S 5 4 E l. abi 2 — 2 8 1 rl ährige ram. r, ue ert U * irtel ral sufen. 00²— 10ʃ. 5 8.—„ CCC AA N „ ieeeotsue nel nurn din 7 e — r Nr. 21. Gießen, den 24. Mai 1903. 5 10. Jahrg. Nedaktion: 25 i 5 Nedaktionsschluß: Nirchenplatz 11, Schloßgasse. Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. 2 Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unrer Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 331½U% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. D Juserate Die ögespalt. Bei mindestens Wahllügen u. Wahlmanöver. Was schon zu gewöhnlichen Zeiten von den Gegnern und ihrer Presse, besonders aber den Kreis⸗ und Amtsblättern, über die Sozial⸗ demokratie, ihre Bestrebungen, ihre Vorkämpfer und Führer zusammengefabelt wird, ist wahrlich nicht gering, zu Wahlzeiten steigt die Lügenflut aber in unheimlicher Weise. Jetzt sind es beson⸗ ders die Produkte der„Antisozialdemokratischen Korrespondenz“ des Herrn Max Lorenz, welche mit Wohlbehagen von der ganzen reaktionären Sippe nachgedruckt werden. Amts- und Kreis⸗ blätter, darunter solche, die sich gerne den Anschein einer gewissen„Vornehmheit“ geben möchten,„unparteiische“ Organe und Antisemiten⸗ blätter füllen ihre Spalten mit dem, was Eugen Richter in seinen„Irrlehren“, was die Korbmacher Fischer, Viktor Schweinburg, Max Lorenz sonst irgendwo an gehässigen Torheiten gegen die Sozialdemokratie Abende haben. Bei Anwendung dieser von den genannten Fabrikanten gelieferten„geistigen Waffen“ kommt es natürlich auf mehr oder weniger Dummheiten und Verdrehungen nicht an; unbesehen, kritiklos wird alles aufgenommen, höchstens ein wenig auf lokale Verhältnisse zurechtgestutzt. Auch wird nicht danach gefragt, was das für Leute sind, welche da in Sozialisten⸗ vernichtung machen. Es erscheint deshalb an⸗ gebracht, wenn wir hier einige Angaben über einen solchen Ehrenmann machen, den Korb⸗ macher Fischer nämlich, dessen vor einigen Jahren mit Hilfe Stumm'schen Geldes her⸗ gestellte Sudelschrift jetzt im Kampfe gegen die Sozialdemokratie benutzt wird. Dieser Fischer ist ein Ordnungsmann, wie er sein muß. Unser Zentralorgan macht über sein Vorleben genauere Angaben. Fischer kam danach gegen Ende der achtziger Jahre nach Berlin, wo er sich in unsere Partei eindrängte, die er als melkende Kuh zu benutzen versuchte. Natürlich hatte er damit kein Glück und das mag aller- dings seine sozialdemokratische„Ueberzeugung“ ins Wanken gebracht haben. 1890 wurde dieser Mensch wegen eines niederträchtigen Messeran⸗ griffs auf den Schlächtermeister Hagedorn zu einem Jahre Gefängnis verurteilt. Außer dieser Strafe hat Fischer noch eine mehr⸗ wöchentliche Gefängisstrafe wegen Betruges sowie eine Strafe wegen Betruges und Urkundenfälschung erlitten, weil er sich auf einer gefälschten Quittung unberechtigter Weise hatte Geld ausbezahlen lassen; ferner wurde er wegen Hausfriedensbruch mit Ge⸗ fängnis bestraft. Dieses wegen Widerstandes, Messerstecheret, Betruges, Urkundenfälschung und Hausfriedens⸗ bruchs bestrafte Individuum, das ist der Ehren⸗ mann, der den sozialdemokratischen Führern ihr Wohlleben und den sozialdemokratischen Arbeitern ihre Rohheit und ihr wüstes Betragen vorhält, und dessen schriftstellerisches Machwerk von den Parteien, die so gern über die rohe Kampfesweise der Sozialdemokratie klagen, mit perfidem Lächeln als Wahlmittel benutzt wird. Von ähnlichem Kaliber ist der ehrenwerte Mitarbeiter des Fischer, Fink, ehemaliger Redakteur der„Post“ und Sekretär der konser⸗ pativen Partei, der wie im Reichstage nach⸗ gewiesen worden ist, in Amerika Checks und Wechsel gefälscht hat. Sehen wir uns aber die Fabrikate dieser Ehrenmänner ein wenig an! Die hübsche Aufstellung von den Beitragsleistungen des Unternehmertums zu der Arbeiter⸗Versicherung haben wir schon mehrfach erwähnt, wollen des⸗ halb heute darauf umsoweniger eingehen, als wir in der nächsten Nummer einen Artikel über die Versicherungsgesetze bringen werden. Doch da ist zunächst ein Machwerk des Lorenz, das sich der„Gießz. Anzeiger“ zueignete und das auch dem Antisemiten Hirschel so gut gefallen hat, daß er es wortwörtlich in seinem berühmten Offenbacher Blatte abdruckt. In dieser Lorenziade,„Politik und Ge⸗ schäft“ betitelt, werden die früheren und jetzigen Berufe der sozialdemokratischen Abgeordneten aufgezählt, um dadurch darzutun, daß„die sozial demokratischen Abgeordneten gerade durch die Partei ihre bürgerliche und soziale Position gebessert haben.“ Merkwürdig, man macht unsern Parteigenossen zum Vorwurf, was man bei den Bürgerlichen als besonders ehrenvoll und als Beweis persönlicher Tüchtigkeit ein⸗ schätzt! Wenn irgendwo ein Nicht⸗Sozialdemo⸗ krat sich etwa vom Arbeiter zum Unternehmer und reichen Manne entwickelt und es womög⸗ lich zum Kommerzienrat bringt, so weiß das die bürgerliche Presse nicht genug zu loben, stellt einen solchen Mann den anderen Menschen als Muster hin, als ein Beispiel, wie man es„durch Fleiß und Sparsamkeit zu etwas bringen“ könne. Selbst wenn oft die Mittel, durch die irgend einer hochkam, höchst bedenklicher Natur waren, wenn er auch schamlos ausbeutete, prellte, spekulierte— ist er zu Besitz gekommen, bleibt er ein Ehrenmann! Nicht aber der sozial⸗ demokratische Arbeiter, der infolge seiner Parteizugehörigkeit außer Lohn und Brot gejagt wurde, sich selbständig machen mußte oder die Redaktion eines Gewerkschafts⸗ oder Partei⸗ blattes übertragen erhielt. Man sollte sich doch freuen, wenn sich ein Arbeiter soweit ausbildet, daß er eine Redakteurstelle versehen kann! Ja freilich, Amtsblatt⸗Redakteure werden solche Arbeiter in der Regel nicht, denn dazu kann man nur Leute brauchen, die keine selbständige Meinung haben, die schreiben müssen, wie es von oben gewünscht wird, die aus Furcht oben anzustoßen, noch nicht einmal wagen, leise Kritiken einer Staatsstütze aufzunehmen.— Der Zweck dieser Notiz, unsere Abgeordneten bei den Wählern zu verdächtigen, wird nicht erreicht werden, vielmehr wüunschten die Arbeiter, daß sich alle unsere Abgeordneten in recht günstiger wirischaftlicher Position befänden, um den Kampf gegen Unrecht, Unterdrückung und Ausbeutung noch nachhaltiger zu führen! Ebensowenig wird die schofle Verdächtigung des Anzeigers gegen unseren Genossen Krumm, den das Blatt als einen Mann hinzustellen sucht, der ebenfalls seinen Vorteil bei der sozialdemokratischen Partei suche, ihren Zweck erreichen. Daß das eine grobe Unwahrheit ist, weiß Jeder; auch der anständige Gegner muß anerkennen, daß genau das Gegenteil wahr ist, unser Genosse nicht unbedeutende Opfer für unsere Sache bringt. Glaubt man mit solchen plumpen Angriffen die Sache der Ordnungs⸗ parteien zu fördern? Uns schaden solche von Jedermann als niedrige Verdächtigungen zu erkennende Angriffe wahrlich nicht! Ein anderer Wahlschwindel, der den Mittelstand gegen die Sozialdemokratie auf⸗ hetzen soll, ist folgende Notiz, die durch die ganze Reptilpresse geht und die auch der „Wetzlarer Anz.“ abdruckte: Der sozialdemokratische Abg. Ledebour hat sich in einer Wahlversammlung auf eine von Herrn Dietzsch gestellte Anfrage über die Stellung der Sozialdemokratie zu den Interessen des Mittelstandes folgendermaßen geäußert:„Die Sozialdemokratie hat mit den Mittelstandsparteien absolut nichts gemein und wird sich niemals dazu her⸗ geben, die Interessen des Mittelstandes, d. h. der Handwerker, Ladenbesitzer, kleinen In⸗ dustriellen usw. zu vertreten, da auch diese nur zu der Klasse der Ausbeuter gehörten. Die Sozialdemokratie ist nicht dazu da, die in ihrer Existenz bedrohten kleinen Gewerbe— treibenden zu schützen oder zu stützen, sondern es liegt nur in der Absicht der Sozialdemo⸗ kratie, daß diese Elemente, die dem Cxistenz⸗ kampf nicht gewachsen sind, ihre Selbst⸗ ständigkeit aufgeben; auf irgendwelche Hilfe gegen die Pressionen des Großkapitals, der Großindustrie, der Großbazare, der Konsumvereine usw. hat der Mittelstand seitens der Sozialdemokratie nicht zu hoffen, sondern es wird gerade das Bestreben der Sozialdemokratie sein, solche Bazare, Groß⸗ industrien usw. im Kampfe gegen den Mittel⸗ stand zu unterstützen.“ Wie Gen. Ledebour im Vorwärts mitteilte, handelt es sich hier um eine grobe Fälschung seiner Worte. Ledebour hat in jener Versamm⸗ lung genau den Standpunkt vertreten, den unsere Partei dem Befähigungsnachweis, Zwangs⸗ innung ꝛc. gegenüber einnimmt. Deu Hand⸗ werkern vorlügen, daß solche Dinge zur Hebung des Handwerks geeignet sind, überläßt die Sozialdemokratie den Antisemiten. Handwerk und Zolltarif. Diese Frage beleuchtet eine höchst beachtens⸗ werte, kleine Broschüre eines praktischen Berliner Handwerksmeisters, des Malermeisters Emil Kruse, Berlin. Der gegenwärtige Kampf um Zolltarif und Handelsverträge ist für das Handwerk eine Angelegenheit von größter Wichtigkeit. Als besonderes Merkmal des Tarifs kann gelten, daß in ihm unverkennbar das Bestreben zum Ausdruck kommt, Rohstoffe und Rohmaterialien zu verteuern und ebenso die Preise für die Produkte der Landwirtschaft in die Höhe zu treiben. Damit ist cine Besteuerung der Arbeit und Geschicklichkeit zu Gunsten des Großkapttals eingetreten. Die Verarbeiter der Rohstoffe, zu denen vor allen die Handwerker gehören, sind außer Acht gelasseu; sie werden zusehen müssen, wie sie mit den verteuerten Rohmaterialien fertig werden, um auf ihre Kosten zu kommen, denn es ist eine vielerprobte Tatsache, daß eine Steigerung der Produktionskosten nur in äußerst geringem Umfange durch den Handwerker auf den Kunden abgewälzt werden kann. Man könnte im ersten Augenblick