegeben Redner gibt eine ausführliche Schilderung, wie er sich die Zusammensetzung gedacht und will bei Ablehnung demnächst einen neuen detaillir— ten Plan vorlegen. Der Antrag des Ausschus⸗ ses wird schließlich angenommen. Nr. 52. Mitteldeutsche Sonntaas⸗Zeitung. Zur Gewerbeinspektion haben die Abg. Frenah und Ülrich verschiedene Anträge gestellt. Der Ausschuß beantragt dazu, die Regierung zu ersuchen, der Kammer zu geeigneter Zeit Vorlage bezüglich Aenderung der Organi⸗ satlon der Gewerbeinspektion zu machen, sobald das Maß des Bedürfnisses feststehe.— Abg. Dr. Frenay nimmt zur Begründung das Wort und weist darauf hin, daß die Anstellung weiterer Hilfskräfte notwendig sei.— Dem Abg. Orb geht der Ausschußantrag nicht weit genug. Man müsse der Regierung offen erklären, was man wünsche. Die Regierung hätte schon früher Abhilfe schaffen müssen. Nach seiner Erfahrung können die Polizeibeamten die Kontrollen nicht in genügendem Maße ausüben. Im besonderen sei es nötig, die gefährlicheren Betriebe öfter zu revidieren. Dazu müßten Hilfsbeamten aus dem Arbeiterstand gewählt werden.— Abg. Reinhart unterstützt diese Forderung— und Abg. Ulrich sprach sich in demselben Sinne aus. — Von Nah und Fern. Gießener Angelegenheiten. — Fröhliche Weibnachten! Allen unseren Lesern und Genossen wünschen wir von ganzem Herzen ein glückliches, frohes Weih⸗ nachtsfest! Wir wissen sehr genau, daß bei den weitaus meisten unserer Freunde die Worte „frohe“ und„glückliche“ nur mit einer gewissen Einschränkung zu verstehen sind. Aber anderer⸗ seits stellt man in unseren Kreisen so beschei⸗ dene Ansprüche, daß wirklich nicht viel zu einem „glücklichen Feste“ gehört. Dazu genügt schon, daß einer von außergewöhnlichen Schicksals⸗ schlägen, Krankheit ꝛc. verschont bleibt. Möge derartiges von Allen ferngehalten sein! Wenn dann auch die Bissen knapp ausfallen und vie⸗ les entbehrt werden muß, was bei besser Situ⸗ terten als selbstverständliches Erfordernis be⸗ trachtet wird, so weiß sich der Arbeiter doch zu trösten. Glücklicherweise machte es der Winter bisher auch noch gnädig zur Freude der Ar⸗ beiterfrauen, veren Haushaltungsetat durch hö⸗ here Ausgaben für Brennmaterial ganz bedeu⸗ tend belastet wird. Auf den Schlittschuhsport verzichtet der größte Teil der Arbeitsbienen, darum kann's ruhig gelinde bleiben, oder höch⸗ stens nur so viel Frost geben, daß der notwen⸗ dige Etsbedarf gedeckt werden kann! Festliche Veranstaltungen sind für die Feier⸗ tage in der Gießener Gewerkschaft und den Parteikreisen nicht vorgesehen; es findet am 2. Januar nur das Gewerkschaftsfest statt, auf das wir schon hingewiesen haben. — In helle Begeisterung haben Bülow's Zukunftsstaatsreden das Gießener Amtsblatt versetzt, es lobt sie über den Schellenkönig. Wir begreifen, daß dem Blatte die Reichskanzler⸗Weisheit impo⸗ niert und es glaubt, daß mit Bülow's inhalt⸗ schweren Sätzen:„Wenn heute alles gletch gemacht würde, wäre morgen doch die Un⸗ gleichheit wieder da!“ oder:„Glauben Sie ein Engel zu sein, Herr Bebel?“ der Sozial⸗ demokrati; eine empfindliche Schlappe beige⸗ bracht wurde. Derartige Mätzchen entsprechen dem sozialpolitischen Verständnis des Anzefgers und wir gönnen ihm neidlos die Freude die er darüber empfindet. An einigen Sätzen aber, die das Blatt dieser Tage produzierte, möchten wir unsern Lesern zu ihrer Erheiterung zeigen, wie der Anzeiger die Welt betrachtet oder richtiger die Dinge auf den Kopf stellt. Da hieß es z. Beispiel: i„Mag die Sozialdemokratie auch noch so unsozialistisch eine Bevölkerungsklasse absondern wollen vom übrigen Volke....“ und weiter:„Im übrigen hatte Graf Bülow vollkommen recht: unser Staatswesen und die Mehrheit der bürgerlichen Gesellschaft steht zu fest auf dem Boden der Gerechtigkeit und des soztalen Wohlwollens, als daß beide zu dem äußersten Mittel der Bekämpfung politischer Bestrebungen mit Gewalt schreiten müßten.“ Gerechtigkeit und soziales Wohlwollen! Gerechtigkeit: Siehe Militärjustiz, Dreiklassen⸗ ahlrecht, Streikbrecherschutz; soztales Wohl⸗ Sozialdemokratie will eine Bevölkerungsklasse dom Volke absondern? Wir glaubten bisher, je Hesitzende Klasse hat sich schon längst selbst vom übrigen Volke abgesondert. — Wegen der„Großherzogsspende“, jener widerlichen von den Heyl's Mannen in Worms in Szene gesetzten Bettelei hat Gen. Ulrich folgende dringliche Anfrage an die Re⸗ gierung gerichtet: „Hat Großherzogliche Regierung Kenntnis, daß die Schüler zu einer von einem Wormser Komitee ausgehenden Sammlung für eine „Großherzogsspende“ gemißbraucht wird?“ Diese Anfrage ist durchaus am Platze. Wo soll es hiuführen, wenn schließlich bei jeder der⸗ artigen Gelegenheit Schulkinder in Anspruch genommen und auf den Bettelgang geschickt werden? Außerdem dürfte eine solche Schnorrerei höchst nachteilig in moralischer Beziehung auf sie wirken.— Aus Darmstadt wurde mitgeteilt, daß zahlreiche Beiträge von Fabrikarb eitern geleistet wurden. Ob das so ganz freiwillig geschah?— Der„Gieß. Anz.