r. c. i: . ig it⸗ eee „. Nr. 42. Gießen, den 18. Oktober 1903. 10. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. 2 tags Mitteldeutsche webattionsschluß: Doxnerstag Nachmittag 4 Apr. Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Juserate 22 finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die ögespalt. Eppedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33/% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bei mindesten s Ein Jubiläum. Kommenden Mittwoch, am 21. Oktober, sind es 25 Jahre, daß das Sozialistengesetz über die deutsche Sozialdemokratie verhängt wurde. Zwei Tage vorher hatte es der Reichs⸗ tag mit 221 gegen 149 Stimmen angenommen. Aeußerlich veranlaßt durch die Attentate des Hödel und Nobiling, mit denen, wie heute auch unsere schlimmsten Gegner eingestehen müssen, die Sozialdemokratie nicht das Geringste zu tun hatte, war dieses Schandgesetz bestimmt, die zielbewußte Arbeiterbewegung zu ver⸗ nichten. Daß es hierzu den herrschenden Klassen, an ihrer Spitze der Krautjunker Bis⸗ marck, nicht an den guten Willen fehlte, ist bekannt. Eine beispiel⸗ und rücksichtslose Ver⸗ folgung alles dessen, was mit der Sozialdemo⸗ kratte nur einigermaßen in Verbindung gebracht werden konnte, begann. Und gewiß, der zwölf⸗ jährige Kampf unter dem Sozialistengesetz hat uns zahlreiche Opfer gekostet. Mancher brave Kämpfer ist gefallen. Unzählbare Schädigungen wurden der Partei und einzelnen Genossen durch Zeitungsverbote, Vereinsauflösungen, Verhaftungen und Bestrafungen zugefügt. Wo sind aber die Erfolge jener Gewaltpolitik? Wurde die Vernichtung unserer Bewegung erreicht? Nun, wir können mit der Entwicke⸗ lung der Dinge zufrieden sein und mit Genug⸗ tuung auf den 21. Oktober 1878 zurückblicken, wir haben ein Recht, dieses Jubiläum festlich zu begehen. Schon neulich wiesen wir an dieser Stelle auf die Fortschritte hin, die der Sozialismus in den letzten 25 Jahren in allen Ländern gemacht hat. Für Deutschland springt er so recht in die Augen, wenn man die bei den Reichstagswahlen seit 1881— der ersten unter dem Ssozialistengesetz— für die Sozialdemokratie abgegebenen Stimmen⸗ zahlen betrachtet. Es entschieden sich Wähler für die Sozial⸗ demokratie: Im Jahre 1881: 311961 1884: 549990 1887: 763128 1890: 1427298 1893: 1786738 1898: 2107076 N 1903: 3010472. Statt 9 Mandate im Jahre 1878 errangen wir neun mal neun bei den letzten Wahlen! Diese Entwickelung verbürgt uns den end⸗ gültigen Sieg. Wie recht hatte Liebknecht, als er bei Beratung des Hödelgesetzes in der bekannten Erklärung den Gegnern zurief: „Die deutsche Sozialdemokratie, an Kampf und Verfolgungen gewöhnt, blickt weiteren Kämpfen mit jener zuversichtlichen Ruhe ent⸗ gegen, die das Bewußtsein einer guten und unbesiegbaren Sache verleiht!“ Die Geschichte der letzten 25 Jahre hat die Wahrheit dieser Worte bewiesen. Auf s neue drohte man uns mit Gewaltmitteln. Mögen sie kommen! Und wenn auch jetzt einige innere Stürme die Dreimillionenpartei bewegen, diese werden bald vorübergehen und einig und geschlossen marschieren wir unentwegt dem Ziele zu. Freudig können wir das Jubiläum begehen und aus boller Brust rufen: Hoch die internationale Sozialdemokratie! i Die Heiligkeit der Familie. „Die Sozialdemokratie zerstört die Familie“! Diesen blöden Vorwurf können wir heute noch jeden Tag aus dem Munde der Ordnungsleute und ihrer Preßorgane hören. Er gehört neben andern gleichwertigen, gewissermaßen zum eisernen Bestande in der Waffenkammer der „Staatserhaltenden“. Immer wieder verkünden ordnungsparteiliche Wahlagitatoren, der liberale Kommerzienrat wie der konservative Pfaffe: „Die Sozialdemokratie will die Ehe und Familte abschaffen“ und die Kreisblätter blärren es bis zum Ueberdruß nach, keins von ihnen macht sich aher die Mühe nachzulesen, was in Bezug auf Ehe und Familie in der sozialistischen Litteratur gesagt ist. Allerdings haben wir an den heutigen Zuständen auch im Hinblick auf die Familie recht viel auszusetzen. Unzählige Kinder verkommen körperlich, geistig und moralisch, weil die Eltern sich nicht um sie bekümmern können, weil der Existenzkampf sie von früh bis spät in Anspruch nimmt. Auf: die schweren Schäden, welche daraus für das Gemeinwesen resultieren, ist von unserer Seite oft und nachdrücklich hingewiesen worden.— Welche Zustände herrschen aber innerhalb der höheren und besitzenden Kreise? Wie steht es da, wo es nicht an materiellen Mitteln fehlt, mit der Erfüllung der heiligen Familienpflichten? Wenn wir hier Kritik üben wollen, an Material fehlt's uns nicht! Vorige Woche wurde vor dem Schwurgericht in Bayreuth ein Prozeß verhandelt, der in ganz Deutschland das größte Aufsehen erregt hat. Der Hauslehrer Dippold des Berliner Bankdirektors Koch hatte sich wegen Mißhand⸗ lung und Körperverletzung mit tötlichem Aus⸗ gange zu verantworten. Folgendes ist in Kurzem der Tatbestand. Dippold hatte den Hauslehrer⸗ posten für die beiven Koch'schen Knaben, Heinz und Joachim, übernommen. Zuerst hielt sich der„Lehrer“ mit den Jungen und dem nötigen Hauspersonal auf einem dem Direktor Koch gehörigen Gute Ziegenberg im Harz auf, von wo durch die Diensthoten schon einmal an Koch berichtet wurde, daß die Kinder von Dippold furchtbar geschlagen würden. Daraufhin sandte Direktor Koch den Professor Vogt und den Rittmeister Bugge nach Ziegenberg, um die Sache zu untersuchen. Körperliche Untersuchung der Knaben wußte aber Dippold zu verhindern, redete auch den Abgesandten ein, daß die Jungen geheime geschlechtliche Verfehlungen be⸗ gingen und deshalb gezüchtigt werden müßten. Nach Berlin zurückgekehrt, berichteten die Kon⸗ trolleure, daß der Lehrer ein ganz„idealer Mensch“ sei. Ueber diese Kontrolle war aber Dippold höchst ungehalten und er setzte es durch, daß er mit den Knaben nach Drosendorf in Bayern, seinem Heimatsorte, ziehen durfte. Hier hatten nun die beiden Brüder ein grauenvolles Martyrium durchzumachen. Die Unbeschreiblichen Mißhandlungen, welche sie von Dippold zu erdulden hatten, führten am 10. März ds. Js. den Tod des älteren Heinz Koch herbei. Noch am letzten Tage quälte das Scheusal von Erzieher den totkranken Jungen fürchterlich. Aus den Bekundungen der zahl⸗ reichen Zeugen sei nur angeführt, was der kleine Joachim bei seiner Vernehmung angab, man ersteht daraus, was die beiden Brüder auszuhalten hatten. Klar und deutlich schilderte er den Geschworenen den Leidensweg, den er und sein Bruder durchmachten. Joachim be⸗ teuerte, daß weder er noch sein verstorbener Bruder Heinz je einmal das taten, was ihnen Dippold zur Last legte. Die Knaben hatten nicht den Mut, etwas gegen den Peiniger zu tun, der die Mama für sich gewonnen hatte. Ihnen glaubte niemand, nur Schläge und immer wieder Schläge war die Aussicht, die sich ihnen bot. Deshalb wagten ste auch nicht, Dippold zu widersprechen. Die„Selbstbekenntnisse, welche die Jungen geschrieben hatten, waren Erpres⸗ sungen. Die Knaben haben niemals Jugend⸗ sünden begangen, die ihnen Dippold andichtete. Dippold legte ihnen die Fragen vor, die Jungen beantworteten sie blindlings und schrieben sie nieder, ohne deren Bedeutung zu kennen. Dippold führte auf einmal 40 bis 50 Streiche mit dem Stock auf das Gesäß eines der auf den Tisch gebundenen Jungen, bis er selbst keinen Arm mehr heben konnte. An manchen Tagen schlug er 6—7 Stöcke an den Jungen entzwei, ja selbst mit einem Eisenstock traktierte er die Kleinen. Als der Fall in stttlicher Beziehung untersucht wurde, kam Unglaubliches zu tage. Dippold zeigte den Knaben allerlei Abbildungen, erklärte ihnen weibliche Geschlechtsteile und zergliederte ihnen die Entstehung des Menschen. Dippold hat die Knaben bei Tag und bei Nacht wiederholt unzüchtig berührt, einmal in der Weise, daß beide bluteten. Darauf hat er sie wieder heftig geschlagen. Die Furcht der Knaben ging soweit, daß sie unterschiedslos alles taten, was Dippold sagte. Die ärztlichen Sachverständigen erklärten Dippold für einen Sadisten, der seine Wol⸗ lust in Verübung von Grausamkeiten suche, aber für seine Tat voll verantwortlich sei. Das Gericht verurteilte diesen Unmenschen zu acht Jahren Zuchthaus. Dies der Tatbestand. Jeder fühlende Mensch wird tiefes Bedauern mit den gequälten Kindern empfinden und ebenso sehr den Uumenschen verurteilen, der das ihm zur Erziehung und An anver⸗ traute Kind in raffiniert⸗grausamer Weise zu Tode folterte. Bei Betrachtung dieses Falles werfen sich aber ganz von selbst gewisse Fragen auf. Man fragt nach den Eltern. Sie gehören zu der zbesten“ Berliner Gesellschaft, sind schwer reiche Leute. Der Bankdirektor konnte seiner Familie alles Gute gewähren, konnte seinen Kindern die sorgsamste Pflege und Erziehung zu teil werden lassen. Wie war es möglich, daß diese einem moralisch verkommenen Menschen ihre Kinder anvertrauten? Warum erkundigten sich Herr und Frau Koch nicht über dessen Vorleben? Wo blieb die Kontrolle? Kein Zweifel, trotzdem der Staatsanwalt die Familie Koch als voll⸗ kommen frei von jeder Schuld hinzustellen sich bemühte, es trifft sie eine schwere Verantwortung, die ihr auch der mitleidigste Mensch nicht ab⸗ nehmen wird. Die Familie Koch hat sich mindestens grobe Fahrlässigkeit vorzuwerfen. Es ist in der Tat unverantwortlich, wie diese Leute an ihren Kindern gehandelt haben. Un⸗ verantwortlich aber nicht ungew öhnlich. Der Prozeß zeigt uns, wie der Ka pitalis⸗ mus die Familie zersetz t. In den Familien Seite 2. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 42 der höheren Klassen wird fast allgemein die Erziehung der Kinder den Bonnen, Dienstboten, Gouvernanten, Hauslehrern ꝛc. überlassen, soweit sie nicht in Pensionen oder Kadetten⸗ häusern untergebracht sind. Und der vor⸗ liegende Fall wahl mit welcher Oberflächlichkeit bei der Auswahl der Erzieher vorgegangen wird. Auf irgend ein beliebiges Zeugnis, auf eine oberflächliche Empfehlung hin, wird so ein Lehrer engagiert, höchstens daß er sich einmal mit Gehrock und Zylinder der gnädigen Frau vorstellen mußte. Ob er ein braver Kerl ist, ob er mit Lust und Liebe und dem nötigen pädagogischen Talent und Wissen an seine Aufgabe herangeht— pah, das sind Neben⸗ sächlichkeiten. Das Engagement des Kutschers ist eine wichtigere Angelegenheit, als die Bestal⸗ lung des Hauslehrers, weil der Kutscher mit „repräsentieren“ muß, während der Hauslehrer in den Hinterzimmern der Wohnung versteckt wird, wenn„Gesellschaft“ kommt. Und dort kann er treiben, was er will. In der Woh⸗ nung ist ebenso wenig eine Kontrolle, wie auf dem Lande draußen, wo der Präzeptor die Kinder monatelang fern von den Eltern unter seiner alleinigen Aufsicht hat. Das Kostgeld geht regelmäßig ein— im übrigen aber be⸗ kümmert sich nicht Vater, nicht Mutter um das Wohlergehen der Sprößlinge. Woher sollen sie auch die Zeit dazu nehmen! Geschäft und Gesellschaft nehmen ja die Kräfte von Mann und Frau bis auf den letzten Rest, in Anspruch. Wenn die Damen der großen Welt 1 Kinder in die Welt gesetzt haben— eine lästige Angelegenheit, die sich nun einmal nicht auf andere übertragen läßt— dann haben sie auch so ziemlich alles getan, was man billig von ihnen verlangen kann. Dann gehören sie wieder der„Gesellschaft“, dann haben sie wich⸗ tigere Pflichten zu erfüllen, als an der Erziehung ihrer Kinder mitzuarbeiten! Und der Mann: wenn er seine Geschäfte betreibt, Reichtümer auf Reichtümer häuft, einen Orden und Titel nach dem andern einheimst— ja, was soll er denn sonst tun? Gibt er dadurch seinen Kindern nicht bessere Waffen mit für den Kampf ums Dasein, als Tüchtigkeit des Charakters und e des Wissens sind? Soll er seine gequälten und abgeschundenen Nerven auch noch durch Kindergequarre und Sorgen um die Exerzitien seiner Jungen strapazieren? Wir schildern keine Ausnahmen, bemerkt dazu unser Zentralorgan zutreffend, sondern die Regel, wenn wir das Familienleben der Großkapitalisten so charakteristeren. Der Kapita⸗ lismus hat es in Grund und Boden zerstört, zersetzt, derselbe Kapitalismus, zu dessen Schutz dieselben Leute die Mär ersonnen haben und in die Welt hinausposaunen, die Sozialdemo⸗ kratie wolle die Familie zerstören. Ihr Widerspiel finden die grauenvollen Zustände, die auf den„Höhen der Menschheit“ herrschen, drunten in der dunklen Tiefe der ärmsten Schichten des Proletariats. Nur, daß dort nicht der Ueberfluß, sondern die furcht— barste Not zerstörend wirkt. Daß ein gewissen⸗ loser Hauslehrer, der ohne jede Kontrolle blieb, einen Bankdirektorssohn totprügelte, das regt eine ganze Welt auf: wenn das Kind der geplagten Proletarierfrau ohne Aufsicht zu Hause bleiben muß und zu Tode kommt, dann hat man kaum noch ein Wort armseligen Mit⸗ leids, wohl gar noch einen harten Tadel dafür übrig!„Mein Gott, das kommt ja so oft vor! Man weiß ja, daß diese Sorte ihre Kinder vernachlässigt!“— Hier wie dort aber sind es in Wirklichkeit die entsetzlichen Zustände, die die Menschheit schuldig werden lassen: unten nur Lasttiere, oben nur Mammonsdiener— wo aber istder Mensch? Wahrer Menschlich⸗ keit wieder eine Stätte zu bereiten, das ist unser großes Ziel und alles setzen wir daran, es zu erreichen. politische Rundschau. N Gießen, 15. Oktober. Schamlose Hetzereien gegen die Arbeiter leistet ssich diez„Arbeitgeber⸗Zeitung“, ein im vorigen Jahre gegründetes Blatt, das sich die Bekämpfung der Arbeiter und ihrer Organi⸗ sationen zur speziellen Aufgabe gemacht hat. Wie dies Organ seiner Aufgabe gerecht wird, dafür mögen folgende Zitate Zeugnis ablegen. „Was die Behandlung der Arbeiter anbe⸗ trifft, haben wir in Preußen und in Deutschland, soweit die Staatsgewalt und die gewerbsmäßigen Politiker in Betracht kommen, sicherlich nichts dazu gelernt und ebenso gewiß viel vergessen. Die Aufhebung des Sozialistengesetzes und der andauernde Wider⸗ stand gegen seine Wiedereinführung, die „Verscharrung“ der Vorlage zum Schutze der Arbeitswilligen, die Auszeichnungen von Kathedersozlalisten und ihrer Anhänger an maßgebend⸗ sten Stellen, die Preisgebung der Arbeitgeber und die Erschütterung der Fabrikdisziplin durch eine unsinnige Gewerbegesetzgebung, alles das sind ebenso viele Marksteine auf dem Wege nach rückwärts, der uns dem Abgrunde näher und näher führt....“ 5 Vielleicht kommt auch unsern verantwort⸗ lichen Stellen noch einmal das Gefühl, daß es nicht damit getan ist, wenn man die Armee äußerlich vom Sozialismus rein hält, sondern daß die Wurzel des Uebels in Angriff genommen und der Schaden von innen heraus kuriert werden muß. Wenn die Krankheit aber so weit gediehen ist, daß sanfte Mittel nicht mehr helfen wollen, so muß mit Feuer und Schwert eingegriffen werden.“ Diese blöden Wutausbrüche des Unternehmer⸗ Organs übertreffen die Scharfmachereien der „Post“ noch um Erkleckliches. Für die Arbeiter ergibt sich hieraus von neuem die Lehre: Stärkung der politischen und gewerkschaftlichen Organisation! Das ist das beste Mittel, den arbeiter⸗ und kulturfeindlichen Bestrebungen der Profitpatrioten wirksam zu begegnen. Ein weißer Rabe unter den Unternehmern war der verstorbene Abgeordnete für Dessau, Richard Rösicke. Immer brachte er allen auf die Wohlfahrt der Arbeiter gerichteten Bestrebungen lebhaftes In⸗ teresse entgegen. In seinem Testament hat Rösicke die Bestimmung getroffen, daß an die zur Zeit seines Todes in seinen privaten Diensten angestellten Personen, die fünf Jahre für thn tätig gewesen sind, und an sämtliche zur Zeit seines Todes in den Betrieben der Schultheiß brauerei beschäftigten Arbeiter, die zehn Jahre lang in dem Unkernehmen beschäftigt gewesen sind, die Summe von 100000 Mark zu gleichen Teilen zur Verteilung gelangen soll.— Die Arbeiterschaft wird dem edlen Manne, der zu seinen Lebzeiten von den Stümmlingen und Scharfmachern bitter gehaßt wurde, auch nach seinem Tode noch dankbare Anerkennung zollen. Nacht muß es sein. Tiefe Geistesnacht soll nach den Wünschen der Herrn Geistlichen über die Menschheit gelagert bleiben, gläubig soll jeder hinnehmen, was die schwarzen Herren über das Diesseits und Jenseits, über Himmel und Hölle, Welt⸗ schöpfung und Weltuntergang vorzutragen für gut finden, niemand soll über die schreienden Widersprüche nachgrübeln, welche zwischen den Lehren der Kirche und den einwandfreien und allgemein anerkannten Feststellungen der Wissen⸗ schaft bestehen. Wagt es einmal ein Gelehrter, öffentlich auf diese Widersprüche hinzuweisen und die Unhaltbarkeit der als lautere Wahrheit verkündeten Glaubenssätze der Kirche darzutun, so hat er es mit den Theologen gründlich ver⸗ dorben. So geht's auch dem Professor Laden⸗ burg, gegen dessen Ausführungen auf dem Naturforschertage über Weltanschauung, die wir im Leitartikel der vorigen Nummer besprachen, die Geistlichkeit mobil macht. Die Kasseler Stadtsynode faßte folgende Resolution: „Die Stadtsynode spricht ihr tiefstes Bedauern über die Art und Weise aus, in der auf der 75. Jahresversammlung des Vereins deutscher Naturforscher und Aerzte zu Kassel durch den Eröffnungsvortrag des Geheimrats Ladenburg aus naturwissenschaftlichen Voraussetzungen un⸗ berechtigte, das Gebiet dieser Wissenschaft über⸗ schreitende Folgerungen gezogen wurden, welche gegen die christliche Weltanschauung Sturm läuten und jedes religiöse Empfinden verletzen. Die Synode erkennt sich aufs neue freudig zu der durch keine Wissenschaft zu erschütternden Wahrheit des Evangeliums.“— Deshalb be⸗ wegt sie sich doch!— Ladenburg hat da⸗ gegen eine— übrigens ziemlich zahme— Gegenerklärung losgelassen, in der er die Be⸗ hauptungen der synodalen Resolution bestreitet. Antisemitische Kampfesweise. Vor dem Münchener Schöffengericht wurde am 8. Oktober der antisemitische Wenng, an des dortigen antisemi⸗ tischen„Deutschen Volksblattes“, der Verleum⸗ dung eines sozialdemokratischen Abgeordneten überführt. Dieses ehrenwerte Organ brachte bet Beginn der letzten Reichstagswahlbewegung einen Artikel unter der Ueberschrift:„Ein sozialdemokratischer Bauernschinder.