1 8 8 2 t i 5 * 2 2 2 1 2 . e esooleuene luv 22 828 S Nr. 8. Gießen, den 22. Februar 1903. 10 Jahru. Redaktion: Kirchenplatz 11. Schloßgasse. N Ann . Mitteldeutsche Nebaftionsschlus Donnerstag Nachmittag„ f Abonunemeutspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestelluugen 6 JInserate 2 nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die ö finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die ö gespalt. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzelle oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellun jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33 ¼% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt Diesen Sonntag, den 22. Februar, vollendet unser bewährter Genosse und Führer Au gust Bebel sein 63. Lebens⸗ jahr. Wenn wir aus diesem Anlasse dem hervorragenden Vorkämpfer der Arbeiterklasse herzlich Glück wünschen, ihm für das, was er für die Arbeiterschaft getan und gelitten hat, Dank und Aner⸗ kennung zollen, so wissen wir, daß wir die Gefühle aller unserer Leser, aller Parteigenossen zum Ausdruck bringen. Möge er uns noch recht lange erhalten bleiben! Es ist unmöglich, in kurzen Worten zu schildern, welchen bedeutenden Einfluß er auf die Entwickelung der deutschen Sozialdemokratie ausübte und welchen großen Anteil er an allen ihren Kämpfen genommen. Das soll auch nicht der Zweck unserer Zeilen sein— jeder Genosse weiß ja auch ohnedies, was uns unser Bebel ist!— wir wollen bei dieser Gelegenheit nur einiges aus seiner Jugendzeit, die er in unserer Nähe, in Wetzlar verlebte, anführen. Geboren ist Bebel in Köln, wo sein Vater Unter⸗ offizier und dann Aufseher in der Straf⸗ anstalt Brauweiler war. August war erst 5—6 Jahre alt, als der Vater starb und die Mutter, Tochter des Wetzlarer Bäcker⸗ meisters Simon, mit ihren zwei Jungen nach Wetzlar zurückkehrte. Bebel besuchte hier die Volksschule. Er war noch nicht August Bebel. aus der Schule, als auch die Mutter vom Tode ereilt wurde; für den Rest der Schulzeit fand er bei seinem Ver⸗ wandten Schlesinger in der Hospital⸗ mühle Aufnahme. In der Schule war Bebel einer der besten Schüler, er saß zuoberst in der Klasse. Ein Schutkamerad von ihm, den wir sprachen, erzählt, daß er mit Eifer alle Bücher durchstudierte, deren er habhaft werden konnte, sogar auf der Straße herumliegende Zeitungs⸗ blätter hob er vielfach auf und las sie durch. Nach Beendigung der Schulzeit trat er bei dem Drechslermeister Ellen⸗ berger in der Krämergasse in die Lehre. Meister Ellenberger starb, ehe Bebel noch seine Lehrzeit vollendet hatte. Weder ein Gehülfe noch sonst jemand war da, der sich um das Geschäftchen hätte kümmern können und so mußte es der Lehrling Bebel etwa ein halbes Jahr lang bis zu Ende seiner Lehrzeit führen. Danach begab er sich, etwas über 17 Jahre alt, auf die Wanderschaft, bereiste Süddeutsch⸗ land und Oesterreich, kam um 1860 zurück, um sich in Wetzlar zur Musterung zu stellen. Zu der Zeit arbeitete er einige Zeit in Butzbach. Von hier aus begab er sich 1860 wieder auf die Reise und kam nach Leipzig, wo er 1864 ein Drechslergeschäft errichtete, das er bis zu seiner auf Grund des Schandgesetzes 1881 erfolgten Ausweisung inne hatte. Hier in Leipzig beteiligte er sich lebhaft am öffentlichen und politischen Leben. Schon 1862 war er Vorsitzender des Leipziger Arbeiter⸗Bildungsvereins. Etwas später kam Liebknecht nach Leipzig. Dieser machte Bebeln mit der sozialistischen Weltanschauung und den ökonomischen Lehren von Marx und Engels bekannt, für die er nunmehr mit Feuereifer eintrat. Wir können, wie gesagt, hier nicht näher auf seine umfassende Tätigkeit und den ununterbrochenen rastlosen Kampf für die Arbeitersache eingehen, nicht die zahllosen Verfolgungen schildern, die er für seine Ueberzeugung erlitt. Wenn aber von der Partei⸗Tätigkeit einzelner Personen die Rede ist, muß August Bebel in erster Linie genannt werden. Ihm danken wir es vornehmlich, wenn der Feind Schritt um Schritt zurückwich, wenn unsere Partei zu der heutigen Macht und dem Ansehen gelangte. Wir sind stolz auf unsern Genossen! Und es ist kein Personenkultus, wenn wir ihm zu Ehren an seinem Geburtstage aus voller Brust rufen: Hoch Bebel! Der Wahlkampf beginnt! Parteigenossen allerorts! Nach den Mitteilungen, die in den letzten Tagen über den Wahltermin in die Oeffent⸗ lichkeit gelangt sind, kann man mit ziem⸗ licher Sicherheit annehmen, daß die Reichs⸗ tagswahl Mitte Juni— es wurde der 17. Juni genannt— stattfinden wird. Wird dieser Zeitpunkt innegehalten, dann bleiben uns nur noch reichlich 3 Monate zu unserer Vorbereitung; diese Zeit müssen unsere Parteigenossen mit aller Kraft aus⸗ nutzen. Es gilt die Organisationen zu stärken, die Agitation vorzubereiten und vor allem die sozialdemokratische Presse immer mehr zu verbreiten. Die Zeitung ist das beste Agitationsmittel, es kehrt immer von neuem beim Leser ein und kann ihn tiefer einweihen in die Ge— dankenwelt des Sozialismus als ein Redner, dem er bei einem Vortrage einmal folgt. Schärfer und gründlicher als anderswo möglich ist, werden in der Zeitung die denn es bedeutet genau soniel als: Hoch die Sozialdemokratie! ———— Lügen und Verleumdungen der Gegner aufgedeckt und widerlegt, die politischen Schleichwege hell erleuchtet. Wir wollen kein„Stimmvieh“ haben, sondern klar— denkende und klarsehende Anhänger, die auch genau wissen, warum sie den sozialdemokratischen Stimmzettel in die Wahlurne legen! Wir werden einen harten Kampf durch⸗ zufechten haben. Unsere gesamte Gegner⸗ schaft, die Vertretung der besitzenden Klassen, wird im Wahlkampfe gegen die Sczial⸗ demokratie jedes Mittel, auch das schäbigste anwenden, nm sich ihre Herrschaft weiter zu sichern.„Nieder mit der Sozialdemo— kratie“ ist die gemeinsame Parole aller Rückwärtser, das zeigen schon die gegen— wärtigen Vorpostenplänkeleien im Reichstage. Diesem Ansturme gegenüber müssen wir gerüstet sein und am besten rüsten wir uns durch groͤßte Verbreitung unserer Partei— presse und durch Stärkung unserer Organi— sationen! Thue ein jeder in dieser Richtung seine Schuldigkeit, suche jeder seine Freunde, Bekannten, Mitarbeiter als Abonnenten der Mitteldeutschen Sonntags-Zeitung zu gewinnen. Wirbt jeder unserer Genossen nur einen einzigen neuen Abonnenten, so verdoppelt sich die Zahl unserer Mit— kämpfer und unser Blatt kann nachdrück— licher für die Interessen der Minderbemit— telten und Besitzlosen eintreten. Bei der bevorstehenden Wahl gilt es abzurechnen mit den Ausbeutern und Unter— drückern des Volkes! Vergelten wir ihnen den Lebensmittelwucher und die Vergewal— tigungen!— Die Aussichten unserer Partei sind ohne Zweifel günstig, trotzdem, ja desto mehr muß jeder Einzelne von uns arbeiten soviel in seinen Kräften steht, da— mit uns der Sieg zufällt! Darum ans Werk, Genossen! An die Arbeit mit der Zuversicht und Entschlossen— heit, die unsere Streiter stets ausgezeichnet hat. Sorgt für Aufklärung, verbreitet die Presse und vergesset den Wahlfonds nicht! ——— ———— nue * ie Seite 2. Mitteldeutsche' Sonntags⸗Zeitung. Nr. 8. Zu den Reichstagswahlen. I. Unter dieser Ueberschrift gedenken wir in einer Reihe von Artikeln alles das zu besprechen, was für den sozialdemokratischen Wähler zu wissen notwendig ist. Dazu gehört natürlich in erster Linie, daß er die Grundsätze und Forderungen unserer Partei wenigstens in der Hauptsache kennt; es ist aber auch not⸗ wendig, daß er sich über die Bestrebungen der gegnerischen Parteien unterrichtet, denn nur dann wird er im Stande sein, sich ein klares politisches Urteil zu bilden und erkennen, daß die Verwirklichung der sozialdemokratischen Forderungen für die Wohlfahrt der menschlichen Gesellschaft eine Notwendigkeit ist. Was die Sozialdemokratie ist und was sie will, darüber schreibt unsere Presse fast tagtäglich. Unser Blatt brachte erst in der vorigen Nummer darüber einen sehr instruktiven Artikel. Wir wollen deshalb die Programme der gegnerischen Parteien und ihre Entwickelung in kurzen Umrissen darzulegen versuchen. Hieran anschließend wollen wir die früheren Wahl⸗ ergebnisse in den einzelnen Wahlkreisen unseres Verbreitungsgebietes besprechen und die Stärke⸗ verhältnisse der einzelnen Parteien vorführen. Fangen wir also ganz„rechts“ an und gehen nach„links“ hinüber! Die Konservativen. Im deutschen Reichstage sind z wei konser⸗ vative Parteien. Die eine bezeichnet sich als „Deutsch⸗Konservativ“, die andere als„Frei⸗ konservativ“, letztere neunt sich auch„Deutsche Reichspartei“. Beide Parteien erhielten bet der 98er Wahl zusammen 1202 800 Stimmen, 374000 Stimmen weniger als 1893. Konservativ heißt erhaltend. Die Kon⸗ servativen wollen das Bestehende mit all' den Vorrechten der besitzenden Klassen erhalten; sie stemmen sich gegen Neuerungen und Ver⸗ anderungen, die eine gerechte und bessere soziale Ordnung bezwecken. Vor allem fühlt sich die deutsch⸗konservative Partei als Vertreterin der ständischen Interessen, als die Partei der altadeligen erbgesessenen, strenggläubigen Guts⸗ besitzer, obgleich auch andere bürgerliche Elemente zu ihnen gehören. Sie wünschen die Wieder⸗ herstellung der alten Adelsvorrechte. Am lieb⸗ sten beruft sich der Konservatismus auf die „göttliche Weltordnung“, wo angeblich alle Verhältnisse dieser Welt nach den Willen Gottes geordnet seien, zu allererst das Recht der höheren„Stände“ und des Besitzes. Die Konservativen sigd Feinde des allgemeinen gleichen und direkten und geheimen Wahlrechts, sie sind weiter Feinde einer wirklichen Preß⸗, Vereins⸗, Versammlungs⸗ und Koalitions⸗ freiheit, Feinde der Freizügigkeit, Feinde einer wirksamen Arbeiterschutzgesetzgebung. Von Volks⸗ bildung uns Volksaufklärung wollen sie nichts wissen. Dagegen sind sie Freunde der Arbeiter⸗ knebelung und Unterdrückung; sie schwärmen für Ausnahmegesetze gegen die Sozial⸗ demokratie; für Verteuerung der Lebensmittel durch Zölle und indirekte Steuern, für Zünft⸗ lerei; bewill'gen alle Forderungen für Militär und Marine, wollen die Beamtenherrschaft auf— richten.