0 1 Die Mitteldeutsche Nr. 33. Gießen, den 16. August 1903. 10. Juhrg. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeit MNedaktionsschluß Donnerstag Nachmittag 4 Ude. U 10 Abounemeutspreis: Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unrer Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 2 Juserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die ögespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 330 und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bei mindestens Parteigenossen! Laut Beschluß des letzten Parteitages findet der diesjährige in Dresden statt. Auf Grund der Be⸗ stimmungen der 88 7, 8 und 9 der Partei⸗Organisation beruft die Parteileitung den diesjährigen Parteitag auf — Sonntag, den 13. September, abends 7 Uhr, nach Dresden in das Lokal„Trianon“ Schützenplatz, ein. 195 provisorische Tagesordnung ist fest⸗ gesetzt: Sonntag, den 13. September, abends% Vorversammlung. Konstituierung des Parteitages. Festsetzung der Geschäfts⸗ und Tagesordnung. Wahl der Mandatsprüfungs⸗Kommisston. 0 Montag, den 14. September und die folgenden age: 1. Geschäftsbericht des Vorstandes. Berichterstatter: W. Pfannkuch und A. Gerisch. 2. Bericht der Kontrolleure. Berichterstatter: H. Meister. 3. Bericht über die parlamentarische Tätigkeit. Berichterstatter: A. Stadthagen. 4, Maifeier. Berichterstatter: R. Fischer. „Der internationale Kongreß in Amsterdam 1904. Berichterstatter: P. Singer. 6. Anträge zum Programm und Organisation. 7. Sonstige Anträge. 8. Wahl des Vorstandes und der Kontrolleure. Parteigenossen! Der Parteivorstand richtet an Euch die Aufforderung, die Vorbereitungen für den Parteitag— also die Wahl von Delegierten wie die Stellung von Anträgen— rechtzeitig zu bewirken. Die Anträge müͤssen spätestens den 3 1. August in den Händen des Vorstandes, Adresse: J. Auer, Berlin SW. 47, Kreuzbergstr. 30, sein, wenn sie entsprechend den Bestimmungen des 8 8 Absatz II der Partei⸗Organisation im„Vorwärts“ ver⸗ öffentlicht werden und in die gedruckte Vorlage Aufnahme finden sollen.. Anträge von einzelnen Parteigenossen bedürfen der Gegenzeichnung der Vertrauensperson oder des Vorstandes der örtlichen bezw. Kreisorganisation, falls sie zur Veröffentlichung und Beratung gelangen sollen. Die Parteigenossen, die zum Parteitag kommen, werden ersucht, von ihrer Delegation dem Vorstande und dem Lokalkomitee rechtzeitig Mitteilung zu machen, damit ihnen die Vorlagen und eventuell weitere Mit⸗ teilungen zugesandt werden können. Die Adresse des Lokalkomitees lautet: Karl Sindermann, Dresden⸗A., Zwingerstraße 22. Mandatsformulare sind durch das Parteibureau J. Auer, Berlin SW. 47, Kreuzbergstr. 30 zu beziehen. Berlin, 25. Juli 1903. Mit sozialdemokratischem Gruß! Der Parteivorstand. r Die Landes-Konferenz der Sozialdemokraten Hessens findet Sonntag, den 6. September 1903, vormittags 10 uhr im Gasthaus zum Darmstädter Hof in Steinbach a. T. Station Weiskirchen, Bahnlinie Freankfurt⸗ Homburg, statt. N Vorläufige Tages⸗Ordnung: I. Geschäftsbericht des Landes⸗Komitees. Referent Genosse C. Ulrich, Offenbach a. M. II. Rechnungsablage. Referent Genosse J. Orb, Offenbach. III. Die stattgehabten Reichstagswahlen. Dr. David, Mainz. VI. Der Parteitag in Dresden. Balth. Cramer, Darmstadt. V. Einlaukende Anträge. VI. Wahl des Landes⸗Komitees. VII. Wahl des Ortes der nächsten Landes⸗Konferenz. Parteigenossen! Die Wichtigkeit der Tages⸗ ordnung macht eine zahlreiche Beschickung der Konferenz nötig, sorgt deshalb dafür, daß überall Delegierte ge⸗ wählt werden. Diskutiert die Tages⸗Ordnung und sendet etwaige Anträge rechtzeitig an den mitunterzeichneten Genossen Ulrich, damit dieselben veröffentlicht werden können. Die Delegierten sollen mit einem Mandat versehen sein; die Formulare versendet das Landes⸗Komitee, die⸗ selben können von Genossen Ulrich bezogen werden. * Um einen Ueberblick über den Stand der Bewegung im ganzen Lande zu erhalten, ver⸗ sendet das Laudeskomitee an die Vertrauens⸗ leute der einzelnen Kreise Formulare, durch welche ein„Situatio us⸗Bericht“ gegeben Referent Referent Genosse werden soll. Die Genossen weiden hiermit aufgefordert, diese Formulare alsbald gewissenhaft auszufüllen und an den Geuossen Ulrich einzusenden. Offenbach, den 30. Juli 1903. Das Landes⸗Komitee. C. Ulrich, J. Orb, Gr. Marktstraße 23. Friedrichstraße 24. Der Kaisergang und die Sozialdemokratie. Die Frage des Reichstagsvizepräsidiums und die der, wie es scheint, wenn auch nicht rechtlich, so doch gewohnheitsrechtlich nun einmal fraglos damit verbundenen Pflicht eines offiziellen Be⸗ suches eines Genossen bei Wilhelm II., werden voraussichtlich zwar nicht, wie bürgerliche Blätter in schadenfroher Vorfreude meinen oder doch zu meinen vorgeben, im Mittelpunkt“ des kommenden Parteitags stehen, aber sie werden doch sicherlich eine recht große Rolle bei den Verhandlungen desselben spielen. Der Inhalt der Frage darf als bekannt vorausgesetzt werden. Die Kernfrage derselben lautet: Ist es angängig, daß ein Sozialdemokrat, sei es auch nur„dienstlich“, dem höchsten Re⸗ präsentanten eines von ihm als Sozialisten und als Demokraten gleichmäßig bekämpften Prin⸗ zips einen Besuch abstattet oder nicht? Die Beautwortung dieser Frage dürfte m. E. von solcher Wichtigkeit sein, daß sie trotz der mancherlei Besprechungen, die sie von den verschiedensten Seiten aus unseren Reihen bereits erfahren hat, immer noch neue Beleuchtungen verträgt, zumal sich ihr ja immer neue Seiten abgewinnen lassen. Folgende Zeilen sollen nun versuckhen, dem Bilde, das man sich bis jetzt von der Frage entworfen, einige neue kleine Züge hinzuzufügen. Vorausschicken möchte ich freilich, daß schon das Freudengeheul, das der größte Teil der liberalen Presse über den Vorschlag des Gen. Bernstein und die Zustimmung, die derselbe bei den Gen. v. Vollmar und Heine gefunden, an⸗ handeln. gestimmt hat, mir deutlicher als irgend ein anderer Beweis anzuzeigen scheint, daß sich die betr. Genossen in dieser Frage im Irrtum befinden. Wenn unsere Gegner uns zu etwas raten, bedeutet das nicht, daß die Befolgung dieses Ratschlages für uns ungünstige Folgen haben müßte? Um aber zu einem Resultat zu kommen, muß man die Frage m. E. nun zunächst vom Standpunkt des politischen Anstands aus betrachten. Gerade eine Partei, wie die unserige, welche in allen menschheitlichen Fragen als stolze Bannerträgerin der Vernunft und der Sittlich⸗ keit vorangeht, muß eifersüchtig darauf bedacht sein, sich in ihrer politischen Würde nichts zu vergeben, ganz besonders in einem solchen Moment, wie dem jetzigen, wo sie die Früchte ihres Kampfes für das Allgemeinwohl in so reichem Maße geerntet hat. Nun scheint es mir nicht recht mit der Würde einer Partei vereinbar, wenn sie die soeben erhaltenen recht kräftigen Fußtritte mit einer höfischen Verbeu⸗ gung quittieren wollte. Denn auch die Per⸗ sonenfrage spielt hier mit. Hätten wir es nicht mit Wilhelm II., sondern etwa mit dem Groß⸗ herzog von Hessen oder dem König von Italien zu tun, so fiele wenigstens diese eine Seite der Frage weg. Aber wir müssen mit den gegebenen Verhältnissen und den gegebenen Persönlichkeiten rechnen, und da glaube ich allerdiugs, daß es uns schon der allereinfachste menschliche Takt, den wir der Idee, für die wir kämpfen, doch auch schuldig sind, gebietet, uns einer Annäherung an den Redner von Essen und Breslau— und wenn wir das nicht täten, was würden die gerade durch die oppositionellen Gefühle, welche jene kaiserlichen Reden hervorriefen, uns ge⸗ wonnenen neuen Anhänger unserer Sache in Essen, über uns denken?— zu enthalten. Aber da kommen die Verteidiger des Kaiserganges mit den Hinweis darauf, daß der Besuch ja kein Beweis unserer persönlichen Zuneigung zu Wilhelm II., sondern lediglich ein formeller, dienstlicher Akt sei. Meines Erachtens gerät die Verteidigung hiermit vom Regen in die Traufe. Gerade persönlich wäre ein Verkehr— unter Umständen selbst eine Freundschaft— zwischen einem unserer Genossen und einem Monarchen absolut nichts Verwunderliches. Wie mancher Sozialdemokrat lebt in persönlicher Freundschaft mit einem politisch vollständig unzugänglichen Gegner! Und warum sollte er auch nicht? Nimmt doch der freundschaftliche Verkehr poli⸗ tischer Gegner dem notwendigen Kampf viel⸗ fach wenigstens seine unnötig persönliche Schärfe. Aber— und darauf kommt es hier ß das ist nur dann möglich, wenn die beiden Teile einander koordiniert gegenüberstehen. Das ist aber gerade in diesem Falle ausgeschlossen. Gerade die„dienstliche“.. Audienz besagt schon, daß es sich hier um einen Vorgesetzten einerseits und einen Untergebenen andererseits handelt. Der sozialdemokratische Vizepräsident würde „seinem“ Kaiser als„Untertan“ gegenüberstehen, und ihn dementsprechend zu behandeln haben, denn an ein dummprotziges Jakobinertum im Auftreten bei Hofe wird doch wohl niemand von uns denken! 5 Ueber eins müssen wir uns überhaupt, klar sein. Es kann sich in vorliegender Frage überhaupt nur um eine Prinzipienfrage, in keinem Falle aber um eine reine Nützlichkeitsfrage Verlassen wir den Boden des Prin⸗ A lr ä . Ee —— — . . . e Seite 2. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 33. zips und stellen uns, wie Gen. v. Vollmar es möchte, nur die eine Frage, ob nämlich die Vorteile oder die Nachteile überwiegen, dann öffnen wir dem schlimmsten Opportunismus Haus und Tür, dann führt der logische Weg weiter zum„königlichen Sozialismus“ unseres ehemaligen italienischen Genossen Errico de Marinis. Die Wertfrage hat unbedingt hinter der fn ee zurückzustehen, wenn wir uns nicht mutwillig in die soeben verlassene Position des weiland Nationalsozialismus oder gar in die des Nationalliberalismus hinein⸗ begeben wollen. Daß aber das sozialistische Prinzip schon durch das alleinige untertänigste Bitten um geneigteste Gewährung einer Antritts⸗ Audienz auf das gröblichste verletzt wird, das ist doch wohl keine Frage. Nun hat man ja auf ähnliche Bedenken spöttisch erwidert, wir seien doch keine„bürgerlichen Republikaner“. Stimmt! Aber sollen denn sozialistische Republikaner eine geringere Prinzipientreue besitzen als bür⸗ gerliche? Sollten sie der ganzen Natur ihrer Weltanschauung nach nicht gerade umgekehrt der monarchischen Staatsverfassung noch viel unversöhnlicher gegenüberstehen als jene? Wir sind doch auch Demokraten in des Wortes alter Bedeutung. Der rein wirtschaftliche Standpunkt freilich führt vom Antimonarchismus ab zum Amonarchismus, aber gleichzeitig auch vom Sozialismus ab zum Tradesunkionismus! Ganz unzutreffend aber scheinen mir ferner die historischen Rechtfertigungsversuche des Kaiserganges der Sozialdemokratie zu sein, mit der Gen. Eduard Bernstein uns zu überzeugen sucht. Daß die deutsche Reichsverfassung„relativ republikanisch“ sein soll, das ist eine Entdeckung, deren Spitzfindigkeit bereits Gen. Franz Meh⸗ ring in einem seiner glänzendsten Leitartikel der„Neuen Zeit“ aufgedeckt hat. Ich brauche dem Gesagten also nur noch einige wenige Er⸗ gänzungen hinzuzufügen. Die Verfassung des deutschen Reiches mag zwar dem Staatsrechtler manche harte Nuß zu knacken geben, für den Politiker aber dürfte sie zweifellos besonders leicht zu werten sein: sie ist der Form nach durchaus oligarchisch— ein Fürstenbund mit einem primus inter pares an der Spitze; dem Inhalt nach aber ist sie in zaristischer Stammverwandtschaft absolutistisch. Von Republikanismus jeden⸗ falls keine Spur! Keine Verfassung Europas — die östreichische vielleicht ausgenommen— gibt den Volksrechten so wenig Raum als die deutsche Reichsverfassung. Wo in einer Ver⸗ fassung, welche nicht einmal das elementare Volksrecht der Ministerverantwortlichkeit kennt, der trait d' union mit dem Republikanismus sein soll, ist mir nicht recht erfindlich. Die Wahr⸗ heit aber, daß sie keinem Erbmonarchen das Recht gibt, das deutsche Volk als sein Volk zu bezeichnen und daß sie keinen Kaiser von Deutschland und auch keinen Kaiser der Deut⸗ chen kennt, ist doch vollständig irrelevant. uch abgesehen von der Tatsache, daß wohl kein Dynast der ganzen Welt das in seinem Staatengebiete lebende Volk so sehr als das seine, das sich nach seinem religiösen, künstle⸗ rischen, politischen, ja menschlichen Empfinden möglichst zu richten habe, betrachtet, als gerade der Repräsentant einer so„relativ republikanischen“ Staatsform, wie sie die des deutschen Reiches sein soll, läßt sich die Bedeutungslosigkeit der formellen Betitelung des Dynasten mit dem einzigen Hinweis darauf dartun, wie sehr der König der Belgier und der König von Eng⸗ land an monerchischer Machtvollkommenheit hinter dem Kaiser zwar nicht der Deutschen oder von Deutschland, aber des deutschen Reiches zurückstehen! Aber Gen. Bernstein glaubt auch in der Entstehung des deutschen Kaisertums ein„Nahe⸗ kommen an republikanische Grundsätze“ zu er⸗ blicken. Unglaublich, aber wahr! Wie es in Wirklichkeit mit der republikanischen Entstehungs⸗ art des deutschen Kaisertums aussah, ist unter Fachleuten nur zu bekannt, dürfte aber an dieser Stelle wiederholt werden müssen, und zwar richte ich mich hier nach der Darstellung des bedeutenden Bismarckforschers Prof. Erich Marcks in Heidelberg: Als Wilhelm I. von Preußen im Januar 1871 in Versailles der Titel empfand er dies als eine...„Aufdrängung“. Er wünschte preußischer König zu bleiben und der Kaisername klang ihm in keiner der beiden Formen angenehm. Mitfühlend be⸗ merkt Marcks dazu:„Es ist nicht leicht, den meisten ganz verständlich zu machen, wie un⸗ endlich viel das Opfer... dem greisen Hohen⸗ zollern bedeutete“). Und diese Fürstenkomödie, bei welcher der altpreußische Partikularismus die Rolle des ersten Tenors, das Volk aber, und zwar in allen seinen Schichten, die Rolle des simpelsten Statisten spielte, hält Gen. Bern⸗ stein für eine Republikanisterung der Monarchie! Ein zweiter historischer Versuch, den Kaiser⸗ gang zu rechtfertigen, fällt mit dem anderen Versuch zusammen, den Kaisergang überhaupt von dem Vorwurf, er bedeute eine Verbeugung vor der Monarchie, zu reinigen und als eine ... demonstrative Handlung gegen den deut⸗ schen Kaiser, eine Verbeugung desselben vor der Revolution darzustellen. Nun ist das zunächst schon eine sonderbare Definition für das Wort Audienz. Bisher hat man eine solche immer als das aufgefaßt, was sie tatsächlich ist, nämlich eine Gnadenbezeigung dessen, der sie gibt dem gegenüber, der sie nachsucht. Man soll sich doch nur nicht einbilden, den Kaiser mit Audienzen anärgern zu können!— Gen. Bernstein sagt nun, ihm habe der Königsgang des Girondisten Roland zu Ludwig XVI. von Frankreich vor⸗ geschwebt, bei welchem nicht ersterer eine Ver⸗ beugung vor der Monarchie, wohl aber letzterer eine solche vor der Republik habe machen müssen. Ein sonderbarer Vergleich, der aber tief blicken läßt, sintemalen Jean Marie Roland de La Platière nicht nur ein bürgerlicher Antirevolu⸗ tionär, sondern sogar... Minister war. Aber auch die tatsächliche Behauptung Bernsteins von der Verbeugung Ludwig XVI. vor der in dem Girondisten Roland verkörperten republi⸗ kanischen Weltauffassung ist revisionsbedürftig. Der republikanische Historiker Adolphe Thiers berichtet über diese Angelegenheit folgendes: Ludwig XVI.,..„ dachte daran, sich mit der republikanischen Girondistenpartei zu verbinden. Allerdings war diese Partei ja bloß aus persön⸗ lichem Mißtrauen gegen den König(also nicht aus prinzipiellen Gründen!) republikanisch ge⸗ sinnt... Er konnte sie also an sich ketten... Einer der Gründe, die Ludwig XVI. zu diesem Schritte bewogen, war die Tatsache, daß der König von England seine Minister ja ebenfalls sehr oft aus den oppositionellen Parteien nimmt.“) Und von dem„revolutionären“ Roland selbst heißt es an anderer Stelle?):„Roland ge⸗ währte den radikalen Jakobinern keinerlei Ein⸗ fluß in seinem Ministerium.... Die Auf⸗ rechterhaltung der öffentlichen Ruhe, die Ueber⸗ wachung der Volksvereine, die Beschützung des Handels und des Privateigentums, das waren die immensen Funktionen, die er mit seltener Energie erfüllte. Alle Tage denunzierte er die Kommune und verfolgte ihre Excesse, ihre Sendungen von Kommissaren. Er belegte ihren Briefwechsel, ebenso wie den der Jakobiner, mit Beschlag und ersetzte die heftigen Briefe durch maßvolle, die er unterschob...“ Und so weiter! Es ist eine merkwürdige historische Verirrung, die bei einem so feinen Kopf, wie Gen. Bernstein es ist, doppelt verwundern muß, das Verhältnis dieses so bürgerlichen und schein⸗ republikanischen Polizeipräftdenten, den sein König noch dazu aus keinem anderen Grunde in's Ministerium berief, als um ihn und seine Partei ausgesprochenermaßen zu korrumpieren, zu Ludwig XVI., dem etwaigen Verhalten eines unserer Genossen zu Wilhelm II. gleichzusetzen! In Wirklichkeit wirkt aber der Einfluß zwischen der Krone und den zu Hofe gehenden Republikanern gerade in umgekehrter Rich⸗ tung, wie Gen. Bernstein es annimmt. Das ist eine historische Wahrheit, die sich auch in der Neuzeit— man denke nur an die Demo— eines Kaisers angetragen wurde, da 1) Erich Marcks:„Bismarck und die Bismarck⸗ Litteratur des letzten Jahres“ in der Monatsschrift: „Deutsche Rundschau.“ XXV. Jahrgang. Heft 8. ) Adolphe Thiers:„Histoire de la Rèvolution Frangaise. Leipzig 1846. Tome I. p. 233. 75 Derselbe, Tome II, p. 220, kraten und Liberalen in Deutschland, sowte die Garibaldianer in Italten!— häufig genug bewahrheitete: Eine höfische Berührung zwischen Republikanern und dem Monarchen, und mag sie sich auch auf parlamentarische Liebenswürdigkeiten beschränken, hat zwar schon manchem Republi⸗ kanismus den Garaus gemacht, aber man hat dh noch nie erlebt, daß ein Monarch durch sie zum Republikaner geworden wäre. Das bedeutet nicht eine intellektuelle Ueberlegen⸗ heit der monarchischen Weltanschauung über die republikanische, sondern das bedeutet ganz einfach, daß der, welcher sich einmal in eine Sackgasse hineinbegeben hat, in den meisten 9 05 keinen normalen Ausweg mehr zu finden weiß. Es liegt in dem à tout prix„Praktisch“⸗ arbeitenwollen für unsere Partei eine unver⸗ kennbare Gefahr. Vielleicht besteht der Grund⸗ fehler der Praktiker à tout prix in einer allzu euphemistischen Auffassung von der Leistungs⸗ und Wandlungs-Fähigkeit jenes Ausschusses der Bourgeoiste, den wir„Staat“ zu nennen pflegen. Daß dieses Praktikertum aber in der Partei schon jetzt se um sich greift, wo der„Staat“ sich noch nicht einmal abgewöhnt hat, uns en canailles zu behandeln, halte ich für ein sehr bedenkliches Symptom. Wie soll unsere„prak⸗ tische“ Politik dann erst aussehen, wenn uns der Staat, wie er es mit unseren Genossen in Frankreich und Italien macht, mit Sammet⸗ pfötchen streichelt? Und zuguterletzt scheint mir die„praktische“ Politik selbst vom rein opportunen Standpunkt aus nicht einmal sicher zum allernächsten Ziel zu führen. Wie, wenn Wilhelm II., was bei seinem bekanntlich so impulstven Charakter keineswegs als ausge⸗ schlossen zu betrachten ist, die von dem sozial⸗ demokratischen Vizepräsidenten untertänigst nach⸗ gesuchte Audienz verweigert? Caveant consules!!. Dr. Robert Michels. politische Rundschau. Gießen, 13. August. Drei Milliarden Mark Reichsschulden. Nunmehr hat die Schuldenlast des deutschen Reiches die schwindelnde Höhe von 3 Milli⸗ arden Mark überschritten. Selbstver⸗ ständlich erhöht sich dementsprechend auch die alljährlich aufzubringende Zinsenlast.