eee 2 0 — — — Mr. 16. Gießen, den 19 April 1903. 10. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteldeutsche f Wedaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr, Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch] Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) Bestellungen Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33½%% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt 2 Junserate Die ögespalt. Bei mindestens Jeder Parteigenosse hat die Verpflichtung, nach seinen besten Kräften mitzuwirken, daß die bevorstehenden Reichstagswahlen der Scozialdemo⸗ kratie einen entseheidenden Sieg bringen. Jeder muß agitieren wo er nur kann, sich die Verbreitung unserer Flug⸗ blätter, Broschüren und ganz besonders der Parteipresse angelegen sein lassen. Ebenso muß für die nötigen Geldmittel gesorgt werden, bedeutende Anforderungen werden an uns heran treten! Sammel⸗ listen sind bei den bekannten Vertrauens⸗ leuten zu haben. Vernünftige Priesterworte. Wir sind es geradezu gewöhnt geworden, die Pfaffen aller Richtungen für die Inte⸗ ressen der herrschenden Klassen eintreten zu sehen. Sie sind es, welche die heutigen Zu⸗ stände die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, Trübsal, Hunger, Not, Elend, Schmach auf der etnen, Nichtstun, Ueppigkeit, Genuß, Vorrecht auf der anderen Seite als „gottgewollte Ordnung“ erklären und dabei die Sozialdemokratie mit den niedrigsten Mitteln bekämpfen. Was wird von Seite des katho⸗ lischen Pfaffentums in Beschimpfung unserer Partei geleistet! Doch nicht alle Verbreiter der christlich⸗katholischen Lehre sind Kapitals⸗ knechte. Einzelne haben sich einen freien Blick bewahrt für die gewaltigen Regungen in der Arbeiterwelt der Neuzeit, sie haben den Mut, ihre freiheitliche Ueberzeugung zu vertreten, ihr demokratisches Herz zu offenbaren, sogar für die Sozialdemokratie öffentlich zu wirken. Natürlich kommt das bei uns in Deutschland nicht vor. In Nordamerika war es, in St. Louis, wo, wie wir unserem Münchener Par⸗ teiblatt entnehmen, vor einiger Zeit ein katho⸗ lischer Pfarrer, Namens Thomas J. Hagerty vor einer nach Tausenden zählenden Menschen⸗ menge folgende Rede hielt: „Es mag manchem meiner Zuhörer sonder⸗ bar erscheinen, daß ein Priester der katholischen Kirche, als Redner in einer sozialistis hen Ver⸗ n auftritt. Ich bin mir voll bewußt, aß ich durch meine sozialistische Tätigkeit nur das tue, was uns der Begründer der christ⸗ lichen Religion gelehrt hat, denn der So— zialismus enthält alles Gute, was die christliche Religion lehrt, und noch viel mehr dazu. Ihr Arbeiter seid noch immer zu sehr an Sachen interesstert, die euch nur zum Scha⸗ den gereichen. Ihr leset mit Vorliebe die langen Artikel in den kapitalistischen Blättern und nehmt das, was ihr dort leset, auch für baare Münze. Wenn ihr von Sozialismus hört, so denkt ihr an das Schreckgespenst der blutigen Revolution und bildet euch ein, es sei immer so gewesen und müsse immer so bleiben. Die Menschheitsgeschichte lehrt uns, daß zu allen Zeiten Volksbewegungen stattfanden. Die unteren Volksschichten, unzufrieden mit den sie drückenden Zuständen, schlossen sich zusammen, um im Kampf gegen die Unter⸗ drücker ihre eigene Lage zu verbessern. Wir sehen dieses Schauspiel in der Geschichte aller Länder, bei allen Völkern. In England rebellierte das Volk gegen den Feudaladel mit seinen Königen und Fürsten. Fürstentrone wurden gestürzt und wiederholt eine Neuord⸗ nung der gesellschaftlichen Zustände durchgesetzt. So mußte die Herrschaft eines Königs Karl J. der Volksmacht eines Cromwell weichen und die Herrschaft von Gottes Gnaden endete auf dem Schaffot in White Hall. In Frankreich erhob sich das Volk und fegte die feudale Wirtschaft samt dem Königs⸗ tron mit eisernem Besen über den Haufen. In Amerika rebellierten die Kolonisten unter Washington und Jefferson und trieben das Königstum von Gottes Gnaden samt allem Anhang aus dem Lande. In diesem Kämpfen und Ringen nach Fort⸗ schritt und Freiheit waren es stets die Ar⸗ beiter, die ihr Blut und Leben lassen mußten für Andere, und die Arbeiter waren nach wie vor wieder im schweren Joch der Sklaverei. Man predigt dem Arbeitervolke die ver⸗ dammenswerte Lehre: Seid zufrieden mit eurem Schicksal! Seid geduldig und murret nie! Diese Lehre widerspricht jeder gesunden Weltanschauung und schlägt allem menschlichen Fortschritt ins Gesicht. Die Unzufrieden⸗ heit ist der erste notwendige Schritt zur Freiheit. So lange der arme unter⸗ drückte Mensch mit seinem Schicksal zufrieden ist, so lange wird er nicht nach Fortschritt und Freiheit streben. Ich sage euch frei heraus: Seid nicht zufrieden wenn man euch auf dieser Welt mit blauer abgerahmter Milch ab⸗ füttern will und euch mit dem Versprechen tröstet, nach dem Tode in einer anderen Welt den Rahm zu bekommen! Hört nicht auf solches Geschwätz, ihr Arbeiter: Es gibt kaum etwas Fluchwürdigeres, als das Predigen von Zufriedenheit. Wie kann der Arbeiter zufrieden sein, wenn er sich bei kargem Lohn sechs Tage abschinden und abrackern muß und am siebenten Tage gerade genug Zeit bekommt, um seine lahm gearbeiteten Glieder in Ordnung zu bringen, um die Tretmühlenarbeit am Montag Morgen von Neuem beginnen zu können? Hat sich ein Arbeiter krumm und lahm gearbeitet und hatte er mit Krankheit und Unglück zu kämpfen, so steht ihm in seinen alten Tagen das Armen⸗ haus, die Irrenanstalt oder das Gefängnis als Altersversicherung in Aussicht. Aber trotz dieser schrecklichen Lage hört man immer noch te alte Mahnung: Seid geduldig, seid zu— frieden! Man predigt dem Arbeiter Ordnung und Gesetzesliebe. Man erwartet, daß er die Gesetze respektieren soll, obgleich alle Gesetze gegen die Arbeiterklasse und im Interesse der Kapitalistenklasse gemacht und durchgeführt werden. Das arme Arbeiterkind entwendet einen Bissen Brot und wird dafür in die Strafanstalt geschickt. Unsere Gesetze sind fast ohne Ausnahme gegen die kleinen Diebe ge⸗ richtet, während die großen Spitzbuben unge⸗ straft die Gesetze mit Füßen treten, soweit solche Gesetze nicht in ihrem Interesse ge— macht sind. Das Gesetz von heute besteht nicht zum Schutze des Lebens, sondern zum Schutze des Eigentums. Das Gesetz beschützt das Minen⸗ eigentum des Kohlenbarons, aber nicht das Leben der Tausende von Arbeitern, die ihr Leben in den Tiefen der Erde zubringen. Unter dem Deckmantel von Gesetz und Ordnung werden die größten Verbrechen gegen die Ar⸗ beiterklasse verübt. In meinen Augen ist der Kapttalist, der auf„gesetzliche“ Art und Weise den Arbeiter bis aufs Blut aussaugt und schließlich erwerbs⸗ unfähig macht, nicht besser, ja noch viel schlimmer als der Dieb, der in des Armen Zimmer ein⸗ bricht und diesem das letzte Kleidungsstück vom Leibe raubt. Nicht nur die Gesetzgeber, auch die Richter sind zu Werkzeugen der Kapitalmacht geworden. Man sehe nur, wie die Herren Richter Einhalts⸗ befehle gegen die streikenden Kohlengräber er⸗ lassen, wie sie den armen Frauen und Kindern durch Richterspruch das Brot aus dem Munde reißen wollen. Die Namen dieser Richter werden lange schon vergessen sein, wenn die Namen von Karl Marx und anderer Sozialistenführer von dem Arbeitsvolk der Welt gefeiert werden. Das Menschenleben— das Arbeiterleben— ist heute wertlos. Durch Nachlässigkeit der Grubenverwaltung wird Hunderten von Ar⸗ beitern auf einen Schlag das Lebenslicht aus⸗ geblasen. Kleine Kinder werden ihrer Jugend beraubt, damit etliche Geldmenschen aus ihrem Fleisch und Blut Geld schlagen können. 5 Arbeiter Amerikas, wollt ihr diese schreck⸗ lichen Zustände ewig gutheißen? Oder habt ihr nicht Mut und Ehrlichkeit und Intelligenz genug, um dagegen anzukämpfen und bessere Zustände zu schaffen? Der Mann, der heul e ruhig zuschaut, wie seine Mitarbeiter in der Bewegung für eine bessere Zukunft kämpfen, ohne selbst mit Hand ans Werk zu legen, ist meiner Ansicht nach ein Feigling. Es gilt, die Arbeiterbataillone unter dem Banner des Sozialismus zu sammeln, denn nur der Sozialismus wird dem Hunger und dem menschlichen Elend ein Ende machen können. Man wirft den Sozialisten vor, daß sie atheistisch(gottesleugnerisch) seien. Der Sozialis⸗ mus ist eine Wissenschaft, eine Lehre, betreffend die wirtschaftliche Umgestaltung der Gesellschaft, und als solche ist der Sozialismus weder atheistisch, noch protestantisch, noch katholisch, noch jüdisch; dasselbe gilt von der sozialdemokratischen Partei. Wenn ihr nach einem Schlächterladen geht, so verlangt ihr auch nicht ein katholisches Beefsteak, ein evangelisches Lendenstück oder einen paptistischen Lammsbraten; so ist es auch mit der Wirt⸗ schaftslehre des Sozialismus. Wir kennen keinen katholischen, protestantischen oder atheist⸗ ischen Sozialismus, sondern nur den inter⸗ nationalen Sozialismus, unter dessen Banner die Arbeiter aller Länder, Christen, Juden, Heiden, vereint kämpfen und siegen. 