„ bar ch len: 8 12 Lr— 1 set, 2 10 7 1 al 0 94 88 Mitteldeutsche 1 4 Nr. 20. Gießen, den 17 Mai 1903. 10. Jahra. 10 Rebaktton: Mebaktionsschluß: Kirchenplatz 11. Schloßgasse. Dommerstag Nachmittag 4 Uhr. Abonnementspreis: Bestellungen 2 Juserate n Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die ögespalt. Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch] Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25%% bei 6 mal. Bestellung 33% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bei mindestens Was ist Orduung? Jetzt zur Wahl kommen die bürgerlichen Parteien wieder mit ihren abgedroschenen Schlag⸗ wörten, wie„Ordnung“,„Nationalität“,„Vater⸗ land“, und der Refrain ihres Liedes ist dann immer: Die Sozialdemokraten sind„inter⸗ nationale Vaterlandsfeinde“,„Umstürzler“ und wie die Ladenhüter alle heißen. Selbst die Freisinnigen fehlen in diesem Unkenkonzert nicht. Was ist Ordnung? Wenn man Ar⸗ beitern Hungerlöhne zahlt, so daß sie mit der Familie zeitlebens darben müssen, sicher ein armseligeres Leben führen, als das Reit⸗ pferd des„Herrn“, während der Großfabrikant Millionen auf Millionen häuft, dabei in Saus und Braus lebt— ist das„Ordnung“? Daß Millionen von Menschen nur geboren werden, um zu arbeiten, zu darben, zu leiden und zu sterben, während einige Wenige im Ueberflusse und wahnsinnig en Luxus leben— ist das „Ordnung“? Daß der Arme weniger Recht hat als der Reiche— ist das„Ordnung“? Wenn ein Armer von Behörden und Gerichten anders behandelt wird als ein Reicher— ist das „Ordnung“? Daß der Handwerker vom großen Fabrikanten an die Wand gedrückt wird— ist das„Ordnung“? Daß Vater und Mutter in die Fabrik gehen müssen, die Kinder sich selbst überlassen bleiben, jedes wahre Familien⸗ leben 1 zerstört wird— ist das„Ord⸗ nung“ Solche„Ordnung“ wollen die Sozialdemo⸗ kraten allerdings nicht, diese„Ordnung“ vertreten aber diejenigen, die sich am lautesten als die Männer der Ordnung aufspielen, und deshalb heißen sie„Ordnungs“⸗Parteien! Was ist„Nationalität“, was das „Vaterland“? Im Reichstage zeigte der Agrarierführer Dr. Oertel einmal, daß das Kapital international sei. Er hatte gewiß recht und kein Fabrikant wird das be⸗ streiten wollen. Werden die Herren Kapitalisten aber deshalb zugeben, daß sie nicht national gesinnt seien? Das Christentum und besonders doch die katholische Kirche ist international. Sind deshalb alle Christen und voran die Katholiken Vaterlandsfeinde, Gegner der na⸗ tionalen Selbständigkeit? Gewiß nicht. Und ebensowenig die Sozialdemokraten, weil der Sozialismus international ist. Dem inter⸗ nationalen Kapital gegenüber haben die Arbeiter aller Länder das gleiche Interesse, ihr Kampf ist daher auch ein internationaler. Das„Vaterland“! Wer liebt nicht seine Heimat? Zieht es den in der Ferne, in fremdem Lande Lebenden nicht von Zeit zu Zeit mit Gewalt nach dem Orte oder der Gegend zurück, wo er geboren wurde, seine Kindheit verlebte, wo er die ersten und daher besten Eindrücke von der Welt bekam, dem Lande seines Vaters, dem„Vaterlande“? Wer kann sich diesem Drange, dieser Liebe zur„Heimat“ entziehen? Niemand! Kein Mensch!»Aber was hat das mit den politischen und wirtschaftlichen Interessen der Gemeinschaft, der Nation, des Voltes zu tun? Was ist denn das„Vaterland“? Ist es der Besitz? Dann hätten die Millionen Besttz⸗ loser ja gar kein Vaterland! Ist es der Boden, der nur Wenigen gehört? die Häuser? Was denn? Doch das Volk! Das ganze Volk, die Gemeinschaft, die Nation, das ist doch das „Vaterland“! Wer für die Interessen des Volkes eintritt— der vertritt die Interessen des Vaterlandes! Wer für die Hebung der Lage des Volkes, für bessere und gerechtere Einrichtungen im Staate, im Gemeinwesen so wirkt und kämpft wie die Sozialdemokraten — der ist der größte Vaterlands⸗ freund! Die besitzende Klasse versteht unter Vaterland“ nur ihren Besitz, ihren Geldsack: Für ihren Besitz, für ihren Geldsack eintreten — das nennen die Herren„patriotisch“! Ist das„patrtotisch“, wenn, wie im Reichstag festgestellt wurde, nattionalliberale Panzerplatten⸗ und Kanonen⸗Lieferanten das Reich bei Liefe⸗ rungen um 20 Millionen zu übervorteilen suchten? Wenn die natitonalliberalen Roheisen⸗ fabrikanten das Eisen nach dem Auslande billiger verkaufen als im Inlande, wo sie durch die mae dee sind? Wenn die national⸗ liberalen Bergwerksbesitzer die Kohlenproduktion in der größten Kohlennot einschränken, um Wucherpreise zu erzielen? Wenn Grundbesitzer beim Verkaufe ihres Grundbesitzes an die Re⸗ gierung zu militärischen Zwecken den Staat um 800 000 Mark betrügen? Das„Vaterland“ ist diesen Leuten eine Milchkuh! Für das ganze Volk, für das wirkliche Vaterland treten nur die Sozialdemokraten ein. Das Verhältnis der Parteien hat einmal sehr richtig ein Amtsrichter von Köller beurteilt. Er sagte: Wäre ich ein reicher Großgrundbesitzer, so wählte ich konservativ. Wäre ich ein reicher Maschinenfabrikant oder Grubenbesitzer, so wählte ich nationalliberal. Wäre ich ein reicher Großhändler oder Börsianer, so wählte ich freisinnig. Wäre ich aber ein Arbeiter, so wählte ich ganz selbstverständlich sozial⸗ demokratisch! Welcher Arbeiter möchte sich wohl an Ein⸗ sicht seiner Klasseninteressen durch einen Amts⸗ richter beschämen lassen? Zu den Reichstagswahlen. Wale Freisinn und Demokratie. Die am weitesten links, also uns am nächsten stehenden Parteien sind die Freisinnigen und Demokraten. Wenn wir sagen, sie stehen uns am nächsten, so ist das nur in politischer Beziehung zu verstehen, das heißt, der von uns geforderte 19 0 8 5 Ausbau der Gesetzgebung — freiheitliches und gleiches Wahlrecht, Preß⸗ und Versammlungsfreiheit— sind oder waren zum großen Teil auch ihre Forderungen. So⸗ weit aber unsere sozialistischen Ziele oder auch nur unsere wirtschafts⸗ und sozialpolttischen Forderungen in Betracht kommen, stehen uns die Freisinnigen mit derselben Rückständigkeit wie die übrigen Parteien gegenüber. Die Freisinnigen teilen f in zwei Gruppen, die Freisinnige Vereinigung und die Freisinnige Volkspartei, erstere unter Barth's, letztere unter Eugen Richters 5 Im Reichstage 11155 die Vereinigung 14 Abgeordnete, die Volks⸗ partei 27. Bei der letzten Reichstagswahl wurden für die Barth'sche Richtung 195700 Stimmen abgegeben, während Richter und sein Anhang noch 558 000 aufbrachten. Die beiden freisinnigen Parteien sind aus der„Deutsch⸗freisinnigen Partei“ hervor— gegangen, die sich im Jahre 1893 wegen der großen Militärvorlage spalteten, Barth, Schrader 2c. waren für die Bewilligung höherer Militär⸗ und Marineforderungen, während sich die um Eugen Richter dagegen sträubten. Die„Ver⸗ einigung“ unterstützt auch die China⸗ und Kolonialpolitik. Die Deutschfreisinnige Partei bildete sich 1884 aus der Fortschrittspartei, zu der sich seit 1861 die liberalen Gruppen des preuß. Landtags zusammengeschlossen hatten. Bei der Zolltarifvorlage führte die Freis. Vereinigung mit der Sozialdemokratie den Kampf. Sie tritt auch bis zu einem gewissen Grade für Sozialreformen und Arbeiterschutz ein und zwar mehr als das Zentrum. Für das Sozialistengesetz hat ein Teil der Frei⸗ sinnigen gestimmt, doch scheinen sie jetzt diesen Standpunkt verlassen zu haben. Die Freisinnige Volkspartei steht mit der Vereinigung sozial und politisch in der Hauptsache af demselben Boden. Früher vertrat sie in sozialen Fragen den Standpunkt des„laisser-aller“, des Gehenlassens, wendete sich deshalb gegen die Arbeiterversicherungs⸗ gesetze und ließ sich nur widerwillig zu Kon⸗ zessionen auf sozialreformerischem Gebiete herbei. Den Flottenvorlagen und der letzten großen Militärvorlage trat sie gegnerisch gegenüber; bei der Zolltarifvorlage beobachtete sie eine sehr laue Haltung und hinderte dadurch den Kampf egen die junkerliche Wucherpolitik. Wohl in tücksicht dessen, daß eine Anzahl freisinnige Mandate von der Gnade des Zentrums und der Konservativen abhängen, war es ihr darum zu tun, die Zolltarifvorlage vor den Wahlen fertig zu stellen und damit zu verhüten, daß die Vorlage zur Wahlparole wurde. Sogar in den Kämpfen um die Geschäftsordnung des Reichstags, verhielt sie sich äußerst gleichgiltig. Die Freisinnige Volkspartei verteidigt zwar das Reichstagswahlrecht, aber von einer Ueber⸗ tragung desselben auf die Landtagswahlen der Bundesstaaten will sie nichts wissen. Die Demokraten, oder wie sie sich offiziell nennen, die„Deutsche Volks⸗ partei“ brachte es bei der letzten Wahl auf 108 500 Stimmen und verfügt über 7 Abgeord⸗ nete. Diese Partei hat in Württemberg ihre Hauptanhängerschaft, die sich vornehmlich aus kleinbürgerlichen und kleinbäuerlichen Kreisen zusammensetzt. Fast in allen politischen und wirtschaftlichen Fragen geht sie mit der Frei— sinnigen Volkspartei einig, mit der zusammen ste gemeinsame Sitzungen abhält. In unserem Verbreitungsgebiet ist diese Partei fast gar nicht vertreten.