1 4 f 5 5 aber n bis zelne züte, den, und u 2 2 — — — — — — 8 — ———— ee 2 — —— eee eber ee. Nr. 17. Gießen, den 26 April 1903. 10. Jahrg. Nedaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Sonnt Mitteldeutsche Ags⸗Zeitunt RNedaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. ö Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unrer Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen D Juserate nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die ögespalt. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und[4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z. K. 5107)[33% è und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bei mindestens Weltfeiertag der Arbeit! Arbeiter, Parteigenossen! Mieder naht der 1. Mai heran, der Tag, an dem sich die Arbeiter aller Länder im Bewußt⸗ sein ihrer Zusammengehoͤrigkeit die Bruder⸗ hand reichen, um zu bekunden, daß sie unerschütterlich an dem großen Kultur- gedanken festhalten, der in der Maifeier zum Ausdruck kommt. Der 1. Mai ist die feierliche Kund⸗ gebung der Arbeiter aller Länder für internationalen Arbeiterschutz, der Massen⸗ protest der Arbeit gegen die Ausbeutung durch das Kapital und gegen die Aus⸗ hungerung durch Arbeitslosigkeit, gegen den Terrorismus der Kapitalsherrschaft, gegen den Uebermut der Bevorrechteten, gegen den Krieg in jeder Form— der 1. Mai ist die internationale Kundgebung des klassenbewußten Proletariats für den Frieden der Gesellschaft und für den Frieden der Völker! Arbeiter allerorts! Sorgt für eine allgemeine und würdige Maifeier! Hoch der erste Mai! 1.—————;——. ‚—‚—C—ð,rQW‚. Wider den Militarismus! Die junkerlichen Demagogen sind auf der Suche nach einer Wahl parole. Dieselben Leute, die eine der wichtigsten Grundlagen der Reichsverfassung, das allgemeine Wahlrecht, „auf diesem oder jenem Wege“ umstürzen möchten, wollen die Wahlparole:„Gegen den Umsturz!“ ausgeben, womit sie sämtliche bürger⸗ lichen Parteien gegen die Sozialdemokratie zufammen zu bringen hoffen. Die Angst und die Dummheit der freisinnigen und„liberalen“ Gruppen, die alle gegen die Sozialdemokratie in das große Nachtwächterhorn bliesen, hatte dies Bestreben sehr erleichtert, welches aller⸗ dings daran große Hindernisse fand, daß die wirtschaftlichen Interessen der bürgerlichen Parteien sich so vielfach kreuzen. Immerhin werden die entschiedenen Reaktionäre noch genug im Trüben fischen können. Das mag nun kommen wie es will; jeden⸗ falls hat die Wählermasse die Pflicht, bei all den Unntrieben und Winkelzügen der herrschen⸗ den Parteien fest im Auge zu behalten, was wirklich auf dem Spiele steht. Und da braucht es keine große Anstrengung, um zu erkennen, wohin gesteuert wird. Wohl wird der neue Reichstag sich zunächst mit den Handelsver⸗ trägen zu befassen haben. Sodann aber geht es mit vollen Segeln in die Huferlose“ Steigerung der Ausgaben, in die Borg⸗, Schulden⸗ und Defizitwirtschaft hinein, Denn daß eine neue, enorme Steige⸗ rung der Kriegsrüstungen angestrebt wird, ohne Rücksicht auf Geldmangel und Defizit, darüber kann kein Zweifel mehr estehen. Und diesmal soll offenbar ein ganz besonderer Anlauf genommen werden. Denn wenn man sonst vorsichtig ein Schritt um den andern vorging, so wird diesmal kein Hehl daraus gemacht, daß für alle Waffengattungen, zu Wasser und zu Lande, Neuforderungen bevorstehen. Zunächst soll die Auslandsflotte vermehrt werden. Die ostasiatischeg Interessen sind es, mit denen diese neue Forderung begründet wird. Kaum haben wir den famosen„Platz an der Sonne,“ der schon über 60 Millionen kostet, so steigen auch neue„ostasiatische Inte⸗ ressen“ auf. Der Hunnenzug ist noch in tiefem und frischem Andenken— sinnt man schon wieder auf ähnliche Abenteuer? Das kann ja noch recht nett werden, wenn jedes Jahr solch ein kleines Abenteuer kommt, bald in Asien, bald in Amerika. Vorläufig läßt man nur stolz die neuen Schiffe sehen, schließ⸗ lich wird aber einmal Ernst aus der ge⸗ fährlichen Spielerei und dann— nun, wir wollen nicht mit verantworten, was dann kommen kann und wird. Die Japaner vermehren ihre Flotte— also müssen wir die unserige auch vermehren. Wohin sind wir gekommen! Früher verlangte man nur Vermehrung der Streitkräfte, wenn die Fran⸗ zosen die ihrigen vermehrten. Jetzt haben wir schon den Wettlauf mit den Japanern! Was da noch für Wettläufe kommen werden! Dazu kommen die schönen Aussichten auf Vermehrung der Kavallerie. Die sachver⸗ ständigen Stimmen mehren sich, welche behaupten, die Zeit der Kavallerie für den Krieg sei vor⸗ über; die Hauptsache werde für sie in Zukunft der Aufklärungsdienst sein. Nun, uns scheint es darauf abgesehen zu sein, mit der Kavallerie den militärischen Aufzügen möglichst viel Glanz und Pomp zu verleihen. Die schönen Kavallerie⸗ Attacken im Frieden werden bewundert; im Kriege wird man andere Erfahrungen machen. Jedenfalls ist eine neue Vermehrung der Kavallerie mit enormen Kosten verbunden. Und die Infanterie soll auch vermehrt werden. Man spricht von den 7000 Mann, die seinerzeit das Zentrum so heldenmütig ge⸗ strichen, deren Bewilligung es sich aber vorbe⸗ halten hat. Und an der russtschen Grenze soll ein neues Armeekorps gebildet werden. So viel weiß man einstweilen; es kann aber noch mehr daraus werden. Und die Artillerie soll auch nicht leer ausgehen; die Probe mit den Schutzschilden für die Geschütze soll gemacht werden, obschon die militärischen Kreise sehr geteilter Meinung darüber sind. Die Offiziösen deuten nur an, und zwar etwas schüchtern. Das kennen wir. Es beweist, daß mehr verlangt wird, als man bis jetzt annehmen kann; die beteiligten Kreise wagen nur noch nicht ganz offen herauszurücken, da sie einen zu starken Rückschlag der öffentlichen Meinung befürchten. Man denkt mit Grauen daran, wenn der gefürchtete große 1 ausbrechen und die ganze bewaffnete Macht sich in Bewegung setzen sollte. Bezüglich der Möglichkeit einer geregelten Verpflegung so ungeheurer Massen sind schon sehr gegründete Bedenken aufgetaucht, ganz abgesehen davon, daß die übrige Bevölke⸗ rung ganz sicher einer noch kaum dagewesenen Not preisgegeben wäre. Der Unterhalt der Landarmee allein soll sich nach den Berechnungen von Militärs auf 25 Millionen Mark täglich belaufen, von den Kosten für die Schlachtflotte abgesehen. Wo dies Geld auf die Dauer herkommen soll, das dürfte auch den findigsten Geheimräten im Finanzdeparte ment vollkommen schleierhaft sein. Wir müssen offen gestehen, daß wir das Vorgehen der leitenden politischen Kreise nicht begreifen. Denn eine Regierung mag sonst sein, wie sie will— auf die Stimmung der Massen muß sie stets Rücksicht nehmen; die Zeit der stummen Sklaverei ist in allen Kulturländern längst vorüber. Man weiß doch, daß die tolle Steigerung der Ausgaben die Massen in Er⸗ regung bringt, weil sie neue Steuern zu fürchten haben. Und dennoch kündigt man die neuen Militärforderungen vor den Wahlen ganz offen an. Wenn ein Bismarck an der Spitze des Reiches stände, dann würden wir hinter diesem Vorgehen eines jener verwegenen und frivolen Experimente vermuten, an denen die staats⸗ männische Laufbahn dieses abenteuerlustigen Menschen so reich gewesen ist. Man denke nur an seine Experimente mit dem Sozialismus. Heute würden wir vermuten, er wolle absicht⸗ lich einen entschieden oppositionellen Reichstag zusammenbringen, mit dem sich nicht mehr regieren ließe. Dann müßte— nach seiner Meinung— der Zusammenstoß Militärstaat und Parlamentarismus, erfolgen. Der Reichstag verweigerte das Budget und Bismarck würde als„starker Mann“ auftreten und die so geschaffene„Zwangslage“ benutzen um den Reichstag und das allgemeine Wahlrecht„auf diesem oder jenem Wege“ zu beseitigen. Daß das ohne Weiteres so ginge, wird wohl Niemand behaupten wollen. Wir meinen auch nur, im Kopfe eines Bismarck könnte sich die Situation so verzerrt abspiegeln und könnten solche abenteuerliche Pläue entstehen, aber die leitenden Staatsmänner von heute haben ganz gewiß keine solchen Gedanken. Sie fassen die Sache„gemütlich“ auf und denken, die breiten Schultern Michels, die schon so ansehnlich bepackt sind, könnten auch noch mehr bepackt werden, wenn der Inhaber dieser Schultern auch ein wenig schimpft und brummt. Nun, der heftige Kampf um den Zoll⸗ tarif im Reichstage spiegelte die Volksstimm⸗ ung wieder in der„Obstruktion“, Man ist nicht so gleichgültig gegen Mehrbelastungen, wie in den„höheren Regionen“ geglaubt wird. Sehr leicht kann es sein, daß die Wahl⸗ bewegung die Staatsmänner, die nun mit solchen Militärforderungen kommen wollen, von ihrem Platze hinweggeschwemmt. Nicht die, aber eine Wahlparole ist jeden⸗ falls gegeben: Wider den eee 1 Die Wahlbewegung. Nationalliberale und Freisinnige haben im Kreise Alsfeld-Lauterbach einen gemeinsamen Kandidat in der Person des Kreis⸗ rats Dr. Wallau⸗Lauterbach aufgestellt. Bisheriger Vertreter für diesen Kreis war be⸗ kanntlich der Antisemit Bindewald der in 10 10 8 Hauptwahl ganze 2870 Stimmen erhielt. zwischen 1 6 — 3 * N 1 1 1 J 4 4 4 ——́n——ññ.