5 Wer die Wahrheit liebt, wer für Recht und Gerechtigkeit eintritt, der muß heute Sozi⸗ alist sein, mit den Sozialisten für die Be⸗ freiung der Arbeit kämpfen, widrigenfalls er selbst zum Heuchler wird, ob er will oder nicht. Die Befreiung der Arbeiter aus dem Joche der Lohnsklaverel bedeutet die Befreiung der Menschheit, denn die künftige Gesellschaft wird Seite 2. Mlteldeutsche Sonntags⸗Zeitun a. Nr. 16. nicht den Geldsack und die Habsucht adeln, sondern die Arbeit und die wahre Mensch⸗ lichkeit.“ l i Diese Worte eines freimütigen katholischen Priesters, die Silbe für Silbe ebenso für die deutschen wie die amerikanischen Arbeiter passen, müßten jenen pfäffischen Kapitalsknechten, welche tagläglich Kübel voll Schmähungen und Ver⸗ dächtigungen von der Kanzel herab sowohl als auch in ihrer Presse über die Sozialdemokratie entleeren, unter die Nase gehalten werden. Zweifelhaft ist allerdings, ob sie dadurch ge⸗ bessert würden. Politische Rundschan. Gießen, den 16. April. Der Wahltermin ist vorher doch, wie der„Vorwärts“ richtig mitgeteilt hatte, auf den 17. oder 18. Mai festgesetzt gewesen, trotzdem dies von den offi⸗ ziösen Organen abgeleugnet wurde. Jetzt wird 3. B. bekannt, daß die Wählerlisten, welche in der Stadt Berlin in Rücksicht auf den früheren Termin aufgestellt worden waren, vollkommen unbrauchbar sind und weggeworfen werden mußten, nachdem der Junitermin bekannt gegeben worden war. Der Stadt erwächst dadurch ca. 15000 Mark Schaden.— Die Stichwahlen sollen neueren Mitteilungen zufolge am 24. oder 25. Juni stattfinden. Monarchische Schauspiele. Regelmäßig, wenn irgendwo ein Fürsten⸗ besuch stattgefunden hat, kann man in den„gut gesinnten“ Blättern von„jubelnder Begeiste⸗ rung“ der Bevölkerung, von der„freudig be⸗ wegten Menschenmenge“ und ähnlichen notwen⸗ digen Ausstattungsstücken der Monarchenver⸗ himmelung lesen. Wie die Begeisterung der Menge zu Stande gebracht wird, darüber geben Enthüllungen Aufschluß, die unser Dresdener Parteiorgan zu machen in der Lage war. König Georg von Sachsen kehrt am 3. Mai aus Italien nach Dresden zurück. Daraus wollte man ein patriotisches Fest gestalten. Bei dem in der Mehrheit sozialdemokratischen Volke ist aber auf freiwillige Begeisterung nicht viel zu rechnen. Die grünweißen Patrioten wissen sich aber zu helfen, sie kommandieren einfach die zahlreichen Beamten auf die Straße, die im Verein mit ihren Angehörigen Hoch und Hurra schreien müssen.— Den Eisenbahnbeamten ist nämlich von der Direktion ein Zirkular zugegangen, in dem alle am Tage der Ankunft des Königs dienst⸗ freien Beamten aufgefordert werden, in Zivil mit ihren Frauen und erwach⸗ senen Töchtern auf den Straßen, die der König passiert, anwesend zu sein. Es ist ferner in diesem Zirkular— das natürlich ganz ver⸗ traulich gehalten werden soll— gesagt, daß die Töchter in weißen Kleidern erscheinen sollen. Aber nicht nur an die Eisenbahnbeamten, n auch den Steuer-, Justiz⸗ und anderen eamten gingen gleiche Aufforderungen zu; sie mußten sich durch Unterschrift verpflichten, ihre Frauen und Angehörige zum Empfangsjubel auf die Straße zu schicken und zwar werden auch in Bezug auf die Kleidung bestimmte Anweisungen gegeben, um den Anschein zu er⸗ wecken, daß die Sache nicht gemacht ist.— Aber was wollen die Beamten machen? Sie müssen eben ihre Angehörigen auf die Straße schicken, wo sie Hoch und Hurra schreien und dadurch den König betrügen sollen, dem weis gemacht wird, daß ihn das„begeisterte Volk“ jubelnd begrüße. Dabei alles Mache, Theater, Komödie! Das braucht allerdings der Monarchismus. Neuner Brüsecwitz. Am Samstag erstach in Essen der See⸗ ofsiziersaspirant Hueßener den Fußartilleristen Hartmann, Sohn eines geachteten dortigen Hotelbesitzers, wegen Verweigerung des Grußes. Hueßner wollte den Hartmann, der ihm gleich⸗ alterig und wohlbekannt ist, zunächst zur Wache sistieren, wogegen sich Hartmann, mit Rücksicht auf die beiderseitige Bekanntschaft, sträubte. Er erhielr darauf hiulerrucks dret Stiche von Hueßner mit dem Seitengewehr, von denen einer die Lunge durchbohrte und den sofortigen Tod herbeiführte. Der Messerheld, an dem sich die militärische„Erziehung“ derartig offen⸗ barte, ist der Sohn eines Essener Fabrikdirektors. Seine grauenhafte Tat sucht der feige Mörder, nebenbei bemerkt, ein neunzehnjähriger unreifer Bursche, in einem Briefe an die Eltern des Ermordeten mit albernen Redensarten zu beschönigen. Er wagt, den unglücklichen Eltern zu schreiben: Aus tlesster Erschütterung und Trauer um Ihren Sohn wende ich mich an Sie, verehrte Familie Hart⸗ mann, um Ihnen meine innigste Teilnahme an dem Ihnen durch mich entstandenen Verluste zu beweisen. Seien Sie versichert, daß ich nicht aus Haß oder Ab⸗ neigung gegen Ihren Herrn Sohn gehandelt habe; es war meine harte, harte Soldatenpflicht. Ich mußte mir Gehorsam verschaffen, es war meine harte Pflicht, und leider, leider führte das Schicksal den Stahl so unglücklich. Ein Wort der Verzeihung von Ihnen, gnädige Frau, würde mir einen unersetzlichen Trost bereiten. Denn wenn die Mutter, deren Liebe zu dem Sohne alles überragt, verzeiht, dann kann Niemand, der ein ehrenvolles Herz hat, noch länger grollen. Wenn es sein sollte, auch Ihren wohlerklärlichen Haß entgegen⸗ nehmend, bin ich ganz ergebenst Ihr mitfühlender Hüßner, Fähnrich z. S. Liest man bas, so faßt man sich an den Kopf und fragt sich, wie derartiges möglich ist. Fast scheint es, als wollte der Mörder seiner gemeinen Tat noch dadurch die Krone aufsetzen, daß er die Eltern seines Opfers verhöhnt! Hier tritt so recht in Erscheinung, was für Geist und Moral den Menschen durch den Militartemus anerzogen wird, gegen den mit aller Energie anzukämpfen jeder gesittete Mensch für seine heilige Pflicht erachten muß. Militär- Justiz. Aus Breslau wird geschrieben: Der Musketier Koy war nicht zur Instruktion ge⸗ gangen. Der ihm auf dem Korridor begegnende Unteroffizier Bleul mißhandelte nun in Ge⸗ meinschaft mit dem Sergeanten Fischer den Mann in der gröblichsten Weise, so daß er blutete; außerdem wurde er zu Boden geworfen und getreten. In der Abwehr hatte Koy, der vom Fegen noch den Besen in der Hand hatte, wie er sagt, unabsichtlich den Unterofftzier ge⸗ stoßen(die Unterofftziere bezeugten, daß er tatsächlich Widerstand geleistet habe). Kriegs⸗ gerichtsrat Willeke beantragte den Musketier freizusprechen, gegen den Bleul wegen roher Mißhandlung 3 Monate Gefäng⸗ nis und Degradation, gegen Fischer 3 Wochen Mittelarrest. Und das Urteil: Der miß⸗ handelte Soldat erhält 6 Monate Ge⸗ fängnis, seine beiden Peiniger dagegen, Unterofftzier Bleul 2 Monate Gefängnis und Fischer wird freigesprochen. Solange Militärgerichte derartig Recht sprechen, können den Korps⸗Kommandeuren die wohlmeinendsten Erlasse gegen Mißhandlungen nichts helfen. Erst wenn man Schufte auch als Schufte verurteilt, werden die Rohheiten aufhören. Wer die unbegrenzte Macht der militärtschen Vorgesetzten kennt, wird den fortgesetzten Miß⸗ brauch dieser Macht nur als Niederträchtigkeit bezeichnen können. Ebenfalls in Breslau wurde der Sergeant Erdmann zu nur 3 Wochen Mittelarrest verurteilt, trotzdem er einen Soldaten das Trommelfell zer⸗ schlagen hatte und ihn verhinderte, zum Arzt zu gehen. Das Gericht vahm nur einen „minder schweren“ Fall an. Schwere Fälle scheinen in Breslau nur Mord und Totschlag zu sein. Duellmörder und Preßsünder im Gefängnis. Der durch sein Duell mit dem Landrat v. Bennigsen zu trauriger Berühmtheit gelangte Domänenpächter Falkenhagen ist auf vier Wochen aus seiner Haft auf der Festung Weichselmünde beurlaubt worden. Er weilt gegenwärtig in Hannover, wo seine Mutter kürzlich verstorben iste. Am Freitag nachmittag begleitete er die Leiche seiner Mutter nach Nordheim.— Unser verstorbene Genosse Swienty wurde nicht einmal aus der Untersuchangshaft freigelassen, als er wegen einer angeblichen Straftat interniert wurde, wegen der er nachher freigesprochen wurde. Genosse Swienty hatte um die Freilassung er⸗ sucht, als sige Frau entbunden worden war. — Genosse Peus wurde ferner nicht aus dem Gefaugnis, in dem er nicht wegen Duell⸗ mordes, wie der Duellmörder Falkenhagen, sondern wegen eines politischen Vergehens saß, entlassen, als seine Frau st ar b.— Unsere Genossen hätten boch mindestens das gleiche Recht auf Verücksichtigung ihrer Gesuch gehabt, wie der Duellmörder Falkenhagen. Wer begnadigt wird. Der Stadtwachtmeister Anton v. Wanloch⸗ Rekowskt in Stu m(Ostpreußen) war von der Strafkammer in Rosenberg am 30. Mat 1902 wegen Verbrechens im Amte zu einer Zuchthausstrafe von einem Jahre verurteilt worden. Die Strafe ist jetzt in eine Gefäng⸗ nisstrafe von vier Wochen(ö) umge⸗ wandelt worden.— Noch immer aber schmachten einige Opfer des Löbtauer Zuchthausurteils im Zuchthause, die sich bekanntlich nur ein ganz geringfügiges Vergehen und keine Ehrlostgkeit zu schulden kommen ließen. „Wohltätigkeit“ bei Krupp. Infolge der Einfüßrung des Achtstundentags und der damet verbundenen Abzüge in der Krupp'schen Geschoßoreheret in Essen haben langjährta dor beschafrigte Arbeiter sich nach anderer Arbeit umgese die Leute erhalten auf Wunsch auch de Entlassung sofort. Wem es in der Geschosdreherei nicht mehr paßt, der kann gehen guf Wunsch auch sofort, weil die Arbeit nicht drang, Ueberweisungen in andere Betriebe nthalten. So reguliert man bei Krupp Einkünfte der Pensions⸗ Laie, 50 gehen aller Rechte Neueintreienden zahlen verlust g unt nennt sich Arbeiter⸗ schwere Etntri wohlfahrt.