— In den Kreisen Wetzlar und Marburg erziellen sie bei den letzten Wahlen noch nennes⸗ werte Stimmenzahlen. Politische Rundschau. Gießen, den 20. Februar. Christliche Gewerkschaften u. Zolltarif. In der kürzlich stattgefundenen General— versammlung des christlichen Bergarbeiter-Ver⸗ bandes, die aus triftigen Gründen unter Aus⸗ schluß der Oeffentlichkeit stattfand, wurde von einem Delegierten unter lebhaftem Beifall be⸗ hauptet, der Verband habe Tausende von Mitgliedern verloren, weil das Vereins⸗ organ für den Zolltarif Propaganda machte. Diesen Angriff auf die christliche Ver⸗ bandsleitung hat die sonst so geschwätzige Zent⸗ rumspresse natürlich unterschlagen.— Uebrigens hat Brust, der Vorsitzende des christlichen Berg⸗ arbeiterverbandes, auf der Generalversammlung fich auch„voll und ganz“ mit der Breslauer Kaiserrede einverstanden erklärt. Die Berg⸗ arbeiter⸗Zeitung macht nun mit Recht darauf aufmerksam, daß diese Rede auch die Behaup⸗ tung von der gesicherten Arbeiter⸗Exi⸗ stenz enthält. Wenn sich Brust damit„voll und ganz“ einverstanden erklärt, so spricht er damit seinem Gewerkverein auch die Exlstenz⸗ berechtigung ab. Hoffentlich werden die christ⸗ licheu Arbeiter, wenigstens soweit sie denkfähig sind, daraus die nötigen Konsequenzen ziehen. Ein „schlichter Mann aus der Werkstatt“. Seitdem der Kaiser den Breslauer Arbeitern geraten hat, Leute aus der Werkstatt, die keine Sozialdemokraten sind, in den Reichstag zu schicken, preisen Gegner aller Schattirungen den„schlichten Mann aus der Werkstatt“ über⸗ all als Reichstagskandidaten an und besonders sind es die Stöckerschen, welche damit Gimpel zu fangen gedenken. Am Freitag hat nun zum ersten Male ein solcher„schlichte Mann“ in Span dau sich als Reichstagskandidat den Wählern vorgestellt, aber einen fürchterlichen Reinfall erlebt. In einer großen Versammlung, der mehr als 2000 Personen beiwohnten, wurde der Schlosser Albrecht als antisozialistischer Arbeiterkandidat aufgestellt. Er hielt eine Rede von einer Viertelstunde, in der er als sein Programm lediglich die Bekämpfung der Sozialdemokratie entwickelte und immer wieder beteuerte:„Wir Deutsche fürchten Gott, sonst niemand auf der Welt!“ In der Diskusston sprachen die Genossen Litfin und Dr. Liebknecht. Sie ernteten in der zu gat drei Fünfteln aus Arbeitern der Staatswerkstätten bestehenden Versammlung stürmischen Beifall— den Machern der Kandi⸗ datur Albrecht wird wohl deutlich zum Bewußtsein gekommen sein, daß der„einfache Mann aus der Werkstatt“ keine Chancen gegen den sozialistischen Rechtsanwalt Dr. Liebknecht hat, der im Kreise der Reichstagskandidat der Sozialdemokratie ist. Ultramontaue Toleranz. Zentrums⸗ und sonstige Muckerblätter schreien tagtäglich über die Unduldsamkeit, welche an⸗ geblich die Sozialdemokratie Andersdenkenden gegenüber zeige. Wie es aber mit der vielge⸗ rühmten klerikalen Toleranz aussieht, dafür liefert das Vorgehen der Pfaffen in der heiligen Stadt Trier ein neues Beispiel. Dort bestehen nämlich zwet höhere Töchterschulen, die eine ist „paritätisch“ d. h. es werden darin Kinder katho⸗ lischer und auch anderer Konfession zu gleichen Bedingungen aufgenommen, die andere dagegen steht unter geistlicher Leitung. Da in der paritätischen Schule erklärlicher Weise bedeutend besser gelehrt wird, so hat die Schule unter geistlicher Leitung keinen sonderlichen Zuspruch. Um diesem Schülermangel abzuhelfen und zu⸗ gleich der verhaßten paritätischen Schule eins auszuwischen, droht der Bischof Korum kraft seines Amtes allen Kindern, welche jene Schule besuchen, mit Verweigerung der Absolution, stellt ihnen also ewiges Schmoren im Fegefeuer in Aussicht.— Dlese Blüte klerikaler Toleranz haben die Nationalliberalen zum Gegenstande einer Interpellation im preußischen Landtage gemacht. Wird kaum etwas an der Sache ändern. Die Kirche verlangt bedingungs⸗ lose Unterwerfung von ihren Angehörigen. Zur Sicherung des Wahlgeheimnisses werden schon Vorkehrungen getroffen. Von der Regierung sind für die Reichstagswahlen 16 Millionen Couverts zur Ausschreibung gebracht worden. Die Wahlcouverts sollen aus festem, weißen Papier gefertigt werden und auf der Innenseite durch schwarzen Ueberdruck Ae und böllige Undurchsichtigkeit erhalten. Krupp ⸗Prozeß in Italien. Das sozialistische Blatt in Neapel, die Propaganda“, hatte vor einiger Zeit einen Artikel unter dem Titel:„Der Kaiser und Krupp“ veröffentlicht. Wegen dieses Artikels wurde am Dienstag der verantwortliche Re⸗ dakteur dieses Blattes zu 2 Monaten Gefängnis und 200 Lire Geldstrafe verurteilt. Die Ge⸗ richtsverhandlung fand unter Ausschluß der Oeffentlichleit statt. Offenbar ist der Redakteur nicht wegen der bekannten, auch im„Vorw.“ veröffentlichten Schilderungen über das Leben Krupps auf Capri verurteilt worden, wie es bürgerliche Blätter darstellen wollen, sondern wegen Aeußerungen, die gegen den deutschen Kalser gerichtet waren. Der Venezuela⸗Rummel, das neueste glorreiche Abenteuer der deutschen Weltpolitik, hat nun durch die Unterzeichnung der Friedensprotokolle seinen Abschluß Gele ne Gleichzeitig ist die Blockade gegen Venezuela aufgehoben worden. Venezuela hat sich verpflichtet, einige Abschlagszahlungen an die Mächte zu leisten, alle übrigen Forderungen sind dem Haager Schiedsgericht zur Prüfung der Rechtstitel und zur Vereinbarung des Zah⸗ lungsmodus überwiesen worden. Die Bedin⸗ gungen, unter denen der Frieden abgeschlossen und die Blockade aufgehoben wurde, entsprechen nicht den Bedingungen, die von den Mächten, speziell von der am schneidigsten vorgehenden Exekutionsmacht, Deutschland, in dem am 8. Dezember überreichten Ultimatum gestellt worden waren. In diesem Ultimatum war die unverzügliche Zahlung der Ansprüche verlangt. eutschland im Besonderen hatte die sofortige Zahlung von 170000 Bolivares 1360000 Mark verlangt. Nun hat sich aller⸗ dings Venezuela durch das Protokoll verpflichtet, diese Summe zu zahlen, aber keineswegs sofort. Für unsere Patrioten-Presse liegt gar kein Grund zu Jubelartikeln vor. Deutschlands Forderungen allein belaufen sich auf zirka 10 Millionen Mark. Friedens⸗Vertrag nur 30 Prozent seiner Zoll⸗ einkünfte zweier Zollstellen verpfändet, ein Be⸗ trag von zirka 4,1 Millionen Mark, in den sich aber sämtliche beteiligten Mächte teilen müssen. Es wird also lange dauern, bis die Schuld bezahlt ist. Deutschland wird dauach in Jahren nicht einmal so viel an Schuldansprüchen ein⸗ treiben, als ihm sein Flotten⸗Kreuzzug gekostet hat! Und diese Exekutionskosten werden ihm überhaupt nicht rückvergütet werden, da es ja sogar die beschlagnahmten venezolanischen Schiffe zurückgeben muß! Für die Kosten des Bankier⸗ Kreuzzuges mußz der deutsche Steuerzahler auf kommen, in erster Linie also das werktätige Volk. Soziales. Von der„gesicherten Existenz“ der Arbeiter. ieser Tage erschten vor dem Schöffengericht in Magdeburg ein alter Mann, der wegen Bettelns bestrafte Arbeiter Friedrich Mangelsdorf. Mangelsdorf ist ein völlig verbrauchter Mann, schnee weiß, fast taub, und lahm. Bis zum vorigen Jahre hat er sich trotzdem mit Mühe durchs Leben geschlagen und ist nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Dann aber brach er völlig zusammen; der Mann, der in den Feldzügen seinem Vaterland tapfer gedient hat und sich dabei auch seinen Rheumatismus geholt haben will, mußte betteln. Doch dauerte es nicht lange, so wurde er abgefaßt und zweimal bestraft. Der alte Mann jammerte auch jetzt, wo er desselben Vergehens angeklagt vor Gericht steht, nur darnach, man solle ihn in einem Kranken- oder Siechenhause unterbringen. Geradezu herz⸗ brechend klang es, als der alte Mann auf die Frage des Vorsitzenden, warum er denn nach seiner Haftentlassung im Januar wieder gebettelt habe, antwortete:„Ich weiß ja nicht, was ick machen soll, ich habe keine Heimat, kein Obdach, keinen Pfennig, und kein Stück Brod“. Der Vorsitzende sah das ein, er meinte, es müsse entweder durch den Gefängnißgeistlichen oder die Armenverwaltung etwas für Mangelsdorf geschehen, denn es sei schrecklich, daß ein Mann, der sich sein Leben lang gut geführt, und dem Vaterland gedient habe, jetzt auf der Straße liege. Vor⸗ läufig wandert der Arme nochmals auf drei Wochen ins Gefängnis. Venezuela hat durch den. —... hen ing en. ela sic die gen ing ah⸗ in sen den ten, den am allt var iche die ler⸗ let, ort. fein ds 10 den ol e sic sen. ul cen ein I ihn Hife litt auf. al. —— Nr. 8. . Mittel dentsche Sonntags⸗ Zeitung. Seite 3. Deutscher Reichstag. Die sozialpolitischen Debatten, die sich bei der Beratung des Etats des Reichsamts des Innern entwickelten, setzten sich am Mittwoch fort. Genosse Hoch ergänzte in einer ausführlichen Rede auf das Wirksamste die Ausführungen Wurms vom Montag und wies eingehend die Zusammenhänge der stockenden Sozialpolitik mit der reaktionären Allge⸗ mein⸗ und Wirtschaftspolttik nach. Staatssekretär Graf Posadowsky antwortete mit einer an Versprechungen reichen Rede; die kindliche Angst vor„republikauischen“ Abzeichen auf Gewerkschaftskongressen kann sich der Reichs⸗ graf des Innern noch immer nicht abgewöhnen. Sonst zeitigten die Mittwochs⸗Verhandlungen nicht viel Be⸗ merkenswertes. Am Donnerstag traten die Scharf⸗ macher und Soziolistentöter auf den Plan. Der natio⸗ nalliberale Bergbaron Hilbck, der rundbäuchige Agra⸗ rier Gamp, der Zentrumsadvokat Trimborn und zum Schluß— Stöcker, sie alle zogen gegen die „vaterlandslose“ Sozialdemokratie zu Fe de, die trotz tausendmaliger Vernichtung sich fortgesetzten Gedeihens erfreut.