1 1 sen dern i u. nr. hil. lar: und uns⸗ dt. dw. — . ble ufsst en. 205 3.70 47⁰ 6,15 ung le. 1 bot Nr. 4. 191 „ 10. Jahra. f Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Nedaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. Abonmeutentspreis: Bestellungen E Inserate Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die ögespalt. Aus träger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei windestens Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch] Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25%% bei 6 mal. Bestellung die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark.] jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33 ½¾ und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt, Das RMeichstagswahlrecht ist schon seit seinem Bestehen Gegenstand offener und versteckter Angriffe der Reaktionäre gewesen. Die herrschenden Klassen haben es niemals verschmerzen können, daß bei der Wahl zum Reichstage die Stimme des armen Arbeiters genau so schwer ins Gewicht fällt, als die des Millionärs. Und während und nach den Zoll⸗ kämpfen im Reichstage ließen sich die Führer der Junker und der Zöllnermehrheit manches Wort entschlüpfen, das ihre Absicht, mit dem bestehenden Wahlrecht zum Reichstage sobald als möglich aufzuräumen, deutlich erkennen ließ. Man hatte auch guten Grund, anzu⸗ nehmen, daß die Regierung solchen Absichten entgegenkommen werde. Es überrascht daher, daß der Reichskanzler in der Dienstags ⸗Sitzung des Reichstags eine Vorlage zur Sicherung des Wahlgeheimnisses ankündigte. Die Vorlage soll dem Bundesrat bereits zugegangen sein, der Reichstag wird sie noch in dieser Sesston erhalten und schon bei den Neuwahlen dieses Sommers sollen die Wähler unter dem Schutze des amtlichen Stimmzettelkouverts und des Isolierraumes ihe Staatsbürgerrecht aus⸗ üben können. Das ist eine erfreuliche Kunde, nach all' dem Schlimmen, was das deutsche Volk in der letzten Zeit von seiner Regierung erfahren hat. Wirklich, sehr erfreulich, sehr überraschend, beinahe unglaublich. Die Re⸗ gierung des Zollwuchers, der Zuchthausvorlage und anderer volksfeindlicher Dinge, die Regie⸗ rung, die mit den erbittersten Feinden des Wahlrechts ein Herz und eine Seele ist, bringt eine Vorlage zur Sicherung des Wahlgeheim⸗ nisses, zur Verhütung der Vergewaltigung ab⸗ hängiger Wähler ein, das muß uns beinahe mit— Mißtrauen erfüllen. Das Mißtrauen dürfte berechtigt sein. Es sollte uns sehr wundern, wenn nicht bei der Beratung der angekündigten Vorlage der Versuch von reak⸗ tionärer Seite gemacht werden sollte, das Wahl⸗ recht zu verschlechtern. Auf alle Fälle muß das Volk die Augen offen halten; auch mit dem gesic erten Wahlgeheimnis ist das Wahlrecht keineswegs gesicherter. Die Sozialdemokratie wird es an Wachsamkeit nicht fehlen lassen. Man wird sie auf dem Plane finden, wenn etwa versucht werden sollte, unter dem Scheine einer Konzession an den Willen der Volksmehr⸗ heit eine Verkümmerung des wichtigsten Volks⸗ rechtes durch Hintertüren zu erreichen. Unterdrückung der Nedefreiheit im Reichstage. Der Relchstagspräsident Graf Ballestrem, der sich schon bei dem Kampfe um den Zolltarif durch sein diktatorisches Vor⸗ gehen gegen die Minderheit um das Ansehen brachte, daß er wegen seiner bisherigen Unpar⸗ teilichkeit auf allen Seiten genoz, hat in der Dienstags⸗Sitzung des Reichstags einen neuen Gewaltstreich verübt. Unser Gen. Vollmar beabsichtigte bei seiner Etatsrede die verletzenden Aeußerungen, die der Kaiser in seinen Reden in Essen und Breslau gegen die Sozialdemo⸗ kratse geschleudert hat, zur Sprache zu bringen. Vollmar hatte dazu ein gutes Recht, nach den Regeln, die der Präsident selbst im Reichs⸗ tage eingeführt hat. Trotzdem verhinderte er Vollmar, auf die kaiserlichen Angriffe zu antworten. Gegen diese Willkür des Grafen Ballestrem protestiert unsere Reichstagsfraktion in einer öffentlichen Erklärung, in der sie zum Schluß sagt: „Da die Geschäftsordnung des Reichstages keinen Weg bietet, diesen nur bei Kenntnis der Geheimgeschichte des Falles Krupp verständlichen Gewaltakt des Präsidenten im Reichstage selbst zur Erörterung zu bringen, so wenden wir uns an die Oeffentlichkeit. Wir überlassen dem deutschen Volke, über dieses durch den Präst⸗ denten des Reichstages auf die Redefreiheit der Abgeordneten verübte Attentat das Urteil zu fällen.“ Deutscher Reichstag Nachträgliches zum Zolltarif. Merkwürdigerweise wies der Reichstag am Mittwoch ein beschlußfähiges Haus auf. Aber nur bei der Abstimmung, nicht bei der Bergtung. Wenn übrigens nicht zugleich das diätengesegnete preuß. Dreiklassenhaus tagte, von dem zahlreiche Mitglieder zugleich dem Reichstage angehören, wäre er sicher beschluß⸗ unfähig.— An diesem Tage wurde, wie schon in unserer vorigen Nr. bemerkt, über die Reso⸗ lutionen zum Zolltarif verhandelt. Zuerst eine, welche den Zweck verfolgt, unter dem Vorwand einer Bekämpfung des Rockefellerschen Welt⸗Petroleum⸗Ringes die Einkünfte der deutschen Spiritus⸗Agrarier zu steigern. Es war vergebens, daß die Nationalagrarier Heyl und Paasche durch chauvinistische Trommel⸗ schläge das Publikum über die wirkliche Be⸗ schaffenheit der ausgebotenen Ware zu täuschen suchten; Genosse Wurm und die freisinnigen Vereinigungsleute— die Herren von der frei⸗ sinnigen Volkspartei übten wieder ihre Schweige⸗ taktik— Gothein und Frese zerrissen unbarm⸗ herzig den patriotischen Schleier und enthüllten die agrarische Gewinn sucht in ihrer ganzen nackten Schönheit. Aber die Mehrheit ist eben agrarisch; die Petroleumresolution wurde mit 152 gegen 70 Stimmen angenommen. Nun folgte die Beratung der beiden Meist⸗ begünstigungsresolutionen. Die extrem⸗ agrarische, die bezeichnenderweise den Namen des national⸗„liberalen“ Großgerbers Heyl zu Herrnsheim trägt, verlangt kurzer Hand die Kündigung einer Reihe Meistbegünstigungsper⸗ hältnisse vor Erneuerung der Handelsverträge; die zahmere Resolution Speck will der Regie⸗ rung ein kleines Hinterpförtchen offen halten. Lederfürst Heyl hielt eine lederne Rede gegen das des potische Amerika, dessen Konkurrenz er im Interesse der deutschen Arbeiter— beileibe nicht in dem der deutschen Fabrikanten!— bekämpfte. Die Beratung über diese Zoll⸗ kampf⸗Resolutionen wurde Donnerstag fortgesetzt. In zweistündiger Rede bekämpfte Genosse Bernstein die Politik der Zoll⸗ drohungen, diese Politik der Schraube ohne Ende, die mit dem Militarismus und Marinis⸗ mus in nur allzu engem Zusammenhange steht. Unwiderleglich wies er nach, daß bei einem Zollkrieg mit Amerika der Hauptleidtragende auf alle Fälle der deutsche Konsument und der deutsche Arbeiter sein werde. Den Agrariern und Schutzzöllnern dieser Kouleur ist das natür⸗ lich höchst gleichgültig: Graf Kanitz hielt eine Hetzrede gegen Amerika, mit der verglichen die Zollkampfrede des Herrn v. Heyl vom vorigen Tage als die reine Friedensschalmei sich aus⸗ nahm. Posadowsky schränkte seine amerika⸗ feindlichen Mittwochausführungen am Donner⸗ stag ein ganz klein wenig ein; er ist jetzt zu der Ansicht gelangt, die er noch vor wenigen Jahren als puren Vaterlandes verrat betrachtete, daß Schildläuse auf getrocknetem Obst nicht fortpflanzungsfähig sind. Die Polemik des Herrn Dr. Semler wider seinen Fraktionsge⸗ nossen Heyl bewies, daß die nationalliberale Partei, ihren Traditionen getreu, über die Meiscbegünstigungsfrage geteilter Meinung 1 Am Freitag wurde die Beratung über diesen Gegen⸗ stand zu Ende geführt. Vorher hielt der Lederkönig Heyl uoch eine Rede, in der er verschiedene freisinnige Abgeordnete verdächtigte, wofür ihm aber von Herrn Gothein eine gehörige Abfuhr zuteil wurde. Fürst Herbert Bismarck glaubte die Gelegenheit günstig, einmal wieder von sich reden zu machen; er schwang eine Drohrede gegen Amerika, die er übrigens fast ganz vom Papier ablas. Genosse Bernstein las den Zollkampffanatikern noch einmal gründlie T ch den Text. Damit war die Diskussion zu Ende. In der Abstim⸗ mung wurde die Resolution Speck mit 141 gegen 67 Stimmen angenommen, nachdem Heyl die seinige zurück⸗ gezogen hatte.— Nun folgte die Beratung einer von unseren Genossen beantragten Res lution, welche sin gegen die Gefängnisarbeit wendet, soweit dieselbe der freien Arbeit unlautere Konkurrenz macht. Genosse Baudert begründete in sachkundiger Weise die Reso⸗ lution. Der Reichsparteilen Gamp, sonst ein paten⸗ tirter Mittelstandsretter, entdeckte plötzlich, daß der Staat doch seine Gefangenen beschäftigen müsse, und sprach gegen die Resolution, die dagegen der Freisinnige Schrader befürwortete. Die Richterschen schwiegen sich wieder aus; das Zentrum ließ durch Herrn Schädler den gewohnten Eiertanz ausführen. Nach einem Schluß⸗ wort Bauderts wurde abgestimmt: der ganze Troß der Mittelstandsretter, ein paar Nationalliberale und anti⸗ semitische Männlein ausgenommen, stimmt gegen unsere fast noch mehr im Interesse des Kleinhandwerks als in dem der Arbeiter liegende Resolution. Die Wähler mögen sich das merken. Die Zollmehrheit weiß nicht, was sie beschlossen hat. Wie oberflächlich die ganze sogenannte„Be⸗ ratung“ des Zolltarifs gewesen ist, das zeigt eine Interpellation des Abg. Rösicke (Dessau), in der er fragt, was man eigentlich unter dem Begriff„Malzgerste“, der im Zoll⸗ tarif enthalten sei, zu verstehen habe. Rösicke ist Brauereibesitzer, also Fachmann, ihm ist das von den Zölluern erfundene Wort„Malz⸗ gerste“ unbekanut. Die Einführung dieses dunklen Wortes in die Tarifgesetzgebung er⸗ möglichte dem Grafen Bülow, unter scheinbarer Nichtverletzung des Wortlauts seiner wieder⸗ holten feierlichen Erklärungen mit der Zoll⸗ mehrheit das berüchtigte Kompromiß abzu⸗ schließen, das mit Hilfe von Verfassungs⸗ und Geschäftsordnungsverletzungen zum„Gesetz“ erhoben wurde. Sofort aber erhob sich die Frage: was ist Malzgerste und was ist Futter⸗ gerste? Eine sehr wichtige Frage: an ihrer Beantwortung sind das deutsche Braugewerbe Weed —— —— e 2—— SFFFFPFTTPT*— ——— 2 ä Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 4. und die Masse der kleinen, sich mit Vieh- und Geflügelzucht befassenden Landwirte in gleicher Weise interesstiert. So war es denn sehr ange⸗ bracht, daß der Abg. Rösicke⸗Dessau sich einmal dannach erkundigte, was denn eigentlich der Reichskanzler unter„Malzgerste“ sich denkt. Es scheint aber, daß der Herr Graf Bülow sich gar nichts darunter denkt. Wenigstens geruhte er nicht, sich im Reichstage einzufinden, sondern ließ sich durch Herrn von Thielmann vertreten. Herr v. Thielmann scheint großen Wert darauf zu legen, sich bei seinen früheren Feinden lieb Kind zu machen; auf Klarheit dagegen dürfte er weit geringeren Wert legen. Wenigstens gab er auf Herrn Rösickes klare und bündige Frage keine ebensolche Antwort. Will die Regierung kurzer Hand alle Gerste als Malzgerste betrachten und demzufolge mit dem Mindestzoll von 4 Mark belegen? Oder will sie einen Unterschied machen? Herr v. e kann es nicht sagen, hat es nicht esagt. 