vielleicht versucht sein, in den teilweise vorgesehenen höheren Zollsätzen für fertige Produkte einen Schutz des Handwerks zu sehen. In Wirklichkeit dürfte aber gerade dieser höhere Zoll dem 10 1 — * 3 — 5 nee 2 5— — r—̃—— Seite 2. Mtteldentsche Sonntag s⸗Zeitune. Nr. 2. Handwerk verhängnißvoll werden, wenn nämlich durch die Zollpolitik den Produzenten von Fertigfabrikalen, die auf die auswärtigen Märkte angewiesen sind, der Vertrieb dieser Erzeugnisse im Auslande erschwert wird, so muß die nächste Folge hiervon sein, daß sie den großen Vorrat von Waren, über den sie in Folge der Massenfabrikation bei Beginn der Hemmnisse noch verfügen, im Inlande abzusetzen suchen werden. Hierunter würden alle zu leiden haben, die bisher nicht für den Fernabsatz, sondern für den Ortsbedarf produzierten, in erster Reihe die Handwerker. f Ferner würden aber die für eine Reihe von Fertigfabrikaten vorgesehenen Schutzzölle be⸗ wirken, daß die fabrikmäße Herstellung, die Massenproduktion sich erst recht auch denjenigen Gebrauchsgegenständen zuwendet, die heute noch handwerksmaͤßig erzeugt werden. Die Ent⸗ wicklung nach dieser Richtung kann somit nur dazu führen, daß das Handwerk aus der Stellung, die es heute noch inne hat, vollends verdrängt wird, und daß der hohe Zolltarif geradezu einen weiteren Ruin des Mittelstandes herbeiführt, den man schützen zu wollen vorgiebt. Dieser Rückschlag wird um so empfindlicher werden, als sich das Handwerk unter der Geltung der gegenwärtigen Handelsverträge in einem gedeihlichen Zustande befand. 5 Der Verfasser untersucht dann, wie die einzelnen Handwerke: Maurer, Glaser und Anstreicher, Dachdecker, Tischler, Metallgewerbe, Schuhmacher, Gerber, Sattler, Müller, Bäcker, und Konditoren, Seifensieder, Buchbinder, durch die betreffenden Zollsätze des neuen Tarifs benachteiligt werden, und schließt: „Der neue deutsche Zolltarif, wie er heute vorliegt, bedeutet für den Handwerker: 1. Verteuerung seiner Ernährung, Kleidung und Wohnung, 2. Verteuerung der von ihm gebrauchten Materialien und Handwerkszeuge, 3. Verminderung der Arbeitsgelegenheit. Bekommen wir aber neue und gute Handels⸗ verträge, so wird die Unternehmungslust, welche heute einen Rückschlag erfahren hat, sich überall wieder beleben, neue Anlagen werden errichtet werden, die Lebenshaltung des Arbeiters und des Mittelstandes wird steigen und der kleine Mann wird wieder in den Stand gesetzt werden, dem Handwerker seine Erzeugnisse zu lohnenden Preisen abzukaufen.“ Die Wahlbewegung. Einen vernünftigen Beschluß faßte die demokratische Partei in Mainz. Der Vor⸗ standsausschuß derselben beschloß einstimmig keinen eigenen Kandidaten aufzustellen, sondern für die Wahl unseres Genossen Dr. Da vid einzutreten. 2 In Frankfurt haben die National⸗ liberalen den Rechtsanwalt Dr. Oswalt als Kandidaten aufgestellt. Oswalt fiel schon im Jahre 1890 gegen unseren Genossen Schmidt durch. Bei der letzten Wahl dagegen hatten sich die sämtlichen„Ordnungs“leute auf den Stadtrat Flinsch als Mischmaschkandidat geeinigt, unterlagen aber auch mit diesem. Politische Rundschau. Gießen, den 21. Mai. Nach 40 Jahren. Am 16. Mai waren 40 Jahre verflossen, daß Lassalle den Allgemeinen deut⸗ schen Arbeiterverein gründete. Seine Hauptforderung, die er schon in seinem„Offenen Antwortschreiben“ erhoben hatte, das allgemeine gleiche direkte und geheime Wahlrecht ist, schon wenig Jahre nach der Gründung des Allgem. deutschen Arbeitervereins verwirklicht. Und die Arbeiter haben seitdem gezeigt, daß ste in diesem Zeichen zu siegen verstehen. Unaufhaltsam ging der Siegeslauf der Sozialdemokratie vorwärts und die bevorstehende Wahl wird wieder zeigen, daß die Aufklärung der Massen weitere Fort⸗ schritte gemacht hat, daß wiederum Hundert— tausende Wähler mehr als vor 5 Jahren von sind Notwendigkeit des Sozialismus überzeugt ind. Ungleiches Wahlrecht. Dieser Tage brachte der Vorwärts eine Zusammenstellung der 10 an Bevölkerungszahl größten und der 10 kleinsten Wahlkreise. Da⸗ nach hatten die zehn größten durchschnittlich 490813 Einwohner, dagegen beträgt die Ein⸗ wohnerzahl der zehn kleinsten im Durchschnitt nur 61707. Nach der Reichsverfassung soll auf je 100000 Einwohner ein Abgeordneter entfallen; nach der heutigen Bevölkerungszahl kämen durchschnittlich 142000 Einwohner auf einen Wahlkreis. Der sechste Berliner Kreis zählt als der größte 696 608 Einwohner, der kleinste, Schaumburg⸗Lippe nur 43 132! Berlin VI. hat also die fünfzehnfache Einwohnerzahl des Wahlkreises Schaumburg-Lippe; und die durchschnittliche Einwohnerzahl der zehn größten Wahlkreise ist achtmal so groß wie die der zehn kleinsten. Da das Verhältnis der Wahlberech⸗ tigten in beiden Kreisen der Einwohnerzahl entsprechend ist(durchschnittlich entfällt auf etwa 4 Einwohner ein Wahlberechtigter), so würde die Stimme eines Wählers in Schaumburg⸗ Lippe ebenso schwer wiegen wie 15 Stimmen in Berlin VI. Nach dem Reichswahlgesetz müßte Berlin VI. nicht einen, sondern sieben Abgeord⸗ nete wählen. Unter den heutigen Verhält⸗ nissen ist überhaupt eine Benachteiligung der großstädtischen Wähler zu konstatiren. Eine Neueinteilung der Wahlkreise im Geiste der Verfassung würde diese verschiedene Wertung der städtischen und der ländlichen Stimmen ausgleichen. Das ist aber auch gerade der Grund, weshalb die rechtsstehenden Parteien sich mit Hand und Fuß gegen eine Aenderung der Wahlkreisordnung sträuben. Die neuen Kanonen. Gegenwärtig werden ein Teil der Feld⸗ geschütze zu Rohrrücklaufgeschütze umgeändert. Damit sollen dann im Sommer größere Schieß⸗ übungen vorgenommen werden und die dabei erzielten Resulta:e sollen zur Begründung der neuen Artillerie-Vorlage dienen. Für die Wähler heißt's also: die Taschen zuhalten und keinen bewilligungseifrigen Abgeordneten gewählt! Kriegsminister Goßler ist gegangen worden. Er soll es mit dem Kaiser gründlich verdorben haben und als Beweis dafür wird angeführt, daß der Kaiser gegenüber dem Versuch einer hochgestellten Persönlichkeit, nach der Rückkehr aus Italien dem Kriegsminister eine Abschiedsaudienz zu erwirken, wörtlich erklärt habe: Ach was, ich will ihn gar nicht mehr sehen! Weiter wird behauptet, daß die persönlichen Beziehungen des Kriegsministers sich seit Monaten auf die unumgänglichsten Formen beschränkten und daß der Kaiser schließlich mit dem Kriegsminister nur noch durch Vermittlung des Militärkabinetts verkehrte.— Militärischer Geist. Aus München schrieb man dieser Tage der„Frkftr. Ztg.“:„In dem Prozeß eines hiesigen Industriellen gegen eine Dame wegen Erpressung hatte der Anwalt der Dame den Industriellen in der Gerichtsverhandlung scharf mitgenommen. Rechtsanwalt und Industrieller waren Reserveoffiziere. Der Industrielle forderte den Rechtsanwalt. Dieser legte die Sache dem Ehreurate vor, und der Ehrenrat entschied, der Anwalt brauche sich nicht zu duellieren. Nun ist der Rechtsanwalt mit schlichtem Abschied als Reserveofftzier entlassen worden und zwar deshalb, weil er einen Offtzier (eben jenen Industriellen) in der Gerichtssttzung angegriffen hat. Da haben also Rechtsanwälte, welche Reserveoffiziere sind, gebundene Hände, wenn sie gegen einen Reserveoffizier zu plaidieren haben, wie denn überhaupt jedem Reserveofftzier die Ausübung seines bürgerlichen Berufs er⸗ heblich durch die von ihm geforderten Rücksichten auf seine militärische Stellung erschwert werden muß.“— Noch verderblicher aber muß der Umstand wirken, daß von oben herab der Zwang ausgeübt wird, die Gesetze zu mißachten und zu verletzen. Von der deutschen Rechtspflege. Eln überaus hartes Urteil fällte die Straf⸗ kammer in München⸗Gladbach. Sie verurteilte den Arbeiter Stumpf, welcher bei einem Streik Arbeitswillige durch Drohungen von der Weiterarbeit abhielt, sich seiner Ver⸗ haftung widersetzte und in der Gefängniszelle Alles zertrümmerte, zu 18 Monaten Ge⸗ fängnis und 4 Wochen Haft. Der Arbeiter Gottfried Müller, welcher sich„an den Drohungen beteiligte“, erhielt drei Monate Gefängnis.— Damit vergleiche man das Urteil gegen die Marburger Studenten, welche um Weihnachten einen wirklichen Aufruhr in⸗ szenierten, das Rathaus verbarrikadierten, Polizisten und Gensdarmen mißhandelten. Nur einigen dieser Aufrührer— nicht allen!— wurden bekanntlich lächerlich geringfügige Geld⸗ strafen in der Höhe von 5, 10 und 20 Mark auferlegt.— Zu demselben Kapitel gehört ein merkwürdiger vor dem Schöffengericht in Aug s⸗ burg verhandelter Fall. Eine Hausbe⸗ sitzers gattin, die auf dem Wochenmarkt drei Eier gestohlen hatte und vor nicht langer Zeit wegen Diebstahls schon zweimal vorbestraft worden ist, wurde freigesprochen. Das Gericht ließ die famose Ausrede gelten, daß die Angeklagte die drei Eier nur zum Zweck gestohlen habe, um ihr unheilbares Frauenleiden los zu werden, was ihr eine„alte unbekannte Frau“ geraten haben will!!— Da besonders in den Kreisen der Arbeiterfrauen Frauenleiden häufig vorkommen, dürfen diese zur Heilung ihres Leidens tüchtig Eier stehlen. Eine„alte Frau“, die ihnen das ausdrücklich„verschreibt“ wird sich schon finden.— Der Arme soll sich einrichten. Dieser Tage hat der Kaiser in Bitsch im Unterelsaß, wo er sich aufhielt, in der Antwort auf eine Rede des Landesausschuß⸗Präsidenten gesagt: Er wisse, daß das Bitscher Land nicht Teich sei. Wer apm sei, lerne ichn wenigem einrichten. Er wisse, daß die Bewohner ihm treue Untertanen seien, und Treue, Zucht und Ordunng— hier machte er eine Pause, dann winkte er der versammelten Geistlichkeit mit dem Marschallstab zu— und christliche Gestnnung seten aber auch nötig. Der Kaiser hat recht: Wer arm ist, muß sich mit wenigem, sogar mit sehr wenigem einrichten. — Umgekehrt finden wir, daß manche Leute sich selbs mit hohen Einnahmen nicht begnügen, sondern ein Einkommen von selbst vielen cen auf Kosten des Volkes zu steigern uchen.