ö — — ——— — 2 1 10 4 0 nom II Aa vous sus ns uu N ul — 7 Nr. 47. Gießen, den 22. November 1903. 10. Jahrg, Nedaftion: Rirchenpiatz 11. Schloßgasse. Son Mitteldeutsche tügs⸗Zeitun Mebaktionsschluß Donnerstag Nachmittag 4 Ur D Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Bestelluugen Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 1 Juserate Die ögespalt. Bei mindestens Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch. Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestelluns die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33¼% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Alte oder neue Haudelsverträge? Ueber diese Frage schrieb unser Zentralorgan: Wieer ste miterlebt hat, wird jene Dezembernacht im Reichstage niemals vergessen. Einer der e Kämpfe, den die Parlamentsgeschichte ennt, ging zu Ende. Der zähe mannhafte Verteidigungskrieg, den eine tapfere Minderheit um das tägliche Brot des deutschen Volkes geführt hatte, endete nach aufregenden Wechsel⸗ fällen aller Art mit dem Sieg der Gegner. Nicht das Recht hatte das letzte Wort gesprochen, sondern eidbrüchige Gewalt, und zu Ungeheueres stand auf dem Spiele, als daß die Opposttion, dem Beispiel des Gegners folgend, den Boden des. Rechts hätte verlassen mögen. Weltgeschichtliche Vergeltung, wie ste kein Gott, nur das Volk diktiert, hat dieser Nacht der Niederlage und der Demütigung eine andere folgen lassen, die eine Nacht des Sieges und des Triumphes war. Das war jene Juninacht, da in die Zentralstelle der sozialdemokratischen Partei die Nachrichten von unerhörten Wahl⸗ siegen flatterten, Depeschenboten ein und aus⸗ gingen und der Jubel droben im Saale und drunten im überfüllten Hof des Vorwärts⸗Hauses kein Ende nehmen wollte. Und auch diese Nacht ist unvergeßlich. g Damals, im Dezember 1902, wollte es so scheinen, als ob nun alles vorüber wäre. Das war eine Täuschung des aufgeregten Tempera⸗ ments, der sich hüben wie drüben nur wenige entziehen konnten. des Jahres 1902 nichts anders war, als ein Vorspiel, daß mit ihm von den einen nichts gewonnen, den anderen nichts verloren war, daß die eigentliche und unwiderrufliche Ent⸗ scheidung noch ausstand und noch heute aussteht. Deer tatsächliche Erfolg, der sich hinter der scheinbaren Niederlage der Zollopposition ver⸗ barg, konnte damals in seiner wirklichen Größe kaum noch erfaßt werden. wesen war, erfuhr man erst aus der offiziellen Wahlschrift der nationalliberalen Partei. Aus Wie groß er ge⸗ ihr erfuhr man, daß die Mehrheits parteien sich auf den Antrag Kardorffs nicht aus sach⸗ lichen Gründen geeinigt hatten, sondern bloß aus kindischem Trotz. Um die Sozialdemokratie nicht als Triumphator das Kampffeld verlassen zu sehen, hatte man ein Gesetz durchgepeitscht, über dessen vollkommene Unbrauchbarkeit und innere Unmöglichkeit man keinen Augenblick im Zweifel gewesen war. Die sozialdemokratische Auffassung, diese„Waffe“ für den Zollkampf, sei ein Gewehr, das nach rückwärts losgehe, fand in jenem überraschenden nationalliberalen Bekenntnis seine volle Bestätigung; und wenn auch die nationalliberale Parteileitung in der weisen Erkenntnis, daß allzugroße Aufrichtigkeit on Uebel sei, die kompromittierliche Druckschrift schleunigst wieder aus dem Verkehr zog, so ließ sich die Enthüllung des Geheimnisses nicht mehr ungeschehen machen. Der neue Zolltarif ist denn auch bis heute nichts anderes als ein tüchtiges Stück bedruckten Papiers. Er ist nicht in Kraft ge⸗ etzt worden, und wer dem herrschenden Regime einen Selbstmord aus Dummheit zutraut, der Seitdem ist immer klarer geworden, was ruhigeren Köpfen keinen Augen⸗ blick entgangen war, daß der große Zollkampf wird auch daran zweifeln müssen, daß er jemals in Kraft gesetzt werden wird. Das Jahr 1904, das„handelspolitische Kometenjahr“, wird be⸗ ginnen, ohne daß in den handelspolitischen Beziehungen Deutschlands zum Auslande irgend eine tatsächliche Veränderung eingetreten wäre. Indes läuft mit dem Jahre 1903 die Zeit ab, in der die Staaten durch langfristige Han⸗ delsverträge gebunden waren, und eine Zeit der Ungewißheit beginnt. Die bestehenden Verträge laufen fort, so⸗ lange sie von keinem der beiden Teile gekündigt werden. Aber die Kündigung kann jetzt in jedem beliebigen Augenblicke erfolgen, und ihre Frist dauert dann nur mehr ein Jahr. Frei⸗ lich ist eine solche Kündigung bisher noch nicht erfolgt, aber weil sie erfolgen kann, müssen die Staaten in erneute Verhandlungen eintreten, um sich gegenseitig vor unliebsamen Ueber⸗ faschungen zu schützen. ö Wenn also die deutsche Reichsregierung in erneute Verhandlungen mit den Auslandstaaten eingetreten ist, so ist damit noch lange nicht gesagt, daß neue schlechtere Verträge auf Grund des unsinnigen Kardorff⸗Tarifs abgeschlossen werden können. Wäre die Regierung wirklich so kopflos, die alten Handelsverträge mit ihren verhältnis⸗ mäßig noch niedrigen Brotzöllen unter allen Umständen aufgeben und neue Verträge nur auf Grund des Kardorff-⸗Tarifs abschließen zu wollen, dann hätte sie diese alten Handels⸗ verträge kündigen und den Kardorff⸗Tarif in Kraft setzen müssen. Das hätte dann zur Folge gehabt, daß ein Jahr nach der Kündigung entweder ein neues, schlechteres Vertragsverhält⸗ nis begonnen hätte, oder aber— wenn ein neuer Vertrag nicht zustande kam— der blanke Kardorff⸗Tarif in seiner ganzen Schönheit zur Anwendung gekommen wäre. Ein solches Vorgehen würde den Wünschen der Agrarier vollkommen entsprochen haben. Wenn es unmöglich ward, so ist das ein Er⸗ folg der Sozialdemokratie. Mit ihrem neuen Zolltarif darf sich die deutsche Regierung nicht mausig machen; denn so gut wie wir es wissen, weiß es das Ausland eben auch, daß dieser Tarif für niemanden eine so gefährliche Drohung bedeutet, wie für das deutsche Inland selbst. So gut wie wir es wissen, weiß es das Ausland eben auch, daß Deutschland binnen vierzehn Tagen zu Kreuz kriechen müßte, wenn es jemals seinen neuen Tarif als Waffe im Zollkrieg verwenden wollte. Hat doch die nationalliberale Wahlschrift zugestanden, daß dieser Tarif vom deutschen Volke keine vierzehn Tage ertragen werden könnte, sondern zur Hungerrevolte führen müßte. Trotz allem offiziösen Gerede muß es darum zweifelhaft bleiben, ob es der Regierung über⸗ haupt gelingen wird, auf Grund des neuen Tarifs etwas zustande zu bringen, was Handels⸗ verträgen ähnlich steht, oder ob ste nicht wird froh sein müssen, wenn die alten auf Grund des alten Tarifs abgeschlossenen Verträge verlängert werden. Gelingt es ihr aber wirklich, neue Handelsvertäge zustande zu bringen, die den Wünschen der Agrarter entgegenkommen, dann muß sie bekanntlich erst die Einwilligung des Reichstags dazu haben. Und so wird die eigentliche Entscheidung über Deutschlands wirtschaftliche Zukunft erst in diesem neuen Reichstage fallen. Der Reichstag kann diese neuen Verträge im ganzen annehmen oder im ganzen verwerfen. Nimmt er sie an, dann tritt eben zum festge⸗ setzten Zeitpunkte der neue Zustand ein. Nimmt er sie aber nicht an, was dann? Da die alten Handelsverträge voraussichtlich nicht gekündigt werden, laufen sie, wenn keine neuen Verträge abgeschlossen werden, einfach weiter fort und können auch wieder für eine längere Frist verlängert werden. Für diesen Fall ginge das ganze Zolltreiben der Junker aus wie das Hornberger Schießen. Würde die Regierung im Falle einer solchen Ablehnung etwas anderes versuchen, etwa gar, den neuen Zolltarif vertraglos in Kraft setzen, dann müßte sie sich eben auf jenen Erfolg gefaßt machen, der ihr von den Nationalliberalen prophezeit worden ist. Wenn das deutsche Volk den Kampf um sein tägliches Brot zu einem gedeihlichen Ende führen will, dann muß es in den Ruf ein⸗ stimmen, den die Sozialdemokratie bei den Wahlen erhoben hat und den sie nicht müde werden wird zu wiederholen: „Fort mit jedem neuen Handelsvertrag, der das Brot stärker belastet, als es bisher belastet worden ist! Fort mit den wucherischen Mini⸗ malzöllen für Getreide!“ Noch ist nichts entschieden, nichts verloren. e Offiziersehre. Durch das Gerichtsurteil, welches das Metzer Kriegsgericht gegen den Leutnant Bilse ge⸗ fällt hat, ist dieser aus dem Heere schimpflich ausgestoßen worden, er ist der Ehre nicht mehr würdig, Mitglied des deutschen Offtizierskorps zu sein. Wenn Strafe bloß Vergeltung des zugefügten Schadens sein soll, so ist das Urteil begreiflich, denn das Kriegsgericht ist ein Klassengericht, noch mehr wie jedes andere Gericht und es kann nur Recht vom Standpunkt seiner Klasse aus sprechen. Und die Offtzierskaste erscheint ohne Zweifel durch den Roman„Aus einer kleinen Garnison“, den der angeklagte Leutnant veröffentlicht hat, schwer geschädigt. Freilich, der Schaden wäre durch das Buch selbst kaum angerichtet worden; die verfaulte Offtziersgesellschaft einer kleinen Garnisonstadt, die er uns vorführt, war nicht interessant genug, um größeres Aufsehen zu erregen. Ein Roman gilt ja im allgemeinen als Phantasiegebilde. Und selbst der nicht militärfreundliche Leser war geneigt, in der geschilderten Kumpanei von Ehebrechern, Wüstlingen, Soldatenschindern, Strebern, Säufern, Schuldenmachern und deren gleichwertigen Frauen eine poetische Freiheit zu erblicken, die sich der Autor erlaubte, um wie in einem Brennspiegel allerlei Offizierstypen zu sammeln. Aber siehe da! Mitglieder des Offizierskorps der kleinen Garnisonstadt Foihaß klagten, weil sie sich durch den Roman be leidigt fühlten; sie behaupteten, sich in den wenig erfreulichen Typen des Romans wieder zu erkennen, und führten vor Gericht den Nach⸗ weis, daß sie und nur sie gemeint seien. Phantasiegebilde, wie sie natürlich in jedem Roman vorkommen müssen, wurden als„un⸗ wahr“ erwiesen; die Hauptsach en aber erwies Seite 2. 