5 Bei der Besprechung der Interpellation erklärten die Agrarier ihr Vertrauen zu den Herren von der Regierung, die schon einen Ausweg aus dem von den Agrariern angerichteten Kuddelmuddel finden würden. Früher war das Vertrauen der Bündler zu der Regierung nicht so stark! Genosse Wurm ergänzte in wert⸗ vollster, von gediegenster Sachkenntnis zeugender⸗ Weise die Ausführungen Rösickes und rechnete den Herren Mittelstandspolitikern an der Hand unwiderleglicher Ziffern nach, daß das Malz⸗ gersten⸗Kompromiß unweigerlich zum Ruin der kleinen Brennereien führen muß. Weiter be⸗ tonte unser Genosse, daß nach den Erklärungen des Staatsekretärs sämtliche Gerste mit 4 Mk. Mindestzoll belegt wird und daß damit die deutschen Kleinbauern schmählich hin⸗ ters Licht geführt wurden, die jetzt die Kosten des erhöhten Zolles zu tragen haben! Am Montag begann die Beratung des Etats. Der Schatzsekretär Thielmann gab ihu in Abwesenheit des Reichskanzlers die üblichen Geleitworte mit. Dabei sprach er über Vene⸗ zuela, das Defizit, das auch sparsame Finanzminister nicht verhüten könnten. Inte⸗ ressant war sein Hiaweis darauf, daß die höheren Fleischpreise 3 Millionen Mk. Mehrkosten für das Heer verur⸗ sachen. Im Hintergrunde stehen neue Steuer⸗ projekte, von denen der Minister allerdings noch nichts sagte.— Als erster Redner aus dem Hause nahm der Zentrumsmann, der Urbayer Schädler das Wort. Er hatte den Auftrag, für den strengen Konstitutionalismus einzu⸗ treten. Nur schade, daß der Hauptmitschuldige an eben der Finanzpolitik, die der Zentrums⸗ redner geißelte— eben das Zentrum ist. Das unehrerbietige Gelächter, mit dem die Linke Herrn Schädlers„demokratische“ Drohungen begleitete, mochte dem streitbaren Herrn zeigen, wie hoch seine pomphaften Worte bewertet werden. Um über den wahren Wert dieser Drohungen gar keinen Zweifel zu lassen, be⸗ kannte sich der Zentrumsredner zum Schluß mit phrasenhafter Emphase zur Weltpolitik. Einen breiten Raum in der Schädlerschen Aus⸗ führungen nahmen Betrachtungen über das be— kannte Swinemünder Entrüstungs⸗ telegramm an den Prinzregenten Luitpold ein. Reichskanzler Bülow sah sich genötigt, darauf zu antworten, es mag ihm peinlich genug angekommen sein. Der Konservative Graf Stolberg will nichts für die Beschickung der Weltausstellung in St. Louis bewilligen, sagte aber auch nichts davon, daß er die Mehreinnahmen, die ihm aus den erhöhten Zöllen erwachsen, der notleidenden Reichskasse zur Verfügung stellen wollte. Gewaltstreich des Reichstags⸗ präsidenten. Am Dienstag eröffnete unser Genosse v. Vollmar die Debatte, der im Gegensatze zu seinem Landsmann Schädler, dem Centrums⸗ redner vom Montag 0 wirksame, und doch sachliche Kritik an der ganzen deutschen Reichs⸗ politik übte. Die glänzende Rede Vollmars stand im Mittelpunkt der Dienstagsverhandlung, wie sie ihren Eingang bildete. Dr. Schädler hatte tags zuvor Kritik an der Finanzverwaltung des Reichsschatzsekretärs geübt. Ganz recht, sagte Genosse v. Vollmar, die Kritik ist schon ganz gut; leider geht sie nicht weit genug. Der Hauptschuldige an dem Manko der Reichs⸗ finanzen ist nicht Herr v. Thielmann, sondern die bewilligungswütige Reichstagsmehrheit, in allererster Linie das flottenschwärmende Zen⸗ trum. Scharf ging Vollmar mit dem Zentrum ins Gericht; das hinderte ihn aber nicht, sich in Sachen der Swinemünder Katserdepesche an den bayrischen Prinzregenten nachdrücklichst allen Ausführungen Schädlers anzuschließen. Darauf kam Vollmar auf den Fall Krupp zu sprechen. Richtiger: er wollte die Reden, die anläßlich des Falles Krupp gehalten worden sind, besprechen. Aber der Geschäftsführer der Vergewaltigungsmehrheit, Präsident Graf Balle⸗ strem, hinderte ihn daran. Unglaublich, aber wahr: ein Fall, der Wochen hindurch im Mittelpunkt der inneren Politik Deutschlands gestanden hat, darf im deutschen Reichstage nicht behandelt werden! Die Vertreter des deutschen Volkes sind von ihrem gewählten Vorsitzenden zu Staatsbürgern zweiten Rechts degradiert worden, im Reichstage darf nicht Heftig hen werden, was in allen Volksver⸗ sammlungen, in allen Vereinen, an allen Stammtischen behandelt wird. Vergebens waren die stürmischen Protestrufe unsrer Ge⸗ nossen. Nach einer kurzen, aber wilden Szene, die an die heftigsten Auftritte der Kardorff⸗ Tage erinnerte, setzte Graf Ballestrem seine Maulkorbverfügung durch. Ob er dieselbe aus der Tiefe der eigenen Brust geschöpft, ob er sie mit dem Reichskanzler abgekartet hat? Auf alle Fälle hat der Knebelgraf der Sozialdemokratie einen großen Triumph bereitet, indem er den„Fall“ nicht einmal erörtern lassen wollte, mit dem man in die deutsche Arbeiterbewegung töter als tot zu schlagen vermeinte.— Nachdem der parteiische Präsident seinem eigenen Parteigenossen Schädler in der schärfsten Weise hatte gegen den Kaiser reden lassen, obwohl das von diesem angegriffene Telegramm nicht im„Reichsanzeiger“ gestanden hatte, verbot derselbe Vorsitzende unserm Ge⸗ nossen v. Vollmar mit absichtlicher und be⸗ wußter Ungerechtigkeit eine Kaiserrede zu be⸗ sprechen, welche im„Reichsanzeiger“ gestanden hatte. Jedes Recht tritt dieser Präsident mit Füßen, weshalb ihm Genosse Fischer das Wort „Parteipräsident!“ entgegenrief.— Die Aus⸗ führungen der übrigen Redner waren von keiner großen Bedeutung. Schließlich ergriff der Reichskanzler das Wort, der am Schlusse seiner Rede einen Gesetzentwurf zur Sicherung des Wahlgeheimnisses ankündigte. Politische Rundschau. Gießen, den 22. Jauuar. Das Spitzelunternehmen gegen den Vorwärts hat unsere Parteikasse um 60 Mark bereichert. Wie wir schon in voriger Nummer erwähnten, versuchten Abgesandte der Berliner politischen Polizei den Redaktionsboten des Vorwärts zum Treubruch und zum Verrat von Partei- und Geschaftsgeheimnissen zu verleiten. Für diese Spitzelei wurde dem Boten von dem„Unbe⸗ kannten“— offenbar ein Polizeikommissär— wöchentlich 30 Mk. versprochen und zugleich 60 Mk. Vorschuß gegeben. Diese lieferte der Bote, der scheinbar auf den Handel einge⸗ gangen war, an die Vorwärts-Redaktion ab. Der wiederholten Aufforderung an den gehörig legitimierten Geber, das Geld abzuheben, wurde keine Folge geleistet und damit erklärt sich dieser nach der Meinung des Vorwärts für die Ueber⸗ weisung des Geldes an die Parteikasse.— Mögen die Steuerzahler sich merken, daß ihr Geld dazu verwandt wird, ehrliche Leute zum Verbrechen zu verleiten! Hofnarren her! In einem Artikel über den Verlauf der Krupp⸗ Affaire meinte der freisinnige Abg. Barth, daß es zweckmäßig wäre, wenn die Fürsten noch heute wie früher sich Hof⸗ narren hielten, die ihnen den Wahrheit sagen könnten. Wäre z. B. ein solcher am Hofe des Kaisers, so hätte es nicht geschehen können, daß der Kaiser anläßlich des Falles Krupp einen Feldzug gegen den Vorwärts unternommen hätte, wo er sich eine Niederlage holte,„zum großen Leidwesen aller aufrichtigen Freunde der Monarchie.“— Also müssen alle guten Monarchisten dafür sorgen, daß ein Narr an den Kaiserhof kommt. Wir fürchten nur, heutzutage würde es selbst den Narren verboten sein, die Wahrheit zu sagen. „Freiheit der Wissenschaft“ in Deutschland. Der Rektor der Berliner Universität, Prof. Gierke hat neulich einen Vortrag ver⸗ boten, den der Reichstagsabgeordnete Ber n⸗ stein in der freien wissenschaftlichen Studenten⸗ vereinigung über„Prondhon und Lassalle — ein Vergleich“ halten wollte. Sein Verbot begründet der Herr Professor damit:„er müsse zu verhindern und verhüten bestrebt sein, daß die sozialistischen Irrlehren in irgend einer Form Eingang in die jugendlichen Seelen fänden und sie vergifteten.“ Dann muß er den Studenten auch verbieten, ein sozialdemo⸗ kratisches Blatt oder eine sozialistische Schrift zu lesen! Ja, die„Freie Wissenschaft“ sieht in Deutschland merkwürdig aus, sie muß die Pickelhaube aufsetzen. Duellmörder. Am vorigen Mittwoch verhandelte das Schwurgericht in Karlsruhe gegen den Studenten Ruff wegen Zweikampfes. Der Angeklagte hat am 7. Oktober vorigen Jahres seinen Gegner, den Studenten Reiß, im Zwet⸗ kampf getötet. Durch diese Verhandlung erfuhr der verbrecherische Duellblödsinn wieder einmal eine grelle Beleuchtung. Wie gewöhnlich, war. dem Duell eine Wirtshaus-Rempelei voran⸗ Saen und ebenfalls wie gewöhnlich hat der Beleidtger den Beleidigten über den Haufen geschossen. So verlangt es die„Ehre“ und die„Moral“ in den„besseren Kreisen.“ Der Mörder erhielt die lächerlich geringe Strafe von 3½ Jahren Festungshaft! Man halte diesem Urteil jene zahlreichen Verurteilungen entgegen, wo ehrliche Arbeiter zu schweren Ge⸗ fängnisstrafen verurteilt wurden, oft darum, weil sie einem Streikbrecher ein heftiges Wort zugerufen hatten! Noch berichteten die Zeitungen über die Karlsruher Verhandlung, als schon wieder ein neuer Duellmord mitgeteilt wurde. Bei Berlin wurde der Rechtsanwalt Dr. Aye aus Flensburg von dem Leutnant v. Grawert getötet. Dr. Aye soll mit Rücksicht auf seine aus Frau und 5 Kindern bestehende Familie zu den weitgehendsten Konzessionen bereit gewesen sein, trotzdem wurde aber von dem Ehrengericht ein gütlicher Ausgleich für unmöglich erachtet.— Die„Ehrengerichte“ pfeifen auf Gesetz und Humanität.— Und das sind dieselben Leute, die dann im Namen des Staates„Recht“ sprechen. Aus der Ferienkolonie. Eine geradezu empörende, niederträchtige Soldatenschinderei kam vor dem Kriegs- gericht in Rendsburg(Schleswig) am 9. Januar zur Verhandlung und der Bericht da⸗ rüber machte dieser Tage die Runde durch die Presse. Als Angeklagter erschien der Unter⸗ offizter Grosse vom Trainbataillon Nr. 9 in Rendsburg. Dieser Mensch hatte dem Rekruten Tröwe während eines Dienstes die Erlaubnis zum Austreten, worum dieser gebeten hatte, verweigert. Dadurch wurde der Mann in die schlimme Lage versetzt, seine Notdurft in die Hosen zu verrichten. 5 Nach beendigtem Dienst ließ der Unteroffizier die Mannschaften, mit Klopfpeitschen bewaffnet, in der Stube antreten und gab ihnen Befehl den Mann durchzuprügeln. Nachdem dies ge⸗ 8 —— —— Nr. 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 3. schehen, kommandirte der Unteroffizter:„Mann⸗ schaften'raus— das Schwein bleibt hier!“ Hierauf zog der Unteroffizier sein Seitengewehr und befahl dem armen Menschen:„Hose runter, friß das aus, was Du gemacht hast!