und ee —— Nr. 39. Gießen, den 27. September 1903. 10. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Sonnt Mitteldeutsche Mebaktionsschluß Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. Ags⸗Zeitung. Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Aus träger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33/8% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Juserate Die ö5gespalt. Bei mindestens Nach dem Parteitag. Länger als bei einem früheren Parteitage waren unsere Delegierten diesmal in Dresden zusammen. Acht volle Tage mußten sie aus⸗ halten, für Erholung und Vergnügen wurde noch nicht eine einzige Stunde geopfert. Von den Parteigenossen wird nach dem Ergeb⸗ nis der Dresdener Tagung, nach dem Extrag der Stägigen Arbeit gefragt. Was ist das Resultat der dort gepflogenen heftigen Debatten? „Wir haben auf diesem Parteitag Fragen von fundamentaler Wichtigkeit verhandelt... Will man die Verhandlungen richtig beurteilen, dann darf man sich nicht darauf beschränken, die persönlichen Erscheinungen zu betrachten, sondern dann muß man dazu übergehen, die Sache selbst zu untersuchen und dann wird man zu der Ueberzeugung kommen, daß das, was als persönlich angesehen wird, notwendig war, daß es gegeben war durch den Umstand, daß wir über Fragen verhandelt haben, die für die Partei von fundamentaler Bedeutung waren. —— Der Parteitag und die durch den Partei⸗ tag vertretene Partei will in ihrer immensen Ma⸗ jorität, daß Programm, Taktik, Streben und Agitieren der Partei nicht geändert werden soll. Die Massen in der Partei stehen nach wie vor auf dem Boden des revolutionären e dessen Ziele die Befreiung des Proletariats aus dem Druck, aus dem Elend der kapitalistischen Gesellschaftsordnung ist. Wir dürfen zufrieden sein damit, daß sich so glänzend dokumentiert hat der Wille der Partei, daß wir nicht diplomatisteren wollen, daß wir in unserer Partei keine Staatsmännelei haben wollen, sondern daß wir entschlossen sind, den geraden Weg weiter zu gehen, den Weg der dazu führen wird, unter Niederwerfung aller Gegner unser großes Ziel zu erreichen.“ Diese Worte richtete der Präsident des Parteitags, Genosse Singer in seiner Schluß⸗ rede an die Delegierten. Zweifellos hat Singer recht, wenn er sagt, daß Fragen von grund⸗ legender Bedeutung verhandelt und erledigt wurden, daß auch dieser Parteitag einen Mark⸗ stein in unserer Bewegung darstellt. Aber sein Verlauf befriedigt Singer, wie er durchblicken ließ, ebensowenig wie jeden andern Partei⸗ genossen. Wie sollte es auch anders sein! Dieser Parteitag hat sich nicht zu dem Jubel⸗ und Freudenfeste gestaltet, das wir nach unsern gewaltigem Wahlsiege zu feiern ein Recht hatten. Heftige Kämpfe durchwühlten die Reihen der Parteivertreter, Kämpfe, die in einer so scharfen Form geführt wurden, wie sie selbst auf unsern Parteitagen, wo man gewohnt ist, sich offen und rückhaltlos auszusprechen, ungewöhnlich ist. Ost genug— das können wir ruhig aussprechen — nahmen die Wortgefechte einen persönlichen Charakter an, der der Würde des Parteitags nicht entsprach. Dies und manches andere bewirkt, daß der Genosse, der die Verhandlungen verfolgt hat, keine besondere Freude darüber empfinden wirb. Diese Mißstimmung kommt auch in der Parteipresse zum Ausdruck. Fast alle Parteiblätter stellen dem Dresdener Tage kein günstiges Zeugnis aus. f Mit Recht sagte der Vorwärts, daß dieser Parteitag nicht mit hochgestimmten Freuden⸗ artikeln abgetan werden kann. waren es, die den Parteitag völlig beherrschten und eine volle Woche in ihren Bannkreis zwangen. Drei Tage lang debattierte man über die Mit⸗ arbeiterschaft von Parteigenossen an bürgerlichen Zeitschriften wie der Zukunft und drei weitere Tage nahm die Debatte über die Taktik, den „Revisionismus“, die Vizepräsidentenfrage und was drum und dran hängt, in Auspruch. Man kann die beiden Fragen unter Umständen für sehr wichtig halten, aber auf keinen Fall waren sie unter den gegebenen Verhältnissen von so außerordentlicher Wichtigkeit, daß sie die ganze schöpferische Kraft des Parteitags absorbierten. Heftig wurde gekämpft und manch hartes Wort ist gefallen. Und das Ergebnis! In der großen Masse der Parteigenossen, die keinen besonderen Gefallen findet an eitlem Literaten⸗ gezänk und an akademischen Erörterungen über theoretische Streitfragen, wird lebhaft bedauert, daß der Parteitag eigentlich so gar keine prak⸗ tische Arbeit geleistet hat. Eine Reihe von Auträgen betr. Agitation, Organisatton, Presse usw., deren eingehende Beratung der Partei gewiß nur förderlich gewesen wäre, mußten ihre Erledigung finden, indem sie sozusagen über's Knie abgebrochen wurden, weil die Zeit nicht mehr reichte. erwartet, daß die Delegierten nach dem Drei⸗ millionensieg in Dresden ernstlich darüber Rats pflegen würden, wie denn dieser gewaltige Er⸗ folg unserer Partei am besten zum Wohle der Arbeiterklasse ausgenützt würde. Doch nichts von alledem. Von der Ferne begreift man kaum die hitzigen Wortgefechte. In den Grund⸗ sätzen stehen wir alle einmütig auf dem Boden des Klassenkampfes, in der Wahl der Mittel zur Erreichung unserer Ziele gehen die Mei⸗ nungen auseinander, einig aber sind wir erst 1 71 im Kampfe gegen den gemeinsamen eind.“ Andere Parteiorgane sprachen sich noch weit schärfer aus, das in Hannover zum Beispiel bezeichnete die Debatten in Dresden als nieder⸗ drückend und die Genossen müßten verlangen, daß solche Debatten ein für allemal unmög⸗ lich gemacht würden. Kurz, in der ganzen Partei kommt das Bedauern über die heftigen Zusammenstöße zum Ausdruck. Ganz falsch wäre es natürlich, wenn man die beiden Hauptdebatten, die über die Mit⸗ arbeit von Parteigenossen an bürgerlichen Blättern und die Taktik⸗Debatte als unnütz und bloßes persönliches Gezänke bezeichnen wollte. In der letzteren handelte es sich um die Grundlage, um die Grundsätze unserer Partei, darum, ob wir unsern Kampf als die Partei der arbeitenden Klasse wie bisher weiter führen oder eine gewisse Aussöhnung mit der bürgerlichen Gesellschaft, eine Ueberbrückung der doch nun einmal vorhandenen Klassen⸗ Gegensätze betreiben sollen. Bestrebungen im letzeren Sinne wurden einer Reihe in führen⸗ der Stellung befindlichen Genossen, den soge⸗ nannten„Revisionisten“ vorgeworfen. Sie haben es bestritten; Auer erklärte solche Vor⸗ würfe als elende Verleumdung. Mit erdrückender Mehrheit ist die Resolution ange; nommen worden, in der ausgesprochen wird, daß an der bisherigen Taktik nichts geändert „Zwei Fragen Allgemein hatte man auch werden soll, daß wir bleiben, was wir waren! J gung an den Landtagswahlen. Notwendig war diese Auseinandersetzung, nachdem besonders von Bebel so gewaltig in die Lärmtrompete gestoßen worden war. Bebels Befürchtungen haben stch als übertrieben heraus⸗ gestellt, er hätte nicht nötig gehabt von„Ko⸗ mödienspiel und Vertuschen“ zu reden, Aeußerungen, die uns bei der weiteren Agitation empfindlich schaden werden. Und es hat nichts geschadet, daß dem Genossen Bebel, dessen große Verdienste um die Partei und das arbeitende Volk sonst unbestritten sind, ein Dämpfer auf⸗ gesetzt und gesagt wurde, daß sein Auftreten von andern Genossen als diktatorisch empfunden werde. Geradezu bewundernswerte Geduld und Langmut zeigte der Parteitag bei der Debatte über die Mitarbeit an bürgerlichen Blättern. Hier war es unseres Erachtens entschieden ein Fehler, daß unbeschränkte Redezeit beschlossen wurde; mit dem vierten Teile der tatsächlich aufgewendeten Zeit hätte man diese Angelegen⸗ heit erledigen können und sollen. Partei⸗ genössische Schriftsteller sollten es schon ganz von selbst unterlassen, an Blättern mitzuarbeiten, welche die Sozialdemokratie auf das nieder⸗ trächtigste beschimpfen. Was hier von Partei⸗ wegen verlaugt wurde, war berechtigt und eigentlich selbstverständlich. Verschlimmert wurde diese Auseinandersetzung noch durch die Hereinziehung der Mehringschen Angelegenheit. Pflicht der Genossen, die Mehring etwas vor⸗ zuwerfen hatten, wäre es gewesen, die Sache zunächst dem Parteivorstand zur Untersuchung und Erledigung zu unterbreiten und nicht den Parteitag damit zu behelligen, der darüber doch kein Urteil fällen konnte. Bot der Dresdener Kongreß auch vieles Unerfreuliche, so hat er doch anderseits auch recht bedeutsame Arbeiten geleistet, die zur weiteren Förderung unserer Bewegung beitragen werden. Agitie ren und organisteren ist auch ferner⸗ hin unsere Anfgabe. Politische Rundschau. Die preußischen Landtagswahlen waren Gegenstand einer Konferenz der preußtschen Parteitagsdelegirten, die im Anschluß an den Parteitag stattfand. Bebel, der den Vorsitz führte, gibt ein Bild der Sachlage und führt u. a. aus: Bis jetzt war die Situation die, daß den Konservativen nur 5 Stimmen an der absoluten Mehrheit fehlten. Käme es zu einem allgemeinen Kartell mit den Liberalen, so würde es leicht sein, die Konservativen erheblich zu schwächen. Da aber leider ein solches Kartell gar nicht oder nur sehr vereinzelt zustande kommen wird, so wird das Resultat das sein, daß das nächste Abgeordnetenhaus wahrschein⸗ lich eine konservative Mehrheit haben wird. Die Folge wird die sein, daß für reaktionäre Gesetze die Bahn frei sein wird. Sollen wir es auf solche neue reaktionäre Gesetze, etwa auf ein neues Vereinsgesetz ankommen lassen? Und da meine ich: Wir müssen mit den Libe⸗ ralen einmal Fraktur reden! Und wenn der Erfolg unsrer Beteiligung der wäre, daß der Liberale aus dem Abgeordnetenhause verschwindet, auch dann bin ich für eine selbständige Beteilt⸗ Wenn wir — R—— * 15 2 Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Abgeordnete durchbringen, so werden diese den Kampf gegen das Klassenwahlrecht aufzunehmen und das ganze Elend unsrer Zustände in der nötigen Weise zu schildern haben. Gegen die von Bebel in Bezug auf die allgemeine Taktik gemachten Ausführungen erhebt sich kein Wider⸗ spruch. Danach geht also die Partei überall selbständig vor. Arons Berlin bedauert, daß Bebel nnd Singer abgelehnt haben, Kandidaturen zu übernehmen. Wünschenswert wäre, wenn die beiden in allen Wahlkreisen aufgestellt würden und dann je nach dem Ausfall der Urwahl sich entscheiden, wo sie annehmen. Bebel erklärt, die Arbeitslast, die auf ihm und Singer ruhe, zwinge sie, von einer Kandidatur Abstand zu nehmen. Es würde ihnen ja eine wahre Woll⸗ lust bereiten, einmal im Landtag aufzutreten, aber sie müßten auf das Vergnügen verzichten. Schließlich wird beschlossen, einen besonderen Landtagswahlfonds zu schaffen. Die sächsischen Landtagswahlen, die bereits auf den 30. Sept. angesetzt waren, sind vom Ministerium„in Berücksichtigung von verschiedenen Seiten geäußerter beachtlicher Wünsche“ verlegt worden und zwar für die 3. Abteilung auf den 5. Oktober, für die 2. Abteilung auf den 6. Oktober und für die 1. Abteilung auf den 7. Oktober. Die Abge⸗ ordnetenwahlen sollen am 22 Oktober stattfinden. Die„beachtlichen Wünsche“ gingen vom Verband der Industriellen aus, der gegen Wahltage vor der Quartalswende geltend machte, daß sie für den Kaufmannsstand und viele Industrielle ge⸗ schäftlich ungünstig lägen.— Die Verlegung des Wahltermins erhält insofern noch eine be⸗ sondere Bedeutung, als am 1. Oktober der Kartellvertrag abläuft, den die bürgerlichen Parteien abgeschlossen hatten. Möglicherweise kann sich nun der Wahlkampf etwas kompli⸗ zierter gestalten. 1500 Soldatenmißhandlungen wurden dem Unteroffizier Otto Breidenbach zur Last gelegt, gegen den vor dem Oberkriegs⸗ Fein in Berlin verhandelt wurde. Die erhandlung ergab haarsträubende Einzelheiten. Etwa 300 Fälle unter den 1500 sind schwere, mit gefährlichen Werkzeugen wie Gewehr⸗ kolben, Seitengewehrklinge, Klopf⸗ peitsche, Besensttel usw. verübte Mißhand⸗ lungen. Eine derselben führte zum Selbstmord' des Füsiliers Hill, wofür der Angeklagte bereits zu 3½ Jahren Gefängnis und Degradation verurteilt wurde. Das Oberkriegsgericht er⸗ kannte auf 8 Jahre Gefängnis und De⸗ gradation. Kulturbild aus dem Osten Deutschlands In Gnesen(Provinz Posen) wurde dieser Tage ein Flucht⸗Begünstigungs⸗ Prozeß ver⸗ handelt, der sich aus dem vor längerer Zeit verhandelten Wreschener Schulkrawall⸗Prozeß entwickelt hat. Einer der damals Verurteilten soll von dem Hülfskomits Geld zur Flucht erhalten haben. Deshalb sind mehrere Komité⸗ mitglieder angeklagt. Einer der Angeklagten hatte in Untersuchungshaft gesessen. Dieser, der Händler Janikikkratzt sich während der Gerichtsverhandlung fortwährend. Die neben ihm sitzenden Angeklagten, das Herren⸗ hausmitglied v. Koscielski u. Propst Labedzki aus Wreschen, rücken ein Stück von ihm ab. Die Sache erregt großes Aufsehen. Auch dem Präsidenten fällt es auf. Da in der Runde nunmehr alle anfangen, sich zu kratzen, wird die Situation bedenklich. Endlich sagt Janickt:„Ich kann es nicht mehr aushalten, die Läuse beißen mich so furchtbar.“ Auf die Frage des Präsidenten, was es mit dem Ungeziefer für ein Bewandtnis habe, er⸗ wiederte Janicki, daß es in der Gefängnis⸗ zelle, in der er die Nacht hatte zubringen müssen, von Läusen wimmelte. Er streicht die Aermel hoch und zeigt die zerbissenen Arme, greift an den Kopf und bringt die Läuse herunter, greift dann hinter den Kragen, an Niemand will neben Janicki auf der Anklage⸗ bank sitzen und der Präsident beschließt, daß der mit Läusen bedeckte Janicki abseits sitzen solle. Der Präsident welst dem Angeklagten nunmehr einen neuen Platz an und Janicki setzt sich jetzt in der Nähe des Tisches für die Berichterstatter und zwar in der Nähe der Ver⸗ treter der polnischen Presse, unter denen sich verschiedene Warschauer befinden. Janicki sagt, man habe ihm nicht Zeit gelassen, sich zu waschen und umzukleiden. Nach diesem Intermezzo geht die Verhandlung weiter.