1. Mitteldeussche Sonntags⸗Zeitung. die Verhandlung als wahr. Nicht der An⸗ geklagte war es, der den Wahrheitsbeweis führte; Bilse lehnte es ab, sich auf einen Wahrheits⸗ beweis für einen Rom an einzulassen, und betonte das Recht jedes Schriftstellers, aus der Wirklich⸗ keit den Stoff für seine Phantastegebilde zu entnehmen: den Klägern selbst fiel das peinliche Geschäft des Wahrheitsbeweises zu. Eine nette Galerie von Ehrenmännern zog da an den Ge⸗ richtsschranken vorüber: ein Major, der von der Frau seines Rittmeisters kommandiert wird; ein ehebrecherischer Offizier, der die Frau seines Kameraden und Freundes verführt und dafür mit einem— Verweis bestraft wird; ein Rittmeisterehepaar, das sich die Pantoffeln an den Kopf zu werfen pflegt und sich vor allen Leuten beschimpftzein Oberleutnant, der während eines Kastnofestes die Frau seines besoffenen Kameraden nach Hause geleitet und sie dort verführt; ein Leutnant, der sich von seinem„Verhältnis“ mit Lebensmitteln unterstützen läßt; ein Rittmeister, dessen Frau die Offiziere kommandiert und anpfeift, ihn öffentlich wegen seiner falschen Kommandos zur Rede stellt, widerrechtlich Schwadronspferde bor ihren Privatwagen spannen läßt; eine ganze Reihe leichtsinniger Schuldenmacher; ein Ober⸗ leutnant, der seinen Burschen so roh mißhandelt, daß dieser aus Verzweiflung desertiert; ein Leutnant, der Bälle zu Schweinigeleien besucht, und so fort mit Grazie. Diese ganze nette Gesellschaft, die, mit bürgerlichen Ehrbegriffen gemessen, so bedenkliche Sprünge und Risse zeigt, ist nach wie vor würdig, der bevorzugtesten und privilegiertesten Kaste anzugehören, Pächter des empfindlichsten„Ehr“ begriffs zu sein; der Leutnant aber, der, wie es ein als Zeuge ver⸗ nommener Rittmeister zugestand, durchaus kein Pamphlet schreiben wollte, sondern seinem ge⸗ quälten Herzen Luft zu machen suchte, hat diese Ehrbegriffe verletzt! Uns Zivilisten kann's recht sein; Prozesse wie dieser sind geeignet, dem ohnehin längst verblaßten Nimbus der Offizierskaste völlig den Garaus zu machen. Aber noch eine andere Konsequenz hat diefer Prozeß. Wenn es bei dem Urteil bleibt, wird man keinen Roman und kein Theaterstück mehr schreiben dürfen, in dem korrupte Staatsmänner, exzedierende Offiziere oder schwindlerische Bank⸗ direktoren vorkommen Die Welt des Dichters wird fortan aus lauter Ehrenmännern bestehen müssen. Denn wenn er von einem Schurken spricht, so wird er fürchten müssen, daß sich gleich ein Dutzend getroffen fühlt. Gelingt es ihnen dann, glaubhaft nachzuweisen, daß sie wirk⸗ lich Schurken sind, so gibt's Gefängnis— aber nicht für sie, sondern für deu unglücklichen Po⸗ eten. Von der Dichtkunst hat der junge Schiller einmal gesagt, sie übernehme Schwert und ful. und reiße die Laster vor ihren Richter⸗ uhl. Was hiermit verboten wird! von Rechts wegen! Der verdonnerte Dichter hat sich bei dem Urteil beruhigt und wird demnächst den vor⸗ nehmsten Rock an den Nagel hängen. Politische Rundschau. Gießen, 19. November. Die Ersatzwahl für Göhre hat am Dienstag im Wahlkreise Mittweida stattgefunden. Unser Genosse Stücklen wurde mit 16040 Stimmen gewählt, der national⸗ liberale Gegenkandidat Rüdiger erhielt 10517. Am 16. Juni wurden für Göhre 19270 und für den Liberalen 11478 Stimmen abgegeben. Es war also, wie immer bei den Ersatzwahlen, eine erheblich schwächere Wahlbeteiligung zu verzeichnen als bei den Hauptwahlen; wir haben 3000, die Gegner 1000 Siimmen weniger aufgebracht. Wir können mit diesem Resultete trotz der erheblichen Stimmeneinbuße zufrieden 555 denn die Gegner hofften durch den Um⸗ tand, daß Göhre infolge der Parteistreitigkeiten das Mandat niedergelegt hatte, wieder Ober⸗ wasser zu bekommen und den Kreis zu erobern. Ihre Rechnung hat sich als falsch erwiesen, Mittweida gehört zum sicheren Bestande der Sozialdemokratie. Im 23. sächsischen Kreise, der durch den Tod unseres Franz Hofmann erledigt ist, wird von unserer Seite Genosse Adolf Hoff⸗ mann⸗Berlin als Kandidat aufgestellt. Sozialdemokratische Wahlerfolge. Bei der Stadtverordnetenwahl in Ber n⸗ burg(Anhalt) eroberten unsre Parteigenossen mit 1189 bis 1213 Stimmen zu den im Jahre 1901 eroberten 5 Mandaten noch 5 weitere hinzu. Im Bernburger Gemeinderat sttzen jetzt 10 Sozialdemokraten.— Bei den Gemeinde⸗ ratswahlen in Graz(Oesterreich) siegten die sechs sozialdemokratischen Kandidaten. Im badischen Landtag sind die Parteien nach den nunmehr abge⸗ schlossenen Wahlen in folgender Stärke ver⸗ treten: Nationalliberale 26; Zentrum 23; Sozialdemokraten 6; Hemokraten 5; Antisemiten 1.— Unsere Abgeordneten sind folgende: Eichhorn, Redakteur in Mannheim; Horst, Metallarbeiter in Durlach; Kramer, Kassier in Mannheim; Lehmann, Buchhalter in Mannheim; Lutz, Apotheker in Baden⸗Baden; Süßkind, Kaufmann in Mannheim. Durch den Rücktritt vom Mandat sind ausgeschieden: Dreesbach, Fendrich und Geiß, während Adolf Geck in Pforzheim unterlag. Es hat mithin in unserer Landtagsfraktion ein unge⸗ mein starker Wechsel stattgefunden, insofern volle zwei Drittel ihres jetzigen Bestandes erst neugewählte Mitglieder sind, während nur Kramer, der 1897, und Eichhorn, der 1901 gewählt wurde, ihr schon früher angehörten. Hoffen wir, daß die Vertreter der Sozialdemo⸗ kratie im badischen Parlament auch fernerhin eine eifrige und erfolgreiche Tätigkeit entfalten im Sinne einer freiheitlichen und fortschrittlichen Entwicklung ihres Heimatlandes, wie ganz be⸗ sonders zum Wohle seiner werktätigen Volks⸗ schichten! Zum Schergen Rußlands gibt sich das deutsche Reich her. Gegen unsere Genossen Braun und Naragrotzki in Königsberg i. Pr. ist ein Verfahren wegen angeblicher„Geheimbündelei“ eröffnet worden. Die Beiden sollen sich der Beihilfe zum Hochverrat gegen die russische Regie⸗ rung und Beihilfe zur Beleidigung des russischen Kaisers schuldig gemacht 1115 und zwar dadurch, daß sie sozialdemokratische Schriften in russischer Sprache nach Rußland verschickten. Daß diese Schriften„hochverräte⸗ risch“ sein sollen, ist von vornherein ausge⸗ schlossen, denn der Begriff des Hochverrats ist nur gegeben, wenn zur Gewalttätigkeit aufge⸗ fordert wird. Wir Sozialdemokraten verwerfen aber grundsätzlich jede Gewalttätigkeit. Die ganze Aktion wird voraussichtlich wie das Hornberger Schießen ausgehen.— Bei diesem Vorgehen handelt es sich jedenfalls darum, einen Schlag gegen die literarische sozialdemo⸗ kratische Bewegung zu führen, die in der letzten Zeit mehr erstarkt ist und die man mit den bekannten Mitteln preußischer„Germanisierungs⸗ Politik“, nämlich mit Gefängnis, Haussuchung, Preß⸗Unterdrückung ꝛc. vernichten möchte. Wie es einem gerechten Richter ergeht. In Militsch im Regierungsbezirk Breslau amtierte der Assessor Simon als stellvertre⸗ tender Vorsitzender des Schöffengerichts. Der Mann vertrat die merkwürdige Ansicht, daß alle Parteten vor dem Gericht gleich seien. Er hatte einen Gendarmen, der Verteiler sozial⸗ demokratischer Flugblätter sistiert hatte, gefragt: wie es komme, daß er immer nur sozial⸗ demokratische Flugblattverbreiter angehalten und aufgeschrieben habe, während alle Parteien Propagandablätter verteilten. Der Gendarm erwiderte hierauf kurz und deut⸗ lich, das sei auf Anordnung des Land⸗ rats geschehen. Hierauf erklärt der Vorsttzende: Ueber die Zulässigkeit dieser Handlungen entscheiden nicht die Verwaltungsbehörden, sondern das Gesetz und die Cerichte. Eine Ausnahme für die Sozialdemokratie gebe es dabei nicht, den diese sei eine gleichberechtigte politische Partei wie Freisinnige und Konservative. Es erfolgte Freispruch, aber der Gendarm erstattete dem Landrat Bericht, dieser den höheren Instanzen. Und der„Erfolg“ war, daß dem 1 75 5 vom Landgerichtspräsident mitgeteilt wurde: g a f Nach einer Verfügung des Herrn Justiz⸗ ministers vom 13. d. M. und der Verfügung des Oberlandesgerichts-Prästdenten vom 14. Oktober werden Sie, Herr Gerichtsassessor, von der Verwaltung der bei dem Amtsgericht in Militsch erledigten Richterstelle entbunden. Zugleich verfügte der Justizminister, daß Herr Simon niemals wieder eine be⸗ soldete Richterstelle erhalten dürfe. Also eine offenbare Maßregelung und zwar deswegen, weil der Richter alle Preußen vor dem Gesetz für gleich ansah, wie es zwar in der Verfassung steht,„oben“ aber nicht gebilligt und meistens von der Justiz nicht gehandhabt wird. Die Kirche hat einen guten Magen. „Die Kirche in Preußen wird bekanntlich, wie in noch anderen Bundesstaaten, vom Staate unterhalten und zwar mit dem Gelde aller Steuerzahler. Die christliche Kirche scheut sich nicht, aus dem Säckel, in den Christen, Heiden, Juden und andere Preußen steuern müssen, jährlich Milltonen zu nehmen. Der Staat zahlt für kirchliche Zwecke pro Jahr nach dem letzten Etat folgende Summen: Für den evangelisch. Oberkirchenrat die 155 Konsistorien „ evangelische Geistliche u. Kirchen „ diverse Zwecke der evang. Kirche „ Bistümer und die zu denselben gehörigen Institute „ kathol. Geistliche und Kirchen „ diverse katholische Zwecke „ gesetzliche Verpflichtungen des Staates zum Neubau von Kirchen, Pfarrgebäuden ꝛc. „ leistungsfähige evangelische, re⸗ formierte, katholische und altkath. Kirchengemeinden Unterstützungsfonds für Geistliche aller Bekenntnisse, sowie deren Hinterbliebene Für Stolgebühren in der evangel. Rei Summa Ein nettes Sümmchen, das alljährlich in den Magen der Kirche wandert! Wenn heute in Preußen die Reaktionäre und matten Fort⸗ schrittler wieder gewählt werden, so können sie 198 815,— Mk. 1429 132,38„ 1741 628,72„ 7110 403,.—„ 1256 333,80„ 1366 387,79„ 3638 400,.—„ 2479000,—„ 46 800,—„ 1552 949,25„ 1500 000,.—„ in löblicher Gesinnungsgemeinschaft nach dem Muster des Frankfurter„Freisinnigen“ Funck durch neue Mehrbewilligungen den„kirchlichen Notstand“ heben und obige Millionen um ein paar weitere vermehren. Stöckerianer und Hirschelianer. Ueber die Antisemiten von Hirschel'scher Farbe zog vor einigen Tagen das Organ der Christlich⸗Sozialen, das in Berlin erscheinende „Volk“, gehörig los. Bei der Abgeordneten⸗ wahl in Karlsruhe⸗Land hatten nämlich, wie wir in der letzten Nummer schon mitteilten, die Antisemiten zu Gunsten unseres Genossen Jutz gegen den Konservativen den Ausschlag gegeben. Dieses Verhalten hat den Zorn des Stöcker⸗Organs erregt und es wirft den christ⸗ lichen antisemitischen Brüdern artige Liebens⸗ würdigkeiten an den Kopf. Unter anderem sagt es den Karlsruher Antisemiten, daß ste sich in ihrer radikalen Agitation kaum von den Sozial⸗ demokraten unterschieden, vergißt ganz, daß Hirschel nebst Anhang bei den Reichstagswahlen für Stöcker in's Geschirr ging. Zum Schluß ruft das Blatt aus: .