— Auf die Bestrebungen der Polen, Welfen, Dänen, Elsässer, die mehr nationalistische Tendenzen verfolgen, sonst aber auch zu den rückschrittlichen Elementen zählen, brauchen wir hier nicht weiter einzugehen. Politische Rundschau. Gießen, den 14. Mai. Vom Tischtuch⸗Zerschneiden. Im rheinisch-westfälischen Kohlenrevier hielt Genosse Bebel vorige Woche mehrere überaus stark besuchte Wählerversammlungen 1 Miteldeutsche Sonntags ⸗Zeitung. Nr. 20. Seite 2. ab, mit riesigem Erfolge sur unsere Pariei. Stundenlang vor Beginn der Versammlungen wurden die Lokale von der Polizei wegen Ueberfüllung abgesperrt. In Dortmund sprach unser Genosse vor mehr als 5000 Zuhörern, in Essen vor mehr als 3000 Versammelten, das Lokal erwies sich hier als viel zu klein. Nach Schluß der Versammlung wurden unaus⸗ gesetzt Hochs auf den Genossen Bebel ausge⸗ bracht, die auf der langen Fahrt durch die Krupp'sche Fabrik sich immer wieder er⸗ neuerten, in endloser Reihe sich fortpflanzten. So freudig, aus vollem Herzen, wurde, wie unser Essener Parteiblatt meldet, in Essen kein Fürst begrüßt, wie der Führer der Sozialdemokratie, kurz nach der Aufforderung des Kaisers an die Arbeiter, das Tischtuch zu zerschneiden. In dieser Beziehung ist noch ein anderer Vorfall sehr lehrreich. Zur Einweihung des neuen Schachtes„Hannibal“ wurde von der Firma Krupp eine Feier mit Freibier und Musik in Hofstede⸗Provitze veranstaltet. Als der Alkohol bei ihnen zu wirken anfing, brachten einige Beamten nach einander verschiedene schwungvolle Toaste aus auf den neuen Schacht, den Unternehmer usw. Darauf erhat sich auch ein Bergarbeiter das Wort und führte aus: „Ich denke, daß es auch recht ist, daran zu denken, daß beim Abteufen des neuen Schachtes mehrere Kameraden ihr Leben lassen mußten.“ Kaum aber war ihm das Wort entflohn, so sprangen die Herren Beamten wie von Taranteln gestochen in die Höhe. Die Herren waren offenbar der Meinung gewesen, der Ar⸗ beiter werde pflichtgemäß einen Toast auf sie ausbringen und statt dessen war„der Kerl“ so frech, seiner Kameraden zu gedenken, die im Dienste des Kapitals ihr Leben, lassen mußten. Die Beamten gerieten in heftige Ent⸗ rüstung und schrieen:„Das gehört nicht hierher, das geht uns nichts an“ usw. Als dagegen einige organisierte Arbeiter Widerspruch erhoben, sprangen zwei Steiger auf und beförderten die „Ruhestörer“ an die frische Luft. Dann nahm die Feier ihren Fortgang... Solche Vorkommnisse helfen natürlich mit, die Arbeiterschaft der Sozialdemokratie zuzu⸗ führen. Die brutalen Gewalttaten der Indu⸗ striebarone und ihrer Organe sind der Grund, weshalb die schönen Kaiserreden ohne jede Wirkung bleiben. Mittelstandsretterei treiben die bürgerlichen Parteien jetzt in der Wahlagitation mit besonderer Vorliebe, um die Stimmen der Handwerker ꝛc. zu gewinnen. Ganz besonders tun sich da neben den Antise⸗ miten die Konservativen und Agrarier hervor, die, soweit sie auf städtische Wähler spekulieren, besonders auf die Mittelstandskreise rechnen, da sie bei diesen die nötige politische Beschränkt⸗ heit voraussetzen, die sie auf den antisemitisch⸗ agrarischen Leim gehen läßt. Leider hat diese Rechnung noch immer nicht völlig getrogen. Während die umsichtigeren Kreise des Mittel⸗ standes mehr und mehr zu der Erkenntnis kommen, daß auch für sie nur in einer gesunden Vorwärtsentwicklung das Ziel liegt, fallen die zünftlerisch verseuchten Teile des Kleinbürger⸗ tums immer auf's Neue auf die antisemitisch⸗ agrarischen Lockungen nach rückwärts hinein. Diesen Lockungen einen neuen Anstrich zu geben, reicht die Geistesarmut der Mittelstandsretter aber nicht aus. So müssen denn die alten Ladenhüter der„Mittelstandspolitik“ immer auf's Neue herhalten, und man versucht den Kleinbürgern klar zu machen, daß sie von der Gesetzgebung als„Stiefkinder“ behandelt würden. Das Organ des dicken Agrarier Oertel klagt über Langsamleit der Gesetzgebung soweit die Mittelstandspolitik in Frage käme, während man Wünschen„von anderer Stelle“ schneller entgegen komme. Mit den Wünschen von anderer Stelle meint man aber nicht etwa die Ansprüche des Militarismus, die allerdings den Mittelstand furchtbar belasten, für die aber die sog.„Mittelstandsparteien“ eintreten, sondern man meint die lächerlich geringfügigen sozralpoltrischen Verbesserungen, welche die Gesetzgebung gebracht hat. Gegen diese möchte man den verständnistosen Teil des Kleinbürgertums aufhetzen. Das Zünftlertum, das sich die Führung des Mittelstandes anmaßt, macht es ja ebenso. Klagt doch auch der Wahlaufruf des„Zentralausschusses vereinigter Innungsverbände Deutschlands“: „Beschränkungen der Erwerbsmöglichkeiten, kleinliche Vorschriften, die den ehrlichen einfachen Mann zur Verzweiflung bringen können, sind an der Tagesordnung; heute ist das Bäckergewerbe, das Gastwirtsgewerbe an der Reihe, morgen wird ein anderer Beruf mit einer Gesetzmacherei beglückt, deren Vorteile in keinem Verhältnisse stehen zu der Verbitterung, die durch sie erzeugt wird. Dort, wo der Staat seine Machtmittel zweck⸗ mäßig entfalten sollte, beim Submisstons⸗ unwesen, bei der Gefängnisarbeit, bei un⸗ lauterem Wettbewerb, bei dem Unfug der Konsum-, Rabatt⸗ und Beamten⸗Vereine ꝛc., versagt er. Die Wahlen bieten die einzige Möglichkeit, Wandel zu schaffen.“ Das werden sie nun freilich nicht. Mögen die Herren auch noch so großen Zorn auf den Grafen Posadowsky haben, weil er konstatirte, daß der Handwerkerstand„seine Rolle ausge⸗ spielt“ habe, ändern werden sie an der Tatsache nichts. Mit ihrer ausgesprochenen Feind⸗ seligkeit gegen den Arbeiterschutz zeigen sie nur ihre ganze Kleinlichkeit, Engherzigkeit und ihren Klassenegoismus. Für sich selbst verlangen sie„Schutz gegen den ungezügelten Kapite⸗ lismus“, den Arbeitern wollen sie aber das Bißchen Schutz, das sie genießen, entziehen, um selbst ungezügelt die Ausbeutung ihrer Ar⸗ beiter betreiben zu können. Künstliche Fleischverteuerung. Mit dem Fleischbeschaugesetz will man den Agrariern zu hohen Fleischpreisen verhelfen, dabei wird aber zugleich dem Volke die Fleisch⸗ nahrung so gut wie vorenthalten. Wie die „Allgemeine Fleischerzeitung“ berichtete, wurden mehrere aus Holland kommende Sendungen gekochter Lebern auf der Fleischbeschaustelle des Berliner Hauptzollamtes nicht zur Ein⸗ fuhr zugelassen. Das Blatt bemerkt dazu, daß die Zurückweisung im Widerspruch steht mit der Zulassung ausländischer Lebern in Ham⸗ burg, an den holländischen und anderen Grenz⸗ stationen. Nach der bisherigen Praxis der Zollämter hätten die Interessentenkreise der Ansicht sein müssen, daß der Einfuhr gekochter Lebern nichts entgegenstände, dieser Ansicht set auch der wissenschaftliche Berater der Reichs⸗ regierung, Dr. Ostertag, gewesen. Nunmehr soll aber die Einfuhr gekochter Lebern in das Zollinland durch eine Verfügung der zuständigen Reichsbehörden allgemein verboten werden. So sei es zwischen den Bundesregierungen vereinbart worden. Das ist ein schwerer Schlag besonders für die deutsche Wurstfabrikation, die ohne die Einfuhr von ausländischen Lebern gezwungen sein wird, ihren Betrieb erheblich einzuschränken. Damit werden die Preise natürlich steigen. Und das ist's, worauf es ankommt, damit die agrarischen Schweinezüchter mehr herausschlagen können. Grenzsperre und Viehseuchen. Aus Hildesheim schrieb man dieser Tage der„Frkft. Ztg.“: Die Schweineseuche, die noch vor wenigen Jahren in Deutschland eine seltene Erscheinung war, scheint jetzt trotz der für Schweine eingeführten Grenzsperre in be⸗ drohlichem Umfange vorzukommen, was in erster Linie der übermäßigen Forcierung ber Schweine⸗ zucht und Mast zuzuschreiben ist. In den letzten Wochen wurde diese Seuche auf 14 Gehöften im Kreise Alfeld und auf 4 Gehöften im angrenzenden Kreise Marienburg bei Hildes⸗ heim fur erloschen erklärt. Dem„Hannov. Kurier“ zufolge häufen sich auch im Amtsblatt für Lippe die Bekanntmachungen über den Ausbruch der Schweineseuche im Lippeschen. Wenn bei einem vom Auslande eingeführten Stück Rindvieh die Maul⸗ und Klauenseuche festgestellt ist, so erhebt sich in der gesamten agrarischen Presse ein gewalriger Larm. Ueber die ungleich geläbz⸗ lichere Schweineseuche wird dagegen geschwiegen, ein sicherer Beweis, daß sie nicht vom Auslande eingeschleppt ist.“— Das sind auch die andern Viehseuchen nicht. Mit dem Geschret von der Viehseuchen⸗Einschleppung vom Auslande ver⸗ folgen die Agrarier blos den Zweck, die Grenz⸗ sperre zu„rechtfertigen“, durch die ihnen höhere Preise gesichert werden. a Christentum und Sozialdemokratie. em Genossen Meis in Gelsenkirchen starb vor einigen Tagen ein Kind. Da er aus der Kirche ausgetreten, verweigerte die Geist⸗ lichkeit die Aufnahme der Leiche auf den Fried⸗ hof, weshalb er gezwungen war, die Polizei in Anspruch zu nehmen. Diese verfügte, daß die Beerdigung auf dem Kommunalfriedhofe der der Stadt Gelsenkirchen eingemeindeten Gemeinde Hüllen zu erfolgen habe. Der Polizei⸗ kommissar glaubte nun, jedenfalls aus Rücksicht auf die Geistlichkeit, noch ein Uebriges tun zu müssen und bestimmte, daß die Kindesleiche auf dem„Verbrecherplatz“, wo sonst die Selbstmörder und totgeborenen Kinder beerdigt werden, beigesetzt werde.