% Austretenden war, wie unser Dortmu Zarteiblatt berichtet, 11 Jahr upp beschäftigt, die Ent⸗ lassung we auch diesem sofort bereit⸗ W i 10 1 15 9 1 gegeben. Von der„gesicherten Existenz“ der Arber. Ein Arbeiter, welchen in der Zigarren⸗ Wickelformenfabril der Firma G. Siebert in Hanau seit 33 Jahren un nterbrochen beschäftigt gewesen war, erhielt folgendes Schreiben: „Hierdurch teile ich Ihnen höflich mit, daß ich Ihren Posten habe anderweit besetzen müssen. Du hre öfteren und längeren Erkrankungen en mir dies unvermeidlich, und bitte ich e von meiner Kündigung hiermit Notiz zu nehmen. Ich danke Ihnen zugleich für„„ mir geleisteten treuen Dienste, wünscge Ihnen recht baldige Genesung von Ihren Leiben und zeichne 4 Früher hat der Arbeiter bei der Firma schlechte Zeiten mitgemacht. Zeitweise stand es so schlecht mit dem Geschäft, daß der Prinzipal die Arbeiter bat, doch bei ihm auszuhalten und dem Geschäft über die schlechte Zeit hinwegzu⸗ helfen. Das ist denn auch geschehen; die Fa⸗ brikanten sind inzwischen reich geworden, die Arbeiter aber alt und krank, und jetzt schüttelt die Firma die alten Leute einfach von sich ab. In der Zuckerfabrik Friedensau bei Ludwigshafen machte die Direktion den über 60 Jahre alten Arbeitern die Mitteilung, sie wären bis 1. April d. J. entlassen. Unter den von dieser Maßregel Betroffenen sind Leute zum Teil schon über 10 Jahre in der Fabrik beschäftigt gewesen und jetzt wirft man sie, weil sie alt sind, einfach auf die Straße.— Als„Mißliebige“ wurden ferner am 19. März in der Flachsspinnerei Müller in Hirschfelde in Sachsen eine Anzahl Ar⸗ beiter entlassen. Darunter eine Arb eiter in, die bereits 32 Jahre in der Fabrik in Beschäftigung stand und ein Arbeiter der. —— —. 2—— —.—......,. ̃Ü—0˖wu———ßßß—ꝓ—H — ̃ ͤ—-——.—— —— rr drr 7 — Mittel deutsche Zonntags⸗geitung. Seite 3. nach Aussage des Herrn Direktors Baumann „ein tüchtiger Arbeiter gewesen ist, nicht den geringsten Anlaß zum Tadel gegeben und seine Arbeit zur vollen Zufrieden⸗ heit verrichtet hat!! Warum aber dann solche Leute auf's Pflaster werfen, die in e ihre Arbeit„vorzüglich“ genannt werden? Warum die Weigerung, sie wieder ein⸗ 1 ja sogar diesen„guten Arbeitern“ ie 14tägige Lohnentschädigung verweigern? Diese Personen hatten sich„mißliebig“ gemacht, indem sie von dem ihnen gesetzlich zugestandenen Recht der Koalitionsfreiheit Gebrauch machten und ihre Mitarbeiter aufforderten, dem deut⸗ schen Textilarbeiterverband beizutreten. Das sind nur einige wenige Beispiele, die beweisen, wie es in Wirklichkeit mit der„gesicherten Existenz“ der Arbeiter aussteht. Totbeten der Sozialdemokratie. In Trier fand jüngst eine Volks versamm⸗ lung statt, welche, wie wir mitteilten, aufgelöst wurde. Wie arg den Frommen in Trier diese Versammlung in die Glieder gefahren ist, be⸗ weist folgende Anzeige im„Trierer Volksfreund“: „Der Katholische Arbeite r-Verein besucht morgen Nachmittag die Kreuzwegstationen auf dem Wege zum Kreuzchen. Die Teilnehmer ver⸗ sammeln sich um 4½¼ Uhr bei dem ersten Kapellchen. Es soll dies eine Kundgebung der katholischen Arbeiterwelt sein gegen die soztaldemokratische Versammlung in der„Germania“ am verflossenen Samstag.“ Ueber den Verlauf der anttsozialistischen Wall⸗ fahrt berichtet das genannte Blatt dann weiter: „Unter großer Beteiligung besuchte gestern der katholische Arbeiter⸗Verein die Kreuzwegstation am Kreuzchen. Mit dem Rosenkranz in der Hand, zog wie eine lebende Welle, singend und betend, die Schaar katholischer Männer den Berg hinauf. Nach Erteilung des Segens durch den hochw. Herrn Präses traten die Teilnehmer in dem Bewußtsein, den religtösen Pflichten in ernster Zelt entsprochen zu haben, den Heimweg an.“ Ein neues Mittel im„geistigen“ Kampfe gegen die Sozialdemokratie, erfunden in der Stadt des heiligen Rockes! Hoffentlich bringt dieser Mißbrauch der Religion, wie er hier von dem Pfaffentum geübt wird, uns auch in dieser rückständigen Gegend einen erheblichen Stimmenzuwachs. Die Partei der ganz Schlauen. Von verschiedenen parteigenössischen und gegnerischen Blättern wurde bei Exörterung der Wahlaussichten als wahrscheinlich ange⸗ nommen, daß die Zahl der sozialbemokratischen Mandate sich auf ca. 6 aud vermehren werde. Diese Aussicht ist natürlich dem Offen⸗ bacher Antisemitenblatte höchst unangenehm, umsomehr, als seine eigene Partei keine Ursache hat, der Wahl mit großen Erwartungen ent⸗ gegen zu blicken und Hirschel giebt seinem Aerger dadurch Ausdruck, daß er jener Notiz hinzufügt: „Da die Dummheit stets in der Masse vorherrschend ist, dürste sich die Hoffnung der Sozzen bewahrheiten.“ Herr Hirschel hält demnach die Angehörigen seiner Partei für sehr kluge L d sich als den Führer davon na; f gsten. Wir meinen, ein klein wenig scheidenheit könnte ihm nicht schaden. 3 piel sprach sich schon vor 10 Jah Hamburger Antisemit, Wilh. Mar stige Be⸗ fähigung der Antisem! 1 g aus. Den Antisemilismus ckel, Al It und Konsorten nannte e f mus der dummen Kerle“ und am Schluß einer Einsendung im„Hamb. Echo“ vom 1. Juni 1893 rief er über die Antisemiten aus:„Herr! Siehe dies Volk an! Es sind lauter Zigeuner!“— Gebessert haben sich die Antisemiten bis heute noch nicht! Sozialistische Kongresse. Die französischen Sozialisten, die man nach der von Jaures vertretenen Richtung als „Jaursésisten“ bezeichnet, hielten über Ostern in Bordeaux ihren Kongreß ab, zu dem sich über 200 Delegierte eingefunden hatten. In einer Ver sammlung von mehr als 4000 Zubörern hielt Jaures eine Rede zur Begrüßung der Delegierten. Er kam dabei auch auf die Dreyfus⸗Angelegenheit zu sprechen und er⸗ klärte, es handle sich nicht um die Verteidigung eines einzelnen Mannes, sondern um die Ver⸗ teidigung der Menschlichkeit, wozu dieser Mann nur Anlaß gegeben. Der Redner erklärte ferner, der Kampf gegen die Kongre⸗ ganisten müsse bis ans Ende durchgeführt werden. Die Versammlung beschloß auf Antrag Jaurées ein Begrüßungstelegramm an die deutsche Sozialdemokratie, in dem der Hoffnung Aus⸗ druck gegeben wird, daß die deutsche Sozial⸗ demokratie siegreich aus dem bevorstehenden Wahlkampfe hervorgehen möge.— Der Kongreß selbst verhandelte dann lange über einen Antrag auf Ausschluß des früheren Ministers Mill e⸗ rand aus der Partei. Es wurde beschlossen, Millerand wegen seiner Abstimmung in der Deputiertenkammer, wodurch er sich mit dem Parteiprogramm in Widerspruch setzte, nicht aus der Partei auszuschließen, jedoch ihm einen offiziellen Tadel auszusprechen.— Der Kongreß der belgischen Sozialisten wurde am Sonntag in Brüssel unter Teil⸗ nahme von 592 Delegierten eröffnet. Vertreter der polnischen und luxemburgischen Parteigenossen waren erschienen. Nach der Eröffnung gelangte ein Sympathietelegramm an die sozialistischen Kongresse in Bordeaux und Budapest zur Ab⸗ sendung. Darauf ergriffen verschiedene Redner das Wort zur Tagesordnung, deren Haupt⸗ punkte die Organisatlon der Sozialisten und die Erlangung des allgemeinen und gleichen Stimmrechts sind. Der Kon⸗ greß beschloß, im nächsten Jahre eine nach— haltige Bewegung zur Erreichung des allge⸗ meinen Stimmrechts in die Wege zu leiten und beauftragte die Parteileitung bis dahin die nötigen Vorbereitungen zu treffen. — Bei dem Kongreß der ungarischen Sozialdemokratie, der ebenfalls am 1. Oster⸗ feiertag in Budapest eröffnet wurde, waren im Ganzen 280 Delegierte aus 165 Orten an⸗ wesend. Besonders zahlreich war die bäuerliche Bevölkerung aus den rumänischen, serbischen und flovakischen Landesteilen erschienen. Zu Ehren des Delegierten fand am Ostersamstag ein Fackelzug statt. Der Kampf der holländischen Arbeiter ist vergeblich gewesen, er hat mit ihrer vor⸗ läufigen Niederlage geendet. Die Zuchthaus— vorlage ist Gesetz geworden. Die herrschende Klasse, Mucker und Liberale im schönen Bunde haben ihre Uebermacht mißbraucht um der Ar⸗ beiterschaft das Koalitionsrecht zu nehmen. Nachdem die zweite Kammer bereits am Donners⸗ tag das Knebelgesetz angenommen hatte, hielt die erste den höchsten Feiertag der protestan⸗ tischen Christenheit, den Charfreitag, für nicht zu gut um die gesetzliche Knebelung großer Arbeiterschichten zu beschließen. Und die Re⸗ gierung hat am Sonnabend das böse Werk vollendet— am 11. April hat die Königin den Vorlagen ihre Zustimmung erteilt und die Re⸗ gierung hat sie sofort verkündet und in Kraft treten lassen. Das Osterfest stand bereits unter dem Zeichen der Zwangs- gesetze! Die Beute konnte nicht schnell genug in die Scheuer eingebracht werden. Das Abwehrkomité der Arbeiterschaft em— pfahl bei dieser Sachlage den Arbeitern die Aufhebung des Streiks. Damit