————— 22 22 312 849,95 MRBk. —— —— —— 2 „Das ist die Frucht des Wirkens der Köhler, Hirschel und Genossen. Daß sie jetzt nicht mehr in einem Partei⸗ verbande mit Liebermann v. Sonnenberg stehen, ist nur die äußere Bestätigung einer innerlich längst konstatierten Tatsache. Der Radikalismus führt sie ganz folgerichtig immer näher der Sozialdemokratie.“ — — — —— — e * — . — rr „ .—.. ß. r. ¼¾ TT r, t l 777 d S Nr. 47. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. Nun, diese wird sich für die Parteigenossen⸗ dcn der„Politiker“ vom Pücklerschen Geiste chönstens bedanken. Diese Leute sind zu be⸗ schränkt und berbohrt, um den Soztalismus begreifen zu können. Mag sein, daß zahlreiche Wähler, welche früher den Antisemiten nach⸗ liefen, sich zur Sozialdemokratie wandten. Dahin hat ste aber ihre eigene bessere Erkenntnis gebracht, nicht etwa die Agitation der antise⸗ mitischen Führer. Gewalttätige Nomanisten. In Italien führt unser Genosse Ferri einen heftigen Kampf gegen eine Reihe dunkler Ehrenmänner aus der„besseren“ Gesellschaft, die Staatsgelder als ihr Eigentum betrachtet haben. Unter anderem erklärte Ferri im „Avanti“:„Senator Roux und dessen Blatt seten bestochene Werkzeuge des Ministers des Innern.“— Der Sohn des Angegriffenen überfiel daraufhin Ferri in dessen Hausflur und versetzte ihm einen Schlag. Er kam aber damit bei Ferri bös an. Dieser verprügelte ihn derart, daß das Herrchen ärztliche Behand⸗ lung in Anspruch nehmen mußte. W Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. Ende des Berliner Metallarbeiter⸗ Ausstandes. In einer am Donnerstag ab⸗ gehaltenen großen Versammlung stimmte nach eingehender Besprechung der Lage die Mehrheit gegen Fortführung des Streiks. Die Strei⸗ kenden kehren zur Arbeit zurück, ohne trotz acht⸗ wöchentlichen heldenmütigen Kampfes einen Sieg errungen zu haben. Die Gegner sind aber durch den Kampf auch dermaßen mürbe ge⸗ worden, daß sie sich's ein nächstes mal sehr wohl überlegen werden, ob sie den Kampf von neuem aufnehmen oder ob sie sich nicht lieber mit ihren Arbeitern einigen sollen. Insofern ist auch dieser Kampf nicht ganz erfolglos gewesen.— Die Berliner Metallwarenfabrikanten versandten ein Rundschreiben, nach welchem u. a. mitgeteilt wird, daß bei bedingungsloser Aufnahme der 0 Arbeit die Ausständigen zu den vor dem Aus⸗ stande bestehenden Bedingungen in möglichst 1 0 0 Zahl wieder eingestellt werden sollen. aßregelungen finden nicht statt, doch sollen die bisherigen Arbeitswilligen unter keinen Um⸗ ständen entlassen werden. Die Maurer in Solingen befinden sich seit mehreren Wochen im Streik. Jetzt I haben die„christlichen“ Maurer beschlossen, den Streik für beendigt zu erklären. Dieser Be⸗ schluß ist aber praktisch von gar keiner Bedeu⸗ tung, denn von den Christlichen waren nämlich nur vier Mann am Streik beteiligt. Diese vier Mann haben nun anständigerweise erklärt, nach wie vor auf keinem Bau anzufangen, der vom Zentralverband gesperrt ist.— Zuzug von Maurern ist von Solingen unter allen Umständen fernzuhalten. von Nah und Lern. Hessisches. — Prinzessin Elisabeth, das acht Jahr alte einzige Töchterchen des Großherzogs, it plötzlich in Skiernewicze bei Warschau, 55 es mit seinem Vater gereist war, ge⸗ storben. wurde, war die unmittelbare Todesursache eeine starke Vergiftung durch e Seit einer Woche war die Prinzessin an Unter⸗ leibstyphus erkrankt, der jedenfalls nach außen⸗ hin wenig bemerkbar Wie durch die Obduktion festgestellt geworden war. Am Montag früh trat heftiger Brechdurchfall (cholera nostras) ein, der in wenigen Stunden den Tod herbeiführte.— Die Leiche wurde nach Darmstadt überführt und dort am Donnerstag Nachmtttag beigesetzt.— Der schmerzliche Verlust, der den Großherzog betroffen hat, hat überall lebhafteste Teilnahme hervorgerufen. — Aus dem Landtage. Der Finanz⸗ ausschuß der zweiten Kammer verhandelte vorige Woche über den Antrag der Sozial- demokraten und des Zentrums betreffend Auf⸗ hebung der Brückengelder. Die Regie⸗ rung erklärt, sie könne auf eine Einnahme von 180000 bis 200 000 Mk. nicht verzichten, zumal die Erbauung der Mainzer Brücke ausdrücklich nur unter der Bedingung erfolgte, daß das Brückengeld weiter bezahlt werde. Die Abgg. Molthan und Ulrich vertreten die Anträge, während die übrigen Mitglieder des Ausschusses teilweise der Auffassungen der Regierung zu⸗ stimmen; teilweise sind sie der Ansicht, einen aus den dermaligen Reinüberschüssen des Brückengeldes zu bildenden sog. Ablösungsfonds zu schaffen, der wenigstens einen bestimmten 1 fixlere, bis zu dem die Erhebung des rückengeldes aufhören muß. Ein Beschluß wurde zunächst nicht gefaßt, doch sollen durch eine Aufstellung der seit Erbauung des Brücke erreichten Ueberschüsse Unterlagen beschaffen werden für die Beurteilung der Höhe der er⸗ forderlichen Summe, mit der die Abschaffung des Brückengeldes erreicht werden könnte. — Maßregelung von Eisenbahn⸗ arbeitern in Hessen. An die hessische Regierung hat unser Genosse Landtagsabg. Cramer folgende Anfrage gerichtet: „Es dürfte Großherzoglicher Regierung und den Herrn Abgeordneten noch in Erinuerung sein, daß erst Anfang dieses Jahres seitens einer Anzahl Abgeordneten in der Zweiten Kammer Klage geführt wurde über die Be⸗ handlung der Arbeiter, insbesondere über die Gewährleistung des heiligsten Rechtes der Ar⸗ beiter, des Koalitionsrechtes, seitens der Ver⸗ waltung der Wagenreparaturwerkstätte in Darmstadt. Es wurde damals von Seiner Exzellenz dem Herren Finanzminister eine nicht nur nicht befriedigende, sondern eine geradezu überraschende Antwort gegeben; dem Sinne nach wurde erklärt, alle Verwaltungsangelegenheiten, so auch die hier vorgebrachten, regelten sich nach preußischen Verwaltungsgrundsätzen und die Regierung sei vertragsmäßig außer Lage hier vermittelnd drein zu reden. Es mag dennoch in manchen Abgeordneten damals die Hoffnung erweckt worden sein, daß die diesbezüglichen Auseinandersetzungen in der Kammer seitens der Werkstätte⸗Verwaltung nicht ganz unbeachtet bleiben würden, und man darf sagen, diese Hoffnung wäre auch noch bei einer auf einigermaßen rechtlichen Grundlage basirenden Betriebsgemeinschaft ganz berechtigt. Vorkommnisse neueren Datums aber, die den ergebenst Unterzeichneten zu dieser Anfrage nötigen, sind so recht geeignet, jede Hoffnung auf Rücksichtnahme seitens unseres Teilhabers völlig zu zerstören. Seit ungefähr 14 Tagen ist in jener Werk⸗ stätte eine Hetze gegen Arbeiter im Gange, welche dem Hamburger Eisenbahner⸗Verband angehören, die kaum glaublich, aber leider wahr ist. 5 Der Herr Betriebsinspektor Scheer hatte eine größere Anzahl Arbeiter, von denen er infolge Verrats annahm, daß sie Mit⸗ glieder des Hamburger Eisenbahner-Verbandes sind, einzeln zu sich aufs Bureau rufen lassen und mit ihnen eine wahre Tortur angestellt. Unter Anwendung unbeschreiblicher Droh⸗ ungen wurden die Veute nach ihrer Zugehörig⸗ keit zum Hamburger Eisenbahner⸗Verband ge⸗ fragt, nicht gefragt, sondern gefoltert. Einige hatten den Mut dies als ihr gutes Recht zu reklamieren und einzugestehen, die größere Zahl stellte es in Abrede, aus Furcht vor der ihnen drohenden Entlassung. Glaubhaft ver⸗ bürgt erscheint sogar die Tatsache, daß der Herr Betriebsinspektor einen dieser Leute nahezu eine Stunde in ein separates Zimmer einsperrte und ihn hier so lange gefangen hielt, bis das weitere Verhör beendigt war. Das Ergebnis dieser grauen⸗ haften Untersuchung war, daß dret dieser Leute unter Auszahlung ihres Lohnanspruches von 14 Tagen sofort entlassen wurden, während einem, einem Familienvater mit sechs Kindern, ee gekündigt wurde. Weitere Entlassungen sollen noch nachträglich erfolgt sein und über einer weiteren Anzahl schwebt das Damokles⸗ schwert. tüchtigsten Arbeitern gezählt werden können und sich stets tadellos geführt haben. Der Unterzeichnete erlaubt sich demgemäß an Großherzogliche Regierung die Frage zu richten: Hat Großherzogliche Regierung Kenntnis von diesem Vorgang und welche Schritte gedenkt sie zu tun um derartige Mißstände zu beseitigen? Insbesondere gehört es zu den Befugnissen eines Verwaltungsbeamten, die Geldmittel der Be⸗ triebsgemeinschaft für nicht geleistete Arbeit aufzuwenden?“ Danach geht's ja bei der Eisenbahnverwal⸗ tung in Darmstadt geradezu russisch zu! Die Gemaßregelten sollen zu den Die Interpellation war ein Gebot der Not⸗ wendigkeit und unsere Abgeordneten werden nicht versäumen, dieses Verfahren bei der Be⸗ sprechung der Anfrage gründlich zu beleuchten. Hier ist die rücksichtsloseste Sprache am Platze. Gießener Angelegenheiten. — Von einer„Niederlage der Sozialdemokratie“, die sie bei den preußi⸗ schen Landtagswahlen erlitten haben soll, er⸗ zählte, wie viele andere„Ordnungs“blätter auch der„Gieß. Anzeiger“ seinen Lesern. Ja, für ihn ist der Ausgang dieses Wahlkampfes sogar ein Beweis dafür, daß es mit unserer Partei immer mehr bergab gehe und sie ihrem vollständigen Zerfall nahe sei. Das Amtsbl itt hats gleich im voraus gewußt— wozu nach unserer Meinung allerdings nicht viel gehörte — daß wir keine Eissege erzielen würden. Und warum? Hören wir: „... Die absolute Niederlage der Sozialdemokraten ist im wesentlichen eine Folge der unerquicklichen Er⸗ gebnisse des Dresdener Parteitages, die die zahllosen Mitläufer der sozialistischen Partei stutzig machen mußten und eine allgemeine Unzufriedenheit in der ganzen Partei herbeigeführt haben. Dazu kam dann noch der sehr erfolgreiche, die Arbeiterinteressen aufs energischste vertretende antisozialistische Frankfurter Kon⸗ greß, der vielen die Augen geöffnet haben mag und der die inneren Schwächen des sozialdemokratischen Gedankens noch mehr klarlegte als der Dresdener Parteitag mit seinem Rattenkönig von Angriffen, Verteidigungs- und Rechtfertigungsversuchen, die immer noch nicht zu Ende gekommen sind. Das übrige tat dann noch das bekannte preußische Wahlsystem, mit dem allerdings doch wohl über kurz oder lang aufgeräumt werden muß. Jeden⸗ falls aber bröckelts allmählich immer mehr und mehr an der Vasallenmasse des Diktators Bebel und der „Revisionismus“ ist drauf und dran, das alte Joch innerhalb des„Genossentums“ zu lockern.