— Solche grauenhafte Zustände können unter den Augen der Behörden existieren! Ein Wahlkrawall⸗Prozeß hat sich dieser Tage in Beuthen, Oberschlesten, abgespielt. Es handelte sich um Tumulte, die eu an en einer polnischen Wahlversammlung in Laurahütte stattgefunden haben. Etwa 40 Personen, darunter eine große Anzahl jugendliche waren angeklagt, und Hunderte von Zeugen wurden vernommen. Unter den Angeklagten befand sich auch der polnische Reichstagsabgeordnete Korfanty der in jener Wählerversammlung gesprochen hatte. Nur sechs Angeklagte wurden freigesprochen, die übrigen von 3 Jahren bis herab zu zwei Wochen Gefängnis verurteilt. Im Ganzen wurden etwa 40 Jahre Gefängnis verhängt. Sogar ein 12 jähriger Knabe erhielt 2 Monate. — Dabei war die Polizei bei jenem Krawall in einer Art aufgetreten, welche die Leute zum Widerstand reizen mußte; zwei Arbeiter wurden damals erschossen.— Die verhängten Strafen sind geradezu empörend hart. Sächsische Staatsrettung. In Dresden wollte unser österreichischer Genosse Viktor Adler einen Vortrag über Sozialdemokratie und Sozialreform halten. Adler durfte jedoch in Dresden nicht reden, während seinem Landsmann Perners⸗ dorfer ein Vortrag in dem nahen Löbtau erlaubt wurde. Natürlich hatten sich unsere Dresdener Genossen auf diesen Fall schon ein⸗ gerichtet, sodaß die Versammlung trotzdem statt⸗ finden konnte. Staunenswert sst die sächsische Polizeiweisheit! „Etrafe“ für einen Mörder. Gegen den Fähnrich Hüssener, der bekannt⸗ lich den Einjährigen Hartmann in Essen hinter⸗ rücks erstach, verhandelte am Mittwoch das Oberkriegsgericht in Kiel in der Berufungsin⸗ stanz. Das Urteil lautete auf ganze zwei Jahre nnd sieben Tage Festungshaft. Also dieselbe milde Strafe, die von der zweiten Instanz verhängt wurde. Sieht sie nicht bald wie eine Belobigung aus? Nach dem Rechts⸗ gefühl des Volkes hätten dem Mörder 10 Jahre Zuchthaus zudiktiert gehört. Die Folterhaft Neat den Berichterstatter des Vorwärts, Gen. ehbein ist am Samstag aufgehoben worden. Man hatte ihn 14 Tage lang eingesperrt, um ihn zum Verrat jenes Soldaten zu zwingen, der sich zugunsten seiner Mitkameraden an den „Vorwärts“ gewandt hatte. Rehbein hätte selbstverständlich den ihm zugemuteten journa⸗ listischen Treubruch nicht begangen, auch wenn man ihn volle sechs Wochen festgehalten hätte. Das hat wohl auch die Militär⸗Gerichtsbehörde allgemach eingesehen und darum dem grausamen Spiel bereits jetzt ein Ende gemacht. Die Sache wird natürlich noch ihr parlamentarisches Nachspiel haben. Jedenfalls aber hat die Militärbehörde durch ihr unglaubliches Vor⸗ Mon gegen Rehbein erreicht, daß es nun keinem enschen mehr einfallen wird, ihm mitgeteilte Hilferufe verzweifelter oder mitleidiger Menschen der Militärbehörde zu unterbreiten. Da aber der Kiegsminister hierzu seinerzeit im Reichs⸗ tage aufgefordert hat, so wird sich der neue Herr beizeiten auf eine gelegene Ausrede be⸗ sinnen müssen. Es geht vorwärts im Elsaß! 1751 Stimmen gewählt. Jehl, von den gesamten bürgerlichen Parteien, mit Ausnahme der Demokraten, unterstützt, erhielt nur 1200 Stimmen. Mit Peirotes zieht der zweite Sozialdemokrat in den Landtag der Reichslande ein. Bisher war Genosse Emmel⸗ Mühlhausen dort unser einziger Abgeordneter. — In Mühlhausen⸗ Nord siegte leider der Mischmaschkandidat mit 2665 Stimmen gegen unsern Genossen Martin, der nur 2186 Stimmen erhielt.— Dieser Kreis wird auch bald reif für die Sozialdemokratie sein! Ueberall zeigte sich bei den allgemeinen Wahlen ein erfreuliches Anwachsen unserer Stimmen. Christliche Nächstenliebe. „Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen!“ Diesen christlichen Lehr⸗ und Grundsatz scheint der fromme Verfasser des katholischen St. Paulus⸗Kalenders für 1904 nicht zu kennen, wenigstens handelt er nicht darnach, denn er schreibt in der Rundschan jenes Kalenders: „Emil Zola, der literarische Schmutzfink, der seinen Judenschnabel am Felsen Petri und auch an der Lourdes⸗Grotte zu wetzen versuchte, erstickte im Oktober in Paris, wenn nicht an seinem eigenen Gestank, so doch an dem Kohlen⸗ dampf und Schwefelwasserstoffgas, das seinem Heizofen entströmte, als er schlief. Man kann das einen sehr natürlichen Tod nennen.“ Man wird kaum behaupten können, daß diese Sätze im Geiste der Religion der Liebe gehalten sind. Und wenn die christlichen Führer in dieser Weise predigen, dann braucht man sich nicht zu wundern, wenn die Geführten gegenüber Andersdenkenden die gröbsten Aus⸗ schreitungen begehen. Die dänische Sozialdemokratie erzielte bei zwei Ersatzwahlen zum Landsthing gute Erfolge insofern, als sie einen Zuwachs von 1330 Stimmen zu verzeichnen hat. Trotzdem aber für die sozialdemokratischen Kandidaten 6000 mehr als auf diejenigen der Gegner abgegeben sind, fielen infolge des indirekten Wahlsystems die Mandate Letzteren zu.— In 40 Städten sind zu den Steuerveranlagungs⸗ Kommissionen neue Mitglieder gewählt und in 24 dieser Städte haben die Sozial dem o⸗ kraten die Mehrheit erhalten. Bei den Wahlen in Serbien, die am Sonntag stattfanden, sind 133 Radikale und 14 Liberale und auch ein Sozialist ge⸗ wählt worden. Also fängt's auch dort an Tag zu werden! Nun kann König Peter Reden über vaterlandslose Gesellen halten. Sozialdemokratischer Parteitag. (Fortsetzung aus der Beilage.) Vor Jahren hieß es: Die Beteiligung am Senioren⸗ konvent sei eine tiefe Verletzung der Parteiprinzipien. Schon damals hieß es: Dadurch wird uns der ganze Wahlerfolg verekelt. Genau wie heute war es damals im Jahre 1884. Seit der Zeit haben wir uns auch an diese Sache gewöhnt. Uebrigens viel wert ist die Teilnahme am Seniorenkonvent nicht. Man bekommt da aber Informationen, die man einmal gebrauchen kann. Was hat es in Fragen der Gewerkschaftsbewegung für Differenzen gegeben? Wie hat Bebel in Köln gegen die paritätischen Arbeitsnachweise gewettert, wie hat Bebel sich gegen das Zusammenarbeiten mit bürgerlichen Sozialreformern gewandt. Er hat es mit Wadelstrümpfelei bezeichnet. Derselbe Bebel ist ein Jahr später nach Zürich zum Sozialreform⸗Kongreß gereist und hat dort mit bürgerlichen Leuten verhandelt.(Bebel: Es war zwei Jahre später und du warst auch dabei. Heiterkeit.) Ja, ich hatte aber die Wadelstrümpfe schon, du hast sie dir erst damals erworben.(Groß: Heiterkeit) Wie hat man die Tarifgemeinschaften bekämpft, wie hat man den Niedergang der Gewerkschaftsbewegung gesetzt, die Gewerkschaften sind zu ungeahnter Blüte der Arbeiterschutzgesetze in der Fraktion heftige Kämpfe gehabt. Wir haben einzelnen Gesetzen zuge⸗ den Hals und zieht auch von dort ein paar Läuse hervor. Die Sache wird immer kritischer, Bei den am Sonntag in Elsaß erfolgten stimmt. Der Agitation hat es nichts geschadet, niemals prophezeit. Die Tarifgemeinschaften haben sich durch⸗ g gelangt. Wir haben über die Ablehnung oder Annahme 1 Ar. 3. Bezirkstagsnachwahlen wurde unser Genosse Peirotes in Straßburg⸗Süd mit Sein Gegenkandidat 1 10 eint St. len, er ink, und he, len⸗ nem aun daß che rer Han ten lus⸗ hing vol dem aten ger ten 5 mo- ö kale e- Tag eden — Nr. 39. * Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 3. hat sich einer von uns geschämt, in die Arbeiterversamm⸗ lungen zu gehen. Früher ist die Beteiligung an den Klassenwahlen für die Kommunalvertretungen für programmwidrig erklärt worden, namentlich in Berlin. Jetzt hat man sich schon lange beteiligt. Ich kenne die internen preußischen Verhältnisse so wenig, wie Sie die bayrischen genau kennen.(Heiterkeit.) Aber es wird behauptet, daß fich die Berliner Stadtverordneten mit einer Amtskette behängen, die ein Königsbild trägt. Also der Wadenstrumpf soll die Waden brennen, aber das Königsbild auf der Brust soll keinen Schaden an⸗ richten.(Heiterkeit.) 1893 für den Parteitag in Köln hat Ede die Beteiligung an den Landtagswahlen empfohlen. Bebel und Liebknecht schrien Verrat, Ede bekam seinen Rüffel, die Beteiligung wurde abgelehnt. Später bekam Bebel ein kleines Sehnen nach diesem Gifttrank. Andere waren immer noch dagegen, wie z. B. Freund Zubeil.(Zubeil: Auch heute noch.) Bebel hat in Mainz schließlich erklärt, die Beteiligung an den Landtagswahlen ist Pflicht jedes Parteigenossen. Er hat sich für Kompromisse unumwunden ausgesprochen, daß wir Bayern beinahe eifersüchtig sein konnten. Unsre Bewegung war eben immer in Fluß und das wird immer so bleiben. Zwischen heute und dem Endziel ist so manches, wovon unsre Schulweisheit sich nichts träumen läßt. Aber manche Leute lernen nichts aus der Geschichte, sie fällen immer wieder voreilig die alten Verdammungsurteile. Dabei ist die Partei niemals einiger gewesen als jetzt. Der letzte Wahl⸗ kampf hat es bewiesen. Noch nie war das Ge⸗ schrei:„Die Partei ist in Gefahr!“ unberechtigter erhoben worden als in diesem Augenblicke.— Erst war Bebel ganz ruhig und friedlich, er schrieb ganz richtig: Vollmar hat nichts Neues gesagt. Ganz richtig und ruhig und gemütlich. Ich habe die Frage schon 1898, ja schon 1895 angeregt. Auer ist dafür eingetreten und Grillen⸗ berger hat sich auch mit einer Wendung über die Re⸗ präsentationspflichten ausgesprochen, die sehr interessant war, aber für die Oeffentlichkeit in Sachsen nicht geeignet. (Große Heiterkeit.) Wenn das Eintreten für den Vize⸗ präsidenten so abgrundtiefe Prinzipienlosigkeit war, so hätte man doch das damals schon sagen können. In der Fraktion gab es aber eine recht gemütliche Ausein⸗ andersetzung. Erst vier Wochen später ist bei Bebel eine Veränderung in der Beurteilung meiner Rede ein⸗ getreten. Da entdeckte er plötzlich, daß die Präsidenten⸗ frage eine Haupt⸗ und Staatsaktion sei, daß ich damit eine funkelnagelneue Taktik inaugurieren wollte. Davon weiß ich nichts. Der Masse schmeichele ich nicht, Schmeichelei halte ich für ebenso verwerflich, wenn sie für Potentaten, als wenn sie für die Massen aufgebraucht wird.(Sehr richtig.) Eine Schmeichelei der Massen ist es aber, wenn Bebel sagt, die Volksmassen treffen immer das Richtige. Ich weiß, daß das Volk sich schon hat täuschen lassen. Wir haben verschiedene Temperamente, Bebel und ich. Aber wenn bei uns jeder so losgehen wollte, wie es Bebel beliebt, dann würde in der Partei ganz andrer Krach sein, Wir nehmen alle Rücksicht auf Bebel, aber die Bescherung, die er uns diesmal hier angerichtet hat, geht doch über die Hutschnur.(Sehr richtig!) Ein Freibrief für all und jedes kann das Temperament nicht sein.(Bebel: Verlange ich auch nicht.) Die Partei darf nicht länger der Spielball der über⸗ stiegenen Einbildungskraft einzelner Menschen sein. Das impulsive ungezügelte Temperament schadet nicht nur auf Fürstenthronen, sondern auch auf Par⸗ teithronen.(Beifall.) Wer Dinge und Menschen leiten will, muß sich erst selbst beherrschen lernen,(Er⸗ neuter Beifall.) Wie geht Bebel gegen einzelne Parteigenossen vor! Allein tut er doch schließlich auch nicht alles, es gibt doch auch noch andre Parteigenossen, die ihr ganzes Sein für die Partei einsetzen und die es sehr unan⸗ genehm empfinden müssen, wenn ihnen ihre ganze Partei⸗ tätigkeit vor den Gegnern verekelt wird. Bebel maßt sich sogar an, die persönliche Ehre von Genossen anzu⸗ greifen(Sehr wahr!), er erteilt hochmögende Warnungen, teilt die Parteigenossen in solche erster und zweiter Güte. — Wie Bismarck s. Zt. von der faulen Zuchtlosigkeit des Südens, sprach Bebel von der Rückständigkeit Bayerns. — Jedenfalls hat Bebel durch die Art, wie er die Angelegenheit gestern behandelte, unsern Gegnern in Bayern einen sehr großen Dienst geleistet, und das Waffenarsenal unsrer Gegner um einen fetten Brocken vermehrt.(Sehr wahr!) Bebel sagte fortwährend: Ich werde nicht dulden, ich werde ihnen den Kopf waschen und ich hoffe, meinen Freunden und Feinden noch manche böse Stunde zu bereiten; ich bin ehrlich. Ist das nicht die Sprache eines Diktators?(Sehr richtig!) Um seine Auffassung zu beweisen, hat Bebel alles zusammengeholt, was in den letzten 12 Jahren je an Meinungsverschiedenheiten vorhanden gewesen ist, Dinge, die zum Teil längst von früheren Parteitagen entschieden waren.— Vollmar führt dann an, wie Bebel auf dem Erfurter und Frankfurter Parteitag vorgegangen sei, wie er da schon überall opportunistischen Verrat gewittert habe. Es hat immer kleinere und größere Differenzen in der Fraktion gegeben. Die Partei soll von den Revisionisten geschädigt werden! O ja, die Partei wird schwer geschädigt. Oder kann es etwas Aergeres geben, als wenn man den 3 Millionen Wählern, die auf uns ihr Vertrauen gesetzt haben, die ihre Erlösung aus der ökonomischen Bedrückung von uns erhoffen, zuschreit, wir hätten bisher nur gegenseitig Komödie ge⸗ spielt, wenn man ihnen die Führer ihrer Partei in solch häßlichen Fratzen zeigt? Ich frage von wem, wann und wo ist ein derartiges Komödien⸗ spiel getrieben worden? Der Sinn dieser Beschul⸗ digung kann doch nur der sein, daß es Leute in der Partei gibt, die planen, durch Unschädlichmachung von Kollegen die Alleinherrschaft ihrer Auffassung in der Partei zu proklamieren. Ich protestiere auf das allerentschiedenste gegen diesen Ausdruck und sage, daß das ein Schaden ist— gegen den Willen Bebels natürlich—, wie er seit langem schwerer der Partei nicht zugefügt ist, und der uns noch jahrelang nachhäugen wird.(Sehr wahr!) Die einzige Gefahr für die Partei besteht darin, wenn es Leute in ihr gibt, die glauben, ihre eigene Meinung um jeden Preis durchsetzen zu müssen, die eigensinnig auf ihrer Meinung herharren, streitsüchtig sind und autoritär anstatt durch Ueberzeugung zu wirken suchen. Hauptperson in der Sache ist eigentlich nicht Bebel, sondern Kautsky, der konsequenter ist. Er ist der Fanatiker der Theorie, der Partei gewordene deutsche Professor, er will die Allein⸗ herrschaft seiner Ueberzeugung, das geht schon daraus hervor, daß er die neue Methode, wle er sie nennt, als Auflehnung gegen die echte Glaubenseinheit bezeichnet hat. Ich frage, wo und von wem sind jemals die Grundsätze in Deutschland befürwortet worden, die Kauksky als die Anschauungen der Revisionisten dargelegt hat, der Grundsatz der Anlehnung an die bürgerlichen Gesell⸗ schaft. Wenn man hier einen Tendenzprozeß schlimmster Art macht, dann solle man die Beweise auch beibringen. (Sehr richtig!) Kautsky schreibt, die Kritik muß eine zeitlang zurückgedämmt, das„Anzweifeln“ müsse zurück⸗ gestellt werden.