„Es lebe die bürgerliche Gesellschaft, nieder mit ihren Gegnern“, das war das Leitmotiv aller Reden, das A und das O dieser ganzen Sitzung: mochte nun Herr Trimborn unter reichlichen Anleihen beim Zitatenschatz des Grafen Bülow mit marktschreie⸗ rischer Stimme die„sozialpolitischen Leistungen“ des Zentrums preisen, mochte Herr Gamp den uralten Ver⸗ leumdungskohl von den Agitatoren, die sich„von Ar⸗ beitergroschen mästen“, in ebenfalls uralter Sauce ser⸗ vieren, mochte Herr Hilbck von der sozialpolitischen Rück⸗ ständigkeit des rheinisch⸗westfällschen Bergherrentums schier erbarmungs würdige Proben liefern oder Herr Stöcker zur Abwechslung einmal wieder im altgewohnten Geschäft des Judenhetzens sich versuchen. Am Freitag eröffnete der Renommierarbeiter des Zentrums, Stötzel, Vertreter von Essen, den Reigen. Er ergänzte das Lob⸗ lied, das Trimborn auf die Zentrums ⸗Sozialpolitik ge⸗ sungen, durch einige neue Strophen und rieb sich neben⸗ bei ein wenig an der Sozialdemokratie. Genosse Al⸗ brecht, der nach ihm das Wort ergriff, vertrieb ihm, sowie den Herren Trimborn, Paasche, Heyl und den übrigen Auguren der Zollwuchermehrheit dies Vergnügen gründlich und ergänzte wirksamst die Kritik, die Wurm und Hoch an der deutschen Sozialpolitik geübt hatten, Arbeiter⸗Unzufriedeuhelt— Kapitalisten⸗ Wohltätigkeit. „Denken Sie— fragte Albrecht die Vertreter der besitz⸗ enden Klassen— die Arbeiter könnten mit den gegenwär⸗ ticken Verhältnissen zufrieden sein? Die Zufriedenheit hat immer nur zur Stagnation und zur Versumpfung geführt. Den Vorwurf aber, daß wir den Leuten die religiöse Ueberzeugung rauben wollen, muß ich mit Empörung zurückweisen. Keine Partei übt eine größere Toleranz als die unsrige. Wir wollen die irdischen Zustände bessern, giebt es dann noch ein Paradies, so nehmen wir das auch noch mit. Herr Paasche hat sich vergebens bemüht, den in letzter Zeit arg ramponierten Ruf der Firma Krupp und ihrer Wohlfahrtseinrichtungen wieder herzustellen. Die Arbeiter wollen keine Wohltaten, sie wollen Rechte haben; sie ziehen das Koalitionsrecht allen Wohlfahrtseinrichtungen vor. Die Kruppsche Pensions⸗ kasse wird ganz ausschließlich von den Beiträgen der Arbeiter getragen, ohne Zuschüsse der Fabrik oder der Direktoren. Ste liefert sogar einen ganz netten Ueber— schuß, der im Jahre 1901 111972 Mk. betrug. Fast ganz so verhält es sich mit allen anderen„Wohlfahrts⸗ einrichtungen“. Mit den Arbeiterwohnungen wird den Kruppschen Arbeitern eine schwere Fessel angelegt; sie müssen sich alles gefallen, sich schimpfen und treten lassen, um nicht auf die Straße zu fliegen. Aus Herrn Trim⸗ borns Zornrede ging hervor, wie gut die Hiebe meiner Freunde Hoch und Wurm gesessen haben. Wir haben für den Antrag Trimborn betr. Witwen- und Waisen⸗ versicherung gestimmt, weil wir im Prinzip für diese Versicherung sind und wir stets bei der Hand sind, wo es gilt, etwas für die Arbetter aus dem Rachen des Alles verschlingenden Moloch Militarismus zu retten. Protest aber haben wir erhoben und müssen wir erheben gegen die Art und Weise, wie das Zentrum diese Materle mit dem Zollwucher verkuppelt hat; ich möchte diese Art und Weise mit einem allerdings nicht parlamentarischen Ausdruck„politische Hochstapelei“ nennen.— Die Di⸗ videnden sind der Zeit, da wir angefangen haben, So— zialpolitik zu treiben, nicht gesunken, sondern gestiegen. Machen Sie daher vom„Opsermut“ der Unternehmer etwas weniger Aufhebens! Herr Stötzel bezeichnete das Zentrum als„ausschlaggebende“ Partei. Um so mehr ist das Zentrum für die Militär- und Flottenvorlage, sowie für den Zolltarif verantwortlich zu machen; alle diese Vorlagen sind durch das ausschlaggebende Zentrum durchgebracht worden; nie aber hat es seiue Macht be⸗ nutzt, um wirkliche Arbeiterschutzgesetze durchzudrücken! — Gegen die Redensarten von„reich gewordenen“ Leuten, die Herr Stöcker vorbrachte— ich glaube, nur er ist dazu fähig— bemerke ich, daß die Mehrzahl meiner Fraktlousgenossen aus der Werkstatt hervorge⸗ gangen ist, wie es ja jetzt an hoher Stelle gewüuscht wird. Herr Stöcker weiß sehr gut, wie wir gehetzt warden sind von Ort zu Ort, von Laud zu Land, und da wagt er, uns zu fragen, warum wir nicht mehr arbeiten? Warum ist er nicht Hofprediger?(Heiterkeit). Daß akademisch gebildete Leute in unsern Reihen sitzen, begrüßen wir mit Freuden als Zeichen für die Aus⸗ breitung unserer Ideen, denen sich auch die einsichtigen Leute anderer Kreise nicht entziehen können. Allerdings, Herrn Stöcker würden wir ablehnen, wenn er zu uns käme. Es ist bekannt, daß Herr Stöcker es mit der Wahrheit nicht sehr genau nimmt. Jedenfalls irrt Herr Stöcker, wenn er von— sozialdemskratischen Konsum⸗ vereinen spricht. Im Plagwitzer Konsumverein sind aller⸗ dings viele Sozialdemokraten; daher ist denn auch in der Bäckerei, die er besitzt, die achtstündige Arbeitszeit strilt durchgeführt.“ Am gleichen Tage ließ auch der„Rektor aller Deut⸗ schen“, der Antisemitenhäuptling Ahlward t, seine längst angekündigte Rede vom Stapel. Er erzielte damit einen durchschlagenden Heiteckeitserfolg. Nachdem er Marx vernichtet, alle Hypothekenschulden Deutschlands getilgt, die Azrarier für den Bau des Mittellandskanals ge⸗ wonnen und Glück und Setzen unter der ganzen Mensch⸗ heit— einschließlich der inzwischen nach Jerusalem aus⸗ gewanderten Juden verbreitet hatte, brachte er zur Reichs⸗ tagswahl die Antisemiten in empfehlende Erinnerung. — Am Samstag floß die sozialpolitische Debatte noch immer weiter. Zuerst rieb unser Genosse Peu s dem Hofprediger a. D. Stöcker eine Anzahl schöner Sprüche, wie sie sich im Evangelium Matthäi und sonstwo in der Bibel finden, unter die Nase und zer⸗ störte aufs neue das alte Ammenmärchen von der Religtonsfeindschaft der Sozlaldemokratie. natürlich den Ultramontanen Sittard nicht, das Märchen noch einmal aufzuwärmen. Der nationalliberale frühere Renommierarbeiter Franken, der seinerseits längst die Kluft übersprungen hat, die zwischen Besitzenden und Besitzlosen gähnt, erzählte eine rührende Geschichte von einer alten Frau mit sechs unmündigen Kindern, die allabendlich den Rosenkranz für Krupp betet, und legte dem Hause eine Kollektion Liebhaberphotographien von rheinisch⸗westfälischen Arbeiterwohnungen vor.— Die Sitzung, die mit einer Rede unseres Fraktlonsgenossen Peus angehoben ha te, schloß mit einer packenden Rede unseres Genossen Molken buhr, der die Legende von den Kruppschen Wohlfahrtseinrichtungen unbarmherzig zerstörte, die Schwindelsozialpolitik, die d. 8 Zentrum aus wahldemagogischen Gründen treibt, bloßlegte und dem frelsinnigen Scharfmacher Crüger gründlich heimleuchtete. Hessischer Landtag. In der Sitzung am Freitag wurde die Generaldebatte des Etats sortgesetzt und es ergriff dazu zuerst unser Genosse Ulrich das Wort. Wenn man sich vergegenwärtige, führte er aus, daß bei einer Einnahme von nur 56 Millionen Mark ein Defizit von über zwet Millionen Mark auszugleichen sei, so seien dies ganz außerordentliche Summen, die zur Deckung des Fehlbetrags herangezogen werden müssen. Wir stehen jetzt schon vor der Frage, was nun, wenn nun die letzten Reserven aufgezehrt sind? Die Antwort ist klipp und klar: Erhöhung der Vermögenssteuer, eine Progression derselben, stärkere Progression bei der Einkommensteuer bet den großen Einnahmen, vielleicht eine stärkere Ausdehnung der Erbschaftssteuer herbeizuführen. Wird dieser Weg der Steuerpolitik nicht betreten werden, dann werden zur Bestreitung der höheren Ausgaben die armen Leute herangezogen, und dies bedeutet eine Herabdrückung des Niveaus des Volkswohlstandes. Bezüglich der Einnah— men aus den Eisenbahnen seien 90 000 Mark weniger, als der Finanzminister schon ange⸗ nommen, das Fazit der Gemeinschaft für dieses Jahr. Redner bedauert aussprechen zu müssen, daß die Animosttät im Lande gegen die Eisen⸗ bahn⸗Gemeinschaft nicht abnimmt angesichts der Rücksichtslosigkeiten der Gemeinschafts⸗Verwal⸗ tung, von denen Redner neue Beisplele anführt. Es seien keine Dinge, die ins Gewicht fallen, aber diese Kleinigkeiten selen es, welche die feindselige Stimmung gegen die Gemeinschaft noch vergrößern. Wenn das Wort gefallen sei, man habe Nebenbahnensport getrieben, so müsse das zurückgewiesen werden. Hessen müsse an Matrikularbeiträgen 600000 Maik mehr bezahlen, als es vom Reich erhalte. Zwar sei uns versichert worden, daß weitere Erhöhungen nicht mehr eintreten werden. Aber die„Zuschuß⸗Anleihen“, mit denen man sich neuerdings im Reich zu helfen suche, seien ein Das hinderte sehr bedenkliches Niltel. Redner kommt dale auf die Praxis der Regierung und deren Organe zu sprechen. Er tadelt insbesondere die Maß⸗ nahmen der Regierung gegen die russischen Studenten, was einem liberalen Standpunkt nicht mehr entspreche. Unhaltbar seien die Uebergriffe der unteren Verwaltungsorgane. Redner bespricht dann eine Reihe solcher Fälle. Finanzminister Gnauth meint, daß bei uns der Rückschlag in den Eisenbahn-Einnahmen nicht so groß ist, als in anderen Staaten. Man dürfe die Segnungen der Eisenbahngemein⸗ schaft nicht unterschätzen. Man müsse die höheren Anschauungen anerkennen, welche die Verwaltung der Gemeinschaft geleitet haben. Es seien Ar⸗ beiten, die in den nächsten Jahren doch gemacht werden müßten, jetzt schon vergeben worden, um in der jetzigen schlechten Zeit Industrie und Arbeit zu fördern. Was die Vorschläge des Abg. Ulrich hinsichtlich der Steigerung der Reichseinnahmen betrifft, so haben wir darin eine Initiative nicht zu ergreifen. Redner ist nicht so sanguinisch wie der Abg. Molthan, der hingewiesen hat auf wesentlich gesteigerte Zolleinnahmen. Gerade die policischen Freunde des Abg. Molthan hätten im Reichstag über den größten Teil dieser Einnahmen verfügt zu Gunsten einer künftigen Witwen- und Waisen⸗ versorgung. Für uns würde also nichts übrig bleiben. Zur Verminderung der Matrikular⸗ beiträge werde eine Reichseinkommen⸗ und Reichs- erbschaftssteuer