1 1 „ eee eee een u. e ———— — Nr. 30. Gießen, den 26. Juli 1903. Medaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Sonnt Mitteldeutsche ugs Nebaktionsscluß: Donnerstag Nachmittag“ —— kitung. Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Bestellung en nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die 2 Juserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die ögespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33½e¾ und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Wer vernichtet den Mittel⸗ stand? Das törichte Gerede, daß die Sozialdemo⸗ kratie den Mittelstand vernichten wolle, war im letzten Wahlkampfe wieder eines der Haupt⸗ argumente der„liberalen“ und sonstigen Ord⸗ nungskandidaten und ihrer Redehelfer im Kampfe 91 unsere Partei. Fragt man allerdings ie Herren, was sie zur Hebung des Mittel⸗ standes und des Handwerks getan haben, so ist verlegenes Schweigen die Antwort oder es kommen die alten Ladenhüter der mittelstands⸗ retterischen Politik zum Vorschein.— Wenn wir die Ursachen erklären und aufdecken, die zur Vernichtung des Mittelstands führen, so haben die Sozialdemokraten doch nicht diese Ursachen geschaffen. Hat doch kürzlich sogar der Handelsminister Möller in einer Rede in Osnabrück ebenfalls erklärt, daß die an die Industrie verloren gegangenen Gebiete nicht wieder vom Handwerk zurückerobert werden könnten. Der verstorbene Krupp und seine Hinter⸗ bliebenen sind gewiß keine Sozialdemokraten. Trotzdem ist gerade Krupp mit seinem Betriebe einer der eifrigsten Vernichter des Mittelstandes. In dem soeben erschienenen Jahresbericht der Handelskammer zu Essen werden wieder einige interessante Angaben über die geschäftliche Ent⸗ wicklung des Krupp'schen Riesenunternehmens gemacht. Wir geben daraus einige lehrreiche Zahlen wieder: ö i Zu den Werken der Firma Fried. Krupp gehören zur Zeit: die Gußstahlfabrik in Essen mit einem Schießplatz in Meppen; das Kruppsche Stahlwerk in Annen i. W.; das Grusonwerk in Buckau bei Magdeburg; die Germaniawerft in Kiel; vier Hochofengaulagen bei Duisburg, Neuwied, Engers und Rheinhausen, eine Hütte bei Sayn mit Maschinenfabrik und Eisengießerei; drei Kohlenzechen, nämlich Zeche Hannover, Zeche Hannibal und Zeche Sälzer und Neuack; eine große Anzahl von Eisensteingruben in Deutschland, darunter 10 Tiefbauanlagen mit vollständiger maschineller Einrichtung; außerdem ist die Firma Fried. Krupp an Eisensteingruben bei Bilbao in Nord⸗Spanien beteiligt; eine Rhederei in Rotterdam mit Seedampfern. Die hauptsächlichsten Erzeugnisse der Guß⸗ stahlfabrik in Essen sind Geschütze(bis 1. Jan. 1902 39876 Stück geliefert), Geschosse, Zünder und Zündungen, Gewehrläufe, Panzer in Form von gewalzten Blechen und Panzer für alle eschützten Teile der Kriegsschiffe sowie für Fortiftkationszwecke, Eisenbahnmaterial, Schiffs⸗ baumaterial, Maschinenteile jeder Art, Stahl⸗ und Eisenbleche, Walzen, Werkzeugstahl, Hart⸗ stahl, Spezialstahle, Stahlknüppel und andres. Auf der Gußstahlfabrik waren im Jahre 1901 in den etwa 60 Betrieben in Tätigkeit ca. 5300 Werkzeug- und Arbeitsmaschinen, 22 Walzenstraßen, 141 Dampfhämmer von 100 bis 50000 kg Fallgewicht, 53 hydraulische Pressen, darunter zwei Biegepressen zu 7000 t,*) 1 Schmiedepresse zu 5000 b und eine zu 2000 t Druckkraft, 323 stehende Dampfkessel, 513 Dampf⸗ maschiuen von 2 bis 2500 Ps mit zusammen 43848 PS, 369 Elektromotoren, 591 Krane ) 1 Tonne 20 Centner. . 1 3 von 400 bis 150000 kg Tragfähigkeit mit zu⸗ sammen 6 327 900 kg Tragfähigkeit. Auf den Hüttenwerken wurden im Jahre 1902 im Durchschnitt täglich zusammen 1782 t Eisenerz aus eigenen Gruben verhüttet. Die Kohlenförderung aus den eigenen Zechen betrug im Jahre 1902 insgesamt 1643 576 t. Der Gesamtverbrauch der Kruppschen Werke, soweit sie von der Gußstahlfabrik ver⸗ sorgt wurden, betrug 1902 an Kohlen 843 494k t, an Koks 369 201 t, an Brikett) 6630 t. Der jährliche Gesamtverbrauch an Wasser erreichte annähernd den Wasserverbrauch der Stadt Köln. Das Gaswerk der Gußstahlfabrik nimmt seiner Produktion nach die neunte Stelle unter den Gasanstalten des deutschen Reiches ein. Das Elektrizitätswerk leistete im Jahre 1902 7004939 Kilowattstunden, soviel wie eines in einer Großstadt. Zur Vermittlung des Verkehrs auf der Gußstahlfabrik in Essen dienen unter anderem ein normalspuriges Eisenbahnnetz mit direktem Gleisanschluß an die Stationen der Staatsbahn Essen, Hauptbahnhof, Essen Nord und Berge⸗ borbeck(der Verkehr mit diesen drei Stationen geschieht zur Zeit durch täglich etwa 50 Züge) mit etwa 65 km Gleise, 16 Tenderlokomotiven und 14 Wagen; ferner ein schmalspuriges Eisenbahnnetz mit etwa 48 km Gleise, 27 Loko⸗ motiven und 1209 Wagen. Das Telegraphen⸗ netz der Gußstahlfabrik in Essen enthält 31 Stationen. Der telegraphische Verkehr zwischen dem kaiserlichen Telegraphenamt in Essen und der Fabrik belief sich im Jahre 1902 auf 22585 abgegebene und angekommene Depeschen. Die gesamte Jahresleistung der Firma an Verstcherungs⸗ und Kassenbeiträgen und Mea betrug im Jahre 1901 3065 704 ark. Nach der Aufnahme vom 1. April 1903 betrug die Gesamtzahl der auf den Krupp⸗ schen Werken beschäftigten Personen, einschließlich 4046 Beamten, 41013. Wir meinen diese Zahlen sprechen ganze Bände. Die einzige selbständige Existenz Krupps ist durch die Abhängigkeit von über 40 000 anderer Menschen erkauft. Zahllose Mittel⸗ standsexistenzen könnten von dem existieren, was Krupp jetzt allein schafft. Aber wäre es richtig, nunmehr die Zer⸗ schlagung derartiger Riesenbetriebe in zehn⸗ tausende von Zwergbetrieben zu verlangen? Derartigen Unsinn lehnt die Sozialdemokratie ab. Die moderne industrielle und technische Entwicklung war nur möglich auf dem Wege der ökonomischen Konzentration. Aber eben⸗ falls lehnt die Sozialdemokratie es ab, für wirtschaftliche Revolutionen, deren Wirkung sie erst ist, verantwortlich gemacht zu werden. Nun ist die Firma Krupp in eine Aktien⸗ gesellschaft umgewandelt; ihre Jahresabschlüsse müssen also in Zukunft veröffentlicht werden und so der Oeffentlichkeit weiteren Einblick in das Unternehmen geben. Man wird also den nächsten Jahresbericht mit noch größerm In⸗ teresse entgegensehen dürfen. Bei dieser Gelegenheit sei auf den Bericht der Offenbacher Handelskammer verwiesen, der es als eine„Gesundung der Verhältnisse“ bezeichnet, wenn kapitalkräftige Unternehmungen die kleineren ausschalten, also den„Mittelstand“ aufsaugen. Trotzdem wird die Redensart von der „Vernichtung des Mittelstandes durch die Sozialdemokratie“ weiterhin mit Vorliebe von nationalliberalen Mittelstandsrettern gegen uns 19 werden. Die Leute können nicht anders. Papst Leo XIII. ist am Montag Nachmittag endlich dem Tode anheimgefallen, nachdem die Zeitungen sich schon seit Wochen seine Auflösung als unmittelbar bevorstehend telegraphieren und schreiben ließen. Nach hartnäckigem Kampfe mußte der 94⸗ jährige Mann dem Sensenmanne nachgeben. Alle Zeitungen brachten zum Tode des Oberhauptes der katholischen Kirche lange Ab- handlungen, in welchem die 25 jährige Politik Leos besprochen wird, seine Erfolge und seine Mißerfolge aufgezählt werden. Daß Leo XIII. ein bedeutender Mensch gewesen, kann nicht geleugnet werden. Eb enso erkennen wir, entschiedene Gegner der von ihm vertretenen Lebensanschauung, gerne an, daß er ein sittlich reiner, von der Wahrheit der Idee, die er verkörperte, völlig durch⸗ drungener Mann war. Er wurde zur Leitung der katholischen Kirche zu einer Zeit berufen, da diese sich in keiner günstigen Lage befand. In Frankreich war der Versuch der Restauration des katholischen Königsreichs gescheitert, in Deutschland tobte der Kulturkampf, die neue Weltanschauung des Sozialismus drang mehr und mehr auch in katholischen Gegenden vor. Es ist ihm gelungen, die Idee des Katholizismus nicht nur zu erhalten, nein auch zu stärken, dadurch, daß er, seine Zeit kennend, einen Tropfen demokratischen Oeles dieser Idee hin⸗ zufügte. Unser Zentralorgan sagt am Schlusse eines längeren Artikels:„Leos XIII. Erfolge und Mißerfolge beruhen gleichermaßen darauf, daß er es verstand, sich mit den Mächtigen der Welt zu verstehen, sich mit den Unmäch⸗ tigen aber in immer tieferen Gegensatz zu setzen. Leos XIII. Enzykliken über die soziale Frage zeigen ihn stets als eifrigen Schutzhort der bestehenden Staats- und Gesell⸗ schaftsordnung, als Gegner der sozialen Fortentwicklung. Selbst gegen die belgi⸗ schen und französischen Bischöfe, welche im Namen des Christentums gegen den einseitigen Kapitalismus zu Felde zogen, richtete sich der Zorn dieses Stellvertreters Petri, dieses Ober⸗ hauptes der katholischen Christenheit. 5 Ein Personenwechsel auf dem Stuhle Petri ist den Völkern, die an der Hand der Wissen⸗ schaftsforschung nach Selbständigkeit und Geistes⸗ freiheit verlangen, eine Angelegenheit gerin— gerer Bedeutung.“ Gleich nach dem Tode des Papstes über⸗ nahm der Kardinalkämmerer Oreg lia die Leitung der Geschäfte. Er begab sich bald nach dem Tode, von Schweizer- und Nobel⸗ garden geleitet, mit dem Vizekämmerer der geistlichen apostolischen Kammer im veilchen⸗ blauen Trauerornat in die Sterbegemächer zur Feststellung des Todes des Papstes, die um 4 Uhr 30 Minuten erfolgte. Nach dem vor⸗ geschriebenen Zeremoniell trat der Kardinal an die verschlossene Pforte des Sterbezimmers 821* 7 2 77 8 a e— Seite 2. .——.———— Mitteldeutsche Sonntags⸗ Zeitung. Nr. 30. und rief unter tiefem Schweigen der Anwesenden dreimal laut den Namen des Papstes. Er öffnete sodann die Tür, trat, von dem ganzen Gefolge begleitet, an das Bett heran und klopfte mit einem silbernen Hämmerchen dreimal auf die Stirn des Toten, nachdem er ihn laut beim Namen gerufen hatte, während alle An⸗ wesenden niederknieten. Sodann verkündete der Kardinal den Versammelten, daß Papst Leo XIII. gestorben sei und verließ, von den Geistlichen begleitet, das Gemach. Leo XIII. wurde 1810 geboren, hieß vor seiner Wahl Gioacchino Pecci(spr. Pektschi) und stammt aus altem Adelsgeschlecht. Im Jesuitenkolleg in Viterbo erzogen, erhielt er 1832 den theologischen Doktorgrad, wurde 1837 päpstlicher Hausprälat, 1843 Nuntius in Brüssel, 1846 Erzbischof von Perugia, 1853 Kardinal. Er folgte Pius IX. 1878 als Papst. 