Nr. 29. Gießen, den 19. Juli 1903. 10. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11. Schloßgasse. Sonnt Mitteldeutsche 831 Nedaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. itung. Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestelluug en Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 500% Rabatt. 2 Jnunserate Die ögespalt. Bei mindestens Werbt stets neue Leser für Parteifreunde! Euer Blatt, die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung! Der Geist der„Schneidigkeit. Der Ausgang der Hüssener⸗Affäre 1 die weitesten deutschen Volkskreise in helle rregung versetzt. Ueberall drängt sich mit zwingender Gewalt der gleiche Gedanke auf: Wenn dieser junge Mensch die leichte Strafe, die ihm für seine Bluttat zudiktiert worden, überstanden hat, wird er dann bei ähnlichen Gelegenheiten wieder seine„harte, harte Soldaten⸗ pflicht“ so auffassen und von seiner Waffe Gebrauch machen? Wir unterlassen es, sagt das„Hamburger Echo“, den Eindruck zu schil⸗ dern, den die Haltung dieses Brüsewitz Nr. II vor dem Oberkriegsgericht machen mußte, und suchen lieber nach den Mitteln, mit denen einer Wiederholung solcher Bluttaten, soweit es unter den heutigen Verhältnissen überhaupt möglich, vorgebeugt werden kann. Die Armeereformen, mit denen man sich zur Zeit in Frankreich trägt, beweisen, daß man bei nur einigermaßen gutem Willen recht wohl Einrichtungen schaffen kann, die eine Garantie gegen die Fälle à la Brüsewitz und Hüssener bieten. Das Beispiel Frankreichs wiegt in diesem Falle um so schwerer, als die französische Re⸗ publik bei allen demokratischen Errungenschaften doch ein Militärstaat im vollen Sinne des Wortes geblieben ist. Sie macht den Wettlauf in den Rüstungen zu Wasser und zu Lande mit. Das französische Heer zu demokratisieren ist leider nicht gelungen, wenn auch unter den vielen französischen Kriegsministern der letzten Zeit sich eine Menge Demokraten und Repu⸗ blikaner befinden. Der Dreyfusprozeß hat uns einen tiefen Einblick in die inneren Zustände und den Geist der französischen Armee tun lassen und hat uns gezeigt, daß sie eben auch ein Werkzeug des Klassenstaats ist. Sie wäre heute noch von einem dreisten Abenteurer zu einem Staatsstreich zu mißbrauchen, sobald die geeigneten Umstände kämen. Sie wird zum Eingreifen in die Kämpfe zwischen Kapital und Arbeit in einseitiger Weise verwendet. Offiziere, die bei den furchtbaren Schlächtereien vom Mai 1871 eine von der Geschichte längst gebrand⸗ markte Rolle gespielt, haben bis in die letzte Zeit hohe und einflußreiche Stellungen in der französischen Armee inne gehabt. Dazu kommt, daß in Frankreich sowohl was noch vom Adel übrig geblieben, als die große und die kleine Bourgeolsie für die Sol daten⸗ spielerei von jeher eine von anderen Nationen manchmal kaum erreichte Leidenschaft empfanden und noch empfinden. Der militärische Ruhm und das Gepränge militärischer Schauspiele hat in Frankreich schon manchmal dieselben Massen geblendet, die sonst von demokratischen und revolutionären Ideen erfaßt und bewegt waren. Und doch kann man es in Frankreich unternehmen, Reformen einzuführen, die diesen Neigungen nicht nur direkt entgegen sind, sondern sogar darauf abzielen, das äußerliche Gepränge selbst zu vermindern. Bei uns hat man die Frankreich sollen sie vermindert, d. h. so ziemlich beseitigt werden. Der gegenwärtige Kriegs⸗ minister will die Uniformen vereinfachen und will damit bewirken, daß der äußerliche Kontrast zwischen dem Militär und dem„Zivil“ mehr verschwindet. Das ist gewiß auerkennenswert, wenn man bedenkt, bis zu welchem Grade das Spreizen mit dem„zweierlei Tuch“ in unserer Zeit gediehen ist. Des weiteren soll aber bestimmt werden, daß nach Einführung der neuen Uniform der französische Soldat auf der Straße keinen Säbel mehr tragen soll. Das heißt, das Waffentragen wird auf den Dienst beschränkt, und das ist das einzig Richtige. Die französischen Offiziere gehen bekanntlich viel in„Zivil“ aus und ein Kriegsminister, ein General der alten Schule, hat diese löbliche Einrichtung zu beseitigen versucht. Hoffentlich bewirken die neuen Einrichtungen, daß auch für die Offiziere das Waffentragen außer Dienst völlig wegfällt. Es ist schon des großen Beispiels wegen. Die Weltgeschichte hat ihre Launen und fügt die Dinge oft sonderbar. Die Franzosen sind in dem großen Kampfe von 1870/71 unterlegen und sie haben%% nach 32 Jahren, einen Kriegsminister, der wenigstens einiger⸗ maßen bemüht ist, die in neuer Zeit auf die Spitze getriebenen Gegensätze zwischen dem Militär und dem Volke einigermaßen zu mildern. Die Deutschen sind damals Sieger geblieben und haben den Franzosen zwei Provinzen und fünf Milliarden abgenommen. Aber im Gefolge des Sieges kam eine Er⸗ scheinung, die man in einem solchen Falle ge⸗ wöhnlich zu befürchten hat— die Ueber⸗ schätzung alles militärischen Wesens. Man redete sich ein, so etwas sei in der Welt⸗ geschichte noch nicht dagewesen, während man zugleich Bismarck als den größten Staatsmann aller Zeiten verhimmelte. Die am meisten an Gut und Blut bei der Sache geopfert, die Söhne des Volkes, mußten, soweit sie heil und gesund aus dem Kriege zurückkehrten, sich wieder harter Arbeit und Entbehrungen im Kampfe ums Dasein widmen. Dabei entstand aber zugleich eine militärische Vorherrschaft, wie sie Deutschland noch nie gesehen. Als das napoleonische Soldatenreich zu Anfang des vorigen Jahrhunderts seinen Höhepunkt erreicht hatte, war die kritiklose Bewunderung und förmliche Anbetung des Soldatentums sicherlich nicht so groß, wie es bei unserem„gebildeten Bürgertum“ in den letzten Jahrzehnten sich gezeigt hat. Es giebt heute noch weite bürger⸗ liche Kreise, deren geistige Armut so groß ist, daß sie in jedem Offizier nicht nur den Ange⸗ hörigen eines privilegierten Standes, sondern auch eine Autorität in Fragen der Literatur, der Politik und des gesellschaftlichen Taktes erblicken. Diese Elemente nehmen alle militä⸗ rischen Einrichtungen, mögen sie auch noch so überlebt erscheinen, als eine Bestimmung der Vorsehung hin. Der Kampf gegen den Mili⸗ tarismus, der von der Arbeiterklasse geführt wird, läßt keine Funken aus solchen gefrorenen Herzen springen und nicht einmal die Bluttaten der Brüsewitze und der Hüssener können sie be⸗ stimmen, für das Verbot des Waffentragens außer dem Dienst einzutreten, denn wo bliebe Zierratstücke und Abzeichen sehr vermehrt, in! da die„Schneidigkeit?“ Ja, dieser mit dem Siege von 1871 einge⸗ zogene und so sorgfältig kultivierte Geist der 2 Schneidigkeit“ ist es, der bei uns die Durch⸗ setzung zeitgemäßer Reformen so sehr erschwert. Nationalliberale Blätter sagen, es sei nur gut, daß das Hüssener⸗Urteil erst nach der Wahl gekommen sei; es hätte sonst der Sozial⸗ demokratie ein Dutzend Mandate mehr gebracht. Nun, wir hätten gegen einen solchen Zuwachs nichts einzuwenden. Noch lieber aber wäre es uns, die bürgerlichen Parteien würden mit gleichem Eifer wie wir daran arbeiten, daß das Waffentragen außer Dienst beim Militär ab⸗ geschafft und damit den Brüsewitz⸗ und Hüssener⸗ Affären wenigstens bis zu einem gewissen Grade vorgebeugt würde. Die weiteren zwölf Mandate wollten wir dann schon trotzdem holen. Aber da predigen wir tauben Ohren. Politische Rundschau. Gießen, 16. Juli. 3010370 sozialdemokratische Stimmen. Nach den amtlichen Ergebnissen der Reichs⸗ tagswahl, die der Reichsanzeiger veröffentlicht, wurden bei dieser Wahl von 12490 660 Wahl⸗ berechtigten 9495 952 giltige Stimmen, also 76,25 Prozent abgegeben. Auf die Sozial⸗ demokratie entfielen davon 3010370 Stimmen oder 31,33 Prozent, fast ein Drittel aller abgegebenen Stimmen. Sie verteilen sich wie folgt: Preußen: 1649 230(1898: 1141958); Bayern: 212506(138 218); Sachsen: 441764 (299 190); Württemberg: 99743(62 452); Baden: 72300(50 325); Hessen: 68834 (48 942); Mecklenburg-Schwerin: 49778 (42068); Sachsen⸗Weimar: 26247(18457); Mecklenburg⸗Strelitz: 6366(4872); Oldenburg: 17971(1012); Braunschweig: 36 369(26272); Sachsen⸗Meiningen: 16681(12193); Sachsen⸗ Altenbueg: 18695(14143); Sachsen⸗Koburg⸗ Gotha: 19299(16842); Anhalt: 27672 (23 548); Schwarzburg⸗Sondershausen: 5237 (4700); Schwarzburg⸗Rudolstadt: 8742(6638); Waldeck: 1830(1169); Reuß ältere Linie: 6840(6339); Reuß jüngere Linie: 13261 (42044); Schaumburg⸗Lippe: 2310(1237); Lippe: 3719(1973); Lübeck: 11155(9729); Bremen: 25076(18636); Hamburg: 100112 (82 129); Elsaß⸗Lothringen: 68 267(51990). Das ergieht für das Deutsche Reich 3010370 sozialdemokratische Stimmen gegen 2107076 im Jahre 1898. Die Zunahme beträgt also 903 294 Stimmen. Eine andere Zusammenstellung giebt die sozialdemokratischen Stimmen auf 3025103 an. Von den bürgerlichen Parteien erhielten Stimmen: Zentrum 1853707(1898: 1455100); Nationalliberale 1243 393(971300); Konser⸗ vative 909 714(859 200); Freisinnige Volks⸗ partei 523 505(558 300); Reichspartei 282454 343 600); Antisemiten 244587 284300); Ffreistnnige Vereinigung 241266(195 700); Bund der Landwirte 114350(110 400); Deutsche Volkspartei 93 804(108 500); Nationalsoziale 27334(27 200). Bei der allgemeinen lebhaf⸗ teren Wahlbeteiligung haben natürlich auch die bürgerlichen Parteien zum Teil einen Stimmen⸗ zuwachs zu verzeichnen. Das Zentrum brachte 400 000 Stimmen, die Nationalliberalen über Seer 7 „„ 5—— ——— — 3 5 — Seite 2. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 29. 