— Von der Not der Landwirtschaft. Cine große Bauernhochzeit ist kürzlich, wie das„Hamburger Echo“ berichtet, in Oberwarfe (Oldenburg) gefeiert worden. Ungefähr 700 Familien waren dazu eingeladen, so daß auf 1500 bis 2000 Gäste angerechnet wurde. 2000 Flaschen Wein waren angeschafft und 2000 Pfund Fleisch zum Belag für Butterbröte. Die Zahl der Butterkuchen und„Klaben“ war schier unendlich. 35 Musiker von der Infanterie⸗ kapelle in Oldenburg stellten die Musik. Sozialistische Gemeindewahlsiege in Baden. Kürzlich haben in Baden Gemeindewahlen stattgefunden, bei denen unsere Partei bemerkens⸗ werte Erfolge erzielte. In Rheinau erhielt die sozialdemokratische Liste 101 Stimmen, die vereinigten Bürgerlichen bekamen nur 44—52. — In Heddesheim siegte in der III. Wähler⸗ klasse die sozialdemokratische Liste mit 94 gegen 93 Stimmen.— In Villingen stellten die Nationalliberalen, Demokraten und Sozialisten eine gemeinsame Liste für die Klasse der Nieder⸗ besteuerten auf, um den seit langen Jahren maß⸗ gebend gewesenden Einfluß des Zentrums in der Stadtverwaltung zu brechen. Die Wähler⸗ schaft entschied gegen das Letztere, und auch in der Klasse der Mittelbesteuerten unterlagen S Dr — — =S S S 2 — Nr. 21. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 3. die Klerikalen. Da ein Sieg des Zentrums Nach dieser hochnotpeinlichen politischen in der noch ausstehenden Wahl zur I. Wähler⸗[ Gewissensfolter erfolgte dann die heilige Von Nah und Fern. lasse ausgeschlossen ist, so wird der Villinger] Absolution. Solche ungehörige Pfaffen⸗ Hessisches. Bürgerausschuß künftig 37 Nationalliberale, 16 Angehörige des Zentrums, 4 Sozialdemo⸗ kraten und 11 Demokraten umfassen. Preußische Polizeiweisheit. Eine Glanzleistung polizeilicher„Gentalität“ vollbrachte in einer Wahlvereinsversammlung in Hannover der überwachende Polizeikommissar. Als der Vorsitzende sich auf wenige Minuten entfernte und dem Schriftführer die Leitung der Versammlung übertrug, erkannte die Polizei⸗ weisheit des Kommissars darin einen Verstoß gegen das Vereinsgesetz und fragte, wo der Vorsitzende sei, der müsse da sitzen bleiben! Einige Minuten später hatte die Versammlung dem Redner stürmisch Bravo zugerufen. Der Kommissar sah diesen Beifall als Unruhe an. Nach Erwiderung des Vorsitzenden auf die kuriose Auffassung, meinte der Kommissar, jeder Bravorufer sei ein selbständiger Redner, und der Vorsitzende müsse eventuell Namen, Stand und Wohnung dieses„selbständigen Redners“ angeben. Die Redner hätten sich zum Wort zu melden. In Hannover besteht eine Schutz⸗ mannsschule. Konsum⸗Genossenschaftstag. Vergangene Woche tagte in Dresden der erste Genossenschaftstag. Es waren 260 Ge⸗ nossenschaften durch 650 Delegierte vertreten, auch Delegierte ausländischer Genossenschaften waren erschienen. Auch ein Vertreter der säch⸗ sischen Regierung war anwesend, die Reichs⸗ regierung hatte aber eine Vertretung abgelehnt. Ueber den Stand der Genossenschaftsbewegung referierte Kauf mann⸗ Hamburg. Eine Reso⸗ lution gelangte zur Annahme, welche eine un⸗ parteiische Behandlung der Konsumvereine von den Regierungen verlangt. Als Vorstands⸗ mitglieder in den Gesamt verband deutscher Konsumvereine wurden Barth⸗München, Radestock⸗Dresden und Schmidchen⸗ Harburg gewählt. Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung. + Wie christliche Gewerkschaften entstehen. Einen interessanten Beitrag zur Gründungsgeschichte der christlichen Gewerk⸗ schaftsorganisation liefert das Verbandsorgan der deutschen Glasarbeiter unter der Marke: „Politik im Beichtstuhl“: f Ort der Handlung: Kirche eines Fabrikortes bei Saarbrücken. a Personen: Ein katholischer Kaplan, ein Glasarbeiter. Zeit: Erste Hälfte des April 1903. Kaplan(als Beichtvater): Was machen Sie Sonn⸗ tags morgens, weil Sie nicht in die Kirche kommen? Beichtender: Ich lese. Kaplan: Was ist das für ein Blatt? Beichtender: Den„Fachgenossen“. Kaplan: Was ist das für ein Blatt? Beichtender: Eine Zeitung für die deutschen Glas⸗ arbeiter. Kaplan: Ist das ein Verband? Beichtender: Ja. Kaplan: Gehören Sie diesem Verband auch an? Beichtender: Ja. Kaplan: Wo hat der Verband seinen Sitz? Beichtender: In Berlin. Kaplan: Mein Gott! Wissen Sie denn nicht, daß das Sozialdemokraten sind— diese sind ja gegen unsre Religion! Sie müssen unbedingt austreten. Verbrennen Sie alle Schriften davon. Wollen Sie mir das ver⸗ sprechen? Beichtender: Ja. Kaplan: Sind hier noch mehr Arbeiter in diesem Verbande? Beichtender: Ja. Kaplan: Haben auch schon von diesen gebeichtet? Beichtender: Ja. Kaplan: Sagen Sie zu diesen, wenn sie nicht aus⸗ treten, ist ihre Beichte ungültig. Sagen Sie ihnen weiter, daß wir in nächster Zeit einen christlichen Verband hier gründen, das kostet pro Monat nur 30 Pf., ist also gar nicht teuer; treten Sie bei den Sozialdemokraten aus, dann kommen Sie später zu uns! Wollen Sie mir das alles versprechen? Beichtender: Ja. Manipulationen kommen viel mehr vor als man glaubt, sie kommen nur in den seltensten Fällen ans Tageslicht. K. Eisenbahner⸗ Konferenz in Frankfurt. Nachdem der preußische Eisen⸗ bahnminister Budde unlängst Frankfurt mit einem Besuche beehrt, und dabei vermutlich von allem Gesehenen die besten Eindrücke erhielt, tagte am Sonntag, den 17. Mai, eine Konfe⸗ renz der Untergebenen des Herrn Eisenbahn⸗ ministers, gemeinsam mit Vertretern der Ge⸗ werkschaftskartelle, die von der Leitung des deutschen Eisenbahner-Verbandes für Mittel⸗ und Süddeutschland einberufen war, in den Mauern Frankfurts. Da offizieller Empfang verbeten war, so unterblieb eine Begrüßung durch die Behörden. Durch Delegierte waren vertreten die Orte: Arheiligen, Darmstadt, Frankfurt, Friedberg, Gießen, Homburg, Hanau, Höchst, Neu⸗Isenburg, Mainz, Mann⸗ heim, München und Pfungstadt. Entschuldi⸗ gungsschreiben und Sympatiekundgebungen gingen ein von Aschaffenburg, Bingen und Frankenthal. Der Bayerische Eisenbahner⸗ Verband war durch ein Mitglied des Vorstands vertreten. Nach erschöpfender Aussprache ge⸗ langte folgende Resolution zur einstimmigen Annahme:„Die heute in Frankfurt tagende Konferenz der Vertreter der Kartelle von Mittel⸗ und Süddeutschland hält die Agitation unter den Eisenbahnern für unbedingte Pflicht der Gewerkschaftskartelle. Die einzelnen Ver⸗ treter versprechen, in ihren Bezirken ihr Mög⸗ lichstes zur Gründung von Ortsgruppen des Hamburger Verbandes zu tun.“ Sozialdemokratische Reichstagskandidaturen in Oberhessen und den angrenzenden Wahlkreisen. Wahlkreis Gießen ⸗Grünberg⸗Nidda: Eduard Krumm, Kaufmann und Stadt⸗ verordneter in Gießen. Wahlkreis Friedberg⸗Büdingen: Heinrich Busold, Schreinermeister und Stadtverordneter in Friedberg. Wahlkreis Alsfeld⸗ Lauterbach ⸗ Schotten: Dr. phil. Robert Michels in Marburg. Wahlkreis Wetzlar ⸗Altenkirchen: August Bebel in Berlin. Wahlkreis Marburg ⸗Kirchhain: Paul Bader, Schriftsteller in München. Wahlkreis 1 e(4. nass.): Robert Habicht, Schreiner in Frankfurt. Wahlkreis Dillenburg⸗ Herborn(5. nass.): August Bebel in Berlin. Wahlkreis St. Goarshausen⸗Nassau(3. n.): F. A. Vetters, Redakteur in Gießen. ——— Nur noch zwei Tage liegen die Wählerlisten aus! Wer nicht in der Wählerliste steht, darf nicht wählen und verliert somit sein Wahlrecht! Deshalb nehme man Einsicht von der Wählerliste! Jedem Wähler muß gestattet werden, auch für andere die Liste einzusehen. Einer schriftlichen Vollmacht dazu bedarf es nicht. Auch Frauen können für ihre Männer die Wahlliste einsehen. — Ueber die Wahlberechtigung haben wir in der vorigen Nummer das Nötige gesagt. Hinzugefügt sei noch, daß Invaliden- und Altersrente keine Armenunterstützung ist und die Empfänger solcher Rente selbstverständlich wahl⸗— berechtigt sind. — Staatliche Entschädigung für Verluste durch Maul⸗ und Klauen⸗ seuche. Der Petitionsausschuß der Zweiten Kammer beschäftigte sich am Mittwoch voriger Woche mit dem Antrag Schönberger und Genossen, der eine feste Summe in den Etat eingesetzt wissen will, aus welcher Entschädi⸗ gungen für an der Maul- und Klauenseuche zu Grunde gegangenes Rindvieh gezahlt werden sollen. In der Sitzung des Ausschusses, welcher Oberregierungsrat v. Hölzinger beiwohnte, kam unter Abänderung des Antrags Schönberger eine Verständigung dahin zu stande: Die Regierung erklärt sich mit der Uebernahme der jetzigen und früheren Schäden aus Verlusten an Maul- und Klauenseuche einverstanden, wenn die Kammer darein willigt, daß die hiersür erforderlichen Beträge aus den laufenden, etats⸗ mäßig für die Landwirtschaft zu bewilligenden Mitteln bestritten werden, ohne diese zu erhöhen. Die Vorlage dieser Summe aus der Staats⸗ kasse kann sofort erfolgen. — Warenhäuser in Hessen. Die hessische Regierung hat über die Warenhäuser eine Statistik aufgenommen und deren Ergeb— nisse in einer Denkschrift niedergelegt. Die Statistik umfaßte 151 Geschäfte, darunter waren aber nur dref, die ein Einkommen von 250000 Mark und darüber vermuten lassen. Unter die Bestimmungen des preußischen Warenhausstenergesetzes würde sogar nur ein einziger dieser Betriebe fallen. Für die Städte Darmstadt, Mainz, Offenbach, Worms, Bingen und Friedberg wurde festgestellt, wie sich die Zahl und das Durchschnittseinkommen der Kleinhandelsbetriebe seit Bestehen jener Waren⸗ häuser verändert hat. Hierbei gelangte