vorgeschlagen. Dies seien aber Steuergebiete, die wir uns zunächst selbst re⸗ servieren müßten. Im weiteren Verlauf der Debatte bemerkt Reinhart(utl.), daß die falschen Deklarationen, die infolge der Neuheit der reformierten Steuern gemacht würden, mehr als Steuer-Irrun⸗ gen(19) anzusehen wären. Daß die Einnahmen aus der Eisenbahn⸗Gemeinschaft unter dem all⸗ gemeinen Niedergang des Verkehrs nicht noch weiter gesunken sind, sei zu verwundern. Redner erklärt zum Schluß, daß er mit seinen politischen Freunden bereit sei, alle Anforderungen zu be⸗ willigen, von denen nachgewiesen ist, daß sie im Interesse des Staates sind. Der Zentrumsmann Schmitt-Mainz lobt die vorsichtige Finanzgebahrung in Hessen. Das Defizit wäre dasselbe, auch wenn wir die Eisen⸗ bahngemeinschaft nicht hätten. Schließlich fragt er, was die Künstlerkolonie, für die man be⸗ deutende Mittel bewilligte, zur Hebung des Kunstgewerbes geleistet habe. Brauer verlangt mehr Unterstützung der Landwirtschaft. Schließlich nagelt Gen. Dr. David die Anschauung der Bauernbündler fest, daß zu viel Sozialpolitik betrieben werde. Die Fürsorge für besitzlose Lohnarbeiter ist noch lange nicht weit genug ausgebaut. Die Arbeiter simul eren keine Notlage, wie von den Bündlern behauptet wird. Das tun im Gegenteil ganz andere Leute, die Haus und Hof haben. Nichts kann schlimmer für die Landwirtschaft sein, als wenn versucht wird, die Lage der Lohnarbeitermassen herabzudrücken. Arbeiterpolttik sei auch Bauernpolitik. Die Industrie habe erst die Arbeitsmöglichkeit geschaffen für den wachsenden Ueberfluß an Menschenmaterial auf dem Lande, sodaß die Auswanderung fast ganz überflüssig wurde. Mit der feindseligen Stellung, die die Bauernbündler den Arbeitern gegenüber ein⸗ nehmen, schneiden sich die Leute selbst ins Fleisch, aber wann gab es je eine Zeit, in der die Bauern zufrieden gewesen wären? Weil der Bürgermeister Köhler den Wahrheiten, die unser Genosse den Bündler sagte, nichts ent— gegenzuhalten wußte, schrie er wie toll da— zwischen, wofür ihn der Präsident zur Ordnung ruft. Dienstag wurde die Generaldebatte über den Etat fortgesetzt und beendet. . DD. Kreiskonferenz für den Wahlkreis Gießen Grünberg⸗Nidda. Die diesjährige erste Konferenz wurde am Sonntag 10½½ Uhr im Orbig'schen Lokale eröffnet. Vertreten sind 12 Orte durch 31 Delegierte. Den ersten Punkt der Tagesordnung bildet: Bericht des Vorstandes und * 1 5 1 0 1 U 0 3 3 0 14 b ö 1 ö 462 g 1 * . 3 15 14* 14 N 47 1 1 5 1„ Seite 4. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung Nr. 8. Neuwahl des Vertrauensmannes. Hierzu berichtet Beckmann. Er erwähnt zunächst die im verflossenen halben Jahre stattgefundenen Landtagswahlen, bei denen wir in der Stadt Gießen ein zufriedenstellendes Resultat erz elten, während wir im Grünberger und im Schottener Kreise gar keine oder nur vereinzelte Wahl⸗ männer bekamen, infolgedessen wir zur Untätigkeit ver⸗ urteilt waren. Wenn das direkte Wahlrecht eingeführt wird, werden wir eher ein Wort mitreden können. Ferner wurden 10000 Landkalender und 6000 Berichte der Landtagsfraktion verbreitet. Bei der Flugblätterverbreitung sollten sich die Parteigenossen besser zur Verfügung stellen als es seither geschehen ist. Die Arbeit lastet fast immer allein auf einzelnen Ge⸗ nossen, die dann jeden Sonntag hinaus müssen, während die Arbeit du ch größere Beteiligung der Genossen auf dem Lande sehr viel erleichtert worden wäre und die Verbreitung viel schneller von statten gehe. Hieran schloß sich der Bericht des Kassierers. Er berichtet über eine Einnahme für das zweite Halbjahr 1902 von 449.81 Mk., eine Gesamtausgabe von 408 78 Mk. Es verbleibt also ein Bestand von 41.03 Mk. In der Unterstützungskasse wurden 189.20 Mk. vereinnahmt und für 2 Sterbefälle 40 Mk, verausgabt. Im Ganzen verfügt die Unterstützungekasse über einen Kassenbestand von 250 Mk, was angesichts dessen, daß sie erst 1½ Johre besteht, eine recht günstige Entwickelung darstellt. Die Richtigkeit der Abrechnung wird von den Revisoren bestätigt. Häuser⸗Steinberg erklärt, daß in Steinberg wohl eine Reihe von Genossen zur Verfügung ständen, die sich sehr gern an der Verbreitung beteiligten, aber sie hätten nicht gewußt, wann sie zur Stelle sein sollten. Genosse Orbig referierte hierauf über„Organisa⸗ tion und Agitation“. Mit dem bisher in unserem Kreise Erreichten dürften wir keineswegs zufrieden sein. Wir sind ja wohl vorwärts gekommen, doch geht die Vorwärtsbewegung zu langsam. Die Agitation muß durchgreifender betrieben werden und dazu brauchen wir festgefügte Organisationen. Solche haben wir ja; aber die Arbeit innerhalb derselben läßt zu wünschen übrig. wenig angenehmen, aber notwendigen und fruchtbringenden Kleinarbeit befassen. Damit würde mehr agitatorische Arbeit geleistet, als der beste Redner mit einer glänzenden Rede schaffen könne. Redner schlägt schließlich vor, daß die einzelnen Wahlvereine bestimmte Leute wählen sollen, denen die Verbreitung der Flugblätter für eine gewisse Zeitdauer übertragen werden solle. Es wird hierauf liegenden Punkte zu behandeln. Häuser Steinberg beklagt, das unser Blatt nur einmal in der Woche er⸗ scheine. Das sei besonders bei der Wahlbewegung vom Uebel, aber auch sonst wolle eben der schon weiter vor⸗ geschrittene Arbeiter jeden Tag seine Zeitung lesen. Krumm spricht sich mit Entschiedenheit gegen eine Neugründung aus. Sei es uns jetzt gelungen, unser Blatt auf eigene Füße zu stellen, und könnten wir mit seiner Entwickelung ganz zufrieden sein, so könne dies alles durch zu gewagte Experimente in Frage gestellt werden. Mehrere weitere Redner, Diehl, Vetters, Fourier etc. sprechen sich für öfteres Erscheinen aus, Beckmann, Bock, Orbig dagegen. Man solle die Mittel für den Wahlkampf reservieren, nicht für„Versuche“ aufopfern, was man habe, solle man nicht preisgeben, bei den jetzigen Zuständen haben wir, wenn auch lang⸗ same, so doch ganz gute Fortschritte gemacht. In diesem Sinne sprechen sich noch Völpel und Dech aus. Zu dem weiteren Gegenstand der Tagesordnung: „Die Reichstagswahlen“ spricht Genosse Krumm. Er weist zunächst darauf hin, daß in diesem Kreise nur zwei gegnerische Kandidaten in Betracht kommen würden: die verbündeten Liberalen und die Antisemit n. Beide Parteien werden natürlich die größten Anstrengungen machen, das Mandat zu erobern und wir müßten daher tüchtig arbeiten. Besonders gelte es, die nötige Auf⸗ klärung über die Zollgesetzgebung auf dem Lande zu verbreiten. Redner geht ausführlich auf den Zolltarif ein, weist an vlelen Beispielen nach, daß der werktätigen Bevölkerung einschließlich der Kleinbauern ungeheuerer Scha sen zugefügt werde. Den Kleinen werde genommen, um es den Großen zu geben. Um dies dem Volke nicht merken zu lassen, sei man einer Erörterung aus dem Wege gegangen. Dazu drohen neue Militärlasten dem Volke; Erhöhung der Bier- und Tabaksteuer wird schon angekündigt. Weiter besprach Redner noch die Kolonialpolitik, Arbeiterschutzgesetze ꝛe. und forderte alle Genossen auf, im bevorstehenden Kampfe ihre Schuldig⸗ keit zu thun. Eine Debatte über dieses Referat wurde nicht gewünscht.— Bezüglich der Maifeier schlug Beckmann vor, sich dem Beschlusse der Landeskonferenz anzuschließen und die Maidemonstrationen nur am 1. Mai zu begehen. Nach kurzer Debatte wird der vorgeschlagenen Resolution zugestimmt, ein Zusatz Vetters abgelehnt.— Kurz nach der Reichstagswahl soll ein Kreisfest stattfinden. Mit 23 gegen 7 Stimmen wird beschlossen, dasselbe in Trohe abzuhalten. Darauf erfolgte Schluß der Konferenz. Die einzelnen Genossen müssen sich mehr mit der zwar 1 0 bol nach erfolgter Prüfung spätestens 8 Tage vor beschlossen, den Punkt„Presse“ zugleich mit dem vor⸗ Pon Nah und Lern. Gießener Angelegenheiten. — Die Wahlen zum Gewerbegericht Gießen sind auf Samstag, den 14. Närz festgesetzt worden. Die Wahlen finden an diesem Tage von 12 Uhr mittags bis abends 8 Uhr im Stadtverordneten⸗Sitzungssaale statt. Es sind 24 Beisitzer zu wählen; je 12 Arbeitgeber und Arbeitnehmer.— Wahlberechtigt sind die Arbeitgeber und Arbeiter, welche zur Zeit der Wahl das 25. Lebensjahr vollendet und im Gemeindebezirk der Stadt Gießen Wohnung oder Beschäftigung haben; Personen, welche zum Amte eines Schöffen unfähig sind, sind nicht wahlberechtigt. Als Arbeiter gelten diejenigen Gesellen, Gehilfen, Fabrikarbeiter und Lehrlinge, auf welche der siebente Titel der Gewerbeordnung Anwendung findet, dess leichen Betriebsbeamte, Werkmeister und mit höheren technischen Leist⸗ ungen betraute Angestellte, deren Jahresarbeits⸗ verdienst an Lohn oder Gehalt zweitausend Mark nicht übersteigt. Hausgewer betreibende sind, sofern sie selbst mindestens 2 Arbeiter zu gewissen Zeiten des Jahres beschäftigen, als Arbeitgeber, anderufalls als Arbeiter wahl⸗ berechtigt. Bekanntlich findet die Wahl nach den Grund⸗ sätzen der Verhältniswahl(Proportional⸗ wahl) statt. Es müssen demzufolge Wahl⸗ vorschlagslisten eingereicht werden. Jede der⸗ artige Vorschlagsliste muß von 20 Wahlberech⸗ tigten unterzeichnet sein, muß 12 Namen ent⸗ halten und bis spätestens Freitag den 27. Februar bei der Bürgermeisterei eingereicht sein. Die rechtzeitig eingereichten Vorschlagslisten werden der Wahl in ortsüblicher Weise veröffentlicht. Diejenigen Gewerkschaften also, welche ihre Kandidaten bei dem Gewerkschaftskartell noch nicht angegeben haben, müssen das sofort nachholen, damit die Vorschlagsliste rechtzeitig eingereicht werden kann. — Recht dummes Zeug ließ sich der „Gieß. Anz.“ über unsere am Sonntag statt⸗ gefundene Konferenz berichten. Darnach solle Krumm„bedauert“ haben,„daß die soz. Partei nicht in der Lage sei, einen geeigneten Kandi⸗ daten aus Gießen für die Wahl aus dem Wahlkreise aufzustellen.