— 1 N a e 8 Rr. r „„ ———— Seite 2. Mtteldentsche Sonntags⸗Zeituno. Im Wahlkreise Dillenburg⸗ Herborn (5. nass.) stellt der Bund der Landwirte eben⸗ falls einen Kandidaten auf und zwar den Guts⸗ besitzer v. Levetzow, den sie aus der Gegend von Lübeck hergeholt haben. Unser Kandidat in diesem Kreise ist August Bebel. * Aus dem Wahlkreis Limburg⸗Diez kommt die Mitteilung, daß der Bündlerkandidat Hatzmann verzichten werde. Die Bündler wollen mit den Nationalliberalen, die den Reut⸗ meister Buchsieb aufgestellt haben, zusammen gehen, während sie sich im Nachbarkreise Wetzlar wütend bekämpfen. Im Offenbacher Kreise haben die Zent⸗ rumsleute den Stadtrechner Uebel in Dieburg als ihren Kandidaten proklamiert. Bei dem Gedanken, daß man ihm zumutet, unsern Ge⸗ nossen Ulrich den Wahlkreis zu entreißen, dürfte es Herrn Uebel— übel werden. * In Mainz hat das Zentrum einen Dr. König, Oberpostrat in Berlin, aufgestellt. Die Mainzer Zentrümler erkoren diesen Mann deshalb als Kandidaten, weil er der Schwieger⸗ sohn einer Mainzer Dame ist. Das ist ja immerhin schon etwas; ob es aber den Mainzern genügt, um ihm das Reichstagsmandat zu übertragen, ist sehr zweifelhaft.— Als Anti⸗ semit kandidiert im Mainzer Kreise der hess. Landtagsabgeordnete Wolf von Stadecken. Für ihm wird in dem Kreise wenig zu holen sein, bei der letzten Wahl wurden nur 202 antisemitische Stimmen abgegeben. Uebrigens erklärt Wolf in den Blättern, daß er nicht Antisemit, sondern„parteilos“ sei. Merkwürdig, bisher segelte Herr Wolf doch stets unter antisemitischer Flagge; was mag ihn veranlassen auf einmal parteilos erscheinen zu wollen? Schämt er sich etwa des Antisemitismus? * Im Leipziger Landkreise, eine der sozial⸗ demokratischen Hochburgen, hatten die„Ord— nungs“ parteien ein Kartell zu Stande gebracht. Es ging aber wieder auseinander, die Antise⸗ miten beschlossen, einen Sonderkandidaten auf⸗ zustellen, jedenfalls Herrn Zimmermann. Für den Ausgang der Wahl ist das absolut gleich⸗ ültig. Dieser Kreis gehört der Sozialdemo⸗ ratie, mögen nun zehn oder sonstwieviel gegne⸗ rische Kandidaten aufgestellt werden. * Wie die„geistigen Waffen“ aus⸗ schauen, die das Zentrum im Wahlkampfe führt, zeigt ein Bericht unseres Bielefelder Parteiorgans aus Münster. Kaum sind wir in die Wahlagitation eingetreten, heißt es dort, so ist auch schon über einen Fall schäbigster Kampfesweise unserer Gegner zu melden. Unserem Reichstagskandidaten Gen. Groene— wald wurde die seit 6 Jahren innegehabte Wohnung gekündigt. Daß es sich um einen ganz gewöhnlichen schäbigen Racheakt unserer Gegner handelt, geht daraus hervor, daß der Hauswirt bei der Kündigung die An⸗ gabe von Gründen verweigerte, und die Kündi⸗ gung ganz unnötiger Weise um fast 3 Monate zu früh anbrachte. Wenn unsere Gegner . dadurch unseren Genossen aus Münster erauszubeißen, so irren sie ganz gewaltig, sie könnten höchstens das grade Gegenteil erreichen. — Und mit solchen Nadelstichen glaubt man der Sozialdemokratie Abbruch zu tun!— Das ist aber noch nichts gegen den„geistigen Kampf“, wie er in Sach sen geführt wird. Im elften sächsischen Reichstagswahlkreise sind binnen Kurzem dreizehn Versammlungen ver⸗ boten worden. Da im Kreise wenig Lokale zur Verfügung stehen— nach der„Volksztg. für das Muldental“ erklären die meisten Wirte offen, sie würden die Amtshauptmannschaften und Gensdarmen nicht los, wenn sie das„Risiko“ wagten— so sind die Genossen gezwungen, ihre Versammlungen im Freien abzuhalten. Dagegen haben aber die Behörden alle möglichen und unmöglichen Bedenken geltend zu machen. Aber grade diese vielen Versammlungsverbote wirken außerordentlich aufreizend und agitieren für die davon betroffene Partei. Politische Rundschan. Gießen, den 23. April. Die Auslegung der Wählerlisten hat nach einem Erlasse des Ministers des Innern vom 18. bis 25. Mai zu erfolgen. Durch dieselbe Bekanntmachung werden die Wahlkommissare angewiesen, die Termine für die Stichwahlen auf den 25. Juni anzuberaumen. Der Reichstag ist am Dienstag wieder zusammengetreten zu seiner letzten, voraussichtlich nur kurzen Tagung. Er erledigte die Verordnung betr. Sicherung des Wahlgeheimnisses, welche in das d zum Reichstagswahl⸗ esetze eingefügt wird. Für diese Bestimmungen, ie den Zweck haben, eine ungehörige Beein⸗ flussung der Wähler möglichst zu verhindern, traten natürlich unsere Parteigenossen ein, ob⸗ gleich die Vorlage noch manche Mängel aufweist. Auch die bürgerliche Linke mit samt dem Zen⸗ trum war dafür, so daß die Aenderung in einer einzigen Beratung erledigt und angenommen wurde. Natürlich, gegen die Stimmen der Konservativen, denen eine Sicherung des Wahlgeheimnisses nicht paßt, sondern die ihre gewohnten Praktiken, die von ihnen abhängigen Wähler wie die Hämmel zur Urne zu schleppen und zu zwingen den konservativen Stimmzettel abzugeben, weiter betätigen möchten.— Es gelangte noch eine Resolution des Welfen Hodenberg zur Annahme, die ganz berechtigt ist und für die ebenfalls unsere Genossen ein⸗ traten. Sie lautet:„Den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, bei Ausführung der Bekanntmachung wegen Aenderung des Wahlreglements Anord⸗ nung zutreffen, wonach die Wahlgefäße so herzustellen sind, daß die Umschläge durch einen offenen Spalt im Deckel in dieselben zu stecken sind, der Deckel selbst jedoch bis zum Ende der Wahlhandlung geschlossen gehalten wird.“ — Mittwoch kam der Gesetzentwurf betr. Phosphorzündwaren zur zweiten Bera⸗ tung. Nach der Vorlage darf gelber und weißer Phosphor zur Herstellung von Zündwaren nicht mehr verwendet, auch dürfen solche Zündwaren weder feilgehalten noch ein⸗ geführt werden. Das Gesetz soll aber erst im Jahre 1907 in Kraft treten, weshalb unsere Genossen beantragten, es bereits Anfang 1904 einzuführen. Die großen„Sozialpolttiker“ des Zentrums machten dem Gesetz, das tausende Arbeiter vor schwerer gesundheitlicher Schädi⸗ gung schützen soll, Schwierigkeiten, doch wurden die drei Paragraphen des Gesetzes ange— nommen. Noch mehr Soldaten. Ein ganz neues Armeekorps soll, wie ein Mann verkündet hat, der es wissen kann, in der kommenden Militärvorlage vom neuen Reichstag gefordert werden. Der national⸗ liberale Abgeordnete Sieg hat die Sache an die Oeffentlichkeit gebracht in einer Wahlver⸗ sammlung zu Straßburg i. Westpr. Er berief sich auf besondere Informationen und teilte außerdem noch mit, daß das Generalkommando des neuen Armeekorps seinen Sitz in Allen⸗ stein haben solle. Die Nachricht klingt durchaus nicht un⸗ glaublich. Eine neue Vorlage zur Vermehrung des Heeres kommt nach Ablauf des jetzt geltenden Quinquennats(der Festsetzung für fünf Jahre) so sicher wie das Amen in der Kirche. Aller⸗ dings, daß die Forderung so groß sein würde, hat wohl niemand gedacht. Ein neues Armee⸗ korps, das bedeutet eine Erhöhung der Heeres⸗ präsenz um etwa 30000 Mann und an 9000 Pferde. Dazu kommen gewaltige Ausgaben für Artillerie, Trainkolonnen, Intendantur usw. Das sind Millionenausgaben. Und dazu, wie schon im Leitartikel bemerkt, die neue Kavallerie⸗ vorlage, die auch schon angekündigt ist. Und die Forderung für die Auslandsflotte. Eine schöne Liste! Ein prächtiges Programm! Aus dem Reiche des Militarismus. Begreiflicher Weise hat der feige Soldaten⸗ mord des 19 jährigen Fähnrichs Hüssener in Essen wie auch anderwärts ungeheuere Er⸗ regung hervorgerufen. In Essen tagten am Mittwoch nach den Feiertagen zwei riesig be⸗ suchte, von der sozialdemokratischen Partei ein⸗ berufene Versammlungen, wo die Entrüstung der Massen über den unerhörten Fall in einer Resolution zum Ausdruck gebracht wurde, welche diese und ähnliche Taten als die Folgen des im Militarismus herrschenden Geistes der Anmaßung bezeichnet wird. Deshalb müsse der Militarismus bekämpft werden und diesen Kampf führe allein die Sozialdemokratie nach⸗ drücklich.— Ueber den Mörder macht die katholische„Volkszeitung“ Mitteilungen, nach welchen Hüssener ein Günstling Krupps war. Der Bursche hat seiner Zeit das Real⸗ gymnasium wegen leichtfertiger Streiche verlassen müssen.„Der Vater wandte sich an Excellenz Krupp, und Krupp erreichte beim Kaiser, daß der junge Hüssener, ohne das Eintrittsexamen abgelegt zu haben, in die Marineakademie auf⸗ genommen wurde. Wohl um den Mangel an Kenntnissen zu verdecken, trug Hüssener, wenn er auf Urlaub zu Hause weilte, ein Benehmen zur Schau, dessen Arroganz jeder Beschreibung spottet. Zur Kennzeichnung des Hüssener, der seine meuchlerische Tat als eine Tat„harter, harter Soldatenpflicht“ hinzustellen sich nicht entblödet, dienen folgende Beispiele, die wahllos der Unsumme ähnlicher Tatsachen entnommen sind, die uns von zuverlässiger Seite berichtet wurden. An einem der Weihnachtstage vorigen Jahres schrie der schneidige Fähnrich auf der Kettwigerstraße nahe der Einmündung der Surmannsgasse einen Gemeinen, der auf der anderen Straßenseite ging, trotz dem regen Verkehr an, ließ ihn vor sich treten und titulierte ihn wegen unvorschriftsmäßigen Grüßens als Schweinehund, Lump usw.— so laut, daß die Expektorationen nahebei vernehmlich waren.