“ besitzt die Un⸗ verschämtheit in Bezug auf die erwähnte Anfrage des Abg. Ulrich von„niedriger Gesinnung“ unserer Genossen zu sprechen. Wir sind der Meinung, daß niedrige Gesinnung eher dort zu suchen ist, wo man annimmt, einen Vater durch Ueberreichung von Geld über den Tod seines Kindes hinweg trösten zu können und nebenbei vielleicht noch auf Orden spekuliert. — Von Arbeiterunruhen in Crimmitschau redete der Gießener Anzeiger in seiner Montagsnummer. Das ist eine Unwahrheit, in Crimmitschau haben nicht die geringsten„Unruhen“ stattgefunden. Fabrikanten haben allerdings Ausschreitungen begangen, indem sie Ausgesperrte auf der Straße angriffen und mißhandel⸗ ten. Die Sammlungen in Gießen und Umgegend lie⸗ fern, wie in ganz Deutschlaud recht erfreuliche Ergeb⸗ nisse. In Berlin lieferte sogar ein Obdachloser 70 Pfg. ab, die er unter seinen Leidensgenossen gesammelt hatte. Jeder hatte 1 Pfg. gegeben. — Ein Preßprozeß. Am Donnerstag kam die Beleidigungsklage der Lehrer der höheren Töchterschule gegen die„Gießener Neuesten Nachrichten“ resp. die Herren Klein und Spieß zum Austrag. Es handelt sich um den bekannten„Streik“ des Lehrer⸗ Collegiums gegen die Teilnehmer am Jugend⸗ fest.— Während die Lehrer ihre e nahme an diesem mit allerlei Bklästigungen der Mädchen durch Studenten, Gymnastasten motivierten, war man in der Gießener Stadt⸗ verordnetenversamlung ziemlich einmütig der Ansicht, daß es den Herren nicht passe mit dem übrigen„Volke“ Feste zu feiern. Der Angeklagte Spieß gab in seinem Bericht über die Stadtverordnetensttzung noch einige saftige Zugaben, zu welchen e sich als Gießener und als„Student“ berechtig glaubte. Sachlich wurden die Angaben der Angeklagten größten⸗ teils als erwiesen betrachtet. Aber die Form des Berichts findet der Staatsanwalt beleidigend und beantragt gegen Klein 40 Mk., gegen Spieß 60 Mk. Geldstrafe. Das am Dienstag verkündete Urteil ist uns noch nicht bekannt. Wir müssen lebhaft bedauern, daß der Ver⸗ leger und Redakteur Klein Herrn Spieß als Verfasser des Artikels genannt hat, ohne dessen Einwilltgung. Ein solches Verfahren verstößt derartig gegen die Diskretionspflichten eines Redakteurs, daß man Herrn Klein gerade nicht als Zierde des Redakteurstandes betrachten kann. Ein Redakteur, der seine Mitarbeiter ohne weiteres preisgiebt, verdient nicht das Vertrauen, daß jeder e e in ihn setzi.— Geradezu unerhört aber war es noch, daß der Verteidiger Kleins vor Gericht sich die größte Mühe gab, Spieß als den allein „Schuldigen“ binzustellen und Klein zu ent⸗ lasten. Da hört wirklich-alles auf. — Wie es mit dem Vereinigungsrecht der Eisenbahne steht, wird durch folgende Zeitungs⸗ notiz illustiert: Die Eisenbahndirektion warnt in einer besonder en Ausgabe des Amtsblattes nochmals die Eisenbahnarbei⸗ ter davor, dem„Verband der Eisenbahner Deutschlands“ beizutreten und bedroht gleich⸗ zeitig mit unnach sichtlicher Entlassung die⸗ jenigen Leute, welche sich trotzdem von den umherreisen⸗ deu Agitatoren des Verbandes zum Eintritt bewe gen ollen: Siehe Crimmitschau usw.— Und die lassen. Sämtlichen Leuten, welche dem Verbande beigetreten seien, ferner den Arbeitern, welche den„Weck⸗ ruf“ verbreite: und die Beiträge s⸗sam:elt hätten, sei gekündigt worden. So setzt sich die Eisenbahndirektion über das Ge⸗ setz hinweg. Auch ein Beispiel von„Arbeiterfürsorge.“ Aus dem Mreise gießen. 5. — Keine Almosen— sondern ge⸗ rechten Lohn verlangen die Arbeiter! Vom Gießener Braunsteinbergwerk war dieser Tage zu lesen, daß„sämtlichen Beamten und Ar⸗ beitern des Werkes aus Anlaß des Weihnachts⸗ festes eine außerordentliche Gratifikation ge⸗ währt“ werden solle. Welche Arbeiterfreund⸗ lichkeit! wird mancher denken, der das liest. Gemach, die Herren verschenken nichts, vom geschäftlichen Standpunkte aus können sie es schließlich auch nicht. Frühere Jahre sind ja auch Gratifikationen gegeben worden, aber nur vereinzelten Arbeitern, die schon längere Jahre auf dem Werke arbeiteten, wurden damit be⸗ glückt. Viel besser als mit einer derartigen Geschenkpolitik wäre allen Arbeitern mit einer Lohnerhöhung gedient, die sie wirk⸗ lich recht gut vertragen könnten. Die Arbeiter über Tage verdienen beispielsweise gegenwärtig ganze 45—50 Mark den Monat, das macht die Woche 1112 Mark höchstens! Bei der⸗ artigem Lohn dürfte es selbst ein Arbeiter, der die Kochrezepte des Kaplan Hitze anwendet, seiner Lebtag nicht zum reichen Mann bringen. Die Geschenkpolitik ist blos geeignet, Zwistig⸗ keiten unter den Arbeitern zu schaffen.— Recht gut wäre auch, wenn man den Leuten wenigstens eine Viertelstunde Frühstückspause äbe; jetzt muß von früh morgens bis mittags gearbeitet werden, ohne daß die Leute einen Bissen zu sich nehmen können! Natürlich wäre es auch Sache der Arbeiter, hier selbst bessernd einzugreifen! Aus dem Rreise Wetzlar. h. Biersteuer! Mit einer solchen will man die Wetzlarer beglücken. Der Regierungs⸗ präsident hat dem Bürgermeister erklärt, wie diesex in der letzten Stadtverordneten⸗Sitzung mitteilte, daß seitens des Oberpräsidenten die Genehmigung zu den Kommunalsteuerzuschlägen für die Folge nicht gegeben wird, wenn nicht die Einführung einer Biersteuer beschlossen wird. Also soll von oben herab die Stadtver⸗ waltung gezwungen werden noch mehr indi⸗ rekte Steuern einzuführen, als ob die