250000 mehr auf als 1898. Auch die Frei⸗ sinnige Vereinigung erzielte zirka 50 000 Zu⸗ nahme. Dagegen berzeichren die Konservativen, wenn man die Reichs partei dazu rechnet, einigen Rückgang, noch größeren die Freis. Volkspartei und die Antisemiten. Vergleiche. Unser Zentralorgan veröffentlichte eine Zu⸗ schrift von fachmännischer Seite zum Fall Hüssener, durch welche die deutsche Gerechtigkeit illustriert wird. Es heißt dort: „Das Urteil im Fall Hüssener wird erst so recht zu einer Anklage gegen das preußische Militärsystem, wenn man damit andere Urteile, die bei Verfehlungen von Soldaten gefällt wurden, vergleicht... Im Februar dieses Jahres standen der Gefreite Daniel und der Dragoner Menne vom oldenburgischen Dragoner⸗ Regiment Nr. 19 vor dem Kriegsgericht der 19. Diviston. Sie hatten in der Sylvesternacht über den Durst getrunken und infolgedessen in der Kaserne einen großen Lärm verursacht. Als Unteroffiziere ihnen befahlen, ruhig zu sein und sich zu Bett zu legen, erklärten sie, es könne sie niemand ins Bett schicken. Das Ge⸗ richt sah in ihren Verfehlungen einen militäri⸗ schen Aufruhr und verurteilte Daniel zu fünf Jahren sechs Monaten, Menne zu fünf Jahren zehn Monaten Gefängnis. Vom Kriegsgericht der 3. bayrischen Division wurden im ersten Quartal dieses Jahres zwei Rekruten Namens Philipp und Langknecht wegen Fahnenflucht zu 1 Jahr sechs Mo— naten Gefängnis verurteilt. Warum aber hatten sie der Kaserne den Rücken gekehrt? Weil sie schmählich mißhandelt worden waren. Und trotzdem die hohe Strafe! Ende Mai hatte sich vor dem Kriegsgericht der 8. Division der Kürassier Hinze ebenfalls wegen Desertion zu verantworten. Auch er war durch Mißhandlungen förmlich zur Fahnen⸗ flucht getrieben worden. Ungeachtet dieses Umstandes erhielt er sieben Monate Ge⸗ fängnis. Die gleiche Strafe traf den Düsseldorfer Ulanen Ewers, der sich den Mißhandlungen, mit denen ihn ein Sergeant traktierte, durch die Flucht entzog. Weiter hatte sich am 6. April vor dem Breslauer Kriegsgericht der Musketier Koy zu verantworten. Er hatte dem Unteroffizier Bleul, der ihn ins Gesicht schlug, zu Boden warf und mit dem Fuße stieß, bei der Abwehr der Miß⸗ handlungen einen Schlag versetzt. Dafür wurde er zu sechs Monaten Gefängnis ver⸗ urteilt. Endlich sei noch an die Landwehrleute er⸗ innert, die sich anläßlich eines Bahntransportes weigerten, in einem Viehwagen Platz zu nehmen, und dann eine telegraphische Beschwerde an den Kaiser Wilhelm den Ersten sandten. Sieben Jahre wurden sie deswegen ins Zuchthaus gesperrt! „Ein Strafgesetzbuch, das solche Urteile er⸗ möglicht, gleicht einem Januskopf, der auf der einen Seite das Gesicht einer gütig und nach⸗ sichtig lächelnden Frau, auf der andern ein furchtbares Medusenantlitz zeigt.“— Zum Hüssener⸗Prozesß wird berichtet, daß der Gerichtsherr, Admiral Köster, Revision gegen das Urteil des Ober⸗ kriegsgerichts angemeldet habe. Ob das Rechts⸗ mittel Erfolg hat, bleibt natürlich abzuwarten; die Revision ist nur begründet, wenn das Gesetz verletzt ist. Eine nochmalige Prüfung des Tatbestandes erfolgt nicht. Wir bezweifeln, 10 58 Mörder eine schärfere Strafe zudiktiert ird. Streikende Arbeiter vor Gericht. Gegen die zweite Gruppe der wegen der Streiktumulte angeklagten Arbeiter in Bro m⸗ berg ist nun auch das Urteil gefällt worden, ein Urteil, das jeden rechtlich denkenden Menschen empören muß. Vierzehn Jahre Zuchthaus, siebzehn Jahre Gefängnis, verteilt auf dreizehn Verurteilte, die„Rädelsführer“ Orlinski und Dahms auf je 5 Jahre, der des Steinewerfens überführte Zimmerer Spielmann auf 4 Jahre * dem Zuchthaus überliefert, alle drei unter Polizei ⸗Aufsicht gestellt, das heißt, daß sie auch nach ihrer Entlassung aus dem Kerker die größten Schwierigkeiten haben werden, wieder ehrliche Arbeit zu finden, vermutlich nie wieder dazu kommen werden. Sogar den weniger Beteiligten wurden un⸗ erhörte Strafen zudiktiert. So erhielt der bis⸗ her völlig unbescholtene Mathias, den die Geschworenen eines Steinwurfs überführt ge⸗ halten, bei dem sie aber mildernde Umstände angenommen hatten, trotz der günstigsten Zeug ⸗ nisse seiner Arbeitgeber, drei Jahre Ge⸗ fängnis, sechsmal so viel, als nach dem ohnehin harten Gesetz notwendig gewesen wäre. Dazu Ehrverlust von vier Jahren für eine der Erregung des Moments entsprungene Tat, die keinen Schaden angerichtet hatte. Und andere Angeklagte, die nur unter der erregten Menge gesehen worden waren, jedoch ohne Gewalttaten zu begehen, jeder mit mindestens einem Jahre Gefängnis bestraft, darunter der Polier Zacharias, ein fünfzigzähriger, bis zum Tage der Tat nie bestrafter Mann. Jast alle Angeklagten sind Familienväter. Ein grauen⸗ haftes Resultat! Um was es sich handelte, haben wir schon in der vorigen Nummer angedeutet. Man verweigert Arbeitern bescheidene Forderungen, man holt lohndrückende Ausländer herbei, man geleitet diese Leute mit blankgezogenen Poltizei⸗ säbeln durch die Straßen; wenn es dann zur Menschenansammlung und zu scharfen Worten kommt, haut die Polizei ein und Dutzende unglücklicher Arbeiter, die sich das nicht ruhig gefallen lassen, werden wegen Landfriedensbruchs auf die Anklagebank gebracht und zu ungeheuer harten Strafen verurteilt, namenloses Unglück wird über zahlreiche arme Familien gebracht. Hüssener, der Fähnrich, der ein Menschen⸗ leben leichtfertig vernichtet— zwei Jahre ehren⸗ volle Haft auf der Festung! Arbeiter, die vielleicht straffällig sind, aber kein Menschenleben vernichtet, keine Körperverletzung begangen haben, auf Jahre ins Gefängnis und ins Zucht⸗ haus! So will es der heutige Staat der Sozialreform, der Gerechtigkeit!— Wer vernichtet den Mittelstand? Die Brauindustrie in Thüringen ist im letzten Jahrzehnt von 1000 auf 646 Betriebe zurückgegangen. Davon fallen allein 323, das ist ein Drittel aller vorhandenen Brauereien, auf das Land. Die gesamte Biererzeugung stieg dagegen trotzdem in diesen zehn Jahren von 2 138 538 hl auf 2 633 053 hl, also um 493 515 hl. Ein sprechender Beweis ist die Konzentration des industriellen Betriebes. Die Kleinindustrie wird durch die bei weitem leistungsfähigere Großindustrie rücksichtslos aufgesogen. Und die patentierten„Mittelstandsretter“ wollen dies fortdauernd leugnen und behaupten: Die Sozialdemokratie vernichtet den Mittelstand! Da hat die Sozialdemokratie wohl die 354 Brauereien aufgefressen? Und wie mit den Bierbrauereien, so ist es mit den Brennereien und mit den Betrieben in anderen Industrien. Was die Gegner sagen. Das angesehenste Zentrumsblatt, die„Köln. Volkszeitung“, schließt eine Wahlbetrachtung mit folgenden Worten: „Die Sozialdemokraten dürfen sich mit Recht rühmen, daß ihre Abgeordneten, wie überhaupt alle in der Parteibewegung stehen⸗ den Personen, einen ungewöhnlichen Fleiß entwickeln und von Partei wegen recht kräftig herangeholt werden. Andere Parteien könnten und sollten sich ein Beispiel daran nehmen.“ Das ist ja sehr freundlich! Allerdings wird diese günstige Beurteilung nicht lange vor⸗ halten. Wie sie es früher schon getan, werden jene Leute vom Zentrum, wenns ihnen gutdünkt und für ihre Zwecke geeignet erscheint, die sozial⸗ demokr. Agitatoren als Faulenzer, die sich von Arbeitergroschen mästen, bezeichnen. Der König als Rächer. Kürzlich wurde die Dresdener„Run dschau“, ein bürgerliches Blatt, wegen Majestäts⸗ beleidigung beschlagnahmt und der Redakteur verhaftet. Die Beschlagnahme erfolgte an⸗ geblich wegen zweier Artikel, in deren einem mitgeteilt war, daß eine arme Witwe, die mit ihren fünf Kindern in bitterster Not lebte, an die Prinzessin Mathilde eine Bittschrift ge⸗ richtet und zur Konfirmation eines Sohnes von der Hofkassenexpedition 3 Mark erhalten habe; in dem anderen wurde in Form eines Märchens die Affäre der Kronprinzessin behandelt. Da ist die Dresdener Rundschau auf einen kuriosen Einfall gekommen, um feststellen zu lassen, ob in dem fraglichen Artikel eine Moje⸗ stätsbeleidigung enthalten ist. Der Verlag richtete nämlich, nachdem er von verschiedenen Juristen das Gutachten erhalten hatte, daß keiner der beiden Artikel ein strafrechtliches Vorgehen rechtfertige, an den König ein Schreiben, in dem die„allerhöchste“ Entscheidung selbst darüber angerufen wird, ob der König sich durch die von unbeteiligten Juristen für unver⸗ fänglich erklärten Artikel überhaupt beleidigt und verletzt fühle. i Dem Verlage wurde darauf vom Justiz⸗ minister geantwortet, der König habe zu be⸗ stimmen geruht, daß wegen der dem Redak⸗ teur Peters beigemessenen Majestätsbeleidigung und wegen Beleidigung der Prinzessin Straf⸗ verfolgung eintreten solle. 1 Ein Strafantrag braucht bei Majestäts⸗ beleidigungen nicht gestellt zu werden, die Verfolgung kann durch den Staatsanwalt ohne Weiteres eingeleitet werden. In diesem Falle dringt der König von Sachsen selbst auf die Bestrafung derer, die vielleicht im Eifer des politischen Kampfes einmal die vom Gesetze gesteckten Grenzen über⸗ schritten haben. Wohlgemerkt, selbst Juristen hielten keine Beleidigung für vorliegend! Der König wird damit kaum seine Beliebtheit beim Volke erhöhen, im Gegenteil werden solche mit Zustimmung des Königs eingeleitete Prozesse nur dazu beitragen, die in Sachsen herrschende Mißstimmung gegen die bestehenden Zustände noch zu verschärfen. Wahlen und Wahlrecht in Sachsen. Wie die Preßorgane der sächsischen Regie⸗ rung vernehmen lassen, beabsichtigt dieselbe, eine Aenderung des Wahlgesetzes vorzuschlagen. Vielleicht sieht sich die Regierung unter dem Eindrucke des 16. Juni veranlaßt, das über die Wahlentrechtung empörte Volk einigermaßen zu beruhigen; es ist aber bei dieser„Reform“ nichts als Flickarbeit zu erwarten, keines⸗ falls will man das Dreiklassenwahlrecht auf⸗ geben. Unterdessen haben unsere Genossen in Sachsen mit einem energischen Aufruf an das Volk die Landtagswahlbewegung eingeleitet. Mit Entschiedenheit fordert der Aufruf zum Kampf gegen die Wahlentrechtung auf und schließt: Die im Herbste bevorstehenden Land⸗ tagswahlen müssen von Neuem den Protest des Volkes machtvoll zum Ausdruck bringen! Keine Ruhe dem Feind, der das Volk im Un⸗ recht erstickt! Ausland. Die Gemeinderatswahlen in Holland haben in den letzten Tagen stattgefunden. Sie vollzogen sich unter keinen günstigen Umständen für die Sozialdemokratie und es war von vorn⸗ herein anzunehmen, daß sie keine großen Er⸗ oberungen machen würde. So ist es auch ge⸗ kommen. Das Wahlgesetz schließt die meisten Arbeiter vom Wahlrecht aus, nur derjenige ist Gemeinderatswähler, welcher direkte Steuern zahlt. Die Wählerschaft ist also über wiegend bürgerlich. Und die Kleinbürger, ole auch die kleinen Beamten und selbst viele Arbeiter sind von der Aprilbewegung mit dem General⸗ streik sehr abgeschreckt, während die übergroße Mehrheit der Bürger die Politik der gegen⸗ wärtigen Regierung bewundert und in Dr. Kuyper den„starken Mann“ anbetet. Natürlich zogen die bürgerlichen Parteien stets mit ver⸗ einten Kräften gegen unsere Genossen zu Felde, so daß nur vereinzelt sozialdemokratische Kan⸗ didaten gewählt wurden. Aber fast überall stieg die Stimmenzahl ganz bedeutend, ein 9• die e on die 1 er fen der m mit esse ide „ 3 Nr. 29. 