Nr. 46. 3 * Gießen, den 15. November 1903. 10. Jahrg. 1 3 Vebatton: 1 1 1 ö Kirchenplatz 11, Schloßgasse. 10 0 Jonnt Mitteldentsche kitu 5 Redaktionsschluß Dammerstag Nachmittag E 1 1 Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und Bestellung en nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 2 FJuserate Die ö5gespals Bei mindestent 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33½% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Steuerfragen in Hessen. Im hessischen Landtage haben die Sozial- 9 demokraten einen Antrag eingebracht, welcher eine Reform unseres Steuerwesens fordert. Der Antrag bezweckt die Beseitigung der indirekten Steuern, die in Form von Stempel⸗ 0 steuern erhoben werden und eine Steigerung der Einkommensteuer⸗Progression bei den größeren Einkommen sowie die Ein⸗ führung einer Progresston bei der Vermögens⸗ teuer. Unser Offenb. Parteibl. schreibt dazu: Der Finanzausschuß der Zweiten Kammer hat diesen Antrag der Regierung zur Aeußer⸗ ing übergeben und diese hat denn auch dem Ausschuß eine längere Auseinandersetzung zu⸗ 11 lassen, deren Schluß dahin geht, daß der ntrag Ulrich und Genossen eine so enorme Nehrbelastung mit direkten Steuern zur Folge haben würde, daß derselbe für die Re⸗ gierung einen Anlaß zu gesetzgeberischem Vor⸗ gehen nicht bieten könne. 1 Dieser Schluß war zunächst nur dadurch Kkuöglich, daß die Regierung beider Vermögens⸗ seuer⸗Progression(Steigerung) bei ihrer Berechnung eine ältere Skala der Sozial⸗ demokraten zu Grunde legte, bei der nur 750000 Mark Mehrertrag aus dieser Pro⸗ gression herauskommen würde, während die 1 Stempelsteuer 2920 000 Mark einbringt, sodaß der noch zu deckende Betrag von 2170000 Mk. durch Erhöhung der Einkommensteuer beschafft werden müßte. Und darauf hin erörterte die Regierung folgende Rechnung als Lösung der Aufgabe, welche sie durch den Antrag der So⸗ Zialdemokraten gestellt gesehen: i„1. Für die Einkommen bis zu 20000 Mk. verbleibt es bei den dermaligen Sätzen. 4 2. Von da ab bis zu Einkommen von 30000 Mäark werden für je 1000 Mk. Einkommen je 40 Mk. Steuer, von 30 000 bis 40000 Mk. — für je 1000 Mk. Einkommen je 45 Mk. Steuer und so weiter jeweilig innerhalb der weiteren Eeinkommensgruppen von 10000 Mk. für je 1000 Mk. Einkommen ein um 5 Mk. höherer U Einheitssatz als in der vorgehenden Einkommens⸗ gruppen 10000 Mk. erhoben. Bei Einkommen von 300 000 Mk. ab steigt diese Erhöhung des Einheitssatzes für 1000 Mk. Einkommen in b eder Einkommensgruppe von 10000 Mk. auf 5 Mk. 50 Pfg. Wie sich bei einer solchen Ausgestaltung des Tarifs die Steuersätze für die einzelnen Steuer⸗ klassen stellen würden, möge aus dem beifolgenden Tarif entnommen werden. Hervorgehoben aus demselben möge nur werden, daß danach eine 0 Belastung des Einkommens mit 4 Prozent bei 45 000 Mk. 3 75„ eka 87000„ U 0 77 6 1 70„ 128 000 0 9 1 3 17„„ 168 000„ 1 a 8 5 1„ 208000„ 10 1 1„289000„ 5„ 10 1„„ 288 000„ — eintreten, daß ein Einkommen von 500000 Mk. mit 16 Prozent, ein solches von einer Million l, mit 34 Prozent Staatseinkommensteuer belastet , wäre und daß in den Klassen der Zuwachs b an Einkommen durch die Mehrbelastung mit „. vollständig aufgezehrt werden würde. b 5 die Expedition unrer Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) Daß eine derartige Rechnung abschreckend wirken würde, war außer allem Zweifel und so war es denn auch ganz erklärlich, daß die Journalisten unserer„armen Kapitalisten“ sich die Finger wund schrieben, um zu„beweisen“, daß eine derartige Steuerreform unmöglich sei und— so erklären diese Herren—„die Judu⸗ strie wie das mobile Kapital aus dem Lande treiben würde.“ Schon im Finanz⸗Ausschuß hat der Abg. Ulrich dem Herrn Finanzminister gesagt, daß seine Berechnung nicht zeige wie es gemacht werden müßte, um die lästige und ungerechte Stempelsteuer, wenn auch nur langsam, zu be⸗ seitigen, sondern wie es gemacht werden müßte, um dieselbe zu erhalten. Und in der Tat zeigte die Antwort der Regierung, daß ste den Antrag Ulrich und Genossen, welcher von der Regierung eine Vorlage verlangt, die die Stempel ⸗ steuer zu beseitigen in der Lage wäre, nicht entsprochen hat. Dies zeigt schon die eine Tat⸗ sache, daß die Einkommen bis zu 20000 Mk. ful jeder Erhöhung der Steuer verschont bleiben ollen. als solche von Leuten des Mittelstandes im ge⸗ wöhnlichen Sinne des Wortes zu betrachten? Unserer Auffassung nach nicht! Deshalb stellte der Abg. Ulrich der Skala der Regierung eine Rechnung entgegen, wonach nur die Einkommen bis zu 6000 Mk. von jeder Steuererhöh⸗ ung frei bleiben würden. Erst von diesem Einkommen an begänne die Steigerung und zwar in der Weise, daß bei einem Einkommen von 6000 bis 6500 Mk. die Steuer 164 Mk. oder 2,52 Prozent des Einkommens betrüge, bei jedem um 1000 Mk. höheren Einkommen aber auch ein höherer Prozentsatz desselben als Steuerbetrag festgesetzt würde. So allmählich ansteigend würde der Steuersatz bei einem Ein⸗ kommen von 45000 Mk. auf 2750 Mk. fest⸗ zusetzen sein, oder 6,11 Prozent des Einkommens betragen. Für jedes weitere Tausend Mark wäre bei über 45 000 Mk. betragenden Einkommen ein um 100 Mk. höherer Steuerbetrag zu er⸗ heben, was bei einem Einkommen von 1400000 Mk.— so hoch hat sich der reichste Mann Hessens selbst eingeschätzt— einen Steuer⸗ betrag von 138 250 Mk., gleich 9,87 Prozent des Einkommens ergeben würde. Neben dieser Einkommensteuerskala empfahl der Abg. Ulrich auch eine Vermögens steuer⸗ skala zum Studium, wonach Vermögen bis zu 25000 Mk. den bisherigen Steuersatz von 75 Pfg. pro 1000 Mk. zu zahlen hätten. Die größeren Vermögen sollten aber mit stufenweise steigenden Prozentsätzen des Zins⸗ ertrags— 8 Prozent bei 20 bis 30 Millionen Vermögen— herangezogen werden. Der Abg. Ulrich erklärte, daß bei dem Mangel der entsprechenden amtlichen Ziffern über die Anzahl der Steuerzahler in den einzelnen Klassen, er zwar außer Stande sei, den Gesamt⸗Effekt dieser Ansätze festzustellen, was nur die Regierung könne; allein das könne und wolle er doch fest⸗ stellen, daß nach dieser Skala der reichste Mann im Lande, der selbst ein Einkommen von rund 1400000 Mk und ein Vermögen von 31000 000 Mk. angegeben habe, statt wie bis⸗ her rund 92000 Mk. dann 210000 Mk. an Steuern zu zahlen haben würde. Diese Mehreinnahme von rund 118 000 Mk. von einem einzigen Steuerzahler zeige Sind denn derartige Einkommen noch aber schon, wie gerade aus den großen Ein⸗ kommen und Vermögen erheblich mehr heraus⸗ geholt werden könne, als dies zur Zeit der Fall sei, weshalb es sich empfehle, erst nach dieser Skala eine Gesamtberechnung der etwaigen Einnahmen aufzustellen, bevor eine Entscheidung des Ausschusses über den Antrag selbst erfolge. Da die Regierung bereit war, diese Berech⸗ nung zu machen und zu diesem Zwecke vom Abg. Ulrich die Skala einforderte, so wurde der Beschluß des Ausschusses ausgesetzt, bis das Ergebnis der Berechnung vorliegt. Auf dieses Ergebnis der Berechnung darf man gespannt sein, und werden wir, sobald dasselbe vorliegt, darauf zurückkommen. Für heute sei nur auf den alten, aber stets wiederkehrenden Einwurf gegen die stärkere Heranziehung der großen Einkommen und Ver⸗ mögen, weil darum die reichen Leute außer Landes gingen, einiges erwidert. Dieser Einwurf ist wirklich: Bekannter im hessischen Parlament“, und zwar ein so alter Bekannter, daß die hiesigen Journalisten der Geldleute in den Akten des Landtages all jene Argumente finden werden, die für denselben geltend gemacht werden können und zwar weit besser, als sie selbst im Stande sind, sie aufzuzählen. Noch bei jeder Steuerreform, ja bei jeder Steuererhöhung ist in glühenden Farben ge⸗ schildert worden, wie die reichen Leute aus dem Lande flüchten. Und selbst bei der Er⸗ höhung der Vermögenssteuer von 55 auf 75 Pfg. pro 1000 Mark spielte dieser Entwurf eine große Rolle. Insbesondere wurde die Steuer⸗ flucht der Reichen in Mainz in schwarzen Farben gemalt, worauf die Regierung auf Grund ihrer Ermittelungen feststellte, daß von einer derartigen Steuerflucht irgend nennens⸗ wertes nicht zu bemerken gewesen. Zwar ver⸗ ziehen reiche Leute, namentlich dann, wenn sie durch nichts aus Hessenland gebunden sind, leichter als solche Leute, die durch Geschäft, Familienbande oder sonstige Verhältnisse im Lande gehalten werden, allein, nur der Steuern wegen dürfte das doch so selten, daß die Ge⸗ setzgebung darauf keine Rücksicht zu nehmen braucht, ja gar nicht nehmen darf, sodaß der ganze Entwurf lediglich als Manöver zum Schutz des Reichtums gegen eine gerechte Heranziehung zu den Lasten von Staat und Gemeinde angesehen werden muß. Politische Rundschau. Gießen, 12. November. Konferenzen zur Sozialistenbekämpfung haben verschiedene Ordnungsleute in Halle und in Berlin abgehalten. In der letzteren habe man sich dahin entschlossen,„zunächst zu versuchen, an der Hand der sozialdemokratischen Theorien sowie der Aeußerungen der Führer und Agitatoren den Massen die Augen über die sozialdemokratischen Lehren zu öffnen und der sozialdemokratischen eine anti⸗ sozialdemokratische Agitation entgegen⸗ setzen.“— Das ist die alte Methode der Lorenz und Konsorten. Mit Verdrehungen von Aeußerungen sozialdemokratischer Führer ging man früher schon mit Vorliebe krebsen. .— I.—— „Ein alter —— —— ————— — 2 —— — 2 —— 22 55 —— e . 