Be⸗ völkerung nicht genug solcher zu tragen hätte! Daß die Wetzlarer Stadtväter diesem Ansinnen den nötigen Widerstand entgegensetzen werden, daran ist leider nicht zu denken. Hält doch der Stadtverordnete Kaiser das Bier für ein geeignetes Steuerobjekt. Er sagte:„Die Brauer besäßen die Möglichkeit, die Steuer auf die Verbraucher abzuwälzen, die es dann ganz in der Hand hätten, wie weit sie davon betroffen sein wollten. Also der steinreiche Hüttendirektor ist bereit, die Lasten auf die Schultern der Armen zu wälzen, um die Reichen zu schonen! Mögen sich das die Wähler merken! h. Die Viehseuchen zeigen keine Abnahme, trotz⸗ dem das Einfuhrverbot nun schon jahrelang in Kraft ist. In den Amtsblättern kann man zahlreiche Be⸗ kanntmachungen der Landräte lesen, daß bald hier die Rotlaufseuche, dort die Maul⸗ und Klauenseuche ausge⸗ brochen ist. Die Grenzsperre hat also die Viehseuchen nicht verhütet, wohl aber die Fleischnahrung verteuert und das war ja auch der Zweck der Agrarier. h. In Konkurs geriet der Besitzer des Gasthofs „zur Krone“. Eine Reihe kleiner Handwerksmeister sind hierbei die Leidtragenden. g 5 — Brüchige Staatsstütze. Bürger⸗ meister Lichtenthäler von Krofdorf ist am Samstag verhaftet und in das Wetz⸗ larer Untersuchungsgefängnis eingeliefert wor⸗ den. Es werden ihm, wie uns schon vor Mo⸗ naten mitgeteilt wurde, verschiedene Verfehlungen im Amte(Unterschlagungen) zur Last gelegt. In der Bevölkerung sefnes Amtsbezirks er⸗ freute er sich keiner besonderen Beliebtheit und, wie aus uns zugegangenen Zuschriften hervor⸗ 9 geht, empfindet man vielfach eine gewisse Ge⸗ nugtuung darüber, daß ihn das Geschick ereil hat. Es geht uns aber einigermaßen„wide Seite 4. 1. ͤ ü „„ re e⸗ en it E ter 18 t el⸗ der 0 et, en. J ig en use 8 nen are“ ud — 2 C C00—C———:.———.. 2 Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. mit Leichtigkeit auf 3⸗ bis 4000 Mark. handlung ab; wo hoffentlich die einzelnen Fälle genau ans Licht kommen.— Zugleich mit dem Bürgermeister ist der Sekretär v. Bül o w verhaftet, aber am Dienstag wieder entlassen worden.— Immerhin eine höchst bedenkliche Affaire!. Aus dem Nreise Dillenburg⸗Herborn. Der empfindliche Reichstagsabgeord⸗ nete. Herr Dr. Burkhard, der Stöcker'sche Partei⸗ sekretär und Abgeordnete für Dillenburg lief wegen verschledener während der Reichstagswahlen gegen ihn veröffentlichter Flugblätter und Zeitungsartikel zum Kadi und verklagte drei Mitglieder des nationalliberalen Wahlkomitees, den Bürgermeißter Gierlich, den Seminar⸗ lehrer Weiger⸗Dillenburg, sowie einen dritten Herrn wegen Beleidigung. Er blitzte aber damit ab. Sowohl das Amtsgericht in Herborn, wie das Landgericht haben die Klage abgewiesen und den Beklagten den Schutz des§ 193, Wahrung berechtigter Interessen als Reichs⸗ tagswähler, zugebilligt. Aus dem Rreise Marburg⸗Rirchhain. R. Empörend gelogen wird von der Unternehmer- und Reptilpresse über der Crimmitschauer Streik. Eine der frechsten und gemeinsten Lügen ist die, daß der Kampf in Crimmitschau von der So⸗ zialdemokratie heraufbeschworen worden sei. Es ist leicht zu erkennen, in welcher Absicht die Textilbarone diesen Schwindel in die Welt gesetzt haben. Tatsache ist: Die Unternehmer haben 8000 Arbeiter aufs Pflaster geworfen! Wa⸗ rum? Weil ca. 600 Arbeiter in fünf Fabriken kündigten und zwar mit dem Vorbehalt, daß, wenn die zu erwartenden Zugeständnisse der Fabrikanten genügend seien, diese Kündig⸗ ung sofort als zurückgezogen gelte. Die Antwort der Fabrikanten war: Aus⸗ sperrung von nahezu 8000 Menschen. Geradezu verrückt ist, was bespielsweise das Marburger Reptil über die Weberlöhne erzählt. Da heißt es z. B.: „Wenn daher in einer fünf- bis sechsköpfigen Familie drei oder vier Mitglieder arbeiten, etwa Vater, Mutter und eine Tochter— und die Töchter der Arbeiter tun dies regelmäßig, weil sie den guten Erwerb in der Fabrik der Verdingung als Dienstboten vorziehen— so stellt sich das Einkommen einer solchen Familie Nach Ver⸗ sicherungen eines Gewerbeinspektors sind auch Jahres⸗ verdienste von 4 bis 5000 Mark nichts Seltenes. Die Arbeit ist leicht auszuführen und leicht zu lernen, so daß der Anfangsverdienst vom ersten Tage der Be⸗ schäftigung an bezogen werden kann.“ Jeder Arbeiter, der das liest, wird laut lachen. 5000 Mark! Soviel Gehalt hat ja mancher Reptil⸗Redakteur nicht und die werden gewiß gut bezahlt! Seine Leser muß das Amtsblatt aber für beleidigend dumm halten, wenn es ihnen diesen Kohl vorsetzt. Der durch⸗ schnittliche Wochenlohn der Weber beträgt 14 bis 16 Mark. Nicht auf den Mund gefallen war ein Angeklagter, der dieser Tage vor dem Breslauer Schöffengericht stand. Der Vor⸗ sitzende war mit dem Angeklagten in einen Dis⸗ put gekommen, in dessen Verlauf er ihn einen frechen Lümmel titulierte. Der Angeklagte war aber nicht faul und erwiderte:„Wenn Sie nicht Richter wären, würde ich Ih⸗ nen eine hineinhauen. Der Staats⸗ anwalt beantragte drei Tage Haft wegen Ungebühr vor Gericht, was der Vorsitzende als Urteil verkündigte. Da aber keine Beratung erfolgt war, widersprach der Angeklagte diesem Gerichtsbeschluß“. Das Gericht zog sich auf lange Zeit zurück, bei der Rückkehr verkündete der Vorsitzende nach der„Breslauer Morgenzeitung“ die Ablehnung des staats⸗ anwaltschaftlichen Antrags. Flomme Gauner. In dem in Prag geführten Prozesse gegen die früheren Beamten der St. Wen zel⸗Vor⸗ schußkasse wegen Veruntreuung, über die seit dem 25. November verhandelt wurde, wurde m Samstag das Urteil gesprochen. Pater Rechnungsführer Pekeländer zu dreizehn Monaten schweren verschärften Kerkers und Schadenersatz verurteilt. Die Revisoren Bily und Grünwald wurden freigesprochen.