waren gewiß nicht alle Arbeiter sogleich einverstanden, doch mußten sie bei ruhiger Ueberlegung erkennen, daß eine Fortsetzung des Kampfes nutzlos sei und die Zahl der Opfer nur vergrößern würde. Die Niederlage ist schmerzlich— aber ihrer Möglichkeit mußte von vornherein fest ins Auge geblickt werden. Die deutsche Sozialdemo⸗ kratie hat dem Experiment des Generalstreiks stets skeptisch gegenüber gestanden, und das holländische Parteiblatt„Het Volk“ hat vor dem Ausbruch lebhafte Bedenken gegen den Massenausstand geäußert. Aber selbstverständ⸗ lich mußten diese Bedenken zurücktreten, sobald das holländische Proletariat die Benutzung dieser Waffe einmal beschlossen halte— den Kämpfenden durfte man nicht mehr mit Be⸗ denken kommen, da gab es nur noch eins: Mitkämpfen durch das Wort oder die tätige Hilfe. Und der Streik, der Kampf ist ja auch trotz seiner E nlostgkeit nicht ganz umsonst gewesen. D be ft Hollands hat den skrupellosen Gegner gezeigt, daß sie kämpfen kann, esich nicht stumm knebeln läßt. 2 ollänbischen Gel d⸗ protzen haben es doch er empfinden müssen, welche Kraft im Proletariat steckt und ziehen hoffentlich die nötigen Lehre daraus. Aber auch unsern Gen Verlauf des Kampfes, welche Fülle von Arbeit in Holland noch zu leisten ist, wenn eine Aufklärung und politische Schulung der Arbeitermasse herbei⸗ geführt werden soll. 2 Die Wahlbewegung. Nationalsozialer in der Mause⸗ rung. Herr Erdmannsdörfer, der frühere Redakteur der nationalsozialen„Hess. Landes⸗ zeitung“, hat sich im Kreise Aurich⸗Wilhelms⸗ haven als Kandidat der Freisinnigen Ver⸗ einigung aufstellen lassen. Der„Freis. Ztg.“, die von dieser Kandidatur Notiz genommen, schrieb Erdmannsdörfer, es sei unrichtig, daß er nationalsoztaler Agitator sei. Demnach hat er sich wohl den Freisinnigen zugewandt. Früher war der Mann einmal Antisemit, schrieb als solcher auch eine Broschüre„Die Juden und die Cholera“, worin er die Juden für die Cholera⸗Epidemie in Hamburg verant⸗ wortlich machte. Wie schon viele, scheint auch dieser wandlungsfähige Politiker das national⸗ soziale Parteigebilde als Durchgangs⸗Stadium zu benutzen. Möglich, daß er einst in der Nähe von Max Lorenz landet. * Im Kreise Wiesbaden haben die Frei⸗ sinnigen wieder den bisherigen Abg. Genossen⸗ schaftsanwalt Crüger, der sich stets als sehr sozialistenfresserisch geberdete, als Kandidaten aufgestellt. D Rechtssprechung. Ein für Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleich wichtiges Urteil fällte das Düsseldorfer Gewerbegericht. Ein auf einem dortigen größeren Eisenwerke beschäftigter Schlosser verlangte nach 25wöchentlicher Krankheit Wiedereinstellung in den Betrieb, wurde jedoch abgewiesen. Da nun der Paragraph 124 U der Gewerbeordnung bestimmt, daß zur Arbeit unfähige Gesellen und Gehilfen sofort entlassen werden können, kam das hiesige Gericht zu der Auffassung, daß zur Lösung des Arbeits verhältniß eine Verständigung des Arbeitnehmers erforderlich sei, welche in diesem Falle nicht erfolgt war. Dem Schlosser wurde deshalb auf seine Klage wegen unge⸗ rechtfertigter Entlassung ein angemessener Schadenersatz zugebilligt. Stiefkinder haben keinen Anspruch auf Unfallrente, wenn ihr Stiefvater einem Betriebsunfalle zum Opfer gefallen ist. Nach einer jüngst ergangenen Entscheidung des Reichs⸗ versicherungsamtes sind die maßgebenden Mo⸗ mente für die Berechtigung des Anspruchs auf Hinterbliebenenrente nach einem; durch Unfall ums Leben gekommenen, die Blutsverwandtschaft und die Unterhaltungspflicht des Getöteten zu seinen Lebzeiten, die durch die Rente ersetzt werden soll. Zwischen leinem Stiefvater und seinem Stiefkinde besteht jedoch nach,§ 1590 B. G.⸗B. nur ein Schwägerschafts⸗, kein Ver⸗ wandtschaftsverhältnis und nach§ 1601 sind nur Verwandte verpflichtet, einander Unterhalt zu gewähren, unter Verschwägerten, besonders auch zwischen Stiefeltern und Stiefkindern, be⸗ steht keine Unterhaltspflicht. Pon Nah und fern. Hessisches. Zur Reichstagswahl. Die hessischen Behörden scheinen die Annahme der Regierungs“ * 7 — N*— 2 8 . 8 r Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeftung Nr. 16. vorlage betr. Sicherung des Wahlgeheimnisses für sicher zu halten. In einer Anweisung der Kreisämter an die Bürgermeistereien heißt es: „Der Reichstag hat den ihm vorgelegten Ent⸗ wurf einer Bekanntmachung, betreffend Abände⸗ rung des Wahlreglements vom 28. Mai 1870, vor seiner gegenwärtigen Vertagung nicht mehr beraten, es steht jedoch zu erwarten, daß er unmittelbar nach seinem Zusammentritt dem⸗ selben seine Zustimmung erteilen wird.“ Im Weiteren werden die Bürgermeistereien aufgefordert, für Herstellung der Nebenräume Sorge zu tragen. Gießener Angelegenheiten. — Die Frauen und die Reichs⸗ tagswahl. An die Frauen wendet sich ein Aufruf der Vertrauensperson der sozialdemo⸗ kratischen Frauen Deutschlands. Darin heißt es: Genossinnen! Die in Aussicht stehenden Wahlen sind für uns Frauen von solchh eminenter Wich⸗ tigkeit, wie wohl kaum je zuvor. Wir Frauen müssen uns daher eifrig an der Agitation und allen anderen Aufgaben des Wahlkampfs beteiligen. Die bereits aufgeklärten Frauen sollten keine Gelegenheit vorüber ge en lassen, z. B. bei Gesprächen mit Nach⸗ barinnen, Arbeitskolleginnen, bei Einkäufen usw., auf die Wichtigkeit der Reichstagswahl und die Vertretung durch Sozialdemokraten hinzuweisen. Die Frauen müssen ferner, soweit sie in der Lage dazu sind, beim Flug⸗ blattverbreiten helfen, sich am Geldsammeln beteiligen, Adressen und Listen schreiben; auch am Tage der Wahl den Männern helfend zur Seite stehen. Haben wir Frauen auch noch kein Wahlrecht, so haben wir doch die Pflicht, dafür sorgen zu helfen, daß die Männer, die das Wahlrecht besitzen, es auch richtig anwenden. Wir Frauen sind durch unser Tun und Lassen mit ver⸗ antwortlich dafür, ob Arbeitslosigkeit, Hunger und Laster weiter wüten können, oder ob durch die Wahl einer großen Anzahl Sozialdemokraten der Weg gebahnt wird, Not, Unterdrückung und Unbildung aus der Welt zu schaffen und für alle ein menschenwürdiges Dasein herbeizuführen. Darum Genossinnen! An die Arbeit! Keine Mühe gescheut, und der Erfolg wird nicht ausbleiben. Mir wollen den Wahlsieg dann in dem Bewußtsein mit⸗ feiern, daß es nicht nur unser Vorteil, sondern daß es auch mit unser Werk, die Frucht unserer Arbeit ist. Diesen Mahnungen sollten die Frauen überall die nötige Beachtung schenken, und sich soviel in ihren Kräften steht, an der Wahl⸗ bewegung beteiligen. Das Gießener Wahl⸗ komité wird voraussichtlich in den nächsten Wochen eine allgemeine Frauen⸗Versammlung einberufen, zu der eine Rednerin gewonnen und in welcher die Bedeutung der Reichstags⸗ 15 für die Frauen auseinander gesetzt werden 0 — Das Fest der„Eintracht“ am 2. Oster⸗ feiertag war trotz des schlechten Wetters recht gut besucht. Es nahm den besten Verlauf und es wäre nur zu wünschen, daß bei künftigen Veranstaltungen ein etwas reichhaltigeres Pro⸗ gramm aufgestellt würde. — Die Liberalen sind mit einem Reichs⸗ tagskandidaten noch nicht auf dem Plane er⸗ schienen. Wie wir hören, wollen diesmal nicht, wie 1898, die Freisinnigen und Nationalliberalen gemeinsam in den Wahlkampf ziehen— was auch wegen der Meinungsverschiedenheit in Zollfrage wohl nicht gut angeht— sondern jede stellt ihren eigenen Kandidaten auf. Wer die Glücklichen sein sollen, darüber schwebt noch geheimnisvolles Dunkel. — Im Stadtheater spielt gegenwärtig das Operettenensemble des Elbinger Theaters. Zur Auf⸗ führung gelangen beliebte, gern gesehene Operetten von Millöcker, Strauß ꝛc. Die bisherigen Vorstellungen er⸗ freuten sich eines sehr zahlreichen Besuches. — Fleischbeschau. Mit dem 1. April trat bekanntlich für das ganze Deutsche Reich ein einheitliches neues Fleischbeschaugesetz in Kraft. Nach den Bestimmungen dieses Gesetzes müssen die Schlachttiere, deren Fleisch zwar nur zum eigenen Hausverbrauch bestimmt ist, die aber sich krank zeigen, vor und nach dem Schlachten von einem behördlich angestellten Fleischbeschauer untersucht werden. Die Be⸗ schaffenheit des Fleisches wird durch besondere Stempel gekennzeichnet. So bedeutet der Stempel O„Taugliches Fleisch“, der Stempel bedeutet„Erheblich herabgesetztes“(im Nahrungs- und Genuß wert herabgesetztes Fleisch, nicht ladenreines Fleisch). Der Stempel in Form eines gleichschenkligen Dreiecks& bedeutet „Untaugliches Fleisch“, der Stempel U bedeutet „Bedingt taugliches Fleisch“ und der Stempel I(mit dem Worte„Pferd“) bedeutet„Pferde⸗ sseisch“. Auf dem Stempel ist gleichzeitig der Beschaubezirk vermerkt. Somit wäre der biedere Deutsche genügend vor Erkrankung durch schlechtes Fleisch geschützt. Ein großer Teil der arbei⸗ tenden Bevölkerung kommt überhaupt nicht in diese Gefahr, weil er das durch Zölle und Grenzsperren verteuerte Fleisch nicht mehr kaufen kann. Aus dem Nreise gießen. s. Ein braver Genosse wurde am Charfreitag in Watzenborn zu Grabe getragen. Genosse Ludwig Kolmer, Zigarrenmacher, wurde in der Blüte der Jahre, erst 32 Jahre alt, von einem Lungenleiden dahin⸗ gerafft. Die Beteiligung bei der Beerdigung war eine außerordentlich große. Mitarbeiter und Arbeiterinnen folgten dem Sarge in großer Anzahl, ebenso erwies der Gesangverein„Germania“ und der Arbeiterbildungs⸗ verein dem Verstorbenen die letzte Ehre. Von letzterem Verein wurde ein Kranz mit entsprechender Widmung am Grabe niedergelegt. Der Umstand, daß dieser Kranz mit einer roten Schleife geziert war, hat bei verschie⸗ denen Armen im Geiste Aerger hervorgerufen, den ste durch haßerfüllte Ausdrücke über unsere stets stärker werdende Bewegung merken lassen. Nun, wir lassen diese Bemitleidenswerten ruhig reden und gehen darüber zur Tagesordnung über. Gänzlich unangebracht ist es aber, daß der Pastor am 1. Osterfeiertage von der Kanzel herab diesen pietätvollen Akt zum Gegenstand seiner abfälligen Kritik machte. Dazu lag nicht der geringste Anlaß vor; der hlesige Arbeiterverein hat sich nur erlaubt, was jedem Verein zusteht und wird sich auch in Zukunft von Niemand beirren lassen. Unserem verstorbenen Genossen, welcher eine Witwe mit einem Kind hinterlassen hat und zu jeder Zeit für unsere ge⸗ rechte Sache eingetreten ist, werden wir ein ehrendes Andenken bewahren. 