Nr. 51. Gießen, den 20. Dezember 1903. 10. Juhrg Auntags⸗Zeitung. Nedaktion: 2 Nedaktionsschluß: Kirchenpiaß 11, Schloßgasse. Mitteld eutsche Donnerstag Nachmittag 2 Ur. —— N 2 C Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unrer Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P. ⸗Z.⸗K. 5107) Bestellungen Eypedition in Gießen, Rittergasse 17, die 2 FJuserate 2 finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die ögespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33½%% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bei mindestens Sozialdemokratie und Bürgertum. Am Mittwoch vor acht Tagen hat die Ge⸗ neraldebatte über den Reichshaushalts⸗ etat begonnen. Bei dieser Gelegenheit werden bekanntlich alle möglichen Dinge aus dem Ge⸗ biete der inneren und äußeren Politik in den Kreis der Erörterung gezogen. Zoll, Steuer⸗ fragen, Militär- und Marinewesen, Sozial⸗ politik und Rechtspflege, Terrorismus der So⸗ ztaldemokratie, Zukunftsstaat und Dresdener Parteitag— von allem kann geredet werden, ohne daß der Redner zu befürchten braucht, 1 05 Präsidenten„zur Sache“ gerufen zu werden. Drum schien auch dem Herrn Reichskanzler die Gelegenheit passend, die Sozialdemokratie auf seine Art zu„vernichten“. Er wollte dies durch eine„Zukunftsstaatsdebatte“ erreichen, die er heraufzubeschwören versuchte. Vor einem Jahrzehnt gabs schon einmal eine solche, die unserer Partei allerdings nichts geschadet hat. Absicht des Reichskanzlers war jedenfalls, die Aufmerksamkeit von den durch die sozialdemo⸗ kratische Kritik aufgedeckten Mißständen im Reich abzulenften und der Scozialdemo⸗ e kratte die Rolle des Prügeljungen zuzuweisen. Damit ist er aber abgeblitzt, daran andert auch das Freudengeheul der gesamten Kreisblatt und„Ordnungspresse nichts. Zuerst ergriff der neue Schatzsekretär v. Stengel, der früher bayerischer Finanzrat war, das Wort. Er leitete seine Rede damit ein, daß er gewünscht hätte, einen finanziell günstigeren Etat vertreten zu können; aber das Schicksal habe ihn nun einmal dazu verurteilt, in so ungünstiger Zeit den Posten übernehmen zu müssen. Stengel ist ein gewandter Finanz⸗ mann; aber wie er auch die Zahlen gruppierte, immer ist das Resultat: großer„Dalles“. Er hat deshalb ein sogenanntes Finanzreformgesetz vorgelegt, das die Finanzen der Einzelstaaten sicherstellen soll. Aber bei dem Wort„Finanz⸗ reform“ kann man sich schwer etwas anderes denken, als daß neue Steuern bewilligt werden sollen. Hätten die Finanzminister entschieden Front gemacht gegen die Rüstungen zu Wasser und zu Lande und dem Kriegs⸗ und Marineminister nicht mehr Mittel zur Verfügung gestellt, als auch in schlechten Jahren aufgebracht werden, dann wäre eine gesunde Finanzwirtschaft im Reiche und den Einzelstaaten möglich gewesen. Keinem Politiker war es ein Geheimnis und unsere Genossen haben es bei jeder Militär⸗ und Marine⸗Vorlage ausgesprochen, daß diese Lasten nicht auf die Dauer getragen werden können. Aber vom Kriegsministerium und im Reichsmarineamt stellte man immer höhere Forderungen. Jetzt weiß man nicht mehr, wo Geld hernehmen, trotzdem will der Marine⸗ minister noch viele neue Schiffe, der Kriegs- minister neue Kavallerieregimenter und neue Kanonen haben. Erster Redner aus dem Hause war Zen⸗ trumsmann Dr Schädler aus Bamberg, der mit einer widerlichen Byzantinerei begann. Dann erörtete er eine Menge von Kleinigkeiten. Inm bunten Durcheinander brachte er Jesuiten⸗ gesetz, Diäten für Reichstagsabgeordnete, Sol⸗ 9 datenmißhandlungen, Prozeß Kwileckt, Koali⸗ tiousrecht der Arbeiter, Ungleichheit in der p ˖— ˖—— — r ee 9 . Als zweiter Redner aus dem Hause gab unser alter Genosse Bebel der Meinung der Dreimillionen⸗Partei Ausdruck. Er hielt Ab⸗ rechnung mit der Regierung und den herrschen⸗ den Parteien. Er ging aus von dem Jammerbild des Etats, dessen Elend selbst seine Vorredner vom vorhergehenden Tage nicht hatten übersehen können und wies dem jetzt so kritischen Zen⸗ trum, wie es ihm gebührt, ein gerüttelt Maß der Schuld an der unsinnigen Verschwen⸗ derwirtschaft der Prosperitätsjahre zu. „Ohne Ihre Zustimmung zu den großen Flotten⸗ gesetzen— rief er dem Zentrum zu— und den anderen Forderungen der verbündeten Regierungen an den Reichs⸗ tag wäre es gar nicht möglich, daß wir in die gegen⸗ wärtige Situation gekommen wären. Trotzdem Ihre Redner 1896, als die ersten Anzeichen hervortraten, daß an gewisser entscheidender Stelle die Absicht be⸗ stehe, auch der deutschen Marine einen ersten Platz in der Welt zu verschaff n, erklärten, es sei unmöglich, auf zwei Gebieten Weltmacht zu sein, Deutschland könne die Lasten unmöglich tragen, war Ihr Widerstand im Herbst 1897 gebrochen und 1898 bewilligten Sie die erste große Flottenvorlage, zwei Jahre später die zweite. Niemand hat also weniger Recht, über die gegenwärtige finanzielle Situation zu klagen, als das Zentrum. Sind Sie es denn nicht gewesen, die allen anderen Ausgaben freudigen Herzens Ihre Zustimmung gegeben haben. Ihr Bischof Anzer trägt die moralische Urheberschaft für die Besetzung Kiautschous. Diese Tat⸗ sachen haben wir beim Chinazug genügend erörtert, da hilft Ihnen kein Leugnen.“ Die sozialdemokratische Partei lehne die neue Finanzvorlage ab, erklärte Bebel weiter, die nur die Einleitung zu neuen in⸗ direkten Steuern, zu neuen Raubzügen auf die Taschen des schwer arbeitenden Volkes bildet, und obendrein die Vertretung des Vol⸗ kes zu einem Schattenparlament herab- drückt. An der verzweifelten Finanzlage sei zunächst die verfehlte Kolonialpolitik schuld, besonders Kiautschou, die letzte der Kolonien. „Ich habe immer geglaubt, daß in Kiautschou viel⸗ leicht doch etwas zu machen sei. Nach dem aber, was ich bis heute erfahren habe, sind auch meine letzten Hoffnungen geschwunden. Handel und Verkehr sind dort gleich Null; ausgeführt wird so gut wie gar nichts. unsere Einfuhr beschränkt sich auf das, was zur Er⸗ haltung der Besatzung u. s. w. notwendig ist. Herr Schädler hat darauf hingewiesen, daß sich im fernen Osten Gewitterwolken zusammenzuziehen scheinen. Fest steht jedenfalls, daß dort in der Zukunft große Ent⸗ scheidungen fallen werden, die uns auf das ernsteste in Mitleidenschaft ziehen können weit über unsere finan⸗ ziellen und Handelsinteressen hinaus, die wir bis heute in Ostasien zu vertreten haben. Wir hatten 1897 eine Einfuhr nach Deutschland von China von 57,4 Millio⸗ nen Mark, im Jahre 1902 beträgt diese Einfuhr, nachdem sie inzwischen gesunken ist, erst wieder 55,5 Millionen. Und was haben wir alles für Aufwend⸗ ungen in dieser Zeit für China gehabt! 70 Millionen für Ktautschou, die Stationierung der Schiffe, die Un⸗ terhaltung der ostastatischen Expedition usw. usw. Die Ausfuhr Deutschlands nach China betrug 1898 48 Millionen Mark, 1890 92,9 Millionen, sank dann 1901 auf 47,5 Millionen und beträgt 1902 erst wieder 48 Millionen. Das ist doch das denkbar traurigste Resultat unserer Politik. Dabei unterhalten wir noch eine besondere Dampferverbindung nach China, welche uns ebenfalls bedeutende Ausgaben auferlegt. Wenn der Herr Reichskanzler vor Jahr und Tag aus⸗ Rechtsprechung, und wer weiß, was sonst noch.] was Rußland in und mit der Mandschurei beginne, dann halte ich das für eine sehr große Täuschung. Wie ich die Stellung Deutschlands zu dem japanesisch⸗ chinesischen Kriege nicht begreifen konnte, so halte ich auch die jetzige Haltung Deutschlands den russischen Eroberungslüsten in Ostasien gegenüber für verfehlt. Allerdings will ich nicht etwa für eine aktive Weltpolitit Deutschlands damit eintreten, aber Deutschland könnte doch sein moralisches Gewicht in die Wagschale legen, insbesondere da neben England und Japan auch die Vereinigten Staaten mit großer Sorge auf die Ent⸗ wicklung in China blicken und keinesw gs geneigt sind, Rußland gegenüber sich so passiv zu verhalten, wie es gerade von Deutschland geschieht.“ Des fernern wies Bebel die schwere Be⸗ lastung des Staatshaushalts durch die unüber⸗ legte Neuerungssucht in Heer und Flotte nach. Ein neues Gewehr, seit 1898 in Ein⸗ führung begriffen, heute überholt durch den Selbstlader, neue Geschütze für 144 Millionen Mark, noch während der Herstellung gegenüber den Rohrrücklaufgeschützen veraltet in endloser Reihe Ausgabe auf Ausgabe häufend. Einen raschen Seitenblick wirft unser Redner auf die militärischen Verhältnisse im allgemeinen, den Fall Bilse, die Soldatenmißhandlungen. Er erwähnt noch die Gerüchte betreffs Schaffung eines neuen Schlachtdoppelgeschwaders, um so die Gründe für die grenzenlose Not unsrer Reichskasse zu vervollständigen; dann gibt er das einzige gerechte und zugleich wirksame Aus⸗ kunftsmittel: direkte Reichssteuern, Reichserbschaftssteuer und progresstve Reichsein⸗ kommensteuer. Dann lenkt er die Betrachtung auf Deutsch⸗ lands äußere und innere Zustände. Besonders geht er auf das sozialpolitische Gebiet ein und die Kämpfe, die sich in der letzten Zeit zwischen Kapital und Arbeit abgespielt haben. Zu diesem Kapitel führte er unter anderem aus: „Es ist eine ganz irrige Auffassung, wenn behauptet wird, die Sozialdemokratie bezw. die Gewerkschaften, die man beliebt sozialdemokratisch zu nennen, hätten nichts Besseres zu tun, als fortgesetzt große Kämpfe und große Arbeitseinstellungen zu provozieren. Im Gegenteil, unbeschadet unserer Stellung zur bürgerlichen Gesellschaft und zu unserem Ziele, Umwandlung der⸗ selben in eine sozialistische, haben wir doch das Be⸗ streben, wo irgend möglich, einen friedlichen Ausgleich zwischen Unternehmern und Arbeitern herbeizuführen. (Abg. Pauli: Sehr gut!) Ist Ihnen das denn 8 Dann haben Sie sich sehr wenig um unsere Bestre⸗ bungen gekümmert oder Sie haben Ihre Kenntnis nur aus Zerrbildern. Besondere Entrüstung, ja Empörung muß in der Arbeiterschaft die Auslegung der Para⸗ graphen 152 und 153 der Gewerbeordnung erregen, sowie die unglaubliche Auslegung des Erpressungspara⸗ graphen. Unausgesetzt müssen große, organisierte Ar⸗ beitergruppen um das ihnen gesetzlich gewährleistete Recht der Koalition bis aufs äußerste kämpfen. Dies Recht wied ihnen besonders von den Unternehmern in schroffer Weise genommen. Ich erinnere nur an die Kämpfe in Iserlohn, Pirmasens, Bremerhaven usw, wo nach wochenlangem Ringen Tausende von Arbeit rn mit ihren Familien dem Elend preisgegeben wurden, weil die Unternehmer mit brutaler Anwendung ihrer sozialen Gewalt verlangen, daß die Arbeiter aus ihren Fachorganisationen austreten. Das ist eine Brutalität sondergleichen.