“ Als der Mann sich sträubte, gab ihm sein Peiniger einen Schlag mit dem Seitenge⸗ wehr, worauf der Soldat in seiner Todesangst dem Befehl Folge leistete und seinen Kot hinunterwürgte. Er mußte sich unmittel⸗ bar darauf erbrechen und nun zwang ihn der Unmensch, auch das Erbrochene aufzu⸗ essen. Der Vorfall ist von Zeugen beobachtet worden, die menschliches Empfinden genug be⸗ saßen— man weiß, was sie in der Kaserne riskirten— die Scheusäligkeit zur Anzeige zu bringen. Die Beweisaufnahme muß die Be⸗ hauptungen der Anklage vollkommen erwiesen haben, das geht aus dem Urteil hervor, das gegen den Unteroffizier wegen schweren Miß⸗ brauchs der Dienstgewalt auf 1½ Jahre Ge— fängnis und Degradation lautete. Der so grausam Mis handelte mußte als„unbrauch⸗ bar“ vom Militär entlassen werden. Mög⸗ lich, daß dte Untauglichkeit eine Folge der unmenschlichen Behandlung war. Zu dieser Nachricht schrieb ein bekehrter Patriot der Münchener Post; der er zugleich 20 Mk. für den sozialdemokratischen Wahlfond zugehen ließ, folgendes: Es ist diese Leistung ein glänzendes Zeugnis milttärischen Gehorsams und Disziplin, worauf wir Deutsche stolz sein können und das Ausland uns stcher darum beneiden wird. Wenn der deutsche Soldat, der des„Königs Rock“ trägt, auf„dienstlichen Befehl“ Dreck frißt, denselben speit, hierauf wieder frißt, können wir mit solchen Soldaten die Welt erobern. Lieb Vaterland, magst ruhig sein. Freisinuige in Wahlrechtsfragen. Was für unsichere Kantonisten auch die Freisinnigen und sogar die bürgerlichen Demo⸗ kraten sind, wenn es sich darum handelt, den minderbemittelten Klassen ihr Recht zu ver⸗ schaffen, das zeigte sich vorige Woche in Frankfurt g. M. In der dortigen Gemeinde⸗ vertretung haben die Freisinnigen und Demo⸗ kraten die Mehrheit. Zur Stadtverordneten⸗ Versammlung kann nur wählen, wer 1200 Mk. Einkommen versteuert. Nun lag der Antrag vor, diesen Ceusus auf 900 Me. herabzu⸗ setzen. Als es aber am Dienstag vor acht Tagen darüber zur Abstimmung kam, hatten sich 15 Mitglieder der Rathausmehrheit ge⸗ drückt, so daß der Antrag mit knapper Mehr⸗ heit abgelehnt wurde! Eine demokratische Versammlung mißbilligte wohl darauf das Verhalten ihrer Parteigenossen, das will aber nichts bedeuten, die Herren haben sich eben mitsamt dem Freisinn elend blamirt. Schlappe von Venezuela. Zu große Schneidigkeit entwickelte das an der venezolanischen Küste stationierte Kanonen⸗ boot„Panther“. Es griff nach den vorliegen⸗ den Meldungen ohne zwingende Veranlassung— das Eingangsfort am Hafen von Maracaibo an und bombadierte es eine Stunde lang. Das Fort erwiederte aber das Feuer sehr heftig, weshalb der„Pauther“ das Gefecht aufgeben und sich zurückziehen mußte. Das deutsche Kanonenboot habe zwei Tote zu ver⸗ zeichnen. Soziales. ine Kraukenkassen⸗Reform soll be⸗ 1 1 Nach einer Zeitungsnachricht wäre dem Bundesrat eine Novelle zum Kran⸗ kenversicherungs⸗Gesetz zugegangen. Durch diese Novelle wird die Zeit der Krankenunterstützungen auf 26 Wochen und ebenso die Unterstützungsdauer nach einer Ent⸗ bindung auf 6 Wochen erhöht werden. Ferner fallen die Vorschriften fort, welche die Gewäh⸗ rung einer Krankenunterstützung bei Geschlechts⸗ krankheiten bisher ausschließen.— Ehe man dieser„Reform“ zustimmen kann, muß man erfahren, ob die kleinen Besserungen nicht etwa für eine Beschrantung der Selb verwaltung der Kassen eingehandelt werden sollen.— rr Ueber die Polenfrage schreibt uns ein Freund unseres Blattes: Die Polenfrage steht mit einmal wieder im Vordergrunde des Interesses. Niemand sieht eigentlich recht, weshalb. Ist es vielleicht noch eine Miquelsche Hinterlassenschaft? Im Abge⸗ ordneten⸗Hause schlägt Minister Rheinbaben temperamentvoll aufs Pult: Wir müssen von unsern Beamten verlangen, daß sie national sind! Hie Welf, hie Waiblingen! sind die Parolen. Der Beamte muß natürlich„Hie Watblingen“ rufen. Aber haben denn nur die Deutschen das Recht,„national“ zu sein? Ist bei den Polen Verbrechen, was von jedem preußischen Beamten als selbstverständlich vor⸗ qusgesetzt wird? Und wie stellt man sich denn zu den Deutschen in Amerika, in den russtschen Ostseeprovinzen, in Siebenbürgen? Wenn die der Regierung des von ihnen bewohnten Landes aus„nationalen“ Gründen Opposition machen, dann ist es natürlich recht uud billig. Oh, sogar mehr als das. Die verdienen dann die begetsterungstriefendsten Reden unserer politisch so verständnisvollen und weitherzigen Alldeut⸗ schen. Aber die Polen bei uns? Ja, das ist natürlich eine andere Sache. Zwar, eine lange und nicht unrühmliche Geschichte haben sie ja hinter sich.(Ist denn die des deutschen Reiches immer so großartig? Z. B. im Zeit⸗ alter der Reformatiouskriege oder der Rhein⸗ bünde?) Und über die Teilung Polens unter die drei edeln zu diesem Zweck plötzlich rührend einigen Nachbarn kann man so seine Gedanken haben. Aber— ja sehen Sie, da kommt das große„aber“, vor dem in Deutschland sofort alles ehrfurchtsvoll und bescheiden verstummt, das„aber“ der angebetenen, abgöttig verehrten und so bombensicher feststehenden militärischen Weisheit:„Aber die strategische Bedeutung dieses Besitzes für das Reich!“ Und das entscheidet nun über die Geschicke eines großen Volkes, über seine ganze Lebensstellung, diese Bedeutung für einen möglicherweise einmal ausbrechenden Krieg. Wenn Polen etwa selbst— ständig und von Rußland bedroht wäre: was gäbe das für feine Reden über die Wichtigkeit eines solchen„Pufferstaates“ zwischen zwet nicht immer gerade in sich verliebten Nachbarn! Wie wohlwollend herablassend könnten wir dann da unsere Freundschaft anbringen und vielleicht hin und wieder auch eine kleine offne Bemerkung über die Brutalität des großen Nachbars, des täppischen russischen Bären. Nun wir aber selber so sind, wie wir es den Russen Finnland gegenüber vorwerfen— da rückt natürlich die„strategische“ Bedeutung Polens in eine andere Beleuchtung. Und vor dem Reichstage steht Bülow. Bei Rheinbaben rühmt man das Temperament. Das kann man beim Kanzler nicht. Aber die Sache ist einfach: Da rühmt man dann eben grade das Gegenteil: er spricht so einfach, wie jeder, der unbedingt weiß, daß seine Sache gut ist. Und wer wagt dann nun noch zu kritisieren? Ist einmal die Parole„nattonal“ ausgegeben, dann steht natürlich jedem braven deutschen Spießbürger der Verstand à tempo still. National und Regierung wird gleichgesetzt und dann kann der Mund lustig des übergehen, dessen das Herz voll ist, besonders, wenn ein paar Glas Bier getrunken sind und die Luft voll Tabaksqualm ist, daß der äußere Blick genau ft wenig mehr unterscheiden kann, wie der geistige. Fragt daun einen solchen Bier⸗ philister, einen solchen begeisterten Käsblatt⸗ politifer einmal was heißt denn das, „national“? Ihr werdet staunen über die Abgründe von Weisheit die sich auftun. Und nun überlegen wir, was die Germani⸗ sierungsstreberei bisher genützt hat. Die Polen werden genötigt, das Deutsche zu lernen. Der Deutsche aber lernt natürlich in Westpreußen z. B. kein polnisch. Das wäre ja auch unver⸗ einbar mit dem„Patriotismus“. Natürlich ist dadurch der Pole in vielen Berufen besser zu gebrauchen. am Verkrachen sind und machte so die gestran⸗ deten Magnaten wieder flott. Der deutsche Anstedler, der auf eigne Faust und durch eigne Tüchtigkeit schon jahrzehntelang dem Deutschtum dort einen guten Namen macht, um den küm⸗ mert man sich kaum. Wo man kann, reizt man das bekanntlich oft überempfindliche Nationalbewußtsein der Polen, das an Eitel⸗ keit grenzen kann, mit Nadelstichen und Keulen⸗ schlägen, und dann wundert man sich, wenn die Opposition dadurch in sich gefestigt, mit Agitationsmaterial versehen und so in jeder Beziehung gefördert wird. Und während man in Polen mit allen Mitteln die Polen unter⸗ kriegen möchte, zieht man sie tausendweise in's eigentliche Dentschland herein und läßt sie den höher stehenden deutschen Arbeitern eine manchmal schwer empfundene Konkur⸗ ren: machen. Vor allem sind es die Säulen der Nation, die ostelbischen Großgrundbesitzer, die dem deutschen Landarbeiter nicht das kleinste Zugeständnis machen, aber das ärmste pol⸗ nische Volk hereinziehen. Natürlich alles„um die heiligsten Güter der Nation“ zu wahren, die„Rasse“ rein zu halten, um den Ausdruck des Reichskanzlers zu gebrauchen. Das ist so der große Widerspiuch, in den sich die herr⸗ schenden Klassen bei uns tief verwickelt haben: Wo die Arbeiter ihre berechtigten Interessen zu vertreten suchen, da werden sie auf die schöne christliche Nächstenliebe, auf die edle Almosengeberei hingewiesen. Ist aber von den J. Teil gewiß auch berechtigten Interessen der Völker die Rede, dann verschwindet das Christen⸗ tum plötzlich in der Versenkung, dann ist ui noch vom Rassenkampf die Rede und daraus folgt dann selbstverständlich, daß Deutschland alles und andere Völker, voran die Polen, sich gar nichts zu erlauben haben. „Sieht man dann nicht, daß die Polen reifer geworden sind in den letzten Zeiten? O doch, man weist sogar mit großem Stolz darauf hin, daß sie das womöglich unsrer deutschen Herrschaft ganz allein zu danken haben. Es ist gewiß etwas Wahres daran. Aber soll denn die polnische Dankbarkeit so weit gehen, daß sie nun ein für allemal nichts Höheres kennt, als in deutscher Knechtschaft zu leben? Sich auf das geplante„Zwinguri“ in Posen mit kindlicher Hingebung zu freuen? Es giebt Eltern, die ihre Kinder selbst dann noch gängeln zu müssen glauben, wenn diese selbst schon längst wieder Kinder haben. Wir nennen solche Eltern höchst unverständig. Und ist es denn wirklich Staatsverbrechen, ein⸗ mal theoretisch die Frage aufzuwerfen, ob mit einem Fremdkörper außerhalb des eignen Fleisches nicht doch vielleicht leichter umzugehen wäre, als wenn er in uns eine chronische Entzündung erzeugt? Wir könnten uns auf manchen großen deutschen Dichter dabei berufen. Aber in der Politik bedeutet ja natürlich der Dichter nichts. Der hat sein Reich der Ideale. Die Politik versteht nur— der Spieß⸗, Bier-, Skatbürger und das in seinen Ansichten eben so unab⸗ hängige wie vorurteilsfreie Amtsblatt. Von Rah und Lern. Hessisches. Zur Wahlrechtsreform in Hessen. Die Regierung hat, wie verlautet, den neuen Gesetzentwurf über die Abänderung des Landtags⸗Wahlrechts fertiggestellt und das Manuskript dem Präsidenten der Zweiten Kammer überreicht. Der neue Gesetzentwurf, der verschiedene wichtige Abänderungen enthält, wird sofort gedruckt und den Kammermitgliedern zugestellt werden. Nachdem der Höchstkomman⸗ dirende im hessischen nationalliberalen Lager, Frhr. v. Heyl, in deutlichster Weise seiner Abneigung jeder Reorganisation des Landtags⸗ Wahlgesetzes Ausdruck gegeben, darf man neu⸗ gierig sein, wie diese Fraktion sich der neuer⸗ lichen Beratung der diesbetreffenden Vorlage gegenüber verhält. Das ist eine schwierige Situtation für die Herren, denn da hilft kein Man kauft polnische Güter, die! Mundspitzen, es muß geffiffen werden. 