1893 beging Leo mit großem Pomp sein 50jähriges Bischofsjublläum, in diesem Jahre das in der Geschichte der Päpste seltene 25 jährige Papst⸗ jubiläum. Politische Rundschau. Gießen, 23. Juli. Gegnerisches Lob der Sozialdemokratie. Wenn es die Gegner oder ihre Presse ein⸗ mal über sich gewinnen, die Tätigkeit unserer Partei anerkennend zu beurteilen, so schlagen wir das nicht allzu hoch an, wie wir uns auch wenig aus den viel zahlreicheren Schimpfereien machen, mit denen sie uns bedenken. Immerhin ist beachtenswert, wie die liberalen„Münch. Neuest. Nachr.“ den Liberalen die Sozialdemo⸗ kraten als Muster vorführen: Die größte Beachtung verdient aber die Energie, mit der die sozialdemokratischen Führer alle ihre An⸗ hänger zu disziplinieren und zu regelmäßigen Gel d⸗ beiträgen heranzuziehen wußten. Sozialdemokratische Versammlungen werden fortwährend veranstaltet, wissen⸗ schaftlich gebildete und redegewandte Agitatoren arbeiten nicht nur, um die Volksmassen, sondern auch die heran⸗ reifende Jugend für ihre Ideale zu begeistern, und es ist nicht zu leugnen, daß viele Sozialdemo⸗ kraten ihre Lehren glänzend verteidigen, und daß nicht nur Ungebildete vor ihnen die Segel streichen, sondern daß sie auch mit Gebildeten erfolgreich zu debattieren verstehen. Es muß zugegeben werden, daß durch den Eifer der sozial⸗ demokratischen Führer und ihrer Presse der politische Bildungsgrad der Arbeitermassen sich gehoben hat. Der Liberalismus kann von den Sozialdemokraten manches lernen; namentlich muß er sich an der Energie, der Opferwilligkeit und dem intensiven Vorwärtsstreben, dem Propagandamachen dieser Partei ein Beispiel nehmen, denn namentlich dadurch hat sie ihre Ausbreitung erlangt. Solche Urteile über die Sozialdemokratie und ihren kulturfördernden Einfluß kann man ja jetzt nach den Wahlen von Gegnern ver⸗ schiedenster Schattierungen hören. Vor den Wahlen aber pflegten diese ehrenwerten liberalen Organe, ganz wie das übrige Reptiliengezücht der Kreis⸗ und Amtsblätter, unsere Partei und ihre Führer in der gemeinsten Weise anzupöbeln. Immerhin kann man sich für später obiges Zitat aus dem liberalen Blatte aufbewahren. Reichstagsabgeordneter Richard Rösicke, der Vertreter für Dessau, ist in Berlin plötz⸗ lich an einem Schlaganfall gestor ben. Rösicke war einer der wenigen bürgerlichen Politiker, welche für die Gleichberechtigung der Arbeiter eintreten. Er war ein guter Kenner der sozial⸗ politischen Gesetzgebung und sorgte, soviel er konnte, für deren Ausbau. Als großer Unter⸗ nehmer und reicher Mann war er gewissermaßen das Gegenteil des verstorbenen Stumm, wollte von Scharfmacherei nichts wissen, sondern wandte sich jederzeit mit Entschiedenheit gegen alle gegen die Arbeiter gerichteten reaktionären Maßnahmen und Ausnahmegesetze. Der Verstorbene erwies sich auch in rein menschlichen Dingen als ein vorurteilsfreier und edler Charakter. Er zählte zu den wenigen aus den bürgerlichen Kreisen, die unserem Liebknecht das letzte Geleite gaben. Die Sozialdemokratie wird deshalb das An⸗ denken dieses tüchtigen Mannes dauernd in Ehren halten. Durch den Tod Rösickes wird im Wahlkreise Dessau⸗Zerbst eine Neuwahl erforderlich. Am 16. Juni d. J. erhielt Rösicke 11416 Stimmen, der nationalliberale Kandidat 5704 Stimmen, unser Parteigenosse Käppler 12 268 Stimmen. In der Stichwahl siegte Rösicke mit 16 211 gegen 12919 sozialdemokratische Stimmen.— Für die Kapitalisten Millionengewinne — für die Arbeiter Entbehrung und Krankheit, das ist das Ergebnis der heutigen Ordnung der Dinge. Das zeigt sich wieder bei der Wurmkrankheit der Bergleute, die nach dem Bochumer„Volksblatt“ einen immer hart⸗ näckigeren Charakter annimmt. Das einzige Mittel zur Abtreibung der Schmarotzer, die großen schwarzen Pillen, deren stärkster Teil von einem Farrnkraut gewonnen wird, versagt in vielen Fällen. Es gibt Kranke, die schon an vierzig solcher Pillen genommen haben, wovon manchmal einige genügen, um den Bandwurm abzutreiben, und doch werden sie ihre Würmer nicht los. Bergleute, die nach der ersten Kur für wurmfrei und arbeitsfähig erklärt wurden, mußten schon nach 14 Tagen als wurmbehaftet wieder das Krankenhaus aufsuchen; sie sind heute den Wurm noch nicht los. Die durch das Abtreibungsmittel künstlich hervorgerufene Diarrhoe bringt die Kranken furchtbar herunter und benimmt ihnen den Appetit zum Essen. Sie sind schließlich ge⸗ zwungen, die Kur auszusetzen, wenn sie sich nicht ganz zugrunde richten wollen. Was bleibt den Armen aber nun übrig? Solange sie wurmbehaftet sind, haben sie keine Aussicht, wieder in irgend ein Arbeitsverhältnis treten zu können. Der Krankenschein läuft in späte⸗ stens einem halben Jahre ab und dann müssen die Leute schließlich um Pensionierung nachsuchen. Wie sich die zum Teil noch im jugendlichen oder besten Mannesalter stehenden Leute mit ihrer kümmerlichen Pension durchschlagen, da⸗ nach fragt dann kein Mensch. Ein Teil solcher Erkrankten ist überhaupt nicht pensionsberechtigt. — Und woher kommt diese scheußliche Krank- heit? Sie wurde durch ausländische, besonders russische Arbeiter eingeschleppt, welche das Unternehmertum herbeigezogen hat, um den einheimischen Arbeitern Konkurrenz zu schaffen und die Löhne zu drücken.— Jetzt kann die Wurmseuche auch noch die übrige Bevölkerung ergreifen. Der Bergarbeiterverband warnt die Arbeiter⸗ schaft im Ruhrkohlenrevier Arbeit zu nehmen, nachdem bekannt wurde, daß Zechenagenten unter Versprechung hoher Löhne sie dorthin zu locken suchen. Die Verhältnisse für die Berg⸗ leute haben sich in den letzten Jahren ver⸗ schlechtert. Der Pommernbank⸗Prozeß ist zu allgemeiner Ueberraschung vertagt worden, nachdem er fast ein Vierteljahr gedauert hat, und die Hauptangeklagten Romeick und Schultz sind aus der Haft entlassen worden. Der Strafantrag lautete gegen den Angeklagten Schultz auf 6Jahre Gefängnis, 6 Jahre Ehrverlust und 50 000 Mk. Geldstrafe, gegen Romeick auf 5 Jahre Gefängnis, 5 Jahre Ehrverlust und 30000 Mk. Geldstrafe. Die Akten wurden der Staatsanwaltschaft übergeben, damit diese über verschiedene Fragen Erhebungen anstelle.— Mit andern Worten: Die Bank⸗ gauner haben den Schwindel so raffiniert an⸗ bk daß sich selbst das Gericht nicht zurecht⸗ ndet. „Geheime Wahl“ in Zentrumskreisen. Wie auch in den Gegenden, wo das Zentrum, die Partei für„Wahrheit, Freiheit und Recht“ das Heft in der Hand hat, Wahlbeeinflussung und Wahlkontrolle in ganz unverschämter Weise geübt wird, darüber plaudert das Pader⸗— borner Zentrumsblatt selbst höchst verdächtige Dinge aus. Es erzählt aus einem katholischen Dorfe des Dortmunder Wahlkreises: „In der hiesigen Gemeinde, wo in den ersten zwei Stunden fast sämtliche Polen an die Urne kamen, achtete man eigens darauf, wie — in dieser Zeit gewählt war. Die Kouverts, die nach der Reihenfolge der Wähler aufeinandergelegt waren, wurden nach Schluß der Wahl vom Wahlvorsteher zu⸗ sammen aus der Urne genommen und um⸗ gekehrt, so daß fast nur Polen⸗Kouverts nach oben kamen. Und was kam heraus? Bömel⸗ burg, Bömelburg, Bömelburg, Bömelburg und immer noch ein Bömelburg; der polnische Kandidat bekam nur knapp den fünften Teil der von den Polen abgegebenen Stimmen.“ Das Organ„für Wahrheit und Recht“ sagt kein Wort dazu, daß„man“ sich durch diese Manipulation höchst straffällig gemacht hat. Die Zentrumsparade soll vom 23. bis 27. August in Köln abge⸗ halten werden. Diese Veranstaltung, die offiziell als„Generalversammlung der Katholiken Deutschlands“ bezeichnet wird, soll der Parteitag der Zentrumspartei sein, entspricht natürlich nicht dem, was wir unter Parteitag verstehen, sondern die Zentrumsführer halten einige schöne Reden und schicken dann ihre Schäfchen wieder nach Hause. Der Majestätsbeleidigungsprozeß gegen den Redakteur Peters von der„Dres⸗ dener Rundschau“ hat mit der Verurteilung des Angeklagten zu vier Monaten Gefäng⸗ nis geendet. Wir haben in der vorigen Nr. die Vorgeschichte dieses Prozesses dargelegt; er unterscheidet sich darin von der großen Zahl der Majestätsbeleidigungsprozesse, daß er auf Wunsch des Königs selbst, dessen Entscheidung der Angeklagte angerufen hatte, eingeleitet wurde. Die Anklage lautet auf Majestätsbeleidigung und Beleidigung der Prinzessin Mathilde, die Peters durch die Artikel:„Wie man's treibt, so geht's“ und„Das Märchen von der Prin⸗ zessin, die nicht beten konnte“, begangen haben soll und wegen deren unbegreiflicherweise die „Rundschau“ konfisziert wurde. Die Verhand⸗ lung fand trotz des Widerspruchs des Ver⸗ teidigers unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt. Wie bei dem vom König ausgesprochenen Wunsche vorauszusehen war, erfolgte die Ver⸗ urteilung zu der oben angegebenen Strafe. Soldatenschinderei und kein Ende! Am Morgen des 25. Februar d. J., während des Unterrichts, wurde der Musketier Wadle der 10. Kompagnie des Inf.⸗Regiments Nr. 70 in Saarbrücken durch den Serganten Opitz, der bereits 11 Jahre diente, schwer mißhandelt. Der Mann war Abends vorher nach Zapfen⸗ streich zur Kaserne gekommen; Sergeant Opitz befahl dem Rekruten sich 25 mal zur Erde zu legen, dann noch 100 mal; hierauf mußte er in Kniebeuge 10 Minuten lang stehen. Als er zu zittern anfing, versetzte ihm Opitz einen Fußtritt in die linke Brustseite, zog das Seiten⸗ gewehr und drohte den Mißhandelten zu erstechen, wenn er nicht weiter in der Kniebeuge verbleibe. Der Musketier fiel ohnmächtig zur Erde und wurde dann ins Lazarett gebracht, wo er sich erst wieder erholte. Wegen dieser dreiviertel Stunde dauernden Quälereien wurde der Sergeant O. zu 6 Monaten Gefängnis verur⸗ teilt. Gegen den Hauptmann der betr. Kompagnie wurde ein Ermittlungs⸗Verfahren eingeleitet, welches ergab, daß an dem betreffen⸗ den Morgen der Feldwebel Fleck mit der Oberaufsicht bei der Instruktionsstunde an Stelle eines Offiziers betraut war. Fleck hatte acht Stuben zu beaufsichtigen, will aber von der andauernden Mißhandlung des Wadle nichts wahrgenommen haben. Er war deshalb ange⸗ klagt, die ihm obliegende Beauffichtigung seiner Untergebenen in schuldhafter Weise verabsäumt zu haben. Das Kriegsgericht der 16. Division hatte den Angeklagten freigesprochen; gegen dieses Urteil erhob der Gerichtsherr Berufung. Das Oberkriegsgericht in Koblenz verwarf in seiner Sitzung vom 16. d. M. diese Berufung und erkannte gleichfalls auf Freisprechung. — Wenn so die Vorgesetzten immer Frei⸗ sprechung erlangen, werden niemals die Schin⸗ dereien aufhören. 