8 . Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seile 3. Beweis dafür, daß unsere Bewegung auch in Holland im Vorwärtsschreiten begriffen ist. In Ungarn sind gegenwärtig die politischen Zustände ver⸗ worrener als je. Der erst kürzlich neuernannte Ministerpräsident Graf Khuen hat mit der Obstruktion der Mehrheit des Parlaments zu kämpfen und es ist nicht unwahrscheinlich, daß es fon ar des widerspenstigen Parlaments ommt. Der neue Serbenkönig hat sich dadurch viel Feinde gemacht, daß er die Offiziere, die an der Ermordung Alexanders beteiligt waren, bei der Beförderung bevor⸗ zu gte. So wurde der Hauptverschwörer, Oberstleutnant Mischitsch zum ersten Sektions⸗ chef des Kriegsministeriums ernannt, wogegen die österreichtsche Regierung protestierte.— Uebrigens soll man schon einer Offiziers⸗Ver⸗ n gegen Peter auf die Spur gekommen ein. Der sterbende Papst. Seit Wochen schon liegt Papst Leo im Sterben. Ueber seinen Zustand wurden die widersprechendsten Nachrichten verbreitet. Wäh⸗ rend in den offiziellen Krankheitsberichten von der großen Geistesklarheit die Rede war, über die der Sterbende noch verfüge und mitgeteilt wurde, daß er zu der und der Zeit Schriftstücke durchgesehen, Staatsgeschäfte erledigt, mit ver⸗ schiedenen Kardinälen und anderen Personen sich unterhalten habe dc. behaupteten einge⸗ weihte Personen, der Papst liege schon längere Zeit bewußtlos, könne weder sprechen noch sich dewegen. Jedenfalls steht soviel fest, daß er schon viele Tage durch Anwendung aller mög⸗ lichen künstlichen Mittel am Leben erhalten wurde.— Am Mittwoch berichtete eine Wolff'sche Depesche, daß der Papst mehrere Kardinäle empfangen und einige Stunden im Lehnstuhl zugebracht habe, zu gleicher Zeit telegraphierte der Korrespondent der Frkftr. Ztg., daß der Kranke mehreremal aus seinem totenähnlichen Schlafe aufgerüttelt werden mußte! Wie von verschiedenen Seiten berichtet wird, soll Leo XIII. in lichten Augenblicken viel Sorge für seinen — Geldschrank bekunden.— Unterdessen streiten sich die hohen Würdenträger um die Nachfolger⸗ schaft; die Eifersucht unter den Papst⸗Kandidaten bab schon zu äußerst erregten Auftritten geführt aben. Entwicklung der Sozialdemokratie in Oberhessen und den angrenzenden Bezirken. Für jeden Parteigenossen ist es von Interesse, sich vor Augen zu führen, in welcher Weise sich die Parteiverhältnisse des Wahlkreises, zu dem er gehört, entwickelt haben und besonders, wie die Stimmenzahl unserer Partei zugenommen hat. Wir wollen deshalb in Folgendem die Wahlergebnisse aller bisherigen Reichstagswahlen der drei oberhessischen Kreise, sowie der Kreise Wetzlar, Marburg und Dillenburg vorführen und kurze Besprechungen daran knüpfen. Wahlkreis Gießen ⸗Grünberg⸗Nidda. — In der Tabelle haben wir, um die Ueber- sichtlichkeit nicht zu erschweren, die Zahlen für die Nachwahl 1890 nicht mit angeführt. Diese war erforderlich, weil der Freisinnige Gut⸗ fleisch, der zugleich im Friedberger Kreise gewählt war, fuͤr diesen annahm. Bei der Nachwahl erhielten die Nationalliberalen, als deren Kandidat damals auch Heyligenstaedt auftrat, 2100 Stimmen, der Freisinnige Dove 4715; der Antisemit Pickenbach 7145 und unser Genosse Orbig 1335 Stimmen. In der Stich ⸗ wahl wurde Pickenbach mit 8890 Stimmen gegen 7724 freisinnige gewählt. Die Zent⸗ rumsstimmen haben wir auch nicht besonders aufgeführt; es wurden 1898 79 und diesmal 105 Stimmen für das Zentrum abgegeben.— Abgeordneter für den Gießener Kreis war von 187178 der Gutsbesitzer Frhr. v. Nordeck zur Rabenau, der erst der Liberalen Reichspartei zugehörte und 1877 der„Reichspartei“, der Fraktion Stumm, Kardorff ꝛc. beitrat. 1881 wurde Gutfleisch als Kandidat der, Liberalen Vereinigung“ gewählt, der aber 1884 dem nationalliberalen Hüttenbesitzer Buderus weichen mußte, dem das Mandat auch bei den 87er Septenatswahlen zufiel. 1890 gewann Gutfleisch den Kreis wieder, in der Nachwahl fiel er aber, wie schon bemerkt, an den Anti⸗ semiten Pickenbach. Diesen löste Köhler ab, der ihn bis jetzt behielt, wo er ihn an den Nationalliberalen Heyligenstaedt abtreten mußte. Wir haben die Stimmenzahlen der National⸗ liberalen von der 98er und der letzten Wahl unter„Liberale Vereinigung“ gesetzt, weil die nationalliberalen Kandidaten als gemeinsame Kandidaten aller„Liberalen“ auftraten. Wir ersehen aus der Zusammenstellung das regel⸗ mäßige, sichere Steigen der sozialdemo⸗ kratischen Stimmen, das uns den baldigen Sieg im ersten oberhessischen Wahlkreise hoffen läßt.— Dagegen brauchen die Bürgerlichen von ihrem„Siege“ nicht allzuviel Rühmens zu machen; brachten sie doch im Jahre 1887 noch fast 19000 Stimmen auf, diesmal nur reichlich 10000! Wahlkreis Friedberg⸗Büdingen. Die Stimmenberhältnisse in diesem Wahl⸗ kreise zeigen folgendes Bild: Die freie Vereinigung von Krankenkassen in Hessen hielt am verflossenen Sonntag in Friedberg ihre Jahresversammlung ab. Es waren 54 Kassen mit 115 Delegierten vertreten, auch nahmen Vertreter der Kreisämter Friedberg und Offenbach an der Beratung teil. Der geschäftsführende Ausschuß, der im November vorigen Js. von Worms nach Mainz verlegt wurde, erstattete zunächst Bericht über seine Tätigkeit. anwalt Dr. Ful d⸗Mainz, über die Aenderungen des Kran len verstcherungsgesetzes und die dadurch bedingte Statutenänderung der einzelnen Kassen. Redner besprach die Ausdehnung des Kreises der Ver⸗ sicherungspflichtigen durch Einbeziehung der Handlungs⸗ gehilfen und Lehrlinge mit einem Gehalt vis zu 2000 Mark in den Kreis der Versicherten.(In Gießen waren dieselben schon vorher durch Ortsstatut der Versicherungs⸗ pflicht unterworfen).— Die allgemein als ganz überflüssig anerkannte Erweite⸗ rung der Rechte der Aufsichtsbehörd⸗ könnte nach Ansicht des Herrn Vortragenden bei loyaler Handhabung der Be⸗ hörden den Kassen nicht so gefährlich werden; er empfiehlt jedoch den Kassen, in den statutarischen Bestimmungen Vorkehrung zu treffen, daß im Falle der Amtsenthebung von Vorstandsmitgliedern oder Beamten der Ver⸗ waltungsapparat nicht zum Stocken komme. Schließlich sprach Herr Fuld die Hoffnung aus, die Aenderungen möchten den Versicherten zum Segen gereichen. Ein weiterer Vortrag desselben Herrn betraf die Einbeziehung der Dienstboten in die Kranken⸗ versicherungspflicht. Hlerzu wurde folgende Resolution einstimmig angenommen: „Die Versammlung der„Freien Vereinigung der Krankenkassen im Gr. Hessen“ erklärt die Einbeziehung der zu dem Gesinde gehörigen Personen in den Kreis der gegen Krankheit versicherten Bevölkerung für ein dringendes Bedürfnis, mit Rücksicht darauf, daß bei dem Erlaß der Novelle zu dem Krankenversicherungs⸗ Gesetz von 1903 die Erweiterung des Kreises der Versicherungspflichtigen durch Aufnahme des Gesindes leider unterblieben ist, und in Erwägung der Tatsache, daß eine Abänderung des Krankenversicherungsgesetzes für die nächste Zeit nicht zu erwarten ist, richtet die Vereinigung an die Großherzogliche Staatsregierung das Gesuch, im Wege der Landesgesetzgebung die Krankenversicherungspflicht des Gesindes einführen und den Ständen eine hierauf bezügliche Gesetzesvorlage baldmöglichst unterbreiten zu wollen.“ Nach Besprechung verschiedener Verwaltungsfragen wurde noch beschlossen, dem Zentralverein zur Beschaffung billiger Landaufenthaltsorte im Großherzogtum Hessen Die Gießener Ortskrankenkasse war mit 5) Reichspartei. 1871 bertrat den Kreis der nationalliberale Rechtsanwalt Frhr. v. Wedekind, dem 1874 sein Parteigenosse Dr. Schröder⸗Friedberg folgte. Dieser trat später der liberalen Ver⸗ einigung bei, wurde aber 84 nicht wieder ge⸗ wählt, sondern von dem freisinnigen Major a. D. Hinze abgelöst. Bei den Septenats⸗ wahlen siegte der Frankfurter Oberbürgermeister und spätere Finanzminister Miquel, der aber das Mandat ablehnte, weil er doppelt gewählt war. In der Nachwahl, die wir in der Tabelle nicht angeführt haben, siegte der nationalliberale Direktor Brand ebenfalls im ersten Wahlgange mit 8603 Stimmen gegen 6866 freisinnige. 1890 siegte der Gießener Freisiunige Gutfleisch, der aber 1893 von dem Grafen Oriola(natl.) verdrängt wurde, dem es auch bei der letzten Wahl nochmals gelang, sich das Mandat zu erhalten. Hoffent⸗ lich zum letzten Male! Denn auch hier schreitet die Sozialdemokratie siegend vor und muß es dahin bringen, den Kreis bei der nächsten Uns wird ge⸗ Im„Gieß. Anz.“ vom 27. Juni einem dortigen wohlhabenden Noch nachträglich wollen daß die Unterstützung des 8 8 8 8 3 5— 8— als Mitglied mit einem Jahresbeitrag von 25 Mark „„ e beizutreten. 