880 J lg nen, ein. visel, fände tliche ser Hirte. N 2 — 2— 9————.—ů—— 2 a y eee ee e ee eee eee 1 1 1 Gießen, den 15. Februar 1903. 10 Juhru. Redaktion: Kirchenplatz 11. Schloßgasse. Mitteldeutsche Webaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. — — Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch un Aus träger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfen Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch] Druckerei Ludwigstr. 30 die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. sere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, di nig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, di Bestellungen D Juserate e finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die ögespalt. e Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33 ¼ ͤ und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bei mindestens Der Weg zum Sozialismus. Was ist Sozialismus? Was will die Sozialdemokratie? Wenn man diese Fragen an eine Anzahl von Sozialisten stellt, die alle dasselbe erstreben, gleich gebildet, in gleicher Weise mit dem Wesen des Sozialismus vertraut sind, so werden diese, wenn ste eine ganz kurze Antwort, in wenigen Worten ausgedrückt, geben sollen, vermutlich doch verschieden antworten. Denn der Sozialismus ist eine so große Sache, die so verschiedene Seiten hat, daß in den Augen des Einen der wesentlichste Punkt sich anders darstellt als bei dem Andern. Am präzisesten kann man das Ziel des Sozia⸗ lismus in dem einen Wort ausdrücken: Solidarität!(Gemeinsame Haftung.) In diesem einen Worte liegt mehr, wird das Ziel des Sozialismus viel umfassender ausgedrückt, als in anderen Erklärungen. Nun sagen unsere Gegner, schon vor mehr als 2000 Jahren habe es Sozialisten gegeben; warum ist denn da bis jetzt der Sozialismus noch nicht verwirklicht worden? Das sei doch ein Beweis, daß er undurchführbar sei. Richtig ist es allerdings, daß sich zu allen Zeiten große Denker mit dieser Frage befaßt haben und zu der Ansicht kan en, das Glück der Menschen werde in einer solidarischen Gemeinschaft höher sein als in einem Zustande des Kampfes des Einen gegen den Andern. Aber da muß man doch auch die andere Frage aufwerfen: Warum entstand früher keine große sozialistische Bewegung und warum heute? Die Antwort ist sehr ein⸗ fach: Weil heute der Sozialismus dem Bedürfnis der Gesellschaft, der All⸗ gemeinheit entspricht! In der heutigen Gesellschaft besteht für die große Masse ein Zustand, den man am besten ausdrücken kann mit: Haftbarkeit im wei⸗ testen Sinne, für Dinge, die außer unserem Willen liegen. Goethe konnte seinen Spieß⸗ bürger noch sagen lassen, daß ihn das nicht kümmere, wenn„hinten in der Türkei die Völker aufeinanderschlagen“. Damals, vor hundert Jahren, konnte der Bürger so reden — aber jetzt? Wenn heute viel weiter, wenn in China„die Völker aufeinanderschlagen“, wirkt das auf unser heimisches Leben. An der Börse tritt eine Unsicherheit ein, der Kredit wird ein⸗ gestellt, Handel und Industrie geraten ins Stocken; Tausende, Hunderttausende verlieren die Existenz, Millionen werden geschädigt. So nahe ist sich die Menschheit gerückt! Ohne sein Zutun wird das Volk in Deutschland für das haftbar gemacht, was in China vorgeht! Aber die Haftbarkeit tritt durch das wirtschaftliche Leben im Lande noch mehr ein. Für die Hand⸗ lungen einer Hand voll Spekulanten müssen oft Millionen haften! Durch Spekulationen, unternommen, um einigen wenigen Leuten Reichtümer zu verschaffen, werden oft Hundert⸗ tausende und Millionen brotlos gemacht. Aus Amerika wird neuerdings gemeldet, daß durch die Ringe allein 10000 Geschäftsreisende über⸗ flüssig gemacht wurden, diese also ihre Stellung verloren haben. So wird der Sozialismus immer mehr eine Notwendigkeit: die Durch⸗ führung der Solidarität, Einrichtungen, welche die Menschheit solidarisch machen. Das Streben nach Freiheit und Gleichheit hat keinen Sinn, wenn man nicht Einrichtungen schaffen will, welche die Freiheit und Gleichheit ermög⸗ lichen. In der Solidarität der Menschheit liegt das höchste Maß von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Wir wollen aber auch eine Freiheit be⸗ schränken: die Freiheit der Ausbeutung, weil sie der Solidarität widerspricht. Wir beschränken also diese Freiheit, um eine größere Freiheit zu erwirken! Zur Verwirklichung der Solidarität müssen verschiedene Kräfte zusammenwirken, subjektive und objektive. Bei den Unternehmern ist schon das Bestreben vorhanden, die Konkurrenz zu beseitigen, eine Art Solidarität herbeizuführen. Zu diesem Zweck schaffen ste Verbindungen. In soweit diese Verbindungen vorgenommen werden, um Kosten zu sparen, insofern liegen sie auf der Linie des Fortschritts. Aber sie sind nur eine teilweise Anwendung des Prinzips. Es ist nur eine Solidarität der Unternehmer, der Ausbeuter. Ausgeschlossen davon sind die Arbeiter und die große Massen der Konsu⸗ menten, welche die Waren teurer bezahlen müssen, um die Taschen einiger Weniger zu füllen. Diese Solidarität umfaßt also nur einen winzigen Bruchteil ver Gesellschaft, wäh⸗ rend die große Masse davon geschädigt wird. Deutschland hat zur Zeit vier- bis fünfhundert Syndikate. Diese werden wohl die Konkurrenz ausschalten, aber Andere zerdrücken, die ganze Bevölkerung kommt in ihre Abhängigkeit. Aber die große Klasse der Industrie⸗ und Lohnarbeiter bilden die große soziale Kraft, die große denkende subjektive Kraft, um dem gefährlichen Wirkeu der Ringe entgegenzuwirken. Sie leiden am stärksten unter der Haftbarkeit, weil sie abhängig sind. Wohl werden auch die Handwerker und Bauern betroffen, aber sie sind ohnmächtig gegen das große Kapital. Diese Arbeitermasse mit gleichen Interessen ist berufen, die Solida⸗ rität, den Sozialismus, durchzuführen, der früher nicht durckgeführt werden konnte, weil die Kraft dazu nicht da war! Wenn in früherer Zeit, etwa im Mittel⸗ alter, in einer Gegend infolge Mißernte eine Hungersnot ausbrach, wurden die nur wenige Meilen davon entfernt liegenden Orte gar nicht betroffen, mußten nicht darunter leiden. Die Gewerbetreibenden arbeiteten für die einzelnen Bürger, eine Haftbarkeit der Gesamtheit trat nie in Erscheinung. Den Gewerbetreibenden konnte der den Gesellen gezahlte Lohn gleichgiltig sein, der Lohn spielte gar keine gesellschastliche Rolle: der Konsument war lediglich der Meister, bei dem die Gesellen in Kost und Logies waren. Ebenso konnte an ein Wahlrecht für die Lohn⸗ arbeiter nicht gedacht werden. Als die soge⸗ nannten Gleichmacher in England im 17. Jahr⸗ hundert ihre Verfassung ausarbeiteten, verlangten sie darin ein Wahlrecht für Alle: wer nicht Lohnempfänger ist. Das war damals durchaus demokratisch. Die Gesellen waren nicht mehr als eine Art Lehrlinge und wir lesen daher aus der damaligen Zeit von Ausständen der Lehrlinge. 