— Im Winter von 1898 auf 1899 starben dem Genossen Meis kurz hinter einander zwei Kinder. Die Geist⸗ lichkeit beider Konfessionen, katholisch und evangelisch, verweigerte die Aufnahme der Leichen auf ihren konfessionellen Friedhöfen. Beide Kirchhofseingänge wurden hierauf ge⸗ schlossen und noch extra mit einem Vorhänge⸗ schloß versehen. Die Polizei ließ jedoch den katholischen Friedhof öffnen, auf dem nun— wohl mit Rücksicht auf die früher katholische Konfession des Genossen Meis— die Beisetzung der Kinder erfolgte, jedoch„unter der Hecke“. Aber die fromme Toleranz hatte hiermit noch nicht ihr Ende erreicht. Meis hatte auf den beiden 15 f Denkmäler gesetzt, schlicht aus Holz gefertigt— nicht in Kreuzform.— Diese Denkmäler wurden wohl mindestens ein Dutzend Mal gewaltsam ausgerissen, aber immer wieder von Beauftragten aufgerichtet. Schließ⸗ lich verschwanden diese Zeichen der Pietät ganz, d. h. sie wurden in's Totenhäuschen gebracht. Einige Tage später waren auch die Grabhügel der Erde vollständig gleichgemacht. Auf einen Strafantrag, den Meis wegen Grab⸗ schändung gegen die Uebeltäter stellte, erhielt er zur Antwort, daß die Grabhügel von un⸗ kundiger Hand, nämlich von der Polizei ge⸗ stellten Arbeitern, angefertigt und in Folge dessen wohl eingesunken seien.(Die Hügel waren, wie hier bemerkt sei, nicht von Polizei⸗ arbeitern, sondern vom Totengräber selbst an⸗ gefertigt.)— Mit den Lügengeweben, die über das Verhalten der Sozialdemokratie gegenüber dem Christentum erzählt werden, vergleiche man obige den Tatsachen völlig entsprechende Darstellung, wie Vertreter des Christentums der Sozialdemokratie gegenüber oder vielmehr aus Haß gegen diese an den armen, unschuldigen, verstorbenen Kinderchen eines Sozialdemokraten handeln. Kolonialheld begnadigt? Kürzlich ging die Nachricht durch die Presse, der Prinz Prosper Arenberg, der wegen Mordes eine fünfzehnjährige Gefängnisstrafe verbüßt, sei begnadigt worden und solle das Gefäng⸗ nis bereits verlassen haben. fang des Jahres 1900 drangen nach Deutsch⸗ land die ersten Nachrichten über die Greueltaten, die ein Alleredelster der Nation, der Prinz Arenberg, in Südwestafrika begangen hatte. Der Prinz geriet mit einem Eingebornen in Streit, weil er ihm nicht genug Weiber zuführte. Er befahl einem Soldaten, auf den Unbot⸗ mäßigen zu schießen, der Sodat weigerte sich erst und schoß dann dem armen Teufel, dazu gezwungen, so vorsichtig wie möglich in's Bein. Hiernach geruhte der prinzliche Kulturträger den Mann höchstselbst todtzuschießen und ihm den Ladestock in's Gehirn zu stoßen. Das Todesurteil, das über diesen prinzlichen Mörder notwendig ausgesprochen werden mußte, wurde im Gnadenweg zu einer fünfzehnjährigen Zuchthausstrafe, durch einen neuen Gnadenak⸗ zu einer ebenso langen Gefsnanisstrafe umget Zu An⸗ — ꝙ’„!— Nr. 20. Mitteldeutsche Sonntags⸗geitung. Seite 3. wandelt. Wäre die völlige Begnadigung wirklich erfolgt, so hätte der prinzliche Mörder, der im Gefängnis eine Behandlung erfuhr, um die ihn jeder sozialdemokratische Redakteur in Preußen beneiden kann, nur einen sehr kleinen Teil der beispiellos mil den Strafe verbüßt.— Doch jetzt heißt es, der Prinz sei unzurechnungsfähig und sei bereits entmündigt worden. Er soll bereits bei Begehung seiner kolonialen Scheußlichkeiten nicht zurechnungsfähig gewesen sein und deshalb wäre das Wiederaufnahme⸗ verfahren beantragt worden. Man hält es für wahrscheinlich, daß er demnächst aus dem Gefängnis in's Irrenhaus übersiedelt.— Der Weg, der jetzt eingeschlagen worden ist, führt ebenso sicher zum Ziele und macht nicht den peinlichen Eindruck, den eine Begnadigung des Mördes hervorgerufen hätte. Verbrecher aus den Kreisen der Edelsten und Besten sind fast regelmäßig geisteskrank— siehe die Kindesmörderin Baronesse Seckendorf— und entgehen so der Strafe. Nonitzer„Ritualmord“ als Wahlparole. Die Antisemiten im pommerschen Wahlkreise Schlochau⸗Flatow haben sich eine„zugkräftige“ Wahlparole zugelegt. Wie unser Hamburger Parteiorgan schreibt, ist in einem von dem Verleger der„Staatsbürgerzeitung“ heraus⸗ gegebenen Wahlflugblatt zu lesen: „Das mutige, unerschrockene Eintreten der „Staatsbürgerztg.“ für die Wahrheit ist uns Allen noch aus den Vorgängen, die mit dem Konitzer Mord in Verbindung standen, be⸗ kannt. Der Kreis, den der unglückliche Ernst Winter seine Heimat nannte, muß bei der kommenden Wahl einen Antise⸗ miten in den Reichstag entsenden; dafür zu wirken, ist Ehrenpflicht aller Der⸗ jenigen, die noch nicht vergessen haben, was durch jüdische Ränke und Tücke über uns 1728 wurde und noch fortdauernd gebracht wird.“ Wie schief es mit der Wahrheit stand, für welche die Staatsbürgerzeitung eintrat, hat der Prozeß gegen ihre beiden Redakteure gezeigt, die zu einem Jahre bezw. sechs Monaten Ge⸗ fängnis verurteilt worden, weil sie verlogener⸗ weise Leute der Mittäterschaft oder Mitwissen⸗ schaft an dem Morde des Gymnasiasten Winter beschuldigten. Traurig, sehr traurig für eine Partei, die keine besseren Waffen hat, als in dieser Art auf die niedrigsten Leidenschaften zu spekulteren. Vom gräflichen Antisemitenführer. Der Graf Pückler aus Klein⸗Tschirne in Schlesten machte in den letzten Tagen wieder einmal von sich reden. Vor längerer Zeit ist erst seine Revision gegen das Urteil, wodurch er wegen Zerstörung einer Feldbahn zu 14 Tagen Gefängnis verurteilt wurde, verworfen worden. Kürzlich mußte er nun wieder vor Gericht erscheinen, weil er— Hunde auf Kinder hetzte! Ueber diese rohe Tat wurde berichtet: Durch den Gutshof des Grafen geht von jeher ein Durchgang nach Skeyden, den aber der Graf jetzt gewaltsam zu verhindern bemüht ist. Am 14. Februar d. J. hatten Kinder aus Skeyden beim Geistlichen in Kl.⸗ Tschirne Konfirmanden⸗Unterricht. Als sie im Begriff waren, ihre Rückkehr nach Hause durch den Gutshof zu nehmen, hetzte der Graf seinen großen Bernhardinerhund auf diese friedlichen, harmlosen Kinder, sodaß sie erschreckt auseinander liefen. Auf Befehl des Grafen verfolgte sie noch sein Inspektor, um sie anzuhalten. Auf erstattete Anzeige erging gegen den Grafen sowohl, wie gegen dessen ö Inspektor, ein Strafbefehl in Höhe von je 10 Mark, wegen Hetzens von Hunden auf Menschen. Der Graf beruhigte sich bei diesem Strafbefehl und erlegte die Geldstrafe. Der Inspektor erhob Widerspruch und wurde vom Glogauer Schöffengerichte freigesprochen, da erwiesen wurde, daß nicht er, sondern nur der Graf den großen Hund auf die vom Konfirmanden Unterricht ruhig heimkehrenden Kinder gehetzt hat.— Die Antisemiten können wirklich stolz sein auf ihren Häuptling! Judenhetze in Rußland, Scheußliche Mißhandlungen wurden an jüdischer Bevölkerung in Kirschinew, im russischen Gouverment Bessarabien, verübt. Unter den Augen der Behörden und der Polizei ja sogar auf Anstiften derselben wurden 45 Personen getötet 74 schwer, 350 leicht verletzt. Die Einzelheiten spotten aller Be⸗ schreibhung. Kinder wurden aus dem 3. und 4 Stock auf die Straße geworfen, Frauen geschändet und in der scheußlichsten Weise gequält. Gegen 700 Juden gehörige Häuser und 600 Geschäftslokale wurden geplündert. Der Bericht des Mtnisters führte die Tumulte auf das falsche Gerücht zurück, die Juden hätten in Dobossory Ritualmorde verübt. Daß die Unterdrückung der Unruhen nicht sofort gelang, dafür sei die Poltzei in Kischinew verantwort- lich, der„offenbar die nötige Leitung fehlt.“ Saubere Zustände im heilgen Rußland! Wer ist wahlberechtigt? Ueber die Frage, wer und wo jemand wahlberechtigt ist, herrscht noch vielfach und besonders in Arbeiterkreisen Unklarheit. Es erscheint deshalb angebracht, nochmals eingehend auf die Bestimmungen über die Wahlberechtigung aufmerksam zu machen. Wir bitten unsere Freunde, sich diese Zusammenstellung aufzubewahren, um vor⸗ kommenden Falls selbst Auskunft erteilen zu können. Wie alt muß der Wähler sein? Zum Reichstag wählen kann jeder Deutsche männ⸗ lichen Geschlechts, welcher das 25. Lebensjahr am 16. Juni 1903 zurückgelegt hat, also späte stens am 16. Juni 1878 geboren ist. Muß der in Hessen Wählende Hesse, der in Preußen Wählende Preuße sein? Keineswegs; er muß nur Deutscher sein. Welchem Bundesstaate er angehört, ist für die Berechtigung zur Reichstagswahl ganz gleich. Welcher deutsche Mann ist vom Wählen ausgeschlossen, wiewohl er 25 Jahre und älter ist? Wahlberechtigt sind nicht: 1. Personen des Soldatenstandes des Heeres und der Marine, so lange sich dieselben bei der Fahne be⸗ finden; demnach sind Zahlmeister und Gendarmen, nicht aber Zahlmeister⸗Aspiranten für wahlberechtigt erachtet. 2. Personen, welche unter Vormundschaft oder Kuratel stehen. 3. Personen, über deren Vermögen Konkurs gerichtlich eröffnet ist, und zwar während der Dauer dieses Konkurs verfahrens. 4. Personen, welche eine Armen⸗Unterstützung aus öffent⸗ lichen oder Gemeindemitteln beziehen oder im letzten der Wahl vorhergegangenen Jahre, also seit dem 16. Juni 1902, bezogen haben. 