“ Es wurde darin behauptet, der sozialdemokra⸗ tische Landtagsabgeordnete Dr. v. Haller spiele sich in seiner am Ammersee gelegenen Besitzung als den feudalen Herrn auf, der die Bauern schikaniere, ihnen die Benutzung eines über seine Grundstücke führenden Weges verbiete usw. Obwohl Genosse v. Haller in der„Fränk. Tagespost“ diese Behauptungen eingehend als unwahr nachwies, druckte fast die gesamte bayerische Zentrumspresse mit unverhülltem Vergnügen den Wenng'schen Artikel nach. Genosse Haller strengte darauf eine Privat- klage gegen Wenng an, die am Donnerstag zur Verhandlung kam. Der Beklagte versuchte hier, den Wahrheitsbeweis anzutreten, der ihm indessen geradezu kläglich drache Er wurde zu einer Geldstrafe von 80 Mark verurteilt. In der Urteilsbegründung wird gesagt, der Privatkläger habe sich völlig korrekt und einwandfrei benommen und die gitator a 1 4 gegen ihn erhobenen Vorwürfe seien deshalb nicht gerechtfertigt. Für als Milderungsgrund angenommen, von seinen Gewährsleuten falsch informiert worden sei.— Kampfmittel solcher Art muß die antisemitische Presse anwenden, bessere stehen ihr nicht zu Gebote. enng wurde daß er Gute Gründe für ihre Sache hat sie nicht, darum muß ste mit Ver⸗ 9 dächtigungen und Verleumdungen operieren. Zweierlei Strafe. Der Fähnrich Hüssener„büßt“ seine ihm für den Mord des Soldaten Hartmann u- diktierten paar Monate Ehrenhaft in Magde⸗ burg auf der Festung ab. Dort kann man ihn, wie die„Saaleztg.“ mitteilte, täglich von nachmittags 2 Uhr ab in Begleitung eines Offiziers auf dem Breiteweg oder sonst einer der Hauptstraßen promenieren sehen. Hin und wieder bringt er seine freien 5 7 Stunden auch in einem Restaurant zu. — Anders wird unser Genosse, Arbeitersekretär Limbertz in Iserlohn, behandelt, der seit vierzehn Tagen die Gefängnisstrafen, die er sich im Dienste der gewerkschaftlichen Organisation zuzog, verbüßt. Ihm ist die beantragte Selbst? beschäftigung abgeschlagen worden.— So zu betätigen, Haarnadeln einrollen usw. Lim⸗ bertz ist ja auch nur ein Arbeiterführer, ein Er hätte also lieber „Hetzer“ und„Wühler“. muß denn Genosse Limbertz, anstatt sich geistig einen totstechen sollen, als sich für die Ar⸗ beiterinteressen in's Zeug zu legen, hätte er gelindere Strafe zu erdulden gehabt. Allerdings hätte er den„vornehmsten Rock“ tragen müssen. dann Entschädigung unschuldig Verhafteter. Dem Bundesrat ist von der hessischen Re- gierung ein Gesetzentwurf zugegangen, welcher die Entschädigung unschuldig verhafteter Personen vorsieht und regelt. Hierzu hat ein Antrag unserer Genossen im Landtage den Anstoß ge⸗ geben. Vor zwei Jahren beantragte die sozial⸗ demokratische Fraktion: Hohe Kammer wolle Großherzogliche Re⸗ gierung ersuchen, einen Gesetzentwurf 9955. legen betreffend Entschädigung unschuldig Verhafteter sowohl bei Untersuchungs⸗ wie bei Strafhaft. Während der Ausschuß den Antrag billigte, wollte die Regierung erst warten, was auf dem Wege der Reichsgesetzgebuug in dieser Sache geschehe. Gegen diese vom Justtzminister Ditt⸗ mar vertretene Ansicht wandten sich die Abg. Gutfleisch und Ulrich sehr eindringlich, 5 ——— 7—2;—— 3 worauf der Antrag einstimmig angenommen wurde. 8 2727s ̃—Ldä ¾—x——.. ,.. — Nr. 42. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. K Seite 3. Es wäre wirklich sehr zu wünschen, daß der Bundesrat die Geschichte nicht auf die lange Bank schiebt, hat doch auch der Reichstag wiederholt die Regelung der fraglichen Materie dringend verlangt. Bei den Landtagswahlen in Sachsen] gelang es unserer Partei infolge des Drei⸗ klassenwahlrechts nicht, einen Kreis zu erobern. In Zwickau⸗Land war es zwar nahe daran, doch es fehlte uns ein Wahlmann, weil die Wahl eines solchen für ungültig erklärt wurde. So bewirkt das famose„Wahlrecht“, daß die sozialdemokratische Partet, die in Sachsen be⸗ deutend stärker ist, als alle bürgerlichen zu⸗ sammengenommen, die von 23 Reichstags⸗ Wahlkreisen 22 erobert hat, im Landtage unvertreten bleibt. Die Mehrheit des sächsischen Volkes ist rechtlos gemacht. Bei den Landtagswahlen in Meiningen hat unsere Partei ihren früheren Besitzstand— 7 Mandate von den 24— behauptet. Daß wir keine neuen Sitze erobert haben, könnte als Stillstand oder Rückschritt erscheinen. Je⸗ doch die erwähnten sieben Kreise galten zur großen Hälfte als unsicher, diesmal stegten wir dort aber mit bedeutenden Mehrheiten, haben also einen sehr erfreulichen Fortschritt zu ver⸗ zeichnen. Ausland. Einigkeit aller Republikaner im Kampfe gegen die Reaktion forderte der ranzösische Ministerpräsident Combes in einer ede, die er am Sonntag in Clermont⸗Ferrand bei einem großen, von 5000 Personen besuchten Bankett hielt. Die Unterstützung der sozia⸗ listischen Gruppe sei ebenso wie die der übrigen drei Gruppen absolut notwendig. Freilich— für das Ministerium! Das Pro- letariat hat wenig davon, wie sich jetzt wieder bei dem großen Textilarbeiterstreik in Nordfrankreich zeigt, wo die Staatsgewalt sich n den Unternehmern zur Verfügung ellt. Nach dem Parteitag. Sowohl in der Parteipresse, wie auch in Versammlungen ist der Dresdener Parteitag noch fortgesetzt Gegenstand der Diskussion. Für uns ist es unmöglich, auch nur auf die wichtigsten Versammlungen, die sich mit dem Parteitag und den Differenzen in der Partei beschäftigten, näher einzugehen, wir müssen uns damit begnügen, bedeutsamere Preßstimmen und Versammlungsbeschlüsse unsern Lesern im Folgenden mitzuteilen. 1 Die Mainzer Genossen beendeten die Diskussion über den Bericht ihrer Delegierten in einer dritten am Sonntag stattgefundenen Versammlung. An der längeren Debatte be⸗ teiligte sich auch Genosse Dr. David, der seine längeren Ausführungen mit der Erklärung schloß: Der wirklich existierende Revi⸗ sionismus sei nichts anderes als die Be⸗ tonung und Betätigung der wissenschaft⸗ lichen Forschungsfreiheit innerhalb der Partei, und auf praktischem Gebiet die allseitige positive Arbeit zur Besserung der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Lage der werktätigen Volksmasse. Auf diesem Wege allein könne und werde die Partei ihr großes Ziel erreichen. Es gelangte eine Resolution einstimmig zur Annahme, in welcher zunächst die unfrucht⸗ bare Literatendebatte bedauert und das Auf⸗ treten einzelner Genossen, die sich über ganze Parteigenossenschaften als Richter aufspielten, und sie grundlos beschimpften, mißbilligt wird. Dann heißt es weiter: „Die Verhandlungen des Parteitages haben erwiesen, daß die in der Resolution betr. die Taktik enthaltenen Anklagen gegen Bestrebungen innerhalb der Partei, welche dahin zielen sollen, die Partei vom Boden des Klassenkampfes abzudrängen und ste zu einer bürgerlichen Reformpartei umzugestalten, zwecklos erhoben sind, da solche Bestrebungen in der Partei nicht existieren. Die Versammlung verpflichtet sich, trotz allen Stürmen, welche die Partei von außen und innen umbrausen, getreu den Grundanschauungen derselben, nach wie vor energisch für die Be⸗ freiung des Proletariats aus politischer und ökonomischer Knechtschaft zu kämpfen.“ Genosse Auer macht im„Vorwärts“ einen„Vorschlag zur Güte“. Er protestiert dagegen, daß die Ehrlichkeit derjenigen„Revi⸗ sionisten“ angezweifelt werde, die für die Reso⸗ lution Bebel⸗Kautsky⸗Singer gestimmt haben. Dann sagt er weiter: „Die Anschuldigungen und Verdächtigungen gegen eine Reihe von in verantwortlicher Stelle befindlicher Genossen werden fortgesetzt und es ist auch nicht abzusehen, wie dem in der bis⸗ herigen Weise ein Ende gemacht werden soll. Die Verstcherung, daß die Revistonisten den Boden des Klassenkampfes nicht verlassen wollen, und nicht die Absicht haben, unsre Partei der bürgerlichen Demokratie anzugliedern, wird ja von dem Gros der Radikalen nur mit Hohn aufgenommen. Da scheint es mir Pflicht der letzteren zu sein, die Probe aufs Exempel zu machen. In wenigen Wochen tritt der Reichs⸗ tag zusammen. Was liegt da näher, als daß von radikaler Seite Anträge vorbereitet und im Agitationsprogramm für die zukünftige Tätigkeit der Fraktion aufgestellt werden, in denen die bisherige revolutionäre Taktik und die grundlegenden Prinzipien der Partei— die angeblich von den Revistonisten gefährdet sein sollen— rückhaltlos zum Ausdruck gebracht werden. Wird in der Weise vorgegangen, dann muß sich ja sofort zeigen, ob es in der Fraktion Elemente gibt, die den Mut der Konsequenz nicht haben. Das Verdächtigen und Denunzieren hat nun lange genug gedauert und die Früchte, die diese„Taktik“ in Dresden und seitdem gezeitigt hat, sind wahrlich alles andere, nur nicht wohl⸗ schmeckend. Also, lasse man an Stelle der hohlen Worte Taten reden. Die Ankläger sollen sagen, was zu geschehen hat, welche Ak⸗ tionen zu unternehmen sind, für die sie die Ver⸗ antwortung mit übernehmen, und es wird sich im Handumdrehen zeigen, ob das Gerede vom Revistonismus und e Bereitwilligkeit, die sozialdemokratische Arbeiterpartei den bürger⸗ lichen Parteien anzugliedern, mehr ist, als das Ergebuis verbohrtester Ketzerriecherei und des elendesten Klatsches. Ich denke, geschwatzt ist jetzt genug, nun mögen Taten Zeugnis ablegen. Ist in dieser Weise wirklich reiner Tisch geschaffen, dann werden auch die Personalien rasch geregelt sein.