— — —— Freunde und Leser! Mit der vorliegenden Nummer vollen⸗ det die„Witteldeutsche Sonntags-Zei⸗ tung“ ihren zehnten Jahrgang. Neujahr 1894 erschien die erste Num⸗ mer unter der Redaktion des Genossen Dr. David, jetzigen Reichstagsabgeordne⸗ ten für Mainz, der damals seine Lehrer⸗ stellung in Gießen aufgegeben hatte, um seiner Ueberzeugung gemäß für die Ver⸗ wirklichung der sozialdemokratischen Ziele mitzukämpfen. Wie viele unserer Partei⸗ blätter, so hatte auch das unsere schwere Zeiten durchzumachen, oft genug war sein Weiterbestehen in Frage gestellt. Diese Zeiten sind vorüber! Und gerade die er⸗ freuliche Entwickelung unserer Parteipresse überall, ist ein Zeichen der Erstarkung un⸗ serer Bewegung. In dem verflossenen Jahrzehnt— das dürfen wir wohl sagen— hat die„Mittel⸗ deutsche“ ihre Aufgabe redlich erfüllt. Sie ist stets für die Interessen der Kleinen und Besitzlosen eingetreten, hat stets wider die Unterdrückungspolitik, Ungerechtigkeit und Anmaßung der besitzenden Klasse gestritten. Sie bildet das unentbehrliche geistige Band der Parteifreunde in den Kreisen Gießen, Friedberg, Alsfeld, Marburg, Wetz⸗ lar, Dillenburg, Herborn, Limburg und dem Unterlahnkreise bis an den Rhein hin. Wir wissen wohl, daß dem Lesebedürfnis vieler Genossen ein Wochenblatt nicht genügt. Das ist erklärlich, sogar erfreulich und dem Bedürfnis wird in nicht zu ferner Zeit Rechnung getragen werden. Vorläufig ist aber nötig, für noch wéitere Verbrei⸗ tung der„Mitteldeutsehen Sonn⸗ tagszeitung“ zu sorgen. Tausende von Arbeitern lesen noch die arbeiterfeindliche Amtsblatt und unparteiische Presse, unterstützen damit ihre Gegner und schädigen sich selbst! Wir haben aber noch viele zu gewinnen. Herz⸗ lichen Dank allen, die bisher wacker mit arbeiteten, wir fordern sie zu neuer Ar⸗ beit auf und wir wissen, daß das nicht vergeblich ist. Unablässiger Kampf gegen Unterdrückung, Ungerechtigkeit, Aus⸗ beutung, energische Abwehr aller volksfeindliehen Bestrebungen muß unser aller Aufgabe sein! In diesem Kampfe hat sich die „Mitteldeutsche Sonntags-Zeitung“ stets als zuverlässige Waffe bewährt. Ihr immer neue Leser zuzuführen, dazu rufen wir zum Quartalswechsel alle Gesinnungsfreunde auf! Vorwärts! sei unsere Parole, im alten wie im neuen Jahre! Die„Mitteldeutsche Sonntags⸗ Zeitung“ erscheint wöchentlich einmal und kostet nur 28 Pfg. den Monat; 75 Pfg. dos Vierteljahr. Nx. 52. Seite 5. den Strich“ diese Zuschriften zu veröffent-] Drozd und Direktor Kohont wurden zu sieben g 1 1 lichen. Warten wir ruhig die gerichtliche Ver⸗] Jahren, Kassenverwalter Heicik zu zwel Jahren, Kleine Mitteilungen. ** Opfer der Arbeit. Auf der Grube „Schlagkatz“ bei Ober biel wurde am Freitag der Bergmann Weimer aus Niederbiel durch herabstürzendes Gestein dermaßen verletzt, daß er bald darauf in der Gießener Klinik, wohin er bee wurde, verstarb. Das den ordentlichen rbeiter betroffene Unglück ruft allgemeine Teilnahme hervor. Berhaftung eines Hochstapler⸗Ehe⸗ paares. Am Samstag wurde in Berlin Professor Dr. Moritz Meyer und seine Frau verhaftet, nach⸗ dem über 100 Strafanträge gegen das Ehepaar einge⸗ bracht waren. Es war ihnen gelungen, die renommier⸗ testen Berliner Firmen zu prellen. Täglich laufen neue Anzeigen gegen das Paar ein, das sich wegen Betrugs, Unterschlagung und Meineids zu verantworten haben wird. Die Schuldenmasse beläuft sich auf mehr als 100000 Mark. „ In der Zwangserzie hungsanstalt St. Martin in Boppard a. Rh. fand die Oberin zwei Mädchen erhängt vor; das eine war tot, das andere konnte wieder ins Leben zurückgerufen wer⸗ den. Die Lebensmüden waren kurz zuvor aus der An⸗ stalt entwichen, jedoch wieder festgenommen worden. — Es wäre gewiß von Interesse, zu erfahren, was die Kinder zu ihrer Tat veranlaßt hat, Partei-Nachrichten. Das Schriftenverzeichnis ist soeben von der Buchhandlung Vorwärts nen herausgegeben. Es ist bedeutend erweitert und gibt einen Ueberblick über die sozialistische Literatur und sonstige gute und empfeh⸗ lenswerte Bücher, Broschüren, Kunstblätter usw. Es ent⸗ hält in systematischer Ordnung: Parteischriften, Natio⸗ nalökonomisches, Geschichtliches, Naturwissenschaft, Ge⸗ dichte, Romane, Dramen, Photographien, Kunstblätter, Gesetze, Gelegenheitekauf, Flugschriften. Jeder unserer Leser dürfte in dem Verzeichnis das seinem Geschmacke Entsprechende finden. Auf Verlangen sendet die Buch⸗ handlung Vorwärts, Berlin S W., Lindenstr. 