“ Wir glauben ganz gerne, daß der im letzten Satze ausgesprochene Gedanke dem Wunsche des Amtsblattes entspricht. Die Sozialdemo⸗ kratie hats aber nicht so eilig mit der Zer⸗ bröckelung. Wie oft haben ihr die kapitalistischen Soldschreiber schon den Untergang prophezeit! Das hat aber ihr Wachstum nicht gehindert. Und der Kongreß der„Gelben“ in Frankfurt soll vielen„die Augen geöffnet“ haben! Aller⸗ dings, denkenden Arbeitern werden die Augen darüber geöffnet worden sein, daß eine Gesell⸗ schaft, welche der brotwucherische Zöllnerbund begrüßend antelegraphiert, an der sogar Bauern⸗ bündler, z. B. der 7 Mark⸗Zöllner Schrempf, teilgenommen haben, die Arbeiterinteressen nicht vertreten kann. Das werden auch jedenfalls die wenigen ehrlichen Arbeitervertreter, die da⸗ bei waren, bald einsehen.— Gestegt hat bei den preußischen Landtagswahlen der große Geldsack; es ist töricht, von einer Niederlage der Sozialdemokratie reden zu wollen. Im Gegenteil, eine oberflächliche Zählung der Stimmen zeigt, daß unsere Partei in den Wahlkreisen, wo wir uns beteiligt haben, das Vielfache der Stimmen aufgebracht hat, welche die Gegner auf sich vereinigten. — Höhere Fleischpreise stellte dieser Tage die„Allgemeine Fleischerzeitung“ in Aussicht. Sie verwies darauf, daß auf dem Berliner Viehmarkte seit zwei Jahren die Preise für Rindvieh um 11 Prozent, bei Kälbern so⸗ ar um 30 Prozent gestiegen seien. Einen so 1 7 50 Preisaufschlag könnten die Metzger nicht allein tragen und sie müßten zur Erhöhung der Fleischpreise schreiten.— Also eine weitere Verschlechterung der Ernährung für die Arbelter⸗ bevölkerung, die sich schon jetzt kaum einen Scite 4. Mitteldentsche Sount nos Zeitung. Brocken Fleisch bieten konnte. Lohnerhöhungen folgen bekanntlich den Preiserhöhungen nicht nach, um jeden Pfennig mehr Lohn muß der Arbeiter einen hartnäckigen Kampf mit dem Unternehmertum führen. Denkende Arbeiter sehen auch hier wieder den„Segen“ der Zoll politik, welche die hohen Vieh- und somit Fleisch⸗ preise verschuldet.— Mag sein, daß die Herren Metzgermeister immer noch ganz leidliche Profite eingeheimst und wahrlich nicht umsonst gearbeitet haben; das Resultat der Junkerpolitik ist aber, daß das arbeitende Volk die Zeche bezahlen und entbehren muß.— Auch die Eier⸗ preise befinden sich jetzt auf solcher Höhe wie in früheren Jahren nie um diese Zeit. Und in wie vielen Arbeiterfamilien sind kränkliche Kinder vorhanden, denen es unbedingt nötig täte, daß sie hier und da ein Ei in ihre Suppe bekämen! Es muß aber, weil unerschwinglich, unterbleiben und so wächst eine schlecht ernährte, widerstandsunfähige Bevölkerung heran, die. Volksgesundheit wird auf das Schlimmste ge⸗ fährdet. Da müht man sich ab mit Maßregeln zur Bekämpfung der Tuberkulose, der man erst durch die künstliche Verteuerung der Lebens⸗ mittel den Boden bereitet hat! —„Wie hessische Sozialdemo⸗ kraten einen Majestätsbeleidiger feiern.“ Am Dienstag hat unser Genosse Adelung in Mainz das Gefängnis in Butzbach verlassen, wo er 3 Monate wegen Majestätsbeleidigung, gesessen hatte, die er durch einen Artikel über die Breslauer Kaiserrede in der„Mainzer Volkszeitung“, begangen haben sollte. Zu seiner Begrüßung in Mainz hatten die dortigen Genossen en gemütliches Zusammen⸗ sein veranstaltet. as hat den„Anzeiger“ verdrossen, er druckte den Bericht des„Offenb. Abendbl.“ über diese Feier ab und setzt ihm obige Stichmarke vor. Er will damit dartun, welch' eine verworfene Menschenklasse diese Sozialdemokraten sind. Nun, unsere Genossen in Mainz haben Recht gehabt, den Zurück⸗ ekehrten, der nichts Unehrenhaftes begangen at, zu begrüßen.— Wir erinnern uns nicht, daß der„Anz.“ etwas einzuwenden hatte, als der Duellmörder Hildebrand in Gumbinnen von seinen Kameraden mit klingendem Spiel nach dem Bahnhofe geleitet wurde! — Die Ortskrankenkasse Gießen hielt am 18. November im„Postkeller“ ihre regelmäßige General⸗ versammlung ab, die von 71 Vertretern der Mit⸗ glieder und 9 der Arbeitgeber besucht war. Als erster Punkt wird die Wahl des Ausschusses für Prüfung der Jahresrechnung vorgenommen und dazu die Herren Wilh. Schmidt, Sickert und Wigandt bestimmt. Als Entschädigung für seine Arbeit erhält der Ausschuß 300 Mk. statt bisher 210 zugebilligt. Bei den Ersatz⸗ wahlen zum Vorstand werden von Seiten der Mitglieder W. Schmidt, Sickert, Nau und Gentner; von den Arbeitgebern Atzbach und Winn wiedergewählt. — Hierauf erstattete der Delegierte zum Ortskranken⸗ kassentag in Breslau, Herr Wigandt, Bericht über die dort gepflogenen Verhandlungen, dem sich der Bericht über die in Friedberg stattgefundene Generalversammlung des hessischen Ortskrankenkassenverbandes anschloß. In der kurzen Diskusston, diejsich über die Berichte entspann, wurde besonders betont, daß auch die hiesige Orts⸗ krankenkasse das in Breslau verhandelte sich zu nutze machen müsse. Besonders den Arbeitgebern sei anzuempfehlen, das zu beherzigen, was dort über den Zusammenschluß des Krankenkassenwesens gesagt wurde, damit sie ferner nicht durch Gründung von Betriebs-, Innungs⸗ und anderen Krankenkassen die Zersplitterung fördern. Wichtig sei ferner, was einer der Herren Referenten in Breslau gesagt habe in Bezug auf die Verkürzung der Arbeitszeit, wodurch die Gesundheitsverhältnisse gebessert und dadurch auch die Lasten der Krankenkassen vermindert würden. Eine Verkürzung der Arbeitszeit läge daher nach dieser Richtung hin im Interesse der Arbeitgeber. Weiter wurde erwähnt, daß endlich auch in Gießen die Schaffung eines Krankenhauses angestrebt werden müsse, in dem diejenigen Kranken, welchen zu Hause keine richtige Verpflegung geboten werden könne und die auch in der Klinik keine Aufnahme finden, untergebracht werden könnten.— Dann wurden noch die durch die Kranken⸗ kassengesetz⸗Novelle notwendigen Statutenände⸗ rungen beraten. Diese gelangten nach den Vorschlägen des Vorstandes zur Annahme. r. Der Gesangverein„Eintracht“ begeht am Sonntag, den 29. November auf Lonp's Bierkeller sein 30. Stiftungsfest. Der Vorstand hat hierzu ein reichhaltiges Pro⸗ gramm aufgestellt, das jeden Besucher befriedigen wird. Unter anderem wird der Verein den von ihm neueinstudierten Koschat'schen Walzer„Am Wörther See“ mit Mustkbegleitung zur Auf⸗ führung bringen. Zahlreicher Besuch der Freunde des Vereins und der Genossen wird erwartet. Wir verweisen auf das Inserat. e. Freie Turnerschaft. Aus den Be⸗ richten, die in der am Sonntag im„Pfau“ stattgefundenen Generalversammlung der„Freien Turnerschaft“ gegeben wurden, geht hervor, daß die Mitgliederzahl auf 105 gestiegen ist. Außerdem gehören 17 Zöglinge dem Verein an. Trotz der ungünstigen Lokalverhältnisse war der Besuch der Turnstunden ein recht reger; an den Turnstunden beteiligten sich durchschnittlich 30 Turner. Vielfachen Wünschen entsprechend ist eine Männerriege gebildet worden, durch welche sich die Zahl der aktiven Turner ver⸗ doppeln dürfte. Bedauernd bemerkte der Vor⸗ sitzende noch, daß leider noch viele Arbeiter anderen Turnvereinen angehörten und dem Arbeiterturnvereine, wohin sie doch gehörten, fernblieben. Bei der Vorstandswahl wurde der bisherige Vorstand wiedergewählt. Schließlich wies der Vorsitzende noch darauf hin, daß dem Verein von seiten der Stadt die Benutzung einer Schulturnhalle bewilligt worden sei, wo⸗ durch manche bisher bestandene Mißstände ab⸗ gestellt würden.— An jeden der Turnsache geneigten Arbeiter ergeht aber die Mahnung: meidet jene Vereine, die Euch als Hurraschreier gebrauchen wollen, tretet vielmehr dem Arbeiter⸗ Turnverein, der„Freien Turnerschaft“ bei! — Der Vortrag von Opificius aus Frankfurt, der in voriger Nummer für Sonn⸗ tag, den 22. Novbr. angekündigt wurde, ist auf später verschoben. — Wegen Betrugs hatte sich am Diens⸗ tag der Immobilienmakler Abraham Jakob von hier vor der Strafkammer zu verantworten. Vor zwei Jahren vermittelte der Angeklagte den Verkauf der Wirtschaft„Zur Germania“ in Lollar für den damaligen Besitzer Geißler. Käufer war der Wirt Kremer, der das Anwesen für 46500 Mk. erstand. Als er etwa 8 Monate im Besitz desselben war, überredete ihn Jakob, es wieder zu verkaufen und erbot sich, es für 55000 Mk. an den Mann zu bringen. Dafür beanspruchte er 3000 Mk. Provistion. Kremer war damit einverstanden und auf das öffentliche Ausschreiben hin fand sich der Wirt Kübler aus Niederrad als Reflektant ein. Von diesem, der die„Germania“ für 55000 Mk. erwarb, hatte sich Jakob ebenfalls 2 Prozent der Ver⸗ kaufssumme, also 1100 Mk. Provision aus⸗ bedungen. Als Kübler hörte, daß 5 Makler von dem Verkäufer schon 3000 Mk. erhalten habe, strengte er gegen ihn einen Zivilprozeß mit dem Erfolg an, daß ihm J. die 1100 Mk. zurückzahlen mußte. Nunmehr leitete die Staats⸗ anwaltschaft das Strafverfahren gegen Jakob ein. Nach Vernehmung zahlreicher Zeugen hält der Staatsanwalt den Tatbestand des Betrugs für vorliegend und beantragt 1 Jahr 3 Monate Gefängnis. Der Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. Stulz⸗Frankfurt begründet 75 Antrag auf Freisprechung damit, daß bei derartigen Geschäften sowohl der Käufer als der Verkäufer dem Vermittler Provision zahlten.