11 F gegen die Deutschen in Rebellion. Ge ite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. N Nr. 46. Es wird also wohl nur eine Aufwärmung des alten Kohls herauskommen. Etwas Neues zu entdecken, reicht die Geistesarmut unserer Gegner allem Anscheine nach nicht aus. Uebrigens soll es uns recht sein, wenn die Macher der Kon⸗ ferenz mit ihrer antisozialdemokratischen Agi⸗ tation recht kräftig einsetzen. Da werden wieder viele Leute zum Nachdenken gebracht, an die wir bisher nicht herankommen konnten. Und fangen sie erst an zu denken und sich ihre soziale Lage und die politischen und ökonomischen Mictel zu einer Besserung derselben zu über⸗ legen, dann werden die Herren Sozialistentöter an dem Erfolg schwerlich viel Freude haben. Dem Flottenkoller noch weitere große Opfer zu bringen, wird dem deutschen Volke zugemutet. Wenigstens machen die Ordnungsblätter für neue große Flotten⸗ pläne Stimmung. In allen maritimen Kreisen sei man fest überzeugt, heißt es da, daß man mit den im bisherigen Flottenprogramm pro Jahr vorgesehenen Kriegsschiffsbauten nicht mehr auskommen kann; eine wesentlich höhere Forderung dürfte zu erwarten sein. Es sei sehr wahrscheinlich, daß man auch an den Bau von Linienschiffen für das Ausland denke. Ohne ein Linienschiffsgeschwader für das Aus⸗ land und Kreuzerdivisionen für Ostasien, Ame⸗ rika, Afrika und Australien sei in absehbarer Ferne nicht auszukommen. Man kündigt an, der Bau eines dritten Doppelgeschwa⸗ ders werde sich nicht umgehen lassen. „Die Kosten der Flottenverstärkung, wie sie bisher vom Reichstage beschlossen worden ist, betragen fünf Milliarden Mark! Das dritte Doppelgeschwader würde eine neue Mil⸗ liardenvorlage notwendig machen. Wenn uns in dieser Zeit der Finanzverzweiflung etwas vor neuen Milltardenschulden und vor dem dritten Doppelgeschwader schützen wird, so wird es die Furcht der bürgerlichen Volksvertreter vor dem Volke sein. Wenn die Regierung, ohnmächtig gegen die Treibereien der Nickelstahl⸗ interessenten und der von ihnen gewonnenen Faktoren, in ihrem kopflosen Gebahren wie bisher fortfährt, so wird sie sich schließlich noch eine ganz andere Antwort holen, als den Drei⸗ millionenschrei vom 16. Juni. „Segen“ der Kolonien. Trübe Nachrichten kamen vorige Woche aus Deutsch⸗Südwestafrika. Danach befindet sich ein Negerstamm, die Bondelszwarts, l 0 Diese soll nach einem englischen Telegramm ihre Ursache darin haben, daß der Kommandant der deut⸗ schen Garnison in Warmbad den Bondelszwarts befohlen hatte, ihre Gewehre behufs Registrie⸗ rung hereinzubringen. Eine Deputation von Eingeborenen traf mit dem Kommandanten zusammen, der von zwanzig Mann begleitet war. Es gab Streit und der Häuptling der Bondelszwarts gebrauchte Ausdrücke, die den Kommandanten entrüsteten, worauf dieser seinen Revolver erhob und den Häuptling nieder⸗ schoß. Dies war das Signal für einen all⸗ gemeinen Angriff der Eingeborenen. Die ganze deutsche Abteilung wurde vernichtet. A 9 Vom vornehmsten Rock. Gegen einen Leutnant Bil se vom 16. Train⸗ bataillon in Forbach verhandelte diese Woche das Kriegsgericht in Metz. Der Angeklagte hat einen Roman geschrieben, betitelt:„Aus einer kleinen Garnison“, in welchem die mora⸗ lischen und sittlichen Verhältnisse im Offtziers⸗ korps als äußerst bedenkliche geschildert werden. Durch die Schilderungen der einzelnen Roman⸗ figuren fühlten sich eine Anzahl Ofstziere des erwähnten Truppenteils getroffen und es wurde deshalb Anklage gegen den Verfasser erhoben. Aus den Prozeßverhandlungen ging hervor, daß jene Schilderungen in der Hauptsache zutreffen. Es kamen dabei Dinge zur Sprache, welche alles andere eher als„vornehm“ sind. Wir werden später noch Gelegenheit haben, auf diese Sache zurückzukommen. Bilse wurde zu sechs Monaten Gefängnis und Dtenst⸗ eutlassung verurteilt. Sozialdemokratische Wahlerfolge. In Sachsen⸗Weimar haben am 6. Nov. die Landtagswahlen stattgefunden. Unsere Genossen Baudert und Neidt, die beide schon dem Landtage angehörten, wurden in Apolda und Ilmenau wiedergewählt, ob⸗ wohl in den beiden Kreisen Nationalliberale und Freisinnige zusammengingen. Doch konnten sie dadurch den sozialdemokratischen Sieg nicht hindern. 5 1 Bei den Stadtverordnetenwahlen der dritten Abteilung in Bielefeld siegten die Sozial⸗ demokraten mit 2642 Stimmen über die ver⸗ einigten bürgerlichen Parteien, auf die 2282 Stimmen fielen. Vor zwei Jahren erreichten die bürgerlichen Parteien rund 250 Stimmen mehr als die Sozialdemokraten. Letztere ge⸗ winnen jetzt ein Mandat und haben damit von insgesamt 39 Mandaten 9 inne.— Bei den Stadtverordnetenwahlen in Luckenwalde wurden in der dritten Klasse 953 sozialdemo⸗ kratische und 88 gegnerische Stimmen abgegeben, sodaß uns sämtliche zur Wahl stehenden Mandate dieser Klasse zufielen.— In Halle hatten die Gegner, um die Sozialdemokraten aus der Gemeindevertretung zu entfernen, aus der ganzen Stadt einen einzigen Wahlbezirk ge⸗ macht, und das Experiment gelang diesmal. In den Arbeiterbezirken erhielt unsere Partei große Mehrheiten, wurden aber von den Bour⸗ geois bezirken wieder überstimmt. Im Vorort Giebichenstein siegte aber Genosse Gering mit 1706 Stimmen gegen Direktor Brandes, der nur 402 Stimmen erhielt. Bei der nächsten Wahl, bei der die Giebichensteiner, Kröllwitzer und Trothaer Bürger aber mit in dem alten Stadtbezirk wählen, besteht Aussicht, sämtliche sozialdemokratische Kandidaten in der dritten Abteilung durchzubringen.— In Barmen erzielten in der dritten Klasse der Stadtverord⸗ netenwahlen die vereinigten bürgerlichen Parteien 4400 Stimmen, die Freisinnigen nur 350, die Sozialdemokraten 3500 Stimmen.— Dagegen gelang es in Forst in der Lausitz den ver⸗ einigten Ordnungsparteien durch Anwendung verwerflicher Mittel der Sozialdemokratie zwet Sitze in der dritten Klasse abzunehmen. Durch Verschlechterung des Wahlrechts waren etliche hundert Wähler aus der zweiten in die dritte Klasse gedrängt worden. Einen glänzenden Sieg erfochten unsere Genossen bei der am Montag stattge⸗ fundenen Stadtverordnetenwahl in Rödelheim bei Frankfurt. Die sozialdemokratischen Kan⸗ didaten Lemp, Rexroth und Neumann wurden mit 246 bis 261 Stimmen gewählt. Von den Gegnern wurde hier das schofle Manöver versucht, durch Aufstellung von an⸗ geblichen Arbeiterkandidaten den sozialdemokra⸗ tischen Sieg zu vereiteln. Das gelang aber nicht, weil die Aufgestellten von dem Schwindel nichts wissen wollten. Auch in Wernigerode am Harz errang unsere Partei einen vollen Erfolg bei der Stadtverordnetenwahl. Zu verteidigen war das bisherige Mandat des Genossen Bartels, das glänzend behauptet wurde. Außerdem wurden die Genossen Gerecke und Hahne gewählt, so daß wir nunmehr 3 Vertreter im Stadtparlament haben. Die Gegner sind über den Sieg der„Umstürzler“ rein aus dem Häuschen. a Bei den badischen Abgeorduetenwahlen hat unsere Partei noch einen Erfolg zu ver⸗ zeichnen, der nach dem Ausfall der Wahl⸗ männerwahlen nicht zu erwarten war. In Karlsruhe⸗Land siegte unser Genosse elpo⸗ theker Lutz im zweiten Wahlgange mit 85 Stimmen, während nur 65 sozialdemokratische Wahlmänner gewählt waren. Die Antisemiten ließen den Konservativen durchfallen, so daß diese Partei gar kein Mandat hat. Somit kehrt die sozialdemokratische Fraktion in der 1 Stärke von 6 Mann in den Landtag zurück. Eine Reichstagsersatzwahl hat infolge des Ablebens unseres Genossen Franz Hofmann im 22. sächs. Wahlkreise stattzu⸗ finden. Dieser Kreis di. sicheren zu rechnen sein; i mann mit mehr als 6000 C umen Mehrheit über den Exjesuit Grafen Hoe sbroich, der als gemeinsamer Kandidat sämtlicher Gegner auf⸗ gestellt war. Für die Neuwahl sind bisher weder von unserer noch von der gegnerischen Seite Kandidaten benannt. Ausland. Die österreichische Sozialdemokratie hielt verflossene Woche ihren Parteitag in Wier ab. Anwesend waren 133 Delegierte und zwar 36 Tschechen, 18 Polen, 2 Italiener, 3 Slo- wenen, 3 Ruthenen und 71 Deutsche. Als Gäste waren die Genossen Sindermann⸗ Dresden, Wengels vom Parteivorstand und Frl. Baader⸗Berlin von der deutschen Parte erschienen. Auf der Tagesordnung des Kon gresses stand außer dem Geschäfts⸗ und parla mentarischen Bericht: Der Dualismus unf die Sozialdemokratie in Oesterreich; die Wahl rechts-Bewegung; Sozialpolitik in Oesterreich; die Konsumgenossenschaften die Arbeiterklasse und die Alkoholfrage. Wegen des Streiks in Nordfrankreich interpellierte Genosse Jaures am Samstag in der Kammer. Er weist darauf hin, daß di Arbeitgeber von Armentieres sich weigern das von den Ausständigen vorgeschlagen Schiedsgerichtsverfahren anzunehmen und be⸗ schuldigt sie, den Verpflichtungen, die sie frühe; mit ihren Arbeitern eingegangen seien, nich nachgekommen zu sein und die Arbeiter getäusch⸗ zu haben. Redner weist auf die niedriger Löhne und das Elend der Arbeiter it Armentieres hin und beantragt, die Kamme: solle die Wiederaufnahme der Schiedsgerichts vorschläge gemäß dem Gesetze veranlassen und eine Kommission mit der Untersuchung über die Lage der Spinnereiarbeiter in Armentieres be⸗ auftragen. Die Ausführungen Jaures machen den tiefsten Eindruck. Der Handelsminister erklärt sich mit der Ernennung einer parla mentarischen Kommisston einverstanden, wel“ eine Untersuchung über die Leinenindustrie stellen soll, billigt auch die von Jaures einge⸗ brachte Tagesordnung, in der die Wiederauf⸗ nahme des Schiedsgerichtsverfahrens und die Ernennung einer Untersuchungskommission ver⸗ langt wird. Die Tagesordnung wurde mit 512 gegen 2 Stimmen angenommen. Ein Minister⸗Selbstmord. 7 Der italienische Sin ee 1 Pietro Rosano hat sich am Montag früh in Neapel erschossen. Gegen ihn wurden 05 in der letzten Zeit öffentlich von radikaler und mit zu unferen ini siegte Ho, . /. 