(Hört, hört!) Ich habe mir das Wort anzweifeln genau gemerkt, weil es mich an meine Religionsstunde erinnerte.(Heiterkeit.) Die freie Meinungsäußernng ist die Lebenswurzel der Partei, sie kann nur ganz oder gar nicht bestehen. Ohne sie vecknöchert die Partei. Das aber sage ich: wenn man mir einen Maulkorb zumutet, so ist es mir ziemlich gleichgültig, ob das ein poltzeilicher, kirchlicher oder ein sogenannter demokratischer ist.(Beifall und Lachen.) Es wäre wahrlich nicht der Mühe wert, sein ganzes Leben zu opfern(Bebel: Dein Leben?)— nun, opferst Du denn Dein Leben nicht der Partei, glaubst Du, das tun nicht andere auch? Also es wäre nicht der Mühe wert, sein ganzes Sein einzusetzen, einen Götzen umzuwerfen, um einen neuen Götzen an die Stelle zu setzen.— Was nun die gestellte Resolution anlangt, so ist der erste Punkt, die Vizepräsidentenfrage für mich entschieden, nachdem die Partei gesprochen hat. Die folgenden Absätze halte ich für falsch, schon wegen zweimaligen Wiederholung des Wortes„Revisionismus“, das ich für einen Popanz halte, aufgerichtet, damit man auf ihn losschlagen kann. Aber wenn es der Partei eine Beruhigung ist, Grundsätze, die ich als extstierend nicht ankennen kann, schon im Voraus zu verurteilen, ihnen einen Riegel vorzuschieben, so bin ich auch damit einverstanden. Zum letzten Absatz sage ich, der Ge⸗ mäßigte: er ist mir nicht radikal genug.(Heiterkeit.) Das Wort„Wahrung von Arbeiterinteressen“ ist mir zu blaß und schal. Ich möchte darauf hinweisen, daß sich, nie bei einer praktischen Frage in der Fraktion die sogenannten Revisionisten und Radikalen streng ge⸗ schieden haben, stets gab es eine Mischung. Kommt es doch sogar vor, daß unser Karl Kautsky einmal auf hyperopportunistischen Pfaden wandelt. Hat er uns doch empfohlen, eine neue Einteilung der Wahlkreise nicht zu betreiben, da das Wahlrecht verschlechtert werden könnte.(Bebel: Da gebe ich Dir Recht.) Das ist doch bezeichnet bei Jemanden, der hinter jeder Aeußerung von uns Vertuschungen ꝛc. sucht. Aus der Resolution geht nicht hervor, daß sie persönliche Zwecke verfolgt. Ich nehme auch das nicht an. Wollen Sie Personen hinausdrängen, dann nennen Sie diese Personen. Diese müßten sich dann entweder unterwerfen oder den Saal verlassen. Ich hoffe, es wird dazu nicht kommen. Der Parteitag wird sich überzeugt haben, daß trotz mancher berechtigten Unzufriedenheit, z. B. darüber, daß ganz junge Parteigenossen in die höchsten Ehrenstellen gelangt sind, die Dinge aufgebauscht sind. Ich bin nämlich der Ueberzeugung, daß in Wahrheit die Partei zu keiner Zeit weniger Anlaß zu prinzipiellen Auseinander⸗ setzungen hatte, als gerade jetzt, daß die Einheit und Einheitlichkeit in der Partei größer ist als sie früher war.(Sehr richtig!) Angesichts der großen Aufgaben die uns erwarten, sollten wir dem törichten Bruder⸗ gezänk Einhalt gebieten. Ich meine, Jeder kann in seiner Art der Partei dienen, alle Kräfte müssen zu⸗ sammenwirken. Der Parteitag lasse sich nur von sach⸗ lichen Motiven leiten und rufe die Führer von rechts und links auf ihre Posten zurück, auf ihren Posten zum Kampf gegen den gemeinsamen Feind. (Beifall.) (Fortsetzung Seite 5.) Soziales, Gewerkschastliches, Arbeiterbewegung. Die Wurmkrankheit der Bergleute hat nun auch in sächsischen Schächten ihren Einzug gehalten. Auf dem Zwickauer Tief⸗ bauschacht ist bekannt gegen, daß ein bis vor Jahresfrist auf rheinisch⸗westfälischen Gruben tätig gewesener Lehrhäuer als wurmkrank be⸗ funden worden ist, und der Belegschaft darob die gewissenhafte Beobachtung aller Vorschriften und Vorsichtsmaßregeln anempfohlen. Es soll sich im ganzen um etwa 75 wurmkranke Arbeiter handeln, die sämtlich zuvor in Westfalen be⸗ schäftigt waren. Der grobe Unfug der Streiken⸗ den. Wegen Vergehen gegen den§ 153 der Gewerbeordnung hatten sich acht Maurer und zwei Taglöhner vor dem Schöffengericht in Mainz zu verantworten. Die Beweisaufnahme förderte ein wesentlich anderes Bild zutage, als es nach der Anklage anzunehmen war. Die Angeklagten bestritten vor allem, sich im Sinne der Anklage schuldig gemacht zu haben. Und mit Erfolg. Strafe mußte aber doch bei den meisten der Angeklagten sein. Aus dem Vergehen gegen den§8 153 wurde nämlich grober Unfug. So verkündete das Gericht nach kurzer Beratung, daß die Voraussetzungen des§ 153 der Gewerbeordnung als absolut nicht vorliegend zu erachten seien, eine Ver⸗ urteilung in diesem Sinne deshalb nicht ein⸗ treten könne. Wohl aber sei durch die Schutz⸗ leute der grobe Unfug festgestellt. Der grobe Unfug sei dadurch begangen, daß der eine An⸗ gelagte laut rief: Wenn die Italiener arbeiten, können sie auch unsere Steuern zahlen! Der zweite riß einem ansprengenden Gendarm gegenüber seine Jacke auf und schrie: Da, schieße einen Familienvater zusammen! Die große Erregung, die durch das Vorgehen der Bauunternehmer und Polizei bei den Aus⸗ gesperrten herrschte, müsse bei den Angeklagten bei dem Strafmaß in Berücksichtigung gezogen werden. Drei der Angeklagten bekamen je 15, einer 20 Mk. Geldstrafe, drei je eine Woche Haft, und drei wurden freigesprochen. von Nah und Fern. Hessisches. — Die Landtagsersatzwahl in Darm- stadt, die bekanntlich stattfinden muß, weil die Wahl der beiden freisinnigen elbgeord neten Langenbach und Saeng für ungültig erklärt wurde, ist auf den 15. Oktober festgesetzt. Unsere Genossen wollen diesmals selbständig vorgehen, nicht wie bei den letzten Wahlen mit den Freisinnigen zusammengehen. Das ist auch ganz richtig, denn der Freisinn hat sich immer mehr nach der reaktionären Seite„entwickelt“; er unterscheidet sich kaum noch von dem National⸗ liberalismus. Gießener Angelegenheiten. — Ein geschmackloser Witz. Unser Genosse Krumm schreibt uns:„In der Nr. 19 des Süddeutschen Postillon steht folgen⸗ der„Witz“: „10 Ochsen und 1 Bauer sind 12 Stück Rindvieh“ sagt Mörike und da hat er ganz Recht. Gegen eine derartige Sorte„Witze“ welche einen ganzen Stand des Volkes aufs gröbste beschimpfen lege ich Verwahrung ein. Weiß die Redaktion„Postillon“ nichts besseres zu bieten, dann soll sie lieber den Raum leer lassen. Solche Schimpfereien gereichen der Partei zur Unehre.“ Nun, unserer Ansicht nach ist die Sache nicht so schlimm gemeint. Es ist ein Zitat von dem schwäbischen Dichter Ed. Mörike, der in den vierziger Jahren Pfarrer in Cleversulzbach N ö J 0 1 0 0 ————— 3— 3 1 3 e —— r 8 — . 8* 5 3 5 2 9 .— 5 1 5 8—— !...— 2 5 8——„„FFTTVTPT—TFT——T—T——.— — Seite 4. Mitteldeulsche Sountags⸗ Zeitung. Nr. 39. war, und vielleicht wollte der„Postillon“ damit nur andeuten, wie drastisch sich ein Pfarrer über die Bauern äußerte.— Uebrigens existiert wohl bald über jeden Stand und Be⸗ ruf irgend ein Sprichwort, das bei einiger Empfindlichkeit als eine Beschimpfung des be⸗ treffenden Standes angesehen werden kann. Man denke nur an Advokaten, Apotheker, Schneider, Bäcker, Müller— alle Handwerke! Kein Angehöriger dieser Berufsarten wird sich beleidigt fühlen, wenn irgendwo ein derartiges Sprichwort angeführt wird.— Indessen— auch wir halten mit Genossen Krumm den Witz für unpassend, doch kann die Partei in keiner Weise für den Inhalt des genannten Witz⸗ blattes verantwortlich gemacht werden. — Von dem Parteitage bringen wir in der vorliegenden Nummer einen ausführ⸗ licheren Bericht, um unsere Leser und Genossen über die dort gepflogenen Verhandlungen genauer zu unterrichten. Natürlich mußten wir trotzdem — in Rücksicht auf den trotz der Beilage immer noch knappen Raum— bedeutende Kürzungen vornehmen, wobei einer Reihe höchst interessanter Reden, namentlich diejenige Kautsky's und Bernstein's, zu kurz kamen. Unter den ob⸗ waltenden Umständen hat es seine Schwierig⸗ keiten, einen übersichtlichen, umfassenden Bericht zu geben, wir haben aber das Möglichste getan und empfehlen den Bericht unsern Freunden zum eingehenden Studium. — Eine„sozialdemokratische Aus⸗ schreitung“ weiß der„Gieß. Anz.“ wieder einmal zu vermelden. Er berichtet nach der „Offenb. Ztg.“, die jederzeit ungeheuerlich über die Sozialdemokratie gelogen hat, Folgendes: „Reichstagsabg. Dr. Becker wurde, vorgestern auf der Chaussee von Dreieichenhain nach Sprendlingen gelegentlich eines Abendspazier⸗ ganges, den er mit seiner Frau und seiner auf Besuch anwesenden Nichte unternahm, von einer Schar von sozialdemokratische Lieder singenden Leuten in der pöbelhaftesten Weise belästigt und mit den gemeinsten Schimpfworten überschüttet. Ein Teil des feigen Gesindels entblödete sich sogar nicht, die in der Begleitung unseres Abge⸗ ordneten befindlichen Damen zu insultieren. Es scheint fast, als sollte die staatliche Au⸗ torität dem schmutzigen Treiben gewisser Hetzapostel in Wort und Schrift gegenüber nachgerade versagen.“ Wenn der Tatbestand so ist, wie hier an⸗ gegeben, so sind das keine Sozialdemokraten gewesen, sondern Rüpel. Aber die Mord⸗ geschichte entstammt einem Blatte, dem wie dem Anzeiger der größte und dümmste Schwindel gegen die Sozialdemokratie recht ist. Unsere Genossen werden der Sache auf den Grund gehen. Es wird ähnlich sein, wie mit dem berühmten Felddiebstahl des Offenbacher sozial⸗ demokratischen Stadtverordneten. — Auf die Generalversammlung des Konsum vereins für Gießen und Umgegend, die am Sonntag Vormittag 10 Uhr im Lokale Lony's Bierkeller stattfindet, machen wir noch⸗ mals aufmerksam. Es liegt im Interesse der Mitglieder selber, daß sie zahlreich erscheinen und sich über den Stand des Vereins und den Gang des Geschäftes unterrichten. Ebenso hat jedes Mitglied Gelegenheit, seine etwaigen Be⸗ schwerden und Wünsche vorzubringen, welcher Art sie immer sein mögen. Nur wenn der Verwaltung Beschwerden rückhaltslos mitgeteilt werden, kann Abhülfe geschaffen werden. Selbstverständlich sind auch die Frauen der Mit⸗ lieder willkommen; leider konnte die Versamm⸗ ung nicht in eine für die Frauen günstigere Zeit festgesetzt werden. Ueber die Friedhofsaffäre hat die evangelische Gemeinde eine vom Pfarrer Naumann verfaßte Flugschrift in der Stadt verteilt. Aber nur einem Teile der Einwohner ist die Broschüre zugegangen. Die Schrift richtet sich gegen Oberbürgermeister Mecum und bemüht sich, dessen Verhalten bei der ver⸗ suchten Friedhofseinweihung als ungerecht und gesetzwidrig darzustellen. Wir sind in der Sache noch derselben Meinung als früher. — Zum Quartalswechsel machen natürlich alle bürgerlichen Blätter Anstreng⸗ ungen, neue Abonnenten einzufangen. Mittel der Reklame werden angewendet, um das Geschäft des Zeitungsbesitzers zu heben. Geld verdienen ist der Zweck jener Zeitungen, nicht etwa der Kampf für Ideale öder etwa Eintreten für Volksinteressen. Eine Reihe Blätter versucht zur Förderung des Ge⸗ schäfts die Maske der„Unparteilichkeit“ vor⸗ zuhängen. Wie über diese Presse vom sozialdemokratischen Stand⸗ punkt zu urteilen ist, das hat Lassalle schon vor vierzig Jahren mit den Worten gesagt:„Wenn jemand Geld verdienen will, so mag er Cotton fabrizieren oder Tuche oder auf der Börse spielen. Aber daß man um schnöden Gewinnstes willen alle Brunnen des Volks⸗ geistes vergifte und dem Volke den geistigen Tod täglich aus tausend Röhren kredenze— das ist das höchste Verbrechen, das ich fassen kann.“ Auf diesem Standpunkt steht die sozialdemo kratische Partei auch heute noch. In Tausenden von Arbeiterversamm⸗ lungen wird jahraus jahrein vor dieser parteilosen Presse als einem gemeingefährlichen Auswuchs des Kapitalismus, als einer giftigsten Gegnerin der Arbeiterbewegung ge⸗ warnt; Hunderte von Malen ist es in der„M. S.⸗Z.“ und anderen Parteiblättern den Arbeitern, nun gar den ge⸗ werkschaftlich oder politisch organisierten Arbeitern als eine moralische und politische Blöße angerechnet worden, diese Presse durch ihr Abonnement zu unterstützen. Und mit vollem Rechte: denn unter allen Klassen der Be⸗ völkerung wird die sogenannte parteilose Presse gere de der Arbeiterklasse am gefährlichsten, weil sie gerade nur in dem verrottetsten Sumpfe des Kapitalis⸗ mus wuchert und wuchern kann, weil sie deshalb trotz ihrer angeblichen Parteilosigkeit immer die kapi⸗ talistischen Interessen verficht, weil sie sich von den ehrlichen Organen der Klassenherrschaft nur dadurch unterscheidet, daß sie den Giftstoff, den diese wenigstens offen verbreiten, so daß sich jeder vor ihm hüten kann, heimlich in die Adern des Volkes gießt. Jeder Arbeiter muß solche Preßprodukte, die täglich seine Interessen mit Füßen treten, beim Quartalswechsel aus dem Hause hinaus⸗ werfen. Wer ein Tageblatt wünscht, abon⸗ niere: das„Offen b. Abendblatt“, die „Volksstimme“ Frankfurt,„Mainzer Volkszeitung“. Laßt die Bourgeois ihre journalistischen Hausknechte selbst bezahlen. Aus dem Nreise gießen. — In Großenbuseck fand am Samstag die Wahl des Beigeordneten statt, aus welcher Wilh. Größer mit 110 Stimmen als gewählt hervorging. 95 Stimmen erhielt Herr Apotheker Manz, für welchen viele der als Antisemiten bekannten Einwohner eintraten. Von Parteigegensätzen merkte im Uebrigen man bei dieser Wahl nicht viel. — Das Schwurgericht der Provinz Oberhessen tritt am Montag zur diesjährigen dritten Session zusammen. Als erster Fall kommt eine Sache wegen Brandstiftung zur Verhandlung. Es betrifft den Brand der Schwanschen Scheuer in Gießen. — Die Bahnstrecke Laubach⸗ Mücke wird am 1. Oktober dem Verkehr übergeben. Zwischenstationen sind Laubacher Wald, Freien⸗ seen, Weickardtshain, und Stockhausen.