(Unruhe rechts. Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Und das Allerschlimmste ist, wenn dann infolge der Erbitterunn und des Hasses, die notwendig aus derartigen Maßregelg hervorgehen, kleine Gesetz sübertretungen stattfinden und drücklich erklärte, Deutschland habe kein Interesse daran,! Polizei und Staatsanwalt die Arbeiter auf die An— * e — — Seite 2. Mitteldeulsche Sountags⸗ Zeitung. Nr. 51. klagebank zerren und mit sch weren Strafen be⸗ legen, die Unternehmer aber, welche die Kämpfe provoziert, den Haß und die Erbitterung erzeugt haben, frei ausgehen und noch von Polizei und Gendarm in Schutz genommen werden. Diesen Zustand der Dinge können sich die deutschen Arbeiter auf die Dauer un⸗ möglich gefallen lassen. In Meißen, wo die Töpfer⸗ industrie sehr hoch entwickelt ist, wird an die Arbeiter die Aufforderung gerichtet, sie sollten aus ihrem Ver⸗ baud austreten, widrigenfalls sie insgesamt auf die Straße geworfen würden. Zu meiner großen Ueber⸗ raschung folgten die Arbeiter dieser brutalen Forder⸗ ung, sie traten einmütig aus. Und was geschah? Ihnen wurde trotzdem am vorigen Sonnabend gekündigt und sie werden jetzt kurz vor Weihnachten aufs Pflaster geworfen. Kann es etwas Gemeineres, Nie⸗ derträchtigeres, etwas Wortbrüchigeres und Ehr⸗ loseres geben?(Große Unruhe rechts, lebhaftes Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Wenn Zuchthaus⸗ gesetze an der Ordnung wären— hier wären sie am Platze gegen diese elenden Männer. Und derartige Beispiele kommen von Jahr zu Jahr in Deutschland an allen Ecken und Enden vor. Sie haben keinen Be⸗ griff davon, welche Gemütsstimmung die Hunderttausende von Arbeitern erfaßt, die in dieser Weise behandelt werden. Aus solchen Taten heraus ist allerdings das Sie erschreckende Anwachsen der Sozialdemokratie durch⸗ aus erklärlich.“ In Crimmitsch au stehen jetzt 7000 Arbeiter in der 16. Woche im Streik. Die Arbeiter sind ausgesperrt worden, weil sie eine Verkürzung der Arbeitszeit von 11 ouf 10 Stunden, eine Verlängerung der Mittagspause von einer Stunde auf eineinhalb Stunden, und eine Lohnerhöhung von 5 bis 10 Prozent gefordert hatten. Die Löhne in Crimmitschau sind schlecht. Selbst die „Kölnische Zeitung“ hat darauf hingewiesen, daß im Rheinland höhere Löhne gezahlt werden. Die Arbeitgeber haben bei der Aussperrung von ihrer Macht Gebrauch gemacht. Sie haben den Arbeitern den Krieg erklärt, in diesem Krieg aber müssen nun auch die Waffen gleich sein. Es ist die verdammte Pflicht und Schuldigkeit des Staates und der Behörden, daß sie sich neutral ver⸗ halten. Die Crimmitschauer Behörden haben sich aber zu Gunsten der Arbeitgeber in unerhörter Weise eingemischt. Die paar Arbeitgeber haben es leicht, sich zu verständigen. Die tausende von Arbeitern müssen aber in Massenversammlungen zusammenkommen, und dieses Zusammenkommen wird ihnen jetzt unmöglich ge⸗ macht. Wir sind das ja von Sachsen gewöhnt. Mir ist kein Fall bekannt, daß ein höherer sächsischer Staats⸗ beamter einmal auf die Seite der Arbeiter getreten wäre, immer auf Seite der Unternehmer, Unterdrücker und Aus⸗ beuter. Anfangs hat ja der Crimmitschauer Bürger⸗ meister vermitteln wollen; die Arbeitgeber haben es zurückgewiesen, ebenso wie eine Vermittlung des Ge⸗ werbegerichts. Ausschreitungen sind dabei so gut wie gar nicht vorgekommen. Ich kann Ihnen(nach rechts) nur sagen, die Selbstbeherrschung, welche die Crimmit⸗ schauer Arbeiter bewiesen haben, hätten Sie in ähn⸗ lichen Fällen nicht beobachtet. Man ist zu einer neuen Ausmessung der Säle geschritten; Säle, die nach be⸗ hördlicher Schätzung für 1000 Persauen Raum bieten, sollen jetzt nur für 900 Personen Platz haben, gerade als ob die Arbeiter während der langen Hungerwochen um so viel dicker geworden wären. Zu solchen Mitteln greifen die Behörden gegen die armen Arbeiter. Dieses Vorgehen ist ja erklärlich, wenn man hört, daß der Bürgermeister von Crimmitschau der Schwiegersohn elner der reichsten Fabrikanten ist, daß ein großer Teil der Fabrikanten in der Stadtverordnetenversammlung und im Stadtrat sitzt. In den letzten Tagen ist nun ein Ukas der Amtshauptmannschaft ergangen, in dem jedes Tanzvergnügen, jede Versammlung untersagt, sozusagen der kleine Belagerungs zustand über Crimmit⸗ schau verhängt wird. Mit Gewalt will man die Arbe ter unter die Füße der Unternehmer drücken. Ist das nicht skandalös? Ist das nicht ein Mißbrauch der Amtsge— walt? Die Auszahlung der Unterstützungsgelder geschieht in zahlreichen Lokalen, aber trotz der vielen Lokale sind natürlich Ansammlungen dabei nicht zu vermeiden. Von der Polizei wird aber jede Ansammlung vor den Türen verboten, und in den Lokalen dürfen außer dem Komitee nicht mehr als 6 Streikende zur Empfangnahme der Gelder auf einmal sich aufhalten. In jedem Lokal sind zwei Gendarmen postiert, welche diesen sechs Leuten sogar jede Unterhaltung verbieten. Das ist standalös, das ist mit einem Wort echt sächsisch.(Der sächsische Geheimrat Fischer widerspricht hier lebhaft und es entsteht ein heftiger Disput zwischen ihm und dem in seiner Nähe sitzenden sozialdemokratischen Abgeordneten.) Man hat die Flugblätter der Arbeiter konfisziert und sie selbst ins Gefängnis geworfen; aber als ein Fabrikant einen Arbeiter anfaßte und ihm seinen Rock zerriß, da hat der Staatsanwalt das Einschreiten abgelehnt. Das sind empörende Zustände für die sächsische Arbeiter⸗ klasse! Das soziale und wirtschaftliche Leben Crimmit⸗ schaus wird vollständig vernichtet, hunderte und aber⸗ hunderte von kleinen Geschäftsleuten gehen bankerott, die Hauswirte bekommen keine Miete, die Industrie hat den schwersten Schaden. Die Hartnäckigkeit des Unter⸗ nehmertums, wo die Textilindustrie wie nie blüht, ist unbegreiflich. Dabei ist alle Erfahrung dafür, daß die Abkürzung der Arbeitszeit von 11 auf 10 Stunden keinen Schaden bringt; keine einzige Industrie der Welt ist bis heute durch Arbeiterschutzmaßregeln in ihrem Bestand angetastet worden, sondern, sobald sie sich an⸗ gepaßt hat, floriert sie wie nie. Die Unternehmer sagen: Gegen den 10 Stundentag hätten wir nichts, aber er müßte gesetzlich für alle eingeführt wrrden. Jawohl, wenn wir hier einen Antrag ein⸗ bringen, stimmen Sie, die Unternehmer, ihn nieder. In seinen weiteren Ausführungen wies Bebel auf die Schwäche Deutschlands gegenüber Rußland hin, das ein Heer von Polizeibe⸗ amten in Deutschland unterhält, denen die deutsche Polizei zur Verfügung steht und Hand⸗ langerdienste leistet. Unser Genosse schloß mit den Worten:„Nach allen Seiten hin haben sich also unsere Zustände höchst unerfreulich gestaltet. Die Masse der Bevölkerung aber verlangt immer dringender, neben der Sicherung ihrer materiellen Wohlfahrt, geistige Freiheit und Gerechtigkeit. Nicht„rückwärts“, sondern„vorwärts“ lautet die Losung. Sie würden gut tun, Ihre Maß⸗ nahmen danach einzurichten.“ Wir bedauern nur, daß uns der zur Ver⸗ fügung stehende knappe Raum zwingt, von einer vollständigen Wiedergabe der Rede unseres bewährten Vorkämpfers Abstand zu nehmen. Selbstverständlich würden wir in diesem Falle auch die Rede Bülows, mit der er Bebel autwortete, wörtlich abdrucken, unsere Leser könnten dann leichter beurteilen, ob sie wirklich das begeisterte Lob verdient, das ihr von der gesamten bürgerlichen Presse ge⸗ zollt wird. Also der Reichskanzler antwortete. Aber auf etwas, was Bebel nicht gesagt hatte. Vielleicht dachte er sich vorher, daß Bebel es sagen würde und hatte sich darauf eine feine Rede aufgebaut. Die Polizeidienste für Rußland wagte er nicht in Abrede zu stellen, er beklagt sich nur über Bebels„maß⸗ losen“ Ton gegenüber der„befreundeten Macht“. — Der Hauptinhalt seiner Rede bildete eine Kritik des Zukunftsstaates! Er stellte sich dabei gewissermaßen als zweiter Vater der berühmten Spar-Agnes vor, die Eugen Richter vor mehr als zehn Jahren zur Welt gebracht hat. Offenbar hat Graf Bülow die„Zukunftsbilder“ und„Irrlehren“ Richters eingehend studiert und daraus die Weisheit entnommen, die er nun im Reichstage unter dem Beifallsgebrüll der Geldsack⸗Mehrheit ver⸗ kündete. Eine Probe davon ist der schöne Satz:„Wenn die Diktatur des Proletariats einmal die Teilung aller Güter erzwänge, risse morgen doch schon wieder Ungleichheit ein“. Damit glaubt der deutsche Reichskanzler