F . esse eee neee enen R ee T 0 0 4 g * C 0 4 Nr. II. Gießen, den 15. Mürz 1903. 10 Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Sonnt Mitteldeutsche kitl gs Medaktionsschluß; Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch] Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark.] jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) Bestellung en nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Eppedition in Gießen, Rittergasse 17, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 331½% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. 1 JInserate Die ögespalt. Bei mindestens Was bedeutet uns Karl Marx? Die Sozialdemokratie vertritt eine Welt⸗ anschauung, in welcher für einen Personenkultus, eine e n kein Platz ist. Das bedeutet aber noch nicht, daß wir deshalb den hervorragenden Männern, die ihr Leben in den Dienst der Menschenbefreiung aus der Herrschaft sich teils, überlebender, teils bereits schon über⸗ lebter Einrichtungen und Wirtschaftsordnungen gestellt haben, nicht dankbare Erinnerung und ehrliche Bewunderung entgegenbringen dürften. Einer der größten unter der zahlreichen Schaar um die Sache des Proletariats verdienter Männer ist aber Karl Marx, dessen 20 jährigen Todestag wir am 14. des Monats begehen. Ich nehme es gleich voraus: Karl Marx war nicht unfehlbar. Als Kind seiner Zeit war es ihm trotz seines im Großen so wunder⸗ bar klaren Blickes in die Zukunft, nicht möglich, jede Einzelheit richtig vorauszusagen, jeden einzelnen wirtschaftlichen Faktor in seiner Weiterentwicklung mit mathematischer Genauig⸗ keit zu übersehen. Auch stehe ich nicht an zu erklären, daß die sozialistische Lehre von Marx keineswegs den Sozialismus überhaupt bedeutet und daß eine sozialistische Neulehre, welche die Marx'sche, wenn möglich an Stärke und Geist noch übertreffen würde, durchaus denkbar wäre. Und doch scheint es mir zweifellos, daß die Dienste, die uns Karl Marx geceistet hat, die aller anderen um unsere Sache verdienten Männer himmelhoch überragen. Worin bestehen nun seine Verdienste 2 Was bedeutet uns Karl Marx? Ich spreche hier nicht davon, daß der hoch— gebildete und einem begüterten Hause entstam⸗ mende junge Doktor der Philosophie der sozialen Demokratie zu Liebe seinen Lleblings plan, an einer deutschen Universität die Professorenlauf⸗ bahn zu machen, aufgeben mußte, noch will ich daran erinnern, wie der gründliche Forscher und Gelehrte, der alle die Dutzend wissenschaftler auf deutschen Lehrstühlen weit weit hinter sich ließ, die Anerkennung der Welt entbehren mußte, in welche er seinem Herkommen und seiner Bildung nach ursprünglich hineingehörte, noch möchte ich hier schließlich des längeren die all⸗ bekannte Tatsache wiederholen, wie der rührige Volksredner und Schriftsteller durch die bürger⸗ lichen Regierungen von Land zu Land gehetzt wurde, bis er endlich im gastfreien England für sich und die Seinen ein Asyl fand. Alles das sind Dinge, wie sie jeder mehr als gewöhn⸗ lich hervortretende Sozialdemokrat ähnlich auch erlebt. Märtyrertum und Sozialismus sind, scheint es, eng miteinander verknüpft, wenn auch recht unfreiwillig, und die bürgerliche Gesellschaft hat noch nie mit Ehrenstrafen gegen ihre politischen Widersacher gegeizt. In dieser Beziehung ist Marx noch verhältnismäßig glimpflich davon gekommen. Man vergleiche edie Marx'sche Verbannung zum Beispiel mit dem Schicksal des französischen Sozialisten Louis Auguste Blanqui, der nicht weniger als 37 Jahre seines Lebens im Kerker zu⸗ bringen mußte! Also, Marx hat um die Sache, für welche r stritt, gelitten und auch dafür sind wir ihm Dank schuldig. Jedoch das allein macht noch nicht seine Bedeutung für uns aus.— Um es kurz zu sagen: Der historische Wert von Karl Marr für die Sozialdemokratie Deutschlands, ja für den Sozialismus aller Länder, besteht in seiner, alle vor ihm entstandenen sozialistischen, kom⸗ munistischen und kollektivistischen Gesellschafts⸗ theorieen mit Ausschluß alles Ungesunden und Unausführbaren an ihnen zu einem großen Ganzen zusammenschließenden Geistesarbeit, so⸗ wie darin, daß er diese Neuschöpfung mit der Wirklichkeit und der Wissenschaft in Einklang zu bringen, mit einem Wort, den Sozialismus von seiner bisherigen und— von einzelnen wenigen praktischen Versuchen, wie den der Luxemburg-Kommission unter Louis Blanc 1848 in Paris abgesehen— ununterbrochenen Tradition(Ueberlieferung) des Himmelsstürmers abzulenken und mit beiden Füßen auf den Boden des tatsächlichen Lebens zu stellen verstand. Dies erreichte Marx vor allen Dingen dadurch, daß er, mittelst der am vollendetsten in dem gemeinsam mit seinem treuen Freunde und Mitarbeiter Friedrich Engels 1847 in Brüssel verfaßten„Kommunistischen Manifest“ zum Aus⸗ druck gebrachten sogenannten materialisti⸗ schen Geschichtsauffassung klar nachwies, daß die Geschichte aller Völker und Zeiten im letzten Grunde nichts als eine lange Reihe hartnäckiger Kämpfe der verschiedenen Klassen untereinanber gewesen ist. Hierdurch hat Marx dem Proletariat die Stellung angewiesen, welche es in der Geschichte einnimmt, es zum Bewußt⸗ sein seiner politischen und sozialen Notwendig⸗ keit und, was noch mehr bedeutet, zur Er⸗ kenntnis darüber gebracht, daß ihm die Zu⸗ kunft gehört. Denn, und auch das hat uns Marx überzeugend nachgewiesen, die ganze wirt⸗ schaftliche Entwicklung drängt auf immer schär⸗ fere Scheidung zwischen besitzenden und besttz⸗ losen Klassen, sowie gleichzeitig auf eine wach⸗ sende Verstaatlichung gewisser, ehedem von rein privaten Händen verwalteter und beherrschter allgemein⸗nütziger Einrichtungen(Post, Eisen⸗ bahn, städtische Gasanlagen und Elektrizitäts⸗ werke, kommunale Bäckereien, wie sie z. B. kürzlich in der italienischen Stadt Catania ein⸗ geführt worden ist, usw.). So erscheint die Theorie des Klassenkampfes nicht nur gerechtfertigt, sondern einfach als in der Natur der Tatsachen liegend von selbst gegeben und hat, da es nur die Gesamtheit der jewei⸗ ligen Produktions verhältnisse— um mit Marx selbst zu reden— ist, welche die wirtschaftliche Struktur der Gesellschaft bildet, als die reale Grundlage, auf der sich dann die ganze juristische, soziale, moralische und geistige Kultur bezw. Unkultur der einzelnen Zeitalter nur als eine Art Ueber bau erhebt, auch allen revolutionären Putschver⸗ suchen von vornherein die Spitze abgebrochen; denn eine Gesellschaftstheorie, welche die Zu⸗ stände der Zeit als vorzugsweise aus der jedes⸗ maligen Wirtschaftsform heraus entstanden er⸗ klärt, kann, konsequent durchgedacht, nicht dazu führen, von der alleinigen und willkürlichen Aenderung des politisch⸗sozialen Ueberbaues ohne vorherige Selbstentwicklung des wirtschaftlichen Grundbaues große Dinge zu erwarten. Von nicht zu unterschätzender politischer Bedeutung sind aber auch die an und für sich rein fach- wissenschaftlich⸗nationalökonomischen Untersuch⸗ ungen von Karl Marx über das Kapital (dargelegt im gleichnamigen Werke), in welchem er, kurz und populär gesagt, bewies, daß die menschliche Arbeitskraft des Proletariers nur zum geringsten Teil durch den„Lohn“ wirk⸗ lich bezahlt wird und daß sich der Kapitalist den Rest desselben, den sogenannten Mehr⸗ wert,— natürlich unbewußt der ethischen Ungerechtigkeit, die er damit begeht— einfach einsteckt. Durch diese wissenschaftliche Entdeck⸗ ung hat Marz ebenfalls eine Schwächung des kapitalistischen Sicherheitsbewußtseins herbeige⸗ führt. Denn mit Recht hat der italienische Genosse Saverio Merlino einmal ausgeführt, daß auch das Bewußtsein moralischen Unrechts den Niedersten der besitzenden Klassen lähmen kann, da er ihrer Siegesgewißheit den ideali⸗ stischen Schleier vom Gesicht reißt und ihren nackten Egoismus schonungslos bloßlegt. Aber auch hiermit ist das Verdienst Marx' noch keineswegs erschöpft. Marx ist der erste Sozialdemokrat, der Theorie und Praxis er⸗ folgreich miteinander verbunden hat. Vor ihm waren die Sozialisten zumeist entweder Männer, die, wie die Mehrzahl der älteren Franzosen, ihre Theorieen nur mit Ausschluß der Oeffent⸗ lichkeit in dem Gelehrtensalon offenbarten oder Leute aus dem Proletariat, wie in Deutschland und der Schweiz der Schneider Weitling, welche sich zwar an die Arbeiterklasse selbst wandten, die aber nicht genügend volks wirtschaftliche Bildung besaßen, um mit ihrer Propaganda einen durchschlagenden Erfolg erzielen zu können. Marx aber war Gelehrter und Agi⸗ tator zugleich und verstand es musterhaft, seine in der Studierstube gewonnenen Ideen den Massen auf dem Markt auseinanderzusetzen und sie von der Richtigkeit derselben dauernd zu überzeugen. Was aber können wir heute noch von Karl Marr lernen?