— Von Grünberg und einigen andern Gemeinden wird um Weiterführung der Bahnlinie Butzbach⸗ Lich nach Grünberg petitioniert. Aus dem Nreise griedberg⸗Büdingen. p. Ein Wahlkrawall⸗Prozeß wurde am Dienstag vor dem Schöffengericht in Friedberg verhandelt. Nicht weniger als 16 Angeklagte hatten sich wegen grober Aus⸗ schreitungen, die sie sich am Abende der Stich⸗ wahl in Burggräfenrode zu schulden kommen ließen, zu verantworten. Die Anklage lautet auf Körperverletzung, Sachbeschädigung und groben Unfug. Die Verhandlung nahm den ganzen Tag in Anspruch, 25 Zeugen wurden vernommen. Die Angeklagten, Anhänger des nationalliberalen Grafen Oriola, feierten am 25. Juni den Sieg des Ordnungskandidaten und befanden sich in sehr gehobener Stimmung. Sie drangen in das Wirtslokal von Kohl ein, wo sich unsere Parteigenossen befanden, richteten dort eine arge Verwüstung an, und verletzten mehrere Personen. Vor Gericht versuchten die Helden auch unsere Parteigenossen zu belasten und besonders der Verteidiger, die berühmte 1 nationalliberale Leuchte Windecker leistete, was er nur konnte, unsere Genossen der Ueber⸗ treibung zu beschuldigen. Von Seite unserer Parteigenossen war nämlich Anzeige wegen Landfriedensbruch erhoben worden. Der Staats- anwalt beantragte gegen die meisten der Ange⸗ klagten Gefängnisstrafen. Doch es wurden nur 7 mit Geldstrafen bis zu 230 Mk. bestraft, die übrigen freigesprochen. Die Radaubrüder kamen also besser weg, wie die Polen in Laura⸗ hütte. Sozialdemokraten wäre es wohl auch schlechter gegangen. Aus dem Rreise Wetzlar. h. Landtagswahlen. Als Wahlter⸗ min ist für die Wahlmännerwahlen der 12. November und für die Wahl der Abgeordneten der 20. November amtlich festgesetzt. h. Ueber„sozial demokratischem Terrorismus“ wiffen die Kreisblätter und sonstige für Gottesfurcht, fromme Sitte und den geheiligten Profit kämpfende Preßerzeugnisse immer viel zu klagen. Neulich hatte wieder der„Wetzl. Anz.“ folgende schauerliche Ge⸗ schichte irgendwo ausgeschnitten: „Für den sozialdemokratischen Terrorismus bezeichnend ist die Art, wie in einer Quittung in der sozialdemokrat. Leipzig. Volkszeitung über Beträge für die in Crimmitschau Aus⸗ esperrten ein Arbeiter öffentlich an den Pranger estellt wird. Die Quittung enthält folgende Zeile:„Von Bäckern des Konsum⸗ vereins Eutritzsch, außer Thieme, 8 Mk.“ Der Wortlaut der Quittung ist richtig. Sie ist mit Ein verständnis des betr. Thieme, der jedenfalls an irgend einer andern Stelle seinen Beitrag leistete, in dieser Form veröffent⸗ licht worden. Uebrigens gehören die in den Konsumbäckereien von Leipzig und Umgebung beschäftigten Bäcker ihrer Gewerkschaft an und wissen schon von selbst, was sie zu tun haben, die lassen keinen Druck auf sich ausüben.— Wenn doch die„Ordnungs leute nicht von Terrorismus reden wollten! Tagtäglich zeigen Hundecte von Beispielen, was von den„Staats⸗ erhaltenden“ in dieser Beziehung geleistet wird. Hat man herausgeschnüffelt, daß ein, Krieger⸗ vereinsmitglied einen„staatsfeindlichen“ Stimm⸗ zettel abgegeben hat, wird er bald Terrorismus zu fühlen bekommen— sozialdemokratischen allerdings nicht. Und wehe dem Handwerker, Kaufmann oder gar Beamten, der etwa eine sozialdemokratische Zeitung liest oder auch sonst nur freiere Ansichten äußert. Er wird von der„guten Gesellschaft“ geächtet, boykottiert, wirtschaftlich ruiniert. Das passterte bekannt⸗ lich auch Herrn Löhning in Posen, der bloß das Verbrechen begangen hatte, eine Feldwebels⸗ tochter zu heiraten! — Aus Krofdorf schreibt man uns: Hier wird eine Unterschlagungssache, in die ein Angehöriger der„besseren“ Kreise ver⸗ wickelt sein soll, in der Einwohnerschaft viel besprochen. Es scheint jedoch, als wenn sich Einflüsse geltend machten, die eine Vertuschung der Sache bezwecken. Untersuchung wird jeden⸗ falls eingeleitet sein und Bestimmteres ergeben. h. Traurigen Ausgang nahm am Sonntag nachts ein Streit, der zwischen den Brüdern Walter in Nau born entstanden war. Beide kehrten gegen 3 Uhr nachts aus dem Wirtshause heim und in der letzten Zeit in Wortwechsel. Im Ver⸗ lauf desselben zog der eine, der Besitzer der Nonnenmühle seinen Revolver und gab auf seinen Bruder einen Schuß ab, der ihn in den Unterleib traf. Der Schwerverletzte wurde in die Gießener Klinik gebracht, doch gelang es nicht, sein Leben zu erhalten, er starb am anderen Tage. Durch die jähzornige Tat sind zwei Familien ins Unglück gestürzt worden, auch der Getötete, von Beruf Mechaniker ist ebenso wie sein Bruder verheiratet. e hat sich der Behörde gestellt. Beide Brüder sollen in gutem Rufe gestanden haben; auf⸗ fällig und zu verurteilen ist aber, wenn sich einer den Revolver in die Tasche steckt, wenn er ins Wirtshaus geht. gerieten wie öfter Letzterer 5 1 — rer gen tg. ge⸗ —ñ—..— —. 2 1 — . — 2 — * — Nr. 39. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. Aus dem Rreise Marburg⸗Rirchhain. W. Versammlung. Umständehalber findet nicht, wie bekannt gegeben, am Sonnabend den 26. September im Lokale des Herrn Jes⸗ berg eine Wahlvereins⸗Versammlung statt, son⸗ dern statt dessen eine Vol ks versammlung mit folgender Tagesordnung: 1. Vortrag der Genossin Frau Dr. Michels über„Sozialis⸗ mus und Schule.“ 2. Diskusston über den Vortrag. 3. Verschiedenes. W. Der Arbeiter⸗Gesangve rein„Ein⸗ tracht“ feiert am 11. Oktober in den Räumen des Schloßgarten⸗Restauraut sein Stiftungs⸗ fest. Da durch die Leitung des neuen Dirigenten der Verein sich sehr gut eingeschult hat, steht ewiß ein recht genußreicher Abend bevor. Alle unde des Vereins, Parteigenossen und Ge⸗ werkschaftsmitglieder werden darauf aufmerksam gemacht und um zahlreiche Beteiligung ersucht. R. R. Ein„christliches“ Lügenblatt schlimmster Sorte ist der vom ev. Verein für innere Mission in Kassel herausgegebene „Sonntagsbote“, der in unserm Wahlkreise besonders auf den Dörfern vielfach vertrieben wird. Das Blättchen, das angeblich kirchlichen Interessen dienen soll, leistet im Verleumden der Sozialdemokratie geradezu Unglaubliches. Keine Nummer erscheint, in der nicht unsere Partei und ihre Führer in der unchristlichsten heruntergerissen werden. Natürlich, dem frommen Bruder in Christo, der das Blättchen redigiert, fehlen bessere Mittel zur Bekämpfung der Sozialdemokratie und da muß er sich aufs Schwindeln und Schimpfen verlegen, wie das jederzeit die Methode der Sozialistenvernichter war.„Die Sozial demokratie will die Soldaten zum Treubruch verleiten, Religion und Christentum abschaffen; die Sozialdemokraten sind eine Bande von Heuchlern, Dumm⸗ köpfen, Komödianten und Rothäuten, Bebel ist der Oberhäuptling der Rothäute.“ In dieser Weise kämpft das saubere Organ für Christentum, Ordnung und Sitte. Wie die letzte Wahl gezeigt hat, schadet uns solches Geschimpfe selbst auf dem Lande nicht mehr. Wir müssen nur dafür sorgen, daß unsere Literatur, unsere Zeitungen und Broschüren größere Verbreitung gewinnen. Opfer einer Zarenreise. „Väterchen“ aus Rußland trifft demnächst in Hessen ein. Er ist noch nicht da und man ist schon sehr auf seine Sicherheit bedacht. Russische Geheimpolizei ist in mehr wie genü⸗ gender Menge vorhanden; russische Studierende werden mit bewunderungswürdiger Aufmerk⸗ samkeit und Fürsorge bedacht. Am Dienstag ist ein russischer Studierender ohne eine be⸗ sondere Veranlassung aus Darmstadt und aus Hessen überhaupt ausgewiesen worden. Er wurde aus Hessen auf immer entfernt, wie es im amtlichen Befehl hieß. Man wollte dem Studirenden kaum ein paar Stunden Zeit ge⸗ währen, um die nötigen Reisevorbereitungen treffen zu können. Gründe für die Ausweisung wurden nicht angegeben. ö Unpatriotischer Polizeibeamter. Der Polizeiwachtmeister Joh. Gras⸗ sold in Germersheim hatte sich eines Ver⸗ brechens der Prinzenbeleidigung schuldig gemacht, indem er sich gelegentlich eines kürzeren Aufenthaltes mehrerer jüngerer bayerischer Prinzen am Germersheimer Bahnhofe einem Schutzmanne gegenüber über diese in nicht all⸗ zuliebenswürdiger Weise ausließ und sie auf die Kirchweih einlud. Der Schutzmann Lerchen⸗ müller, der das Gespräch mitanhörte, hatte nichts Eiligeres zu tun, als seinen Vorgesetzten, von dem er etwas stramm gehalten worden zu sein scheint, anzuzeigen. Der Angeklagte kam in der Verhandlung vor der Strafkammer des Landgerichts Landau noch glimpflich davon, nämlich mit einem Monat Festung.— Er kann froh sein. Wenn's ein Arbeiter war, hätten wir auf wenigstens das Dreifache geraten. Eine„patriarchalische“ Lehrstelle. In Nr. 50 der„Buchhändler⸗Warte“, den 9 75 für die Interessen der Gehülfenschaft, wird berichtet:„Der mittlere Gauverband der Gewerbevereine des Handwerkskammerbezirks Ulm hielt vor einigen Tagen eine Versammlung ab, in welcher bei einem Referat über die Auf⸗ gaben der Beauftragten der Handelskammer Unter großer Heiterkeit der Anwesenden konsta⸗ tiert wurde, daß kürzlich dem Beauftragten des Oberamts Ehingen bei der Revision eines Gewerbebetriebes, als er nach der Schlafstelle des 16 jährigen Lehrlings fragte, mitgeteilt wurde,„er habe mit der Meisterin, einer 33 Jahre alten Witwe, das Bett zu teilen“. In diesem Falle könnte man also nicht viel von den„sittlichen Vorzügen“ reden, welche die Innungsleute dem Kost⸗ und Logiswesen bei dem Meister andichten. Uusere Parteipresse zu verbreiten und damit unsere Ideen, Grundsätze und Forderungen in immer weitere Volkskreise zu tragen, ist Pflicht eines jeden verständigen Arbeiters nicht nur, sondern auch aller derer, die mit uns bestrebt sind, bessere Zustände auf sozialem, wirtschaftlichem und politischem Gebiete herbeizuführen. Obwohl wir bei den Reichstagswahlen einen großartigen Erfolg zu verzeichnen hatten, obgleich sich im Juni mehr als drei Millionen deutsche Männer um unsere Fahne scharten, leben noch viele TDausende in Unwissenheit dahin und seufzen unter dem Drucke des Kapitalismus und der durch denselben hervorgerufenen menschenunwürdigen Zustände. Unablässiger Kampf gegen Unterdrückung, Ungerechtigkeit, Aus⸗ beutung, energische Abwehr der in letzter Zeit aufgedeckten 5 volksfeindlichen Bestrebungen muß unser aller Aufgabe sein! In diesem gerechten, zum Wohle und im Interesse des gesamten Volkes geführten Kampfe hat sich die Mitteldeutsche Honntags-Zeitung stets als zuverlässige Waffe bewährt. Ihr immer neue Leser zuzuführen, dazu rufen wir zum Quartalswechsel alle Gesinnungsfreunde auf! Die„Mitteldeutsche Sonntags⸗ Zeitung“ erscheint wöchentlich einmal und kostet nur 23 Pfg. den Monat; 7s Pfg. das Vierteljahr. Kleine Mitteilungen. r Krieg im Frieden. Das Manöver hat in diesem Jahre wieder eine Reihe Opfer gekostet. In der Gegend von Weilburg erlagen zwei Soldaten, darunter ein verheirateter Unteroffizier dem Sonnenstich. Auch von anderen Manöverplätzen wurden tötlich ver⸗ laufene Unglücksfälle gemeldet. * Messerstecherei. Am Montag Nacht wurde in Offenbach der Fabrikarbeiter Karl Möhler von dem 26 jährigen Taglöhner Bauer nach einem vorauf gegangenen Wortwechsel in den rechten Oberschenkel gestochen, sodaß die Schlagader getroffen wurde und ein furchtbarer Blutstrom sich aus der Wunde ergoß. Möhler starb im Krankenhause. ** Vom Zuge überfahren wurde auf einem Bahnübergange bei Cleve das Gefährt des Weinhändlers Obhaus aus Cleve. Seine Frau und 2 Töchter wurden sofort getötet, kenhaus. Der Bahnwärter hatte die Schranke 0 135 vergessen, er wurde deshalb ver⸗ aftet. Partei-Nachrichten. —— Der sozialdemokratische Wahlverein in Hanau will gegen die letzte Reichs ⸗ tagswahl Prot est einlegen. Derselbe ist durch eine Menge Verstöße und Beeinflussungen begründet, die zur Wahl des Amtsrichters Lucas geführt haben. Versammlungskalender. Samstag, den 26. September. Gießen. Parteiversammlun g. Abends 9 Uhr bei Orbig. Tagesordnung: Bericht vom Parteitag. Sonntag, den 27. September. Gießen. Konsum verein. Morgens 10 Uhr Generalversammlung auf Lon y's Bierkeller. Großen⸗Buseck. Nachmittags 4 Uhr Versammlung bei Wirt Größer. Montag, den 28. September. Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. D...... dd... Marktberichte. Auf dem Wochenmarkte in Gießen kosteten am 24. Septbr.:: Butter per Pfd. Mk. 1,10— 1,15, Hühnereier 2 St. 15 Pfg., Enteneier 1 St. 8—0 Pfg., Gänseeier 1 St. 00— 00 Pfg., Käse pr St. 5—8 Pfg., Käsematte 2 St. 5—6 Pfg., Erbsen per Liter 21 Pfg., Linsen per Liter 32 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo 5,00— 6,00 Mk., Zwiebeln per Ztr. Mk. 4,50—5,00, Zwetschen pr. Ztr. 4— 5 Mk., Birnen pr. Pfd. 12— 15 Pfg., Milch per Liter 18 Pfg., Tauben per Paar Mk. 0,70 bis 0,90, Hühner per St. Mk. 1,30—1,80, Hahnen per St. Mk. 0,70— 1,50, Enten per St. Mk. 1,80 bis 2,40, Gänse per Pfd. 00— 00 Pfg. Fleischpreise. Ochsenfleisch per Pfd. 68— 78 Pfg. Kuh⸗ und Rindfleisch 60—66 Pfg., Schweinefleisch 66 bis 76 Pfg., Schweinefleisch, gesalzen, 80 Pfg., Kalb⸗ fleisch 70— 74 Pfg., Hammelfleisch 56—74 Pfg. —— Sozialdemokratischer Parteitag. (Fortsetzung von Seite 3.) Freitag Nachmittag sprach zuerst Kolb⸗Karlsruhe, der sich gegen Bebel wendet und den Standpunkt Voll⸗ mars vertritt. Unter anderem erklärte er:„Der ganze Revisionismus ist nichts als eine theoretische Katzbalgerei, die für unsere praktische Arbeit gar keine Bedeutung hat.“ Stücklen⸗ Altenburg, Meist⸗Köln und Katz en⸗ stein nahmen gegen den„Revisionismus“ Stellung, während Timm⸗München(früher in Berlin) gegen die Angriffe Bebels auftrat. Hierauf nahm Auer das Wort. Seine Ausfüh⸗ rungen werden mit großer Spannung verfolgt: Bebel hat mich getadelt, daß ich nicht das Lob bürgerlicher Blätter zurückweise. Na, man wird so oft schlecht gemacht, soll man sich da nicht auch einmal loben lassen. Aber die Sache liegt doch anders. Man lobt mich zu bestimmten politischen Zwecken. Das ist Bebel früher auch passiert Liebknecht gegenüber.