6 — 5 9 Seite 4. Mitteld ntsche Sountags⸗Zeitungg Parteigenossen! Gedenket des Wahlfonds! Gießener Angelegenheiten. — Der Wahlverein hielt am Sonntag seine General-Versammlung ab, die sehr zahlreichen Besuch aufwies. Zunächst gab der Vorstand seinen Geschäfts bericht für das zweite Halbjahr 1902, aus dem hervorgeht, daß der Verein 111 Mitglieder zählt, wobei die mit den Beitragen im Rückstand befindlichen nicht mit gerechnet sind. Das Vertrauens⸗ männer⸗System bedarf hier und da noch weiterer Ausgestaltung. An den Landtagswahlen, die in die Berichtsperiode fielen, beteiligte sich in Gießen unsere Partei zum ersten Male mit befri'digendem Erfolge. Die vom Verein über⸗ nomumene Schriften⸗Kolportage hat nicht unbe⸗ deutenden Umsatz aufzuweisen. Der Kassen⸗ bericht weist in Eil nahme 278,44 Mk.; in Ausgabe 210,85 Mk. auf, so daß ein Bestand von 67,59 Mk. verbleibt. Von den Revisoren wurde die Richtigkeit der Abrechnung bestätigt, darauf der Kassierer entlastet. Bei der Vor⸗ standswahl wurde der bisherige Vorstand wiedergewählt, uit Ausnahme des zurück⸗ tretenden Schriftführers, welches Amt Genossen Fourier übertragen wurde; neugewählt wurde ferner Gg. Baum als Belsitzer. Jas Reichs⸗ tagswahlkomitee bilden die Gen. Beckmann, Bock, Böttger, Fourier und Vetters.— Darauf nahm die Versammlung ein Referat des Gen. Vetters entgegen, in welchem der⸗ selbe die wichtigsten politischen Vorkommnisse des verflossenen Jahres besprach. Im Vorder⸗ grunde der öffentlichen Diskusston habe der Zolltarif gestanden, der schließlich durch schmäh⸗ lichen Rechtsbruch der Reichstagsmehrheit zur Annahme gelangt sei. Ihres gelungenen Ge⸗ waltaktes dürften sich die Zöllner und Reak⸗ tionäre kaum lange freuen; mehr und mehr sehen die Kleinbauern ein, daß ihnen der Zoll⸗ tarif eher Schaden als Nutzen bringt und daß sie mit den Zollversprechungen getäuscht wurden. Weiter wies der Redner hin auf die immer⸗ während steigenden Militärlasten, wodurch die Schuldenlast des Reiches und der Einzelstaaten ins Ungeheure gestiegen sei. Bei dem Reiche allein sind die Schulden jetzt auf über drei Milliarden angewachsen, an Zinsen müssen jährlich mehr als hundert Millionen Mark aufgebracht werden, in der Hauptsa ge durch die auf dem ärmeren Volke schwer lastenden indirekten Steuern. Die Rechtsprechung karakterisierte Redner, indem er auf die zahl⸗ reichen Duellaffairen und die gelinde Bestrafung der Duellverbrecher hinwies, denen er die über⸗ aus harten Urteile gegen streikende Arbeiter und sozialdemokratische Redakteure gegenüberstellte. Viele sensationelle Ereignisse des letzten Jahres zeigen den sittlichen und moralischen Verfall in den besitzenden Kreisen, sind aber zugleich Beweis dafür, daß uns unser„Schweineglück“ ncht verlassen hat. Trotzdem von hüöchster Stelle aus beinahe alle 14 Tage aufs Neue der Kreuzzunx gegen die Sozialdemokratie ge- werde, haben wir bei verschiedenen. vredigt 0 Wahlen, die stattgefunden, sehr gut abgeschnitten. Die sozialdemokratische Presse wie auch die Gewerkschaften machten gute Fortschritte. Wir lönnen wohl zuversichtlich in den Wahlkampf ziehen. Doch bedarf es der angestrengiesten. Arbeit! Jeder einzelne Genosse muß sein Teil. dazu leisten. Gewaltig rüsten die Gegner und besonders in unserm Kreise steht uns ein harter Kampf bevor, darum frisch an die Arheit!— An das Referat schloß sich eine lebhafte Dis⸗ kusston, an der sich die Gen. Beckmann, Krumm, Fourier, Bock, Gabriel und noch andere be⸗ teiligten. Rüth widersprach der Ansicht Vetters, daß man bei Stichwahlen zwischen Gegnern für den freisinnigen Kandidaten eintreten solle. Dem gegenüber hielt der Referent seine Meinung — gestützt auf die Parteitagsbeschlüsse— auf⸗ recht. Im Weiteren wurden verschtedene Wünsche bezüglich der Berichterstattung über städtische Angelegenheiten in der„M. S.⸗Ztg.“ vorge⸗ bracht, deren Erfüllung zugesagt wurde, Auslande bi — Der Vortrag der Frau Dr. David am vergangenen Samstag war sehr zahlreich besucht. Bie Gaal⸗Kalamität trat auch hier wieder zu Tage; eine ziemliche Anzahl Besucher mußten mit Stehplätzen fürlieb nehmen. Die Vortragende erörterte das Thema: Wie schützen wir uns vor der Verteuerung der Lebensmittel durch Ringe und Kartelle? sehr gründlich und eingehend. Sie wies zunächst darauf hin, wie schwer es heutzutage dem Arbeiter sel, seine Lebenshaltung einigermaßen menschenwürbig zu gestalten; die Prelse der notwendigsten Lebens⸗ mittel steigen, während die Löhne sinkende Tendenz zeigen. Besonders unangenehm wird jede Hausfrau die ganz bedeutende, in der letzten Zeit erfolgte Preissteigerung bestimmter Artikel, der Seife, Kohle und anderer Bedürf⸗ nisse empfunden haben. Woher kam das 2 Heute haben wir die freie Konkurrenz, es kann jeder ein Geschäft treiben, während früher die Gesetzgebung dem freien Wettbewerb Beschräuk⸗ ungen auferlegte. Die Wirkung der freien Konkurrenz ist, daß jeder Fabrikant heute für den Weltmarkt produziere, während früher der kleine Handwerksmeister nur auf Bestellung arbeitete. Kein Unternehmer weiß, ob er seine Ware alle und zu dem von ihm angesetzten Preise los wird. Das ist das Unternehmer⸗ Risiko und er nimmt die Risiko⸗Prämie für sich in Auspruch, das heißt, er will mehr an seiner Ware verdienen, als zur Bestreitung der Produkttonskosten und des üblichen Gewinnes notwendig sei. Der Fabrikant muß der Kund⸗ schoft nachlaufen, Scharen von Reisenden über⸗ fluten das Land, riesige Reklame wird eutfaltet. Die Kosten dafür müssen in den Pleisen der Waren mit bezahlt werden. Es haben sich Vereinigungen, Kartelle und Ringe der Produ⸗ zenten gebildet, deren angeblicher Zweck die Regelung der Produktion ist. Diese Vereini⸗ gungen nehmen ihren Mitgliedern die Kosten des Vertriebs ab, die Ristkoprämie fällt weg und eine Verbilligung der Waren müßte die Folge sein. Wir erleben aber im Gegenteil Verleuerung der Preise. Ja, die Preistreiberei erscheint als der eigentliche Zweck der Ringe. Ste diktieren dem ganzen Volke die Preise; ihre Verteuerungspolittk findet kaum eine Grenze. Dagegen 1 00 die„Patrioten“ nach dem iger. Zucker, Kohlen, Koks, Roh⸗ eisen, kostet im Auslande noch nicht die Hälfte des Preises, wie in Deutschlaud selbst. Wie können sich die Konsumenten gegen solche Ausbeutung schützen? Am besten durch Kon⸗ sumgenossenschaften. Diese können vor⸗ teilhafter einkaufen, die Spesen sind geringer als beim Kleinhandel, durch den sich Mancher eine Existenz gründet. Der Unternehmergewinn fällt bis zu einem gewissen Grade weg. Mit der Entwickelung verkleinern sich die Kosten, je mehr Mitglieder, desto mehr Vorteile. Größere Genossenschaften machten sich bereits an die Produktion, sie sind in der Lage, auf die Arbeitsverhältnisse besondern Einfluß au, zuüben. Die englische Großeinkaussgesellschaft besitze eigene Theeplantagen mit 600 Arbeitern, in Sidney besitze sie Talg und Seifenfabri⸗ ken. Dadurch hat jedes Mitglied bedeutende Vorteile. Würden sich alle deutschen Konsum⸗ vereine an die Großeinkaufsgesellschaft an⸗ schließen, wären wir in der Lage, der Ausbeu⸗ tung durch die Ringe der Großkapitalisten wirk⸗ sam entgegen zu wirken. Keineswegs dürfen die Arbeiter auf ihre Gewerkschaften verzichten. Diese brauchen sie, um die Verschlechterung der Arbeitsverhältnisse zu verhüten. Dazu leisten ihnen aber auch die Genossenschaften Hilfe; in ber Leipziger Konsumbäckerei ist der 8 Stundentag eingeführt, während die Bäcker⸗ meister erklären, der 12 Stundentag ruiniert sie. Jede Hausfrau wisse, daß ihre Kundschaft für ihren Krämer einen bedeutenden Wert repräsentiere. Vereint stellen die Kon⸗ sumenten eine ungeheure Macht dar, die zum Segen der Gesamtheit benutzt werden könne. Mit einem Appel an die Anwesenden, dem Konsumverein Gießen sich anzu- schließen, schloßedie Vortragende unter lebhaftem eifall. In der Diskussion betonte Genosse Krumm, daß er es zwar den Arbeitern nicht verdenken könne, wenn sie sich durch Kousumvereine wirt⸗ schaftliche Vorteile zu verschaffen suchten; in erster Linie müßten sie sich aber politisch und gewerlschaftlich betätigen. Aufklärung über politische und wirtschaftliche Fragen sei nötig. Dann müsse sich die Arbeiterklasse von dem der Einfluß gegnerischen Presse freimachen und die Presse unterstützen, die Arbeiterinteressen vertrete. Nach einer kurzen Antwort der Re⸗ ferentin schloß die Versammlung. 4 175 Bürgermeister Mecum hat eine Eingabe an den Landtag gerichtet, in der ge⸗ fordert wird, das Ausstellen und Aushängen von Waren an Sonntagen zu gestatten. Dieser Forderung, die ausführlich begründet wird, kann man nur zustimmen. — Im nattonalsozialen Verein sprach sich Herr Dr. Vogt am Schlusse seines Vortrages über die politische Lage für ein Zu⸗ sammengehen der Linken bei den nächsten Reichs⸗ tagswahlen aus. Genosse Vetters, der an⸗ wesend war, bemerkte, das die Stellung der Sozialdemokratie durch die Beschlüsse des Münchener Parteitages festgelegt sei. Aus dem Rreise gießen. In Trohe fand am Sonntag eine gut besuchte Versammlung des Arbeiter-Bildungs⸗ vereins statt. Nach der Rechnungsablage wurde die Vorstandswahl vorgenommen, welche die Wiederwahl der bisherigen Vorstandsmitglieder ergab. Im weiteren wurde beschlossen, bei der Konferenz zu beautragen, daß das Kreis ⸗ fest am 14. Juni in Trohe stattfinden soll. Damit soll zugleich das zehnjährige Stiftungs⸗ fest unseres Vereins verbunden sein, wir hoffen deshalb, daß die zustimmt. r. Mit der„gesicherten Existenz“ der Arbeiter— so schreibt man auz Watzen⸗ born⸗Steinberg— sieht es für die Ar⸗ beiter des Gießener Braunstein⸗Bergwerkes auch höchst windig aus. Das beweist wieder der am 15. Januar erfolgte Lohnabzug. Seither wurde ein Stundenlohn von 26 und 27 Pfg. bezahlt, von dem doch bei den hohen Lebensmittelpreisen gar nichts mehr abzuzwacken wäre. Trotzdem erfolgten Abzüge von 4, 5 und 6 Pfg. die Stunde, so daß ein Teil Ar⸗ beiter 12 bis 13 Mk. für vierzehn Tage er⸗ hielten. Das sollen nach den Erklärungen der Betriebsleitung„Akkordlöhne“ sein. Alle Ar⸗ beiter wissen längst, was es mit dem berühmten Akkordsystem auf sich hat. 1. sich nicht auf, um eine Besserung ihrer Lage durch gewerkschaftliche Organisation herbei⸗ zuführen. Besonders bedauerlich bleibt, daß immer noch eine 11 Anzahl Arbeiter die arbeiterfeindlichen Blätter vom Schlage des Gießener Anzeiger lesen, anstatt die Arbeiter⸗ presse zu unterstützen. Gehe doch mal ein Ar⸗ beiter hin zu dem Amtsblatt, ob es wagt, gegen das Ausbeutertum und für die Arbeiter alzu Darum hinaus mit dieser Sorte Blätter und hinein in die gewerkschaftliche und politische Organtsation! Für den Arbeiter heißt es:. Willst Du— ein frei Geschlecht— Nicht länger bleiben Knecht, Mußt für Dein gutes Necht Du selber stehn! aus dem Nreise sriedberg-Büdingen. v. Ein schrecklicher Unglücksfall Opfer siel, ereignete sich am Mittwoch früh an der Bahustation Eschersheim. Der Maurer Prott aus Vilbel beging die schon oft gerügte Unvorsichtigkeit, von dem noch in Be ⸗ wegung befindlichen Zuge herabzuspringen. Er glitt dabei aus, kam unter die Räder und wurde gräßlich verstümmelt, daß sein Tod on fort eintrat. Prott hat sich jederzeit an den Parteiarbeiten eifrig beteiligt. Er hinterläßt wie die„Volksst.