5 Heute hat sich das sehr geändert! Die Löhne haben eine gesellschaftliche Bedeu⸗ tung, die hohen Löhne erhöhen die Kaufkraft, die zwanzig Millionen Menschen der Arbeiter⸗ klasse bilden eine Kaufkraft, wodurch Tausende von Geschäften blühen. Es liegt also im Ju⸗ teresse der Gemeinschaft, für hohe Löhne der Arbeiter zu sorgen: die Solidarität liegt also in dieser Beziehung auch im Interesse der Hand⸗ werker und Kaufleute. Heute hat die Gesell⸗ schaft das größte Interesse, daß sich die Lebens⸗ lage der Arbeiter hebe. Der Ruf nach Kolonien ist nichts als der Ruf nach Absatzgebieten. Sind aber etwa die Bedürfnisse zu Hause nicht der Steigerung fähig? Da liegen unsere besten „Kolonien“; die Kaufkraft der Millionen von Arbeitern zu erhöhen, das muß die erste Auf⸗ gabe aller Staatsmänner sein! Auch die Verwaltungen der Gemeinden stehen heute im Zeichen der wachsenden Solidarität. Früher gab es nicht viele Fragen in der Ver⸗ waltung der Städte. Heute ist das Alles anders. Der Solidarität überall zum Durchbruch zu verhelfen, ist Aufgabe der Arbeiterklasse. Die Mittel hierzu sind erstens die Gewerkschaft, um die Löhne zu erhöhen, bessere Arbeitsbedin⸗ gungen zu erkämpfen. Die Gewerkschaftsbe⸗ wegung ist ein starker Ausdruck der wachsenden Solidarität; zweitens die Konsumvereine, in denen sich ein Stück Solidarität verwirklicht; drittens die politische Orgauisation der Arbeiter: die Partei der Demokratie. Die Gewerkschaften arbeiten an der Ver⸗ wirklichung der Solidarität, indem sie dem Drucke der Konkurrenz eine starke Macht ent⸗ gegensetzen, die Fabrikanten nötigen, zu besseren Arbeitsmethoden zu greifen und die Haftbarkeit der Arbeiter mildern. So wird durch die Ge— werkschaften die höchste Solidarität verwirklicht, die heute möglich ist. Auch die Konsumvereine liegen auf dem Wege zum Sozialismus. Wenn die Organisterung des Konsums nicht durch die Arbeiter in die Hand genommen wird, geschähe das wieder durch die Kapitalisten, durch Ringe und dergleichen. Statt ein Stück Solidarität der Gesamtheit zum Nutzen Aller würde eine neue Solidarität von Unternehmern sich bilden, zur Ausbeutung der Massen. Der Gewerk schafts- und Konsumvereinsb wegung sind aber eine Reihe von Grenzen gezogen. Die Hauptmacht bildet daher die politische Organisation der Arbeiter, die Demokratie. Heute ist Demokratie von selbst Sozial⸗ demokratie, d. h. Soztalismus und Demokratie. Daher ist es die Aufgabe der Arbeiterklasse, daß sie als politische Partei kämpft in Staat und Gemeinde für die Soli⸗ darität im Gemeinwesen und auch für die Solidarität von Nation zu Nation. Ein Mittel, diese Solidarität zur Wahrheit zu machen, ist auch der Reichstag. Daher ist es die große Pflicht der Arbeiter, Sozialdemokraten in den Reichstag zu wählen. (Aus„Armer Teufel“ der Oberlausitz.) politist che Rundschau. Gießen, den 13. Februar. Als Reichstagswahltermin ist der 17. Juni festgesetzt, wie im Senioren- konvent des Reichstags mitgeteilt wurde. Kurz vorher verlautete sehr bestimmt, daß der Wahl⸗ tag in die zweite Hälfte des Mai fallen würde. n 2 — ——ů— — 8 —— 4. Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeituna. Nr. 7. — Es sind aber auch bis zum 17. Juni nur noch 4 Monate, die unsere Genossen zu eifriger Wahlarbeit benutzen müssen. Parteigenossen! Gedenket des Wahlfonds! Zur Krupp⸗Affaire. Wie unser Parteiorgan in Magdeburg berichtet, hat der Reichstagsabgeordnete von Kardorff, ein Parteigenosse Krupps, im Reichstage offen erklärt, Krupp habe sich er⸗ schossen. Schon beim plötzlichen Tode Krupps glaubte man allgemein, daß er seinem Leben selbst ein Ende gemacht habe. Diese Annahme fand besonders in der Tatsache ihren Rückhalt, daß keine Sektion der Leiche stattgefunden hat und von der Leichenschau nichts veröffentlicht wurde. Darauf wird auch in der dieser Tage bei Birk und Komp. in München erschienenen Broschüre hingewiesen und hinzugefügt, daß in den Krupp ehemals sehr nahestehenden Kreisen heute noch die Meinung verbreitet ist, Krupp habe selbst Hand an sich gelegt.— Der Magde⸗ burger„Volksstimme“ wurde kürzlich weiter aus Berlin geschrieben, daß Abg. Kardorff schon vor längerer Zeit seinem Gegner Barth von der Freisinnigen Vereinigung in einem unüberlegten Moment erzählt hat, Krupp habe im Hotel Bristol in Berlin konträrsexuellen Verkehr gehabt. Also stellen sich alle von sozialdemokratischer Seite aufgestellten Behaup⸗ tungen als wahr heraus. Die„notleidenden“ Agrarier hielten am Montag im Zirkus Busch in Berlin wieder ihre Heerschau ab. Ueber 8000„Not- leidende“, darunter viele Parlamentarier, waren anwesend. Frauen waren diesmal nicht dabei. Es wurden die üblichen agrarischen Pauken gehalten. Der Bundesvorsitzende v. Wangen⸗ heim sagte u. a. der Zweck des Bundes sei die Bekämpfung von Handelsverträgen nach Capri⸗ vischem Muster. Die Regierung habe der Land— wirtschaft nicht den versprochenen Schutz ge⸗ währt; der Antrag Kardorff sei ein wirtschaft⸗ liches Unglück.— Im Recheaschaftsbericht wird angeführt, daß der Bund jetzt gegen 250 000 Mitglieder zählt, wovon 138 000 westlich der Elbe wohnen. Nur Herr von Kröcher, der „starke Mann“, mahute„zur Besonnenheit“. — Ganz richtig sagt der„Vorw.“ dazu: Die um Kröcher regieren und die um Wangenheim agitieren. Die einen wollen die Bestie Volk an an den Zaum legen, die andern suchen durch demagogische Künste möglichst viel Exemplare davon einzufangen. Die einen schreien, die andern nehmen, was sie kriegen oder— wie sich Herr v. Kröcher geschmackvoll ausdrückt— sie„fressen herunter“, was die Regierung ge— kocht hat. Agrarischer Boykott. Neulich hat sich der Landrat des Kreises Birnbaum in der Provinz Posen, v. Willich, erschossen. Der Grund des Selbstmordes wird in der maßlosen Hetze gefunden, welche die Leute im Bunde der Landwirte gegen ihn in Szene gesetzt hatten. Willich war aus dem Bunde der Landwirte ausgetreten, weil ihm das Treiben desselben nicht gefiel. Beispiels- weise wurden einem Führer der Agrarier, dem Major a. D. v. Endell, Dinge in der Oeffent⸗ lichkeit nachgesagt, die den Bund hätten veran⸗ lassen müssen, dem Endell die Führung abzu⸗ nehmen. Diese Sache vertuschte aber der Bund soviel als möglich, trotzdem Endell sogar Unter⸗ schlagung vorgeworfen wurde. Man kann's dem Landrat nicht verdenken, wenn er mit der Gesellschaft nichts mehr zu tun haben wollte. Aber die Agrarier rächten sich. Sie boykottierten den Landrat auf alle Art, drohten sogar, bei der Kaisergeburtstagsfeier gegen ihn zu demon⸗ strieren. Die Regierung ließ ihren Beamten im Stich, anstatt ihn gegen die Agrariergesell⸗ schaft zu schützen. Deshalb griff v. Willich zur Pistole. Bei der Besprechung dieser Affaire im preußischen Landtage wurde das Treiben der Agrarier im Osten durch freisinnige Abge⸗ ordnete treffend beleuchtet. Die Regierung be⸗ findet sich gewissermaßen in Abhängigkeit vom Bunde, dem gegenüber sie noch mehr Nach⸗ giebigkeit zeigt, als den Arbeitern gegenüber „Schneidigkeit“. Vom sächsischen Hoffkandal. Im Ehescheidungsprozeß des sächsischen Kronprinzenpaares wurde am Mittwoch das Urteil gefällt. Es lautete auf Ehescheidung. Die Kronprinzessin wurde des Ehebruchs mit dem Sprachlehrer Giron für schuldig befunden und ihr die Kosten des Verfahrens auferlegt. Unterdessen hat die Kronprinzessin, die infolge der Erkrankung eines ihrer Kinder sowie durch die Hetzerei ihrer zärtlichen Verwandten in hochgradige Aufregung geraten ist, eine Heil⸗ anstalt bei Nyon am Genfer See aufgesucht, wo sie, wie berichtet wird, auch ihre Nieder⸗ kunft abwarten will.