5. Personen, denen infolge rechtskräftigen Erkenntnisses der Vollgenuß der staatsbürgerlichen Rechte entzogen ist, für die Zeit der Entziehung, sofern sie nicht in diese Rechte wieder eingesetzt sind. Was gehört nicht zur Armenunterstützung aus öffentlichen oder Gemeindemitteln? Steuerrückstände, Schulgeldreste, Erlaß von Schul⸗ geld, unentgeltliche Lieferung von Lehrmitteln, Aufnahme von Kindern in einer Freischule, Weihnachtsgeschenke an die Kinder und dergleichen sind kein Grund, einen Wähler vom Wahlrecht auszuschließen. Auch ist es nicht als Armenunterstützung zu erachten, wenn Jemand infolge eines außerordentlichen Unglücks, zum Beispiel Feuersbrunst, Mißernte, Ueberschwemmung, eine Unterstützung aus öffentlichen Mitteln erhielt. Ebenso⸗ wenig wird als Armenunterstützung die Liebesgabe er⸗ achtet, die alljährlich in Höhe von Millionen infolge der Schnapsbesteuerung und der Zölle auf notwendige Lebens⸗ mittel reichen Leuten zugewandt wird. Als Armen⸗ unterstützung ist nur das einem Hilfsbedürftigen oder seinen Familien⸗Mitgliedern von dem Armen verband oder der Gemeinde gewährte Obdach, der unentbehr— liche Lebensunterhalt, die erforderliche Pflege in Krank⸗ heitsfällen und die Beerdigung zu erachten. Ist beispielsweise ein krankes Kind, dessen Vater die erforderliche Pflege nicht beschaffen konnte, in einem Krankenhaus aus öffentlichen Mitteln aufgenommen, so verliert der Vater das Wahlrecht, wenn die Aufnahme in der Zeit zwischen dem 16. Juni 1902 und 15. Juni 1903 erfolgt ist.— Private Wohltätigkeit, Zuwendung aus Stiftungen, Darlehen, das Armenrecht bei der Prozeßführung und dergleichen sind keine Armenunter⸗ stützung.— Wo, an welchem Ort ist zu wählen? Das Wahlrecht muß in dem Wahlbezirk ausgeübt werden, in dem der Wähler zur Zeit der Wahl seinen Wohnsitz hat. Hat der Wähler mehrere Wohnsitze, so ist er in mehreren Wohnsitzen eingetragen, darf aber nur in einem Orte wählen. Wählen kann aber nur der, der in der Wählerliste steht. Des⸗ halb ist es für jeden notwendig, sich zu überzeugen, ob man in der Wählerliste eingetragen ist. Insbesondere ist es wichtig für Bauarbeiter, Landarbeiter, Saisonarbeiter, Monteure ꝛc., die zur Zeit der Wahl nicht in ihrem Heimatsort sich aufhalten, darauf zu achten, daß sie in die Wählerliste des Ortes einge⸗ tragen werden, wo sie arbeiten. Die Niederlassung au einem Orte mit der Absicht längeren Verweilens berechtigt nach wiederholten Entscheidungen der Wahlprüfungskommisston zur Wahl an diesem Orte. Von diesem Grundsatze ausgehend hat die Wahlprüfungskommission ausgesprochen:„Kellner, welche in einem Badeorte für die Badesaison in Stellung treten, Saisonarbeiter, Feld arbeiter, welche die Woche hindurch außerhalb ihres Wohnortes arbeiten, den Sonntag aber am Wohnorte zubringen, sind am Orte ihrer Beschäftigung wahlberechtigt und deshalb auch in die Wählerliste dieses Ortes einzutragen.“ Ebenso liegt es mit solchen Personen, die sich zur Kur an dem Orte einer Heilanstalt mit der Absicht längeren Verweilens aufhalten. Alle diese Personen tun gut, an dem Orte, wo sie wählen wollen, sich auch ausdrücklich vor Offenlegung der Liste, also vor dem 18., spätestens aber am 25. Mat polizeilich anzumelden: eine polizeiliche Abmeldung von dem früheren Wohnort, der auch beibe⸗ halten werden soll, ist nicht erforderlich; man kann mehrere Wohnorte haben. Wo wählt der, der nach dem 25. Mai verzieht? Den durch die Vorschrift des Wahlgesetzes hierüber hervorgerufenen Zweifel hat die Wahlprüfungskommission dahin entschieden:„Wechselt ein Wähler nach der Auf⸗ stellung der Mählerlisten den Wohnort, so bleibt er in dem Ort, in dessen Wahlbezirk er eingetragen ist, bis zur Stichwahl wahlberechtigt.“ Wer also beispielsweise am 1. Juni von Gießen nach Wetzlar verzieht, bleibt in Gießen wahlberechtigt. Will er in Wetzlar wahlberechtigt werden, so muß er spätestens am 25. Mai in Wetzlar seinen Wohnsitz nehmen und Fürsorge treffen, daß er bis spätestens am 25. Mai in die dortige Wählerliste ein⸗ getragen wird. Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung. F Der Streik der Zimmerleute in Limburg ist beendigt. Die Zimmermeister haben die geforderte 10 stündige Arbeitszeit und 36—38 Pfg. Stundenlohn bewilligt. Die Schreineraussperrung, mit welcher die Frankfurter Unternehmer ihren Arbeitern drohten, scheint nicht zur Ausführung zu kommen. Am Montag fand wegen der Differenzen ein Einigungsversuch vor dem Gewerbegericht statt, wobei die Vertreter des Holzarbeiter⸗ und des Arbeitgeberverbandes anwesend waren und die in der Hauptsache zu einer Verständigung führte. Danach soll der Streik bei Kothe beigelegt werden, worauf dann die Aussperrung unterbleiben. Herr Kothe wird sich wohl nun endlich dazu bequemt haben, dieselben Arbeitsbedingungen einzuführen, die in andern Geschäften längst üblich waren. Musterhaft steht die Holzarbeiterorganisation da, sonst hätte sich auch nie der Arbeitgeber⸗ verband zu Verhandlungen herbeigelassen, sondern die Arbeiter wären auf die Straße geflogen! Die Holzarbeiter anderer Orte mögen sich daran ein Beispiel nehmen! + Bei der Ge werbegerichtswahl in Nürnberg erhielt die Liste des Gewerkschafts⸗ kartells 7613 Stimmen gegen 3056 im Jahre 1900. Dagegen konnte die„unabhängige“ Wahlliste, das heißt die von den Hirsch⸗ Dunkeriauern und Christlichen aufgestellte, nur 471 auf sich vereinigen, trotzdem die Namen mehrerer bekannter sozialdemokratischer Gewerk⸗ schaftsführer ohne Einwilligung derselben dar⸗ auf gesetzt waren. Das Manöver nützte aber auch nichts. ——ů— Von Nah und Lern. Gießener Angelegenheiten. — Die Stadtverordnetenversam m⸗ lung wählte in der letzten Sitzung den bis⸗ herigen Magistratsassessor Kurschmann zum besoldeten Beigeordneten. „ eee. *———— .]——.—.———— 5* ——— Seite 4. ä————ů— Mitteldentsche Sountaas⸗Zeitung Nr. 20. die„Freie Turuerschaft Gießen“ hält Samstag, den 16. d. Mts., abends 9 Uhr, im Turunlokale eine außerordentliche Generalversammlung ab. Die wichtige Tagesordnung, worauf auch der Punkt„Tur n⸗ hallen baufrage“ steht, dürfte jedes Mit⸗ glied, besonders auch die passiven, zum Besuch dieser Versammlung veranlassen. g. Hochmut vor dem Falle. Cs war am Abend des dritten Mai. Von Wieseck herein bewegte sich wie eine riesige feurig⸗bunte Schlange ein großer Fackelzug— unsere Ge⸗ nossen, die von der Maifeier in Wieseck zurück⸗ kehrten. Von der Ferne sah der Zug wunder⸗ hübsch aus und es bildeten sich hier und da Gruppen und betrachteten das herrliche Schau⸗ spiel. Zu einer solchen Gruppe trat ein Feldwebel und als er hörte, daß es von der Malfeier zurückkehrende Arbeiter waren, nach denen man blickte, wandte er sich ver⸗ ächtlich mit den Worten ab:„So, das sind die Lumpen!“„Wieso können Sie wissen, daß das Lumpen sind?“ bemerkte ein in der Nähe befindlicher Arbeiter,„diese Leute arbeiten die ganze Woche und müssen ihr Brot ehrlich verdienen!“—— Am Dienstag darauf wurde jener Feldwebel— Jöckel ist sein Name— verhaftet, weil er sich als Ver⸗ walter des Offtziers Kasinos⸗Unterschlagungen hatte zu schulden kommen lassen. Wer ist nun der Lump? — Liberale Kandidatennot. Nun hatten die Liberalen mit vieler Mühe endlich einen Kandidaten in der Person des Offenbacher Handelskammersekretärs Schloßmacher er⸗ wischt, priesen sich glücklich ob dieser Eroberung und jetzt— ist's damit wieder nichts! Herr Schloßmacher hat die Kandidatur abgelehnt. Wieder dieselbe Geschichte wie 1898, wo man schließlich noch den alten Onkel eines hiesigen Professors aufstöberte, der gutmütig genug war, sich auf die Wahlbühne stellen zu laͤssen. Was nun? Am Ende bleibt doch nur noch Herr Jean Kirch übrig, der sicher mit Vergnügen zugreifen würde.— Oder will man im liberalen Lager überhaupt auf eine Kandidatur verzichten und gleich im ersten Wahlgange den Antisemiten Köhler wählen? Uns kam das Gerücht zu Ohren, daß dafür bei der Nationalliberalen Neigung vorhanden sei und so ganz unglaublich erscheint das nicht. — Liebigfeier. Am Dienstag feierte die hiesige Universitäe den hundertsten Geburtstag Justus v. Liebig's, des bahnbrechenden Chemikers, der am 12. Mai 1803 in Darmstadt geboren wurde. In der reich dekorierten Aula hielt Professor Dr. Naumann vor zahlreichen Publikum die Festrede. An dem in der Ost⸗ anlage befindlichen Liebigdenkmal wurden von Seiten der Stadt Gießen, sowie der Universität und der techn. Hochschule in Darmstadt Lorbeer⸗ kränze niedergelegt. — Geistiges Elend. Wir müssen noch⸗ mals mit wenigen Worten auf den famosen Mai⸗Artikel des„Gießener Anzeigers“ zurück⸗ kommen, dessen phänomenale national⸗ökono⸗ mische Weisheit wir schon in der letzten Nummer bloslegten. Das Amtsblatt hatte sich in seinem konfusen Geschreibsel, womit es unsere Maifeier verhöhnen wollte, zu der Behauptung verstiegen, daz es in jedem Stand„Elend“ gebe. Einem so einfältigen, von geradezu verblüffenden Unverstand in sozialen Dingen zeugenden Ein⸗ wand gegenüber hielten wir uns für berechtigt, vom„geistigen Elend“ in Reptilblatt⸗Redaktionen zu sprechen. Das ist allerdings etwas unhöflich. Wie recht wir aber damit hatten, beweist solgende fingierte Briefkastennotiz in der Sonn⸗ tagsnummer des Anzeigers, die eine Antwort auf unsere Notiz sein soll: „Jene phrasendreschenden„Elend“ Tiere scheinen in ihrer Ignoranz nicht zu wissen, daß es auch physisches Elend giebt.