— Das Urteil wird am Dienstag verkündet. — Lebensgefährliches Gedränge herrschte Freitag früh vor dem Verhandlungs- saale der Strafkammer, wo die Verhandlungen gegen die wegen der bekannten Laden⸗ diebstähle bei Nowack angeklagten Frauen statt⸗ fand. Unter den Zuhörern stellten die Frauen das weitaus größte Kontingent. Der Präsident drohte den in den Saal Eindringenden mit Anklage wegen Hausfriedensbruch! Der Wert der veruntreuten Sachen beträgt ca. 2500 Mk. Die Verhandlung dauert bei Drucklegung des Blattes noch fort. Vom„Wahren Jakob“ ist soeben die Nr. 24 des 20. Jahrgangs erschienen. Auch diese Nummer weist wie alle vorhergegangenen einen äußerst reichhal⸗ tigen Inhalt auf. Außer den beiden farbigen Bildern „Der Zweifrontenmann“ und„Enttäuschung“ sind fol⸗ gende Illustrationen hervorzuheben:„Der Fall Simon“, „Standesgemäße Lebenshaltung“,„Die Finauzminister⸗ konferenz“,„Bedenkliche Verwandtschaft“,„O, über diese sündige Welt“,„Hofschlächtermeister Friedrich Wilhelm Müller“(als Beginn einer von Edmund Edel gezeich⸗ „Der Tod und die Automobilisten“(mit dazugehörigem Gedicht),„Kartoffelernte“ und„Schlagende Beweisfüh⸗ rung“. Die Nummer enthält sodann Porträt und Nachruf für Franz Hofmann, den verstorbenen Abgeordneten für Reichenbach⸗Neurode, ferner zahlreiche Gedichte und andere interessante Beiträge. Aus dem Nreise gießen. — Wieseck. Im Wahlverein sprach Genosse setzgebung im allgemeinen. Er wies dabei besonders nach, daß die Entwickelung des Kapitalismus die körper⸗ liche und geistige Entartung der arbeitenden und befitz⸗ losen Masse zur Folge habe, weshalb man sich genötigt gesehen habe, Gesetze zu erlassen, welche weniastens einigermaßen die übermäßige Ausbeutung einbeschränken. Doch ohne die Sozialdemokratie, welche erst nachdrück⸗ lich auf die Mißstände hinwies und Abhülfe forderte, hätten wir die von den Gegnern so viel gerühmten Versicherungs⸗ und Arbeiterschutzgesetze nicht.— Diesen Sonntag, den 22. November wird abends 8 Uhr eine weitere Versammlung stattfinden— das Lokal wird bekannt gegeben— in der Vetters das Krankenver⸗ sicherungsgesetz in seinen Einzelheiten behandeln wird. r. Aus Steinberg. Der sozialdemokr. Wahl⸗ verein hielt am Sonntag eine gut besuchte Mitglieder⸗ Gemeinderat das Ersuchen zu richten, alle Gemeinderat⸗ sitzungen, soweit Verhandlungspunkte von allgemeinem Interesse find, öffentlich und abends abzuhalten, sowie deren Zeit und Tagesordnung mindestens drei Tage vorher ortsüblich bekannt zu machen. beschlossen, alle 14 Tage eine Mitgliederversammlung abzuhalten und in dieser zur gegenseitigen Aufklärung bestimmte politische und wirtschaftliche Fragen zur Dis⸗ kusston zu stellen. In der nächsten Versammlung soll das Parteiorgan besprochen werden; zwei Genossen er⸗ klärten sich zur Uebernahme des Referats bereit. Wle berechtigt unser Antrag auf Oeffentlichkeit der Gemeinde⸗ ratssitzungen ist, zeigen verschiedene Beschlüsse desselben aus der letzten Zeit. Diesen Sommer hatte unser Herr Pfarrer vom Kreisamt verlangt, daß im Pfarrhof ein neuer Brunnen angelegt werden solle, weil die beiden ganz in der Nähe des Pfarrhauses befindlichen ungesundes Wasser enthielten. Der Kreisarzt Dr. Haberkorn er⸗ klärte jedoch das Wasser als durchaus gesund und des⸗ halb lehnte der Gemeinderat den Prunnen ab und be⸗ kam nun der Herr Pfarrer wieder mit seinem Antrage und jetzt bewilligt der Gemeinderat den neuen Brunnen gegen die drei Stimmen unserer Genossen!— Dagegen lehnten die Herren Gemeinderäte— wieder gegen die Stimmen unserer Genossen— die Herstellung eines Steges über den sogenannten„Pens“ ab. Und hier handelte es sich um eine von jedermann anerkannte Notwendigkeit, hier können beim Weiterbestehen des jetzigen Zustandes sogar Menschenleben in Gefahr kommen, und der Steg hätte bei weitem nicht sov iel Kosten verursacht als der Brunnen! Ebenso ging es mit dem Antrage eines Bauern, der die Anschaffung eines zweiten Ebers beantragte. Wie die Dinge hier liegen, ist dieser Antrag ganz gerechtfertigt. Trotzdem wurde er gegen die Stimmen unserer Genossen abgelehnt. Der(antisemitische) Antragsteller mit samt seinen Ge⸗ nossen mag daraus entnehmen, wer es ist, der die „Landwirtschaft ruiniert“. Auch Herrn Hirschel in Offenbach, der diesen Sommer in der Langgönser Ver⸗ sammlung gegen unsere Partei auch mit dem Vorwurf operierte, daß unsere Partei die Landwirtschaft ruiniere, sei dieser Fall zur Beachtung empfohlen! Nur die Sozialdemokratie ist es, welche die Interesse des gesamten Volkes in Staat und Gemeinde vertritt! — In Leihgestern sind unter den Kindern in der letzten Zeit zahlreiche Diphtheritis⸗Erkrankungen vorgekommen, die gefährliche Krankheit hat auch schon einige Opfer gefordert. Fleißiges Lüften der Wohnungen und Desinfizieren derselben ist in Orten, die von der Krank⸗ heit heimgesucht sind, dringend zu empfehlen. Aus dem Nreise griedberg⸗Büdingen. h. Stammheim. Sonntag, den 22. Nov. nachmittags 3 Uhr findet im Saale des Herrn Gastwirt Musch eine Versammlung des Wahlvereins stath in der Genosse Busold⸗ Friedberg über den Dresdener Parteitag Bericht erstatten wird. Zahlreicher Besuch unserer Parteifreunde wird erwartet. f Aus dem Nreise Alsfesd⸗Cauterbach. b. Kein billiges Vergnügen. Das Kriegerfest in Vadenrod macht dem Als⸗ Nr. 47. neten Serie„Bourgeoistypen“),„Sächfische Wablreform“, 1 Vetters am Sonntag über die sozlalpolitische Ge. versammlung ab. Unter anderem wurde beschlossen an den Weiter wurde richtete dementsprechend an das Kreisamt. Vor Kurzem b felder Schöffengericht viel Arbeit. Am Mon⸗ renne CTC e E 3 ——— . . Nr. 47. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. tag hatte sich der Kaufmannsgehilfe Leop. Strauß wegen Betrugs zu verantworten, weil er das erwähnte Fest besucht und dort getanzt hatte, ohne sich eine Eintrittskarte zu lösen, er benutzte vielmehr die Karte eines andern. Später kam dies heraus und Strauß auf die Anklagebank. Der Amtsanwalt bezeichnet das Verhalten des Angeklagten als einen recht plumpen Betrug, durch den der Verein um 1.50 Mk. geschädigt worden sei. Er wolle da⸗ von absehen, Gefängnisstrafe zu beantragen, aber zur Warnung müsse der Angeklagte eine angemessene Geldstrafe erhalten. Er beantragte 50 Mk., worauf das Gericht erkannte. So kommt dem Unglücksmenschen jeder Tanz auf 25. Mk. zu stehen und er wird an das Fest denken.— Mußte man wegen derartiger Baga⸗ telle zum Kadi laufen? ch. Lauterbach. Die Versammlung des Wahl vereins am Samstag bei Gastwirt Keutzer war sehr zahlreich besucht und die Diskussion, welche sich um allgemeine Parteifragen drehte, recht lebhaft. Es wurde beschlossen, von jetzt ab monatlich zwei Versammlungen abzuhalten. Aus dem Rreise Wetzlar. s. Parteiversammlung. Zu der regelmäßigen Parteiversammlung des Wetzlarer Kreises, die am Sonntag, den 8. November, im Lokale Orbig in Gießen tagte, hatten sich die Genossen recht zahlreich eingefunden, auch der Kreis Altenkirchen war vertreten. Als erster Punkt steht der Bericht des Vertrauensmannes auf der Tagesordnung, den Genosse Fauth erstattet. Danach wurde im verflossenen Jahre eine lebhafte Tätig⸗ keit infolge der Reichstagswahl entfaltet. Etwa 30000 Flugblätter, Broschüren und Kalender verteilt, wo es irgend möglich war, setzte auch die mündliche Agitation ein. Die Ausgaben belaufen sich auf 892.90 Mk., die durch 460 Mk. Einnahmen aus dem Kreise und durch einen Zuschuß des Parteivorstandes von 500 Mk. gedeckt wurden, so daß noch ein Bestand von 71.54 Mk. bleibt. Im Ganzen betragen die Wahlkosten zirka 800 Mk., was bei dem ausgedehnten Wahlkreise als ein sehr niedriger Betrag bezeichnet werden muß. Die Kontrolleure bestätigen die Richtigkeit der Abrechnung, worauf dem Vertrauensmanne Decharge erteilt wird.— Im Weiteren erstattet Fauth Bericht vom Parteitag in Dresden. Er schildert die bekannten Verhandlungen und Debatten und bemerkt dabei, daß wohl jeder Teilnehmer dieses Parteitages diesen unbefriedigt verlassen habe. An den Bericht schließt sich eine lebhafte Diskussion, die mit der Annahme folgender Resolution endet: „Mit den Beschlüssen des Parteitags und der Hal⸗ tung unseres Delegierten erklärt sich die Versammlung einverstanden. Allerdings bedauert die Versammlung die heftigen persönlichen Debatten und hofft, daß solche in Zukunft unterbleiben.“ Nach einer längeren Debatte über die Presse, in der von allen Seiten die Ausgestaltung unseres Par⸗ teiblattes gewünscht wurde, schritt man zur Wahl des Vertrauensmannes. Fauth wurde einstimmig wieder⸗ gewählt. Mit einem Hoch auf die Sozialdemokratie schloß der Vorsitzende die Versammlung. h. Landtagswahl. Welcher der Kandi⸗ daten bei den Urwahlen vom 12. November die Mehrheit erlangte, läßt sich mit absoluter Sicherheit nicht feststellen, da eine Anzahl Wahlmänner unsicher sind. Doch sollen die Konservativen mit Bestimmtheit auf den Sieg rechnen. h. Eine Bußtags⸗Kapuzinade richtete das Wetzlarer Amtsblatt am Dienstag an seine Leser, die meistens diesen Tag dadurch heiligen, daß sie in hellen Schaaren den preußischen Marken entfliehen und drüben im Hessischen„Erbauung“ suchen. Ein bischen Politik wurde auch in die Predigt eingeflochten, und gesagt, daß ein nicht geringer Teil der drei Millionen sozial⸗ demokratischer Stimmen darauf zurückzuführen sei, daß hier am schärfsten, rücksichtslosesten kritisiert werde. Selbstkritik verlangt der Bußprediger, er meint: „Wenn dieser Geist der Selbstkritik in unserm Volk mehr erwachte, dann würde der Geist der Diesseitigkeit, der Genußsucht in allen Stunden, der sozialen Ver⸗ ständnislosigkeit auf der einen, der Verbitterung auf der andern Seite zurückgedrängt werden.“ Nun, daß die Arbeiter nicht zu üppig werden, dafür sorgen die Riesenlöhne und die Lebensmittelteuerung. Aber an die oberen Zehntausend, an diejenigen, die bei der Land⸗ tagswahl nie in der dritten Klasse wählen, an diese sollte der Anzeiger seine Mahnung zur Selbstkritik richten. Sie könnte auch gewissen Ordnungsblättern, die fort⸗ gesetzt und bewußt die Sozialdemokratie verdächtigen, nichts schaden! 1 h. Frauenagitation für den Krieger⸗ werein. Wenn sonst Frauen für die Sozial- demokratie öffentlich tätig sind, rümpfen die Ordnungsleute darüber die Nase.„Die Frau gehört in's Haus, soll sich nicht um Politik kümmern.