“— Das Blatt teilt noch weitere solcher Fälle mit, welche den Größenwahnstnn dieses Menschen bekunden. Eine andere Brüsewitzerei wird aus Köln berichtet. In diesem Falle kam der Brüsewitz nicht so gut weg. Im Monopolhotel in Köln hatte ein Offizier in Zivil einen das Lokal verlassenden Einjährigen wegen dane des Grüßens, oder weil er die Mütze auf dem Kopf behalten hatte, mit an⸗ geblich beleidigenden Worten angerempelt, was zur Folge hatte, daß der Offizier von anderer Seite zur Rede gestellt wurde. Mehrere Gäste des Hotels fielen über den Offizier her und brachten diesem schwere Verletzungen bei, worauf ein anderer Einjähriger zum Schutze des Offiziers mit blanker Waffe auf die Zivilisten eindrang und einzelne Personen dabei verwundete. Der Offizier wurde einstweilen vom Dienste suspendiert, während gegen vier Zivilisten die Untersuchung wegen Ueberfalls schwebt. Wegen Soldatenmißhandlung war der Unterofftzier des in Düsseldorf garnisonie⸗ renden Infanterie-Regts. Nr. 39, Sellien, zu vier Monaten Gefängnis und De⸗ gradatton verurteilt worden, weil er in einer großen Anzahl von Fällen seine Untergebenen mit der Fanst und der blanken Waffe in brutaler Weise mißhandelt, beschimpft und auf Wache in unerhörter Weise dran g⸗ saliert hatte. Gegen dieses Erkenntnis war seitens des Verurteilten Berufung eingelegt worden, die vor dem Oberkriegsgerichte unter Zuziehung von 54 Zeugen verhandelt wurde. Die zweite Instanz erkannte auf dieselbe Ge⸗ fängnisstrafe, sah indes,„angesichts der bis⸗ herigen guten Führung“, von einer Degra⸗ dation des Verurteilten ab.— Nach seiner Freilassung spielt er also wieder den Stell⸗ vertreter Gottes“ und es ist mehr als fraglich, ob er sich dann seine Leutequälerei abgewöhnt hat. Judentum gegen die Sozialdemokratie. Im„Generalanzeiger für die gesamten Interessen des Judentums“ schreibt ein Herr Felix Pinkus: Zum vollen Ausbruch kommt der Gegensatz zwischen Wirtschaft und Politik bei den Juden in ihrer Stellung zur Sozialdemokratie. Man muß es dieser Partei, die 1898 2107 706. 1 7 18 ——jͤ——— 5——— Veitteldentsche Sountags⸗Jeitung. Seite 3. Sl* 56 Abg orbnete ce, lussen, daß sie die Rechte der Juben ernsthaft schützt und verteidigt, daß sie sogar die Stellung ausländischer Juden vor das Forum des Reichstags zieht. Gewiß, politisch wird die Sozialdemokralie immer für die volle Gleichberechtigung der Juden ein⸗ treten. Aber eins ist nicht zu ver essen. Die Sozialdemokratie steht auf dem Boden des Klassenkampfes, sie vertritt rein pr o⸗ letarische Arbeiter⸗Interessen. Da⸗ durch steht sie in vollem Gegensatz zur Mehrheit der deutschen Juden, die vorwiegend Handels⸗, jedenfalls kapitalistische In⸗ teressen haben. Jedes Vordringen der Sozialdemokratie bedeutet daher einen Schritt zur Vernichtung jüdischer Existenzen, einen Schritt zur Proletaristerung der deutschen Juden. Politisch werden sie durch den Sieg der Sozialdemokratie vielleicht völlig gleich⸗ berechtigt, wirtschaftlich jedoch ruiniert werden. Unsinn ist, das durch das Vordringen der Sozialdemokratie jüdische Existenzen vernichtet würden. Durch die Sozialdemokratie werden überhaupt keine Existenzen vernichtet. Daß aber alle Kapitalisten, jüdische und christliche im trauten Vereine gegen die Sozialdemokratie für den heiligen Profit zu Felde ziehen, ist eine bekannte und selbstverständliche Erscheinung. Man machte ja bei den letzten Wahlen durch⸗ gängig die Erfahrung, daß die Juden in Stich- wahlen zwischen Sozialdemokraten und Antise⸗ miten stets für letztere eintraten, die ebenfalls Verfechter kapitalistischer Jateressen sind, wäh⸗ rend die Sozialdemokratie jede Ausbeutung, christliche und jüdische, bekämpft. Den Antise⸗ miten, die fortgesetzt das alberne Märchen ver⸗ breiten, die Sozialdemokraten seien die„rote Schutzgarde des jüdischen Kapitals“, paßt es allerdings nicht, wenn in jenem jüdischen Blatte zugestanden wird, daß die Sozialdemokratie von jüdisch⸗kapitalistischer Seite als schärfster Gegner erachtet wird. Im Kampfe gegen den Alkohol. Vorige Woche tagte in Bremen ein inter⸗ nationaler Anti⸗Alkohol⸗Kongreß, auf dem sich eine große Anzahl Gelehrte, Mediziner, Beamte ꝛc. aus allen Ländern zusammengefunden hatten, um gegen den Schnapsteufel zu Felde zu ziehen. Zweifellos wurde manches gute Wort gegen den Mißbrauch des Alkohols und die daraus sich ergebenden allgemeinen, sittlichen und gesundheitlichen Schäden gesagt. Welche Rückständigkeit auf sozialem Gebiete aber noch vielen der guten Anti⸗Alkoholisten aus der be⸗ sitzenden Klasse eigen ist, bewies ein Zwischenfall bei der Rede des Wiener Sozialdemokraten Dr. Fröhlich, der ausführte:„Es ist nicht zu bestreiten, daß der Alkoholismus vielfach die Ursache der sozialen Verelendung ist und auch oftmals zur Erhöhung des soztalen Elends beiträgt. Aber meistens sind die soziale Ver⸗ elendung, die schlechten Wohnungen, die schlechte Ernährung usw, die Ursache der Trunksucht. Wenn man daher den Alkoholismus an der Wurzel ausrotten will, dann ist es erforderlich, die soziale Verelendung zu beseitigen, deshalb ist es notwendig, die Arbeiter in ihren Be⸗ strebungen zu unterstützen, die den Zweck haben, ihre Lebenslage zu verbessern. Wir Antialko⸗ holisten müssen die Bestrebungen der Arbeiter unterstützen, die zum Zweck haben, sich gewerk⸗ schaftlich und politisch zu organisteren, um höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen und höhere Bildung usw. zu erreichen. Nicht Wohl⸗ taten von oben können den Arbeitern helfen, wir müssen die Arbeiter unterstützen, damit ste in der Lage sind, sich aus eigener Kraft eine menschenwürdige Existenz zu schaffen.“ Das sind sehr verständige Worte und man hätte erwarten sollen, daß sie bei den Alkohol⸗ gegnern volle Zustimmung finden würden. Statt dessen gab es Lärm und ein hochmögender Teilnehmer, ein Admiral Thomson, verließ den Saal mit den Worten:„Wenn sie eine politische Versammlung abhalten wollen, dann erlauben Sie wohl, daß ich den Saal verlasse.“ — Das hielt aber den Dr. Fröhlich nicht ab, weiter zu erklären:„Wenn man erwägt, daß in Wien in einer Schule von 40 Kindern 1 27 niemals ein Bett gesehen haben, dann wird man doch zugeben 105 daß, wenn man den Alkoholismus ausrotten will, man in erster Reihe der Verelendung des Volkes steuern muß. Wir Hygieniker, die da wissen, was Reinlichkeit, gute Wohnung, gute Ernährung für die Volks⸗ Ein bedeutet, sind verpflichtet, für die rfüllung der sozialen Forderungen der Arbeiter einzutreten.“ Es kam auf dem Kongreß be⸗ sonders in der Schlußsitzung noch zu stürmischen Szenen. Die„Gemäßigten“ und„Radikalen“, welch' letztere vollständige Enthaltsamkeit pre⸗ digen, gerieten hart aneinander. Ebenso in einer soz.⸗dem. Versammlung, wo die Alkohol- frage auf der Tagesordnung stand und Dr. Fröhlich ebenfalls das Wort ergriff und der deutschen Sozialdemokratie nachsagte, daß sie diese Frage unterschätze.— Das stimmt nun doch nicht. Mehrere Parteitage haben sich da⸗ mit beschäftigt. Man ist darüber einig, daß die Partei, wie sie es stets getan, auch ferner⸗ hin den übermäßigen Alkoholgenuß bekämpfen muß, daß aber die Partei ihre Anhänger nicht zur Enthaltsamkeit verpflichten kann. Wollte sie es tun, würde sie Unmögliches, Undurch⸗ führbares fordern. Zwei Urteile. Unter der schweren Beschuldigung, einen 82 jährigen Greis mittels eines gefährlichen Werkzeugs und in einer das Leben gefähr⸗ denden Weise mißhandelt zu haben, stand der Amts⸗ und Gemeindediener Johann Brauner aus Friedrichsfelde vor der zweiten Strafkammer des Landgerichts II in Berlin. Der Staatsanwalt hielt die Schuld des Ange⸗ klagten für erwiesen und für so schwer, daß er gegen ihn ein Jahr sechs Monate Gefängnis bei sofortiger Verhaftung und dauernde Aberkennung zur Bekleidung eines Amtes beantragte. Der Gerichtshof hielt nur eine einfache Mißhandlung für dargetan, die mit einer Geldstrafe von Mk. 50 zu ahnden set. Welch ein auffällig mildes Urteil für eine schwere Mißhandlung eines gebrechlichen Greises! — Vor der vierten Strafkammer desselben Landgerichts hatten sich dagegen die Rohrleger Bruno Hansadowsky und Alfred Grunberg wegen Verrufserklärung und Beleidi⸗ gung zu verantworten. Die beiden Ange⸗ klagten waren vom Spandauer Schöffengericht zu je einem Monat Gefängnis verurteilt worden und hatten dagegen Berufung eingelegt. Sie sollen einen Arbeitswilligen bedroht und beleidigt haben. Die Strafkammer verwarf die Berufung!