“ Feruer hätte Krumm den Beschluß der Gießener Stadtverordneten⸗ Versammlung, die Erweiterung des Gewerbe⸗ Gerichts betreffend,„verteidigt“. Das ist ganz unrichtig. Diesen Beschluß hat Krumm nicht „verteidigt“, er fand ihn nur im Hinblick auf die allerdings sehr geringen Kosten„begreiflich“. — Cbensowenig hat Krumm gesagt, was ihm da wegen des„geeigneten“ Kandidaten in den Mund gelegt wird. Wir haben im Gegenteil in seiner Person einen sehr geeigneten Kandidaten. — Aufsichtsräte. Vorige Woche brachte die Frkftr. Ztg. folgende Notiz:„Gegen den früheren Vorsitzenden der Fabrik feuerfester und säurefester Produkte A.⸗G. in Vallendar, Geh. Justizrat Dr. Reatz⸗Gießen und die anderen Aufsichtsratsmitglieder wird auf Antrag der Oberstaatsanwaltschaft in Frankfurt a. M. die gerichtliche Voruntersuchung eröffnet werden. Es wird ihnen zur Last gelegt, in der Haupt⸗ versammlung vom 2. August 1899 die Verhält⸗ nisse der Gesellschaft wissentlich unrichtig dar⸗ gestellt und außerdem dem Rägisterrichter zum Zweck der Eintragung der fünften und sechsten Million in das Handelsregister wissentlich falsche Angaben gemacht zu haben.“— So, so. Schon vor langer Zeit haben wir auf die merkwürdige Rolle hingewiesen, die der Herr Justizrat in dem Aufsichtsrat jener Ge⸗ sellschaft gespielt hat. Das Gießener Amtsblatt, das sich„Privatdepeschen“ schicken läßt, wenn irgendwo ein Sozialdemokrat einige Rosenkohl⸗ köpfchen abgerissen hat, brachte kein Wort von dieser Geschichte. Allerdings, der Herr Justiz⸗ rat ist kein Sozialdemokrat. Es lebe die „Unparteilichkeit“! — Wie Arbeiter behandelt werden. W. Engelhard, Herrengarderobe-Geschäft in der Plockstraße, wurden in der letzten Verbands⸗ versammlung der Schneider lebhafte Klagen geführt. Während Herr Engelhard sich früher die größte Mühe gab, andern Arbeitgebern die besten Arbeiter wegzuholen, denen er alle mög⸗ lichen Versprechungen machte, scheint er es jetzt darauf abgesehen zu haben, allen ordentlichen Arbeitern das Arbeiten bei ihm zu verekeln. Beispielsweise war lange Zeit kein Ofen in der Werkstelle, so daß bei der Kälte sich die Schneider an den heißgemachten Bügeleisen die erstarrten Finger wärmen mußten. Endlich wurde ein Ofen beschafft, aber als Brennmaterial sollten Schlacken verwandt werden. Im Abort wurde aus Sparsamkeitsrucksichten das Wasser abge⸗ stellt, infolgedessen verstopfte sich der Kanal und ein fürchterlicher Gestauk verpestete das Haus. Noch nicht einmal für ordentliches Licht wird gesorgt. Infolgedessen verdienen die in Akkord arbeitenden Schneider wahre Jammerlöhne. Wer Abstellung der Mißstände verlangt, den steht Herr E. als„Hetzer“ an, er drohte auch schon, zum Frühjahr die„Bude zu räumen.“ — Und dann giebt es noch Leute, die sich über die„Unzufriedenheit“ der Arbeiter wundern. — Ein humoristescher Abend findet Fastnachts Dienstag im Lokale Orbig statt. (Siehe Inserat.) a Eingesandt. Unter Bezugnahme auf den in voriger Nr. unseres Blattes enthaltenden Artikel:„Schwindel⸗ krankenkassen“ geht uns folgendes Schreiben mit der Bitte um Aufnahme zu:„Damit dieser Artikel kein Mißtrauen oder Beängstigung unter den Mitgliedern der„Allgemeinen Kranken⸗ und Sterbekasse für Arbeiter aller Berufe E. H. Sitz Meißen hervorruft, sei folgendes bemerkt.: Unsere genannte Kasse, hat keiner lei Aehn⸗ lichkeit, mit den in voriger Nummer genannten Schwindelkassen. Unsere gut organisierte Krankenkasse wurde im Jahre 1791 durch unseren jetzigen Reichstagsabgeordueten Georg Horn mit Hilfe der Arbeiter in Meißen gegründet. Seit dieser Zeit wird sie nur von Arkeitern geleitet und geführt, so wie die der Metall⸗ arbeiter, Tischler usw. Unsere Mitglieder werden nicht geprellt und haben auch das Recht in der Verwaltung mitzureden. Wer Verdacht gegen unsere Kasse hegt, dem raten wir, sich bei dem Stadtrat in Meißen über den Stand derselben zu erkundigen, wo ihm Auskunft erteilt wird. Unsere Kasse hat keine Agenten, Generalagenten ꝛc. sondern Selbst⸗ verwaltung durch die Mitglieder, sie ist eben⸗ falls gut fundiert, wie die beiden oben ge⸗ nannten Zentralkassen. Seit Juli v. Jahres wurden folgende Verwaltungsstellen in Hessen gegründet: Treis a. d. Lumda, Lollar, Daub⸗ ringen, Wieseck, Mainzlar. Wir hoffen noch in vielen Orten Verwaltungsstellen zu bekommen. Wir wollen die Genossen nicht auffordern zum Beitritt wie die feine Union, welche so viel Krankengeld auf ihren Plakaten stehen hatte, sondern raten einem jedem erst Erkundigungen einzuziehen. Auskunft erhält er, wie bemerkt, bei dem Stadtrat in Meißen, sowie bei dem Kassenführer Bruno Reinhold Meißen, Martinstr. Nr. 2.— Im Auftrage sämtlicher Verwaltungsstellen in Hessen: Joh. Le mp, Vorsitzender Treis a. d. L. aus dem Nreise Alsfesd-Cauterbach. r. Aus Alsfeld schreibt man uns: Die lichen Umfang angenommen, es dürfte zum nächsten Quartalswechsel mancher Familie schwer werden, überhaupt eine Wohnung zu finden. Nicht wenig Familien hausen in ge⸗ radezu menschenunwürdigen Wohnungen, oft sind 4—5 Personen in einem Stübchen zusam⸗ mengepfercht. Von Seiten des Stadtrates ist keine Hülfe zu erwarten; als vor einiger Zeit mehrere Arbeiter in dieser Sache vorstellig wurden, erklärte ein weiser Stadtvater:„Für diese Gesellschaft haben wir keinen Pfennig Ueber die Arbeits⸗ und Lohnverhältnisse, sowie die Behandlung der Arbeiter bei der Firma übrig!“ Vor zirka 3 Jahren erbaute eine Gesellschaft mehrere Arbeiterhäuser, man er⸗ Wohnungsnot hat hier einen ganz unheim⸗ * M. leber dab Wer gate über ihn feine all. chel⸗ d a en aul fac iel. un 0 bil hatt, a lt, del. til. lic N. 9 — Nr. 8. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. hoffte damals eine Besserung, doch bald wurden die Mietpreise derart gesteigert, daß ein Arbeiter mit seinem kärglichen Lohn sie nicht mehr er⸗ schwingen kann. Es wäre entschieden Sache der Gemeinde, hier einzugreifen, das wird aber nicht eher geschehen, bis sich die Arbeiterschaft aufrafft und einige wirkliche Arbeitervertreter in den Stadtrat wählt, nicht Leute, die vor den Wahlen schöne Versprechungen machen, von vernünftiger Gemeindepolitik aber keine Ahnung haben. Aufwendungen für Wohnungsfürsorge sind jedenfalls besser angebracht als für manche andere Dinge. Mögen das die Arbeiter bei den bevorstehenden Wahlen beherzigen! Aus dem Rreise Wetzlar. h. Die Eingemeindung von Nieder- girmes soll am 1. April vor sich gehen. Im Juteresse der weiteren Entwickelung der Stadt ist das gewiß zu begrüßen. Verschiedene Patrioten in Niedergirmes sind aber damit keineswegs einverstanden, denn es ist sicher, daß dann die dortigen Einwohner stärker zu den Abgaben herangezogen werden. Und mehr Steuern zahlt auch der brapste Patriot nicht gern. h. Als Konservativer Reichstags⸗ Kandidat für den Kreis Wetzlar wird in einem„Eingesandt“ der„Wetzlarer Nachr.“ der Landwirt Keiner in Werdorf empfohlen. Von dem jetzigen Abg. Krämer(ntl.) heißt es in dem Artikel, daß seine Kandidatur aussichtslos sei. Die ländliche Bevölkerung verlange unbe— dingt einen Kandidaten aus ihrer Mitte sonst — stimmten sie sozialdemokratisch.„Dieser Umstand jedoch dürfte unserem ganzen Lande nicht von großem Vorteil sein!“ heißt es weiter. O, das meinen wir denn doch und viele Bauern werden ganz derselben Meinung sein und sozial⸗ demokratisch wählen, ob nun ein konservativer Landwirt kandidiert oder nicht. Im Uebrigen dürfte Herr Keiner immerhin Aussicht haben. h. Die Musteruug für den Wetzlarer Bezirk findet dieses Jahr vom 4. bis 12. März im„Schützengarten“ statt. Am 12. März haben sich die Militärpflichtigen aus dem Stadtbezirk zu stellen. Aus dem Rreise Marburg⸗Rirchha in. St. Gewerkschaftsfest. Wie bereits durch Inserat in dieser Zeitung bekannt gegeben, findet am Sonntag, den 22. Februar, Abends von 8 Uhr ab im Saale des Café Quentin (Höck) das Wintervergnügen der hiesigen Ge⸗ werkschaften statt. Das Programm ist sehr reichhaltig, es enthält außer Theater, Gesangs⸗ vorträge des Arbeitergesangvereins„Eintracht“, sowie Konzertstücke der beliebten Kapelle Pauli. Den Beschluß des Festes wird ein Tänzchen bilden. Hoffentlich wird der Besuch ein recht starker sein, sodaß auch die Gewerkschaftskom⸗ mission ihre Bemühungen mit Erfolg belohnt ieht. f 9 Die htesige Volksküche wurde am Donnestag diese Woche im Hause Schneiders⸗ berg Nr. 3 eröffnet. Dieselbe ist vorläufig jeden Mittag von 12 bis 1 Uhr(außer Sonn⸗ und Feiertags) der Benutzung für die hier beschäftigten Arbeiter freigestellt. Ein Portton Mittagsessen kostet 15 Pfg., ein Stück Brod 5 Pfg., ein Tasse Kaffee mit Zucker oder Milch 5 Pfg. Die Einrichtung dürfte wohl hauptsächlich den zahlreichen Arbeitern aus der Umgegend Marburgs, die seither mit einem Stück Brot und Wurst des Mittags sich begnügen mußten, zugute kommen; denn bei den geringen Löhnen konnten dieselben sich seither kein warmes Mittagsessen leisten. — Kommunales. Das so lange um⸗ strittene Projekt einer Straßenbahn ist nun endlich seitens unserer Stadtväter einstimmig angenommen worden. Dieser Fortschritt im Verkehrswesen dürfte wohl von allen Einwohnern freudig begrüßt werden. Allerdings giebt es keine„Elektrische“, sondern eine Pferdebahn. Erstere wurde sowohl von der Regterung wie auch von Sachverständigen für Marburg als nicht ausführbar erklärt, was bei den teilweise sehr len, engen und krummen Straßen der Altstadt wohl erklärlich ist. Da für alle Strecken der 10 Pfg.