den Sozialismus vernichtet zu haben. Er machte noch etliche Witze, über welche die Mehrheit sich fürchterlich freute, z. B. den, daß Bebel kein Engel sei und Aehnliches. Etwas Sachliches, ernst zu nehmendes kam aber nicht zu Tage, trotz allen rednerischen Aufwandes. Natürlich auch der Dresdener Parteitag mußte herhalten! Was in aller Welt geht denn der den Reichskanzler an? Aufgabe des ersten Beamten im Reich wäre vielmehr, für gesunde Zustände im Reich zu sorgen, die an jenen Zuständen geübte Kritik zu beachten und zu prüfen, wo zum Wohle der Gesamtheit gebessert werden kann. Von dieser Pflicht sich durch billige Witze zu drücken, das kann schließlich einer, den man für einen weniger großen Geist hält als den Grafen Bülow und der für weniger Geld zu haben ist. Viel weniger interessant war die Debatte am Freitag. Zuerst hielt der Führer der Na⸗ tionalliberalen, Dr. Sattler eine langweilig nüchterne Geschäftsrede, der jeder höhere Standpunkt fehlte. Deutlich hervor trat das Bestreben, die Konkurrenz mit dem Zentrum in Bewilligungseifer und Loyalität gegen oben aufrecht zu erhalten. Die Nationalliberalen sind natürlich für die Finanzreform und für die Ostmarkenzulage, die ste durch eine Anti⸗ welfenpolitik noch ergänzt haben möchten. Der. neue Kriegsminister, General v. Einem, begann seine mit heißem Bemühen vorher aus⸗ gearbeitete Rede beinahe mit derselben Wend⸗ ung, mit der der neue Schatzsekretär begonnen hatte. Auch er hättes lieber über erfreulich ere Dinge gesprochen, als über Forbach und über die Soldatenmißhandlungen. Bemänteln läßt sich da nichts mehr. Als er feierlich erklärte, daß kein zweites Forbach kommen werde, be⸗ gegnete er Aeußerungen des Zweifels.„So lange kein zweiter Bil se kommt!“ antwortete Genosse Bebel am Montag. Herr Eugen Richter beschränkte sich im Wesentlichen auf eine finanztechnische Rede. Seine Bemerkungen über den Militarismus waren recht oberflächlicher Natur. Ausdrücklich versicherte er, daß er die Vorgänge in Forbach nicht für typisch halte. Seine bürgerliche Kritik richtete sich in der Hauptsache gegen die Ka⸗ dettenanstalten und Unterofftziersschulen und bestand in der Klage, daß das bürgerliche Element bei der Besetzung der Offtziersstellen zurückgesetzt werde. Junker Kardorff jammert noch immer über das verlorene Sozialistengesetz, daß nur durch ein Mißverständnis nicht verlängert wor⸗ den sei. Dabei sieht er ein, daß mit Aus⸗ weisungen nichts zu machen ist, und so verlangt er in seiner übergroßen Milde nur, daß jedem Sozialdemokraten auf 5 Jahre das aktive und passive Wahlrecht genommen werde. Das ist sicherlich ein probates Mittel, die 3 Millionen sozialdemokratischer Stimmen loszuwerden. * Am Montag gab Bebel den flachen Witze⸗ machern, deren Zukunftsstaatskindereien die einzige letzte Zuflucht vor der vernichtenden sozialistischen Kritik der Gegenwart gewesen war, die gebührende Antwort. Er übertraf sich dabei noch gegenüber seiner ersten Rede sowohl in Schönheit und Wucht der Sprache, als packender Schärfe des Inhalts. In einer beinahe 3 stündigen Rede, von der ersten bis zur letzten Minute in gleicher Frische, zerpflückte er die Argumente, die seitens der Gegner vorgebracht worden waren. Zunächst wandte er sich gegen Bülow. Die rechte Seite des Hauses suchte diesem zwar anfänglich durch Hohnlachen über Bebels Vorwürfe zu Hilfe zu kommen, aber je gewaltiger und wuchtiger Bebels Anklagen her⸗ niedersausten, um so stiller wurden die vorlauten Herren! Es traf ja den Nagel auf den Kopf, als Bebel sagte, was der Reichskanzler gegen uns vorgebracht, sei lauter altes abgestandenes Zeug gewesen— und das eine, was neu war, seine Kritik des Sozialismus, sei für einen ersten Staatsmann des Reichs am Anfang des 20. Jahrhunderts einfach bejammernswert. Nach Ausführungen gegen den Kriegsminister über Soldatenmißhandlungen sowie über die russische Spitzel⸗ wirtschaft in Deutschland stellte Bebel die Aeußerungen des Reichskanzlers bezüglich der künftigen Sozilal⸗ politik in das richtige Licht. Er fragte: Wo bleibt die endliche Zusicherung der wichtigsten Grund ⸗ rechte der Arbeiter: der Koalitions⸗, der Ver⸗ eins⸗ und Versammlungsfreiheit? Das sind Forder⸗ ungen der gesamten Arbeiterschaft Deutschlands ohne Unterschied der Parteistellung— Bülow aber bringt das keinen Kummer, seine Zukunftsstaatswitze macht er fort und die Gegenwart läßt er so zukunftslos, wie sie war. Daß die Rechte sich freute, als Bebel auf den Terrorismus hinwies, den der Staat gegen Be⸗ amte ausübt, denen die Meinungsfreiheit völlig ge⸗ nommen ist, kann freilich nicht überraschen. Als aber Bebel darauf hinwies, wie der Dresdener Parteitag, von dessen Terrorismus unsre Gegner so viel faseln, ein Jungbrunnen für die Partei gewesen, der uns nur genützt und nicht das geringste geschadet, wie die Nach⸗ wahl in Mittweida beweist, da verbargen die Mehr⸗ heitsparteien ihre Verlegenheit nur schlecht hinter einem erzwungenen Lachen. Bebel zerpflückt dann das bei unsern Gegnern so beliebte und vom Reichskanzler wieder aufgewärmte Gerede von dem„Mangel an positiver Tätig⸗ keit“ unsrer Fraktion. Die platten, haltlosen Ein⸗ würfe Bülows vernichtete Bebel bis auf den letzten Rest. Es sind ja alles„olle Kamellen“, was Bülow da vorgebracht hatte; schon zur Zeit des Sozialisten⸗ gesetzes hatte Eugen Richter diese Methode des Kampfes erfunden. Seine erste Schrift dieser Art: die Irrlehren der Sozialdemokratie sind der Leitfaden für all den Schnickschnack geblieben, den die bürgerlichen Parteien gegen uns vorbringen. Mit welchem Ersolge, das zeigt ja am besten das Los des Erfinders dieser Kampf⸗ methode, eben Eugen Richters! Und auf diese neue gewaltige Anklage, diese neue bittere Kritik des ganzen Regierungs- und Wirtschafts⸗ systems wußte Bülow wieder nichts anderes zu er⸗ widern, als, die alten Witzeleien, kleinliche Sticheleien ccc. rener. eue e e e re 2 r er⸗ he gt lle den Be⸗ ben fag lu, 77.0 0—wi——. 2722... T Nr. 51. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. Seite 3. auf den Dresdner Parteitag und einige leere Phrasen. Fideles Festungsgefängnis. Wachtmeister.— So übersetzen die Stellver⸗ Die Weisheit der Regierenden und der beschränkte Un⸗ Der Domänenpächter Falkenhagen, der treter Gottes die Verordnungen gegen die tertanenverstand ihrer Kritiker spielten dabei die Haupt⸗ rolle, Und das öde Gesalbadere darüber, das auch von wissenschaftlichen Gegnern unserer Partei schon lange als lächerlich bezeichnet worden ist, begann von neuem, wobei Bülow offenbarte, daß er nicht einmal vom Abe des Sozialismus eine Ahnung hat, da er von Be⸗ seltigung des Privateigentums sprach— während unser Programm nur die Beseitigung des Privateigentums an Produktionsmitteln kennt. Welch' großer Unterschied zwischen diesen beiden Forderungen liegt, hat Bülow wirklich nicht begriffen! 5 Ehe die deutsche Volksvertretung am Diens⸗ tag in die Ferien ging, beleuchtete Genosse Stolle nochmals das Vorgehen der Unter⸗ nehmer in Crimmitschau und der sächsischen Regierung. Was sonst noch in der kurzen Tag⸗ ung vorgebracht wurdr, ist von keiner großen Bedeutung. Für die Arbeiterklasse war die Debatte immerhin lehrreich. Sie sieht daraus, wer ihre Interessen vertritt und zugleich, welch' große Geister das deutsche Volk regieren.„Unser die Welt trotz alledem!“ politische Rundschau. Gießen, den 18. Dezemb er. Ein sozialdemokratischer Vizefeldwebel. Ein„Patriot“, konservativer Abgeordneter 0 kürzlich mit der nötigen Entrüstung em Berliner Junkerblatte, daß der preußischen Armee ein leibhaftiger sozialdemokra⸗ tischer Vizefeldwebel der Reserve ange⸗ höre, der bei der letzten Reichstagswahl in einem Wahlkreise der Provinz Sachsen als Kandidat auftrat und um ein Haar gewählt worden wäre. Aus Wahlaufrufen hat der kon⸗ servatibe Biedermann die grauenhafte Tatsache erfahren; er konnte sie nicht fassen, wandte sich um Auskunft an das zuständige Bezirks⸗ kommando, und hier wurde ihm das Unglaub⸗ liche bestätigt. Ja, mehr als das: der sozial⸗ demokratische Vizefeldwebel wurde sogar a m Tage nach der Stichwahl zu einer Uebung einberufen und das Bezirksamt gab ihm das Zeugnis, daß er sich während seiner militärischen Dienstzeit vorzüglich geführt habe; eine Entfernung von seinem Dienstgrade sei nach den bestehenhen Bedingungen nicht möglich, obgleich er schon wegen Majestätsbeleidigung durch die Presse mit neun Monaten Gefängnis bestraft sei. Der sehr geängstigte Kreuzzeitungs⸗ mann schließt hieraus, daß eine höchst bedenk⸗ liche Lücke im Militärstrafgesetzbuch vorhanden sei. So werde die Disziplin erschüttert, und schließlich könnte vie ganze militärische Herr⸗ lichkeit zum Teufel gehen. 5 Der Fall liegt nun aber noch viel schlimmer, als der konservative Staatsretter ihn darstellt. Der grauenerweckende Mensch ist der Partei⸗ genosse Heinrich Schulz, gegenwärtig leiten⸗ der Redakteur an der„Bremer Bürgerztg.