“ Soll man dagegen noch polemisieren? Wenn von den allgemeinen sozialen Ver⸗ hältnissen die Rede ist, wo klar und deutlich von dem materiellen und sozialen Elend ge⸗ sprochen wird, mit physischem(körperlichen) Elend zu kommen, ist doch etwas stark. Die Amtsblattredaktion soll sich in diesen Dingen von ihren Setzerlehrjungen aufklären lassen. Parteigenossen allerorts! Seht die Wahllisten nach! Aus dem Rreise gießen. Trohe haben sich unsere Genossen eine Fahne für ihren Verein zugelegt. Das erregte den Aer ger des Kriegervereinsvorsitzen⸗ den, der sich um die Bezahlung der Fahne bekümmern zu müssen glaubte und fragte, ob die Fahne auch schon bezahlt sei. Es wurde ihm aber geantwortet, daß er sich lieber die Be⸗ zahlung der Kriegervereinsfahnen angelegen sein lassen sollte. Denn aus eigenen Kräften, ohne Unterstützung von anderer Seite wären die Herren dazu nicht im Stande. — Von der Mahlagitation. Vergangene Woche hatten wir uur eine einzige Wählerversammlung, weil die uns zur Verfügung stehenden rednerischen Kräfte anderwärts angespaunt waren. Diese Versammlung fand in Ruppertenrod am Samstag Abend statt und die klaren und verständlichen Ausführungen des Genossen Krumm, der dort sprach, wurden von den zahlreichen Besuchern mit lebhaftem Beifall entgegengenommen. Diesen Samstag und Sonntag finden mehrere Vesammlungen in Hungen und Umgebung statt. An unsere Genossen allerorts richten wir wiederholt die Bitte, dem Wahl⸗ komitee in Gießen(Adresse: Stadtverordn. Orbig, Rittergasse) Mitteilung machen zu wollen, wenn irgendwo Versammlung gewünscht und abgehalten werden könne. n Aus dem Nreise Friedherg⸗Büdingen. e. Volksversammlung in Lehnheim. Von ca. 150 Personen sprach hier am Sonntag unser Reichstagskandidat, Gen. Busold über die bevorstehenden Reichstagswahlen. Er setzte das soztaldemokratische Programm in kurzer und klarer Weise auseinander, schilderte dann die Tätigkeit unserer Genossen im Reichstage, wobei er auf die durch die Riesenausgaben für Heer und Marine, sowie durch Kolontal⸗ politik hervorgerufene Schuldenwirtschaft im Reiche hinwies, die eine Last für das Volk dar⸗ stelle. Ebenso führte er die Schäden des Zoll⸗ tarifs und der indirekten Steuern vor Augen. Mit großem Beifall wurde die zweistündige Rede Busolds entgegengenommen. Mit einer Mahnung des Vorsitzenden, am Wahltage die Pflicht zu erfüllen, schloß die Versammlung. Wie man Sozialdemokraten züchtet. Aus Staden schreibt man uns: Seit Menschengedenken gehört hier die Neujahrs⸗ nacht zu den Feiertagen, an denen Poltzeistunde nicht geboten wird. Nun haben voriges Jahr einige junge Leute ihren Mädchen(die zufällig im Pfarrhause bedienstet waren) durch eine harmlose Pistolenknallerei die landesübliche Kour geschnitten. Dies schreckliche Verbrechen mußte dieses Jahr gerochen werden; 12 Personen(fast alle ehrenhafte solide brave Familienväter) müssen je Mk. 7—16 blechen, trotzdem ihnen, sowie auch dem Wirt von einer Poltzeistunde nichts bekannt war. Dagegen betrachte man das Leben in den Städten, z. B. in Gießen, wieviele hunderte Mark müßten hier in der Neujahrsnacht bezahlt werden, wenn mit dem Stadener Maße gemessen würde. So züchtet man die Unzufriedenheit und mit ihr neue Sozialdemokraten; die Behörden scheinen daran nicht genug zu haben. aus dem Rreise Alsfeld⸗Cauterbach. ' Kreiskonferenz für den Wahlkreis Alsfeld⸗ Lauterbach. Am Sonntag morgen fand in Als feld eine Kreiskonferenz statt, welche von Alsfelder und Schottener Genossen besucht war. Nachdem Genosse Krumm ⸗Gießen in längeren Ausführungen die Be⸗ deutung der bevorstehenden Reichstagswahlen behandelt hatte, wurde Genosse Dr. Michels-Marburg einstimmig als Reichstagskandidat aufgestellt. Nachmittags fand die Maifeier auf der Pfefferhöhe statt, welche trotz des schlechten Wetters sehr gut besucht war. Genosse Brand⸗ Frankfurt hielt die Festrede. Er entledigte sich dieser Aufgabe in sehr geschickter Weise. Darauf fand Tanz statt, welcher in der schönsten Weise verlief. Alsfeld. Wegen hier vorgekommener Sit t⸗ lichkeitsverbrechen, die an zwei schulpflichtigen Kindern verübt wurden, war am Samstag der Unter⸗ suchungsrichter anwesend, um weitere Feststellungen zu machen. Die Täter sind fast ausnahmslos Angehörige der sogenannten„besseren“ Kreise, in denen die Geschichte Wenn es sich darum höchst peinlich empfunden wird. um Arbeiter handelte, saßen sie vielleicht längst hinter Schloß und Riegel. t. Stellvertreter Gottes. Was für Leute oft bei dem Militär Unteroffiziere werden, zeigt folgender Fall. In dem nahegelegenen Altenburg hatte vor etlichen Jahren ein junger Bursche einem Mann in den Unterleib gestochen, daß an seinem Aufkommen gezweifelt wurde. Der gefährliche Mensch erhielt dafür 1 Jahr 4 Manate Gefängnis, wurde daun zum Militär einge⸗ zogen, meldete sich nach China und machte den Hunnen⸗ krieg mit. Er hat sich dort wahrscheinlich gut ausge⸗ zeichnet und in der Heimat angekommen, wurde er an⸗ genommen zum Unteroffizier, trotz seiner frühren hohen Strafe. Nun hatte man doch kein Glück mit diesem Burschen, denn sein rohes Wesen hatte ihm schon etliche Strafen eingebracht. Das Maß scheint aber doch voll gewesen zu sein, jetzt ist er mit 3 Monaten und Degra⸗ dation bestraft worden. Der Soldatenschinder ließ die Rekruten nachts im Hemd exerzieren, dabei gab es welche mit der Klopfpeitsche. Durch dieses Verhalten ist auch ein gemeiner Soldat mit 7 Wochen Arrest hinein⸗ gefallen, weil er sich an dem Quäler vergriffen hat. (Vermutlich handelte es sich bei der Anklage gegen den Feldwebel Banse, welcher sich dieser Tage vor dem Gießener Kriegsgericht wegen Urkundenfälschung zu verantworten hatte, um denselben Unteroffizier. Der Feldwebel wurde beschuldigt, die Vorstrafen des Unter⸗ offtziers absichtlich nicht in dessen Personalakten einge⸗ tragen zu haben und auf Grund der gefälschten Papiere sei die Beförderung zum Unteroffizier erfolgt. Es wurde jedoch festgestellt, daß die Angaben betr. die Vorstrafen von irgend einem Unbefugten durchstrichen worden waren, so daß dem Feldwebel keine Schuld traf vnd er freigesprochen wurde. Danach konnten also die maßgebenden Stellen keine Kenntnis von den Vorstrafen haben. D. R.) Aus dem Rreise Wetzlar. h. Antisemitische Wahlagitation. Wenn der Wahlerfolg einer Partei nur davon abhinge, wie⸗ viel und wie lange sie agitiert, so müßten die Antise⸗ miten den Kreis Wetzlar im ersten Wahlgange erobern. Seit etwa einem Jahre schon hat ihn Herr Reuther kreuz und quer durchzogen, in jedem Orte mehrmals seine Tiraden losgelassen. Seit mehreren Monaten predigt nun der Kandidat Dr. Giese das Evangelium des Antisemitismus, von dem nun aber die Wähler des Wetzlarer Kreises bis zum Ueberdruß genug haben. Das zeigten die vorige Woche stattgefundenen Versamm⸗ lungen, in denen ihr Kandidat Dr. Giese aus Berlin seine Kandidatenrede hielt. wegten sich in dem ausgefahrenen Gleise anttsemitischer Phrasendrescherei. Nur zwei bezeichnende Bemerkungen seien hervorgehoben. Einmal sprach er von„angeb⸗ lichen Soldatenmißhandlungen“, die eine Erfindung der sozlaldemokratischen Presse seien, und weiter nannte er die unglücklichen Opfer des Löbtauer Zuchthausurteils „die Löbtauer Totschläger“! Daß die Schimpferei auf Singer nicht fehlte, versteht sich ganz von selbst. Dann hielt Herr Reuther noch eine Pauke in demselben Stile, nur noch etwas pücklerisch⸗ radikaler. Genosse Vetters⸗Gießen erwiderte den Herren und wies be⸗ sonders auf die Schädlichkeit des Zolltarifs für das Handwerk, die Kleinbauern, also den„Mittelstand“ hin, den die Antisemiten schützen zu wollen vorgeben. Gieses Ausspruch von Löbtauer Totschlägern nagelte unser Genosse gehörig fest, ebenso die„angeblichen“ Soldaten⸗ mißhandlungen. Weiter wies er an der Hand eines Urteils gegen den früheren antisemitischen Reichstags⸗ abgeordneten Hartwig in Dresden nach, daß die Antisemiten gar kein Recht haben, über jüdisches Speku⸗ lantentum sich zu entrüsten. Zum weitaus größten Teile stimmten die Versammelten dem zu. Die Ant⸗ worten Reuthers und Dr. Gieses machten gar keinen Eindruck, Letzterer wurde kaum noch angehört.