— Die Grad⸗ heit und Entschlossenheit, mit welcher er seine Ansichten durch alle Wandlungen der Tagespolitik hindurch verfocht und die aufs Grose gehende, zielbewußte Kampfesweise, welche es verschmähte, selbst um momentaner Vorteile willen auch nur einen Fetzen der sozialistischen End forderungen Verstaatlichung der großen Produktionsmittel und vollstän⸗ dige Demokratisierung des stautlichen Lebens(soziale Republik)— preiszugeben. Das ist der Wegweiser, den uns Karl Marr für ewige Zeiten hinterlassen hat, und diesen dürfen wir auch in unseren täglichem Kampfe gegen— ich folge hier einer bezeichnenden Kraftäußerung Marr selber— die„Himmelssklaven des deutsch-preußischen, heiligen römi⸗ schen Reiches mit seinen posthumen (verspäteten) Maskeraden, duftend nach Kaserne, Nirche, Krautjunkertum und vor allem Philistertum“, uie außer Acht la sseu. Dr. Robert Michels. Die Wahlbewegung. Für den Wahlkreis Mainz stellten unsere Genossen in einer am letzten Sonntag dort stattgefundenen Konferenz den Genossen Dr. David wieder als Kandidaten auf. Dieser forderte darauf mit flammenden Worten und unter lebhaftem Beifalle zu festem Zu⸗ 8 . . „ 3 —— — —— —— * — . Seite 2. Mtteldentsche Sonntags⸗Zeituna. Nr. 11. sammenhalt im bevorstehenden Kampfe auf, damit uns der Sieg im ersten Wahlgange zufalle.— Nunmehr sind für sämtliche hessische Kreise, mit Ausnahme von Alsfeld⸗Lauterbach die sozialdemokratischen Kandidaten nominiert. Die hessischen Freisinnigen haben am Sonntag in Frankfurt eine Konferenz unter Vorsitz des Gießener Justizrats Metz abgehalten. Man besprach die Aussichten der freis. Volkspartei in den einzelnen hess. Wahl⸗ kreisen und beschloß,„die Kraft auf aussichts— volle Kreise zu konzentrieren.“ Da brauchen sich nun die Freisinnigen allerdings nicht sehr anzustrengen;„aussichtsvoll“ sind für sie recht wenig Kreise in Hessen. Einen einzigen haben sie in Besitz(Bingen), und sonst haben ste 1898 nur noch in Mainz und Alsfeld nennenswerte Stimmenzahlen erhalten. Als sozialdemokratischer Kandidat für den Wahlkreis Koblenz-St. Goar ist sder Genosse Maurer Hüttmann aus Frank⸗ urt a. M. aufgestellt worden. Dieser Kreis ehört mit zu den sichersten des Centrums, dessen Kandidat 1898 mit 13000 Stimmen gewählt wurde. Unsere Partei erhielt damals 777 Stimmen, diese Zahl dürfte sich doch dies⸗ mal aber mindestens verdoppeln. politische Rundschau. Gießen, den 12. März. Furcht vor Volks⸗Bildung haben die Rückschrittsparteien noch immer ge⸗ zeigt. Neulich, als in Kopenhagen ein sozial⸗ demokratischer Bürgermeister gewählt wurde, gab dies der konservativen„Kreuzzeitung“ er⸗ wünschte Gelegenheit, vor dem höchst bedenklichen Bestreben zu warnen, Wissen im Volke zu ver⸗ breiten. Das schreckliche Ereignis in Kopen⸗ hagen, aus dem das Junkerblatt die unheil⸗ vollsten Folgen sprießen sieht, soll uns in Deutschland eine Lehre sein. Das Erstarken des Radikalismus in Dänemark, dem der sozialdemokratische Sieg in der Hauptstadt so schnell gefolgt ist, ist nämlich äußerst lehrreich, und die Kreuzztg. begründet das also: „. weil Dänemark das klassische Land einer bis zum höchsten Maße gesteigerten formalen Volksbildung ist, die rechte„Hochburg“ des vielen Wissens, das „aufblitzt“, aber nicht weise macht. Bauern in unserem Sinne giebt es dort kaum noch, sondern nur„frei.“ Landwirte mit Allerweltsanschauungen und der damit zusammenhängenden Unfähigkeit, sich dem Einflusse liberaler Schlagworte zu entziehen, den Mut eigener Meinung zu zeigen. So wird gerade aus denen, die sich für besonders urteilsfähig und politisch reif halten, m Nu ein unselbständiger Haufe, den die Yankees ehe⸗ dem mehr wahr als höflich als„Stimmvieh“ zu be— zeichnen pflegten. So wagt man jetzt ja nicht mehr zu sagen, die Sache aber ist dieselbe geblieben.“ Bisher hatte die Welt im allgemeinen ge— glaubt, daß Bildung frei und urteilsfähig mache. Die Kreuzztg. aber zeigt uns, daß das gerade Gegenteil zutrifft. Bildung macht die Wähler zur Beute der Demagogen, der Schreier und Hetzer, Bildung entfremdet sie den weisen Lehren der Reaktionäre. Verstand ist nur bei Ungebildeten zu finden— nur dann hat der Bauer und Landarbeiter den Mut eigener, d. h. konservativer, junkerlicher Meinung, wenn man ihn mit Bildung verschont, wenn man ihm keine Hilfsmittel giebt, mit denen er hergebrachte„eigene Meinungen“ kritisch prüfen kann. ies erleuchtete Raisonne⸗ ment erinnert fast an einen samosen, seiner Zeit im„Dresdener Anzeiger“ erschienenen Artikel, worin„nachgewiesen“ wurde, daß die wahre politische Bildung dort am größten ist, wo kein politisches Leben, keine politischen Versammlungen und Vereine, noch Zeitungen und Zeitschriften zu finden sind, in den Junker⸗ paradiesen Ostelbiens! Die Moral von der Geschichte ist natürlich, daß die Stützen des Staates sich einer jeden Uebertragung dänischen Bildungsschwindels nach Deutschland energisch widersetzen müssen, daß unser liebes Vaterland vor Volkshochschulen und namentlich vor Bauernhochschulen nach dänischem Muster streng behütet werden muß. Dem Volke muß neben der Religion die Dummheit erhalten bleiben! Nur dann blüht der Weizen der Junker! Prozent⸗Patrioten. In der Sitzung der Budgetkommisston des Reichstags brachte am Mittwoch bei dem Titel „Artillerie- und Waffenwesen“ der Abg. Müller⸗ Fulda wieder einmal das Verhältnis unserer Militärverwaltung zu der Firma Krupp und deren Konkurrenzfirmen zur Sprache. Er wie nach ihm mehrere andere Abgeordnete er⸗ klärten, sie hätten aus den bisherigen Debatten den Eindruck, daß die Firma Krupp von der Militärverwaltung viel zu viel begünstigt werde. Es habe sich ein großer Unternehmerring herausgebildet, der die Preise für Geschütze, Geschosse, Pulver usw. ganz ungeheuer hoch festsetze. Sobald es gelungen sei, diesen Unter⸗ nehmern eine Konkurrenz entgegenzustellen, seien die Preise bedeutend herabgesetzt worden. So seien bei einer einzigen Fabrik durch die Konkurrenz die Preise von 44 Millionen auf 24 Millionen heruntergedrückt worden. Aus diesen Gründen sollte die Militärverwal⸗ tung mehr als bisher darauf bedackt sein, mehrere leistungsfähige Lieferanten sich bereit zu halten. Der Kriegsminister v. Goßler be⸗ stätigte, daß die Militärverwaltung unter dem Drucke der Konkurrenz mehrerer Betriebe gegeneinander die Preise ganz erheblich habe heruntersetzen können. Deshalb sei die Militärverwaltung stets darauf bedacht, die Konkurrenz unter den leistungs⸗ fähigen Fabriken zu erhalten. Die Sache sei jedoch deshalb besonders schwierig, weil die Konkurrenzfirmen sich leicht verständigen und dann die Preise sehr hoch festsetzen können. Die Kommission nahm dann eine Resolution an, in der die Reichsregierung aufgefordert wird, für Aufrechterhaltung der Konkurrenz unter den Lieferanten zu sorgen.— Hier zeigt sich, wie die Millionen Krupps verdient worden sind. Was man den Arbeiter nicht aus den Knochen gepreßt hat, daß hat man den Steuer— zahlern aus der Tasche gezogen. Sau⸗ bere Geschäftspraktiken, in der Tat! Man er⸗ innere sich dabei der Essener Bahnhofsrede des Kaisers, inder Krupp ein„treudeutscher Mann“ genannt wurde, der„stets nur das Wohl der Arbeiter im Auge gehabt habe.“ Bekanntlich lieferte die Firma Krupp die Panzerplatten 400 Mk. die Tonne billiger ins Ausland, als sie Deutschland bezahlen mußte. Der neue Bismarck. Wenn noch jemand gezweifelt haben sollte, schreibt der„Vorwärts“, daß der jetzige Kanzler ein neu aufgelegter Bismarck ist, so ist dieser Zweifel endgültig gehoben. Hatte der erste Kanzler seine Bismarckheringe, so ver⸗ künden jetzt den Ruhm des vierten Kanzlers die Bülowheringe, die— ein Zeichen der Be— scheidenheit— erheblich kleiner sind als ihre Vorgänger. Im Annoncenteil verschiedener Beliner Blätter liest man dieses Inserat eines Berliner großen Warenhauses: Pikant! 5 8 Dose Delikat! Bülow⸗Heringe 48 Pf. Mit Genehmigung Sr. Excellenz des Herrn Reichskanzlers. So sorgt der kluge Diplomat für seinen Nach— ruhm, schafft sich ein Denkmal in dem pikanten und delikaten Bülow-Hering! „Christentum“ Stöcker' scher Sorte. In welch' niedriger Weise der Anhang Stöcker's, der sich„christlich-sozial“ nennt, den politischen Kampf führt, dafür liefert das Kasseler„Evangelische Sonntagsblatt“ vom 1. März ein Beispiel. Parteigenossen im Wester⸗ wald machen uns auf folgende darin enthaltene Schimpfnotiz aufmerksam: „Aus dem Reichstag ist wenig neues zu berichten, wenn man von einer sozial⸗ demokratischen Rüpelei gegen Stöcker absieht. Der greise Kämpe hatte der roten Garde zu sehr die Wahrheit gesagt. Alles können die Zukunftstaatler eher vertragen als die Wahrheit.(Stöcker und Wahrheit! Red. d. M. S.⸗Z.) Wer ihnen sagt, was sie wirklich sind und wie sies treiben, wirds alle⸗ mal ver derben mit ihnen. Sie vergessen dann ganz die Sache von der Person zu tren⸗ nen. Wutschnaubend ergehen sie sich in den date Schimpfworten und niederträch⸗ igsten Beschuldigungen. Für Stöcker holen ste immer wieder das alte läppische Märchen von dem„Meineid“ hervor, besonders un⸗ ausstehlich wiederholen diese jüdischen Parlaments juden(So heißt es wört⸗ lich!) in der Sozialdemokratie die faustdicke Lüge, mit dem ehemaligen Großkonfek⸗ tionär und jetzigen Millionär Singer an der Spitze. So auch diesmal wieder, als Stöcker den Sozis vorgehalten hatte, daß in der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion ja gar keine eigentlichen„Arbeiter“ seien.“ Dann folgt eine Aufzählung der Berufe unserer Parteigenossen im Reichstage und zum Schluß kommt wieder jener gemeine Auswurf gegen Singer, mit dem das Pfaffengezücht diesen Genossen seit 15 Jahren zu verdächtigen sucht, nämlich, daß der damalige Kompagnon Singers eine ungehörige Bemerkung den Mäntel⸗ näherinnen gegenüber gemacht habe. Weiter weiß also das Pfaffenblatt unserm Genossen Singer, dessen lauterer Charakter von Freund und Feind anerkannt ist, nichts vorzuwerfen, als daß es ihm die verwerfliche Redensart eines andern zum Verbrechen anrechnet. Sollte der„christliche“ Bruder in Kassel nicht lieber vor den Türen seiner Leute, nämlich der Pfaffen kehren. Da findet er doch un⸗ endliche Arbeit! Wie traurig ist's doch mit der„christlich⸗sozialen“ Pfaffensippe bestellt! Sie können gegen die Sozialdemokratie nur mit Verdächtigung, Verleumdung und Lüge ankämpfen, Gründe haben sie keine!