— Die lieben Verwandten und mit ihnen die serviten und schweifwedeln⸗ den sächs. Orduungsblätter erklären es für einen„Trost“, wenn die Prinzessin wahnsinnig wäre! Militärische Gerechtigkeit. Vom Kriegsgerichi der 3. Division in Lan— dau wurden kürzlich zwei Soldaten des 3. Chevauxlegers-Regiments, die sich infolge er⸗ littener fortgesetzter Mißhandlungen von ihrem in Dieuze liegenden Truppenteil entfernt hatten, wegen Fahnenflucht zu je 1 Jahr 6(Monaten Gefängnis verurteilt. Dieser Tage standen nun auch vier Soldatenschinder des 3. Chevaux⸗ legers⸗Regiments vor dem Kriegsgericht, um sich wegen Mißbrauchs der Dienstgewalt zu verantworten. Die Anklagebank zierten nämlich die Unteroffiziere Otto Weigelt, Emil Ulmer und ber Gefreite Josef Müller der 5. Eskadron und der Unteroffizier Friedrich Germann der 3. Eskadron. Die Beschuldigten hatten die ihnen unterstellten Rekruten in roher Weise durch Ohrfeigen, Pfüffe, Schläge, Fauststöße usw. mißhandelt. Das Urteil lautete für Weigelt auf 42 Tage, für Ulmer auf 35 Tage, für Müller auf 24 Tage und für Germann auf 12 Tage Mittelarrest. Im Vergleich zu den beiden Rekruten Philipp und Langknecht, die ihre Flucht vor den Peinigern mit 1½ Jahren zu büßen haben, sind die vier Schinderknechte sehr billig wegge⸗ kommen. 1 Acht Jahre Gefängnis für einen Geisteskranken. Zu dieser unerhörten Strafe wurde vor einiger Zeit vom Kriegsgericht in Halle der Füsilier Jörke verurteilt, trotzdem bei dem Angeklagten untrügliche Zeichen von Geistes⸗ störung vorhanden waren. Das Oberkriegs⸗ gericht in Magdeburg, vor dem dieser Fall in der zweiten Instanz verhandelt wurde, beschloß denn auch, ein neues Gutachten von zwei Irren— ärzten über den Geisteszustand des Angeklagten einzuholen und vertagte die Verhandlung. Wie das erste Gericht eine so schwere Verurteilung über einen kranken Menschen aussprechen konnte, ist unbegreiflich. Die viehische Mißhandlung eines Trainsoldaten des Rendsburger Trainbataillons durch den 22 jährigen Unteroffizier Grosse, der sein Opfer zwang, Kot zu fressen, kam wiederum vor dem Oberkriegsgericht in Ha m⸗ burg zur Verhandlung. Dieser vom Kriegs⸗ gericht zu 1¼ Jahren Gefängnis verurteilte Menschenschinder hat noch die Kühnheit gehabt, gegen das Urteil Berufung einzulegen. Die Beweisaufnahme ergab die Richtigkeit der gegen den sauberen Stellvertreter Gottes erhobenen Anschuldigungen, wie sie bereits vor dem Kriegs⸗ gericht festgestellt und s. Zt. in unserem Blatte berichtet wurden. Das Oberkriegsgericht hält die Berufung für völlig unbegründet und spricht sein Bedauern darüber aus, daß nicht auch der Kriegsherr Berufung eingelegt habe, denn der Angeklagte verdiene fur sein Verhalten eine viel höhere Strafe. Aus formellen Gründen trennt das Gericht zwei Fälle der Mißhandlung ab und verweist dieselben an die Vorinstanz zur nochmaligen Verhandlung zurück. Im Uebrigen wird auf 1 Jahr 5 Monate Ge— fängnis und Degradation erkannt. Gegen den Spitzel⸗Attentäter Rubino wurde in der vergangenen Woche in Brüssel verhandelt. Rubino erklärte, seine Tat nicht zu bereuen, er bedaure nur, daß sie fehlgeschlagen sei. Er habe die Absicht gehabt, sich das Leben zu nehmen, vorher hätte er sich aber an der Gesellschaft rächen wollen. Auf die Frage, weshalb er auf den dritten Wagen geschossen habe, in welchem sich die Prinzessin befand, gab er die Erklärung ab, er habe den Revolver nicht rechtzeitig hervorziehen können, weil dieser sich im Rockfutter verwickelt hatte. Rubino hatte, als er die Fensterscheibe der Hofequipage zerschoß, noch ganze drei Sous(12 Pfg.) in der Tasche. Ein von Hunger und Elend windel⸗ weich geprügelter armer Teufel! Festgestellt wurde, daß ihn der italienische Konsul Prina in London für täglich 10 Mk. als Spion angestellt hatte, damit er Nachrichten über die italienischen Anarchisten in London verschaffe. Diese merkten aber die Beziehungen Rubinos zur Polizei und bedankten sich natürlich für seine Parteigenossenschaft. Nun taugte er für die Polizei auch nicht mehr und Prina brach mit ihm ab. Immer weiter heruntergekommen, zur Verzweiflung getrieben, richtete er den Revolver auf den Wagen Königs Leopold und leistete diesem dadurch einen ausgezeichneten Dienst. Denn der Belgierkönig ist bei seinem Volke so beliebt, daß es ihm am liebsten fort⸗ jagen möchte; durch das Attentat wurde aber die„Popularität“ wieder etwas aufgefrischt. Also hat sich Rubino wohl den Dank des Königs verdient, trotzdem verurteilte man den armen Teufel zu lebenslänglicher Zuchthaus⸗ strafe. Zur Dreyfns⸗Affäre erklärte Jaures in einer Versammlung der Fraktion, daß er sie in der Kammer zur Sprache bringen werde. Er werde den Beweis erbringen, daß der Serbe Czernuschi, der im Renneser Prozeß als Belastungszeuge auftrat, für seine Aussage bezahlt worden sei, ferner daß Drey⸗ fus in Rennes und Paris infolge Zustellung eines gefälschten Schriftstücks an die Richter während seiner Abwesenheit verurteilt worden worden ist. Die Partei erklärte sich mit Jau⸗ rès eiuverstanden. D Deutscher Reichstag. Das Gehalt des Reichskanzlers war der Etatsposten, dessen Beratung am Mittwoch im Reichstage fortgesetzt wurde. Bei diesem Titel kann in der Regel eine Art Generaldebatte einsetzen, und auf die Fragen der inneren und äußeren Politik eingegangen werden. Zuerst kam der Agrarier Oertel zum Wort, der denn auch von allem möglichen sprach. Im Gegen⸗ satz zu seinen Freunden erklärte er sich für Diäten. Dann hielt der schwäbische Demokrat Hoffmann eine Rede für den Weltfrieden. Die war ja ganz gut ge⸗ meint, doch der Redner verlor fortwährend den Faden und gab durch die treuherzige Art und Weise, wie er die Ungeduld des Präsidanten und des Hauses zu be⸗ schwichtigen suchte, fortwährend Anlaß zu Heiterkeits⸗ ausbrüchen. Donnerstag wurde die Beratung des Etats des Reichskanzlers fortgesetzt. Erster Redner war unser Genosse Ledeb our. Er kritisierte eingehend