— Jeder Privatunternehmer würde angesichts solcher Verhältnisse den Bankerott anmelden. Das Reich denkt gar nicht daran: im Gegenteil, es 92 wle bisher weiter. Was tut das auch? Die Millionen von Zinsen werden ja durch die indirekten Steuern aufgebracht, die die große Masse des Volkes, und auch nur diese, zu tragen hat. Müßten die Herren da oben für die Folgen ihrer Mißwirtschaft selbst aufkommen, wir sind überzeugt, es würde anders werden. Daran ist aber nicht zu denken, wenn nicht eine Beschränkung der Ausgaben für Heer und Marine Platz greift. Zur preußischen Landtagswahl macht Genosse Arons im„Vorwärts“ einen Vorschlag, um die Schattenseiten des„elendesten aller Wahlsysteme“ recht deutlich zu demon⸗ strieren:„Hierzu ist zunächst bei den Urwahlen eine möglichst vollzählige Beteiligung aller Urwähler nötig. Nun trösten sich namentlich die Konservativen immer wieder damit, daß die öffentliche Stimmabgabe es vielen Urwählern unmöglich macht, zur Wahl zu gehen. Das trifft aber nicht ganz iir Gewiß wird es vielen Wählern durch ihre wirtschaftliche Abhängigkeit unmöglich gemacht, ihre politische Gesinnung offen zum Ausdruck zu bringen. Solchen Wählern, die gleichwohl gegen das heutige Wahlsystem protestieren wollen, ist zu empfehlen, bei den Urwahlen sich selbst oder einem beliebigen Nachbarn ihre Stimme zu geben. Das wird um so weniger einen Schluß auf ihre Parteistellung zulassen, als je nachdem auch Freisinnige, Zentrumsmänner, Antisemiten ꝛc. sich scheuen müssen, ihre Ge⸗ stnnung offen darzutun; wir erinnern an die Nr. 33. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. Gefilde Ostelbiens, wo die Konservativen, und an die großen Industriegebtete Rheinland⸗West⸗ falens, wo die nationalliberalen Machthaber jeden politisch anders Gesinnten am liebsten in Acht und Bann tun. Ueberdies kommen solche zersplitterten Stimmen naturgemäß, wenigstens vereinzelt, stets vor, so daß es auch dadurch erschwert ist, die Böcke von den Schafen zu sondern. Der Umstand, daß dieser Rat auch von mößlichst vielen Wählern anderer Parteien, soweit sie durch die öffentliche Stimmabgabe beschwert sind, befolgt werden soll, veranlaßt mich, diese Zeilen bereits heute zu veröffentlichen, auf die Gefahr hin, daß das Staatsministerium sich vor den Wahlen noch mit einem neuen Reglement versucht.“ Wahlen in Baden. In den Karlsruher Bürgerausschuß wurde an Stelle des ausgetretenen sozialdemo⸗ kratischen Stadtverordneten Kehret mit 47 Stimmen unser Parteigenosse Wilhelm Kolb, Redakteur am Volksfreund, gewählt. Der Karlsruher Bürgerausschuß hat auch in diesem Falle an der Uebung festgehalten, daß der Ersatz⸗ mann der politischen Richtung des Ausgetretenen angehören und hierbei der Vorschlag der betr. Fraktion berücksichtigt werden soll. In Mösickes Wahlkreis sollten nach Meldungen bürgerlicher Blätter von seiten unserer Partei Dr. Arons oder Rechtsanwalt Karl Liebknecht aufgestellt werden. Dies trifft aber nicht zu; wie bei den letzten allgemeinen Wahlen kandidiert auch bei der Nachwahl Genosse Käppler, der dies⸗ mal hoffentlich zum Siege gelangt. Wer von 110 70 aufgestellt wird, ist noch nicht ekannt. O, welche Lust Soldat zu sein! Mißhandlungen der Rekruten und jüngeren Soldaten durch ihre älteren Kameraden kommen leider immer noch in zahlreichen Fällen vor und ste stellen eine der häßlichsten Erscheinungen des Soldatenlebens dar. Mit einem besonders abscheulichen Falle von Ausschreitungen dieser Art hatte sich vorige Woche das Düsseldorfer Kriegsgericht zu befassen. Unter den Leuten des Infanterte⸗Regiments kam es während der Feldübungen im Barackenlager zu scharfen Erzessen. Diese wiederholten sich in einer Nacht anfangs Juni in verstärktem Maße— es er⸗ schien wiederum der„heilige Geist“, wie in der Soldatensprache dieses wüste Treiben ge⸗ nannt wird— die Rekruten wurden mit Klopf⸗ peitschen aus den Betten e mit Schemeln beworfen und mit Wasser begossen. Besonders tat sich bei allen diesen 9 der Musketier Vandicken hervor; er„komman⸗ dierte“ die Prügelstrafen und trug deshalb den Namen„Baracken- Direktor“. Bei sofortiger Verhaftung wurde dieser Mensch zu vier Mo⸗ naten Gefängnis verurteilt; der Gefreite Karl Zimmermann erhielt einen Monat Gefängnis, weitere sechs Musketiere erhielten Gefängnisstrafen von zwei Wochen bis drei Monaten.— Man fragt sich, wie solche Ausschreitungen trotz der immerwährenden durch Offiziere und Unteroffiziere ausgeübten Aufsicht vorkommen konnten. Oder sollte es an dieser gefehlt haben? Soldaten als Streikbrecher und Lohndrücker. Die zur Fahne einberufenen Söhne des Volkes sind zu allem möglichen zu gebrauchen. Den Offtziersherrschaften dienen sie als Mädchen für Alles, den Unternehmern als— Streik⸗ brecher. So wieder beim Tischlerstreik in Straßburg, wo mehrere Musketiere des Infanterieregiments Nr. 126 die von den vater⸗ landslosen Gesellen verlassenen Hobelbänke ein⸗ nahmen. Und aus Riedisheim, einem Dorfe bei Mülhausen, wird gemeldet, daß ein dortiger Wirt sich von Infanteristen einen Schuppen erbauen läßt, nachdem ihm die von mehreren Bauunternehmern eingeforderten Kostenvoran⸗ schläge zu hoch erschienen waren. Soldaten arbeiten allerdings billiger als freie Arbeiter. Auch als Erntearbeiter werden zur Zeit die Soldaten in Elsaß⸗Lothringen vielfach beschäftigt. Entgegen den Anordnungen des früheren kom⸗ mandierenden Generals von Metz, des Grafen Häseler, hat der neue Gouverneur Stoetzer ausdrücklich Befehl gegeben, den Landwirten so viel als möglich Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen!— Nach alledem scheint doch die zweijährige Dienstzeit nicht zu kurz, sondern zu lang zu fein. Verurteilte von Löbtau begnadigt. Aus Anlaß seines Geburtstags hat der König von Sachsen einer Anzahl Gefangenen die Freiheit geschenkt. Darunter befinden sich auch drei Opfer des Löbtauer Zuchthaus prozesses, nämlich die Arbeiter Moritz, Wobst und Gedlich. Der erstere war zu acht Jahren, die andern beiden zu je sieben Jahren Zucht⸗ haus verurteilt worden. Nun schmachten noch zwei Opfer, die am härtesten Bestraften, die Bauarbeiter Zwahr(10 Jahre) und Schneider (9 Jahre) hinter den Mauern des Zuchthauses. Bereits früher sind begnadigt worden die Zim⸗ merer Pfeifer und Leiber, die je sechs Jahre Zuchthaus erhielten, und die Zimmerer Geißler und Hecht, die„nur“ zu vier Jahren Gefängnis verurteilt wurden. Die gegenwärtig Begnadigten haben an 4½ Jahre im Zuchthause zubringen müssen. Warum sind die letzten Opfer des entsetzlichen Löbtauer Urteils nicht auch gleich mit begnadigt worden? Soll denn die Erinnerung immer wieder aufgefrischt werden an das Entsetzen, die jenes ungeheuerliche Urteil hervorrief, durch das auf 53 Jahre Zuchthaus, 8 Jahre Gefäug⸗ nis und 70 Jahre Ehrverlust erkannt wurde gegen neun Arbeiter, die zwar in angetrunkenem Zustande einen Exzeß verübten, zu dem sie aber durch ihren Arbeitgeber, einen rohen Bauunter⸗ nehmer, in unerhörter Weise gereizt worden waren? Die letzten Begnadigungen sind mög⸗ licherweise durch den Ausfall der Reichstags⸗ wahlen mit veranlaßt worden. Soziales. Entwickelung des Genossenschaftswesens. Die Großeinkaufs⸗Gesellschaft Deutscher Konsumvereine hat in der ersten Hälfte des laufenden Geschäftsjahres insgesamt einen Umsatz von Mk. 10 801.432,98 erzielt gegen Mk. 8 691 863,89 im Vorjahre. Die Zunahme beträgt demnach Mk. 2 109 569,09 oder rund 25 Prozent. Ausland. Ein neuer Papst ist nun gewählt und bereits am Samstag ge⸗ krönt worden. Kardinal Sarto, der Patriach von Venedig, ist der Nachfolger Leos XIII. und wird den Namen Pius KX. führen. Er ist ein 68 jähriger Mann. Welche Richtung die Politik der Kirche durch ihn bekommen wird, läßt sich zur Zeit noch nicht sagen. Die bür⸗ gerlichen Sensationsblätter, die natürlich gerade deswegen in vielen Spalten über den neuen Papst schreiben, behaupten, er sei ein religiöser Papst im Gegensatz zu Leo, der ein politischer gewesen. Die Zukunft wird lehren, was daran richtig ist. Soviel steht aber fest, daß er ein Feind des Sozialismus, der, nach Be⸗ freiung ringenden Arbeiterschaft, sein wird. Parlamentarischer Skandal in Ungarn. Eine„großartige“ Bestechungsaffaire hält die Oeffentlichkeit in Ungarn in Aufregung. Wie die Wiener„Arbeiterzeitung“ mitteilt, hat Abg. Szapary eingestanden, daß er dem Abg. Dienes die 12000 Kronen gegeben, mit denen Papp sollte gekauft werden. Gleichzeitig hat er seine Entlassung eingereicht. Ist das richtig, dann ists mit Khuen⸗Hedervarys ganzer Herrlichkeit überhaupt vorbei. Welches Interesse könnte Szapary, den Gouverneur von Fiume, getrieben haben, die Opposition durch Bestech⸗ ungen aus der Kampfstellung zu locken? Ihn braucht das Schicksal der Vorlagen nicht zu kümmern, um die jetzt im Abgeordnetenhause gerungen wird. Hat er die Agenten der Kor⸗ ruption gemietet, so 1 er es im Auftrage des Mintsterpräsidenten getan, dessen Person er in dem sauberen Handel zu decken hatte. Aber wenn nun das ganze plumpe Korruptionsmanöver ans Licht kommt, müssen alle verschwinden, die daran beteiligt waren. Parlamentarische und Preßkorruption mögen in Ungarn auf der Tagesordnung und das Kaufen der Gegner mag alter Brauch gewiegter „Führer des Hauses“ sein, ein Ministerpräsident, der als Vater der parlamentarischen Korruption bloßgestellt ist, kann in Pest so wenig wie anderswo die Leitung der Geschäfte in der Hand behalten. Der Reichstag wählte einen besonderen Ausschuß zur Untersuchung der Bestechungs⸗ affäre und vertagte seine Sitzungen so lange, bis dieser Ausschuß in der Lage ist, Bericht zu erstatten. Graf Khuen erklärte, er werde seinen Platz nicht verlassen, er werde vor diesem Untersuchungsausschuß erscheinen. Der Führer der Obstruktion, Olay, er⸗ klärte vor der Untersuchungskommission, er habe Beweise, daß Graf Khuen von den Be⸗ stechungen Kenntnis gehabt haben muß und daß die Vermittler der Bestechungen auch bei anderen Abgeordneten intervenierten; da die Kommission aber keinerlei richterliche Befugnisse habe und niemanden unter Eid verhören könne, teile er seine Beweise der Kommission nicht mit. Falls jedoch Graf Khuen nicht demissioniert, werde er diese Fälle dem Hause anzeigen. Auch der klerikale Abgeordnete Baron Kaas erklärte, daß er mittelbare Kenntnis davon habe, daß 300 000 Kronen zu Bestechungszwecken zur Verfügung standen. Die Sozialisten hielten am Sonntag in Budapest einen Protestumzug und eine Ver⸗ sammlung ab, in welcher sie das Parlament und die Regierung wegen der Bestechungs⸗ angelegenheit scharf angriffen. Die Versamm⸗ lung faßte den Beschluß, namens der soziali⸗ stischen Parteileitung vor der parlamentarischen Untersuchungskommission die Angabe zu machen, daß an den Unterhandlungen zwischen Szaparh und den Sozialistenführern auch der Stell⸗ vertreter des Gouverneurs, Ministerialrat Gal von Hatvan, teilgenommen hat. Der Prozeß gegen die Humberts. Am Samstag hat in Paris ein Prozeß begonnen, der das öffentliche Interesse in hohem Maße in Anspruch nimmt. Es handelt sich um die von der Familie Humbert viele Jahre lang betriebene Schwindelei, welche s. Z. Waldeck⸗Rousseau als die„größte Gaunerei des Jahrhunderts“ bezeichnete und der Prozeß gewinnt insofern an Bedeutung, als hochstehende Personen mit darin verwickelt sind, sowie daß die Angeklagten weit verzweigte Beziehungen mit der politischen Welt unterhielten.