“ mitteilt, eine Frau mit 4 Kindern, von denen das Jüngste erst 65 Wochen alt ist. 8 17 p. Von der katholischen Toler and und die Art, wie das Centrum den Wahlkampf zu führen gedenkt, davon legte eine Versammlung Zeugnis ab, die von Seiten unserer Genossen am 11. Jauuar Konferenz dem Antrage Trotzdem raffen sie 5 dem einer unserer Parteigenossen zum lle gut dungs: wurde de die Nr. 4. Mitleldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. nach Obermörlen einberufen war. Wie anderwärte, so bekämpfen auch in Obermörlen die Hetzkapläne die Sozialdemokratie von der Kanzel herab, wo ihnen niemand antworten kann und sie es deshalb mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen brauchen. Ihren Verleumdungen sollte in der Virsammlung entgegenge⸗ treten werden. Die Tagesordnung:„Die Zentrums⸗ politik und das arbeitende Volk“, muß den schwarzen Brüdern aber schwer in die Glieder gefahren sein, denn die Wahrhelt kann die schwarze Lügengesellschaft nicht vertragen. Die Jugend war aufgehetzt worden, die durch Johlen und Schreien den Referenten und seine Begleiter empfing. Außerdem waren die christlichen Brüder und Knüppelhelden fast vollzählig in der Ver⸗ sammlung erschienen. Als der Vorsitzende zur Bureau⸗ wahl schreiten wollte, fingen die frommen Heuchler, die die Religion im Munde führen, sich sonst aber wie Hunnenkrieger gebärden, an, zu brüllen wie die Wilden. Der Vorsißende ersuchte vergeblich um Ruhe, aber der schwarze Chorus brüllte unaufhörlich. Am rasendsten gebärdeten sich einige oberfaule Frömmler und der Vor⸗ stand des Bauernbundes. te Bauernbündler sind unter Führung ihres Kaplans Michel um ihre„Bildung“ zu beneiden. Als der Referent Genosse Habicht sah, daß die Zentrumsknüppelgarde es nur darauf abgesehen hatte, die Versammlung zu stören und deshalb den Saal verließ, wollte ihn einer vieser Kaplansjünger die Treppe hinunterwerfen, sodaß selbst Leute, die nicht zu uns gehoren, ihre Mißbillung äußerten. Unsere Versammlung konnten die fanatisirten Pfaffenknechte aber doch nicht verhindern. Die Genossen gingen ein⸗ fach in ein anderes Lokal und hielten dort eine von über 100 Personen besuchte Verfammlung ab. Genosse Habicht sprach andrihalb Stunden über die Verräter⸗ politit des Zentrums unter dem Beifall der Versamm⸗ lung. Seine Ausführungen wurden von mehreren Ober⸗Mörler Genossen ergänzt und besonders auf die ruhige Haltung der klassendewußten Arbeiter dieser Zentrumsknuppelgarde gegenüber hingewiesen. Eine Resolutlon, welche die pfäffischen Verleumdungen ent⸗ schieden verurteilt und den sozsaldemokratischen Kandidaten Busold empfiehlt, fand einstimmige Annahme.— Die christliche Nächstenliebe offenbarte sich an diesen Sonntag Abend noch in besonders drastischer Weise. In zwei Wirischaften kam es zu Prlügeleien; im ersten Falle kamen zwei Zentrümler hinter einander, der eine, der Präsident des Bauernvereins drückte einem Gesinnungs⸗ genossen beinahe die Kehle zu, sodaß dieser ärztliche Hüfe in Anspruch nehmen mußte. In der zweiten Wirtschaft schlugen mehrere gläubige Christen einen unserer jüngeren Genossen mit Biergläsern einige Löcher in den Kopf. Es kamen als dann einige unserer Genossen hinzu, welche die Angreifer in Flucht schlugen Aus dem Rreise Wetzlar. h. In den Versicherungsgesetzen scheint sich unser Herr Landtagsabgeordneter, der Herr Sparkassendirektor Schlabach nicht recht auszukennen. Im Sommer vor. Jahres starb sein Bureaugehülfe Jo st nach kurzer Krank⸗ heit. Der Verstorbene bezog einen Monatsge⸗ halt von 85 Mk. Nach seinem Tode stellte es sich heraus, daß er in keiner Krankenkasse war, die Wittwe also weder ein Sterbegeld noch für die Dauer der Krankheit eine Unterßützung erhielt, also ganz empfindlich geschädigt wurde. Auch in der Invaliden versicherung war Jost in einer zu niedrigen Klasse, er hatte nur 24 Pfg. Marken, statt 30 Pfg. Marken geklebt, wodurch die Wittwe ebenfalls(bei Rückzahlung der Hälfte der Versicherungsbeiträge) um ca. 12 Mk. geschädigt wurde. Zum Teil ist ge⸗ wiß der Verstorbene selbst daran schuld, er hätte sich besser um diese Dinge bekümmern sollen. Wir meinen aber, das Mitglied einer gesetzgebenden Körperschaft müßte vor allen Dingen in seinem Geschäfte darauf sehen, daß die gesetzlichen Bestimmungen beachtet werben. Als besonders auffällig muß bei diesem Fall noch erwähnt werden, daß die Wittwe sogar unter Drohungen veranlaßt wurde, eine Quittung über 1000 Mk. zu unterschreiben, Es wurde ihr gesagt, dies sei das Gehalt ihres Mannes für das letzte Jahr. Eine solche Unterschrift zu geben, war die Frau weder verpflichtet, noch berechtigt. Nach alledem scheint die Ordnung 10 dem Bureau nicht gerade mustergiltig zu sein. b 15 Andisemitische Agitation. Der berühmte anttsemitische bauerubünblerische Wanderredner Reuther verzapft jetzt seinen Kohl wieder mal im Wetzlarer Kreise. Am Dienstag 0 seinem Tätigkeitsfelde erwählt. Abend hatte er sich Nauborn zu Dort drosch er ö die alten hohlen Phrasen, mit denen diese Herren seit Jahrzehnten ihr Versammlungs⸗ publikum zu füttern gewohnt sind. Wer je einen derartigen„Vortrag“ anzuhören verur⸗ teilt war und verfügt auch nur über die aller⸗ bescheidensten politischen Kenntnisse, der muß zu der Ueberzeugung kommen, daß es der Herr Bauernagitator darauf abgesehen hat, geistige Verwirrung unter seinen Zuhörern anzustiften. Das tollste Durcheinander! Unser Genosse Beckmann, der in der Versamm⸗ lung anwesend war, beleuchtete scharf und treffend die Widersprüche und Gedanken— purzelbäume des Herrn Reuther, worauf dieser nur mit albernen Mätzchen zu antworten wußte. Es kommt ja schließlich nicht darauf an, ob Reuther selbst glaubt, was er den Bauern erzählt, kann ihm auch gleichgültig sein, ob diese es glauben. Die Hauptsache ist, daß der Tag herum und das Geld verdient ist, was seine Auftraggeber für diese Arbeit auszuwerfen für gut finden. Aus dem Rreise Marburg⸗-Rirchhain. * Das Marburger Reptil, das sich„Oberhessische Zeitung“ nennt, hetzt in geradezu schamloser Weise gegen unsere Partei. In seiner Nummer vom vorigen Dienstag druckt es einen Schandartikel der Arbeitgeber-Zeitung, eines vor Kurzem gegründeten Scharfmacher— Organs gewisseulosester Sorte, ab, in welchem der Weberstreik in Merane als ein„Werk J e eee ee ee hingestellt wird. Folgenden Schwindel wagt das Reptil seinen Lesern aufzutischen: „Im Oktober vorigen Jahres wurden die Weber, Männer und Frauen, die zum größten Teil sozialdemokratisch organisirt waren, von Agitatoren in den Streik gehetzt; es wurde ihnen vorgeredet, daß ihre Lohnforderungen durchaus gerechtfertigt wären und daß der sozialdemokratische Textilarbeiterverband seine Hand über die Streikenden halte und mit seinen mächtigen Mitteln sie unterstützen werde.“ Und weiter wird gelogen: „Die Fabrikanten können die Forderungen der Streikenden nicht erfüllen; gewiß sind die Löhne zurzeit nicht glänzend, aber sie sind doch immer noch dreifach so hoch als die wöchent⸗ lich gezahlten Streikgelder.“ Gleich darauf wird aber bemerkt— was Wahrheit ist— daß die Frauen am energischsten für Aufrechterhaltung des Streiks eingetreten seien;„wenn die Männer schwankend wurden, dann erklärten die Arbeiterinnen, daß sie bis zum Weißbluten aushalten würden.“ Selbst der rückständigste Arbeiter sieht ohne Weiteres den gemeinen Schwindel, der in dieser Schweinbergnotiz verzapft wird. Jeder weiß, daß es einfach ein Ding der Unmöglich⸗ keit für die„sozialdemokratischen Hetzer“ wäre, 2000 Leute ein Vierteljahr zusammenzu⸗ halten, auch wenn wirklich wahr wäre, was natürlich gelogen ist, daß sie den Streik hervorgerufen hätten. Das Schönste kommt aber noch. Während nämlich der Schweinburg⸗ Schwindel die Runde durch die Presse machte, wurde der Weberstreik beendet, weil die Fabrikanten die Forderungen der Arbeiter be— willigten, von denen in der Notiz gesagt wird, daß die Fabrikanten sienichterfüllen kön'nten! Sollte es in Marburg und Um⸗ gebung noch Arbeiter geben, die ein solches geradezu empörend verlogenes Schandblatt abonniren, so müßten sie vor sich selbst erröten, wenn ste es nicht sofort aus dem Hause schafften. on sfum verein. Die im ver⸗ gangenen Sommer hier begründete„Hessische Einkaufsvereinigung,“ welcher die Konsumver⸗ eine von Kassel, Melsungen, Gießen, Lollar, Wetzlar, Marburg u. a. angehören, hält am Sonntag, den 25. d. M., im Restaurant Jes⸗ berg dahier einen Einkaufstag ab. Ein Vertreter der Großeinkaufsgesellschaft zu Ham⸗ burg wird anwesend sein, um die Aufträge der Vereine entgegen zu nehmen. Durch den gemeinsamen Warenbezug der Vereine— per Waggonladung nach Ma bucg, dem Mittelpunkt derselben, von wo aus dann die Verteilung vor sich geht— werden bedeutende Ersparnisse an Fracht usw. erzielt, die natürlich wieder den Mitgliedern zugute kommen. Nächsten Samstag, den 31. Januar, Abends 9 Uhr, findet die Generalversammlung des hiesigen Konsumvereins im Saale des Rest. Geis ler, Fraukfurterstraße, statt. Auf der Tagesord— nung steht u. a. die Beratung eines Spar⸗ ordnungs⸗Entwurfs, sowie sonstige wichtige Angelegenheiten und ist es daher wünschens⸗ wert, wenn die Mitglieder sich recht zahtreich zu der Versammlung einfinden. — Eintracht. Unser Arbeitergesang⸗ verein„Eintracht“ hält am Sonntag, den 25. d. M. Nachmittags 2 Uhr im Jes ber g'schen Lokale seine Generalversammlung ab. Außer der Jahresabrechnung stehen noch verschiedene andere Angelegenheiten zur Beratung. Das Erscheinen sämtlicher Mitglieder ist deshalb dringend erwünscht. Kleine Mitteilungen. e Ein Einbruch wurde am Sonntag Nacht bei dem Bäckermeister Jughard in Lollar verübt. Die Bewohner des Hauses erwachten aber durch den Lärm und faßten den Dieb ab, der dann in das Gießener Gefängnis eingeliefert wurde. ei Einen Tausendmarkschein verbrannt Eine Wirtsfrau in Falkenstein i. Taunus hatte das Pech, einen Tausendmarkschein, der ihr zum Wechselu übergeben war, aus Versehen in's Feuer zu werfen. Wie die„Kl. Pr.