man zu dem Ergebnis, daß die Frage, in welcher Weise etwa die Neugründung kleiner und mittlerer Betriebe einerseits und das Eingehen bestandener Betriebe andererseits durch das Entstehen und die Entwickelung der Warenhäuser beeinflußt wird, kaum zu beantworten sei, da die viel⸗ gestaltigen Gründe, die zur Neugründung oder zum Eingehen bestimmter Betriebe innerhalb des Zeitraums des Bestehens eines Warenhauses Anlaß gegeben haben, im einzelnen kaum fest⸗ stellbar sind und es doch sehr gewagt erscheint, ein nach Auftreten der Warenhäuser etwa zu konstatierendes Zurückgehen der Anzahl der neugegründeten kleineren und mittleren Betriebe oder das Eingehen einzelner Kleinbetriebe lediglich auf die Entstehung der Warenhäuser zurückzu⸗ führen. Um zu zeigen, daß die preußische Warenhaussteuergesetzgebung für Hessen kein nachahmenswertes Beispiel bilden könne, wird der Stand der Gesetzgebung in Preußen und den anderen größeren Bundesstaaten einer Be⸗ trachtung unterzogen. Dabei betont die Denk⸗ schrift, daß die Grundzüge des preußischen Warenhaussteuergesetzes, dessen Handhabung in der Praxis auf große Schwierigkeiten stoße, sich noch kein anderer Bundesstaat zu eigen gemacht habe. Gießener Angelegenheiten. — Die äunpolitischen“ Krieger vereine. Das Präsidium der Kriegerkamerad⸗ schaft„Hassia“ hat an die Vereinsvorstände ein Rundschreiben gerichtet, in dem es die Mitglieder der militärischen Vereine auffordert, im bevorstehenden Wahlkampf gegen die Sozial⸗ demokratie zusammenzustehen.— Und bei dieser Stellungnahme haben die Kriegervereine noch die Stirn, sich als„unpolitisch“ zu be⸗ zeichnen. Wie viele Arbeiter sind noch— leider!— Mitglieder von Kriegervereinen. Die Sozialdemokratie ist aber die einzige Partei, welche im Reichstage die Interessen der Arbeiter vertritt, die Kriegervereinsmitglieder, soweit sie Arbeiter sind, würden somit gegen ihre eigenen materiellen und politischen Interessen handeln, wenn sie der Aufforderung des Vereinspräsidiums Folge leisten würden. Dieser ÜUkas wird den Kriegervereinen gar nichts nutzen und uns ebensowenig schaden. Denn immer mehr wird jeder vernünftige Arbeiter zu der Erkenntnis Seite 4. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung Nr. 21. kommen, daß sein Platz nicht in einer hurra⸗ patriotischen Vereinigung sein kann, wo er blos für andere Leute den Hansjörg machen soll. — Wegen Soldatenmißhandlung war der Unteroffizier Krähling von der 9. Komp. des Gießener Infanterie⸗Regiments zu 3 Monaten Gefängnis und Degradation verurteilt worden. Gegen das Urteil legte er Berufung ein, das Oberkriegsgericht in Frank⸗ fab erkannte jedoch auf Verwerfung der⸗ elben. — Der Gießener Anzeiger sucht sich den Anschein zu geben, als ob er sich mit seiner neulich verkündeten„Elend⸗Theorie“ nicht ganz scheußlich blamiert habe. In seiner Samstags⸗ nun mer beschäftigt er sich mit einem Artikel aus Hardens„Zukunft“ und sagt dabei: „Darin stellt der Verfasser u. a. die wunderschöne Behauptung auf, Schimpfen sei Menspenrecht, worin man niemanden stören dürfe. Dieser Satz wird ja namentlich auf sozialdemokratischen Redaktionen behagen, die mit ein paar Dutzend uichtssagender Schlag⸗ worte von kautschukartiger Dehnbarkeit, wie „Elend“ u. dergl., gern Fangball spielen und, auf ihre hohle Phrasendrescherei auf⸗ merksam gemacht, in genialen Konzertstücken auf dem Schimpfklarinett zu brillieren suchen, worin sie zu stören allerdings niemanden beikommen wird.“ Was das Schimpfen betrifft, so haben die „Ordnungs“ blätter von jeher ihr gutes Teil gegen die Sozialdemokratie geleistet. Oder soll das etwa eine Schmeichelei für unseren Genossen Krumm sein, wenn der Anzeiger ihm vorwirft, er sei materieller Vorteile wegen bei unserer Partei? Freilich, die Soziademokratie „schimpkt“, wenn sie die Wahrheit sagt, denn diese können die Reptilien niemals vertragen. — Im Uebrigen zeigt obige Auslassung des Anzeigers, daß in der Schulstraße das geistige Elend weiter um sich greift. Das ist allerdings für die Allgemeinheit nicht so schlimm, als das leider nur zu ausgedehnte materi⸗ elle Elend der arbeitenden Beoblkerung. — Ein liberaler Kandidat hat sich bis jetzt noch immer nicht gefunden. Nun, das schadet nicht, es wird ja keiner g e braucht. Der„Kl. Pr.“ wurde von hier geschrieben, daß die Freisiunigen und Nationalliberalen selbständige Zählkandidaten aufstellen würden. Aus dem Rreise gießen. — Sechs Wählerversammlungen wurden von unserer Partei am Sonntag und Montag abgehalten und zwar in Villingen, Hungen, Utphe, Inheiden, Lollar und Trais⸗Horloff. In den ersten beiden Orten sprach Gen. Krumm vor zahlreichen Zuhörern, die seinen Ausführungen allseitig zustimmten. Dagegen stieß Gen. Vetters, der in Utphe und Inheiden sprach, auf Oppo⸗ sition. Mehrere Antisemiten waren anwesend, die gegen einzelne Ausführungen unseres Genossen Widerspruch erhoben, sowie eine Reihe Anfragen stellten. Letztere beantwortete Vetters eingehend und widerlegte die vor— gebrachten Einwände. Es muß aber anerkannt werden, daß sich die Diskusston durchaus in parla l nentarischen Formen bewegte. Nicht so anständig ging's in Inheiden zu. Dort machte ein Antisemit schon während der Rede unseres Genossen fortwährend Zwischenrufe, als er aber, nachdem Vetters geendet, aufgefordert wurde, nun⸗ mehr das Wost zu ergreifen und seine Ansichten vor⸗ zubringen, stammelte er unverständliches Zeug und schimpfte schließlich. Auch ein anderer Versammlungs⸗ teilnehmer beteiligte sich an der Schimpferei und als diesen der Vorsitzende ersuchte, sich ruhig zu verhalten, schrie er:„Was daut ihr denn häi, bleibt in Gaise!“ und redete etwas davon, daß Erlaubnis zur Versamm⸗ lung nicht eingeholt worden sei. Vetters erklärte, daß niemand etwas zu erlauben habe und schließlich stellte sich heraus, daß der unruhige Gast— der Herr Bürgermeister von Inheiden war. Von unserer Seite wurde das Bedauern ausgesprochen, daß sich das Dorfoberhaupt derartig aufführte, denn nicht allein, daß er durch Lärm die Versammlung störte, er bedrohte sogar einen jüngeren Mann, der sich eine Bemerkung erlaubt hatte, mit Schlägen. Am Ende löste er die Versammluug ohne jeden Grund auf!— Natürlich wird des soz.⸗dem. Wahlkomitee hiergegen Beschwerde erheben und dem Herrn wird klar gemacht werden, daß er die Gesetze nicht so einfach beiseite schieben kann.— Der Besuch und Verlauf der Vesammlungen in Lollar und Traishorloff war gut— nur in Lollar hätte der Besuch etwas stärker sein dürfen— und die Reden unseres Genossen wurden beifällig aufgenommen, Der„Hungener Landpost“, dem Verordnungs⸗ blättchen für den Amtsgerichtsbezirk Hungen liegt unsere Versammlung vom Sonntag bös im Magen. Ein von Entstellungen und Verdrehungen zeugender Bericht giebt von dem Aerger des Blättchens, welches unser Genosse Krumm als ein„Mogelblatt der öffentlichen Meinung“ bezeichnete, Zeugnis. Direkt gelogen ist es natürlich, daß Krumm für eine Gehaltserhöhung hessischer Minister eingetreten sel. Daß wir keine Stimme bekommen in Hungen, scheint dem Amtsblatt⸗ schreiber sicher; warten wirs in aller Seelenruhe ab, nach dem 16. Juni können wir uns noch ein Mal mit der Landpost darüber unterhalten. — Antisemitische Wahlagitation. Aus Steinberg schreibt man uns: Die Ver⸗ mutung, welche Sie in der vorletzten Nr. der Zeitung aussprachen in Bezug auf die Agitattons⸗ weise der Antisemiten hat sich voll und ganz bewahrheitet. Am Mittwoch(13.) fand in Watzenborn eine Versammlung des Bauern⸗ vereins statt. Die Einladung dazu war mündlich erfolgt, damit Nichtmitglieder fern blieben. Referent war Herr Abg. Hirschel-Offenbach und ein Verbandsrevisor. Diese betrieben ihre Mittelstandsretterei, indem sie den ca. 40 Anwesenden klar zu machen suchten, daß, wenn sie ihre Ein⸗ und Verkäufe genossenschaftlich betreiben würden, sie einen bedeutenden Nutzen hätten. Da aber schon derartige Verbände hier bestehen, erweckten sie wenig Sympathie. Als beide mit diesem Thema zu Ende waren, da schnitt Herr Hirschel die Politik an. Speziell die Tätigkeit unserer Genossen im hessischen Landtag hat er in einer verlogenen und jammervollen Weise kritisiert. Nur unsere Genossen seien Schuld daran, daß in Hessen alle Steuern nicht ausreichten, denn ste bewilligten alles z. B. Gehaltserhöhung der höchsten Staatsbeamten, die Forderung für das Theater zu Darmstadt usw.