“ So heißt es immer. Ein Wetzlarer Kriegerverein schickt aber die Wittwe eines Kameraden bei den Reservisten herum, um diese als neue Mitglieder zu gewinnen. Man scheint dort also die Frauenagitation für sehr zweckdienlich zu halten. h. Vortrag. Die Lesevereinigung Wetzlar hält am Montag den 23. November ihren dritten diesjährigen Vortragsabend ab. Herr Privat⸗Docent Dr. Oesterreich aus Marburg wird über„Meine Reisen in Mazedonien und Albanien“ sprechen. Der Vortrag wird durch Vorführung von Lichtbildern unterstützt werden. — Eintrittskarten kosten im Vorverkauf 20 Pfg. Aus dem Rreise Marburg⸗Rirchhain. * Die Stadtverordnetenwahlen finden am Dienstag in Marburg statt. Um die Mandate im Stadtparlament streitet fast nur das„honette Bürgertum“, weil die meisten Arbeiter ein Wahlrecht nicht besitzen. Bezeich⸗ nend ist, daß der Bürgermeister in Bezug auf eine aufgestellte Kandidatur— die des Spedi⸗ teurs Heppe— erklärte, sein Amt niederlegen zu wollen, falls dieser gewählt würde! Das ist eine„freie Wahl“! Unsere Genossen halten Montag Versammlung ab; ob sie sich an der Wahl beteiligen, ist fraglich. * Zur Landtagswahl. Nach ent⸗ gültigen Feststellungen wurden bei den Urwahlen 71 konservative, 66 nationalliberale und 48 bündlerische Wahlmänner gewählt. Es wird also aller Wahrscheinlichkeit nach der Landrat v. Negelein gewählt; denn die Bündler werden sicher nicht den nationalliberalen Pro⸗ fessor Lehmann wählen. Im Kreise Kirchhain⸗Frankenberg stehen sich zwei konser⸗ vative Kandidaten gegenüber; die Kirchhainer wollen den Regierungsrat Schenk v. Schweins⸗ berg durchdrücken. In dem Kindesunterschiebungs⸗Prozeß, der gegenwärtig in Berlin gegen das gräfliche Ehepaar Kwilecki verhandelt wird, sind die Zeugenvernehmungen so ziemlich beendet. Das Urteil dürfte indessen kaum noch in dieser Woche zu erwarten sein. Wie es ausfallen wird, dar⸗ über läßt sich kaum Bestimmtes vermuten; klar nachgewiesen konnte bisher der Gräfin die ihr zur Last gelegte Tat nicht werden. Auf der Schwebebahn in Elberfeld hat sich neulich ein Unfall ereignet. An der Loher⸗Brücke, unmittelbar an der Station, ent⸗ stand gegen 8 Uhr abends infolge Kurzschlusses unmittelbar neben dem Wagenführerstande Feuer, und die Flammen loderten fußhoch empor. Die bestürzten Wageninsassen liefen zur Türe und drückten sie auf. Hierbei wurde ein Mädchen aus dem Wagen hinausgedrängt und stürzte in die Tiefe. Glücklicherweise fiel das Kind in ein Netz, wie solche unter säntlichen Stattonen hindurchgezogen bis vier Meter zu beiden Seiten über die Bahnsteige hinausragen. Die Kleine konnte nach dem Bahnsteig hinauf gezogen werden; sie hatte keinerlei Schaden erlitten. Der stark verqualmte Wagen schob sich langsam in die Station hinein, wo die Fahrgäste stch in Sicherheit brachten. Der Unfall verursachte eine längere Betriebsstörung.— Es geht wohl nicht gut an, diesen Vorfall gegen die Schwebe⸗ bahnen auszubeuten. Wenn sich ein ähnliches Unglück im Betriebe einer Straßenbahn ereignet hätte, so wäre das aus dem Wagen gedrängte Mädchen der Gefahr, überfahren zu werden, ausgesetzt gewesen. Kleine Mitteilungen. * Schneefälle werden aus dem Vogelsberg, Westerwald sowie auch aus der Rhön gemeldet. . Opfer der Arbeit. Dem 19 jährigen Bahn⸗ arbeiter Reinheimer wurden im Darmstäd ter Bahn⸗ hofe beide Beine abgefahren. Der Verunglückte wollte dem nahenden Schnellzug ausweichen und wurde hierbei von einer Rangiermaschine erfaßt.— Am Montag wurde der in der Zuckerfabrit in Groß⸗Gerau be⸗ schäftigte, verheiratete Sattler Wagner beim Niemen⸗ auflegen von der Maschine erfaßt und in Stücke ge⸗ rissen. * Schlagfertige Ehefrau. In Großfelden bei Marburg erschlug am Dienstag die Frau des Maures Weiershäuser ihren dem Trunke ergebenen Mann mit einem Backscheit. * Ertrunken. In der Dill wurde am Samstag die Leiche eines Wiesenwärters aus Niederscheld aufgefunden. Er soll am Abend vorher im angetrunkenen Zustande in den Fluß gefallen sein. n Eine Schlafende. Aus Bremen wurde am Montag berichte: Gesine Meyer in Grambke, ein pathologisches Rätsel, die 18 Jahre lang in einem schlafähnlichen Zustand verbracht hat, ist plötzlich beim Klang der Feuerglocke erwacht; sie ist bei völlig klarem Verstand. * In Saarlouis wurde ein Gefreiter von einem Rekruten erstochen. Diesem wird vielleicht vorher von dem Gefreiten übel mitgespielt worden sein. Wahlkreis Alsfeld⸗Lauterbach. Sonntag, den 29. November, nachmittags, findet auf der Pfefferhöhe in Alsfeld die Kreiskonferenz statt. Tagesordnung: 1. Bericht des Kreisvertrauens manns und Neuwahl desselben. 2. Bericht des Vor⸗ sitzenden. 3. Rechnungsablage. 4. Vorstandswahl. 5. Verschiedene Anträge. Um zahlreiche Beteiligung ersucht Der Vertrauensmann. Versammlungskalender. Samstag, den 21. November. Gießen. Soz.⸗dem. Wahl verein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. T.⸗O.:„Aus dem deut⸗ schen Heere“. Ref. Gen. Vetters. Montag, den 23. November. Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Marburg. Oeßfentl. Wählerversammlung im Jesberg'schen Lokale. ö Samstag, den 28. November. Marburg. Wahlverein. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Jesberg. T.⸗O.: Partei und Ge⸗ werkschaft. Ref. Vetters⸗Gießen. Quittung. Für die streikenden Weber in Crimmit⸗ schau gingen bei mir ein: Gesammelt von den Krof⸗ dorfer Genossen Mk. 6.50; Frl. B. 0,50;(Durch die Red. d. Mitteld. Sonnt.⸗Ztg.) Aus Wieseck: Mk. 10,.— A. Bock. Briefkasten. Zwei ungenannte Einsender in Wetzlar. Daß Sie allen Grund haben, sich über Herrn Oh len⸗ burger und die in der Fabrik herrschenden Zustände zu beschweren, glauben wir ganz gerne, weil uns schon öfters Klagen darüber zugingen. Sollen wir aber in der Zeitung darauf eingehen, so müssen Sie uns erstens bestimmte Fälle angeben und möglichst dabei Zeugen benennen, vor allen Dingen aber Ihren Namen nennen. Wir müssen unter allen Umständen wissen, mit wem wir es zu tun haben; Sie können aber sicher sein, daß wir Ihren Namen niemandem preisgeben, keinem Staats⸗ anwalt und keinem Gerichte! J. H.⸗Ltrbch. Wenn der Pfarrer die Schul⸗ jugend von dem Tanzboden verweisen wollte, hatte er unseres Erachtens ganz recht; es ist schlimm genug. wenn ihm dabei in der berichteten rohen Weise ent⸗ gegengetreten wurde. Wir halten es nicht für nötig, davon weiter Notiz zu nehmen. e.. Marktberichte. Auf dem Wochenmarkte in Gießen kosteten am 19. November: Butter per Pfd. Mk. 1,00— 1,15, Hühnereier 1 St. 8—9 Pfg., Enteneter 1 St. 8—0 Pfg., Gänseeier 1 St. 00— 00 Pfg., Käse pr St. 6—8 Pfg., Käsematte 2 St. 5—6 Pfg., Erbsen per Liter 21 Pfg., Linsen per Liter 32 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo 5,00— 5,50 Mk., Zwiebeln per Ztr. Mk. 4,50 5,00, Milch per Liter 18 Pfg., Tauben per Paar Mk. 0,70 bis 0,90, Hühner per St. Mk. 1,30—1,80, Hahnen per St. Mk. 0,70— 1,50, Enten per St. Mk. 1,70 bis 2,20, Gänse per Pfd. 56 60 Pfg. Getreide und Futtermittel. In Frankfurt notierten am 16. November pr. Doppelzentner: Weizen (Wetterauer) Mk. 16.20— 16.30, russischer Mk. 16.60 bis 17.60, La Plata Mk. 00.00-00.00, Roggen, hiesiger neuer Mk. 13.25— 13.50, russischer Mk. 14.25 bis 14.50, Gerste, hiesige Mk. 15.25— 15.75, fräntische Mk. 15.70— 16, Riedgerste Mk. 15.75— 16.25, Hafer, hiesiger neuer Mk. 13.00— 13.75. Seite 6. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 47. Von Nah und Fern. Ordnungsstützen unter sich. Ein im Lager der Staatserhaltenden in Essen ausgebrochener Konflikt bringt ganz interessante Details zu Tage. Es ist die Elite der Ordnungsretter, die sich da öffentlich Rendezvous ibt und durch„Pikanterien“ für die Unter⸗ 7 1 sorgt. Im Mittelpunkt der Affäre steht Herr Syndikus Hirsch, dessen Bedeutung in der Eigenschaft als Schwiegersohn des rühmlich be⸗ kannten Oberscharfmachers Bueck besteht. Um diesen gruppieren sich für und wider ihn die ersten Vertreter der Justitia, der Industrie, der Kommunalverwaltung, der Eisenbahndirektion usw. Aus den streitenden Lagern stiegen fol⸗ gende Liebenswürdigkeiten hinüber und herüber: „bewußte Unwahrheit“,„Verleumder“, die Vor⸗ würfe der Feigheit, des Stimmenkaufs, der Mandatjägerei, des Parteiklüngels, der Be⸗ stechung, der Nasführung der Wähler, der Liebhaberei für das Zuchthausgesetz usw. mit Grazie. Und die Ursache der Disputation? Es ist die Jagd nach den Landtagsmandaten! Dieselbe Gesellschaft stellt sich aber sittlich entrüstet über den„Ton“ auf dem Dres dener Parteitag der Sozialdemokratie. Das Notwehrrecht gegenüber Polizei⸗ beamten ist von der Strafkammer in Elberfeld ausdrücklich anerkannt worden. Es handelt sich um folgenden Fall: Der Handlanger Karl Bertram von Wermelskirchen war am 13. Juni mit einem Knecht in Wortwechsel geraten. Sein Bruder, der Maurer Albert B., sowie ein alter ruhiger Polizeibeamter bemühten sich um den betrunkenen B. Es war auch alles schon ziemlich ruhig, als Polizeisergeant Horstmann hinzukam und grob fragte, was hier los sei. Die Brüder beleidigten H., was diesem Ver⸗ anlassung war, Karl B., den er gut kannte, für verhaftet zu erklären. Die inzwischen ruhig 9 gewordenen B. wollten sich entfernen, jedoch 3 griff der Beamte Karl B. jetzt von hinten am 5 Halse. Der Angegriffene wehrte sich und schlug um sich, während sein Bruder mit einer Pfeife auf den Beamten losschlug und diesem während des sich nun entspinnenden Kampfes die Waffe entriß und verbog. Das Schöffengericht hatte diese„Ausschreitungen“ der Brüder mit mehr⸗ monatlichen Gefängnisstrafen gesühnt und Ur⸗ teilspublikation in der Zeitung angeordnet. Die Verurteilten legten mit Erfolg Berufung ein. Der Vorsitzende geißelte mit Worten der Entrüstung das ungerechtfertigte Vorgehen des Beamten. Er habe nicht das geringste Recht gehabt, einer bloßen wörtlichen Beleidigung wegen zur Perhaftung eines Mannes zu schreiten, der ihm zudem noch bekannt war. H. habe sich 1 nicht in rechtmäßiger Ausübung seines Amtes 15„befunden, und wenn die Leute sich wehrten, so 4 17 5 sei das ihr Recht gewesen, sie hätten in Not⸗ 2———————p 8 n . wehr gehandelt. Unter Freisprechung von der Widerstandsleistung wurden die Brüder nur wegen Beleidigung und Sachbeschädigung zu je einer Woche Gefängnis verurteilt. Von den Kosten wurden der Staatskasse zwei Drittel auferlegt. Auch war das Gericht der Ansicht, daß dem Beamten durch Aushängen des Ur⸗ teilstenors an der Gerichtstafel volle Satis⸗ faktion gegeben sei. Ein Amtsvorsteher als Schmähbrief⸗ schreiber entlarvt. 