69, das Verzeichnis gratis und franko. Wegen Majestätsbeleidigung wurde am Mittwoch Genosse Garbe, der veräntwortl. Redakteur unseres Kasseler Parteiorgans, zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt. Die Beleidigung wurde erblickt in einer gegen die bürgerliche Presse gerichteten Lokalnotiz, in der der bürgerlichen Presse vorgeworfen wird, sie brächte nur geistigen Kot, der in amtlichen Be⸗ kanntmachungen über Hausauslosungen, Dünger⸗ gruben und kaiserlichen Danksagungen usw. bestehe. In dieser Zusammenstellung sowohl wie in dem Ausdruck geistigen Kot war die Majestätsbeleidigung erblickt. — Versammlungskalender. Sonntag, den 27. Dezember. Gießen. Gewerkschaftskartell. Morgens 10 Uhr Sitzung bei Orbig. Quittung. Für die ausgesperrten Weber in Crimmit⸗ schau gingen weiter ein: Gießen, H. 1 Mk. K. 10 Mark. H. 0,50 Mk. rs. 1 Mk. Metallarbeiter 60 Mk. Bäcker 12,25 Mk. Schneider 42,65 Mk. Rödchen bei Nauheim 7,45 Mk. Beamte der Ortskasse 2,10 Mk. Krofdorf durch St. 24,30 Mk. Stein berg: Wahlverein 10 Mk. Von H. in der Gen.⸗Vers. d. Consumver. ges. 3,30 Mk. Liste 9 5,04 Mk. Zusammen 18,34 Mk. Marburg(II. Sammlung): Gewerkschaftskommission 20 Mk. Holzarbeiter 31,10 Mk. Buchdrucker(Marburg) 31 Mk. Buchdrucker(Dillenburg) 8 Mk. Metallarbeiter 15,90 Mk. Schuhmacher 13,60 Mk. Fabrikarbeiter und Formstecher 12,55 Mk. Schneider 10 Mk, Maler und Lackierer 5,10 Mk. Summa 147,25 Mk. Gesamtsumme 253,— Mk. Die Gewerkschaftskommission R. Rösler. Wetzlar. Liste Nr. 2208 Mk. 10,50. L. Nr. 2210 Mk. 1220.— In der Quittung voriger Nr. muß es heißen: L. 2211 Mk. 12,80. Ferner statt A. R. 1. Rate. 2—.——— Au unsere Leser und Speditenrel Die nächste Nr. unseres Blattes(Nr. 1 1904) ge⸗ laugt am Donnerstag, den 31. Dezember zur Ausgabe. Die Expedition der„Mitteldeutschen Sonntagszeitung“. —— . .— —.. ¼˙˙) S————— r 5 8 3 5—— 3 2—————ů— 9—— e TCC N. e —— — 22 ͤ ͤ 3 S — P —— 3 . 2—ů— b 9 N 00 ö 1 15 0 ö ö —— —— Seite 6. * Mitteldertsche Sountaas⸗Zeitung. 52. n 8 Unterhaltungs-Cril. 7 Der Sieg des Schwachen. Erzählung von Melchior Meyr. 13.(Fortsetzung.) In die Hauptgasse einbiegend und im Schatten der Gebäude hinschlendernd, ward er frei von den letzten Spuren der Erregtheit, und seine Seele ging zurück in die Erlebnisse des Abends. Er vergegenwärtigte sich diese so deutlich, daß er sie ordentlich wiedererlebte. Er kam an im Hofe und im Pfarrhaus; er ward in die Kammer getragen; er saß neben der Geliebten auf dem Schrein!— Hier blieb die Phantasie haften. Es war doch schön, als er so neben ihr saß!— und daß sie so gestört wurden, fatal, über alle Maßen fatal!— Am Ende— was hatten sie denn vor?— Sie wollten sich heiraten; und weil man ste nicht zusammenließ, wollten sie beraten, was ste zu tun hätten, um doch ans Ziel zu ge⸗ langen! Kann man etwas Besseres tun, als sich heiraten?— Wenn man aber heiraten will, dann muß man doch notwendig vorher ein paarmal zusammen kommen und miteinander reden, und zwar allein und ungestört mit⸗ einander reden!— Als seine Gedanken diesen Lauf genommen hatten, fand es Tobias schwer begreiflich, daß die Menschen zweien Liebenden aus ihrem heimlichen Zusaumensein ein Verbrechen machen wollten. Ja, er fand es impertinent und lächer lich. Daß man sich heirate und zwar aus Liebe heirate, das verlangt man! Wenn aber dann zwei, die sich gern haben, das tun, was notwendig geschehen muß, damit das Heiraten vor sich gehen kann, dann soll das eine Missetat sein, als ob man einen hätte umbringen wollen!— Ein offenbarer Unsinn!— Unser Bursche, auf dieser Höhe der Be⸗ trachtung angelangt, empfand die von den Liebenden aller Zeiten beklagte Anmaßung der Welt so tief— er war von der Wahrheit, daß andere Leute hier eigentlich gar nichts drein zu reden haben, so gänzlich überzeugt, er war so voll von seinem Rechte, die Bäbe zu lieben und zu ihr zu gehen und glücklich zu sein, daß er sich nicht mehr begnügen konnte, bloß stille Gedanken zu bilden, sondern laut und mit kräftiger Betonug ausrief:„Donner⸗ wetter! ich möcht' wirklich wissen, wen das was anging!“ Auf einmal bekam er von hinten eine Ohr⸗ feige, daß ihm für den Moment Hören und Sehen verging. Rasch folgten zwei andere nach, und eine Stimme voll Wut und Hohn rief:„Da, du Racker! Ich will dir zeigen, wen das was angeht!“— Es war der alte Schneider. Tobias, durch die Stimme wieder zu sich gebracht, fühlte über die erlittene Beschimpfung einen Zorn, der sogar über seinen Schrecken Herr wurde; sich schnell umdrehend, streckte er dem Alten, der die Hand wieder erhob, den Arm entgegen, stieß ihm seinerseits unter das Kinn und rief ergrimmt:„Ich bin kein Bub' mehr! Ich laß mich nicht schlagen!“ „So,“ rief der Alte, durch diese Abwehr völlig rasend gemacht,„du läßt dich nicht schlagen? Dus wollen wir sehen!“ Und seinem tiefsten Gefühl nach doppelt und dreifach zu einer exemplarischen Abstrafung berechtigt, fiel er über den rebellischen Sohn her, faßte ihn, warf ihn zu Boden und zerdrosch ihn aufs jämmerlichste. Tobias, von der ungeheuern Uebermacht bewältigt, konnte nichts tun, als in ohn⸗ mächtigem Grimm und Schmerz dumpf stöhnen — und leiden als der ärmste aller Menschen.— Der alte Schneider hatte in der Freude seines Herzens im Wirtshaus fortgetrunken und war bis elf Uhr geblieben. Als er gemütlich heimging, begegnete ihm ein junger Mensch, der mit ihm verwandt war und den er in seinem Behagen scherzend fragte: „Nuu, Hans, was streichst denn du noch auf der Gass' herum? Kriegt etwa die Ev' noch eine Visit'?