“. Schulz war Reichstagskandidat für den Wahl kreis Erfurt⸗Schleusingen⸗Ziegenrück. Nur 90 Stimmen fehlten ihm bei der Stichwahl am 25. Juni, sonst hätte er zum wahrscheinlich noch größeren Entsetzen des konservativen Landtagsabgeordneten als sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter seine Landwehrübung antreten und einen kriegsstarken Halbzug führen müssen. Schulz ist zudem, wie er selbst im Bremer Parteiblatt mitteilt, nicht nur einmal, sondern viermal mit Gefängnis bestraft, im Ganzen mußte er 12 Monate brummen. Nach⸗ dem er bei der erwähnten Uebung 8 Tage lang die Pflichten eines höheren Stellver⸗ treters Gottes tadellos erfüllt hatte, wurde er plötzlich mit dem Zeugnis:„Führung fehr gut“ entlassen.. Solche Zustände müssen natürlich jedem Patrioten eine Gänsehaut verursachen. Aber bei genauem Zusehen dürfte man in noch ganz andern Kreisen Sozialdemokraten finden; berschiedene Offtziere gingen schon offen zur Sozialdemokratie über; und warum sollte es nicht unter dem Offizierskorps einsichtige Leute geben, welche die Richtigkeit der sozialdemo⸗ kratischen Grundsätze erkennen? Sehr zahlreich werden sie allerdings nicht sein! wegen Duellmords am Landrat v. Ben⸗ nigsen für sechs Jahre in Weichselmünde auf Festung ist, hat sich jetzt wegen Bedrohung und Beleidigung des Festungskommandeurs vor dem Schöffengericht in Danzig zu verant⸗ worten. Die Herren Festungsgefangenen hatten sich Ende September einen fröhlichen Tag ge⸗ macht und in angeheiterter Stimmung die Fenster mit Lampions behängt. Das Kom⸗ mando hatte die„innere“ Illumination der Geister geduldet, der äußeren aber widersetzte es sich. Falkenhagen wollte sich in der Trun⸗ kenheit die Wegnahme nicht gefallen lassen, verrammelte die Türe von innen und drohte, jeden über den Haufen zu stechen, der seine Stube betrete.— Es geht also auf Festung kreuzfidel zu. Wenn sich etwa ein wegen eines geringfügigen Vergehens im Ge⸗ fängnis befindlicher Mensch— sagen wir mal ein Arbeiter, der einen Streikbrecher schief an⸗ gesehen hat— nur die Hälfte von dem er⸗ laubte, was sich der noble Duellmörder heraus⸗ nahm, er würde sofort in Eisen gelegt und wegen Meuterei zu Zuchthausstrafe verdonnert. Aus der Kaserne. Ein„min der schwerer Fall“ wurde vorige Woche vor dem Kriegsgericht in Breslau abgeurteilt. Der Gefreite Wenzel vom 156. Infanterte⸗Regiment in Brieg hat in seiner Eigenschaft als Rekrutenausbilder den Rekruten Mock mit dem eisernen Zielstock über die Nase geschlagen, weil er schlecht zielte. Er be⸗ kam nur vierzehn Tage Mittelarrest. Es wurde nämlich„ein minder schwerer Fall“ an⸗ genommen, trotz der schweren Eisenstange! Der spuckende Unteroffizier. Vor dem Kriegsgericht in Halle wurde der Unter⸗ offizier Kirchner vom Infanterie⸗Regiment 153 wegen Mißhandlung Untergebener zu 1 Jahr und 2 Monaten Gefängnis und Degra⸗ datton verurteilt. Dieser Mensch hatte die ange⸗ nehme Gewohnheit, bei jeder Kleinigkeit seinen Untergebenen ins Gesicht zu spucken. Außerdem wurden ihm eine große Anzahl Mißhandlungen nachgewiesen. Warum auch diese Verhandlung unter Ausschluß der Heffent⸗ lichkeit geführt wurde, ist unverständlich. Wegen Mißhandlung in 976 Fällen hatte sich am Montag der erst 26 Jahre alte Leutnant Schilling vor dem Kriegsgericht in Metz zu verantworten. Die Verhandlung fand„wegen Gefährdung militärischer In⸗ teressen“ unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt. Nicht weniger als 91 Zeugen und Sach⸗ verständige waren zu vernehmen. Der Ange⸗ klagte wurde in 676 Fällen der Mißhandlung für schuldig befunden und zu einem Jahr und drei Monaten Gefängnis und Dienstent⸗ lassung verurteilt. Das ist angesichts der großen Zahl Mißhaudlungen gewiß milde. Trotzdem muß es sich schon um sehr schwere Fälle gehandelt haben, wenn gegen einen Offi⸗ zter diese Strafe verhängt wird. Haut Sie— aber unter vier Augen! Einen schätzenswerten Beitrag zu dem Kapitel von den Soldatenmißhandlungen lieferte eine vorige Woche stattgehabte Sitzung des Ober⸗ kriegsgerichts in Breslau. Rechtsanwalt Blick führte nämlich als Verteidiger eines jetzt zur Reserve entlassenen Unterofftziers Geisler vom Schlesischen Leibkürassierregiment(welcher einen im Dienst etwas schwerfälligen Soldaten des öftern mißhandelt hatte, so daß der Mann schließlich desertierte) aus, der inzwischen aus dem Dienst geschiedene Wachtmeister Peucker habe instruktionsgemäß den im Stall ver⸗ sammelten Unteroffizieren die königliche Ordre vorgelesen, welche sich entschtieden gegen die Mißhandlung der Soldaten kehrt und dieselbe streng verbietet; als die Verlesung beendet, habe der Wachtmeister aber aus eigener Macht⸗ vollkommenheit das den kaiserlichen Intentionen direkt widersprechende Resumé daran geknüpft: „Haut Sie— aber unter vier Augen!“ Tat⸗ sächlich hatten denn auch andere Unteroffiztere fich ebenfalls Mißhandlungen zu schulden kommen, lassen, insbesondere aber auch der Mißhandlungen in die Praxis! Der Fall zeigt so recht, daß mit Verordnungen allen das Uebel nicht bekämpft wird.— Der Unter⸗ offizier bekam ganze 3 Wochen gelinden Arrest! Unter einer neuen Flagge haben sich eine Anzahl rückständiger Elemente im Reichstage zusammengefunden. Wie berichtet wird, beabstchtigen Antisemiten, die Abgeord⸗ neten des Bundes der Landwirte, die bayeri⸗ schen Bauernbündler und die Christlich⸗Sozialen sich als„Wirtschaftliche Vereinigung“ unter der Führung des Abgeordneten Lieber⸗ mann von Sonnenberg zusammen zu schließen. Das volksfeindliche Wesen der neuen„Partei“ werden die Wähler im Laufe der Legislatur⸗ periode hoffentlich erkennen und— wenn der Bund so lange hält— ihr bei den nächsten Wahlen den Laufpaß geben. Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. Die Porzellanarbeiter in Schlierbach bei Gelnhausen befinden sich schon seit einigen Wochen im Streik. Es handelt sich hier um die dem Fürsten von Isenburg-Birstein gehörige Schlierbacher Steingutfabrik, in der ca. 300 Arbeiter beschäftigusind. Die Differenzen entstanden dadurch, daß von dem Unternehmer die Organisationsfreiheit der Arbeiter ange⸗ tastet wurde. Aber die Vernichtung ihrer Or⸗ ganisation am Platze konnten und durften die Arbeiter sich nicht gefallen lassen, denn dies hätte zur sichern Folge: Verschlechterung der Lohn⸗ und Arbeitsverhältnisse. Einmütig traten die Arbeiter in den ihnen aufge⸗ zwungenen Kampf, nachdem alle Versuche zur friedlichen Beilegung der Differenzen gescheitert waren. Einmütig und kampfesfreudig stehen die Arbeiter noch jetzt im Kampfe. Die Situa⸗ tion ist günstig für sie; ihre gute Zentralor⸗ ganisation bietet ihnen noch lange Zeit Rück⸗ halt zum Ausharren. Doch ist sebstverständlich, daß die Unterstützungen nur zum Teil den Lohnausfall decken können und so ist auch hier Unterstützung dringend notwendig, besonders jetzt vor Weihnachteu. Beiträge nimmt das Hanauer Gewerkschaftskartell eutgegen, Adr.: Jean Hofmann, Hanau, Rosengasse 13. Gewerbegerichtswahlen. Mit einem glänzenden Siege der freien Gewerk⸗ schaften endeten die Gewerbegerichtswahlen in Köln. Der Wahlkampf war ein äußerst leb⸗ hafter, die Beteiligung eine zahlreichere als je. Es kam auch, wie wir in voriger Nummer bereits mitteilten, an einem Wahllokale zu Differenzen infolge des gewaltigen Andranges. Aber der Versuch der Zentrumsleute, das Gewerbegericht zu erobern, wurde zurückge- schlagen; die freien Gewerkschaften siegten mit fast der doppelten Stimmenzahl: 9500 Stimmen gegen 5000 der christlichen Gewerkschaften.— Auch bei den Gewerbegerichtswahlen in Dort⸗ mund siegten die sozialdemokratischen Kandi⸗ daten über diejenigen der verbündeten christlichen und Hirsch⸗Dunkerschen Gewerkschaften.— In Frankfurt a. M. wollen die Gewerbege⸗ richtswahlen Anfangs März nach dem Pro⸗ portional system stattfinden. Kohlenabsatzmangel soll die Ursache sein, daß auf den Braunkohlengruben in Voelpke bei Magdeburg 100 Bergleuten gekündigt wurde. Zahlreiche Familienväter mit zusammen 200 Kindern sind dadurch brotlos geworden. Mangel an Absatz, wo Hunderttausende Fa⸗ milten notwendig das Brennmaterial brauchten, es aber nicht kaufen können und frieren müssen! Das sist die sogenannte„gottgewollte“ Ord— nung! Ein allgemeiner deutscher Kranken⸗ kassentag ist von der geschäftsführenden Kasse des Zentralverbandes deutscher Orts⸗Kranken⸗ kassen für Montag, den 25. Januar 1904 ein⸗ berufen worden. Einziger Verhandlungsgegen⸗ —— 9 — — —— e N = 5 Nr. 51. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. stand wird sein:„Die Stellung der Kranu⸗ kenkassen zu den Forderungen der deutschen Aerzte.“ Als Ort der Tagung ist eine noch zu bestimmende Stadt Mittel⸗ deutschlands in Aussicht genommen. Alle Orts⸗, Betriebs⸗, Innungs⸗ und freien Hilfskassen werden um Beschickung ersucht. ————— Aus dem hessischen Landtage. Von wichtigeren Gegenständen, welche in den letzten Tagen in der Zweiten Kammer ur Beratung standen, ist eine Anfrage des bg. Molthan(Ztr.) bezüglich Her Waren⸗ häuser bemerkenswert, die am Freitag zur Verhandlung kam. Der Antragsteller will Maßregeln zur Erhöhung der Feuerstcherheit ergriffen wissen, er begründet aber seine An⸗ frage damit, daß er von„verderblichen Auswüchsen im Wirtschaftsleben“ spricht, welche die Warenhäuser herbeiführen und auf einen Ruin des Mittelstandes hinsteuern.— Die Regierung erklärt, daß eine Kommission mit Untersuchung der Sache betraut sei. Abg. Ulrich ist mit den Vorschlägen, so⸗ weit sie die Feuersicherheit betreffen, einver⸗ standen, wünscht aber, die übrigen Wünsche genau zu prüfen. Die jetzigen Verhältnisse in Bezug auf die Feuersicherheit bedürften aller⸗ dings gründlicher Abstellung. Ihm scheine, die übrigen Vorschläge liefen mehr auf eine Besteuerung der Warenhäuser hinaus. Der Erfolg sei aber fraglich, solange das Groß⸗ kapital die Macht in Händen habe. Die Meinung, daß man den Mittelstand durch solche Vorschriften vor dem Untergang bewahren könne, sei total falsch.