1 a Ine es Ing ag. Nr. 15 ahl auf ung de. ing eee eee eee e Nr. 30. Mitteldeutsche Sountags⸗geitung. Seite 3. 8 g Ausland. um das allgemeine Wahlrecht haben unsere Parteigenossen in Oesterreich den Kampf nachdrücklich aufgenommen. Für diesen Sonntag ist eine Riesenversammlung in Wien unter freiem Himmel einberufen. In den Flugzetteln, in denen zum Besuch der Ver⸗ sammlung aufgefordert wird, heißt es:„Ar⸗ beiter! Parteigenossen! Erscheint massenhaft zu dieser Versammlung und bekundet, daß Ihr das Privilegienparlament satt habet und wisset, daß das allgemeine und direkte Wahlrecht mehr als je eine wahre Volks⸗ und Staats notwendigkeit geworden ist!“ Ein genossenschaftliches Hotel. Die sozialistische Konsumgenossenschaft von Ostende, dem belgischen Seebade, hat nunmehr das geplante Hotel eröffnet. Dasselbe enthält 35 Zimmer mit 62 Betten; die Küche ist zur Herstellung von Speisen für 300 Personen ein⸗ erichtet. Mit dem Hotel verbunden ist ein Cafe und auf der einen Seite des Parterre sind die Verkaufsläden der Konsumgenossenschaft untergebracht. Für sehr billigen Preis wird dort Wohnung und Pension gegeben. Das Hotel steht jedermann offen, aber Mitglieder der sozialistischen Partei, vor allem die Arbeiter, denen es nicht sehr oft vergönnt ist, sich den Aufenthalt in einem Seebad zu leisten, haben den Vorzug. Der Gasthof soll nicht den Charakter einer Herberge bekommen, aber nach der Saison steht das Haus den zahlreichen Arbeitern, die um diese Zeit gewöhnlich zu den notwendigen Hafenarbeiten herangezogen werden, zu ganz mäßigen Preisen zur Verfügung. Königliche Schandtaten. Ueber den ermordeten Alexander von Serbien hat der frühere Ministerpräsident Georgewitsch in der„Zukunft“ Enthüllungen veröffentlicht, worin dem Alexander und der Draga eine ganze Reihe verbrecherischer Handlungen nach⸗ gesagt werden. Unter Anderem hätte Alexander als braver Sohn einen Mörder gedungen, um sei⸗ nen Vater Milan zu ermorden! Wenn nur die Hälfte von dem wahr ist, was der Minister⸗ präsident erzählt, dann waren die Minister er⸗ bärmliche Feiglinge, weil sie den Idioten auf dem Throne gewähren ließen. Ueber das Militärstrafgesetzbuch schreibt Genosse R. Kraft, bekanntlich ein früherer Offizier, Folgendes: a Zu den„Zier den“ der gar nicht großartigen deutschen Gesetzgebungskunst e das deutsche Militärstrafgesetzbuch. Am 3. April 1845 für die preußische Armee erlassen, wurde dieses in den Zeiten der heiligen Allianz und der Dema⸗ gogenhetzen ausgeheckte Gesetzesmonstrum 1871 der ganzen deutschen Armee aufgehalst, zu deren Mißkreditierung es so viel beigetragen hat und noch beiträgt. In ihm kommt der Fundamental⸗ satz des preußischen Armeesystems: der Vor- gesetzte ist alles, der Untergebene nichts, auf das Schärfste zum Ausdruck. Wie dieses Gesetz die Untergebenen„hschützt“, zeigen die 88 122 und 123 zur Genüge. Der gewöhnliche Soldatenschinder, der sich mit Maulschellen, Püffen, Gewehrpumpenlassen be⸗ gnügt, kann mit einer Woche Arrest davon⸗ kommen, der militärische Folterknecht der nächsten Instanz, der bereits schwere Körper⸗ verletzungen verübt, kann mit nur 6 Monaten Gefängnis oder Festungshaft bestraft werden und die Könige der Soldatenschinder, die ihre Opfer töten, können in„minder schweren Fällen“ sogar mit 1 Jahr Gefängnis oder Festungshaft durchschlüpfen. Man muß also froh sein, daß Hüssener 2 Jahre Festungshaft bekam, denn dieses ist immer noch um 1 Jahr mehr als des Mindestmaß. 5 Was ist nun das Mindestmaß für tätlich es Vergreifen an eiuem Vorges etzten? Hier ist zu Unterscheiden, ob der Untergebene vom Vor⸗ gesetzten durch Mißhandlungen ꝛe. gereizt wurde oder nicht. Ist ersteres der Fall, so ist die Mindeststrafe 6 Monate Gefängnis oder Festungshaft. Somit wiegt ein leichter Schlag, den ein Untergebener gegen einen ihn Prügelnden führt, genau so schwer, wie eine schwere Körperverletzung, die ein Vorge⸗ setzter einem Untergebenen aulügt. Wir wollen hier sofort mit einem Beleg aus der Praxis aufwarten. Am 16. April d. J. hatte sich vor dem Breslauer Kriegsgericht der Musketier Roy zu verantworten, weil er dem Unteroffizier Bleul, der ihm ins Gesicht schlug, bei der Abwehr der Hiebe einen Schlag versetzt hatte. Dafür wurde der Musketier zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt, während der Unter⸗ offizier, der ihn auch noch zu Boden geworfen und mit den Füßen gestoßen hatte, mit nur zwei Monaten Gefängnis davonkam. Uebrigens ist noch zu bemerken, daß das Mindestmaß von 6 Monaten nur dann zulässig ist, wenn der Untergebene sich„auf der Stelle“, also noch während der ihm zu teil gewordenen Schindereien zu einer Tätlichkeit hinreißen läßt. Ist der Untergebene weder durch Mißhandlungen noch durch vorschriftswidrige Behandlung gereizt worden, so erhält er für tätliches Vergreifen an einem Vorgesetzten mindestens 1 Jahr Gefängnis oder Festungshaft, wenn die Tätlich⸗ keit außer Dienst begangen wurde. Wir sehen also weiter, daß der leiseste Schlag, den ein Soldat einem Unteroffizier, z. B. im Gast⸗ haus gibt, ebenso schwer wiegt, wie ein an einem Untergebenen begangener Totschlag! In der Praxis ist, wie die Fälle Hüssener und Messerschmidt bewiesen haben, die Sache sogar so, daß ein Faustschlag, den ein betrunkener Untergebener einem Vorgesetzten auf die Schulter versetzt, doppelt so streng bestraft wird, wie ein an einem Untergebenen ausgeführter Totschlag! Ferner bestimmt das Militärstrafgesetzbuch, daß eine an einem Vorgesetzten verübte Tät⸗ lichkeit, die im Dienst oder vor versammelter Mannschaft oder mit einer Waffe oder einem gefährlichen Werkzeug geschieht, mit mindestens 2 Jahren Gefängnis oder Festungshaft zu be⸗ strafen ist. Somit fällt der leiseste Schlag, den ein Soldat int Rausche einem Unteroffizier mit dem Säbel gibt, nach dem Mltlitärstraf⸗ gesetzbuch doppelt so schwer in die Wagschale, wie an einem Untergebenen begangener Totschlag. Sehr interessant sind im Militärgesetzbuch auch die Aufruhrparagraphen. Wenn nämlich mehrere sich zusammenrotten und mit vereinten Kräften es unternehmen, deu Vorge⸗ setzten den Gehorsam zu verweigern, sich ihm zu widersetzen oder eine Tätlichkeit gegen ihn zu begehen, so wird jeder der Teilnehmer wegen militärischen Aufruhrs mit Gefängnis nicht unter 5 Jahren bestraft. Diejenigen Auf⸗ rührer, die eine Gewalttätigkeit gegen den Vor⸗ gesetzten begehen, sind zu Zuchthaus nicht unter 5 Jahren zu verurteilen. Es kann sogar auf lebenslängliche Zuchthausstrafe erkannt werden. Welche Urteile diese Paragraphen er⸗ möglichen, dafür führt Kraft das Beispiel der Dragoner Daniel und Menne in Halle an, die, weil sie im Rausche dem Befehl des Unter⸗ offiziers nicht nachkamen, der eine zu 5 ½, der andere beinahe zu 6 Jahren Gefängnis verurteilt wurden. Herr Hüssener aber durfte für 2 Jahre Festung einen Untergebenen von rückwärts erdolchen! 6 und 7 Jahre Zuchthaus erhielten die Musketier Bindemann und der Matrose Bries, weil sie ebenfalls in der Trunkenheit mit zwei Unteroffizieren eine Keilerei ange⸗ fangen hatten, bei der aber noch keiner der beiden Unterofftziere verletzt worden war. Schließlich erinnert Kraft an den niedlichsten Paragraphen des Militärstrafgesetzbuches, der bestimmt, daß eine strafbare Handlung, die im Zustande teilweiser oder gänzlicher Unzurech⸗ nungsfähigkeit begangen wurde, so zu beurteilen ist, als wenn ihr Verüber im Momente der Tat bei Sinnen gewesen wäre. So etwas ist der reinste Hohn auf die gesunde Vernunft, auf jede Gerechtigkeit, aber es ist charakteristisch für den aus dem Jahre 1845 stammenden militärischen Strafkodex und das preußische Militärsystem. Und für ein solches System soll die größte politische Partei Deutschlands, die für die Humanität kämpft, Millionen über Millionen bewilligen! Ein solches Verlangen ist einfach lächerlich. Will man, daß die Sozialdemokratie sich ändere, so muß vor allem der deutsche „Kulturstaat“ sich ändern.— Entwicklung der Sozialdemokratie in Oberhessen und den angrenzenden Bezirken. Nachdem wir in der letzten Nummer die Wahlergebnisse der Kreise Gießen und Fried⸗ berg vorgeführt haben, wollen wir uns heute zunächst dasjenigen des Alsfelder Kreises ansehen. Wablkreis Alsfeld⸗Lauterbach. N * NCͤnnn!pp! ꝙ!: 8— S 5 0 S 8 2 1871 459 3800) 1874 1361 8143 172 ↄ 1877 2110 770 298 30 1878 2502 5624—„„ 1881 2648— 3844 281 188 sii e 188, 998 1890— 3304 3369 362— 5000— Stichw.—— 3726—— 3906— 1893 539 3655 1734 282 604 3811— Stichw.— 5814( 189d 1298 809 87 S—— 5222 3932 1908— 5623— 495 1132 5406— Stichw.— 3120-—— 6900— * Liberale Vereinigung. Bei der Wahl von 1871 ging der Graf zu Solms-Laubach als Gewählter aus der Wahlurne hervor, der sich der„Liberalen Reichspartei“ anschloß. Für diese Partei wurden die 4759 und 1361 Stimmen im Jahre 1871 bezw. 1874 abgegeben, die in unserer Tabelle in die Rubrik der Konservativen aufgenommen sind. Von 1874 bis 1887 war der Kreis fast ununterbrochen im Besitze der National⸗ liberalen, nur 1881 siegte der Kandidat der „Liberalen Vereinigung“, Rechtsanwalt Lüders. Doch bei jeder Wahl gabs einen andern Ab⸗ geordneten; von 1874 wurden der Reihenfolge nach gewählt: Prof. Oncken, Rentner Wad⸗ sack, Prof. Dr. Gareis, 1884 und 1887 Rentner Kalle— alles Nationalliberale. 