— Noch schlechter schnitten die Herren aber am Samstag in Daaden, Kreis Altenkirchen, ab. Dort erzählte erst der alte Innungsmeister Ohlenschlager aus Frank⸗ furt ein Langes und Breites über den Befähigungs⸗ nachweis und langweilte damit die zahlreichen Ver⸗ sammlungsbesucher fürchterlich. Dann hielten wieder Herr Giese und Reuther ihre Reden, darauf ein christ⸗ licher Gewerkschafter. Jetzt meldete sich unser Genosse Barthels aus Wetzlar, widerlegte die Herren und verfocht unsere Anschauungen und Forderungen. Er wurde mit größter Spannung angehört, war es doch das erste Mal, daß in dieser Gegend ein Sozial⸗ demokrat auftrat. Leider wurde ihm nur eine Viertel⸗ stunde Redezeit gestattet und als er sich nochmals zum Wort gemeldet hatte, wurde es ihm nicht ertellt. Das empörte die ganze Versammlung, deren Stimmung zum Schluß eine den Antisemiten entschieden unfreundliche war und die sich unter Lärm auflöste. Die Antisemiten haben hier sicher nicht einen einzigen Anhänger gewonnen, dagegen wird mancher Wähler eingesehen haben, daß ihm bisher die Gegner fürchterliche Lügen über die Sozialdemokratie vorgesetzt haben.— Sonntag waren Versammlungen in Hamm und in Betzdorf, beide waren Gieses Ausführungen be⸗ r l ler . in be⸗ er en b⸗ g ils rei bt. hen osse be⸗ ps n, es ler sell⸗ les 955 die clu⸗ del lat⸗ inen loch —— r —̃— c Nr. 20. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. sehr schlecht besucht, die letztere war von eg. 25 Mann von denen Herr Ohlenschlager, der dort ebenfalls sprach, noch eine Anzahl fortredete. Genosse Barthels, der ebenfalls anwesend war, ergriff deshalb das Wort nicht. h. Antisemitisch⸗christlichsoztale-Wahl⸗ ab machung. In einer Erklärung, die Herr Reuther im Hinterländer Anzeiger erläßt, werden die Antisemiten des Wahlkreises Stegen aufgefordert, für Stöcker einzu⸗ treten, nachdem die Christlich Sozialen in Wetzlar der Reformpartei keinen Gegenkandidaten entgegengestellt habe. Diese Erklärung ist ziemlich gegenstandslos, denn die Antisemiten Zimmermann'scher Richtung hatten 1898 im Siegener Kreise keine Stimmen und im Wetzlarer dürften die christlich⸗soztalen Stimmen dem Pfarrer Heckenroth zufallen. Aus dem Nreise Marburg⸗Rirchhain. Zur Kandidatenfrage. Nach einer Mitteilung der„Deutschen Hochwacht“, dem Organ Böckels, will dieser bestimmt nicht kandidieren. Dann hat's also damit wohl seine Richtigkeit, daß Oswalt Zimmer⸗ mann aus Dresden für die Antisemiten in Marburg kandidieren wird. St. Buchdrucker⸗Ausflug. den 17. d. Mts. findet ein Ausflug der hiesigen Buch⸗ drucker nach Dillenburg statt, an welchem Orte die zweite diesjährige Bezirksversammlung des Bezirksvereins Marburg, zu welchem jetzt auch die Druckstädte Dillenburg und Herborn gehören, stattfindet. Hoffentlich ist das Wetter günstig, in welchem Falle eine starke Beteiligung von hier zu erwarten ist. — Der Konsum verein beabsichtigt am Himmel⸗ fahrttage, abends von 8 Uhr ab, inm Hildemann schen Saale(Barfüßertot) einen Familienabend zu ver⸗ anstalten, zu welchen in liebenswürdiger Weise mehrere Damen und Herren sich bereit erklärt haben, durch Klavier⸗ u. Violinvorträge, sowie Gesang zur Unterhaltung der Mitglieder und ihrer Familien angehörigen beizutragen. Außerdem wird Frau Dr. Michels einen Vortrag über das Genossenschaftswesen, speziell über die Stellung der Frauen zu demselben halten und dürfte dies allein schon genügen, um einen zahlreichen Besuch dieser ersten Ver⸗ anstaltung des Konsumvereins auf geselligem Gebiete zu veranlassen. Wir richten jedoch die Bitte an diejenigen Vereinsmitglieder, welche in der Lage sind, durch Deklamattonen oder sonstige Vorträge zur Verschönerung des Abends mitbeizutragen, dies vorher Herrn Geschäfts⸗ führer Fischer mitzuteilen. Zum Schluß wollen wir noch verraten, daß auch ein Tänzchen arrangiert wird, was unserer tanzlustigen Jugend gewiß recht willkommen sein dürfte. Eintrittsgeld wird nicht erhoben; Gäste können durch Mitglieder eingeführt werden. —„Eintracht“. Der Arbeiter- Gesangverein Eintracht veranstaltet am Himmelfahrtmorgen, wie alljährlich an diesem Tage, einen Spaziergang in die herrliche Umgebung unserer Stadt und werden alle Mitglieder besonders die aktiven ersucht, sich morgens vor 6 Uhr im Vereinslokal bei Jesberg einzufinden. Der Abmarsch erfolgt punkt 6 Uhr nach einem noch zu bestimmenden Ziele; vorausgesetzt natürlich, daß Gott Pluvius keinen Strich durch die Rechnung macht. — Einbruch. Im benachbarten Orte Sarnau wurde kürzlich nachts im Hause eines dortigen Spezerei⸗ warenhändlers ein Einbruch verübt. Aus einem Fenster wurde eine Scheibe herausgeschnitten und ein Sack Mehl gestohlen. Gegen den Beigeordneten Wolff in Offenbach wurde vorige Woche in Darmstadt verhandelt. Man legte ihm verschiedene Amtsverfehlungen und Renitenz gegen Vorgesetzte zur Last. Eine große Anzahl Zeugen wurde vernommen. Das am Samstag verkündete Urteil lautete auf Amtsentsetzung und Verurteilung in die Kosten des Verfahrens, doch wurde ihm auf die Dauer von 6 Jahren ein jährliches Gehalt von 1200 Mark zugebilligt.— Wolff verstand es nicht, sich mit der„maßgebenden“ bürger⸗ lichen Sippe gut zu stellen und sich in ihren Dienst zu stellen und das war sein Unglück. Ueberall Aussperrungen! Noch immer liegen in Iserlohn Tau⸗ sende von Metallarbeitern arbeitslos auf der Straße, von den Unternehmern ausgesperrt. Jetzt droht auch der Arbeitgeberverband des Baugewerbes in Köhn mit Aussperrung eines Teiles der Bauarbeiter. Desgleichen sind auch in Dresden die Bauarbeiter ausgesperrt. Dagegen ist die Aussperrung der Schuhmacher in Pirmasens in gelegt worden. den letzten Tagen bei⸗ Nächsten Sonntag, Sitienbild aus den Kreisen der Edelsten und Besteu. Vor dem Düsseldorfer Schwurgericht kam Freitag die skandalöse Meineids⸗ und Ehe⸗ bruchsaffaire, die vor einiger Zeit so großes Aufsehen erregte, zur gerichtlichen Aburteilung. Im„Verein“, einem der vornehmsten Klubs Düsseldorfs, ereignete sich an einem der Winter⸗ abende des laufenden Jahres ein peinlicher Zwischenfall: das Mitglied des Klubs Dr. med. Weidenmüller wurde von einem anderen Mitglied, dem Ingenieur Eck, sowie von dem früheren Leutnant bei den fünften Ulanen in Düsseldorf Freiherrn Erwin v. Loew gestellt und öffentlich geohrfeigt. Dr. Weidenmüller hatte im„Verein“ erzählt, daß er die Ehefrau des Ingenieurs Eck mit dem als Lebemann bekannten Freiherrn v. Loew in das Absteige⸗ quartier des letzteren in der Charlottenstraße nahe dem Hauptbahnhofe hineingehen gesehen habe, und daß demnach die in der Stadt ver⸗ breiteten Gerüchte über das skandalöse Treiben v. Loews in seinem Absteigequartter und über seine unerlaubten Beziehungen zu Frau Eck wahr zu sein scheinen. Die Ohrfeigengeschichte im„Verein“ hatte zwei Prozesse zur Folge. Der Ehemann Eck klagte gegen Dr. med. Weidenmüller wegen verleumderischer Beleidi⸗ gung und letzterer wiederum stellte Strafantrag gegen Eck und v. Loew wegen tötlichen Ueber⸗ falles und Mißhandlung. In dem Beleidigungs⸗ prozeß des Ingenieurs Eck gegen Weidenmüller bekundeten Dr. Weidenmüller sowie vier Zeugen eidlich auf das bestimmteste, daß sie Frau Eck in der Wohnung des Leutnants v. Loew in der Charlottenstraße, die er unter dem Namen Dr. Weigand gemietet hatte, und in der er wiederholte Besuche von Frauen empfing, häufig gesehen hätten. Die dann vernommene haupt⸗ beteiligte Frau Eck beschwor aber, daß sie niemals die Wohnung des Leutnants v. Loew betreten habe. Das Gleiche beschwor Freiherr v. Loew. Auf Grund dieser Aussage erfolgte die Verurteilung des Dr. Weidenmüller wegen Beleidigung zu 500 Mk. Geldstrafe. Hinterher tauchten aber bei der Staatsanwaltschaft Zweifel an der Richtigkeit der Aussage der beiden auf, und bald wurden Frau Eck und Freiherr v. Loew unter dem Verdacht des wissentlichen Meineides in Haft genommen. Ein Antrag der Verwandten der Frau Eck, diese gegen eine Kaution von einer halben Million Mark aus der Haft zu entlassen, wurde abgelehnt. Frau Eck machte dann im Gerichtsgefängnis durch Gift ihrem Leben ein Ende. Vorher hatte sie aber ein Geständnis abgelegt. Freiherr v. Loew wurde daraufhin in Bad Nauheim, wohin er gereist war, verhaftet und hat schließlich unter der Wucht dieser Ereignisse ebenfalls einge⸗ standen, einen Meineid geleistet zu haben. Deshalb hatte er sich vor dem Schwurgericht wegen wissentlichen Meineids zu verantworten, das ihn zu einem Jahr sechs Monaten Zuchthaus verurteilte. Die bürgerlichen Ehrenrechte wurden dem Verurteilten belassen. Kleine Mitteilungen. ** In Allendorf a. d. Lda. stürzte am Montag eine Scheuer, die umgebaut wurde und deren oberer Teil zu diesem Zwecke abgesprießt war, vollstän dig zusammen. Glückricherweise konnten sich die an dem Bau beschäftigten Arbeiter noch rechtzeitig retten. a Fromme Schweinekerle. In Obermörlen wurde ein 60 Jahre alter Schuhmachermeister und sein 36 jähriger Sohn, zwei gar fromme Zentrumschristen, wegen Sittlichkeitsvergehen verhaftet und nach Gießen in Untersuchungshaft gebracht. Sie haben sich fort⸗ gesetzt an minderjährigen Mädchen, die kamen, um Schuhe zu bringen oder zu holen, vergangen. n Bürgerliche Skandalchronik. In Mül⸗ heim a. d. Ruhr vergnügten sich, wie rheinische Blätter mitteilen, einige Pärchen aus den besseren Kreisen eine Zeit lang damit, daß sie allnächtlich im allerleichtesten Kestüm in der— Leichenhalle gar putzige Spiele aufführten. Sehr eigentümliche Vergnügungen! n Felssturz. In Bad Ems löste am Montag sich infolge andauernden Regenwetters hinter dem Hotel Nassauer Hof eine Felswand von 2000 Kubikmeter Inhalt und stürzte zusammen. Menschen sind nicht verunglückt; auch ist keine Mineralquelle beschädigt. * Matrose Kohler, der s. Zt. den Raubmord auf der„Loreley“ beging, deswegen vom Kriegsgericht zum Tode verurteilt, dann aber zur Beobachtung seines Geisteszustandes in die Irrenanstalt gebracht wurde, ist vom Oberkriegsgericht zum Tode verurteilt worden. Par tei-Nachriichten. Genosse Thiel, der Kandidat für den Wahlkreis Cassel hat nunmehr seine 7 Monate Gefängnis hinter sich und kehrt am 17. ds. Mts. in die„Freiheit“ zurück. Wir begrüßen herzlich unsern Mitkämpfer! Zur Unterstützung der Wahlagitation erscheint im Verlag der Buchhandlung Vorwärts eine in Farbendruck hergestellte reich illustrierte Wahlzeitung unter dem Titetel:„Rote Wahlen 1903“. Einen zündenden Aufruf richtet Genosse Bebel an die Wähler, sie zum Kampfe aufrufend für die Sache des Proletariats. „An den einen, auf den es nicht ankommt“, wendet sich F. Stampfer, und F. Block beleuchtet in einer geistreichen Satire, wie die verschiedenen„Arbeiterfreunde“ um die Stimmen der Arbeiter buhlen. Auch die Illustrationen sollen die Genossen im Wahlkampf unterstützen.