“ „Das könnt' ich nicht sagen, Vetter,“ ent ⸗ gegnete der Bursch, indem er ihm spöttisch lächelnd ins Gesicht sah;„es sind nicht alle Leut' so keck wie Euer Tobias! Wißt Ihr, wo der ist?“ „Nun,“ versetzte der Schneider,„ich kann mir's denken. Er macht's halt wie die andern!“ „So?“ erwiderte der Bursch,„es ist Euch 5 ill, Vetter, daß er zu der Pfarrmagd ge 10 „Was,“ rief der Schneider auffahrend,„bei der Pfarrmagd ist er?“ „Allerdings; ich hab's mit meinen eigenen Augen gesehen, wie ste ihn zur Haustür hinein⸗ gelassen hat!“ „2? kann nicht sein,“ schrie der Alte.„Du hast dich versehen!“ „Nun,“ entgegnete der Bursche ruhig,„Ihr könnt ja passen bis er wieder herauskommt — wenn's Euch nicht zu lang dauert. Gut⸗ nacht, Vetter!“ Er ging behaglich weiter. Der Alte war durch den Gedanken, von dem Sohne aufs neue und mit so ausstudierter Tücke genarrt zu sein, fast bis zur Sinnlosig⸗ keit aufgebracht. Er faßte den Entschluß, auf den Schändtichen zu warten, wenn er auch bis zum lichten Morgen warten und dastehen sollte, und ihm dann das Bad ordentlich zu gesegnen. Doch es ging besser, als er dachte. Ueber⸗ raschend bald sah er von ber Ecke der Haupt⸗ und der Quergasse, wo er sich aufgestellt hatte, Tobias aus dem Pfarrhof schleichen, wodurch seine Wut freilich nicht gemindert wurde. Er eilte voraus, stellte sich in einem Winkel hinter seinem Nachbarhaus auf und lauerte mit ge⸗ ballten Fäusten, um auf sein Schlachtopfer hervorzustürzen. Er schlug, bis der Zorn in ihm völlig satt war— mehr als genug für Tobias. Als er endlich nachließ, erhob sich der Gezüchtigte mit Mühe und stieß, vor Wut und Scham heulend, die Worte aus:„Das ist schändlich! Ich 18 mehr in dein Haus! Fort! Laß mich ort!“ „Du gehst mit mir“, versetzte der Alte mit dem Tone der Allgewalt, faßte ihn mit seiner Rechten wie mit einem eisernen Haken und zog ihn mit sich. Anfangs stemmte sich der Arme, dann ließ er sich zerren, und endlich ging er wie ein Lamm ins Haus. Todmüde, in jedem Betracht gemartert und zerschlagen, hatte er kein anderes Verlangen mehr, als zu Bette zu gehen, und tappte und taumelte in seine Kammer. Nach⸗ dem er noch eine Weile schmerzlich atmend sein ganzes Elend empfunden hatte, erbarmte sich der Schlaf über ihn und tauchte ihn und sein Leid ins Meer der Bewußtlosigkeit. A Es giebt Menschen, denen alles hingeht; ste wagen unbedenklich das Keckste, und es ge⸗ lingt ihnen; ste greisen rücksichtslos durch, ohne sich im geringsten um die Ansprüche anderer zu kümmern, und werden nicht zur Rechenschaft gezogen. Während ihre Ueber- schreitungen ohne Ahndung bleiben, ist ihre Kühnheit zuletzt mit Genuß und Ruhm gekrönt. Müßten ste Strafe leiden, sie würden sich nichts daraus machen— aber sie werden nicht ge⸗ straft; es ist, als ob sie einen Freibrief er⸗ halten hätten oder die ausübende Macht der Gerechtigkeit Scheu trüge, sich mit ihnen ein⸗ zulassen. ö Andere dagegen verfolgt die Nemests uner⸗ bitflich. Die geringste Abweichung von der Linie des Gesetzes wird gerächt; eine kleine Schelmerei wird als Vergehen, ja als Ver⸗ brechen behandelt; erdreisten sie sich aber ein⸗ mal eines kühnern Wagnisses, dann wirft die Göttin, gleichsam empört über solche Anmaßung, ihre schärfsten Geschosse gegen sie und stürzt sie erbarmungslos in den Abgrund der Schmach und der Schmerzen. Und sie begnügt sich nicht mit der einmal verübten Rache; sie läßt aus dem Leide sich Leid erzeugen, sie weidet sich an dem Opfer und scheint der Verfolgung gar nicht satt werden zu können.— Tobias schlief ununterbrochen bis zum hellen Morgen. Als er erwachte, hatte er ein dumpfes Gefühl von körperlichem und geistigem Weh. Er erinnerte sich, die Erlebnisse der ver⸗ gangenen Nacht traten vor seine Seele bis zum letzten, und die erlittene Schmach ging ihm siedend heiß durch den Leib. Er atmete schwer und sah, aufs tiefste gekränkt und ge⸗ quält, vor sich hin. Von den Empfindungen, die in schmerzender Verwirrung durch seine Seele gingen, blieb zuletzt eine stehen. Er hatte etwas erfahren, das sich niemand gefallen lassen darf, wenn noch ein Funke von Ehrgefühl in ihm ist. Eine solche Behandlung durfte nicht mehr vorkom men, er durfte sie nicht dulden— und wenn alles zugrunde ging!— Aus der Pein und der Entrüstung erhob sich der Geist des Trotzes in ihm; ein Durst nach Rache erfaßte ihn, und er befriedigte sein Gemüt nur durch den festen Entschluß: nun auf keinen Fall nachzugeben, sondern der Bäbe treu zu bleiben, und wenn sich die ganze Welt darüber zu Tode ärgerte! (Fortsetzung folgt.) Weihnachten in einer Arbeiterfamilie. Eiu Textilarbeiter schreibt dem„Armen Teu⸗ fel“ aus der Oberlausitz: Wenn das„Fest der Freude und Wonne“ vor der Tür steht, so er⸗ innere ich mich allemal an die Weihnachten, die ich in meiner Kindheit erlebt habe. Unsere Familie bestand aus sieben Personen, darunter war ich der Jüngste. So war es auch in ei⸗ nem Jahre wie heute, als eine Krankheit den Vater hart an's Bett fesselte, so daß die Mut⸗ ter auf sich selbst angewiesen war, den Haus⸗ halt zu