“ Genosse Bock, Abg. für Gotha und Vize⸗ präsident des gothaischen Landtags, einer der ältesten und bewährtesten Kämpfer in unsrer Partei, hat sich über den Parteitag folgender⸗ maßen ausgesprochen:„Bebel hat die Situation so gezeichnet: Hier Radikale, drüben die Revi⸗ sionisten und was dazwischen liegt, ist großer „Sumpf“! Zu N zähle ich mich und wünsche nur, daß dieser„Sumpf“ immer breiter und weiter wird, denn wir sind, was wir waren und bleiben, was wir sind. Uns schreckt nicht der Revistonismus, noch Radikalismus, wir arbeiten in alter bewährter Weise fort. Wir wählen unsere Abgeordneten, daß sie ein⸗ treten für unsere wirtschaftlichen und politischen Rechte(sehr richtig!), daß sie, soweit ihre Macht reicht, Remedur schaffen überall, wo etwas im Staate faul ist. Die Parteigenossen tun bei solchen theore⸗ tischen Zänkereien gut, sich nicht sofort fürdie eine oder andere Seitezu ent⸗ scheiden, sondern solcher Art auftauchende Tlelan erst gründlich zu studieren und erst dann Stellung zu nehmen. Die ganze Partei hat nichts dabei gewonnen, daß schon so oft und immer mit dem gleichen Resultat über die energischere oder gemäßigtere Taktik gestritten worden ist... Wir bleiben in Gotha wie bisher so auch in Zukunft im„Sumpf“, d. h. wir halten au unsrem Programm fest, agitieren, organisieren so viel wir können und fördern die Stärke und Kraft der Partei. Der heutige kapitalistische Staat sorgt dann schon dafür, daß die Partei nicht verweichlicht oder ver⸗ ä ssie rt Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. Der Ausstand auf dem Braunkohlen⸗ bergwerk„Glückauf“ bei Kassel, der wegen Maßregelungen mehrerer Arbeiter und wegen schlechter Arbeitsverhältnisse erfolgt war, wurde beendet. 5 In Kassel sind die Differenzen im Bau⸗ gewerbe noch nicht beigelegt. Die dortigen Unternehmer versuchen von auswärts Arbeits⸗ willige heranzuziehen, was Bauarbeitern zur Warnung dienen mag. Bei der Gewerbegerichtswahl in Halle wurden als Arbeitnehmerbeisitzer nur Kandidaten der freien Gewerkschaften gewählt. Für diese wurden 3143 Stimmen abgegeben. Auf der Seite der Arbeitgeber wurden 105 sozialdemokratische und 438 bürgerliche Stimmen abgegeben. Aus der besten aller Welten. In der heurigen Junibilanz wies das Wiener Bankhaus Rothschild aus: Gesamtvermögen 11116 563 372 Kronen— rund 11 Milliarden Kronen. Was Vermögen besteht aus Rentpa⸗ pieren, Bahn⸗ und Kreditaktien, Werteffekten, Industrierenten, Petroleumgruben, Bergwerken, Edelsteingruben usw., Baku allein gab im Jahre 1899 einen Betrag von 98 Millionen. Das Jahreseinkommen beträgt rund 900 Millionen, da ja 9 bis 10 Prozent Verzinsung zu rechnen sind. Davon könnten 450000 Familien bürger⸗ lich leben, das sind 2¼ Millionen Menschen. Dieses Riesenkapital ist mehr als eine Provinz, als ein Kronland wert und in den Händen eines einzelnen Menschen!— Die Kehrseite der Medaille zeigt uns ins Elend versunkene Massen, halbverhungerte Frauen und Kinder und arbeislos umherirrende Mäuner.. Von Nah und Lern. Hessisches. — Ueber die Wahlrechts vorlage hat der hierfür eingesetzte Sonderausschuß bereits vorige Woche Beratungen abgehalten, die in⸗ dessen nur den Charakter unverbindlicher Vor⸗ besprechungen hatten. Am Dienstag hat dann eine gemeinsame Sitzung mit der Regierung stattgefunden. — Die Wahl des Genossen Orb im Kreise Offenbach⸗Land hat die Wahlprüfungs⸗ kommission der Zweiten Kammer für gültig erklärt. Die Minderheit der Kommission will aber im Plenum weitere Erhebungen beantragen. Bekanntlich war auch die Wiederwahl des Abg. Orb von den Zentrümlern angefochten worden. — Der Gewerberat Möser in Darm⸗ stadt ist dort am Samstag im Alter von 64 Jahren gestorben. Seit 1883 war Möser in der hessischen Gewerbe-⸗Inspektion tätig und hat sie viele Jahre allein ausgeübt. Gestützt auf seine Berichte drangen unsere Genossen im Landtage auf Ausgestaltung der Gewerbe⸗Inspek⸗ tion und hatten damit auch Erfolg. Gegenwärtig sind in Hessen fünf Inspektionen und fünf Assistenten darunter zwei weibliche angestellt. Hessen war sogar der erste Bundesstaat, der Assistentinnen in Dienst stellte. — Direkte Steuern in Hessen. Nach einer Aufstellung der hessischen Zentralstelle für die Landesstatistik beläuft sich die Zahl der Einkommensteuerpflichtigen im Großhe rzog⸗ tum für das Jahr 1903/04 auf 305,307 Per⸗ sonen, von denen 27,595 der ersten und 277,712 der zweiten Abteilung angehören. Die erste Klasse bringt einen Steuerertrag von 5,400,477 Mark, die zweite von 3,173,044 Mk. auf. Einkommensteuerpflichtige Aktiengesellschaften, Genossenschaften usw. gibt es im ganzen 104. 22 5 ä— — 57 20 5 — 1—— —— 3 —————— n Seite 4. Mittel dentsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 42. Von diesen zählen 159 mit einer Gesamtbe⸗ steuerung von 359,613 Mk. zu ersten und 45 mit 915 Mk. zur zweiten Abteilung. e letztere wird bekanntlich von den Steuerpflichtigen mit einem Einkommen von 600— 2600 Mark gebildet und die erste von denen über 2600 Mk. — Bei der Landtags ⸗Ersatzwahl in Darmstadt, die am Donnerstag stattfand, wurden die nationalliberalen Wahlmänner mit 2170 Stimmen gewählt. Für die Liste unserer Genossen wurden 1365 Stimmen abgegeben, was einen sehr schönen Erfolg bedeutet. Als Kandidaten waren von unserer Seite Kassierer Friedrich und Arbeitersekretär Sparr auf⸗ gestellt. Die Freisinnigen, die erst die Mandate inne hatten, blieben mit 780 Stimmen in der Minderheit. Wären die Freisinnigen nicht so anmaßend und unklug gewesen, beide Mandate für sich zu beanspruchen, sondern hätten der weikaus stärkeren Sozialdemokratie eins über⸗ lassen, so wäre wenigstens einer der ihren ge⸗ wählt worden. Geschieht ihnen recht! Gießener Angelegenheiten. — Zu der„sozialdemokratischen Ausschreitung“, die vor Kurzem„gutge⸗ sinnte“ Blätter und natürlich auch der„Gieß. Anz.“ aus Sprendlingen berichteten, stellte unser Offenbacher Parteiblatt fest, daß jene zwei angebliche Sozialdemokraten, die dem Reichstagsabgeordneten Dr. Becker angerempelt haben sollten, keine Sozialdemokraten sind. Die beiden gehören weder dem sozial⸗ demokratischen Verein an, noch sind sie sonst als Parteigenossen bekannt.— Die ehrenwerten Blätter, welche so schnell mit Verdächtigungen der Sozialdemokratie bei der Hand sind, sollten sich lieber etwas mehr um die Rohheiten und Ausschreitungen bekümmern, die von Angehörigen der„gebildeten“ Klassen begangen werden, da finden sie reichlich Arbeit. k. Eine Revision der Geschäftsführung des Konsumvereins für Gießen und Um⸗ gegend hat am Freitag durch den Verbands⸗ revisor des Verbandes süddeutscher Konsumvereine stattgefunden. Diese Revisoren sind vom Ver⸗ bande angestellt und ihre Revisionen genügen der Aufsichtsbehörde als amtliche. Erfreulicher⸗ weise konnte der Revisor feststellen, daß die Bücher sich in bester Ordnung befanden und mit den Kassenbeständen übereinstimmten. Es fanden sich nur ganz geringfügige Mängel, die leicht abzustellen sind. Der Revisor sprach seine Meinung dahin aus, daß, wenn die Mitglieder im laufenden Geschäftsjahre nur einigermaßen das Geschäft unterstützen, sich recht gute Resul⸗ tate bei dem nächsten Abschluß ergeben würden. — Das Sozialistengesetz würde, wenn es noch in Kraft wäre, am nächsten Mittwoch 25 Jahre alt werden. Zur Erinnerung an seine Verkündung und die Kämpfe, welche unsere Partei während seiner 12 jährigen Dauer durchzumachen hatte, plant der Wahl⸗ verein eine Volksversammlung, die am Mittwoch abend voraussichlich in Lonys Bier⸗ keller stattfinden soll. Näheres wird noch durch Plakate bekannt gemacht. — Das Stiftungsfest der„Freien Turner⸗ schaft“ am Samstag war sehr zahlreich besucht und nahm den besten Verlauf. Recht beifällige Aufnahme fanden die turnerischen Produktionen, welche bewiesen, daß sich der junge Verein bemüht, seiner Aufgabe gerecht zu werden. Es wäre zu wünschen, daß sich ihm aus den Kreisen namentlich der jüngeren Arbeiter, noch mehr Freunde der Turnsache anschlössen, denn je stärker die Mitgliederzahl, desto mehr kann auch auf diesem Gebiete geleistet werden.— Auch die übrigen Darbietungen fanden allgemeine Anerkennung, die Chöre des Gesang⸗ vereins„Eintracht“ sowohl, als die Leistungen der bei den Theaterstücken Mitwirkenden. Zwei Theaterstücke war wohl übrigens etwas zu viel des Guten; die Erledigung des Programms nahm deshalb zu lange Zeit in Anspruch. — Rezitation. Das Gewerkschaftskartell hat auch in diesem Jahre den hier bestens be⸗ kannten Schauspieler Walkotte zu einem Vortrage gewonnen. Derselbe soll am Donners⸗ tag, den 29. ds. Mts. in Lony's Bierkeller stattfinden. Herr Wallotte, dessen Rezitationen hier stets sehr beifällige Aufnahme fanden, wird an diesem Abende„Heitere und ernste Dicht⸗ ungen“ vortragen und hoffentlich wird auch diesmal der Besuch ein recht zahlreicher. — Als eine„Submissionsblüte“ darf man die Tatsache bezeichnen, daß bei der Vergebung von Weißbinderarbeiten für die Zentralwaschanstalt der neuen Kliniken die höchste Preisberechnung 1376 Mk., die niederste 636 Mk. also noch nicht einmal die Hälfte betrug. So wird das„Handwerk gehoben.