— Am Montag kam die Anfrage Davids wegen der polizeilichen Maßnahmen gegen die ausgesperrten Maurer in Mainz zur Verhandlung. Die Regierung antwortet, daß weder das Kreisamt, noch die unteren Polizeiorgane ein Vorwurf treffe. Natürlich! Die Polizei erlaubt sich nie Ueber⸗ griffe!!— Demgegenüber erklärt Abg. Ade⸗ lung⸗Mainz als Augenzeuge der Vorgänge, daß das riesige Polizeiaufgebot zum Schutze der Arbeitswilligen nicht nötig war, bloß Auf⸗ regung verursacht und man sich nur der Sache der Unternehmer damit angenommen habe. An den Exzessen im August hätten sich organisterte Maurer nicht beteiligt. Ministerialrat Braun sucht das Verhalten der Behörden zu recht⸗ fertigen. Abg. Ulrich bemerkt, daß, wie selbst gegnerische Blätter behaupten, nur durch den Uebereifer der Polizei die Exzesse her⸗ vorgerufen wurden, daß die Leute darüber empört waren, daß mit zweierlei Maß gemessen werde. Das bei den Genossen vor⸗ handene Rechtsgefühl helfe über manches hin⸗ aus, auch wir waren erregt, wollen jedoch ab⸗ warten, bis in den Verhandlungen die Schul⸗ digen festgestellt sind. Wenn man nun sage, derartige Vorfälle waren noch nicht da, so müsse Redner konstatieren, daß auch der Fall noch nicht da war, wo die Regierung duldete, daß den Arbeiterfamilien durch diese Lohn⸗ drücker das Brot weggenommen wurde. Die Poltzei hätte einfach abwarten sollen, bis Ver⸗ stöße vorkommen. Bei solchen Verhältnissen hätte sich jeder andere auch gewehrt, es war ein Existenzktampf um das tägliche Brot, in dem man gemeinsam focht in der klaren Vor⸗ aussetzung, daß man einzeln nichts ausrichten werde. Es sei bedauerlich, daß mit der Staats⸗ gewalt zu Gunsten der Kapitalisten ein solcher Mipbrauch vorgekommen sei. Ministerialrat Braun nimmt nochmals den Mainzer Ober⸗ bürgermeister in Schutz und sucht am Schluß mit ein paar Witzen die Lacher auf seine Seite zu bringen, welchen Versuch Ulrich ener⸗ gisch zurückweist, hier handele es sich nur um sehr ernste Dinge.— Die Debatte über diese e een geht noch weiter. Sie zeigt in ihrem Verlaufe, daß auch in Hessen die Be⸗ hörden stets gegen die Arbeiter und für die Unternehmer Stellung nehmen. 5 r * L Pon Nah und Fern. Gießener Angelegenheiten. — Eine unschöne Bettelei haben eine Anzahl hessische Staatsstützen ins Werk gesetzt. Sie veröffentlichen einen Aufruf, in⸗ dem„alle Hessen“ zur Sammlung eines Fonds aufgefordert werden, welcher dem Großherzog zur Förderung der Künste am 1. Januar überreicht werden soll, als Trost für den Tod seines Kindes. Als ob ein Vater durch Ueber⸗ reichung einer Geldsumme über den Tod seines Kindes zu trösten wäre! Die ganze Mache ist an sich schon anstößig und widerlich. Dazu kommt noch, daß von„Freiwilligkeit“ keine Rede sein kann, wenn der Bürgermeister und sonstige Amtspersonen mit den Sammel⸗ listen kommen. Aus verschiedenen Orten wird berichtet, daß man in den Schulen den Bettel⸗ sack schwingt und die Kinder schnorren schickt. Dagegen muß mit aller Entschiedenheit pro⸗ testiert werden. Der Rummel geht wie es scheint, von Worms von dem 30fachen Millio⸗ när Heyl aus. Mögen doch die Herren in thre Tasche greifen! — Für die Crimmitschauer Weber haben die Arbeiter von Gießen und Umgebung ebenfalls ganz leibliche Beiträge aufgebracht. Alle Gewerkschaften leisteten was sie konnten, besonders die Buchdrucker griffen tief in die Tasche. Diese schöne Betätigung der Solidarität verdient alle Anerkennung. Auch sonst im Reiche werden von den Arbeitern namhafte Summen aufgebracht, jeder empfindet, daß sich in Crimmitschau ein Klassenkampf zwischen Kapital und Arbeit abspielt. Ueber 100 000 Mk. steuerten bereits die Arbeiter eipzigs, die Berliner ebensoviel. Aber es werden auch jede Woche weit über 100000 Mk. gebraucht! Sorgen wir alle dafür, daß die tapferen Kämpfer mit ihren Kindern zum Weihnachtsfeste nicht hungern müssen. Ihre Dürftigkeit und Anspruchlosigkeit ist ohnehin sprichwörtlich!— Wie sie zu kämpfen haben, darüber können unsere Leser aus der Rede Bebels im Leitartikel näheres erfahren. Hinzuzufügen ist noch, daß der sächsische Land⸗ tag, die klassische Vertretung des Geldsacks 10000 Mark bewilligt hat für— Vermehrung der Gendarmen in Crimmitschau! Das ist das„Wohlwollen“ und die„Fürsorge“ der sächsischen Regierung für die Arbeiter!— „Wohlwollen“ zeigten auch die Fabrikanten, die am Dienstag in Cottbus zusammen waren; sie erklärten nach der Frkftr. Ztg. daß es sich nicht um den Zehnstundentag handele, sondern„daß der Streik frivol unter diesem Vorwand vom Zaune gebrochen ist, um den Klassenkampf zu entfachen und unter Verhinde⸗ rung jeder friedlichen Verständigung mit den Arbeitern die Macht der Sozialdemokratie zu stärken“.— Frecher ist wohl noch nie gelogen worden. — Der kriegervereinliche Wahlkrawall von Burggräfenrode. Ueber die Schlacht, welche die Kriegervereins⸗Patrioten von Burggräfenrode in der Wetterau am Abend der Reichstagswahl— 16. Juni — lieferten, haben wir schon kürzlich berichtet, als in Friedberg verhandelt wurde. Merkwürdigerweise war gegen diepatriotischen Knüppelhelden eine Anklage wegen Landfriedensbruch nicht erhoben worden, was sicher ge⸗ schehen wäre, wenn das, was sich in Burggräfenrode abgespielt hat, irgendwo in Preußen passiert wäre und wenn etwa Sozialdemokraten oder Polen in nur annähernd der⸗ selben Weise ihren Gefühlen Luft gemacht hätten, wie hier die Kriegervereinler. Es kann nicht behauptet werden, daß Staatsanwaltschaft und Gerichte etwa ein Auge zugedrückt hätten, soweit wir sehen können, haben diese Objektivität beobachtet; aber über den Tatbestand haben die zu den„besseren Kreisen“ jenes Ortes gehörigen Täter alles getan um den Sachverhalt zu verdunkeln, — Vom Schöffengericht in Friedberg wurden am 22. September der Landwirt Ko st wegen Sachbeschädigung und Körperverletzung zu 250 Mk., der Landwirt Rich. Moscherosch 150 Mk., der Landwirt Richard Volz 150 Jk., der Schweizer Bender 100 Uk., der Dienst⸗ knecht Konrad Meinhard 50 Mk., der Landwirt Friedrich Dörr 100 Mk., der Bahnarbeiter Trab and 100 Mk. und der Knecht Konrad Blum 30 Mk. Geld⸗ strafe verurteilt. Nur der letztere zählt sich zu den Wählern unseres Genossen Busold, alle übrigen gehören zu den Anhängern des nationalliberalen Grafen Oriola. Gegen das Schöffeugerichtsurteil verfolgten die Angeklagten Kost und Moscherosch Berufung, ebenso der geschädigte Wirt Kohl als Nebenkläger gegen die ersten beiden und die Staatsanwaltschaft legt Berufung ein gegen das Friedberger Urteil im vollen Umfange. Außerdem er⸗ heben Kost und Moscherosch Nebenklage gegen Stiller und Damm wegen Körperverletzung. Vor der Straf⸗ kammer in Gießen wurde nun die Sache am Dienstag zum zweiten Male verhandelt. Wir wiederholen kurz den Tatbestand. Schon am Sonntag, den 14. Juni, als Abends eine sozialdemokratische Wählerversammlung bei dem Wirt Kohl in Burggräfenrode stattfand, kam der Krieger⸗ verein geschlossen dorthin gezogen und einzelne seiner Mitglieder, besonders der Vorsitzende Moscherosch, der⸗ selbe, welcher bei dem Tumult die Hauptrolle spielte, störten fortgesetzt die Versammlung, so daß der Redner seinen Vortrag nicht zu Ende führen konnte. Am Abend des Wahltages waren die Nationalliberalen in der Wirtschaft Dörr, die Sozialdemokraten in der Wirtschaft Kohl versammelt. Gegen 11 Uhr, als sich die älteren Gäste bei Kohl zum größten Teil bereits nach Hause begeben hatten, kamen die Nationalliberalen und Kriegervereinler aus der Dörr'schen Wirtschaft gegen die Kohl'sche mit Knüppeln bewaffnet angerückt, demo⸗ lierten dieselbe, verletzten auch die Wirtsleute. Dann zogen sie vor das Haus des Arbeiters Stiller, lärmten, schlugen die bejahrte Frau Stiller und verletzten den jungen Stiller erheblich. 2 Bei der Beweisaufnahme vor der Strafkammer suchen die Angeklagten und ihre als Zeugen vernommene Fre unde ihr Vorgehen iu günstigerem Lichte erscheinen zu lassen. Sie behaupten, den Zug nach der Kohl'schen Wir tschaft deshalb unternommen zu haben, weil vorher an die Läden der Dörr'schen Wirtschaft geklopft, mit Steinen geworfen und Kost, als er ausgetreten, geschlagen worden sei. Wer dies aber getan haben soll, können sie nicht angeben. Dagegen wird von den Zeugen, die in der Kohl'schen Wirtschaft waren, bekundet, daß sich von dort niemand entfernte und kein Mensch an einen Angriff auf die Dörr'sche Wirtschaft dachte. Rep p⸗ Friedberg erklärt, daß er am 17. Juni von einem Parteifreund nach Burggräfenrode gerufen warden sei. Nach Allem, was er dort gehört und gesehen, habe er den Eindruck gehabt, daß hier ein geplanter und organi⸗ sierter Ueberfall vorliege. Der Ober⸗Staatsanwalt sagt in seinem Plaidoyer, es sei nichts Neues herausgekommen; daß erste Urteil sei richtig. Allerdings grenze die Tat der Angeklagten Kost und Moscherosch hart an Landfriedensbruch. Das Vorgehen gegen di Stillers war ein höchst roher Akt; hier sei Freiheits⸗ strafe am Platze. Rechtsanwalt Sinzheimer⸗Frank⸗ furt als Vertreter der Nebenkläger Kohl und Stiller sen. und Verteidiger der Angeklagten Damm und Still er jnn. tritt für Freisprechung seiner Klienten ein und verlangt für Kost und Moscherosch eine Freiheitsstrafe. Es sei nicht der Schatten eines Beweises für den an⸗ geblichen Angriff auf die Dörr'sche Wirtschaft erbracht. Als mildernder Umstand könne für die beiden Rädels⸗ führer höchstens angeführt werden, daß sie irre geführt seien, für sie standen die anderen außerhalb der Gesell⸗ schaftsordnung. Das allgemeine Rechtsempfinden sei in gröblichster Weise verletzt worden.