1890 fiel der Kreis den Antisemiten Zimmermann zu, der 1893 wiedergewählt wurde, aber ab⸗ zugleich lehnte, weil er in Dresden⸗A. gewählt war. In der Nachwahl, die wir in der Tabelle nicht aufgeführt haben, siegte der Maler Binde⸗ wald iu der Stichwahl mit 6314 Stimmen gegen den Nationalliberalen, der 5338 erhielt. Unsere Partei nahm erst vor 10 Jahren diesen Kreis in Angriff; doch stieg unsere Stimmen⸗ zahl beständig, wir brachten es bei der letzten Wahl auf 1132 Stimmen, trotzdem, wie wir schon früher bemerkten, von unserer Seite nur sehr wenig Agitation entfaltet werden konnte. Für die Sozialdemokratie bietet dieser Kreis ein ganz ergiebiges Feld, das bei gehöriger Beackerung gute Erfolge verspricht. Aufgabe unserer Genossen wird sein, sich sogleich mit allem Eifer der notwendigen Arbeit hinzugeben! Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung. Der Lohnkampf im Kölner Bau⸗ gewerbe ist beendet. Am Dienstag fanden erneute Verhandlungen zwischen dem Maurer⸗ verband und der Unternehmerorganisation statt, an denen auch der Hauptvorsitzende des Maurer⸗ verbandes Bömelburg teilnahm. Es kam zu der Vereinbarung eines Arbeitsvertrages, der bis 1906 dauert, also zu einer vollständigen Einigung. Nach denselben sind die Löhne der einzelnen Branchen festgesetzt. Die Versamm⸗ lungen stimmten den Abmachungen zu. Eine Kommission, bestehend aus je neun Arbeitern und Arbeitgebern, wird eingesetzt, welche über etwa entstehende Differenzen zu befinden hat. Neues Arbeitersekretariat. Die Gewerkschaften in Düsseldorf beabstchtigen LLL 1 1 1 1 14 74 NE 41 1 8 1 ....... —— — — e F ——— —— eee —————————— —————— f — 5——— Seite 4. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 30. die Errichtung eines gemeinschaftlichen Arbeiter⸗ sekretariats, das den weitgehendsten Anforde⸗ rungen entsprechen soll. 8 Das Streikpostenstehen hat wieder einmal ein Gericht und zwar das sächsische Oberlandesgericht für strafbar erklärt, weil es möglicherweise eine Störung der öffentlichen Ordnung herbeiführen könne. Diese Entscheidung bedeutet wiederum einen Rechtsbruch, durch welchen den Arbeitern das Recht geschmälert wird. Unsere Genossen werden das Urteil im Reichstage in nähere Beleuchtung rücken. Eine internationale Gewerk⸗ schafts-Konferenz fand am 7. Juli in Dublin(Irland) statt. Anwesend waren die Vertreter der einzelnen gewerkschaftlichen Landeszentralen aus Deutschland, Oesterreich, Frankreich, Italien, England, Dänemark, Nor⸗ wegen und Holland.— Beschlossen wurde, daß dem internationalen Gewerkschafts⸗ Sekretariat, das in Deutschland seinen Sitz hat, alljährlich Berichte über die Fortschritte der Gewerkschaftsbewegung in den einzelnen Ländern zugesandt werden sollen. Diese Berichte sollen dann den Gewerkschaften aller Länder zur allgemeinen Kenntnis gebracht werden.— Ferner wurden Vereinbarungen getroffen über Streikunterstützung in den Fällen, wo die ausländischen Gewerkschaften zur Unter⸗ stützung in Anspruch genommen werden.— Als internationaler Sekretär wurde Legien ge⸗ wählt.— Nach einem weiteren Beschlusse sollen die Konferenzen alle 2 Jahre stattfinden.— Die Konferenz wurde in einem Sitzungssaale des Dubliner Rathauses abgehalten und die Delegierten hatten während ihres Aufenthaltes in Dublin freie Fahrt auf den städtischen Eisenbahnen. Pon Nah und Fern. Gießener Angelegenheiten. — Der Feind im Hause! Uns wird geschrieben: Jetzt nach der Wahl betreibt die Geschäftspresse vom Schlage der„unpar⸗ teiischen“, General-Anzeiger von Frankfurt, Wetzlar ꝛc., nicht minder auch der„Gieß. Anz.“, die Jagd nach Abonnenten unter ben Arbeitern. Jetzt kommen wieder die Schmeichelartikelchen über Arbeiterangelegenheiten, welche die bei der Wahl gegen die Arbeiter und ihre politische Vertretung verübten Schmutzereien vergessen machen sollen. 5 Jahre sind lang; in dieser Zeit kann man hübsch die Arbeitergroschen gebrauchen; gibts wieder Wahl, so schimpft man für die„Liberalen“ gegen die Sozial⸗ demokratie; nach der Wahl hält man die Roten dann wieder für dumm genug, dem Gegner die Waffen zu schärfen. Parteigenossen! Setzt das Reinemachen herzhaft fort, unterstützt nicht mit Eurem Gelde jene Zeitungen, die mit öffentlicher Meinung wie mit alten Hosen handeln. Brauchen wir denn wirklich diese volksvergiftenden„unpar⸗ tetischen“ Geschäftshuber? Wem die„Mittel⸗ deutsche Sonntags-Zeitung“ zu wenig Lesestoff bietet, der halte die Frankfurter Volksstimme, das Offenbacher Abend— blatt, die Mainzer Volkszeitung oder den Vorwärts ꝛc. Hier findet Ihr gute, geistige Kost, hier werden Eure Interessen vertreten und gefördert, hier hört Ihr die Wahrheit— nicht eingewickelt in geschäftliche Rücksichten—, hier wird geschrieben„was ist“ und nicht vor jedem roten Hosenstreifen zusam⸗ mengeknickt. Nur ganz dumme Schafe beschaffen das Futter für die Schäferhunde, deshalb nochmals Parteigenossen: Werft die Generalanzeiger-Gesellschaft aus dem Hause! — Die Frete Turnerschaft Gießen hatte am Sonntag einen Ausflug nach Wieseck unternommen, wo sich in dem hübschen und geräumigen Garten des„Gambrinus“ bald eine große Anzahl von Mitgliedern und Freunden des Vereins eingefunden hatten, daß zu Zeiten kaum noch ein Plätzchen im Garten zu haben war. Der Ausflug war als Ersatz für ein Fest gedacht, das die Turnerschaft abhalten wollte, wozu man aber keinen passenden Platz Recht beifällig wurden die bekommen konnte. von den Turnern vorgeführten Uebungen auf⸗ genommen; man muß auch die Leistungen an⸗ erkennen, wenn mau in Betracht zieht, daß der Verein erst kurze Zeit besteht. In einer kleinen Ansprache betonte Red. Vetters, daß es für den Arbeiter sehr angebracht sei, sich in Arbeiterturnvereinen zusammenzu⸗ schließen um die Turnerei zu pflegen, der von alters her bei allen Völkern Aufmerksamkeit geschenkt worden sei. Heute müsse der Arbeiter mehr als früher auf die Ausbildung seines Körpers bedacht sein, weil die heutige Arbeits⸗ weise den Körper nachteilig beeinflußt. Früher pflegten die Turner und ihre Ver⸗ eine freiheitliche Gestnnungen, im Jahre 1848 und vorher kämpften sie gegen Unterdrückung und Tyrannei. Das trifft heute aber nur noch auf die Arbeiterturner zu; die„nationalen“, im„Deutschen Turnerbund“ vereinigten da⸗ gegen schwimmen im Fahrwasser der arbeiter⸗ feindlichen„Ordnungsleute“. Aufgabe der Turner unter den Arbeitern müsse daher sein, sich den Arbeiterturnvereinen anzuschließen, die sich daun wieder dem Arbeiter⸗Turnverbande anschließen müßten. Zum Schluß brachte Redner ein Hoch auf das fernere Gedeihen der Freien Turnerschaft Gießen aus. Im Uebrigen verlief die Unterhaltung aufs Beste.— Hinzu⸗ gefügt sei noch, daß das Kreisamt die merkwürdige Verfügung erlassen hatte, daß nur Mitglieder der Freien Turner⸗ schaft Zutritt haben sollten. Unsere Genossen im Landtage werden sich wohl gelegentlich er⸗ 5 was für Gründe hierfür vorgelegen aben. Hoffentlich war die Aufforderung zur Grün⸗ dung von Arbeiterturnvereinen bei den Wiesecker Turnern nicht vergeblich, deren Verein vom Deutschen Turnerbunde aus⸗ geschlossen wurde. Und warum? Weil er bei dem vorjährigen Feste des Wahl vereins mit im Zuge ging! Wäre das wohl passiert, wenn der Verein sich an einem national⸗ liberalen Festzuge beteiligt hätte? Daran kann man so recht das Wesen des angeblich „unpolitischen“ Deutschen Turnerbundes er⸗ kennen, dessen jetziger 2. Vorsitzender, Dr. Götz in Leipzig früher höchst„vaterlandslosen“ Tendenzen huldigte, denen er noch kurz vor 1870 in Gedichten Ausdruck gab. Nach dem 66er Kriege verfaßte er zum Beispiel ein Lied⸗ chen, das nach der„Loreley“-Melodie geht und in dem folgende Strophe vorkommt: Der Krieg hat im Lande gewütet, Manch' prächtige Frucht brach er ab, Manch' Sohn, den die Mutter gehütet, Sank früher als nötig in's Grab, Macht's anders und werdet gescheidter Und gebt Euch zum Krieg nicht mehr her, Denn fehlen zum Krieg erst die Streiter, So streiten die Fürsten nicht mehr! — Streikbrecher. Bekanntlich befinden sich die Schreiner in Kassel seit mehreren Wochen im Lohnkampfe. Die dortigen Unter⸗ nehmer suchen deshalb vielfach ihre Arbeit außerhalb herstellen zu lassen. Dem Vorstand der Zahlstelle Gießen des Holzarbeiter-Ver⸗ bandes war es bekannt geworden, daß in der Schreinerei von Müller, Schillerstraße, ein großer Posten Türen für Kassel in Arbeit be⸗ griffen ist und unterrichtete die dort arbeitenden Schreiner davon. Leider weigerte sich nur ein Teil derselben, die Arbeit fertig zu stellen, die übrigen hielten es traurigerweise nicht für ehrlos, ihren schwer kämpfenden Kollegen in Kassel in den Rücken zu fallen. — Arbeiter⸗Sängerfest in Dieburg. Der Vorstand des Arbeiter⸗Sängerbundes für den Rhein⸗ und Maingau versandte kürzlich sein zweites Rund⸗ schreiben, in welchem darauf hingewiesen wird, daß aus Anlaß der Reichstagswahlen das Fest, welches zum 21. Juni projektiert war, verschoben wurde und nun⸗ mehr am 8. 