— Er konnte sich die Dinge leisten, weil kein Geuosse von uns da war. D. In Wieseck besteht seit längerer Zeit ein Konflikt zwischen dem Bürgermeister und der Gemeinde⸗ vertretung, der am Samstag d. M. vor dem Provinzial⸗ ausschusse zum Austrag gebracht wurde. Es handelt sich um die Mehrforderung des Bürgermeisters für Bureau⸗ kosten in der Höhe von 700 Mark. Die Gesamthöhe der Bureaukosten würde sich dann auf 2000 Mark belaufen; und wie es heißt, habe das Kreisamt die Gemeindevertretung ersucht, die Kosten in dieser Höhe — 50 Pfg. jährlich auf den Kopf der Einwohnerzahl— festzusetzen. Nach wiederholter Verhandlung hat die Gemeindevertretung die Forderung abgelehnt, nach Ansicht der gesamten Bürgerschaft mit Recht, da die Gemeinde bedeutende Summen für die Einrichtung der Wasserleitung und den Schulbau aufzubringen hat, Man fragt sich auch, warum der Bürgermeister nicht vor seiner Wiederwahl mit dieser Forderung hervortrat, sondern erst kurz danach. Der Gemeindevertretung wurde vom Kreisamt eine Strafe von 10 Mk. wegen ihres ablehnenden Verhaltens auferlegt, weshalb diese Klage vor dem Provinzialausschuß führte. Dieser entschied am Samstag, daß die Gemeindevertretung der Forderung stattzugeben habe. In der Bürgerschaft wird diese Ent⸗ scheidung als ein Eingriff in die Rechte der Gemeinde⸗ vertretung und der Stenerzahler aufgefaßt. Man sagt sich ferner, daß wenn der Bürgermeister, dessen Amt nach dem Gesetz doch ein Ehrenamt sein soll, mit 1200 Mk. Bureaukosten und etwa ebensoviel Neben⸗ bezügen nicht zufrieden ist, solle er dem Beispiel des Lollarer Bürgermeisters folgen, und das Amt seinen Mitbürgern zur Ve fügung stellen. Jedenfalls findet das Verhalten des Gemeinderats allgemeine Billigung und die hiesigen Bürger werden sich noch weiter mit der Sache befassen und sie zum ordnungsgemäßen Aus⸗ trag bringen. Aus dem Rreise Weßlar. — Das Wetzlarer Amtsblatt brachte dieser Tage einen wohl on Max Lorenz oder von Viktor Schweinburg bezogenen Artikel, in dem das heutige Steuerwesen und besonders das indirekte Steuersystem als musterhaft und gerecht hingestellt wird. Die Tatsache, daß dabei der Millionär nur ein Prozent, der arme Teufel mit 8—900 Mk. Jahreseinkommen aber 7—8 Prozent seines Einkommens leisten muß, braucht das Blatt nicht zu wissen. Demnächst wird es vielleicht seinen Lesern erzählen, die Arbeiter schwelgen im Ueberfluß und die armen Millionäre haben mit bitterster Not zu kämpfen. h. Wegen der Lahnkanalisation waren am Sonntag zahlreiche Interessenten in Limburg ver⸗ sammelt, darunter auch Vertreter der hessischen und preußischen Regierung. Es wurde ein Lahnkanalverein gegründet und eine Resolution beschlossen, in welcher die Kanalisation im Interesse der Erhaltung der im Lahn⸗ und Dilltal angesiedelten Unternehmungen gefordert und der Erwartung Ausdruck gegeben wird, daß die Regierung das Projekt der Lahnkanalisation nachträglich in den Plan der wasserwirtschaftlichen Vorlage aufnimmt. Zur Wahlbewegungin Wetzlar⸗Alten⸗ kirchen. Wie klein die Naionalliberalen das Wörtchen „liberal“ schreiben, konnte man in ihrer Versammlung am Freitag, den 15. Mai, in Breitscheid sehen. Nachdem der Abgeordnete Lürgermeister Krämer ein paar einleitende Worte geredet, hielt sein Freund Abge⸗ ordneter Wammhof aus Osnabrück ein Referat über den Zolltarif, seine Wirkungen und Obstruktion der Sozialdemokraten. Unser Genosse Bartels aus Wetzlar nahm das Wort— wie bei den Antisemiten erhielt er nur/ Stunde Redezeit. Das Benehmen eines Teils der Versammelten war bei seinen Ausführungen so „liberal“, daß es die beiden Herren Abgeordneten, so⸗ wie den Vorstand peinlich berührte. Man suchte durch Getrampel sowie„Raus“⸗Rufen Genossen Bartels „jeistig“ zu widerlegen. Er hielt aber tapfer Stand und nützte seine Viertelstunde bis auf die Sekunde aus, rechtfertigte die Haltung der Partei im Reichstage bei der sogenannten Obstruktion wie überhaupt beim Zoll⸗ tarif, setzte seine Wirkungen für das Volk auseinander, sowie die Lasten der Bewilligungen für Heer, Marine ꝛc. Ihm antwortete Abg. Wammhof, der in loyaler, sach— licher Weise zugab, daß„wenn es nach ihm ginge, er schon deshalb die Redefreiheit nicht be chränken würde, weil ihm die Sozialdemokraten diese immer gewähren.“ Er versuchte dann die ihm entgegengehaltenen statistischen Beweise des Genossen Bartels zwar nicht zu widerlegen, aber abzuschwächen. Der Beifall der vorher trampelnden Herren war ihm sicher. Unbekannt dürfte es aber sein, daß das überhaupt erste offizielle Auftreten eines Sozialdemokraten dort die Wirkung haben wird(wie sich Genosse Bartels wider Erwarten nach der Ver⸗ sammlung überzeugen konnte), daß wir auch dort bereits Fuß gefaßt und Stimmen bekommen werden. Eine von unserer Partei zum Sonntag(17.) Nach⸗ mittag 3 Uhr einberufene Versammlung in Oden⸗ hausen war glänzend besucht. Der Referent Genosse Bartels beleuchtete in seinen 2 stündigen Ausführungen das ganze Sündenregister der bürgerlichen Parteien im Reichstag und der Regierung, ihre Volksfeindschaft be⸗ sonders beim Zolltarif. Vor allem zerpflückte er das Lügengewebe, das jene Parteien auch in diesem Wahl⸗ kreise gegen die Sozialdemokratie mit Verleumdungen spinnen. Er schloß unter lauten Beifall aller An⸗ wesenden. Trotz wiederholter Aufforderung des Vor⸗ sitzenden an Gegner von der unbeschränkten Redefreiheit Gebrauch zu machen, meldete sich Niemand zum Wort. Nach Schluß der Versammlung blieben die Genossen noch lange beisammen und sangen unsere Freiheitslieder. Es war ein schöner Erfolg. Die Qual der Reichstagswahl? „Der Wahltag naht, wen wirst du wählen. „Die Frage kann mich garnicht quälen!“ „Wählst Krämer, nationallib'ral, „Der so b liebt ist überall? „Meln'st nicht, das wär' der rechte Mann „Auf den man sich verlassen kann?“ A.„Laßt bloß die ewige„Krämerei!“ „Die zieht nicht mehr, jetzt ist's vorbei. „Ich danke schön für solche Wahl. „Herr Krämer, der ist allemal „Hu! Hu! zu scharf in seiner Rede „Liegt mit den Gegnern stets in Fehde „Und reden kann er, Donner Knall! „Hi! Hi! mit großem Redeschwall! S.„Den wählst du nicht! Dann will ich nennen Dir einen Mann, den wirst du kennen, Herrn Rintelen, den schwarzen Mann Vom Zentrum, was der leisten kann.— Ja die Partei hat Geist und Blick Für Welt⸗Pump⸗Kolonial⸗Pol'tik A. Schluß Schultz! ich möchte dich doch bitten, „Zu schweigen von den Jesuiten. „Das Zentrum, das 5 Jahr regiert „Hat's arme Volk schön angeschmiert. „Es schlug den Armsten in's Gesicht Den Zolltarif!— Schwarz wähl ich nicht! S.„Wie steht es denn mit Dr. Giese? Der redet doch für's Volk so süße, Will's retten von der roten Rotte Und schwärmt deshalb für Herr und Flotte? Will von den Juden uns befreien. Das muß ein starker Mann doch sein!? A. Schultz höre auf mit deinem Prahlen Von diesem Mann. Das Volk muß zahsen Die ganze Flottenschwärmerei. 7 Die Fabrikanten schmunzeln froh dabei— Und jeder ob nun Jude oder Christ Sieht was die Flotte für ein Rebbach ist. g * 7..., 5. el 90 — ee e eee e Nr. 21. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. S. Dann ist's mit Giese Nichts! Ein andrer Rat. Ein würdiger Pfarer ist noch Kandidat. Er heißt die Partei,— Deutschkonservativ, Die lange in unserem Wahllreise schlief. Und dieser Herr Pfarrer, Herr Heckenrot Es betet für unser tägliches Brot, Und daß unser Seele bleibe heil Damit wir am Himmel haben teil. Er tritt auch ein auf alle Fälle Für die allerhöchsten Getreldezölle. Ich saß mich kurz in einem Satze: „Er schlägt zwei Fliegen mit einer Blatze!“ A. Ist das Dein Ernst? Das ist der Mann, Der meine Stimme kriegen kann? Dem soll' ich mein Vertrauen schenken? Na! ich hab' allerlei Bedenken. — Der Zoll verteuert's„täglich Brot,“ (Dem Zoll stimmt zu Herr Heckenrot) Das„Diesseits“ muß zur Höll schön dienen! So kommts, mus man zwei Herren dienen Der Religion und Politik. Der Pfarrer hat bei mir kein Glück. S. Na dann mein Freund, dann kann's nicht fehlen, Du wirst nun schließlich garnicht wählen? A. Das stimmt nicht ganz, ich wähle auch Aus Ueberzeugung, nicht nach Brauch! Ich wähl nicht Krämer, liberal, Nicht Giese,— ist mir ganz egal, — Nicht Rintelen, den schwarzen, Ich wähl den, der mir helfen kann, Nicht Heckenrot, nicht wenig rot, Nein, August Bebel, gänzlich rot! Ein Wetzlarer Arbeitet. e. Aus Niederscheld schreibt man uns: Wenige Minuten von unserm Orte liegen zwei Eisenwerke, die Adolfshütte und das Schelder Eisenwerk, auf denen die meisten Arbeiter von hier beschäftigt sind. Jetzt wird nun bekannt, daß die Herren Hüttenbesitzer ein Ab⸗ kommen getroffen haben, wonach ein Arbeiter, wenn er entlassen ist, acht Wochen anderwärts gearbeitet haben muß, ehe er wieder auf einem der beiden Werke ange⸗ nommen wird. Daß ein Arbeiter etwa auf einem auswärtigen Werke Arbeit nimmt, hat auch seine Schwierigkeiten, denn die meisten haben hier ihr Heim und etwas Feld, das sie nebenher selbst bestellen. Das wissen die Hüttenbesitzer ganz gut bauen darauf ihre wohlberechneten Maßnahmen und suchen durch eine der⸗ artige Sperre die Löhne zu drücken Demgegenüber wäre es dringend notwendig, daß sich die Arbeiter in der Gewerkschaft zusammenschlössen, um ihre Interessen wahrzunehmen. Wie die Dinge jetzt liegen, ist es gar kein Wunder, wenn sie immer mehr von der Aus wande⸗ rungslust ergriffen werden und sich dorthin wenden, wo ihnen menschenwürdigere Existenzbedingungen geboten werden. Aus dem Mreise Marburg⸗Rirchhain. Sozialdemokratische Wählerversammlung in Marburg. R. R, Die hiesige Wahlbewegung ist nunmehr in ein ganz neues Stadium eingetreten. Der nat.