und scharf die innere und äußere Reichspolitik. Besonders aus⸗ führlich weilte unser Redner bei der Neueinteilung der Wahlkreise, deren Notwendigkeit er an schlagenden Beispielen nach⸗ wies. Eine Vermehrung der Abgeordnetenziffer, führte Ledebour aus, entsprechend der Zunahme der Bevölke⸗ rung erscheint schon aus Rücksicht auf die Platzverhält⸗ nisse im Sitzungssaale des Reichstags als nicht tunlich; er würde vorschlagen, die Zahl der Abgeordneten ein⸗ für allemal auf 400 zu normieren und nach jeder Volkszählung eine Neueinteilung der Wayhlkreise vorzu⸗ nehmen. Herr Dr. Oertel sprach von dem„etwas größeren“ Recht der ländlichen Bevölkerung. In der Tat hat die Landbevölkerung ein zehnmal grö zeres Stimmrecht als die Bewohner in industriellen Gegenden i 0 sel icht gen der ge, tilt 1 aden t 1 he⸗ til⸗⸗ d0b t 170 1. ——— Nr. 7. Mjtteldeutsche Sonntaags⸗Reftung. Seite 3. Die drei größten Wahlitreise, Berlin 6, Charlottenburg und Bochum, sind läugst über eine halbe Million her⸗ ausgewachsen! Dagegen umfaßt der Wahlkreis West⸗ priegnitz nur den zehnten Tell der Bevölkerung von Berlin 6. Die Einwohner der Großstädte sind es satt, sich noch länger dies Unrecht gefallen zu lassen! Eine relative Kürzung der Rechte der kleineren Wahlkreise läßt sich unter allen Umständen nicht vermeiden; be⸗ deutet aber durchaus kein Unrecht, da die jetzige Wahl⸗ kreiseintellung der Landbevölkerung ein unrechtmäßiges und dem Sinn der Verfassung zuwiderlaufendes Ueber⸗ gewicht verleiht.— Weiter besprach Ledebour die Polen⸗ und Dänenhetze. Er geißelte nicht minder energisch die „Renommierpolitik des Dreizacks“, die auf allen mög⸗ lichen Meeren beliebt wird, als die Politik der gepan⸗ zerten Faust, mit der man an der Weichsel und der Warte— Mißerfolge und Blamagen erzielt. Der Reichs- kanzler antwortete ihm. Er sagte aber nichts über die Wahlkreiseinteilung, sondern er begnügte sich damit, seiner Weltpolitik das beste Zeugnis auszustellen. Wie die Reaktionäre über das Reichstags⸗Wahlrecht denken, ließen die Ausführungen des Konservativen Gamp er⸗ kennen. Mit„Gründen“ ganz merkwürdiger Art wandte sich dieser Herr gegen die Sicherung des Wahlgeheim⸗ nisses— die er nur gegen„Konpensationen“ bewilligen will— und gegen Diäten; er machte unter schallendem Gelächter der Linken alles Ernstes den Vorschlag, die bekannten, allerdings nicht existierenden antisozialdemo⸗ kratischen„Arbeitervertreter“ aus einer Art von milder Stiftung zu besolden, die durch freiwillige Beiträge aufgebracht werden soll.— Dieser Reaktionär will also Arbeitswilligen im Parlament, die in edler Streikbrechermoral in der Volksvertretung die Interessen ihrer Klasse verraten, Bettelgelder und Almosen zahlen. Jetzt wird der antisozialistische„schlichte Mann aus der Werkstatt“ wohl endlich einsehen, wie man ihn im Kreise unserer Feinde einschätzt.— Natürlich wurde die von dem Freisinnigen Barth beantragte bessere Wahlkreis⸗ einteilung abgelehnt, nachdem noch der Antisemiten⸗ Häuptling Liebermann die Einführung der Wahl- pflicht als Radikalmittel zur Vernichtung der Sozial⸗ demokratie empfohlen hatte. Die Regierung sollte dar⸗ auf eingehen, da würde man gleich sehen, daß der antl⸗ semitische Vorschlag Unsinn ist, unserer Partei nur nützen und daher uns natürlich viel Freude machen würde.— Das Reichskanzlergehalt— 100000 Mk.— wurde bewilligt. Samstag kam der Etat des Reichsamts des Junern an die Reihe. Dazu lagen eine Jenge Reso— lutionen vor, die sich auf die Sozialpolitik des Reiches beziehen und teils von den Sozialdemokraten, tei 8 von den Liberalen Pachnicke und Rösicke beantragt sind. Vor den Wahlen entdeckt das Zentrum stets sein sozial⸗ politisches Herz. So hat es denn auch einen Antrag auf endliche Anerkennung der Rechtsfähigkeit der Berufsvereine eingebracht. Dieser so sehr berechtigte und bescheidene Antrag gehört zu den ältesten Laden⸗ hütern, weil der Bundesrat sein Ohr hartnäckig gegen alle Wünsche des Reichstags verstopft, die ihm nicht gefallen— und das sind unendlich viele. Trimborn, der Vertreter des„heiligen Kölns“, hielt einen mehr rührenden als überzeugenden Vortrag und beschönigte nebenbei den Zollwucher seiner Partei. Besser als der rheinische Zentrumschrist sprach Herr Rösicke-Dessau, der wirllich als ein„weißer Rabe“ unter den bürger⸗ lichen Politikern bezeichnet werdeu kann. Er zerpflückte gründlich das Märlein von der„Gleichberechtigung“ der Arbeiter und zerstörte unbarmherzig die selbstgefällige Reichskanzlerlegende von der gewaltigen sozialpolitischen Ueberlegenheit Deutschlands; aber für den sozialdemo⸗ kratischen Maximalarbeitstag⸗Antrag erklärte er sich trotz dem nicht. Genosse Wurm, der darauf zu einer ebenso gründlichen wie eiuschneidenden Kritik der gesamten deut⸗ schen Sozialpolitik das Wort ergriff, konnte in manchen Punkten den Ausführungen seines Vorredners sich an— schließen; in anderen ergänzte er sie, in wieder anderen — so namentlich in der Frage des Maximalarbeitstages— trat er ihnen mit Schärse entgegen. Natürlich unter⸗ schied sich die Kritik unseres Fraktionsredners von der Kritik, die Herr Rösicke geübt, so, wie sich die Kritik eines Sozialdemokraten, d. h. eines Gegners der kapita⸗ listischen Gesellschaftsordnung, von der eines Sozial⸗ politikers unterscheibet, der, unbeschadet einzelner, vielleicht in ihrer Art leidlich weitgehender Forderungen, doch niemals den Boden der heutigen Gesellschaftsverfassung verläßt, diese vielmehr gerade durch die Sozialreformen zu sichern und möglichst zu verewigen trachtet. Es giebt kaum ein Spezialgebiet der so weit verzweigten Sozial⸗ wissenschaft, das Wyrm in seinen stets von eingehendem Studium und gediegenster Sachkenntnis zeugenden Aus⸗ führungen nicht berührt hätte. Wir wollen nur erwähnen, daß er die Legende von den idealen Kruppschen Wohl⸗ fahrtseinrichtungen gründlich zerstörte, den durch offizielle Anweisungen herbeigeführten Niedergang der Gewerbe⸗ aufsichts⸗Berichterstattung gebührend geißelte und am Ende seiner Ausführungen den Klassencharakter der modernen betonte. Von der Sitzung am Montag, wo die sozialpoli⸗ tische Debatte fortgesetzt wurde, ist wenig zu erwähnen. Erst versuchte Posadowky die Ausführungen Wurm's vom Samstag zu widerlegen, was ihm aber nicht gelang. Dann redete der Freisinnige und Genossenschafts-Staats⸗ streichler Crüger gegen die„Scharfmacher der Linken“. Herr Crüger hetzte gegen die„sozialdemokratischen“ Ge⸗ werkschaften, beklagte, daß die arme Regierung durch sozialistische Reden in ihrem Reformwerke gestört werde, wütete gegen den Maximalarbeitstag und— ein wackerer „Volks“parteiler!