— 2 8 — * Nr. 38. Gießen, den 20. September 1903. 10. Jahrg. edaf tien Kirchenplaß 11, Schloßgasse. Sonnt Mitteldeutsche 8 ⸗Jeitung. Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 U r Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckeret, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) Bestellungen finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33/0 und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. 2 Juserate Die ögespalt. Bei mindesteng Unser Parteitag. Am Sonntag Abend ist in dem großen Saale des„Trianon“ in Dresden unser e Parteitag eröffnet worden. Seit dem Falle des Sozlalistengesetzes ist es der erste Parteitag der sozialdemokratischen Partei, der in Sachsen abgehalten wird. Vor langer Zeit, als die sozialdemokratische Bewegung noch in den Kinderschuhen steckte, fand allerdings einmal ein ähnlicher Kongreß in Dresden statt, es war derjenige der sozialdemokratischen Ar⸗ beiterpartei, der sog.„Eisenacher“, der im Sommer 1871 dort tagte. Bisher erschien es nicht rätlich, den Parteitag in Sachsen abzu⸗ halten, weil auf dem Gebiete des Vereins⸗ und Versammlungsrechtes die reine Polizeiwillkür herrschte. Jedem Redner konnte von dem über⸗ wachenden Polizisten ohne weitere Begründung der Maßnahme das Wort entzogen werden, auch die Gefahr der Auflösung der Versamm⸗ lung war in Sachsen viel eher vorhanden, als im übrigen Deutschland. Außerdem waren bei den in Sachsen herrschenden Polizeimaximen Behelligungen der Ausländer zu erwarten, die die sozialdemokratischen Parteitage als Gäste zu besuchen pflegen. N In diesen Verhältnissen ist einige Besserung eingetreten und deshalb bestimmte der Münchener Parteitag Dresden als den Ort des diesjährigen. Nach unsern glänzenden Wahlerfolgen in Sachsen muß die Hauptstadt dieses Landes für die Ab⸗ haltung der Partei⸗Heerschau als besonders geeignet erscheinen. Der Parteitag ist durch Delegierte stark beschickt, die Mandatsprüfungskommisston stellte später die Anwesenheit von 280 Delegierten fest. Außerdem sind die meisten Abgeordneten erschienen, auch der Parteivorstand ist vollzählig zur Stelle, so daß der Parteitag 336 berechtigte Teilnehmer aufweist. Zahlreiche Gäste der ausländischen Sozialdemokratie überbringen die Grüße der Bruderparteien. Etwa 70 Vertreter der Presse nehmen an den für ste aufgestellten Tischen Platz. N Zur Begrüßung des netagz besteigt Abg. Aug. Kaden(Dresden) um Uhr die Tribüne. Seine im Einleitungssatz ausge⸗ sprochene Aufforderung:„Auf Grund des sächsi⸗ schen Vereinsgesetzes ersuche ich die Minder⸗ jährigen, den Saal zu verlassen“, wird mit großer Heiterkeit aufgenommen. Kaden fährt dann fort: Im Namen des Lokalkomitees heiße ich Sie herzlichst willkommen auf einem Boden, wo die deutsche Sozialdemokratie für immer heimatsberechtigt geworden ist. Die sächsischen Genossen haben sich der Ehre, daß der Parteitag in Dresden stattfindet, würdig gezeigt, indem sie Ihnen von den 23 sächsischen Mandaten 22 als Morgengabe entgegenbrachten.(Lebhaftes Bravo!) 1871 hatten wir bei der Reichstags wahl etwas über 100 000 Stimmen, und was ist in diesen 32 Jahren erreicht: Ueber 3 Mil⸗ ltonen Stimmen und 81 Mandate! Sachsen ist jetzt sozia⸗demokratisch und muß und wird es bleiben.(Bravo!) Möge nach diesen Er⸗ folgen das Bestreben obwalten, die Partei nach innen zu befestigen, damit wir allen Stürmen zum Trotz gewappnet sind. Unsere Gegner setzen ihre ganze Hoffnung auf einen Zwiespalt in unsern Reihen; in unsrer Hand liegt es, daß sie sich täuschen. Wir haben dem Volke ein tatkräftiges Wirken für seine Wohlfahrt feierlichst zugesichert und das Volk hat uns durch seine Stimmen sein Vertrauen bewiesen. Diesem Vertrauen müssen wir durch Einigkeit und innere Kraft genügen.(Bravo!) Redner schließt: Unsre Parole muß dieselbe bleiben, wie seit fast 40 Jahren: Auf zum Kampf, auf zum Steg! Hierauf nimmt Bebel das Wort, von stürmischem Beifall empfangen. Er dankt dem Vorredner für seine schwungvollen und gut gemeinten Worte. Wenn jemand, so könne Dresden und Sachsen jubeln über den großen Wahlerfolg, der auch die kühnsten Erwartungen übertroffen habe. Die Wahlen in Sachsen bilden ein einzig in der Parteigeschichte da⸗ stehendes Kapitel. In Sachsen hat das Volks⸗ gericht deutlich ausgesprochen: Die da regieren sind nicht die, von denen wir regiert sein wollen. Das sächsische Volksgericht hat die moralische Depossedierung derer bedeutet, die heute das Heft in der Hand haben. Das Volksgericht hat endlich denen einen Denkzettel gegeben, die uns jahrzehntelang gehudelt und gebüttelt. Gar oft habe ich mich gefragt, wann endlich wird in Sachsen dem Proletariat der Gedulds⸗ faden reißen? Was sich nämlich Sachsen gegen die Arbeiterschaft herausgenommen hat, das steht einzig da.(Sehr richtig!) Vor 20 Jahren etwa erklärte die offiziellste Persönlichkeit, der Minister des Innern— ich selbst habe die Worte gehört— die Gesetze des Landes gelten natürlich für alle, aber einzelne Gesetze müssen besonders gegen die Sozialdemokraten ange⸗ wendet werden.(Pfui ⸗Rufe.) Jetzt endlich hat man den Regierenden zugerufen: Nehmt euch in acht, jetzt ist das Maß unsers Unmutes voll! 1898 war ich mit dem Wahlerfolge nicht zu⸗ frieden. Ich sagte: Die Sachsen sind famose Kerle, aber sie sind noch zu„gemietlich“(große Heiterkeit), sie müssen Galle, Zorn und Leiden⸗ schaft ins Blut bekommen.(Heiterkeit.) Jetzt endlich ist mein Wunsch erfüllt. Die Herrschen⸗ den haben einen Denkzettel bekommen, den sie so bald nicht vergessen werden. Die drei Millionen über 25 Jahre alten Männer sie wußten genau, was sie taten, als sie uns wählten. Wenn unsere Parteigenossen hier und da unsere Ziele nicht voll entschleiert haben sollten, unsere Gegner haben es ja getan und tagaus tagein in den glühendsten Farben ge⸗ schildert, was wir für eine von Gott und Teufel verlassene Gesellschaft sind.(Stürmische Heiter⸗ keit.) Bebel giebt einen historischen Rückblick über die Entwickelung unserer Partei in Sachsen und spricht die Hoffnung aus, daß uns die eroberten Positionen in Sachsen niemals wieder verloren gehen. Damit erklärt er den Parteitag für eröffnet. Als Vorsitzende werden Singer und Kaden gewählt. Dann folgt noch die Wahl der Kommissionen und die endgültige Festsetzung der Tagesordnung. Am Montag, dem ersten Verhandlungstage begrüßt Singer, der kurz nach 9 Uhr die Sitzung eröffnet, die ausländischen Delegierten und dankt für die vielen Beweise der Solidarität, welche anläßlich der Wahlen die deutsche Sozial⸗ demokratie von den ausländischen Bruderparteien erhielt.— Eine Reihe ausländischer Delegterten übermitteln die Grüße der von ihnen vertretenen Bruderparteien, so Dr. Adler-Wien, Nemec⸗ Prag, Tak⸗Amsterdam, Jones⸗England, Wilshire-Amerika.— Viele Begrüßungs⸗ telegramme sind eingelaufen. Den Bericht des Vorstandes giebt Abg. Pfannkuch. Er verweist auf den gedruckten Bericht und gedenkt der Kämpfe gegen den Zolltarif. Bei den Reichstagswahlen suchte der Vorstand nach Möglichkeit dem Ver⸗ langen nach Rednern zu entsprechen. Die Mitglieder der Fraktion seien in erster Linie für diese Agitation in Bereitschaft gesetzt worden. Freilich hätten sich die Abgeordneten in erster Linie nur für ihre Wahlkreise und Heimat⸗ provinz zur Verfügung gestellt. Bedingungslos hätten sich nur Bebel und Singer zur Ver⸗ fügung gestellt, diese hätten in der Wahlagitation fast Uebermenschliches geleistet.— Die Ein⸗ richtung von Arbeitersekretariaten sei zunächst Aufgabe der Gewerkschaften; die Schaffung von Parteiarbeitersekretariaten sei vor allem in Gegenden augebracht, wo die Organisation noch schwach sei. Die Partei⸗ presse hat infolge der Agitation bei den Reichstagswahlen einen großen Aufschwung genommen. Dasselbe konstatiert auch Gen. Gerisch, der den Kassenbericht gibt. Er bemerkt, daß unsere Parteiblätter im letzten Jahre zirka 130000 neue Abonnenten gewonnen und jetzt einen Abonnentenstand von zusammen rund 550000 zu verzeichnen haben. Im letzten Jahre habe sich auch die Opferfreudigkeit der Genossen in schöner Weise bewährt, es sei außerdem noch viel geleistet worden, was in der Abrech⸗ nung nicht zum Ausdruck komme. So sollte es immer bleiben!— Meister berichtet für die Kontrolleure und konstatiert, daß alles in bester Ordnung befunden worden sei. Nach einer kurzen Diskussion, die sich an den Bericht schloß, wird die Frage der „Mitarbeit von Parteigenossen an der bürgerlichen Presse“ erörtert, die innerhalb des Vorstands⸗ berichtes als selbständiger Punkt der Tages⸗ ordnung behandelt wurde. Hierüber berichtet ebenfalls Pfannkuch, der den hierzu vom Vorstand gestellten Antrag begründet. Danach kann es mit den Interessen der Partei nicht für vereinbar erachtet werden, daß Parteigenossen als Redakteure und Mitarbeiter an bürgerlichen Preßunternehmungen tätig sind, in denen an der sozialdemokratischen Partei gehässige oder hämische Kritik geübt wird. Im übrigen ist die Mitarbeit an bürgerlichen Blättern zulässig, wenn der Genosse durch seine Stellung nicht genötigt wird, gegen die sozialdemokratische Partei zu schreiben oder gegen dieselbe gerichtete Angriffe aufzunehmen. Doch sollten solchen Genossen keine Vertrauensstellungen übertragen werden, weil solche sie früher oder später in Konflikt mit sich und der Partei bringen müssen. Gegen diesen Antrag, der früher als eine„Er⸗ klärung“ des Vorstandes veröffentlicht wurde, wandten sich mehrere Genossen, so Dr. Braun (Berlin), Göhre, Heine und Andere, die dadurch die Meinungsfreiheit in der Partei gefährdet sehen. Die Entscheidung befinde sich in Uebereinstimmung mit dem Gefühl der großen Masse und hat die Zustimmung der Parteipresse und der Parteikreise gefunden. Srl 5 3—— „ . 