⸗soziale Kandidat, v. Gerlach, der schon seit Monaten hier agitiert hatte, hatte bisher immer ungestraft von„groß⸗ artigen Erfolgen“ schreiben können. Nachdem nun aber der Sozialdemokrat, Reichstagskandidat Genosse Paul Bader aus München, hier aufgetreten ist, fällt es dem H. v. Gerlach recht schwer,„seinen Wählern“ sein Allerweltsprogramm genügend mundgerecht zu machen. Zum Beweis sei hier folgendes berichtet: 5 Am Freitag Abend fand hier die erste große Wähler⸗ versammlung unserer Partei, und zwar im Saale des Herrn Hildemann statt, in welcher sich unser Paul Bader, der als ehemaliger Redakteur der damals demo⸗ kratischen„Hessischen Landeszeitung“, vielen von ihnen bereits bekannt war, seinen Wählern vorstellte. Der große geräumige Saal war bis auf den allerletzten Fleck besetzt, viele fanden überhaupt keinen Platz mehr. Man zählte fast 400 Menschen, darunter vielleicht die knappe Hälfte Parteigenossen. Der Rest bestand aus Unent⸗ schiedenen und Anhängern des Herrn v. Gerlach. Diese letzteren mögen wohl so ziemlich vollzählig erschienen sein. Auch Anhänger der konservativen Partei waren vertreten. Punkt 9 Uhr begann Genosse Bader sein Referat. Er wies auf die Haltung der Rechts parteien im Reichstag hin und besprach dann eingehend die Frage des Militarismus. Er führte hauptsächlich die ungeheueren Ausgaben für Heer und Marine vor, wies ziffernmäßig die Schuldenlast des deutschen Reiches nach. welche in die Milliarden gehen, wies ferner auf die Millionen von Zinsen hin, welche die deutsche Bebölke⸗ rung aufzubringen hat. Besprach weiter die Nutzlosigkeit der Kavallerie⸗Regimenter in Kriegszeiten, während die⸗ selben in Friedenszeiten mit ihren Attacken nur die Felder verwüsteten und ging ferner mit der Bewilli⸗ gungslust des Zentrums schwer in's Gericht. Zum Schluß forderte er die Wähler auf, ihre Stimmen auf lichst aufmerksam zu machen. die sozialdemokratische Partei, als der einzig konsequent demokratischen und im weitesten Sinne des Wortes proletarischen, zu vereinigen. Nach Bader meldete sich Herr v. Gerlach zu Wort, indem er in beinah ein⸗ stündiger Rede seine bekannten Ansichten als alleinseelig⸗ machend, und zwar mit der ihm eigentümlichen Manier, als wolle er seine Waren dem Publikum zum Verkauf anpreisen, hinstellte. Die Arbeiterschaft, meinte er, müsse für die Machtfragen des Staates gewonnen werden, d. h. alle Forderungen der Regierung bezüglich Heer, Flotte, Kolonien, China-⸗Abenteuer usw. bewilligen. Er sang die alte Weise von der„großen Linken“, auf die sich die Regierung so gern stützen würde, wenn sie nur könnte, d. h. wenn die Sozialdemokratie ihre strikt antimilitaristische Haltung aufgeben und sich den Wünschen der Regierung gegenüber gefügig zeigen würde. Ihm trat Herr Dr. Robert Michels entgegen. In einer 1 stündigen Rede besprach er zunächst die einzelnen Bestandteile des Heeres, das die ganzen Klassengegen⸗ sätze der bürgerlichen Welt in sich trage und kam zu der Ueberzeugung, daß das Milizheer zur Erhaltung des Friedens vollständig ausreichend sei. Dann stellte er eine lange Reihe v. Gerlach'scher Behauptungen richtig und unterzog die neue Heilslehre der Nationalsozlalen in ihrer Theorie sowohl als in in ihrer Praxis einer schonungslosen Kritik. Die Nationalsozialen wollten gegen die Rechtsparteien ankämpfen und die„Junker⸗ herrschaft“ stürzen? Dazu hätten sie wohl das„praktische“ Mittel, diejenigen Einrichtungen, aus denen die von ihnen anscheinend so heftig befehdete Klasse stets frische Lebenskraft zieht, durch ihre Bewilligung neuer Regk⸗ menter ꝛc. stets von Neuem zu stützen?— Eine wahre Danaidenarbeit! Und dann solle man sich die Arbeit, die die Nationalsozialen bisher praktisch geleistet hätten, doch einmal bei Licht näher ansehen. Die lange Linie der Namen Werner— Sohm Lorenz—Göhre— Basser⸗ mann ꝛc. bedeutete für die junge Geschichte der Partei ebenso viele Niederlagen, die nicht gerade auf großen praktischen Blick schließen ließen. Ueberhaupt sei es lächerlich, wenn die Nationalsozialen, die noch nichts geleistet hätten, sich erdreisteten, eine so gewaltige und mittels ihres wahrhaft praktischen Blickes von Erfolg zu Erfolg eilende Partei wie die sozialdemokratische, über den Wert einer„praktischen“ Politik belehren zu wollen. Das wäre ja gerade so, als ob ein kleines Kind in Windeln einem starken erwachsenen Menschen Ratschläge geben wollte, wie er sich Ipraktisch“ anziehen sollte! Zum Schluß fragte Dr. Michels noch, welche Klasse die Herren Nationalsozialen dann eigentlich vertreten wollten. Etwa die.... Studenten? Die seien doch keine Klasse und außerdem bleiben die Gleichgültigen unter ihnen doch ihrer Tradition getreu, während die intelligenteren sich der Sozialdemokratie anschlössen. Redner beleuchtete dann noch verschie ene Seiten der Nationalsozialen und schloß seine Abrechnungs⸗Reide unter brausendem Beifall der Versammlung. Dr. med. Thesing beleuchtete hierauf kurz einige„Entgleisungen“ des Herrn v. Gerlach. Dann nahm dieser wiederum zur längeren Rede das Wort. Er versuchte die Rede des Dr. Michels zu widerlegen, was ihn freilich sehr schlecht gelang, seine Ausführungen sollten blos den Rückzug maskieren. Aber die Rede Dr. Michels hatte gewirkt und Herr v. Gerlach hat eher Anhänger verloren als gewonnen. Genosse Michels unterließ es denn auch nicht, He rn v. Ger⸗ lach nochmals auf die Irrtümer seiner Lehre nachdrück⸗ Die Zusammenstellung von„national“( natior alistisch!) und„sozial“ sei ebenso geschmacklos wie etwa die Zusammenstellung von Hering und... Schlagsahnue. Zum Schluß sprach noch Genosse Bader. In trefflichen Worten wies er darauf hin, was für ein Jammerleben unsere„bürger⸗ liche Linke“ bisher politisch geführt und wie wenig Ursache die Nationolsoztalen, diese Spielart des Freisinns, hätten, sich als die Retter der besitzlosen Klasse aufzu spielen. Die Versammlung, die bis nach 1 Uhr nachts gedauert hat e, endete, man kann es wohl ohne Ueber⸗ treibung sagen, mit einem kompletten Sieg unserer Sache. A. B. Am nächsten Tage gebar die nat. soz. Hess. Landesztg. einen Bericht, an welchem, wie man später erfuhr, der ganze Redaktionsstab viele Stunden lang „gearbeitet“ hatten. Dieser Bericht entblödete sich nicht, die Tatsachen zu„verschteben“. Der Gerlachschen Rede allein war über die Hälfte desselben gewidmet. Gen. Bader wurde, wahrscheinlich um eine Aehnlichkeit mit dem politischen Vorleben v. Gerlach's zu konstruieren (Kartell der Linken 1), als ehemaliger Antisemit bezeichnet, Dr. Thesing als Sozialdemokrat„denunziert“ und dem Dr. Mivels religiös anstößige„Aeußerungen“ unter⸗ schoben.„Der Widerspruch“ hieß es weiter, dem er damit bei der Versammlung bis in die Reihen seiner Gesinnungsgenossen(111) hinein fand, dürften ihn wohl belehrt haben, daß er mit seiner Auffassung, die Volks⸗ versammlung sei ein geeigneter Ablagerungsplatz für derartige Geschmacklosigkeiten, vereinzelt dasteht.— Es muß als ein beklagenswertes Zeichen des Mangels an Mut, der in den Reihen unserer Gegner offenbar anzu⸗ treffen ist, bezeichnet werden, daß die Herren National- sozialen die? Frage, Job sie ein geeigneter Ablagerungs⸗ 3 platz für die Michels'schen„Geschmacklosigkeiten“(Hiebe „schmecken“ nie gut!) sei, nicht der Versammlung selber vorgelegt haben. Sie wäre ihnen die Ant⸗ wort stcherlich nicht schuldig geblieben. Es wundert uns nur, daß die Nationalsozialen ihrerseits uns nicht mit gutem Beispiel vorangehen, indem sie es unterlassen, die Geschmacklosigkeiten ihrer demagogischen Kunststückchen bei uns abzulagern.— Diese unfeinen und unwahren persönlichen Angriffe sollten die Antwort auf die an Theorie und Praxis der Herren Nationalsozialen geübte Kritik sein. Auf so niedrigem Niveau steht die politische Moral dieser Vaterlandsretter. Freilich können wir in gewisser Hinsicht mit dem Bericht durchaus zufrieden sein, stellt er doch nicht nur einen Gradmesser für das politische Taktgefühl, sondern auch für die heillose Wut der Nationalsoztalen über die erlittene Niederlage dar. Kleine Mitteilungen. e Messerhelden im Offiziersrock. In der Nacht zum Sonntag wurden in Darmstadt auf der Straße zwei Radfahrer von einigen jungen Offizieren ohne jeden Grund angehalten und belästigt, wobei einer die Radfahrer mit dem blanken Säbel bedrohte. Als die Ueberfallenen um Hilfe riefen, rissen die Träger des vornehmsten Rockes aus. Nur die Personalien des Leutnants der Reserve G. v. Zeppelin, der sich in jener Gesellschaft befand, konnten festgestellt werden. * Der Zeugleutnant Johannes Dufter des Hauptlaboratoriums in Ingolstadt wurde wegen Sitt⸗ lichkeitsverbrechens zu 8 Monaten Gefängnis und Dienst⸗ entlassung verurteilt. e Durchgebrannter Patriot. Ein Wein⸗ händler Zschäckel in Dresden, der sich Jahre hin⸗ durch durch seinen reklamesüchtigen Patriotismus und lächerlichen Bismarckkultus bemerkbar machte, ist plötz⸗ lich verschwunden und hat Frau und Kinder in Dresden sitzen lassen. Zschäckel hat Schulden in dem netten Betrage von Mk. 1113 066 gemacht, denen nur eine verfügbare Masse von Mk. 68 303 gegenübersteht. Die Gläubiger werden also etwa 5 Proz, erhalten. Von dem Ausgerissenen hat man nie wieder gehört. * Von dem Mörder-Prinzen Arenberg wird mitgeteilt, daß er demnächst in eine Heilanstalt überführt würde, die ministerielle Erlaubnis dazu soll schon in Hannover eingetroffen sein. — * Partei-Machrichten. 9 An die Parteigenosfen- in Hessen! Wir ersuchen die Vertrauensmänner und Vereinsvorsitzenden, uns von allen Flugschriften und Wahlzeitungen, sowie Broschüren(sozialdemokratischen und gegnerischen), die im Reichstagswahlkampf in Hessen zur Verwendung gelangen, je zwei Exemplare zuzusenden. Das Landes⸗Komitee. C. Ulrich, Offenbach, Gr. Marktstr. 23. Wegen Majestätsbeleidigung soll gegen Genossen Dr. Lentsch von der Leipz. Volks zig. ein gerichtliches Verfahren im Gange sein. Die Essener Kaiserrede vor Gericht. Am 15. Mai stand der Redakteur Adelung von der „Mainzer Volkszeitung“ wegen Majestätsbeleid gung vor der Strafkammer. Die Beleidigung wurde in zwei Ar⸗ tikeln gefunden, in denen der Angeklagte die Essener Kaiserrede und eine Ansprache des Kronprinzen besprach. Der Staatsanwalt beantragte drei Monate Gefängnis; die Urteilsverkündigung wurde vorläufig ausgesetzt. Versammlungskalender. Samstag, den 23. Mai. Gießen. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Vortrag von Genosse Diehl. Klein⸗Linden. Wählerversammlung abends 7/9 Uhr im Lokale des Herrn Hinterlang. Sonntag, den 24. Mai. Steinberg. Arbeiterbildungs verein. Nach⸗ mittags 4 Uhr Versammlung bei Kaspar Linn. Montag, den 25. Mai. Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Weitere Wählerversammlungen finden voraussichtlich statt:; Donnerstag in Groß en-Buseck, Freitag in Gailshausen. Driefkasten. Verschiedene Einsendungen mußten leider nochmals zurückgestellt werden, so die aus Lollar (Arbeitsverhältuisse im Hüttenwerk betr.), ferner die über Bahnarbeiter und andere. B...... Kontrolliert die Wählerlisten! FEC C AT . 3* W — — Seile 6. Mitteldeuilsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 21. Ge 7 Unterhaltungs-Ceil. 1 Im Eisenwerke. Tiefblauer Himmel und Sonnenschein. Der Zug hat soeben Montchanin passiert. Dort unten vor uns erhebt sich eine schwarze, undurchdringliche Wolke, die schwerfällig aus der Erde emporzusteigen scheint und den Himmel verdunkelt. Das ist der Rauch der Hochöfen. Je näher wir kommen, desto deutlicher vermögen wir zu unterscheiden. Hundert Riesenschlote 11 ern Rauchschlangen in die Luft; andere, ie nicht so hoch sind, almen weniger geräusch— voll und speien nur stoßweise Dampf aus. Dies alles durchdringt sich, breitet sich aus, schwebt in der Luft, hüllt die Stadt ein, erfüllt die Straßen, verbirgt den Himmel und erstickt das Sonnnenlicht. Es ist fast dunkel hier. Kohlenstaub fliegt umher, beißt in die Augen und beschmutzt die Haut und die Wäsche. Die Häuser sind schwarz, als wären sie mit Kienruß eingerieben, das Pflaster sieht schwarz aus, die ensterscheiben sind mit Kohlenstaub bedeckt. in Geruch von Rauch, Teer und Kohlen schwebt überall und bedrückt die Brust. Zu⸗ weilen benimmt uns der Dunst eines wahren Höllenfeuers den Atem, und vergeblich sucht man dann die reine, frische Luft unter einem freien Himmel. Man sieht nur dort oben die dicke, düstere Wolke schweben und die feinen Atome der umherfliegendeu Kohlenstaubteilchen flimmern. Ein dumpfes, ununterbrochenes Getöse läßt die Erde erzittern, ein Lärm, der sich aus Geräuschen zusammensetzt und den in jedem Augenblick ein schrecklicher Stoß unterbricht, unter dem die ganze Stadt zu erbeben scheink. Wir nähern uns jetzt den Arbeitsstatten. Welch, Zauberhafter Aählick! Das ist das Königreich des Eisen, in dem Seine Majestät das Feuer herrscht! Feuer sieht man überall. So weit das Auge reicht, erstrecken sich ungeheuere Gebäude, so hoch wie Berge und bis zum Giebel hinauf angefüllt mit Maschinen, die sich drehen, fallen, wieder aufsteigen, sich kreuzen, sich unermüdlich regen und dabei keuchen, pfeifen, knarren und kreischen. Und alle arbeiten mit Feuer. Hier stieht man schwelende Kohlenglut, dort mächtige Flammen, weiterhin Blöcke glühenden Eisens, welche die Ofen verlassen, in die Maschinen gehen, wieder herauskommen, hundert Mal dahin zurückkehren, immer wieder die Gestalt verändern und noch immer in Rotglut strahlen. Gefräßige Maschinen verzehren das weiß⸗ glühende Eisen, brechen, schueiden, zersägen, sirecken und recken es lang aus; sie gestalten es schließlich zu Lokomotiven, Schiffen, Kanonen und tausenderlei anderen Dingen, die bald fein, wie von Künstlerhand getrieben, bald unge— heuerlich, wie von Riesen geformt, bald zierlich und kompliziert, bald roh und ungefügt er— scheinen. Wir wollen versuchen, sie näher zu betrachten und ihr Entstehen zu verfolgen. Wir treten rechts ein, wo in einem riesigen Saale vier ungeheure Maschinen arbeiten. Langsam bewegen sich die Räder, Kolben und Stangen. Was bezwecken ste? Nichts anderes, als den Oefen, in denen das Erz geschmolzen wird, Luft zuzuführen. Sie sind die ungeheuren Lungen der riesenhaften Oefen, die wir sehen. Sie atmen, nichts weiter; sie bewirken, daß die Ungeheuer leben und verzehren, was ihnen zu— geführt wird. Da sind auch die Schmelzherde. Es sind zwef, die sich an den beiden Enden eines langen Saales erheben, turmhoch, dickbauchig, dabei laut brüllend und eine solche Glut ausstrahlend, daß noch auf hundert Meter Entfernung die Augen geblendet sind, die Haut versengt wird und wie in einem Schwitzbade atmet. Wie tobende Vulkane erscheinen sie. Das Feuer, das sie ausspeien, ist weiß, sein Anblick uner⸗ träglich, und die Gewalt und der Lärm, womit es emporgeschleudert wird, derartig, daß man sich keine Vorstellungen davon machen kann. Hier kocht das Eisen, aus dem man Schienen macht. Ein kräftiger, ernst blickender junger Mann mit einem großen, schwarzen Filzhut beobachtet die entsetzliche Glut aufmerksam. Er sitzt vor einem Rade, das Aehnlichkeit hat mit dem Steuer eines Schiffes, und mitunter bewegt er es auch auf ähnliche Art. Sofort erhöht sich die Wut des Ungeheuers. Es speit einen wahren Orkan von Flammen aus, weil der Schmelzmeister den mächtigen Luftstrom, der beständig hindurchgeführt wird, noch vermehrt hat. Wie ein Kapitän steht der Mann da und führt ab und zu ein Glas an die Augen, um die Farbe der Glut prüfend zu betrachten. Auf einen Wink von ihm kommt ein Wägelchen angerollt und schüttet neue Erzmassen in den tobenden Feuerschlund. Wieder prüft der Schmelzmeister die Farbe der feurigen Lohe und sucht nach einer Veränderung: Plötzlich dreht er ein anderes Rädchen und versetzt dadurch den furchtbaren Kessel in schaukelnde Bewegung. Langsam dreht er sich, während er einen blen⸗ denden Funkenregen zum Dache des Saales emporschleudert, und mit komischer Grazie, einem Elefanten vergleichbar, der sich anmutig verbeugt, läßt er einige Tropfen einer feurigen Flüssigkeit in ein Schmelzgefäß laufen, das man hinhält; dann dreht er sich lärmend zurück. Ein Mann trägt die feuerige Masse fort. Sie bildet jetzt einen kleinen, roten Klumpen, den man unter einen durch Dampf in Bewe⸗ gung gesetzten Hammer legt. Der Hammer schlägt zu, zermalmt und hämmert das glühende Metall dünn wie ein Blättchen. Dann wird es sofort in kaltem Wasser abgekühlt. Gleich darauf wird es von einer Zange erfaßt und gebrochen; der Meister prüft die Bruchfläche, bevor er den Befehl giebt:„Ausfließen lassen!“ Der Kesseb. neigt'sich von neuem und gießt wie ein Diener, der die Gläser an der Tafel füllt, die glühende Fluten des Erzes, die er iu seinem Innern birgt, nacheinander in eine Reihe von Gußformen, die rings umher auf— gestellt, sind. Er bewegt sich natürlich, so einfach von seinem Platze aus, wie wenn er belebt, bpeseelt wäre. Damit dieser phantastische Koloß sich bewege, seine Arbeit verrichte, sich um sich selbst drehe, genügt es, verschiedene große Hebel zu berühren oder auf kleine Knöpfe, ähnlich denen der elektrischen Laäͤutewerke, zu drücken. Eine gebeimnißvolle Kraft, ein fremdartiger Geist scheint über dem Ganzen zu schweben und die langsamen aber lei hten Bewegungen dieser selt— samen Maschine zu beherrschen. Wir gehen hinaus. Unser Gesicht ist wie ebraten, aus den Augen will das Blut hinaus⸗ 17 5 Zwei aus Ziegelsteinen ausgeführte turm⸗ artige Gebäude erheben sich draußen, viel zu hoch, als daß man ein Dach darüber gebaut hätte. Eine unerträgliche Hitze geht von ihnen aus. Ein mit einer eisernen Schürstange be⸗ waffneter Mann stößt damit in eine am Fuße dieser Türme befindlichen Oeffnung. Etwas, das wie Schlacken aussieht, fällt heraus. Er bohrt tiefer. Bald erscheint ein Lichtschein wie ein heller Punkt. Noch zwei Stöße und heraus⸗ stürzt ein Feuerbach, dann folgt ein Feuerstrom den in die Erde gegrabenen Rinnen und fließt unablässig. Das ist die geschmolzene, rohe Erzmasse. Man weicht vor diesem schrecklichen Strom zurück, man flüchtet in die hohen Ge⸗ bäude, wo die Lokomotiven und die großen Maschinen der Kriegsschiffe gemacht werden. Hier sieht und unterscheidet man zuerst gar nichts. Man verliert beinahe den Kopf. Das ist ein Labyrinth von Wellen, Rädern, Riemen und Zahnrädern in voller Bewegung. Bei jedem Schritt findet man sich einem Ungeheuer gegen⸗ über, das rotglühendes oder schwarzes Eisen verarbeitet. Hier werden mannsdicke Platten zersägt, dort dringen spitze Nadeln in die Schmelzblöcke ein und durchbohren sie mit der⸗ selben Leichtigkeit, wie eine Nähnadel ein Stück R Tuch. Weiterhin schneidet eine andere Maschine das Eisen in dünne Blättchen, wie wenn man mit der Schere Papier durchschneidet. Dieses ganze Rudel von lärmenden Bestien bewegt sich gleichzeitig und doch jedes auf seine eigne Art. Und immer sieht man Feuer, Feuer unter den Hämmern, Feuer in den Schmelzöfen, überall, allüberall Feuer. Und unaufhörlich übertönt ein entsetzlicher, immer wiederkehrender Schlag den Tumult der Räder, Dampfkessel, Ambosse und Maschinen aller Art und läßt den Boden er⸗ beben. Das ist der große Dampfhammer an der Arbeit. Er befindet sich am Ende eines riesigen Gebäudes, das noch zehn oder zwölf andere Dampfhämmer enhält. Jeder fällt nach einer gewissen Pause auf einen Block weißglühenden Eisens, der dann einen Funkenregen nach allen Selten schleudert, allmählich flach wird, sich krümmt, eine gebogene oder flache Form an⸗ nimmt, ganz wie der Mensch es will. Der große Dauepfhammer wiegt hundert⸗ tausend Kilogramm. Wie ein Berg herabstürzt, so fällt er auf ein Stück Eisen in Rotglut, das noch größer ist als er selbst. Bei jedem Zusammenprall sprühen Garben von Feuerfunken umher, und man sieht, wie die Masse, welche das Ungetüm bearbeitet, immer dünner wird. Mit fast grazlöser Leichtigkeit steigt er empor und fällt dann wieder herab; ein einziger Mann setzt ihn in Bewegung, indem er einen Hebel berührt; und so erinnert dieser Maschinenkoloß an jene wilden Tiere, die— wie die Märchen erzählen— von Kinderhand gezähmt wurden. Wir betreten jetzt das Walzwerk, das einen noch seltsameren Anblick bietet. Rote Schlangen ringeln sich am Boden, die einen dünn wie Fäden, die anderen dick wie Kabeltaue. So gleichen die ersteren endlosen Regenwürmern, die letzteren entsetzlichen Riesenschlangen. Hier macht man die Schienen für die Eisenbahnen. Männer, welche vor den Augen einen Schirm tragen und deren Hände, Arme und Beine mit feuerfesten Stoffen umhüllt sind, werfen den Maschinen glühendes Eisen in den geöffneten Rachen. Die Maschine erfaßt es, reckt und dehnt es, bis es ganz schmal geworden. Es krümmt sich dabei wie ein verwundetes Reptil, scheint sich zu wehren, giebt endlich nach und wird länger, immer länger, so oft es von dem eisernen Schlunde erfaßt und wieder ausge— worfen wird. b 5 Unfähig, Widerstand zu leisten, dehnt sich die rote eckige Stahlmasse unter dem Druck der Maschine aus und verwandelt sich in wenigen Sekunden in eine Stange. Eine Riesensäge schneidet sie genau ab, andere Stangen folgen ihr in endlosem Zuge, ohne daß etwas die ent- setzliche Arbeit unterbricht oder verlangsamt. Endlich verlassen wir die Werkstätten, ebenso schwarz wie die Heizer, erschöpft und fast ge⸗ blendet. Und über unseren Häuptern breitete sich die dicke Rauch⸗ und Dampfwolke aus, die sich langsam bis hoch am Himmel emporhebt. O, wie sehnt man sich jetzt nach einigen Blumen, nach einem Bach und frischem Gras, in das man sich werfen kann, ohne etwas denken zu müssen und ohne einen anderen Laut um sich zu hören, als das Murmeln des Wassers oder das Krähen eines Hahnes in der Ferne. —— Auch ein Oild aus dem Kechtsstaate. Eine Irrenhausgeschichte. (Fortsetzung.) 