— Will die Gesellschaft unsern Abgeordneten vorwerfen, daß sie keine Arbeiter seien. Dabel weiß jedes Kind, dat ein Abgeordneter eben gar nicht Lohnarbeiter sein kann. Was würde denn der Kapktalist sagen, wenn„sein“ Arbeiter so oft auf längere Zeit die Arbeit verlassen und in den Reichstag gehen wollte? Das weiß natürlich auch das Pfaffenblatt ganz gut, trotz⸗ dem erhebt es die albernen Angriffe. Mögen doch die Stöckerianer die„schlichten Männer aus der Werkstatt“ wählen! Warum stellen denn sie aber ausgediente Landräte, Hofprediger, Rentiers ꝛc. auf? Was brauchen sich diese Herren über unsere Abgeordneten den Kopf zu verbrechen? Unsere Genossen wissen, wem sie ihr Vertrauen schenken! Die Wahrheitsliebe des Pfaffenblattes kann man an einer weiteren Notiz erkennen. Darin wird die Verurteilung des italtenischen sozialistischen Blattes„Propaganda“ mitgeteilt, das die berüchtigten„Enthüllungen“ über Krupp, die dann die deutsche sozialdemokratische Presse in ihre Spalten übernahm, zuerst gebracht habe.“ Das sind gleich mehrere Lügen in wenigen Zeilen. Denn nicht die„Propaganda“ hat jeue wenig hübschen Dinge über Krupp zuerst gebracht, sondern ein klerikales Blatt: „La croce“(Das Kreuz). Dann wurde das Blatt nicht wegen der Veröffentlichungen über Krupp, sondern wegen Verletzung des öffent⸗ lichen Schamgefühls angeklagt, welches Delikt in einem Artikel, der längere Zeit nach dem Vorwärts⸗Artikel erschien, begangen sein sollte. Ferner betrug die Strafe nicht 2 Monate Ge⸗ fängnis und 400 Lire Geldstrafe, wie da gesagt wird, sondern nur soviel Haft und 200 Lire. — Das Kasseler„christliche“ Blättchen hat also ein bischen viel auf einmal geschwindelt. Duellmörderei. Bei Ettlingen fand schon wieder eine Schießerei zwischen zwei Studenten von der Karlsruher Hochschule statt, wobei einer davon tot blieb. Angeblich ist der„Ehrenhandel“ auf einen Streit zurückzuführen, in welchen der eine, Goldberg, mit seinem Gegner zu Fastnacht wegen eines Mädchens geriet. ieses Vor⸗ kommnis hatte noch ein eigentümliches Nach⸗ spiel. In dem Polizeibericht, der den Fall „sogenannten meldete, war von einem —— 14 1 N Nr. 11. Mitteldentsche Sonutags⸗Feitung. Seite 3. Ehrenrat“ die Rede und am Schluß hieß es: „Der Mörder ist flüchtig.“ Bald darauf kam aber von der Polizeidirektion eine Berich⸗ tigung, welche jene Ausdrücke als für einen Polizeibericht ungeeignet bezeichnete. Mit den sonst ganz richtigen Bemerkungen fürchtete jedenfalls die Polizei in den„besseren“ Kreisen anzustoßen. Begnadigt wurde der Leutnant Grenvert, der kurz vor Weihnachten den Arzt Heiye im Duell erschoß und daraufhin zu 2 Jahren Festungshaft verurteilt wurde. Soldatenschinderei in Sachsen. Eines unserer sächsischen 1 e die „Volksztg. für das Muldenthal“, hat die Fälle von Soldatenmißhandlungen, die in den beiden sächsischen Armeekorps vom 1. April 1901 bis 31. März 1902 vorgekommen sind zusammen⸗ gestellt. Es handelt sich hierbei natürlich nur um die in der Presse zur Veröffentlichung und vor den Kriegsgerichten verhandelten Fälle. Danach wurden von Kriegsgerichten der beiden sächsischen Korps 68 Mann wegen Soldaten⸗ mißhandlung verurteilt, und zwar zusammen zu 250 Tagen Arrest, 63 Tagen Stubenarrest, 324 Tagen Festung und 2277 Tagen Gefängnis; also in einem Jahre mußten rund acht Jahre Freiheitsstrafen allein in den beiden sächsischen Korps gegen Militärpersonen ausgeworfen werden, die Untergebene und Kameraden miß⸗ handelt hatten. In der Zeit vom 1. April 1902 bis Anfang Februar 1903 wurden bei den beiden sächsischen Korps 77 Personen wegen des gleichen Vergehens verurteilt, und zwar 9 insgesamt 205 Tagen gelindem Arrest, 229 Tagen Mittelarrest, 87 Tagen Stubenarrest und 1193 Tagen Gefängnis.— Diese Zahlen zeigen unsern„Kulturstaat“ wirklich in keinem schönen Lichte. Der sächsische Hoffrandal bringt immer neue Ueberraschungen. Von der Kronprinzessin, die kürzlich in Lindau am Bodensee eine versöhnende Aussprache mit ihrer Mutter hatte, hieß es, sie wolle sich nach Eng⸗ land oder Belgien begeben, weil dort die Gesetze die Wegnahme ihres zu erwartenden Kindes verhüten würden.— Unterdessen erhielt die „Sächs. Arbeiter⸗Ztg.“ eine Mitteilung vom Gemeinderat des belgischen Städtchens Vino ve, nach welcher Giron dort in ein Trappisten⸗ kloster eingetreten sei. So wird schließlich das ganze Schauspiel, das als eine Empörung des persönlichen Rechts gegen höfischen Zwang begann, recht kläglich im Kloster enden. Der Schulstreit in Trier ist vorläufig beendet. Bischof Korum hat seine Bekanntmachung, nach welcher den Katholiken, welche die Staatsschule unterstützten, die Ab⸗ solution verweigert werden solle, auf Anweisung von Rom zurückgezogen. Warum auch nicht? Das Pfaffentum erreicht ja in Deutschland ohne Kampf was es will. Soziales. Ueber eine Milliarde in 12 Jahren angehäuft haben die In validitäts⸗ und Alters versicherungsanstalten des Reiches. Wie viele Arbeiter und Arbeiterinnen haben zu dieser Milliarde beitragen müssen, ohne nur einen Pfennig Nutzen davon zu haben. Ein Kongreß zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten fand diese Woche in Frankfurt statt, an dem hervorragende Mediziner ꝛc. teilnahmen. Zur Bekämpfung des den Volkskörper so schwer schädigenden Uebels wurde wanches gute Wort gesagt. Aber auch manche Flachheiten. Sicher ist, daß immerhin manche Aufklärung in Dingen ge⸗ schaffen wurde, die früher nie öffentlich be⸗ sprochen wurden. Entwicklung des Genossenschaftswesen in Belgien. Bekanntlich besteht in Gent(Belgien) die große Arbeiter⸗Genossenschaft„Vooruit“(Vor⸗ wärts), deren Gründung das Verdtenst unseres Genossen Anseele ist. Ueber dessen unermüd⸗ liche Tärigkeit schrieb man dieser Tage der Frkftr. Ztg.:„Nachdem er erst kürzlich für den„Vooruit“ eine Spinnerei mit hundert Spindeln angekauft hat, welche der Sohn des bisherigen Inhabers als technischer Direktor übernimmt, hat er soeben in Ostende einen Häuserkompler für seine Genossenschaft erworben, wo außer einer Bäckerei und Versammlungs⸗ räumen auch ein Hotel errichtet werden soll, welches für Fr. 3.50 vollständige Pension ge⸗ währen wird.„In einigen Jahren werden wir am Strande selbst festen Fuß gefaßt haben und dort die rote Fahn⸗ aufpflanzen,“ sagte er uns gestern. Seine nächste Abstcht ist, eine Fischerflotte zu schaffen, welche ihren Fang auch an die Arbeiterkonsumvereine der Industrie⸗ gebiete absetzen und dem Fisch in der Volks⸗ nahrung einen stärkeren Platz erobern soll. „Es wird das die erste sozialistische Flotte sein, und wir wollen mit unseren roten Wimpeln uns unterhalb des königlichen Schlosses vor Anker legen.“ Die Tatkraft und der Berge versetzende Glaube des Führers der vlämischen Sozialdemokratie müssen selbst seinen Gegnern Bewunderung einflößen. Man weiß, daß Anseele einst auf den Straßen Zeitungen ausrief und verkaufte.“— Von dem„Glauben“ Anseeles zu sprechen, ist wohl nicht richtig. Seine Ueber⸗ zeugung von der siegenden Kraft des Sozia⸗ lismus ist es, die ihn zu seiner segens⸗ reichen Tätigkeit anspornt. e Deutscher Reichstag. Eine„einheitliche Fesselungsordnung“. Am Donnerstag kam der Etat des Reichs⸗ justizamts zur Beratung. Dieser Tag dürfte in künftigen Annalen als eine wichtige Etappe auf dem Wege zur höheren deutschen Einheit verzeichnet werden: Staatssekretär Nieberding versprach eine einheit⸗ liche Fesselungsordnung für ganz Deutschland. Man sieht, Heinrich Heine hat nicht umsonst gesungen: „Uns fehlt ein Nationalzuchthaus und eine gemeinsame Peitsche.“ Die verschiedenen Redner, Lenzmann, Müller⸗ Meiningen, Dr. Spahn usw., brachten ver⸗ schiedene Wünsche und Beschwerden vor; über die Not⸗ wendigkeit einer Einführung der bedingten Ver⸗ urteilung sowie eines einheitlichen Strafvollzugs scheint so ziemlich das ganze Haus einig zu sein; aber bei der mehr als bureaukratischen Langsamkeit, mit der man in Preußen⸗Deutschland arbeitet— notabene, wenn es sich um Reformen und nicht um agrarische Raub⸗ und Fischzüge handelt—, wird man wohl noch lange auf die Erfüllung dieser bescheibenen Wünsche warten müssen.— Die Hauptrede dieses Tages hielt Genosse Heine. Er bezeichnete als das einzige durch⸗ greifende Mittel gegen die ungerechtfertigten Verhaftungen die Entschädigungspflicht des Staates, der sich dann seinerseits an den betreffenden Beamten schadlos halten mag. Als der nervöse Graf Stolberg in seiner Eigenschaft als just präsidierender Vizepräsident dem Redner ins Wort zu fallen für nötig hielt, führte ihn unser Redner mit gutem Humor ab.