8. Unsere Totenliste. In Lollar verstarb nach längerem Leiden unser Genosse Karl Fey in dem jugendlichen Alter von 20 Jahren an der Krankheit, die so viele Arbeiter dahinrafft, dem Lungenleiden. Unsere Freunde werden ihm ein gutes Andenken bewahren. — In Hausen feierte am 2. Ostertage unser Genosse A. Kloos und seine Gemahlin das Fest der silbernen Hochzeit. Möge dem Paar noch viele Jahre ein glückliches Zusammenleben beschieden sein! — Das erste Kreis fest der Sozialdemokraten des Wahlkreises Gießen findet am 28. Juni in Trohe statt. Damit ist zugleich die Fahnenweihe des dortigen Wahlvereins verbunden. Bis zu diesem Tage find vor⸗ ausfichtlich die Reichstagswahlen erledigt und wir hoffen und wünschen, daß sich das Fest zu einer Sieges⸗ feier für unsere Sache gestalte. Um dies aber zu erreichen, bedarf es angestrengtester Arbeit, zu welcher jeder Genosse sein Teil zu leisten verpflichtet ist. Aus dem Nreise friedberg⸗Büdingen. Kreiskonferenz. Die am 1. Oster⸗ feiertage im Saale zur Stadt New⸗Nork in Friedberg stattgefundene Kreiskonferenz war sehr stark besucht. Es waren 60 Dele⸗ gierte aus 40 Orten anwesend, eine gewiß stattliche Zahl fur einen Wahlkreis mit solcher Aus dehnung und überwiegend bäuerlicher Be⸗ völkerung. Gen. Kühn⸗Friedberg eröffnete um 2½ Uhr die Konferenz und teilte zunächst mit, daß Gen. Busold durch Krankheit am Er⸗ scheinen verhindert sei. Der Hauptberatungs⸗ gegenstand betraf die Wahlagitation. Gen. Repp⸗Friedberg berichtete zunächst über die seither betriebene Agitation und wie dieselbe weiter geführt werden sollte. Gen. Busold hatte in einem Schreiben an die Konferenz seiner Meinung, wie die Agitation am besten zu betreiben sei, Ausdruck gegeben. Von Gen. Repp wurden diese Anregungen noch in ver⸗ schiedenen Punkten ergänzt. Was die seitherige Tätigkeit des Zentralwahlkomitees anbelangt, muß konstatiert werden, daß dasselbe gut ge⸗ arbeitet hat. Denn wie aus dem Bericht zu ent⸗ nehmen war, sind in 56 Orten Vertrauensmänner gewonnen, welche das Nötige, unterstützt durch die einzelnen Bezirksleiter, für die be⸗ vorstehende Wahl bewerkstelligen. Die sonstigen Ausführungen des Referenten betrafen größten teils die Verhaltungsmaßregeln vor und am Tage der Wahl. An der Diskusston beteiligten sich die Gen. Armbrust⸗Vilbel, Haris⸗Himbach, Schüttler⸗Niedereschbach, Rauther- Büdingen. Alle Redner waren darin einig, daß alle Kräfte angespannt werden müßten, um bei der Wahl dem Grafen Oriola eine empfindliche Schlappe beizubringen. In seinem Schlußwort bemerkte Repp, daß alle Wünsche der Genossen so viel wie möglich berücksichtigt werden sollen. Er schloß mit einem Appell an die Delegierten, in ihren Orten für eine rege Agitation zu sorgen.— Sodann referierte Gen. Kühn⸗Friedberg über die bevorstehende Maifeier und ermahnte die Genossen, dafür zu sorgen, daß so viel wie möglich die Arbeit am 1. Mai ruhe, wodurch man auch dem Beschlusse der Landeskonferenz Rechnung trage. Eine diesbezügliche Resolution fand einstimmige Annahme. it einem Appell zu eifriger Agitation in den nächsten Wochen schloß der Vorsitzende um 6 Uhr abends die Konferenz. a. Von der Wahlagitation. Am Sonn⸗ tag vor 8 Tagen fand in Helden bergen eine gut⸗ besuchte Wählerversammlung statt, in der unser Reichs⸗ tagskandidat für den Kreis Friedberg, Gen. Busold, über die bevorstehende Reichstagswahl sprach. Nachdem Redner unsere Forderungen klargelegt, ging er etwas näher auf das Verhalten unseres jetzigen Vertreters, des Grafen Oriola, ein, indem er den Anwesenden aus⸗ einandersetzte, wie dieser stets mit der Regierung durch Dick und Dünn gegangen und bereitwilligst allen For⸗ derungen für Militarismus und Maxinismus, für höhere Getreidezölle usw. zugestimmt habe. Selbst bei seinem Steckenpferde im Reichstage, dem Militär⸗In⸗ validen⸗Penstonsgesetze, stimmte er nur für kaum die Hälfte der sozialdemokratischen Forderungen. Seine Fürsorglichkeit für die Kriegsinvallden ist nur Schein; wie er für das arbeitende Volk nichts übrig hat, so auch nicht für die alten Soldaten. Trotzdem wählen ihn noch viele Arbeiter und Kleinbauern, weil sie sich von seinem schönen Getue irre führen lassen. Durch Geschenke, welche er zu Wahlzeiten den verschiedenen patriotischen und kirchlichen Vereinen macht, sucht er sich bei den Bauern und kleinen Leuten einzuschmeicheln. Die Leute bedenken aber nicht, daß der Herr Graf diese Wahlausgaben wieder doppelt und dreifach als Gesetz⸗ geber verdient, wenn er für höhere Zölle usw. stimmt. — Die Ausführungen unseres Genossen wurden sehr beifällig entgegengenommen.— Ebenso in Rendel, wo er abends über denselben Gegenstand in einer zum größten Teile von Bauern besuchten Versammlung sprachf Aus dem Rreise Wetzlar. Kontrollversammlungen im Kreise Wetzlar finden statt in: Wetzlar, Land, Ersatz Reserve · Schützengarten, 21. April 9 Uhr Vormittags für Ho, Altenberg, Bahnhof Wetzlar, Garbenheim, Nauborn, Niedergirmes, Oberbiel, Steindorf. Katzenfurt, Wirt⸗ schaft Lorenz, 21. April, 1 Uhr 45 Nachmittags für Daubhausen, Dillheim, Edingen, Ehringshausen, Greifen⸗ stein, Greifenthal, Holzhausen, Katzenfurt, Ulm. Wetz⸗ lar, Land, Reserve und Landwehr, Schützengarten 23. April 9 Uhr Vormittags für Hof Altenberg, Bahn⸗ hof Wetzlar, Garbenheim, Nauborn, Niedergirmes, Ober⸗ biel, Steindorf. Aßlar, Bahnhof, 23. April 1 Uhr 15 Nachmittags für Aßlar, Berghausen, Blasbach, Klein⸗Altenstädten, Werdorf. Wetzlar, Stadt, Re⸗ serve, Schützengarten, 24. April 9 Uhr Vormittags. Wetzlar, Stadt, Ersatz⸗Reserve und Landwehr, Schützengarten, 24. April 2 Uhr Nachmittags. Wiß⸗ mar, Bahnhof,— früher Krofdorf— 28. April 11 Uhr 45 Vormittags für Gleiberg, Krofdorf, Launsbach, Odenhausen, Salzböden, Vetzberg, Wiß⸗ mar. Dutenhofen, Bahnhof, 28. April 8 Uhr 30 Nachmittags für Atzbach, Dorlar, Dutenhofen, Kinzen⸗ bach, Münchholzhausen. 5 h. Das sozialpolitische Gewissen der Nationalliberalen soll nach den Einsendungen, die kürzlich im Wetzlarer Kreisblatt zu lesen waren, ein sehr gutes sein. An hunderten von Beispielen können wir den Nachweis führen, daß die Nationalliberalen in sozialpolitischer Beziehung ein sehr weites Gewissen haben. So sagte der natl. Abg. Hilbck vor gar nicht langer Zeit bei Beratung des Antrages auf Einführung des zehnstündigen Normal- arbeitstages: Ich möchte aber dem Arbeiter unter keinen Umständen das Recht verkümmern, wenn es seine Körperkräfte erlauben, auch länger zu arbeiten. „Wir wollen die Kluft verringern, und ein bißchen Mehrarbeit schadet nichts, wenn sie dem Ein⸗ zelnen ermöglicht, auf diesem Wege sozlal emporzusteigen. Ich halte einen Normalarbeitstag also prinzipiell für bedenklich. Eine Ausdehnung des Schutzalters vom sechzehnten auf das achtzehnte Jahr für jugendliche 1 . F O= S 2 2 — e en I ell her ell. l 10 aal⸗ f en 00 ten, blu el. at vom — 1 Nr. 16. Mitteldeuische Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. Arbeiter und eine Verlängerung der Pausen für die jungen Arbeiter wäre für den Bergbau sehr bedenklich.