“ — Selbstmor d. Am Mittwoch früh wurde am alten Friedhof ein gut gekleideter Mann erschossen aufgefunden. Papiere, aus denen seine Persönlichkeit ersichtlich gewesen wäre, fand man nicht bei ihm. f — Im Gefängnis erhängt. Seit einiger Zeit saß der fürstlich Isenburg⸗Birsteinsche Rentmeister Ludwig 175 im hiesigen Arrest⸗ hause wegen Sittlichkeitsvergehen in Unter⸗ suchungshaft. Am vorigen Donnerstag früh fand man ihn in seiner Zelle erhängt vor. Seipp war früher Offizier im Inf.⸗Regt. 118 und später Polizeikommissär in Frankfurt. Aus dem Rreise gießen. — Wegen Majestätsbeleidigung hatte sich am Dienstag der Landwirt Engel aus Großen⸗Buseck vor der Strafkammer in Gießen zu verantworten. Er hatte am 18. August, zur Feier des Jahrestages der Schlacht von Gravelotte, die er mitgemacht hat, etwas mehr als sonst getrunken und soll dabei in der Größer'schen Wirtschaft beleidigende Aeußerungen über den Kaiser und den Groß⸗ herzog gemacht haben. Diese Bemerkungen wurden vermutlich— wie der Verteidiger an⸗ deutete— durch Engels Schwiegersohn Scheldt, der mit ihm verfeindet ist, angezeigt und gegen ersteren infolgedessen Anklage erhoben. Engel behauptete, durch jene Aeußerungen habe sich s. Zt. ein Bauer in Schwetzingen eine Strafe zugezogen und er habe diese Tatsache nur er⸗ zählt, keineswegs aber seiner Ansicht damit Ausdruck gegeben. Die Zeugen können nichts Gegenteiliges bekunden und so beantragt der Staatsanwalt selbst die Freispre chung, die auch erfolgt.— Daß es noch Leute gibt, die irgend eine harmlose Bemerkung der Behörde anzeigen, um ihren Nebenmenschen zu einer Strafe zu verhelfen, ist jedenfalls traurig genug. Aus dem Rreise sriedberg⸗Büdingen. n. Wegen des Ueberfalles in Villa „Saxonia“ in Bad⸗Nauheim wurde der Koch Karl Schutt in Frankfurt verhaftet. Er mußte aber, nachdem er den in der Gießener Klinik befindlichen verletzten Damen gegenübergestellt worden war, und die Damen bekundeten, daß er der Einbrecher nicht sei, wieder entlassen werden. Uebrigens sind bei dem Einbruch Wertsachen nicht abl anden gekommen. Rätsel⸗ haft bleibt, warum der Einbrecher sofort über die schlafenden Damen herfiel, statt zuerst nach Wertgegenständen Umschau zu halten. Aus dem Nreise Wetzlar. Zum Wahlkommissar für die Landtags⸗ wahl im Kreise Wetzlar ist der Landrat Sartorius ernannt worden. h. Arge Verwirrung hat die Landtags⸗ kandidaten⸗Frage im Lager der Wetzlarer Nationalliberalen hervorgerufen. Von den in Vorschlag gebrachten Kandidaten hat der nat.⸗lib. Verein nun den Bergwerksdirektor Roth in Wiesbaden— wie es scheint gegen den Willen der Parteileitung— auf den Schild gehoben. Jufolgedessen ist der Vorsttzende Justizrat Aldefeld aus dem nat. lib. Verein ausgetreten. Er begründet dies im„Wetzl. Anz.“ damit, daß er Roth nicht für einen geeigneten Vertreter für unsern Kreis halte. Bedeutet schon die Kadidaten⸗Aufste ung für die Nationalliberalen einen Heiterkeitserfolg, so kann es am Tage der Wahlmännerwahlen unter den obwaltenden Umständen leicht zu einem zweiten kommen, zu dem die Herren aber lange Gesichter machen werden. Die Antisemiten wollen ebenfalls einen Kandidaten zum Landtage aufstellen. Sie haben am Sonntag eine Vertrauensmännerver⸗ sammlung in Wetzlar abgehalten, in welcher der Reuthersmann aus Offenbach die nötige Wenn auch die Leute von der Pauke hielt. Richtung Hirschel den nationalliberalen und konservativen Rückschrittlern in der Phrasen⸗ drescherei„über“ sind, so werden sie doch kaum 1 wahl haben. Das beweist die letzte Reichstags⸗ wa h. Tod bei der Arbeit. In dem Stein⸗ bruche am Hauserberg stürzte am Montag Vormittag der Arbeiter Rehm ab und blieb auf der Stelle tot. Er hinterläßt eine Witwe mit drei Kindern. R. wird als ein solider und fleißiger Mann geschildert.— So muß der Arbeiter für kärglichen Lohn tagtäglich sein Leben in die Schanze schlagen! Sobald er aber Schritte zur Verbesserung seiner Lage tut, schreien die Kapitalisten und ihre Soldschreiber mitsamt dem ganzen Chorus der„Gutgesinnten“ über Begehrlichkeit, Unzufriedenheit und wer weiß, was sonst noch! Alltäglich erfordert di Arbeit zahlreiche Opfer. Setzt etwa der Kapi⸗ talist, der sich durch die Arbeit anderer bereichert, sein Leben auf's Spiel? —„Mutiger“ Redakteur. In der Abonnements⸗ Einladung des neugegründeten stöckerischen„Volksfreund“ in Herborn heißt es:„In einem Sprechsaal soll Jeder zu Wort kommen, falls die Zuschriften auf Wahrheit beruhen und in anständiger, nicht beleidigender Sprache verfaßt sind. Wir werden die Namen nicht verraten, nur bei Gericht, falls uns dadurch Klage drohen sollte.“ Sehr vertrauenerweckend ist das für die Einsender; für den Redakteur aber ein Eingeständnis seiner Waschlappigkeit. t. Auf dem Gebiete der Arbeiter⸗Für⸗ sorge wird nach Ansicht der Schlotjunker und ihrer gefügigen Kreaturen alles nur Erdenkliche getan; Wohl⸗ fahrts⸗Einrichtungen aller Art ermöglichen dem Arbeiter ein sorgenfreies Leben, er dankt Gott, daß er ein Ar⸗ beiter und kein Kapitalist ist und sich mit dessen Geld⸗ sorgen nicht zu plagen braucht. In Wirklichkeit sieht die Sache etwas anders aus. Auf der Agnesen⸗ Hütte in Haiger— so schreibt man uns von dort— klappt ja sonst alles; aber es wäre doch sehr zu wün⸗ schen und dringend erforderlich, daß man die Kaffee⸗ und Frühstücksbude der Auslader in einen menschen⸗ würdigen Zustand setzen würde. In sanitärer Hinsicht steht auch die Kaffeebude, wo täglich 10—12 Auslader ihre Nahrung einnehmen müssen, noch unter den zu einer gewissen Berühmtheit gelangten ostpreußischen Schweineställen. Diese hochelegante Bude, ein früherer Pferdestall, ist ein greifbares Kapitel von Arbeiterfürsorge. Schlechtes Pflaster, nicht gedielt, dumpfe Luft. Zer⸗ brochene Fenster, schlecht schließende Türen(kühler Wind streicht durch die Hallen!), vermischt mit übelriechender Atmosphäre, wahrscheinlich durch den angebauten Abort hervorgerufen, soll nun dem Arbeiter ein Zeugnis geben, wie sehr man sich in der Fürsorge für ihn erschöpft. Die reiche Gewerkschaft sollte ihre doch so tüchtigen Beamten zum Studium der Gewerbe⸗Ordnung anhalten, dann würden vielleicht auch die Auslader einen menschen⸗ würdigen Raum bekommen, wo sie ihre Arbeitspausen verbringen und ihre Bissen essen können. Gewissen Leuten würde das Studium der Gewerbe⸗Ordnung viel nützlicher sein, als das der längst widerlegten Sudel⸗ broschüren von Lorenz, Fischer und ähnlicher Sozialisten⸗ vernichter. Denn wenn die Herren von der aus solchen „Werken“ gesogenen Weisheit Gebrauch machen wollen, ziehen sie sich doch nur Blamagen zu! Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain. Bh. Das Stiftungsfest des Gesang⸗ vereins„Eintracht“, das am Sonntag in den Räumen des Restaurant„Schloßgarten“ stattfand, hatte einen sehr zahlreichen Besuch aufzuweisen. Lebhaften Beifall fanden die Chöre, welche der Verein unter Leitung seines tüchtigen Dirigenten in exakter Weise zu Gehör brachte. Auch die übrigen Darbietungen, von denen be⸗ sonders ein vom Theater⸗Verein„Freie Bühne“ aufgeführtes wohlgelungenes Theaterstück her⸗ vorgehoben sei, sowie Vorträge, Duetts ꝛc. trugen viel zur Verschönerung des Festes bei. Nach Abwickelung des Programms hielt ein Dall die Teilnehmer bis zu später Stunde zusammen; beinahe bis zum Schluß blieb der große Saal nebst seinen Nebenräumen dicht besetzt. Selbst⸗ verständlich nahm auch dieses Arbeiterfest den ruhigsten und schönsten Verlauf. B.„Freie Bühne“— so betitelt sich ein Arbeiter⸗ Theaterverein, der hier vor Kurzem gegründet worde. Er hat den Zweck durch passende Theater⸗Aufführungen e e el r er 5 let 1 1 Nr. 42. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. die Arbeiterfestlichkeiten verschonen zu helfen. Beitritts⸗ anmeldungen nehmen Middelhoff, Zwischenhausen 9 und Bosch, Schneidersberg 5 jederzeit gerne entgegen. Die Beiträge sind auf monatlich 30 Pfg. für Herren und 15 Pfg. für Damen festgesetzt. Gegen den Mörder Dippold nahm in Bamberg eine nach Tausenden zählende Volksmenge, die sich am Bahnhof eingefunden hatte, als der Verbrecher in das Zuchthaus überführt werden sollte, eine drohende Haltung ein. Trotz eines starken Aufgebots von Polizei und Gendarmerie wurde der Häft⸗ ling samt seiner Begleitung etwa 100 Meter weit in die Luitpoldstraße hineingedrängt. Es gelang erst, als die Polizisten mit Gebrauch der Waffe drohten, Dippold in einen Wagen zu bringen. Dieselbe Szene des Johlens, Fluchens und Verwünschens wiederholte sich an dem Tore des Landgerichtsgefängnisses.