2 5 5 2 N 12 Delegierten auf der Jahresversammlung vertreten. 1871— 6113 2% 8 3 N 1 d F 1%. e e on Nah und Lern. 1877 523 3909—— 1540—— 5 5 1878 1740 30911—— 26 124— Gießener Angelegenheiten. 1881 2356— 6366— 767 89— j 1884— 6051— 3901 1896 335— fache J, Ane Stichw.— 7231— 73860——— 8„ 5 5 1887— 9075— 6110— 786— befand sich eine die Stichwahl betreffende Notiz Stich 5 997 22 125 1235 1949— aus Röthges, in h ch 8 95——. Gemeinderatsmitgliede un . 5— 5— 2453 3495 1 1 7 1 Stich— 7480 5 1 N 547 Manne vorgeworfen wird, die Sozialdemokratie 19— 4713—— 1274 4204 1883 unterstützt zu haben. Noc. Sich, do, wir dem ehrenwerten Einsender jener Anzeiger⸗ 1908— 7— 288 1904 6330— notiz verraten, Stichw.— 11000—-— 7500— Sozialdemokraten hauptsächlich veranlaßt wurde durch die gemeine, niederträchtige und verleumderische Kampfesweise der„Ord⸗ nungshelden“, namentlich der Beamten. Wenn Pfarrer, Lehrer und sonstige Beamte noch ferner in dieser Weise den Kampf führen, wird wohl auch der letzte anständige Mann ins sozialdemokratische Lager übergehen müssen. Im Uebrigen ist es dem Angegriffeuen gleich- gültig, was ein Denunziant von ihm denkt. — Berichtigung. Zu der Notiz in der vorigen Nummer betr. die Nicht⸗Auslegung des „Vorwärts“ in der Gießener Lesehalle haben wir berichtigend zu bemerken, daß den Vorstand der Lesehalle nicht die mindeste Schuld trifft. Vielmehr ist dessen Unparteilichkeit in Bezug auf Auslage der Zeitungen allgemein bekannt. Es war nur von unserer politischen Organt⸗ sation, die das Blatt für die Lesehalle stellt, vergessen worden, es bei Beginn des neuen Quartals zu bestellen. Dem Mangel ist natürlich sofort abgeholfen worden. — Der Druckfehlerteufel macht den Zeitungen ebensoviel zu schaffen, wie gewissen 5 e 15 a 1871 5 10————— 1874— 6993——— 151— 1877 25139167——„ 1878 24197792—— 381— 1881— 4522— 8419— 256— 1884—— 3638— 63843 49%— 1887—— 10918— 70941 387 1890 5— 43634— 5905 1732] 4566 ) 1893 28— 4300— 1883 2852 5606 f Nachw. 18996—— 2842— 2129 3351 4177 fr 1898——— 41590— 44954748 VF dens 190% 35588550— 6026 5[28 Stichw.—— 110601— 78380— Wahl im ersten Wahlgange zu erobern! Heiligen der Teufel Bitru. Uns hat er— 8210 Einen sehr instruktiven Vortrag hielt Herr Rechts⸗ . — 8 7 8 75 48 12 2 14 5 1 1 . 7 ö n 1 f J 1 110 0 .—— — —.— 28—— —— * 1 2 n — — 4— . — 3 ä — — Seite 4. Milteldeuische Sonntags⸗Zeitung. Nr. 29. nämlich der Druckfehlerteufel— in der letzten Nummer unseres Blattes ebenfalls einen recht bösen Streich gespielt. In dem letzten Satze der Notiz über das Kreisfest heißt es da: „Wenn man einmal etwas macht, muß es etwas bedenkliches sein.“ Das ist natürlich ein Unsinn. Etwas Ordentliches muß es heißen, wie jeder verständige Leser von selbst korrigiert haben wird.„Bedenkliches“ machen wir nicht, noch viel weniger raten wir an, Bedenkliches zu tun.— Allerdings sind wir nicht teufelsgläubig genug, um die Schuld für diesen haarsträubenden Fehler dem Druck⸗ fehlerteufel aufzubürden. Die trägt in Wirk⸗ lichkeit ein noch sehr jugendlicher Jünger Guten⸗ bergs, von dem wir hoffen wollen, daß er sich bessert, damit er ferner nicht seine Kollegen blamiert, die sich mit Recht zu den intelli⸗ gentesten der gewerblichen Arbeiter zählen. — Streit um die Friedhofsein⸗ weihung. Zwischen der Gießener evangelischen Kirchengemeinde und dem Oberbürgermeister Mecum hat sich ein Streit entsponnen, der die Gemüter ziemlich erregt und auch in mancher Beziehung von allgemeinem Interesse ist, wes⸗ halb wir auch in unserem Blatte mit einigen Worten darauf eingehen wollen. Die Ursache des Streites ist das Verbot der kirchlichen Einweihung des neuen Friedhofes, die der Pfarrer Naumann im Namen der evangelischen Kirchengemeinde vornehmen wollte. Ueber das Verbot hat sich natürlich die liebe Geistlichkeit mitsamt den Frommen nicht wenig aufgeregt und der evangelische Kirchenvorstand hat beschlossen, gegen den Oberbürgermeister Be⸗ schwerde zu führen.— Nun fragt es sich, war der Bürgermeister zu dem Verbote berechtigt? Wir sind gewiß nicht diejenigen, die alle Maß⸗ regeln einer Behörde ohne weiteres gutheißen, ebensowenig wollen wir die religiöse Freiheit irgendwie beschränkt sehen. Darum handelt es sich hier aber auch gar nicht. Der Friedhof ist Eigentum der Stadtgemeinde, er gehört weder ganz noch teilweise irgend einer Religions⸗ gemeinschaft oder Kirchengemeinde; eine solche hat daher auch nicht das Recht— und wenn ihr auch die Mehrheit oder gar sämtliche Ein⸗ wohner zugehörten— den Friedhof für sich allein in Anspruch zu nehmen. Das geschieht aber durch eine offizielle Einweihung; der Oberbürgermeister war demnach vollkommen im Recht, wenn er eine solche nachdrücklich zu verhindern suchte. Er handelte da ganz zweifel⸗ los im Interesse der Stadt und ebenso im Interesse der Aufrechterhaltung des konfessionellen Friedens. Denn den andern Religionsgemein⸗ schaften konnte die Sache von ihrem Stand— punkte aus nicht gleichgültig sein und tatsächlich hatte ja auch der katholische Pfarrer gegen die Einweihung protestiert. Für seine durchaus korrekte Stellungnahme und energische Wahrung der Rechte der Stadt sollte die Bürgerschaft dem Oberbürgermeister Dank wissen und sich nicht von dem anmaßenden Pfaffentum aufhetzen lassen, von dem doch nur eine Demon⸗ stration beabsichtigt war. Der„Gieß. Anzeiger“ verhält sich zu der Affaire höchst merkwürdig. Er hat dazu noch kein Wort verloren! Wie flink ist er doch bei der Hand, wenn Schauermärchen über die Sozialdemokratie zu erzählen sind, wenn irgendwo angebliche„sozialdemokratische Aus⸗ schreitungen“ stattgefunden haben sollen, oder wenn ein Sozialdemokrat einige Kohlköpfchen abgerissen hat! Warum denn hier so schweigsam? Ja, man kann eben nicht gut als Amtsblatt gegen den Bürgermeister losgehen, man möchte es aber auch nicht mit den Frommen verderben! Eine verteufelte Geschichte! Wird dem Bürgermeister Recht gegeben, so sind die immerhin noch zahlreichen Frommen im Stande, es dem„Chor der Rache“ nachzumachen und die Zeitung abzubestellen! Womöglich giebts auch noch Einbußen an Inseraten! Drum steckt man seine Meinung hübsch in die Tasche, stößt Niemanden vor den Kopf und schädigt nicht durch Aeußerung seiner Meinung sein Geschäft.— In Berlin wurde in dem Prozesse gegen die Bankschwindler der Pommer⸗ schen Hypothekenbank festgestellt, daß die Bank⸗ schwindler sich die Presse gekauft hatten. So etwas tut nun der Anzeiger nicht, im Gegen⸗ teil, er entrüstet sich über eine solche korrüpte Presse. Das schließt aber nicht aus, das trotz⸗ dem einige Rücksicht aufs Geschäft genommen werden muß! — Ausflug. Die freie Tur ner⸗ schaft Gießen veranstaltet diesen Sonntag einen Ausflug nach Wieseck. Dort wird in den Lokalitäten des„Gambrinus“(B. Wacker) für beste Unterhaltung durch Konzert und Gesangsvorträge, sowie Vorführung turne⸗ rischer Leistungen und Tanz gesorgt sein. Der Gesangverein„Eintracht“ wird sich ebenfalls an dem Ausflug beteiligen und in Gestalt von Gesangsvorträgen seinen Teil zu den Dar⸗ bietungen beisteuern. Dasselbe wird in Bezug auf Turnerisches von dem Turnverein 11 5 eck geschehen, der sich vollzählig einfinden wird. — Ein Brief aus Amerika. Von einem aus Holzheim bei Butzbach gebürtigen, nach Amerika ausgewanderten Parteigenossen und Leser unseres Blattes erhielten wir dieser Tage einen Brief, aus dem wir einiges mitzu⸗ teilen nicht unterlassen wollen. Natürlich ist der Briefschreiber erst in Amerika zum Sozial⸗ demokraten geworden, was für jeden selbst⸗ verständlich ist, der Holzheim und die dort vertretenen politischen Ansichten näher kennt. Die biederen Holzheimer wissen sich noch frei vom sozialdemokratischen„Gift“, sie sind stramme Antisemiten und schwören auf Köhler, Pückler ꝛc., was sie durchaus nicht abhielt, bei der Stich⸗ wahl Mann für Mann für den„bauernfeind⸗ lichen Liberalen“ zu stimmen.— Also unser Genosse schreibt u. a.: Frischer und schneller pulstierte einem in diesen Tagen das Blut durch die Adern, wenn man die Yankee⸗Zeitungen zur Hand nahm, wo in großen Lettern geschrieben stand:„Wahl⸗ sieg der Sozialtsten in Deutschland!“ Bald geweint habe ich vor Freude, als wir lasen: 54 Sozialdemokraten gewählt und 122 in Stichwahl! Euer Sieg fördert unsere hiesige Agitation ganz bedeutend, wir finden eher willige Ohren als früher und wir lassen diese günstigen Umstände nicht unbenützt. Hier(in Racine. D. Red.) halten wir Samstags auf dem früheren Marktplatz Versammlung ab, wobei wir auch unsere Schriften ausgeben. Manchmal predigt da auch ein Jesuitenpater aus der Umgegend, der über die Sozialisten nur so losdonnert. Wenn er fort ist, fragen uns oft seine Gläubigen: Was wollte denn Vater Schormann eigentlich? Und seine Tiraden haben denselben Erfolg wie gewisse Reden, die öfters bei Euch gehalten werden. In den letzten Jahren hat es sich hier gewaltig geändert. Während wir noch vor 3 Jahren kaum eine Versammlung zusammen bringen konnten, finden wir sie jetzt alle gut besucht, die Bevölkerung bringt den vielgeschmäh⸗ ten Sozialisten jetzt mehr Vertrauen entgegen.“ Dann erzählt der Briefschreiber, wie er in dem Gesangverein, dem er angehört, fast gemieden wurde, als den übrigen Mitgliedern seine sozialdemokratische Gesinnung bekannt wurde, während sie ihn jetzt, gelegentlich eines Sonn⸗ tags⸗Ausflugs aufforderten, sie mit den sozia⸗ listischen Grundsätzen bekannt zu machen.„Zwar haben wir hier leichtere Agitation als Ihr in Deutschland; doch auch starke Gegner. Aber unser Schlagwort heißt:„Gerade wie in Deutschland!