— verlangte die Aufhebung der Kellnerverordnung; ein 24 stündiger Ruhetag alle z wei Wochen dünkt diesem Blederen als ein zu tiefer Ein⸗ griff in die Ausbeutungsfreiheit des Hoteliers! Bei seinen Manchesterleuten fand dieser Freisinnsmann mit solchen Ansichten dröhnendeu Beifall. Unterstützuug der Kriegstellnehmer von Seiten des Reiches ist schon oft gefordert worden, Bisher bekamen die Kämpfer für Deutschlands Einheit nur Versprechungen und am Sedantag patriotische Reden zu hören. Es ist schon öfters im Reichstage darüber verhandelt worden. Am Dienstag gelangte wieder eine diesbezügliche Interpellation des Bauernbündlers Niß ler zur Er⸗ örterung. Dieser warf der Regiezung nicht mit Unrecht Knauserigkeit vor. Daß unsere Fraktion, für die Grünberg und Singer sehr wirksam spracheu, trotz aller grundsätzlichen Gegnerschaft zum Militarismus für die Veteranen mit derselben Wärme eintritt, mit der sie die Forderungen aller Bedrängten vertritt, ist zu selbst⸗ verständlich, als daß es noch besonders betont werden brauchte. Dann wurde die Etatsberatung fortgesetzt. Arbeiterbewegung mit aller Entschiedenheit Rechtssprechung Der§ 616 des bürgerlichen Gesetz⸗ buches gilt auch bei Akkordarbeit, so entschied das Gewerbegericht in Stuttgart. Eine Stuttgarter Firma wollte die in dem § 616 ausgesprochene Verpflichtung nur für solche Arbeiter gelten lassen, welche im Wochen⸗ lohne stehen. Das Gewerbegericht erkannte aber wie oben erwähnt, mit dem Bemerken, daß diese wie jene ohne ihr Verschulden, ver— hindert seien, den Arbeitsvertrag zu erfüllen und daher für eine verhältnismäßig nicht er⸗ hebliche Zeit der Arbeitsverhinderung, wie sie eine militärische Uebung darstelle, eine Lohnent⸗ schädigung zu beanspruchen hätten. Als Maß⸗ stab sei der Durchschnittslohn der Akkordarbeiter zu Grunde zu legen. Ebenso haben auch schon andere Gewerbe— gerichte entschieden. Der 8 616 gilt eben bei allen Arten der Beschäftigung und des Lohnes, so gut bei Stunden-, wie bei Tage⸗ oder Wochenlohn, bei Akkordarbeit wie bei festem Lohn, ob Kündigung existiert oder nicht. Verteilung von Druckschriften. Mehrere Arbeiter hatten an einem Sonntage in Dörfern der Provinz Brandenburg sozial— demokratische Druckschriften in der Weise ver— teilt, daß sie die Druckschriften, die sie in ihren Taschen unauffällig bei sich führten, von Haus zu Haus trugen und in den Wohnungen nieder⸗ legten. Die Arbeiter wurden auf Grund der Oberpräsidialverordnung vom 4. Juli 1898 angeklagt, weil sie eine„öffentlich bemerkbare Arbeit“ verrichtet hätten. Schöffengericht und Strafkammer verurteilten die Angeklagten auf Grund der Gewerbeordnung zu Geldstrafen. Das preußische Kammergericht sprach aber die Angeklagten frei, weil in geschlossenen Räumen zu nichtgewerbsmäßigen Verteilung von Druckschriften eine Erlaubnis über⸗ haupt nicht erforderlich sei; die Ver⸗ teilung habe aber in den Häusern nicht gewerbs— mäßig stattgefunden. Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung + Eine Arbeitslosenzählung faud am Sonntag vor acht Tagen in Frankfurt statt. Es wurden 3650 Arbeitslose fest⸗ gestellt. Davon waren 2094 gelernte Arbeiter, 955 ungelernte, 206 Kaufleute, 345 Mädchen und Frauen. 80 Karten sind noch nachzuprüfen. Das Baugewerbe weist in seinen verschiedenen Berufen etwa 600 Arbeitslose auf, dann kommt zunächst die Metallindustrie mit über 470 Arbeltsloser, dann die Schnelder mit 128, die Bäcker, bei denen es immer viel Arbeitlose gibt, mit 104, die Gärtner mit 79, und schließlich auch die graphischen Gewerbe mit 78. Die Schuhmacher verzeichnen 71, die übrigen Gewerbe sind im Großen und Ganzen nicht übermäßig mit Arbeitslosen belastet.— Die Zählung wurde durch 1500 Gewerkschaftsmitglieder von Haus zu Haus vorgenommen. Alle vorhandenen Arbeitslosen sind dabei nicht aufgefunden worden; es ist zweifellos, daß es in Frankfurt mehr Arbeitslose giebt, als hier angegeben. Als Kuriosum muß noch angeführt werden, daß die Polizei das Anschlagen der Plakate, auf deneu zur Mithilfe an der Zählung aufge⸗ fordert wurde, verbot! Dabei war es sogar von einem Beamten, dem Gewerbeinspektor, mit unterzeichnet. Ja, ja, die Polizei——! Die angedrohte Aussperrung von rund 2600 Arbeitern auf der Werft des Bremer„Vulkan“ in Vegesack ist nicht zur Ausführung gekommen. Die Direktion hat den Termin bis Dienstag hinausgeschoben. K. D. Der Verband der Bäcker(Sitz Hamburg) hat soeben seinen Rechenschaftsbericht für das verflossene Jahr herausgegeben. Die Einnahmen betragen(inkl. eines Kassenbestandes von 9918,16 Mk. vom Vorjahr) 79571,24 Mk.; es verbleibt ein Kassenbestand am Schlusse des Jahres 1902 von 32 748,07 in der Hauptkasse. Vom 1. Januar ds. Jahres ab gewährt der Verband seinen Mitgliedern Arbeitslose nunter— stützung. Die 9. Generalversammlung ist auf Mittwoch, den 20. Mai 1903 nach Magdeburg einberufen. — pon Nah und Lern. Hessisches. Wer ist hessischer Staatsbürger? In dem Wahlproteste, den die Ordnungsleute gegen die Wahl unseres Genossen Ulrich in Offen⸗ bach erhoben hatten, war als Begründung mit angeführt, daß eine große Anzahl Wähler die hessische Staatsangehörigkeit erworben, ihre frühere aber nicht aufgegeben hätten, somit nach einer alten Bestimmung nicht als Staatsbürger gelten könnten. Diese Bestimmung ist seit Jahrzehnten in Hessen nicht mehr beachtet worden und bezieht sich nach Darlegungen ver— schiedener Staatsrechtslehrer auf Angehörige außerdeutscher Staaten. Dieser Ansicht scheint auch der Wahlprüfungs-Ausschuß der Zweiten Kammer zu sein; er hat bei dieser beantragt, die Wahl des Abg. Ulrich für gültig zu erklären. Der Zweiten Kammer ist eine Gesetzes⸗ vorlage über die Ausführung des Reichsgesetzes über die Fleischbeschau zugegangen. Das Fleischbeschaugesetz, welches am 1. April d. J. in Kraft tritt, gehört zu den sogenannten„klei— nen Mitteln“, die der„Landwirtschaft“, das heißt den Großgrundbesitzern, helfen soll. Auch das der Zweiten Kammer vorgelegte Gesetz läuft auf Verteuerung des Fleisches hinaus. Es schädigt die Konsumenten wie die Klein⸗ bauern und verursacht außerdem den Gemeinden nicht unbedeutende Kosten. Gießener Angelegenheiten. — Schwindelkrankenkassen. In den letzten Jahren sind eine Menge Hilfskranken— kassen aufgetaucht, die durch alle mögliche Re⸗ klame Mitglieder zu fangen suchen. Mit Vor⸗ liebe suchen sie Vertreter und Filtalverwalter aus Arbeiterkreisen anzustellen, denen große Nebenverdienste versprochen und schließlich auch einige Pfennige bezahlt werden. Natürlich nur, damit diese durch das Vertrauen, das sie in ihren Kollegenkreisen besitzen, der Kasse möglichst viele Mitglieder zuführen und der„Zeutral— verwaltung“, richtiger: dem Unternehmer die Taschen füllen. So teilte kürzlich der Berliner Polizeipräsident mit, daß der in Kassel wohnhafte Vorsitzende der Hilfskasse„Glück auf“, Hessischen Hilfskraukenkasse für ganz Deutschland(Eingeschriebene Hilfskasse Nr. 75) zu Kassel wegen seiner mangelhaften und dem Gesetze widersprechenden Geschaftsführung seines — SD U L 7— —————— — ——— N— 0 . —— — 8 Seite 4. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung Nr. 7. Posteus enthoben und gegen ihn wegen be— gangener Unregelmäßigkeiten in Sachen der Kasse das gerichtliche Strafverfahren eingeleitet worden ist. Die Kasse beschäftigte ferner eine große Anzahl Agenten, die wegen Eigentumsvergehen mit Gefängnis und Zucht⸗ hausstrafen bestraft waren; ferner schloß sie Mitglieder ungesetzlicherweise aus der Kasse aus, weshalb der Polizeipräsident dringend vor dieser Kasse warnte.— Ein anderes solches Musterinstitut in München, das den schönen Namen„Bavaria“ führte, kum neulich in Konkurs. Dabei stellte sich heraus, daß etwa 95 Prozent der Einnahmen für Verwaltungs- kosten verbraucht wurden und ganze 5 Prozent blieben für Krankenunterstützung übrig! Von den Mitgliedern wurden daun gerichtlich die Bei⸗ träge eingezogen, obwohl sie niemals daran denken können eine Unterstützung zu erhalten. — In der Umgegend von Gießen sucht ferner eine Kasse„Union“(Sitz Hannover) Mit⸗ glieder zu werben, in mehreren Orten haben Arbeiter Vertretungen übernommen, jedenfalls ohne genau über das Wesen dieses Instituts unterrichtet zu sein. Wir teilen deshalb fol⸗ genden Fall mit, den die Leipziger Volksztg. veröffentlicht: Ein Buchbinder in Stunz er⸗ lrankte am 31. Dezember 1902 und meldete seine Erkrankung am folgenden Tage brieflich direkt beim Hauptvorstand in Hannover an, da S 17 des Statuts vorschreibt:„Jede Er⸗ krankung, welche ärztliche Behandlung erfordert, muß der Kasse binnen 48 Stunden angezeigt werden.“ Fünf Tage später erhielt der Kranke die Aufforderung, sich an den Leipziger„Ge⸗ neralvertreter“, der Ed. Backhoff benamset ist, zu wenden. Einfacher wäre es gewesen, den Herrn„Generalvertreter“ zur Auszahlung des Krankengeldes anzuweisen. Damit hatte es aber gute Weile. Der Kranke erhielt trotz mehrfacher Schreibereien weder vom Herrn „Generalvertreter“ noch von dem Hauptvorstand der„Union“ Unterstützung. Das Ende vom Liede war ein vom 30. Januar 1903 datierter und von Kurre und Schomburg unter⸗ zeichneter Brief, in welchem dem Arbeiter der Ausschluß mitgeteilt wurde, weil er sich nicht innerhalb 48 Stunden krank gemeldet habe! Er erhielt natürlich keinen Pfennig Kranken⸗ geld, sondern nach vierwöchentlichem Warten auf Unterstützung den— Ausschlußbrief! Wir fühlen uns verpflichtet, diese Tatsachen mitzuteilen und raten den Arbeitern in ihrem eigenen Interesse zur Vorsicht. Welcher Ar⸗ beiter etwa das„Glück“ hatte, als„Vertreter“ oder Bevollmächtigter au erkoren zu werden, soll sich das Pöstchen bald wieder vom Halse schaffen, denn kein ehrlicher Arbeiter wird die Hand dazu bieten wollen, daß seine Klassen⸗ genossen unter Umständen schwer geschaͤdigt werden.— Die für den Arbeiter vorteilhafteste Krankenversicherung bietet die Ortskranken⸗ kasse überall dort, wo sich eben die Arbeiter deren Ausbau angelegen sein ließen. Wer aber der Ortskrankenkasse nicht angehören will oder kann, oder wer sich doppelt versichern will, der trete den seit Jahrzehnten bestehenden, von Ar- beitern gegründeten gut geleiteten und gut fundierten Ceutralkassen der Tischler, Metall⸗ arbeiter usw. bei. Die Mitglieder dieser Kassen werden nicht geprellt, haben auch das Recht, in der Verwaltung mitzureden. — Die Stadtverordneten-Versamm⸗ lung beschloß in ihrer letzten Sitzung am Donnerstag die Errichtung eines Wohnungs⸗ nachweises. Ferner wurde über ein Gesuch der Bürgermeisterei Lollar wegen Angliede— rung an das Gießener Gewerbegericht ver⸗ handelt. Das Gesuch wurde„zur Zeit“ ab⸗ gelehnt. Unsere Genossen Orbig und Krumm befürworteten nicht allein den Anschluß von Lollar, sondern aller Orte der Umgebung von Gießen. Möge die Arbeiterschaft diesen Gegen⸗ stand nicht aus dem Auge verlieren, sondern sich rühren, damit ein gemeinsames Gewerbe⸗ gericht errichtet wird. Petitionsbogen werden demnächst hierfür verausgabt werden. — Unsere Kreiskonferenz findet diesen Sonntag im Orbig'schen Lokale statt. Es ist die letzte vor den Wahlen! Wir heißen die Delegierten herzlich willkommen und wünschen, duß ihre Beratungen unjere Parker im Kreise und damit die Sache aller Unterdrückten und Ausgebeuteten ein gutes Stück fördern möge! Zur Reichstagswahl. Ein anti⸗ semsitischer Kandidat ist noch nicht aufgestellt. Es hat diese Woche eine Vertrauensmänner⸗ Versammlung in Gießen stattgefunden, welche die Kandidatenfrage erledigen sollte. Man scheint sich aber nicht einig geworden zu sein; denn in der dem„Gieß. Anz.“ zugegangenen Zuschrift heißt es:„Die endgiltige Regelung der Kandidatenfrage bleibt einer demnächst einzuberufenden Vertrauensmännerversammlung überlassen; jedoch ist ein im Wahlkreise a n⸗ sässiger Kandidat in Aussicht genommen.“ — Wrr sagten ja neulich gleich, daß sich Herr Köhler nicht so leicht wird absägen lassen.— Auf„liberaler“ Seite ist noch immer in allen Wipfeln Ruh! Herr Gutfleisch hat auch noch nichts verlauten lassen, wie er über die ihm vom„Anz.“ angebotene Kuddelmuddel— Kandidatur denkt. — Berichtigung. In Nummer 4 dieses Blattes ist der Bericht über die Versammlung der Genossin David in einer Form abgefaßt, die mich als Anhänger der Konsumver⸗ einsbewegung erscheinen läßt. Das bin ich nicht und ich habe dies auch in der Ver⸗ sammlung erklärt, dabei bemerkend, daß ich aus anderen Gründen(die ja jeder Genosse kennt) auf Begründung meiner abweichenden Ansicht verzichten wolle. Eduard Krumm. Zu der Denunziantengeschichte, die wir neulich aus Lich berichteten, bestreitet der Totengräber Ledermann, von der Sache gewußt zu haben. Seine Frau habe vielmehr ohne sein Zutun und sein Wissen den Allers der Behörde wegen Majestätsbeleidigung ange⸗ zeigt. Wenn dem so ist, dann trifft ja den Mann selbst weniger eine Schuld. Häßlich bleibt die Geschichte immerhin. — Der Lesehalle⸗Verein hält am Donners⸗ tag 19. Februar abends ½ 9 Uhr im Café Ebel seine Generalversammlung ab.(Siehe Inserat). 8 Aus dem Rreise gießen. — Versammlungen. Am Sonntag sprach Genosse Krumm in Oppenrod und Burkhardsfelden über die bevorstehenden Reichstagswahlen. Die Versammlung in Burk⸗ hardsfelden war recht gut, die in Oppenrod wegen verspäteter Bekanntmachung mäßig besucht. Die Ausführungen unseres Genossen fanden lebhafte Zustimmung. Gegner waren da, meldeten sich aber nicht zum Wort; umso eifriger hatten sie vorher gegen unsere Plakate ge— wütet. Aus dem Nreise Kriedberg⸗Püdingen. e. Das Gewerkschaftskartell Fried⸗ berg erstattete kürzlich über seine Tätigkeit Bericht. Es hielt im verflossenen Jahre neun Sitzungen ab. Die Beiträge mußten auf 15 Pfg. pro Kopf und Quartal erhöht werden, damit das Kartell seine Aufgaben besser erfüllen kann. Eine Klage, die auf Beschluß des Kartells gegen die Firma Sohn angestrengt wurde, ist noch nicht entschieden.