5 — — r Z—— 9 1 1 7 * e r 1 2 2 . ae — Seite 2. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 38. Als erster Redner in der Diskusston ergreift Dr. Hch. Vraun⸗Berlin das Wort, der sich in langen Ausführungen über diese Frage ver⸗ breitet. Sle sei sehr verwickelt und nicht ohne Weiteres mit ja oder nein zu beantworten. Der Parteivorstand habe diese Streitfrage mitten in die Wahlbewegung hineingeworfen und da⸗ durch verschuldet, daß Kandidaten der Partei 9 1 sehr harmloser Artikel in bürgerlichen Blattern in unerhörter Weise deswegen beschimpft werden konnten. Das ist einzig 1e 18 jetzt in der Partet gewesen. Niemals sei weniger von Parteileuten für bürgerliche Blätter ge— schrieben worden. Die Entscheidung des Partei⸗ vorstandes führe schließlich dazu, daß man einen Index verbotener Blätter aufstelle, für welche Parteigenossen nicht schreiben dürften. Der Redner greift im Weiteren heftig den Ge⸗ nossen Dr. Franz Mehring an, den er selbst vor 25 Jahren in die Partet eingeführt habe. Damals sei ihm(Braun) nicht bekannt gewesen, daß Mehring eine von niedrigen Angriffen gegen unsere Partei strotzende„Geschichte der Sozial⸗ demokratie“ geschrieben habe. Aus der„Garten— laube“ von 1880 verliest Redner einen Artikel Mehrings, in dem dieser der Sozialdemokratie die Attentäter Hödel und Nobiling an die Rock⸗ schöße hängt. Braun wird oft von Zwischen— rufen unterbrochen, die meistens von Bebel ausgehen, sodaß der Vorsitzende Singer Bebeln ersuchte, die Zwischenrufe zu unterlassen. Braun bezeichnete zum Schluß Mehrings Tätigkeit als Verhetzung der Parteigenossen unter einander; sie gefährde den inneren Bestand der Partei. Die Angriffe Brauns rufen natürlich heftige Entgegnungen hervor. Zuerst verteidigt Gerisch den Vorstandsbeschluß. Dann nehmen Hoffmann⸗Hamburg, Kautsky, Hoff⸗ mann-Berlin, Stadthagen, Frau Zetkin, Bebel und andere, Mehring in Schutz, während Edmund Fischer ebenfalls Mehring angriff. Von mehreren Seiten wurde betont, daß es nicht angehe, einem Parteigenossen seinen früheren gegnerischen Standpunkt vorzuhalten, nachdem er Jahrzehnte für die Partei gearbeitet und für sie wertvolle Werke gescaffen habe. Kautsky erklärte: Es handele sich hier nicht um einen persönlichen Streit Mehrings mit Harden(Her⸗ ausgeber der„Zukunft“), sondern um eine Frage der öffentlichen Reinlichkeit. Der Misthaufen sei keine Tribüne für Annen in der Zukunft würden die schmutzigsten Angriffe gegen * Partei veröffentlicht. Mehring verdient, daß man ihm Treue bewahre, er ist einer der ersten Vertreter des wissenschaftlichen Sozialis— mus, ein hervorragender Historiker, wie auch unsere Gegner anerkennen. Er kennt unsere Parteigeschichte wie kein zweiter, seine Werke für von klassischer Bedeutung und eine Zierde ür die Partei. Ich frage mich, warum wird dieser Mann nun so gehaßt? Deshalb, weil ihm das Parteiprogramm eine lebendige Wahr- heit ist, weil er für unsere alte bewährte Taktik eintritt und weil er denen entgegentritt, die diese Taktik anzweifeln. Schließlich wendet sich Kautsky gegen die Auffassung einiger Genossen, welche glauben, durch Veröffentlichung sozialistischer Artikel in „unpartelischen“ Blättern agitatorisch wirken zu können. Wir kennen doch alle die parteilose Presse! Unter dieser Flagge sollen nur Dumme eingefangen werden. Die Leserwelt der„Zu— kunft“ könne durch solche Artikel nicht sozialistisch gemacht werden. Deshalb habe der Vorstand mit seiner Entscheidung recht. Von Hoffmann⸗Berlin wird darauf hin⸗ gewiesen, daß Genossen, die als Redakteure an bürgerlichen Blättern tätig sind, früher oder später mit ihrer Parteigenossenschaft in Konflikt geraten müssen. Jedenfalls könne man solchen Leuten doch keine Vertrauensstellungen in der Partei einräumen. Dieser Reduer ruft ganz mit Recht den immerwährend an der Partei und den Genossen nörgelnden und kritisierenden Akademikern zu, sie möchten doch ihren Gehirn— schmalz lieber dazu verwenden, die Gegner zu bekämpfen. Braun habe merkwürdigerweise von Spaltung gesprochen.„Gehen Sie doch mal hin zu den arbeitenden Genossen und fragen Sie mal, wie es mit der„Spaltung“ steht! (Große Heiterkeit.) Meinen Sie, daß die So⸗ zialdemokratie sich spalten wird, wenn ein paar Genossen von ihren Rockschößen abgeschüttelt werden?(Stürmischer Beifall.) Zu solchen Vermutungen kann man nur kommen, wenn man keine Ahnung davon hat, wie man in den Kreisen der Arbeiter denkt. Wenn Sie wüßten, was die Arbeiter bewegt, so würden Sie auf solche Vermutungen gar nicht kommen. Versuchen Sie es einmal und Sie werden er⸗ leben, daß die Arbeiter linksum machen und Sie davonmarschieren als Führer ohne Truppen!“ Wie der lebhafte Beifall bewies, den diese Worte begleiteten, hat Hoffmann die Gedanken der Mehrheit des Parteitags und damit der esamten Partei treffend zum Ausdruck gebracht. Im weiteren Verlauf der Debatte sprechen noch Ülrich-Offenbach, Quarck und Zubeil. Diese drei Redner vertreten die Meinung, die in dem Antrag des Vorstandes zum Ausdruck gebracht wird. Ulrich bemerkte u. a.: Die Frage, ob es möglich ist, daß Genossen an Blättern mitarbeiten, die die Partei ver⸗ dächtigen und beleidigen, muß ich entschteden verneinen, eine solche Tätigkeit ist gefährlich und korrumpierend. Man sagt sich, wenn ein solcher Genosse mit seinem Namen ein Blatt verantwortlich zeichnet: Was, der Mann ist Sozialdemokrat und läßt es sich gefallen, daß in dem Blatt, für das er zeichnet, die 1 demokratischen Prinzipien in so unglaublicher Weise verhöhnt und verlästert werden? Das ist eine Moral mit doppeltem Boden. Mit Recht wird gesagt, daß damit eine Gesinnungs⸗ losigkeit groß gezogen wird, die weder innerhalb der Partei noch nach außen hin einen guten Eindruck machen kann. Gegen diese Art der Betätigung der Parteigenossenschaft müssen wir uns entschieden Verwul ber Quarck, der sich gegen den Antrag des Vorstandes ausspricht, sagt von den Akademikern, daß der Vorstand Arbeits stellen für ste bereit halten sollte, nicht Ehrenstellen. Die Genossen seien aber viel selbst schuld, weil sie den Aka⸗ demikern immer den Vorzug geben.„Wenn ein Sozialdemokrat bei uns von vornherein auftritt mit großen Artikeln:„Wie ich Sozial⸗ demokrat wurde“ oder wenn er gleich seine ganze Lebensgeschichte veröffentlicht und mit dieser Prätentlon zu uns kommt, so ist für mich eigentlich der Fall von vornherein 10 Ein Akademiker, der zu uns kommt, hat sich zunächst ganz still in Reih' und Glied zu stellen und in den schwierigsten Positionen mit zu kämpfen.“ Nachdem sich Bernhardt noch verteidigt hat und zugibt, daß sein Artikel in der „Zukunft“ eine Entgleisung war, ergreift Bebel das Wort. Von der 2½ tündigen⸗ vom ganzen Parteitag mit Spannung verfolgten Rede können wir natürlich nur einen verschwindend kleinen Teil wiedergeben. Bebel bemerkte einleitend: Man hat es beklagt, daß der Parteitag genötigt sei, seine kostbare Zeit mit Verhandlungen totzuschlagen, wie wir sie bisher gepflogen haben; man hat von Lite⸗ ratengezänk gesprochen. Ich begreife ja, daß die Ge⸗ nossen während gewisser Momente dieser Verhandlungen ein gewisses Gefühl des Widerwillens erfaßt hat; ich fürchte aber, auch in Zukunft werden wir noch manch⸗ mal genötigt sein, vor der weiten Oeffentlichkeit Fragen zu erörtern, von welchen wir wünschten, daß ihre Er⸗ örterung unterbliebe. Es ist nur natürlich, daß in einer großen Partei Krankheiten auftreten, ein kleiner Fäulnißprozeß sich entwickelt, ein Geschwür zu Tage tritt, das operiert werden muß, und so wenig für einen Arzt, so sind auch für uns solche Operationen nicht angenehm. Wir unterscheiden uns aber auch in dieser Hinsicht sehr vorteilhaft von allen übrigen Parteien. Wir können unsere schwarze Wäsche vor aller Welt waschen, die bürgerlichen Parteien können das nicht riskieren. Wir stehen nach solchen Operationen stets größer da, als zuvor. Wenn aber gesagt wird, es handelt sich hier um kleinliches Gezänk, so ist das unrichtig. Der Parteivorstand ist erst zu seinem, in zweistündiger Sitzung gefaßten Beschluß ge⸗ kommen, als das Maß zum Ueberlaufen voll war. Der Vorstand hat sich vorläufig nicht veranlaßt gesehen, dem Genossen Bernhard die Tätigkeit an der Morgenpost zu verbieten. Gewiß ist dies Blatt ein kapitalistisches Unternehmen und eine sehr schwere Konkurrenz für den Vorwärts. Man könnte also durchaus auf den Gedanken kommen, daß die Mitarbeit an einem solchem Blatte die Partei schädige. Vorläufig hat sich der Vorstand zu dieser Ansicht noch nicht aufschwingen können. Ganz anders aber liegt die Sache, wenn es sich um ein Blatt wie die Zukunft handelt, das Zeit seines Besteh ens eine feindliche Haltung gegen die Partei eingenommen hat, die Partei in unanständiger, gemeiner, niederträchtiger Weise beschimpft und mit Füßen getreten hat. Ich hätte noch vor wenigen Jahren es nicht für möglich gehalten, daß es in der Partei Elemente giebt, die moralisch so tief gesunken sind, daß sie an einem Blatte wie die Zukunft mitarbeiten und mit Maximilian Witkowskl⸗Harden noch gewisse freund⸗ schaftliche Beziehungen haben!