9. und 10. August d. J. in dem herrlich gelegenen großen Schloßgarten zu Dieburg stattfindet. Aus dem beigefügten Programm entnehmen wir, daß dieses Fest als großes Sänger⸗ und Volksfest geplant ist. Neben einem Konkurrenzsingen unter sämtlichen Bundesvereinen, zirka 80, welches Vormittags in ver⸗ schiedenen größeren Sälen sowie in der Festhalle statt⸗ findet, kommen Nachmittags Massenchöre in Gruppen von je 4—600 Sängern zum Vortrag. Auch für sonstige Unterhaltung(Abends Feuerwerk und bengalische Beleuchtung des Festplatzes) ist reichlich Sorge getragen. Der Bundes⸗Vorstand gibt der Ueberzeugung Ausdruck, daß sich sämtliche Acbeiterkorporationen des Bezirks (Partei, Gewerkschaft, Turn⸗ und Radfahrvereine) daran beteiligen. Für genügende Extrazüge wird Sorge ge⸗ tragen. Anfragen sind zu richten an den Vorsitzenden des Bundes, G. Fladung, Hausen bei Frankfurt a. M. Aus dem Rreise gießen. d. Ein Kriegerfest fand am Sonntag in Wieseck statt. In dem bei dieser Gelegenheit veranstalteten Festzuge sah man merkwürdigerweise verschiedene Leute mitmarschieren, die sich als Parteigenossen bezeichnen. Es ist möglich, daß diese sich ihren Bekannten ꝛc. zu Gefallen, an den Veranstaltungen des Kriegervereins beteiligten, vielleicht aus den gleichen Gründen Mitglieder desselben sind. Da muß notwendigerweise darauf hin⸗ gewiesen werden, daß nicht nur der Kriegervereins⸗ leitung unsere Genossen als Festgäste unwillkommen find, sondern daß auch bei den Wahlen von den angeblich „unpolieischen“ Kriegervereinen eine Hetze ohnegleichen gegen die Arbeiterpartei betrieben wurde. Wenn nun auch alle Hetzerei und Gesinnungsschnüffelei in den meisten Fällen versagte, so muß sich doch jeder denkende Arbeiter darüber klar sein, daß er es bei den Krieger⸗ vereinen mit arbeiterfeindlichen Vereinigungen zu tun hat. r. Opfer der Arbeit. Auf dem Güterbahnhof in Lollar ereignete sich am Mittwoch ein schwerer Unglücksfall. Mehrere Arbeiter der Main⸗Weser⸗ Hütte waren mit dem Aufladen eines ca. 12 Zentner schweren Heizkörpers beschäftigt, als der Transport- wagen plötzlich ins Rollen geriet. Das schwere Eisen⸗ stück stürzte auf drei Arbeiter, die fürchterlich ver⸗ letzt wurden. Dem einen davon, einem Familien vater, wurde der Brustkorb eingedrückt und der Kopf entsetzlich verstümmelt. Er wurde nach der Klinik gebracht, doch dürfte er kaum mit dem Leben davon kommen. Die Verletzungen der anderen beiden sind weniger schwer, doch so, daß auch sie als Invaliden zu betrachten sind. — Das Verladen geschah nach Feierabend und da wird erfahrungsgemäß nicht mit der bei solchen Ar⸗ beiten nötigen Sorgfalt verfahren, weil die Leute gerne nach Hause wollen. Das Ueberstundenwesen ist auf der Main⸗Weser⸗Hütte, wie uns schon öfter mitgeteilt wurde, in der bedenklichsten Weise eingerissen. Sonntags wird gearbeitet in Werkstellen, wo es nicht unbedingt nötig wäre und während sonst für die Sonntagsarbeit ein Aufschlag bezahlt wurde, gibt's jetzt nur den ge⸗ wöhnlichen Stundenlohn.— Wir kommen auf diese Zustände noch zurück. Aus dem Rreise Friedherg⸗Püdingen. * Friedberg. Der Voranschlag der Stadt Friedberg zeigt eine Gesamt⸗Einnahme von 435 6607 Mk., darunter Umlagen 176 500 Mark, aufzunehmende Kapitalien 114 240 Mk., Erträge aus dem Gas- und Wasserwerk 37600 Mark. Bei den Ausgaben betragen die Summen für Schulen 33075 Mk., Er⸗ bauung von Straßen, Brücken usw. 50 350 Mark, Ankauf von Grundstücken 35 500 Mk., Beiträge zur Kreiskasse 33700 Mark usw.— L Ueber nationalliberale Ge⸗ sinnungsriecherei und Unterdrückungswut schrieb man unserem Frankfurter Parteiblatte aus Büdes heim, wo der notleidende Agrarier Graf Oriola gebietet, dieser Tage Folgendes: Trotzdem die Wahl nun schon einige Zeit vorüber ist, gährt es bei uns noch mächtig. Den Grafen mit seinem Anhang, vor allem einigen dicken Bauern, wurmt es noch immer, daß es 54 Wähler aus dem Orte wagten, für den Sozialdemokraten zu stimmen, wie das Gräflein in seiner Freibierrede sich ausdrückte. Wie es mit dem warmen Herzen für die Arbeiter aussieht, wo⸗ mit sich der Graf bei der Agitation so brüstete, können einzelne Arbeiter schon jetzt, kurz nach der Wahl, sehen. So der Milchfuhrmann des Pächters Draut, welcher die Volksstimme aus Frankfurt mitbrachte und dadurch einen kleinen Nebenverdienst hatte. Jetzt wurde ihm dieses durch den Grafen verboten. Wie unrecht der Graf dadurch handelt, weiß er ganz genau, denn er wußte von dem Botendienst schon vor der Wahl, verbot ihn aber erst nach der Wahl, weil er fürchtete, daß es sonst gegen ihn ausgenutzt werden würde. Auch die Bauern tun alles, um die Arbeiter ihre„Sünde“ büßen zu lassen. So beschlossen sie, daß in Zukunft kein Unkraut zum Füttern der Ziegen auf den Aeckern geholt werdern darf. Eigige, die sich ganz besonders hervortun wollten, verlangten sogar die Abschaffung der Ortsbürgerrechte, welche den ärmeren Einwohnern zugute 1 kommen, u. A. das Lesen von dürrem Holz im Gemeinde⸗ wald, was jedoch nicht so leicht gehen dürfte. Dann sind noch einige Geschäftsleute, die nicht genug auf die Arbeiter schimpfen können, aber ruhig deren Geld ein⸗ stecken. Das Heitere dabei ist, daß diejenigen Arbeiter, die den Grafen gewählt haben, genau über denselben — .————ñ———+˖%—ß⅛Ü['˖?s ¶— gen. tut, Jutz an ge. nden M. isec teten ute nen. „ d ein jeher hin ung find, blich ichen nun den lende eger⸗ hat. hof beter eser⸗ itner port⸗ ien ber⸗ let, glich doch Die wer, sind. d da Ar⸗ gerne f der urde, tags dingt arbeit u ge⸗ diese ——— — rrr——.— 1 — Nr. 30. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung Seite 3. Kamm geschoren werden, wie die anderen, ja viele von ihnen leiden noch viel mehr unter obigen Beschlüssen. r. Wie man„zu etwas kommt“. Bei der Feldbereinigung in Schwalheim waren Steine übrig geblieben, die friedlich bei dem sogenannten Sauerbrunnen lagerten. Sie er⸗ weckten das Interesse eines als nationalliberale Ordnungsstütze bekannten Schwalheimer Ein⸗ wohners, der sie zu seinem Neubau lecht gut brauchen konnte. Er machte kurzen Prozeß, fuhr mit Knecht und Wagen los, lud die Steine auf, deren jeder einen Wert von zirka 2.50 Mk. repräsentiert und verleibte sie einfach seinem Eigentum ein, vergaß aber nicht, die Zeichen daraus zu entfernen.— Auf die Art kann man es allerdings schneller zu etwas bringen als durch„Fleiß und Sparsamkeit“, wie die schönen Redensarten immer lauten. Ob den Mann niemand über seine Verwechse⸗ lung der Begriffe von Mein und Dein aufklärt? Aus dem Rreise Wetzlar. h. Wenigstens eiwas. In der letzten Sitzung der Stadtverordneten lag ein Antrag des Aerztevereins vor, die Kosten für die Leichenschau auf die Stadtkasse zu übernehmen. Es wurde im Sinne dieses An⸗ trages beschlossen; es werden also künftighin Forderungen für Totenschau und den Toten⸗ schein an die Angehörigen der Verstorbenen nicht mehr gestellt werden. Was da beschlossen wurde, ist ja nicht von übermäßig großer Bedeutung; aber es ist ein kleiner Schritt in der Richtung nach unserer Forderung: Unent⸗ geltlichkeit der Totenbestattung. h. Klagende Antisemiten. Die teutschen „Reformer“ beklagen nicht blos den für sie ungünstigen Ausfall der Reichstagswahl im Wetzlarer Kreise, sie verklagen auch die Sünder, die ihnen in der Hitze des Wahlkampfes mal auf die Hühneraugen getreten haben. Das Kreisblatt berichtet über eine Gerichtsverhandlung in Ehringshausen:„Angeklagt wegen Hausfriedens⸗ bruch war erstens ein Handelsmann von Katzenfurt, welcher eine Versammlung der deutsch⸗sozialen Reform⸗ partei in Katzenfurt mehrmals störte und der Aufforde⸗ rung, das Lokal zu verlassen, keine Folge leistete. Durch das Zeugnis von Redakteur Reuther⸗Offenbach wurde der Angeklagte des Hausfriedensbruchs für schuldig Obs auch ihnen die Augen öffnen wird? erachtet und zu 3 Mk. Geldstrafe und in die nicht un⸗ bedeutenden Kosten verurteilt.— Auch im andern Falle, in einer Privatbeleid'gungsklage des Herrn Dr. Giese gegen einen Gastwirt in Niederlemp, wurde auf dieselbe Strafe erkannt. Der Beklagte hatte in seiner Wirtschaft behauptet, Dr. Giese hätte in Berlin eine Nudelfabrik und die Arbeiter müßten bei ihm arbeiten, daß das Blut unter den Nägel hervortrete ꝛe. Da nachgewiesen war, daß Dr. Giese noch niemals eine Fabrik hatte oder an einer beteiligt war, mußte auch hier die schon oben erwähnte Bestrafung erfolgen. Als Vertreter des Herrn Dr. Giese war Rechtsanwalt Dr. Hahn aus Berlin“.— Reine Bagatellen! Und solcher Lappalien wegen schleppt der durchgeplumste Doktor einen Berliner Rechtsanwalt daher! Ob die Antisemiten sich durch solche Klagereien neue Anhänger zuführen wollen? Wenn übrigens wegen jeder Schimpferei mit der die Antise⸗ miten andere Leute anzupöbeln gewohnt sind, geklagt würde, reichte ihr Partei- und Privatvermögen nicht zur Bezahlung der Geldstrafen und mancher von ihnen säße im Gefängnis. h. Vorsicht! Verschiedene Zeitungen wissen von Arbeitermangel in dem Ruhrkohlenrevier zu berichten. Die Bergarbeiter müssen gewarnt werden, sich dort etwa zur Arbeit anzubieten, denn erstens werden die Löhne stets herabgedrückt, den Arbeitern alle möglichen Ab⸗ züge gemacht und Strafen auferlegt, dann aber auch läuft jeder dort Arbeitende Gefahr von der schrecklichen Wurmseuche ergriffen und an seiner Gesundheit schwer geschädigt zu werden.(Wir verweisen auf den Artikel „Millionengewinne“ in der Pol. Rundschau. D. R.) h. Wildschaden. Aus verschiedenen Gegenden wird über bedeutenden durch Rotwild angerichteten Schaden berichtet, das in großen Heerden auf die Felder austrete. Ein Jagdpächter in Neu⸗Ludwigsdorf im Kreise Biedenkopf sah kürzlich ein Hirsch⸗Rudel von 36 Stück. Daß durch solche Heerden großer Schaden auf den Feldern angerichtet wird, ist erklärlich. Wie es aber mit dem Ersatz des Wildschadens aussieht, dafür haben wir in letzter Nr. ein Beispiel aus Krof⸗ dorf angeführt. Aus dem Nreise Marburg⸗Rirchhain. * Genosse Bader wendet sich in einer Zuschrift an den„Vorwärts“ gegen diesen wegen seiner Stellung⸗ nahme zur Marburger Stichwahl und erklärt, daß die Marburger Genossen mit ihrem Beschluß auf Stimmenenthaltung auch formell im Recht gewesen wären, weil sie sich auf den Beschluß des Münchener Parteitages stützten. Demgegenüber verteidigt der„Vor⸗ wärts“ seine Haltung und sagt, die Ereignisse nach dem Parteitag hätten eine andere Situation geschaffen. R. Das Gewerkschafsfest am Sonntag erfreute sich trotz des trüben Wetters eines recht zahlreichen Besuches. Zum ersten Male war ein Festzug arrangiert, der ebenfalls gute Beteiligung aufwies. Auf dem Festplatze herrschte heiterste Feststimmung, die auch durch einen inzwischen niedergegangenen„Nassauer“ nicht getrübt werden konnte. Für Unterhaltung war in jeder Hinsicht gesorgt; man vergaß auch die Kinder nicht, die reichlich beschenkt wurden. Die Kleinen erkennen diese Fürsorge sehr wohl an; sie erscheinen mit jedem Jahre zahlreicher auf unsern Festen und ihre Fröh⸗ lichkeit erweckt die hoffentlich nicht zu späte Reue manches Hagestolzen, deren es ja auch unter uns vereinzelte gibt.