“ und damit geht's vorwärts. Wenn ich nur unter meinen alten Freunden in Holzheim so loslegen könnte... aber die bauen noch immer thre Kartoffeln auf den Fürstlich⸗Braunfels'schen Acker; so lange sie sich noch als halbe Leibeigene des Fürsten Solms⸗ Braunfels wohl fühlen und der Graf Laubach das Pfarrhaus eignet, hat's bei ihnen noch gute Wege mit der Sozialdemokratie. Wie würde ich wohl aufgenommen, wenn ich hin⸗ käme? Na, wir meinen, mit der Zeit werden sogar die Holzheimer zu uns kommen; hat sich doch dort unsere Stimmenzahl verdreifacht— von 1 auf 3 nämlich!! Aus dem Rreise gießen. r. Zum Vorgehen der„Ordnungs- leute“ bei den Reichstagswahlen wird uns aus Leihgestern geschrieben: Erst jetzt wird noch bekannt, was alles dazu helfen mußte, um dem Mischmasch den Sieg bei der Reichstagswahl zu sichern. Nicht blos die Kriegervereine, sondern auch die Turnvereine wurden zu Agitationszwecken gebraucht. So kam ein Gerichtsschreiber hier zu einem Wähler, der zugleich Mitglied des Turnvereins ist, und sagte ihm, er dürfe nicht für Krumm stimmen, denn es sei nach den Statuten des Turn⸗ vereins verboten, sozialistischen Ideen zu hul⸗ digen.— Jeder Arbe iter muß sich dabei fragen, ob er ferner einem Vereine angehören kann, der von dem Strebertum dazu benutzt wird, der Arbeiterbewegung in den Rücken zu fallen. Tretet deshalb in den Arbeiterbildungsverein ein! Wer Lust und Liebe zur Turnerei hat, der sorge mit dafür, daß ein Arbeiter⸗Turn⸗ verein ins Leben tritt. Aus dem Rreise Wetzlar. — Krieger vereinliches. In Lauf ⸗ dorf war am Sonntag Kriegervereins⸗Fahnen⸗ weihe und der„Wetzl. Anz.“ bringt darüber einen Bericht von einer knappen Seite. Natür⸗ lich fehlten die mordspatriotischen Pauken nicht und besonders der Lehrer leistete sich Bedeuten⸗ des. Schließlich fand sich auch noch der Vor⸗ steher Diehl von Oberndorf veranlaßt, eine patriotische Rede zu halten. Nach dem Bericht wies der Redner„darauf hin, daß der impo⸗ sante Festzug, die große Schaar von sonstigen Teilnehmern, die gehobene Stimmung,.. einen erfreulichen Beweis dafür darstellen, daß für patriotische vaterländische Feiern wirklich noch viel Sinn in der Bevölkerung vorhanden sei. Daß dieser vaterländische Sinn aber nicht überall und nicht zu allen Zeiten vorhanden sei und betätigt werde, das hätten die traurigen Ergebnisse des 16. Juni gezeigt. In ernsten Worten führte Redner alsdann namentlich den Kriegern die Gefahren zu Gemüte, welche die antinationalen Bestrebungen bringen und forderte sie auf, sich von solchen Bestrebungen fern zu halten. Wer das aber nicht könne und wolle, der möge wenigstens kein Heuchler sein und die Reihen der Kriegervereine verlassen.“ Wir sind ganz derselben Meinung. Kein Arbeiter sollte einem Vereine beitreten, der den Arbeiter⸗Interessen so entgegen arbeitet, wie es die Kriegervereine tun. Wir wissen aber sehr wohl, wie auf dem Lande und in Städten die Leute förmlich zu Mitgliedern gepreßt werden und wenn sie dann jahrelang ihre Beiträge bezahlt haben, dann wollen sie eben ihre er⸗ worbenen Rechte nicht so ohne Weiteres preis⸗ geben. Erfolgen zahlreiche Austritte, so erhöht sich das auf den Kopf der im Verein ver⸗ bleibenden Mitglieder entfallende Vermögen. Welche Hochachtung übrigens den Kriechern von ihren Führern entgegengebracht wird, da⸗ für bietet eine Rede des Obersten v. Winter⸗ berger ein Beispiel, der sich nach dem Weilb. Tageblatt auf dem Kriegervereinsfest in Gan⸗ dernberg wie folgt äußerte: „Meine Kerls folgten mir, wenn ich ihnen hoch zu Pferde voranxritt von selbst und das Kreuz, das ich hier auf der Brust trage, habe ich nicht allein verdient, sondern das ver⸗ danke ich meiner ganzen Kompagnie. Es giebt heute Leute, die wollen kein Militär mehr, wollen keinen Kaiser und Religion mehr, nicht mal eine eigene Frau soll man haben, na ich danke. Aber die meisten, die der brandroten Fahne folgen, das sind keine Sozialdemokraten, wenn diese ihr Unrecht einsehen, dann nehmt sie wieder auf eure Reihen. Zu Damaskus ist aus einem Saulus ein Paulus geworden. Jeder Kerl, der im Kriegerverein jst, ist bereit, sein Leben für den Verein zu lassen.„Mutig und kräftig, einig und treu steht auf eurer Fahne.“ Welch ein Genuß für die tapferen Krieger mit dem liebevollen und väterlichen„Ker!“ angeredet zu werden! ö 8 8 bt en er die ne 50 er, U , 1 ul n, rd, . an lt, 1 Nr. 29. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung Seite 3. — Zum Wildschaden⸗Ersatz. Wie der Kleinbauer den ihm vom Wild an seinen Feldfrüchten verursachten Schaden ersetzt be⸗ kommt, dafür wird uns aus Krofdorf ein Beispiel mitgeteilt. Dort war vorigen Herbst einem Landwirt durch das Wild ein ganz be⸗ deutender Schaden zugefügt worden, indem ihm einige mit Rüben und Erbsen besetzte Aecker total abgefressen wurden. Er erhob deshalb Anspruch auf Schadenersatz und der Kreisaus⸗ schuß billigte ihm auch 27 Mk. zu, mit der Bedingung, daß der hierfür eingesetzte Ver⸗ trauensmann die Vergütung des Schadens in dieser Höhe gutheiße. Der Bauer hatte 30 Mk. verlangt und dabei seine gehabte Arbeit äußerst billig berechnet. Der Vertrauensmann, der früher erklärt hatte, er kenne den verursachten Schaden nicht, hatte jetzt 18 Mk. Ersatz für angemessen erklärt. Also gut, der Bauer er⸗ hält 18 Mk. Na, wenigstens etwas, dachte er, wenn auch viel zu wenig! Aber halt, da kommt noch etwas nach! Es gab bei der Geschichte auch Kosten und diese ergeben folgende Rechnung: An die Kreiskommunalkasse.. Mk. 3.25 An Rechtsanwalt Kaufmann„ 4.55 An denselben für Wahrnehmung des Termins vor dem Kreis⸗ eee Summa Mk. 22.62 Also Lauferei und Schererei und noch 4 Mk. 62 Pfg. dazu bezahlen, das ist der Ersatz für Wildschaden!— Bekanntlich giebt es für Hasenschaden überhaupt nichts, wie die zvaterländische“ Mehrheit des Reichstags, Vertretung der Junker, Nationalliberale und Zentrumsleute beschloß. Hier handelt es sich um Schaden, den Hirsche und Rehe ver⸗ ursacht haben.— Das ist eine hübsche Illu⸗ stration zu den Reden vom Schutze der Land⸗ wirtschaft, wie sie der Kleinbauer in Wahl⸗ und anderen Reden zu hören bekommt. Aus dem Nreise Marburg⸗Rirchhain. R. Gewerkschaftsfest. Die vereinigten Gewerk— schaften begehen, wie aus dem Inserat ersichtlich ist, diesen Sonntag, den 19. Juli, ihr diesjähriges So m⸗ merfest. Konnten während der Wahlbewegung, an der sich erfreulicherweise eine große Anzahl gewerkschaft⸗ lich organisierter Arbeiter beteiligt haben, diese an kein Vergnügen denken, so soll dieses Fest ein wahres Volks⸗ und Freudenfest sein. Das durch den verflossenen Wahl⸗ kampf angeregte größere Interesse der Arbeiter an poli⸗ tischen und gewerkschaftlichen Dingen wird dazu beitragen, daß das Fest noch stärker als in den verflossenen Jahren besucht wird. Außer der Festrede, die Genosse Dr. R. Michels hält, ist für Belustigung für Jung und Alt in jeder Hinsicht gesorgt.— Die Mitglieder der einzelnen Gewerkschaften wollen sich mit ihren Angehörigen nachmittags 3 uhr hinter Weidenhausen(Wirtschaft Valentin Weiß) ein⸗ finden. Von dort gemeinsamer Abmarsch mit Musik nach dem Festplatz. R. Die Parteiversammlung, die am Samstag bei Jesberg stattfand, war gut besucht und nahm zunächst einen Vortrag des Genossen Krumm ⸗Gießen über die letzte Reichstagswahl entgegen. Redner gedachte zunächst der Zolltarifkämpfe, erinnerte an die Haltung der Zöllnermehrheit, die dafür bei den Wahlen die Quittung erhalten habe. Auch in Marburg habe die Abstimmung gezeigt, daß die Mehrheit nichts von der konservativen⸗ und Lebensmittelverteuerungspolitik wissen wolle. Er billigte das Verhalten der Marburger Ge⸗ nossen, die bei der Stichwahl dem Vertreter des Junker⸗ tums die verdiente Niederlage bereitet hätten. Krumms Ausführungen wurden beifällig von der Versammlung aufgenommen. Alsdann trat man in die Beratung des zweiten Punktes: Organisationsfrage ein. Hier entspann sich eine sehr lebhafte und sachliche Debatte. Ein An⸗ trag des Wahlkomitees: Die Parteikarten von jetzt ab vierteljährlich zum Preise von 30 Pfg. herauszugeben, fand einstimmige Annahme. Verschiedene Redner betonten im Weiteren die Notwendigkeit einer politischen Organisation und traten für Gründung eines Wahl⸗ vereins ein. Diesem schlossen sich die Mehrzahl der Genossen an und schließlich wurde die Gründung eines Wahlvereins mit allen gegen 2 Stimmen beschlossen. 26 Mann zeichneten sich in die aufgelegten Listen ein und eine Kommiffion wurde mit den nötigen Vorarbeiten betraut. Sache unserer Genossen wird es nun sein, tüchtig für das Gedeihen des Vereins zu arbeiten, da⸗ mit er sich zu einem starken Rückhalt für unsere weitere Agitation entwickelt. Die soztaldemotratischen Stimmen in Hessen betragen nach neueren Feststellungen 69120. Das ist eine Zunahme von 20158 Stimmen seit dem 16. Juni 1898 oder, anders ausge⸗ drückt, eine Steigerung um 41,1 Prozent! Unsere Partei blieb demnach trotz der bedeuten⸗ den Steigerung der nationalliberalen Stimmen die stärkste in Hessen. Ein schöner Erfolg! Ein berüchtigter Sozialisten⸗Verfolger aus der Zeit des Sozialisten⸗Gesetzes, der frühere Frankfurter Polizeipräsident v. Hergen⸗ hahn ist vorige Woche gestorben. Während seiner Amtszeit sah er, wie viele Polizeimenschen der damaligen Zeit, seine Hauptaufgabe in der Unterdrückung der Arbeiter⸗Bewegung und der Verfolgung aller„verdächtigen“ Parteigenossen. Allerdings hatte er wenig Glück; die Frank⸗ furter Genossen wußten sich seiner Spitzelei schon zu erwehren. Nur einmal waren eine Anzahl Genossen hereingefallen und zwar nicht ganz ohne eigene Schuld, da sie die gebotene Vorsicht außer Acht ließen. Ihnen wurde dann der Prozeß wegen Geheimbündelei gemacht, und sie erhielten mehrere Monate Gefängnis und wurden dann am Weihnachtsabende 1886 auf Grund des inzwischen verhängten Be⸗ lagerungszustandes ausgewiesen. Diese gemeine Handlungsweise des Polizeihäuptlings rief allgemeine Entrüstung hervor und im Wahlkampfe von 1890, wo er mehrfach in Wahlversammlungen auftrat, ist ihm diese niedrige Tat öfters vorgeworfen worden. Nun, Hergenhahn ist tot, die Sozialdemokratie aber eilt von Sieg zu Sieg! Merkwürdige Arbeits vermittlung. Das„Amtliche Kreisblatt für den Unter- lahnkreis“ bringt folgende Anzeige: „Die Aktien⸗Gesellschaft für Glasindustrie vorm. Friedr. Siemens, Wirges, sucht noch eine Anzahl junge Burschen und Mädchen im Alter von 14—18 Jahren, auch werden einige kräftige Arbeiter augenommen. Näheres durch die Kreis⸗Gendarmerie.