— In⸗ teressant ist ferner, mit welcher Leichtigkeit es den Humberts gelang, den ganzen Richterstand, angesehene Juristen, jahrzehntelang zu nasführen. Möglich ist auch, daß der ehemalige Justiz⸗ minister Humbert, Schwiegervater der Therese Humbert, Kenntnis von dem Schwindel hatte, ihn vielleicht angezettelt hat. Die Hauptzüge des Gaunerplans seien kurz erwähnt. Er be⸗ ruhte auf zwei am gleichen Tage ausgestellte und einander widersprechende Testamente eines fabelhaften Onkels, namens Crawford. Das eine Testament setzte die Therese Humbert geb. Daurignac zur Universalerbin eines Hundert⸗ millionenvermögens ein, während das andere dieses Vermögen zu gleichen Teilen an Maria Daurignac, eine Schwester der Therese, und an die zwei nicht existierenden Neffen des nicht existierenden Erblassers, die Gebrüder Crawford vermachte, die verpflichtet wären, der Therese eine Leibrente von 30 000 Franken monatlich zu zahlen. Der Widerspruch zwischen den zwei Testamenten gab die nötige Handhabe zu einer endlosen Prozessiererei, die durch alle möglichen Manöver in die Länge gezogen wurde. Sozialdemokratische Partei in Serbien. In einer am Sonntag in Belgrad abge⸗ haltenen Sozialistenversammlung wurde die 5 25 2 Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 33. Gründung einer serbischen sozialdemokratischen Partei auf Grundlage des Erfurter Pro- gramns beschlossen. Pon Uah und Lern. Gießener Angelegenheiten. — Richtigstellung. In Leitartikel der letzten Nummer hat sich dadurch ein Fehler eingeschlichen, daß versehentlich ein ganzer Satz fortgeblieben ist. In der dritten Spalte im vierten Absatz muß es richtig heißen: Das vorläufige Ziel der Verfassungs-Umstürzler kommt in dem Satze zum Ausdruck: „Es muß ein allgemeiner Vorstoß von solcher Wucht und Ausdauer werden, daß die Reform beim. des Reichstages das gauze innerpolitische Interesse in Auspruch nimmt.“ Und hiernach soll erst der Satz folgen: Der„Vorwärts“ hat sich ein Verdienst da⸗ mit erworben, daß er die sauberen Pläne der im geheimen wühlenden politischen„Umstürzler“ an das Tageslicht gefördert hat. — Zu dem Vorschlag betreffend die Bildung eines Agitattonsbezirkes für Gießen, Wetzlar, Dillenburg, Marburg ꝛc. er⸗ halten wir eine längere Zuschrift von einem Wetzlarer Genossen, in der sich derselbe mit Entschiedenheit für Schaffung einer derartigen Organisation ausspricht. Außerdem betont er die notwendige Ausgestaltung der Parteipresse für unsern Bezirk, denn je mehr unsere Be⸗ wegung vorwärts schreite, desto schärfer werde der Kampf mit den ordnungsparteilichen Schund⸗ blättern. Darum müßten wir suchen, so bald als möglich zu einem täglich erscheinenden Blatte zu kommen. Schließlich fordert der Genosse, daß bei dem Zusammentritt der Preß⸗ kommission auch die Wetzlarer Genossen einge⸗ laden werden.— Das ist gewiß ein fend be⸗ rechtigter Wunsch. Im Uebrigen wollen wir bemerken, daß jede Einsendung mit dem vollen Namen des Einsenders unterzeichnet sein muß. — Feuerwehr⸗Uebung! Für die in der Nähe des Brandplatzes wohnenden Leute bedeutet der Montag Abend keineswegs einen besondern Genuß. An diesem Abende„übt“ die Feuerwehr. Das ist ja nun soweit ganz gut, denn ohne die nötige Uebung würde die nützliche, auf dem Grundsatz der Nächstenliebe und Menschenfreundlichkeit gegründete Einrich- tung ihren Zweck vollkommen verfehlen. Der e aber, der einer solchen Uebung beiwohnt, kommt zu dem Glauben, daß es sich um die Uebung eines Tambourkorps han⸗ delt und nicht um eine solche der Feuerwehr. Zu nachtschlafender Zeit wird ein Höllenlärm vermittels der Kalbfelle in den engen Gassen vollführt, daß die eben eingeschlafenen Kinder jäh emporschrecken, zum Leidwesen der Eltern, die eben Ruhe zu haben glaubten und zum Entsetzen der etwa krank darniederliegenden. Geht's denn wirklich nicht ohne diese tolle Trommelei? Damit wehrt man der Feuers— gefahr doch nicht! r. Der Gesangverein„Eintracht“ erhielt bei dem Konkurrenzsingen auf dem Bundessängerfest des Arbeitersängerbundes für den Rhein- und Maingau in Dieburg unter 14 Vereinen in Klasse 3a(28 Sänger) die beste Note. Das Fest verlief übrigens bei äußerst starker Beteiligung(10—12 000 Personen) in schönster Weise. — Eine Konferenz der hessischen Gewerbeaufsichtsbeamten fand am 5. August in Darmstadt statt. Wie aus einer offiziösen Auslassung darüber zu ersehen ist, beschäftigte sich diese Konferenz außer zahlreichen anderen Angelegenheiten wesentlich mit der Ausführung des Reichsgesetzes über die Kinder— arbeiten in gewerblichen Betrieben und der Frage der Ausdehnung des Bauarbeiter— schutzes. Der Beratung des erstgenannten Gegenstandes wohnte auch der Vorsitzende der Abteilung für Schulangelegenheiten bei. In einer weiteren Beratung am gleichen Tage wurden mit den Gewerbeinspektoren der Auf— sichtsbezirke Gießen und Offenbach, sowie mit Vertretern der beteiligten Arbeiterkreise, zwei im Reichsamt des Innern ausgearbeitete Entwürfe von Vorschriften zum Schutze der Zigarrenarbeiter erörtert. Ueber den letzteren Punkt ist uns leider von seiten der zugezogenen Arbeitervertreter bis jetzt eine Mitteilung nicht zugegangen. Aus dem Rreise gießen. — Die Bürgermeisterwahl in Lich findet diesen Freitag(14. August) statt. Dem bisherigen Bürgermeister Heller steht der Ortsgerichtsvorsteher Vogt als Gegenkandidat gegenüber. Ueber den Ausgang der Wahl liegt bei Druck unseres Blattes noch keine Nachricht vor. Aus dem Nreise Alsseld-Cauterbach. SEin trauriges Sittenbild lieferte eine kürzlich vor der Gießener Straf⸗ kammer stattgefundene Gerichtsverhandlung. Ein 20 jähriger Maurer aus Niederofleiden, ein 62 jähriger Weichensteller i. P. und ein Ge⸗ richtsschreibergehilfe aus Alsfeld waren wegen Vornahme unzüchtiger Handlungen mit Per⸗ sonen unter 14 Jahren angeklagt. Die be⸗ treffenden Mädchen sind Schulkinder aus Als⸗ feld im Alter von 13 bezw. 14 Jahren, die inzwischen zur Zwangserziehung in Besserungs⸗ anstalten untergebracht worden sind, und sollen nach der Beweisaufnahme eigentlich die Ver⸗ führer der Angeklagten gewesen sein. Wenig glaublich erscheint das allerdings. Das Urteil lautete gegen den Maurer auf eine Ge⸗ samtstrafe von 9 Monaten Gefängnis, gegen den früheren Weichensteller auf eine Gefäng⸗ nisstrafe von 6 Monaten, während der Ge⸗ richtsschreibergehilfe von Strafen und Kosten freigesprochen wurde. Aus dem Rreise Wetzlar. h. Zur Landtagswahl wollen die Konservativen den früheren Landrat Stackmann aufstellen, während von den Nationalliberalen Justizrat Aldefeld genannt wird. Pfarrer Heckenroth hat sich im Kreise Alten⸗ kirchen als konserv.⸗bündl. und antisemitischer Kandidat gegen den seitherigen Abg. Krämer(natl.) aufstellen lassen. h. Auf der Sophienhütte wurde in verflossener Woche den älteren Arbeitern aufgegeben, bis zum 15. August durch ihre Heimatsbehörde eine Berechnung über die Höhe einer etwaigen Invalidenrente beizubringen. Wenn die Anordnung einen Sinn hat, so kann es nur der sein, daß die Betriebsleitung mit der Absicht umgeht, die ältesten Leute durch so eine Art Zwangspensionierung abzuschieben. Dies dürfte indessen nicht so leicht sein, als es sich der Herr Betriebsführer Debus vorstellt. Zur Invalidität gehört mindestens eine Verminderung der gelstigen und körperlichen Kräfte um/ des nor⸗ malen Zustandes. Im übrigen ist keine Behörde ver⸗ pflichtet, eine derartige Berechnung zu machen, und wenn die Akt.⸗Ges.„Buderus'sche Eisenwerke“ eine solche nötig zu haben glaubt, so wird sie sich schon selbst bemühen müssen. Sieben Prozent bezw. fünf Prozent Dividende sind bei reichlichen Abschreibungen in den zwei letzten Jahren an die Aktionäre verteilt worden und hier handelt es sich um Arbeiter, die schon 20 bis 30 Jahre auf dem Werke tätig sind. Bei solchen Absichten werden die„Buderus'schen Eisenwerke“, bei etwaiger Einrichtung einer Pensionskasse, auf die Bewunderung ihrer sozialen Fürsorge, außerhalb des Wetzlarer Anzeigers und der Wetzlarer Nachrichten verzichten müssen. Wir gehören nicht zu denen, die die Leistungen der Invaliditäts⸗ versicherung anhimmeln, aber trotzdem steht dies Gesetz in Bezug auf Gerechtigkeitssinn haushoch über den Auffassungen der Buderuß'schen Kapitalsdiener, denn es stellt es ganz in das Ermessen des Arbeiters, wann er sich für Invalid erklärt bezw. erklären lassen will. — Aus Friedwald, Kreis Altenkirchen schreibt uns ein Genosse:„Wahrscheinlich, um den Patriotismus zu stärken, hat der hiesige Kriegerverein den Bergmann Gustav Fries, welcher, da unsere Genossen zu wenig Zeit hatten, gegen Entgelt die Flugblätter und Stimmzettel unserer Partei verteilt hatte, aus dem Verein ausgeschlossen. Da Fries Vater von sechs kleinen Kindern ist, hatte er diesen Nebenverdienst gern mitgenommen. Aus diesem Falle können die Arbeiter wieder mal ersehen, in welcher Weise die Kriegervereine ihre„Ar— beiterfreundlichkeit“ betätigen. Aus dem Rreise Marburg-Rirchhain. R. Gewerkschaftliches. Wie sehr die Unternehmer die Arbeiterorganisationen fürchten, Durch lebhafte geht aus folgendem hervor: Agitation unter den hiesigen Bauarbeitern ist es gelungen, eine Anzahl derselben im Maurer⸗ verbande zu organisteren. Hiervon erhielten die Unternehmer Kenntnis und mußte, wie es in Unternehmerkreisen nun einmal üblich ist, sofort dagegen eingeschritten werden, um ein allzu starkes Anwachsen des Maurerverbandes in Marburg zu verhüten. Die Unternehmer, die vielleicht schon einen Streik vor Augen sahen, in der die Maurer ihre geradezu er⸗ bärmlichen Löhne verbessern könnten, hatten darum nichts eiligeres zu tun, als Maßrege⸗ lungen dune Der Vertrauensmann der Maurer, der bei der Firma Reising und Ziegel in Arbeit stand, wurde deshalb auch sofort entlassen, und glaubte die Firma durch diese Maßregelung einen Druck auf die übrigen Maurer auszuüben. Bis jetzt ist jedoch das Gegenteil eingetreten, indem sich immer mehr Maurer dem Verbande anschlossen zum Trutze der Unternehmer.