— Die Festrede des Genossen Dr. Michels, die mit großer Auf⸗ merksamkeit angehört und sehr beifällig aufge⸗ nommen wurde, schloß mit einem Hoch auf die Alrbeiterschaft, in das Alles begeistert einstimmte. Abends bewegte sich ein langer Fackelzug nach dem Restaurant Hildmann, wo man sich noch einige Stunden beim Tanz vergnügte. St. Konsumverein. Die dritte dies⸗ jährige orden liche Generalversammlung des hiesigen Konsumvereins, dessen Mitgliederzahl bereits auf über 240 gestiegen ist, findet am nächsten Montag, den 27. d. Mts., abends 9 ¼ Uhr im Lokale von D. Jesberg, Wehr⸗ daerweg 2, statt. In derselben wird zunächst der Geschäftsführer den Bericht über das zweite Quartal erstatten, worauf der Bericht des Aufsichtsrates folgen wird. Ferner sind ver⸗ schiedene Neuwahlen für statutengemäß aus⸗ scheidende Aufsichtsrats⸗ und Vorstandsmitglieder vorzunehmen. Ein aus Mitgliederkreisen ein⸗ gegangener Antrag auf 8 Uhr⸗Ladenschluß, der von einschneidender Bedeutung für den Verein ist, dürfte jedenfalls eine recht rege Aussprache über diesen wichtigen Punkt hervor⸗ rufen und einen zahlreichen Besuch der General⸗ versammlung sehr wünschenswert erscheinen lassen. Unter„Verschiedenes“ werden jedenfalls auch noch einige interessante Punkte zur Sprache kommen. Polizeispitzel⸗Ende. Im Untersuchungsgefängnis zu Heilbronn hat sich am 16. Juli der wegen Sittlichkeits⸗ verbrechen verhaftete Schreinermeister Waib⸗ linger erhängt. Dieser Mensch verrichtete während der Zeit des Sozialistengesetzes, als er noch in Stuttgart als Schreinergeselle ar⸗ beitete, neben seiner Berufsarbeit Polizeispitzel⸗ dienste und lieferte manchen Geuossen ans Messer, bis er durch des„Schicksals Tücke“ entlarvt wurde. Und das ging, wie unser Stuttgarter Parteiblatt berichtet, so zu. W. arbeitete auswärts, von wo er einen Geschäfts⸗ brief an seine Firma richtete, zugleich aber auch einen an die Stuttgarter Polizei. Er verwech⸗ selte nun, wie das sonst nur in Theaterstücken oder bei zerstreuten Professoren vorkommen mag, die Kouverts und so gelangte der Polizei⸗ brief in die Hände des Geschäftsführers der betreffenden Firma, während aus dem Geschäfts⸗ brief sich die löbliche Polizei ihren Part zur Sozialistenverfolgung entnehmen konnte. Die Geheimschrift mag ihr böses Kopfweh gemacht haben. Der Spitzelbrief gelangte natürlich zur Kenntnis der Parteigenossen, worauf die öffent⸗ liche Entlarvung des Puttkamer'schen Nicht⸗ gentleman— seligen Angedenkens— erfolgte. Moralisch defekt, hat er nun auf eine traurige Weise geendet in einer Zeit, wo die Partei, gegen die er den Judas gespielt hatte, eben die schönsten Triumphe feiern durfte. Uebrigens machte er schon im vorigen Jahre, als über sein Vermögen der Konkurs verhängt wurde, einen mißlungenen Selbstmordversuch. Ja, jede Schuld rächt sich auf Erden! Gottesgnadenmenschen. Mit der„Bildung“ des ermordeten Alexanders von Serbien muß es schlimm ausgesehen haben. Der russische Schriftsteller Korolenko erzählt, er habe im Jahre 1889 Jalta(Südrußland) besucht und dort auch mehr⸗ fach die Königin Natalie von Serbien mit ihrem Sohne Alexander gesehen. Bei einer Besichtigung der Ausgrabungen im alten Cher⸗ sones wurden die Touristen von einem Kloster⸗ bruder, der ihnen als Führer diente, gebeten, ihre Namen in das Fremdenbuch eintragen zu wollen. Als Korolenko in dem Buche blätterte, erblickte er plötzlich die Unterschrift„Natalie“. Dicht unter derselben aber stand in großen, von unbeholfener Kinderhand hingemalten Lettern zu lesen„Alaxandar“. Die ungefügen Buch⸗ staben, die merkwürdige Sympathie für den Buchstaben a— alles das verfehlte nicht, auf die Touristengesellschaft ihre erheiternde Wirkung auszuüben.„Zu jener Zeit“, so fährt Korolenko fort,„war Alexander 13 Jahre alt. Ein Knabe aus mittlerer kleinbürgerlicher Familie wäre bereits in der dritten Klasse des Gym⸗ nastums gewesen und hätte den ziemlich kompli⸗ zierten Kursus des Gymnasialunterrichts zu bewältigen gehabt. Der serbische Prinz hatte die neun Buchstaben, aus denen sein Name be⸗ stand, noch nicht fest inne.... Und das war im Jahre 1889. Vier Jahre später aber ver⸗ haftete Alexander die Regenten, erklärte sich für volljährig und übernahm die Herrschaft über ein ganzes Land mit Millionen von Ein⸗ wohnern, mit all ihren Bestrebungen, Ansichten, Beschäftigungen, Bedürfnissen und Interessen. In verschiedenen Artikeln, die dem Andenken des unglücklichen Königs gewidmet waren, lese ich nun, daß er eine„vorzügliche Bildung“ ge⸗ nossen habe. Es entsteht nun die interessante Frage: Was nennt man eine vorzügliche Bildung? Im Jahre 1889— schlechte Schreib⸗ kenntnisse, im Jahre 1893— ein Staatsstreich! Da blieb wohl für eine Vervollkommung der Bildung kaum viel Zeit übrig.— Es wird noch manche Gottesgnadenmenschen geben, deren all⸗ gemeine Bildung nicht viel besser ist, als die dem„Alaxandar“ eigen war und die trotzdem als hochgebildet und überaus klug und weise den gläubigen Völkern vorgeführt werden. . Kleine Mitteilungen. ** Verschwunden. Die Tochter eines Bauern in Wetterfeld bei Laubach, die Ende voriger Woche zur Arbeit auf das Feld gegangen war, kehrte nicht wieder zurück. Auf dem Acker fand man die Hacke, welche das Mädchen mitgenommen hatte. * Unglücksfälle. In Ettingshausen bei Lich stürzte der Wagner Schmidt beim Kirschenpflücken vom Baume und blieb bewußtlos liegen, Er erholte sich aber bald wieder. ** Bestrafter Halsabschneider. Das Leip⸗ ziger Schwurgericht verurteilte den Privatier Fried⸗ rich, den Besitzer vieler bedeutender Grundstücke und eines Vermögens von einer halben Million, wegen zwiefachen Meineids, schwerer Urkundenfälschung und versuchten Betrugs unter Versagung mildernder Umstände zu sechs Jahren Zuchthaus und zehn Jahren Ehrverlust. Der alte Geizhals war namentlich als Bedrücker von Handwerksmeistern bekannt. r Adliger Betrüger. Ein Edelster und Bester, der Freiherr v. Lerchenfeld jr., Sohn des bayrischen Kammerherrn v. Lerchenfeld, ist wegen Betrügereien verhaftet worden. Das internationale sozialistische Bureau tagte am Sonntag unter Anseeles Vorsitz in Brüssel. Aus Deutschland waren die Reichstagsabgeordneten Fischer und Pfannkuch anwesend. Man setzte die Tagesordnung für den nächsten internationalen Kongreß in Amsterdam fest; die hauptsächlichsten Punkte sind: der Generalstreik, die Kolonialpolitik, Politik und Ge⸗ werkschaften. Versammlungskalender. Samstag, den 25. Juli. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Dienstag, den 28. Juli. Lollar. Oeffentl. Metallarbeiterversamm⸗ lung. Abends 9 Uhr im Gasthaus zum Schwanen. Referent: Fritz Ehrler- Frankfurt. Briefkasteu. R.⸗Mbg. Den babylonischen Turmbau sehen wir uns in der nächsten Nummer an. 1 5 1 1 1 7 . 1 Mitteldentsche Sountass⸗Zeitung. — Nr. 30. * 8 Unterhaltungs-Ceil. 7 Der Wunderschrank. Vaterländische Erzählung von Ludwig Schierk. 1 In dem traulichen Raume des Schlafzimmers steht ein niedriger Eisenschrank. Fürsorgliche Hand hat ihm einen Platz angewiesen, der jene Sicherheit verspricht, ohne welche ein Be⸗ hältnis so kostbarer Art gar nicht gedacht werden kann: Dick und gedrückt wie ein Missetäter hinter dem Strauche, hockt er zwischen den blankpolierten Seitenflächen zweier reichverzierten Ehebetten, die an der Hauptwand dieses er⸗ habenen, teppichbelegten Gemaches aufgestellt sind. Die tiefen, gleichmäßigen Atemzüge eines alten Menschenpaares, das hier in den Armen des Schlummergottes die Mühseligkeiten des Daseins für einige Nachtstunden zu vergessen bemüht ist, umschweben ihn, und wirre, heisere Traumeslaute, die er ab und zu vernimmt, geben ihm Kunde von einer auch im Schlafe noch vorhandenen Gedankenarbeit, die unablässig darauf gerichtet scheint, seinen hohlen, gierigen Leib stets mit neuem Inhalte zu füllen. Nach altfrommer Sitte blickt aus schwer vergoldetem Rahmen das Bild des hohen Mannes, der durch sein Leiden die Menschheit zu erlösen gedachte, aber an dem verbrecherischen Vorsatze scheiterte, mit jener Menschheit auch die Armut erlösen zu wollen, auf die friedliche Gruppe. Eine Mordwaffe neuester Erfindung blitzt blank und drohend dem Eintretenden den Ent⸗ schluß der Schläfer entgegen, jeden Angriff auf das kleine eiserne Ungetüm in ihrer Mitte mit männlichem Mute abzuweisen. So birgt der behagliche Raum dieses Ge⸗ maches die Symbole der drei Hauptgottheiten unseres herrlichen Zeitalters: Der historisch geheiligten Humanität, die— zeitgemäß aus⸗ e— vor dem Kreuze Halt macht; der efruchtenden Flut des Geldes, aus den Adern der Welt in vier Eisenwände fürsorglich ein⸗ gefangen; der männlich ⸗soldatischen Gewalt, welche gleich dem Hammer Thors die seligen Gefilde Walhalls vor dem Einbruche zerstörender Mächte zu schützen hat. In solch treuer Hut schläft die besitzende Menschheit den Schlaf des Gerechten. Der Zauberschrank aber war das Herz dieses vor⸗ nehmen, deutschen Hauses. Aus seinen Kammern quoll Leben in das fernste Winkelchen desselben. Er speiste und nährte mit seinem Wundersafte die golddurchwirkten Tapeten der Wände, die schweren Teppiche der kostbaren Fußböden, die kunstvollen Möbel der vielen Zimmer, die feinen, schneeweißen Leinenschätze in den ehrwürdigen Spinden der Hausfrau. Er unterhielt Leben und Kraft in den gefällig knixenden Leibern der vielen Dienstleute, welche Treppe, Flur und Küche des schönen, weiten Hauses durch⸗ eilten; er sorgte für das körperliche Gedeihen der beiden Eheleute, welche an seiner Seite jede Nacht die wirren Laute des Traumes ausstießen; und er unterschied sich obendrein von dem zähen, kränklichen Muskel, den man das Menschenherz genannt hat, durch die wun⸗ dersame Eigenschaft, daß er stets gesund war und sich selbst ernährte. Ihm war auch ge⸗ wissermaßen das Dasein des blassen jungen Menschen zu danken, der dem alten Ehepaare vor Schlafenszeit mit kindlicher Demut die welken Hände küßte und von den Dienstleuten der junge Herr genannt wurde. „Die alten Leute, welche jede Nacht die wirren Laute des Traumes ausstießen, mußten dieses Kind sehr lieb haben; denn die teuersten Gegenstände trägt man auf oder unter dem Herzen, und das Bild des vornehmen deutschen Jünglings, der von den Dienstleuten der junge Herr genannt wurde, prangte über dem Eisen⸗ schranke, diesem Herzen des vornehmen deutschen auses. 