— Rechtsanwalt Windecker⸗Friedberg Verteidiger des Kost und Mosche⸗ rosch sucht die Schuld an dem Tumult den Sozial⸗ demokraten zuzuschieben. Ein geplanter Angriff liege nicht vor; die Gegenseite habe den Angriff ausgeführt.(I) Schon bei der Versammlung sei„Klassenhetze betrieben“ worden. In dem Angriff auf die Familie Stiller findet der nationalliberale Ordnungsmann„nichts Besonderes.“ In der Urteilsbegründung wird gesagt, daß hier die Urteilsfindung schwierig ist. Das Gericht lehnt es ab, auf das politische Gebiet überzugehen, kümmert sich nicht um den Beifall der einen oder andern Seite. Fest steht, daß die Kohlsche Wirtschaft in roher Weise demoliert wurde. Wenn auch das Gericht einen geplanten Ueberfall nicht annimmt, so war es doch eine rohe Aus⸗ schreitung. Es werden verurteilt wegen Sa y be⸗ schädigung, Körperverletzung und groben Unfug: Ko st: 1 Woche Gefängnis, 150 Mk. Geldstrafe; Moscherosch: 2 Wochen Gefängnfs, 50 Mk. Geldstrafe, jeder/ der Kosten, Stiller 1 Woche Gefängnis wegen Körperverletzung. Die nationalliberalen Knüppel helden kamen also sehr gelinde weg. Wo war aber der Bürgermeister bei dem Tumult? Seine vorgesetzte Behörde sollte nach⸗ prüfen, ob der Mann nicht seine Pflicht gröblich vern ach⸗ lässigt hat. Ihm müßte es nach unserer Meinung ein Leichtes gewesen sein, die Vorkommnisse zu verhüten. — Denunzianten⸗Seuche. Kein Mensch in Deutschland kann sich der Tatsache verschließen, da ungs⸗Paragraphen das schmutzigste Denun⸗ ziantentum großgezogen wird. Wenn irgend eine niedrige Kreatur sich an einem früheren Freunde rächen will, der vor wer weiß wie viel Jahren im Vertrauen eine unbedachte Aeußerung getan, so wird das rasche vielleicht in Erregung gesprochene Wort der Behörde hinterbracht und durch den Majestätsbeleidig⸗ e—— 8 55 em r⸗ let er⸗ lte, ler Am der fc it len gen Ao⸗ ann en, den hen ene nen hen her lee l. 8 n t D e 8 N r Nr. 51. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. der frühere Freund ans Messer geliefert. Be⸗ sonders abstoßend wirkt es auf jeden anständigen Menschen, wenn als Grund für solche aus ge⸗ meiner Rachsucht erfolgte Angeber ei verletztes „patriotisches“ Empfinden angeführt wird. Und das geschieht in Hunderten von Fällen!— Ein Majestätsbeleidigungsprozeß, der am Dienstag Abend im Anschluß an den Wahl⸗ krawall⸗Prozeß hier verhandelt wurde, mußte in jedem Zuhörer den lebhaften Wunsch nach baldiger Beseitigung des§ 95 des Strafgesetz⸗ buchs wachrufen. Als Angeklagter erschien der 63 Jahre alte Wirt Kohl aus Burggräfen⸗ rode, derselbe, dessen Wirtschaft von den Krieger⸗ vereinlern demoliert worden war und der des⸗ halb gegen Kost und Moscherosch als Nebenkläger auftrat. Von diesen war nun Kohl denunziert worden und sie traten als Belastungszeugen auf. Mehrere Zeugen beschworen Kohl's an⸗ gebliche Aeußerung, weshalb die Verurteilung des alten unbescholtenen Mannes zu 2a Monaten Gefängnis erfolgte. Auch auf das Gericht hatte die rachsüchtige Denunziation den unangenehmsten Eindruck gemacht. Der Vorsitzende leitete die Begrün⸗ dung des Urteils mit den Worten ein:„Der vorliegende Fall hat nicht die Sympathie des Gerichts. Es kann nicht erkennen, daß die Anzeige gegen den Angeklagten aus Patrio⸗ lismus geschah; dieser Prozeß gereicht seinen Urhebern keineswegs zur Ehre“. Weil aber das Gericht mit beeideten Zeugenaussagen zu rechnen hatte, mußte Verurteilung eintreten.— Für den alten Mann kann die Strafe die verhängnisvollsten Folgen haben. Was kümmer! sich aber der Denunziant darum? Man sollte meinen, daß selbst ein Kriegerverein, der etwas auf Reinlichkeit hält, sich verpflichtet fühlen müßte, einen solchen Menschen aus seinen Reihen zu entfernen, denn wer ist sicher vor ihm?— Unsere Freunde mögen aber aus diesem Falle wieder die Lehre ziehen, daß man seine Worte recht vorsichtig abwägen muß. Wir kämpfen nicht gegen einzelne Personen, sondern gegen die heutige Ordnung der Dinge. Aus dem Rreise gießen. Aus Watzenborn⸗Steinberg. In der gut besuchten Versammlung des Wahlvereins gab Genosse Häuser ein Referat über das Parteiprogramm, woran sich eine lebhafte Diskussion schloß. Dann kam die Kalenderver⸗ breitung zur Sprache, wobei bedauert wurde, daß die Herausgabe des Kalenders vom Landes⸗ komitee so spät erfolgt, er müsse mindestens drei Wochen früher erscheinen. Im Verschiedenen erstattete Gen. Pfaff Bericht über die Tätig⸗ keit unserer Genossen im Gemeinderat. Hierbei wurde das Verhalten des Genossen Schäfer in der Frage des Bürgermeistergehaltes einer Kritik unterzogen. Im Laufe der Diskussion teilte der Vorsitzende die Antwort des Gemeinderats mit auf den vom Verein gestellten Antrag betr. die Oeffentlichkeit der de Sie Das von tiefer Weisheit zeugende Schriftstück lautete folgendermaßen: Auf das Schreiben von obengenannten Verein, welches uns unter dem 28. November 1903 zu gegangen ist, teilen wir mit, daß Anträge von Vereinen welche einen politischen Charakter besitzen, jeglicher Art von uns in Gemeinde⸗Angelegenheiten keine Berücksichtigung noch Erledigung finden können. Groß h. Bürg erm st. Watzenborn⸗Steinberg. 29, So, damit glauben nun die Herren uns los zu sein. Also auf Anträge politischer Vereine läßt man sich nicht ein! Wohl aber auf diejenigen eines Rauchklubs oder Fastnachtsvereins? Eine solche Entscheidung hätten wir nicht für möglich ge⸗ halten, wenn wir auch gerne zugeben, daß den Herren bei unserem Antrage etwas ungemütlich geworden ist. Wenn sie aber die Oeffentlichkeit scheuen— uns soll's recht sein. Wie berechtigt unser Verlangen ist, zeigt wieder der Beschluß in Bezug auf den Bürgermeistergehalt. Bei Beratung des Voranschlags verlangt man auf einmal eine Gehaltserhöhung des Bürgermeisters auf 1000 Mk. Von diesem Antrag wußten die Gemeindevertreter vorher nichts, deshalb wollten unsere Genossen den Punkt vertagt wissen. Dem gab aber die Mehrheit nicht statt, sondern bewilligte nach langem Hin und Her 850 M.(ohne die Nebeneinkünfte). Also der Herr Bürgermeister verbessert seine Lage ohne Streik! Verlangen die Arbeiter einige Groschen mehr, so sind sie die Begehrlichen und Unzu⸗ friedenen! Schließlich muß auch gefordert werden, daß den Mitgliedern des Gemeinderats die Tagesordnung zwei Tage vor der Sitzung zugeht, wie es die Landgemeinde⸗Ordnung vor⸗ schreibt. 90 aus dem Preise Alsseld-Cauterbach E * Wohnungsnot. Zu dem Artikel in der letzten Nummer, in dem behauptet wurde, daß der Betroffene es selbst zum Teil ver⸗ schulde, wenn er keine Wohnung bekam, be⸗ merkt unser Gewährsmann, daß sich sein Artikel eden die Wohnungsnot richte, die wirklich estehe. Es ksei schon vorgekommen, daß elr⸗ beiter auf den nächsten Ort ziehen mußten, weil sie in Alsfeld keine Wohnung bekamen. Daß der in Frage kommende Einwohner sein Mißgeschick selbst verschuldet habe, könne man nicht behaupten. In dem betreffenden Hause sei es sehr oft zu Streitigkeiten gekommen. Es gehe nicht an, Privatangelegenheiten des Mannes breitzutreten; Tatsache sei, daß er seine Miete stets bezahlt habe. Aus dem Rreise Wetzlar. — Vom Amt entfernt. Aus Krof⸗ dorf wird uns mitgeleilt, daß Bürgermeister Lichtenthäler vorläufig vom Amt suspendiert sei. Die Verfehlungen, die er sich hat zu Schulden kommen lassen und die schon früher einmal in unserm Blatte erwähnt wurden, sollen sich als so schwere charakterisieren, daß gericht⸗ cht Verfolgung mit Sicherheit zu erwarten eht. [ Christlich⸗soziale Kultur? Auch in den ch ristlich⸗sozialen Zeitungen wird wie in der übrigen Presse unablässig die Mär vom„sozialdemokratischen Trrorismus“ verbreitet. Geht man aber den dafür als Beweisstücke angeführten Geschichten anf den Grund, so er weisen sie sich zum Teil als Schwindel oder höchstens harmlose Vorkommnisse. Die Christlich⸗Sozialen täten besser, der sehr oft in Erscheinung tretender Roheit in ihren und den Kreisen ihrer Mitläufer zu steuern, die ste mit Heuchelei zudecken.— Bei der letzten Landtags⸗ wahl wurden in Frohnhausen(Dillkreis) 3 christliche und 1 natl. Wahlmänner gewählt. Die drei Burckhardt⸗ Wahlmänner zogen es vor, der Wahl fern zu bleiben, während der natl. Wahlmann wählt. Aus christlicher Nächstenliebe warfen ihm nun abends die frommen Fro hnhauser sämtliche Fenster ein, wahrscheinlich ein Prü fungsexamen ihrer christlich⸗sozialen Erziehung. Auch bei der Reichstagswahl zeigte sich schon in Frohnhausen christ lich⸗soztale Kultur, damals wurde unser Genosse Trott täglich bedroht und die nationalliberalen Redner mit Steine geworfen. Aus dem Rreise Marburg-Rirchhain. r Bei der Stadtverordnetenstich⸗ wahl in der dritten Wählerklasse, die am Donnerstag stattfand, gingen als gewählt hervor: Kreissekretär Voß, Hotelier Brune, Metzger Brauer und Schlosser Laubscheer. Sie erhielten 251— 266 Stimmen. Unsere Partei⸗ genossen hatten gar keine Veranlassung für diesen oder jenen der Stichwahlkandidaten ein⸗ zutreten und sie blieben deshalb der Wahl fern. Die drei ersten der Gewählten waren von den Beamten aufgestellt; von der sogenannten Rat⸗ hauspartei kam nur einer, Laubscheer, durch. — Hoffentlich werden es sich unsere Genossen und Arbeiter Marburgs angeiegen sein lassen, dafür zu sorgen, daß sie zur nächsten Wahl nachdrücklicher und mit größerem Erfolge in die Wahl der Stadtvertretung eingreifen können. o- Der Konsum⸗Verein für Mar⸗ burg und Umgegend hielt am Montag seine erste General⸗Versammlung im neuen Geschäfts⸗ jahre ab, welche ziemlich gut besucht war. Der Geschäftsführer erläuterte in längerer Aus⸗ führung den gedruckt vorliegenden Geschäfts⸗ bericht für das Jahr 1902/03 und konstatierte, daß das abgelaufene Jahr ein zufriedenstellendes ist, betont aber hauptsächlich, daß die Mitglieder sich reger als bisher an der Einzahlung des Geschäfts⸗Anteils beteiligen möchten. Die Spar⸗ kasse hat sich gut entwickelt. Die Summe der inlagen ist ziemlich hoch. Der Verein hat vier Verkaufsstellen, zwei in Marburg und je eine in Ockershausen und Cappel. Der Rein⸗ gewinn betrug 1715,83 Mk. Die Versammlung genehmigt auf Vorschlag die Verteilung von 4% Dividende auf Warenmarken, 4% Zinsen auf Geschäftsanteile, 2% Rückvergütung auf Fleisch⸗ marken und 100 Mk. Vergütung an Auffsichtsrat und Kontrolleur.