— Eine empörende antisemitische Roheit ist in Schlochau, der Gegend, wo der Antisemitismus seinerzeit die Winter⸗Affaire zur Welt brachte, verübt worden. Von ehr⸗ samen Bürgern der Stadt, nämlich dem wohl⸗ löblichen Nachtwächter Vergin, dem Schuh⸗ macher Gräber, dem Tischler Stutzke und dem Schlossermeister Hahn ist ein jüdischer Hand⸗ werker, der Schriftsetzer Levi aus Warschau zu Tode geprügelt worden. In der Her⸗ berge, wo der arme Jude einkehrte, wurde er von den wackeren Herren und anderen Gästen damit geneckt, daß er niederknieen und das „Vaterunser“ sprechen mußte. Da er das Gebet aber schlecht oder garnicht konnte, so wurde er derart mißhandelt, daß er in der Nacht starb. Auf Veranlassung der Staats⸗ anwaltschaft ist die Leiche seziert, und die „Spaßmacher“ sind zur Verantwortung gezogen worden. Die Heldentaten russischer Autisemiten lassen offenbar deren deutsche Gesinnungs⸗ genossen nicht schlafen. Für die Kulturgeschichte des deutschen Volkes am Anfang des zwanzig⸗ sten Jahrhunderts, für die Periode der schwärze⸗ sten Reaktion und konfessioneller Verhetzung ist diese scheußliche Tat ungeheuer bezeichnend. Kleine Mitteilungen. * Zwei Selbstmorde auf einen Tag wurden Donnerstag, 8. Oktober in Mücke bei Grünberg be⸗ gangen. Im Wald⸗Teiche wurde die Leiche eines Grün⸗ herger Einwohners gefunden, der sich wegen einer ihm zuerkannten Strafe ertränkt haben soll und im zweiten Falle schoß sich ein Geometer⸗Gehilfe eine Kugel durch den Kopf. ** Zu Dillenburg fand man am Diens⸗ tag früh die etwa 60 Jahr alte ledige Näherin Horsch in Mühlbach als Leiche auf. * Schweinepriester. Drei Geistliche, Lehrer an der Kongregattonsschule von Tou r⸗d' Aigues bei Spezialgeschäff — für Taschen- u. Wecker-Thren, Uhrketten Marseille kommen in nächster Zeit vor die Geschworenen wegen Sittlichkeitsverbrechen, die sie sich an den Schülern der Austalt zu schulden kommen ließ n.— Ein anderer von derselben Sorte, der Kaplan Manuel San Roman von dem in der Nähe Mailands gelegenen Orte Cara⸗ banchel wurde vom Gericht in Mailand zu 18 Jahren 2 Monaten Zuchthaus verurteilt. Der saubere Priester hat ein 6 jähriges Mädchen vergewaltigt und auf dasselbe außerdem noch eine scheußliche Krankheit übertragen. Par tei-Uachrichten. Der Parteivorstand macht bekannt, daß er sich konstituiert habe. Seine Adresse ist wie seither: J. Auer, Berlin S. W. Kreuzbergstr. 30. Im Weiteren fordert der Parteivorstand die Genossen allerorts auf, die Wahlen der Vertrauens personen sofort vor⸗ zunehmen und deren Adressen ihm mitzuteilen.— Die Berliner Parteigenossen protestierten am Montag abend in 16 Versammlungen gegen den vom Berliner Magistrat angeordneten Beginn der Urwahlen zum preußischen Landtag um 2 Uhr nachmittags. Ueberall wurde geltend gemacht, daß ein Beginn des Wahlaktes um 2 Uhr zahlreiche Wähler an der Ausübung der Wahl hindern werde, weil sie nicht in der Lage wären, zu Mittag ihre Arbeitsstelle verlassen zu können. Es soll daher der Versuch gemacht werden, den Magistrat zu bewegen, den Beginn der Urwahl auf eine spätere Tagesstunde zu verlegen. Ein Opfer des Gefängnisses. Am Montag starb nach langen und schweren Leiden in jungen Jahren unser Parteigenosse Richard Levy in Erfurt. Er ist als Redakteur der Erfurter„Tribüne“ das Opfer jenes Majestätsbeleidigungs⸗Prozesses geworden, der wegen des Abdrucks eines gleichgültigen Scherzes mit der Verur⸗ teilung zu einem Jahre Gefängnis endigte. Zwei Tage vor Weihnachten wurde er wegen Fluchtverdachts ver⸗ haftet, obwohl er an einer schmerzhaften Ohrenent⸗ zündung erkrankt und trotzdem eine hohe Kaution ange⸗ boten worden war, Unterdessen starb ihm seine Mutter. Acht Monate blieb er im Kerker. In dieser Zeit ent⸗ wickelte sich eine schwere Lymphdrüsen⸗Krankheit, zu der die Disposition vielleicht schon in ihm lag, deren furcht⸗ bare, schließlich zum Tode führende Entwicklung aber nach ärztlicher Meinung durch die lange Haft verschul⸗ det ist. Er mußte abermals aus dem Gefängnis beur⸗ laubt werden und siechte seitdem rettungslos dahin. Levy hat nur ein Alter von 30 Jahren erreicht. Die Partei wird diesem schlichten Manne, der so früh im Kampfe verblutete, ein herzliches Andenken bewahren. Versammlungskalender. Samstag, den 17. Oktober. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Sonntag, den 18. Oktober. Friedberg. Soz.⸗dem. Wahl verein. Nach⸗ mittags 3 Uhr Versammlung bei Ihl. Tages⸗ ordnung: Berichterstattung vom Parteitag. Ref.: Busold. Die Orte der Umgebung sind eingeladen. Briefkasten. S.⸗Wtzl. Es sind uns schon eine ganze Reihe Mitteilungen gemacht worden über Pflichtwidrigkeiten, die Für Arbeiter und Landleute empfehle mein reichhaltiges E Ichuhwaren-Lager in gediegenen, soliden Qualitäten zu billigsten Preisen. Arbeiterschuhe und Stiefel in der Verwaltung der Bürgermeisterei Atzbach⸗Launs⸗ bach vorgekommen sein sollen, doch wollen wir vor⸗ läufig von einer Veröffentlichung absehen. Wenn die von dem Jagdpächter K. für Odenhausen gestifteten 100 Mark nicht in der Jahresabrechnung erschienen sind, so können Sie ja durch eine Anfrage auf der Bürger⸗ meisteret feststellen, wie es sich damit verhält. Die preußischen Landtagswahlen. Am 12. November finden die Urwahlen zum preußischen Abgeordnetenhause, dem Dreiklassen⸗ parlament, statt. Unsere Partei wird sich dies⸗ mal in allen Kreisen, wo es irgend möglich ist, an den Wahlen beteiligen. Das Wahlsystem, welches hierbei zur Anwendung kommt, von Bismarck selbst einmal als das„elendeste aller Wahlsysteme“ bezeichnet, sowie auch die ver⸗ zwickte Technik des Wahlverfahrens haben die Arbeiter bisher von der Wahlbeteiligung abge⸗ halten. Und allerdings scheint das famose Wahlgesetz zu dem Zwecke ausgeklügelt zu sein, den Wählern und besonders den Arbeitern die Wahl zu verekeln. Indessen sind das Schwierigkeiten, vor denen die Sozialdemokratie nicht zurückschrecken darf; sie hat schon schlimmere Widerstände stegreich überstanden— man denke nur an die sozialistengesetzliche Zeit. Heute ist man sich darüber einig, daß die Wahlbeteiligung von erheblicher Bedeutung für die Schulung der breiten Schichten der Parteigenossen sein wird. Ob wir Mandate erobern werden, ist aller⸗ dings sehr fraglich. In den weitaus meisten Wahlkreisen würde das nur mit Hülfe der freisinnigen Wahlmänner geschehen können. Für den Sozialdemokraten und damit gegen das Junkertum und die Reaktion zu stimmen, dazu scheint sich aber der Freisinn nach den Aeußerungen seiner führenden Organe nicht aufschwingen zu können. Dann hat jedoch unsere Partei nicht die geringste Veranlassung, die Freisinnigen herauszuhauen, sondern wir werden sie einfach ihrem Schicksale überlassen. Durch ein schamloses Wahlsystem ist die stärkste Partei in Preußen entrechtet; und wenn der Freisinn nicht einmal den Mut hat, der unter⸗ drückten Partei einige Mandate zu stchern, so mag er getrost von der Bildfläche verschwinden. Es kann uns dann gleichgültig sein, ob solche Freisinnige oder Konservative im Dreiklassen⸗ 1 hause sitzen. Es ist dann die eigene Schuld 1 0 des Freisinns, wenn er vom polttischen Schau⸗ 4 735 platz weggefegt wird.. 1 Unterdessen wird es gut sein, wenn wir für 1 unsere preußischen Leser kurz die hauptsächlichsten Bestimmungen anführen. Die Hauptmerkmale der Landtagswahlvor⸗ schriften gegenüber dem Reichstagswahlrecht sind: Dienstmädchen sofort gesucht, L. Müller Bahnhofstraße 61. llen Parteigeuossen bringe eine vorzügliche — . ——.—— Carl Geismar, Uhrmacher Seltersweg 46. Glessen Seltersweg 46. Lony's Bierkeller. Donnerstag, den 29. Oktober, abends 8/ Uhr: Rezitations⸗Abend. „Heiteres und Ernstes“. Rezitator: Herr Emil Wallkotte. 1.„Die Antwort des Kapitalisten“.„Der steife Grog“, von Mex Hofmann. 2.„Der Mistkäfer“,„ Ohrwurm und Fliege“,„Die Hammelherde“, von Hans Hrch.⸗Ewers. 3.„Der Stiefelknecht“,„Der Regenschirm“, v. Peter Rossegger. Eintritt 20 Pfeunig. Die Gewerkschafts mitglieder wollen ihre Karten bei den Kartell⸗ Programm: sowie sämtl. Winterschuhwaren in jeder Preislage und reicher Auswahl. Anfertigung nach Mass! Reparaturen werden in eigener Werkstatt rasch, gut und billig ausgeführt. Justus Benner Marktstrasse 34. erten in Empfang nehmen. 5 5 Das Gewerkschaftskartell. Si dieb- IMeuler. Spielplan für Giessen. Sonntag, 18. Okt.:„Geschwister Lemke“. Dienstag, 20. Okt.:„Der blinde Passagier“. Mittwoch, 21. Okt.„Der zerbrochene Krug“. „Geschwister“. „Wallensteius Lager“. Freitag, 23. Okt.:„Geschwister Lemke“. Spielplan für Marburg. Donnerstag, 22. Okt.:„Geschwister Lemke“. ——ͤ—ͤ—é — Backeret lin empfehlende Erinnerung. Karl Link Seltersweg 61. 1 Bestellungen auf Lieferung rel ins Haus nehme täglich ent⸗ gegen. — TTT Konsumverein Giessen 9 und Umgegend. Prima eulo-Cganen sind wieder eingetroffen. erkauf uur an Mitglieder. 8 Seite 6. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 42. 1. Es können nur Preußen wählen. 