155 Der Fall, daß ein königlich preußischer 54 Amtsvorsteher, hervorragende Ordnungsstütze, 4. vor Gericht als Denunziant, Fabrikant anonymer Schmähbriefe und Verleum⸗ der entlarvt wird, ereignete sich kürzlich in Calbe an der Milde(Altmark). In der Gemeinde Brunau wurden seit Jahren die Be⸗ wohner mit anonymen Droh⸗ und Schmäh⸗ briefen, die Verdächtigungen und Verleumdungen 5 enthielten, belästigt. Endlich, nach Jahren, nahm sich einer der am meisten Belästigten, ein Acker⸗ mann Reisener, den Mut, gegen den— Amts⸗ vorsteher Muhl die Klage wegen Beleidigung zu erheben. In der Verhandlung vor dem Amtsgericht Calbe a. M. bekundeten die Schreib⸗ sachverständigen Dr. med. Meyer und Drogolin⸗ Berlin übereinstimmend, daß der Amtsvorsteher der Verfasser aller im Laufe der Jahre ent⸗ deckten Schmähbriefe sei. Sie enthielten zum Teil die unflätigsten Beschimpfungen und Denun⸗ ziationen. Die Entlarvung war nur durch einen glücklichen Zufall möglich, da ein Postbeamter zufällig sah, wie M. derartige Briefe in den Briefkasten steckte. Der Angeklagte wurde zu Mk. 200 Geldstrafe und Tragung der Kosten verurteilt.— Die„Höhe“ der Strafe konnte nur nach dem neuen Fall bemessen werden, da bezüglich der übrigen Schmähbriefe einmal kein Strafantrag gestellt und auch Verjährung eingetreten war. Gründer und Bankrotteure. Gegen die Direktoren der Aktiengesellschaft für chemische Industrie in Rheinau wurde vorige Woche wegen Vergehens im Sinne von§ 240 der Konkursordnung,§ 314 des Handelsgesetz⸗ buches und§ 75 des Börsengesetzes in Mann⸗ heim verhandelt. Direktor Böhm wurde wegen mehrfachen Betrugs zu einer Gesamt⸗ strafe von 3/ Jahren Gefängnis verurteilt. Außerdem erhielt er 2000 Mark Geldstrafe. Gegen den Mitangeklagten Henninger wurde auf 9 Monate Gefängnis, 150 Mark Geldstrafe eventuell 10 Tage Gefängnis erkannt. Die Angeklagten Holland und Dr. Kohlstock wurden freigesprochen. 5 5 Knterhaltungs-Ceil. 55 ——— Soll ich zum Volke sprechen. Soll ich zum Volke sprechen, So zittert meine Seele, Ob mir zu seinem Herzen Der Schlüssel auch nicht fehle; Ob mir zu seinem Geiste Das Wort auch bahnt den Weg, Und ob ich ihm erleuchte Der Wahrheit schmalen Steg. Soll ich dem Volke schreiben, So zweifelt mein Gedanke, Ob meine Schrift auch breche Der CThorheit feste Schranke; Ob meine Feder führe Das Volk aus Nacht und Not, Und ihm zur Labung bringe Der Sonne Licht und Brot. Soll ich dem Volke singen, So bangt es mir im Busen, Ob mir die rechten Töne Gewähren auch die Musen; Ob mir für seine Leiden, Sein Lieben, seine Lust Die innigsten Akkorde Auch steigen aus der Brust. Es trieb mich oft, dem Volke Su singen und zu sagen, Doch immer hat mir bange Das Herz vorher geschlagen, Weil Rede, Schrift und Tieder Erstrebt den einzigen Ruhm, Zu läutern und zu heben Das Volk zum Menschentum.— Robert Seidel. Der Sieg des Schwachen. Erzählung von Melchior Meyr. 8.(Fortsetzung.) Indem sie von Tobias den Blick mit Fleiß wegwendete, richtete sie ihn um so mehr auf die Pfarrleute und forschte wiederholt in ihren Mienen, ob sie schon etwas erfahren hätten oder nicht. Der geistliche Herr und seine Gattin führten zusammen ein stilles, friedliches, und in seiner Art glückliches Leben. Er, ein geborener Franke, stand hoch in den Fünfzigern, und war nicht von rüstiger Gesundheit, sah darum etwas be⸗ jahrter aus, litt aber an Unpäßlichkeiten, bet denen man alt werden kann, zumal wenn man der Pflege einer Frau genießt, wie die Pfarrerin eine war. Diese stammte aus der Umgegend von Ulm und gehörte zu jenen Schwäbinnen, deren Herzensgüte durch eine bedeutende Gabe von Klugheit geschützt ist. Damit paßte ste vortrefflich zu dem Geistlichen, dessen natürliche Gutmütigkeit im Umgang mehr mit sich selbst und mit Büchern als mit der Welt einen kind⸗ lichen Charakter behalten hatte und dem im Punkte der praktischen Gewandtheit, die zur Führung eines Hauswesens doch auch gehört, eine Ergänzung nicht schaden konnte. Beide waren dermalen allein; ein Sohn und eine Tochter waren versorgt, und ihre Besuche brachten nur zuweilen ein geräuschvolleres Leben ins Pfarrhaus. Daß die Bäbe sich in dieser Familie wohl⸗ fühlte, begreift sich um so mehr, als die Leute auch eigenes Vermögen hatten und die Pfarrerin, die einen geordneten Haushalt führte, an nichts zu kargen brauchte, auch nicht am Lohne und an der Beköstigung der Magd. Beide hatten sich aber auch schon an die Bäbe gewöhnt und würden sie ungern vermißt haben. Ihr guter Humor, ihre unverdrossene Art zu arbeiten und ihre natürliche Schmeichelkunst, gegründet auf die schnelle Erkenntnis dessen, was den Menschen angenehm war, hatte sie bald beliebt gemacht, und da sie auch die Probe der Zeit bestand und in ihren Tugenden sich gleich blieb, so war das Gefallen wechselseitig.— Kein Wunder, daß das Mädchen jetzt, wo sie den Schneider verloren hatte, wenigstens ihren guten Ruf und den Dienst zu behalten wünschte. Acht Tage vergingen, und ste bemerkte keine Aenderung in dem Betragen ihrer Herrschaft. Durch vielfache Erfahrung belehrt, wie derartige Vorgänge im Dorfe aufzukommen pflegen, mußte sie diesmal im Punkte der Geheimhaltung an ein Wunder glauben. Das Wunder war aller⸗ dings geschehen; aber es hatte einen natürlichen Grund. Der alte Schneider, der nach dem Abgang der Bäbe das seinem Plane entgegenstehende Hindernis weggeräumt sah, erkannte vor allem die Notwendigkeit, dafür zu sorgen, daß Tobias mit dem Mädchen nicht ins Geschrei komme, damit nicht zuletzt die Sibylle empfindlich würde und von ihm abstand. Er untersagte dem Kaspar und der Walpurg, die zur Waschung des Tobias heimgekommen war und ebenfalls eingeweiht werden mußte, das Ausplau dern der Geschichte mit harter Drohung, daß beide sich hüteten, auch nur davon zu„schnaufen“.— Daß der Bursche selber und die Pfarrmagd die erlebte Schande für sich behalten würden, nahm der Alte mit Recht an; und auf diese Art geschah es, daß ein Skandal, so köstlich zu vernehmen und weiter zu verbreiten, wie ein vergrabener Schatz unbenutzt liegen blieb und Dorf und Umgegend um die angenehmste Unterhaltung gebracht wurden. Gegen Tobias verfuhr der Alte anders, als er in der ersten Aufregung gedacht hatte; tat aber das Beste, was zunächst geschehen konnte. Er teilte ihm zunächst die Ausdrücke mit, deren sich die Bäbe über ihn bedient hatte — und überließ ihn dann sich selbst. Wer die Eigentümlichkeit des jungen Schnei⸗ ders erfaßt hat, der denkt sich, in welchem Gemütszustand er sich befand. Die Natur, die keinen Widerstand hat, für das erschreckende Annahen feindlicher Gewalten, hat auch keinen für die Angriffe der Reue über die Folgen jenes Mangels; der Eigenschaft der Furchtsam⸗ keit entspricht in der Regel das Talent der Selbstquälerei. Wenn aber phantastebegabte Menschen sich eine Zeitlang über sich selbst, täuschen können, so öffnen ihnen gewisse Er⸗ fahrungen um so grausamer die Augen, und es beginnt die Schmerzensepoche der Selbst⸗ erkenntnis.— Dies bewahrheitete sich nun auch in unserem Burschen. Nachdem derselbe die Nacht in dumpfer Verzweiflung und kurzem Schlummer doll quälender Träume zugebracht hatte, zerfleischten ihn am folgenden age die Furien der Selbst: anklage, daß es eine teilnehmende Seele erbarmen 5555 F N r . Nr. 47. 0 10 Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. mußte. Er konnte nicht begreifen, wie es möglich war, so jämmerlich zu handeln, wie er gehandelt hatte. Und doch war's geschehen — nicht zu leugnen und nicht mehr zu ändern. Er war der erbärmlichste Gesell, der auf der „Erde herumwandelte— daran war gar kein Zweifel! Konnte es noch einen Menschen geben, der, anstatt das Maul aufzutun und zu reden, wie sich's gehörte und wie er noch im Augen⸗ blick vorher versprochen hatte, schmählich durch⸗ ging und seinen Schatz verließ, wo man ihr den ärgsten Schimpf antun konnte? Es war unmöglich, so einen gab's nicht mehr. Wenn er früher geglaubt hatte, er sei auch etwas und er bedeute etwas, so war er nur ein Esel und ein eingebildeter Narr!— Die Bäbe mußte ihn verachten von Grund ihres Herzens; wenn sie es tat und wenn ste ihn jetzt mit keinem Aug' mehr anschaute, so hatte sie vollkommen recht. Und wenn der Vater ihn behandelte wie einen Buben, so hatte er auch recht. Denn so einem Menschen, wie er einer war, mußte man's so machen; je ärger, je besser! Die Wut über seine Feigheit, die ihn um alles brachte, steigerte sich eines Abends, wo er allein in der Kammer war, zu einer solchen Höhe, daß er auf sich selber losschlug. Er fühlte aber bald, daß er damit nichts besser machen konnte, und hörte auf mit schmerzlichem Lächeln über seine Tollheit. Einen Menschen, der nach dem Rieser Wort „aussah, als ob ihn die Hexen geritten hätten“, konnten Blutsverwandte, wie sehr sie gegen ihn eingenommen waren, nicht mehr höhnen. Man behandelte ihn als einen Kranken, wofür ihn der Vater gegen andere, um seine Blässe und seine Zurückgezogenheit zu erklären, auch ausgab. Sogar Kaspar trug Scheu, eine gewisse Schaden⸗ freude, die er doch noch empfand, merken zu lassen; die Walpurg gab ihr Mitgefühl in Blick und Ton unverhohlen kund, wenn sie auch nicht wagte, die verfängliche Sache zu bereden. Sie, die Erfahrene, begriff, daß ihm die Pfarrmagd lieber war als die Sibylle; ste begriff auch, wie der plötzlich vor ihm stehende Vater mit seinem„fürchterlichen Gesicht“ ihn erschrecken konnte, daß er in der Angst fortlief und an das Mädchen nicht mehr dachte, obwohl er sie gern hatte. Was der Tobias bah selbst nicht denken konnte, das konnte sie, das gute Weib, sich denken; aber sie konnte ihm leider nicht helfen. g Die Hoffnungen, die der Alte auf die letzten Reden der Pfarrmagd setzte, gingen übrigens nur zum Teile in Erfüllung. Tobias sah da⸗ durch bestätigt, was er schon vorher wußte: daß das Band der Liebe zerrissen sei und daß erer nicht wagen könne, in dieser Beziehung noch irgend etwas zu unternehmen. Allein der Ge⸗ liebten die Schmähworte übel zu nehmen und ihr böse zu werden wie sie ihm, das verhinderte seine Denkweise. Im Gegenteil, er gab ihr auch bei ruhiger Ueberlegung durchaus recht und schätzte sie nur um so mehr, weil sie auch bei dieser Gelegenheit tat, was ihr zukam.