5 Der außerordentlichen Vervollkommung, zu welcher das nationale Kunstgewerbe durch die Einwirkung des vaterländischen Kapitals in unserer undankbaren Gegenwart gelangt ist, ver⸗ dankte der Eisenschrank eine Einrichtung, die als ein beredtes Zeugnis der Alles durchdringen⸗ den frommen Sitte und Einfalt gelten konnte, von denen jene Gegenwart so sehr erfüllt wird: an seinem unteren Ende trug er einen Bet⸗ schemel in zierlichster Arbeit. Denn selbst die stärkere Hälfte des alten Paares, daß jede Nacht die wirren Laute des Traumes ausstieß, unterließ es auch in den weinschwersten Abend⸗ stunden niemals, sich für den erquickenden Genuß des Schlafes durch eines jener stimmungs⸗ vollen Gebete zu rüsten, welche von einer be⸗ sonderen, so überaus nützlichen Menschenklasse eigens zu dem Zwecke erfunden, die individuellen Beteuerungen und Ansprüche der Menschen in eine der Gottheit genehme, allgemeine Form zu bringen. Der Anblick des frommen Alten hatte in solchen Stunden etwas Erhabenes. Mit schwerem Körper, der unter der Last uns äglichen Leidens zu erliegen schien, ruhte er auf der soliden Stütze seines geliebten Schrankes und hob das begehrende Auge kummervoll zu dem Bilde des hohen Mannes, der die leidende Menschheit zu erlösen gedachte. Nie sah man Irdisches und Himmlisches so glücklich ver⸗ bunden; fast greifbar stiegen Gedanken und Begierden von der Macht, welche die Welt regiert, empor zu der göttlichen Gestalt, welche die Schätze der Welt so gering geachtet. Es war ein Augenblicksbild, das der trägen Feder spottet und den Maler fordert, der die Fähigkeit besitzt, die kunstsinnigen Besucher unserer vaterländischen Gallerien mit einem „betenden Geizhalz“ zu entzücken. Die kleine, klugblickende Frau, welche die schwächere Hälfte des alten Paares vorstellte, das jede Nacht die wirren Laute des Traumes ausstieß, verglich den geliebten Eisenschrank einem Bienenstocke; denn sie besaß eine überaus lehrhafte Natur und liebte es, zur Erklärung und Belebung ihrer vielfältigen Ermahnungen das Walten und Weben jener Klasse der Tier⸗ welt heranzuziehen, welche die hohe Kultur der arischen Menschheit durch den innigen Anschluß an Haus und Hof so sehr gefördert hat. Diese fürsorgliche, deutsche Hausfrau richtete jene Ermahnungen vorzüglich an die Dienstleute, welche Treppe, Flur und Küche des eleganten Hauses durcheilten. Sie wurde dabei von der so überaus wichtigen Erkenntnis geleitet, daß die Vorkommenheit und Erziehungsbedürftigkeit der Menschen in dem Grade zunimmt, als die Mittel ihres leiblichen Unterhaltes abnehmen. Wenn sie zu den weihevollen Stunden solcher Lehrtätigkeit im abendlichen Kreise ihrer er⸗ müdeten Mägde saß, strahlend von selbstgenüg⸗ samer Weisheit und durchdrungen von der Nützlichkeit und sozialen Bedeutung ihrer Existenz und ihrer Mitteilungen, glich sie einer vornehmen Gluckhenne, die— ihrer exotischen Abstammung einen Augenblick vergessend— sich plebejischen Küchlein zuwendet, dabei aber nicht unterläßt, die nährenden Würmer der Erde selbst zu ver⸗ speisen und jener gemeineren Brut den leiblichen Hunger mit moralischem Gegacker zu stillen. „Von den Tieren“— pflegte sie zu sagen —„hat der Mensch Alles gelernt, und wer die Tiere genau beobachtet, macht eine Schule der 1 durch, die durch nichts ersetzt werden ann!“ Zur weiteren Ausführung dieser nützlichen Gedanken machte sie gewöhnlich eine unschuldige Anleihe bei den Sätzen einer Sonntagspredigt, die der würdige Pfarrer des kleinen deutschen Städchens einst über den Zusammenhang der Tierwelt mit dem Leben der Menschen gehalten hatte; ein Vorwurf, der die Klugheit und ge⸗ schmeidige Vorsicht jenes biederen Seelenhirten in das beste Licht stellt, wenn man bedenkt, daß der beschwerliche und gefährliche Weg durch die erschreckenden Wahrheiten der Gegen⸗ wart mit Hilfe eines kleinen stimmungsvollen Spazierganges in das göttliche Reich der Natur so leicht vermieden werden kann. Die kleine, klugblickende Frau verstand es jedoch, ihren Ausfuhrungen eine solche Gestalt zu geben, daß sie sich besonders auf das elegante deutsche Sir zu beziehen schienen, dem sie seit dreißig Jahren vorstand;— ja sie wußte es so einzurichten, daß Jedermann glauben konnte, der würdige Pfarrer des reizenden Städtchens habe jene Predigt nur in Hinsicht ihrer Familien⸗ verhältnisse abgefaßt. f In dieser Richtung war sie ihrem frommen Gatten durchaus ebenbürtig: wie dieser die be⸗ fruchtende Flut des Geldes aus den Adern der Welt in den vier Wänden seines geliebten Eisenschrankes fürsorglich eingefangen hatte, so elang es ihr, den vorsichtig regulierten Rede; strom des würdigen Pfarrers in kleine Flaschen abzuziehen, die sie in dem moralischen Keller des eleganten Hauses sorgfältig verwahrte und aus denen sie der eee eee Diener⸗ schaft jenes Hauses gelegentlich etliche lehrreiche Tropfen kredenzte. Der Vergleich des Eisenschrankes mit einem Bienenstocke war aber ihre eigene Erfindung, vielleicht auch ihre u Erfindung. Aber diese einzige Erfindung war um so nützlicher und wichtiger, weil sie sich auf das einzige Kind dieser seltenen Frau beziehen sollte, auf den blassen, vornehmen Menschen, der von den Dienstleuten der junge Herr genannt wurde. „Mein Kind!“— sagte sie, wenn er vor Schlafenszeit ihre welken Hände mit seinem parfümirten Schnurbärtchen berührt hatte,— „mein Kind, was tun die Bienen vor Einbruch des Winters? Sie sammeln unablässig für jene Zeit der Ruhe und des Todes in der Natur. Kein Weg ist ihnen zu lang, keine Blüte zu entfernt. Der Gedanke an die junge Nachkommenschaft, die sich im Lenz ein eigen Heim gründen soll, treibt sie zu Arbeit und Anstrengung. Mein Kind, anch wir haben in unseren jungen Jahren keine Mühe gescheut. Kein Weg war uns zu lang, keine Arbeit zu schwer, um Dich sicher zu stellen für Dein künftig Leben. Wir haben gesammelt, mein Kind, wir haben gesammelt!“. 1 Der Leser hat ohne Zweifel bemerkt, mit welchem Fleiße die Sprecherin, die während ihrer Rede aufrecht im Bette zur rechten Seite des Wunderschrankes saß, die Sonntagspredigt besuchte, und darin den Einfluß wahrgenommen, den jene in unser urteilslosen Gegenwart so wenig gewürdigte Institution auf die Ent⸗ wicklung der Umgangssprache unserer bürger ⸗ lichen Gesellschaft täglich und stündlich ausübt. Aber der blasse, vornehme Mensch, der von den Dienstleuten des eleganten, deutschen Hauses der junge Herr genannt wurde, kannte diese Rede seit Jahr und Tag. Er ließ sie über sich ergehen wie die Fuhrleute den Herbstregen, den sie doch nicht bannen können. Und wie jene braven Leute der Landstraße bei solchem Ungemach fröhlich mit der Peitsche knallen und des wärmenden Trunkes in der Schenke gedenken, so stieg der ergriffene Jüngling nach jenem Ergusse mütterlicher Redekunst gemach die Treppe hinab, wobei er mit den Fingern schnippte und sich des Augenblickes freute, da er durch die Hintertüre des eleganten, deutschen Hauses ins Freie schleichen und seine Freunde im Hotel zur„Deutschen Warte“ aufsuchen werde. Aber um diese Zeit stieß das alte Paar bereits die wirren Laute des Traumes aus. Auch der Wunderschrank schien zu träumen. Er glaubte sich umschwärmt von den fleißigen Arbeitsbienen, die seinen hohlen, gierigen Leib gefüllt hatten. Aber diese Arbeitsbienen trugen blaue, flatternde Kittel und Holzpantoffeln und waren, nachdem sie ihre Schätze für fremde Hand und fremden Magen gesammelt hatte, durch den altersmüden Bienenzüchter, der sein Geschäft auflöste und sich auf seinen Eisenschrank zurück⸗ zog, in die vier Winde entlassen worden. (Fortsetzung folgt.) Parteifreunde! Werbt stets Euer Blatt, die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung neue Leser für en⸗ len bhe⸗ ern ten so ede. hen ler und Her. iche em 9 fo das lte, bol de. bor nem ruch für der keine unge igen Und n in heut. t zu Dein mein mit rend eite digt mel, rget⸗ übt. bon auses diese über gel, 9 wie dhe 1 und eulen, jene Die geln da el chen funde suchel Paat 15. Amel. fe 15 blale/ are 9 und 7 0 uc 71 1 110 ——— Nr. 30. Mittelbeutsche Sonntags ⸗ Zeitung. Seite 7 s Die Obstruktion der brandenburgischen Städte gegen die Lebensmittelzölle vor mehr als 400 Jahren. Von Collner. Nachdruck verboten.) Wenn man den Reden der Eiferer Glauben schenkt, so zeichnete sich die gute, alte Zeit vor der jetzigen nicht zum wenigsten dadurch aus, daß noch Zucht und ehrsame Sitte im Volke herrschten, und daß namentlich die Angehörigen der unteren Stände— im wohltuenden Gegen⸗ satze zu ihren entarteten Epigonen— alle ihnen von den Machthabern aufgelegten Lasten und Bürden— mochten sie auch noch so drückend und ungerecht sein— als von Gott gesandt, demutsvoll trugen. Eine ganz andere Anschauung gewinnt man freilich, wenn man in den Büchern der Geschichte blättert. Wir lesen da von Revolutionen mancherlei Art, von Entthronungen„ange⸗ stammter“ Herrscher, von Verfass ungsumstürzen, von Streiks und dergl. Dingen. Jetzt nach den Zollkämpfen, bei denen die Opposttion im Deutschen Reichstage vergebens bemühte, die Annahme des Wuchertarifs, der die notwendigsten Nahrungsmittel mit einem schier unmenschlichen Zoll belegen soll, zu verhindern, ist es interessant, daran zu erinnern, wie sich die brandenburgischen Städte am Ende des 15. Jahrhunderts einem Zoll auf Lebensmittel widersetzten, und wie sie, die Gefahr ganz richtig erkennend, welche darin lag, daß vas Prinzip der indirekten Besteuerung zu jener Zeit zum ersten Mal bei ihnen zur Anwendung gelangen sollte, in aller Form eine Obstruktion gegen die landesherrlichen Entschließungen trieben.