(Bravo!) Den Vater Witkowsky's hatte ich die Ehre zu kennen, den Sohn zu kennen, halte ich nicht für eine Ehre. Bebel setzt dann in breitester Ausführlichkeit auseinander, wie er mit Mehring bekannt wurde, welche Wandlung dieser durchgemacht, erzählt, wie sich der Herausgeber der„Zukunft“ auch an ihn(Bebel) wegen Mitarbeiterschaft erfolglos gewandt habe. Bezüglich der Akademiker, denen er immer die Stange gehalten Patte 10 man sagen: Seht euch jeden Parteigenossen an, wenn es aber ein Akademiker ist, seht ihn euch zweimal an. Gewiß, wir brauchen die Intelli⸗ genz. Er sage auch nicht, daß jene die Partei mit Absicht verderben wollen. Aber gerade als Akademiker sollten sie 15 vorsichtig sein und sich informieren, wie die Massen fühlen, wie sie denken. Eingehend bespricht Bebel viele persönliche und interne ee und wendet sich dann dem von Bernhardt in der„Zukunft“ veröffentlichten Artikel„Partei- moral“ zu, hierbei die Irrtümer des Verfassers nachweisend. Er schließt unter stürmischem Beifall: Die Meinungsfreiheit kann unmöglich darin bestehen, daß jeder Beliebige in jedem gegnerischen Blatte schreiben kann, was er will, ohne auf die Partelanschauungen Rücksicht zu nehmen, wie Genosse Heine es hinstellt. Ohne die Einheit der Grundsätze, ohne die Einheit der Ueberzeugung der Ziele keine Einigkeit, keine Begeisterung für den Kampf, keine Möglichkeit, solche Stege zu er⸗ fechten, wie wir sie erfochten haben und weiter erfechten wollen und wenn auch die ganze Welt von Feinden sich gegen uns erhebt! Am Mittwoch Vormittag wird der Antrag des Vorstandes mit 283 gegen 24 Stimmen angenommen, nachdem sech Heine, Göhre und Braun gegen die Angriffe Bebels ver⸗ teidigt haben. Politische Rundschau. Gießen, 17. September. Gegen die Soldatenmißhandlungen will die Armeeverwaltung energisch vorgehen. Diese erfreuliche Mitteilung macht eine Berliner Korrespondenz. Es derscge bei der Armee⸗ verwaltung die Auffassung, daß in der Tat die Tendenz festzustellen sei, daß die Mißhandlungen in der letzten Zeit„häufiger und vor allen Dingen roher“ geworden seien. Es stehe dahin, ob diese bedauerliche Erscheinung auf eine tatsächliche Verschlimmerung der Ver⸗ hältnisse oder auf die häufigere Ausübung des Beschwerderechtes zurückzuführen sei.— Eine Abänderung des ee eee werde aber zum Kampf gegen die oldatenmißhand⸗ lungen nicht für erforderlich gehalten. Es sieht bisher nicht danach aus, daß es den Soldatenschindern ernsthafter an den Kragen gehen solle. Wenn die unmenschlichen Bruta⸗ litäten mit verhältnismäßig geringen Strafen belegt werden, so kann das nicht abschreckend wirken. Noch schlimmer aber ist, daß die wegen Mißhandlungen Beschwerde führenden Soldaten nur zu leicht wegen eines Fehlers sich noch einer Bestrafung aussetzen, weshalb die Furcht manche von der Beschwerde abhält. Es gibt nur ein Mittel, den Mißhandlungen radikal abzuhelfen: Man muß, wie wir schon oft betont haben, den mißhandelten Soldaten das Recht der Notwehr gegen ihre Peiniger geben und Gehorsamsverweigerungen bei un⸗ würdigen Zumutungen dürfen nicht mehr als Auflehnung gegen die Disziplin gelten. So lange nicht auch im Soldaten die Menschen⸗ würde geachtet wird, wird man der Mißhand⸗ lungen nicht Herr. . f latt eine hat, iget 90 Iich ute daß und ind⸗ ler ohn keit de, hlt, uch los er nan al, duch klli⸗ tei als sein len, fiele iten t in tei sers gem chen, elben ngen sellt. t der ung i et⸗ chten sch rag Nr. 38. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 3. Neuer Hunnenprozeß in Sicht. Während der Wahlagitation soll Genosse Kunert, der Abgeordnete für Halle, das ost⸗ astatische Expeditionskorps beleidigt haben, indem er in einer Versammlung u. A. sagte:„Unsere Soldaten haben das Land verwüstet, geplündert und Frauen geschändet.“ Daß sich Kunert nicht in diesem Sinne geäußert haben kann, liegt auf der Hand; gleichwohl erklärten die überwachen⸗ den Beamten, daß diese Worte gefallen seien. Auch der Staatsanwalt stellte sich auf diesen Standpunkt und beantragte gegen Kunert drei Monate ab une Da Kunert nunmehr mit den gegebenen Verhältnissen rechnen mußte, erklärte er, er wolle auch darüber Beweis bringen, daß tatsächlich die Soldaten geplündert und Frauen geschändet hätten. Er beantragte deshalb die Ladung deutscher und ausländischer Kriegsberichterstatter und Einforderung der Strafakten der Soldaten des Expeditionskorps. Das Gericht beschloß daraufhin Vertagung und gab Kunert 3 Wochen Zeit, damit er die zu ladenden Zeugen angeben könne.— In den Hunnenprozessen gegen die drei Vorwärts⸗ Redakteure, die zusammen zu 17 Monaten Ge⸗ fängnis verurteilt wurden, wurde die Antretung des Wahrheitsbeweises bekanntlich nicht gestattet. Vielleicht ist es jetzt möglich, die Taten der Helden von der gepanzerten Faust durch Zeugen⸗ eide feststellen zu lassen.— Kunert ersucht die⸗ jenigen(frühere Mitglieder des Expeditionskorps), die bestimmte und einwandfreie Zeugnisse über Plünderungen ꝛc. abgeben können, sich mit ihm in Verbindung zu setzen. Seine Adresse ist: Fritz Kunert, Berlin S W., Lindenstr. 69. Vernichtung von Arbeiterexistenzen durch das Unternehmertum. Wie das Unternehmertum mißliebige Arbeiter wirtschaftlich boykottiert, darüber wird ein bezeichnender und krasser Fall aus O ber⸗ chlesien gemeldet. Ein in einem Bergwerk beschäftigter Arbeiter ließ, da er sich mit einem Steiger nicht vertragen konnte, sich die Ent⸗ lassungspapiere aushändigen. Zwei Monate hindurch irrte er dann arbeitslos umher, und es konnte ihm trotz größter Bemühungen nicht gelingen, Anstellung zu erhalten. Als er ein⸗ mal auf einer Grube wieder abgewiesen wurde, bat er den Beamten, ihm doch mitzuteilen, aus was für einer Veranlassung man ihn überall abweise. Lächelnd deutete der Beamte auf ein in dem Entlassungsschein befindliches= Zeichen mit den Worten:„So lange Sie das Zeichen haben werden, erhalten Sie nirgends Beschäftigung.“ Nun verlangt der Arbeiter von dem Steiger, der die Ent⸗ lassungspaptere seinerzeit ausgestellt hatte, den Lohnausfall für 50 Schichten a Mk. 3.60, da er durch dessen Verschulden keine Arbeit erhalten habe.— Es existiert also eine Abmachung unter den Grubenbaronen, wonach sie vermittels ge⸗ heimer Zeichen mißliebige Arbeiter brotlos machen und aushungern. Bei der Dessauer Nachwahl haben die Freisinnigen das Mandat mit knapper Mehrheit behauptet. Die Bündler und Konservativen haben den Freisinnskandi⸗ daten Schrader in der Stichwahl durchgedrückt. Unser Genosse Käppler erhielt am Freitag 13046 Stimmen, während Schrader 14192 er⸗ hielt. Die Wahl Schraders bezeichneten wir bereits in letzter Nummer als wahrscheinlich. Bezirkstagswahlen im Elsaß haben am Sonntag stattgefunden und unserer Partei gute Erfolge gebracht. So erhielt im Kanton Straßburg⸗Süd Redakteur Pei⸗ rotes(Sozialist) 1346, das Landesausschuß⸗ mitglied Jehl, bisheriger Vertreter und gemein⸗ samer Kandidat der Rechtsliberalen und des Zentrumsvereins, sowie der Erwerbs⸗ und Mittelstandspartei 856, Bierbrauer Frey ß (Demokrat) 626 Stimmen. Keiner der Kandi⸗ daten erhielt die erforderliche Mehrheit.— Im Kanton Mühl hausen⸗Nord erhielt Land⸗ wirt Buber(Demokrat) 462, Bürgermeister Gegauf⸗Wittenheim (gemeinsamer Kandidat der Klerikalen und Rechtsliberalen) 1476, der Geschäftsagent Fries(unabhängiger Klerikaler) 718, Redakteur Martin(Sozialist) 1662 Stim men. In diesen beiden Kreisen stehen also unsere Genossen in aussichtsvoller Stich⸗ wahl. Auch in den übrigen Kreisen stiegen die soztaldemokratischen Stimmen. Die Sozialdemokratie im hohen Norden macht ebenfalls recht erfreuliche Fortschritte. Bei den in den letzten Wochen stattgefundenen Wahlen zum Storthing, dem norwegi⸗ schen Reichstage, haben unsere Partei⸗ genossen bedeutende Erfolge zu verzeichnen. Die von ihnen aufgebrachte Stimmenzahl hatte sich schon bis zum 3. September mehr als ver⸗ doppelt und fünf Mandate hatten sie errungen, während sie vorher keins besaßen. Zweifellos werden bis die Wahlen beendigt sind— in Norwegen wird nicht an einem Tage im ganzen Lande gewählt, es wählt vielmehr ein Kreis nach dem andern— noch weitere Erfolge zu verzeichnen sein. Im Amt Tromsö wurden drei Sozialdemokraten gewählt. Also im änßersten Norden des Landes, im Reich der Mitternachtssonne, hat die Idee des Sozialismus triumphiert. Könnte die weltumfassende Be⸗ deutung unserer Bewegung erhebender zum Ausdruck kommen als in diesen Erfolgen im Grenzland menschlicher Kultur? Der Aufstand auf dem Balkan nimmt immer größere Ausdehnung an. Stets bedenklicher wird die Lage und in den türkischen Staaten, in denen das mohammedanische Element überwiegt, wird leidenschaftlich für einen Krieg mit Bulgarien agitiert. Die Bevölkerung wird von Tag zu Tag kriegslustiger gestimmt. Der russtsche Rubel scheint eifrig im Rollen zu sein. Fast täglich finden Kämpfe der türkischen Truppen mit den Aufständischen statt und von beiden Seiten wird geräubert, gemordet und geplündert. Die Berichte lassen erkennen, daß von den türkischen Soldaten noch mehr Gewalttaten verübt werden als von den aufständischen Bulgaren, die gewiß die besten Brüder auch nicht sind.— Bei Kruschervo fand ein Gefecht statt, in dem von 200 Insurgenten 90 fielen; in einem andern bei Klipowa in der Nähe von Monastir wurden von 300 mehr als der dritte Teil getötet.— In Bulgarien sind die Reserven einberufen worden und sind bereits in großer Zahl eingerückt. Fürst Ferdinand ist wieder in Sofia eingetroffen. Peter von Serbien, der König von Mördersgnaden wird seiner Königswürde nicht froh. Unter dem Offizier⸗ korps herrscht eine tiefgehende Gärung, weil die Mörder des Alexander nicht aus der Armee entfernt, sondern im Gegenteil in jeder Bezieh⸗ ung bevorzugt werden. Zahlreiche Offtziere sind verhaftet worden, weil sie an einer Ver⸗ chwörung gegen den König und die Mörder beteiligt sein sollen.— Bei einer Truppenschau in Banjitza trat, als König Peter die Front abritt, ein Oberleutnant des 7. Infanterieregi⸗ ments aus der Front und sagte zum König: „Das Blut unseres ermordeten Königs schreit zum Himmel um Rache. Unsere unschuldigen Kameraden sind eingekerkert, während die Mör⸗ der frei umherlaufen.