— Zugang während des Ge⸗ schäftsjahres 99, mithin am 30. September 171 Mitglieder.— An Stelle des Kontrolleurs Christoph Weber, welcher freiwillig zurückge⸗ treten ist, wurde Louis Prophet gewählt.— Zu Aufsichtsratsmitgliedern wurden neugewählt Frau G. Michels und Jakob Mudersbach in Ockershausen.— Nach einer regen Aussprache über die Errichtung einer eigenen Bäckerei wurde Vorstand und Auffsichtsrat beauftragt, einer der der nächsten Versammlungen Vorschläge zu unterbreiten.— Die Auszahlung der Dividende erfolgt Sonntag, den 20. Dezember von nach⸗ mittags 3 Uhr ab in der Verkaufsstelle Metzger⸗ gasse 6, gegen Vorzeigung des Mitgliedsbuches. Kleine Mitteilungen. * Opfer der Arbeit. Auf dem Frankfurter Güterbahnhof wurde am Sonntag früh der verheiratete Rangierer Leon aus Griesheim von einer Abteilung Wagen überfahren und sofort getödtet.— Bei einer großen Explostion in Grevenbroich bei Köln am Montag nachmittag blieben 4 Arbeiter todt, zahlreiche wurden schwer verletzt.— Durch Einsturz eines Schachtes in Hamburg wurden 2 Arbeiter getödtet. — Zwei Bergleute getödtet! Auf der Grube„Handstein“ bei Dillenburg wurden am Samstag die Bergleute Krumm und Schäfer durch herabfall⸗ endes Gestein getötet. * Jugendlicher Retter verunglückt. In Höhr bei Vallendar brach am Donnerstag beim Schlitt⸗ schuhlaufen der achtjährige Sohn des Buchbind ers Wager ein. Sein fünf Jahre alter Bruder suchte ihn zu retten, geriet dabei unter's Eis und ertrank. Der ältere Knabe wurde durch herbeieilende Leute gerettet. * Selbstmord einer ganzen Familie. In Meißen vergiftete sich der in der dortigen Jutespinnerei befchäftigte Arbeiter Bienert nebst seiner Frau und 6 Kindern mit Karbol. Frau und Kinder find todt, während der Mann noch lebend ins Krankenhaus ge⸗ bracht wurde. Partei-Uachrichten. Kalender verteilung. Den Genossen im Kreise Gießen zur Nachricht, daß die Kalender am Sonntag noch nicht eingetroffen waren, die Verteilung muß deshalb diesen Sonntag(20.) stattsinden. Zahlreiche Beteiligung notwendig! Der Vertrauensmann. Versammlungskalender. Samstag, den 19. Dezember. Gießen. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Sonntag, den 20. Dezember. Gießen. Freie Turnerschaft. Mitgliederver⸗ sammlung, Nachmittags 3 Uhr Lonys Bierkeller. Montag, den 21. Dezember. Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Heuchelheim. Arb. ⸗Bild.⸗Verein. Abends 8 ½ Uhr Versammlung bei Wirt Hch. Volk mann. Quittung. Für die ausgesperrten Weber in Crimmit⸗ schau gingen ein: Brauer⸗Verband Gießen 20 Mk. Küfer⸗Verband Gießen 10 Mk. Glaser Gießen 10 Mk. Heuchelheim 5 Mk. Beamt. der Ortskrankenk. 5,50 Mk. M. 1 Mk. Wieseck 2 te R. 12,90 Mk. Alt⸗Buseck 2 te R. 13,30 Mk. Lich 1 Mk. Wetzlar. A. R. 60.—(darunter L. Nr. 002211 Mk. 11.80). —— An unsere Leser und Spediteure! Die uächste Nr. unseres Blattes gelaugt der Feier⸗ tage wegen bereits am Mittwoch, den 23. De⸗ zember zur Ausgabe. Die Expedition der„Mitteldeutschen Sonntagszeitung“. Brieftasten. Mehrere Einsendungen mußten zurückgestellt werden. . 3232 ͤ ͤ(ß— —. — 5FFFFPTPFFFFTFFTTTTT— „TTVTVTVTVT—T—T—T——— 5—— *————————— 3 — N re —:r! FFF ——— 7 . Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 51. 2 eite 6. 7 Gen 10 Unterhaltungs-Ceil. 7 A—— Au die Geduld. O Geduld, der Schaf und Esel Vielgepries'ne Tugend du— Soll denn auch dich erlernen?— Fahr dem Grund der Hölle zu! Wirst du, durch das Land als Bettler, Sufluchtsort begehrend ziehn— Geh, nie wird in meinem Herzen Dir ein Aufenthalt verliehn: Und wenn du als ein Eroberer Sieggekrönt durchziehst die Welt, Soll mein Herz dem Felsen gleichen, Der sich dir entgegenstellt. Leergedroschnes Stroh, Geduld, du— Jene dich als Aehr'n voll Frucht Feil den dummen Venschen bieten, Die dein Korn herausgesucht! Leerer Topf du, dessen Sahne Weggenaschet hat die Natz', Und nun, offnen Munds, die Köchin Steht verblüffet an dem Platz Du.. wie soll ich dich benennen d Dich, Geduld, stoß ich zurück, Denn, wo dein Bezirk beginnet, Hat ein Ende jedes Glück! Glücklich könnte sein die Erde, Wärest du nur nicht darauf, Und so lang du bleibst, nimmt alles Seinen alten, schlimmen Cauf. Fort mit dir, du Fluch des Lebens, Fort zur tiefsten Höllennacht! Sinke in die Hölle, die dich Dieser schönen Welt gebracht! Alexander Petöfi Der Sieg des Schwachen. Erzählung von Melchior Meyr. (Fortsetzung.) „Ja,“ fiel der unbeugsame Tobias ein,„in mir steckt aber mehr davon als in andern Menschen. Red mir's nicht aus und mach mich nicht besser, als ich bin! Es ist einmal so, und ich will nicht haben, daß man sagt, ich sei anders, als ich bin. s ist mir halt angeboren,“ 35 er mit einem Seufzer fort,„und von ugend auf hat man auch so gegen mich ge⸗ handelt, daß ich eben geworden bin, wie ich bin! Ganz wird das nie aus mir heraus kommen!“ Das Mädchen, dessen Ungeduld bei diesen Reden begreiflich gewachsen war, erkannte, daß sie einen andern Ton anschlagen mußte; sie erwiderte resolut:„Nun, so mag's drin bleiben, in dir! Wenn wir einmal Mann und Frau sind, dann stehen wir zusammen, und wenn's bei dir fehlt, dann bin ich da!“ „Ja,“ rief Tobias,„das ist auch mein Trost Du bist für mich geboren, und wenn ich dich hab', dann trau' ich mir selber etwas zu. Daß du mich nur magst, das ist das Wunder⸗ bare! Aber du bist halt ein gutes, liebes Mädchen— und hast das beste Herz in der — Welt!“ Während dieser Erwiderung atte er den Arm um sie geschlungen und streichelte mit der andern Hand das Haar und die Wange der Geliebten so zärtlich als nur möglich. „Gott sei Dank,“ sagte sich diese erfreut, „er wird wieder vernünftig!“ Und liebevoll entgegnete sie:„Warum soll das ein Wunder 107 daß ich dich mag? Du bist der beste ensch, der mir in meinem Leben vorgekommen ist, und hast mich so lieb und hältst so viel auf mich— wo könnt' ich denn einen bessern Mann finden als dich? Und was du auch an dir haben magst, sieh, wenn ich jetzt die Wahl hätt' unter allen Burschen, die ich kenn', hier und anderwärts— ich würde nie und zufkeiner Zeit einen andern wählen als dich!“ W 12. Das war zu viel für den Schneider. einem Wonneblitz durchzuckt stand er auf, zog die Bäbe mit empor, und die Liebenden, für einander Geborenen, fielen sich in überquellender Zärtlichkeit in die Arme und küßten sich nach dem Bedürfnis ihres Herzens. Der Kopf des Tobias fing an zu wirbeln; im Rausche der Glückseligkeit ward jeder Blutstropfen in ihm ein Mann; er fühlte sich von einer Kraft und einem Mute durchgossen, daß es ihm eine Kleinigkeit gedünkt hätte, nun seinerseits die Geliebte zu tragen, wohin sie wollte. Mit einer gewaltigen Stärke preßte er sie an sich, als wollte er sie nie wieder loslassen; die Bäbe hauchte bittend:„Tobias!“, und suchte seine Glut zu mäßigen— In demselben Moment pochte es an die Tür. Das Liebespaar fuhr zusammen stand und horchte atemlos. „Bäbe!“ rief es draußen. Das Mädchen, unwissend, was sie antworten sollte, schwieg. „Bäbe!“ wiederholte es stärker. Es war die Pfarrerin.— Hatte sie etwas gehört?— bedurfte sie ihrer sonst? Was es sein mochte: die Bäbe hatte ihre ganze Geistesgegenwart wieder. Nach einem schläfriggedehnten„Ah!“, als ob sie etwa er⸗ wachte, fragte sie:„Wer— ruft?“ „Ich, die Pfarrerin—“ erwiderte es draußen. „Kennst du meine Stimme nicht mehr, oder bist du noch im Schlafe?“ Der Ton dieser Worte hatte etwas Eigen⸗ tümliches, was der zur Bildsäule gewordene Tobias nicht herausfühlte, wohl aber das Mädchen. Es lag etwas Spottendes darin, was der Frau sonst nicht eigen war, und die Bäbe fühlte sich bei dem Gedanken durchschauert, daß sie wissen oder ahnen könnte, wer bei ihr war. Trotzdem spielte sie ihre Rolle beherzt fort. „Ah so,“ rief sie, indem sie die Decke von dem Bette zurückschlug, vor dem sie stand,„Sie sind's! Befehlen Sie was? Soll ich aufstehen?“ „Allerdings,“ war die Antwort,„ich muß dich schon bitten! Der Herr hat einen Anfall von Husten und kann nicht mehr einschlafen. Geh hinunter und mach ihm den Tee!“ „Im Augenblick, Frau Pfarrin.“ „In zehn Minuten komm' ich und hol' ihn! Sorg da' alles in Ordnung ist bis dahin!“ „i wird alles recht werden!“ „Soll mich freuen,“ versetzte die Pfarrerin sub ging festen Schrittes zurück in die Schlaf⸗ tube. Die Bäbe stand mit wogendem Busen und glühenden Wangen da. Die Stimme der Frau hatte denselben Klang behalten— sie konnte fast nicht mehr zweifeln, daß die Schlaue ge⸗ sehen oder gehört hatte, was geschehen war. Möglich, daß sie sich doch irrte und daß nur das böse Gewissen sie den Spott heraushören ließ!