2. Die Stimmabgabe ist keine geheime, sondern eine öffentliche. f 3. Die Wahl ist eine indirekte, das heißt die Wähler wählen nicht den Abgeord⸗ neten, sondern sie wählen Wahlmänner, welche später den bezw. die Abgeordneten zu wählen haben; deshalb nennt man die Wähler Urwähler. Die Wähler sind in drei Klassen eingeteilt und wählt jede Klasse für sich die Wahlmänner. 1 i Die drei Klassen. Die Urwähler eines jeden Bezirks werden nach Maßgabe der von ihnen zu entrichtenden direkten Staats-, Gemeinde-, Kreis⸗, Bezirks⸗ und Provinzial⸗ steuern in drei Abteilungen geteilt und zwar so, daß auf jede Abteilung ein Drittel der Gesamtsumme der Steuerbeträge aller Urwähler entfällt. Die Einteilung der Urwähler in drei Klassen geschieht in folgender Weise: Zunächst haben die Behörden die Urwahl⸗ bezirke abzugrenzen. Kein Urwahlbezirk darf weniger als 750 und mehr als 1749 Seelen zählen. Auf jede Vollzahl von 250 Seelen ist ein Wahlmann zu wählen. Es kann also kein Wahlbezirk weniger als drei und mehr als sechs Wahlmänner wählen. Zählt ein Bezirk z. B. 1300 Seelen, so entfallen auf ihn 5 Wahlmänner. Mit der Bekanntmachung der Wahlbezirke bestimmt die Behörde zugleich, wie⸗ viel Wahlmänner in den einzelnen Bezirken für jede Klasse zu wählen sind. Sind z. B. fünf Wahlmänner zu wählen, so entfallen auf die dritte und erste Abteilung je zwei Wählmänner, den fünften Wahlmann wählt die zweite Ab⸗ teilung. Sind vier Wahlmänner zu wählen, so wählt die zweite Abteilung zwei, die erste und dritte Abteilung je einen. Auf alle Fälle muß im Ganzen auf jede Abteilung ein Drittel der Wahlmänner entfallen. Wahlberechtigt ist jeder selbständige Preuße, welcher am Tage der Urwahl das 24. Lebensjahr vollendet hat und mindestens sechs Monate in der Gemeinde seinen Wohnsitz oder Anfenthalt hat. f Als„unselbständig“ gilt bei der Land⸗ tagswahl, wer Soldat ist, sich in einer Straf— anstalt befindet, wer in Konkurs geraten oder unter Vormundschaft gestellt ist. Nicht wahlberechtigt ist ferner, wer durch richterliches Erkenntnis die bürgerlichen Ehrenrechte verloren hat, oder wer zur Zeit der Anfertigung der Wählerlisten Armenunterstützung aus öffentlichen Mit⸗ teln empfängt. Früher bezogene Armenunter⸗ stützung hat den Verlust des Wahlrechts nicht zur Folge. Offenlegen der Wählerliste. Für jeden Urwahlbezirk ist eine besondere Liste aller Urwähler aufzustellen. Diese Listen müssen drei Tage zu jedermanns Einsicht in einem oder mehreren Lokalen offen gelegt werden. Wer nicht iu dieser Liste steht, muß sich innerhalb dieser drei Tage melden, wenn er sein Wahl⸗ recht ausüben will. Bei dieser ersten Offenlegung kann man noch nicht sehen, zu welcher Klasse die Wähler gehören. Erst nach Beendigung der Auslegung schreitet die Behörde zur Klassen⸗ einteilung. Ist dies geschehen, so muß die nach Klassen geordnete Liste nochmals drei Tage offen gelegt werden, damit diejenigen, welche glauben in eine unrechte Klasse eingereiht zu sein, Einspruch gegen die Richtigkeit der Liste erheben können. Hierbei ist zu beachten: Wer zu einer Staatssteuer nicht veranlagt ist, erhält einen fingterten Steuersatz von 3 Mk. in Ansatz gebracht. Doch können solche Personen niemals in der zweiten oder ersten Abteilung wählen, auch wenn sie vermöge ihrer Gesamtsteuersumme in die höhere Klasse gehörten. Obwohl wir, soweit das Verbreitungsgebiet unseres Blattes in Betracht kommt, Erfolge bei einer etwaigen Wahlbeteiligung kaum er⸗ warten können, so schadet es doch durchaus nicht, wenn sich unsere preußischen Genossen ein wenig mit dem sogenannten Wahlrecht und dem verzwickten Wahlverfahren bekannt machen. * S N SSS 50 Unterhaltungs-Ceil. ——ů Der Sieg des Schwachen. Erzählung von Melchior Meyr. 3.(Fortsetzung.) Die Sache war: der Alte hatte recht mit seiner Ironie. Sibylle war gegenwärtig ohne Mitbewerberinnen; denn Tobias hätte zwar in früherer Zeit andere haben können, dermalen aber war jede, die er Si ylle hätte vorziehen müssen, versehen, und diese die einzige Mögliche. Der Gedanke, durch die Heirat der Zuchtrute des Alten zu entgehen und sein eigener Herr zu werden, hatte unvermerkt auf die Gestalt des Mädchens eine modifizierende Einwirkung geübt. Die Schulter war niedrig geworden, daß man sie von der andern kaum unterscheiden konnte; das robuste Gesicht, letzthin schon von Wunsch und Sehnsucht erweicht und durchglänzt, erlangte in der Verliebtheit, die er sich immer größer denken mußte, einen beinahe schönen Ausdruck. Noch eine Zusammenkunft und da⸗ zu die Beihilfe guter Geister— und Sibylle war glücklich, der Schneider gefangen. Da geschah es, daß die bisherige Pfarrmagd ihren Dienst verließ und an ihre Stelle ein Mädchen kam, die, aus dem benachbarten Kessel⸗ tal gebürtig, das letzte Jahr in Ulm gedient hatte und der Pfarrerin von dort rekomman⸗ diert worden war. Tobias, der dem geistlichen Herrn einen ausgebesserten Rock heimzutragen hatte, sah sie, sprach sie— und kam als ein Verwandelter nach Hause. Barbara, rieserisch Bäbe, war aus einem protestantischen Dorfe jenes Tales, das von bewaldeten Anhöhen eingeschlossen war, von der kleinen mühlentreibenden Kessel durchströmt ist, und dessen Bewohner, obwohl sie einzelne Aus⸗ drücke und Manieren für sich haben, im ganzen von den Riesern wenig verschieden sind. Als Kind unbemittelter Eltern, hatte sie früh dienen müssen, aber gute Häuser gefunden und als regsames Mädchen endlich in der Stadt ihre Geschicklichkeit vervollkommnet. Bei dem Ruf in das Dorf war ihre Neigung zum Landleben wieder erwacht, und sie gab ihr nach— viel⸗ leicht getrieben von dem Geschick, das eben hier eine Lebenswendung für sie bereit hatte. Das Mädchen gehörte zu den glücklichen Geschöpfen, die mit Gesundheit und Tüchtigkeit an Leib und Seele eine gewinnende natürliche Anmut verbinden. Stattlich, wohlgebaut und von gedrungenen Formen, in ihrem Benehmen stcher und ruhig, flößte sie auf den ersten An⸗ blick Vertrauen ein. Der Kopf war mehr rund als oval, die Stirn nicht sehr hoch, weil die urkräftigen dunklen Haare etwas tiefer als gewöhnlich heruntergingen. Mit dunkelbraunen Augen und einem Gesicht, dessen frisches Rot sich ins Bräunliche verlief, war sie, was man auch im Ries„a schwarzbrauns Deandel“ zu nennen und nach Gebühr zu schätzen pflegt. Die Anmüt in ihrem Wesen beruhte in an⸗ geborener Gutmütigkeit und einer natürlichen Schlauheit, die sie in ihren verschiedenen Dienst⸗ verhältnissen ausgebildet hatte. Sie half gern, nahm sich gern der Bedrängten an, erreichte aber auch gern selber ihre Zwecke, die wesent⸗ lich praktisch waren und am Ende darauf hinausgingen, in einem guten Dienste bei steti⸗ gem Fleiße das bisher ersparte Sümmchen Jahr für Jahr zu vermehren, um endlich, wenn's Gottes Wille wäre, einen braven Mann damit 8 zu machen. Vergnügten Sinnes von atur, wurde sie leicht heiter und zeigte beim Lachen hinter frischen, siunlich behaglichen Lippen schöne mittelgroße Zähne. Wenn sie eines leiden mochte, sah sie es mit unverhohle⸗ nem Wohlwollen und einer Art von mütterlichem Ausdruck an; hatte sie aber entschiedenes Ge⸗ fallen an jemand und wollte sie selber gefallen, so gewann ihr Gesicht ein Glanz bis zum Rosi⸗ gen, ihre Stimme eine Weichheit bis zum Süßen. Ich glaube durch diese naturgetreue Schilder⸗ ung unseren Tobias gerechtfertigt zu haben, wenn er aus dem Pfarrhaus mit Empfindungen heimging, die ihm durchaus neu waren, die er aber sogleich als die„rechte Liebe“ erkannte und mit freudigem Schreck als langersehntes Glück begrüßte, trotzdem daß ein lebhaftes Beben ihn auch schon das damit verbundene Verhäng⸗ nisvolle ahnen ließ. Zu seiner Bezauberung mochte das dunkle Gefühl beigetragen haben, daß dieses Mädchen eben an sich hatte, was ihm fehlte, daß er ihr sich anvertrauen und an ihr eine Ergänzung finden konnte. Die Bäbe gab sich allerdings nicht viel mit Einbildungen und Erwägungen ab. Sie war eine von denen, die wissen, was sie wollen; und was ihr recht und gut schien, das führte sie mit geräuschloser Festigkeit aus, ohne sich durch den Gedanken,, was wohl andere Leute dazu sagen möchten, allzuviel beunruhigen lassen. Ihre Fassung zu verlieren, lag nicht in ihrem Wesen, vielmehr konnte sie im Notfall entschlossen auftreten und kräftig ihre Rechte wahren. Von alledem er⸗ hielt der junge Schneider eine Ahnung, als er sie in Abwesenheit der Pfarrleute vor sich stehen sah und nach den ersten Fragen und Antworten in ein kleines Gespräch mit ihr kam. sich ihrer Statur, ihrer schönen Rundheit und 2 1 Er freute 0 und ihrer teilnehmenden Reden. Als aber der 1 nette Bursch, das gute, feine, an ihr mit offen⸗ barem Wohlgefallen hängende Gesicht auch vor ihren Augen Gnade fand und sie sich nicht er⸗ 1 wehren konnte, ihn mit liebevollen Blicken an⸗ zusehen und ihrer Stimme dabei einen holderen Klang zu geben— da war er fertig. 