⸗Tarif engen werden soll, so wird die Bahn auch von den Minder⸗ bemittelten bei der weiten Ausdehnung der Stadt leißig benützt werden, falls die Fahrten nicht, wie zunächst geplant ist, alle Stunden, sondern je öfter, desto besser, ausgeführt werden. „— Pfarrer Naumann, der bekannte Führer der Nationalsozialen, sprach am Montag Abend im Café Quentin dahier vor vollbesetztem Saale über„die Politik des Grafen Bülow“. In fast 2½ stündiger Rede gab er ein ausge⸗ zeichnetes Bild von der Politik Bülows, nach⸗ dem er zuvor die politische Tätigkeit der drei Vorgänger desselben in ihren Haus tzügen ge⸗ schildert hatte. Eine Volksrede war es nicht, die Naumann hielt, dazu war sie mit zu vielen Fremdwörtern gespickt; aber für die Zuhörer, die zum überwiegenden Teile aus Studenten bestanden, war sie dennoch sehr interessant. Für uns war besonders bemerkenswert, daß Naumann ausdrücklich betonte, in dem gegen- wärtigen wirtschaftlichen Kampfe stände er mit seinen Freunden unerschütterlich auf Seite der Linken. Eine Diskussion fand nicht statt. Eine aus der Versammlung geßellte Anfrage, in wiefern die industrielle Entwickelung auch den Bauernstand hebe, beantwortete N. sehr geschickt und ausführlich, indem er die blühende Landwirtschaft des industriereichen Belgien und Dänemarks, welche Länder keine oder sehr geringe Zölle haben, schilderte und der unsrigen, von hohen Zollmauern umgebenen, und daburch schwer leidenden Landwirtschaft gegenüberstellte. Nicht jeder Bürgermeister ist so bescheiden. Oberbürgermeister Lehr in Duisburg lehnte eine Erhöhung seines Gehaltes um Mk. 2000 mit Rücksicht auf die schlechten Zeiten ab. Recht sonderbare Kindererziehung betreibt, wie der„Mainzer Volkszeitg.“ berichtet wird, der katholische Seelsorger der Gemeinde Astheim. Wenn die Kinder der ersten Schule auf die Fragen keine Antwort wissen, giebt es 2—3 Stockhiebe auf die Hand. Haben sie Morgens die Kirche nicht besucht, werden sie zur Strafe vom Herrn Pfarrer am Arm schmerzhaft gedrückt. Und wenn dann die Kinder schreien, sagt der Herr Pfarrer:„Geht nur auf die Straße und schreit, ich fürchte mich nicht.“ Bei den jüngeren Kinder in der zweiten Schule ist ein chinesischer Bestrafungs⸗ modus eingeführt. Die Kleinen müssen, wenn sie etwas verbrochen haben, die Hände zusammen⸗ legen und der Herr Pfarrer drückt dann die Nägel der einen Hand in die andere.— Dadurch erzieht mau die Kinder zweifellos zu recht frommen Menschen und— eifrigen Kirchen— besuchern. Kleine Mitteilungen. * Opfer der Arbeit. Bei einem Neubau in der Krahnstraße zu Osnabrück ist das Gerüst zu⸗ sammengebrochen. Vier Arbeiter wurden dabei verschüttet, von denen einer seinen Tod fand.— Schwer ver⸗ brannt sind am Dienstag zwei Arbeiter in Frank⸗ furt, die in einem Schachte der Wasserleitung bei der Konstablerwache mit dem Verdichten der Rohre beschäftigt waren. Dazu benutzten sie Theer, welcher mit Benzin verdünnt war. Jedenfalls sind diese feuergefährlichen Stoffe explodiert. Beide Arbeiter wurden mit schweren Brandwunden bedeckt in das Krankenhaus gebracht z Zyugentgleisung. Am Mittwoch Nachmittag entgleisten im Bahnhof Langensel bold bei Hanau fünf Wagen des D⸗Zuges Berlin⸗Basel. Die Räder der Wagen wühlten sich auf der einen Seit tief in die Erde ein, die Maschine riß sich los. Verletzt wurde niemand. 5 * Wieder Einer. In Odelshausen bei München wurde ein katholicher Geistlicher wegen Sitt⸗ lichkeitsverbrechen verhaftet. Kurz vorher war der dortige Lehrer Lösch wegen des gleichen Vergehens in Haft genommen, aber bald wieder entlassen worden, weil sich die von den beiden Geistlichen gegen ihn erhobenen Anschuldigungen als völlig grundlos herausstellten, . Sternbergereien. In Berlin wurden der Landmesser Steldt(Leutnant der Landwehr), die Handelsfrauen Remme, Zehde und Giese verhaftet, weil die Frauen in Verdacht stehen, dem Steldt sowie einer Anzahl zur Zeit noch nicht ermittelter männlicher Personen minderjährige Mädchen im schulpflichtigen Alter zugeführt haben.— g Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung. I Die Schriftgießer streiken in Frank⸗ furt und in Offenbach. Hier zeigte sich so recht die Unternehmer ⸗Solidarität. Es waren nämlich die Offenbacher Schriftgießer mit ihren Fabrikanten in Differenzen geraten, weil diese vorher gemachte Zugeständnisse wieder zurückzogen. In Offenbach wurde des⸗ halb die Arbeit niedergelegt. Da kamen die Frankfurter Unternehmer und erklärten ihren Arbeitern, daß wenn in Offenbach die Arbeit nicht sofort wieder aufgenommen würde, sämtliche Schriftgießer in Frankfurt gekündigt würden, was denn auch geschah. Seit Donn ers⸗ tag ruht die Arbeit in den Frankfurter Betrieben. Partei-Nachrichten. Die Kaiserreden im Reichstage und dite Sozialdemokratie. Unter diesem Titel giebt die Buchhandlung Vor⸗ wärts eine Broschüre heraus, welche die Reden Voll⸗ mars und Bebels nach dem sten graphisch en Reichstags⸗ berichte enthält. Diese Broschüre kostet 20 Pfg.; die Agitationsausgabe 100 St. 6 Mk. Beziehbar von der Kolportage-Kommission Gießen Reichstagskandidaturen. Unsere Frank⸗ furter Pacteigenossen hielten am Dienstag im Ge⸗ werkschaftshause eine große Parteiversammlung ab, in welcher der bisherige Abgeordnete Wil h. Schmidt wieder als Kandidat proklamiert wurde. Ein tragisches Ereignis. Gegen den Partei⸗ sekretär Genossen Leist in Nürnberg war vor einiger Zeit ein Ermittelungsverfahren unter der Anschuldigung des Sittlichkeitsvergehens eingeleitet worden, weshalb Leist von seinem Parteiamt suspendiert worden war. Ende voriger Woche wurde das Vorverfahren eingestellt, weil sich die vollständige Schuldlosigkeit Leist's ergab; er trat seinen Dienst wieder an. Er befand sich seitdem in großer Aufregung. Am Sonnabend früh stürzte er nach etwa halbstündiger Anwesenheit im Bureau aus dem dritten Stockwerk aus dem Fenster auf das Straßen⸗ pflaster, wo er mit zerschmettertem Schädel und ge⸗ brochenen Gliedmaßen liegen blieb. Zu dem im gleichen Zimmer arbeitenden Genossen sagte er, er wolle das Fenster schließen, weil es kalt sei und zu diesem Zwecke stieg er auf den Tisch. Es kann möglich sein, daß ein Unfall vorliegt, doch wird angenommen, daß er sich im Zustande geistiger Umnachtung absichtlich aus dem Fenster gestürzt hat. Versammlungskalender. Genossen! Besucht regelmäßig Eure Versammlungen! Samstag, den 21. Februar. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versamwlung bei Orbig. Wieseck. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung im Vereinslokal. Sonntag, den 22. Febzuar. Gießen. Glaser⸗Verban d. Nachmittags 2 Uhr Versammlung bei Orbig. Lollar. Wahl verein. Nachmittags 4 Uhr Ver⸗ sammlung bei Wirt Schupp. Staufenberg. Volksversammlung. Nach⸗ 3½ Uhr bei Wirt Geißler. Ruttershausen. Volksversammlung. Abends 8 Uhr beim Brückenwirt. Mittwoch, den 25. Februar. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig. Gießen. Jeden Dienstag, Abends punkt ½9 Uhr Diskussions⸗ und Unterrichtsstunde im„Wiener Hof“ bei Lö b(oberes Zimmer). An die Parteigenossen! Diejenigen Orte, welche Versammlungen wünschen, wollen sich an den Vorsitzenden des Wahlkomitees, Gg. Beckmann, Grün⸗ bergerstr. 44, oder an die Redaktion unseres Blattes wenden. 48 eee 2 72 — —— Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. Sozialdemokratie lebe hoch, hoch, hoch!“. Sonst tönt der Ruf wo Freunde leben, Die sich dem Klassenkampf geweiht, wo die Idee vom Freiheitsstreben Den Menschen gold'ne Worte leiht! Im großen Heere der Proleten, Die sich zum letzten Krieg ermannt, Zu brechen ihre Sklavenketten, Ist er als Schlachtruf wohl bekannt. Doch was uns bei dem heißen Ringen Nur möglich schien in weiter Ferne: Zu Bromberg ließ den Ruf erklingen Sin Füsilier in der Kaserne!— Haum hörten nun die Vorgesetzten Von dieser umsturzschwang'ren Tat, Als sie sich fürchterlich entsetzten! Schon wackelte der ganze Staat!— Der Frevel ward sogleich gerochen, Die Strafe folgte auf den Fuß; Für das was der Soldat verbrochen Er siebzehn Monat brummen muß! Was half's ihm, daß er angegeben Betrunkenheit als Grund allein: Denn wer die Sozi hoch läßt leben Der kann doch nicht besoffen sein!— W. 8 5 „Die Ein Narr des 19. Jahrhunderts. Von Heinrich Zschokke. 3(Fortsetzung) Indem trat der Bote meines Schenkwirts vom Schlosse in den Kreis der Bäume. Der junge Mensch zog den kleinen Rundfilz ab und sagte:„Herr, es wünscht dich ein Fremder auf der Durchreise zu sprechen. Er sagt, er sei einer der ältesten und besten Freunde.“ Olivier sah auf und fragte:„Durchreise? ist er zu Fuß?“ „Nein, er kam mit der Post.“ „Wie heißt er? Woher ist er?“ „Das will er nicht sagen.“ „Er soll mich ruhig lassen. Ich will ihn nicht sehen!“ rief Olivier und machte dem Jüngling eine Bewegung mit der Hand, sich fortzubegeben. „Aber du mußt mich doch sehen, Olivier!“ ri f ich und trat hervor und verneigte mich mit einer Entschuldigung gegen das Frauenzimmer. Er, ohne sich zu bewegen, ohne meinen Gruß zu erwidern, drehte verdießlich den Kopf nach mir, musterte mich eine Weile mit scharfem Blick, ward ernster, legte das Buch weg, trat näher gegen mich vor und sagte:„Mit wem habe ich zu sprechen?“ „Wie, Achilles kennt seinen Patroklus nicht mehr?“ entgegnete ich ihm. „O Popoi!“ fuhr er hochbestürzt auf, indem er die Arme auseinander breitete.„Sei will⸗ kommen, mein edler Patroklus im französischen Frack und gepuderten Haar!“— Damit lag er an meiner Brust. Trotz seiner sarkastischen Anrede wurden er und ich bewegt und zu Tränen weich. In dieser Umarmung ver⸗ schwand ein Zwischenraum von zwanzig Jahren. Wir atmeten wieder wie an den Ufern der Leine, wie zu Bovenden, Nörten und auf den Schloßtrümmern von Gleichen. Darauf führte er mich mit freudeleuchtenden Augen zu der reizenden jungen Mutter, die verschämt errötete, und sagte zu ihr:„Sieh, dies ist Norbert, du kennst ihn ja aus mancher meiner Erzählungen!“ und zu mir:„Das ist mein liebes Weib.“ Sle lächelte mich mit einem wahrhaften Engelslächeln unter ihren Locken an und sagte mit einer Miene und einer Stimme, in der noch unendlich mehr Güte lag als in ihrem Worte:„Edler Freund meines Oliviers, sei mir recht sehr willkommen. Ich habe lange schon das Vergnügen deiner persönlichen Be⸗ kanntschaft gewünscht.