— Ich hatte gedacht, es würde eine schöne Siegesfeier des Wahlsieges und des 25 jährigen Gedenktages des Inkrafttretens des Sozialistengesetzes werden. Es ist anders gekommen. Wir haben uns hier ordentlich heruntergerissen. Ich muß sagen, Bebel ist der Hauptschuldige an dem scharfen Ton durch seine Erklärungen und Artikel. Der Ton war so, daß man kaum noch ein Zusammenhalten der Partei für möglich halten konnte. Ich verstehe die ganze Sache nicht. Ich fragte mich, was ist denn dem guten August in den Leib gefahren?(Heiterkeit.) Er hat uns erzählt, daß ihm eine Laus über die Leber gelaufen ist.(Heiterkeit.) Das mag sehr kitzlich sein, aber wir können doch nicht dafür. Was ist denn eigent⸗ lch passiert? Bebel sagt, zwölf Jahre lang habe er so viel hinuntergeschluckt, jetzt platze die Bombe. Ich habe auch vieles hinunterschlucken müssen. Dafür entschädigten mich die ungeahnten Erfolge, die die Pertei im Laufe der Zeit errungen hat. Je größer die Partei wird, desto mehr können Schritte vorkommen, die nicht jedem gefallen. Man hat so auf Bernstein herumgehauen. Bebel nannte ihn den neuen Messias. Der Geburt und dem Geschlecht nach könnte ja Ede ein Messias sein. (Heiterkeit.) Tatsächlich hat er aber nicht den geringsten Beruf zum Messias. Ede ist mein alter Freund und Kampfgenosse, mit dem ich Schulter an Schulter stehe. Aber er hat menschliche Fehler, er ist von einer Tapsig⸗ Obhaus selbst erleg den Verletzungen im Kran- keit(Heiterkeit), die immer daneben greift. Ich sage 8211 .———— —ü—ü—·».ůvf‚˖T˖Ä I* —. ß 1 13 * 1 9 9— Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 39. euch, wenn Bernstein Führer der Revistonisten ist, dann könnt ihr ruhig schlafen. Wir haben einen Wahlkampf geführt, auf den wir stolz sein können, den wir in aller Eintracht geführt haben. Ich möchte vor allem die Frage aufwerfen, wer und was ist ein Revisionist? Ich habe noch keinen gesehen. Es ist wirklich eine Preisfrage! Ehe wir hier Beschlüsse fassen, müssen wir feststellen, was ein Revistonist ist. Soweit ich den Be⸗ griff definieren kann, möchte ich sagen, man wirft den Revistonisten vor, daß sie den Klassenkampf verleugnen und daß sie eine Angliederung an die bürgerliche Linke suchen. Wenn das wahr wäre, so wäre das Partei⸗ verrat. Ich werde zu den Revisionisten gerechnet, aber ich muß dagegen protestieren. Wer mir das nachsagt, verleumdet mich in elendester Weise. (Göhre ruft: Und uns alle!) Ich halte das Klassen⸗ bewußtsein für die Basis unserer Bewegung, der alle Erfolge zu danken sind. Wer glaubt, daß ich einen anderen Standpunkt einnehme, der kennt mich nicht. An wen sollen wir uns angliedern? Ich meine, man könnte mal nach einem Jahre den Herrn Naumann fragen, wie ihm die Annäherung, die er jetzt vollzogen hat, bekommen ist. Ich glaube, wir würden ein ab⸗ schreckendes Beispiel erleben.(Heiterkeit) Ich frage, wer ist gemeint? Man muß doch Personen nennen. Mit allgemeinen Redensarten ist nichts getan. Eine Prostriptionsliste ist aber noch nicht aufgestellt. Nur in der Presse sind Namen genannt worden. Man hat gesagt, es muß Farbe bekannt werden. Gewiß, aber haben wir denn nicht Farbe bekannt im letzten Wahlkampf? Haben wir etwa vertuscht und Komödie gespielt, als wir die Fahne aufrollten zum Kampf und zum Sieg. Wer das behauptet, der muß in dem Moment, wo er das behauptete, sich der Trag⸗ weite seiner Worte nicht voll bewußt gewesen sein. (Bravo!) Der Gedanke, die Partei habe Komödie gespielt, ist mir einfach unfaßbar. Sehr gut!) Wenn Komödie gespielt wird, dann muß es doch Ko⸗ mödianten geben, dann sage man doch, bei welcher Gelegenheit Komödie gespielt worden ist. Heraus mit der Sprache, aber nicht diese allgemeinen Behauptungen. Wir verlangen Namen und Tatsache n!(Bravo!) Gewiß gibt es unter uns verschiedene Temperamente und Geschicklichkeiten. Aber das ist auch das einzige. Wer glaubte, es gibt unsichere Kantonisten in der Partei, der mußte früher mit solchen Anklagen kommen. Vor der Wahl, da hätte der Vorstand die beste Gelegenheit gehabt, diese unsicheren Kantonisten zu veranlassen, auf ein Mandat zu verzichten. Ich habe wirklich, trotz Aussicht auf Diäten, nicht danach gegeizt, wieder ein Mandat zu übernehmen. Schon mein Freund Vollmar hat darauf hingewiesen, wie sich die Anschauungen im Laufe der Zeit ändern. Ich erinnere mich, daß zur Zeit der Einigung mit den Lassalleanern ich von Bebel, der in Zwickau im Gefäng⸗ nis saß, einen 18 Seiten langen Brief erhielt mit einem detaillierten Programm und der Bemerkung, daß, wenn dieses Programm nicht vollständig angenommen würde, er die Vereinigung nicht mitmache. Geib meinte, so gefährlich ist das nicht; Liebknecht war sehr für die Einigung, sie kam zustande und wenige Monate später gab es keinen aufrichtigeren Verfechter der Einigung als Bebel. Das soll gewiß kein Vorwurf sein, aber es zeigt doch, daß eben jeder Mensch, auch Bebel, irren kann. Auch Marx und Engels erhoben damals entschiedensten Einspruch, aber auch sie änderten nach lurzer Zeit ihre Ansicht. Und noch ein Beispiel aus neuster Zeit. Was man von der Beteiligung an den preußischen Landtagswahlen befürchtete, zeigt folgende Stelle aus einer Broschüre:„Es handelt sich bei dem jetzigen Streit um eine vollständige Aenderung der alten Taktik, die eine Aenderung des Wesens der Partei bedeuten würde, es handelt sich um die Bei⸗ behaltung oder Freigabe des Klassenkampfstandpunktes, wir stehen vor der Entscheldung, ob wir eine sozial⸗ demokratische Partei bleiben wollen oder den Rubikon des Klassenkampfes überbrücken und der linke Flögel der bürgerlichen Linken werden sollen!“(Hört! Hört!) Das sind also genau dieselben Schlagworte, und wer hat die Broschüre geschrieben? Der alte Lie b⸗ knecht im Auftrage der Genossen des sechsten Berliner Wahllreises. Und dieselben Genossen kämpfen heute mit uns für die Beteiligung an den preußischen Landtags⸗ wahlen! Sie sehen daraus, wohin man mit derartigen Prophezeiungen kommt, die vom Gang der Zeit über den Haufen geworfen werden, weil sie eben im inneren Wesen der Dinge nicht begründet sind. Ich schließe, indem ich den Vorwurf, daß der Klassenkampf für mich nicht mehr maßgebend sei und ich die Partei an die bürgerliche Linke verraten wolle, nochmals auf das entschiedenste als elende Verleumdung zurück⸗ weise.(Lebhafter Beifall.) Ueber die Haltung der Berliner Delegierten Auer gegenüber— die Berliner sollten gegen Auers Wieder⸗ wahl Stimmung gemacht haben— eutspinnt sich nun eine längere, sehr erregte persönliche Auseinandersetzung. Samstag spricht Kaut sky zur Taktik. Wir können aus seinen Ausführungen leider nur Auszüge wiedergeben. Er vertritt die Ansicht, daß allerdings zwei Tendenzen in der Partei vorhanden seien, die im Gegensatz zu einander stünden. Die Leidenschaft, mit der gekämpft würde, sei keineswegs persönlicher Haß, sondern der Ausdruck des leidenschaftlichen Wunsches ist, dem Proletariat zu helfen, das Proletariat zu befreien. Deswegen ist die Leidenschaft eine edle. Immer mehr verschärsen sich die Klassengegensätze, das ist in der Natur der Tatsachen begründet. Das wollen die Revistonisten nicht anerkennen, also die Klassengegen⸗ sätze vertuschen. Bei der Resolution handelt es sich darum, daß die Hauptsache für uns die Er oberung der Staatsgewalt ist. Erst wenn wir diese haben, haben wir die Grundlage, um in den Sozialismus hinein uns zu entwickeln. Redner macht darüber sehr detaillierte Ausführungen und weist an Beispielen nach, wie in allen Ländern der Klassenkampf schärfere Formen annimmt. Wer auf dem Standpunkt der Revisionisten stehe, könne der Resolution nicht zustimmen. Natürlich wünschte er derselben große Mehrheit, denn dann wird die Einigkeit in der Partei gestärkt werden, dann wird es dazu kommen, daß den Revisionisten ihre ganze Revidiererei bald leid wird. Bernstein erklärt: Wir können Kautsky dankbar sein, daß er die Diskussion auf das prinzipielle Gebiet geleitet hat. Ich war von Anfang an entschlossen, gegen die Resolution zu stimmen, ich bin Revisionist, ich bin sogar Bernsteinianer.(Heiterkeit.) Was ist Revistonismus 2 Schon in Breslau hat Schönlank von einer Revisionsbedürftigkeit unserer Grundsätze gesprochen. Es handelt sich nicht um Revision des Sozialismus, sondern um einzelner Probleme des Sozialismus. Es gibt sehr viele kritische Geister in der Partei, die die verschiedensten Richtungen repräsentieren, die kritischen Geister sind eben stets schwerer zusammenzuhalten als die dogmatischen.— Es gibt auch keine revisio⸗ nistische Partei. Die Revisionisten stehen mir auch nicht etwa persönlich näher als andere Parteigenossen. — Mein Vorschlag zur Vizepräsidentenfrage ist nur aus den Erfahrungen des praktischen Kampfes bei mir ent⸗ standen, hat mit meinen theoretischen Ansichten gar nichts zu tun. Die Zollkämpfe waren für uns eine faktische Niederlage, beigebracht uns durch brutale Gewalt. (Ledebour: Aber moralischer Sieg!) Gewiß, ein mora⸗ lischer Sieg. Wenn ich von milderen Formen der Klassen⸗ gegensätze sprach, so ist das Entscheidende für mich: Wir haben Kämpfe im Parlament, aber nicht blutige Kämpfe auf der Straße. Redner begründet seinen Vor⸗ schlag eingehend und erklärt, daß er ibn hochhalte. Er wäre ein Feigling, wollte er ihn aufgeben, weil sich eine Strömung dagegen geltend macht. Bebel sagte, mein Vorschlag habe einen Sturm der Entrüstung unter den Arbeitern erregt. Ich glaube, diese Erregung ist weniger durch meinen Artikel veranlaßt worden, als durch die Art, wie die bürgerliche Presse die Sache aus⸗ nutzte. Bernstein schließt: Es ist gar kein Anlaß für die Resolution vorhanden, sie ist aus einer Stimmung heraus geboren. Ein Mißtrauen aber gegen einzelne Gruppen in der Partei ist unberechtigt. Machen Sie also aus dieser unberechtigten Mißtrauen sstimmung keine Festlegung. Es kann der Partei nur schädlich und verderblich sein. Gerade vor 25 Jahren ist ein solches Gesetz aus der Stimmung heraus gemacht worden, das wir auf das schärfste bekämpft haben. Wir haben Schulter an Schulter gekämpft, wir gehen einer neuen schweren Zeit, die uns wieder Schulter an Schulter finden muß, entgegen. Es wäre das Beste, die Reso⸗ lution zurückzuziehen, damit wir gemeinsam als Kampf⸗ genossen unsre große Sache zum Siege führen können. (Beifall und Zischen.) Molkenbuhr führt aus, Bernstein habe die Bedeutung des Vizepräsidenten bedeutend überschätzt. Nach der Geschäftsordnung gibt es nur einen Präsidenten, die Vizepräsidenten sind nur seine Vertreter. Er kann ihnen sofort jederzeit die Amtsführung aus der Hand nehmen. Das von Bernstein gewählte Beispiel Büsing ist ganz unglücklich. Büsing hat, obwohl er mit der Kardorfferei nicht einverstanden war, als Vizepräsident die Kardorfferei mitmachen müssen. Einem Vizepräsidenten aus unsern Reihen würde sofort vom Grafen Ballestrem die Glocke aus der Hand genommen worden sein, wenn er die Kardorfferei nicht mitgemacht hätte. Glaubt Bernstein, daß unser Vizepräsi⸗ dent sich dazu hergegeben hätte, die Kardorfferei mitzumachen? Sicherlich nicht, aber die Mehr⸗ heit wollte die Kardorfferei und hätte den Vizepräsidenten von seinem Stuhle niedergerissen. Singer, der Vorsitzender der Geschäftsordnungs⸗ kommission, warf sehr mit Recht den Leuten ihr Präsidium vor die Füße, weil er mit dem Bruch der Geschäftsordnung nichts zu tun haben wollte.(Sehr richtig!) Bei der Vizepräsidenten⸗ frage handelte es sich um einen alten Glauben, der zerstört werden muß. Es ist nicht richtig, daß ein Recht darauf besteht, daß die drei größten Parteien vertreten sein müssen. Dieses Recht ist noch nie in der Tat verwirklicht worden. In dem Kartellreichstag von 1887 lehnte das Zentrum, gegen das sich das Kartell richtete, die Teilnahme am Präsidium ab. So sollten auch wir so viel Taktgefühl besitzen, nicht einen Mann aus unsern Reihen dazu zu bestimmen, regelmäßig etwas als angenommen zu ver⸗ künden, wogegen er stimmen muß. Als ich das Wort vom Komödienspiel in der Partei las, war es mir, als ob ich eine Ohrseige bekäme und zwar eine ganz uner⸗ wartete. Als ich zuletzt mit Bebel in Elberfeld zusammen war, lasen wir ein Plakat, wonach der hauptsächlich in Betracht kommende Gegner einen Vortrag ankündigte mit dem Thema: Das Komödienspiel innerhalb der Sozialdemo⸗ kratie.(Heiterkeit.) Als Bebel das las, war er ganz aufgebracht über eine solche freche Be⸗ schimpfung(Hört, hört!) und meinte, dem solle ich aber einmal gründlich die Wahrheit sagen. (Große Heiterkeit.) Nach diesem Vorgang werden Sie verstehen, daß das Wort vom Komödienspiel innerhalb der Sozialdemokratie aus Bebels Munde auf mich einen ganz merk⸗ würdigen Eindruck machen mußte.— Ebenso entschieden muß ich die Behauptung Bebels bestreiten, wir wären nie so uneinig gewesen, wie gerade jetzt. Dieser Ausdruck ist ja nicht neu. Bebel selbst hat genau denselben Ausdruck bereits einmal in St. Gallen gebraucht. Streitig⸗ keiten über die Taktik hat es ja stets gegeben. Redner führt zahlreiche Streitfälle in der Partei an und erwähnt u. A. den Kampf um das Agrarprogramm, wo— Bebel auf dem revisio⸗ nistischen Standpunkt stand.— Wären wir jetzt nicht einig wie noch nie gewesen, wie wäre dann der einmütige Protest gegen den Brot⸗ wucher, wie wäre der glänzende Sieg vom 16. Juni möglich gewesen.(Lebhafte Zustim⸗ mung.) Gerade weil wir so einig und geschlossen waren, wie noch nie zuvor, rief das Hinein⸗ werfen einer neuen Streitfrage eine solche Er⸗ regung hervor, gerade weil sonst jede Streitfrage fehlte, wurde der Knochen, der hineingeworfen wurde, von allen Seiten gepackt. Es sei nicht. unmöglich, daß wir in die Lage kommen, das Präsidium übernehmen zu müssen, ehe wir die Mehrheit haben.