“ berichtet, ist der Verlust für die Frau unerschwinglich. e Mord und Totschlag in Frankfurt. Samstag kam es in der Wingertstraße 8 in Frankfurt zu Schlägereien zwischen zwei in dem Hause wohnenden Familien Gebhardt und Rothfuß sowie dem Schwager des Letzteren. Dachdecker Röder. Der Schreiner Gebhardt, in dessen Wohnung die beiden andern eindrangen, wurde durch Stiche so schwer verletzt, daß er seinen Wunden nach zwei Stunden erlag. Auch die beiden Angreifer waren verletzt und kamen in's Krankenhaus. Röder wird bereits vom Gießener Staatsanwalt wegen, Straßenraubes steckbrieflich verfolgt.— Ferner hat am Montag der Fuhrunternehmer Klotzbach in der Friedbergerstraße seine Frau, die er schon oft mißhandelte, erschlagen. Der Unmensch wurde verhaftet. * Leichenfund in Köln. Beim Umbau des Hotels„Landsberg“ in Köln fand man Ende voriger Woche vier Skelette unter dem Fußboden. Spuren au den Leichen deuten darauf hin, daß es sich hier um Opfer von Verbrechen handelt, die vor ca. 25 Jahren verübt find. Von der Staatsanwaltschaft sind eifrige Nachforschungen eingeleitet worden, um die geheimnisvolle Angelegenheit aufzuhellen. Letzte Nachrichten. Im Reichstage kritisterte Bebel am Donnerstag scharf die Kaiserreden, ohne vo m Präsidenten daran gehindert zu werden. In Marokko dauern die Unruhen fort. Die Aufständischen sind von den Truppen des Sultans geschlagen worden. Versammlungskalender. Samstag, den 24. Januar. Friedberg. Soz.⸗dem. Wahl verein. 9 Uhr Versammlung in Stadt New-Nork. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗. lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallarbeiter: Abends 9 Uhr Versammwlung bei Orbig.— Heuchelheim. Arbeiterbildungsverein. Abends 8 Uhr Versammlung bei Wirt L. Germer(Grüner Baum). Steinberg. Arbeiterbildungs verein. Abends 8 Uhr Versammlung auf der Wi helms hö h. Tg.⸗Ord.: 1. Rechn ungsablage vom Jahre 1902. 2. Vorstandswahl. 3. Stellungnahme zur Kreis⸗ konferenz. Sonntag, den 25. Januar. Gießen. Glaser⸗Verband. Nachmit ags 3 Uhr Generalversammlung bei Orbig. Marburg. Gesang verein„Eintracht“. Nach⸗ mittags 2 Uhr Generalversammlung bel Jes berg. Lauterbach. Soz.⸗dem. Wahlverein. Nach⸗ mittags 3 Uhr Versammlung bei Wirt Kaut. Annerod. Voltsversammlung. Nachmi.⸗ tags ½4 Uhr im Wel ler'schen Lokale. Rödgrn. Voltsversammlun g. Nachmit,ags 3 Uhr bei Wirt H. Wagner. Abends * * 1 3 SOLL . —jͤ—ͤ———— — 8— — 2 Seite 6. Mitteldeulsche Sonutags⸗Zeitung. Nr. 4. Von Nah und Lern Die Sittlichkeit auf dem Lande wird durch eine Gerichtsverhandlung illustriert, die kürzlich vor der Strafkammer in Kassel stattfand. Es handelte sich um eine aufsehen⸗ erregende Bluttat, die in Kerstenhausen bei Fritzlar begangen worden war. Der Gutsbesitzer Georg H. Störmer war der lebensgefährlichen Körperverletzung angeklagt, weil er seiner Dienstmagd Martha Wilhelm des Nachts auf dem Futterboden den Hals abschneiden wollte. St. hatte mit dem 20jährigen Mädchen intim verkehrt, wie glaubte, aber auch noch Andere; er will deshalb in große Wut geraten sein. Als auf Vorhalt über die Folgen dieses intimen Verkehrs das Mädchen erklärte, ihn in Anspruch nehmen zu wollen, warf er sich auf das Mädchen und schnitt ihm mit seinem Messer an der Gurgel. Als das Mädchen schrie, ließ er von ihr ab. Er beschwichtigte es nachher durch Versprechen einer größeren Geldsumme, so daß es auf sein Ansinnen den Leuten und dem Arzte erklärte, es sei in das Futtermesser gefallen. Die Wunde ist inzwischen vernarbt. Die Tat ist bereits im Januar 1902 geschehen und bis zum Herbst verschwiegen geblieben. St. hatte dem Mäd⸗ chen noch vor der Geburt des Kindes im Juli Mk. 800 als Abfindung gegeben. Später ist aber der Vorfall angeblich durch den Vater des Mädchens zur Anzeige gelangt. Das Ge⸗ richt verurteilte Störmer, der 38 Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei Kinder ist, zu drei Jahren Gefängnis. Die geprellten Handschuhmacher. Vor nicht langer Zeit meldeten die Zeitungen, daß der Handschuhfabrikant Franz Ranniger in Altenburg, nachdem er noch eine ausehnliche Summe Geld zu sich gesteckt, flüchtig gegangen ist. Der Durchbrenuer war nicht nur als Sozialistenfresser bekannt, sondern er hatte auch die in seiner Fabrik beschäftigten Handschuhmacher veranlaßt, aus dem Verbande auszutreten. R. hatte eine Zuschußkasse für nichtorganisierte Arbeiter gegründet, zu der er Zuschüsse leisten wollte. Um die Kasse der behördlichen Kontrolle zu entziehen, war bestimmt worden, daß kein Mitglied einen rechtlichen Anspruch an das Krankengeld hat. Nun verweigert der jetzige alleinige Inhaber der Firma Ranniger, der höchstwahrscheinlich auch gegen die Gründung der Kasse gewesen, Zuschüsse zu derselben. Infolge davon kann kein Krankengeld gezahlt werden. Das ist ein harter Schlag für die Handschuhmacher, die dem Verband den Rücken gekehrt haben. Ein Amtsrichter als Sittlichketts⸗ verbrecher. Vor dem Landgericht Augsburg stand der verheiratete Amtsrichter Georg Lippert in Schwabmünchen, früher in Bayreuth, um sich wegen verschiedener Sittlichkeitsdelikte zu verantworten. Der Angeklagte wurde nach 18 stündiger Verhandlung zu 3 Monaten Ge⸗ fäugnis verurteilt. Lippert hatte längere Zeit den ganzen Amtsbezirk Schwabmünchen unsicher gemacht, indem er Frauen auf dem Felde zu vergewaltigen suchte. Der Angeklagte leugnete hartnäckig, spielte den„Schneidigen“ und mußte mehrmals vom Präsidenten darauf aufmerksam gemacht werden, daß er als Beschuldigter er⸗ scheint und nicht als Richter. Der Staatsan⸗ walt hatte 9 Monate Gefängnis und 5 Jahre Ehrverlust beantragt.— Das sauberche Herr— chen kam also sehr billig davon. Eine Gefangenen⸗Re volte brach am 15. Januar im Gefängnis zu Odessa aus. Die Aufrührer zertrümmerten die Zellen⸗ türen, zerschlugen die Fenster, zerbrachen die Möbel und befreiten die übrigen in den Zellen eingeschlossenen Gefangenen. Am andern Tage kam es zu ähnltchen Auftritten im Frauenge⸗ fänguis. Die Revolte, die jedenfalls ihren sehr berechtigten Grund hat, wurde nach russi⸗ scher Art unterdrückt, Militär schritt ein und tötete mehrere Gefangene. 5 Unterhaltungs-Ceil. A 55 vorkämpfer. Und als die Ersten sind wir auserlesen Die ersten Blöcke aus dem Weg zu räumen. Darum hinweg mit schwächlich feigen Träumen, Sie schwinden und wir fühlen uns genesen! Warum denn noch mit Winseln und mit Jammern Uns an die Brust der müden Mutter klammern d Warum nicht frisch und stark auf eignen Wegen Dem Siel, das unsre Seit uns stellt, entgegen d Das ist das Wahre: seiner Seit zu dienen Und dennoch sie beherrschen! Klaren Blicks In Sukunft schaun mit eisenharten Mienen, Und schnell mit kühner Hand in des Geschickes Verworrne Fäden greifen, ehe sich Sum unlösbaren Knoten unser Leben Verwirren kann— wer feige rückwärts wich Der klage nicht— der hat sich selbst ergeben! J. H. Mackay. Aus einem deutschen Hause. Ein Familienbild aus dem neunzehnten Jahrhundert von Ludwig Schierk. (Fortsetzung.) 3. Der Träger dieses erlauchten Namens saß am Schreibtische, eine breitgemächliche Gestalt in tadellos modischem Anzuge. Oberhalb der feinsten Pariser Kravatte glühte ein behaglich und genährt Gesicht, dessen zahlreiche Falten und Fältchen als eine Versteinerung der per⸗ sönlichen Erlebnisse gelten konnten, welche die Lebenserfahrung des Mannes ausmachten, der da gedankenvoll oder gedankenlos vor sich hin⸗ staarte. Dies ungewöhnliche Gesicht war nur schwer mit der kunstgewerblichen Ausstattung des Arbeitszimmers in Einklang zu bringen. Man mußte, wenn man es fassen wollte, in die Gassen des Städchens hinabsteigen; mußte diese Gassen im Geiste durchwandern und sich dabei in die Zeit versetzt denken, da ihr weicher, durch den Regen gelöster Grund unter dem leichten Nordwinde des Novemberabends zu er⸗ starren begann. 1 Denn dies Gesicht glich gefrorenem Straßen⸗ ote. Der lebenswarme Strahl der abendlichen Sommersonne, der durch das geöffnete Fenster fiel, vermochte in diesem vergnügungssatten, selbstsüchtigen Antlitze nicht die Spur, einer Teilnahme zu wecken. Eben trat der Advokat ein und gab durch sein Erscheinen dem Manne am Schreibtische im Augenblicke die Selbstbeherrschung zurück. „Guten Abend, lieber Doktor!“ sagte der Fabrikant in gnädig⸗nachlässigem Tone, indem er aufstand, nicht ohne nach einem gleichgiltigen Schriftstück zu greifen, welches er dann in der Hand behielt, um sich den Anschein zu geben, als ob er eine bedeutende Beschäftigung zum Zwecke des vorliegenden Gespräches auf ein paar Augenblicke unterbreche. „Ich habe mir erlaubt, Sie um ihren Be⸗ such zu bitten, weil ich eine Angelegenheit, die mir im Sinne liegt, nicht ohne den Rat eines Mannes erledigen möchte, der in der Geschichte meines Hauses stets eine Rolle von Bedeutung gespielt hat.“ Der Doktor nahm weihevoll Platz: diese Einleitung versprach etwas. „In wenig Tagen,“ hob der Firmenchef wieder an,„sind es fünfundzwanzig Jahre; daß ich mein Geschäft in kleinen Verhältnissen übernahm. Ich möchte diesen Moment nicht vorübergehen lassen, ohne den braven Arbeitern meiner Fabriken ein Zeichen herzlicher Teil⸗ nahme zu geben.“ Der kleine Rechtsfreund sprang auf. „Erlauben Sie mir, Herr v. Ostheim,“ bemerkte er schwungvoll,„Ihnen vor Allem meine Glückwünsche, sowie meine Zustimmung zu Ihrem humanen Vorhaben auszusprechen!“ Der Jubilar setzte den Kölner Dom vor seinen Sachwalter. „Lieber Doktor!“ drohte er mit dem Finger, „Sie werden mir vor Allem versprechen, reinen Mund zu halten! Ich habe wenig Lust, mir die offizielle Welt, die Gesang-, Krieger⸗ und Turnvereine mit ihren Gratulationen und Adressen auf den Hals zu laden!“ Der Advokat kannte die Abneigung des bescheidenen Mannes gegen Ehrungen dieser Art, wußte aber auch, daß jene biederen Kor⸗ porationen keinen unfreundlichen Empfang zu fürchten haben würden. Nun kam es zu eingehender Beratung, die dem rechtskundigen Beistande der Firma Ge⸗ legenheit gab, seine reiche Erfahrung und über⸗ zeugende Beredtsamkeit ins beste Licht zu stellen. Es war dabei auffallend, daß der dienstbeflissene Doktor eigentlich mehr die Rolle eines Zu⸗ stimmenden spielte; denn er überzeugte sich bald, daß der einsichtige Fabrikant ihm kurz und gut den bis in Einzelne feststehenden Plan eines Festes mitteilte, bei dem jede Tätigkeit in den Fabriken ruhen, die Arbeiter bewirtet, die Werkmeister gar beschenkt werden sollten. Einen Atemzug lang überlegte der Doktor, ob die in Rede stehende Angelegenheit, die seiner Mitwirkung ganz und gar nicht bedurfte, in der Tat der Anlaß sein könne, der seine Anwesenheit in diesem Arbeitszimmer zu solch' ungewöhnlicher Stunde nötig gemacht hatte. Aber im nächsten Augenblicke lag auf seinem kleinen Gesichtchen wieder jene höfliche Mäßigung, die alle Bewegungen dieses außerordentlichen Mannes auszeichnete. Der Chef der Firma C. v. O. erhob sich. „Lieber Doktor!