— Ja, dem streikenden Arbeiter trifft immer die ganze Schwere des Gesetzes! Soziales. Arbeiterinnenschutz. Durch die Unternehmerpresse(auch das Gießener Amtsblatt) lief eine Notiz, wonach sich fast ausnahmslos alle Unternehmer gegen eine Herabsetzung der Arbeitszeit für Frauen ausgesprochen haben. Der Waschzettel schließt, daß demnach anzunehmen sei, daß von der geplanten Verkürzung der Arbeitszeit abge⸗ sehen werde. Natürlich! wenn sich die Herren der Unternehmer dagegen aussprechen, wird es wohl so kommen! Die eigentlichen Interessenten, die Arbeiterinnen, haben keinen Einfluß, sie werden überhaupt nicht gefragt; sagen die Unternehmer„nein“, dann wird die Regierung schon klein beigeben müssen. Das schlimmste ist, daß noch Millionen Arbeiter durch ihren Indifferentismus einer derartigen Behand⸗ lung ihrer Wünsche Vorschub leisten. Jeder wird behandelt wie er es sich gefallen läßt. Eine sozialistische Demonstration fand am Sonntag in Brüssel statt. Auf dem Friedhof Evere waren trotz des schlechten Wetters 2000 Arbeiter erschienen, um der Ein⸗ weihung der Denkmäler beizuwohnen, welcke die soztaldemokratische Partei den voriges Jahr im Straßenkampf für das allgemeine Stimmrecht gefallenen Arbeitern errichtete. Es waren auch aus anderen Orten Deputationen erschienen. Die Feier nahm einen in jeder Hinsicht würdigen Verlauf. Nach der Ent⸗ hüllung der einfachen Denkmäler begab sich die Menge an die Gräber der sozialistischen Vor⸗ kämpfer Volders und de Paepe. Am Grabe Volders hielt Vandervelde eine große Rede, in welcher er die Arbeiterschaft beschwor, über der Politik des Tages die großen sozialdemo⸗ kratischen Ideale, wie sie Volders gepredigt habe, nicht 5 vergessen; nur in unsern Schöpfungen hätten wir Unsterblichkeit. Er schloß mit den Worten: (Auf zur Arbeit!) Den russischen Heukern entronnen ist der neulich in Neapel verhaftete russische Sozialdemokrat Hotz. Seine Auslieferung an Rußland wurde von den italienischen Gerichten abgelehnt und seine Freilassung verfügt. Aller⸗ dings wurde er ausgewiesen, konnte sich aber sein Reiseziel beliebig wählen und begab sich wieder nach der Schweiz. Früher wurde in den Zeitungen behauptet, Hotz sei Anarchist, das ist aber unrichtig, er ist Sozialdemokrat. Allerdings betrachtet die russische Regierung, und zwar mit gutem Grund, die Sozialdemo⸗ kraten als ihre gefährlichsten Gegner und ver⸗ folgt sie mit allen Mitteln, aber ohne die Weiterverbreitung der sozialistischen Ideen hindern zu können. Von Nah und Lern. Hessisches. Die hessischen Staatssteuern. An direkten Staatssteuern ist für das Etatsjahr 1903/04 insgesamt der Betrag von 11665 613,25 Mark veranlagt worden. Davon entfallen auf die Steuerkommissariatsbezirke in Oberhessen: Allons travailler! Steuer⸗ Vermögens⸗ Einkommen⸗ Kommissariate steuer steuer Alsfeld 50 482.50 91 574.50 Büdingen 59 956.50 93 978.50 Butzbach 54201.— 88 218.— Friedberg 169 218.25 378 766.— Gießen 138 930.75 433 398.— Grünberg 44 013.— 64651.— Hungen 76 188.— 84 100.— Lauterbach 60 906.— 94 514.— Nidda 56 720.25 98183 Schotten 23 687.15 25 499 50 Der Betrag, den die einzelnen Steuerpflichtigen zu entrichten haben, wird ihnen durch die Steuerzettel mitgeteilt. Die Bezirkskassen und Untererhebestellen sind außerdem verbunden, jedem Steuerpflichtigen die Einsicht des ihn betreffenden Heberegisterpostens auf sein Nach⸗ suchen unentgeltlich zu gestatten und die nötigen Erläuterungen zu geben. Zum Wohnungsgesetz, das vor einiger Zeit in Hessen in Kraft getreten ist, sind kürz⸗ lich die Ausführungsbestimmungen bekannt ge⸗ geben worden. Dem durch das Gesetz einge— führten Landes⸗Wohnungsinspektor werden folgende Aufgaben zugewiesen: 1) Die Errichtung gesunder und billiger Wohnungen für Minderbemittelte in Stadt und Land, namentlich bei Arbeitgebern und Arbeit⸗ nehmern, bei Gemeinden und kommunalen Ver- bänden anzuregen und diese sowohl, wie gemein⸗ nützige Vereinigungen und sonstige Interessenten in allen auf Verbesserung der Wohnungsver⸗ hältnisse der Minderbemittelten gerichteten Be⸗ strebungen mit Rat und Tat zu unterstützen; 2) die Gründung gemeinnütziger Baugenossen⸗ schaften oder sonstiger Vereinigungen zum Zwecke gemeinnütziger Bautätigkeit anzuregen und zu fördern; 3) die auf Grund des Wohnungs⸗ fürsorgegesetzes eingehenden Gesuche um Dar⸗ lehen aus der Landeskreditkasse zu begutachten; 4 bei der Ueberwachung der Verwendung dieser Darlehen und der Erfüllung der hierüber be— stehenden gesetzlichen und vertragsmäßigen Vor⸗ schriften mitzuwirken; 5) in dem Zwangsver⸗ fahren gegen Gemeinden als Sachberständiger Gutachten abzugeben, und 6) statistische Nach⸗ weise auf allen Gebieten des Wohnungswesens zu beschaffen und über die sich ergebenden Fragen, sowie über seine eigene Tätigkeit all⸗ jährlich einen Jahresbericht zu erstatten.. Der Landeswohnungsinspektor soll die ört⸗ liche Wohnungsinspektion unterstützen und ausgestalten helfen. Zu Wohnungsinspektoren Nr. 17. Mitteldenutsche Sountags⸗Zeitung Seite 4. ollen in eule Lilie Pelsonen Au bebte statt. Ueberall war ein bahllelcher Besuch zu verzeichnen er steckt in der einen Versammlung mehr die hand⸗ Sachkenntnis, wie Aerzte, Architekten usw. und unsere Redner fanden ungeteilte Zustimmung. In werkerfreundliche Flagge heraus, in der andern streicht am bestellt werden. Untergeordnete Polizeiorgane Ortenberg, wo am Samstag Gen. Krumm sprach, er mehr den Bauern um den Bart, in der dritten 0 sind nur für kleinere Gemeinden und nur aus-] waren wohl Gegner in der Versammlung anwesend, doch macht er in Ar beiterfreundlichk it. Von Seiten unserer 6 j lässi f igt sich das Be⸗ ergriff keiner das Wort.— In Fauerbach bei Nidda Genossen wurde ihm in zwei Versammlungen, in u nahmsweise zulässig. Hier zeig sich das Be 5 gen, ö ; jprach ebenfalls Krumm unter lebhaftem Beifall. Hier Aßlar und Ehringshausen entgegengetreten. Genosse 0 streben der Regierung, durch Umgehung ordent⸗ N i 5 licher Polizeiorgane das Schema zu vermeiden zeigte sich besonders der Fortschritt unserer Sache. Wäh⸗ Vetters hielt dem Herrn vor, wie volks und arbeiter⸗ be und Personen, auf deren Sachkenntnis sie bauen rend dieser Ort früher stets sozialistenfeindlich war, wir feindlich sich sich die Konservativen jederzeit gezeigt haben. N 5 ö A gfü 1 li ili leber⸗ keine Stimme erhielten, wurden jetzt die Ausführungen] Wird Herrn Heckenroth vorgehalten, daß die Konser⸗ 6 ann, zur 1 füheung t 5 izeilichen Träge⸗ Krumms geradezu begeistert aufgenommen.— In Liß⸗ l vativen für das Zuchthausgeset eingetreten sind, so 1 wachung heranzuziehen. 8 berufenste Träge⸗ berg referierte Gen. Orbig und in Gelnhaar lauschten erklärt er, daß er das nicht billige, er würde nicht dafür rinnen der Bestrebungen zur Verbesserung des] dicht gedrängt in ziemlich engem Lokale zahlreiche Zu- zu haben sein, er sei ein ganz anderer Kerl. Dabei 9 Kleinwohnungswesens bezeichnet die Regierung hörer den Ausführungen Beckmanns mit großer Auf⸗ hat er vorher die Taten der kons. Partel bis über den 0 die Gemeinden und die weiteren Kommunal- merksamkeit und bekundeten ihr Einverständnis damit. Schellenkönig gelobt! In Aßlar fand unser Redner N verbände. Diese sollen, ehe sie selbst zur Ab⸗ So auch in den beiden anderen Versammlungen. Nament- fast allgemeinen Beifall, in Ehringshausen trampelten hülfe schreiten, die Bauvereine bei ihrer Tätig⸗ lich die Versammlung in Bleichenbach war außerordent⸗ einige Bauern während seiner Rede.— Geradezu keit unterstützen durch das unentgeltliche Zur⸗ lich st ark besucht. Hier beleuchtete Gen. Vetters in widerlich war das knechtselige Geleier, das in verfügungstellen ihrer Baubeamten, durch die zweistündiger Rede die verderbliche Zollpolitit, die Schä⸗] Ehringshausen der Vorsitzende Keiner aus Werdorf vom Uebernahme von Anteilscheinen, die Bewilligung den, welche dem Volke durch den Militarismus zugefügt J Stapel ließ, ehe er Hoch schreien ließ. l von Vergünstigung bei der Verzinsung und Til⸗ N 1 e,— h.„ünpartelisch“ nennen sich die gung der aufgenommenen Baudarlehen, durch feet 15 e 6 55 5 5 1 50 1 in 85„Wetzlarer Nachrichten“. Sie haben damit iu die Gewährung hypothekenfreier Baudarlehen aus 85 den Gesees Wa 28. 1 otk⸗ ihrem Titel schon eine Lüge und zwar eine ihren Mitteln. Weiter ist die lieberkassung finden solte. Wie uns ae von den Graber a Bode. e das„unparteische„Blatt von billigem Baugelände an die Vereine zu] mitgeteilt wird, ist es aus mehrfachen Gründen auf etzt in so gemeiner Weise gegen die Soztal⸗ Wunde 177 in der den e Erbbaurechts, s Tage später, den 5. Juli verlegt worden. Dieser e 5 ee Sn dalbene owie die Uebernahme der Beitragskosten ür] Termin will uns auch günstiger erscheinen. N 5 0 h ragskosten für ch günsttger erscheinen verdächtigenden Schwindelnotizen der Berliner erstellung von Straßen und Kanälen an⸗— Zur Maifeier. In den Orten der Umgeb Alehen,. Gießens finden am 1. Mai abends Bersaunlungen fiat: Fabrik Viktor Schweinburg n der be⸗ f in Heuchelheim, Wie seck und Steinberg. In kanntlich für seine saubere Arbeit jährlich Gießener Angelegenheiten. ersteren 1 e 15 70 Wieseck Beck⸗ 9000 555 Menden beg e 5 5 mann und in Steinberg etters über die Bedeutung] bekommt— finden ereitwilligste Aufnahme. Mann. e e 1 1 55 der Maifeier sprechen. Die Arbeiter in den genannten So schrieb der„Unparteiische“ dieser Tage: bereits mitgeteilt, findet diesen Sonntag die Orten wollen zahlreich am Platze sein. 6 755 9 N len rack 15 an 55 .; 5 eutschen Sozialdemokratie sind, darauf wir Verbreitung unseres Flugblattes statt. Dazu aus dem Nreise Alsfesd-Cauterbach. ein grelles Licht die Tatsache, daß der„Vor⸗ werden eine große Anzahl Genossen gebraucht r. Eine Maurerversammlun 8 f;. g fand au 2. rts“ 5 und es ist Pflicht eines jeden, sich zur Ver⸗ Feiertage auf der Pfefferhöhe in Alsfeld unter zahl⸗ i Geben fügung zu stellen, wenn es ihm nur irgend reicher Beteiligung statt, in der Genosse Hüttmann⸗ die deutschen„Genossen“ bei den Wahlen möglich ist. Es werden noch ca. 80 Mann Frankfurt über Zweck und Nutzen der Gewerkschaften mit Freuden 115. 