— Mehrere Festlichkeiten, die vom Kartell arrangiert wurden, darunter die Maifeier, erfreuten sich recht guten Besuches; dagegen ließ die Beteiligung an verschiedenen Versammlungen sehr viel zu wünschen übrig. — Mit dem Antrage auf Errichtung eines Gewerbegerichts beschäftigte sich eine Ver⸗ sammlung am 13. April, in der Arbeitersekretär Heyden-⸗Frankfurt über die Bedeutung der Gewerbegerichte sprach. Die Versammlung be⸗ schloß eine Resolution, welche die Errichtung eines solchen fordert.— Weiter hielt das Kartell mehrere Agitationsversammlungen zu Gunsten der Metallarbeiter- und Schneider⸗Organisation ab, wodurch diesen Gewerkschaften eine Anzahl Mitglieder zugeführt wurden.— Ueber den Gewerkschaftskongreß berichtete Genosse Streb⸗ Offenbach in einer öffentlichen Versammlung. Auf Veranlassung des Kartells wurden Er⸗ hebungen über die Verhältnisse der im Verkehrs⸗ und Transportgewerbe beschäftigten Arbeiter veranstaltet.— Bedanerlich ist, daß einzelne Deleglerke ole tarteulsitzungen sehr unkcegelmatzig besuchen; die Gewerkschaften sollten die Dele⸗ gierten an ihre Pflicht erinnern, damit das Kartell, das doch sehr oft wichtige gewerkschaft⸗ liche Fragen zu erörtern und zu entscheiden hat, seine Aufgaben erfüllen kann.— Hinzugefügt set noch, daß bei einer am 17. Januar d. J. vorgenommenen Arbeitslosenzählung 132 Arbeitslose in Friedberg, Dorheim, Schwalheim und Rödgen festgestellt wurden; die meisten davon waren Bauarbeiter; 80 davon waren verheiratet. Diese Arbeitslosen waren zusammen 6592 Tage ohne Arbeit, jedenfalls ein Beweis dafür, wie schwer besonders die Bauarbeiter unter der wirtschaftlichen Krisis zu leiden haben. Aus dem Rreise Weßlar. h. Die Antisemiten haben für den Kreis Wetzlar⸗Altenkirchen den Dr. Giese⸗ Berlin, der, wenn wir nicht irren, Parteisekretär der„Deutsch⸗sozialen Reformpartei“ ist, auf⸗ gestellt. Dieser Beschluß ist am Dienstag in einer in Wetzlar stattgefundenen antisemitischen Versammlung gefaßt worden, die nach einer Notiz des„Wetzl. Anz.“ von 120 Vertrauens⸗ männern besucht gewesen sein und an der auch Christlich⸗Soziale und Landwirtsbündler teil⸗ genommen haben sollen. Dies scheinl uns etwas zweifelhaft, auch die„120“ Vertrauensmänner. Wenn es aber richtig ist, daß Bündler und Stöcker'sche mit dabei waren, die doch einen eigenen Kandidaten aufgestellt haben, so kann es einen interessanten Wahlkampf geben. Da können wir erleben, daß„Vertrauensmänner“ der genannten Parteten für die Kandidaten ihrer Gegner eintreten! h Der Agitator des Bundes der Land⸗ wirte, der seit einigen Wochen den Wetzlarer Kreis bearbeitete, hat seine Tätigkeit eingestellt. Es waren noch Versammlungen in Kinzenbach, Launsbach und Odenhausen vorgesehen, die ab⸗ gesagt wurden. Besonders erfolgreich scheint diese Agitation nicht gewesen zu sein und die aufgewandten Kosten müssen sich kaum rentiert haben. In der Bersammlung in Dutenhofen am Dienstag waren nur ein reichliches Dutzend Leute anwesend. Trotzdem hielt Herr Bitzer sein Referat, das stets mit der Aufforderrung zum Eintritt in den Bund der Landwirte schließt. Gen. Vetters vertrat dagegen den Standpunkt unserer Partei. Es muß cnerkaunt werden, daß Herr Bitzer sich stets der Sachlich⸗ keit befleißigte und im Gegensatz zu anderen Bundesrednern gehässige und schofle Augriffe auf unsere Partet vermied. km. Vom Westerwald. Man schreibt uns: Es ist beinahe unglaublich, welches Wunder die im November v. J. gescheiterten sozial⸗ demokratischen Versammlungen bewirkt haben. In uunserer Gegend, wo sonst politisch Kirchhofsruhe herrschte, geht plötzlich ein Er⸗ wachen der Geister vor sich, welches den Volks⸗ freund mit Freude und froher Hoffnung für die Zukunft erfüllen darf. Erst einzelne Freunde, dann immer mehr und mehr schaaren sich um unsere Fahnen; gleichen Schritt damit hält die Verbreitung unserer Presse; die„Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ ist bereits in vielen Orten eingebürgert und ebenso der„Vorwärts“, „Wahrer Jakob“ usw. usw. Der Heißhunger nach sozialdemokratischen Schriften und Bro⸗ schüren ist bewundernswert; sie wandern von Hand zu Hand, von Haus zu Haus, und die Folgen sind neue, begeisterte Freunde unserer gerechten Sache. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, unseren unfreiwilligen Helfern zu danken. Burreakratische Anmaßung, rigorose Handhabung der Pylizeivorschriften, Geldstrafen bei den nichtigsten, unbedeutendsten Sachen sind ebenso wirksame, wie zahlreich an⸗ gewandte Mittel, um auch den geduldigsten, kriegervereinsversimpelten„Patrioten“ dem „Umsturz“ in die Arme zu treiben. Dazu kommt in unseren kleineren Orten ein System der Spionage, der Schnüffelei, was die Bevölkerung nie gekaunt hat und von ihr lästig empfunden wird. Tagelang müht sich die Gendarmerie ab, die Verbreiter des sozial)/ 5—— —— Nr. 7. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. demotralischen dalenders zu eutdecken, Uoschon die Verbreitung gesetzlich durchaus erlaubt ist; man denkt aber hier und da vielleicht einen armen Teufel herauszuschnüffeln, den man ge⸗ legentlich die bureaukratische Allmacht fühlen lassen kann; der Liebe Mühe ist zwar hier umsonst, da die Verteiler vielleicht unabhängiger wie manche preußische Landräte sind. Daß die Saalabtreibung noch in hoher Blüte steht, erwähnen wir nur nebenbei. Der„Bayerische Kurier“, ein e nennt die Saal⸗ abtreiberet„Dreschflegelmanier“. Das ist sicher richtig; in den meisten Fällen ist's aber mehr Dummheit. Man glaubt, eine große Kulturbewegung mit dem Polizeiknüppel niederschlagen zu können und hat doch damit schon trübe Erfahrungen gemacht. Und die gleiche Erfahrung werden die Herren, die es angeht, bei den Wahlen auch hier im Wester⸗ wald machen. Aus dem Rreise Marburg⸗Rirchhain. r. Innungmeisterliches aus Marburg. Als man vor etlichen Jahren daran ging, die„Organisation des Handwerks“ gesetzgeberisch in die Wege zu leiten, bezeichnete man ez als die Hauptaufgabe der zu schaf⸗ senden Innungen, die Hebung des Kleingewerbes zu bewerkstelligen. Doch dle Arbeiter waren sich von vorn⸗ herein darüber klar, daß die zünftlerischen Bestrebungen mit in erster Linie auf die Unterdrückung der Arbeiter und ihrer Vereinigungen, welche die Besserung der Lohn⸗ und Arbeits verhältnisse bezwecken, gerichtet waren. Man hatte schon Erfahrungen in dieser Beziehung; überdies bezeichneten ja die Führer der„Mittelstandsbewegung“ immer wieder Maßregeln gegen die„unbotmädigen“ Gesellen für notwendig, um dem Handwerk wieder zu seinem„goldenen Boden“ zu verschaffen. Ein Beispiel dafür, wie Innungsleute das Handwerk heben wollen, sehen wir jetzt