— Mit einer kleinen Zuckerdebatte begann die Freitags sitzung. Bei dem Titel Reich s⸗ schatzamt machte der konservative Graf Carmer, sonst ein recht schweigsames Mitglied des Hauses, den verschämten Versuch, die durch die Brüsseler Zucker⸗ konvention abgeschafften Prämien von hinten herum auf dem Umwege der Kontingentierung wieder einzuführen. Aber der Reichsschatzsekretär v. Thielmann biß nicht an den Köder; selbst Dr. Paasche und Zentrums⸗ Speck erklärten eine derartige Umgehung der Brüsseler Konvention für unzulässig. Nach einer kurzen Debatte über die Entschädigung der Saccharin⸗Fabrikanten wurde der Titel„Staatssekretär“ bewilligt. Bei dem Titel:„Beitrag zur Deckung der laufenden Ausgaben der Universität Straßburg“ hielt der National⸗ liberale Sattler eine kleine„Kulturpauke“. Nach seiner Meinung soll die auf Grund eines Ueberein⸗ kommens mit der römischen Kurie erfolgte Errichtung einer katholisch⸗theologischen Fakultät an der Straßburger Universität einen gloriosen Sieg Roms und eine blamable Niederlage des Staates bedeuten. Der elsässische Ge⸗ heimrat Halley bemühte sich im Schweiße seines bureau⸗ kratischen Antlitzes, die Sache als gerade umgekehrt darzustellen. Die Debatte dauerte ziemlich lange, ohne daß irgend etwas dabei herausgesprungen wäre. Ganz Recht hatte Dr. Barth, der den Fakullätsstreit als eine Erscheinung des unendlich alten Widerstreites zwi⸗ schen Staat und Kirche bezeichnete. Die Schwänzevel vieler Reichsboten und gerade derjenigen der„Ordnungs⸗ parteien“ trat am Samstag recht augenfällig in Er⸗ scheinung. dent Büsing wicht ge Abstimmungen vornehmen wollte, bezweifelte Ledebo ur die Beschlußfä higkeit, worauf die Sitzung abgebrochen werden mußte. Nach kurzer Zeit wurde die neue Sitzung eröffnet und der Militäretat vorgenommen. Genosse Kunert hielt eine scharfe, kräftige Rede, in der er besonders die bestiali chen, teuflischen Soldatenmißhaudlungen geißelte, wie sie in Rendsburg und anderswo vorge⸗ kommen sind. Graf Ballestrem sühlte sich einmal bemüßfigt, unseren Redner zu unterbrechen; auf der Rechten krakehlte besonders Graf Roon. Am Montag wurde die Debatte über den Militär⸗ etat fortgesetzt. Der freis. Abg. Müller⸗Meiningen wiederholte die von Bebel bereits vor einem Jahrzehnt ausgesprochene Forderung, die Soldaten nicht durch ihre bunten Röcke im Kriege erhöhter Gefahr auszusetzen, sondern zweckentsprechend einfach zu kleiden. Nachdem noch ein Pole und ein Zentrums mann gesprochen, ergriff Bebel das Wort. Er geißelte besonders den Duellunfug und die außerordentliche nachsichtige Behandlung, die den Duellanten trotz aller schönen Erlasse zu teil wird. Deß der Reichstag sich zu einer scharfen Resolution gegen die Begnadigung aufrassen solle, diese Aufforderung Bebels nahm die Rechte mit verlegenem Lächeln auf. Dann übte Bebel so wie seit Jahren seine in den Kreisen der Soldaten so segensreich empfundene scharfe Kritit an den Soldaten miß handlungen. Graf Roon wußte nicht, wie tief er den Kopf senken sollte, als ihm Bebel das Urteil jenes Staatsanwalts vom Militärgericht zu Halle entgegenhielt:„Zweifellos hat sich der Abg. Bebel ein Verdienst erworben, indem er wiederholt auf die Mißhandlungen im Heere hinwies. Man sieht jetzt den Vorgesetzten mehr auf die Finger.“ Auch diesmal führte Bebel jene Nichtswürdigkeiten und Bestialitäten, die an den wehrlosen Soldaten durch ihre mit aller Macht ausgestatteten Vorgesetzten ausgeübt werden, in reicher Fülle vor und verglich die milde Bestrafung der Menschenquäl er mit der ungeheuren, denen Soldaten beim Widerstand gegen ihre Peiniger anheimfallen. Nachdem Bebel noch die zum Spott herausfordernden Manöversiege, jene glänzenden, aber völlig widersinnigen, in der Praxis des Kriegs unmög⸗ lichen Kavallerieattacken geschildert, wies er darauf hin, daß solch eitle Verblendung und hohler Prunk auch vor Jena in Preußen üblich war und ein zweites Jena herbeiführen würden. Der Kriegsminister machte sich die Antwort sehr leicht. Früher, wenn Bebel allgemeinere Kritik geübt, erklärte er dies für Phrasen, auf die man nicht er⸗ widern könne— diesmal, wo Bebel gerichtsnotorische Einzelfälle vorgebracht, erklärte er es für unmöglich, auf diese einzugehen, da er nicht das Material zur Hand habe. Die Verwendung der Kavallerie mußte ja der Kriegsminister verteidigen, dazu ist er ja daa Zwischen Genossen Kunert und dem Präsidenten kam es wieder zu einem Zusammenstoß. Kunert wurde dreimal zur Ordnung gerufen und brach schließlich seine Rede ab. Daß ein ostelbischer Junker, der Konser ative v. Olden burg, den Duellblödsinn verteidigte, kann weiter nicht auffallen. Dieser„Edelste“ freute sich über die Begnadigung des Duellanten Hildebrand, der den Leutnant Blaskswitz niedergeknallt hat, weil damit der Beweis geliefert sei, daß die Presse und die öffentliche Meinung gar keinen Einfluß an maßgebender Stelle haben! Dann renommierte er mit dem größeren Chrgefühl der Duellfexen. Bebel zeigte sofort, daß es mit dem Ehrgefühl des Herrn v. Oldenburg, dessen Mandat schon von der Wahlprüfungskommission einstimmig für ungültig erklärt ist, der aber trotzdem sich noch im Hause breit macht, nicht sehr weit her sein kann. Außerdem stellte Bebel fest, daß die Konservativen sich für die Wiedereinführung der dreijährigen Dienstzeit ausgesprochen haben, was die Wähler sich merken müssen. Um militärische Forderungen drehte sich die Debatte auch am Dienstag. Man wollte die Bezüge der Oberleutnants erhöhen, eine Forderung, welche die Kommission bereits gestrichen hatte. Einige militärfromme„Volksvertreter“ wollten dem Militarismus das geforderte Opfer zu Füßen legen, es bl ueb aber bei der Abrechnung.— Nachdem der konservative Schweinemeister Pauli aus Potsdam sich dem ungläubigen Hause als der„schlichte Mann aus der Werkstatt“ vorgestellt hatte, brachte Bebel die kursierenden Gerüchte zur Sprache, wonach eine völlige Neubewaffnung der Feldartillerie geplant wird. Bei dieser Gelegenheit besprach Bebel auch die unge⸗ heuren Profite, die der Firma Krupp auf Reichsunkosten erwachsen, sowie die für die Naturgeschichte des Kapitalis⸗ mus nicht minder denn für die des Militärismus inte⸗ ressante Geschichte des Pulverrings. Die Verteidigung der Firma Krupp durch den Kriegsminister war sehr schwach. An der Tatsache, daß Krupp Kanonen und Geschosse an das Ausland und zwar billiger lieferte, kann aber nicht gerüttelt Als trotz äußerst schwacher Besetzung Prästi⸗ werden. 11 Seite 4. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung⸗ Nr. 11. Von Nah und Lern. hessisches. Der Landtag setzte die Beratung des Budgets fort. Zu Kapitel: Gewerbeauf⸗ sicht erklärte Ulrich, daß es nötig sei, sämt⸗ liche Betriebe, besonders die gefährlichen, jähr⸗ lich mehrmals durch die Gewerbe⸗Inspektoren revidieren zu lassen.— Dr. Da vid hat einen Antrag eingebracht: die Regierung zu ersuchen, die Beseitigung der Vorschulen an den mittleren Lehranstalten baldigst in die Wege leiten zu wollen.— Den Antrag Köhler, betr. die Errichtung einer zweiten nationalökonomischen Professur an der Universität Gießen, haben 35 Abgeordnete unterschrieben, darunter das ganze Zentrum und 7 Nationalliberale. Damit stellt sich allerdings der Landtag ein merkwürdiges Zeugnis aus. Gießener Angelegenheiten. — Der 18. März ist ein doppelter Ge⸗ denktag für das nach Befreiung ringende ar⸗ beitende Volk. Am 18. März 1848 standen die Freiheitskämpfer in Berlin auf den Barrikaden um Volks⸗ und Menschenrecht gegen Despotie, monarchische und junkerliche Willkür zu verteidigen. Das Volk siegte und von bleicher Furcht ergriffen flohen die Unterdrücker; zitternd entwichen Fürsten, Prinzen... Die⸗ selben, die zwei Jahrzehnte später als„Helden⸗ kaiser“ und„Heldenprinz“ angejubelt wurden! Das Bürgertum verstand seinen Sieg nicht auszunutzen.— Heute hat es auch diejenigen vergessen, die damals ihr Leben für die bürger⸗ liche Freiheit in die Schanze schlugen. Nur die sozialdemokratische Arbeiterschaft gedenkt ihrer. Sie gedenkt am 18. März auch der heldenmütigen Kommunekämpfer von Paris, die 1871 für die Volkssache ihr Blut ver⸗ spritzten. Wir achten und ehren jene Braven, gedenken ihrer alljährlich im März!— — Ihre Märzfeier begehen die Gießener Genossen, wie bereits in voriger Nr. mitgeteilt, diesen Sonntag von nachmittags 3 Uhr an auf Textors Terrasse. Die Festrede wird Gen. Dr. Michels⸗Marburg halten. Außerdem besteht die Feier in Konzert und Gesangs⸗ vorträgen, die von der Gießener„Eintracht“ und der Gesangsabteilung des Arbeiterbildungs⸗Vereins Heuchel⸗ heim ausgeführt werden. Außer den Gießener und Heu⸗ chelheimer Genossen sind auch die von Gleiberg und Krofdorf freundlichst eingeladen. — Mit der Novelle zum Kranken⸗ versicherungsgesetz beschäftigte sich am Sonntag eine in Steins Garten stattgefundene ziemlich gut besuchte Versammlung. Geschäfts⸗ führer Fourier von der Ortskrankenkasse setzte auseinander, welche Aenderungen das neue Gesetz vorsieht und beklagte besonders die in dem Krankenkassenwesen herrschende Zer— splitterung. Nach längerer Debatte wurde ein Antrag angenommen, wonach der diesen Sonntag in Berlin tagende Krankenkassenkongreß von der Regierung verlangen soll, daß sie keine Neugründung von Betriebs-, Hilfs⸗ und In⸗ nungskassen mehr genehmige. u— Nochmals die Schwindelkranken⸗ kassen. Wie aus Hannover berichtet wird, steht die dortige Schwindelkasse„Union“ vor der polizeilichen Schließung. Kürzlich wandte sich nämlich der dortige Geschäftsführer des Metallarbeiterverbandes an die Polizei, um diese zu veranlassen, die geschäftliche Tätig⸗ keit etwas mehr zu beaufsichtigen. Demselben ging ein Schreiben zu, in welchem ihm mitge⸗ teilt wurde, daß„wegen völliger Insolvenz der Kasse und wegen vielfacher Unregel⸗ mäßigkeiten und schlechter Verwaltung seitens des Vorstandes von der Aufsichtsbehörde bereits die Klage auf Schließung der Krankenkasse Union erhoben ist.