7 5 gebraucht und wer hier seine Parteipflicht mit. sprach. Redner schilderte die Entwickelung der Arbeiter⸗ 3 8 wall 0 ö rationalen Gefühle 5 betätigen will, der finde sich Samstag Abend bewegung, welche schon öfters durch gesetzgeberlsche Maß⸗ Se 00 1 0 ie 15 died en erb e der in der Versammlung des soz. dem. Wahl- regeln zu unterdrücken versucht wurbe. Aber eine Kultur⸗ 110 7 5 en besser als 905 Zu 1 10 vereins im Lokale Orbig ein. bewegunf lasse ich ui ünterdrücken und so bachten auc welche dem deutschen Volke das dreifache de, — Die Maifeier in Gießen kann leider zie Hewerkschaten nach dem Falle des Soziallstengesctzes 9 die de 5 ab an 9 ⸗ a 1 nicht in der Weise, wie wir. s in Hörlek umso mächtiger empor. So zählt der Maurerverband 6 W. n börletzter] jetzt ca. 90 000 Mitzlieder und verfügt über einen welche Kanonen und panzer dem Aus laude Nummer andeuteten heaa ö Saal auf Terre begangen 1 2 9515 Kassenbestand von im Ganzen mehr als 1 Million Mk. billiger überlassen, als ihrem Vaterlan de. — Peigert! 6s w errasse wurde un er⸗ Eine Organisation mit solchen Mitteln kann sich auch h. Zu einer Arbeitseinstellung kam es am zune ert! Es wird deshalb abends 8 Uhr bei dem Unternehmertum in Respekt setzen. Redner] Ostersonntag in der Druckerei J. Imgardt(Wetzl. die Versammlung bei O rbig stattfinden, wo] besprach dann die hier im Baugewerbe herrschenden Miß⸗ Nachrichten). Der Inhaber weigerte sich, die tarif⸗ ö Genosse Krumm über die Bedeutung des stände, sowie die Lohnverhältnisse. In Alsfeld sind mäßigen Arbeitsbedingungen einzuführen, weshalb 1. Mai sprechen wird. Wir ersuchen alle Ge- Löhne von 22—28 Pfg. üblich(Ruf: 17 und 18 Pfg.). das Personal die Arbeit niederlegte. Da war nun nossen und alle Gewerkschaftsmitglieder sich] Mit solchen Hungerlöhnen könne noch nicht einmal ein allerdings bei dem„unparteiischen“ Blatte Holland in Not. Der Besitzer versuchte sich zu helfen so gut es recht zahlreich zu beteiligen! Auch die Frauen lediger, geschweige denn ein verheirateter Arbeiter, der dürfen nicht fehlen! Diejenigen unserer Freunde, 3—4 Kinder zu ernähren hat, auskommen. Von einem ging, fand wohl auch einige Streikbrecher. Einer menschenwürdigen Dasein sei da gar keine Rede. Ebenso derselben, namens K. Imgardt(wohl ein Verwandter schickter Weise in eine denen e öglich ist, si rüher frei zu 5 oller. 10 0 1. de leidet das Familienleben ganz empfindlich unter der des Firmeninhabers) geriet unge machen, wollen sich nachmittags hr in den 0 95 3 j 3 langen Arbeitszeit, die oft genug soweit ausgedehnt] Maschine und verletzte sich eine Hand ziemlich schwer. Wirtschaften Löb und Orbig zusammensinden. 5. 5 — Die traurige Tatsache, daß die Arbeiterschaft wird, daß dem Arbeiter noch nicht einmal die nötige[ Daraufhin bewilligte der Herr Chef die Forderung n, 5 9 7970 e N Ruhezeit zum Ersatz seiner verbrauchten Körperkräfte doch hatten einige Arbeiter schon anderwärts Arbeit Gießens noch nicht einmal ein Lokal für ihre bleibt. Nur eine gute Organisation, fester Zusammen⸗ gefunden. Maifeier bekommt, wird und muß die Arbeiter schluß der Arbeiter kann mit diesen kulturwidrigen Zu⸗— Schwer verunglückt ist am Montag Abend au energischen Gegenmaßregeln veranlassen. ständen aufräumen. Hätten sich die Alsfelder Arbeiter] zwischen Krofdorf und der Station Abendstern der Wir sind überzeugt, daß sehr bald Mittel und schon längst ihrer Berufsorganisation angeschlossen, so Metzger Römer aus Krofdorf. Er fuhr einen mit 1 Wege gefunden werden, diese Zustände zu be⸗s wären wohl schon läugst bessere Lohn- und Arbeits-] Ziegelsteinen beladenen Wagen, als das Pferd scheute seitigen. Diejenigen Leute, die bisher schmunzelnd] bedingungen erreicht. Mit einem Aufruf an die Arbeiter und R. unter den Wagen gerie“, der über ihm hinweg die Groschen der Arbeiter, denen sie ihr Bier] sich einmütig dem Verbande anzuschließen, schloß die] ging. Schwer verletzt wurde er in seine Wohnung mit großem Beifall aufgenommene Rede. Nachdem sich verbracht. verkauften, einstrichen, werden sich dann aller⸗ ii una Kl aur ben Briten erbe, beschloß a ollegen e 0 5 a 5 11 den e e e Aus dem Nreise Marburg-Nirchhain. dings beklagen, sie haben es sich aber selbst. 0 zuzuschreiben, wenn sie in Nachteile geraten. man, in kurzer Zeit eine zweite Versammlung einzu⸗ — Ueber einen Austritt aus der berufen. Darum Kollegen, tretet alle in die Gewerkschaft R. Bekanntmachung der Gewerkschaft s⸗ ozialdemokr atischen Partei wußte ein, agitiert fleißig für zahlreichen Besuch der nächsten Kommission. Nachdem die Bibliothek des Arbeiter⸗ bießr Tage das Gießener Amtsblatt zu be⸗ Versammlung! Einigkeit macht stark! Bildungs⸗Vereins„Eintracht“ im Besitz der Gewerkschafts⸗ richten. Die Sache, um die es sich da handelt aus dem N i Wetzl Kommission übergegangen und durch freundlichste Beihülfe ist schon ziemlich alt. Es betrifft den früher reise lar. einiger Genossen durch Hergabe von Büchern ergänzt in der„Sächs Arbeiter tg.“ beschäftigten Fran h. Wahlagitation. Der Wahlkampf in Wetz⸗ worden ist, findet nunmehr die Ausgabe von Büchern „. zug. tig z barer Kreise gestaltet sich recht interessant und seinem am 3. Mai, vormittags von 11—12 Uhr statt. Von diesem Zeitpunkte an ist die Bibliothek jeden Sonntag Fricke, der keineswegs vaustrat“, sondern Ausgange darf mit Spannung entgegengele en werden „ausgetreten wur de“, weil er gewisser⸗ 9175. 9 1 auf 1 auf und von 11— 12 Uhr geöffnet. Die Bibliothek steht jedem maßen die Partei als böhmische Wälder be- jeder hofft natürlich in die Stichwahl zu kommen. Nach gewerkschaftlich organisierten Arbeiter von Marburg so⸗ trachten und darin 4 1a Carlo Mohr hausen] dem 1898er Ergebnis ist mit ziemlicher Sicherheit] wie den bekannten Parteigenossen zur freien Benutzung wollte. Die von dem Mann in Aussicht ge⸗ anzunehmen, daß das Zentrum in die engere Wahl offen. Da die Gewerkschafts⸗Kommission durch An⸗ schaffung von den neuesten Werken die Bibliothek stellte„Enthüllungsbroschüre“ dürfte sich von] kommt, nur wer mit ihm in Konkurrenz treten wird, f n neues g den Machwerken der Korbmacher Fischer, Werft⸗ bleibt fraglich. In den lezten Tagen machte der bereichert hat, hofft die Kommisston, daß die organisterte Bündler und Konservativen, Pfarrer Arbeiterschaft von Marburg recht regen Gebrauch davon arbeiter Lorentzen und ähnlichen Bekehrten“[ Kandidat der in keiner Weise iich Unsere 5 5 Heckenroth aus Altenkirchen, eine Agltationstour im machen wird.— Laut Beschluß der letzten Sitzung der werden dabei nicht auf ihre Kosten kommen, Wetzlarer Bezirke. Was Zungenfertigkeit betrifft, so ist Gewerkschafts⸗Kommission wird die Arbeiterschaft von „ er dem nationallib. Abg. Krämer, der bei seinen Wahl⸗ Marburg und Umzebung ersucht, für die Feier des wir können ihr aber nit vollkommenster Ruge versammlungen ein halbes Dutzend Redehelfer mit- 1. Mai kräftig zu agltieren und dafür zn sorgen, daß die Festversammlung, welche am 2. Mai stattfindet, von entgegen sehen, sintemalen die sozialdemokratische] schleppen muß, ganz entschieden über. Mit kolossalem Männern sowohl wie von den Frauen zahlreich besucht Partei nichts zu„enthüllen“ hat. Redeschwall preist er die bündlerisch⸗konservative Brod⸗. d 0 I 8 A ee rei joßo wucherpolitik an und versteht es, mit schwulstigen wird, amit auch die Marburger Arbeiterscha zeigt, Aus dem Rreise gießen.„patriotischen“ Phrasen die ländlichen Wählern ein u⸗ daß sie Verständnis hat für die heutige Zeit und sich bald mit weniger Glück. Sicher ihrer Pflichten bewußt ist.— Gleichzeitig werden die Wahlagitation. Am Samstag und Sonntag] seifen, bald mit mehr, Natinalliberalen und Antlsemiten eine Mitglieder der Gewerkschaften ersucht, sich an der am l Stimmen wegnehmen wird. Der Sonntag, den 26. April stattfindenden Verbreitung von Flugblättern rege zu beteiligen. fanden wieder eine Anzahl von unserer Partei ein⸗ist, daß er den berufene Versammlungen und zwar in Ortenberg, erhebliche Anzah Lißberg, Gelnhaar, Fauerbachu. Bleichen bach 4 Diener Gottes richt t sich ganz nach den Verhältnissen, l 56 fe a0 — — Eä——öää¹ũ—— 2 Nr. 17. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. St. Maifeier. Unsere diesjährige Maifeier findet am Samstag, den 2. Mai, abends 9 Uhr im Jesberg'schen Lokale statt.(S. Ins.) Gen. Dr. R. Michels wird über„die Bedeutung des ersten Mai und die Reichs⸗ tagswahlen“ sprechen. Von einer größeren Festlichkeit, wie die Maifeier außerdem in früheren Jahren hier begangen wurde, ist in anbetracht der nahe bevorstehenden Reichstagswahl für diesesmal Abstand genommen worden. Ein recht zahlreicher Besuch der Maiversammlung wäre sehr wünschenswert. — Zur Reichstagswahl. Wie wir in voriger Nr. d. B. bereits ankündigten, haben die hiesigen Konservativen und Bündler ihre erste Versammlung zwecks Präsentation ihres gemeinsamen Kandidaten, Freiherrn Rabe von Pappenheim, am Samstag mittag im Saale des Schloßgartens abgehalt n. Dieser Tag und Stunde waren wahrscheinlich gewählt, weil die Herren recht gut wußten, daß zu einer solchen Zeit keine Arbeiter und Geschäftsleute u. dergl. anwesend sein konnten, andernfalls hätten sie auch wohl recht schlecht abgeschnitten. Von Gegnern waren nur einige Nationalsoztale anwesend, die den konservativbündlertschen Kandidaten, trotz Beschneidung der Redefreiheit auf 10 Minuten, gehörig zusetzten.