— Möglich, aber nicht wahrscheinlich!— Nach einem Moment der Ueberlegung faßte sie einen Entschluß nach dem Gebot ihres Arg⸗ wohns— und sie tat wohl daran.— Die Pfarrerin wußte allerdings, wer im Hause war. Die gereizten Worte der Bäbe, mit denen sie im Haustennen dem Burschen seine Zaghaftigkeit verwiesen hatte, waren in ihr Ohr gedrungen und hatten sie aus leichtem Schlummer erweckt. Sie besaß ein feines Ohr, die kluge Pfarrerin, und indem sie es an⸗ strengte, vernahm sie ein Gewisper, daß sie die Sachlage augenblicklich erraten ließ. Sie stand auf, ging im Nachtkleid sachte zur Tür und hörte, wie's die Stiege herauf kam und in den Gang einbog. Sie legte das Aug' ans Schlüsselloch, wartend der Dinge, die da kommen sollten, ungestört sogar durch den Husten des Gemahls. Und es setzte sich wieder in Be⸗ wegung, und ste sah die seltsamste aller Kaval⸗ kaden an sich voxüberziehen!— Im ersten Moment konnte sie sich nicht enthalten, das eigentümlich Lächerliche derselben und eine gewisse Freude über die Entdeckung zu empfinden. Aber diese Regung wich alsbald der Entrüstung über die Dreistigkeit des Mäd⸗ chens und über den ihrem Hause angetanen Schimpf.— Was sollte sie beginnen? Wenn ste die Tür öffnete und das Paar überraschte, versuchte der Bursche zu entspringen, es gab Von Lärm, und der Herr, den sie sich mindestens halb wach denken mußte, vernahm den Skandal! Er, der solchen Unfug gar nicht für möglich hielt, geriet außer sich, kam in Amtseifer— und der Skandal wurde öffentlich. Konnte sie sich aber ruhig verhalten und dem Leichtsinn der Frechheit das Feld überlassen? Unmöglich, — das Husten des Gatten, das sich endlich: wenn auch minder stark, erneuerte, gab ihr eine Idee. Sie trat an sein Bett und sagte! „Du hast's heut wieder stark, lieber Mann; ich will dir deinen Tee machen lassen!“— Der Pfarrer, durch die Anrede völlig munter geworden, glaubte, es wäre nicht mehr nötig, weil es sich schon gemindert habe. Die Frau drang aber so zärtlich in ihn, sie hielt ihm die Notwendigkeit, einem möglichen heftigern Aus⸗ bruch durch das erprobte Mittel zuvorzu⸗ kommen, so lebhaft vor, daß er sich fügte. Sachte verließ die Kluge das Schlafzimmer, über ihr Verfahren mit sich einig. Sie wollte durch den Ton ihrer Stimme dem Mädchen zu verstehen geben, daß sie alles mit angesehen, und ihr eine Frist bestimmen, damit sie in derselben den Liebhaber aus dem Hause schaffte. Wurde sie nicht verstanden und blieb der Bursche, so wollte sie ein anderes Mittel aus⸗ denken, das Aergernis nicht weiter gehen zu lassen.— Wir haben gesehen, daß sie ver⸗ standen wurde.— Nach gefaßtem Entschluß wandte sich die Bäbe zu dem Burschen.— Dieser hatte in der kurzen Zeit die seltsamste Reihe von Ge⸗ fühlen durchlaufen. Als er in dem Zuruf die Stimme der Pfarrerin erkannte, wirkte die⸗ selbe, namentlich in der verstärkten Wieder⸗ holung, wie ein Posaunenstoß des jüngsten Gerichts. Die Blutstropfen in seinen Adern, die noch eben krafterfüllt und angriffsmutig wie Löwen sich erhoben hatten, rannten und taumelten durcheinander wie eine vom Wolfe angefallene Schafherde; mit Mühe hielt er sich aufrecht. Die Geistesgegenwart des Mädchens, das täuschende Spiel des Aufwachens und Aufstehens erfüllte ihn mit Staunen über solch unbegreifliche Geschicklichkeit; er traute seinen Augen und Ohren kaum; aber seine Seele 8 wurde erhellt durch einen Schimmer von Hoff⸗ nung, aus der schrecklichen Falle zu kommen, in der er sich gefangen hatte, und seine Ge⸗ fühle nahmen in diesem Scheine eine ruhigere Bewegung an. Es war möglich, daß er nicht als frecher Entweiher des Pfarrhauses entlarvt und gebrandmarkt wurde! Es war möglich, daß er mit der Angst davon kam, daß ihm die ärgste Strafe erlassen wurde! Hatte er ungesehen die Kammer erreicht, so konnte er auch ungesehen den Hof und die Gasse er⸗ reichen!— Der Abgang der Pfarrerin stärkte diese Hoffnung bedeutend. Um so inniger trachtete seine Seele nun, aus dem Hause zu kommen. Er war eben im Begriff, der Bäbe einen Vorschlag zu machen, als diese zu ihm sprach: „Tobias, wir können nicht länger beisammen bleiben, du mußt fort!— Sag' nichts dagegen,“ setzte sie hinzu, als dieser sich anschickte, seine vollkommende Beistimmung auszudrücken,„es geht nicht anders, du mußt aus dem Hause!“ „Ich(hab' ja gar nichts dagegen,“ erwiderte der Schneider lebhaft;„ich seh's ein, es geht nicht anders!“ „Das ist mir lieb“, versetzte das Mädchen. — Nach einer kleinen Pause fuhr sie mit weicher, trauriger Stimme fort, indem sie die Hand liebevoll auf seine Schulter legte:„O Tobias, es ist recht schade, daß wir nicht bei⸗ sammen bleiben können! Wir haben bis jetzt wenig Glück miteinander gehabt; aber ich hoff, es wird sich eine andere Gelegenheit finden.“ „Sie wird sich finden,“ entgegnete Tobias. „Aber jetzt—“ a 5 „Du hast recht,“ versetzte die Bäbe, zog leise den Riegel zurück, öffnete die Tür und sagte mit einem Lächeln, das aber nicht umhin konnte, eine gewisse Schelmerei auszudrücken: „So, jetzt nimm deinen andern Platz wiede ein, weil's doch nicht anders hat sein wollen!“ Tobias faßte mit einer Art von Gewandt⸗ heit Posto, das Mädchen trat hinaus und ging vorwärts im Gang, leise,? aufs leiseste f 1 6 0 1 1 1 . 1 1 1 4 1 1 1 1 . 1 1 1 2 l A Nr. 51. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. Und der getragene Schneider ging zwar aufs neue in Aufregung, wie sie gegen die Tür der Schlafstube kamen, aber doch in ein' gelindere als beim Hinaufgehen. Als er die Stiege hinabging, wurde es ihm leichter und freier mit jeder Stufe. An der Haustür machte das Mädchen Halt, ließ ihre Bürde langsam auf den Boden gleiten und öffnete die Tür. Ihrer Meinung nach hatte sich der Liebhaber in der zweiten Hälfte des Unternehmens doch ganz wohl benommen und seine anfängliche Zaghaftigkeit wieder gut emacht. Als sie ihn nun wiederum entlassen sollte ohne mit ihm zur Sache gekommen zu sein und seine Seele durch Mitteilung ihres Planes beruhigt zu haben, fühlte sie einen Antrieb, ihn zu entschädigen; sie umfaßte ihn und gab ihm einen Kuß voll inniger Zärtlich⸗ keit, machte sich auch nichts daraus, daß er ein wenig hörbar endete— was fragte sie nach den Leuten? Dem Schneider hätte dieser Kuß bei einer anderen Gelegenheit wunder⸗ sam gemundet; jetzt würdigte er seine Süßig⸗ keit nur halb, denn noch immer waltete in ihm Drang, hinauszukommen in die Freiheit! — Er gab der Geliebten rasch die Hand, sagte Gutnacht und schritt vorsichtig über die Stufen in den Hof. Die Bäbe schloß die Tür, ging in die zu ebener Erde befindliche Küche, machte Feuer, und bei der Ankunft der Pfarrerin war der Tee fertig. Als sie derselben die Gefäße über⸗ reichte, glaubte sie durch den Ernst ihres Ge⸗ sichts eine gewisse Schadenfreude durchblicken zu sehen. Dies bestärkte sie in ihrem Argwohn, und sie machte sich auf eine bezügliche Anrede gefaßt. Die Pfarrerin sagte indes nichts als „Gut, nun kannst Du wieder in dein Bett gehen“ und entfernte sich. Während der alte Herr trank, wandelte die Bäbe still in ihre Kammer zurück; und nach Verfluß einer halben Stunde herrschte die vollkommenste Ruhe im Hause. Dem Pfarrer hatte der Tee die Wohltat des Schlummers verschafft, der Pfarrerin die gelungene Ver⸗ hinderung des Aergernisses, der Bäbe ihre ge⸗ sunde Natur und der Entschluß, mutig allem zu begegnen, was das Geschick gegen sie im Schilde führen mochte.— Anders endete das Abenteuer für den Schneider. Als dieser durch das Hoftor unan⸗ gefochten auf die Gasse gelangt war, atmete er tief auf und kostete von Grund aus das Glück der Rettung. Haß das Aergernis seines Betroffenwerdens bei der Pfarrmagd vermieden worden war, konnte er nicht dankbar genug bewundern und preisen. Er ging vorwärts und sog in duxstigen Zügen die frische Luft ein. Mit jedem Schritte fühlte er sich ruhiger, gesicherter, glücklicher. Der abnehmende Mond schien ihm ins Gesicht; aber das unter gewissen Umständen so seltsam wirkende, tiefromantische Gefühle ins Innere schauernde Licht machte auf den Erlösten nur einen erfreulichen Ein⸗ druck. (Fortsetzung folgt.) Humoristisches. Der Mächtigste. Lehrer(welcher die Majestät des Todes schildern will): Nenne mir jene finstere Macht, welcher sich die Menschen ohne Unterschied der Nation und Rasse in Ehrfurcht unterwerfen. Schüler: Der Geldsack. Geschichts kalender. 20 Dezember. 1900: Frommer Bankschwindler Sanden verhaftet, 1895; Leopold Jakoby, sozial, Dichter in Zürich, T. 1830: Belgiens Losreißung von Holland. 21. 1900: Urteil im Sternberg⸗Prozeß. Russ. Sozialist Stepniak in London überfahren. 22. 1900: Selbstmord des Berliner Polizei⸗ Direktors Meerscheid⸗Hüllesem(Sternberg⸗Prözeß); 1882: Arends, Stenograph., Jakob II.(Stuart) aus Eng⸗ land vertrieben. 23. 1863: 1732: Arkwright(engl. Spinnmaschine)“. 24. 1886: Massenausweisungen aus Frankfurt a. M. 1524: Seefahrer Vasco de Gamo,. 25. Isaak Newton, Astronom*. 1895: Deutsche Bundestruppen in Holstein. Mechaniker, Erfinder der — — und Krimmer 7 2282 Sehuhe von 30 Pfeunig an bis zu den feinsten Onalitäten. 630 2222 Handschuhe in allen Größen, gestrickt, gewebt, mit Leder 622 ges- Jacken,(Unterjacken) von 1 Mark an. * Unterziehzeuge, als: Normalhemden, Hautjacken, Unter⸗ snes- hosen, in großer Auswahl. 0 Sede Paletots und Ilaveloes für Herreu, Burschen u. Kinder. 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