führen, was sebstverständlich ein großes Elend in der Familie herbetführte. Der Ver⸗ dienst belief sich auf M. 5.40 die Woche. Unter diesem Verdienste mußte allemal in einer Woche eine Kette geliefert werden, bei deren Herstel⸗ lung an eine zehnstündige Arbeitszeit nicht zu denken war. frühesten Morgen bis zum spätesten Abend, ja bis Mitternacht. Es war keine Seltenheit, daß die Mutter nur eine Stunde Schlaf hatte und die übrigen 23 Stunden der Arbeit gewid⸗ met waren. Die Schwächlichkeit der Mutter kann man sich unter solchen Umständen vorstel⸗ len. Es war, als wenn der Webstuhl von ei⸗ nem Schatten regiert würde. Wir Kinder Der Webstuhl klapperte vom —— mußten tüchtig treiben und spulen, damit der Verdienst von 5.40 Mark jede Woche erhalten blieb. Auch der härteste Winter verhinderte nicht, daß wir den Wald aufsuchen mußten, der uns das Holz umsonst lieferte. ung war sehr schmal, indem sie nur aus Kar⸗ toffeln bestand. Fleisch und Wurst bekamen wir gar nicht zu sehen und Brod nur in klei⸗ nem Maßstabe. Die hauptsächlichste Nahrung bestand— wie gesagt— aus Kartoffeln. Der Lohn war nicht allein zum Lebensunterhalt bestimmt, sondern es mußten auch damit die Abgaben und der Hauszins bestritten werden, und wir gingen der Kinder drei in die Schule, somit mußten auch jede Woche 30 Pfg. Schul⸗ geld entrichtet werden, Alles von diesen 5.40 Mark. So kam es öfters vor, daß wir in der Schule von den Lehrern gemahnt wurden, ihren Forderungen gerecht zu werden. Durch diese Mahungen von den Lehrern und durch die schlechten Schularbeiten, die entstehen mußten, weil wir keine Zeit dazu hatten, kamen wir in ein schlechtes Licht und wurden als Schüler zweiter Klasse behandelt. So kam es auch öfters vor, wenn mir der Magen knurrte, da ich mit den Plätzen der besser begüterten Kinder Bekanntschaft machte und mich von den übrig gebliebenen Brodsamen ernäherte. Fehlte nun einmal dem Lehrer oder einem Schüler ein Gegenstand, so lenkte sich allemal der Verdacht auf mich, weil ich ja Derjenige war, der die Plätze durchsuchte. So wär es auch in einem * Die Nahr⸗ 5 Nr. 52. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. Jahre wie heute. Weihnachten stand vor der Tür, ein Freudenfest für Alt und Jung, aber für uns war es ein Fest des Elends. Der Webstuhl klapperte bis zum Christtagmorgen 5 Uhr, bis die Kette wieder fertig war. Diese mußte nun noch abgeliefert werden, um den Lohn dafür zu erhalten. Der Fabrikant hatte Mitleid mit uns, er schickte den Lohn und eine neue Kette mit, was uns Alle wieder in eine frohe Stimmung versetzte. An einem Christ⸗ baum und an Geschenke war natürlich nicht zu denken; unser Geschenk bestand nur darin, daß uns der Fabrikant wieder eine neue Kette mit⸗ schicte. Von unserer kleinen Wohnung konnten wir bis zu dem reichen Fabrikbesttzer sehen, der nicht weit von uns wohnte. In feiner Villa prunkte ein großer Tannenbaum, dessen Licht⸗ strahlen bis in unsere Wohnung hineinleuchte⸗ ten. Wir konnten auch die Geschenke, die in reichem Maße vorhanden waren, sehen. Wenn das Spulrad still stand, was schon wieder zur neuen Kette diente, hörten wir auch das Ge⸗ johle um den Tannenbaum, das später in das stimmvolle Lied überging:„O du fröhliche, o du selige.“ Bei diesem krassen Gegensatze kam mir der Gedanke: Warum müssen wir so leiden und sind doch immer artig und fleißig gewesen und die Kinder des reichen Mannes haben Alles in Hülle und Fülle, was ihr Herz begehrt? So richtete ich die Frage an die Mutter: „Warum haben die Kinder des reichen Mannes Alles im Ueberfluß und wir haben nicht ein⸗ mal satt zu essen?“ Die Antwort der Mutter wor, es müsse einmal reiche und arme Leute geben, und wir Armen hätten es hier auf Er⸗ den schlecht und im Jenseits aber besser. Die Antwort konnte mir nicht einleuchten, und so fing ich von diesem Weihnachtsfeste an, über diese Ungerechtigkeiten nachzudenken. Dieses Nachsinnen über dieses Mißverhältnis zwischen Kapital und Arbeit, soweit die Aufklärung Lichter. Kaflen- und Feiterwagen. Viele Neuheiten. J. H. Fuhr, Giessen Sonnenstrasse 25 erlaubt sich zum Besuche seiner diesjährigen bedeutend vergrößerten Weihnachts-Ausstellung in Kinder- Spielwaren einzuladen. CMiisibuumsch much. Puppenheilanstalt. der Arbeiterpresse haben mich so weit gebracht, daß ich Sozialdemokrat geworden bin und die feste Ueberzeugung habe, daß nur die Sozial⸗ demokratie es ist, die eine Besserung der Lage der Arbeiter, der Besitzlosen herbei führen kann. Nicht nur allein, daß Weihnachten wieder vor der Tür steht, erinnert mich an meine Jugend⸗ zeit und mein Elend, auch die Frage, wie viele Familien werden heute noch ähnlich solche Feste feiern müssen? Denken wir an den großen Kampf in Crimmitschau, wo tausende helden⸗ mütige Textilarbeiter einen gerechten Kampf führen, einen Kampf, bet dem auch unser In⸗ teresse vertreten wird. Auch bei diesen im Ausstand stehenden Arbeitern steht das Weih⸗ nachtsfest vor der Tür. So möchte denn an alle Arbeiter die Ermahnung gehen, ihren Brü⸗ dern und Schwestern mitzuhelfen, daß auch die wackern Kämpfer das kommende Weihnachts⸗ fest in Freuden feiern können. In Crimmitschau. In Crimmitschau, in Crimmitschau sind alle Häuser f schwarz und grau Vom Qualme ungezählter Essen. Den Riesenkampf, der dort im Gang, wird man ein Menschenalter lang Verwinden nicht und nicht vergessen. In Crimmitschau, in Crimmitschau, da dulden schwei⸗ gend Mann und Frau, Da dulden schweigend selbst die Kinder. Die Schlotbarone haben jetzt ihr bißchen Hoffnung noch gesetzt Auf einen strengen Vogtlands winter. In Crimmitschau, in Crimmitschau, da zählt die Rache ganz genau Die Schlotbarone säen Zorn; aufgehen wird das kleinste Korn Und einst in Halm und Blüte schießen. In Crimmitschau, in Crimmitschau— verkündet es in jedem Gau!