“ Das ist eine höchst eigentümliche Art der Arbeits vermittelung. Seit wann gehört denn eine solche zu den Aufgaben der Gendarmerie? Die Siemens'sche Fabrik kann allerdings nur Leute gebrauchen, die polizeilich abgestempelt sind. Die antisemitische Offenbacher„Volks wacht“ meint dazu, die Siemens'sche Gesellschaft sei dieselbe,„welche auch in Büdingen eine Fabrik habe und dort den ganzen Kreis mit Sozialdemokraten bevölkert.“ Das ist ein Un⸗ sinn, die Büdinger Fabrik gehört der Siemens— Gesellschaft nicht. Letztere sorgt aber durch scheußliche Behandlung und Unterdrückung der Arbeiter in ihren Betrieben für Vermehrung der Sozialdemokraten. „Poetische“ Mittelstandsrettung. Sehr sangesfroh waren die ehrbaren Bäcker— meister auf dem Verbandstage des Zweigver— bandes Osterland, der kürzlich in Gera abge⸗ halten wurde. Im Festliede heißt es u. a.: Das Bäckerhandwerk läuft Gefahr, Daß es verschlingt gar lieb , Das stets gefräß'ge Tigerpaar „Konsum und Großbetrieb“!: Da heißt es: Gute Abwehr schaffen, Wohlan, 7 10 85 zu den Waffen! Hipp hipp hurra! Das Lustige an der Geschichte ist aber, daß dieselben Bäckermeister, die hier so sangesfreudig den Konsumgenossenschaften Abbruch zu tun bemüht sind, sich selb st zu der Bäcker⸗Einkaufs⸗ vereinigung„Germania“ in Gera vereinigt haben. In dieser Genossenschaft vereinigen ste in der glücklichsten Weise das„stets gefräß'ge Tiegerpar, Konsum und Großbetrieb“. Es bleibt somit sehr fraglich, ob die Ritter vom Backtrog den Mittelstand„hoch singen“ werden. Kleine Mitteilungen. Bei Großen⸗Linden wurde am Mittwoch die Leiche eines Mannes in den zwanziger Jahren gefun⸗ den. Wie der G. Anzeiger mitteilt, soll es sich um den Kommis Robert Leining aus Erfurt, der jeden falls Selbstmord begangen hat, handeln. e Frommer Wüstling. Von der Frankfurter Strafkammer wurde der Küster von der katholischen Kirche in Oberrad, Kirschhof, zu einem Jahre Ge⸗ fängnis verurteilt, weil er sich in der Kirche an einem jungen Mädchen sittlich vergangen hatte. u Vom Sonntagsjäger erschossen. Bet Helferskirchen in der Nähe von Limburg erschoß ein Jäger eine Frau die im Walde Holz suchte. Er hatte die Frau für einen Rehbock angesehen. Dem Manne gehört doch wirklich das Jagen verboten! ** Unwetter und Hochwasser. Schwere Wolkenbrüche sind anfangs der Woche in Ober⸗ schlesien und Teilen von Sachsen niedergegangen. Viele Häuser sind eingestürzt und auch eine große Anzahl Menschen umgekommen.— Auch das Rheinland wurde am Sonntag von schweren Unwettern heimgesucht. Ebenso traten in Ungarn und Galizien infolge von Regengüssen große Ueberschwemmungen ein, die furcht⸗ bare Verwüstungen anrichteten. Anarchistisches. Die Nr. 27 des Anarchisten⸗ blattes„Neues Leben“ ist wegen eines darin enthaltenden Artikels„Worte zur Abhandlung“ auf richterlichen Beschluß beschlagnahmt worden. Der Redakteur des Blattes wurde verhaftet. ——————— Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung. Der Maurerstreik in Mainz ist laut telegraphischer Meldung nach etwa drei⸗ monatlicher Dauer beendet. Die Maurer nahmen bedingungslos die Arbeit wieder auf. —, Wegen der bei dem Streik vorgekommenen polizeilichen Uebergriffe hat Abg. Dr. David eine Anfrage an die Regierung gerichtet. l Bauarbeiteraussperrung in Köln dauert noch immer fort. Einigungs⸗ verhandlungen, die am Montag eingeleitet wurden, verliefen resultatlos. Die Buchdrucker beschlossen, die Ausgesperrten nach Kräften zu unterstützen. Der Schreinerstreik in Kassel hält nun schon seit 14 Wochen an. Die Schreiner⸗ gesellen kämpfen um die neunstündige Arbeits⸗ zeit und 18 Mk. Mindestlohn. Die Tischler⸗ meister haben kein Mittel unversucht gelassen, um die Niederlage der Gesellen herbeizuführen, aber vergeblich. Bis heute ist es den Meistern nicht gelungen, Arbeitswillige in nennenswerter Anzahl heranzuziehen. Jetzt wollen die übrigen Unternehmer des Baugewerbes den Tischler⸗ meistern beispringen und nächste Woche sämt⸗ liche Bauarbeiter aus sperren!— Zuzug der Bauarheiterbrauchen muß daher von Kassel unbedingt ferngehalten werden. + In Magdeburg traten 4000 Metall⸗ arbeiter in eine Lohnbewegung ein. Man fordert Beseitigung der Ueberstunden und Einführung der neunstündigen Arbeitszeit. Die Angehörigen der Hirsch-Dunkerschen Gewerk— vereine, etwa 1000 an der Zahl haben sich der Bewegung nicht angeschlossen. et ä KKK Versammlungskalender. Samstag, den 18. Juli. Gießen. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Montag, den 20. Juli. Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Briefkasten. A. W., Cölbe. War zur Aufnahme nicht geeignet, wenn es aach gut gemeint ist. Hoffentlich wird das marburger Gewerkschaftsfest trotzdem gut besucht. H. H., Stbg. Bedauern, müssen auch in diesem Falle die Aufnahme ablehnen. Wir raten Ihnen, dichten Sie lieber nicht, suchen Sie Ihre Zeit nützlicher zu verwerten. Suchen Sie vielmehr Ihre allgemeinen Kenntnisse zu bereichern. Sonstige Berichte über Zu⸗ stände, Vorkommnisse ꝛc. jederzeit willkommen! Empfehlenswerte sozialistische Schriften. Die Kolportage⸗Kommission des Wahlvereins— Gießen, Wirtschaft Orbig— empfiehlt: Sozialistische Monatshefte. Jeden Monat ein zirka 80 Seiten starkes Heft. Preis pro Heft 50 Pfg- Freie Stunden. Beste Romanlitteratur. Illu⸗ striert. Wöchentlich ein Heft. à 10 Pfg. 0 N 4 N . ————————-—. P——— ä —— . 16 56 40 11 1. 0 1 11 —— Seite 6. —.. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 29. Wenn Mama nähen muß. Von Dorothee Goebler. Ein enges Zimmer nach dem Hofe hinaus, die Wände kahl, die Einrichtung ärmlich, nur auf das Notwendigste beschränkt. Am Fenster steht eine Nähmaschine, eine Frau sitzt daran und läßt die Räder fliegen. Sie ist noch nicht alt, aber ihre Augen haben tiefe Ränder. Ihre Wangen sind welk und farblos, ein Zug von Müdigkeit liegt um ihren Mund, jene tiefe Müdigkeit, die von Hunger und Elend, von durchwachten, durcharbeiteten Nächten spricht. Ohne aufzusehen zieht sie den feinen Batist durch die Maschine. All ihre Bewegungen sind von jagender Hast. Sie muß sich franhalten; wenn sie nicht bis fünf Uhr im Geschäft war, wird die Kommission morgen nicht mehr ver⸗ rechnet, und die Nachtjacken reißen doch den ganzen Wochenverdienst heraus. Zwölf Mark diesmal, eine hübsche Summe. Sie hat zwar beinahe alle Nächte dafür aufsitzen müssen und noch den Sonntag durchgearbeitet, es schadet aber nichts. Wenigstens kann sie nun die sieben Mark Mietsrest bezahlen und braucht nicht mehr vor der Exmission zu bangen. Wie es mit dem Lebensunterhalt werden soll, ist ihr freilich noch unklar. Fünf Mark Wirt⸗ schaftsgeld für sieben Tage, damit war schlecht haushalten. Ob ihr der Wirt noch 2 Mk. ließ? Na, der hatte schon vorige Woche ein Gesicht gemacht, und die Schuld stand auch schon so lange, noch von damals her, wo ihr Mann starb. Nein, dem Wirt sagte sie lieber nichts. Aber wie denn? Sie versuchte in Gedanken einen Ueberschlag zu machen. Siebzig Pfennig gingen ab für Milch für das Kind; dem durfte nichts fehlen. Sie warf einen zärtlichen Blick zu dem kleinen Buben hinüber, der spielend auf einem Kissen in der Ecke saß! Etwas Mehl war noch da. Das gab für drei Mittage eine Suppe. Die andern Tage behalf man sich mit Kaffee und Schmalzstulle, etwas Wurstabfall gab ihr wohl die Schlächtersfrau. Nun ja, so würde es gehen. Sie atmete auf, dann ver⸗ finsterte sich plötzlich ihr Gesicht, die Kohlen— an die Kohlen hatte sie noch nicht gedacht. Woher die nehmen? Mit einer ungeduldigen Bewegung riß sie die Arbeit herum. Ach was, es mußte eingerichtet werden. Der Grünkram⸗ fritze mußte noch einmal borgen. Sie wollte mit ihm sprechen, gleich nachher, wenn sie vom Liefern kam. Hundert Preßkohlen und 3 Liter Petroleum, das war am Ende doch keine Ge⸗ fährlichkeit. Würden drei Liter reichen? Sie hielt inne und sah nachdenklich vor sich hin. Na, es war wohl schon besser, sie sprach gleich um vier an, sie mußte doch wieder die Nächte durcharbeiten, da verzehrte die Lampe schon etwas. Sie seufzte auf, beugte sich aber zugleich wieder tiefer über die Arbeit. Na, man nicht tragisch werden, dabei kam nichts heraus. Ueberhaupt war es gleich zwei Uhr und sie hatte noch in sieben Jacken Aermel und Kragen einzunähen. Eine fliegende Röte stieg in ihren Wangen empor. „Mami!“ Eine kleine zierliche Gestalt ist neben sie getreten, ein weiches Händchen legt sich auf ihren Arm. „Was denn, Fritzchen?“ Sie fragt es, ohne aufzusehen. „Mami, Fenster gucken!“ „Aus dem Fenster gucken will das Kind? Na ja, warte nur noch ein Weilchen, ich habe jetzt keine Zeit. Geh', spiele mit Deinem Hottepferdchen.“ „Fenster gucken.“ Er wiederholt es mit dem Eigensinn kleiner Kinder und versucht sich um ihren Stuhl herumzudrängen. „Nein, hier kannst Du jetzt nicht durch, Du störst mich— geh'!“ Der Kleine schrickt bei dem rauhen Klange ihrer Stimme zusammen. Ein Weilchen steht er, den Finger im Munde, und überlegt, dann tappelt er, von einem neuen Gedanken erfaßt, zu seinem Spielzeug zurück und nimmt es auf: „Ach ja— Hotti s krank. Armer Hotti sehr krank. Zudecken, Mami, ja?