— Aehnlich war es in der am Sonntag in Kirchhain stattgefundenen Pappen⸗ heimer⸗Versammlung, in der sich der„bunte“ Kandidat als frommer Christ und Antisemit anpries. Die Ver⸗ sammlung war übrigens von Kirchhain selbst nur schwach besucht, die Kirchhalner haben für die Konser⸗ vativen nicht viel übrig; dagegen waren die Bündler aus der Umgegend aufgeboten und spendeten den Aus⸗ führungen ihres Kandidaten regen Beifall. Das hiesige konservative Organ, die„Oberhessg. Ztg.“ faselt natür⸗ lich seinen Lesern in einem langen Leitartikel vor, welch' großen Sieg ihre Sache in Kirchhafn erfochten habe. Wer's glaubt, wird selig. Bei der Wahl wird sich's schon zeigen, wie der Sieg in Kirchhain aussieht. — Für wie dumm die„Oberhess. Ztg.“ ihre Leser — speziell die Beamten— hält, geht daraus hervor, daß sie kürzlich schrieb, daß, während die Getreidepreise in der letzten Zeit sich ebenso wie ein Teil der Fleisch⸗ preise wenig verändert haben, trotz der Annahme des Zolltarifs die Preise der wichtigsten Lebensmittel zurück⸗ gingen oder mindestens auf ihrer Höhe blieben. Es sei dies ein Beweis, daß auch die Händler selbst nicht an die Verteuerung der Brot⸗ und Fleischpreise durch den Zolltarif glaubten, wie die liberalen Blätter ihren Lesern erzählten. Die Beamten dürften daraus die nötigen Schlußfolgerungen ziehen. Wir trauen den Beamten, wenigstens den Unterbeamten, soviel Verständ⸗ nis zu, daß sie die richtigen Schlußfolgerungen aus der(Unter-) Beamtenfreundlichkeit der Konservativen am Wahltage ziehen werden, denn diese haben für die Unterbeamten ebensowenig übrig(Frhr. v. Pappen⸗ heim erklärte sich in der hies. Versammlung gegen jede Aufbesserung der Gehälter der unteren Beamten), wie für uns Arbeiter. — Kriegervereins⸗Agitation. Am Festsamstag und am 3. Feiertage fanden im Exerzierhause die Frühjahrs⸗Kontrolversamm⸗ lungen statt, wobei es auch wieder nicht an eindrücklichen Ermahnungen der Vorgesetzten zum Beitritt zu den Kriegervereinen fehlte; ob aber diese Agitation wirkungsvoll ist, möchten wir stark bezweifeln. Die Anberaumung der Kontrolversammlungen auf den Festsamstag, wo die Geschäftsleute alle Hände voll zu tun hatten, hat übrigens auch unter der Bürgerschaft große Unzufriedenheit erregt. Adlige Kindes mörderin. Vor dem Schwurgericht in Hanau wurde am Mittwoch und Donnerstag gegen die Baronesse v. Seckendorf aus Rüsselsheim a. M. wegen Kindesmord verhandelt. Auf Antrag des Staatsanwaltes sprachen die Geschworenen die Baronesse frei. Rücksicht gegen große Spitzbuben. Der vom Leipziger Schwurgericht zu einem Jahr drei Monaten Gefängnis verurteilte Bankdirektor a. D. Exner ist zur Verbüßung seiner Strafe in die Landesanstalt nach Zwickau überführt worden. Sein Transport muß bei jedem rechtliebenden Menschen Aufsehen erregen, wenn man sich vergegenwärtigt, wie mitunter soziademokratische Redakteure, die nur wegen ihrer politischen Gesinnung das Gefängnis „besuchen“ müssen, transportiert werden. So ist Exner von Leipzig nach Zwickau im Eisen⸗ bahnkoupee zweiter Klasse gefahren. In Zwickau angekommen, bestieg er eine Droschke und wurde in dieser nach der Landesanstalt überführt. Er hatte zahlreiches 1 f bei sich, woraus zu schließen ist, daß er sich seine Inhaftierung so bequem wie möglich einrichten wird. Die unglaublichsten Dinge bringt die Juristerei fertig, was wir schon des Oefteren an drastischen Beispielen nach⸗ gewiesen haben. Eine Musterleistung auf diesem Gebiete hat kürzlich das Schöffengericht in Köln verübt. Ein Montör hatte von einem Herrn per Post Mk. 20 zugesandt erhalten mit dem Auftrage, Tauben zu kaufen. Der Montör verbrauchte jedoch das Geld für sich und hatte sich deshalb wegen Unterschlag⸗ ung zu verantworten. Das Schöffengericht sprach den Angeklagten auf Antrag des Staats⸗ anwalts jedoch kostenlos frei, mit der Be⸗ gründung, der Angeklagte habe kein Geld des Geschädigten unterschlagen, sondern anderes Geld, das er von der Post erhalten habe.— Es scheint den Juristen, die das vorstehende Urteil verbrochen haben, völlig entgangen zu sein, daß dasselbe dem gesunden Menschenver⸗ stand sowohl als auch allen Grundsätzen von Rechtlichkeit und Ehrlichkeit ins Gesicht schlägt. Kleine Mitteilungen. ** Blutige Köpfe gab es am Samstag in Dorf⸗ Gül. Junge Burs chen gerieten in Streit und griffen sich mit Heugabeln und anderen landesüblichen Waffen an. Zwei der Kämpfer blieben schwer verletzt auf dem Platze liegen. * Selbstmord eines Einjährig⸗Frei⸗ willigen. Im Walde bei Marburg wurde am Samstag ein Einjähriger des dortigen Jägerbataillons erhängt aufgefunden. Man nimmt an, daß körperliches Leiden ihn zu diesem Schritte getrieben hat. e„Gebildete Antisemiten““ Vorigen Sommer unternahmen der Amtsrichter Mahr, Rechtsanwalt Geßner und die beiden ebenfalls den„besseren“ Ständen angehörigen Brüder Reitzel aus Dar mstadt eine Weintour nach Mainz. Auf dem Rückweg beleidigten sie den im gleichen Coupee befindlichen Handlungsreisenden Hirsch in der gröblichsten Weise. Dafür wurden ste vom Darmstädter Landgericht zu 150, 75 und 50 Mark Geldstrafe verurteilt. Dagegen hatten sie noch Kühnheit Revision einzulegen, die aber gerechterweise vom Reichsgericht verworfen wurde. . Der Raubmörder Detroit, welcher kürzlich seine Tante, die Rentuerin Steiner in Sponsheim bei Bingen ermordete, ist vorige Woche in Frankfurt verhaftet und der Staatsanwaltschaft in Mainz ausge⸗ liefert worden. Entgegen früherer Mitteilung hat der Mörder doch eine große Summe Geldes geraubt und davon seit der Tat in Mainzer und Frankfurter Damen⸗ kneipen viel verschwendet. Ca. 1300 Mk. wurden noch bei ihm vorgefunden. e Gefährlicher Bulle. Den Wärter des Gemeindebullen in Balduinstein a. d. Lahn ver⸗ letzte das Tier mit seinen Hörnen derart, daß er starb. * Ein Träger des vornehmsten Rockes, der Oberleutnant Taesner vom 77. Infanterie⸗Regi⸗ ment in Celle, wurde vom Kriegsgericht in Hannover wegen Sittlichkeitsvergehens und wegen Fahnenflucht zu einem Jahre Zuchthaus, drei Jahren Ehrverlust und Entfernung aus dem Heere verurteilt. Taesner ist Familienvater. * Eine Liebestragödie in der Kaserne hat sich beim 4. Garderegiment zu Fuß in Berlin abgespielt. Der Leutnant von Cranach hatte ein Liebesverhältnis mit einer 19 jährigen Putzmacherin, die eines Abends voriger Woche in die Kaserne, in die Wohnung des Leutnants kam. Plötzlich hörte man Hülferufe und gleich darauf mehrere Schüsse. Als man in das Zimmer eindrang, war der Offizier tot und das junge Mädchen schwer verwundet. Partei-Nachrichten. Handbuch für sozialdemokr. Wähler. Wie bei jeder Wahl, so hat auch bei der bevorstehenden der Partelvorstand ein Handbuch herausgegeben, in dem die Tätigkeit des Reichstags, die verschiedenen Gesetze und Vorlagen, die ihn in den letzten 5 Jahren beschäftigt haben und die Stellung der Parteien dazu gründlich und sachlich erörtert werden. Die ganze Gesetzgebung, die gesammte innere und äußere Reichspolitik wird in dem über 400 Seiten starken Buche, einer umfassenden und eingehenden Kritik unterzogen. Ebenso werden die Bestrebungen und die Tätigkeit der bürgerlichen Parteien dargelegt. Jeder Parteigenosse, jeder Wähler müßte das Buch besitzen. Leider wird es aber seines hohen Preises wegen keine Massenverbreitung finden. Im Buchhandel kostet es 4 Mark, durch die Parteiver⸗ trauensleute können es die Genossen zum Selbstkosten⸗ preis von 2 Mark erhalten. Gewiß ist das Buch voll⸗ kommen preiswert, dabei für die Agitatoren in diesem Umfange notwendig. Aber die übergroße Mehrheit der Arbeiter kann sich eine derartige Ausgabe nicht leisten. Es wäre daher sehr wünschenswert und für die Wahl⸗ agitation ungemein vorteilhaft, wenn sich der Partei⸗ vorstand zur Herausgabe einer billigen Broschüre entschlleßen wollte, in welcher unsere Forderungen, die Tätigkeit unsere Genossen im Reichstage gemeinver⸗ ständlich und kurz gefaßt dargelegt, sowie die von den Gegnern gegen die Sozialdemokratie erhobenen Vor⸗ würfe zurückgewiesen würden. Eine solche Broschüre, wie sie ähnlich bei der 1893er Wahl vom Parteivor⸗ stande herausgegeben wurde, könnte uns im Wahlkampfe nur die besten Dienste leisten. Neues Arbeiterlied. Eidschwur am 1. Mai für Männerchor mit Soloq uartett betitelt sich die im Verlag von J. Günther, Dresden, erschienene Komposition von C. H. Frey. Die Dichtung von Robert Seidel, unserm Schweizer⸗Genossen, bezweckt, die Bewegung für den Achtstundentag zu unterstützen. Dem entspricht die frisch⸗feurig gehaltene Komposition. Die Differenzen, welche in Schlesien und Posen zwischen den deutschen und polnischen Sozialisten aus⸗ gebrochen waren, sind nunmehr endgültig beigelegt. So selbstverständlich und unerläßlich die Einigung jetzt vor den Wahlen war, so nehmen wir doch mit großer Befriedigung von der Nachricht Kenntnis und begrüßen sie mit Freuden. Versammlungskalender. Samstag, den 25. April. Gießen. Soz.⸗dem. Wahl verein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Wieseck. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei B. Wacker. T.⸗O.: Flugblatt⸗ verbreitung. Steinberg. 