7 sozialistischer Seite Anklagen erhoben, daß er 1 im Jahre 1893, als er Unterstaatssekretär war, an den Finanz⸗Skandalen der„Banca Romana“ beteiligt war. Außerdem soll er e seinen politischen Einfluß dazu benutzt ha dieser Anklagen soll ihn der Ministerprä dent aufgefordert haben, vorläufig zurückzutreten. In einem zurückgelassenen Briefe an den Minister⸗ präsidenten erklärk Rosano die gegen ihn er⸗ hobenen Anklagen für falsch und beteuert, daß er unschuldig aus dem Leben scheide. 4 Ein Soldat über den Krieg. Am 31. März 1899 starb in Berlin der General der Infanterie Hans von Kretsch⸗ mann. Aus den Kriegsbriefen an seine Gattin, die jetzt von seiner Tochter, unserer Partei⸗ genossin Lily Braun, herausgegeben worden sind, würde man den ganzen Menschen erkennen, selbst dann, wenn die Herausgeberin ihn nicht in einem biographischen Vorwort ausführlich Haan hätte: Ein Mann, ganz in den raditionen des preußischen Offtzierstandes auf- christliche Lehre und an das politische Dogma des Mo⸗ erzogen, starr im Glauben an die en, sich materielle Vorteile zu verschaffen. In olge 5 2 e . narchismus, aber innerhalb der Stttenbegriffe seiner Gesellschaft von starken ethischen Gefühlen 6* Nr. 46. 3 Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 3. erfüllt, vielleicht auch ein verdorbener Dichter, 8 ewiß ein vortrefflicher Stilist, Soldat mit N Leib und Seele, dabei ein wirklich beredter e Bewunderer der Natur, ein liebevoller Gatte und Vater, sicher ein harter Feind moderner Geistesrichtungen und dabei doch nichts weniger 2 Sein Gegner war Prinz Wilhelm. Als guter als ein blinder Sänger vor dem Throne. 5 Er war es auch schon damals nicht, als er 9 die l hte z 1 Abschieds dwvAůoch nicht gefühlt hatte. 0 Wein Biographie erzählt aus seinem Leben recht merkwürdige Einzelheiten.„Im Kaiser⸗ 1 manöver 1887 hatte er eine Armee zu führen. Soldat sah er in ihm nicht den Fürsten, nicht den Thronerben, sondern nur den Gegner, den u bestegen er allen Scharfsinn anzustrengen atte. Und er besiegte ihn.“— Bald darauf avancierte er zum Divistonskommandeur in Münster. ö a 8 „Im Jahre 1889... war wieder Kaiser⸗ manöver, jetzt unter Wilhelm II. und in West⸗ falen.— Mein Vater sprach sich über mancherlei Neuerungen, besonders über die Entfaltung roßer Kavalleriemassen, aus und fuhr einen nen Offizier, der ihn überzeugen wollte, daß er geschlagen sei, während er sicher war, mit dem Feuer seiner Infanterie den Gegner in Grund und Boden geschossen zu haben, sehr unsanft an.“— Einige Monate darauf war der General v. Kretschmann— a. D.! Am 10. Juni 1890 bekam er den sogenannten„blauen Brief“.— Am Ostersonntag 1899 wurde er ohne Sang und Klang begraben. * Derlei Erfahrungen lagen noch vor ihm, als Herr von Kretschmann aus den böhmischen und französischen Schlachtfeldern Briefe an seine Gattin schrieb. Es ist nun tragisch, daß diese Briefe eines für seinen Beruf begeisterten Soldaten sehr gegen seinen Willen, nur durch die starke instinktive Gewalt des Menschlichen, das in dem Brief⸗ schreiber lebte, zu einer tönenden Anklage gegen den Krieg und das Kriegshandwerk geworden sind. Wenn es der Hauptmann v. Kretschmann im Jahre 1866„fast komisch“ findet, Oester⸗ reicher und Sachsen als Feinde bezeichnen und behandeln zu müssen, so gibt er damit freilich nur Stimmungen Ausdruck, denen der„Bruder⸗ krieg“ nicht zu selten begegnete. Aber bald brechen tiefere Töne durch.„Das ist die Schattenseite des Krieges,“ schreibt er am 19. Junt 1866 aus Kloster Marienthal,„daß man allerdings unter der Sanktion des Staates, seo eine Art von Räuber werden muß...“ Den Feldzug gegen Frankreich machte er — von den Wunden des(ber Krieges geheilt— als Major im Generalstab des dritten Armee⸗ korps mit. Am 30. August schreibt er aus Moncel: i Das Chateau(Schloß) Moncel... natürlich leer von Bewohnern und Möbeln; was zur Folge hatte, daß es von vorbeipassierenden Soldaten sehr vand a⸗ lisch verwüstet wurde. 2 2 — e Am 22. September in Verneville knüpft er an Mitteilungen über den Egoismus der Feld⸗ eistlichen, die immer nur Wünsche für sich 05 und bei deren angeblicher Freiwilligkeit das Geld eine große Rolle spiele, diese mora⸗ lische Betrachtung: Ueberhaupt liefert der Krieg für den Grad des menschlichen Egoismus traurige Belege. Was Erziehung, Gewohnheit, Moral und Religion uns im Lauf des 5 1 gewöhnlichen täglichen Lebens als zu erfüllende Pflichten auferlegen, es schwindet hier, weil das Publikum fehlt, ben das es anerkennt oder verurteilt. N „ Am 22. Oktober meldete er aus Verneville, , am 12. November aus Troyes die angedrohte 12 oder boniggen Niederbrennung einiger wider⸗ Db spenstiger Ortschaften— ohne sonderliche Ge⸗ l, mütsbewegung, wie es scheint. Aber am l 15. November schreibt er aus Theil: lch Ob wir morgen hier bleiben, ist noch unbestimmt. ben Seus, ein Ort von 11000 Einwohnern, ist schon , von den Hessen total ausgeplündert worden. che Da wollen wir nicht hingehen. J N Und tags darauf noch aus Seus: ft Diesen Ort haben die hessischen Bundesbrüder in 1 einer unglaublichen Weise mitgenommen. Ein Zivilist reitet auf der Straße, zwei Offiziere nötigen ihn vom Pferde, der eine nimmt dies, der andere den Sattel. Ein Stabsoffizier will einen Schrank öffnen, der Wirt gibt vor, keinen Schlüssel zu haben, und als sein Gast den Schrank erbrechen und er es verhindern will, da schießt der Stabsoffizier den Wirt tot. Solche Dinge können einem den Krieg wirklich verleiden. Bei derlei Dingen will der preußische Major nicht mittun. Am 20. November schreibt er — und jetzt nimmt er die Sache schon mehr von der humoristischen Seite— an seine Frau: Sevres(Porzellan) und Spitzen kann ich Dir nicht erobern. In unseren Reihen herrscht die Tugend. Bei den Bayern suchte er aber diese Ent⸗ haltsamkeit vergebens. Am 12. Dezember schreibt er aus Meung: Von den Bayern kannst Du Dir schwer einen Begriff machen. In Trupps zu Dreien und Sechsen bedecken sie die Landstraße, haben die Truppen verlassen, die Gewehre zum Teil weggeworfen... plündernd ziehen sie nach Hause.... Die Offiziere sind als solche nicht wiederzuerkennen. Jetzt wird die ganze Bande nach Orleans genommen, um sie ein wenig zu retablieren. Ja,„wer Menschen kennen lernen will, der muß in den Krieg ziehen. Wer seine Illusionen über Menschen nicht verlieren möchte, der muß zu Hause bleiben!“(Brief vom 18. Dezember aus Meung.) N Aber wenn in Le Mans den Franzosen von preußischen Soldaten die Stiefel von den Füßen auf offener Straße abgezogen und von den Räubern angezogen werden, so schildert v. Kretschmann eine so heitere Szene mit viel Humor, scheinbar ohne Empfindung für die Scheußlichkeit eines solchen Vorgangs. Denn oft betont er, daß es geradezu unmöglich sei, die Härten des Krieges mit menschlichem Herzen zu empfinden. So trifft ihn auch am 29. Januar 1871 in Coutreille die Hoffnung auf einen nahen Frieden keineswegs wie manchen Renommisten als einen Etzel oder Tamerlan: Man muß sechs Monate lang fern von Frau und Kind, fern von der Heimat, all das Elend gesehen haben, wie selbst die Tage glänzenden Sieges die Thräne im Auge nicht zu ersticken vermochten über die, welche den Sieg machten und als tote Männer auf dem Schlacht⸗ felde liegen; man muß das alles erfahren haben, um ermessen zu können, mit welchen Gefühlen wir den möglichen Frieden begrüßen. Aber der ersehnte Friede, der lächelnde Knabe, erscheint ihnen bald als ein ungezogener Gassejunge. Die Szene verwandelt sich zu Wallensteins Lager, alle Luderinstinkte, die die Kriegsstrapazen in ihren Bann gehalten, brechen los. Am 10. Februar schreibt er aus Le Mans: „Die Opfer, welche die Schlachtfelder kosten, sind doch bei weitem der geringste Teil des Uebels, welche der Krieg erzeugt. Nicht der ruinierte Wohlstand, nicht die verbrannten Häuser sind es,— es ist die bis ins tiefste verderbte Moral; wann werden wir dieses Uebel über wunden haben! Ich könnte Dir wunder⸗ bare Dinge erzählen.“ Man spielt, man betrinkt sich, man veran⸗ staltet Bälle, bei denen eine Schwimmhose und ein weißer Kragen der beliebteste Anzug ist. Grauköpfige, verheiratete Offiziere tanzen mit. Man geht auch„ins Theater“: Gestern war ich mit mehreren Kameraden im Theater und ging empört weg. Der anständigste Teil des Publikums waren die Soldaten, der unanständige die Offiziere.(Brief vom 13. Februar aus Le Mans.) Ich begreife nicht, wo manche ihre Ehre lassen; einen verheirateten Major dieses Regiments hätte ich am liebsten hinausgeführt. Bei der Abreise melden sich denn auch die Scharen weinender betrogener„Bräute“ im Generalkommando, um sich nach den Offizieren zu erkundigen, die versprochen hatten, noch ein⸗ mal wieder zu kommen. So wurde im Lande des Erbfeindes für neue Soldaten gesorgt. * Wir haben einen Teil dessen, was der „Vorwärts“ aus den Briefen des Generals mitteilt, wiedergegeben und wollen in der nächsten Nummer noch einiges hinzufügen.— Bemerkt sei noch, daß der Kousin der Genossin Braun, Oberleutnant v. Kretschmann, sich über die Veröffentlichung der Briefe entrüstet und in mehreren Blättern erklärt, sein Onkel habe auf einem nach dessen Tode aufgefundenen Zettel darum gebeten, die Papiere zu vernichten und nicht zu veröffentlichen.— Wir halten die Veröffentlichung im Interesse der Mensch⸗ lichkeit für sehr verdienstlich. Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. Die Großeinkaufs⸗Gesellschaft Deutscher Konsum vereine hat in den 9 ersten Monaten dieses Jahres einen Umsatz von 17279236,11 Mk. erzielt, gegen 14353 748,02 Mk. in derselben Zeit des Vorjahres. Die Zunahme beträgt somit 2925488,09 Mk., also rund 20 Meß er Kampf der Weber in Crimmit⸗ schau dauert noch immer fort, hat sogar noch eine Verschärfung erfahren. Obwohl die Streik⸗ enden sich nicht im Mindesten gegen die öffent⸗ liche Ordnung vergangen haben, sind in Crim⸗ mitschau noch 30 Mann Gendarmen ein⸗ quartiert worden. Vor Fabriken, an den Straßenecken, stehen diese Hüter der Ordnung, das Gewehr umgehängt. Niemand weiß, wozu diese Kriegsvorbereitungen dienen sollen. Außer⸗ dem ist an den Plakatsäulen folgende Bekannt⸗ machung des Stadtrats angeschlagen:„Es wird hierdurch bekannt gemacht, daß vom heutigen Tage ab die zur Unterstützung der hiesigen Polizei herbeigezogenen Mitglieder des Gendar⸗ meriekorps zur Ausübung polizeilicher Befugnisse im hiesigen Stadtgebiete berechtigt sind. Es ergeht daher an jedermann die Aufforderung, den dienstlichen Anordnungen der Gendarmen ebenso Folge zu leisten, wie den Anordnungen der hiesigen Polizeiorgane.“ Bisher schon haben die Behörden stets zu Gunsten der Unternehmer eingegriffen. Flugblätter wurden konstsziert, Verteiler der Blätter arretiert, Versammlungs⸗ auflösungen und ähnliche Maßnahmen sind nun⸗ mehr an der Tagesordnung. In den letzten Tagen ist das Vorgehen der Polizeibehörde geradezu unerträglich geworden. Die Arbeiter wandten sich beschwerdeführend an das Mini⸗ sterium, mit dem einzigen Erfolg, daß sie die Antwort erhielten: Die Beschwerden seien an die „zuständigen Behörden weitergegeben worden.“ () Die Streikenden stehen nach wie vor fest, im Vertrauen auf die Solidarität der deutschen Arbeiter. 5 Der Streik und die Aussperrung in der Metallindustrie in Berlin dauern fort. Noch immer stehen die beiden Perteien einander abwartend gegenüber. Die Streikenden sehen keinen Grund, von ihrer bisherigen Kampfesweise abzuweichen und da sie wissen, daß die Fabrikanten, wenn sie Geld verdienen wollen, ihrer notwendig bedürfen, beharren sie auf ihren Forderungen und wollen sich auf keinen Fall bedingungslos unterwerfen. Die Arbeitgeber nehmen ebenfalls eine abwartende Stellung ein. Sie haben auf neue Gewalt⸗ maßregeln verzichtet, nachdem sie sehen mußten, daß weder ihre Aussperrung, die übrigens nur ein Teil der Arbeitgeber mitgemacht hat, noch die Schließung des Arbeitsnachweises der Me⸗ tallindustriellen irgend welche Wirkung auf die Haltung der Streikenden ausgeübt hat. In einem Rundschreiben der Vereinigung Berliner Metallwaren⸗Fabrikanten wird eine lange Re⸗ solution mitgeteilt, die in der Generalversamm⸗ lung am 31. Oktober wie gewöhnlich einstimmig gefaßt worden ist. Darin wird unter anderem gesagt, es sei von einer weiteren Entlassung von Arbeitern nicht die Rede gewesen. Damit wird die von bürgerlichen Blättern gebrachte Mitteilung, daß die Metallindustriellen 7000 Arbeiter aussperren wollen, dementiert. In Darmstadt haben die Schreiner die Arbeit niedergelegt. Zuzug ist unbedingt fernzuhalten. Von Uah und Fern. Gießener Angelegenheiten. —. Ein Gießener„Patriot“ sendet uns einen Ausschnitt irgend eines ostelbischen Reptilblattes zu, in dem zum soundsovielten Male„nachgewiesen“ wird, daß nicht Bismarck .—— — 1 0 Scite 4. Mittel dertsche Sonntags⸗Zeitung. Nu. 46. die Schuld an dem Ausbruch des 70 er Krieges trage, wie vaterlandslose Sozialdemokraten be⸗ haupten, sondern daß die Franzosen und speziell die Kaiserin Eugenie das Karnickel gewesen sei, das angefangen habe. Der biedere„Patriot“ widmet uns diesen Reptilblatt⸗Ausschnitt zu unserer Belehrung und zum Abdruck. Für diese Freundlichkeit haben wir als höfliche Leute zu danken. Doch wir gestehen, daß es sehr viel Dinge gibt, die uns bedeutend mehr interessieren, als die Frage, wer die unmittelbare Veran⸗ lassung zum Kriege gab. Doch möchten wir den guten Mann in aller Bescheidenheit darauf hinweisen, daß Bismarck, als er„polternd hinter dem Reichswagen herlief“, selbst bekannte, die Emser Depesche gefälscht,„aus der Chamade eine Fanfare“ gemacht und dadurch Frankreich zum Kriege gezwungen zu haben. Wer ist aber der brave Patriot? Ja, er hüllt sich in tiefes Dunkel, er will wie ein Veilchen im Verborgenen blühen, er hat noch nicht einmal den Mut, seinen Namen unter seine Einsendung zu setzen, was doch wirklich nicht viel verlangt wäre. Oder ob er sich schämt? — Im sozialdemokratischen Wahl⸗ verein, dessen nächste Mitgliederversammlung Samstag, den 21. Novbr., im Lokale Or big stattfindet, wird Genosse Vetters einen Vor⸗ trag halten, den er„Aus dem deutschen Heere“ betitelt. Hierbei werden nicht nur die drückenden Lasten geschildert, welche der Militarismus dem Volke auferlegt, sondern es werden auch die Soldatenschindereien, sowie gewisse, in letzter Zeit zu tage getretene Erscheinungen im Offi zterskorps erörtert werden. — Vortrag. Am Sonntag über 8 Tage (22. Nov.) soll, veranstaltet vom Gewerkschafts⸗ kartell, auf Lony's Bierkeller ein Vortrag über einen allgemein wissenswerten Gegenstand statt⸗ finden. Voraussichtlich wird Herr L. Opifi⸗ cus Frankfurt die„Gewinnung und Ver⸗ arbeitung der Edelmetalle“ behandeln. Der Vortrag beginnt 3½ Uhr, nach seiner Been⸗ digung folgt gesellige Unterhaltung. Zahl⸗ reicher Besuch der Gewerkschaftsmitglieder und Genossen und deren Familien darf hierzu wohl erwartet werden. — Gießener Stadttheater. Bei der Theater⸗ Direktion sind zahlreiche Wünsche um Einrichtung von Fremden⸗Vorstellun gen am Sonntag Nachmittag eingegangen, die den Besuch von auswärts ermöglichen. — Die Direktion wird daher eine Anzahl Fremden⸗ Vorstellungen am Sonntag Nachmittag einrichten, die jeweils um ½ 4 Uhr beginnen und etwas nach 6 Uhr ihr Ende erreichen werden. Für nächsten Sonntag, den 15. November ist die erste dieser Fremden⸗Vorstellungen angesetzt, die Gerhard Hauptmann berühmtes Märchendrama„die ver⸗ sunkene Glocke“ bringt. Die Aufführung dieses berühmten Werkes im Gießener Stadttheater zeichnet sich durch überaus schöne Bühnenbilder— hervorgerufen durch neue Dekorationen und zahlreiche Lichteffekte— sowie durch eine von berufener Kritik hoch anerkannte Darstellung aus. Die Preise der Plätze sind: Gallerie 30 Pfg., II. Parquet und Estrade 60 Pfg., IL. Platz 1 Mk., Sperrsitzt, 50 Mk., Lo ge 2 Mk. — Briefliche Bestellungen sind an das Theater⸗Büreau Wallthorstraße 48 zu richten. — Ladendiebstähle. Vor einigen Wochen kam die Staatsanwaltschaft umfangreichen Dieb⸗ stählen an Seiden⸗ und Leinenwaren auf die Spur, welche mehrere in dem Modewarenhaus Nowack beschäftigte Verkäuferinnen dort be⸗ gangen haben sollen. In der Sache sind dann auch noch andere Personen, die der Hehlerei verdächtig sind, verhaftet worden. Diese An⸗ gelegenheit soll nun am 20. November vor der Strafkammer verhandelt werden. Aus dem RNreise gieß en. — Wieseck. Der Wahlverein hält diesen Sonntag, den 15. Nov., seine Mitglieder⸗ versammlung auf dem„Fel dschlößchen“ ab. Genuosse Vetters⸗Gießen wird einen Vortrag über die Arbeiter⸗Versicherungs⸗Gesetzgebung halten. Die Mitglieder werden erfucht, zahl⸗ reich zu erscheinen; anch Nichtmitglieder haben Zutritt. — Einen Wucherprozeß hatte die Gießener Strafkammer am Dienstag zu verhandeln. Angeklagter war der in den sechziger Jahren stehende jüdische Hand els⸗ mann Aron Zimmermann aus Ortenberg, dem zur Last gelegt wird, in vier Fällen die Unerfahrenheit und den Leichtsinn anderer benutzt zu haben, um sich einen Gewinn zu verschaffen, zu dem die Gegenleistung in keinem Verhältnis steht, also sich des Wuchers im Sinne des§ 302 des Strafgesetzbuchs schuldig gemacht zu haben. Zimmermann betreibt schon seit Jahrzehnten einen Manufakturwarenhandel in Ortenberg und erfreute sich dort des besten Ansehens, war seit langen Jahren Aufsichtsratsmitglied oer Spar⸗ und Vorschußkasse ꝛc. In der letzten Zeit befaßte er sich öfter mit den Kauf und Verkauf von Immobilien und hierbei machte er verhältnismäßig bedeutende Gewinne. Geschäfte dieser Art machte er besonders auf den Ortschaften der Um⸗ gebung Ortenbergs, in Bergheim, Effolderbach, Eckarts⸗ born ꝛc. In einem Falle nahm er von den Käufern einer Hofraithe, die sich gezwungen sahen, den Kauf wieder rückgängig zu machen, 500 Mk. Reugeld, etwa ein Fünftel der ganzen Kaufsumme! Weiter soll er noch Betrug verübt haben dadurch, daß er eine etwas beschränkten Frau eine Bürgschaft über 300 Mk. unter⸗ schreiben ließ. Diese Frau konnte das betreffende Schrift⸗ stück nicht lesen, weil sie ihre Brille nicht bei sich hatte, sie unterzeichnete, weil ihr der Angeklagte sagte, daß es sich nur um eine Summe von zirka 20 Mk. handele. Das Gericht hält in diesem Falle den Beweis des Vetrugs für erbracht und in drei Fällen den Tatbestand des Wuchers gegeben. Es verurteilte den Angeklagten zu 11 Monaten Gefängnis, 1000 Mk. Geld⸗ strafe und 5 Jahren Ehrverlust Der Staatsanwalt hatte 1 Jahr 9 Monate Gefängnis und die Nebenstrafen beantragt. Aus dem Rreise Alsfeld⸗Cauterbach. Wie's gewöhnlich geht. Auf Dank braucht ein Arbeiter selten zu rechnen und wenn er auch jahre⸗ und jahrzehntelang für einen Unternehmer sich abgerackert hat. Vor fünf Jahren saß ein Alsfelder Sattlermeister, der in Bezug auf die Behandlung seiner Leute nicht gerade berühmt ist, gehörig in der Patsche, er mußte notwendig einen Gesellen haben und konnte keinen bekommen. Da ließ sich unser Genosse, Sattler Eder, bewegen, seine bisherige Stelle aufzugeben und bei jenem einzutreten. Beinahe fünf Jahre ohne Unterbrechung hat Eder gearbeitet, jetzt wurde ihm plötzlich ge⸗ kündigt. Auf seinen Hinweis auf die früher gemachten Versprechungen wurde ihm die Ant⸗ wort: Er sei dafür bezahlt worden(das heißt mit erst 12, dann 13 Mk. per Woche). Also der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen. Aus dem Rreise Wetzlar. Die Nationalliberalen hielten am Sonntag im Schützengarten zu Wetzlar ihre Lands⸗ tagswählerversammlung ab. Als Redner traten Dr. Johannes aus Köln und der Kandidat, Bergwerks⸗ direktor Roth auf. Die Ausführungen des ersteren gipfelten in der Betonung der Notwendigkeit eines Ab⸗ rückens von den Konservativen. Die politischen Zeit⸗ läufe erheischten die Bekämpfung der klerikal⸗konser⸗ vativen Reaktion namentlich auf dem Gebiete des Geistes⸗ lebens.