“ Der König seikreide⸗ bleich geworden und habe den Oberleutnant sofort verhaften lassen. Auch in der Bevölkerung greift die Gärung um sich, man nimmt Partet für die verhafteten Offiziere und es ist gar nicht unmöglich, daß man heute oder morgen den König wieder zum Teufel jagt. Das wäre auch ganz vernünftig von den Serben, nue sollten ste nicht so töricht sein, sich wieder einen neuen König aufhalsen zu lassen. Die deutschen Gewerbe⸗Gerichte hielten am 11. September in Dresden ihre Verbandsversammlung ab, zu der zahl⸗ reiche Delegirte von den Arbeiter- und Arbeit⸗ geberbeisitzern, sowie auch Vorsitzende von Ge⸗ werbe⸗Gerichten erschienen sind. Nach der Er⸗ öffnung durch den Vorsitzenden des Dresdener Gewerbegerichts Dr. Stübing hält Oberbürger⸗ meister Hartenstein⸗Ludwigsburg ein Referat über die Praxis des Proportional⸗Wahl⸗ system bei den Wahlen zu den Gewerbe⸗Ge⸗ richten. Er bespricht die verschiedenen An⸗ regungen zur Vertretung der Minoritäten im deutschen Reiche im Allgemeinen und bei den Gewerbe⸗Gerichten im Besonderen, beleuchtet dann die Entstehungsgeschichte der nun gelten⸗ den Bestimmungen und skizziert die Verhand⸗ lungen in der Kommission und im Plenum des Reichstages. Redner ist erstaunt, daß bei verhältnismäßig so wenigen Gewerbe⸗Gerichten das neue System der Wahl eingeführt wurde, um so mehr, als im Auslande das Verhältnts⸗ Wahlsystem vielfach adoptiert wurde. Referent kann sich der Anschauung nicht verschließen, daß die Darlegungen Molkenbuhrs und Hochs im Reichstage mehr Beachtung verdient hätten, vor Allem die Einwürfe gegen die nicht obli⸗ gatorische Einführung des Systems und gegen das Fehlen von Grundsätzen über die Vornahme der Proportinal. Redner übt eingehende Kritik an den Wahlformen verschiedener Gewerbegerichte. Buchdrucker Massini⸗Berlin meinte, die Arbeiter und ihre parlamentarischen Vertreter müssen sich gegen Verhältniswahlen erklären, so lange sie nicht obligatorisch sind, rügt den Wirrwarr und die Willkür, wie das Gesetz ausgelegt wird und die Statuten, welche sich in dieser Hinsicht die Städte gegeben haben. Recht und Billigkeit soll herrschen; aber bei den Wahlen zur Vertretung des Reiches, Staates und der Gemeinden fällt es Niemandem ein, Recht und Billigkeit zu üben, Verhältnis⸗ wahl einzuführen. Deshalb begreift es die Bevölkerung nicht, daß nur bei den Gewerbe⸗ gerichten der Sinn für Recht und Billigkeit so stark zum Ausdruck kommt. Er schildert, wie man das Proportional⸗Wahlsystem nur dort einführt, wo man die moderne Arbeiterbewegung zu schädigen hofft, am Majoritätsprinzipe aber strenge festhält, wo man eine Minder⸗ heit modern organisierter Arbeiter vom Gewerbegerichte aus schließ en kann. Redner bespricht dann die einstimmig anerkannte Ob⸗ jektivität der Gewerberichter aus dem Lager der Arbeiter, so daß es sicherlich nicht erforder⸗ lich ist, gerade bei den Gewerbegerichten mit der Einfuͤhrung des Proportional⸗Wahlsystems zu beginnen. Abg. Körsten⸗Berlin erklärt, die freien Gewerkschaften seien für das Proportional⸗ Wahlsystem, das beweist schon, daß die An⸗ regung für dieses System aus Frankfurt a. M. kommt, aus einer Stadt mit nur„sozialdemo⸗ kratischen“ Arbeiter⸗Beisitzern. Wir wollen aber, daß das System nicht nur gegen die modernen Gewerkschaften, sondern auch zu ihren Gunsten angewandt, daß es obligatorisch oder überhaupt nicht sei. Ein Beschluß wird über den Gegen⸗ stand nicht gefaßt.— Es folgen noch mehrere Referate. Vor dem Verbandstage hatten die Arbeit⸗ nehmerbeisitzer eine Vorbesprechung, in der die wichtigsten auf dem Verbandstage zur Verhand⸗ lung stehenden Punkte vorberaten wurden.— Bezüglich der Kaufmannsgerichte sprachen sich die Arbeitnehmer für Anschluß der kaufmänni⸗ schen Streitfälle an die Gewerbegerichte aus. Rechtssprechung. Flugschriften⸗Verteilung am Sonn⸗ tag. Oft genug sind schon Genossen von uns und auch andere Leute bestraft worden, weil ste am Sonntag Flugschriften verteilten. Auch bei der letzten Reichstagswahl ist von ver⸗ schiedenen Polizeibehörden diese Tätigkeit als ein Verstoß gegen die Oberpräsidialverordnung, betreffend die äußere Heilighaltung des Sonn⸗ tags, aufgefaßt: worden. Die Verteiler wurden demgemäß in Geldstrafen genommen, welche von den Schöffengerichten bestätigt wurden. Die Strafkammer des Dortmunder Landgerichts beschäftigte sich kürzlich ebenfalls mit zwei der⸗ artigen Fällen. Die Angeklagten bestritten die Rechtsgültigkeit der erwähnten Verordnung, die Seite 4. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 38. auf das Verteilen der Flugschriften während der Wahlperiode keine Anwendung finde, zumal die polizeiliche Genehmigung während dieser Zeit nicht erforderlich sei. Das Gericht kam auch zu einer anderen Auffassung als der Vorderrichter und sprach die Angeklagten aus rechtlichen Gründen frei. In der Begründung führte der Vorsitzende, Landgerichtsrat Dr. Gunckel, aus, der Angeklagte solle dadurch, daß er Sonntags Flugblätter verteilte, also eine Arbeit unternahm, eine Uebertretung begangen haben. Unter Arbeit verstehe man eine mensch⸗ liche Tätigkeit, welche in irgend einer Weise wirtschaftlichen Zwecken diene. Das treffe im vorliegenden Falle nicht zu. Es handle sich auch im wesentlichen um die Frage, ob die Tätigkeit gegen Entgelt geschah oder nicht; auch dieses sei nicht festgestellt. Weiter habe die Verteilung nicht wirtschaftlichen, sondern lediglich partespolitischen Zwecken gedient. Es fehle der Handlungsweise der Angeklagten dem⸗ gemäß das Kriterium der Arbeit, und wenn das fehle, dann könne auch von einer strafbaren Handlung keine Rede sein. Der Vorsttzende betonte noch ganz besonders, daß die Freisprechung nicht aus dem Grunde erfolgt sei, weil zur Zeit der Wahl die Bestimmungen der Sonntags⸗ ruhe keine Anwendung fänden.— Die höheren Polizisten in Preußen mögen sich diese Ent⸗ scheidung merken. ————.— von Nah und Fern. Hessisches. Der ehemalige„Hessische Bauernkönig“, der frühere Abgeordnete von Marburg, Dr. Böckel, hat sich aus dem politischen Leben vollständig zurückgezogen. Ein ihm nahestehen⸗ des Blatt gibt als Grund für Böckels Rücktritt an, er sei„verärgert durch die ewige Zersplitte⸗ rung und Eifersüchtelei in der antisemitischen Bewegung und körperlich aufgerieben in jahr⸗ zehntelangem Kampfe“. Böckel hat bekanntlich vor etwas mehr als 10 Jahren hier in Hessen eine große Rolle gespielt und den Antisemitismus gewissermaßen ins Leben gerufen. Später kam er in Konflikt mit seinen Parteigenossen, die Hirschel, Köhler ꝛc. verdrängten ihn und er zog nach Berlin, wo er sich in den Dienst der von ihm früher so scharf bekämpften Junkerpartei stellte.— So ist der nun still und verärgert beiseite getreten, der mit so gewaltigem Getöse auf den Schanplatz trat. Bald wird man auch von den antisemitischen Parteien als von etwas Dagewesenem reden; sie werden im Junkerbunde und den übrigen reaktionären Parteien aufgehen. Gießener Angelegenheiten. — Von unserer Landeskonferenz haben wir dem in voriger Nummer gegebenen Berichte noch einiges hinzuzufügen. Den be⸗ jugend der Presse angenommenen Antrag haben wir bereits erwähnt, er wurde von Scheidemann damit begründet, daß in dem Odenwald sowie im Kreise Dieburg und auch in Rheinhessen für Einführung unserer Presse gesorgt werden müsse und daß, wie die Ver⸗ hältnisse liegen, dies nur durch ein Wochenblatt geschehen könne. Nur wäre töricht, dafür ein neues zu gründen, wo wir in Hessen bereits eins hätten. Die„Mitteldeutsche Sonntags⸗ zeitung“ könne ohne weiteren Kostenaufwand zu einem Landesorgan ausgestaltet werden, wenn der Druck in Offenbach erfolge, von wo aus auch die Expedition nach dem Odenwald de. bequemer erfolgen könne. Im Uebrigen solle es bleiben wie bisher, die Gießener Genossen also den Verlag und Redaktion behalten.— Gegen den Plan wurde von mehreren Delegierten auch Bedenken geäußert, doch wird die in der vorigen Nr. mitgeteilte Resolution, welche das Landeskomitee ersucht, mit den Gießener Genossen wegen der Zeitungssache zu verhandeln, fast einstimmig angenommen. Im Weiteren hatte sich die Konferenz noch mit verschiedenen Anträgen zu befassen. Der Arbeiter-Wahlverein in Griesheim beantragt,„die Landtagsfraktion zu beauftragen, im Landtag die Aufhebung der Verbots des Tannenzapfenbrechens und die Versteigerung des Tannenzapfenbrechens zu beantragen.“ Dieser lntrag wird der Fraktion zur Berück⸗ sichtigung überwiesen. Zur durchgreifenderen Agitation im Kreise Erbach⸗Bensheim beantragt das dortige Agitationskomitee ihm 400 Mk. aus der Landeskasse zu bewilligen. Dem wird zugestimmt.— Das Landes⸗ komitee wird einstimmig wiedergewählt. Als Ort der nächsten Landeskonferenz Pfung⸗ stadt bestimmt. * Unter der Ueberschrift:„Ein Nachwort zur Landeskonfer enz“ richtet Gen. Abg. Cramer eine Zuschrift an unser Mainzer Parteiorgau, in der er auf verschiedene bei der Konferenz zu tage getretene Uebelstände hinweist, die übrigens schon mehrfach, auch in der letzten Gießener Wahlvereinsversammlung zur Sprache gebracht werden. Cramer bezeichnet es zunächst ganz mit Recht für nachteilig für die Konferenz, wenn nach einem kleinen Ort in gergappise ungünstiger Lage einberufen wird. ann sei die Zeit nicht ausreichend, nur das vorliegende Material gründlich und eingehend zu behandeln. Cramer sagt: 5 „Die Landeskonferenz soll doch für Hessen sein, was der Parteitag für ganz Deutschland ist. Vor allem soll ihre Beratung und Beschlußfassung ein Leitfaden sein für die Genossen der einzelnen Orte; die Geschäftsführung und die Tätigkeit der Abgeordneten und der Agitatoren, der mündlichen sowohl wie der schriftlichen, sollen geprüft werden und aus dieser Prüfung soll neues frisches Material für die Agitation des laufenden Jahres geschaffen werden.