“ sagte er zutraulich, indem 4 er seinem Hausfreunde die Hand reichte,„Sie sprechen vielleicht im Vorbeigehen bei meiner 94 Frau vor und weihen sie in die beregte Ange⸗ legenheit ein. Wer weiß, wann ich Gelegenheit finde dies zu tun; ich ersticke in Arbeit!“. Dem klugen Doktor stand das Herz still. Wolken am Ehestandshimmel; was sollte das heißen? Aber mit vollendetem Gleichmute schritt er höflich grüßend nach der Tür. In der nächsten Sekunde lag seine Hand auf dem silbernen Drücker. „Was ich noch sagen wollte!“ kam es vom „Eines meiner Mädchen hat, Schreibtische her. wie ich höre, einen Fehltritt getan. Sie erinnern 4 sich des jungen Franz in meinem Komptoir; er unterhielt mit Martha ein Verhältnis, das Ein Grund mit, daß ich auf die tüchtige Arbeitskraft verzichtete, die ich an dem strebsamen Menschen ohne Zweifel N ich nicht dulden konnte. besaß. Was raten Sie mir?“ Der Sachwalter der Firma C. v. O. drehte sein schönes Köpfchen dem Sprecher zu. Durch die Fenster drang der Schimmer mild ver⸗ söhnenden Abendrotes und umgab die Geschichte jener Firma, die in markigen Zügen an der Hauptwand des Arbeitszimmers aufgerichtet war, mit lieblichem Heiligenschein. f Aber auf dem gefurchten Antlitze des reichen Handelsherrn glühte ein Kotfältchen. Die Spanne eines Augenblickes genügte dem kleinen Advokaten, sich ein Familienbild zu komponiren, das von den Prachträumen dieses deutschen Hauses eingerahmt war: die tiefge⸗ kränkte Hausfrau als Mittelpunkt; ein schuld⸗ bewußter Gemahl rechts vorn; im Hintergrunde die Gestalt Marthas mit dem totenblassen Angesicht und den jammernden Gretchenaugen, die ihm vorhin auf der kunstgewerblichen Treppe den flüchtigen Schreck eingejagt. Nach dieser kleinen gedankenvollen Vertiefung wußte der Doktor zugleich, daß der Mann da vor im log, und dieser Mann wieder sagte sich, daß ihn sein Sachwalter durchschaute. 5 „Entfernung und Unterstützung des Mäd⸗ chens auf kurze Zeit, um dem Gerede auszu⸗ weichen; jedenfalls eine Verbindung der jungen Leute betreiben!“ sprach der Advokat gleich⸗ giltig. — 7 ˙ in, ln Nr. 4. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. Dann war er verschwunden. Als er die Treppe hinabging, unterließ er nung en! bot iger, einen mit und nd des dieser Kot⸗ 9 zu „ die Ge⸗ über. ellen. sssene g bald, und Plan igkeit irtet, en. öktot, „die luft, selne solch hatte einen gung, lige sich. den 58 lein Aue anhel 5 E 2 2 * es, den weiblichen Wegweiser anzusehen, der sonst seine Bewunderung in so hohem Grade herausforderte. Auf der Straße rannte der höfliche Mann die Leute an. Zwei Stunden später machte der Anwalt im Hinterstübchen des Hotels„Zur deutschen Warte“ sein Spielchen. „Was nur der Doktor haben mag?“ murrte der hagere Hilfsbeamte.„Er läßt sich von dem einfältigen Steuerrat wahrhaftig noch die Haut abziehen!“ Plötzlich warf der Advokat die Karten auf den Tisch. „Kinder!“ rief er,„lassen wir das schnöde Spiel; die Welt steht am Vorabende eines großen Ereignisses!“ Und er berichtete. In den nächsten Tagen zischelte und raschelte es in allen Winkeln des Städchens. Die kom⸗ munalen Vertretungskörper, die Krieger⸗, Turn⸗ und Gesaugvereine hielten außerordentliche Sitzungen. Die Vorstände dieser nützlichen Rörperschaften— ehrenwerte, vernünftige Män⸗ mer— verloren den Verstand, schlossen sich stundenlang in abgelegene Gemächer ein und führten laute Selbstgespräche. Aber der Mann, dem dies galt, saß an diesen Tagen in seinem kunstgewerblichen Ar⸗ beitszimmer und starrte das silberne Sebaldus⸗ grab an. III. Hinter dem vornehmen, kunstgewerblichen Wohnhause des Inhabers der großen, vater⸗ ländischen Firma C. v. O. befand sich ein Garten. Man würde dem erlesenen Geschmacke und der echt deutschen Gemütstiefe des Firmenchefs nur zum Teile gerecht werden, wenn man das blühende, duftende Besitztum übersehen wollte, das mit seinen Grotten und Lauben, seinen Glashäusern und Fontänen, seinen Baum⸗ gruppen und Blumenbeeten die Aufgabe zu erfüllen hatte, jenen außerordentlichen Mann nach den Anstrengungen seiner mannigfaltigen und einträglichen Beschäftigung wieder an den Busen der Natur zurückzuführen. Die Worte eines großen Dichters: „Wer liebend Umgang pflegt mit der Natur Und ihren Bildungen, dem redet sie Gar manche Sprache.“ g n hatten in diesem Besitztume eine durchaus sinn⸗ gemäße Anwendung gefunden: man sah sich fast einer Sprachenverwirrung gegenüber. Kein Land, das nicht in irgend einer fremd⸗ äugigen Blume oder in einem exzentrisch ge⸗ bogenen Blatte redete. Große rote Blüten, die gleich einem Turbane auf mageren Stengeln saßen, schienen jeden Augenblick den Mund öffnen zu wollen, um den Beschauer in der bilderreichen Konstruktionen des Orients anzu⸗ sprechen. Palmen mit blattreichem Schirmdache (uf dünnem Schafte glichen jenen Sizilianern mit den breiten malerischen Strohhüten, die um Studium der deutschen Industrie im letzten Sommer die weiten Fabriksanlagen der Firma E. v. O. besehen hatten. Um diese Geschöpfe ner heißeren Sonne standen reihenweise die schweigsamen Zedern in grünen Mänteln und ien ans ihrer schmucklos⸗gediegenen Ruhe mit (einem Blick überlegener Verachtung auf den Vorbeigehenden. f ö Aber es fehlten die gemeineren Gestalten 15 heimischen Obstbäume. Diese Handwerker 4 Kittel und Arbeitsschürze würden durch die räftigen Laute eines derben Dialektes den feinen Ton allzu rauh unterbrochen haben, der uf jedem Zweiglein lag. Sie taugten eben⸗ owenig in die duftende Pracht dieses Gartens, 5 die Heizer und Spinner, deren rauhe Hände en Inhaber der Firma C. v. O. durchs Leben ugen, für die Champagnertafel ihres Brot⸗ herrn geeignet waren. Am Rande gemächlich gebogener Kieswege anden gut bürgee liche, vaterländische Rosen⸗ äumchen in all der 1 1 0 eit dieses Gewächses. Die Phantaste 5 15 e 5 0 lockenden Ge⸗ übergehenden konnte sie den e welche 0 alten der frischen Mädchen vergleichen, 1 üche, Treppe und Familiengemächer dieses eleganten Hauses dienend durcheilten. Auch ste boten Gelegenheit zu vorübergehender, herab— lassender Teilnahme, und der Inhaber der Firma C. v. O. unterließ es sehr selten, sich an ihrer Pracht einen flüchtigen Augenblick zu laben oder gar einem eben erblühten Röslein zum Schmucke seines feinen englischen Gehrockes das dornige Stenglein zu knicken. In diesem Augenblicke hüpfte ein leichtfüßig Geschöpfchen über jene Kieswege, und ein rotes Mündlein neigte sich in die blühende Fülle der Rosen. Es war Aennchen, die jüngste der Küchen⸗ nymphen des Inhabers der Firma C. v. O., nebenbei Besitzerin eines hübschen, fröhlichen Gesichtchens und jener praktischen Lebensweisheit, wie sie unter dem schweren Amte gedieh, dessen mannigfaltige Pflichten auf diesen runden Schultern ruhten. Ihr Hauptgeschäft bestand darin, jeden Morgen durch die glänzenden Räume des Familienhimmels zu eilen und mit einem gewissen grauen Tuche, das in einer Ecke die Buchstaben C. v. O. im Schutze eines gezackten Krönchens trug, die kunstgewerblichen Gegenstände, welche Tische, Schränke und Ofen⸗ sims jenes Himmels stilgerecht bevölkerten, von dem leichten Staube zu reinigen, den eine un⸗ gezügelte Natur auf diese Produkte vaterlän⸗ discher Arbeit abgelagert hatte. Der Einfluß dieser leichtfertigen Beschäf⸗ tigung stand auf dem klugen Gefichtchen deutlich zu lesen. Wenn ja ein Fältchen flüchtigen Kummers diese Stirne gefurcht hatte, dann war es gewiß in der nächsten Sekunde ver— schwunden, gleich dem Staube, den die Be⸗ sitzerin jener Stirne von den Erzeugnissen des natioualen Kunstgewerbes zu entfernen täglich bemüht war. (Schluß folgt.) An reuropäischen Kürstenhöfen. Anläßlich des Pharisäergeschreies über die Abreise der sächsischen Kronprinzessin stellt die Sächs. Arbeiterzeitung diese Betrachtung auf: Die europäischen Fürstenhöfe haben in den letzten Jahren reichlich Stoff zu Skandalen gegeben. Sie erschweren damit den bürgerlichen Preßkulis das sauere Handwerk noch mehr: woher soll denn so ein richtiger Sozialistenhetzer die moralische Entrüstung gegen die Arbeiter— schaft nehmen, wenn„oben“ im Großen gesün⸗ digt wird?! Wir reden gar nicht von Alexanderchen und seiner famosen Draga; das sind humo⸗ ristische Persouen und leben in halbzivilisirten Staaten, wo man noch mit falschen Schwanger⸗ schaften und künstlich restituirter Virginität? arbeiten kann. Aber näher liegt schon das Luderleben des verstorbenen Alfons XII. von Spanien, der sich, wie deutsche Berichterstatter aus Spanien meldeten, mit dem Degen in der Faust Zugang zu verbotenen Genüssen berschaffte. Oder man deuke an die Habsburger. Daß die ermordete Kaiserin Elisabeth ihrem Gatten mehr als einmal entfloh, kann man in ihrer Biographie von Klara von Tschudi lang und breit nachlesen. Und ihr hoffnungs⸗ voller Sprößling, der Kronprinz Rudolf, nahm ein Ende mit Schrecken, als er mit der Baronin Vetsera heimlich koste. Andere Habs⸗ burger haben— andere Geschichten gemacht, an die man wohl kaum zu erinnern braucht. Ein erhebendes Bild bietet der Belgier⸗ König Leopold. Wer wollte die Irrfahrten dieses Herrn schildern, der über seinen Speku⸗ lationen niemals vergaß, daß man eine Würde besitzt— um sie wegzuwerfen. Oder sein edler Schwiegersohn, der Prinz Philipp von Ko⸗ burg, Gemahl der in Coswig internirten Prinzessin Luise; ihm sagen seine Gegner Dinge nach, die man in der Oeffentlichkeit nicht ein⸗ mal andeuten kann. Nicht immer vollziehen sich die Trennungen unhaltbar gewordener Ehen so glatt, wie bei dem Großherzog von Hessen. Nicht immer allerdings heiraten Prinzessinen auch so rasch, wie jene beiden Mecklenburgischen, die das Unglück hatten, eine . * Jungfernschaft. sehr lockere Erzieherin zu besitzen. Wenn heute ein neuer Vehse aufstünde und mit uner⸗ bittlicher Gewissenhaftigkeit die Geheimgeschichte der Höfe schildern wollte, dann ginge er gewiß auch nicht an den Gerüchten über das Leben am Zarenhofe gleichgültig vorüber und registrirte, daß der Emporkömmling Felix Faure, Rußlands Freund, nicht im franzö⸗ sischen Präsidentenpalast, sondern in dem Bou⸗ doir einer Kokette gestorben ist. Er würde aus Bayerns Geschichte Manches zu berichten haben, wo der unglückselige Ludwig schweren Verirrungen nachging; er würde auch noch Vieles zu berichten haben, von Potentaten, die in Baccaratskandale, wie Edward von England, verwickelt waren, oder wie der Fürst von Monaco, die Flucht einer treuen Hausfrau mit einem Opernsänger zu beklagen haben.... N Für 20 Millionen Mark Kaiser⸗ Denkmäler. Dreihundert und achtzehn Kaiser Wilhelm⸗ Denkmäler sind bis jetzt in Deutschland errichtet worden. Die Sache hat mehr als 20 Mill. gekostet. 