“ Ich wollte etwas Verbindliches erwidern, aber ich gestehe, das überraschende, trauliche Du, welches mir Unbekannten, von so lieblichen Lippen und so unbefangen hingesprochen, ent⸗ gegenklang, stieß mich einen Augenblick lang aus aller Fassung. „Meine Gnädige,“ stammelte ich endlich, „ich habe mit dem Umweg von mehr denn zwanzig Meilen das Glück nicht zu teuer erkauft, Sie und Ihren Herrn Gemahl, meinen ältesten Freund.. 8. „Holla, Norbert!“ unterbrach mich Olivier lachend,„nur gleich beim Anfang ein vorläufiges Wort, eine Bitte: nenne meine Frau, wie du deinen Gott nennst, einfach„du“. Störe die schlichten Sitten von Flyeln nicht mit den Schnörkeln deutscher Zeremonien⸗ und Kompli⸗ mentenmeister; das gäbe unleidlichen Mißklang in unsern Ohren. Bilde dir jetzt ein, du seiest von Deutschland und Europa zweitausend Jahre oder zweitausend Meilen weit geschieden und lebest wieder in einer ganz natürlichen Welt, etwa, wenn du willst, im Zeitalter des viel⸗ weisen Odysseus.“ „Also, Olivier,“ sagte ich,„und du begreifst es, mit einer so liebenswürdigen Frau du und du zu sein, läßt man sich nicht zweimal bitten — also, Frau Baronin, du...“ „Noch e nmal halt!“ rief Olivier laut lachend dazwischen.„Deine Baronin sieht zum Du wie dein französischer Frack und der rasierte Bart zum Patroklusnamen. Meine Bauern sind nicht mehr Leibeigene, sondern Freiherren; ich und meine Frau sind aber nicht mehr und nicht minder Barone, als es meine Bauern sind. Nenne meine Amalie, wie sie hier jeder nennt, Mutter— der edelste Name des Weibes— oder Frau.“ „Es scheint,“ versetzte ich,„ihr lieben Leute habt hier mitten im Königreiche eine neue Republik gegründet und allen Adel abgeschafft.“ „Richtig, allen, bis auf den Adel der Ge⸗ sinnungen!“ antwortete Olivier.„Und daraus siehst du, wir sind hier zu Lande noch unendlich aristokratischer als in eurem Deutschland. Denn bei euch dort trägt der Gemütsadel wahrhaftig wenig ein, und der Geburtsadel sinkt auch in den Kot, wohin er von Rechts wegen gehört.“ „Um Verzeihung, du bist etwas jakobinisch gelaunt!“ entgegnete ich.„Wer sagt dir, daß der Geburtsadel bei uns in der öffentlichen Meinung fällt?“ „O Popot!“ rief er,„muß ich denn dich noch belehren? Ich kannte vor Jahren noch einen armen, lumpigen Juden, den eure frommen Christen lieber ungeboren als geboren gesehen hätten. Ee schacherte sich aber so piel zusammen, daß er bald Briefe von der Post mit dem Prädikat Edelgeboren erhielt. Nach einigen Jahren war er ein reicher Mann; und die höflichen Deutschen begriffen sogleich, daß der Mann von äußerst guter Geburt sein müsse. Alles schrieb ihm von da an sogleich als einem Wohlgeborenen Herrn Bankier. Der Bankier half aber mit seinen Dukaten Finanzministern und völkerbeglückenden Kriegsministern aus der Geldklemme. Auf der Stelle ward der nützliche Millionär ein Hochwohlgeborener Herr Baron von und zu.— Diese Aufklärung der Deutschen, dieser Spott mit dem Adelwesen führt in wenigen Jahrhunderten weiter als du glaubst. Ich hoffe aber, ist der Geburtsadel bei euch null, wird der Gemütsadel sich wieder gültig machen.“ Die Baronin, um ihren Säugling in Ruhe zu bringen und mein Zimmer zu ordnen, verlteß uns mit den Kindern. Olivier führte mich durch seinen Garten, dessen Beete mit den schönsten Blumen zefüllt waren. Um einen Springbrunnen standen auf hohen Sockeln von schwarzem Gestein weiße marmorne Brustbilder mit goldenen Unterschriften. Ich las da: Sokrates, Cincinnatus, Kolumbus, Luther, Bartholomeo des las Casas, Rousseau, Franklin, Peter der Große. „Ich sehe, du liebst noch gute Gesellschaft!“ sagte ich.„Kann man unter den Lebendigen Liebenswürdigere finden als dein niedliches Weib mit den beiden Amoretten und unter den Toten Ehrwürdigere als diese da?“ „Hast du an meinem guten Geschmack ge⸗ zweifelt?“ antwortete Olivier. 5 „Das eben nicht; aber, Olivier, du ziehst dich doch, höre ich, von aller Welt zurück!“ versetzte ih. „Eben weil ich nur gute Gesellschaft liebe, die nirgends weniger in Europa daheim ist als in der Gesellschaft von gutem Ton.“ „Doch wirst du zugeben, lieber Olivier, daß 8 Flyeln noch gute Gesellschaft mög⸗ ich sei.“ „Allerdings, Norbert, nur möchte ich keine Jahre und Geldsummen verschwenden, um sie zu suchen. Laß uns davon abbrechen. Ihr Europäer seid von der heiligen Einfalt der Natur, wie im Wichtigsten, so im Geringsten, so ungeheuer abgewichen, seit Jahrtausenden zu solchen verkünstelten Tieren veraltet, daß euch die Unnatur zur vollen Natur geworden ist und ihr einen schlichten Menschen gar nicht mehr versteht. Ihr seid Zerrbilder des menschlichen Geschlechts geworden, von außen und von innen, daß einem gesunden Wesen mitten unter euch grauen muß. Nein, du ehrlicher Norbert, brechen wir davon ab. Du würdest mich gar nicht verstehen, wenn ich redete. Ich schätze dich, ich liebe dich, ich bedaure dich.“ „Bedauern? Warum das?“ „Weil du unter Narren lebst und wider dein Wissen mit Narr sein mußt.“ Bei diesen Worten Oliviers merkte ich, daß er zu seiner fixen Idee überging. Es ward mir unheimlich bei ihm. Ich wollte ihn auf andere Gegenstände leiten, sah ängstlich umher und fing an, da mir eben sein Bart wieder auffiel, seinen Bart zu loben, und wie er ihm so wohl stehe.„Seit wann läßt du ihn wachsen?“ fragte ich. „Seit ich zur Vernunft zurückkehrte und den Mut hatte, vernünftig zu sein.— Gefällt er dir auch wirklich, Norbert? Warum trägst V ihn nicht auch?“ Ich zuckte die Achseln und sagte:„Wenn's allgemeine Sitte wäre, ich trüge ihn mit Freuden.“ „Da haben wir's! Weil also die Narrheit Sitte ist, die Natur mit dem Barbiermesser auch am Kinn des Mannes mit Stumpf und Stiel auszurotten, hast du nicht eiumal den Mut, auch nur in dieser Kleinigkeit vernünftig zu sein. Diesen Schmuck des Mannes gab Mutter Natur so wenig vergebens als die Locken des Hauptes. Aber der Mensch in seinem Wahnsinn bildete sich ein, weiser als der Schöpfer zu sein, und schmierte Seife ums Kinn und glättete es mit dem Messer. Solauge die Nationen nicht ganz von der Natur abgefallen waren, behielten sie noch den Bart bei. Trotz⸗ dem, daß ihn noch Crristus und die Apostel trugen, erklärte ihn erst Papst Gregor VII. in den Bann. Und doch behielten ihn die Geist⸗ lichen am längsten bei, wie heut' noch die Kapuziner. Aber als alte Gecken begannen, sich ihres grauen Haares zu schämen, fingen sie an, es am Kinn zu veitilgen und auf dem Kopf unter Perücken zu verstecken. Weil man sich gegenseitig in allem zu belügen gewohnt war, suchte man sich auch um das Alter zu belügen. Greise hüpften mit blonden Haupt⸗ haaren und glattem Kinn wie weibische Jüng⸗ linge, und das machte auch ihre Gemütsart weibischer. Und alle andern folgten, weil ste zur Wahrheit keinen Mut hatten. Stelle mir neben die Heldengestalt eines Achilles, Alexander oder Julius Cäsar einen unserer heutigen Ge⸗ neralfeldmarschall⸗Leutnants in ihrer geschmack⸗ losen Uniform, einen unserer Elegants mit dickem Halstuch und Zierbengel im Tanzmeister⸗ schritt neben einen Ankinous; dich, Herr Geheim⸗ rat von Norbert, neben einen Senator des alten Griechenlands oder Roms, muß man da nicht über unsere Karikaturen aus vollem Halse lachen?“ „Du hast recht, Olivier,“ sagte ich verlegen, „und wer wird leugnen, daß die altrömische oder griechische Tracht edler als die unsrige sei? Allein bei uns im Norden, wir Europäer, immer der festanschließenden Kleider gewohnt und bedürftig, würden uns bei dem malerischen Faltenwurf der etwas unbehaglich fühlen.“ 8 (Fortsetzung folgt.) — 8.* ..... ͤ ͤ ͤ ͤ— Orientalen und Südländer N 1 —— liebe, als daß mög⸗ keine il e Ihr ten, en 5 1 2 9 zicht ö ick! t de ei t und mehr lichen inen, euch bert, 1 schätz wider „ daß watd n auf umher wieder r ihn hsen? ad den allt er igt du Venn den. artet meet F 1b al den nünftg 5 bet ls di stine öpft U 10 a7 die uefallen Tut Apostl I. Geil och de ante, laeuft f da il un Roh ln Hall J ni, weil se fle Ul bang, en, 5 15 1. nel 1 0 Nr. 8. Mitteldentsche Sonntags⸗ Zeitung. Seite 7. Christliche Wohltätigkeit. Vor dem Pppellgerichtshof in Nan ch(Frank⸗ reich) begannen am vorigen Mittwoch die Verhandlungen in dem Prozeß, den Fräulein Marie Lecoanet gegen das Kloster„zum guten Hirten“ an estrengt hat. Die Klägerin verlangt 20,000 Frs. Schadenersatz, weil sie in dem Kloster ihre Gesundheit und ihr Augen⸗ licht eingebüßt hat. In der ersten Instanz wurde sie abgewiesen. Das Appellgericht stieß jedoch diese Eutscheidung um und ordnete eine eingehende Untersuchung darüber an, ob die Angaben der Klägerin über die Zustände im Kloster begründet seien. Die Untersuchung hat nahezu zwei Jahre gedauert, und es sind 65 Zeugen vernommen worden, deren Aussagen vom Vertreter der Klägerin in der Verhandlung vorgebracht werden. Zuerst wurde der Ursprung der Affaire erörtert. Marie Lecoanet hatte bald nach dem Verlust ihrer Gesundheit und ihrer Augen Schadenersatz verlangt, aber sie fand nirgends Gehör. Da trat der Bischof Turinaz von Nancy auf. Er sah, daß die Schwestern zum guten Hirten prächtige Bauten aufführten, und fand doch in dem ihm alljährlich vorgelegten Budget des Klosters nirgends die Mittel dazu verzeichnet. Er ließ das Budget des Klosters durch eine besondere Kommission prüfen und diese fand, daß die dem Bischof vorgelegte Abrechnung falsch war. Der Bischof forschte weiter, und es stellte sich her⸗ aus, daß die Arbeit der jungen Mädchen das Kloster bereichere. Er fand auch, wie er aus⸗ drückte,„daß im ganzen Lande kein Arbeitgeber so gottlos ist, seine Ar- beiter und Arbeiterinnen so auszu⸗ beuten, wie die Nonnen die Mädchen behandeln, an denen sie angeblich„ein Werk der Wohltätigkeit“ verrichten.“ Der„gute Hirte“ hat 221 Anstalten, in denen außer 7000 Nonnen oder Schwestern 48000 Arbeiterinnen beschäftigt sind. Ist die schlechte Behandlung der Arbeiterinnen überall die gleiche? Auf diese Frage antwortete der Bischof:„Diese Verbrechen werden sicher in allen Häusern des guten Hirten verübt; der klare Beweis dafür liegt darin, daß trotz aller meiner Klagen die Provinzialin und die Generalsuperiorin das Verhalten ihrer Schwestern in Nancy verteidigen und billigen.