“ ö Diese Aufgabe habe die Konferenz nicht gelöst und deshalb schlägt Cramer vor: „Das Landeskomitee soll im Laufe der nächsten Zeit auf dem Wege der Umfrage bei den einzelnen Mitgliedschaften Informationen darüber einholen, wie die Genossen über eine zweitägige Dauer der nächsten Landes⸗ konferenz denken, insbesondere wie die Be⸗ schickung derselben sich in finanzieller Hinsicht gestaltet. Dem eingegangenen Resultat ent⸗ sprechend soll das Landeskomitee entscheiden.“ Das Mainzer Parteiorgan stimmt dem Genossen Cramer zu und im allgemeinen auch das Offenbacher, das die Zuschrift abdruckt. Jedenfalls verdienen diese Anregungen Be⸗ achtung. Wie jeder Konferenzteilnehmer weiß und empfunden haben wird, sind die ge⸗ rügten Uebelstände tatsächlich vorhanden. Wenn so„im Galopp“ gearbeitet wird, wie es in den letzten Stunden der Sitzung geschah, vielleicht auch geschehen mußte, kann nichts Erspießliches geleistet werden. Hier Besserung zu schaffen, muß unsere Aufgabe sein. — Die jungen Gewerkschaftsmit⸗ glieder, welche im Herbste zum Militär einrücken müssen, werden gut tun, ihre Mit⸗ gliedsbücher rechtzeitig in Ordnung zu bringen. Das Verbandsbuch, in dem die Abmeldung eingetragen sein muß, ist von den Mitgliedern bis nach Beendigung der Dienstzeit auf z u⸗ bewahren und 1 bei der Wiederanmeldung zum Verbande vorgezeigt werden. Nach der Entlassung vom Militär müssen sich die Genossen sofort in der nächstgelegenen Zahlstelle melden und ihre Wiederanmeldung in das Mitglieds- buch eintragen lassen. Dadurch sichern sich die Mitglieder ihre Rechte und Ansprüche an die Unterstützungseinrichtungen. Aus dem Rreise riedberg⸗Büdingen. n. Ein Brandunglück, bei dem zwei Menschenleben zu Grunde gingen, ereignete sich am Freitag Mittag in Friedberg. In dem Anwesen des Lohn⸗Kutschers Ph. Ulrich war Feuer ausgebrochen, das, angefacht durch den orkanartigen Sturm, rapid um sich griff. Die Feuerwehr hatte Mühe, es auf seinen Herd zu beschränken. Gerettet konnte jedoch fast gar nichts werden. Nun wäre ja der Verlust der Gebäulichkeiten, da dieselben ohnehin alt und wohl genügend versichert waren, nur die ausge⸗ droschene Frucht war nicht alle verstchert, weniger zu beklagen, wenn nicht auch Menschen⸗ leben dem wütenden Element zum Opfer ge⸗ fallen wären. Die zwei Knaben des Eigen⸗ tümers Ulrich, im Alter von 5 und 8 Jahren, kamen in den Flammen um. Während die Leiche des älteren Knaben schon während des Brandes geborgen werden konnte, fand man die andere erst am Abend unter dem Brandschutt; sie war vollständig verkohlt und unkenntlich. Die beiden kleinen Verunglückten sollen durch Spielen mit Feuerzeug den Brand verursacht haben, doch dürfte das kaum mit Sicherheit nachzuweisen sein. Aus dem Rreise Alsfelsd⸗Cauterbach. — Nachklänge von der Landtagswahl in Alsfeld. Vor der Gießener Strafkammer wurde am Dienstag ein Beleidigungsprozeß durchgeführt, der durch die Agitation bei der Landtagswahl veranlaßt wurde. Die Verhandlung nahm den ganzen Tag in Anspruch und eine große Anzahl Zeugen, meistens Alsfelder Bürger, waren aufgeboten. Angeklagter war der Fabri⸗ kant Theodor Bücking⸗Keck in Alsfeld, der beschuldigt wird, durch eine Anzahl Flugblätter, die er verfaßt und vor der Wahl in Alsfeld zur Verteilung gebracht hatte, den damaligen Landtagskandidaten, Rechtsanwalt Reh in Alsfeld, öffentlich beleidigt zu haben. Letzterer trat als Nebenkläger auf, vertreten durch Rechtsanwalt Grünewald, die Verteidigung Bückings führte Rechts⸗ anwalt Stulz⸗Frankfurt. In den inkriminierten Flug⸗ blättern werden dem Rechtsanwalt Reh in Bezug auf seine Tätigkeit als Anwalt Verfehlungen vorgeworfen und zum Beweis dafür Vorkommnisse angeführt, die bis zu zehn Jahren zurückliegen. Reh wird damit der Geldmacherei beschuldigt. In einigen Fällen habe Reh beiden Klageparteien Rechtsrat erteilt und somit gegen§ 356 des Strafgesetzbuchs verstoßen. Der An⸗ geklagte tritt den Wahrheitsbeweis an. Er leugnet nicht, mit dem Abg. Reh, seinem früheren Anwalt, verfeindet zu sein, obwohl er(Bücking) in politischer Beziehung der freisinnigen Partei nahestehe. Er habe sein gutes Recht als Wähler verfolgt, wenn er gegen Reh Stellung nahm und dessen Wahl zu verhindern suchte. Er sei immer bemüht, das Recht zu schützen und bekämpfe das Unrecht, wo es sich immer zeige. Mehrere Zeugen bestätigen, daß B. allerdings in dieser Richtung oft erfolgreich eingegriffen hat, während andere ihn als Räsoneur hinstellen, der über alle Welt schimpfe. Daß Reh in einer Klagesache beiden Parteien gedient habe, behauptet ein Zeuge; Reh erklärt, das könne höchstens ein Ver⸗ sehen sein, wie das überall vorkommen könne, jedenfalls habe er es sofort, nachdem er es entdeckt, korrigiert. Ein anderer Zeuge will gehört haben, daß Reh bei Verhandlung einer Strafsache, in der er den Angeklagten verteidigte, sagte:„Mir ist gleich, ob er verurteilt oder freigesprochen wird, wenn ich nur meine Gebühren be⸗ komme.“ Reh bestreitet das.— Der Angeklagte Bücking wird schließlich zu 300 Mk. Geldstrafe und Publikation sowie den sehr erheblichen Kosten verurteilt. In der Urteilsbegründung wird gesagt, daß der Wahrheitsbeweis nicht als geführt angesehen werden könne. Auch der Schutz des 8 193(Wahrung berechtigter Interessen) könne dem Angeklagten nicht zugebilligt werden. Reh sei zweifellos durch diese Angriffe in der öffentlichen Meinung herabgesetzt. Auf eine Freiheitsstrafe sei nicht erkannt, weil Reh ebenfalls scharfe Angriffe öffentlich gegen den Angeklagten gerichtet habe.— Für den unbefangenen Beobachter gab der Prozeß einen kleinen Einblick in. die vielfach faulen Zustände innerhalb der bürgerlichen Kreise einer Kleinstadt. Aus dem Rreise Wetzlar. hh. Die preußischen Landtagswahlen finden bekanntlich in diesem Herbste statt. Bei dem erbärmlichen Wahlsystem, was dabei in Anwendung kommt,— Dreiklassenwahl, öffent⸗ liche Stimmabgabe und andere schöne Bestim⸗ mungen, die dem nicht zu den besitzenden Klassen gehörigen Bürger das Wählen verekeln sollen— hat unsere Partei im Wetzlarer Kreise so gut wie gar keine Aussicht auf Erfolg, wenn sie sich an der Wahl beteiligen wollte. Dieses famose„Wahlrecht“ soll ja den Einfluß des Volkes anf Null reduzieren und die Wahl wirklicher Volksvertreter verhindern; das Dreiklassenhaus stellt nur eine Vertretung des Geldsacks vor. Wenn wir uns aber an der Wahl nicht beteiligen, in die Wahlagitation können wir eintreten und die für uns in Be⸗ tracht kommenden Volkskreise über ihre Recht⸗ losigkeit aufklären. Für jeden Parteigenossen ist es deshalb notwendig, daß er sich mit den gesetzlichen Bestimmungen zur Landtagswahl bekannt macht. Das kann er sehr leicht durch eine von Dr. Arons verfaßte Broschüre, die im Verlage des Vorwärts erschienen und für en. te, lic. ü — Nr. 38. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. 20 Pfg. von unserer Expedition zu beziehen ist. Wir empfehlen die i Anschaffung des„Die preußischen Landtagswahlen“ betitelten Schrift⸗ chens jedem Parteigenossen und Wähler. — Unglücksfall. Ein Schreinerlehrling stürzte bei Hinaufschaffen von Brettern aus dem Fenster auf die Straße hinab. Er trug sehr schwere Verletzungen davon, daß seine Verbringung in die Klinik notwendig wurde. Aus dem Nreise Marburg⸗Nirchhain. W. Ueber unsern Parteitag berichten natürlich die Kreis⸗ und Ordnungsblätter in der bekannten Art. Die„Oberhessische Zeitung“ leistet sich ebenfalls„Berichte“, die alles andere eher als objektiv sind. Es heißt da an einer Stelle: „Daß verhältnismäßig so wenig Gebrauch von der Anlegung des Maulkorbes ge⸗ macht wird, liegt daran, daß 99 Prozent aller Genossen gedankenlos den Führern nach⸗ laufen, die es nicht versäumen, aufhetzende Stichworte in die Masse zu schleudern und in dieser skrupellosen und marktschreierischen Weise für ihre Sache Propaganda zu machen.“ Wenn weniger Redefreiheit gestattet wäre, würde der biedere Oberhesse ganz stcher über Unterdrückung der Redefreiheit schreien. Daß die Masse der Genossen den Führern gedanken⸗ los nachläuft, dafür sind doch die Debatten in Dresden wirklich kein Beweis. Das Um ge⸗ kehrte ist eher richtig, die Massen sagen den Führen, was sie tun und nicht tun sollen. Ge⸗ dankenlose Nachläufer sind die Wählermassen der konservativen Parteien, denn sonst wäre deren Herrschaft unmöglich. Aufzuhetzen brauchen die Führer die Massen nicht, das besorgen schon die herrlichen Zustände im Reich, die Junker und ihr Anhang mitsamt den Kreisblättern. Bh. Frömmigkeit eigener Art legte der Schneidermeister Herkrod in Marburg an den Tag. Er wurde verhaftet, weil er in dem Verdacht steht, sein Pflegekind, einen Knaben von 8 Jahren, derart mißhaadelt zu haben, daß das Kind schwere Verletzungen am Unterleib davon trug, an denen es gestorben ist. Und dieser Mann ging jeden Sonntag in die Kirche, kannte also ganz gewiß das Wort: „Lasset die Kindlein zu mir kommen.“ Es ist immer die alte Geschichte: gerade diejenigen Leute, die nach außenhin den Schein tiefer Frömmigkeit und Religiosität zu erwecken suchen, befolgen die Gebote der Nächstenliebe, Mensch⸗ lichkeit und Barmherzigkeit am aller wenigsten. Sturmwetter. Aus verschiedenen Teilen der Rheinprovinz laufen Meldungen ein über die Schäden, die am Freitag die Stürme dort anrichteten. In Aachen verursachte der mehrere Stunden anhal⸗ tende orkanartige Sturm größere Verheerungen. Dort, wie auch in Köln wurden durch herab⸗ geschleuderte Dachfenster und Ziegel mehrere Personen zum Teil schwer verletzt. In Köln war der elektrische Straßenverkehr durch das Herabfallen von Bäumen auf die Drähte der Oberleitung teilweise unterbrochen.