106„Künstler“ haben sie gearbeitet. Den Künstlern wird diese Zahl noch nicht ge⸗ nügen. Was hat die Kunst dabei gewonnen? Nicht soviel wie die Gemeinden, die Kreise, die Provinzen und die Bundesstaaten verloren haben, wenn man bedenkt, daß für 20 Mill. Mark Schulen, Krankenhäuser und andere geistig und materiell produktive Anstalten in 1 Menge hätten errichtet werden önnen. Splitter. Das ist der im Leben gefährlichste Stolz, der nicht aus eigener Wertschätzung, sondern aus fremder Geringschätzung hervorgeht. Grillparzer. . * Das Leben gleicht einem Buche; Toren durchblättern es flüchtig; der Weise liest es mit Bedacht, weil er weiß, daß er es nur ein⸗ mal lesen kann. Jean Paul. Humoristisches. Sie kennt sich aus. Studiosus(der ein neues immer gemietet):„Soll ich Sie im voraus bezahlen, Frau Müller?“— Vermieterin:„Lassen Sie nur Herr Doktor— sonst müssen Sie mich zu oft anpumpen!“ (Fl. Bl.) Der Realist.„Dolle Sache! Die Cene brennt mit'n Maler durch und die Andre gar mit'n Sprach⸗ lehrer.“„Hm, wüßte nicht, warum Lakaien und Stall⸗ knechte das alleinige Privileg zur Blutauffrischung haben sollen.“ Ein Gebet. Herr erhalte uns're Fe rsten, Uns're teuren Landesväter— Also tönt es in den Kirchen Von den Lippen frommer Beter. Herr, erhöre ihre Bitten! Fleh'n auch wir mit Händefalten. Denn erhälst du, Herr, die Fürsten, Braucht das Volk sie nicht erhalten. (Postill.) , V ˙—%——.!:——— Geschichtskalender. 25. Januar. 1890: Sozialisten⸗Gesetz⸗Verlänge⸗ rung mit 169 gegen 69 Stimmen verworfen. 26. 1895: Wilh. II. fordert Einschreiten gegen die soztalist. Jugendliteratur. 1894: Versöhnung Bis⸗ marcks und Wilh. II. 27. 1902: Zapf, sozial. Liederdichter in Wien f. 1897: Miquel wird geadelt. 23. 1898: Achtstundenkampf in England beendet. 1888: Lockspitzeltreiben im Reichstage enthüllt. 29. 1902: Sozialist. Reichstagswahlsieg in Döbeln. 1895: Untergang des Dampfers„Elbe“, 374 Todte. 30. 1649: König Karl I. von England, geköpfe. England Republik. 31. 1893: Zukunftsstaats-Debatte im Deutschen Reich tage. 1892: Der„Vorwärts“ veröffentticht den Soldaten⸗Mißhandlungserlaß des Prinzen Ceorg v. Sachse Sachser. 5 3 52. Lz bl SEO. —— — Seite 3. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Agemene bewellschatts-Versammlung am Sountag, den 1. Februar 1903, Nachmittags 3 Uhr im Lokale des Herrn Orbig, Rittergasse. Tagesordnung: 1. Geschäfts⸗ und Kassenbericht. 2. Die Gewerbegerichtswahlen und Aufstellung der Kandidaten. Die Mitglieder sämtlicher Gewerkschaften sind eingeladen. 3. Verschiedenes. Das Gewerkschaftskartell. Sanitäts⸗OGerein. Montag, den 26. Jaunar, Abends 3/ Uhr Gonerd-Versammlung im Lokale des Herrn Albold,„Zum Gambrinus“, Wetzteinstr. Kreiling. 1. Geschäfts⸗ und Kassenbericht. Tagesordnung: 2. Vorstandswahl. einer Rechnungsprüfungskommission. 4. Verschiedenes. Der Vorstand. 3. Wahl Ortskrankenkasse Friedberg. Täglich frische Kreppe bei L. Müller Bahnhofstraße 58. Auf die gut eingef. u. feststehende Krankenkasse (eingeschr. Hilfskasse No. 87) welche den Namen„Union““ zum Beitritt auf. Ohne ärztliche Untersuchung! Zahlstellen: Altenbuseck. Justus Weuliug I. Gr.⸗Buseck: Friedr. Nicolai. Wieseck. Chr. Heinr. Staufenberg: Phil. Becker. Daubringen u. Lollar: Friedr. Rudolph. Trohe und Rödgen: Heinr. Müller. Launs⸗ bach u. Wißmar: Gg. Eckhardt Reiskirchen u. Umgegend: Ludw. Schneider. Fir 2 führt, machen wir unsere Genossen hiermit aufmerksam und fordern 25 Allen denen, die sich durch Erkältung oder Ueberladung des Magens, durch Genuß mangelhafter, schwer verdaulicher, heißer oder zu kalter Speisen. oder durch unregelmäßige Levensweise ein Magenleiden, wie: Ma aruh, Magenkrampf, Magen⸗ schmerten, schwere Verdauung oder Ver⸗ schlaung zugezogen haben, set hiermit ein gutes Hausmittel empfohlen 7 deßsen vorzügliche heilsame Wirkungen schon seit vielen Jahren erprobt find. Es ist dies das bekannte. Verdauungs⸗ und Blutreiuigungsmittel, der 5— 9 72 2 0 sche E: 0 Hubert Ulrich Kränter-Wein. 5 1205 Kräuter-Wein ist aus vorzüglichen, heilkräftig efundenen Kraͤnlern mit gutem Wein bereitet, und stärkt und belebt den ganzen Perdauungsorganismu⸗ des Menschen, ohne ein Acbführung⸗mittel zu sein. Kränferwein beseitigt ale Störungen in den Wlnk⸗ kennen, reivigt das Blut ven allen verdorbenen, krankmachenden Ptoffen und wirkt fördernd auf die Neu bildung gesunden Blutes. Durch rechtzeitigen Gebrauch des Kräuter⸗Weines werden Magenübel meist schon im Keime erstickt. Man sollte also f nicht fäumen, seine Anwendung allen anderen scharfen, ätzen⸗ den, Gesundheit zerstörenden Mitteln vorzuziehen. Alle Spmp tome wie: Koptschmerzen, Aufstossen Sodbrennen, Blan- ungen, Uebelkeit mit Erbrechen, die bei chronischen, a e um so heftiger auftreten werden oft nach einigen Mal Trinken beseitigt. 5 5 d d 1 Stunlverstopfung mie Belelemmang, Kolik, mer. zen, Herzklopfen, Schlaflosigkeit, sowte Blutanstauungen 9 in Leber, Milz und Pfortadersystem(Haämorrholdalleidon) Laut Beschluß der Generalversammlung vom 19. November 1902 und unter Genehmigung Großh. Kreisamtes Friedberg vom 20. Dezember 1902 erhält der§ 30 des Statuts vom 1. Jauuar 1903 ab folgende Fassung: Die Kassenbeiträge betragen wöchentlich: Hiervon entfallen auf den Arbeitnehmer Arbeitgeber 1. Für die Mitgl. der 1. Kl. 12 Pfg.) 1. Klasse 8 Pfg. 4 Pfg. 2. 1* 1* 2. 1 18 1 2. 7 12* 6 9 3.* 5 1 8. 1 27 5 3. 5 18 1 9 6 4. 5„ 17 50 4.„ 33 5 4. 7 22„ 115 5 5. 1 1 1 1 5. 7 39 7 5.* 26* 13 I 6.„ 5 0 5 6.„ 51 1 6.„ 34„ 17. , 17 7 N 35 1, D. Kaminka Uhrmacher Giessen, Marktplatz 18. Vorteilhafte Bezugsquelle für Mhren, Gold⸗ und Silberwaren 1* 7 Die Erhebung der Beiträge findet in den vom Vorstand zu bestimmenden Fristen, jedoch längstens von Monat zu Monat statt. Die angefangene Kalenderwoche wird als voll berechnet. Der Vorstand: Carl Damm, 1. Vorsitzender. eee e fe e b Zweite große Lanalten. und Jager Ausstelung 35 veranstaltet vom Verein Konaria für Gießen u. ung. verbunden mit 7 Prümiierung und erlosung in den Tagen vom 23. bis 25. Jauuar er. im Saale des Hotels„Eingorn“. 905 h Roukurrenzsäuger, einheimische Sänger u. Exoten. Eintritt 20 Pfg. Kinder in Begleitung Erwachs. 10 Pfg. f 140 75 906 38 9 1 8 5 2 9 Millionen Cigarren 25 fabelhaft billig zu verkaufen. 100 St. 5 Pf.⸗Cigarren nur M. 2,95 100 7 6 7* 7* 3,70 100 1 8 7 N I 7 4,70 10 6,15 Bei 300 Stück Frankolieferung. Versand gegen Nachnahme. Für Güte der Ware wird aus drücklich garantiert. Tausd. Anerkennungen liegen vor Berndt& Co., Berliu⸗Schöneberg 173, Ebersstraße 75. werden durch Kräuter⸗Wein Netnen leichten und Gedärmen. rasch und gelind beseitigt. Kräuter⸗Wein behebt jedwede Unverdauliekkeit, verleiht dem Berdauungssystem einen Aufschwung und entfernt durch tuhl alle untauglichen Stoffe aus dem Dagen 25 Tüchtige 2 sowte häufigen ginalpretisen nach allen Orten Deutschlands porto- u. Hageres, bleich. Aussehen, Slutmangel, Entkräftung mangelhafter fatgeckang und eines kran haften Zustandes oer Leber. Bet gänzlicher Appetitlosigkelt unter nervöser Abspannung und Gemüthsverstimmung, Kopfschmerzen, schlaflosen Nächten, siechen oft solche Kranke langsam dahin. Kräuter⸗Wein giebt der geschwächten Lebenskraft einen schen Impuls. Keräuter⸗Wein steigert den Appetit, befördert Verdauung und 1 regt den Stoffwechsel kräftig an, beschleunigt sert di und verb e Blutbildung, beruhigt die erregten Nerven und schafft dem Kranken neue Kräfte und neues Leben. 2 Zahlreiche Anerkennungen und Dankschreiben beweisen dies. Kräuter ⸗ Wein ist a Mk. 1.25 u. 1,75 in: Gießen, Großen⸗ zu haben in Flaschen Linden, Wetzlar, Fronhausen, Braunfels, Butz⸗ bach, Brandoberndorf, Gladenbach, Weilburg, 4 Groß⸗Buseck, Allendorf, Grünberg, Lich, Hungen, Laubach, Bad Nauheim Marburg usw. usw. in den Apotheken. Auch versendet die Firma„Hubert Ullrich, Lelpzi Weststrasse 82“, 3 und mehr Flaschen Kräuterwein, stefre efrei. Vor Nachahmungen wird gewarnt. Man verlange ausdrücklich Hubert IIIIi en Krä r- Wr Mein Kräuter⸗Wein ist kein Geheimmittel; seine Bestandtetle 5 find Malagawein 450,0, Weinsprit 100,0, Rothwein 240,0. Ebereschensaft 150,0, Kirschsaft 420,0, enchel, Anis, Helenen⸗ wurzel, Enzianwurzel, Kalmuswurzel àa 10,0. 2 W h 885 Lose sind in den mit Plakaten belegten Handlungen K g a Stück 50 Pfennig zu haben. e eee Edgar Borrmann, Giessen Werkzeuge, Haus- und Küchen- Spaten Drahtgeflecht Wasch- u. Wringmaschinen Stachelzaundraht, Mangen, Vogelkäfige Rasenmäher Waagen und Gewichte Stehleitern Neustadt 11. 1 Telefon 298 Eisenbhandlung, Stahlwaren, Geräte-Hlandlung Landwirtschaftl. Geräte Herde und Oefen Messerputzmaschinen Petroleum⸗- u. Gaskocher Arbeiter aller Berufe Fleischhack⸗u. Reibemasch. können ohne ärztl. Untersuchung Dr. Kleins Fleischsaftpress. Feuerlöschapparate ꝛc. en détail Grosses Lager aller Sorten Teller, Tassen, Kannen, Martinstraße 2.— Ferner erteilt Schüsseln u. s. w. in weiss und bunt. Bier-, Wein-, Auskunft Former Johs. Lemp, Giessen LRD ern gros Lang e Wiederstein Marktstrasse 4. Glas-, Porzellan- und Steingut-Handlung. cue dine den Geschsftelührer Marktstrasse 4 Reichstagsabg. Gg. Horn. Modellschlosser u. Werkzeugmacher sofort bei hohem Verdienst gesucht. Offert. u. A. 0901 bef. d. Exped. in die Allg. Kranken- u. Sterbe⸗ kasse für Arbeiter aller Berufe Deutschl., E. H.⸗K., Sitz Meißen, gegr. 1891, eintreten. Keine Agent. Generalagenten und Direktoren, sondern Selbstverwaltung durch die Mitglieder. Gründer der Kasse: Näh. Auskunft, Statuten, Aufnahme- Bruno Reinhold, Meißen, Treis a. d. Lumda, Bahnhoffstr. 3. r N engen minonen mark e Fersige Federbelten 65 darunter Haupttreff. jähr. von— 5357080 ob. 32240 000 ll, 1924000 33 520 bob, 6 10 000 Jedes Loos ein Treffer. Die kleinsten Treffer betragen mindestens ca. 97 pCt. des Ein- satzes, daher bei Verloosung fast in Risi Unsere Gesellschafts- Kombi- nationen bieten die Grösste Gewinnchancen. 112 verschiedene Nummern. Monatlich Beteiligung nur Mk. 4. — Anmeld. befördert umgehend: 18 mit 8 Pfund Federn gefüllt, Stück zu 10.50, 12.— 14.— 18.— Mark und besser. 0 5 a Kissen 5 0 mit 2¼ Pfund gefüllt, Stück zu 2.75, 3.50, 5.50, 6.70, 6.— Mark und besser unter Garantie für vollständig reine und neue Füllung, empfehlen Gargi; In ganz Deutschland gesetzl. er! Se eso oOolsu uu nurse une Neustadt 10. .. W. Walter, Essen322 — TF Likör-, Tafel- und Kaffeeservice in allen Preisen, Blumenvasen, Figuren, Nippes, Luxusgegenstände u. S. W. zu Gelegenheits- Geschenken. Sämtliche Sorten Wirtschafts-, Einmach-, Gelee-u.Honig-Gläser Lampen* Lampenglas* Steinwaren. Heinrich Doll, Giessen Wasserkrüge Packkörbe kaufen Beuner& Krumm Waschgarnituren=[[s Küchengeschirre. Gießen, Bahnhofstraße 40. 2 2 7 Eln rühmen N 7 äusburg 7 0 Papief-Bandlung Buchbinderei* Geschäftsbücher& Drucksachen bon Bildern. selle 8 5 8 1 Verlag der Mitteld. Sonntags⸗Zeitung(E. Krumm), Gießen. Verantw. Redakteur F. A. Vetters, Gießen. Druck von E. Ottmanns Druckerei, Gießen. r e