“ Wer sich bei der„Union“ hat aufnehmen lassen, wird gut tun, sich sofort mittels ein⸗ geschriebenen Briefes abzumelden, dann können wenigstens später, wenn die Schließung erfolgt, keine Ansprüche mehr von der Kasse an die Mitglieder erhoben werden.— Bei dieser Ge⸗ legenheit sei mitgeteilt, daß der Polizeipräsident in Kassel kürzlich bekannt gab, daß die von geschriebene Hülfskasse Nr. 75, durch Beschluß des Bezirksausschusses vom 10. Februar 1903 geschlossen wurde.— Ferner befindet sich ein ähnliches Institut, die„Sächs. Zentral⸗ krankenkasse“ in Chemnitz, in Liquidation und ihre erkrankten Mitglieder erhalten keine Unter⸗ stützung. Wir können nur unsere in Nr. 7 ausgesprochene Warnung wiederholen, daß sich jeder Arbeiter hüten soll, einer derartigen Schwindelkasse beizutreten. — Herrn Köhler, den mit so vielen Aemtern geplagten Zeitgenossen, haben nun die Antisemiten trotz seiner unüberwindlichen Abneiguug gegen das große Wendendorf Berlin, in ihrer am Sonntag in Gießen stattgefundenen Vertrauensmännerversammlung wieder als Reichstags⸗Kandidat aufgestellt. Was blieb ihnen denn auch weiter übrig? Köhler hatte vorsichtigerweise schon vorher selbst seine Kandidatur proklamiert und die Partei mußte dazu Ja und Amen sagen, wenn sie nicht einen Krach riskieren wollte, und der hätte gerade noch gefehlt!„Lebhaft“ soll es ohnedies schon in der Vertrauensmännerversammlung zugegangen sein. Man hat Köhler nun aber auch die Bedingung auferlegt, Mitglied der„deutsch⸗sozialen Reformpartei“ zu werden. Das war er bis jetzt noch nicht, obwohl ihm dieselbe Partei schon ein paar mal in den Reichstag wählte. Der Bund der Landwirte— Hirschel nannte ihn früher Windbeutelbund— unterstützt die Kandidatur Köhler. Das sagt genug. — Eine Gasexplosion erfolgte am Sonntag Abend kurz vor der Theatervorstellung im Leib'schen Saale. Im Garderoberaum war ein Gasarm beschädigt worden, durch den Gas in großer Menge ausgeströmt war, das mit gewaltigem Krach explodierte, als der Wirt Noll durch Gasgeruch aufmerksam gemacht, mit Licht nachsehen wollte, wo ein Krahnen aufstehe. Es wurden Fenster und Türen zertrümmert, ebenso fast alle Glasscheiben der Abschlußwand und eines Oberlichtes. Herr Noll erlitt schwere Brandwunden, mehrere Personen wurden durch Glassplitter verletzt.— Es wäre Zeit, daß in dem Theater elektrisches Licht angelegt würde, das weniger gefährlich ist. Unter Umständen konnte hier eine fürchterliche Katastrophe eintreten. — Im Unterhaltungsteil machen mir die Leser auf den Artikel„Blick in den Zukunftsstaat“ aufmerksam. Arbeiter Gießens! Denkt an die Gewerbegerichts⸗Wahl am Samstag, den 14. Närz, Nachmittags! Aus dem Rreise gießen. — Von der Agitation. In der letzten Woche wurden von unserer Seite wieder eine Anzahl von Ver⸗ sammlungen abgehalten. Am Samgtag sprach Genosse Krumm in Altenbuseck vor überaus stark besuchter Versammlung, die seinen Ausführungen mit großer Auf⸗ merksamkeit lauschten. Ferner fanden am Sonntag in Garben teich und Hausen Versammlungen mit Gen. Krumm als Redner statt, die ebenfalls zahlreichen Be⸗ such aufwiesen.— Gen. Vetters sprach am Sonntag Beuern vor gut besuchter Versammlung, seinen Aus⸗ führungen wurde allgemein zugestimmt.— Sehr stark besucht war auch eine am Dienstag in Oberseemen stattgefundene Versammlung, in der auch Gegner an⸗ wesend waren, die aber gegen Krumm nicht das Wort ergriffen. Mittwoch konnte in Gedern die Versammlung nicht stattfinden, weil das Lokal verweigert wurde. Aus dem Nreise friedberg-Püdingen. H. Von der Wahlagitation. Nachdem am 1. März Genosse Dr. Da vid in Büdingen in einer großen Versammlung darlegte, was für das Volk bei den bevorstehenden Wahlen auf dem Spiele steht, sprach am Sonntag Genosse Busold- Friedberg in Düde 8⸗ heim. Der 600 Personen fassende Saal war dicht gefüllt, Frauen waren auch anwesend. Unser Reichs⸗ tagskandidat schilderte in markigen Worten das historisch gewordene Bestreben der Junker, die Bauern zu legen, er zeigte wie dies jetzt im modernen Staate gemacht wird und wies nach, daß für die kleinen Bauern und jene Leute keinerlei gemeinsame Interessen beständen. Wohl aber hätten die Bauern gleiche Interessen mit den Arbeitern und allen kleinen Leuten. Trotzdem Geguer zahlreich anwesend waren, darunter auch solche, die schon öfter mit uns diskutierten, hat sich Niemand zum Worte gemeldet. Genosse Harris zeigte an Bei⸗ spielen aus der Geschichte unserer Zeit, wie notwendig es sei, freie Männer in's Parlament zu wählen und wie ungeeignet gerade unser seitheriger Vertreter gewesen sei. Im Schluß worte bat Genosse Busold vorurteilslos über ihn zu denken und brach durch das freimütige Darlegen seiner persönlichen Verhältnisse allen gegneri⸗ schen etwaigen Verleumdungen im Voraus die Spitze ab. Auch diese Versammlung hat wieder bewiesen, daß die Zukunft der Sozialdemokratie gehört, auch auf dem Aus dem Rreise Alsfesd-Cauterbach. r. Die Alsfelder Gemeinderatsnach⸗ wahl am Montag hat für unsere Genossen einen recht erfreulichen Erfolg gebracht. Unsere Kandidaten Dechert und Jakob und Eder er⸗ hielten 95, 83 und 79 Stimmen. Trotzdem damit keiner gewählt ist, bedeutet dies ein günstiges Resultat, denn der mit der niedrigsten Stimmenzahl gewählte Gegner hat auch nur 113 Stimmen. Dazu kommt, daß unsere Genossen erst in letzter Stunde in den Wahl⸗ kampf eingegriffen und das gesamte Spießer⸗ tum gegen sich hatten. Nie war die Wahlbe⸗ teiligung eine so große. Alles strömte zur Wahlurne. Mit Bier⸗ und Schnapsspenden suchte man die Wahl eines Sozialdemokraten zu verhüten. Unsere Genossen können trotzdem mit dem Wahlausgang zufrieden sein, die für unsere Kandidaten abgegebene Stimmenzahl hat sich seit der letzten Wahl verdoppelt! Aus dem Rreise Wetzlar. Der Kreis⸗Kriegerverband hielt am Sonntag seine diesjaͤhrige Wahl ver⸗ sammlung ab. Der Vorsitzende Bürger⸗ meister Hardt hielt eine kräftige Rede gegen die Gewinn⸗ und Genußsucht, welche geeignet sei, die Unzufriedenheit zu fördern, wodurch wiederum das Wasser auf die Mühle der Sozialdemokraten geleitet werde. Gegen die Gewinn- und Genußsucht der„höheren“ Klassen helfen keine Kriegervereinsreden, sondern nur der rote Zettel in der Wahlurne. 4000 Flugblätter gegen die„Umstürzler“ wurden den Delegirten zur Verbreitung mitgegeben. Wird ihm nichts nützen. Nach und nach kommen sogar die fanatischsten Kriegervereinler zur Einsicht und sehen als Arbeiter in der Sozialdemokratie ihre politische Ver⸗ tretung. Ferner wurde ein Buch über die Kriegsartikel zum Ankauf empfohlen. Wer Soldat war und findet nachher noch die Kriegsartikel interessant, der verdient aufrichtige Bewunderung. h. Noch ein neuer Reichstagskandi⸗ dat. Landwirt Keiner, der vom Bund der Landwirte als Kandidat aufgestellt war, ist zurückgetreten. An seiner Stelle haben die Landwirtsbündler am Sonntag in Altenkirchen den Pfarrer Heckenroth von dort aufgestellt. Von den Antisemiten wurde die Zurückziehung ihres Kandidaten verlangt. Danach 71 die A der Antisemiten nicht so glänzend zu sein. Die Eingemeindung von Niedergirmes ist auf Anordnung der kgl. Regierung zum 12 April d. J. erfolgt. Die„annektierten“ sind von dieser Anordnung wenig erbaut. Geteilt wird nicht! So hat der Regierungspräsident verfügt. Eine Nutznießer⸗ gemeinde hatte hier ein Grundstück verkauft und die Hälfte der Einnahme unter die Mit⸗ glieder verteilt. Das Geld muß nun wieder herbeigeschafft werden werden, da Gemeinde⸗ eigentum nicht in Privateigentum umgewan⸗ delt werden könne. Wir können von unserm Standpunkte aus nur bedauern, daß der Ver⸗ fügungskraft eines Regierungspräsidenten keine 1000jährige Rückwirkung gegeben werden kann. Unsere notleidenden Junker würden wir dann mit einem Federstrich los werden. Die schwarze Parade beim Pabst⸗ jubiläum brachte uns zwei auswärtige Redner. Dr. Kübler⸗Gießen und Prof. Pesch⸗Trier, welche die Aufgabe hatten, das Papsttum auf sozialem Gebiet herauszustreichen. a Krofdorf. Ein tüchtiger Spediteur wird per 1. April gesucht. Meldungen nimmt entgegen Exped. d. Mitteld. Sonnt.⸗Ztg. Aus dem Nreise Marburg⸗Rirchhain. * Unsere„gebildete Jugend“. Ueber Studentenkrawall in der Nacht vom 14. zum 15. Dez. v. J. verhandelte am Dienstag die Marburger Strafkammer. Es gab bekannt⸗ lich damals einen wirklichen Aufruhr; wegen Ruhestörung war ein Student verhaftet wurden, worauf eine Menge Studenten sich vor dem Rathaus versammelten, dessen Eingangstüre ste mit Steinen verrammelten. Die Schutzleute uns in Nr. 7 erwähnte Kasse„Glückauf“, zein⸗ Lande. wurden beschimpft, beleidigt und sogar geschragen. e 5 0 Nr. 11. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. Neun dieser zukünftigen Staatsstützen waren nun wegen Widerstand, Unfug, Ruhestörung ꝛc. angeklagt. Fünf wurden zu je 5 Mark, zwei zu je 30 Mark, einer zu 45 und einer zu 90 Mark Geldstrafe verurteilt. Mit der „Strafe“ können die Herrchen zufrieden sein. Hätten Arbeiter dasselbe getan, sie wären kaum dem Zuchthaus entgangen. Es lebe das gleiche Recht für Alle! Aus einem frommen Damenstift. Vor dem Münchener Schwurgericht spielte sich dieser Tagen ein sensationeller Prozeß ab. Angeklagt war die Vorsteherin des Maximilian⸗ Damenstiftes in München, v. Heusler, wegen Giftmordversuch. Sie hatte einem Dienstmäd⸗ chen Salzsäure in den Kaffee geschüttet. Der Prozeß förderte viele Einzelheiten zu Tage, die zeigen, wie es in derartigen Instituten, wo sich meist„bessere“ Damen befinden manchmal zugeht. Die rohesten und unsittlichsten Redens⸗ arten wurden geführt, am meisten von der adeligen Vorsteherin. Diese wurde zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Bankschwindler Exer wurde von dem Leipziger Schwurgericht nach wochenlanger Verhandlung zu 2½ Jahren Ge⸗ fängnis verurteilt. Eine sehr gelinde Strafe für die Gaunereien des Angeklagten. Der Dreschgraf bettelt um Gnade. Der verrückte Graf Pückler-⸗Klein⸗Tschirne war wegen Zerstörung einer Feldbahn zu sechs Wochen Gefängnis und wegen Herausforderung zu Zweikampf zu zwei Monaten Festungshaft verurteilt worden, während sein Inspektor wegen Beihilfe zur Zerstörung der Feldbahn einen Monat Gefängnis und wegen Kartell⸗ tragens einen Monat Festungshaft erhielt. Beide haben nun ein Gnadegesuch an den Kaiser gerichtet.— Das paßt nun allerdings schlecht zu dem Mute, den das Gräflein in Berliner Versammlungen zeigte. Allerdings nur mit dem Maule. Bürgerliche Skandal ⸗Chronik. In dem Städtchen Lemgo(Lippe⸗Detmold) erregt eine Skandalgeschichte großes Aufsehen. Vor etwa fünf Jahren wurden viele Bürger durch anonyme Briefe unflätigsten Inhalts be⸗ lästigt, über deren Urheber allerhand Gerüchte umgingen. Unter Anderem behauptete ein dor⸗ tiger Bürger Brüggemann, der Kaufmann Paul Kracht, ein Sohn des hochangesehenen, inzwischen verstorbenen Kommerzienrats Kracht, sei der Verfasser der Briefe, wurde aber vom Schöffengericht wegen Beleidigung des Kracht zu 500 Mk. Geldstrafe verurteilt. Als nun im letzten Jahre dasselbe unheimliche Treiben von Neuem begann, und man von verschiedenen Seiten scharf auf den Urheber fahndete, lenkte sich der Verdacht wiederum auf Kracht. Bei einer seitens der Staatsanwaltschaft plötzlich vorgenommenen Haussuchung häuften sich in folge verschiedener auf Löschblättern, die be⸗ kanntlich im Falle Kotze auch eine große Rolle spielten, vorgefundeuer Abdrücke die Verdachts⸗ momente gegen Kracht derartig, daß er nach Detmold in Untersuchungshaft gebracht wurde. Auf den Ausgang der sensationellen Affäre darf man gespannt sein. 1 Gewerkschastl. u. Arbeiterbewegung. Das Arbeitersekretariat in Frankfurt a. M. wurde im abgelaufenen Jahre von nicht weniger als 26 232 Personen in Anspruch genommen; dazu kommt noch die Anfertigung von 5672 Schriftstücken. Die Ein⸗ nahmen des Sekretariats betrugen 10 940,73 Mk., die Ausgaben 9326,61 Mk., der Kassenbestand ist also 1614,12 Mk. Der Reservefonds beträgt 2755,92 Mk. An den Zahlen über die münd⸗ lichen und schriftlichen Auskünfte kann man leicht den Segen ermessen, den eine solche Ein⸗ richtung stiftet. Der Verband der deutschen Maler, Lackierer und verwandten Berufsgenossen hat im abgelaufenen Jahre nach der soeben veröffentlichten Abrechnung eine Gesamteinnahme von 218 671,97 Mk. erzielt. Die Gesamtausgabe belief sich auf 149 846,10 Mk., darunter 1171632 Mk. für Agitation, 19047,50 Mk. für das Verbandsorgan, 20.706,58 Mk. für Krankenunterstützung, 2519,35 Mk. Gemaß⸗ regeltenunterstützung, 10 871,45 Mk. Streik⸗ unterstützung, 56 151,98 Mk. in den Fllialen, 7401,89 Mk. persönliche und 5204,76 Mk. sächliche Verwaltungskosten. Nach den Beiträgen berechnet, beträgt die Mitgliederzahl 14303, das ist ein Mehr gegenüber 1901 von 2409 Mitgliedern. f Ein Tertilarbeiterstreik ist in Colmar(Els.) wegen Lohndifferenzen aus⸗ gebrochen und nimmt an Ausdehnung zu. Es sind ca. 400 Arbeiter daran beteiligt und man 1 daß der Streik noch weiter um sich greift. + Streik bei Wohltätigkeitsfirma Krupp. In der Kruppschen Räderschmiede ist ein Streik ausgebrochen. Der Grund dazu war nach unserm Essener Parteiblatt die Ein⸗ führung eines neuen Akkordsatzes. Das neue Akkordsystem besteht darin, daß die Arbeiter, die an einem Herde zusammenarbeiten, inner⸗ halb einer bestimmten Zeit zehn Räder fertig haben müssen, wofür sie dann 16 Mark Lohn erhalten. Haben sie nun in dieser Zeit die zehn Räder nicht fertig, sondern etwa nur neun, so erhalten sie für jedes nicht etwa 1.60 Mk. Lohn, wie man nach Recht und Bcligkeit erwarten sollte, sondern nur 1.40 Mk. Dabei ist es aber schier unmöglich, innerhalb der festgesetzten Zeit zehn Räder fertig zu bringen. Es ist dies doch schon mehr als eine ganz gewöhnliche Ausschinderei, gegen die man auf das Entschiedenste Front machen muß. Mit Recht wurden daher die Arbeiter sofort vor⸗ stellig, doch die Antwort des Betriebsführes lautete einfach, wenn die Arbeiter unter diesen Bedingen nicht arbeiten wollten, daun sollten sie einfach nach Hause gehen, mehr gäbe es nicht. — Partei-UNachrichten. Unsere Toten. Einer der ältesten Leipziger Parteigenossen, der Maurer Zscher pe, starb am 4. März in dem hohen Alter von 75 Jahren. Bis zum letzten Atemzuge blieb er der Arbeitersache treu und beteiligte sich an der Partei⸗ und Gewerkschaftsbewegung. Die Kreis⸗ Konferenz für den Wahlkreis Offenbach fand am Sonntag in Hausen statt. Der Kassierer berichtete vom abgelaufenen Jahre über eine Einnahme von 6762 Mk. Als Kassenbestand wurden 1543 Mk. vorgetragen.— Die Konferenz be⸗ schloß, am 1. Juli das„Offenbacher Abendblatt“ im Besitz der Partei überzufübhren. Das Eigentumsrecht am Blatte muß Genosse Ulrich ohne Entschädigung abgeben.— Als Reichstagskandidaten stellte die Konfe⸗ renz wiederum Ulrich auf. Wahlkreis Friedberg⸗Büdingen. Wir geben den Parteigenossen hiermit bekannt, daß Sonntag, den 12. April(Erster Osterfeiertag), Nachmittags 2 Uhr in Friedberg, Stadt New⸗ Vork, Haagstr. 11, eine Parteikonferenz stattfindet mit der Tagesordnung:„Die nächsten Reichstagswahlen.“ Ref. Genosse Bu sol d. Die Genossen werden gebeten, dafür Sorge zu tragen, daß, in Anbetracht der wichtigen Tagesordnung, möglichst jeder Ort des Kreises ver⸗ treten ist. Besonders sei bemerkt, das Vertreter solcher Orte, an denen sich keine Filialen des Kreiswahlvereins befinden, ihre Reisekosten aus der Kreiskasse vergütet erhalten. Mit Parteigruß Der Vorstand des Kreis wahlvereins. Das Zentral-⸗Wahlkomitee. J. A.: Georg Repp. Versammlungs kalender. Genossen! Besucht regelmäßig Eure Versammlungen! Samstag, den 14. März. Gießen. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. 7 Montag, den 16. März. Gießen. Schneiderver band. Versammlung bei Orbig. 5 Sonntag, den 21. März. Friedberg. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 8½ Uhr Versammlung in Stadt New⸗Nork. Briefkasten. Schotten, Niedershausen, ꝛc. Einsendungen mußten auf nächste Nummer zurückgestellt werden. Abends 9 Uhr wenn wir uns mit der Sache befassen sollen. Quittung. Für den Wahlfonds gingen ein: A.⸗Leihgstn. Mk. 3.— K. Y. Mk. 10.— S. in L. Mk. 3. Empfehlenswerte Schriften. ö Die Kolportage⸗Kommission des Wahlvereins— Gießen, Wirtschaft Orbig— empfiehlt: Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon, Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg. die Nummer. Weltkrach und Weltmarkt. Eine weltpoli⸗ tische Skizze von Fr. Mehring. Preis 25 Pfg. Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg. Christentum und Sozialismus. Von A. Bebel. Preis 10 Pfg Diese religiöse Polemik zwischen unserm Genossen und dem Kaplan Hohoff fand bereits in den Jahren 1873/½ 4 statt. Der Inhalt des Schriftchens ist aber noch heute durchaus zeitgemäß. ö Bernstein und das Sozialdemokratische Programm. Von Karl Kautsky. Eine Anti⸗ kritik. Preis brosch. 2 Mk. Eröffnung der Abteilung für Putz Fus Friiljulis: t S8]. Sämtliche Putzartikel, wie Hüte, Blumen, Federn, hervorragend grosser und schöner Auswab! ei Richard 12 1 7 82 3 Bahr Nolstrasgse Loewenthal Giessen Reiher, Ag⸗- raffen, Seidenbänder, Sammete, Seidenstoffe, Tülle etc. sind in getroffen. 8 Co. N Bahnhofstrasse 1. Daubringen. Die Angaben müssen genauer sein, 7 4 9 eee Seite 6. 0 Mitteldenische Sonntags⸗Zeitung. Nr. 11. 17 8 7 Unterhaltungs-Ceil. ————ů A Ein Narr des 19. Jahrhunderts. Von Heinrich Zschokke. 5(Fortsetzung) 40 0 haben die Barbaren miteinander emein, daß sie insgesamt auf Gewinn erpicht nd und dafür Leben wie Tugend wagen. Es gehört zu den Seltenheiten, welche Erstaunen nud Gelächter erregen, wenn einer dem andern unentgeltlich arbeitet oder sein Hab und Gut dem Wohl des gemeinen Wesen aufopfert.— Sie reden übrigens viel von edlen Gesinnungen und großmütigen Handlungen, doch sieht man dieselben nur auf den Schaubühnen unbespottet erscheinen. Die Einwohner von Thule gleichen aber fast alle den Schauspielern, und sie haben in der Kunst, etwas anderes vorzustellen, als sie sind, große Fertigkeit. Keiner von ihnen spricht leicht gegen andere so, wie er denkt. Daher nennen sie Menschenkenntnis die schwerste Kunst und Lebensklugheit die höchste Weisheit. Inzwischen können sie sich doch nicht so sehr verbergen, daß man nicht ihre Schalkheit oder Unbehilflichkeit erkennen sollte. Denn weil sie mit der menschlichen Vernunft im beständigen Widerspruch leben, anders lehren und anders handeln, anders empfinden und anders reden und zu ihren Zwecken oft die widersinnigsten Mittel wählen, wird ihre Roheit offenbar. Um zum Ackerbau zu ermuntern, belasten sie den Landmann mit den schwersten, Abgaben und der größten Geringschätzung; um den Verkehr und Handel zu spornen, errichten sie shlbare Zollstätten und- Warenverbote; um ehlbare Menschen zu strafen und zu verbessern, 0 fe- dielelheu in-öffentliche Zwangshäuser zusammen, wo sie sich gegenseitig mit Lastern noch ärger vergiften, und von wo sie als vollendete Verbrecher in die Gesellschaft der Menschen zurückkehren; um ihres gesunden Leibes zu pflegen, verkehren sie die Ordnung des Lebens: einige wachen in der Nacht und schlafen am Tage; andere zerstören die Säfte ihres Lebens mit hitzigen Getränken und Ge⸗ würzen, die sie um große Summen aus Indien erkaufen, also daß kaum eine arme Haushaltung zu finden ist, welche sich mit der Furcht ihres Feldes oder ihrer Herde begnügt, ohne Getränke aus Arabien oder Gewürze aus Indien und Fische aus entfernten Meeren hinzuzutun.