— In Reisholz bei Düsseldorf wurde ein Fabrik⸗ schornstein umgeworfen und dadurch ein Arbeiter getötet und vier verwundet. Auch in Ober⸗ hessen richtete der Sturm vielfach Schaden an; die Landwirtschafts⸗Ausstellung in Gie ßen, die ohnehin durch das Regenwetter beeinträgt wurde, hatte ebenfalls darunter zu leiden. Abschaffung der Taufe haben die ganz Frommen durchgesetzt— aber blos bei Schiffen. Statt„Schiffstaufe“ soll es jetzt in der offiziellen Sprache„Namensgebung“ heißen. Diese welterschütternde Nachricht macht die Runde durch die Zeitungen. Zu wünschen ware, daß außer den Schiffstaufen noch die von den frommen Weinbauern am Rhein, der Mosel, Saar ꝛc. gern geübten Weintaufen ebenfalls abgeschafft würde. Wenn einst ver⸗ kündet wiro, daß auch die Taufe aus den Weinkellern verbannt ist, dann wird man sich weit über die Kreise der Orthodoxen hinaus freuen.— Kleine Mitteilungen. e Einen Selbstmordversuch unternahm am Sonntag eine Frau in Braunfels, indem sie sich in den ziemlich tiefen Brunnen stürzte. Es gelang jedoch 10 offenbar geistesgestörte Frau noch lebend herauszu⸗ ziehen. * Bergarbeiter-Tod. In dem Schachte der Grube„von der Heydt“ bei Saarbrücken riß am Sonntag das Drahtseil der Förderschale und vier in derselben befindliche Schachtzimmerhauer stürzten 87 Meter in die Tiefe. Sie wurden förmlich zersch met⸗ tert. Drei- von ihnen sind verheiratet, einer hinterläßt acht unversorgte Kinder. Das Drahtseil war erst acht Tage in Gebrauch.— Ferner wurden auf der Laura⸗ grube bei Beuthen(Oberschl.) zwei Bergleute verschüttet, von denen der eine sofort getötet wurde.— Ferner sind am Mittwoch auf der Zeche König Ludwig bei Reck⸗ linghausen zwei Bergleute tötlich verunglückt. Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung. T Die ausgesperrten Schreiner- und Bauarbeiter in Kassel, die nunmehr ein halbes Jahr im Kampfe stehen, werden fort⸗ gesetzt von bürgerlichen Blättern verleumdet. Da liest man oft mancherlei Gewalttätigkeiten, die Ausgesperrte oder Streikende gegen Arbeits⸗ willige begangen haben sollen. Derartige Schauergeschichten machen von Kassel aus die Runde durch alle arbeiterfeindlichen Blätter, und da natürlich nicht jede derartige Schwindelnach⸗ richt von kompetenter Seite richtig gestellt werden kann, so wird der Zweck solcher un⸗ wahren Nachrichten, den ehrsamen Bürger gruseln zum machen, in den meisten Fällen er⸗ reicht. Erst kürzlich brachte ein Kasseler Blatt — wie wir aus unserem dortigen Parteiorgan sehen— eine Mitteilung, wonach ein Tischler, als er von der Arbeit nach Hause ging, von drei streikenden Arbeitern überfallen und durch zwei Messerstiche verwundet worden sein soll.— Um dem betreffenden Blatte sein unsauberes Handwerk zu legen, verlangte der Vertrauens⸗ mann der Tischler von der Redaktion eine ent⸗ sprechende Berichtigung. Da kam er aber schön an. Hinausgewiesen wurde er. Am anderen Tage mußte sich das betreffende Blatt aber doch zu der Mitteilung bequemen, daß seine, die Stteikenden schwer beschuldigende Notiz sich in vollem Umfange nicht bestätige. Die Massenaussperrung der Textilarbeiter in Crimmitschau dauert noch immer fort. Unterstützung ist dringend notwendig. — Partei-Uachrichten. Verstorben ist in Dresden eine st lle, aber eifrige Partelgenossin, die Gräfin Adele v. Oriola. Die Verstorbene ist aus Idealismus und beeinflußt durch verschiedene Nebenumstände, Sozialdemokratin ge⸗ wor den. Sie gehörte seit einigen Jahren dem Sszial⸗ demokratischen Verein in Dresden⸗Altstadt an und brachte allen Vorgängen lebhaftes Interesse entgegen, wenn sie auch in der Oeffentlichkeit nicht mit tätig sein konnte. Sie hat auch viel materielle Opfer für die Partei und für die Armen gebracht, die ihre Sympathie in vollem Maße besaßen.— Mit dem Abg. für den Wahlkreis Friedberg, Graf Oriola soll, wie wir früher hörten, die Verstorbene entfernt verwandt sein. Wegen Zeugnisverweigerung wurde auch Genosse Leimpeters in Bochum, der Redakteur der „Bergarbeiterztg.“ am Sonntag verhaftet. Es ist wahrscheinlich, daß es sich um die Veröffentlichung eines Geheimberichts durch die Bergarbeiter⸗Zeitung handelt, den der königl. Polizeikommissar Korten zu Bochum an den Regierungspräsidenten zu Arnsberg erstattet hat. Den Bemühungen seines Rechtsanwalts gelang es, die Haftentlassung zu erwirken, die am Mittwoch erfolgte. Eine Festschrift zum Parteitag ist im Verlag von Kaden und Comp. erschienen. Sie enthält reiches Material aus der Parteigeschichte in verschiedenen interessanten Artikeln und Abbildungen, außerdem Por⸗ traits von Marx, Wittich, Kegel ꝛe. Preis 30 Pfg.— Ferner haben die Dresdener Genossen eine Ulkzeitung, „Das große Mißverständnis“ betitelt, heraus⸗ gegeben, das mit gutem Humor schwebende Parteifragen behandelt und in Karikaturen, Artikeln und Inseraten bekannte Genossen hänselt. Dieses Schriftchen kostet nur 20 Pfg. Bestellungen nimmt die Exp. d. Mitteld. Sonnt.⸗Ztg. entgegen. a Versammlungskalender. Samstag, den 19. September. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versau en. lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Montag, den 21. September. Gießen. Freie Turnerschaft. Abends ¼9 Uhr Versammlung im Vereinslokal„Pfau“. wichtiger Tagesordnung(Stiftungsfest ꝛc.) wird um zahlreiches Erscheinen ersucht. Samstag, den 26. September. Marburg. Wahlverein. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Jesberg. Ausgabe der Mitglieds⸗ karten. S ñññʃñʃ— Vom Parteitag (Fortsetzung von Seite 2) In der Vormittagssitzung am Mittwoch er⸗ klärte Mehring vor der Abstimmung über die Resolution des Vorstandes, daß die Angriffe gegen ihn ein wohlvorbereiteter Ueberfall aus dem Hinterhalt wären. Er sei wehrlos, da er Gegenmaterial nicht zur Hand habe. Er werde später auf alles antworten. Er lege seine Tätigkeit an der„Leipziger Volkszeitung“ und der„Neuen Zeit“ nieder, bis die Genossen ihn wieder rufen. Es folgen viele und lange per⸗ sönliche Bemerkungen.— Die Differenz Vor⸗ wärts⸗Bebel wurde kurz und glatt erledigt. Ueber die Polenfrage berichtet Genosse Gerisch. Die Verhandlungen sind gescheitert, weil die polnischen Genossen nicht von der ie des polnischen Reiches lassen wollten. Haltung des Vorstandes in dieser Sache zuge⸗ stimmt. mentarischen Bericht der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion. Redner warnt vor einer Häufung kleinlicher Anträge und vor einer Ueberschätzung des Parlamentarismus überhaupt. Es müsse für die Zukunft daran festgehalten werden, daß die Agitation von Mann zu Mann die Hauptsache sei als Stütze unserer Parlamentsaktion. Nachdem eine Reihe Redner ihre zu diesem Punkt gestellten Anträge begründet, sagt der Referent Stadthagen in seinem Schlußwort, daß die Fraktion gezwungen sei, zu allen Ge⸗ setzentwürfen, die dem Parlamente von der Regierung vorgelegt werden, eingehend Stellung zu nehmen. An allen Gesetzesvorlagen und Anträgen wurde Kritik geübt, selten war die Möglichkeit gegeben, die von unserer Fraktion ausgearbeiteten Gesetzentwürfe im Plenum zur Debatte zu bringen. Redner hob hervor, wie fruchtbar und segensreich diese fortwährende Kritik gewesen sei. Donnerstag Vormittag kam die Frage der Taktik zur Verhandlung. Bebel entwickelt hierbei in einer fast 3 stündigen Rede seinen Standpunkt, wie er ihn in den Artikeln der „Neue Zeit“ vertreten hat. Briefkasten. St.⸗Alsfeld. Allerdings unterliegen die Betriebs⸗ und Fabrikkrankenkassen ebenso wie die Ortskrankenkassen den Bestimmungen des Krankenversicherungsgesetzes. Der von Ihnen mitgeteilte Paragraph des Statuts betr. Doppelversicherung steht den Vorschriften des Gesetzes (S 26a) nicht entgegen. . P Letzte Nachrichten. Der englische Kolonialminister Chamber⸗ lain ist zurückgetreten, ebenso Ritchies und Lord Hamilton. P—- ͤ— Empfehlenswerte sozialistische Schriften. Die Kolportage⸗Kommission des Wahlvereins— Gießen, Wirtschaft Orbig— empfiehlt: Der Neue⸗Welt⸗Kalender für 1904. Reicher Inhalt und viele Illustrationen. Preis 40 Pfg. Sozialistische Monatshefte. Jeden Monat ein zirka 80 Seiten starkes Heft. Preis pro Heft 50 Pfg⸗ Freie Stunden. Beste Romanlitteratur. Illu⸗ striert. Wöchentlich ein Heft. A 10 Pfg. Nach kurzer Debatte darüber wird der Gen. Stadthagen erstattet den parla⸗ 55 r — —ä—— 24 8 8 ——ñ * — ——— — l —— 8 — ä —— — — . — — —— 3 — Seite Mitteldeutsche Sonntags Seltang · , K Nr. 38. 