1 9 Die ersten Stunden nach der Zusammenkunft 4 vergingen dem erregbaren Herzen in einem förmlichen Rausche. Als die Wogen der Ge⸗ fühle zu sinken begannen, fing er an zu über⸗ legen— und erkanute klar das Aengstliche seiner Lage. Sibylle erschien ihm jetzt fatal, hatte und aussah wie ein Frauenzimmer? Aber ja, sofern sie ihn zum Manne begehrte, recht eigentlich anmaßend. Wie konnte er eine solche Person heiraten— er, den die Bäbe angelächelt, die Bäbe, die Schönste, die er je gesehen, die in ihrem städtischen Kleide etwas Vornehmes 1 . die Sibylle wollte der Vater und hatte, wie es schien, seinen Kopf darauf gesetzt; und die Bäbe, das wußte er aus dem Gespräch, hatte nur noch eine Mutter und einen Stiefvater, die sich kaum selber durchbringen konnten, und von ihnen so gut wie nichts zu hoffen. sche Tracht, in seinen Augen einen Vorzug, war dem Alten zuwider; denn dieser war ein ganzer Bauernschneider, fand nur die Rieser Tracht schön, legte selber die kurzen Lederhosen nie ab und hatte auch dem Sohne lauge tuchee nicht früher gestattet, als bis der junge Schuster 1 des Dorfes ihm vorangegangen. Das gab einen bösen Handel, wenn er diesem Maune sagte, er wolle nicht Sibylle, sondern die Pfarrmagd! Aber es mußte gleichwohl heraus 1 aus ihm, wenn's einmal nicht anders ging 1 ie 7 5 denn die Sibylle nahm er nicht— um ganze Welt nicht. Fürs erste konnte er freilich Ruhe haben. Er brauchte ja dem Alten nichts zu sagen, kounte 8 9 1 1 sein Glück für sich behalten und mit der Sibylle 9 die Sache hinziehen, sich durch Ausreden helfen! 3 — Unterdessen fiel etwas vor; ihm oder der Bäbe stand unverhofft ein Glück an, und alles machte sich endlich von selber— wer wußte das?— Er wollte die schöne Pfarrmagd vor⸗ derhand im stillen lieben, ganz im geheimen, so daß niemand etwas davon wußte, als sie beide. Aber dazu mußte er natürlich vor allem erfahren, ob denn sie auch wirklich ihn mochte.— 8 Zwei Begegnungen, zwei kurze Unterhaltungen ohue Zeugen, die ihm sein gutes Glück bescherte, 1 gaben ihm in dieser Hinstcht Gewißheit. In der ersten redete er von gleichgültigen Dingen, 8 aber seine Augen sprachen mit einer Deutlichkeit, daß die Bäbe seinen ganzen Zustand erkannte. Es sah ordentlich komisch aus, wie er ste anguckte, als ob er gar nicht genug bekommen könnte aber die Bäbe fand das nicht komisch, sondern diese Liebe rührte ihr Herz; und zum erstenma zuckte auch in ihr der holde Blitz auf, der u bezeugt, daß wir fortan nicht mehr uns sel Die stadi⸗ 1 0 76FFFTTTCTCFTCTCTCTCTdT—T7T—T—T—T—T—T— . 50 en el ute 50 del „ bol el⸗ ale ref ft u e e 7 Nr. 42. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. sondern demjenigen angehören, der uns ange⸗ f ört. * Das zweitemal grüßte er schon munterer und sprach sie vertrauter an. Da sie gar so gut und freundlich hersah, begann er sie zu loben, wie sie so schön sei und so geschickt, und daß es kein Mädchen im ganzen Dorf gebe wie sie. Darauf konnte sie das begreiflich nur ab⸗ lehnen und ihrerseits ihn loben, und das machte sich der Schneider zunutze. d. Ja, entgegnete er, wenn er so einer wäre, und wenn sie wirklich so von ihm dächte, das wäre eine Red' wert: denn so ein Mädchen wie sie hätte er sein Lebtag nicht gesehen, und wenn ihn so eine möchte, dann würde er mit dem König nicht tauschen. Hierauf lächelte die Bäbe gar nicht ab⸗ schreckend, und Tobias rief in aller Treuherzig⸗ keit der Hoffnung und der Freude:„Könntest du mich gern haben, Bäbe? Könnt's möglich sein? Sag's—“ ö 8 Und die Bäbe erwiderte mit Holdseligkeit: „Ich sag' nicht nein! Aber so schnell geht das doch auch nicht; wir müssen uns doch erst näher kennen lernen!“ „Was braucht's da näher kennen lernen,“ rief der Schneider heroisch;„wir sind ein Paar — komm, gib mir deine Hand drauf!“ Als der Schneider die seine hinstreckte, zögerte das Mädchen; aber er drängte, und sie gab ihm ihre Hand, indem sie sagte:„Nun in Gottes Namen— weil du's nicht anders tust!“ Der Bund war geschlossen— der Schneider im höchsten Aufschwung der Freude. Als er wieder heimkam und in die Stube trat, mußte er sich ordentlich Gewalt antun, um die Lust, die ihn durchwogte und ihm wie Feuer aus den Backen ging, nicht so auffällig werden zu lassen, daß zuletzt der Alte etwas merkte und ihn durch Fragen in Verlegenheit setzte. Dieser hielt ihn aber bloß für erhitzt und trug ihm eine Arbeit auf, ohne ihn weiter anzusehen; und nach und nach lernte der Gute in sein Glück sich finden und empfand die Seligkeit jener heimlichen Liebe, die bekanntlich heißer brennt als eine glühende Kohle, eine Reihe von Tagen— den schönsten seines Lebens. Ohnehin war's im Monat Mai, wo alles in Blüte sland, die Vögel in Lüften und auf Bäumen wonniglich sangen und auch der gewöhnliche Bauernbursche die Welt„lieble“ findet, um wie viel mehr ein liebender Schneider, der schon an sich zärter empfinden konnte als irgend einer im Dorfe! Die beiden wußten es einzurichten, daß sie sich wenigstens flüchtig sahen— und was brauchten ste zunächst mehr? Sie hatten ja die Gefühle der ersten Liebe, die herrlicher sind als alles, was die Welt bieten kann. In dem Lichte der Freude war es dem Schneider, als ob es kein Hindernis gebe für ihn und er alles durchsetzen müßte, was er nur ernstlich wollte; und darum belebte fröhliche ee sein Herz, und er sah in die Zukunft, als o er das Wünschhüttlein besäße und nur sagen dürfte, das möcht' ich— so hatt' er's! Da trat plötzlich ein Ereignis ein, das ihn aus dem Paradies, in welchem er sich und die Welt vergessen hatte, gewaltsam herausriß, in⸗ dem es von ihm eine Entscheidung und statt holder und beglückender Vorstellungen, eine Tat verlangte. 5 Der Weber hatte außer der Sibylle noch zwei Kinder, einen Sohn, der Soldat war, eine jüngere Tochter, die noch in die Schule ging. Dem Sohne war natürlich die Sölde zugedacht, und da er im letzten Dienstjahr stand, so hätte er sie um so früher übernommen, als er dadurch auch den Wünschen des nicht mehr ganz rüstigen und etwas bequemen Vaters entgegenkam. Da traf eines Tages die Meldung ein, daß er in der Garnison an einer dort grassterenden Seuche plötzlich gestorben sei. Durch diesen Todesfall war der Stand der Dinge mit einem Male verändert; und nachdem eine Woche in aufrich⸗ tiger Trauer und Teilnahme verflossen war, konnten die Beteiligten nicht umhin, ihn zu betrachten und ihre Entschließungen danach ein⸗ zurichten.. Sibylle war jetzt nicht nur eine bessere Partie, sondern hatte auch Aussicht, Hauserbin zu werden, und eine solche hat für den Bauern stets einen eigentümlichen Wert, indem sie das Herumsuchen nach einem Anwesen üherflüssig macht, und als der Vogel, der im Neste bleibt, auch bei der Teilung am besten wegzukommen pflegt. Bei der Gesinnung des Alten hatte es alle Wahrscheinlichkeit, daß er die Sölde an die ältere Tochter abgab, sofern sich ein Mann fand, der ihm besonders erwünscht sein mußte. Diesen Umstand erwogen vor allem Sibylle und der alte Schneider. Das Mädchen behielt ihre Gedanken für sich und besorgte ruhig ihre Geschäfte, indem sie annahm, daß sich Tobias nun schon bald selber einstellen werde. Der alte Schneider, für den der Handel nachgerade ernsthaft zu werden anfing, wollte nichts ver⸗ säumen, ihn sobald als möglich zur Entscheidung zu bringen. Eines Tages, als er sich mit dem Sohne allein in der Stube sah, faßte er diesen ins Auge und sagte:„Nun, wie stehst du mit der Sibylle? Hast du mit ihr gesprochen?“— Tobias, der bei der unerwarteten Frage ziemlich„verhofft“ war, entgegnete mit ange⸗ nommenem Ernste:„Noch nicht. In der Zeit, hab' ich gedacht, wird sich's doch nicht schicken—“. „In der Zeit“, fiel der Alte ein,„schickt sich's grad, daß du mit dem Mädchen die Sach' richtig machst. Wenn jetzt einer kommt und ist der Mann danach, dann gibt ihm der Weber das Haus; das wissen andere so gut wie ich, und darum sorg' ich, wer jetzt nicht bald vor⸗ wärts macht, der hat das Nachsehen.“ „Nun“, wagte Tobias einzuwenden,„gar so arg würd' ich mich dann auch nicht kränken!“ (Fortsetzung folgt.) —— Splitter. Der stärkste Wille ist nicht der, der alles 116 175 er will, sondern der alles will, was er tut. Geschichtskalender. 19. Oktober. 1896: Otto Kappell, ehemal. sozial. Reichstagsabgeordnete, T. 1813: Schlacht bei Leipzig. 18. 1897: Carl Grillenberger, soz. Reichs⸗ tagsabgeordneter, erliegt in München auf dem Heim⸗ wege von der Landtagsfitzung einem Schlaganfalle. 1878: Sozialistengesetz vom Reichtage angenommen. 20. 1820: Monarchenkongreß in Troppau gegen die Revolution in Spanien, Portugal ec. 21. 1894: Parteitag in Frankfurt. 1878: Soz.⸗ Gesetz tritt in Kraft. 22. 1900: Der 12000 Mk.⸗Bettel wird ver⸗ öffentlicht. 23. 1901: Bürkli, Zürich, T. 1878: Verbot der Berliner„Freie Presse“. 1862: König Otto von Griechenland schüttelt den Staub von den Pantoffeln. 24. 1901: Französischer Bergarbeiterstreik vertagt. 1795: Dritte Teilung Polens. 1648: Westfälischer Friede. casseler Schirmfabrik Th. Budde& 00. Giessen goht um Nreleplas· Mes- e- u. L., Neuedt 11. Fueldla: Butiermartt 14. Beste Bezugsquelle für SCHIRME 87 Solide Ware! 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