— Aber auch die Unternehmer im Maler- und Lackierergewerbe fangen mit Maßregelungen an. Die Arbeiter dieses Berufes, welche schon längere Zeit organisiert sind, ließen es auch in diesem Jahre an einer nachhaltigen Agitation nicht fehlen, um die übrigen Kollegen aufzuklären. Die Folge davon war, daß die beiden Vertrauensleute wegen ihrer Agitation gekündigt wurden. Mit Schuld an dieser Kündigung sind auch die betr. Briefträger, welche die Postsachen für die Vertrauensleute einfach ins Geschäft tragen, anstatt in die Wohnung, wie es adresstert ist. Durch diese hinterlistigen Denunziationen wurden die betr. Vertrauensleute doppelt bei ihrem Arbeitgeber angeschwärzt. Mittlerweile sind aber die Kündi⸗ gungen durch Vermittelung des Gauvorstehers zurückgenommen. Ein ueberfall auf italienische Arbeiter wird aus Mainz gemeldet. Als am Dienstag morgen gegen 5 Uhr italienische Arbeiter sich zur Baustelle an der Ecke Kaisertor und Rheinallee begaben, war die Baustelle noch geschlossen und die fremden Arbeiter lagerten sich nebenan auf den Grasplatz. In demselben Moment kamen vom Rheinufer her 10— 15 Personen herbeigeeilt und schlugen mit Knüppel furchtbar auf die überraschten Italiener ein. Auch eine Anzahl von Schüssen wurden auf die Italiener abgegeben. Der italienische Parlier wurde besonders schwer mißhandelt. Als die Polizei kam, flüchteten die Täter und keiner von ihnen konnte festgenommen werden, Die italienischen Arbeiter flohen in wilder Flucht. Die schwersten Verletzungen hat der italienische erste Parlier erlitten, der in das Rochus-Hospital verbracht werden mußte. Die übrigen italienischen Arbeiter trugen haupt⸗ sächlich Hieb verletzungen davon. Die umlaufenden Gerüchte, daß es Tote gegeben habe, beruhen auf Erfinduug. Außer dem Parlier ist niemand ernstlich verletzt. Infolge des Ueberfalls weigern sich die Italiener, weiter zu arbeiten. Dem verletzten Parlier geht es besser, er dürfte bald aus dem Hospital entlassen werden. Eine Anzahl Mainzer Maurer waren am Mittwoch früh als der Teilnahme an dem Ueber⸗ fall verdächtig, verhaftet worden, sie wurden jedoch nach ihrer Vernehmung wieder entlassen, da sie nachweisen konnten, daß sie an dem Ueberfall nicht beteiligt waren. Ordnungsmann— Wohltäter und Steuerzahler. Die Erbschaft des verstorbenen früheren Buchhändlers Kapp in Mainz, die die Stadt Mainz antreten soll, wird noch um einen recht annehmbaren Betrag geschmälert werden, indem das Steuerkommissariat bereits dem Universal⸗ erben, also der Stadt Mainz, mitgeteilt hat, daß es noch einen„kleinen Posten“ mit dem Verstorbenen auszugleichen habe, indem dieser sich viel zu gering in der Steuer dekla⸗ riert hatte. Die leer ausgegangenen Verwandten werden das Testament anfechten, sodaß es doch recht zweifelhaft geworden ist, ob die Stadt überhaupt in den Besitz des nach 805 der Legate immer noch zwischen 550— 600 000 Mark betragenden Erbteils gelangen wird, den der Erblasser zu„gemeinnützigen Zwecken“ bestimmt hat. Ein furchtbares Eisenbahnunglück ereignete sich am Montag abend in Paris in einem Tunnel der Stadtbahn. Wolffs Bureau giebt folgende Darstellung: Gegen 8 Uhr abends ging ein Leerzug 3 9 2— 2 2 S 2 S= F= We A mm S ==— S*== ie se r. er ———— Nr. 33. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 3. der einen anderen Leerzug schleppte nach der Wagenremise der Place de la Nation. Nahe der Station Menil⸗ montant gerieten beide Züge in Brand. Der Maschinist und das Zugpersonal retteten sich rechtzeitig. In dem⸗ selben Augenblick traf ein mit zahlreichen Reisenden besetzter Zug auf der Station Couronnnes ein. Der Maschinist dieses Zuges stoppte, da die Linie blockiert war. Sofort hüllte sich der Zug in dichten Rauch und es entstand eine furchtbare Panik unter den Reisenden, besonders als nach ein bis zwei Minuten das elektrische Licht erlosch. Die Reisenden, an Zahl über 200, suchten den Ausgang, das Bahnpersonal bemühte sich, den Reisenden den Weg zu zeigen, es scheint aber, daß es sich bei der entsetzlichen Verwirrung kein Gehör verschaffte. Die Rettungsarbeiten waren wegen des den Tunnel füllenden dichten Rauchs ungeheuer schwierig, Stunden vergingen, ehe die Feuerwehr in den Tunnel eindrang. Anfänglich wurde geglaubt, daß niemand das Leben eingebüßt habe. Gegen Mitternacht verbreitete sich das Gerücht, daß sich von den 200 Reisenden kaum die Hälfte retten konnte und die übrigen erstickt seien. Der verwundete Maschinist des Zuges erklärte, er glaube, der Brand sei dadurch verursacht worden, daß ein Me⸗ tallbestandteil des Motorwagens sich gelöst habe und auf die Schienen fiel, wodurch Kurzschluß entstanden sei und die Guttaperchahülle der Leitungsdrähte sich entzündete. Der Holzboden der Wagen fing Feuer, das rasch um sich griff.— Die aus dem Stadtbahntunnel heraufgeschafften Leichen sind schrecklich entstellt und rauchgeschwärzt und deuten auf einen schweren Todeskampf.— Ueber die Versuche zur Rettung der Unglücklichen wird berichtet: Der stark aufsteigende Rauch, der aus der Tunnelöffnung von Menilmontant strömt, erschwerte die Rettung außer⸗ ordentlich. Von nachts 11 Uhr bis Dienstag früh 3 Uhr hatte der Präfekt vergebens versucht, an der Spitze der herbeieilenden Feuerwehrleute in den Tunnel einzudringen: er war schon im Begriff, Dynamit anzu⸗ wenden, um eine Eingangspforte zu schaffen als ein Oberfeuerwehrmann in Rauchschutzausrüstung einzudringen wagte. Der Mann kehrte aber wenige Minuten später halberstickt zurück. Dann folgte unten im Tunnel eine Detonation und der Rauch zog in starken Schwaden ab. Nun gelang es einzudringen. Die mit Acetylenlampen ausgerüsteten Feuerwehrleute kamen bald mit versengten Haaren wieder zurück; jeder trug zwei, mancher sogar drei Leichen im Arm. Der Anblick war entsetzlich. Die Mehrzahl der Opfer gehört dem Arbeiterstande an, es befinden sich viele Frauen und Kinder darunter, im ganzen wurden 84 Leichen zutage gefördert. 23 Familien sind brotlos geworden. Im Auftrage der Staatsanwaltschaft wurde vom Untersuchungsrichter Jolliot die strafrechtliche Untersuchung gegen„vorläufig Un⸗ bekannt“ wegen fahrlässiger Tötung eingeleitet. Bis zur Stunde ist es unmöglich, festzustellen, wer die Ver⸗ antwortung für das Unglück auf der Stadtbahn trägt. Dle Direktion sucht die Schuld an dem Unglück auf das Bahnpersonal abzuwälzen, und sie erklärt, daß das Un⸗ glück niemals solchen Umfang hätte annehmen können, wenn die Bahnbediensten nicht den Kopf verloren hätten. Ein Direktor der Untergrundbahn äußerte einem Be⸗ richterstatter gegenüber, die von der Bahnverwaltung eingeleiteten Nachforschungen hätten ergeben, daß die Verantwortung ausschließlich den Maschinisten Chau⸗ vin, einen der älteren und zuverlässigsten Beamten der Untergrundbahn, treffe. Die Untergrundbahn beförderte bisher etwa 200 Millionen Menschen ohne ernsten Un⸗ fall. Der Maschinist Chauvin erklärte auf dem Polizei⸗ kommissariat, daß der in Brand geratene Zug am Sonntag nicht mehr hätte verwendet werden dürfen, da die Brems vorrichtung bereits mittags einmal versagte. Es sind Leichen bis auf zwei rekognosziert. Es sind dies zwei Frauen, von denen die eine eine Bäuerin aus der Provinz zu sein scheint. Bei der anderen wurde eine Rückfahrkarte nach Edinburg in Schottland gefunden. — Am Mittwoch erreignete sich abends auf dem Stadt⸗ bahnhofe Place des Ternes ein ähnlicher Unfall, aber ohne ernstliche Folgen. Auf dem Motorwagen entstand ein Brand, der zwar alsbald gelöscht wurde, aber doch Anlaß zu einer Panik unter den Fahrgästen gab. Zwei Damen sprangen aus dem Wagen und erlitten dabei leichte Verletzungen. Kleine Mitteilungen. * Schadenfeuer. In Krofdorf brannte am Dienstag nachmittag eine Scheuer, dem Wirt Drescher gehörig, nieder. Die Futtervorräte waren nicht versichert. * Wegen Unterschlagung in Höhe von 6000 Mark wurde auf Requisition der Marburger Staats⸗ anwaltschaft in Kassel ein Gerichts sekretär verhaftet. „ Tötlicher Ausgang nahm eine Rauferei in Allendorf a. Lahn. Nach einem Streite warf der 20 jährige Mandler den 50 Jahr alten Johs. Ulm zur Wirtschaft hinaus auf den Hof. Ulm starb noch in * Ein neuer Sprudel wurde in Vilbel von der Frankfurter Firma Saelz u. Co. auf dem Besitztum des Herrn F. Hinkel erbohrt. * Kind verbrannt. In Inheiden verbrannte am Donnerstag das dreijährige Kind eines Landwirts. Die drei Kinder desselben waren allein zu Hause, das älteste, zehnjährige wollte Feuer anmachen, wobei die Kleider der Kleinen in Flammen gerieten. n Vom Schlachtfelde der Arbeit. In der Frankfurter Nähmaschinenfabrik von Wertheim geriet ein Arbeiter am Samstag mit der Haud in die Frais⸗ maschine, wobei ihm ein Finger abgeschnitten wurde. Erst einige Tage vorher ereignete sich an derselben Maschine ein ähnlicher Fall. Das beweist, daß die Schutzvorrichtungen sehr mangelhaft sein müssen. * Arbeiterrisiko. In einem Werke der Od en⸗ wälder Hartstein industrie wurde vergangenen Montag ein Arbeiter am Roßberg bei Roßbach von der Maschine erfaßt. Er wurde tot ins Krankenhaus ein⸗ geliefert. Seine Frau und neun Kinder verlieren in ihm den Ernährer.— Von einer Maschine beide Beine zermalmt wurden einem Arbeiter in einer Kasseler Fabrik. * In Geisenheim warf ein Einwohner seine Schwiegermutter die Treppe hinab, sodaß sie das Genick brach. * Ueberfahren wurde am Dienstag abend auf dem hiesigen Rangierbahnhof der Bremser Schneider von Betzdorf. Er wurde, an beiden Beinen schwer verletzt, in die Klinik verbracht. Der Verunglückte besitzt zahlreiche Familie. a Sechs Kinder verbrannt. Am Donnerstag nacht voriger Woche brannte das Wohnhaus eines Gutsbefitzers in Rentengrün im sächsischen Vogtlande nieder, Die sechs Kinder des Besitzers, die im Dachstock schliefen, kamen dabet in den Flammen um. ** Angehender Missionar. In Kaisers⸗ lautern wurde am vorigen Freitag der Missionsgehülfe Grenda von Danzig, wohnend in Neustadt a. H., wegen Sittlichkeitsverbrechen an Kindern verhaftet. Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung. Die Aussperrung der Bauhand⸗ werker in Cassel dauert unverändert fort, da die Einigungsverhandlungen vor dem Ge⸗ werbegericht scheiterten. Zuzug ist fernzuhalten. 1 Die Schmiede bei der Firma Lanz in Mannheim befinden sich seit kurzem im Ausstande, die gesamte Arbeiterschaft der Lanz⸗ schen Fabriken erklärte sich in einer Versamm⸗ lung mit den streikenden Schmieden solidarisch und verpflichtete sich zur Verweigerung der Streikarbeiten, was unter Umständen zum Generalstreik führen kann. F Zur Einführung des Zehnstunden⸗ tags ist eine lebhafte Bewegung unter den Textilarbeitern in Crimmitschau in Sachsen im Gange, die sich auf etwa 73 Betrieben mit 6000 Arbeitern erstreckt, von denen 4000 dem Textilarbeiterverband angehören. Die Be⸗ mühungen auf Einführung des Zehnstunden⸗ tags von seiten der Arbeiter reichen bis zum Jahre 1899 zurück, waren jedoch bisher ange⸗ sichts des Widerstandes der Arbeitgeber erfolg⸗ los. In einer Reihe von Versammlungen wurde beschlossen, nochmals mit der Forderung an die Arbeitgeber heranzutreten und bei aber⸗ maliger Abweisung die Arbeit niederzulegen und die Forderung zu erkämpfen.— Inzwischen erhielten die Arbeiter einen ablehnenden Bescheid auf ihre Forderungen, die auch auf 10 proz. Lohnerhöhung lauteten, zugleich auch die Kün⸗ digung, von der insgesamt 8000 Arbeiter und Arbeiterinnen betroffen wurden. Sollte eine Einigung bis zum Ablauf der Kündigung nicht erzielt werden, so ist die Riesenaussperrung perfekt. Differenzen bei Zeiß in Jeng. Seit Jahren ist die optische Fabrik von Zeiß in Jena als Musterbetrieb auch in Bezug auf die Arbeitsverhältnisse bekannt. Jetzt scheint es, als sollte sich dort ein Umschwung vollziehen. Trotz erhöhten Umsatzes entläßt die Firma, wie berichtet wird, 60 Arbeiter der optischen Abteilung, um weitere Ueberproduktion zu ver⸗ hüten. Gleichzeitig wird bekannt, daß sich wegen Differenzen mit der Geschäftsleitung der Ar⸗ beiter⸗Ausschuß auflöste.— Das steht nicht sehr nach Arbeiterfreundlichkeit aus! ——— derselben Nacht, ohne das Bewußtsein wieder erlangt zu haben. Mandler stellte sich freiwillig dem Gericht. Partei-Nachrichten. Charles Longuet gestorben. In Paris starb vorige Woche einer der bekan ntesten franzöfischen Sozialisten, Ch. Longuet, ein Schwiegersohn von Kar! Marx, eines plötzlichen Todes. Longuet stand schon seit vielen Jahren in der sozialistischen Be⸗ wegung. Er stammte aus einer wohlhabenden, klerikal⸗ monarchistischen Bürgerfamilie in der Normandie. Schon als er in Paris studierte, Ende der sechziger Jahre, widmete er sich mit Elfer der sozialistischen Propaganda. 1871 beteiligte er sich an dem Kampfe der Kommune und war Kommandeur eines Bataillons der National⸗ garde. Nach dem Falle der Kommune zum Tode verurteilt, gelang es ihm zu fliehen. Er kam nach London, wo er Marx kennen lernte, mit dessen Tochter Jenny er sich 1873 vermählte. Seit der französischen Parkteispaltung gehört er der jauresistischen Partei an. Auf dem letzten Kongreß derselben in Bordeaux sprach er gegen Millerands Ausschließung.— Charles Longuets Tod ist eine schmerzliche Ueberaschung: trotz seines viel⸗ bewegten Lebens zeigte er eine fast jugendliche anmutende Lebhaftigkeit des Naturells und des Geistes und volle körperliche Rüstigkeit. Er hinterläßt eine Tochter und drei Söhne. Der Dresdner Parteitag ist der vierzehnte seit dem Fall des Sozialistengesetzes. Die früheren Parteitage fanden statt: 1890 in Halle, 1891 in Erfurt, 1892 in Berlin, 1893 in Köln, 1894 in Frankfurt a M., 1895 in Breslau, 1896 in Gotha. 1897 in Hamburg, 1898 in Hannover, 1899 in Stuttgart, 1900 in Mainz, 1901 in Lübeck, 1902 in München, 1903 in Dresden. Wahlkreis Alsfeld⸗Lauterbach⸗Schotten. Sonntag, 16. August, nachmittags 4 Uhr, findet zu Alsfeld auf der Pfefferhöhe eine Kreiskonferenz statt..— Tagesordnung: 1. Rechnungsablage; 2. Delegtertenwahl zur Landeskonferenz; 3. die Reichs⸗ tagsstichwahl; 4. Verschiedenes. Um zahlreiche Beteili⸗ gung ersucht Der Kreisvertrauensmann. Jakob Eder. Versammlungskalender. 5 Samstag, den 15. August. Gießen. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Lollar. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Wirt Schupp. Steinberg. Arbeiterbildungs verein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Schmandt Wwe. Voll⸗ zähliges und pünktliches Erscheinen erwünscht. Montag, den 17. August. Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Marburg. Schneider. Abends 9 Uhr bei Hill⸗ berger. Dienstag, den 18. August. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig. Samstag, den 22. August. Marburg. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Hillberger.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Jesberg. Letzte Nachrichten. Der frühere Reichstagspräsident Albert v. Levetzow ist auf seinem bei Bärwalde gelegenen Gute Gossow plötzlich gestorben. Zum neuen Reichstag hatte er aus Gesundheitsrücksichten nicht mehr kandidiert. Er gehörte zu denjenigen Konservativen, welche nur ungern„die Fronde“ gegen die Regierung mitmachten, wenn die Junker glaubten, Grund zur Unzufriedenheit zu haben. Mit den„Ueberagrariern“ bat er nie sympathistert. Er begann seine parlamentarische Laufbahn 1867 als Mitglied des Norddeutschen Reichstags. 188184 und 1888— 95 war er dessen erster Präsident. Dann gab er sein Amt an den Reichstag zurück, als dieser seinen Antrag, Bismarck zu dessen 80. Geburtstag zu beglück⸗ wünschen, ablehnte, Zur RNeichstagsnachwahl in Dessau wurde der frühere Abg. Schrader, von der freis. Ver., von einer Vertrauensmännerversammlung einstimmig zum Kandidaten nominiert. Schrader hat die Kandidatur angenommen.— Für unsere Partei kandidiert wieder Landtagsabg. Gen. Käppeler. Die Nationalliberalen wollen den Kommerzienrat Burdenwirzer aufstellen; Parteifreunde! ne e neue Leser für Euer Blatt, die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung! r .. 8 2.— r —̃— Seite 6. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 33. e AUnterhaltungs-Ceil. 5 ——— 2 Freiheit. Du heilig Wort!— im Munde seichter Toren, Von deinen Henkern auch so oft entweiht, Du hallst wie Donnerklang in meinen Ohren, Wie das„Viktoria“ einer neuen Seit. Ich fühle ahnend schon dein mächtig Wehen, Und schon im Geiste deines Kommens Pracht; Von deinem Flammenschein erglüh'n die Höhen, Herrscht tief im Tale auch noch finst're Nacht. Was man als Freiheit preist in vollen Chören Was ist es, als des Wortes leerer Schall; Ein Truggebild, den Blöden zu betören, Das eingehüllt in öder Phrasen Schwall. Ist's Freiheit, die dort thront anf morschem Sitze Und kaum des Atems Hauch sich regen läßt, Die der Gedanken sprüh'nde Geistesblitze Mit plumper Hand in starre Formen preßt! p Ist's Freiheit, wenn, wo immer du magst wohnen, Die Sorge dir mit dürren Fingern droht, Du schweifen kannst bis in die fernsten Sonen— Im ew'gen Kampfe mit des Daseins Not d Ist's Freiheit, wenn des Glückes Favorite, Nur weil das Geld in seinen Händen blinkt, So wie den Perser einst der wilde Scythe Dir Kopf und Hand zu nieder'm Frohndienst zwingt! Das ist die Freiheit nicht, die echte, wahre, Von der des Namens hohler Klang nur bleibt; Die, wechselnd bloß im Seitenstrom der Jahre, Stets neue Blüten alter Knechtschaft treibt; Die bei des Segens überreicher Fülle Nur mit Entsagung lohnt des Menschen Fleiß, Ihr beugt als Sklav', verfehmt dem Herrscherwillen Des Trägen, der gescheut der Mühe Schweiß. Doch die ist's: die uns führt zu neuem Leben; Die Hülle sprengt, die uns in Banden schlug; Die Brücke schlägt, dem Röchsten zuzustreben; Wo keine Schranke hemmt des Geistes Flug!— Das ist die Freiheit, langersehnt auf Erden! Das ist die Freiheit, ewig wahr und rein! In ihr erstrahlt die Welt, in ihr soll werden Das herrlichste Juwel dem Menschensein. Der Wunderschrank. Vaterländische Erzählung von Ludwig Schierk. (Fortsetzung.) „Ihr seid der Schmied aus dem Städtchen!“ — sagte er leise—„und das wird wohl Euer Kind sein. Der Schank soll bald gesperrt werden, und's wär keine Ruhe auf dem Stroh, das Euch der Wirt auf die schmutzige Diele legt. Geht mit!“ Die Faust des Schmiedes ließ das Glas D. „Blasius, Lenchen, auf mit Euch!“— lachte er höhnisch.„Das ist die erste Uniform, die uns beim Kragen nimmt. Landstreicherleute!“ Sie gingen mit dem Wachtmeister fort: die Uniform hatte die Landstreicher wirklich beim Kragen genommen. Der alte Reußer führte sie in seine warme Stube. „Ihr schlaft die Nacht bei mir, Meister! Sucht auszuruhen! Morgen früh geht Euch die Sonne auf, so gut wie mir, und Ihr könnt Verstand haben, so gut wie ich. Braucht Niemand an der Kehle zu fassen! Haltet Euer Kind mit der einen Hand, mit der anderen den Arbeitshammer! Die Mordgedanken kommen Euch dann aus dem Hirn. Unsere Bauern fuhren in die Stadt zu Euch, jetzt kommt Ihr zu ihnen. Ein Schmiedfeuer kann im Dorfe auch glühen! die Knechte sparen den Weg und betrinken sich weniger. Euer Kind kömmt unter Dach, Meister! Wenns niedriger ist:— es sist gescheiter als die Straßengräben und die Branntweinstuben. Müßt dem Mädel ein trau⸗ lich Kämmerlein schaffen!