— Molkenbuhr schließt unter Beifall: Ich halte die ganze Resolution für überflüssig. Gehen wir zur motivierten Tages⸗ ordnung über, indem wir einfach erklären: Wir lehnen es ab, die bisherige Taktik der Partei zu ändern, die uns zu so gewaltigen Erfolgen geführt und, wie ich glaube, auch weiter führen wird. Damit schließt endlich die Debatte. In der Abstimmung wird die Resolution Bebel sodann mit mehreren Amendements mit 288 Stimmen gegen 11 Stimmen angenommen. Dafür stimmen auch die meisten der als „Revisionisten“ bezeichneten Genossen.. Die bisherigen Mitglieder des Partei⸗ vorstandes Singer, Bebel, Auer, Pfannkuch und Gerisch werden wiedergewählt, ebenso die bisherigen Kontrolleure. Als Ort für den nächsten Parteitag ist Bremen mit 107 Stimmen gewählt. g In der Frage der Maifeier findet eine Resolution Annahme, die Maifeier wie bisher, so auch fernerhin zu begehen. Mit der Erledigung der noch vorliegenden Anträge beendet der Parteitag seine Arbeiten. Singer betont in seinem Schlußwort, daß wir auf diesem Parteitag Fragen von funda⸗ mentaler Wichtigkeit behandelt gaben. Es ist die Frage aufzuwerfen: Was nun? Der Parteitag hat die Antwort darauf gegeben. Der Parteitag und die durch den Parteitag vertretene Partei will in ihrer immensen Ma⸗ jorität, daß Programm, Taktik, Streben und Agitieren nicht geändert werden soll.(Lebh. Zustimmung.) Nach wie vor: Vorwärts zum Kampf, vorwärts zum Sieg! Mit einem dreifachen Hoch auf die deutsche Sozialdemokratie wird der Parteitag Sonntag um 3 Uhr nachmittags geschlossen. — S N r o eee e Nr. 39. Mitteldeuntsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. 3 . Unterhaltungs-Ceil. Ein rentables Wunder. Giorgi Franchi war ein Maler, dem es fast immer am täglichen Brod gebrach, aber er be⸗ saß einen hellen Geist und dachte sich eines Tages: Nährt mich die Kunst nicht, so nährt mich die Frommheit! Und er setzte den Ge⸗ danken in die Tat um. In einem kleinen Dörfchen unweit Neapel, las eines Morgens ein braver gläubiger Priester die Messe. Auf der obersten Stufe vor dem Altare kntete der Maler, die Hände über der Brust gekreuzt, das Gesicht in Verzückung, die Augen voll heiliger Begeisterung auf die Jung⸗ frau Maria gerichtet. Die Bauersleute hätten wohl der Gegenwart Giorgio Franchis kein be⸗ sonderes Gewicht beigelegt, wären sie nicht nach wenigen Minuten Zeugen eines wunderbaren, unerwarteten Schauspiels geworden. Der ver- zückte Fremde sprach mit der Jungfrau: kein Zweifel. Seine leuchtenden Augen, sein ver⸗ klärtes Gesicht, die ausgebreiteten Arme, die zuckenden Bewegungen seines Körpers: alles, alles wies deutlich. darauf hin, daß ihm die Gnade einer himmlischen Vision zu Teil ward. Und die Bauern drängten sich herbei, stellten sich um ihn herum und Porte ihn mit offenem Munde an. Der Priester selbst von Staunen erfaßt, gab, nachdem er in der Sakristei Chor- hemd und Stola abgelegt hatte, den Maler zu verstehen, daß er gern von ihm vernehmen würde, welcher Gnade und welchen Verdiensten er eine Unterredung mit der heiligen Jungfrau zu verdanken hätte. Und der arme Maler legte eine aufrichtige, demutsvolle Beichte ab. Noch am selbigen Abend verkündigte der Priester seinen Pfarrkindern, daß der wunder- bare Fremde ein berühmter Maler sei, und daß ihm die Jungfrau Maria selbst in die kleine Kirche geführt habe, denn das in den letzten Jahren gesammelte Almosen erlaube es, die Decke bemalen, alles neu herrichten und aus dem Gotteshaus eines kleines Meisterwerk machen zu lassen. Begeistert stimmte die Ge⸗ meinde zu, alles Nötige wurde hergerichtet und die Kirchendecke durch ein Gerüst hermetisch für Alle außer dem Maler abgeschlossen. Der Maler, den man zur Bestreitung der ersten persönlichen Bedürfnisse mit etwas Geld ausgestattet hatte, ergriff sofort Besitz von dem Gerüst, und von jenem Tage ab verbrachte er dort ununterbrochen viele Stunden in lobens⸗ wertem Fleiß. Alle, die mit ihm reden konnten, waren von einer scheuen Bewunderung gegen ihn erfüllt. Er veckehrte zwar freundlich mit ihnen, aber in Bezug auf die Fortschritte seiner Arbeit hüllte er sich in geheimnißvolles Schweigen und blieb stumm für alle indiskreten Fragen. Manchmal brach der Abend herein, Dämmerung senkte sich auf alle irdischen Dinge, und der Maler weilte noch immer oben auf seinem Gerüste, bis sich der Priester ernstlich Gedanken über ihn machte und ihn rufen ließ. Mit huld⸗ vollem Lächeln stieg er als dann herab und erklärte, daß seine Kunst ihn selbst die Bedürf⸗ nisse seines Lebens vergessen ließ. Und der gute Priester glaubte ihm gern und bemerkte nicht, daß die Augen des Malers vom Schlafe ganz verschwollen waren. So flossen vier Monate eines beneidenswerten, friedlichen Daseins dahin. Jeden Morgen be⸗ stieg der Maler sein Gerüst, kam nur herunter, um im Hause des Priesters sein Frühstück ein⸗ zunehmen, und stieg von Neuem hinauf, um bis zum Abend dort zu verweilen und nach Herzenslust mit den besten Speisen und Weinen sich zu stärken. 8 Der für die Arbeit festgesetzte Termin war fünf Monate, und mit ungemeinem Bedauern sah der Maler den größten Teil dieser Frist berstreichen. Als nur noch vierzehn Tage an der Enthüllungsfeierlichkeiten fehlten, hatte der Maler noch einmal eine Viston. Vor dem Altar knieend, geriet er in dieselbe Verzückung wie das erste Mal, machte dieselben somnam⸗ bulischen Gesten und erweckte von Neuem das ehrfurchtsvolle Staunen und die größte Hoch⸗ achtung bei den Bauern, für welche dieser Mensch, der in ständiger Verbindung mit der heiligen Jungfrau stand, mehr als ein Heiliger war. Und auch dieses Mal griff der gute Priester ein und bat darum, daß ihm der Inhalt der Viston mitgeteilt würde. „Vater“, antwortete ihm der Maler demuts⸗ voll,„noch einmal hat sich die Jungfrau Maria herabgelassen, mit mir zu reden, und mir kund zu tun, daß sie mit meinem Werke zufrieden sei. Indessen hat sie mir auch gesagt, daß nicht Alle ihr Bildnis schauen werden.“ „Und wer wird es nicht schauen, mein Sohn?“ „Alle Diejenigen, deren Mutter keinen ehr⸗ baren Lebenswandel geführt hat!“ „O, mein Sohn“, schloß der Priester in überzeugtem, salbungsvollem Tone,„o, mein Sohn, dann werden alle meine Pfarrkinder das heilige Bildnis der Madonna sehen, denn alle sind ehrbar gewesen.“ Auch dieser neue Wunsch der Jungfrau wurde dem Volke gleich mitgeteilt. Aber so⸗ wohl der Pfarrer wie die Dorfbewohner waren überzeugt, daß sie das Kunstwerk schauen dürften, denn Jeder hegte mit Recht eine große Achtung für seine Mutter. Und der Tag kam heran, heiter, klar und warm. Seit Sonnenaufgang drängten sich die Bauern, mit festlichen Gewändern angetan, auf dem einzigen Platze des Dorfes. Eine Musik⸗ bande war aus dem benachbarte Orte gekommen, um fröhliche Weisen aufzuspielen. Eine ganze Reihe von Böllern war aufgestellt, um im feierlichen Augenblick losgeschossen zu werden, und auf dem Antlitz Aller war eine große Freude und eine noch größere Befriedigung zu lesen. Je mehr der große Augenblick heranrückte, desto größer wurde die ängstliche Spannung aller Beteiligten. Der Maler hatte die letzten Anordnungen getroffen, dann aber war er, ohne von irgend Jemand Abschied zu nehmen, ver⸗ schwunben. Eine Zeit lang erwartete ihn der Priester vergebens. Schließlich konnte er jedoch seine eigene Ungeduld nicht länger bezähmen und gab das Zeichen zur Eröffnung der Feierlich⸗ keit. Die große Glocke fing an zu läuten, die Trompeten schmetterten die Nationalhymne, die Böller krachten und knatterteu, und ein schön gewachsener, strammer Bauer schnitt mit einem einzigen Ruck das Seil durch, so daß die Lein⸗ wand herabfiel und die Decke enthüllte. Das Schauspiel war überwältigend, und Tausenden von Bauernkehlen entströmte der einzige Ruf: „Schön! Wunderschön!“ Und die Decke der Kirche war weiß wie ein Linnen, weiß und unbefleckt wie frisch ge⸗ fallener Schnee. a Auch der arme Priester schaute nach oben und rief mit den Anderen: „Schön! Wunderschön!“ Aber das Herz blutete ihm bei dem Ge⸗ danken, daß seine Mutter, der er sein ganzes Dasein geweiht, in ihrer Jugend so leichtfertig gewesen war, und somit ihr Sohn das Bild⸗ nis der heiligen Madonna nicht schauen konnte. Gekr änkt und erbittert murmelte er vor sich hin. „Ich hielt sie für einen Engel, und auch ste ist eine Sünderin!“ Alle Anderen jedoch sahen das Bildnis und verherrlichten den künstlerischen Genius des Malers. Einige behaupteten zwar, die heilige Jungfrau wäre blond, Andere bestanden hart⸗ näckig auf ihrer Meinung, daß sie braun wäre, aber der Pfarrer selbst legte sich ins Mittel und brachte es dahin, daß sie sich im Guten einigten. Scheinbar befriedigt zogen sie nach und nach und nach aus der Kirche ab, doch die Achtung vor der eigenen Mutter hatte bei Jedem einen gewaltigen Riß bekom nen. Nur ein kleiner Knabe, der vielleicht die Bedingungen nicht kannte, unter denen es mög⸗ lich war, das Bildnis zu sehen, riß seine Augen weit auf und sagte schließlich zu seinem Vater; „Papa, ich sehe gar nichts!“ Der Vater jedoch gab ihm einen tüchtigen Klaps und schrie ihn zornig an: „Willst Du Dein Maul halten, Du dummer Bengel! Warte nur, wenn wir heimkommen, da will ich Deine Mutter grün und blau hauen— das infame Frauenzimmer, das.“ Wo wird der meiste Zucker gegessen. Nach einer unlängst veranstalteten interna⸗ tionalen Statistik ist England entschieden das „süßeste“ Land der Erde. Jeder Bewohner Englands verzehrt nämlich im Durchschnitt jähr⸗ lich 30 kg Zucker und steht damit an der Spitze der Zuckerverbraucher der Bewohner aller anderen Länder. In den Vereinigten Staaten kommen pro Kopf der Bevölkerung im Jahre 29 kg, in Dänemark 22, in der Schweiz 21, in Schweden und Norwegen 15, in Frankreich 12, in Deut sch⸗ land ebenfalls 12, in Holland 11, in Italien und Belgien 11 und in Oesterreich 8 Kg. Der Russe endlich nimmt die letzte Stelle in dieser Beziehung ein. Dort kommen auf den Bewohner im Jahre 5 kg Zucker. Von der Gesamtpro⸗ duktion des Zuckers auf der ganzen Welt, die auf 12 Milliouen Tonnen geschätzt wird, ent⸗ fallen auf Deutschland, das damit die erste Stelle einnimmt, 2 300000 Tonnen, während Frankreich und Oesterreich 1300000 Tonnen produzieren. In, Deutschland wird am meisten Zucker erzeugt, die Deutschen genießen aber am wenigsten von der Frucht ihrer eigenen Arbeit. Hoffentlich wird das jetzt anders, nachdem der Zucker auch für die Deutschen wenigstens etwas verbilligt worden ist. Humoristisches. Fatale Verwechselung. Staatsanwalt: Ich bitte den Angeklagten wegen Erpressung zu ver⸗ urteilen. Er hat in seiner Eigenschaft als Arbeitgeber seinen Arbeitern mit Entlassung gedroht, wenn sie die Lohnherabsetzung nicht annehmen, er hat sich also durch Drohung einen rechtswidrigen Vermögensvorteil zu ver⸗ schaffen gesucht.—— Richter(einfallend): Aber Herr Staatsanwalt, was reden's denn wieder mal für Zeug daher! Der Arbeiter, der mit Streik gedroht hat, wenn er und seine Kollegen keine Lohnerhöhung kriegen, der kommt doch erst später dran! (Südd. Postill.) Aus der Amtskanzlei. Justizrat: „Müller, Sie haben in dem letzten Aktenstück „Thron“ ohne h geschrieben. Wenn Sie sich noch einmal unterstehen, am Throne zu rütteln, können Sie sich wo anders ein Unterkommen suchen.“— Vorbeugung. Unteroffizier: Der Rekrut Meyer scheint desertieren zu wollen— ick wer ihm mal jleich jeheerig vor'n Bauch treten, det er die nächste Zeit nich lofen kann. Im Elfer. Geschichtsprofessor: Kaiser Nero war eitel und genußsüchtig, grausam und ungerecht, feige und wankelmütig——— mit einem Worte: er war ein geborener Herrscher. (W. Jak.) Beke nohe am Kreuzplatz. Messen. L., Neuflabt Ii. Schirme werden Th. Budde& Co. repariert und neu bezogen. Diessen, Seltersweg 9, Beste Bezugsquelle für SCHIRME HFisleles, Buttermarkt 14. Solide Ware! Sasseler Schirmfabri 4 N g * — ————— J 3 — 2 .— —— 3. — ———— 3 A —— 8 —— r Seite 8. Mitteldeutsche Sountags⸗ Zeitung. — No. 39. Leser und Leserinnen!! Berücksichtigt bei Euren Einkäufen die Inserenten dieses Blattes! Konsum⸗Verein Gießen und Umgegend,.&. u. beschr. 5 Bilanz am 30. Juni 1005. Aktiva: Mk. Passiva: Kassenbestand 2586,04] Anteil der Mitglieder 3181,50 Warenvorrat 4791,66 Reservefond 178,61 Inventar nach Abschreib. Guthaben der Lieferanten 2188,85 Mk. von 10 Prozent 880,50 Anlehen⸗Konto 2000,.— Anteil bei der Großein⸗ Kautionen⸗Konto 500,.— kaufsgesellschaft 324,10] Reingewinn 593,34 Emballage 60.— 8 8642,30 8642,30 Mitgliederstand am 1. Juli 190-2. 172 Neueingetreten. 66 Ausgeschieden 8 58 Stand der Mitglieder Ende Juni 19032 230 Die Haftsumme beträgt 6900 Mark. Gießen, den 15. September 1903. Michael Keßler, Geschäftsführer. Paul Niewisch, Kassierer. Für den Aufsichtsrat: Karl Orbig. Sonntag, 27. September, vorm. 10 Alhr findet auf„Lony's Bierkeller“ die diesjähr. ordentl. General⸗Versammlung statt. Tages⸗Ordnung: 1. Geschäftsbericht. 2. Abrechnung. 3. Be⸗ schlußfassung über die zu verteilende Dividende. 4. Ergänzungs⸗ Achtung! 8 Betten Bettstelle Matratzen 2 8 Deckbett 5. 2 Kissen Mk. 43, wobei für vollständige neue u. reine Füllung garantiert wird. d Gebr. Weil Neustadt 10. * Beinrich Doll, Giessen 7 7 ausburg 7 2 Papier-Bandlung 9 Ee Buchbinderei* Geschäftsbücher& Drucksachen Elnrahmen von BIldem. SUS lNeN Edgar Borrmann, Giessen Neustadt 11 m Telefon 298 Eisen⸗, Stahl⸗ und e N und Bedarfsartikel für Schreiner, Zimmerleute, Küfer, Spengler, Dachdecker, Schlosser, Schmiede ꝛce.— Tür⸗, Fenster⸗ und Möbelbeschläge, Drahtgeflechte, Flechtrohr ꝛc.— Vogelkäfige, 0 eee Lager in Herden und Oefen, Haus⸗ und Küchengeräten, Wasch⸗ u. Wringmaschinen, Landwirtsch. Maschinen u. Geräten, Kehlleisten, Holzornamenten, Bett⸗ u. Tischstollen, Cement, Gyps, Chamotte.— Erntestricke, gnt. 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Bei dem Bericht über die tagsfraktton waren eine einiges hervorgehoben. auf Gemeinschaft. unsre Agitation 3 dem Reichstag vielen Orten beiter verstcherung auf Hausindustrie ꝛc. der Krankenkassengesetzge bun anstreben. gutem Willen 9 0 lassen. druck gebracht graphen einbringe. 