„Der Kehraus“ zeigt, wie die Sozialdemokratie die Brotwucherer aus dem Reichstage fegt, während„Am Pranger“ die Arbeiter an die Taten des Reichstags in den letzten fünf Jahren erinnert. Auch der„schlichte Mann aus der Werkstatt“ hat seinen Platz gefunden. Unser Bild zeigt, wie er sich seinen Wählern vorstellt. So soll„Rote Wahlen“ die Arbeit unserer Genossen erleichtern und fördern. Preis 10 Pf., bei Partiebezug 6 Pf. Ferner erscheinen: Wahlpostkarten in zwei Dar⸗ stellungen:„So muß es kommen!“„Das freie Wahl⸗ recht ist das Zeichen..“ Preis: 1000 Stück 20 M., 500 Stück 12,50 M., 100 Stück 3 M. Zu haben bei der Expedition der„Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung.“ Versammlungskalender. Samstag, den 16. Mai. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Gießen. Freie Turnerschaft. Außerordentliche Generalversammlung Abends 9 Uhr im Pfau. Sonntag, den 17. Mai. Gießen. Brauerverband. Nachmittags 2 Uhr Versammlung bei Löb(Wiener Hof). Heuchelheim. Arb.⸗Bild.⸗Verein. Nachmit⸗ tags 3 Uhr pünktlich Versammlung bei Wirt Heinrich Volkmann. Wichtige Tagesordnung. Donnerstag, den 21. Mai(Himmelfahrtstag). Gießen. Ausflug nach Annerod. Treffpunkt 7 Uhr am Siechenhaus. Brliefkasten. Wetzl. Wähler. Nr. zu“ Abdruck. Brgr. G. Wir bemerkten den Fehler, als es zu spät war, Aenderung zu treffen. Aber die Geschichte ist ja so hübsch, daß ein nochmaliger Abdruck nichts schadet! Alsfld. Wir nennen kindisch, was kindisch ist; Vernünftiges werden wir nie so bezeichnen. Die Wählerlisten liegen in Hessen bei den Ortsbehörden vom 19. bis zum 26. Mai aus. Sorge jeder unserer Wähler dafür, daß sein Name in der Liste verzeichnet steht. Nur wer in der Liste eingetragen ist, kann wählen. — In Preußen liegen die Listen vom 18. bis 25. Mai aus. Parteigenossen, Arbeiter! werbt stets Abonnenten für die „Mitteldeutsche Sonntagszeitung ——— Odenhausen[Lahn] Sountag, 17. Mai, nachmittags 3 Uhr: Heffenb, Wdzenessammang im Saale der Wirtschaft„Zum Lahnthal“, F. Klinkel. Tages⸗Ordnung: Die bevorstehenden Reichstagswahlen. Redner: Theodor Bartels aus Berlin. Um zahlreiches Erscheinen ersucht Der Einberufer. Gedicht kommt erst in nächster 8 2 Seite 6. Witteldentsche Sountogs⸗Zeitung. Nr. 20 3 7 e Das andere Lied“). Nun klinge du mein ander Cied, Du Lied voll Glut und Feuer. Seig wie sie ihre Bahnen zieht, Die kräft'ge Hand am Steuer, Der Arbeit stolze Kämpferschaar, Gestählt im harten Streite, Im Vorwärtsmarsch des Sögerns baar, Das Recht zum Schutzgeleite. So tritt sie auf, der Kraft bewußt, Die wohnt in ihren Reihen. Das hohe Siel, der Kampfeslust' Damit wird sie befreien Sich von der Knechtschaft und dem Joch, Sersprengen alle Fesseln. Und hemmt ihr sie, sie regt sich doch! Das wißt auf euern Sesseln. Seid einig! tönt's von Ort zu Ort Auf weitem Erdenrunde. Seid einig! heißt das Losungswort, Die Wissenschaft im Bunde. Seid einig! was wird widersteh'n Euch zielbewußten Massen d Die Unechtschaft wird in Trümmer geh'n Vor euerm starken Hassen. Seid einig! und ein neu Geschlecht, Gebt ihr der Welt Gesetze! Verbürgt der Freiheit volles Recht Und bannt die schnöde Hetze, Die Bourgeois, Pfaff und Junker treibt Mit euch und eurem Schweiße, Und dazu noch Gesetze schreibt Als Nohn zu eurem Fleiße. W ) Das Gedicht gehört zu dem bereits in Nr. 3 veröffentlichten:„Die Arbeit“. Auch ein Lild aus dem Rechtsstaate. Eine Irrenhausgeschichte. Vorbemerkung der Redaktion. Die nach⸗ folgende Geschichte ist keine Dichtung, sondern es sind die Lebensschicksale eines Mannes, von ihm selbst in schmuckloser Weise erzählt. Fälle, daß Personen von ihren Angehörigen aus irgend einem Grunde der Irrenanstalt überliefert werden, sind schon sehr oft dage⸗ wesen und der Bericht des Unglücklichen zeigt, wie schwer es ist, Entmündigung wieder rück⸗ gängig zu machen. Umsomehr ist notwendig, daß in den Anstalten selbst die genaueste Kon⸗ trolle und Beobachtung des Kranken stattfindet, aber es bestehen in dieser Beziehung heute zweifellos noch viele Mißstände. Diese zu be⸗ leuchten und dadurch mit zu ihrer Beseitigung beizutragen, war in der Hauptsache die Veran⸗ lassung, daß wir diese Erzählung, die auch in mancher anderen Beziehung Interessantes bietet, aufnahmen. Verwunderlich bleibt, daß der Betroffene so wenig Energie entwickelte, gegen die ihm zu teil gewordene Behandlung zu protestieren. Möglich ist allerdings, daß ihm heftiges Auftreten nur noch geschadet hätte. Doch lassen wir ihn selbst reden: Als gelernter Kaufmann und einziger Sohn neben einer älteren und jüngeren Schwester, hatte mich mein Vater, nachdem ich die Einj.⸗ Freiw.⸗Prüfung im Jahre 1880 abgelegt hatte, dazu beredet, in der kaufmännischen Karriere zu bleiben, um später sein Geschäft zu übernehmen. In der Tat war das für mich eine günstige Aussicht. Meine ältere Schwester verheiratete sich bald, und das Geschäft(von der Urgroß⸗ mutter stammend) ohne Konkurrenz, mit Aus⸗ nahme der wenigen, neu eingeführten Kurz⸗ waren, hatte immer noch ein Einkommen von ca. 3000 Mk. und konnte bei einiger Erwei⸗ So entschloß ich mich denn in das elterliche Geschäft einzutreten. Mit einem Geschäftszweig beg ann ich bald durch Reisen und zahlreiche Engrosverkäufe einen guten Jortschritt zu größerem Umsatz zu machen, auch gingen die Zahlungen durchweg richtig ein. Ein großes Hindernis in der Geschäftsentwicklung waren allerdings meine jeder geringen Neuerung heftig entgegenarbeitenden Eltern und ich hatte deshalb keinen so angenehmen Standpunkt. Eine Folge mancher Aufregungen war, daß ich zur Zeit meines Einj.⸗Dienstes an Herzklopfen litt, weshalb ich nach 3 Monaten abging. Ich ver⸗ zichtete auf die angebotene Zivilversorgung, denn ich dachte bald meinen eignen Herd zu gründen. Sonst erfreute ich mich stets der besten Gesundheit, das Herzklopfen genierte mich in meinem Berufe weiter nicht. Aber im Jahre 1887 hatte ich ein paar Wochen schlaflose Nächte und nach ununterbrochener geschäftlicher Tätigkeit wurde ich 3 Tage stark nervös und unruhig, wobei ich selbst den Arzt Dr. A. zu Rate zog. Diese Krisis hatte einen harmlosen Verlauf, und konnte ich nach 8 Tagen Bettliegen, dem Ge— schäft wieder nachgehen. Die noch vorhandene körperliche Schwäche heilte nach ½ Jahr voll⸗ ständig aus, und ich war nun wieder voll⸗ kommen und dauernd gesund geworden. Beide Eltern lebten nun noch, eine Schwester war nach auswärts(C.) verheiratet, die andere, welche noch zu Hause war, verlobte sich mit einem Kommis Nabel. Mein Vater starb im Jahre 1890 und führte der Sohn mit Hilfe von Mutter und Schwester das Geschäft weiter. Im Sep⸗ tember ließ nun die Schwester ihren Bräutigam N., der inzwischen nach auswärts gegangen und stellenlos geworden war, auf Besuch kommen. Derselbe führte nun mit seiner Braut ein behagliches Leben und die etwas beschränkte, aber sonst im Haushalt ordentliche Mutter war für ihren zukünftigen Schwiegersohn sehr eingenommen, und wie das bei manchen Bürger⸗ familien oft der Fall ist, stand ihr der Besuch, namentlich des verehrten Bräutigams, näher als eins ihrer eigenen Familienglieder. Die Verlobten wollten nun bald heiraten, aber es war keine andere Existenz in Aussicht als im Geschäft ihres Bruders behilflich zu sein. Dies paßte ihnen nicht. Sie sannen daher wie sie ihn wohl los werden könnten und gaben mir zunächst den Rat, mir irgend eine Stelle zu suchen, was ich natürlich entschieden zurückwies. Jetzt saßen sie oben im Hause und beratschlagten täglich, was sie beginnen sollten. Die Schwester meinte da unter anderem, daß der Bruder doch nicht mehr heirate, da er schon 28 Jahre alt und noch ledig sei, und sagte dann, wie ich aus verschiedenen Aeußerungen herauslesen konnte, daß ihr Bruder einmal mit den Nerven zu tun gehabt hätte, man könne ihn einfach in eine Anstalt schicken, da wäre ja so gute Behandlung und er brauchte sich mit keinem Geschäft