“ Also nur nicht die Arbeitszeit verkürzen! Denn davon befürchten die nationalliberalen Schlot⸗ und Grubenbarone Schmälerung ihrer wahrhaftig nicht geringen Ausbeuter⸗Profite. — Uebrigens ist der Widerstand der National⸗ liberalen gegen jede ernsthafte Sozialreform wirklich bekannt genug. h. Die Nationalliberalen letreiben die Wahl⸗ agitation mit Hochdruck. Sie sinod jetzt dabei, den Kreis Altenkirchen zu bearbeiten und lassen in jeder Ver⸗ sammlung vier Agitatoren auf die bedauernswerten Versammlungsteilnehmer los. Diese, nämlich Herr Abg. Krämer, Herr Osthaus, der Generalsekretär Dr. Johannes und Prof. Moldenhauer werden es hoffentlich fertig bringen, die ländliche Bevölkerung von der Vorzüglichkeit der nationalliberalen Politik zu überzeugen. Das wird umso leichter sein, als in jener Gegend eine Opposition kaum zu erwarten ist und die Herren dem Gimpelfang obliegen können, ohne von den bösen Sozialdemokraten gestört zu werden. Uebrigens dürften die vier Referenten im Verein mit Gensdarm und Bürgermeister in manchen Versammlungen wohl schon die Mehrheit bilden. Auch die Konservativen halten nächste Woche mehrere Agitationsversammlungen in Wetzlar und Um⸗ gebung mit ihrem Kandidaten, Pfarrer Heckenrot ab. X. Bauarbeiterstreik. In Limburg befinden sich seit voriger Woche die Bauarbeiter, Maurer, Zimmerleute und Bauhilfsarbeiter im Ausstand zusammen 164 Mann, die zum großen Teil der christlichen Gewerkschaft angehören. Arbeitswillige gab es bisher nur etwa 20 Mann. Den ultramontanen Wahlmachern ist der Streik natürlich höchst unangenehm, und sie setzen jetzt alle Hebel in Bewegung, um ihn beizulegen. Da aber die Unternehmer wenig geneigt sind, nachzugeben, werden wohl die Arbeiter zu Kreuze kriechen müssen. Bezeichnend für die Arbeiter⸗ freundlichkeit des Zentrums ist es, daß niemand von den maßgebenden Personen energisch für die streikenden christlichen Arbeiter eintritt. X. Steuerliches aus dem Westerwald. Eine nette Osterfreude ist den Bewohnern des Westerwaldes durch die zur Verteilung gekommenen Steuerveranlagungs⸗ papiere bereitet worden. Bereits im vorigen Jahre war die Zahl der Reklamanten auf über 600 angewachsen und in diesem Jahr hat die Einschätzungs⸗Kommisston, bestehend aus einem Forstmeister, einem Apotheker, einem Dorfbürgermeister, einem Landmesser und einem Kaufmann, in vielen Fällen wieder weit daneben gegriffen. Erst zwingt man die Leute zur Selbsteinschätzung und verlangt Vorlage aller möglichen Belege und wenn dann die Leute stundenlang im Steuerbureau ihre Zeit geopfert haben, dann macht man bet der Steuer⸗Einschätzung doch was man will. Bei den Voreinschätzungs⸗Kommissionen sind häufig land⸗ rätliche Angestellte mit tätig und trotzdem ergeben sich viele Irrtümer. Man scheint anzunehmen, daß Leute, welche nicht im Verkehrsleben stehen, mehr Verständ⸗ nis für eine richtige Steuer⸗Einschätzung entwickeln. Nach unserer Meinung trifft aber das Gegenteil zu, deshalb wäre es sehr am Platze, wenn Leute aus dem Volke(Handwerker und Landwirte) bei der Steuer⸗Einschätzung mitwirken könnten.— Die Diäten an die Mitglieder der Einschätzungskommission sind so hoch bemessen, daß auch gering Bemittelte diesen Posten sehr gut versehen könnten; der entgangene Tagesverdienst wüede ja fünf⸗ bis zehnfach vergütet. Wie man hört, sind die vorjährigen Reklamationen noch teilweise un⸗ entschieden und nun geht der Rummel wieder aufs Neue los.— Uns kann es recht sein, wenn die Behörden vor den Wahlen so kräftig zu unseren Gunsten in den Wahlkampf eingreifen. Aus dem Rreise Marburg⸗Rirchhain. K. M. Die„Hess. Landesztg.“— bekannt⸗ lich nationalsoziales Organ— die sich in letzter Zeit als Sozialistentöterin aufspielt, wahrscheinlich um uns für eine etwaige Stich⸗ wahl von einem wenn auch unwahrscheinlichen, so doch immerhin möglichen Eintreten für den Kandidaten v. Gerlach abzuhalten, bringt in dem steghaften Bewußtsein, keine Antwort am Orte erhalten zu können, in Nr. 85 schon wieder einen Angriff auf uns, in welchem ste uns in der ihr eigenen„rabiaten“ Weise (der Ausdruck„rabiat“ stammt von ihr selber, wenn sie ihn auch nicht auf sich selbst bezieht) unsere antimonarchische Haltung vorwirft. Der Bürgermeister von Kopenhagen, Gen. Jensen, dient ihr dabei als Sprungbrett. Derselbe habe sich, meint das wohlinformierte Blatt, um „einen Empfang beim deutschen Kaiser bemüht“; und unser parteigenössisches Blatt„Sozial⸗ demokraten“ hätte dem Kaiser sogar mit einem „ehrerbietigen Artikel“ begrüßt. Die„H. L.⸗ Ztg.“ ist auf dem Holzwege. Dänisch ist auch eine schwere Sprache und deshalb ist ihr die Verdrehung der Tatsachen, die ste geliefert hat, diesmal zu verzeihen. Wie es mit dem Begrüßungsartikel in Wirklichkeit aussteht, ist schon in letzter Nr. unseres Blattes erwähnt. Die„Sozialdemokraten“ haben in dem bewußten Leitartikel u. a. geschrieben, daß sie für den Antisozialisten⸗Kaiser keinerlei Sympathie empfänden. Wenn die H. L.⸗Ztg. das„ehrer⸗ bietig“ nennt, dann hat ste von diesem Wort sonderbare Begriffe. Wir würden ihr raten, ein andermal weniger„rabiat“ und desto vor⸗ sichtiger zu sein. St. Zur Reichstagswahl. Die Vor⸗ bereitungen und Rüstungen zum Wahlkampf für die bevorstehende Reichstagswahl werden nun⸗ mehr, nach kurzer Unterbrechung durch das Osterfest, mit verdoppeltem Eifer wieder aufge⸗ nommen. Für uns gilt es zunächst, die in starker Auflage gedruckten Flugblätter in richtiger Weise im Wahlkreise zu Verteilung zu bringen. Deshalb sollte kein Parteigenosse dabei fehlen. Hier muß Jeder, der es ehrlich und ernst mit der Arbeitersache meint, am Platze sein und mit dazu beitragen, daß durch weitgehendste Verbreitung unseres Flugblattes, welches in kurzen und klaren Sätzen den Wählern ver⸗ kündet, was unsere Partei will, resp. wofür unser Reichstagskandidat, Schriftsteller Paul Bader in München, einzutreten gewillt ist. Aber nicht allein bei der Flugblattverteilung sollten sämtliche Parteigenossen tätig sein; auch sonst müssen sie bei jeder Gelegenheit nach besten Kräften aufklärend zu wirken suchen. Auf dem Lande ist das hierorts bei unseren Bauern zwar nicht leicht und oft mit Gefahr verbunden, eine tüchtige Tracht Prügel zu er⸗ halten, wie z. B. kürzlich bei einer Bündler⸗ Versammlung in Ellnhausen es beinahe einigen jungen Nationalsozialen ergangen wäre. Wer unsere Bauern nicht kennt, sollte da lieber die Hand davon lassen. Hier ist es Aufgabe der einheimischen, mit den hiesigen Verhältnissen vertrauten Parteigenossen, eine rege Agitation auf dem Lande zu entfalten.— Betreffs der Zählkandidatur des Zentrums bemerken wir, daß nicht der Redakteur der Fuldaer Zeitung, sondern der Reichs- und Landtagsabgeordnete Müller⸗Fulda aufgestellt ist.— Seitens der Konservativen und Bündler ist für allernächste Zeit eine Versammlung betreffs Präsentation ihres Kandidaten Frh. v. Pappenheim zu erwarten, der, wie die Konservativen überhaupt, die Bekämpfung der Sozialdemokratie als Wahlparole ausgiebt. Was natürlich nur ge⸗ schieht, um den Wählern Sand in die Augen zu streuen und ihre Aufmerksamkeit von den brennenden Fragen der Gegenwart abzulenken. Umsomehr ist es unsere Pflicht, alles zu tun, was geeignet erscheint, die Machinationen unserer Hauptgegner, der Konservativen und Bündler, zu vereiteln und unserer gerechten Sache zum Siege zu verhelfen! — Konsum verein. Am Samstag, den 25. April, abends 9 Uhr, findet im Restaurant Jesberg dahier die ordentliche Frühjahrs⸗ Generalversammlung des hiesigen Konsumver— eins, dessen Mitgliederzahl bereits auf 214 ge⸗ stiegen ist, statt. Hoffentlich ist ein recht zahl⸗ reicher Besuch zu erwarten. — Ein Bild soztalen Elends zeigte sich neulich bei einer Verhandlung der Straf⸗ kammer hiesigen Landgerichts am Dienstag. Ein Auslaufer und Kassenbote der Tapeten⸗ fabrik Kon r. Schäfer, des Vorsitzenden des hies. konservativen Vereins und des Flotten⸗ vereins, hatte sich wegen Unterschlagung von über 200 Mk. einkassterter Flottengelder und solcher seines Arbeitgebers zu verantworten und wurde zu 4 Monaten Gefängnis verurteilt. Die Strafe war deshalb verhältnismäßig niedrig bemessen worden, weil der Angeklagte, der verheiratet ist, bei 14 Mark Wochenlohn sich in einer Notlage befunden habe. Kommentar hierzu ist überflüssig. Kleine Mitteilungen. k Hohes Alter. In Großen-Buseck starb vorige Woche Frau Karoline Hunsinger im Alter von 95 Jahren. a Die neue Bahnstrecke Laubach⸗Mücke geht ihrer Vollendung entgegen und soll im Laufe des Sommers eröffnet werden. Damit ist dann eine Ver⸗ bindung der Main⸗Weser⸗Bahn und der Gießen Fuldaer Linie zwischen Friedberg und Grünberg(Mücke) quer durch die Wetterau hergestellt. Rüstet zur Maifeier Die Wählerlisten liegen bei den Ortsbehörden vom 19. bis zum 26. Mai aus. Sorge jeder unserer Wähler dafür, daß sein Name in der Liste verzeichnet steht. Nur wer in der Liste eingetragen ist, kann wählen. Bei der Flugblattverteilung, die in den nächsten Tagen stattfindet, bitten wir die Genossen allerorts, den Verbreitern möglichst behülflich zu sein und mit dafür zu sorgen, daß die Flugblätter in die Hand jedes Wählers kommen. Versammlungskalender. Samstag, den 18. April. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Sonntag, den 19. April. Alsfeld. Versammlung auf der„Pfefferhöhe“ nachm. 4 Uhr. T.⸗O.: Maifeier, Reichstagswahl, Montag, den 20. April. Gießen. Vertrauensmännerversammlung Abends 9 Uhr bei Orbig. 5 Dienstag, den 21. April. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig. Quittung. Für den Wahlfonds gingen weiter ein: Amdt. Mk. 0.20; Brch. 0.30. Landmannstr. 2.—; G. H. 1.—; Chr. 2.50; Kl. 1.—; G. 1.—; N. L. 0.50; C. 0.50; Fr. 0.50; D. 0.60; R. 0.90; O. 2.—; Schn. 2.50; X. Y. 10.—; die alte Garde 4,50; M. 0.50; F. 10.