8 Uhr Versammlung bei Kaspar Linn. ordnung: 1. Besprechung wegen der 2. Flugblattverteilung. Mittwoch, den 29. April. Gießen. Freie Turnerschaft. Mitgliederver⸗ sammlung Abends 9 Uhr im Vereinslokal. Bei der Flugblattverteilung bitten wir die Genossen allerorts, den Verbreitern möglichst behülflich zu sein und mit dafür zu sorgen, daß die Flugblätter in die Hand jedes Wählers kommen. Den Verbreitern überall sei auch bei dieser Wahl an's Herz gelegt, ihre Auf⸗ gabe gründlich und gewissenhaft zu erfüllen. Kommt stets den Leuten freundlich und anständig entgegen! Beleidigt und beschimpft man euch, so bleibt ruhig und geht weiter, laßt euch aber dadurch nicht abhalten, eure Arbeit zu tun. Laßt euch nicht auf Dis⸗ putationen ein, ihr habt dazu keine Zeit, gebt auf Fragen kurz und höflich Antwort. Wahret die Ehre der Partei und geht rüstig an die Arbeit Genossen! Zur Beachtung! Wegen der Maifeier gelangt die nächste Nummer der„Mitteld. Sonntags-Zeitung“ (Nr. 18) am Donnerstag, den 30. April zur Ausgabe. Arbeiterbildungs verein. Abends Tages⸗ Maifeier. iefkasten. D. in L. Ihr Brief hat uns viel Freude gemacht und wir danken Ihnen. Nur immer unabläffig und mit zäher Ausdauer gearbeitet! Dadurch allein ist es möglich, bessere Zustände herbeizuführen. Ganz besonders muß jeder Freund unserer Sache es für seine vornehmste Aufgabe halten an der Verbreitung unserer Presse sowie der übrigen Parteischriften, so gut und so viel er eben kann, mitzuwirken. Das Schreiben ist doch nicht zur Veröffentlichung bestimmt? r——————— Parteigenossen! Gedenket des Wahlfonds! — Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung. 1 Der Glaserverband hielt an Ostern in Leipzig seinen Verbandstag ab. Aus dem Geschäftsbericht des Vorstandes, der sich auf 2¼ Jahre erstreckt, geht hervor, daß der Verband trotz wirtschaftlichen Krise und anderer + — ola ert! 8 Seite 6. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 17. unzünstiger Umstände einen Fortschritt gemacht hat und jetzt 74 Zahlstellen mit etwa 3 000 Mitgliedern habe. Andererseits wird darüber geklagt, daß die Bleiglaser im u sehr wenig Interesse für die Organisation haben.— Die Abrechnung der Verbandskasse umfaßt drei volle Jahre(1900—1902). In dieser Zeit betrug die Gesamteinnahme 67 002,88 Mk., die A enand don 41 152,01 Mk., so daß ein Kassenbestand von 25 850,87 Mk. bleibt. Unter den Ausgaben finden sich unter Anderm folgende Posten: Fachzeitung 16774 Mk., Streiks und Aussperrungen 11135 Mk., Reise⸗Unterstützung 10 628 Mk., Arbeitslosen⸗Unterstützung 17771 Mark. Auf dem Verbandstage wurde der Uebertritt zum Holzarbeiterverbande erörtert. Man erklärte sich im Prinzip damit einverstanden; aus taktischen Gründen steht man aber zur Zeit davon ab. Die Arbeitslosenunterstützung erfährt in ihrem Bezug einige Aenderungen und wird in Zukunft auch ledigen Mitgliedern gewährt bei einer Mttgliedschaft von 104 Wochen an. Der Sitz des Verbandes und der Preßkommisston bleibt in Karlsruhe, der des Ausschusses in Leipzig. Der nächste Ver⸗ bandstag wird in Mannheim abgehalten. Der Verbandsvorsitzende Eichhorn und der Verbands⸗ gewählt Schwerdt wurden einstimmig wieder⸗ gewãa* Wer darf wählen? Mit Rücksicht darauf, daß bereits am 18. Mai die amtlichen Wählerlisten ausliegen werden, veröffentlichen wir folgenden Auszug aus dem Wahlgesetz für den deutschen Reichstag: § 1. Wähler für den deutschen Reichstag ist jeder Deutsche, welcher das 25. Lebensjahr zurückgelegt hat, in dem Bundesstaate, wo er seinen Wohnsitz hat. § 2. Für Personen des Soldatenstandes, des Heeres und der Marine ruht die Berechtigung zum Wählen solange, als dieselben sich bei der Fahne befinden. N § 3. Von der Berechtigung ur N, ausgeschlossen:. e e Wahlen sind 1. Personen, webegon? Lurebes Taeiche unter Vormundschaft oder AEatel stehen; Personen, über deren Vermögen Konkurs⸗ oder Fallitzustand gerichtlich eröffnet worden ist und zwar während der Dauer dieses Konkurs- oder Falliments Verfahrens; 3. Personen, welche eine Armenunterstützung aus öffentlichen oder Gemeindemitteln beziehen oder im letzten der Wahl vorhergegangenen Jahre bezogen haben; 4. Personen, denen infolge rechtskräftigen Er⸗ kenntnisses der Vollzug der staatsbürgerlichen Rechte entzogen ist, für die Zeit der Ent⸗ ziehung, sofern sie nicht in diese Rechte wieder eingesetzt sind. Ist der Vollgenuß der staatsbürgerlichen Rechte wegen politischer Vergehen oder Verbrechen entzogen, so tritt die Berechtigung zum Wählen wieder ein, sobald die außerdem erkannte Strafe vollstreckt oder durch Begnadigung erlassen ist § 7. Wer das Wahlrecht in einem Wahlbezirke ausüben will, muß in demselben oder im Falle eine Gemeinde in mehrere Wahlbezirke geteilt ist, in einem derselben zur Zeit der Wahl seinen Wohnsitz haben. Jeder darf nur an einem Orte wählen. § 8. In jedem Bezirke sind zum Zwecke der Wahlen Listen auszulegen, in welche die zum Wählen Berechtigten nach Zu⸗ und Vornamen, Alter, Gewerbe und Wohn⸗ ort eingetragen werden. Diese Listen sind spätestens 4 Wochen vor dem zur Wahl bestimmten Tage zu jedermanns Einsicht auszulegen und dies zuvor unter Hinweisung auf die Einsprachefrist öffentlich bekannt zu machen. Einsprachen gegen die Listen sind binnen 8 Tagen nach Beginn der Auslegung bei der Behörde, welche die Bekannt⸗ machung erlassen hat, anzubringen und innerhalb der nächsten 14 Tage zu erledigen, worauf die Listen ge⸗ schlosen werden. Nur diejenigen sind zur Teilnahme an der Wahl berechtigt, welche in die Listen aufge⸗ nommen sind. Wenn Arbeiter für längere Zeit außerhalb ihres ständigen Wohnortes beschäftigt sind, nur in längeren Pausen in ihre Heimat zurückkehren, in ihrem Arbeits⸗ orte aber einen festen Wohnsitz haben(Bauarbeiter, Monteure, Landarbeiter), so können sie die Aufnahme in die Wahlliste ihres Arbeitsortes verlangen und dürfen nicht zurückgewiesen werden. ——————— 1. 0 Anterhaltungs-CTeil. 1 ——— 2 Ein Narr des 19. Jahrhunderts. Von Heinrich Zschokke. (Schluß.) „Aber, Freund Olivier, deine Urteile über stehende Heere, über den Geburtsadel, über die unterdrückten Rechte der Nationen über..“ „O Popio, Freund Norbert! Diese Sätze sind gottlob in Europa als tote Wahrheiten allgemein anerkannt. Man nennt sie in Thesi und in Theorien richtig, in Praxis irrig, und zwar aus triftigen Gründen. Ich habe nichts dagegen. Ich selbst wäre ich Fürst oder Minister, würde mich wohl hüten, ehe ich ein philoso⸗ phisches Volk hätte, Platos Republik zu orga⸗ nisteren. Allein ich habe diese Sätze unter Freunden, unter meinesgleichen ausgesprochen, nicht ste dem Pöbel zur Empörung gepredigt. Ich tat, was heute Millionen in Schrift und mündlichem Wort tun. Ihr müßtet der halben Bevölkerung Europens den Kopf abschlagen, wenn ihr nicht wolltet, daß solche Sachen ge⸗ dacht und gesprochen würden. Eben daß man sie in einer Hälfte des Volkes denkt und spricht, dadurch allein dringen sie auch in die andere Hälfte über. Und ist einmal die Mehrheit vom Bessern überzeugt, dann macht sich alles leicht von selbst, ohne Staatsumwälzungen und Blut⸗ bäder, durch den natürlichen Gang in ver⸗ besserter Gesetzgebung. Wahrlich, nicht deswegen hielt man mich für wahnsinnig, lieber Norbert, nicht deswegen bannte man mich von der übrigen Welt aus. Niemand hätte was dagegen gederkschaften nach dep e eee ere Tpehübt, wenn ich Baron gegen die Ungerechtig⸗ keit, Barbarei, Thorheit und Schädlichkeit deklamiert haben würde, welche mit dem Institut des bevorrechteten Erbadels verbunden sind; niemand hätte etwas dagegen gehabt, wenn ich bei meinen Deklamationen eine Gräfin oder Baronin geheiratet haben würde. Es treiben's viele so. Aber daß ich folgerecht handelte ob⸗ gleich niemand damit beschädigt wurde; daß ich die Liebe eines schönen und tugendhaften Bettlerkindes dem Vorurteil meiner ahnenstolzen Sippschaft vorzog; daß ich Baron ein von der Landstraße weggenommenes uneheliches Kind zur Gemahlin wählte— das war ein Ver⸗ brechen. Norbert, steh Malchen noch einmal an— dann tritt vor meinen pergamentenen Stammbaum und dann verdamme mich.“ „Mit solchen Dokumenten für dein Recht, lieber Olivier, bist du freilich ein furchtbarer Advokat. Ich denke aber, der Adel hätte dir am Ende diese Sünde gegen seinen Stand wohl hingehen lassen und dich allenfalls als eine Ausnahme von der Regel betrachtet.— Du weißt, man denkt heutigestags in solchen Dingen schon viel duldsamer, der Adel ist nicht mehr wie...“ 8 „Das glaubst du? O mein Freund, betrüge dich nicht über unsere Kaste, in der nicht nur die Physiognomien und nicht nur die Vorrechte, sondern auch die Begriffe und Vorurteile der Familien erblich und durch die Vererbung in vielen Generationen unausrottbar geworden sind. Der Adel hat die eigentlich fixe Idee, von Geburt aus bessern Teiges zu sein als die übrige Menschheit. Und wenn er schon der Gewalt der Revolutionen unterliegen muß: seine fixe Idee bleibt obenan. Sahst du nicht den ausgewanderten Adel Frankreichs im Elend? Seinen Dünkel verlor er nicht, auch da er seine eigenen Schuhe flicken und seine Hemden selbst waschen mußte. Siehe die jungen, im Elend geborenen oder erzogenen französischen Edelleute jetzt in Frankreich wieder. Was treiben sie? Statt mit ihrem Schicksal ausgesöhnt zu sein, klagen sie, weil sie mit Leuten von bürgerlichen Abkunft so viele, ja alle Rechte teilen sollen. Dafür arbeiten sie wider die Charte, bis keine Charte mehr ist „Hier, mein lieber Advokat, lässen du dich auf einer Schwäche ertappen, die ich zu benutzen viel zu großmütig bin. Was beweisen Menschen jenes Landes für oder wider Menschen unsers Landes? Wer würde aus den Begriffen der indianischen Häuptlinge mit ihren knöchernen Nasenringen eine Anklage gegen unsern hiesigen Adel machen wollen?