“ Der Bischof verklagte die Nonnen in Rom; fünf Erzbischöfe und fünfzehn Bischöfe unterstützen ihn. So wurde die Sache bekannt; der Sozialist Fourniere interpellierte in der Kammer und das Ministerium Waldeck⸗ Rousseau ordnete eine administrative Unter⸗ suchung an, die so viel belastendes Material zu Tage förderte, daß Marte Lecoanet ihren Prozeß beginnen und das Appellgericht die gerichtliche Untersuchung anordnen konnte. Der Vertreter der Klägerin stellte fest, daß die Nonnen in zahlreichen Fällen versuchten, auf die Zeugen einzuwirken, damit sie nichts Un⸗ günstiges aussagten. Das Hauptziel der Nonnen war, möglichst viel Arbeit zu er⸗ zielen. Den Mädchen wurde Arbeit auferlegt, ohne Rücksicht auf ihre Leistungsfähigkeit. So mußten z. B. drei Mädchen alle Tage zwei Säcke Mehl von 200 Kilo verbacken, eine Arbeit, die sehr kräftige und geübte Männer erfordert. Der Unterricht wurde vernachlässigt; mau ließ die Mädchen nicht einmal lesen lernen. Den Mädchen wurde mit der Hölle gedroht, wenn sie nicht fleißig wären; Trägheit sei die schwerste Sünde. Außer der Tages⸗ aufgabe wurden auch noch„mystische Arbeiten“ gesordert, aus deren Exlös die Schmückung für Kirchenfeste und Geschenke für die Oberin bestrütien wurden. Die Mädchen taten diese Arbeiten in der kärglichen freien Zeit, während des Essens oder in der Nacht. Die„mystischen Arbeiten“ waren nicht gerade obligatorisch, aber wehe dem der sie nicht tat! Am meisten gefürchtet war die„Mutter vom Berge Karmel“; idie Zeugen schildern sie als einen wahren „Henkersknecht'“. Wenn man zu ihr kam, mußte man niederknieen und den Boden küssen; sso lange sie sprach, mußte man knieen bleiben, und den Schluß machte wieder ein Bodenkuß. Diese„Mutter“ verlangte auch, daß die Mädchen ühr beichteten; sie habe dazu, behauptetete sie, Vollmacht erhalten. Die Nahrung war schlecht, ungenügend und unreinlich. Nicht einmal genug Brod gab es zu essen. Die Folge der Ueberarbeitung und der schlechten Nahrung waren Krankheiten; Blutarmut und Magen⸗ leiden waren häufig. An den Augen litten namentlich die Stickerinnen. Ein Augenarzt wurde nie gerufen; die Nonnen leisteten selbst ärztliche Hilfe, die auch darnach war. Viele Zeugen erzählen den Fall eines Mädchen, das hochgradig schwindsüchtig war. Als es sich kaum mehr aufrecht halten konnte, bat es, sich ins Bett legen zu dürfen; das wurde ihm verweigert; ein anderes Mädchen, das der Kranken Unterstützung lieh, wurde bestraft. In der Nacht darauf starb die Kranke im Schlaf⸗ saale. Als die Mädchen sahen, daß es mit ihr zu Ende ging, liefen sie zu einer Nonne; diese weigerte sich, zu kommen; es sei doch nur Verstellung. Mit der Reinlichkeit im Hause war es ebenso schlecht bestellt. Die Mädchen hatten nicht einmal Waschschüsseln und bekamen niemals Seife; die Füße konnten sie im Sommer alle sechs Wochen und im Winter alle drei Monate waschen. Ein Bad erhielten sie nie. „Wir hatten,“ erzählen mehrere Zeugen,„für unsere Reinlichkeit nur einen Wasserkrug mit ein paar Gläsern Wasser drin. Wir wuschen uns indem wir das Wasser über Gesicht und Hände in den Nachttopf laufen ließen.“ Das viele Waschen, sagten die Nonnen, sei eine Sünde und große Sorge für Reinlichkeit sogar eine Todsünde. Für die geschlechtliche Reinig⸗ ungsbedürfnisse der Mädchen dienten die alten, unbrauchbaren Kleider und Unterröcke; sie wurden alle Viertel- oder Halbjahre gewechselt, und die Mädchen mußten sie in ihren Stroh⸗ säcken verbergen, wo sie trocknen konnten. Um die fleißigeren Mädchen im Kloster zu behalten, wendeten die Nonnen alle möglichen Mittel und sogar die Klausur an. In Bezug auf einen besonderen Fall wies der Vertreter der Klägerin nach, daß Marie Lecoanet durch über— mäßige Anstrengung und Mangel an genügender Nahrung die Gesundheit und ihr Augenlicht verloren habe. Im Anschluß daran kritisierte er die Kontre⸗Enquete, die Aussagen der Ent⸗ lastungszeuginnen, die von den Nonnen gestellt worden sind. Er zeigte, daß diese Aussagen vereinbart sind, denn sie behaupten alle, die Augenkrankheit der Marie Lecoanet käme von ihren Skropheln her, während doch die Sach— verständigen festgestellt haben, daß sie keine Spur von Skropheln aufweise. Auch die Form der Aussagen ist stereotyp; die Zeuginnen brauchen fast alle den ungewöhnlichen Ausdruck „J'attribue“, wenn sie sagen wollen, welcher Ursache sie die Augenkrankheit der Marie Lecoanet zuschreiben. Kastraten am Hofe des Papstes. Die Berliner„Volksztg.“ brachte vor einiger Zeit die Mitteilung, der Papst lasse in stiller Duldung Söhne armer Leute aus der Hefe des päpstlichen Rom kastrieren und dadurch lebenslänglich seelisch tief unglücklich machen, und zwar nur zu dem Zwecke, um sich von 40 Erwachsenen eine Hymne im hohen Sopran vorkrähen zu lassen. Wie alle die Klerisei kompromittierenden Nachrichten, so wird natür— lich auch diese dementiert.„Es ist durchaus unrichtig,“ schreibt die fromme„Germania“, „daß auf Veranlassung oder auch nur mit Billigung des Papstes solche Verstümmelungen vorgenommen werden. Für diese Unsitte, die in Italien leider noch nicht ganz ausgerottet werden konnte(2), ist nicht die Kirche, sondern sind nur die Eltern der Sänger oder diese selbst verantwortlich. Insbesondere Papst Leo XIII. mißbilligt entschieden diese Unsitte, deren völlige Abschaffung bisher teils an dem Unverstande des Volkes, teils an dem hart⸗ näckigen Widerstande der Dirigenten, die als hervorragende Künstler sehr empfindlich auf ihre Unabhängigkeit bedacht sind(sic!, schei⸗ terte. Die Theologen verwerfen die Verstümme⸗ lung mit aller Entschiedenheit.“ Daß solche Verstümmelungen vorgenommen werden, wird zugegebe:; das ultramoutane Blatt sucht die geradezu barbarische Unsttte nur zu beschönigen. Zur Abstellung dieser scheußlichen Türkensttte sollen die Päpste, die sich so meisterhaft auf die Ausrottung der Ketzer verstanden haben, mit Rücksicht auf die„Unabhängigkeit“ der Dirigenten ihrer„himmlischen“ Kapelle zu schwach gewesen sein? Nun, um die Wende des 18. Jahrhunderts, als der Kirchenstaat der Päpste der französischen Okkupation unter⸗ lag, hatte Napoleon J. den barbarischen Brauch verboten und er blieb abgeschafft, bis die Päpste wieder in den Besitz des Kirchenstaates gelangten. Geradezu unqualifizierbar ist die Behauptung, daß die armen Eltern oder gar die unmündigen Knaben, an denen das Verbrechen begangen wird, die Verantwortung zu tragen hätten. Die Eltern würden in ihrem angeblichen„Un⸗ verstande“ ihre Söhne nicht um ihrer Stimmen willen in barbarischer Weise verstümmeln lassen, wenn der Papst die Verstümmelten nicht mehr als Sänger beschäftigte. Unwahr ist, daß die Theologen die Verstümmelung„mit aller Ent⸗ schiedenheit“ verwerfen. Wenn das der Fall gewesen wäre, wie hätte sich dann das Verbrechen bis zum seligen Ende des Kirchenstaates er⸗ halten können? Nein, gerade die Lehren der Theologen, die sich an die Praxis in Rom hielten, haben die Barbarei konserviert. Der Jesuit Tamburini, eine der ersten Autoritäten der älteren Schule, lehrt:„Für die Erlaubt⸗ heit der Entmannung spricht der hinreichende Grund, die schönen Stimmen in der Kirche zu erhalten, damit sie das Lob Gottes singen.“ Auch ein„bauernfreundlicher“ Graf. In Burgfarrnbach, einem kleinen, in Mittelfranken belegenen Dorfe, unweit von Fürth, hat ein Graf Pückler sein Schloß stehen. Dieser Edle brauchte Geld, wie so mancher seiner Kollegen und deshalb etablirte er eine„Sparkasse“ für umwohnende Bauern, Handwerksmeister und sonstige von ihrem Geldüberfluß geplagte Leute. Um diese an sich heranzuziehen, möglichst vielen die„Wohltat“ zukommen zu lassen, verzinste er die eingezahlten Kapitalien mit 4½ pt., während Banken und städtische Sparkassen der Umgegend nur 3 pgt. zahlten. Es fanden sich auch genug, welche sich es zur Ehre rechneten, ihre Erspar⸗ nisse dem Herrn Grafen auszuhändigen, so daß auf diese Weise 1½ Millionen, davon 11 Million allein aus der nächsten Umgegend von Burgfarrubach„auf's Schloß getragen“ wurden. Nunmehr hat sich herausgestellt, daß das Geld so gut wie verloren ist. Der Herr Graf „lesiedirt“ aber immer noch auf seinem Schloß. Die sparsamen Mittelstandsleute haben gar keine Aussicht, wieder zu ihrem Gelde zu kommen, denn die Besitzung des Grafen ist ein Fidei⸗ kommiß und ist so dem edlen Herrn durch standesherrliche Vorrechte als unantastbar gesichert. Er wird also auch in Zukunft noch anständig zu leben haben, wenn ihm die „Bürgerlichen“ auch nichts mehr pumpen sollten; aber eine Reihe kleiner Leute ist an den Bettelstab gebracht. Sollte sich denn der Staatsanwalt nicht für den Herrn Grafen interessieren? Humoristisches. Nach dem Wohltätigkeitsfest. A.:„Heut' Nacht hab' ich einen betrunkenen Herrn im Schnee ge⸗ funden und heimgeschaft.“ B.:„Was hat er dir denn geschenkt?“ A.:„Einen Sektpfropfen.“ (Simpl.) Geschichtskalender. 22. Februar. 1848; Revolution in Frankreich gegen Louis Philipp. 1840: August Bebel,*. 23. 1889: Löbtauer Zuchthausurteil vor dem Reichstag. 1898: Urteil im Zolaprozeß, Paris. 24. 1892: Rede Wilhelm II.:„Nörgler sollen den Staub von den Pantoffeln schütteln,“ 25. 1634: Wallenstein ermordet. Essex geköpft. 26. 1901: Minister⸗Hinrichtung in Pekingz 27. 1900: Burengeneral ronje gefangen. 28. Wilhelm II. Depesche:„Christlich⸗sozial ist Unsinn. 1601: Graf r 5 3 N—— —— — Seite 8. Nr. 8. C Terainand Bennstiel Giessen, Plockstr. 8. Lager iu sämtlichen Kastenmöbeln, poliert u. lackiert, wie Vertikows, Kleiderschränke, Tische, Stühle, Spiegel Iuxusmöbel. Küchenmöbel Spezialität: Betten und Polstermöbel eigener Anfertignug.„ uebernahme vollstand. Ausstattungen. Geschäfts- Eröffnung. 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