—. Briefkasten. Kleinaltenston. C. D. In diesem Falle kann die Verletzte Anspruch erheben. O.-Lahnst. Ob jene Dresdener Kasse empfehlenswert ist, können wir im Augenblick nicht sagen. Wir wollen Exkundigungen einziehen. Alsfeld. Mußte zurückgestellt werden. Immer nur auf einer Seite beschreiben! 2 Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung. +Metallarbeiter⸗Aussperrung in Iserlohn. Am Ostersamstag wurden in Iserlohn 4200 Arbeiter, darunter etwa 1000 weibliche, ausgesperrt. 20 Gensdarmen sind aufgeboten. Die Ausgesperrten verharren in musterhafter Ruhe. Daß ste entschlossen sind, den Kampf, den ihnen die Unternehmer auf⸗ gezwungen haben, mit Entscheossenheit durchzu⸗ führen, daran ist nicht zu zweifeln. Wie bei ähnlichen Gelegenheiten, so handelt es sich auch bei dieser Aussperrung für die Großunternehmer, die die Urheber und Führer in diesem Kampfe sind, darum, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Einerseits soll die Organisation der Arbeiter vernichtet werden, und andererseits rechnet man darauf, daß sich die Kleinunter⸗ nehmer, wenn ihre Betriebe längere Zeit still liegen, wirtschaftlich verbluten. Letzteres dürfte bei einem großen Teile der Kleinfabri⸗ kanten sicher erreicht werden. + Das Zentral-Arbeitersekretariat in Berlin, dessen Errichtung der vorjährige Gewerkschaftskongreß beschlossen hat, ist, wie das„Korrespondenzblatt der Generalkommission der Gewerkschaften“ bekannt giebt, am 1. April in vollem Anfange in Tätigkeit getreten. Das Sekretariat hat nach dem Beschluß des Gewers⸗ schaftskongresses die Rekurse, die von Mitgliedern der Gewerkschaften beim Reichs⸗Versicherungs⸗ amt anhängig gemacht werden, zu bearbeiten und in der Verhandlung mündlich zu vertreten. Da das Institut durch die Gewerkschaften geschaffen ist und durch sie unterhalten wird, 3 Stcite 6. —.—— Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Ar. 10. so erstreckt sich seine Wirksamkeit nur auf die Angehörigen dieser Organisation. Die Grenze soll aber nicht mit großer Strenge beachtet werden, vor Allem nicht gegenüber den län d⸗ lichen Arbeitern. Als weitere Aufgabe des Sekretariats wird es betrachtet, bei den Wahlen zu den Arbeitervertretungen, die auf Grund des Uufallversicherungs⸗ und des Inpaliden⸗ esetzes 1 5 sind, den Gewerkschaften 15 zur Seite zu stehen und die Vorbereitungen er Wahlen zu übernehmen. Alle Zuschriften ind an den Sekretär Robert Schmidt erlin, 8. 0. Engel Ufer 15 IV zu richten. 1 Der Tabakarbeiter⸗Verband hatte am Jahresschluß in 337 Zahlstellen 18 040 Mitglieder, darunter 5573 weibliche. Die Ein⸗ nahmen der Organisatlon beliefen sich auf 182 964,57 Mk., die Ausgaben auf 168 519,60 Mk., so daß ein Ueberschuß von 14 444,67 Mk. erzielt wurde. Der Kassenbestand betrug am Jahresschluß 34 349,11 Mk. Von den Ein⸗ nahmen entfallen auf die Verbandsbeiträge 136 809,05 Mk., auf Beiträge für die Zuschuß⸗ kasse 38 858,10. Größere Ausgabeposten sind: Reiseunterstützung 21 345,99 Mk., Streikunter⸗ stützung 20 966,52 Mk., Maßregelungsunter⸗ stützung 6 288,23 Mk., Unterstützung beim Ableben der Ehehälfte 5695 Mk., weitere Unterstützung aus der Zuschußkasse 40 545,18 Mark ꝛc. Seine XI. Generalversammlung hielt der Verband vergangene Woche in Dresden ab. Vom Vorstand wurde mitgeteilt, daß von 112000 organisationsfähigen Tabakarbeitern nur rund 18 pgt organistert seten; am schlech⸗ testen stehe es in Baden und Westphalen.(In Hessen müßten die Tabakarbeiter auch viel⸗ mehr auf dem Posten sein!) Der Wechsel sei ein ungeheurer und um die Mitglieder an die Organisation zu fesseln, schlägt der Vorstand Einführung von Kranken⸗ und Arbeitslosen⸗ unterstützung vor. Letztere wurde nach ein⸗ gehender Debatte angenommen. A 2 14 r C SN 7 b AUnterhaltungs-Ceil. 2 A Ein Narr des 19. Jahrhunderts. Von Heinrich Zschokke. 10(Fortsetzung) Das Gespräch auf der Höhe von Flyeln. So erzählte Olivier. Ich verberge es nicht, alles, was er mir gesagt hatte, alles, was ich in Flyeln gesehen hatte, machte großen Eindruck auf mich. Ich be⸗ wunderte seinen Starkmut, seinen wohltätigen Schöpfergeist und bemitleidete sein Los, in solchem Grade verkannt zu werden, als er es war. Es gehörte gar nicht die Ueberredungsgabe meines Freundes, gar nicht die zauberische Schmeichelei in den Bitten der schönen Baronin dazu, um mich zur Verlängerung meines Aufenthalts in dieser herrlichen Oase zu be⸗ wegen. Ja, ich muß dies Flyeln eine Oase nennen, eine blühende Insel in den wüsten umliegenden Gegenden. Denn hier, sobald man diesen Boden betritt, wenn man aus den teils sandigen, teils versumpften Landschaften der Umgebung, aus den weiten, verwilderten Kieferwäldern, aus den ärmlichen, kotigen, un⸗ ordentlichen Dörfern voller Baracken und ver- wahrloster Menschen tritt, wird der Boden plötzlich grüner, der Mensch plötzlich mensch⸗ licher. Auch hier waren Baracken gewesen, und sie sind saubere Hütten geworden, in denen ich mit Vergnügen am Arm der Baronin Besuche machte; auch hier waren Moräste ge⸗ wesen; man erkennt ste nur noch an den langen Gräben und unterirdischen, mit Stein gefüllten, mit Erde überdeckten Wasserabzügen; auch hier waren Sklaven gewesen, die vor dem Ober⸗ herrn und noch mehr vor seinen Beamten zitterten und hinterrücks beide zu betrügen ge⸗ wohnt waren; jetzt aber haben sie die aufrechte, kecke Stellung freier Menschen, sie sehen im Baron ihresgleichen— aber mit welcher kind⸗ lichen Ehrfurcht und Liebe umringen sie jetzt ihn und die Seinigen!— Diese Umschaffungen im Zeitraum eines halben Jahrzehnts wären einem Wunder ähnlich, wenn man nicht wüßte, wie klug und fest Olivier dabei zu Werke ging; wie er nur sehr langsam aus der Rolle des ane pe Leibherrn zu der des Lehrers, ann des Vaters überging; wie er seine Bauern, hinter welche er die Furcht der Strafen als Treiber stellte, vorwärts lockte und kirrte durch ihren groben Eigennutz; wie er nie auf ihre Erkenntlichkeit, nie auf ihren Verstand, nie auf ihr sittliches oder religöses Gefühl rechnete, sondern sie anfangs mehr bloß abrichtete als unterrichtete und dann auf die Stärke mehr⸗ jähriger, gewohnter Einübung zum Bessern hoffte und auf die nachwachsende Jugend. Daher übernahm er und die Baronin, der Pfarrer und Schullehrer die Unterweisung aller; daher kam es auch, daß die Beisitzer des Gerichts, daß die Vorsteher der Gemeinden meistens junge Leute von fünfundzwanzig bis dreißig Jahren waren; wenigstens erblickte ich keinen der alten Bauern unter ihnen. Doch alles das gehört hierher nicht. Ich will ja nur das Los meines Freundes erzählen, nicht die Art und Weise, wie er seine Unter⸗ gebenen entwilderte oder seine unwirtbaren Schollen blühend machte. Als mir Olivier seine Haushaltungsbuͤcher vorwies und unwiderleglich zeigte, daß er, weit entfernt, bei den vorgenommenen Aender⸗ ungen an Einkünften zu verlieren, mehr gewinne, als sein verstorbener Oheim und jeder seiner Vorfahren bezogen hatte, warf er lächelnd das Wort hin:„Nun siehst du, Norbert, wo die Narrheit zu Hause ist, ob in Flyeln oder in der königlichen Residenz? Weil ich gewinne, werde ich als Verschwender behandelt und muß jährlich fremden Menschen, die man mir zur Untersuchung meiner Rechnungen schickt, Blicke in das Innerste meines Hauswesens erlauben.“ „Warum beklagst du dich nicht darüber? Es ist Ungerechtigkeit, es ist Gewalttat.“ „Meine Beschwerden würden eitel sein. Kein Gericht, sondern kurzweg ein Kabinetts⸗ befehl, vom Ministerium ausgegangen, ver⸗ dammte mich zu diesem Verhältnis. Die Sache ist nicht leicht abzustellen. Denn das Miuisterum wird keinen Rückschritt tun wollen, weil es sich damit selber fehlbar erklären müßte. Die jähr⸗ lich kommende Untersuchungskommission wird dazu nicht raten, weil sie sonst das Vergnügen einer Lustreise und den Gewinn von Taggeldern, auf meine Kosten gezahlt, verlöre. Daß man mich hier auf das Gut meiner Vorfahren wie einen Gefangenen eingebannt hat, ist noch das Erträglichste.— Jetzt, Norbert, ehrlich, wie denkst du von allen?“ „Ich gestehe dir, Olivier, ich kam mit Vorurteil und Trauer zu dir; ich werde dich mit den angenehmsten Erinnerungen verlassen. Man hat dich überall für einen Wahnsinnigen ausgegeben. Der bist du nicht, sondern ich stimme deinem ehemalichen Administrator bei: du bist nur ein edler, wunderlicher Sonderling.“ „Sonderling? Nun ja, es ist der rechte Name für diejenigen, welche sich von dem Schlendrian und dem Unwesen des Zeitalters absondern. Diognes von Sinope galt auch für einen Thoren, Cato, der Zensor bei den Römern, für einen Pedanten; Colomb ward auf den Straßen Madrids als Narr betrachtet, Olavides der Inquisition übergeben, Rousseau von den Bernern aus seinem Asyl verstoßen, so wie Pestalozzi von vielen seiner Landsleute zu den Halbnarren gezählt ward, weil er mit Bettlern und räudigen Kindern lieber als mit der gepuderten Haarbeutel Welt umging. Und daß ihr mich einen Sonderling heißet, mich, der ich doch nur mein von Gott empfangenes Recht, vernünftig und naturgemäß zu denken, zu sprechen und zu handeln, nichts anderes gültig mache— ist das nicht ein herber Vor⸗ wurf gegen euch selbst?