1 verhindere der rung solcher Fragen. seucht. wirtschaftlichen Bankrott. suchung der aus dem Arbeiter, wie wir Die sanitäre Jetzt fordern suchungsstationen, wo jeder, Kant fe, ed 1 ran„ Und zweitens aus unsre wählte Grubenbeamte. 1 Alle diese Anträge zur Erwägung überwiesen. Zum internationalen i— e Kongreß in Am sterdam 5 bweist Singer darauf hin, daß der Partei schon poriges Jahr eine zahlreiche Veschic des Amsterdamer Kongresses beschlossen he ber in Rücksicht auf die zu sehr beschäft bdeutsche Partei auf das Jahr 1904 ve worden sei. S ö and ihre internationale Regelung Ang. gereinigt euch!“ findet seinen e'greß zahlreich zu beschicken. 9 Zur Frage der Taktik alen Bebel, Kautsky und Singer fol! f 0 be antragt: F 5 Der Parteitag fordert die Fraktion auf, zwar Anpruch uf die Stelle des ersten Vlzeprästdenten bicheftführe ers für einen Kandidaten aus ihrer Mi Ahchen, ford ert aber, daß sie es ablehnt, höfische oder ö 1 astige Verpflichtungen zu übernehmen, die nicht durch Reichsverfeissung oder die Geschäftsordnun. ssaczen sind. 7735 ihren und te zu par lamentarische Tätigkeit der Reichs. 5 Reihe von Anträgen gestellt. Aus der Diskussion, auf die wir in der letzten Nr. nicht eingehen konnten, sei im Folgenden noch Keil ⸗Stuttgart begründet den Antrag Schaffung einer Reichseisen bahn In der Fraktion herrscht über diese Frage keineswegs Einigkeit und doch ist diese Frage von größter Wichtigkeit. Wir müssen 8 energisch auf Schaffung einer Reichseisenbahngemeinschaft richten, die sicher auch einen großen Einfluß auf die Lebensverhältnisse der Eisenbahnangestellten und die Gestaltung der Tarife sichern würde. Müller⸗Glauch au begründet den von 1 gestellten Antrag auf Ausbau der Arbeiterschutzgesetzgebung, Ausdehnung der 50 e Reichstagsfraktion müssse die e et werde sich das Ziel er reichen „Nachdem Krohn⸗Konstanz seine Zufr jeden⸗ heit mit der Tätigkeit der Fraktion zum Aus⸗ 5 hat, wünscht Trilse⸗ Elberfeld, daß die Fraktion sofort den Antrag auf Auf⸗ ßbebung des Majestätsbeleidigungspara⸗ Bei der Etatsberatung Reichstagsprässiderit die Erörte⸗ Einen Antrag auf wirksanne Bekämpfung der Wurmkrankheit im Ruherkohle urevierbe⸗ gründet Straßen mey er⸗Essen: Heun e sind im Ruhrrevier 80 pat, und mehr der Gru ben ver⸗ Die Krankheit bringt die Arbeit er zum Unter⸗ Auslande komm enden sie forderten, hätte die uge⸗ heure Ausdehnung der Seuche verhindern kör men. wir als das Mindeste Un tter⸗ der sich zur Ar beit wird, ob er wu em⸗ ge⸗ werden der Frakti on al ung be, 140 ber oben- 0 Gegen die verschiedentlichsgestel Iten. Anträge, die Frage des Frauenstimmrechte“; in Ansterdam zu verhandeln, sei nichts einzuwen de n, u unterstütze ihn ebenso wie den Antra/z Mosske n⸗ sühr, die Frage der Versicherungsg⸗ setzgebm ig in Amsterno m q verhandeln. Er empfehle zahlreiche Pesch ck⸗ Das Wort„Proletarier aller Länd er, f pruk ti A 18⸗ 1 uc in den internationalen Koggressen(e ifq 10. Nach kurzer Diskussion wird beschlossen„en 3 und sieggekrönte auf dein Klassenkampf beruhende Taktik in dem Sinne zu ändern, daß au Stelle der Eroberung der politischen Macht durch Ueberwindung unsrer Gegner eine Politik des Entgegenkommens an die bestehende Ordnung der Dinge tritt. Die Folge einer derartigen revisionistischen Taktik wäre, daß aus einer Partei, die auf die möglichst rasche Umwandlung der bestehenden bürgerlichen in die sozia⸗ listische Gesellschaftsordnung hinarbeitet, also im besten Sinne des Wortes revolutionär ist, eine Partei tritt, die sich mit der Reformierung der bürgerlichen Gesellschaft begnügt. Der Parteitag verurteilt ferner jedes Bestreben, die vorhandenen, stets wachsenden Klassengegensätze zu ver⸗ tuschen, um eine Anlehnung an bürgerliche Parteien zu erleichtern. Der Parteitag erwartet, daß die Fraktion die größere Macht, die sie durch die vermehrte Zahl ihrer Mitglieder wie durch die gewaltige Zunahme der hinter ihr stehenden Wählermassen erlangt, entsprechend den Grundsätzen unsres Programms dazu benutzt, die Juteressen der Arbeiterklasse, die Erweiterung und Sicherung der poli⸗ tischen Freiheit und der gleichen Rechte für Alle aufs nachdrücklichste wahrzunehmen und den Kampf wider Militarismus und Marinismus, wider Kulonial⸗ und Weltpolitik, wider Unrecht, Unterdrückung und Ausbeutung in jeglicher Gestalt noch energischer zu führen, als es ihr bisher möglich gewesen ist.“ Bebel ergreift hierzu als erster Redner das Wort und führt aus: Gleich nach den letzten Wahlen mit ihrem Riesenerfolg für die Partei wurde in ber aus- ländischen Parteipresse und in der gegnerischen deutschen Presse sehr ernsthaft die Frage aufgeworsen: was wird denn die Sozialdemokratie nun nach dlesem Erfolg tun, wie werden die Resultate der Wahl auf die künftige Tätigkeit der Fraktion wirken? Auch Kautsky veröffent⸗ lichte sofort nach den Wahlen in der„Neuen Zeit“ einen Artikel„Was nun 2“, der in sehr iuteressanten historischen und sonstigen Auseinandersetzungen dle Frage aufwarf, in welcher Weise und ob überhaupt wir unsre Taktik zu ändern hätten. Karitsky hat nah meiner Ansicht keine rechte Antwort auf die Frage: Was nun? gefunden. Wie liegen denn nun die Dinge, welches sind in der Tat unsre Erfolge? Zweife los haben wir einen kolossalen Stimmenzuwachs zu verzeichtien. Wenn wir aber einmal die Parteiverhältnisse im Reichstag betrachten und die gesamte Linke als eine Einheit annehmen, so steht doch fest, daß sich das Stimmenverhältnis kaum merklich geändert hat. Es sind nur aus der Linken die halben und Viertelmänner mehr ausgeschieden und an deren Stelle ganze Männer getreten. In Bezug auf die Ent⸗ scheidung bet Abstimmungen, namentlich bei wichtigen losigkeit in der Handelspolitik, die wahrscheiulich zur Folge haben wird, daß dem Reichstag in der nächsten Fragen ist alles beim Alten geblieben, das Zentrum ist woch immer die ausschlaggebende Partei. Dazu kommt, daß die Parteien der Rechten sich noch mehr als bisher zusammeseschließen und noch reaktlonsrer stimmen werden. (Vollmar: Sehr richtig!) Was sind denn die Ursachen, daß unsre Stimmenzahl so kolossal zugenommen hat? Vor allem der steigende Unwille, ja die Empörung über unsre vollständig zer⸗ fahrenen inneren Zustände, die immer weitere Kreise er⸗ greifen; die vollständige Kopflosigkeit in unsrer inneren und äußeren Politik macht immer boeitere Kreise bedenk⸗ lich und treibt sie der einzigen Partet, die bisher scharf und zielbewußt ihren Weg gegangen ist, in die Arme. Für uns wirken der vollständige Stillstand in der Be⸗ friedigung der notwendigsten Kulturbedürfnisse, die traurige Finanzwirtschaft, die Plan- und Ziel⸗ Session noch kein einziger Handelsvertrag vorgelegt wird. Es kommen weiter in Betracht die fortgesetzt gesteigerten Ausgaben für Heer und Marine. Da sagt sich doch der einfachste Mann: Die Resultate all der schueidigen Expeditionen in China, in Venezuelc ꝛc. stehen in schneidendstem Widerspruch zu den Kosten, die immer mehr anwachsen und vor allem den arbeitenden Klassen zur Last fallen, die kein Interesse daran haben, sondern noch ihre Söhne auf dem Altar des Vaterlandes opfern müssen. Auch jetzt stehen ja wieder neue Steuern in Aussicht. Unsre Finanzen sind total zerfahren. Es ist mir erst kürzlich mitgeteilt, daß das Deutsche Reich, das früher doch als prompter Zahler bekanut war, heute oft nicht mehr in der Lage ist zu zahlen und Kredit in Anspruch nehmen muß.(Hört! hört!)— Dabei ist die bisher festeste Säule, die Armee, auch bon der Un⸗ Ar. 39. Giessen. Sonntag, den 27. Sepfember 1903. 10. Jahrg. 5„Der Parteltag verurteilt auf das Götschiedenste die ich vollendeter Optimist. Ich glaube micht einmal an revisionistischen Bestrebungen, unsre bisherige bewährte eine Aenderung des Wahlrechts. Man wird sich hüten, mit den 3 Millionen den Kampf aufzunehmen. Wagt man es, so stehen hinter unsren drel Millionen weitere Millionen; dann haben wir die Mehrheit der Nation hinter uns, da kommen die katholischen Arbeiter zu uns. Das wird sich das Zentrum zweimal überlegen. Will man aber das Tänzlein wagen, wir nehmen den Kampf auf und ich bin heute schon gewiß, daß die Entscheidung nicht zu unsren Ungunsten ausfallen wird. Der Kampf muß aus taktischen Grundsätzen geregelt soerden. Die Taktik ist etwas Veränderliches. Unser alter Liebknecht hat einmal drastisch gesagt: Wenn es notwendig ist, ändere ich meine Taktik in vierund⸗ zwanzig Stunden 24 mal. Das Entscheidende aber ist, daß die Taktik mit den Grundlagen der Partei in Uebereinstimmung sich befinden. Wäre eine Aenderung notwendig, so möchte ich aber nicht bremsen, sondern noch energischer, rücksichtsloser, schärfer vorgehen als bisher. Von einer gewissen Seite ist uns empfohlen worden, daß die um so viel stärkere Fraktion nun selbst Initiativanträge, ganze Gesetze ausarbeiten solle.(Wider⸗ spruch Vollmars.) Ich meine euch nicht damit, sondern andre.(Heiterkeit.) Gesetze auszuarbeiten, ist nicht so leicht. Dann müssen wir das in der Hauptsache den Leuten überlassen, die dafür bezahlt und angestellt werden. Die Leute haben das Material dafür. Wir in der Fraktion sind parlamentarisch schon überarbeitet, von 15 Initiativanträgen ist nur ein einziger in den letzten 5 Jahren erledigt worden. Die Gewohnheit der Schwe⸗ rinstage ist so gut wie aufgehoben worden. Ein Erfolg wäre auch nicht zu erhoffen, wenn die von Timm empfohlene soziale Gesetzgebungskommission eingerichtet würde. Das Bedürfnis ist gewiß dringend, aber es ist nicht zu befriedigen. Entscheidend ist, daß die Gesetz⸗ gebungsmaschine so erbärmlich, ungenügend und mangel⸗ haft ist, daß, wenn heute ein Gesetz fertig ist, gleich wieder Aenderungen nolwendig sind. Es ist nicht mehr möglich, prinzipielle Gesetze zu machen, da es dafür keine Mehrheit gibt. Die Klassengegensätze haben eine Klassen⸗ gesetzgebung gezeitigt. Aber, Genossen, ich muß euch vor Ueberschätzung warnen. Auch jetzt, wo wir 81 im Reichstage sind, können wir keine Eichbäume ausreißen. Wenn nun die Situation so liegt, wenn wir in diesem Reichstag nach wie vor eine isolierte Stellung einnehmen, so schließt das natürlich nicht aus, daß wir deswegen Konzessionen nehmen, wenn sie uns der Mühe wert erscheinen. Ueber den Wert solcher Konzessionen haben wir uns allerdings immer gestritten, das war die ganze Differenz. Die sogenannte rechte Seite war auch für die kleinste Konzession immer zu haben, während ich häufig sagte, wir bekommen, was wir wollen ja auch so, ohne uns ßparlamentarisch zu kompromittieren, Beim letzten Invalidenversicherungsgesetz haben wir schwer gekämpft und die Annahme der Vorlage wurde schließlich nur mit 14 gegen 13 Stimmen in einer schlecht besuchten Sitzung beschlossen. Kein andrer als Dr. Jastrow hat es nachher als unerhört erklärt, daß sogar die Sozial⸗ demokratie für eine so erbärmliche Novelle stimmen könne. Bei der neuen Zusammensetzung der Fraktion werden sich diese Kämpfe noch, wie ich glaube annehmen zu können, vermehren. Und angesichts der Möglichkeit, daß die rechte Seite der Fraktion uns schließlich zu Konzes⸗ sionen drängen könnte, die nach meiner Auffassung nicht zu rechtfertigen sind, halte ich es doch für notwendig, daß der Parteitag der Fraktion die Taktik vorschreibt, soweit das überhaupt möglich ist, Denn es kann natür⸗ lich nur von einer relativen Bindung, von einer Direktion die Rede sein. Ist aber die Marschroute vom Parteitag gegeben, dann muß die Fraktion nachmarschleren. Unsre Stellung zu den herrschenden Klassen, zur Regierung muß jedenfalls klar wie ein Glas sein. Es darf mit uns nicht so gehen wie mit den bürgerlichen Parteien: wenn sie die Höhe ihrer Macht erlangt hatten, gaben sie ihre Grundsätze preis und dann war es aus mit ihnen.(Sehr richtig!) Wir sind die Erben dieser Parteien, freilich nicht wie Heine in den„Soz. Monats⸗ he ften“ schreibt, haben wir den bürgerlichen Liberalismus zu ersetzen, sondern wir haben ihn zu überbieten.(Heine: „Erfüllen“ habe ich geschrieben, das heißt überbieten!) Nein, das heißt es nach meiner Auffassung nicht. Er⸗ setze ich jemand, der abgesetzt wird, so heißt das, ich soll erfüllen, was er geleistet hätte. Wir müssen uns klar ausdrücken, sonst streiten wir uns tagelang, nehmen eine Resolution an und sind hintennach ebenso uneinig wie vorher. Nie waren wir uneiniger wie gerade fetzt, und das zu vertuschen, habe ich für meine Person herz⸗ lich satt. Wir müssen uns so gründlich aussprechen wie nur irgend möglich.— ufriedenheit gepackt.— Wirtschaftlich und politisch gehen e Zeiten entgegen. In Bezug auf uns bin Nun zu der von Bernstein angeregten Vizepräsi⸗ dentenfrage. Bernstein selbst hat ja, seitdem er in 5 N —— 9. .—ůůͤů — — — — . 1 ö ö 11 1 1* Seite 10. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Deutschland lebt, außerordentlich an Kredit verloren und nicht zum mindesten bei seinen Freunden, den Revisionisten. Zuerst ein neuer Messias, heißt es nun, steiniget, steiniget ihn. Und weshalb, doch eigentlich nur, weil er das, was er früher gesagt, die Konsequenzen daraus nach Meinung seiner Freunde gar zu ungeschickt oder gar zu offen ausgesprochen hat. Aus der Mttte seiner eigenen Anhänger ist ihm zugerufen worden: Wenn das so weiter geht, muß er aus der Partei heraus. Unter diesen Umständen legte man auch seinem Artikel über die Vize⸗ präsidentenfrage mit der Verteidigung des Zuhofegehens in der Parteipresse fast gar keine Bedeutung bei. Ich war vor allem aufs tiefste erbittert, daß eine solche Frage aufgeworfen wurde in einem Moment, wo die ganze Partei der Ueberzeugung lebte, daß es nunmehr gelte, den Sieg auszunutzen und vorwärts zum Angriff überzugehen, wo die Reden von Breslau noch im Ange⸗ sicht jedes Sozialdemokraten wie eine physische Ohrfeige brannten,(lebh. Beifall) wo man sich sagen mußte, da haben wir es mit einem Repräsentanten der herrsch⸗ enden Macht zu tun, der gegebenenfalls das Kommando geben würde, auf Vater und Mutter zu schießen. Glaubt denn Bernstein, all das ist aus den Proletarierhirnen ausgelöscht? Wer das nicht weiß, der soll überhaupt aufhören Politiker zu spielen.