“ „Ja, ja— deck ihn nur zu. Nein, aber; was machst Du denn da, Du unnützer Junge? Wirst Du mal Mamas Arbeit liegen lassensl“ Sie springt auf und reißt ihm die spitzenbesetzte Jacke fort, in die er eben das schmutzige Holz⸗ de wickeln will.„So, jetzt bleibst Du hier n der Ecke sitzen und spielst, und nicht gerührt, verstanden?“ Mit hartem Griffe drückt sie ihn auf sein Kissen nieder und stürzt nach ihrer Maschine zurück. Schon gleich drei Uhr und noch fünf Paar Aermel!! Die Maschine rasselt von Neuem, eine ganze Weile hört man nichts als das Klappern der Räder, dann plötzlich ein feines thränendurch⸗ zittertes Stimmchen:„Nich böse, Mami, Fritzchen gut sein— nich bböse.“ „Nein, nein, ich bin Dir auch nicht böse, Herzchen, aber nun stör' mich auch nicht, Mama muß nähen...“ „Mami— Kuß geben 2 „Ja, Mama wird Dir auch einen Kuß geben, aber nachher. Jetzt geh' nur— geh'!“ Sie schleudert die Jacke, die eben fertig geworden, zu den andern und nimmt eine neue aus dem Arbeitskorb; nun nur noch zwei, Gott sei Dank! „Mami, jetzt Kuß geben.“ Er ist hinter ihr auf den Stuhl geklettert, weiche Aermchen um⸗ schlingen ihren Hals. „Fritz!“— sie springt auf, ihre Augen funkeln, alle ihre Glieder zittern,„Fritz, Du kannst einen rasend machen. Wirst Du mich jetzt endlich zufrieden lassen, marsch in die Ecke!“ Sie nimmt ihn am Arme und stößt ihn rauh in die Stube hinein. Er starrt sie einen Moment verdutzt an, er weiß gar nicht, was er Böses getan hat. Sein Gesicht verzieht sich, er beginnt zu weinen.— Sie hört es wohl, aber ste achtet es nicht. Eigentlich fühlt ste sich versucht, zu ihm hinzu⸗ stürzen, ihn an die Brust zu reißen und abzu⸗ küssen, aber nein, bloß nicht— bloß nicht Zeit verbummeln jetzt, jede Minute ist Geld. Ach, es war doch eigentlich ein Hundeleben. — Arbeit Tag und Nacht, nichts zu essen und dann nicht einmal Mutter sein dürfen, nicht einmal Mutter sein!— Und während sie die letzte Jacke unter die Maschine schiebt, fließen große Thränen ihre abgezehrten Wangen hinab. Die preußische Königskrone soll bekantlich ihre Existenz den Jesuiten ver⸗ danken, nämlich dem Einfluß des Jesuitenpaters P. Wolff auf den Wiener Hof. Uebrigens kostete die Anerkennung der neuen Königswürde in Preußen in Wien die Summe von sechs Millionen Thalern. Die Jesuiten die 200000 Thaler erhielten, lachten, aber Prinz Eugen, der in die Zukunft sah, erklärte sehr richtig: „Die Minister, die dem Kaiser geraten haben, den König in Preußen anzuerkennen, verdienen gehangen zu werden.“ . Splitter. Wenn es nicht anders geht, muß das Kleine des Größeren wegen fallen; das Einzelne mag in Gottes Namen der Allgemeinheit geopfert werden. (Ibsen.) * * * Wer die Wahrheit geigt, Dem zerbricht man die Fiedel. Spielt sie ein Lügenliedel, Man hält euch für Virtuosen Auf die man mit Fingern zeigt Und die man bekränzt mit Rosen. Johannes Nordmann. ————— Humoristisches. Aus der Instruktionsstunde. Unter⸗ offizier(Gum Rekruten, Sohn eines Kleinbauern): Was ist dein Vaterland? Rekrut: Bankerott; es ist gestern versteigert worden. 0 Nahrungssorgen. Erster Leutnant: Ah. Kamerad, machen ja so ernstes Gesicht! Vielleicht Nahrungssorgen? Zweiter Leutnant: Jewiß, denke jrade nach, ob Jänseleberpastete oder Hummermayonnaise essen soll! Kadikalkur. Professor(einen Kranken vor⸗ stellend zu seinen Hörern): Schwere Polyneuritis, meine Der Mann hat eben in seinem Berufe stets Herren. mit Sorgen um das tägliche Brot zu kämpfen. Hier könnten ein paar warme Salzbäder helfen! (W. Jakob.) . 222 22. Geschichtskalender. 19. Juli. 1879: L. Favre, Erbauer des Gott⸗ hardt⸗Tunnels, T. 1838: Eröffnung der Eisenbahn Leipzig⸗Dresden(erste größere Bahnlinie in Deutschland). 20. 1902: Primus⸗Zusammenstoß auf der Elbe bei Hamburg 102 Tote. 1870: Gräfe, Berlin, be⸗ rühmter Augenarzt, f. 21. 1773: Papst Clemens XIV. hebt den Jesuiten⸗ orden auf. 22. 1896: Kriegsministerieller Erlaß zur Be⸗ kämpfung der Sozialdemokratie im Heere. 1893: Großer Bergarbeiterstreik in England. 23. 1901: Internationaler Tuberkulose⸗Kongreß in London. 1874: Allgem. deutscher Arbeiterverein von Tessendorf geschlossen. 24. 1896: Untergang des deutschen Kanonenbootes „Iltis“. 25. 1792: Herausforderndes Manifest des Herzogs von Braunschweig an das französische Volk. 1800: Franzosen besetzen Frankfurt a. M. —, ·² 3522222 Empfehlenswerte Schriften. Die Kolportage⸗Kommisston des Wahlvereins— Gießen, Wirtschaft Orbig— empfiehlt: Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon, Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg. die Nummer. Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg. Die Agrarfrage. Von Karl Kautsky. Eine Uebersicht über die Tendenzen der modernen Landwirt⸗ schaft und die Agrarpolitik der Sozialdemokratie. Preis brosch. 5 Mk., gebd, in Leinwand 6.50 Mk. Die agrarische Gefahr. Von Paul Göhrje⸗ Der Verfasser schildert in gemeinverständlicher Sprache die einseitige agrarische Interessen⸗Bewegung von ihrer Entstehung bis zu ihrer heutigen das Volkswohl ge⸗ fährdenden Macht und legt dar, demokratische Bewegung die letzten Ziele dieser Bewegung des Junkertums und seiner Anhängsel verhindern kann. Preis 20 Pfg. Handelspolitik und Sozialdemokratie. Von Karl Kautsky. Eine populäre Darstellung der handelspolitischen Streitfragen. Preis 30 Pfg. Der Umsturz im Reichstage. um den Zolltarif.) Preis 20 Pfg. Weltkrach und Weltmarkt. Eine weltpoli⸗ tische Skizze von Fr. Mehring. Preis 25 Pfg. Lohnarbeit und Kapital. Separatabdruck aus der Neuen Rheinischen Zeitung vom Jahre 1849 von Karl Marx. Preis 20 Pfg. Sozialdemokratie und Zentrum.(Arbeiter⸗ versicherung und Zentrumspolitit). Preis 20 Pfg. Christliche Arbeiterpflichten. Jesuitische Fragen und sozialdemokratische Antworten. Preis 20 Pfg. Christentum und Sozialismus. Von A. Bebel. Preis 10 Pfg. Diese religtöse Polemik zwischen unserm Genossen und dem Kaplan Hohoff fand bereits in den Jahren 1873/4 statt. Der Inhalt des Schriftchens ist aber noch heute durchaus zeitgemäß. Grundsätze und Forderungen der Sozial⸗ demokratie. Von Karl Kautsky und Brune Schönlank. Preis 10 Pfg. Enthält eine kurzgefaßte, allgemein verständliche Er⸗ läuterung des Erfurter Programms. besitzen! Die Vernichtung der Sozialdemokratie durch den Zentralverband deutscher Industrieller. Preis 20 Pfg. Sozialdemokratisches Reichstagshandbuch. Von Max Schippel. Ein Führer durch die Zeit⸗ und Streitfragen der Reichspolitik. In 37 Lieferungen à 20 Pfg. Gebunden 9 Mk. Führer durch das Gewerbe⸗Unfallversicherungs⸗Gesetz. durch das Bau⸗Unfallversicherungs⸗Gesetz. durch das Unfallversicherungs⸗Gesetz für Land⸗ und Forstwirtschaft. durch das Invaliden versicherungs⸗Gesetz. Jedes einzelne Werk ist zusammengestellt nach den neuesten gesetzlichen Bestimmungen und mit einem aus⸗ führlichen Inhalts⸗Verzeichnis mit alphabetischem Sach⸗ register versehen. treuer Ratgeber in allen, die Unfall⸗ und Invaliden“ Versicherung betreffenden Angelegenheiten.— Preis dez einzelnen Werkchens 25 Pfg., nach auswärts 3 Pfg. Porto. Städteverwaltung und Munizipal⸗Soz! Von C. Hug o. Preh 1 Von Karl alismus in England. brosch. 2 Mk., gebd. 2.50 Mk. Das Kommunistische Manisest. Marx und Friedrich Engels. Preis 15 Pfg. wie allein die sozial⸗ Die Führer sind jedem Arbeiter ein (Die Kämpfe Muß jeder Genosse gol. bahn land). Elbe „ be⸗ sulten⸗ t Ben. Itoher unge in bon boots e lab, — 1 8— lillon, 0 Ng. eütschen 25 Pfg. . Eint andwirt⸗ Preis göhre Sprache on ihrer vohl ge⸗ e sozial dewegung un kalk. kratie, lung d 1 e Küng wellpol⸗ Nfg. catabdu 1 180 (Arbeite, ) Vfg. Nel 20% Von l. 1 Ga en Nhl, j itt abe reit 90 Brun ablche en 0 del gau moktall ler ae de 9% Der, Nr. 29. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. Von Nah und Lern. Wieder Einer. Vor der Strafkammer in Hanau stand am Montag der Knaplan Wilhelm Knipp, zuletzt in Dresden wohnhaft, unter der Anklage, sich in den Jahren 1901 und 1902 während seiner Wirksamkeit als Kaplan an der Knaben⸗ erziehungsanstalt Sannerz im Kreise Schlüchtern zahlreicher Sittlichkeitsverbrechen an Schülern der Anstalt schuldig gemacht zu haben. Im März ds. Js. wurde Knipp wegen gleicher Vergehen in Dresden zu zwei Jahren Gefängnis und fünf Jahren Ehrverlust ver- urteilt. Der ärztliche Sachverständige gab sein Gutachten dahin ab, daß es notwendig erscheine, den Angeklagten auf die Dauer von sechs Wochen der Irrenanstalt zu Marburg zur„Beobachtung seines Geisteszustandes“(I!) zu über weisen. Das Gericht beschloß demgemäß. Milde Strafe für Soldatenschinderei. Ganze 14 Tage Mittelarrest erhielt am Samstag der Unteroffizier Hein vom Inf.