“ ———— „Nein, Olivier, kein Vorwurf, weder gegen die Welt noch gegen dich. Niemand wehrt dir, vernünftig und natürlich zu denken und zu handeln; aber schone auch du die Rechte anderer, nach ihren gegenwärtigen Begriffen, Gewohn⸗ heiten und selbst nach ihren Vorurteilen zu denken, zu sprechen, zu handeln, bis sie oder ö ihre Kinder einst weiser sind. Nicht alle Menschen können Philosophen sein.“ „Habe ich ihrer nicht geschont? habe ich sie angegriffen?“ u dla 3598 wenn du mir es zu feen erlaubst. Indem du deine Sitten den allgemeinen Sitten zu grell gegenüberstellest, brachst du den Frieden mit denen, unter welchen du lebest, und wirktest du die Hälfte des Guten, was du wirken konntest, ja nicht einmal die Hälfte. Christus nahm Judäas Sitte an, ließ sich herab sogar zu Judäas Vorurteilen, um mächtiger zu wirken. Was liegt am Ende an einer lächerlichen Mode, was daran, ob man den steifen Zopf oder das abgeschnittene Haar, den Bart oder das glatte Kinn trägt? Du kennst die Bedeutung des Sie im Deutschen, des„Vous“ im Französtschen. Nun ja, ich gebe zu, es sei thöricht, eine Person in der mehrern Zahl anzureden. Uebung zuletzt? Redeten nicht auch Griechen und Römer von sich in der mehrern Zahl? Du kennst die Bedeutung des„Sie“ im Deutschen und des Du. Warst du nun nicht angreifender Teil, wenn du dich über die herrschenden un⸗ schuldigen Uebungen wegsetztest und ohne Unter⸗ schied gegen die bisherigen Begriffe vom An⸗ ständigen das Du jedem aufdrängst? Wer sich der Welt gegenüberstellt, dem steht sie gegenüber. Könntest du dich darüber wundern?“ „Ich wundere mich keineswegs, weil ich das erwartete. von Christus an, nach Weise derer, die alle ihre Trägheit und Schalkheit mit frommer Miene hinter verdrehten Schriftstellen der Bibel verstecken. Der Göttliche hatte mit seinen Zeit⸗ genossen Höheres abzutun als ich, darum schwieg er zu den mindern Torheiten; ich aber habe es mit diesen allein zu tun und will wenigstens mich nicht zwingen lassen, Barbareien zu loben, zu entschuldigen oder gar mitzumachen. So viel Recht wird dem Menschen auf Erden doch wohl noch unter Menschen gestattet sein, daß er 19 von seinem schlichten Verstand mache.“ „Freund, wie mir es scheint, hat man dir dies Recht nicht streitig machen wollen, wohl aber das Recht, durch unbehutsame Mitteilung deiner Ueberzeugungen, zumal wenn sie im offenen Streit mit noch bestehenden Ordnungen sind, gefährliche Verwirrungen zu veranlassen. Du selbst hast anfangs in Flyeln bei deinen Leibeigenen den gestrengen Grundherrn gespielt, hast sie nur nach und nach, je nachdem sie vorbereitet waren, zur Freiheit eingeführt, nicht jählings. Du wußtet wohl, daß es verderben⸗ voll sein würde, Kindern in die ungeübte Hand ein Messer zu legen, das in geübten Händen das nützlichste Werkzeug ist. Was würdest du gesagt haben, wenn einer deiner Leibeigenen plötzlich seinen Genossen die Sprache der Wahr⸗ heit von den ewigen Grundrechten der Mensch⸗ heit, von der Barbarei und Ruchlosigkeit des Feudalwesens, von der natürlichen Gleichheit der Menschen geführt hätte? Würde dieser Reformator nicht alle deine edlen Entwürfe zerrissen haben?“ „Allerdings! Norbert. Aber ich hoffe, das Beispiel geht nicht mich und mein Tun an. Ich habe nie gegen bestehende Ordnungen geredet, auch wenn sie schlecht waren, sondern ich gab Gott, was Gottes ist, und dem Kaiser, was dem Kaiser ist. Ich rede nur gegen bestehende Mißbräuche und Vorurteile, die nicht eiumal durch bürgerliche oder Staatsverträge geheiligt sind. Gegen euer en gegen eure Mas⸗ keraden und heuchlerischen Komplimente, 7 euren unnatürlichen Luxus, gegen eure weibischen, 7 hölzernen Verunstaltungen durch welsche Moden, gegen eure Begriffe von Ehre und Schande, von Verdienst und e— 5 1 r meine Person, und nur verteidigungsweise wenn ihr Europäer mich nötigen wolltet, meine Rückkehr zur Vernunft zu verdammen, und Aber was schadet diese Führe mir nicht das Beispiel .. ͤ.. N „57— 12220 3 . en Liebling begeht, wenn sie das Ausziehen unter⸗ mich zwingen wolltet, eurer Verkehrtheit zu gefallen von der Natur wieder abtrünnig zu Nr. 16. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. sollen, unausgekleidet ins Bettchen zu legen. Hund das Ausdünsten des Körpers, bringen das werden.“ (Schluß folgt.) Gemeinnütziges. Milchergiebigkeit der verschiedenen Rassen. Es wird angenommen, das im Allgemeinen die Simmenthaler Kuh jährlich 2500 Liter, Freiburger 2000, Pinzgauer 2400, Schweizer 2700, Allgäuer 3500, Ostfriestsche 3200, Wilster⸗ marsch 4000, Breitenburger 3000, und die Vogelsberger Kuh 2000 Liter Milch giebt. Kleinen Kindern sollte man keine Strumpfbänder anziehen, da diese höchst eee wirken. Der dauernde Druck stört die Gewebe, auf die er sich erstreckt, in ihrer Ernährung, sodaß in denselben die Stoffneuerung langsamer und und unvollständiger vor sich geht; aber nicht nur die weichen Gewebe, sondern auch die Knochen werden auf diese Weise angegriffen. Dabei ist der Schaden bei einem Kinde, da sich dasselbe in der Entwickelung befindet, noch weit größer, als bei erwachsenen Personen. Der Mittagsschlaf unserer Kleinen. Es ist leider eine weit verbreitete Gewohn⸗ heit, die Kinder, welche nachmittags schlafen Man ist in der Regel zu bequem, um das Kind an⸗ und auszuziehen, und die Mutter weiß nicht, welches Unrecht sie an ihrem läßt. Die Kleider verhindern die freie Lage Kind zum Schwitzen und ganz ermattet wacht es schließlich auf; anstatt erfrischt und durch den Schlaf gekräftigt zu sein, ist es schlecht gebaut und unmutig. Ist dabei noch versäumt worden, die Bänder und Knöpfe am Kleidchen zu öffnen oder wenigstens zu lockern, so sind Brust⸗ und Unterleibsorgane während des Schlafes gepreßt, an ihrer freien Bewegung gehindet und das Atemholen und die Verdauung erschwert. Man sollte deshalb streng darauf halten, die Kleinen nur mit Hemdchen und Röckchen bekleidet zum Mittagsschläfchen ins Bett zu legen. Splitter. Vereinigung! Das ist das Wort, das von jedem Freund der Freiheit und jedem Feind der Knechtschaft beherzigt werden sollte! ** * Der Herrscher. Ein Schriftgelehrter kam zu mir und sprach: „Mirza Schaffy, was denkst du von dem Schach? Ist ihm die Weisheit wirklich angeboren, Und ist sein Blick so groß wie seine Ohren?“ — Er ist so weise, wie sie Alle sind, Die Träger des Talars und der Kapuze: Er weiß, wie ehrfurchtsdumm das und nd, Und diese Dummheit macht er sich zu Nutze!— Fr. Bodenstedt. Humoristisches. Auch eine Grabinschrift. In einem schwä⸗ bischen Dorfe waren Schulze und Schulmeister verfeindet. Als nun der Schulzensohn starb, mochte der Vater sich nicht an den Lehrer wenden, der für die ganze Gemeinde die Grabkreuze bedichtete.„Dem thu' ich die Ehr' nit an,“ sprach der trauernde Dorftyrann, setzte sich auf die Hosen— und auf dem Kreuz liest man heute noch: Hier liegt mein lieber Sohn, Gott geb' ihm ewigen Lohn, Jakob heißt er, In einer Nacht Selbst gemacht Ohne den Schulmeister! Litterarisches. Sozialdemokratie und Zentrum von Joh. Timm betitelt sich die soeben bei Birk& Co. in München erschienene Broschüre, die durch das geschickt zusammengestellte Tatsachenmaterial der Arbeiterversiche⸗ rung die Legende von den sozialpolitischen Leistungen des Zentrums unerbittlich zerstört. In den Wahlkreisen, wo das Zentrum sich um das Reichstagsmandat bewirbt und wo naturgemäß die Arbeiterfreundlichkeit des Zent⸗ tums durch dessen Agitatoren tendenziös aufgeputzt werden wird, ist diese Broschüre besonders geeignet, ultramontane Wahlmanöver zu vereiteln. Der Preis beträgt nur 20 Pfg.; bei Massenbezug bedeutender Rabatt. — Geschichtskalender. 19. April. Generalstreiks. 1902: Aufhebung des belgischen 1772: Ricardo, Nationalökonom,*. 20. 1898: Mc. Kinleys Ultimatum an Spanien. 1652: Cromwell sprengt das Parlament auseinander. 21. 1898: Norwegisches Parlament beschließt das allgemeine Stimmrecht. 1888: Ausweisung des„S o⸗ ztaldemokrat“ aus der Schweiz. 22. 1897: Attentat auf König Humbert in Rom. 1896: Prozeß gegen v. Hammerstein, Redakt. der „Kreuzztg.“ und Reichstagsabg. 23. 1897: Wilhelm II. Vaterlandlosen⸗Depesche an Prinz Heinrich. 24. 1900: Skandalprozeß gegen die Zentrums⸗ größe Dasbach. 1897: Prozeß gegen den Kolonial- Peters. 25. 1901: Große Explosion in der chem. Fabr, Griesheim, 23 Tote. 1792: Einführung der Guillotine — Leser und Leserinnen!! Berücksichtigt bei Euren Einkäufen die Inserenten dieses Blattes! Giessen, Plockstr. Tische, Stühle, Spiegel Spezialität: eigener Aufertigung. 8 Uebernahme vollstand. Ausstattungen. Ferdinand Hennstiel La ger in sämtlichen Kastenmöbeln, poliert u. lackiert, wie Vertikovs, Kleiderschränke, Iuxusmöbel. Küchenmöbel Betten und Polstermöbel Wasserkrüge Packkörbe kaufen Benner& Krumm Gießen, Bahnhofstraße 40. Union Wichse (vormals Krauss-Clinz) E MARBURG. H. Posern Markt 4 oreichhualliges —.—— Aulgasse empfiehlt sein I ist und bleibt die beste! 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