— Die Wirkung der Fragmente des jüngern Pytheas. Hier endete Olivier die Vorlesung. Er sah mich mit fragenden Blicken an. Lächelnd sagte ich:„Man muß gestehen, der Ton darin ist gut gehalten. Ungefähr so würde einer der alten griechischen Weisen von den barbarischen Nationen Asiens seiner Zeit gesprochen haben, wenn er sie besucht hätte. Recht brav! Selbst der edlen Steifheit der Schreibart merkt man an, daß diese Fragmente nur Uebersetzung sind. Indessen glaube ich doch nicht an ihre Echtheit. Wir haben nichts von Pytheas, meines Wissens, als...“ Es unterbrach mich Olivier mit unmäßigem Gelächter und rief:„O du Kind des achtzehnten Jahrhunderts, der du immer nur an der Schale der Dinge herumtastest und den Kern darüber vergissest; der du immer mit dem Schein zu schaffen hast und nicht in das Wesen dringest, siehst du und hörst du denn nicht, daß du selbst ein Bürger von Thule bist?— Was? Asien? Nein, so würde ein Weiser der griechischen Vorwelt von euch Europäern geredet haben, wenn er euch zu seiner Zeit hätte besuchen können!“ b „Du hast recht, Olivier; du ließest mich nur nicht zu Ende kommen. Ich wollte moch hinzusetzen, es sind diese Fragmente eine Art lettres personnes. Die Rede ist von uns. Die treffende Wahrheit ist unverkennbar.“ „Ich verstehe dich nur halb, dich Kunst⸗ menschen. Nicht so, du beurteilst die Kunst des Verfassers, ob er die Wahrheit getroffen habe? Oder meinst du, die Wahrheit habe dich a 2* „Beides! Doch auf dich, lieber Olivier, machte sie schmerzlichere Eindrücke, wie du vor⸗ hin erzähltest; du lagest mit diesem Buche im Schatten eines Ahorns. Erzähle weiter!“ „Gut, da lag ich. Wie ich die Fragmente elesen hate, warf ich das Buch von mir, fand mit dem Haupte ins Gras zurück, starrte über mir in die dunkle Bläue des ewigen Himmels hinaus, hinaus in die Tiefen des nirgends umuferten Welltalls und dachte an Gott, den Alleserfüllenden, alles mit Liebe und Herrlichkeit Durchdringenden; und dachte an die Ewigkeit meines Daseins in dieser Un⸗ endlichkeit; und verstand in dem Augenblick dieser erhabenen Vorstellungen viele Worte Christi besser, des Wiederoffenbarers der gött⸗ lichen Verhältnisse unserer Geister: In unsers Vaters Haus sind viele Wohnungen. Oder: Wenn ihr nicht werdet wie die unschuldigen, natürlichen Kindlein ufsw. Oder: Wer mein Jünger sein will, der verleugne die Torheiten der heutigen Welt, und nehme mein Kreuz auf sich.— Und ich sah die Göttlichkeit Christi nie heller als damals. Ich dachte an die Entartungen des Menschengeschlechts, wie das⸗ selbe von Jahrtausend zu Jahrtausend aus der Wahrheit, Einfalt und Seligkeit der Natur immer weiter abgeirrt ist zum tierischen, verkünstelten, wahnsinnigen, schmerzensvollen Leben. Ich flog in meinen Gedanken zurück in die Urwelt, zu den ersten Völkern, zu den einfachen Denkweisen der hohen Alten. seufzte; ich fühlte Thränen in meinen Augen. Ich ward in meinen Gedanken wieder ein Gotteskind. Warum kann ich nicht wahr fühlen, wahr denken, wahr reden, wahr handeln wie Jesus Christus? Kann ich nicht die Fesseln des Gewohnten abstreifen? Was hindert mich als dumme Scheu, unter Wahn⸗ sinnigen, unter verkehrten Barbaren ein Ver⸗ nünftiger, ein Gottesmensch zu sein? So sprach ich. In meiner Einbildung war ich's nun schon. Ich schloß die Augen. Ich em⸗ pfand eine unaussprechliche Seligkeit, frei von der in ihrer Vertierung sich quälenden Welt, mit Gott, mit der Natur, dem Weltall, der Ewigkeit wieder versöhut und eins zu sein. So lag ich lange; denn als ich die Augen öffnete, war die Sonne verschwunden, und das Abendrot umschwamm und vergoldete alles.“ (Fortsetzung folgt.) Ein HGlick in den„Zukunstsstaat“. Von Dr. Robert Michels. (Fortsetzung.) Als wir am nächsten Morgen in den weichen Kissen, die uns parteigenössische Gast⸗ freundschaft in so herzlicher Weise zur Ver⸗ fügung gestellt hatte, aufwachten, da hörten wir erstauut, daß alle Glocken in der Stadt läuteten. Ich sah auf den Kalender. Der 6. September! Auf diesen Tag fiel kein christlicher, nicht einmal ein„patriotischer“ Feiertag! Schnell kleideten wir uns an, denn es war höchste Zeit zum Kongreß zu eilen, da derselbe Punkt 9 Uhr beginnen sollte. Die freundliche Einladung der gesamten— also auch bürgerlichen— Presse zu einem Glase Ehren⸗Vermuth, welche auf 8 Uhr lautete, hatten wir so wie so schon verschlafen. Als wir nun aus dem Hause traten und die Straßen durcheilten, um zum Kongreßlokal zu gelangen, da läuteten die Glocken immer noch auf Teufel hol' mich. Nun hielt ich es denn doch vor Neugier nicht mehr aus und erkundigte mich nach dem Grund dieses kirchlichen Lärms. Wie verblüffend aber wirkte auf uns die Antwort, daß die Glocken sich nur deshalb in Bewegung setzten, um der Eröffnung des sozialistischen Kongresses von Seiten der Stadt die gebührende Ehre zu er⸗ weisen.— Als Kongreßlokal war uns das Ich prächtige Stadttheater überwiesen worden, welches mit seiner aus sozialistischen Wahl⸗ sprüchen bestehenden Ausschmückung und seinen drei Gallerien mit reicher Gold⸗Stukatur ver⸗ zierter Logen einen überaus vornehmen Eindruck machte und uns mit seiner Fülle von interessanten und geistreichen Gesichtern der aus allen Teilen des weiten Italien zum Kongreß gekommenen Männer und Frauen noch einen ganz besonders anziehenden Anblick darbot. Da konnte man die olivenfarbenen, mit griechischem und arabi⸗ schem Blut durchmischten Männer aus Sizilien mit ihren gedrungenen Gestalten und den tief⸗ blauschwarzen dichten Haaren neben den hell⸗ farbigen kelto⸗romanischen Piemontesen mit ihrem hageren Körper, den braunen, blonden oder roten Haaren und dem energischen Gesichts⸗ ausdruck, den wortreichen Lombarden neben dem schweigsamen Genuesen, den stolzen und fast harten römischen Typus neben dem beinah weichlich zu nennenden lebhaften Venezianer sehen. Aber die Verschiedenheit von Rasse⸗ und Charaktereigentümlichkeiten verhinderte nicht die gemeinsame Treue zu der gemeinsamen sozialistischen Ueberzeugung, und alle verband die gleiche Begeisterung für Recht und der gleiche Haß gegen das Unrecht. Der Bürgermeister von Imola, Genosse Xella, selbst eröffnete den Kongreß mit herzlichen Begrüßungsworten, indem er mit gerechtem Stolz auf die Tatsache hinwies, daß dieselben Männer, die noch im Jahre 1894 in Imola von den Behörden öffentlich als eine Horde Uebeltäter hätten bezeichnet werden dürfen, heute, nach Verlauf von kaum 6 Jahren, von denselben Behörden als Gäste und, was mehr sei, als Parteigenossen begrüßt werden könnten. Der viertägige Kongreß, der diesen Eröffnungs⸗ worten folgte, bietet des erzählenswerten Stoffes zu viel, als daß ich hier auch nur den hun⸗ dertsten Teil davon berichten könnte. Nur so⸗ viel sei gesagt, daß trotz härtester prinzipieller Kämpfe der Kongreß niemals seine Würde verlor und daß ich eine solche Summe von Intelligenz und von Arbeitsfreudigkeit nie vor⸗ her auf einem so engen Raum vereinigt gesehen habe. Ich habe dabei den Eindruck gewonnen, daß unsere italienische Bruderpartei mit unserer deutschen zusammen zweifellos zu den bestorga⸗ nisiertesten uud jugendlich kräftigsten Gruppen des internationalen Sozialismus gehört.— Imola fühlte sich trotz aller Einquartierung recht wohl und behaglich. Die sprichwörtliche Romagnoler Gastfreundschaft legte wieder ein⸗ mal einen untrüglichen Beweis ihres tatsächlichen Bestehens an den Tag. Es war ein schöner Zug einer weitgehenden echt vornehmen Toleranz, daß auch die krassesten Gegner des Sozialismus, Konservative und Klerikale, die sozialistischen Gäste bereitwilligst in ihr Haus aufnahmen und ihnen mit jener vorurteilsfreien Höflichkeit entgegenkamen, die bei einem politischen Wider⸗ sacher doppelt angenehm berühren muß. Mit der Gastfreundschaft war aber auch eine große Freigiebigkeit verbunden. Wer irgend konnte, der rechnete es sich zur Ehre an, seinen Gast unentgeltlich zu beherbergen und womöglich auch noch zu verpflegen. Es bestand überhaupt zwischen den Einwohnern und den fremden Kongressisten eine Innigkeit und Herzlichkeit, welche einem das Herz im Lelbe vor Freude lachend machte. Weder Gastgeber noch Gast hielt es für angebracht, dieser seine Schränke, jener seine Koffer zu verschließen. Zwischen Genossen darf keine Angst vor Entwendung fremden Eigentums herrschen! Niemand läßt den Privatbesitz so unangetastet als der Sozialist, dessen Parteiprogramm die Abschaffung eines großen Teiles eben dieses Privatbesitzes verlangt. Das ist eine alte Wahrheit! Die Imoleser und die„Fremden“ waren zu einem Ganzen verschmolzen. Wenn Militär in eine Stadt einquartiert wird, so erwecken die schmu⸗ cken Uniformen bei allen Spießern Bewunderung. Man liebt sie, man ehrt sie, man feiert ste. Aber sie bleiben dennoch Fremde. Nicht so die sozialistische Einquartierung in Imola! In den wenigen Stunden, welche uns der arbeitsreiche Kongreß frei ließ, herrschte auf den Straßen der Stadt ein reges Treiben. Zunächst strömte alles hastig in die Osteria ) J T f N Nr. 11. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. (Wirtshaus), um sich an einer Flasche Wein und einem Kalbsbraten zu laben. Wie munter es da bisweilen zuging, läßt sich garnicht be⸗ schreiben. Alles saß durcheinander. Wo gerade ein Platz frei war, da machte man nicht viel Federlesens. Und dann kamen die Arbeiter aus den Fabriken und setzten sich mit heran und forschten uns aus nach den Ergebnissen des Kongreßtages. Und bald wurde diskutiert, diskutiert!... Kaum war aber der letzte Bissen heruntergeschluckt, da ging es hinaus unter die Säulenhallen der Hauptstraße, welche, dicht besetzt mit Zeitungsständen und Verkaufs⸗ plätzen von Postkarten mit Bildnissen sozialisti⸗ scher Männer und Ansichten der Stadt, einen überaus fröhlichen Festtageindruck machte. Da wanderten wir denn Arm in Arm, in lebhafte Gespräche, vertieft, mit uns vor wenig Stunden noch gänzlich fremden, uns aber gleichzeitig so sehr gesinnungsverwandten Menschen, auf und ab, bald rechts und bald links andere Ge— nossen begrüßeud. Abends spielte dann auf dem Marktplatz die städtische Musikkapelle in ihren schönen, etwas barocken Uniformen Opern⸗ melodieen und Arbeiterlieder aus alter wie neuer Zeit. Dazu strahlte in dunkler Bläue der abendliche Himmel Italiens und aus den umliegenden Kaffees erklang helles Lachen... Die Musik!! Sie war sicherlich kein kleiner Faktor im sozialistischen Imola. Ich erinnere mich noch einer reizenden Szene, die— echt italienisch aber auch echt sozialistisch war. Eines Mittags saßen wir im schattigen Hof einer Osteria und sprachen von der Erziehung der Jugend zu sozialistischer Weltanschauung. Ein Genosse, der in Imola als Arzt praktiziert, erzählte uns, daß in den städtischen Schulen bereits seit 7 Jahren die kostenlose Darreichung eines aus Suppe und Brot bestehenden Mittags— brotes an die Kinder erfolge und daß er der Ueberzeugung sei, diese Einrichtung lasse sich durch keine Macht der Welt wieder rückgängig machen, da die Kinder selbst sich gegen eine solche Reaktion auflehnen würden. Ueberhaupt die Kinder von Imola, rühmte er weiter... Während wir noch gespannt den begeisterten Er⸗ zählungen des Arztes über die Imoleser Jugend folgten, da gewahrten wir plötzlich eine Schaar Knaben, welche, in eine Art Uniform von grauer Leinewand gekleidet und auf dem Kopf ein Barett mit einer großen Adlerfeder darauf, —— fröhlich schwatzend in den Hof der Osteria eingedrungen war. Noch betrachteten wir die Eindringlinge verwundert—, als sie begannen dem Winke eines größeren Knaben, der etwa 13 Jahre zählen mochte, folgend, sich ganz soldatisch in Reih und Glied aufzustellen. Auf einen weiteren Wink des Führers gewahrten wir zu unserem freudigen Erstaunen, wie jeder von ihnen aus der Tasche eine Ocarina(eine Art Mundflöte, wie man sie auch bei uns bis⸗ weilen sieht) herausholte und sie an den Mund setzte, und nun spielte die Knabenkapelle mit großer Exaktheit in weithin klingenden Tönen den Inno dei Lavoratori 175 italienische Arbeiterhymne) und die Marseillaise. Rauschen⸗ „der Beifall belohnte die jugendlichen Musiker. Da klang es in dumpfem Baß aus einer Ecke des Hofes provozierend vom Munde eines seinen Nachmittagsschoppen trinkenden alten Obersten:„Jungens, nun spielt aber einmal die Marcia Reale!(den Königsmarsch, etwa unserem Heil dir im Siegerkranz gleich⸗ kommend!).“— Erstaunt sahen sich die Kinder an.„Die kennen wir nicht!“ erklang es als Antwort von ihren Lippen.„Zum Donner— wetter!“ herrschte der Qberst sie an,„sind wir hier eigentlich im italienischen Königreich oder nicht?“ Da reckte sich einer der Knaben stolz empor, es war ein Bürschlein von knapp zehn Lenzen, mit einem schönen schwarzen Lockenkopf und blitzenden Augen:„Wir sind von Imola, Herr!“ fuhr er auf.—— Der Kleine war ein so klassen⸗ und zielbewußter Sozialdemokrat wie selten einer. Seine Hände müssen ihm an diesem Abend aber ordentlich weh getan haben, denn jeder von uns wollte dem braven Jungen die heilige Freude, die er in uns wach gerufen hatte, zu erkennen geben. Wir waren ja alle„von Imola.“ Splitter. Walhalla. Sei gegrüßt, du hehre Halle Deutscher Größ' und Herrlichkeit. Seid gegrüßt, ihr Helden alle Aus der alt' und neuen Zeit. O ihr Helden in der Halle Könntet ihr lebendig sein! Nein, ein König hat euch alle Lieber doch in Erz und Stein. Hoffmann v. Fallers leben. 0 Lüge, wie sie schlau sich hüte, Bricht am Ende stets ein Bein. Kannst du wahr nicht sein aus Güte, Lern' aus Klugheit wahr zu 5 el. Humoristisches. Wahl vorbereitungen. Schwerer als sonst will es diesmal gelingen, nationalliberale Kandidaten für die Reichstagswahl aufzustellen. Sie fallen nämlich schon sämtlich um, bevor sie noch in den Reichstag kommen. Kleines Mißverständnis. Ein biederer Handwerksbursche(Sachse) hat ein auf dem Eise ein⸗ gebrochenes Kind gerettet und bringt es— selbst bis auf die Haut naß— dem Vater zurück, welcher, ohne seine Börse zu ziehen, mit heuchlerischem Augenaufschlag etwas von Wiedervergeltung stammelt.„Nu hären Sie, kutestes Männecken“, sagt endlich der arme Kerl zähne⸗ klappernd,„Ihretwegen werd' ich mich so bald nicht wieder vergälten!“ r Geschichtskalender. 15. März. Skandal vor den Reichstag. Puttkamer f. 16. 1902: Stutenden⸗ und Arbeiterunruhen in Petersburg. 17. 1890: Bismarcks Entlassung. 18. 1871: Kommunekampf in Paris. Barrikadenkampf in Berlin. 19. 1848: Fr. Wilh. IV. Proklamation„An meine lieben Berliner.“ 1896: Bebel bringt den Peters⸗ 1900: Spitzelminister 1848: 20. 1899: Bauarbeiterschutzkongreß in Berlin. 21. 1871: Eröffnung des ersten deutschen Reichstages. Empfehlenswerte sozialistische Schriften. Die Kolportage-Kommission des Wahlvereins— Gießen, Wirtschaft Orbig— empfiehlt: Freie Stunden. Beste Romanlitteratur. Illu⸗ striert. Wöchentlich ein Heft. à 10 Pfg. Die Hütte. Zeitschrift für das Volk und seine Jugend. Illustriert. Prachtvoll ausgestattet. Alle 14 Tage ein Heft. à 25 Pfg. Lohnarbeit und Kapital. Separatabdruck aus der Neuen Rheinischen Zeitung vom Jahre 1849 von Karl Marx. Preis 20 Pfg. Hohe pete Sehr billige eee ee Hennstiel Bei den heutigen überteueren Fleischpreisen empfehle als passend besten und billigsten Ersatz für Fleisch: Schellfische, Cabliau, Seehecht, Seelachs etc. aus täglich frischen Zufuhren, zu den billigsten Tagespreisen. Tür Abendbrot— Lachtessen Hochfeine Seesische Spezialität: Giessen, Plockstr. 8. Lager in sämtlichen Kastenmöbeln, poliert u. lackiert, wie Vertikows, Kleiderschränke, Tische, Stühle, Spirgel Iuxusmöbel. üchenmobel Kofnbrod von Kinzenbacher Mühle, vorzüglich im Geschmack, 8-10 Tage srisch und wohl genießbar bleibend, erhält man auf Wunsch direkt und an folgenden Stellen: Carl Seibel, Gießen, Frankf.⸗Str. 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Vorsitzender. 8 Die Kahresrechnung liegt bis zur Generalversammlung auf dem Druckerel Beppeler& sener Gleßen, hudwigltraße 30 Schneiderin empfiehlt sich zum Kleidermachen in und außer dem Hause. n File * 25 a 7 5 5 4 9 5 ür AMlagenleidende!— Allen denen, die sich durch Erkältung oder Ueberladurg 8 Prima des Magens, durch Genuß mangelhafter, schwer verdaulicher, 1 Kornbrod 8 heißer oder 1 kalter Speisen. oder durch unregelmäßige bei Bäckermeister ebensweise ein Magenleiden, wie: Magenkatarrh, Magenkrampf, Magen⸗ L L. Müller Bahnhofstraße 58. schmerzen, schwere Verdauung oder Ver⸗ schlei ung zugezogen haben, set hiermit ein gutes Hausmittel empfohlen dessen vorzügliche heilsame Wirkungen schon seit vielen Jahren Fertige pederbelten mit 8 Pfund Federn gefüllt, Stück zu 10.50, 12.— 14.— 18.— Mark und besser. Kissen mit 2½¼ Pfund gefüllt, Stück zu 2.75, 3.50, 5.50, 6.70, 8.— Mark und besser unter Garantie für vollständig reine und neue Füllung, 5 empfehlen 8 Gebr. Weil Neustadt 10. 2. erprobt find. Es kst dies das bekannte. Verdauungs⸗ und Blutreinigungsmittel, der Hubert Ulrich'she Kräuter-Wein. 5 7 755 Kräuter-Wein ist au⸗ vorzüglichen, heilkräftig efundenen Kräulern mit gutem Wein bereitet, und stärkt und belebt den ganzen ee e, ðq¾n des Menschen, ohne ein Abfüßrung⸗ mittel det 5 Kräukerwein beseikigt alle Störungen in den Dblut⸗ gefäßen, reinigt das Blut von allen verdorbenen, kraußmachenden Ptoffen und wirkt fördernd auf die Neu⸗ bildung gesunden Plutes. Durch rechtzeitigen Gebrauch des äuter⸗Weines werden Magenübel meist schon im Keime erstickt. Man sollte also nicht säumen, seine Anwendung allen anderen scharfen, ätzen⸗ en, Gesundheit zerstörenden Mitteln vorzuziehen. Alle Spmp⸗ Neustadt 1128 f Spaten Landwirtschaftl. Ge Rasenmäher Waagen und Gewi Stehleitern Messerputzmaschinen Edgar Borrmann, Giessen Telefon 298 Eisenhandlung, Stahlwaren, Werkzeuge, Haus⸗ und Küchen- Gerüte-Hlandlung räte Herde und Oefen Drahtgeflecht Wasch⸗ u. 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