— In der Debatte, zu der sich nur konservative Redner als Gegner meldeten, schnitt besonders der seit⸗ herige Abg. Schlabach herzlich schlecht ab. Von Interesse ist besonders die durchaus vernünftige Stellung, die beide Redner gegenüber unserer Partei annahmen, indem sie hervorhoben, daß mit Pallizeigesetzen nichts zu machen sei. Nur muß man dabei berücksich⸗ tigen, daß nationalliberale Wahlreden mit den parlamentarischen Taten dieser Partei im schreiendsten Widerspruch stehen. h.„Unpolitisch“ wollen und sollen bekannt⸗ lich die Kriegervereine sein. Trotzdem wurde in der letzten Sitzung der Kriegerkame⸗ radschaft zur Wahl des konservativen Landtags⸗ kandidaten offiziell aufgefordert. Ein etwas „angerauchtes“ Mitglied machte dagegen heftige Opposition; ob ihm blos der vorgeschlagene Kandidat nicht zusagte, oder ob ihm da Unzulässige der politischen Betätigung der Krieger⸗ kameradschaft aufdämmerte, konte unser Gewährs⸗ mann nicht mit absoluter Genauigkeit feststellen. * Berichterstattung vom Dresdener Parteitag im Kriegerverein. Mit Politik sollen sich ja die Kriegervereine nicht beschäftigen, sie werden aber von den Ordnungsparteien stets dazu be⸗ nutzt, den Kampf gegen die Arbeiterbewegung zu führen. Das hält man für nicht politisch. In einer Ver⸗ sammlung des Kriegervereins in Burgsolms hielt es der Pfarrer Fuchs für angebracht, über den Dresdener Parteitag zu berichten. In seiner Art natürlich. Er erzählte da allerhand grausliche Geschichten, die er im Kasseler Muckerblättchen oder sonst wo aufgegabelt hat. Unter anderem tischte er die Fabel auf, daß infolge des Parteitags 7 hervorragende Sozialdemokraten aus der Partei ausgetreten und„wieder zum Christentum zurückgekehrt“ wären. Wer die reuigen Sünder sein sein sollen, verschwieg der Vortragende. Hat der Herr Pastor sich wirklich so ausgesprochen, wie uns mit⸗ geteilt wird, so beweist das, daß er entweder die Dres⸗ dener Verhandlungen nicht kennt, und irgendwo gehöcte Unwahrheiten weiter verbreitet, oder daß er selber frei erfunden hat. Wenn er aber eine Sache nicht kennt,so sollte er doch darüber keine Vor⸗ träge halten und will er etwas erfinden, dann sollte er es etwas geschickter anfangen. Bei seinem Vor⸗ trag spielte auch Bebels„Villa“ am Züricher See eine Rolle. Wenn jeder Schwindel, der schon über das Haus verbreitet worden ist, eine 10 Pfund⸗Last in dem Hause untergebracht hätte, so hatten sich darin nicht blos die Balken gebogen, da wäre es längst zusammengebrochen! — Herr Fuchs fügte hinzu, der„Villenbesitzer“ Bebel könne die Interessen der Arbeiter nicht vertreten; seiner Meinung nach können das vielleicht die brotverteuernden Junker oder die millionenreiche Schlot⸗ und Kohlenbarone besser? Schließlich rechnete er den Kriegern noch vor, daß nach den Wahlergebnissen viele Kriegervereinsmit⸗ glieder soztaldemokratisch gestimmt haben müßten. Darin hat er zweifellos Recht. Daraus kann der Herr Pastor aber auch entnehmen, daß die Erkenntnis ihrer wirtschaftlichen Lage auch den Arbeitern im Kriegerverein nach und nach kommt und sie einzusehen beginnen, wer ihre Interessen im Reichstage vertritt. Und die Tatsache, daß die„Diener Gottes“ in poli⸗ tischem Kampfe meistens auf Seite der Befitzenden zu finden sind, ist ihnen auch längst geläufig. Aus dem Nreise Dilsenburg⸗Herborn. In Haiger war am Montag die Ersatzwahl eines Drittels der 12 Mitglieder starken Stadtverord⸗ netenversammlung vorzunehmen. Von der ersten und dritten Klasse waren je einer und in der zweiten zwei Gemeindevertreter zu wählen. Maschinenfabrikant Bor⸗ gerts wurde in der ersten Klasse, die Fabrikanten Blecher und Weiß in der zweiten gewählt. In der dritten fielen auf Schmiedemeister Engelbert 57 Stimmen, auf unsern Genossen Kfm. Trott, dessen Kandidatur gar nicht aufgestellt war, 15 Stimmen. Die christlich⸗ sozialen Wähler traten zum Teil für Trott ein, was beweist, daß dieser auch von den Gegnern geachtet wird. Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain. * Richtig stellung. In der letzten Nr. war von einer öffentlichen Bäckerversammlung in Marburg berichtet worden. Wie uns vom Vorsitzenden der Gewerkschaftskommssion mit⸗ geteilt wird, hat es sich in diesem Falle nicht um eine öffentliche Versammlung, sondern um eine private Besprechung gehandelt, zu der auf eine teils persönliche teils schriftliche Einladung einige Bäckergesellen— nur solche— erschienen waren. *„Gebildete“ Leute. Bei dem Umbau des Rathauses wurde auch die schwere eichene Rat⸗ haustüre erneuert und dem Styl des Gebäudes entsprechend, mit prächtigen Malereien versehen. Erst vor wenig Tagen war die Arbeit fertig geworden und sie bildete eine Zierde des Ge⸗ bäudes. In der Nacht vom Samstag auf Sonntag wurde zug die Türe derart zerkratzt und beschmiert, daß sie zur Wiederherstellung herausgenommen werden mußte. Und was waren es für rohe Gesellen, welche ihre viehische Vernichtungswut an dem Kunstwerk ausübten? Etwa Arbeiter, welche ihren Wochenlohn in der Samstag Nacht verjubelt hatten? Nein, es waren Angehörige der Studenten⸗Ver⸗ bindung„Saxonia“!— Wir wollten mal das Geschrei hören, wenn es Arbeiter getan hätten! Neugierig sind wir, was die Herrchen für Strafe bekommen; das Strafgesetzbuch droht im Mindestfalle 6 Monate Gefängnis an. bh. Schutzvor richtungen her! In einer hiesigen Fabrik geriet ein jugendlicher Ar⸗ beiter aus Wehrda in die von ihm bediente Maschine wobei ihm ein Finger abgeschnitten wurde. Er fand in der Klinik Aufnahme. Innerhalb eines Jahres ist das bereits der dritte derartige Fall in Marburg, ein Zeichen, daß es mit Schutzvorrichtungen nicht zum Besten bestellt sein mag. R. Zur Unterstützung der stretkenden Weber in Crimmitschau gibt die Gewerk⸗ schaftskommission Sammellisten heraus. Da b 15 15 1 1 5 0 f 1 2—— S e 2— . . Y N— 8 e 7 1 1 8 8 9 E ee N ——— 72 ferngehalten! Wahlmänner als gewählt bezeichnet. Nr. 46. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. bisher die Gelder etwas spärlich eingingen (außer den Buchdruckern), so bittet die Gewerk⸗ schaftskommisnon, das Versäumte nachzuholen und die Sammellisten gut zirkulieren zu lassen. R. Eine öffentliche Mau rerver⸗ samm lung findet diesen Sonntag in Schröck bei Christian Nau statt. — Der Gesangverein„Eintracht“ hält am Sonntag, den 14. d. Mts. im Schloß⸗ garten ein kleines Tanzvergnügen ab. — Ueber eine Sträflings⸗Rebellion, die auf dem Gute Wolkersdorf bei Frankenberg unter den dort beschäftigten Gefangenen der Strafanstalt Wehlheiden ausbrach, wird berichtet: Sieben der Gefangenen stürzten sich mit Hacken und Messern auf ihre fünf Mitgefangenen und verletzten zwei von ihnen sehr schwer. Einer derselben erhielt sieben Stiche am Halse. Der Aufseher allein war nicht im Stande, die Kämpfenden auseinander zu bringen. Sämt⸗ liche auf dem Gute anwesenden Knechte mußten zu Hilfe kommen. Sofort wurde telephonisch die Gendarmerie in Frankenberg requiriert. Sieben der Gefangenen wurden in dem eigens dazu hergerichteten Kuhstall interniert, die Nacht über von zwei Gendarmen überwacht und am anderen Tage unter starker polizeilicher Bedeckung nach dem Zuchthaus zurückgebracht, woselbst die Untersuchung stattfinden wird. Man vermutet, daß der Streit in Szene gesetzt wurde, um bei dieser Gelegenheit einen Ausbruch bewerlstelligen zu können. g Preußzische Landtagswahlen. Ein großer Teil von Ergebnissen der am Donnerstag vorgenommenen Urwahlen liegt vor, doch ist es natürlich noch nicht möglich, zu⸗ treffende Angaben über die Stärke der einzelnen Parteien zu machen. Aus vielen Wahlkreisen liegen noch keine Nachrichten vor, in einem Teile ist das Ergebnis zweifelhaft. Obwohl unsere Partei in einzelnen Wahlkreisen zahlreiche Wahlmänner durchbrachte, errangen wir nirgends die Mehrheit und es ist sehr fraglich, ob wir einen Sitz im Dreiklassenhause erobern. Durch das erbärmliche Wahlrecht wird die weitaus stärkste Partei Preußens aus dem Landtage Von einzelnen Resultaten seien folgende angeführt. In Wetzlar ist das Ergebnis unsicher. Es werden 94 konservat., 86 natl., 3 antisemi⸗ tische, 4 sozialdemokratische und 9 unbestimmte Launs⸗ bach, Krofdorf und Gleiberg wählten in der III. Klasse sozialdemokratische Wahlmänner, in Gleiberg auch in der II. Klasse. 9 10 41. 117 1 1 1 r In Marburg sind von 187 Wahlmännern 75 konservat., 65 natl. und 44 bündlerische. In Dillenburg ist die Wahl des natl. Amtsrichter Hoffmann gesichert. Für Burckhard(christl. soz.) sind nur wenige Wahl⸗ männer gewählt. In Frankfurt siegte die freistunig⸗demo⸗ kratische Listemit 563 Wahlmännern. Nationall. wurden 342 und sozialdemokrat. 