(Stürm. Beifall.) Aus meiner Empörung heraus schrieb ich die Erklärung gegen Bernstein in der„Neue Zeit“. Dafür bin ich scharf an⸗ gegriffen worden, habe aber noch mehr Zustimmung erhalten. Man freute sich allgemein, daß ich endlich einmal der Katze die Schelle umgehängt hatte. Ein Sturm der Entrüstung erhob sich, wie selten noch gegen eine Ansicht. Vollmar liebt es ja, selten aufzutreten, namentlich in programmatischer Form. Wenn er aber glaubt, daß jetzt die Stunde gekommen sei, wirft er sich N feierlich nit der ganzen Größe seiner Person in die Wagschale und zahlreiche bürgerliche Journalisten bejubeln ihn. Jubel ist in München immer vorhanden, wenn Vollmar auftritt. München ist das deutsche Capua, dort wandelt keiner auf die Dauer ungestraft unter den Blerkrügen.(Heiterkeit) Dort geht die stolzeste Partei⸗ säule nach einiger Zeit zugrunde. Da seht euch diesen Parvus an,(Große Heiterkeit) auf den noch jeder ge⸗ schworen, daß er der Radikalsten einer und jetzt liegt auch diese stolze Säule gebrochen im Haidhäuser Moor- So mancher, der als prinzipientreuer Genosse nach München zog,— nach ein paar Jahren war er an Seele und Geist verloren.(11! D. Red. d. M. S.⸗Ztg.) Und wenn ich selbst nach München ziehen könnte, ich würde mich vor mir selber fürchten.(Stürm. Heiterkeit.) Da hat Auer in den„Soz. Monatsheften“ in seiner bekannten witzigen und geistreichen Art sich über die Sache ausgesprochen und es so dargestellt, als sei der Streit nur entbrannt, weil der Artikel gerade in die Sauregurkenzeit fiel. Ich bedaure es tief, daß Auer von einer die Partei so tief bewegenden Sache so sprechen konnte. Ein solches Urteil kann nur fällen, wer die eigentliche Grundlage, den prinzipiellen Boden verloren hat.(J) Man hat gesagt, es sei eine falsche Auffassung von mir, daß eine„Verschwörung“ bestehe.— Eine solche braucht zwischen Gleichgesinnten nicht zu bestehen. In dem Augenblick, wo Genosse Vollmar auftrat, sprangen seine Freunde von überall her ihm bei und das war ganz in der Ordnung. Für Vollmar war die Frage des Vizepräsidenten erst eine Machterweiterung, dann als man sah, daß ¼ö0 der Partei andrer Meinung war, hatte die Sache keine Bedeutung. Von Geistesverwandten kam nun die Losung: Weg vom Parteitag, hinein in die Fraktion. Dem ist nun vorgebeugt worden. Die Vorgänge in der Partei werden von der bürgerlichen Presse beobachtet und alle diejenigen, die bei uns seit 12 Jahren Diskussionen anregen, werden von der bürger⸗ lichen Presse gelobt, daß einem oft der Ekel überkommt. (Beifall.) Dafür können nun freilich die Gelobten nichts. Ich werde nicht gelobt. Höchstens ausnahmsweise, wenn ich einmal auch das Herz des Bürgertums rühre, wie bei der Kaiserrede. Aber ich will kein Lob der bürger⸗ lichen Presse. Ich will bis zum letzten Atemzuge ein Feind der bürgerlichen Gesellschaft sein und sie untergraben und zu beseitigen helfen.(Stürmischer Beifall.) Würde ich aber so gelobt, wie es z. B. Heine von Herrn v. Gerlach passiert ist, müßte ich mich schütteln. Vollmar ergeht es in der bürgerlichen Presse ähnlich. Bis zum Ende der 8er Jahre stimmte ich mit Vollmar stets überein. Seitdem sind wir immer weiter auseinander⸗ gekommen in unsrer Ansicht. Ich will aber hinzufügen, das hat unsre persönliche Achtung nie beeinträchtigt.— (Bebel führt dann eine Reihe Beispiele an, wo nach seiner Meinung einzelne Genossen und Preßorgane sich prinzipielle Verstöße zu schulden kommen ließen.) Der Revisionismus ist ja sehr bescheiden, er ist mit dem geringsten zufrieden. Ich sage aber, je bescheibener wir sind, je weniger kriegen wir. Schon Marx hat gesagt: Entwicklungsphasen sind nicht zu überspringen, aber sie sind abzukürzen. Diesem Grundsatz huldige ich heute noch. Ihr sagt nun, die Massen seien uoch nicht reif. Ach was, zerbrecht euch doch nicht die Köpfe der andern. Was wißt ihr denn, was für Intelligenzen bei uns sind, wenn wir erst die Macht haben. Welche Arbeit haben unsere Männer in der Zollkommission ge⸗ leistet, die Baudert, Zubeil, Antrick. Letzerer hat über eine Reihe hygienischer Fragen so sachverständig gesprochen, daß die Regierungsvertreter Mund und Nase aufgesperrt und gefragt haben: wo hat denn der Kerl das alles her?(Heiterkeit.) Was wißt ihr denn, was wir für Geister haben, ihr ahnt es ja gar nicht. Jede Zeit, jede Kulturbewegung gebiert die Männer, die sie not⸗ wendig hat, auch die Sozialdemokratie wird sie haben, wenn sie sie braucht. Aber immer das Beruhigen, das Diplomatisieren, das Kompromittieren, das geht nicht weiter. Alles staatsmännische Geschick soll ja auf seiten der Revisionisten sein, soviel Staatsmannskunst, daß man sie auf tausend Meter sieht und auf hundert rlecht.(Heiterkeit.) Aber ich sage euch: merkt man erst, daß einer ein Staatsmann ist, dann ist er es schon nicht mehr. Der Revisionismus bedeutet„die Annäherung an die bürgerliche Gesellschaft, die Ueber⸗ brückung der Kluft zur bürgerlichen Gesellschaft.“— Wenn ich einmal zweifle, so frage ich mich, wie werden meine Feinde urteilen, das ist für mich das beste Baro⸗ meter. Wer gehört zu den Revisionisten? Da sind es zu⸗ nächst die Akademiker, dann die ehemaligen Proletarier in gehobener Lebensstellung. Geifall.) Natürlich sind auch Proletarier dabei, das sind die Unwissenden, die blinden Verehrer irgend eines Führers. Im großen Ganzen haben die Revisionisten aber nur einen General⸗ stab, die Armee ist aber verflucht klein. Wir vertuschen nichts mehr, wir spielen nicht mehr Komödie. Deshalb sage ich offen, hat es in der Fraktion fortwährend Streit und Reibungen gegeben; und weil in der Fraktion die revisionistische Strömung eine Stärkung erfahren hat, müssen wir endlich an den Parteitag, an das Volk appellieren. Es soll jetzt entscheiden und unsere Taktik festlegen. Die Fragen werden in letzter Instanz von der Gesamtpartei anders entschieden, als in der Fraktion und wir werden uns mehr als bisher an die Partei wenden müssen. Wenn Sie glauben, daß die Resolutton das ausspricht, was ausgesprochen werden muß, dann stimmen Sie ihr mit ungeheurer Mehrheit(Rufe: Ein⸗ stimmig) zu, und ich bin überzeugt, wenn diese Richt⸗ schnur gegeben ist und wenn die andern Maßregeln ergriffen sind, die notwendig sind, um künftig Klarheit, Wahrhéit und Wissen über alle wichtigen Parteifragen zu verbreiten, dann bin ich überzeugt, daß die Partei ihren stolzen Siegeslauf weiter fortsetzt und daß sie in der glänzendsten Weise ihre historische Mission erfüllen wird.(Stürmischer Beifall.) Freitag Vormittag ergreift zu der Frage Genosse Vollmar als erster das Wort: Bebel hat gestern unsre innere Lage so geschildert, wie sie sich in seinem innern Sinne malt und hat damit naturgemäß großen äußeren Eindruck gemacht. Ich pflege mich nicht wie er vornehmlich an die Einbildungskraft und an das Gefühl zu wenden, sondern ich appelliere an die ruhige Ueberlegung. Ich suchte nicht mein Auditorium zu zwingen, sondern zu überreden. Nie ist in einer Debatte die Sachlage, um die es sich handelt, so schnell und so gründlich verschoben worden wie hier. Es ist also meine Auf⸗ gabe, daß ich die in blinder Hitze aus dem Zusammen⸗ hang gebrachten Glieder wieder einrenke. Aus ging die Vizepräsidentenfrage wie bekannt von dem Artikel Bernsteins, den ich nicht billigte, zu dem aber Bernstein zweifellos ein Recht hatte. Mich veranlaßt vor allem in die Debatte einzugreifen, die Art, wie man Bernstein geantwortet hat, wie man ihn auf diese Benutzung seines Rechtes hin behandelt hat. Bebel meinte, man wisse ja wie in München mein Auftreten inszeniert werde. Auf eine ähnliche Beschuldigung der Münchener Parteigenossen hat Bebel 1894 von dem dortigen Vertrauensmann eine Antwort erhalten hat, die er sich sicher nicht hinter den Spiegel gesteckt hat. Es kommt beinahe darauf hinaus, als ob die Münchener Genossen, wenn sie eine Versammlung einberufen wollen, erst die hohe Bebelsche Erlaubnis einzuholen haben,(Heiterkeit) und als ob dann diese Versammlung wie nach dem sächsischen Juwel verboten oder gestattet werden kann. Bebel meinte, ich spräche immer so, als wenn ein Evangelium zu ver⸗ künden hätte. Ich möchte sagen, daß ich die Evangelien, namentlich, was die apokalyptischen“ betrifft(Heiterkeit) viel zu sehr als seine Angelegenheit betrachte. Im übrigen zeigt diese Schilderung, daß, wenn einmal Bebels dichterische Kraft in Gang gekommen ist, er ganz und gar unfähig ist, die natürlichsten Dinge natürlich zu sehen.— In seinem Artikel wirft mir Bebel Aplomb, Abkanzeln, Schulmeisterei gegen Ede vor. Nun, ich meine wirklich, daß wir in diesen Tagen übermäßig viel von diesem Kapitel, haben hören und sehen müssen.— Nun hat sich Bebel auch darüber un⸗ zufrieden gezeigt, daß man sich bei dieser Gelegenheit wieder über eine Beschränkung der freien Meinungs- äußerung beklagt habe. Er meinte, mit dem immer wiederkehrenden Geschrei, die Meinungsfreiheit sei in * geheimnisvoll. Gefahr, stellt man der Partei nur ein Armutszeugnis aus. Gewiß, das tut man, aber nicht diejenigen, die sich gegen eine Beschränkung der Meinungsfreiheit wehren, sondern diejenigen, die die Meinungsfreiheit beeinträch⸗ tigen. Im übrigen ist diese Bemerkung gerade von Bebel wunderbar, weil er doch erst vor kurzem ein die ganze Welt erfüllendes Geschrei, darüber gemacht hat, daß der„Vorwärts“ ihm die Aufnahme von ein paar Erklärungen verweigert hat. Ich habe mich also zu der Sache geäußert, nicht nur weil ich von meinen Wählern dazu aufgefordert wurde, sondern auch weil ich bereits vor 5 Jahren, in der Fraktion die Sache be⸗ trieben hatte.— Man hat gesagt, die Revisionisten hätten die Sache jetzt plötzlich so klein dargestellt, um sich aus ihrer üblen Lage herauszuziehen. Genossen, da ich weiß, wie dieser Parteitag schon mehr als sein Magen eigentlich vertragen kann, mit Personalien un⸗ angenehmster Art behelligt ist, so will ich mich aus Respekt vor dem Parteitag enthalten, für die Anschuldigung, als ob ich aus Mangel an Mut eine andere Stellung eingenommen hätte, die Antwort zu geben, wie ich sie sonst jedem geben würde, der sich etwas derartiges mir gegenüber herausnehmen würde. In meiner Münchener Rede habe ich bereits erklärt, die Frage sei für mich keine„weltbewegende, keine Frage erster Ordnung“. (Hört, hört!) Ich habe ausdrücklich darauf hingewiesen, daß nicht der Parlamentarismus die Hauptsache sei, sondern die sonstige Agitation und Organisation, damit wir wurzeln in der Bevölkerung. Ebensowenig aber stellte ich die Sache als gleichgiltig hin, weil ich aller dings weine, daß jede derartige Position bei ent⸗ sprechend geschickter Behandlung einen gewissen Einfluß zugunsten der Partei ausüben kann. Wenn die Sache wirklich so gleichgültig wäre, warum beanspruchen wir diesen Posten überhaupt.(Zuruf: Weil es unser gutes Recht ist!) Darauf kommt es nicht an, sondern nur auf die praktische Wirksamkeit, und wenn die Teilnahme am Präsidium wirklich nur dekorativ wäre, dann wäre es doch das einzige Folgerichtige, wenn wir diesen An⸗ spruch überhaupt gar nicht erheben würden, wie es doch immer geschehen ist. Es muß also doch an der Ge⸗ schichte etwas sein. Die Person, um die es sich bei der Sache dreht, ist mir ja natürlich auch bekannt, aber ich habe mich eben gewöhnt, in politischen Dingen das Gefühl zurückzustellen. Ich sehe die Sache als eine ganz untergeordnete Formalität an, wobei das Prinzip nicht in Frage kommt. Im übrigen ist die Sache durch die Art wie sie eingeleitet und wie sie nachher behandelt wurde, wie man den Gegnern weitere uns zu stellende Bedingungen geradezu in den Mund diktiert hat, so gründlich verpaßt, daß es nicht mehr der Mühe wert ist, darüber zu reden. Bebel macht mir und Göhre zum Vorwurf, daß wir die Staatsform für nebensächsich halten. Er sagt, diese Stellung zur Repu⸗ blik zeige, wie tief die Kluft innerhalb der Partei sei. Ich habe aber ausdrücklich darauf hingewiesen, daß wir nicht bürgerliche Republikaner sein können, da die Staats⸗ form nlicht das Primäre, sondern die Hauptsache die Ordnunig der Gesellschaft ist. Die ganze Sache hätte ruhig Herhandelt werden können, wenn das Vielen nicht zu nüchtern gewesen wäre. Der Parteitag hätte dann auf ne rvenerregende Sensationen verzichten müssen. Es ist manchen Leuten nicht wohl, wenn sie die Partei nicht als in Gefahr befindlich hinstellen können, aus der sie sie dann schleunigst retten müssen. Heiterkeit.) Es ist wirklich schade, daß noch keine Geschichte der Versunipfung geschrieben worden ist. Sie würde zeigen, daß schon oft eine Sache als Gift erklärt worden ist und derß dann die Partei den angeblichen Giftbecher geleert und sich sehr wohl dabei befunden hat. Aber bald da rauf ist die alte Giftetikette einem andern Glas umgehängt worden und auch dieses Glas ist dann wieder, ohne der Partei zu schaden, ausgetrunken worden. (Heiterkeit) (Fortsetzung im Hauptblatt Seite 2.) —— Geschichtskalender. 27. September. 1890: Letzte Nummer des Londoner„Sozialdemokrat“ kommt zur Ausgabe. 1881: Chemnitzer Geheimbundsprozeß. 23. 1883: Niederwald⸗Attentats⸗Versuch. Gründunig der Internationale. 29. 1902: Emile Zola, ber. franz. Schrift⸗ steller,. 1899: Reichstagsabg. Schmidt⸗Magdeburg zu 3 Jahren Gefängnis wegen Majestätsbeleidigung verurteklt. 1879: Nr. 1 des„Sozialdemokrat“ in Zürich erschi enen. N 30. 18390: Ende des Sozialisten⸗Gesetzes. 1. Okto ber. prokla miert d ie Menschenrechte. 1864: Breslau. 18 81: Sozialist. Welt⸗Kongreß in Chur. 26. 1898: Parteitag in Stuttgart, gung ab. — 1789: Der franz. National⸗Konvent 2. 18813: Jul. Kräcker, sozialdem. Abg., f in 1896: Der Gemeinderat ien Lille(Frankreich) lehnt die Zarenhuldi⸗ ————ů——