— Wird Namensloses stumm gelitten. Lichthalter. usa S- en-und Grösste Auswahl. In wahrhaft klassischem Gefecht wird für der Arbeit heil'ges Recht Mannhaft und heldenhaft gestritten. Crimmitschau, in Crimmitschau erschüttert der Tyrannen Bau Ein fortgesetzten schweres Beben. Hier kommt es, wie es kommen muß; hier wird es niemals Friedensschluß, Nur Waffenstillstand kann es geben. („Der wahre Jakob.“) —— Weihnachts wuusch. Sur allseits fröhlichen Weihnachtszeit Denken wir auch der Aermsten heut, Die Mangel, Not und Sorgen quälen: Mög' ihnen ein freundlich Lichtlein nicht fehlen! Splitter. Mensch, dir wäre besser gewesen, Hättest du Glauben, hätt'st du Gebet Nimmer gekannt und die Schrift nur geleser, Die im Herzen geschrieben dir steht! Denn die höchste der Religionen Ist die Liebe! Hört's, ihr Nationen! A F. Graf von Schach. Humoristisches Neues vom Sündenfall. Der kleinen Anna ist aus gewichtigen Gründen frisches Obst streng ver⸗ boten worden; gekochtes dagegen darf sie essen. Eines Mittags sitzt sie nachdenklich vor ihrem Apfelmus und fragt schließlich:„Nicht wahr, Mutti, hätte Eva im Paradies gekochte Aepfel gegessen, dann hätte es gar nichts geschadet.“ Auf dem Wohltätigkeitsball.„Bedenken Sie nur, gnädige Frau, welch erhebendes Gefühl: jedes Glas Sherry, das Sie mir einschenken, bedeutet einen Löffel warmer Suppe für die Armen.“(W. Jak.) Anzüglich.„Bitte, kaufen Sie mir ein Los ab!“„Ach, ich gewinne ja doch nichts!“ —„O, Sie machen sicher den Haupttreffer!“ In Zur bevorstehenden Saison bringe mein großes Lager von Trischen-, Dauerbrand⸗, Amerikaner-, Regulierhen⸗, Koch-, Hopew- und Darmslädler⸗Oesen in diversen Fabrikaten, ferner: Ofenschirme, Ofenvorsetzer, Verdampfschalen, Feuergeräte⸗ ständer, Kohleufüller u.⸗Kasten, Kohleulöffel, Stocheisen, Asch⸗ und Mülleimer usw., in empfehlende Erinnerung. 5 Auch habe eine Volldampf- Waschmaschine sowie Dr. Kleins Fleischsaftpressen zu verleihen. 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Unter Bruch von Recht und Gesetz hat der Reichstag den gefährlichen Zolltarif angenommen, der in Kraft tritt, sobald es der Regierung beliebt. Der Regierung eben jenes Klassen- staates, in dem kein gleiches Recht für arm und reich besteht! Schon wagen die Feinde des Volkes frech an dem letzten Recht zu rütteln, das Euch noch geblieben ist: Das gleiche Wahl- recht ist in Gefahr! Darum gilt es die Massen rechtzeitig aufzuklären, damit an dem Votum der arbeitenden Volksschichten die Pläne der Gewalthaber scheitern. Neue Militärausgaben, neue Ausgaben für die Flotte, für Kolonialpolitik, für romantische Seeabenteuer sind schon ange⸗ 1————————„„...... Cem 1 2 3 5 6 7 8 1 die Verzweiflung, die Leiden der breiten Massen wenigstens zu lindern. e Teul eenschen geigr er ferne Cf Bis ihm der Mensch als Gegner stand, * f 1 n— If,— Ref elt* 80 7 8 8 2 1 2 krrrtr ort 9 Arbe N 5 5 5 jedes einzelnen Parteigenossen und Freundes Vom Erdenschoß herauf zum Licht, der Freiheit und Gerechtigkeit. Bis wir zu Sens' und Sichel greifen, 10 5 8 Seite 15 ee äh„ f als„das rote Jahr“ bezeichnet worden; Ju mäß u der Garben. e e„es stehen für den Sommer die Reichstagswahlen, Dann ist des Sommers Kampf 1 Ende, für den Herbst die preußischen Landtagswahlen Dann hat auch er sein Ziel erreicht; bevor, beide Wahlen sind für die Sozialdemo⸗ Es kündet uns die Sonnenwende, 1 0 W N 81 das rote 1 öger inne echt. Jahr unsere Hoffnungen und Erwartungen er⸗ Daß zögernd er von hinnen weicht daher era in der die u 1 dub b— es geht ein Zitter en, überall, in der Werkstatt, in Freundes⸗ ne ent eggestein zittern 10 Bekanntenkreisen neue Mitstreiter zu wer⸗ Durch 4 buntgefürbte Buchenlaub. ben suchen. Das gilt auch für die Frauen! Sehr Des Herbstes rauhen Ungewittern richtig schreibt unser Gen. Bebel in der Neu⸗ Fällt nun der Erde Schmuck zum Raub. d 1— 5 i i Zorne ohl sind leider die Frauen vom Wahl⸗ e een wi en Jorne, recht ausgeschlossen. Aber was man ih nen Was abgedörrt und welk und alt i en ee, f. Rar 0 nicht nehmen kann, ist ihr Eintritt in die Volks⸗ Doch in des Weines edlem Borne versammlungen, ist ihr Einfluß auf den Gatten, Reift er der Trauben Goldgehalt. den Bruder, den Bräutigam, den Verwandten, 5 950 0 alte den Freund! 0 1 b 5 Dee Frauen sind es, die unter dem Druck 575 4 ede hoher Lebensmittelpreise am meisten zu leiden f 1 hellt, gleich einem-reiheitshelden- Aaban. Eike Iiub.- Hg. Lzikgk.- N. Jäuelicden f 9 10 11 12 13 14 15 16 17 I 22 9 8 17 8 2 1 ul 0 Aut! Teshuro mutig un den Null 7 Prosit Neujahr!