153 gewählt. In Berlin! wurden gewählt: 190 frei⸗ sinnige, 174 sozialdemokratische und 138 kon⸗ servative Wahlmänner; in Berlin II 853 frei⸗ sinnige, 460 sozialdemokratische, 9 konserbative Wahlmänner; in Berlin III: 1189 freisinnige, 919 sozialdemokratische, 222 konservative und 32 Wahlmänner zweifelhafter Parteistellung; in Berlin IV: 869 freisinnige, 507 sozial⸗ demokratische, 29 konservative Wahlmänner. In Altona, Magdeburg, Breslau Görlitz kamen zwar zahlreiche sozialdemokrattsche Wahlmännerwahlen zu Stande, doch blieben wir überall in der Minorität. Arbeiter, Genossen! Weber in Crimmitschau! Unterstützt die kämpfenden Kleine Mitteilungen. * Fromme Christen. In Klein⸗Linden haben sich zwei junge Burschen in der Kirche ge⸗ prügelt, weshalb die Staatsanwaltschaft Untersuchung gegen sie eingeleitet hat. * Schwer verletzt fand man am Sonntag abend den Flurschütz Volk aus Allendorf a. d. L. auf dem Bahngeseise in der Nähe des Gießener Bahn⸗ hofs. Jedenfalls ist er beim Ueberschreiten des Ge⸗ leises überfahren worden. * Erstochen wurde in Grünberg ein dort bediensteter Knecht von seinem Kameraden, mit dem er wegen eines Mädchens in Streit geraten war. ** In Rohrbach bei Büdingen brachte ein acht⸗ jähriger Junge seinem jüngeren Brüderchen mit einem Beil aus Unvorsichtigkeit eine schwere Verletzung an der Hand bei. Das verletzte Kind mußte in die Gießener Klinik gebracht werden. * An einer Blutvergiftung, die es sich durch eine Schnittwunde zugezogen hatte, ist ein 12 jähriges Mädchen in Eberstadt gestorben. ** Opfer der Arbeit. Der in Limburg stationierte Schaffner Herborn geriet am Montag Abend zwischen die Puffer zweier Wagen, wobei der Kopf derart gequetscht wurde, daß der Tod sofort eingetreten ist.— Zwei Bergleute wurden am Dienstag auf der Zeche„Prinz Preußen“ bei Bochum verschüttet, Einer war sofort tot, der andere lebensgefährlich verletzt. * Selbstmord beginn am Sonntag früh der Ingenieur Pfeiffer in Frankfurt dadurch, daß er sich vom Balkon seiner im dritten Stock Hermannstr. 1 belegenen Wohnung in den Hof hinabstürzte. Er blieb mit zerschmetternden Schädel todt liegen. Pf. war un⸗ verheiratet und bei dem städtischen Hochbauamt be⸗ schäftigt. * Wegen Veruntreuung von 260 0 Mk. wurde der Stadtrentmeister Schulz in Krefeld, der seit 16 Jahren in städtischen Diensten steht, verhaftet. * Durchgebrannt ist der zu 18 Monaten Zuchthaus verurteilte frühere Vorsitzende des rheinisch⸗ westfäl. Thonröhrensyndikats und Stadtverordneter Bauer Köln. Der Schutzmann Schnitzler, der ihn nach dem Gefängnis zu transportieren hatte, gab ihm Partei- Nachrichten. Ein alter Parteigenosse, Samuel Spier in Frankfurt, ist dort am Montag Abend im Alter von 65 Jahren gestorben. Seine Partei⸗ angehörigkeit reicht bis in die Lassallesche Zeit zurückt; er war einer derjenigen, welche im Jahre 1870 mit Bracke und anderen vom General Vogel von Falken⸗ stein verhaftet und in Ketten nach der Festung Lötzen in Ostpreußen gebracht wurden, weil sie gegen die Annexion Elsatz⸗Lothringen protestierten. Spier war 1838 in Alsfeld geboren. In der letzten Zeit widmete er sich besonders der Genossenschaftsbewegung und war Vorsitzender des Konsumvereins und der Ge⸗ nossenschaftsbäckerei.— Seine Leiche wurde in Offen⸗ bach verbrannt. Fr. Nauert, einer der älteren Münchener Parteigenossen ist dort kürzlich gestorben. Im Anfang der siebziger Jahre war Nauert hervorragend in Leip⸗ zig tätig, hat mehrfach für den Reichstag kandidiert, so 1877 und 1878 für den 7. sächs. Kreis(Meisen⸗ Großenhain), sowie im 23 Kreise(Plauen). In München hat er sich dann nach Aufhebung des Sozialistengesetzes von der Agitationsarbeit zurückgezogen, ist aber trotz⸗ dem der Partei treu geblieben. Franz Hoffmanns Begräbnis hat am Sonntag in Chemnitz unter riesiger Beteiligung der dortigen Arbeiter stattgefunden. Etwa 20000 Personen waren auf dem Friedhofe anwesend, wo Redakteur Riemann und Abg. Stolle dem toten Kampfgenossen tiefempfundene Nachrufe widmeten. Die Mainzer Genossen stellen als Kandidaten zum Landtage für den verstorbenen Abg. Haas den Redakteur Adel ung auf. Eine Neuwahl der Wahl⸗ männer findet nicht statt, deshalb ist die Wahl Ade⸗ lungs sicher. Eine Parteikonferenz für die Odenwald⸗ Orte des Kreises Dieburg fand am Sonntag in Spachbrücken statt. Sie war aus 14 Orten des Bezirkes zahlreich besucht und nahm Referate der Genossen Rink⸗Urberach, Wiehle und Wol ff⸗ Offenbach über Organisation und Parteipresse entgegen. Beschlossen wurde, in allen Orten, wo dies möglich ist, Parteiorganisationen zu gründen. Wahlkreis Alsfeld⸗Sauterbach. Sonntag, den 29. November, nachmittags, findet auf der Pfefferhöhe in Alsfeld die Kreiskonferenz statt. Tagesordnung wird noch bekannt gegeben. Versammlungskalender. Samstag, den 14. November. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallarbeiter. Abends 9 UhrVersammlung bei Orbig. Lauterbach. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 8½ Uhr Versammlung bei Gastwirt Keutzer. Sonntag, den 15. November. Steinberg. Arbeiterbildungs verein. Nach⸗ mittags 3½ Uhr Versammlung bei Schmandt Wittwe. a Der heutigen Nummer unseres Blattes liegt jedenfalls Gelegenheit zur Flucht und ist wegen Ge⸗ fangenentführung verhaftet worden. eine Geschäfts empfehlung des Herreu⸗Maunsaktur⸗ Geschäftes Carl Freus dorf in Gießen bei. ide und Mützen! 2 ee ü K 82 2 für Weihnachten! Unterhalte darin ein großes Anger 2 Empfehle Hutmacher. in guter are zu billigen Preisen. Aparte Ueuheiten! Vullolf Vichter, Gießen Marktstraße 26. 1 „une ideas sci eino 1 igebensz 9 0 Fee Beinrich Doll, Giessen 9 7[Häusburg 7 Papief-Bandlung Elnrahmen von Blldern. Buchbinderei* Geschäftsbücher& Drucksachen Bilderbücher und Jugendschriften Postkarten- und Photographie-Albums Gerahmte und ungerahmte Photographierahmen in Glas, Holz, Metall. Ansichts- und Geschenk-Artikel. Für Vereine und Wiederverkäufer billigste Preise. Heinr. Schneider, Neuen Bälen 3. in größter Auswahl. 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Es muß daher ein größeres Augenmerk auf die Gewinnung von Nichthessen zur Aufnahme in den hesstschen Staatsverband gerichtet werden. Da die zu diesem Schritt erforderlichen Maß⸗ nahmen nur geringe Opfer an Zeit und Geld erfordern, so mögen vor allem unsere Genossen, die bis jetzt noch von der Ausübung staatsbürgerlichen Rechte ausgeschlos⸗ sen sind, das bisher Versäumte nachholen und ungesäumt um die Aufnahme in den hessischen Staatsverband sich be⸗ mühen. 6 chf ist erforderlich, daß der betr. Nichthesse sich von seiner Heimatsbehörde(dem Regierungspräsiden⸗ ten, den Bezirksämtern ꝛc.), einen Ausweis über seine bisherige Staatsangehörigkeit ausfertigen läßt. Sodann hat er die Geburtszeugnisse für sich und seine Familien⸗ angehörigen zu beschaffen. Hat er diese Papiere erhalten, so läßt sich der um die Naturalisation Nachsuchende von der Ortsbehörde seines gegenwärtigen hessischen Aufent⸗ haltsortes eine Aufenthaltsbescheinigung sowie ein Leu⸗ mundszeugnis ausstellen, fügt diesen Papieren eine Lohnbescheinigung seines Arbeitgebers und seinen Mili⸗ tärpaß hinzu und schickt alle diese erwähnten Ausweise mit einem Gesuche um Aufnahme in den hessischen Staatsverband an das zuständige hessische Kreisamt, Bemerkt sei noch, daß die letzten Kammerverhand⸗ lungen über die beantragte Ungiltigkeitserklärung der Wahl des Genossen Ulrich deutlich dargetan haben, daß ein Reichsdeutscher nicht nötig hat, bei seinem Gesuch um Aufnahme im den hessischen Staatsverband seine bisherige Staatszugehörigkeit zu einem anderen Bundes⸗ Nur Bayern und Elsaß⸗Lothringer machen von dieser Regel eine Ausnahme. Die müssen ihre Staatsangehörigkeit aufgeben, wollen sie einem anderen Staatsverbande angehören. Die Aufgabe der bisherigen Staatszugehörigkeit kann außerdem nur von Reichsausländern(Oesterreichern, Schweizern ꝛc.) ver⸗ langt werden. a Da also die Abwickelung der Naturalisationsgeschäfte keine schwierigen sind und auch vom Landeskamitee zur Erleichterung derselben vorgedruckte Fo rm u⸗ lare herausgegeben werden, die durch die Partei⸗ vertrauensleute unentgeltlich zu b e⸗ ziehen sind. so sollte von der Gewinnung der hessischen Staatszugehörigkeit der weitgehendste Gebrauch gemacht werden. Wer als Nichthesse sich die hessische Staatszugehörigkeit nicht verschafft, hat kein Recht sich zu beklagen, daß er wohl Steuer zahlen, aber seine wichtigsten Staatsbürgerrechte nicht ausüben dürfe. eker— 12 G 7 „AUnterhaltungs-Ceil. ——ů Der Sieg des Schwachen. Erzählung von Melchior Meyr. 5(Fortsetzung.) Aber,“ setzte sie in ermutigendem Tone hinzu, „bedenk', Tobias, wie schön wird's sein, wenn wir uns haben und glücklich sind, und du kannst dir sagen: daran bin ich selber schuld, weil ich couragiert gewesen bin und ausgehalten hab' und mein Vater seinen harten Sinn hat brechen und nachgeben müssen! Da schmeckt alles noch r besser, wenn man so was sagen ann!“ „Tobias hatte hoch aufgehorcht und fand diesen Gedanken sehr schön. Lebhaft erwiderte er:„Ja, das ist wahr!“ Das Mädchen, den Erfolg ihrer Rede be⸗ merkend, fuhr fort:„Und wenn's dann bekannt wird— denn verschwiegen bleibt nichts in der Welt!—, daß dein Vater dich zur Sibylle hat zwingen wollen, und hat gemeint, es ging' ganz leicht, weil du eben so gutmütig bist und gern nachgibst— hat aber seinen Männ in dir gefunden und selber die Segel streichen müssen — was meinst du, daß man da für einen Re⸗ spekt haben wird von dir? Das ist ein anderer, wird man sagen, als wir gedacht haben! Und wenn's ihm jetzt gut geht, so gehört's ihm auch, denn er hat sich's selber gut gemacht!“ Tobias war ergriffen. Seine Wangen färb⸗ ten sich höher, seine Augen glänzten, und mit Selbstgefühl nickend, rief er:„Ja, wahrhaftig, so wird man sagen müssen!“ 5 „Nun,“ fuhr die Bäbe fort,„und was ist's denn, was du dafür tun sollst? Eine Zunge hast du und reden kannst du, also hast du nichts mehr nötig als ein bißchen Courage. Kann dich dein Vater denn nötigen, ein Mädchen zu heiraten, die du nicht magst? Wie sollt' er's denn anfangen? Kann er dich in die Kirch schleppen und dich zwingen, Ja zu sagen?