7 Unterhaltungs-Ceil. 7 3 Ums tägliche Brot. Erzählung aus dem Arbeiterleben von C. Hesselbach⸗Hatzfeld. An einem sonnigen Maientage war es, als wir einen lieben Freund, einen unserer besten Mitkämpfer für die Sache des arbeitenden Volkes, zur letzten Ruhe bestatteten. Noch spät am Abend saß ein kleiner Kreis derer, die ihn besonders geschätzt und näher gekannt hatten, einander. Immer wieder kehrte unsere Unter⸗ haltung zu unserem toten Freund zurück, der uns so früh entrissen wurde. Er war ein stiller bescheidener Mensch ge⸗ wesen; doch mit einem beispiellosen Eifer, der sich oft fast zum Fanatismus steigerte, war er für die Ideen des Sozialismus tätig. Meister⸗ haft verstand er es, die Fehler und Schäden des heutigen Klassenstaates in drastischer Weise zu schildern, jede seiner Reden wurde zu einer wuchtigen Anklage gegen die heutige Gesellschaft und wehe dem politischen Gegner, den er stch aufs Korn nahm. Manches derartige Vorkommnis wurde wieder in Erinnerung gebracht, bis einer aus der Runde, unser Freund„Cicero“, dessen un⸗ zertrennlicher Freund der Verstorbene gewesen war, die Frage aufwarf, ob einer wisse, wie es kam, daß sich Schröder uns anschloß und für unsere Ideen begeisterte, denn vor etwa sieben Jahren war er noch vollständig gleich⸗ gültig in politischer Beziehung und wenn er in seinen letzten Lebensjahren mit wahrem Feuereifer die Lehren des Sozialismus propa⸗ 97155 dann war es nicht nur Liebe für seine lassengenossen, das werktätige Volk, sondern auch ein gutes Teil bitterer Haß gegen die 7 77 Gesellschaft, der ihm die Worte in den und legte. „Ich habe“, so fuhr er fort,„dem Ver⸗ storbenen in bitteren Stunden beigestanden, wo die Verzweiflung sein sonst so heiteres Gemüt 5 zerstören drohte und keinem Menschen möchte ch wünschen, daß er wie Schröder durch eigene und fremde Schuld zur Erkenntnis komme.“ Wir waren alle nicht wenig erstaunt, über diese rätselhaften Worte, die Cicero mit Ernst und tiefer Ergriffenheit gesprochen hatte. Ja, das war richtig, Schröder sprach selbst im Freundeskreise nie von seinen Verhältnissen und seiner Vergangenheit. Natürlich wurde nun der Sprecher von allen Seiten bestürmt, sich näher zu erklären, wozu er auch trotz der vorgerückten Zeit bereit war und unter atemloser Spannung der Anwesenden begann: „Schröder und ich sind aus einem Orte, einem Dörfchen in Kurhessen, gebürtig und hatten, da wir gleichaltrig waren, fast stets auf einer Schulbank gesessen. Wir waren beide armer Leute Kinder und mußten schon früh helfen etwas für den Haushalt zu erwerben, wenigstens unser Essen bei den Bauern verdienen. Aus der Schule entlassen kam Schröder bei einen Gärtner in die Lehre. Meine Eltern ließen sich durch mein fortwährendes Bitten bewegen, mich das Schlosserhandwerk lernen zu lassen. So kamen wir auseinander und nur einige⸗ mal trafen wir uns später in der Heimat wieder, wenn wir zu Weihnachten oder Pfingsten unsere alten Eltern besuchten. Ich war in H. schon früh in die Arbeiter⸗ bewegung eingetreten und als nach einigen Jahren auch meine Eltern starben, wäre ich wohl nicht mehr so oft in unser Heimatdörfchen gekommen, wenn nicht die Eine dort gewesen wäre, die, seit ich sie einmal als schön erblühte Jungfrau gesehen, mir so unendlich lieb ge⸗ worden war, und die mein eigen zu nennen, mir als der Inbegriff alles Glückes erschien. Sie hieß Hermine und war die Tochter unseres verstorbenen Lehrers. Doch wozu soll ich das alles erzählen. Nur einmal in meinem Leben habe ich mich mit der Frage beschäftigt: Hast du auch ein Recht dies holde Kind an deinen kampfes⸗ und dornenreichen Lebensweg zu fesseln?— Da wurde ich auch schon der Antwort überhoben. Eines Tages brachte mir die Post in zier⸗ lichem Umschlag ein Kärtchen, dessen Inhalt mich aus allen Himmeln riß: f „Hermine Werner— Karl Schröder— Verlobte.“——— Ein heißes Weh fühlte ich damals in der Brust, es preßte mir das Herz zusammen und in schlaflosen Nächten habe ich eine schöne Hoffnung begraben müssen. Mein Freund Schröder, der allezeit heitere, freundliche Mensch, der immer von seiner schönen Stellung sprach, die er auf irgend einem Herren⸗ gut hatte, war also der Glückliche. Zur Hoch⸗ zeit geladen, ließ ich mich entschuldigen und lange Zeit sah ich meinen früheren Freund nicht wieder. Es sind nun etwa sieben Jahre her, da erhielt ich durch einen Brief meiner Schwester die erschütternde Nachricht, daß gestern Lehrers 1 nach schwerer Krankheit gestorben sei. a stürmten alle die längst begrabenen Er⸗ innerungen wieder auf mich ein. Ich sah sie wieder in jungfräulicher Schönheit und Frische vor mir— und nun tot? Wie namenlos unglücklich mußte Schröder sein. Aller Groll gegen den einstigen Freund war vergessen, noch am selbigen Tage reiste ich ab, der Gedanke beunruhigte mich, ihn in seinen Schmerz allein zu wissen.. Ich wußte, daß Schröder seit zwei Jahren Verwalter auf Villa„Eden“ in G. war, was ich in einigen Stunden mit der Eisenbahn er⸗ reichen konnte. Bald war ich dort; doch als ich auf dem kiesbedeckten Parkwege der Wohnung Schröders, die sich in einem Seitenflügel des stattlichen Hauses befand, zuschritt, war mir doch recht schwer und bang zu Mute. Haus und Garten war wie ausgestorben, nur die sinkende Sonne flimmerte golden durch die lichten knospenden Bäume und zeichnete igantische Schatten auf Rasen und Wände. 800 schellte vorstchtig. Gleich darauf öffnete mir eine ältere Frau in Trauerkleidern und mit rotgeweinten Augen, Herminens Mutter. Sie erkannte auch mich sogleich und Tränen rinnen über die gefurchten schmalen Wangen. Ich reichte ihr die Hand und fragte nach meinem Freunde.„Ach“, jammerte sie,„wie gut, daß du kommst, es ist ein Jammer mit ihm, ich fürchte um seinen Verstand. In den zwei Tagen hat er das Totenbett meines armen Kindes nicht verlassen und dann ergeht er sich zuweilen in bitteren Selbstanklagen, als ob er an ihrem Tode schuldig sei, und ich weiß doch, daß er ste stets auf den Händen getragen; ich bitte dich, versuche du es, ihn in seinem unendlichen Schmerz zu trösten, der meinen Kummer nur noch größer macht.“ Damit öffnete sie die gegenüberliegende Türe und rief ins Zimmer:„Karl, dein Freund Paul ist hier und will dich sprechen.“ Ich war einen Schritt in das halbdunkele Zimmer getreten und Frau Werner hatte sich urückgezogen. Schröder hatte noch am Lager feines toten Weibes gesessen und bei meinem Eintritt sich halb nach mir umgewandt. Mit irrem Blick sah er mich an. Ich nannte ihn beim Namen und fügte hinzu:„Ich bin da, dein alter Freund Paul.“ Da erst kam Leben in die hohe Gestalt und dann folgte ein Auftritt, den ich nie im Leben vergessen werde. Mit einigen hastigen Schritten war er mir entgegen⸗ gestürzt und mit einem qualvollen Aufschrei an meine Brust gesunken. Ich redete ihm zu, bat ihn, sich zu fassen und wie ein Mann den erlust zu tragen, der ihn getroffen. Ich trat mit ihm an das Lager der Toten, die still und bleich, geschmückt mit dem Brautkranz, dalag, ein Bild des Friedens. Ein Beben ging durch den starken Mann, weinend sank er auf die Kniee, mich an seine Seite ziehend, und mit den Worten:„Lieber einziger Freund, du hast sie auch geliebt, dir bin ich es schuldig“, begann er ein Geständnis seiner Schuld, die ihn so zu Boden geschmettert und die ich nur kurz an⸗ deuten will. Es war ihnen in der ersten Zeit ihrer Ehe nicht sehr gut gegangen, seine da⸗ malige Stellung hatte er bald verloren; sie waren dann nach M. gezogen, doch dort war Not und Entbehrung, besonders im Winter, ihr steter Gast gewesen, sodaß auch ihr erstes und einziges Kind im zartesten Alter starb. Dann atte er sich um die jetzige Stellung beworben, ie in der Zeitung ausgeschrieben war; die Bedingung, daß nur kinderlose Eheleute berücksichtigt würden, war ja bei ihnen leider erfüllt. So war er nach Haus„Eden“ in G. gekommen und eine schöne Zeit begann für das junge Paar. Der Dienst war leicht. Hermine waltete in Haus und Küche, während der Garten unter Schröders kundiger Hand ein kleines Paradies wurde. Hermine hatte sich bald erholt, sie blühte wieder auf wie eine Rose und nichts schien ihnen an einem bescheidenen Glück zu fehlen. Das war eines Tages anders geworden, als die junge Frau ihrem Gatten unter Tränen wide daß sie wohl wieder Mutter werden würde. Das war ein schwerer Schlag, was anderen ein Glück, das war für sie ein Unglück, das sie jedenfalls wieder in ihr früheres Elend zu⸗ rückwerfen würde. Hier begann die Schuld, die mit dem Tode fand. blühenden engelguten Weibes ihre Sühne and. Der Gedanke, wegen so etwas seine schöne Stellung zu verlieren, erbitterte Schröder der⸗ art, daß er sich soweit vergaß und einige Tage hart und kalt gegen sein unschuldiges Weib war. Hermine fühlte diese Härte, so ungerecht sie war, doppelt und in ihrer Verzweiflung hatte sie sich irgendwo Rat geholt, wie sie die Ursache ihres Unglücks beseitigte. So häufte sich denn Schuld auf Schuld. Hermine wurde schwer krank und nach rapidem Siechtum starb sie, ein Opfer moderner Sklaverei. Dies alles gestand mir unser Freund, der nun auch ausgekämpft und ausgelitten hat in jener Nacht, die ich mit ihm am Totenbette seines teuren Weibes durchwacht hatte. Ich habe getan was ich konnte, ihn zu überzeugen, daß es nicht nur seine eigene Schuld sei, die sein ganzes Lebensglück zum Opfer gefordert, sondern, daß die wahren Ursachen des größten Teiles menschlichen Elends in der unvollkommenen, verderblich wirkenden kapita⸗ fd Form der heutigen Gesellschaft zu suchen nd. Meine Worte hatten Erfolg, als wir am nächsten Tage die liebe Tote hinaus zum Fried⸗ hof trugen, und wir weinend Abschied genommen von dem Plätzchen, das sein Liebstes barg, da war er schon ein Anderer. Als die Herrschaft nach acht Tagen von der Riviera zurückkam, nahm er seine abt i er kam hier her und von da an habt ihr ihn alle 1 wie heldenmütig er gestritten hat für die Befreiung vom Joche des Kapitals. Er ruhe in Frieden!