zu quälen, wogegen sie doch das Geschäft haben könnten. Ihre Mutter wurde dann täglich mit diesen schönen Vorschlägen be⸗ arbeitet, die auch nichts dagegen zu sagen wußte, da sie von einem Anstaltswesen überhaupt keinen Begriff hatte. Auf die Launen meiner Schwester, und auf solche Aeußerungen habe ich nie Wert gelegt. Ich war mir sicher, daß eine so dumme Anspielung bei einer Behörde überhaupt nicht ernst genommen werden könne. N., der Bräuti⸗ gam, ein großer starker Mensch, begann nun einfach im Geschäft tätig zu werden und hatte dazu nur die einseitige Zustimmung der Mutter. Er paßte nur noch auf einen Moment, bei irgend einer Gelegenheit den bewußten Plan zur Ausführung zu bringen. Ich duldete ihn, soweit er mich nicht gerade genierte. Als er sich nun auch die Geschäftsbriefe durch die Mutter geben ließ, sich in die Korrespondenzen einmischte und Briefe schrieb, welche den meinigen vollständig entgegen waren, schrieb ich an den betreffenden Lieferanten, daß Briefe von Nicht⸗ angestellten im Hause— überhaupt keine Giltig⸗ keit hätten und las diese Zeilen meiner Mutter in Gegenwart des N. vor. N. sprang auf, terung in letzteren Artikeln und der vorzüg⸗ lichsten Verkehrslage noch bedeutend mehr bringen. stürzte mir wütend nach, erreichte mich auf der Treppe und würgte mich am Halse. Ich verteidigte mich durch einen Faustschlag in des Gegners Gesicht und entschlüpfte ihm. Zu der hinzukommenden Mutter sagte der Heuchler kläglich, er wäre angegriffen worden. Als ich nun im Laden war, sagle mir darauf meine Mutter: ich solle N. gehen lassen, er packe schon und ginge weg. Ich sagte, ich würde ihn dennoch anzeigen. Meine Mutter ging nun wieder hinauf, aber noch bevor ich mich fertig machen konnte, um zur Polizei zu gehen, kam N. in den Laden und belästigte mich durch Herumlaufen und Grunzen. Als ich rief, er solle sich hinausscheeren, stürzte N. auf mich zu und erfaßte mich noch an den Füßen, um mich die innere Ladentreppe herunterzuzerren, was ihm aber nicht so schnell gelang. Er ließ schließlich los, da es schien, daß Jemand in den Laden treten wollte, was auch geschah. N. ging vor die Türe. Ich bediente die Kundin, sagte derselben jedoch von dem Vorgefallenen nichts, indem sie keine Augenzeugin war. Die Mutter kam dann die Treppe herunter und stellte sich in die Haustüre, N. stellte sich neben ste und redete in lächelnder Weise zu ihr. Dies Benehmen empörte mich und ich spuckte gegen N. aus. N., welcher sich getroffen fühlte, kam wütend auf mich zu, ich bersuchte die Laden⸗ türe zuzuschlagen, N. stemmte jedoch ein Bein dazwischen, drückte sie mit Gewalt ein und drang in den Laden, während ich zurückwich. Doch die Treppe hinauf zu kommen, war mir nicht mehr möglich, so ergriff ich denn den Hammer und gab ihm beim Herankommen 2 Schläge auf den Kopf, welche aber nur die Haut verletzten, jedoch entstand eine ziemliche Blutlache am Boden. Da ließ ich ab, beugte mich nach der freien rechten Seite, schleuderte den Hammer nach der Ecke hin zu Boden und wehrte nur mit bloßen Händen, um ihn hin⸗ zuhalten, bis Jemand hinzukam. Die Mutter war gleich aufangs hinaufgesprungen und ssandte die Dienstmagd hinunter, damit der geehrte Bräutigam, nicht nochmals wie auf der Treppe angegriffen würde. Als die Magd kam, rief N. gleich ihm zu helfen. Da banden Beide mich mit Stricken, die Füße fest zusammen, die Hände auf den Rücken und ließen mich so am Boden liegen. N. wütend darüber, daß ich ihm, dem kräftigen Athleten so lange wider⸗ standen hatte, mißhandelte mich jetzt Wehrlosen mit Ohrfeigen und sagte dann:„So nun will ich Dir zeigen, wo du hingehörst.“— Inzwischen waren einige neugierige kleine Kinder an die offene Ladentüre gekommen und befand sich dabei auc ein Metzgerbursche(bei Dr...) Derselbe hielt mich für den Schuldigen, schrie gräßlich, er wolle mich mit den Füßen in's Gesicht treten. Da jedoch einige größere Kinder hinzukamen, ließ er von seinem Vorhaben ab. Darauf ließ N. eine Chaise bestellen. Ich war ruhig und hoffte, daß eine Verhandlung die Sache schon aufklären würde, fragte schließlich: Ob die Chaise nicht bald da sei.“ Endlich kam sie. N., welcher seine Heuchelei so gut spielte, daß er dem Metzgerburschen sagte: es wäre bedauerlich und ich sei ein armer Kerl, schnitt er nur die Stricke von den Füßen los und ließ mich einsteigen, N. und der Metzger⸗ bursche stiegen ebenfalls ein und fort ging es auf die Irrenheilanstalt. Dort war nur Herr Dr. Tuczek anwesend. Er schnitt mir den Strick von den Händen los und frug, wie ich dazu gekommen sei. N. antwortete gleich, ich hätte ihn mit dem Hammer auf den Kopf geschlagen und zeigte seine Wunde. Ist das wahr? frug Dr. T.— Ich antwortete, um N.'s Bosheit nicht aufzureizen und auf eine ordentliche Ver⸗ handlung hoffend, einfach:„Ja, es tut mir leid. Darauf schellte er. Es erschien ein nicht be⸗ mich abführen. Den Wärter befragte ich vor sprechen.“ Er tat es aber nicht und führte mich auf Abteilung III, wo ich ausgekleidet, Dies geschah am 30. Oktober 1890 nachmittags. teiliges über mich vor und Dr. T. gab sich sonders kräftiger Wärter(K.) und Dr. T. ließ der Türe:„Ich möchte Herrn T. gerne allein gewogen, gebadet und ins Bett gesteckt wurde. Währenddessen verhandelte N. unten mit Br. T.— N. hatte nicht den geringsten Ausweis. In frecher Weise log er T. verschiedenes Nach⸗ keine Mühe, die handgreiflichen Verleumdungen 1 — rr 4 7 2 — = ** E 6 Nr. 20. Milteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. anch nur im Geringsten nachzuprüfen, vielmeh. Die soziale Frage— worin sie bestehr? 57 f e g Fp e d N e 5 1 1 81 in ste bestlehl? Markt herüber— von denen drei will jede das letzte zeichnete er sich die Lügen auf, und gab N. Die einen schöpfen aus dem Vollen, Wort haben!“(Fl. Bl.) die nötigen Schritte an, um meine Aufnahme giltig zu machen. N. und die Schwester gaben sich jetzt die allergrößte Mühe, um aus diesem Vorfall Nutzen zu ziehen, und beredeten die Mutter mit ihnen einig zu gehen, wozu sie schwach genug war nachzugeben, denn sie hatte für sich ja keine Sorgen. N. lief dann zu Dr. A., welcher ihn auf sein Verlöbnis mit meiner Schwester hin das Vertrauen schenkte, seine Angaben als glaubhaft annahm und ein Attest über den Vorfall ausstellte, welcher seinem Verlangen genügte, obgleich er mich in Jahr und Tag nur einige Mal flüchtig gesehen und begrüßt hatte. Meine Internierung war somit gelungen, ohne daß man mich irgendwie geprüft hätte.— (Fortsetzung folgt.) n Splitter. Wohl giebt es Fürsten, Die nach Wahrheit dürsten, Doch wenigen ward ein so gesunder Magen, Sie zu vertragen. * * Dieweil Millionen andre— seht Nicht gutwillig Hungers sterben wollen. ** perv * 10 Große Gedanken und ein reines Herz, das ist's, was wir uns von Gott erbitten sollten. Goethe. 1* Es kann einem nichts Schlimmeres passieren, als von einem Hallunken gelobt zu werden. Rob. Schumann. Humoristisches. Nicht standesgemäß. Leutnant(vor dem Duell zum Sekundanten:„Herr Kamerad, wenn ich falle, bitte dafür zu sorgen, daß Sektion unterbleibt. Morgen ist der Letzte und ich habe Leberkäs im Magen!“ (Simpl.) Angenehme Kundschaft„Sapperlot,“ sagt der Auktionator Pfiffig vor Beginn der Versteigerung schmunzelnd zu seinem Schreiber,„heut' haben wir Glück, heut' werden die Preise schön hinauf getrieben werden: Die Frau Steuerrätin Gallig ist schon da, die Frau Kommissär Giftler tritt eben ein und die Ehrgefühl. Angeklagter(nach längerem Leugnen): Ich will ein offeues Geständnis ablegen: den Raubmord an dem Bürgermeister nehm ich auf mich, ebenso die Brandstiftung in Gelnrode, aber dem Taxpenwirt seine Fensterscheibe habe ich nicht eingeworfen.(L. Bl.) Geschichtskalender. 17. Mai. in Düsseldorf. 183. 1900: Beginn der Lex Heinze-Obstruktion im Reichstage. 19. 1900: Straßenbahnerstreik in Berlin. 1898: Tod Gladstones, liberaler engl. Staatsmann: 1762: Joh. Gottl. Fichte, Philosoph, geboren. 1607: Stiftung der Universität Gießen. 20. 1900: Ada Christen, freigesinnte Dichterin, in Wien gestorben. 21. 1897: Wilh. II. Arbeits willigen Drohrede. 1706: Christoph Columbus zu Valadolid gestorben. 1471: Albrecht Dürer berühmter Maler in Nürnberg geboren. 22. 1898: Grubenunglück auf Zeche Zollern bei Dortmund, 45 Tote. 1879: Reinders, soz. Abgeordneter, gestorben. 23. 1898: 1902: Deutscher Bergarbeiter⸗Kongreß Bellamy, amerik. Schriftsteller(Ein Frau Salinenrätin Zänker kommt auch bereits über den Rückblick) gestorben. 1498: Savonarola verbrannt. Leder und Leserinnen ff Berücksichtigt bei Furen Einkäufen die Inserenten dieses Blattes! Wegen Umzug verkaufe ich sämtliche Ware zu bedeutend herabgesetzten Preisen. Günstige Gelegenheit zum Ankauf von Colman Geschen len. D. Kaminka Uhrmacher Uhren, Gold⸗ und Silberwaren Marktplatz 18. Giessen Marktplatz A Für N bensweise ein a erzen ere erdanun oder Ver fp 7 ·. Sommer⸗ 18. zugezogen haben, sei hiermit ein gutes Hausmittel empfohlen Joppen essen vorzügliche 0 erprobt sind. 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