“ Tobias zuckte die Achsel und sagte:„Das wär' eine neue Manier! Das wird er wohl nicht versuchen!“ „Ein Einsehen wird er haben,“ versetzte das Mädchen,„still wird er sein, wenn er sieht, was bei dir die Glocke geschlagen hat! Wer sich zu Klei' macht, den fressen die Schwein'; aber wer die Zähne weist, dem geht man aus dem Wege!“ Der Schneider, von der Wahrheit dieser Worte getroffen, war entzündet bis zur aus⸗ brechenden Flamme.„Ja“, rief er mit einer Art von Entrüstung über sich selbst,„du hast recht! Ich bin ein Narr gewesen, daß ich mir so viel aus dem Manne gemacht, und mich vor ihm gefürchtet hab' wie ein kleines Kind! Was kann er denn anfangen mit mir? Wenn er mir etwas zuleid tut, so ist's sein eigener Schaden, er wird sich wohl hüten! Und dann soll er erst sehen, wie ich bin, wenn ich Ernst mach'! Kreuz Donner und's Wetter! Wenn ich vor ihn hintret' und sag':„Ich will nicht, geh' zum Henker mit deiner buckligen Sibylle! Heirat sie selber, wenn du sie mit Gewalt haben willst! Ich bin zu gut 95— ich halt' zu viel auf mich, als daß ich so eine möcht'! Pfui Teufel! Eine mit einer hohen Schulter! 8 ist eine Sünd' und eine Schand', daß du von deinem Sohne verlangst, er soll so eine nehmen, da er die Schönste haben kann und die Ge⸗ schickteste und die Gescheiteste!“— Er holte Atem und fuhr dann in erhöhtem Tone fort: „Ja ich will ihm sagen, was er noch von keinem gehört hat, ich will ihm—“ Plötzlich hielt er inne. Wie durch einen Zauberspruch gelähmt, weiß wie Kreide stand er da und starrte mit halboffenem Munde nach 11 18 als ob er dort etwas Entsetzliches er⸗ e. Die Bäbe sah erschreckt auf ihn; sie meinte, es hätte ihn der Schlag getroffen, und wollte ihn halten. 5 Da rief neben ihm eine Stimme voll Grimm und Hohn:„So! Das willst du tun?“ Und der alte Schneider trat hervor und heftete seinen Blick auf den Unglücklichen. Es war kein Ungefähr, das ihn hierher ge⸗ führt. Kaspar hatte in der Alltagsjuppe den Tabak vergessen gehabt, den er in Gesellschaft zweier Kameraden heimlich zu rauchen pflegte; auf dem Wege nach Hause sah er die Pfarr⸗ magd, und von dem Alten schon früher beordert, auf sie und Tobias ein Auge zu haben, schlich er ihr nach. Als er sie in seinen Garten schlüpfen sah, ging er in den Hof und bestieg eine an die Schupfe angelehnte Leiter, um zu sehen, was dort geschehen sollte. Bei der Be⸗ grüßung der Bäbe hatte Tobias einen Arm neben dem Gebüsch hervorblicken lassen, und der feindliche Bruder wußte genug. In der Freude seines Herzens riß er die Leiter um, stürzte selber mit ihr und begab sich erst, nach ⸗ dem er sich erholt und gesäubert hatte, ins Wirtshaus. Es verging einige Zeit, ehe er den in behaglichem Diskurs begriffenen Vater dazu bringen konnte, ihm in den Wirtshof zu folgen und seine Zeitung zu vernehmen. Um so heftiger wirkte diese. Mit dem größten Zorne über den heimtückischen Verräter ging der Alte nach Hause, grimmige Gedanken schossen auf dem Wege in ihm auf, aber sein starker Geist blieb Herr der Situation. Vorsichtig öffnete er die Gartentür am Hofe, leise schlich er ans Gebüsch und kam eben recht, die letzten Reden des Sohnes zu vernehmen. „Wie er dastand vor Tobias, hätte er auch einem andern, der sich gegen ihn vergangen, schrecklich erscheinen können. In dunklem Ge⸗ wand, die Pelzkappe auf die Stirn gedrückt, die Augenbrauen zusammengezogen und starrend, die Nasenflügel in Bewegung, die Lippen auf⸗ einandergepreßt, das ganze Gesicht in dem unheimlichen Scheine zurückgehaltener Wut glänzend, schien er ein böser Geist zu sein, der ö aus der Erde emporgestiegen war, um ein Opfer zu holen. In der Rechten hielt er seine Tabakspfeife, einen großen Ulmerkopf, der in seiner Hand genügt hätte, einem Widerspenstigen den Garaus zu machen. Doch er bediente sich dieses Instruments nicht, ihm genügte der Blick seiner Augen; mit diesen, die fest auf ihn ge⸗ richtet waren, durchbohrte er den Ertappten und Erstarrten und schien ihn völlig vernichten zu wollen. Tobias hatte nur das fürchterliche Bild vor Augen und die Strafen, die ihn jetzt wegen des verübten Frevels unausbleiblich treffen müßten. Alle andern Kräfte waren aus ihm gewichen, er konnte nichts mehr denken und sich vorstellen, er hatte keinen Willen und kein Gedächtnis mehr, er war nichts mehr als ein Gefäß der Sündenangst und der Gerichtsfurcht. Aber plötzlich machte er eine Anstrengung. Es schien, als wolle er sich aus der Betäubung reißen, in die ihn das überraschende Phantom verfetzt hatte; als wolle er sich ermannen, den Zauber brechen, der auf ihm lastete, und ein Mensch dem Menschen entgegentreten. Seine Glieder bewegten sich, er erhob den Kopf, wendete sich und— lief davon.— Die Bäbe hatte sich nach einem kurzen Mo⸗ ment der Betroffenheit gefaßt; aller Mut war ihr gekommen und damit der Gedanke, daß man diesen Ueberfall benützen müsse, um die Sache zur Entscheidung zu bringen. Als Tobias sich aufrichtete, hatte sie gehofft, er wollte in diesem Sinne handeln und seine Verzagtheit, welche durch die Ueberraschung erklärlich war, gutmachen— und jetzt sah sie ihn Reißaus 4 nehmen wie einen Schulbuben, und sie, seine Geliebte, auf die feigste Manier im Stiche lassen! In tief schmerzlicher Verachtung zuckte sie die Lippe, unendliche Bitterkeit erfüllte ihr Herz— 5 Sie wußte nicht, wie ein plötzlich sich darstellendes „Ungeheures“ auf gewisse Nerven und Gemüts⸗ eigenschaften wirken kann! die Mannheit unter Umständen suspendiert werden kann, so daß er nichts mehr ist als seine schwache, willenlose Hälfte, die dann eben handelt, wie's ihr zukommt! Sie beurteilt den Schneider nach sich, und er kam ihr über alle Maßen erbärmlich vor. Auch der Alte sah ihm verachtungsvoll nach 1 Sie wußte nicht, daß in einem Menschen von solcher Beschaffenheit —— .—— — r E128 2 N DD—— ů————e 8 ——— S D SA S2 und ließ ihn laufen, denn er war seiner Sache sicher. Mit Strenge wendet er sich zu dem Mädchen und sagte, indem er sie mit gering⸗ „Was hat die Jungfer schätzigen Blicken maß: i hier in meinem Garten zu tun? Wie komm' ich zu der Ehr'? Hab ich ste guschüchte 25 Wenn er glaubte, die Bäbe einschüchtern zu können, wie den Tobias, irrte er sich. Die Geringschätzung seines Blickes mit den ihrigen übertrumpfend, entgegnete die Beleidigte:„Er nicht— aber sein Sohn hat mich eingeladen; und ich bin gekommen, weil ich geglaubt hab', sein Sohn set ein Mannsbild und hab' ein Herz und wisse, was er wolle!“ „Sie hat meinen Sohn verführt,“ rief der Alte,„und ihn aufgehetzt gegen seinen Vater 1 7 „Das ist verlogen!“ versetzte das Mädchen ab' ihm gerade gesagt mit Entrüstung.„Ich 2 — was seine Schuldigkeit ist gegen seinen Vater, aber er, anstatt sie zu tun, ist davongelaufen Nun, daran bin ich unschuldig. Mein Sohn ist er nicht, und ich hab' ihn nicht Fühlend, wie ein Tropf. aufgezogen.“ Der Alte sah sie betroffen an. daß er mit der da nicht fertig würde, sprach er:„s ist genug. Geh' sie aus meinem Garten'naus jetzt, t 8 5 f en ist nicht für so eine— das laß sie sich gesagt sein.“ R Die Bäbe zuckte verächtlich die Achseln. — und komm' sie mir nicht „Hab' er keine Sorg', Herr Schneider meister,“ rief ste ihm entgegen,„daß ich von dem noch was wissen will. einen so armseligen Menschen zum Manne und einen Grobian zum Schwiegervater haben! So, Adien Herr Eber!“ ch bin nicht darauf aus, ä— — — — f—., . Sr pp p p r p———————— ——.ů—— ̃——— ö ö . 1 1 5 in ö 0 in 1 f I 1 5 ick e en en br, en ell m d 1 n ö n lt. 8 19 1 n N N 1 5 o N Nr. 46. Mitteldeutsche Sounutags⸗Zeitung. Seite 7. Mit einem Blicke voll Ueberlegenheit und 1 Stolz und mit einer Haltung, deren sie ohne die Ausbildung in Ulm nicht wohl fähig wäre, schritt sie an ihm vorüber und ging auf die Tür zu, die in den Hof führte, um aufrecht die„Ewend“ des Schneiders zu verlassen. Dieser schaute ihr erstaunt nach. Er konnte sich eines gewissen Respekts, ja einer gewissen Anerkennung ihres Auftretens nicht erwehren. „Das ist eine Person! Tausendsapperment!“ Zugleich fühlte er sich aber höchlichst erleichtert. Das Gefühl, daß es jetzt aus sei mit den beiden, ließ die Zornwogen in seinem Herzen ebben und gab seinem Gesicht für den Moment beinahe den Ausdruck der Zufriedenheit.— Des Sohnes edenkend, wollte er sehen, wohin der seinen auf genommen habe. Er ging einige Schritte in der Richtung, die der Flüchtige eingeschlagen, sah umher— und ein trauriges Schauspiel bot sich ihm dar!. Tobius war in der Angst sinnlos wegge⸗ laufen und seine Beine hatten ihn an etlichen Zwetschgenbäumen vorüber in den Winkel zwischen seinem Hause und dem Nachbarstadel gebracht. Hier befand sich eine Grube, in welche durch eine Oeffnung, die unten am Mauerstück angebracht war, von der Gasse das Regenwasser floß; ein anderer Zufluß kam aus dem Kuhstall, und die Mischung war trefflich zum Bewässern des Grases und zum Begießen der Pflanzen. In seiner Gemütsverfassung hatte der Bursche an die ihm so wohlbekannte Grube, die gegen⸗ wärtig allerdings auch durch üppig herumwuch⸗ ernde und überhängende Brennesseln fast ver⸗ deckt war, nicht gedacht, er sprang hinein, stürzte nach vorne, besudelte sich schlimm und verbrannte sich Gesicht und Hände. Durch den Unfall zur Besinnung gebracht, erhob er sich mit einem Weheruf, trat auf das Unkraut heraus, schüttelte sich und ging endlich mechanisch einige Schritte vorwärts. Was er getan, wie er gehandelt, stand plötzlich im klarsten Lichte vor seiner Seele. Die Flamme der Scham ergriff ihn und brannte ihn stärker als die Nesseln. Mit einem Innern, das noch schlimmer zugerichtet war als durch den Sturz in die Grube sein Aeußeres, bot er ein Bild des Jammers, wie es nicht vollkommener gesehen werden kann. Der Vater, als er ihn erblickte, wußte so⸗ gleich was. Gegen einen so bestraften Sünder noch Unwillen zu fühlen, war unmöglich. Spött⸗ isch lächelnd rief der Sieger ihm zu:„Du willst mir den Kopf zurechtsetzen? Du? Ja, du bist der rechte Mann dazu!