— Die Bäbe hatte in allen Stücken gehandelt wie ein rechtes Mädchen, er dagegen hatte miserabel gehandelt über alle Begriffe, und wenn sie ihm nun die Titel gab, die ihm gebührten, und nichts mehr von ihm wissen wollte, so machte ihr das nur Ehre. Nach Verfluß einiger Tage wurden die An⸗ griffe, womit unser Schneider sich selbst befehdete, weniger heftig und kehrten seltener wieder. Der Zorn, den er über sein Betragen empfand, und die Qualen seines Bewußtseins legten sich, und eine stille Niedergeschlagenheit, die Trauer der Entsagung, trat an ihre Stelle. Seine Arbeiten in Haus und Feld tat er nachgerade wie sonst, sprach mit den Leuten und beant⸗ wortete ihre Fragen wegen seiner Gesundheit schicklich, indem er ihnen verstcherte, daß es jetzt besser ginge und er von dem Fieber, welches es gehabt habe, wenig mehr verspüre, so daß er hoffe, es werde bald alles vergangen sein. In der Verfassung, die er erlangt hatte, kam ihm seine Schuld, auch wenn er sie genau betrachtete, doch nicht mehr so ganz unverzeihlich vor. Was konnte er dafür, daß er so ein Mensch war? Er hatte sich diese Gemütsart nicht gegeben; wenn er vorher gefragt worden wäre, hätte er sich schon eine bessere bestellt! Er war eben, wie ihn Gott geschaffen hatte, und konnte sich so wenig anders machen wie andere Leute.— Wenn solche Gedanken dazu dienten, ihn ruhiger zu stimmen, so bewirkten sie doch nicht, daß er neue Forderungen erhob. Er konnte nicht dafür, daß er so war, aber weil er so war, so hatte er auch kein Recht auf Ehre und Glück in der Welt; er mußte darauf gefaßt sein, zu nichts zu kommen, weil er eben nicht der Mann war, sich etwas zu verschaffen. Die Ergebung ist jedoch in der Regel auf dem Wege zur Besserung. In ihrem Frieden kommt über die Seele, wenn nicht das Licht der Sonne, doch der Schein des Mondes, jene sanfte, melancholische Klarheit, die gleichwohl etwas Tröstliches hat und wenigstens das all⸗ gemeine Gedeihen wieder fördert. Tobias bekam seine Farbe wieder; der Ausdruck der Entsagung ließ ihm gut, und wenn er nicht mehr so frisch und munter aussah wie vor dem Ereignis, so war er doch in seinem stillen Wesen ebenso hübsch und— interessanter als vorher. Der alte Schneider sah diesen Fortschritt mit Befriedigung. Da er den Burschen jetzt in der Hand hatte, so wollte er ihn doch nicht drängen, die Sache mit der Sibylle richtig zu machen. Für einen Freier ließ er noch immer zu sehr den Kopf hängen. Aber das mußte in wenigen Tagen aufhören, und dann sollte der Handel rasch abgemacht sein. Zehn Tage waren verklossen seit jenem tragischen Auseinanderkommen, und Tobias und die Bäbe hatten sich auch nicht aus der Ferne gesehen. Endlich geschah doch, was auf dem Dorfe unvermeidlich ist— sie begegneten sich; und zwar in dem Gäßchen zwischen Hecken, das sie früher so liebend und glücklich gesehen. Wie der Bursche das Mädchen von fern erblickte, gab es ihm einen Stich ins Herz; aber er faßte sich und ging mit dem Ausdruck ernster Ent⸗ sagung an ihr vorüber. Nur von weitem hatte er ihr Gesicht so rot wie früher, aber stolz und gleichgültig gesehen; als sie ihm näher kam, lenkte er den Schritt etwas auf die Seite und sah gerade vor sich hin. Die Gelegenheit, ihn ungehindert zu betrachten, blieb von dem Mäd⸗ chen nicht unbenutzt. Sie glaubte in seinem Gesicht Reue zu erkennen und fand es gut und lobenswert, daß er wenigstens einsah, wie er sich gegen ste verfehlt hatte!— Zwei Tage darauf begegneten sie sich wieder — in der Hauptgasse des Dorfes— in schöner, milder Abendstunde, die das Herz unseres ver⸗ einsamten Burschen weich gestimmt hatte. Das erstemal war ihm das fremde Wesen des Mäd⸗ chens natürlich und in der Ordnung erschienen; als er sie aber jetzt mit seinem guten Auge wieder so gegen ihn herankommen und dadurch ihre Unversöhnlichkeit an den Tag legen sah, tat es ihm doch weh. Ihm hatte sein Fehler so leid getan, er hatte sie so gern und schätzte sie so hoch— und sie tat, als ob sie ihn nie gekannt hätte und er gar nicht in der Welt wäre. Die Augen wurden ihm feucht, als sie mit unveränderter Miene näher kam; und als sie an ihn vorübergegangen war, hatte er Mühe, seine Tränen zurückzuhalten. Das hieß einen Menschen, wie er war, doch gar zu sehr ver⸗ achten! Daß sie ihn nicht grüßte, war natürlich; aber daß in ihrem Gesicht gar nichts zu sehen war von der alten Liebe, gar keine Spur, daß sie miteinander bekannt gewesen, das war nicht schön— und er hätte gedacht, daß sie ein besseres Herz hätte! Würde der Bursche in dieses Herz gesehen haben, so wäre sein Schmerz um ein Gutes linder geworden. Ein Blick auf ihn hatte das Mädchen erkennen lassen, was in ihm vorging; er dauerte sie, seine Traurigkeit rührte sie, und als sie einige Schritte weitergegangen war, sagte sie leise für sich:„Es ist Schade!—“ Zu Hause bei einer einsamen Arbeit hing sie den in ihr rege gewordenen Gedanken weiter nach. Er hatte sie wirklich geliebt, der gute Tobias, und liebte sie noch— das war augen⸗ scheinlich. Wenn er ein rechtes Mannsbild wäre, ja nur ein bißchen mehr Kourage hätte, einen Bessern, was die Gutmütigkeit und An⸗ hänglichkeit betrifft, könnte sie nicht leicht be⸗ kommen. Daß er gar so wenig Schneid hatte, war doch recht ärgerlich! Sie würde ihm ja den Fehler von jenem Sonntag verzeihen, wenn sie nur sähe, daß er ihn wieder gutmachen könnte. Manchmal geht's einem freilich sehr kurios; es ist einem wie angetan und man macht eine Dummheit, die man gar nicht für möglich gehalten hätte; aber dann handelt man das nächstemal mit Fleiß gescheiter und arbeitet sich wieder heraus. Dem Tobias ist aber das nicht zuzutrauen! Er hätte ein Mädchen werden sollen, so schön und so gutmütig, wie er war. — Sie lächelte über den Gang, den ihre Ge⸗ danken nahmen, und ein Ruf der Pfarrerin schnitt ihn vorläufig ab. Ein paar Tage später traf sie mit einem Dorfmädchen zusammen, die mit ihr bekannt geworden war und sich vertraulich an sie an⸗ geschlossen hatte. Auf die Frage, was es Neues gebe, versetzte die rüstige Dirne mit einer Art von Duck⸗ mäuserei:„Nicht viel! Beim Schneider hat's was gegeben; der Alte und der Junge haben Streit gehabt miteinander.“ Die Bäbe war betroffen und erwiderte, ohne einen gewissen schlauen Zug um den Mund der Freundin zu bemerken, hastiger als gewöhnlich: „Streit? Und wann denn?“ „Heut früh.“ „Und warum denn?“ „Der Alte will haben, daß der Tobias des Bach⸗Webers Sibylle heirate, aber der Bursch mag sie nicht und tut's nicht.“ (Fortsetzung folgt.) 5 r Humoristisches. Ein Zweifler.„Sieg'scht, Hans, der Pfarrer hat g'sagt, daß da Blitz blos deswegen beim Anderl⸗ bauer ei'g'schlagen hat, weil er gar a so an schlechten Lebenswandel führt.“ „So? Für was san nacha auf da Kircha Blitz⸗ ableiter droben?“ 5 Schlechte Reste. Bedienter:„Nu, Anna, wie bist du mit deiner neuen Herrschaft zufrieden s“ Dienstmädchen:„Die? Die läßt immer mehr zu wünschen übrig als zu essen!“ Anatomisches aus dem Wahlkampf. Ein freisinniger Landtagskandidat hält seine Kandidatenrede und kommt zu folgenden, gerade nicht wörtlich wieder⸗ gegebenen Ausführungen:„Ich betrachte den Staat wie den menschlichen Körper. Das Haupt ist der Kaiser, die Armee sind die Gliedmaßen und das Bürgertum ist das Rückgrat.“ Ob der Herr gerade das fre'sinnige Bürgertum damit kennzeichnen wollte, ist uns nicht be⸗ kannt, jedenfalls glaubte aber einer der Anwesenden das bürgerliche Rückgrat nicht besser bezeichnen zu können, als durch den Ausruf„Und Sie sind das Aa 95 worin bekanntlich das Rückgrat des Menschen so ziemlich endet.. Geschichtskalender. 22. November. 1871: Braunschweiger Hoch⸗ verrats⸗Prozeß. 1863: Lassalle wegen Hochverrat ver⸗ haftet. 23. 1896: Hafenarbeiterstreik in Hamburg. 24. 1900: Interpellation im Reichstage wegen der 12 000 Mark Affaire. 1632: Baruch Spinoza, Philosoph,*. 25. 1901: Heinrich Heines Grabdenkmal in Paris enthüllt. 26. 1902: Wilh. II. Bahnhofs rede in Essen gegen den„Vorwärts“. 1901: Italien. soztalist. Landarbelter⸗ kongreß. 1812: Uebergang des franz. Heeres unter Napoleon über die Beresina. 27. 1897: Marinevorlage veröffentlicht. 28. 1878: Kleiner Belagerungszustand über Berlin verhängt. ———— Empfehlenswerte sozialisische Schriften. Die Kolportage⸗Kommission des Wahlvereins— Gießen, Wirtschaft Orbig— empfiehlt: N Der Neue⸗Welt⸗Kalender für 1904. Reicher Inhalt und viele Illustrationen. Preis 40 Pfg. Die Volksschule wie sie sein soll. Von Otto Rühle. Preis 30 Pfg, Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg. 5——— 2 2* ä „FFFTF—T—T—T—T—T—T—... Seite 8. desang-Verein„Eintracht“, Giessen. Sonntag, den 29. November, nachm. von 4 Uhr an in Lony's Bierkeller: See Feier des 30, jähr. Stistungs-Festes bestehend in 95 Hongert, Gesungsvor trugen, Theter, Houplets eic. Zu recht zahlreichem Besuch ladet ein Eintritt 20 Pfg. r Marburgl o Montag, den 23. November, abends 9 Uhr im Lokale Jesberg, Wehrdaerweg 22 Hieffentliche Wählerversammlung der 3. Wählerklasse. Tages⸗Ordnung: „Die Stuutieromuelentculilen“. Referent: Stadiv. E. Krumm⸗Gießen. Das Wahlkomité. Der Vorstand. Casseler Schirmfabrik Th. Budde& 00. 5 Seltersweg 9 giessen: nohe am eugplatz· Hesi M. L., Nenbodt 1i. Heeldla: Butiermarkt 14. Beste Bezugsquelle für 1 Solide Ware! TockE Bitige Proisel Schirme werden repariert und neu Mitteldeutsche Sountags⸗ Zeitung. 612% Achtung! Vollständige Betten als: Bettstelle Matratzen 5 Deckbett S* 2 Kissen Mk. 45, wobei für vollständige neue u. reine Füllung garantiert wird. d Gebr. Weil Neustadt 10. Achtung! Rasier- und Haarschneide-Salon. Haarschueiden 25 Pfg. Rasieren 10 Pfg. Friesieren 20 Pfg Mache auf nur saubere Bedienung aufmerksam und bitte um zahl⸗ reichen Besuch. Max Roscher, Friseur Bahnhofstraße 17. in Empfehle Ia. Kornbrod sowie brahambrödchen als Spezialität. L. Müller Gießen, Bahnhofstraße 61. 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