2. Meine Mutter, die anfangs N. nachgegeben und gerichtliche Aussagen zu Gunsten der Verlobten gemacht hatte, bereute anderntags ihre unrichtigen Aussagen und versuchte, mich wieder von der Anstalt zu holen. Es wurde ihr aber von der Anstalt frech vorgelogen, ich sei zu aufgeregt, trotzdem ich mich von Anfang an durchaus 1 vernünftig gehalten hatte.— Nach 6 Wochen kamen die Gerichts⸗ herren: der Amtsrichter und der Kreisphlstkus Dr. S. von der Anstalt und„protokollierte“; ich sah ihn aber während der ganzen Zeit nicht schreiben. Diese befragten mich nun um die Art meiner Beschäftigung in der Anstalt, ließen jedoch meinen mündlichen Bericht über N. s Ueberfall unbeachtet, als ob es meine N 2 —. SSS==S= Sr —————ͤẽ — ——K— S 2— — ͤ̃——— — — — dall, und dere iner lden len sih dert⸗ rz, gut, dem ken llche d. por Jann ebel bloß chen den. inen ngen wie S0 lern, Hier fen. hirm mit del neten und C³ til, und dem 12- sich ck der nigen nge algen e kl 435 benso t ge⸗ kelkete hebt. Gras, m sich 5 del ingen denken e e e besuchte Professor C. in Begleitung des Dr. 5, die 1 firmieren haben, so fragen Sie Ihren nächsten Nachbar, welcher Nr. 21. den Mond und in die Sterne geschaut, befragten sie mich ebenfalls. Ich bestätigte ihnen wohl, daß ich aus geographischem Interesse manchmal nach Mond und Sterne gesehen hätte. Dies schien ihnen einzuleuchten und so lächerlich als es ist, ich erfuhr später, daß sie dies als eine Krankheit erscheinung verzeichnet hatten. Der Amtsrichter ließ mich dann ein Schreiben unterzeichnen, welches die Entmündigung ent⸗ hielt und stellte mir günstige Wendung in Aussicht. Ich kannte den Gang des Verfahrens weiter nicht und vertraute ihm. Dann führte man mich ab.— Währenddessen verreiste meine Schwester auf einige Wochen und war nun N. mit meiner Mutter allein zu Hause. Nach ihrer Rückkehr löste meine Schwester die Ver⸗ lobung mit N., welcher sich ungeschliffen und herrisch gegen sie benahm, im Dezember auf. N. reiste ab. Erst im Februar wurde meine Mutter in der Anstalt vorgelassen und holte mich auf Drängen eines dort viel verkehrenden Herrn— am 10. März 1891 mit meiner Schwester von der Anstalt ab.— In den 5 Monaten meiner Eingeschlossenheit S., Dr. Z. und des Oberwärters täglich zur Mittagszeit etwa/ Stunden lang die Abtei⸗ lung III, wo ich mich befand. Ein Verhör über mich fand auch hier nicht statt. Er nahm manchmal einen Brief oder Bericht entgegen und ließ dieselben in den Papierkorb wandern. In den Briefen an meine Mutter hatte ich ihr nur mein Befinden und die Art meiner Beschäftigung mitgeteilt, trotzdem wurde keiner dorthin besorgt. Nur den letzten Brief, nach— dem mich im Februar meine Mutter einmal sehe! durfte, hatte man ihr zugesandt. In Abteilung III war ich in den ersten 8 Tagen auf dem Korridor angewiesen und vertrieb mir die Zeit mit Hin⸗ und Hergehen, Domino oder Schachspielen, auch Lesen. Freilich hatte ich das Unangenehme, den ganzen Tag das Geschrei und Lamento schwer Kranker mit ee und belästigte mich der Gestank des Nachtstuhls, kam Dr. Z. Der examinierte die Leute in beinahe lächerlicher Weise. Da fragte er einen an mehreren Tagen ½ Dutzend mal hinter⸗ einander ohne eine Antwort abzuwarten:„Du hast das Haus angesteckt!“ Eines Abends sagte er zu mir, auf meine Stirn deutend:„Da fehlt's Ihnen.“ Auf solche„Behandlung“ war ich freilich nicht vorbereitet und schwieg daher verwundert. Erst als ich mich von meinem Erstaunen erholt hatte und ihn fragen wollte: Mit solcher Flegelei haben Sie wohl Ihren Doktor gemacht? war er bereits verschwunden. Später ließ er mich in Ruhe. Nachmittags und abends kam manchmal Dr. Tuczek. Der kümmerte sich nur um 1 oder 2 Kranke, welche Arzneien nötig hatten.— Auf meinen Wunsch an Prof. C. wurde ich nach 2 Monaten auf Abteilung IV verlegt. Daselbst war ich eben⸗ soviel beschäftigt wie in Abteilung III, mit Scheuern, Abstäuben, Messinggriffe putzen, Betten machen und Kehren. Auf Weihnachten arbeitete ich mit einem geschickten Kranken (Bibelkrank) in Papierblumen, Vergolden, Guirlanden winden ꝛc. Nach Weihnachten half ich in den Gewächshäusern und arbeitete mit dem Gärtnergehilfen bis zu meiner Ab⸗ holung am 10. März 91. Meiner Mutter und Schwester machte ich mit keinem Wort Vor⸗ würfe, denn ich sah, daß es dadurch leicht einen großen Aufruhr gegeben hätte, und waren jetzt beide gegen mich ja ganz verträglich. Die von der Direktion gestellte Bedingung, der Gesund⸗ heit wegen täglich 8 Stunden, wenn auch ohne Verdienst, in einer Gärtnerei zu arbeiten, hielt ich 5 Monate lang. Daneben arbeitete ich für mein Geschäft, dann aber blieb ich ganz zu Hause, wo ich vollauf Beschäftigung hatte, besonders da seit meiner Internierung die Buchführung und Anderes liegen geblieben, was nachzuholen war.— Nach dem Tode meiner Mutter am 22. Dezbr. 91 ging das Geschäft von Rechtswegen wieder auf mich über. Zwecks der fehlenden Mündigung machten meine Schwester und der Schwager, Referendar Bn. in Fraukfurt(Beide hatten sich noch bei rühmter franz. Philosoph und Dichter zu Paris, f. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. Krankheit wäre. Ich glaubte dagegen an eine[die sich verunreinigenden Kranken und der Lebzeiten meiner Mutter verlobt) einen Nn⸗ 5 besondere Gerichtsverhandlung. leber das starke Karbolgeruch. Morgens und trag. Darauf wurden 5 öfter im Hause ver⸗ 9 ö alberne Geschwätz des N., ich hätte öfters in 5 1 e 5 b g a f kehrende Personen zu Zeugen vorgeladen, welche gute und vernünftige Führung meinerseits, so weit ihnen bekanut, beschworen. Darnach wurde ich vom Amtsgericht vorgeladen. (Fortsetzung folgt.) 2—— Humoristisches. Ein Wortspiel. Ein Menschen⸗ und ein Tier⸗ arzt sind in Streit gekommen und ersterer ruft verächtlich aus:„Sie sind ja doch nur der Doktor vom Vieh!“ und wütend entgegnete der andere:„Und Sie sind ein Vieh von einem Doktor!“ Das arme Waiserl.(Ein Zeitbild.)„Die kleine Mizi, das arme Waiserl, dauert mich recht!“— „Sind ihre Eltern gestorben?“—„Das nun gerade nicht. Aber die Mutter ist mit einem Kassier und der Vater mit einer Balleteuse durchgegangen!“ Goßlers Abfchied. Herr Goßler geht— und auf mein Wort, Sein Abgang macht mich recht beklommen. Ich fürchte sehr: ein Mann geht fort, Und zwei Armeekorps kommen. 4— N——— nn dbb... Geschichtskalender. 9 24. Mai. Tausch in Berlin. gelehnt. 25. 1901: Einigungs⸗Kongreß der französischen Sozialisten in Lyon. 1871: Pariser Kommune: Er⸗ schießung der Geiseln, Kriegsminister Delescluze gefallen. 26. 1901: Ende der„Weltmarschallschaft“ Wal⸗ 1 dersee s. 1265: Dante, Italiens größter Dichter ge⸗ 5 boren. 27. 1877: Letzter soz.⸗dem. Parteitag in Gotha vor dem Sozialistengesetz. 23. 1871: Ende der Pariser Kommune. Scheuß⸗ liches Niedermetzeln der Kommunekämpfer durch die „Ordnungs(leute. 29. 1901: Krosigk⸗Prozeß in Gumbinnen. 1862: Th. Buckle, Kulturhistoriker, f. 30. 1902: Friedensschluß in Südafrika. 1525: Thomas Münzer hingerichtet. 1778: Voltaire, be⸗ 1897: Prozeß gegen den Polizeirat 1878: Erstes Sozialistengesetz ab⸗ 1 Paar Stiefel 1 feiner Hut Die so sehr beliebten Ooufir- manden- Kleider! Wenn Sie einen Sohn zu kon⸗ Bei dieser Gelegenheit im verflossenen Jahre dieselbe Freude hatte. Dieser Mann wird Ihnen, wenn er glaubwürdig ist, was man voraussetzt, sagen: In den Oberhessischen röcken und * 5 5 1.50 ö blauen Diagonal 0 8. Kammgarn-Anzüge sind in Prachtware am Lager. mein emoermmes Lager in: Herren-Anzügen, Röcken. Hosen, Westen, Kirchen- ere Zofe and en 6 i msttonen Hat * 5 Taschenuhren, Regulateure Slesel-, Naunel- e. Necher- Laien empfehle sowie Gold- und Siber waren Neuste NMickelketten und Anhänger mit Bildnissen von Lassalle, Marx, Bebel und Liebknecht, offeriert billigst Friedr. Schupp, vnrmacper, Lollar Reparaturen werden in eigener Werkstatt unter Garantie prompt und billigst besorgt. wund. ln 8 darunter Haupttreff. jahr. von Mk. 350940 00ö oll, 12900 30 NJ Döb, 6, 10 00* 5 kommen im Laufe der Vereinszeit us ee zur Verloosung 5 Jedes Loos ein Treffer. Die kleinsten Treffer betragen EZ mindestens ca. 97 pCt. des Ein- satzes, daher bei Verloosung fast 7 12— Lein Hiso;? Unsere Gesellschafts- Kombi- nationen bieten die Grösste Gewinnchancen. 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