— So nun geh hinein und wasch dich. Morgen reden wir weiter!“ III. Die Bäbe war von dem Stelldichein mit dem Gefühl nach Hause gekommen, daß es mit ihr und dem Schneider aus sei und aus sein müsse. In der Aufregung ihres Zornes hatte sie all ihre Selbstbeherrschung nörig, um sich nichts anmerken zu lassen; sie ging zu Bette, so bald es möglich war, konnte aber lange nicht einschlafen und hätte Tränen vergießen e 5 5 mögen, aus bloßem Verdruß über den Menschen, — 25 ste so gern gehabt und der sich so kläglich benommen hatte. f 9 Am andern Morgen war die Entrüstung nicht mehr in erster Stärke vorhanden, aber ihrem Spruche mußte der erwägende Verstand beitreten. Wer seinen Vater so fürchtete wie der Tobias, der wagte und tat nie etwas gegen ihn und konnte also nie ihr Mann werden. Aber angenommen, ste bekäme ihn doch noch, so oder so, was hätte sie für eine Guttat als sein Weib? Schande mußte sie ausstehen mit ihm und ärgern mußte sie sich über ihn— weiter ichts. nice einer so ruhigen Erwägung, wie das verletzte weibliche Selbstgefühl und die Gering⸗ ätzung eines Mannsbilds ohne Herz irgend zuließ, beschloß die Bäbe, den Schneider ohne weiteres aufzugeben— ihn seinem Vater und der schönen Sibylle zu überlassen. Sie traute sich am End' auch noch einen zu kriegen, und das einen andern als so einen! Wenn das Verhältnis damit in ihren Augen u Ende war, so konnte es doch noch üble Folgen für sie haben. Ein Porfall wie der gestrige pflegt im Dorfe nicht verschwiegen zu bleiben, und die Bäbe mußte annehmen, daß außer den beiden Schneidern noch irgend ein schlechter Mensch davon wußte, der die Zusammenkunft dem Alten verraten hatte. Kam es auf, daß ste bei Tobias heimlich im Garten war, dann hatte sie einen schlimmen Stand im Pfarrhaus und verlor vielleicht den Dienst, der ihr lieb geworden war und für welchen den Chestand einzutauschen sie nun keine so nahe Hoffnung mehr hatte. (Fortsetzung folgt.) Die Schüchternheit der Kinder die so oft als Ungezogenheit und Unliebens⸗ würdigkeit gestraft wird, soll nach neueren Forschungen sehr oft auf pathologischen Er⸗ scheinungen beruhen. In seinem Buch:„Die Entwickelung des Geistes beim Kinde und bei der Rasse“ beschäftigt sich Baldwin sehr ein⸗ gehend mit der kindlichen Schüchternheit. Er Unterscheidet zwei Stadien, welche bei jedem normalen Kinde nacheinander zu beobachten sind. Die erste Periode der organischen Schüchternheit gehört dem Säuglingsalter an. Sie zeigt sich in den Symptomen der Furcht, verltert sich aber, je mehr das Kind in Verkehr mit Men⸗ schen tritt und dieselben kennen lernt. Kommt es, größer geworden, erst mit anderen Kindern zusammen, so verschwindet die organische Schüch⸗ ternheit ganz. Es folgt ihr jedoch nicht selten eine seelische Schüchternheit, die etwa vom zweiten bis zum dritten Lebensjahre, oft aber auch noch länger anhält. Sie ist das Ergebnis einer Gedankenreihe, einer Reflexion. Das Kind hat das Gefühl, daß es von den Großen be⸗ obachtet wird und eventuell auch kritistert wird: das macht es scheu und treibt es in sich selbst zurück. Baldwin erzählt von seinen Kindern, daß ste im Hause vor bekannten und vertrauten Personen sicher ihre primitiven künstlerischen Produktionen gerne zeigten, während sie vor Fremden nicht dazu zu bewegen waren. Sehr oft liegt der Schüchternheit auch ein gewisser Grad von Selbstgefälligkeit zu Grunde. Das Kind hält sein eigenes Persönchen für äußerst wichtig, so wichtig, daß ihm Jeder Beobachtung schenkt; und eben vor dieser Beobachtung schreckt es zurück. Sehr oft, bei erblich belasteten Kindern, schleicht sich in die seelische auch noch ein Teil organischer Schüchternheit, so bei Idioten und Schwachsinnigen. Jedenfalls haftet der kindlichen Schüchternheit— sobald sie nicht rasch überwunden wird— stets ein pathologisches Moment an. Sie ist meist eine Begleiterscheinung nervöser Belastung der Neu⸗ rasthenie, der Epilepsie usw. Wo die Schüch⸗ ternheit des Kindes von der Erziehung nicht überwunden werden kann, gehört sie vor das Forum des Arztes, nicht aber vor das Straf- gericht der Rute. r Splitter. Neue, kühne, begeisternde Ideen erzeugt nur ein heller Kopf, der über einem glühenden Herzen steht. Der köstlichste Wein gedeiht auf Vulkanen. * Der Schneeball und das böse Wort Sie wachsen wie ste rollen fort: Ein' Handvoll wirf zum Tor hinaus, Ein Berg wirds vor des Nachbars Haus. W. Müller. Humoristisches. Aus einem Zeitungsbericht:„. Heute Nachmittag um drei Uhr wurde in der Ferdinandstraße ein Radfahrer von der Equipage des Landesherrn über⸗ fahren. Der Radfahrer wurde vom Rad gestoßen und erlitt nicht unerhebliche Verletzungen. Der hohe Herr ließ den Wagen halten, erkundigte sich nach dem Namen des Ueberfahrenen und setzte dann unter stürmischen Hochrufen des zahlreich angesammelten Publikums die Fahrt fort..“(Simpel.) Litterarisches. 8 Einen Almanach für Holzarbeiter hat der Vorstand des Holzarbeiterverbandes auch für das Jahr 1904 herausgegeben. Das Büchlein ist in jeder Be⸗ ziehung mustergültig; es enthält diesmal besonders wert⸗ volle Mitteilungen über die frühere Organisation der Bürstenmacher, über Bruchschäden und Unfallrente, über die schweren Mängel der deutschen Volksschulbildung. Außerdem bringt es eine gute statistische Uebersicht über die Gewerkschaftsbewegung und anderes sowie sonst für die Arbeiter Wissenswertes. 8 Geschichtskalender. 15. November. 1897: Erster Seemannskon⸗ greß in Hamburg. 1882: Lockspitzel Schmidt in Zürich entlarvt. 16. 1881: Kaiserl. Botschaft Wilhelm I. 17. 1896: Brüsewitz⸗Interpellation vor dem Reichs⸗ tage. 1858: Robert Owen, engl. sozialistischer Utopist F. 18. 1898: Elberfelder Geheimbundsprozeß. 1857: Wilhelm Hauff, Dich ter,. 19. 1896: Grubenunglück in Recklingshausen, 32 Tote. g ö 20. 1899: Reichstag lehnt die Zuchthaus⸗ vorlage ab. 21. 1831: Aufstand der Lyoner Seidenweber. r B—B——B———— Marktberichte. Getreide und Futtermittel. In Frankfurt notierten am 9. November pr. Doppelzentner: Weizen (Wetterauer) Mk. 16.25 00.00, russischer Mk. 17.00 bis 18,00, La Plata Mk. 17.00— 18.00, Roggen, hiesiger neuer Mk. 13.25 00.00, russischer Mk. 00.00 bis 00.00, Gerste, hiestge Mk. 15.25— 15.50, fränkische Mk. 00.00— 00, Riedgerste Mk. 00.00— 00.00, Hafer, hiesiger neuer Mk. 13.00— 13.75. Futterartikel pr. Zentner: Weizenschalen Mk. 0.00 bis 0.00, Weizenkleie 8.75— 9.00, Roggenkleie Mk, 9.75 bis 10.25, Futtermehl Mk. 0.00— 0.00. Biertreber, getrocknet Mk. 0.00—0. 00. ————————————— Empfehlenswerte sozialistische Schriften. Die Kolportage⸗Kommission des Wahlvereins— Gießen, Wirtschaft Orbig— empfiehlt: Der Neue⸗Welt⸗Kalender für 1904. Reicher Inhalt und viele Illustrationen. Preis 40 Pfg. Die Volksschule wie sie sein soll. Von Otto Rühle. Preis 30 Pfg. Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg. Sozialistische Monatshefte. Jeden Monat ein zirka 80 Seiten starkes Heft. Preis pro Heft 50 Pfg. Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon, Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg. die Nummer. Freie Stunden. Beste Romanlitteratur. Illu⸗ striert. Wöchentlich ein Heft. à 10 Pfg. Grundsätze und Forderungen der Sozial⸗ demokratie. Von Karl Kautsky und Bruno Schönlank. Preis 10 Pfg. . Enthält eine kurzgefaßte, allgemein verständliche Er⸗ läuterung des Erfurter Programms. Muß jeder Genosse besitzen! Handelspolitik und Sozialdemokratie. Von Karl Kautsky. Eine populäre Darstellung der handelspolitischen Streitfragen. Preis 30 Pfg. 8 Christliche Arbeiterpflichten. Jesuitische Fragen und sozialdemokratische Antworten. Preis 20 Pfg. Die agrarische Gefahr. Von Paul Göhre. Der Verfasser schildert in gemeinverständlicher Sprache die einseitige agrarische Interessen⸗Bewegung von ihrer Entstehung bis zu ihrer heutigen das Volkswohl ge⸗ fährdenden Macht und legt dar, wie allein die sozial⸗ demokratische Bewegung die letzten Ziele dieser Bewegung des Junkertums und seiner Anhängsel verhindern kann. Preis 20 Pfg. Lohnarbeit und Kapital. Separatabdruck aus der Neuen Rheinischen Zeitung vom Jahre 1849 von Karl Marx. Preis 20 Pfg. Christentum und Sozialismus. Von A. Bebel. Preis 10 Pfg. Diese religtöse Polemik zwischen unserm Genossen und dem Kaplan Hohoff fand bereits in den Jahren 1873/74 statt. Der Inhalt des Schriftchens ist aber noch heute durchaus zeitgemäß. Die Vernichtung der Sozialdemokratie durch den Zentralverband deutscher Industrieller. Preis 20 Pfg. Die Agrarfrage. Von Karl Kautsky. Eine Uebersicht über die Tendenzen der modernen Landwirt⸗ schaft und die Agrarpolitik der Sozialdemokratie. Preis brosch. 5 Mk., gebd. in Leinwand 6.50 Mk Wilhelm Liebknecht. Sein Leben und Wirken. Unter Benutzung ungedruckter Briefe und Aufzeichnungen. Herausgegeben von Kurt Eisner Mit Porträts und Abbildungen. Preis 30 Pfg. Mitteldeutsche Sonutaas⸗Zeitung. No. 46. Glas-, Porzellan- und Steingutwaren empfehlen in reicher Auswahl zu billigsten Preisen Lang& Wiederstein Marktstraße 4 Gießen Telephon 394. 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