“ Der Wachtmeister entsann sich nicht, je⸗ mals eine längere Rede gehalten zu haben. Aber der Schmied mit Blasius und Lenchen war wirklich im Nelkendorfe geblieben. lo Neben dem Heiligtume im kunstgewerblichen Schlafzimmer des Herrn Thomas Seebald kennt nun der Leser auch einen Wunderschrank, den der alte Wachtmeister Gustav Reußer unter seiner Uniform trug. 15 Die historische Eigenschast der Frau ist die Geschmeidigkeit; jene außerordentliche Fähigkeit des Körpers und Geistes, sich den gegebenen Verhältnisseu anzupassen und dem Veränderten die beste Seite abzulauschen. Diese Eigenschaft hat die Frauen der Arbeiter allmählig zu der bevorzugten Stellung gesellschaftlicher Lasttiere erhoben und die Frauen der Nichtarbeiter in die göttliche Möglichkeit versetzt, sich ihrer ge⸗ sellschaftlichen Verpflichtungen bis auf jene des Empfangens und Gebärens nach und nach zu entledigen. Es kann aber keinen Zweifel unter⸗ liegen, daß es unserer erleuchteten Wissenschaft im Dienste vaterländischen Kapitals endlich auch gelingen werde, das Herbe des letzteren Prozesses auf ein selbst den schönen Vertreterinnen dieses Kapitals erträgliches Maß zurückzuführen, ohne das Vergnügen und die Ausdehnung der ersten Funktion irgendwie empfindlich zu schmälern. Wir wissen nicht, ob Lenchen, die Tochter des Schmiedes, die ganze Tragweite dieser Er⸗ kenntnisse empfand in den Stunden, da sie einsam in dem Stübchen saß, wo der große Kachelofen summte, und die grünschillernden Dorfheckenvögel endlich den Versuch aufgegeben hatten, sich aus dem lästigen Drahtgeflechte zu lösen, in das sie die Hand des langen Hans verwiesen. Mit Hilfe jener nützlichen Eigenschaft der Frauen hatte sich Lenchen sogleich in die neuen Verhältnisse gefunden. Da ihr nicht verstattet war, unter dem Dache zu wohnen, das mit den Banknoten des Herrn Thomas Seebald gedeckt war, schloß sie das kleine Holzhäuschen, das der Schmied ganz insgeheim erwerben mußte, um seinem reichen Schulgenossen nicht neuerdings in die Klauen zu fallen, völlig in ihr junges Herz. Sie liebte das morsche Hüttchen mit einer Art Mitleid über sein dürftiges Aussehen und hatte sich vorgenommen, dem bescheidenen Bauwerkchen durch nichts fühlbar zu machen, daß sie darin wohnen müsse. Sie fegte die ärmlichen Dielen mit derselben Sorgfalt, die sie dem behaglicheren Boden ihrer städtischen Stube zugewendet hatte. Sie wusch jede Woche den kleinen Fensterchen das bestaubte Gesicht und sang dazu ein ergreifendes Lied von einem weißen Röslein, das in einer kalter Herbstnacht erfroren war. Es war dasselbe Lied, das Herrn Seebald junior an einem lindduftigen Sommerabende, da allen Menscheu auf Erden das Herz in Liebe zerspringen wollte, veranlaßt hatte, bei dem Hause des Schmiedes stehen zu bleiben und mit Lenchen ein Gespräch anzuknü⸗ pfen von so tiefem Inhalte, daß das arme Mädchen eine Scheibe zerbrach und der junge Herr fast über einen Schubkarren stürzte, 11 8 der bessernden Hand des langen Hans arrte. Herr Seebald junior trug an diesem bedeu⸗ tungsvollen Tage einen feinen Korkhut auf dem lockigen Haar, und sein flottes Schnurbärtchen strahlte im Glanze eines Sälbchens, das der Geldprinz aus Paris bezog. Lenchen stand auf einem hölzernen Gerüste, das sie sehr kunstvoll aus alten Baustücken herzustellen pflegte und wusch die Scheiben mit bann vaterländischer Seife. Ihre raunen Zöpfe hingen lang herab, und ihre von der Sonne verbrannten Arme gaben sich keine Mühe hübscher zu scheinen, als wie sie waren. Die zwei junge Leute standen da wie Arbeit und Müßiggang. Aber der Müßiggang lobte die Arbeit; denn Herr Seebald junior war der Sohn seiner Mutter. „Unsere Gesellschaft, Fräulein Lenchen, muß verkommen; verkommen an der Arbeitsscheu der Frauen des reicheren Bürgertums. Es wird Zeit, daß brave und gute Mädchen aus dem Volke durch Heirat in jene Kreise gelangen, in denen das Weib vergessen hat, sein Glück und seine Ehre am Feuerherd zu suchen.“ Fräulein Lenchen lauschte atemlos. Die warme Sommerluft wehte harzduftig von den bewaldeten Bergen, hinter denen die Sonn e zögernd hinabsank. Die müden Hüttenleute ogen heimwärts und besprachen flüsternd den ohnabzug, der ihnen angedroht worden war. Aus der Fern war der gröhlende Ton eines Dampfhornes zu vernehmen, der den Menschen verkündete, daß die Firma Mörwitz und Sohn 5 diese Nacht die Arbeit einzustellen gesonnen e* Aber Lenchen hörte nur die Stimme eines Vogels, der von braven Mädchen aus dem Volke sang, die in jene Kreise kommen sollten, wo das Weib vergessen hatte, sein Glück und seine Ehre am Herdfeuer zu suchen. Konnte man es diesem armen Kinde ver⸗ denken, wenn es nun zuweilen in die abendliche Kerze starrte, die es dem Vater auf dem kleinen Tische anrichtete? Ach, die Fäuste des Schmiedes hatten das junge Glück wohl für immer zerstört! Da das arme Lenchen für den Augenblick ver⸗ hindert war, das Herdfeuer des Seebaldschen Hauses neu zu entzünden, so schürte sie um so aufmerksamer die kleine Flamme, die in dem großen Kachelofen brannte. Der Schmied fand sich viel schwerer zurecht. Zehnmal des Tages stieß er mit der Stirne gegen das Gebälk der niedrigen Tür und be⸗ nutzte diesen Anlaß, um ein Dutzend der fürchterlichsten Verwünschungen gegen Herrn Thomas Seebald auszustoßen. Aber ein hölzernes Dorfhäuschen gleicht einem Bettelkindchen, das sich mit braunen. Händchen endlich in jedes Gemüt schmeichelt. So konnte auch die Art, wie der lange Hans seinen Besitz vor der Oeffentlichkeit zu e ne als ein Beweis der Zu⸗ neigung gelten, die er zu dem engen Hause gefaßt hatte. a ee een „Wachtmeister!“— sagte er einst am Feier⸗ abend, der Zeit, wo die kleinen Handwerker, die ein halbverfallenes Häuschen haben, von dem Werte dieses Besitzes besonders durchdrungen sind,—„Wachtmeister! wenn sie mich hier noch weiters auspfänden, den Hammer da sollen sie mir nicht nehmen, bis ich dem Herrn 5 1 den Banknotenschädel zertrümmert e!“ Die Besorgnisse des kampfbereiten Schmiedes waren nicht unbegründet. Denn in dem Lande, wo er lebte und wo der Wunderschrank des Herrn Thomas Seebald stand, erlaubte es das Gesetz, einem Schuldner alles zu nehmen bis auf seine Körperhaut. „Dasselbe Gesetz überhob den Schuldner des mühsamen Geschäftes, sein Eigentum selbst auszumarkten. Diese Funktion übernahm ge⸗ wöhnlich ein Mann mit einer Uniformmütze auf dem Kopfe und einer Pferdeglocke in der Hand. Er rief die Gegenstände aus, wobei er unmäßig schrie, und machte am Ende des ganzen Treibens dem Schuldner fröhlich die Mitteilung, daß für ihn nichts mehr geblieben sei. Dem Schmiede hatte er noch zugeraunt, daß von der Kette, mit der ihn Herr Thomas Seebald an seinen Wunderschrank gefesselt hatte, ein Endchen übrig geblieben wäre. Dieser Umstand war auch dem armen Lenchen bekannt, und das gute Kind besorgte, daß der Herr Thomas auf seinem Scheine bestehen könnte. 5 Das Häuschen war von einer Summe gekauft worden, welche aus den Spargroschen des alten Reußer und etlichen Banknoten, die sich in einem Halstuche Lenchens gefunden hatten, wunderlich zusammengesetzt werden mußte. Aber das scharfe Auge des Herrn Thomas Seebald war überall. Dies Auge glitt von dem geheimnisvollen Wunderschranke prüfend über die Dächer des heimatlichen Städtchens bis zu den grünen Streifen der Wälder, in deren Schutze die Esse des Schmiedes und die Wangen Lenchens glühten. Lenchen und der Wachtmeister standen in einem sonderbaren Verhältnis zu einander. Halb bildeten sie eine Vereinigung mit dem Bestreben, den alten Schmied für die neuen Zustände, in denen er nun leben mußte zu er⸗ ziehen. Dies Geschäft war nicht schwer; denn nach Art sanguinischer Naturen war der lange Hans jedem Einfluß zugänglich, der mit Weis⸗ 1. 5. . 7272 Nr. 33. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. heit geübt wurde. Er glich ein wenig jenen berühmten Königen, die sich für den Mittelpunkt der Welt halten, in Wahrheit aber große Brummkäfer sind, deren Bewegungen ein ge⸗ schickter Kanzler mit Hilfe eines geheimnisvollen Fadens unbemerkt zu leiten weiß. Der Wachtmeister spielte im Reiche des Schmiedes den klugen Kanzler; Lenchen über⸗ nahm die Rolle des Fadens. Kein geringes Hindernis für diese staats⸗ männische Tätigkeit der beiden Vertrauten bildete indes der Hochmut des Schmiedes. Unter dem Dache, das die Banknoten aus dem Wunderschrank des Herrn Thomas Seebald so fürsorglich gedeckt hatten, dünkte er sich der vornehme Meister eines Handwerks zu sein, der gelegentlich einen geringschätzigen Seitenblick auf diejenigen seiner Nächsten tun mochte, welche ein solches Dach nicht besaßen. In dem Lande, wo er lebte und wo der Wunderschrank des Herrn Thomas Seebald stand, nannte man dies„die Würde, die der Besitz verleiht.“ In dem Maße aber, ls dieser Besitz zu dem morschen Häuschen am braunen Dorfwege zu⸗ sammenschrumpfte, nahm auch jene Würde ab. Nicht aber der Stolz des Meisters. Denn er gehörte zu jenen vornehmen Menschen des deutschen Vaterlandes, die einer unserer be⸗ rühmten Dichter erfunden hat. „Ich setz' mich lieber auf die nackte Erde Als auf den Stuhl des Bauern; trinke lieber Aus hohler Hand als aus dem Napf des Knechts, Und such' mir lieber Beeren für den Hunger, Als daß ich schwelge, wo der Bettler zecht!“ Nun hat die Welt die sonderbare Gewohn⸗ heit, über die Anschauungen der berühmten Dichter und die Bedürfnisse der vornehmen Menschen achtlos hinwegzuschreiten. Im Frost⸗ hauche des heimatlichen Winters erfrieren die Beeren des Waldes, und der große Fortschritt der Gegenwart macht die Zechgelage der Bettler zu einer sehr seltenen Erscheinung. Hier kam die Welt dem Wachtmeister zur Hilfe. Der alte Reußer war ein geschickter Regisseur. Er stellte seinen hochmutskranken Freund mitten in das große Theater, auf dem das Lustspiel vor sich geht, das den erhabenen Inhalt unserer Zeit ausmacht. Der Schmied überzeugte sich bald, daß er in diesem Stücke dieselbe Figur spielte, wie der Bauer, dessen Stuhl er verschmähen wollte, oder der Knecht, dessen erquickender Napf er von sich wies. (Fortsetzung folgt). Ueber die Ehe. Italien kennt die gesetzliche Ehescheidung noch nicht; es herrscht im Lande der Orangen und Pfaffen noch das kirchliche Dogma von der Unlösbarkeit der Ehe. Ministerpräsident Zanardelli ist nun willens, durch Staatsgesetz die Ehescheidung zu ermöglichen. Darüber sind die Klerikalen gewaltig empört; ihre Organe künden der Regterung die schärfste Opposttion an, denn ein Chescheidungsgesetz entkleide die Ehe ihres„göttlichen“ Charakters und zeuge vom„Geiste der Gottlosigkeit“. Es ist erinnerlich, daß auch die Frommen in Deutschland vor dreißig Jahren ein gewaltiges Lärmen anhoben, als die Zivilehe eingeführt und dadurch die Ehe aus einer kirchlichen zu einer staatlichen Einrichtung gemacht werden sollte. Die