— Es war im Jahre 1470. Der damalige Regent von Brandenburg, Kurfürst Friedrich II., fühlte sich müde und matt von den unaufhör⸗ lichen Kämpfen mit den pommerschen Herzögen, die überdies seine Schulden zu beträchtlicher Höhe hatten anwachsen lassen, und da sein einziger Sohn gestorben war, so beschloß er, seinem Bruder Albrecht, dem Fürsten von Ansbach und Bayreuth, der später den Zunamen „Achill“ erhielt, die Mark zu übertragen. Die Landstände, denen er diesen Entschluß mitteilte, waren damit einverstanden, und in einem am 2. April 1470 zu Stande gekommenen Vertrage übernahm Albrecht die Lande seines Bruders, gleichzeitig aber auch— dazu mußte er sich verpflichten— dessen Schulden. Branden- burg war damals— so äußerte sich der neue Kurfürst selbst—„ein groß schön Land“ mit etwa 400 Städten und Schlössern, aus dem sich, nach der Meinung Albrechts, nicht nur die 124000 Gulden, zu deren Tilgung er sich verpflichtet hatte, mit Leichtigkeit herausholen ließen, sondern das ihm auch zweifellos die Mittel an die Hand geben würde, seinen Haus⸗ halt noch prächtiger zu gestalten, als dies bisher schon der Fall war. Die Märker mochten ahnen, daß ihnen nichts Gutes bevorstehe, denn ihre Stimmung war eine etwas gedrückte, als der neue Herr mit seinem Sohne, dem Markgrafen Johann, von Berlin aus sich in die einzelnen Städte begab, um dort den Huldigungseid entgegenzunehmen. Auch erregte es in Salzwedel, einer damals augesehenen Stadt, in der auf dem Rathause ein glänzender Empfang bereitet wurde, pein⸗ liches Aufsehen, daß die Stadtdiener, welche, der Sitte gemäß, ein Geschenk an Hafer, Fischen, Bier und Hammeln überbrachten, kein Trinkgeld erhielten, und daß Albrecht die märkischen Ritter ruhig am Kamin stehen ließ, während er selbst mit seinem Gefolge sich an dem reichen Mahle gütlich tat, sodaß den Herren von Alvensleben, Schulenburg, Knesebeck, Jagon und anderen nichts weiter übrig blieb, als sich zu ärgern und sich spöttische Bemerkungen über die ver⸗ hungerten fruͤnkischen Ritter zuzuflüstern. Um zu beraten, wie die übernommenen Schulden am besten bezahlt werden könnten, berief nun der Kurfürst einen Herrentag nach Berlin. Während aber die Prälaten und Ritter auf diesem sich ohne Weiteres geneigt zeigten, eine Steuer auf Bier und Wein für die nächsten vier Jahre anzunehmen, waren die anwesenden Vertreter der Städte bene genug, sich vor⸗ erst zu erkundigen, wie hoch denn eigentlich der Betrag der zu tilgenden Summe sei; als sie nun hörten, es handle sich um über 100 000 Gulden, erklärten sie, zu einer solchen Bewilli⸗ gung seitens ihrer Mitbürger keine Vollmacht zu besitzen, und dem Kurfürsten blieb nichts weiter übrig, als die endgültige Beschlußfassung einer demnächst abzuhaltenden neuen Konferenz vorzubehalten.— Aber auf dieser kam man ebenfalls zu keinem Resultat, denn wenn man auch trotz der für damalige Verhältnisse außer⸗ ordentlich hohen Summe gegen deren Bezahlung nichts einzuwenden hatte, so doch wegen der neuen Art der indirekten Besteuerung, deren Erhebung der landesherrlichen Macht überall Zugang verschaffte, und die ja— ganz im Gegensatze zu dem bisher üblichen Mittel, außerordentliche Bedürfnisse im Wege einer direkten Grund⸗ und Einkommensteuer zu decken — unter Umständen den aufzubringenden Betrag weit übersteigen konnte. Es wurden nun fortgesetzt neue Versamm⸗ lungstage anberaumt, immer neue Entwürfe legte der Kurfürst den Vertretern der Städte vor, aber diese gingen, einmal mißtrauisch geworden, auf keinen ein,— einen erklärten sie sogar„gar listig behende gesetzt“, und trotz aller Erklärungen als Regenten, Kraft kaiser⸗ licher Privilegiums sei er befugt, Zölle zu erheben, deren Ertrag nur dazu dienen sollte, die Aufwendungen zu decken, die„zum Besten des Landes“ gemacht worden seien, und trotz aller Beteuerungen, er werde das Geld einzig und allein zu dem mitgeteilten Zwecke ver⸗ wenden, beharrte man bei der Weigerung. Nur zwei Städte, Stendal und Osterburg, gaben endlich nach, doch mag ihre Gebefreudig⸗ keit sie bald genug gereut haben, denn überall, wo sich ein Bürger dieser beiden Orte sehen ließ, wurden ihm beleidigende Bezeichnungen, besonders„Wendehoike“(d. h. Windmantel, Mantelträger) nachgerufen. Albrecht sann nun auf einen neuen Ausweg: Er machte den Vorschlag, Ritter und Prälaten sollten 42000, die Städter aber 58 000 Gulden übernehmen, indeß die letzteren meinten, dieser Betrag sei für sie zu hoch, und der Kurfürst setzte ihn weiter auf 50 000 Gulden herab, indem er erklärte, den Rest der Schuld wolle er auf seinen Teil nehmen. Auf dieser Grund⸗ lage kam endlich im Jahre 1472 eine Ver⸗ ständigung zu Wege; die Städte sollten das Recht haben, auf welche Weise ste wollten, das Geld aufzubringen, und der Kurfürst verpflichtete sich zum Dank dafür, auf die herkömmliche Lieferung des Geldes zur Aussteuer seiner Tochter Verzicht zu leisten und dem Lande keine weiteren Steuern aufzulegen.— (Fortsetzung folgt.) Humoristisches. Die inneren Organe. Wie bayrische Blätter aus Hof berichten, gab ein Gemeindediener, der nach Absolvierung eines Fleischbeschaukursus über die Be⸗ schaffenheit der Schlachttiere examiniert wurde, auf die Frage: Welches sind die in neren Organe? die klassische Antwort: Ich und der Herr Bürger⸗ meister! Schreckliche Drohung. Pantoffelheld: Karline, wenn du jetzt nicht gleich mit Prügeln aufhörst, reiße ich aus nach Rom und lasse mich zum Papst wählen! Nachher mußt du mir den Pantoffel küssen— verstanden? Serenissimus und das Gewitter.„Papa, verbiete doch diese elenden Gewitter.“—„Nein, mein Sohn, wenn es an der Zeit ist, werde ich schon mit starker Hand eingreifen.“ unangenehmes Versehen. Ein Buchdrucker⸗ fachblatt erzählt folgende recht amüsant zu lesende Ge⸗ schichte einer Verwechselung, die den Beteiligten allerdings recht wenig Vergnügen gemacht haben wird. In einem größeren Verlage erschlenen kürzlich zwei Broschüren, von denen die eine„Die Hygiene in der Familie“, die andere „Praktische Ratschläge über die Pflanzung von Küchen⸗ kräutersamen“ betitelt ist. Die erste Broschüre hat einen Arzt zum Autor, während die zweite von einem Samen⸗ händler verfaßt wurde. Die Ausstattung, wie Format, Papier und Schrift, war bei beiden Broschüren genau die gleiche. Der Druck ging in korrekter Weise vor sich und die Broschüren wurden einer Buchbinderei zur end⸗ giltigen Fertigstellung übergeben. Veranlaßt durch die gleiche Ausstattung stifteten aber die Falzerinnen Unheil an. Die jungen Ehepaare, die die ärztliche Broschüre kousultierten, lasen im letzten Absatz der Seite 48: „Junge Eheleute, hört die Ratschläge eines er⸗ fahrenen Praktikers: Wollen Sie hübsche und dabei gesunde Kinder besitzen, deren Lebenskraft ihnen ge⸗ stattet, die mannigfachen Kinderkrankheiten zu über⸗ stehen, so müssen Sie 2 Spannungsvoll kamen die Leser dann auf die 49. Seite und lasen: 55 nach gründlicher Vorarbeit im März säen, d. h. ein 50 Zentimeter großes Loch graben und dasselbe reichlich mit Dungstoffen belegen. In dieser Weise verfahren, wird die Pflanzung mehrere Jahre hindurch Erträgnisse liefern 4 Die Gartenliebhaber aber, die die Broschüre des Samenhändlers studierten, lasen im letzten Absatz auf Seite 48: „Man pflanzt die Knollen der Schwertlilie am besten in den Monaten März und April. Um eine successive Blüte zu erzielen, wird man 2 Die Fortsetzung auf Seite 49 oben lautete: „... sofort eine gute Amme engagieren und sich durch den Hausarzt versichern lassen, daß dieselbe zu nähren im Stande ist. Man wählt dieselbe am besten nicht zu jung. Die Mitte der zwanziger Jahre sind vorzuziehen. Auf die gute Körperkonstitution derselben ist zu achten.“ N Man wird begreifen, daß die ominösen Berichtigungen an den Verlag in Masse einliefen. Die unglücklichen Autoren erhielten eine ungezählte Menge von Gratis⸗ besprechungen ihrer Geistesprodukte, und zwar in ganz anderem Sinne, als sie erwartet hatten. Beide zusammen verlangen jetzt 20000 Mk. Schadenersatz von ihrem Verlage. . Geschichtskalender. 26. Juli. 1896: Internationaler Arbeiter⸗ Kongreß in London. 1844: Attentat des Bürgermeisters Tschech auf Friedrich Wilhelm IV. 27. 1900: Wilhelm II. Hunnenrede in Bremer⸗ haven. 1830: Julirevolution in Paris. 28. J. B. v. Schweitzer, Präsident des All⸗ gemeinen Deutschen Arbeiter⸗Vereins, T. 1804: Ludwig Feuerbach, Philosoph,“. 1794: Robespierre guillotiniert. 29. 1900: Attentat Bresci's auf König Umberto von Italien. 30. 1898: Bismarck in Friedrichsruh gestorben. 1878: Attentats⸗Reichstagswahl. 31. 1848: Max Dortu in Rastatt gestandrechtelt. 1. August. 1901: Glasarbeiter⸗Generalstreik. 1898: Turati, sozialistischer Deputierter wird vom Mailänder Kriegsgericht zu 15 Jahren Zuchthaus ver⸗ vrteilt. 1879: August Geib, sozialdem. Abg. in Hamburg, f. Lilterarisches. Der Neue Welt⸗Kalender für 1904 ist bereits wieder erschienen. Der diesjährige Jahrgang ist der 28. des beliebten Volkskalenders und weist, wie immer, gediegenen und reichhaltigen Inhalt auf. Außer den Kalendarien, Verzeichnis der Messen und Märkte, Angaben über Postwesen, Statistische Mitteilungen ent⸗ hält er u. a.: In der Zwickmühle. Erzählung von Robert Schweichel(mit Illustrationen).— Feuerberge und Erderschütterungen. Von Oswald Köhler(mit Illustrationen).— Geflügelzucht im Kleinen. Von Curt Grottewitz.— Die Bahnsteigsperre. Eine Klein⸗ stadtgeschichte von Emil Rosenow(mit Illustrationen). — Die Fußpflege. Von Dr. J. Zadek(mit Illustra⸗ tionen).— Hundert Jahre Polenpolitik. Von A. Conrady.— Talsperren und Stauwerke. Von A. G. (mit Illustrationen).— Vor dem Ausnahmegesetz. Von Fr. J. Erhart.— Raben. Skizze von Wilhelm Schmidt.— Unsere Todten(mit Portraits).— Ein gutes Geschäft. Humoreske von Lina Leidl.— Trächtigleits⸗ und Brütekalender.— Außerdem vier hübsche Kupferdruck⸗Bilder, sowie auch eine Menge Gedichte ernster und heiteren Inhalts. Der Preis beträgt wie immer 40 Pfg. S— Bernstein und das Sozialdemokratische Programm. Von Karl Kautsky. Eine Anti⸗ kritik. Preis brosch. 2 Mk. Wilhelm Liebknecht. Sein Leben nnd Wirken. Unter Benutzung ungedruckter Briefe und Aufzeichnungen. Herausgegeben von Kurt Eisner. Mit Porträts und Abbildungen. Preis 30 Pfa. Dic Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie. Von Ed. Bernstein. Preis brosch. 2 Mk. Das Erfurter Programm. Von Karl Kautsky. Preis brosch. 1.50 Mk., gebd. 2 Mk. 1 2 7 8 2 = Seite 8. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. No.. a 9 Millionen Obst und Cigarren Gemüse dauert Frankfurter ur noch einge Lage Inventur Ausverkauf fabelhaft billig zu verkaufen. 100 St. 5 Pf.⸗Cigarren nur M. 2,95 1 6„„ 3,20 „ 4,70 10 7 7 7* 6,15 Für Güte der Ware wird aus⸗ drücklich garantiert. 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