— Lassen wir das. Aber versteh mich wohl. Ich möchte dich mit der übrigen Welt aussöhnen. Ein kleines Opfer von dir, eine geringe Nachgiebigkeit in unbe⸗ deutenden Aeußerlichkeiten, und, glaube es mir, man wird dir alle deine Meinungen, selbst deine Paradoxien verzeihen. Und wir sind schuldig, Opfer zu bringen. Nur dadurch er⸗ kaufen wir Vertrauen. Und nur im Besitz des öffentlichen Vertrauens können wir öffentlich wirken.“ „Du vexlangst ein kleines Opfer von mir, Norbert. Ich kenne es schon. Du forderst als Kleinigkeiten nichts weniger denn mich selbst mit allen meinen Ueberzeugungen, Grund⸗ sätzen und daraus hervorgehenden Pflichten zu opfern. Aber wenn ich nun meine Ueber⸗ zeugungen und Grundsätze aufgeopfert habe, das heißt mein ganzes Wesen, was tauge ich dann noch in der Welt? Womit soll ich dann Gutes wirken?“ „„Noch mit vielem! Siehe andere weise Männer! Sie stiften, ohne mit der Welt zu verfallen, unsägliches Gute. Warum könntest du es nicht? Was kannst du, selbst durch dein bloßes Beispiel, und du alleinstehend, wirken, wenn dich, wie jetzt geschieht, alle deine Um⸗ gebungen verkennen und glauben, du habest an deinem Verstande Schaden genommen?“ „Die Frage verdient eine Antwort, denn sie ist von allen deinen Fragen die wichtigste. Zuerst gedenke meines Befugnisses als Mensch, daß ich, wenigstens in meinem Hause, auf meinem Boden, gemäß meiner bessern Ueber⸗ Flag. Hg, essen, trinken, mich kleiden, reden wenn ich düneit war keine 9 5 d deln dürfe, 80 b Da ich nun die Albern⸗ fremden Rechte verletze. 2 1 heiten und Abgeschmackheiten, Künsteleien, Un⸗ natürlichkeiten und Verzerrungen der jetzigen europälschen Menschheit, wie ste sich eben aus dem Schlamm alter Barbarei hervorwindet, lächerlich, schädlich, unnatürlich, verächtlich finde, soll ich, mit aller Neigung und allem Beruf und aller Pflicht zum Wahren und Ge⸗ rechten, keinen Gebrauch von jener Befugnis machen? selbst nicht auf die Gefahr hin, daß ich von unseren Barbaren, den Kunst⸗ und Ge⸗ wohnheitstieren, die es nun nicht besser ver⸗ stehen, ausgelacht werde? Soll der Weltum⸗ segler, wenn die Wilden Indiens ihm Menschen⸗ fleisch zum Schmause vorsetzen, sein Grausen überwinden, die scheußliche Sitte mitmachen, damit ihn die Indianer nicht auslachen?— So viel, Norbert, was meine Person unmittelbar und allein berührt.“ f Hier schwieg Olivier einen Augenblick, als wollte er allfällige Antworten abwarten, fuhr aber bald fort:„Uebrigens, o Norbert, er⸗ innere dich des Bruchstückes aus der Reise des Pytheas und deines eigenen Geständnisses und der getroffenen und treffenden Wahrheit. Du selbst giebst zu, daß sich die menschliche Gesell⸗ schaft unsers Weltteils weit von den Gesetzen der Natur hinweg verloren hat. Ihr alle ge⸗ stehet, daß wir eben darum unendlich viel zu leiden haben; denn die Verletzungen der ewigen Gesetze Gottes führen ihre Strafen gegen die Frevler in sich selbst mit. Keiner von euch leugnet, daß euer gesamter bürgerlicher und häuslicher Zustand, daß eure Verfassungen, Sitten und Lebensweisen nur höchstens ein Bestehen im Natur widrigen sind. von euch lachen, Pine der u den einfachen, ewigen zurüctzutehren An diesem Heldenmut fehlt es! Wohlan, mir ist er nicht fremd! daß einer und einzelne, unbekümmert um Wahn des Guten paß 8 5 Es ist gut, daß einzelne aufstehen, mit 152 herrischen Wahnsinn des Zeitalters und eine neue Revolution sie abermals ausslößt.“o ff ene Fehde bieten. mich eurer Sprache zu Denn durch bloße Lehren Vernunft, Ordnungen Gottes Es ist gut, und Gelächter des groben Haufens, das Beispiel hinstellen. die nicht itulieren und Accommodement treffen, um 10 15 bedienen, sondern ihm —— —. l N 1 Nr. 17. 1 Mitte ldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. de uch von Kanzeln, Kathedern und Schaubühnen, zu tun.— Weil ich ohne Luxus und mit Wir bra Ich umarmte den edlen* en durch bloße Philosopheme, durch Lobreden auf Verbannung des Fremdartigen trinke und Sonderling 110 195 ihm nur lächelnd:„Wir 0 gen Natürlichkeit und Wahrheit wird nichts getan. speise; weil ich mich bequemer und dem Auge haben ein altes Sprichwort: Allzu scharf 16 s Ihr redet, philosophiert und schreibet immerdar, gefälliger kleide; weil ich dem männlichen Bart macht schartig.“— der und die Lehrer bleiben selbst immerdar wie sie] seine Ehre wiederfahren lasse; weil ich den Nach einigen Tagen verließ ich ihn. Die 8 en sind, und die Schüler werden nichts anders.— Vorrechten und Vorurteilen meiner Kaste ent⸗ Erinnerungen an Flyeln werden zu den ange⸗ 1 1 Darum ist's gut, daß einzelne die Urbilder sage und nicht mehr, als ich wert bin, gelten nehmsten meines Lebens gehören. Ich will es 3 r des Bessern in die Wirklichkeit des Lebens will; weil ich mich durch Vermählung mit auch nicht bergen, daß wenn die ganze Welt 1 dern hinausführen. Allerdings wird man sie anfangs einem Mädchen von niedriger und unehelicher[in den Wahnsinn meines Oliviers verfallen ö fer für„Unsinnige halten und bemitleiden und Abkunft nicht zu beflecken glaube; weil ich wollte, ich mit Freuden einer der ersten* be⸗ pbeespötteln. Nach und nach gewöhnt sich das 5 Auge der Zeitgenossen aber an die fremdartigen t Erscheinungen. Endlich wird gesagt werden: nd aber der Mann hat doch in vielen Dingen so unrecht nicht. Zuletzt wagen es die Kühnen, bes schüchtern in einzelnen Dingen nachzufolgen.— ich Und, Norbert, wer die Menschheit oder auch einen kleinen Teil der Menschheit nur um einen k, Schritt wieder zur Natur zurückgeführt hat, der st hat für die Flüchtigkeit des Lebens genug getan. ich— Und so, lieber Freund, laß mich gewähren! lb. Viele pflegen den, der Recht tut, nur deswegen zu tadeln, weil es sie verdrießt, daß eben er und nicht sie selbst den Mut haben, das Rechte keine Ehre durch einen Zweikampf herstellen und kein Zeichen meiner wirklichen oder ge⸗ heuchelten Verdienste auf der Brust zur Schau tragen mag; weil ich Leibeigene zu meinen freien Mitmenschen und Freunden mache; weil ich die Lüge verachte, die Wahrheit ohne Furcht bekenne: darum werde ich noch im neunzehnten Jahrhundert als ein Narr behandelt, ungeachtet ich der Vernunft gemäß lebe, nicht gegen bestehende Verfassungen und Gesetze mich ver⸗ ging, niemand Leids zufügte, manchem Gutes erwies, nie das wahrhaft Sittige und Anständige verletzte.— Hier, Norbert, hast du meine Antwort auf deine Frage. Nun laß uns davon abrechen.“ Wahnsinnigen werden würde. Wir haben seit⸗ dem unsern Briefwechsel wiederhergestellt, und ich habe ein Gelübde getan, von Zeit zu Zeit in das glückliche Flyeln zu wallfahrten. Humoristisches. Ein Vielgeplagter. Rentier(morgens im Bett): Aufstehen will ich jetzt schon nochmal,— aber„10 dann wirb für heut' nichts mehr getan! 19 Belehrung. Richter(zu den beiden Schöffen, 1 die während einer Verhandlung eingeschlafen sind):— Meine Herren, so ist das Rechtsprechen ohne Ansehen der Person aber nicht aufzufassen! be 2 0 2 2 85 2 9* 0 10 Leser und Leserinnen!! Berücksichtigt bei Euren Einkäufen die Inserenten dieses Blattes! 5 7 N „% III N L e „ e Wegen Umzug cf. di lest 2 v. cl 75 an b. z. feinsten. verkaufe ich sämtliche Ware zu„ 0 Das Schiulige scheiß n eee e bedeutend herabgesetzten Preisen. 22 Sonmenslrasse 22 7 , eee pes. e e Günstige Gelegenheit zum Ankauf von empfiehlt Konfirmandenstiefel in großer Auswahl: „ ee Consirmamden- Geschenken. ae pen e ee 7 4 2 2 ie ei ten Damen⸗ und Kind 1 1 D. Kaminka i in ftaunend biltgen Pressen n Venfert gung nach maß, . 9 9 Millio nen Uhren Gold e ee eee eee 5 5 19h Ci garren Marktplatz 18. 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Die kleinsten Treffer betragen 2 mindestens ca./ pCt. des Ein- 2 satzes, daher bei Verloosung fast 22 milnonen mark 71 2 K ein Misco Prima Kornbrod bei Bäckermeister L. Müller Bahnhofstraße 58. FVerivallungsslelle Lola: des deutschen Metallarbeiter-Verbandes Sonntag, den 10. Mai, Nachm. 3 Uhr: feier des 7. Slistungssestes beim Wirt Kübler,„Zur Germania“ bestehend in Konzert, Jestrede und Tanz. Unsere Gesellschafts- Kombi- nationen bieten die Grösste Gewinnchancen. 112 ferschiedene Nummern esoolsuegeluv nuss deins n ganz. Deutsch Confi- manden- leider!! Wenn Sie einen Sohn zu kon⸗ firmieren haben, so fragen Sie Ihren nächsten Nachbar, welcher im verflossenen Jahre dieselbe Freude hatte. Dieser Mann wird Monatlich Beteiligung nur Mk. 4. Anmeld. befördert umgehend: 2 2 2. W)walter Essen3 223 Ma erg. Zum Abschluß von Eintritt: Herren 20 Pfg., Damen 10 Pfg. Es ladet freundlichst ein Das Komitee. Malfeior Heuchelheim! Freitag, den 1. 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