Zivilehe, so behaupteten sie, sei ein „Verbrechen wider Gott“; in der Einehe (Monogamie) habe„Gott“ der Menschheit die sittliche Grundlage verliehen. Dieser Auffassung tritt der berühmte Rechts⸗ lehrer Rudolf v. Ihering in seiner Vorgeschichte der Indo⸗Europäer, viertes Buch, entgegen. Das Hamb. Echo führt aus dem Werke folgende Erörterungen über den Ursprung der Einehe an: Das arische Muttervolk kannte die mono⸗ gamische Form der Ehe, also der Einehe, nicht als Regel; Polygamie(Vielweiberei) war ge⸗ stattet und bei Fürsten und Vornehmen in Uebung, die allein in der Lage waren, sich den Luxus zu erlauben, mehrere Frauen zu halten, während die Mittel des geringen Mannes dazu nicht ausreichten. Mit den Verhältnissen der Wanderung, in die das Muttervolk eintrat, wurde die Vielweiberei unvereinbar. Hier sorgte nicht jeder Einzelne für stch und die Seinen, sondern die Sorge für das Verpflegungswesen war eine gemeinsame Angelegenheit. Mehrere Frauen zu halten, hätte unter diesen Umständen bedeutet, einen Luxus auf Kosten des Gemein⸗ wesens treiben. Eine Vielweiberei in den Zeiten der Wanderung hat nicht existiert, weil sie nicht hat existieren können. Ihering hat damit eine kulturgeschichtliche Tatsache allerersten Ranges festgestellt: der Zusammenhang zwischen der monogamischen Form der Che und der Wanderung der Indo⸗ europäer. Der Arier war Polygame, der Indoeuropäer wurde Monogame. Der Ueber⸗ gang von der Polygamie zur Monogamie, von der Vielweiberei zur Einehe, erfolgte während der Periode der Wanderung. Auf diese Weise wurde Europa der Mutterboden der Monogamie. Damit mag die Bedeutung, welche die Tat⸗ sache für den Kulturhistoriker hat, erschöpft sein; aber der Ethiker kann und soll ihr noch etwas Anderes entnehmen; die Erkenntnis, daß die als eine der Grundformen des sittlichen Daseins der Menschheit gepriesene monogamische Form der Ehe nicht durch sittliche Erwägungen in's Leben gerufen wurde, sondern durch die zwin⸗ gende Kraft äußerer Verhältnisse. Mit dem Glauben an die Rechtmäßigkeit der Vielweiberei verließ der Indoeuropäer seine Heimat; der Grund, daß er sie mit der Einehe vertauschte, kann also nicht auf ein sittliches Bedenken gegen, sie, nicht auf das sittigende Walten eines Gottes, sondern lediglich auf die nachgewiesene praktische Unmöglichkeit während der Wanderung zurück⸗ geführt werden.„Die Monogamie“, sagt Ihe⸗ ring,„verdankt ihre Einführung nicht stttlichen, sondern praktischen Motiven; erst die Gewohn⸗ heit und das lange Bestehen hat den Umschlag des ursprünglich Nichtsittlichen in das Sittliche zur Folge gehabt. Es ist derselbe Vorgang, der auch für das Religiöse nachgewiesen ist und der bei allen sittlichen Normen im weitesten Sinne des Wortes(Recht, Moral, Sitte) ohne Ausnahme sich wiederholt. Praktische Motive haben sie alle in's Leben gerufen. Haben ste sich der gesellschaftlichen Ordnung eingegliedert, so geraten die praktischen Motive in Vergessen⸗ heit und die„sittliche Idee“ gibt sie als ihre Kinder aus.“ So ist die Ehe entstanden, welche theologische Spekulation als„von Gott geordnet“ bezeichnet. Wie viele seiner Vorgänger, so hat auch der gegenwärtige Papst Leo XIII. in Rund⸗ schreiben sich gegen die„gottlosen Gesetze“, die Zivilehegesetze, die Gesetze betreffend die Ehe⸗ scheidung usw. ausgesprochen, welche„alle Ehr⸗ furcht vor der Heiligkeit der Ehe“ verletzen und die„christliche Ehe“ vernichten. Die Zivilehe hat Leo XIII. wie Pius IX. als ein„schmäh⸗ liches und fluchwürdiges Konkubinat“ bezeichnet. Und die klerikale Presse wiederholt, auch bet uns in Deutschland, beständig diese„Verächtlich⸗ machung einer staatlichen Einrichtung“, um darzulegen, daß nur die Kirche berufen sei, eine Ehe mit rechtsgiltiger Wirkung zu schließen. Bis jetzt ist aber noch nicht bekannt geworden, daß ein Staatsanwalt gegen die klerikale Presse auf Grund des§ 131(Verächtlichmachung von Staats einrichtungen) eingeschritten ist, wie er es unlängst gegen unser Hallenser Parteiblatt anläßlich einer Kritik des Heerwesens getan hat. Die protestantischen Orthodoxen teilen im allgemeinen den Standpunkt der Ultramontanen. Wo es gilt, die Herrschaft der Pfafferei über Staat und Volk zu verfechten, da sehen wir diese frommen Elemente, die sonst konfessionell sich grimmig befehden, in schönster Harmonie. Im Punkte der Ehe und der Eheschließung lassen die evangelischen Dunkelmänner ihren Luther nicht gelten. Diesem war die Ehe⸗ schließung nichts anderes als ein„weltlich Geschäft“, ein persönlicher und bürgerlicher Akt, um den die Kirche sich gar nicht zu bekümmern hat. In seiner Predigt vom ehelichen Leben sagt er:„Darum wisse, daß die Ehe ein äußer⸗ lich Ding ist, wie andere weltliche Hantierung“. Die lächerliche Phra er„christlichen Ehe“ tut er ab mit den 2„Wie ich nun mag mit einem Heiden, J Türken, Ketzer essen, trinken, schlafen,,, laufen, reden und handeln, also mac auch mit ihm ehelich werden und bleiben. Und kehre Dich nicht an der Narren Gesetze, die solches verbieten.“ In dieser Lehre Luthers begreift sich das vom religiösen Dogma losgelöste Eherecht, das der blöde theologische Fanatismus ein„unsttt⸗ liches“ nennt. Wegen dieser Lehre ist Luther von katholischer Seite angegriffen worden als „Frevler am Grundwesen der christlichen Familie.“ Auch in der katholischen Kirche war früher der rein zivilrechtliche Charakter der Ehe an⸗ erkannt. Bis zur Reformation bezw. bis zum Konzil von Trient, also ganze 1500 Jahre, war die Beteiligung der Kirche oder der Geist⸗ lichkeit bei der Eheschließung durchaus nicht geboten. Erst durch das Tridentinische Konzil wurden einerseits diejenigen Ehen, welche ohne Kirche und Geistlichen geschlossen wurden und vielfach geheim blieben, für ungiltig erklärt; andererseits wurde festgesetzt, daß in Zukunft nur solche Ehen giltig sein sollen, welche in Gegenwart des Pfarrers und wenigstens zweier Zeugen eingegangen würden. Nach dieser Be⸗ stimmung ist der Geistliche nur der hauptsäch⸗ lichste Zeuge, nicht der Kultusbeamte, welcher das sogenannte„Sakrament“ spendet; die Brautleute selbst schließen die Ehe; daß der Geistliche sie segnet, ist völlig nebensächlich. Die pfäffische Anmaßung, daß der Geistliche es ist, der die Ehe schließt, daß erst durch seinen „Segen“ und sonstige Kultushandlungen die Ehe mit rechtlicher Wirkung zu Stande kommt, hat sich erst später geltend gemacht. Als im Jahre 1848 die Frankfurter„Grundrechte“ die Einführung der obligatorischen Zivilehe ver⸗ langten, versammelten sich die deutschen und deutsch⸗österreichischen Bischöse in Würzburg zur Beratung darüber, ob ein Protest der kirchlichen Autoritäten gegen diese Forderung geboten sei. Das Epfskopat verneinte diese Frage und verzichtete ausdrücklich auf jede Verwahrung. Vier Jahre später, 1852, schleu⸗ derte Papst Pius IX. seinen Fluch gegen die Zivilehe. Und seitdem hat die pfäffische Hetze gegen jede vernünftige Reform der Eheschließung und des Eherechtes beständig zugenommen. Dieser Unfug kann allerdings nicht verhindern, daß die willkürliche Verquickung der Ehe mit theologischen Dogmen und kirchlichen Interessen immer mehr gelöst wird. 575 Humoristisches. Der besorgte Landesvater. Ferdinand (zu seinen Bulgaren): Kinder, ich muß jetzt notwendig eine kleine Reise machen. Verlegt mir aber ja nicht etwa den Hausschlüssel, damit ich wieder herein kann, wenn ich zurückkomme! Serenissimus:„Das Zusammentreffen mit un⸗ gedienten Leuten ist mir immer ein Greuel. Habe nie Anknüpfung für Gespräch; kann nicht fragen, wo gedient.“ I—— Geschichtskalender. 16. August. 1891: Internationaler Arbeiter⸗ Kongreß in Brüssel. 1809: Stiftung der Universität Berlin. 17. 1901: Bankschwindler Terlinden in Amerika verhaftet. 18. 1895: Wilhelm II. Rede an die Veteranen zum Kampf gegen den Umsturz. 19. 1901: Rückkehr der Chinatruppen. Soz.⸗dem. Einigungskongreß in Gotha. 20. 1901: Todesurteil im Krosigk⸗Prozeß in Gumbinnen. 1880: Soz.⸗Kongreß auf Schloß Wyden. 1854: F. W. Schelling, Philosoph, f. 21. 1838: A. v. Chamisso, Dichter, F. 22. 1901: Arbeiterkongreß in Kopenhagen. 1864: Abschluß der Genfer Konvention zum Schutze der Kriegs⸗ Verwundeten. 1850: Nikolaus Lenau, Dichter, f. SSS pp p p ů ů—v7 Marktberichte. Auf dem Wochenmarkte in Gießen kosteten am 11. August: Butter per Pfd. Mk. 1,00— 1,20, Hühnereier 2 St. 13— 15 Pfg., Enteneier 1 St. 0—0 Pfg., Gänseeier 1 St. 12— 13 Pfg., Käse pr St. 5—8 Pfg., Käsematte 2 St. 5—6 Pfg., Erbsen per Liter 21 Pfg., Linsen per Liter 32 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo 10,00- 10,50 Mk., Zwiebeln per Ztr. Mk. 8,00 8,50, Milch per Liter 18 Pfg., Tauben per Paar Mt. 0,75 bis 0,90, Hühner per St. Mk. 1,20—1,80, Hahnen per St. Mk. 0,65— 1,00, Enten per St. Mk. 1,70 bis 2,00, Gänse per Pfd. 54— 60 Pfg. 1875: Seite 8. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. No. 33. Empfehlenswerte Schriften. Die Kolportage⸗Kommission des Wahlvereins— Gießen, Wirtschaft Orbig— empfiehlt: Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon, Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg. Die agrarische Gefahr. Von Paul Göhre. Der Verfasser schildert in gemeinverständlicher Sprache die einseitige agrarische Interessen⸗Bewegung von ihrer Entstehung bis zu ihrer heutigen das Volkswohl ge⸗ fährdenden Macht und legt dar, wie allein die sozial⸗ demokratische Bewegung die letzten Ziele dieser Bewegung des Junkertums und seiner Anhängsel verhindern kann. Handelspolitik und Sozialdemokratie. Von Karl Kautsky. Eine populäre Darstellung der handelspolitischen Streitfragen. Preis 30 Pfg. Der Umsturz im Reichstage.(Die Kämpfe um den Zolltarif.) Preis 20 Pfg. Weltkrach und Weltmarkt. Eine weltpoli⸗ tische Skizze von Fr. Mehring. Preis 25 Pfg. die Nummer. Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg. Christliche Arbeiterpflichten. Jesuitische Fragen und sozialdemokratische Antworten. Preis 20 Pfg. Preis 20 Pfg. Sozialdemokratie und Zentrum.(Arbeiter⸗ versicherung und Zentrums politik). Preis 20 Pfg. Lohnarbeit und Kapital. 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