⸗ Rgt. Nr. 68 in Koblenz dafür, daß er einen ban. auf die brutalste Weise mißhandelt alte. Faustschlägen und Er hatte diesen im Monat März mit Fußtritten traktiert, so daß der Mißhandelte, wie er vor dem Kriegsgericht erklärte, jetzt noch Schmerzen hat. Das Gericht nahm hier einen„minderschweren Fall“ an. Schwere Fälle sind demnach jedenfalls nur, wenn einer mausetot geschlagen wird. Solche Urteile sind wirklich nicht geeignet, Mißhand⸗ lungen Untergebener zu verhüten. Zu Zuchthaus verurteilt. Wegen Mißhandlung von Untergebenen und Verleitung zum Meineid in zwei Fällen er⸗ kannte in Kassel das Kriegsgericht der 22. Diviston gegen den Sergeanten Geller vom Detachement reitender Jäger zu Langensalza auf eine Zuchthausstrafe von einem Jahr zwei Monaten, eine Strafe, welche gesetzmäßig Degradation und Ausschließung aus dem Heere im Gefolge hat. Geller hatte, nachdem er die reitenden Jäger Eschermann und Möller körper⸗ lich schwer mißhandelt, dieselben zu bewegen gesucht, in der kriegsgerichtlichen Vernehmung sein Verschulden geringfügiger, als es tatsäch⸗ lich war, hinzustellen und speziell gegen Escher⸗ mann geäußert, es komme auch nicht darauf an, wenn er die so gemachte falche Aussage eidlich erhärte. Es könne ihm ja niemand ins Gewissen schauen. Vom vornehmsten Mock. Ein umfangreicher Wucherprozeß wurde vor der Düsseldorfer Strafkammer verhandelt. Auf der Anklagebank saß der 37 jährige Kaufmann Wels lau. Er hatte die„Notlage“ dortiger Offiziere und solcher benachbarter Garnisonen, die durch Spiel und leichtsinnigen Lebenswandel in Geldverlegenheit geraten waren, in wucherischer Weise aus⸗ gebeutet, indem er ihnen auf Wechsel Gelder lieh und dafür gewöhnlich 30 bis 40 pCt. Zinsen nahm. In einem Falle wurde festge⸗ stellt, daß er von einem Offizier 80 pCt. Zinsen und außerdem noch entsprechende Ver⸗ gütung verlangt hatte. Das Urteil lautete auf ein Jahr Gefängnis, 40,000 Mark Geldstrafe und 5 Jahre Ehrverlust. In dem Prozeß wurde festgestellt, daß u. A. Offiziere bis zu 30,000 und 40,000 Mk. geborgt hatten, um dafür in der unerhörtesten Weise von dem Wucherer in der Zurückzahlung geschröpft zu werden. Auch der aus der Skandalaffäre in der Charlottenstraße bekannt gewordene, wegen Meineid zu Zuchthaus verurteilte Ulanen⸗ Jeutnant a. D. Freiherr v. Löw gehört zu den Pumpiers des Wucherers. v. Löw wurde aus dem Zuchthause in Siegen vorgeführt, kam aber nicht in Sträflingskleidung, sondern trug noble Toilette. Das fiel allgemein auf. Arme Teufel, die zu Zuchthaus verurteilt worden sind, werden nicht so fein behandelt. Negerverfolgung in Amerika. Infolge der Ermordung eines Polizisten (Indiania) zu schweren Auss chreitungen der Neger und Weißen gegeneinander. Nach der Festnahme des Negers, der den Poltzisten ermordet hatte, Beliuants, sich die weiße Bevölkerung vor dem Gefängnis, um den Neger herauszuholen und zu lynchen, wurde aber durch die Polizei in Schach gehalten, bis es gelungen war, den Neger heimlich aus dem Gefängnis wegzuschaffen. Als die Menge dies erfuhr, brach sie in wilde Verwünschungen aus und forderte den Tod aller Neger in der Stadt. Die Schwarzen sammelten sich darauf und zogen bewaffnet in ganzen Abteilungen durch die Straßen, schossen auf die Weißen und plünderten Läden und Häuser. Bei den Zusammenstößen sind mehrere Personen getötet worden. d CE g ngs-Ceil.. „ Unterhaltu ö 9 2 Baßz und Liebe. Nicht der Ciebe sollst du dich versagen Aber auch dem Hasse nicht! Soll der Liebe Licht dir tagen, Mußt du auch zu hassen wagen, Das ist Ehre, das ist Pflicht. Willst du Göttlichem und Reinem Ganz und innigst angehören, Mußt du Viederm und Gemeinem Naß aus voller Seele schwören! Nicht zum Frieden, glaub mir, ist geschaffen Diese vielgespaltne Welt! Ihrem Druck dich zu entraffen Führe tapfer deine Waffen; Willst du Mensch sein, sei auch Held! Nur aus Schlachten, nur aus Kämpfen Leuchten deines Glückes Sterne; Nicht die Liebe sollst du dämpfen, Aber auch zu hassen lerne. Seine Blitze hat der Maienregen Und die Rose ihren Dorn; Spende denn auf allen Wegen, Spende du mir deinen Segen, Frommes Hassen, heil' ger Zorn. Schmach und Hohn der glatten Miene. Die beim Unrecht bleibt gelassen, Daß ich recht der Liebe diene, Will ich zürnen, will ich hassen! Robert Prutz. Auch ein Bild aus dem Aechtsstaate. Eine Irrenhausgeschichte. 9(Schluß.) Um diese Zeit war kein kleineres passenderes Lokal in der Stadt zu erhalten und ich ließ mich zur Uebernahme eines größeren Ladens bewegen. Ich glaubte den Versicherungen, daß meine Hypothek so gut wie bares Geld sei. Allein ich wurde zu spät gewahr, daß diese Hypothek mit dem Vermerk„geisteskrank“ sich nicht leicht in bar umsetzen ließ. Was war zu tun. Wieder vermieten konnte ich das Lokal nicht so schnell. Auf den Rat meines Vorgängers kaufte ich einige Waren bei dessen Lieferanten auf Kredit ein. Der Laden war aber noch fast leer und der Inhaber meines früheren Geschäftes(Br.) sorgte dafür, daß meine Vergangenheit in geeigneter Weise den Liefe⸗ ranten hinterbracht wurde, wodurch dieselben mir nichts lieferten, später nicht einmal gegen bares Geld. Nun hatte ich die wenigen Waren. Miete, Gehalt für die Angestellten und der Lebensunterhalt gingen täglich weiter. Mit vieler Mühe kaufte ich weiter auf Kredit ein, erhielt aber nachher Sachen als gekauft bezeichnet, die nicht in Ordnung waren, und dabei so teuer berechnet, daß ich sie unter Einkaufspreis los⸗ schlagen mußte. Erst einige Wochen später fand sich noch ein älterer Herr, der die Hypothek annahm, da er von dem anstößigen Vermerk zufällig keine Notiz genommen hatte. konnte sie daher mit Nachlaß verkaufen, denn selbige einem Fabrikanten zu geben, schien mir Geschäft einigermaßen nachzukommen kaufte ich die notwendigsten Waren ein. Dies ging nach und nach über meine Verhältnisse. Im Dezember hatte ich indessen sehr schöne Ein⸗ nahmen und durfte hoffen, bei annähernd gleichem Fortgang meinen Verpflichtungen prompt nachzukommen, besonders da nach Weihnachten neue, vorher viel begehrte Artikel eintrafen. Leider hatte sich die Kundschaft bis dahin verlaufen, der Verkehr hob sich zwar, aber es ging sehr laugsam. Leider hatte ich nicht genügend Winterware verkauft, da der Winter bis zu Anfang Februar warm war. Inzwischen trafen die Frühlingssachen ein, denn mit den Waren, welche ich führte, ließ sich das Geschäft nicht derart gestalten, daß ich die Un⸗ kosten verdiente. Leider war der Frühling fortwährend kalt! Ein paar, schöne Tage vor Ostern brachten mir tüchtige Einnahmen; allein dies genügte nicht. Ich fing an mit den Zahlungen nachzutraben, die Mahnungen nach abgelaufenem Ziel wurden sehr aufdringlicher Art. Vor allem war es eine Berliner Firma, die mir arg zusetzte. Schließlich suchte ich Rat bei einem Anwalt und einem Kaufmann. Bedauerlicherweise wurde mir nicht richtig geraten und es ging auch nicht an, noch weitere Kreise in's Vertrauen zu ziehen. Schon seit längerer Zeit, selbst als ich noch ziemlich flott zahlte, war von mir feindlich gesinnter Kon⸗ kurrenz ausgesprengt worden, daß ich mich in Zahlungsschwierigkeiten befände.— Auf den mir erteilten Rat sah ich mich genbtigt, den Gläubigern 50 Prozent Abfindung anzubieten. Jedoch auf Antrag einer Elberfelder Firma, der ich nur 180 Mk. seit 2 Monaten schuldete, wurde das Konkursverfahren eröffnet. Ich hielt dies erst nicht für möglich und berief mich vor Gericht darauf, daß der vorzeitige Konkurs⸗ antrag, ebenso wie eine Klage vor dem Fällig⸗ keitstermin vom Schuldner zurückgewiesen werden könne, worauf man mir eine Frist von drei Tagen zuließ. Kaum war ich jedoch zu Hause, als der Konkursverwalter die Schließung des Geschäfts vornahm. Mein Mieter, welcher mir zirka 180 Mk. schuldete, wollte gerne die Zahlung an mich machen, damit der Konkurs bermieden würde, allein es half nichts. Mein Vermögen war verloren. Nachher kamen 40 Prozent zur Verteilung. Ich bemühte mich nun wieder um eine Stelle und erhielt am 2. August 1899 wieder meinen Platz bei dem Fabrikanten.— Mitte August 1899 hatte der Stadtrat eine Beratung über mich. Beim Stellesuchen hatte ich auch am Rathause nachgefragt und nun berieten sich die Stadtbehörden, was man mit mir beginnen solle. Sie riefen den Verwandten, bei welchem ich wohnte und frugen, ob man mich wohl nicht wieder am besten in's Irrenhaus brächte, da ich gewiß durch den Konkurs vollständig auf⸗ geregt sei.— Dieser, der kein Interesse daran hatte wie s. Zt. meine Schwester, teilte ihnen offen mit, daß an mir absolut keine Aufgeregt⸗ heit wahrzunehmen sei, und ich bereits schon einige Zeit als Expedient in der Fabrik be⸗ schäftigt wäre.— Daraufhin hat man mich in Ruhe gelassen.— a Vom Sommer 1900 bis 1901 versuchte ich einige Mal bei Rechtsanwälten wegen meiner Internierung eine Entschädigungsklage anzu⸗ strengen. Man erwiderte jedoch, man wolle niht mit den Behörden auf gespannten Fuß kon men und seibst bei völligem Ueberzeugtsein der Behörden zu meinen Gunsten, wäre dennoch ein Recht niet zu erlangen.— Von Sommer 1891 bis Herbst 1892 nahm ich eine Stelle im Elsaß an, wodurch ich die beschlossene Ver⸗ öffentlichung meiner Geschichte unterließ. Des⸗ wegen übergebe ich jetzt erst meine Leidens⸗ geschichte der Oeffentlichkeit. Vielleicht trägt sie dazu ein Weniges bet, die öffentliche Auf⸗ merksamkeit auch auf ein Gebiet hinzulenken, auf dem zweifellos schwere Mißstände bestehen. Diese kommen weniger an die Oeffentlichkeit, weil eben verhältnismäßig wenig Menschen d runter zu leiden haben. Nur der empfindet sie, der durch„liebevolle“ Verwandte oder widrige Umstände in solche Verhältnisse versetzt wurde. Und daß dies gar nicht so selten ge⸗ durch einen Neger kam es in Evansville nicht ratsam. Um nun den Nachfragen im schieht, das beweisen zahlreiche Beispiele. 5 Se D — dee * 19 1 Seite 8. Minledeutsche Sountags⸗Zeitung. No. 29. Leser und Leserinnen!! Berücksichtigt dieses Blattes! Freie Turnerschaft Giessen. Sonntag, den 19. Juli cr.: a Ausflug= nach Wieseck, zum Lokale„Gambrinus“. Dortselbst: Gesellige Unterhaltung. Turnerische Aufführungen, Gesangs vorträge des Gesaug⸗ vereins„Eintracht“ Gießen und TS TANZ. D Abmarsch um 2 Uhr vom Lokale„Stadt Marburg“. Wir bitten die Turngenossen, sowie alle Freunde unseres Vereins um recht zahlreiche Beteiligung. Eintritt ist frei. Der Vorstand. ö 1 5 In dieser II 12 3.—— Jahreszeit ist nichts bekömmlicher und erfrischender als Fruchtgrütze u. leichte Nachtischgerichte, welche mau am besten und billigsten mit„MAIZENA“ herstellt. Dasselbe verleiht unüber⸗ treffl. Wohlgeschmack, schönes Aussehen u. größten Nährwert. len Schirmfabrik) Th. Budde& Co. f 9 Seltersweg 9 Sies: nohe am reuzplatz. Heis ies, du. L., Neustadt 11. Hi bel es, Buttermarkt 14. Beste Bezugsquelle für SchiRME„ STockE Billige Preise! 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