“— Wie erwirbt man die hessische Staatszugehörigkeit? Es ist eine leider nur zu häufige Tatsache, daß bei den hessischen Landtagswahlen viele in Hessen ansässige männliche Personen, die das wohlfähige Alter haben, nicht mitwählen können, weil sie nicht hessische Staatsangehörige sind. Es muß daher ein größeres Augenmerk auf die Gewinnung von Nichthessen zur Aufnahme in den hessischen Staatsverband gerichtet werden. Da die zu diesem Schritt erforderlichen Maß⸗ nahmen nur geringe Opfer an Zeit und Geld erfordern, so mögen vor allem unsere Genossen, die bis jetzt noch von der Ausübung staatsbürgerlichen Rechte ausgeschlos⸗ sen sind, das bisher Versäumte nachholen und ungesäumt um die Aufnahme in den hessischen Staatsverband be⸗ mühen. Zunächst ist erforderlich, daß der betr. Nichthesse sich von seiner Heimatsbehörde(dem Regierungspräfiden⸗ ten, den Bezirksämtern ꝛc.), einen Ausweis über seine bisherige Staatsangehörigkeit ausfertigen läßt. Sodann hat ec die Geburtszeugnisse für sich und seine Familien⸗ angehörigen zu beschaffen. Hat er diese Papiere erhalten, gen 05 vertrauensleute unentgeltlich Nr. 38. Mitteldenutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. so läßt sich der um die Naturalisation Nachsuchende von der Ortsbehörde seines gegenwärtigen hessischen Aufent⸗ haltsortes eine Aufenthaltsbescheinigung sowie ein Leu⸗ mundszeugnis ausstellen, fügt diesen Papieren eine Ke seines Arbeitgebers und seinen Mili⸗ rpaß hinzu und schickt alle diese erwähnten Ausweise mit einem Gesuche um Aufnahme in den hessischen Staatsverband an das zuständige hessische Kreisamt. Bemerkt sei noch, daß die letzten Kammerperhand⸗ lungen über die beantragte Ungiltigkeitserklärung der Wahl des Genossen Ulrich deutlich dargetan haben, daß ein Reichsdeutscher nicht nötig hat, bei seinem Gesuch um Aufnahme in den hessischen Staatsverband seine bisherige Staatszugehörigkeit zu einem anderen Bundes⸗ staate aufzugeben. Nur Bayern und Elsaß⸗Lothringer machen von dieser Regel eine Ausnahme. Die müssen ihre Staatsangehörigkeit aufgeben, wollen sie einem anderen Staatsverbande angehören. Die Aufgabe der bisherigen Staatszugehörigkeit kann außerdem nur von Reichs ausländern(Oesterreichern, Schweizern ꝛc.) ver⸗ langt werden. Da also die Abwickelung der Naturalisationsgeschäfte keine schwierigen sind und auch vom Landeskomitee zur Erleichterung derselben vorgedruckte Form u⸗ lare herausgegeben wurden, die durch die Partei⸗ zu be⸗ ziehen sind. so sollte von der Gewinnung der hessischen Staatszugehörigkeit der weitgehendste Gebrauch gemacht werden. Wer als Nichthesse sich die hessische Staatszugehörigkeit nicht verschafft, hat kein Recht sich zu beklagen, daß er wohl Steuer zahlen, aber seine wichtigsten Staatsbürgerrechte nicht ausüben dürfe. Splitter. Fürstenregel. Stets sinne der Monarch, wie er durch tausend Sachen An jedem jungen Tag kann von sich reden machen. Er rede dies und das, tut es auch manchmal . Im Ganzen hebt es doch die Popularite. Eine leutselige Prinzessin. Sie läßt sich so herab, daß, wenn nicht Alles irrt, In nicht zu ferner Zeit sie niederkommen wird. 3— Humoristisches. Größenwahn. Tropenjäger(der soeben einen Elefanten geschossen hat):„Zu dumm, daß ich den Zukunftsbild. Zivilist: Sie, Herr Unter⸗ offizier, was sind denn das für Troddelschnüre an Ihrer Uniform! Die kenne ich ja noch gar nicht. Unter⸗ offizier(stolz): Das ist die neue Auszeichnung für Soldatenmißhandlungen.(W. Jak.) Wertvolle Erwerbung. In diesen Tagen wurde ein prächtiger Granitstein, auf dem jüngst das hohe Auge seiner Durchlaucht des Fürsten von Tipfingen längere Zeit in stiller Beschaulichkeit weilte, zum ewigen Angedenken dem Tipfinger⸗Museum mit den üblichen Feierlichkeiten übergeben. Unter serbischen Offizieren. Petro wit sch: Ach— Kamerad— neue Medaille? Auf welchem Schlachtfeld geholt? Sliwnitza? Pepowitsch: Nee — Konak! Petrowitsch: Aha! Verdienste um Königshaus!„Südd. Postillon“. Neue Soldatenlieder. Wer will unter die Soldaten. Der muß haben ein Gewehr— Der muß haben ein Gewehr, Doch es ist ihm auch zu raten, Daß er niemals sich beschwer'! Bürschlein, wirst du ein Rekrut, Merk dir dieses Liedlein gut. Hopp, hopp, hopp— hopp, hopp, hopp— Her den Buckel! Klopp, klopp, klopp! Der muß an der linken Seiten Nicht zu sehr empfindlich sein— Nicht zu sehr empfindlich sein, Auch im Rücken nicht, im breiten, Nicht am Kopf und nicht am Bein. Bürschlein, wirst du ein Rekrut, Muck nicht, wenn was weh dir tut. Hopp, hopp, hopp— hopp, hopp, hopp— Her den Buckel! Klopp, klopp, klopp! Heidenangst, die mußt du haben Vor dem Otto Breitenbach— Vor dem Otto Breitenbach. Denn er drillt die lieben Knaben, Bis er selbst vom Brüllen schwach. Bürschlein, wirst du ein Rekrut, Laß dich zwiebeln! Kaltes Blut! Hopp, hopp, hopp— hopp, hopp, hopp— Her den Buckel! Klopp, klopp, klopp!(„Ulk.“) ..— Geschichtskalender. 20. September. 1901: Der Sühneprinz erhält den Schwarzen Adler⸗Orden. 1819:„Karlsbader Be⸗ schlüsse“. Diese von eine Konferenz der deutschen Minister in Karlsbad verabredeten Maßnahmen richteten sich gegen die sogenannten„revolutionären Umtriebe“ und verfügten Rucksack verjessen habe, da hätt' ich den Kerl gleich 21. 1870: J. Jakoby und Herbig werden in Lötzen gefangen gesetzt. 1838: Eröffnung der ersten preußischen Eisenbahn Berlin⸗Potsdam. 1792: Proklamierung der Republik in Frankreich. 5 22. 1901: Parteitag in Lübeck. befreiung in Nord⸗Amerika. 23. 1900: Internationaler Arbeiter⸗Kongreß in Paris. 1895: Steckbrief gegen Hammerstein erlassen. 1788: Cornelius, Maler,*. 24. 1782; England erkennt die Unabhängigkeit Nord⸗Amerikas an. 1537: Jürgen Wullenweber, Führer der Hansa, hingerichtet. 25. 1896: Erster Sozialdemokrat im schwedischen Reichstag. 1896: Publikation der„Wahlreform“ in Oesterreich. 26. 1815: Die„heilige Allianz“(„Friedens⸗ Bündnis zwischen Rußland, Oesterreich, Preußen ꝛc). in Paris gegründet. i Beherzigenswerte Worte. „Nie sollte der Arbeiter durch Unter⸗ stützung kapitalistischer Preßorgan e zum Verräter an sich und den Seinigen werden. Kleinliche Zwistigkeiten und Meinungs⸗ verschiedenheiten sollten ihm niemals hierzu den Anlaß geben. Wir können unmöglich Alle der⸗ selben Meinung über die beste und den meisten Erfolg versprechende Weise der Agitation und des Kampfes gegen das bestehende Unrecht sein, aber wir sollten fürs Erste jedem Mitkämpfer brüderlich die Hand reichen, von dem wir völlig überzeugt sind, daß er es aufrichtig und ehrlich damit meint, dieses Unrecht aus dem Wege zu räumen und so den Baugrund zu ebnen, auf dem das Gebäude einer freien und gerechten Gesellschaftsordnung aufgeführt werden kann. Dann wird es Zeit sein, uns über den Neuban zu beraten und zu verständigen. In der Zer⸗ splitterung hierüber liegt unsere Schwäche; nur bei dem brüderlichen Zusammenwirken Aller, die, ohne dabei ihren Grundsätzen Etwas zu vergeben, dem gemeinsamen Ziele Opfer zu bringen wissen und gewillt sind, werden wir unwiderstehlich und siegreich sein.“ Parteigenosse und Leser! Hast Du Freunde, Bekannte, Mitarbeiter, so erkundige Dich, ob sie Abonnenten Deines Parteiblattes sind. Wenn nicht, so erachte es als Deine Parteipflicht, sie für das Abonnement zu gewinnen. 1862: Sklaven⸗ ————»— Buxkin-Hosse.„ Buxkin-Weste** mitnehmen können!“— 1 Paar Stiefeletten„ Hemden„ Rekruten aller Waffengattungen erhalten 2 paar gute Socken„ auch dieses Jahr besonders 1 Kegenschirm billige Ausstattungen. Wer sich nicht persönlich stellen habelock mit Picea Are, eee 1 Glockenpelerine„„ 0 05 Jacke, Hemd, Socken, 2 Taschen⸗ 150. a düicher, alles für Wollen dene Auswahl)] Habe mein Geschäft von 1.50„z i amtliche 7 en, als: 5 geerdet Gehrock⸗ und ü ürste, ing⸗, Fett⸗ 1 W a et Hochzeits⸗Anzügen Seltene 0 Mark 1.40. Kirchenröcke. bert. Kleider- Bazar Marburg i. H. ECC Heselisten erhalten auch in diesem Jahre kinter-Paletot in Boubel und Flocone, mit echtem Futter und N v. M. Großes Lager von Tuchen und Buxking'verlegt. sowie Schueider⸗Zutaten. ö Jeder Anzug wird innerhalb 12 Stunden fertig⸗ gestellt. Oberhess. 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Bühl Marktplatz 5 Telephon 50 . — 8—— 3 8——' e——— 3 * r „„ ——„ —— 1 —— —— — * — 4 —— 353 ö — — —— . — 3 2 Seite 8. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. No. 38. Ter Und TLeserifenff Pertckcchfigf Del Türen Tingänfen dle Inserenten dieses Blattes f Konsum⸗Verein Gießen und Umgegend,. 6. u. beschr. 5 Bilanz am 30. Juni 1005. Aktiva: Mk. Passiva: Mk. Kassenbestand 2586,04] Anteil der Mitglieder 3181,50 Warenvorrat 4791,66] Reservefond 178,61 Inventar nach Abschreib. Guthaben der Lieferanten 2188,8 N von 10 Prozent 880,50 Anlehen⸗Konto 2000,.— Anteil bei der Großein⸗ Kautionen⸗Konto 500,.— kaufsgesellschaft 324,10] Reingewinn 593,34 Emballage 60,.— 36427300 8842 300 Mitgliederstand am 1. Juli 1902 172 Neueingetreten. 66 Ausgeschieden. 8 58 Stand der Mitglieder Ende Juni 1903: 230 Die Haftsumme beträgt 6900 Mark. Gießen, den 15. September 1903. Michael Keßler, Geschäftsführer. Paul Niewisch, Kassierer. Für den Aufsichtsrat: Karl Orbig. Sonntag, 27. September, vorm. 10 Ihr findet auf„Lony's Bierkeller“ die diesjähr. ordentl. General⸗Versammlung statt. Tages⸗Ordnung: 1. Geschäftsbericht. 2. Abrechnung. 3. Be⸗ schlußfassung über die zu verteilende Dividende. 4. Ergänzungs⸗ wahl des Aufsichtsrats. 5. Beschlußfassung über etw. Anträge. — drosser Räumungs- E Mus verkauf! Aufang Oktober l. Js. verlege ich mein Geschäft nach Neustadt No. 19, Neubau. gis dahin verkaufe ich sümtliche Waren-Vorräte zu bedeutend herabgesetzten Preisen. D. Kaminka, Uhrmacher Giessen, Murhlplalz. Casseler Schirmfabrik Th. Budde& 00. Giessen, 1 Maus- Hen¹ð;a u. L., Neufadt 11. 9, engplatz. Sonntag, 20. und Montag, 21. September: Kirchweihfest in Steinberg. Gutbesetzte Tanzmusik! Es laden ergebenst ein die Wirte Georg Schmandt Wtw.,„Zum grünen Baum“ Georg Häuser XIV.,„Zur Krone“. * Für gute Speisen und Getränke ist gesorgt. Hausen bei Gießen! Sonntag, den 20. und Montag, den 21. September: Kirchweihfest. Gut besetzte Tanzmusik. 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