wieder an dem Vorgehen der Schreiner⸗ innung in Marburg, die es darauf abgesehen zu haben scheint, ernstliche Differenzen im Holzarbeitergewerbe her⸗ vorzurufen. Folgendes ist der Hergang der Sache. Kurz vor Weihnachten hatle der Holzarbeiterverband in Marburg, wie damals in der M. S. ⸗Ztg. mitgeteilt, die Sperre über die Rohledersche Werkstelle verhängt, weil dort Mißstände herrschten, die trotz wiederholter Vorstellung der Arbeiter nicht beseitigt wurden. Ein Schiedsgericht, unter Vorsitz des Oberbürgermeisters brachte eine Einigung zu Stande; es wurde das Ehren⸗ wort abgegeben, daß bei Rohleder bessere Zustände ein⸗ geführt werden sollten. Die Sperre wurde alsdann aufgehoben. Hiermit, glaubten die Schreinergehilfen, würde jeder Streit geschlichtet sein und von jetzt ab Friede zwischen der Zwangsinnung und dem deutschen Holzarbeiter⸗Verbande herrschen. Aber weit gefehlt. Die Herren Innungsmeister hatten heimlich eine Arbeits⸗ ordnung ausgearbeitet und diese, ohne den Gesellen⸗ ausschuß zu fragen, wozu sie nach dem Junungsstatut verpflichtet sind, in den Werkstätten aushängen lassen. Eine Erregung bemächtigte sich der Gesellen und man war sich sofort klar, daß diese Arbeitsordnung eine Antwort auf die Sperre bei Rohleder war. Gewiß hätten die Gesellen nichts gegen eine Arbeitsordnung — obwohl sich bisher eine solche nicht nötig erwiesen hat— aber diese ist für die Arbeiter einfach un an⸗ nehmbar. Das ist kein Arbeitsvertrag, sondern eine Straf⸗ und Zuchthausordnung. Es wimmelt darin nur so von Strafen. Die Arbeitszeit wird nach§ 1 ohne Weiteres um 2 Stunden verlängert; es heißt da: „Die Arbeitszeit beträgt 10 Stunden, kann aber auf Wunsch des Meisters auf 12 Stunden ausgedehnt Nach diesen 12 Stunden werden Veberstunden mit ganzen 10 Prozent bezahlt. Ein anderer 8 ver⸗ bietet ganz überflüssiger Weise das Mitnehmeu von Zeichnungen und Modellen, als ob etwa wichtige tech⸗ nische Geheimnisse zu verraten wären! Wir können uns wenigstens nicht erinnern, daß ein Marburger Schreiner⸗ meister schon mal eine Erfindung patentiert bekommen hätte. Außerdem werden wir hier als unehrlich hinge— werden.“ stellt. Ein anderer Passus bescstigt eiafach den 5 616 des bürgerlichen Gesetzbuches, der bekanntlich Lohnzahlung für kleinere, ohne Verschulden des Arbeiters eintretende Zeitversäumnisse fordert. Natürlich ist in einem andern Paragraphen das„Aufreizen, Hetzen und Agitieren“ verboten, ein Beweis, daß sich der Vorstoß der Meister gegen den Holzarbeiterverband richtet. Mit allem Recht verweigerten daher die Gesellen am Samstag vor acht Tagen die Unterschriften. Sogar ein Mitglied der Zwangsinnung jagte den Boten mit der Arbeitsordnung wieder fort mit dem Bemerken, er habe selber eine Arbeitsordnung. Andere Meister hängten sie erst gar nicht auf, weil sie wußten, es unterschrieb doch niemand. Nach allem muß man annehmen, daß die Arbeitsordnung nur vom Innungs⸗Obermeister und seinen wenigen Getreuen ausgeht und ein Teil der Schreinermeister damit nicht einverstanden ist. In einer am Montag (2. Februar) staltgefundenen Mitgliederversammlung des Holzarbeiterverbandes, in welcher ¼ der in Marburg beschäftigten Schreiner sowie der Gauvorsteher Brückner⸗ Frankfurt anwesend waren, wurde die Arbeitsordnung eingehend und sachlich beraten. Alle Redner wiesen auf den Scharfmacher⸗Geist hin, der in diesem Machwerk stecke, und auch der Gauvorsteher erklärte, das Ding sei noch schlimmer als eine Gesindeordnung und bezeichnet sie für die Arbeiter absolut unannehmbar. Ein stimmig beschloß die Versammlung, die Arbeitsordnung nicht anzuerkennen. Ferner beschloß man, dem deutschen Holzarbeiterverband treu zu bleiben und dafür zu sorgen, daß ihm sämtliche Schreiner in Marburg beitreten.— Eine weitere, von mehr als 60 Schreinern besuchte Holzarbeiterversammlung tagte am Sonntag bei Hil⸗ berger. Genosse Vetters⸗Gießen sprach über„Ge⸗ werkschaftliche Kämpfe“; er betonte in seinem Referat, daß die Gewerkschaften keineswegs„Streikvereine“ seien, wie die Gegner vielfach behaupteten. Jeder vernünftige Arbeiter wende den Streik als das letzte Mittel, das ihm zu Gebote steht, nur an, wenn er dazu gezwungen sei. Besserung der Lohn⸗ und Arbeitsbedingungen liege ebensosehr im Interesse des sogenannten Mittelstandes, als auch der Arbeiter. Er scgilderte die segensreiche Wirksamkeit der Gewerkschasten und forderte die An⸗ wesenden auf, sest an dem Holzarbeiterverbande zu halten. — Hierauf kam wieder die Arbeitsorduang zur Sprache. Es ergab sich völlige Einhelligkeit der Arbeiter. In der Resolution wird ausgesprochen, daß keiner die Ar⸗ beitsordnung unterschreiben werde; etwa Gemaßregelte werden vom Holzarbeiterverband unterstützt. St. Die Parteiversammlung am letzten Samstag Abend bei Jesberg war recht gut besucht. Genosse Vetters ⸗Gießen hielt einen interessanten Vortrag„Zu den Reichstagswahlen“, wobei er auch das Programm unserer Partei einer Besprechung unterzog und besonders den revolutionären Standpunkt der⸗ selben beleuchtete und erklärte. Nach dem sehr beifüllig aufgenommenen Vortrag wurde in die Diskusston über den Punkt„Reichstagswahl“ eingetreten und ein siebengliedriges Wahlkomitee, bestehend aus den Genossen Härtling, Abel, Schönhals, Rösler, Simon, Weiers⸗ häuser und Wolf gewählt, welches die nötigen Vorarbeiten, eventl. unter Hinzuziehung weiterer Genossen, zu erledigen hat. Die Abrechnung der Kolportagekommission ergab eine Einnahme von 432.20 Mk., die Ausgaben beliefen sich auf 215.32 Mk., sodaß ein Kassenbestand von 216.88 Mk. verblieb. Genosse Prüßing teilte mit, daß die Abonnentenzahl der„Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung“, welche durch den öfteren Wechsel der Kolporteure in der letzten Zeit etwas gefallen war, sich wieder gehoben und erfreulicherweise die frühere Zahl bereits über⸗ schritten habe. Eine sehr lebhafte Debatte entspann sich hierauf über den Punkt„Presse“, in welcher sich zunächst unser Vertreter in der Preßkommission über die Zurückstellung eines von ihm an die Redaktion unserer Zeitung eingesandten Artikels über die Vorgänge im hacstgen Tischlergewerbe beschwerte; derselbe sei zeitig genug eingesandt worden und hätten ganz gut einige andere minder wichtige Sachen zurück⸗ bleiben können. Sämtliche Redner sprachen sich in demselben Sinne aus. Auch wurde der Wunsch geäußert, daß bei den Sitzungen der Preßkommission wenigstens einmal im Jahre unser Vertreter hinzugezogen würde, was seither nicht der Fall war. Hessischer Landtag. Die Zweite Kammer trat am Donnerstag nach Erledigung mehrerer Wahlanfechtungen in die Beratung des Etats ein. Finanzminister Gnauth ergriff zu⸗ erst das Wort und begründete die Ausfälle, welche der Etat gegenüber dem Vorjahr aufzuweisen hat. Der Gewinn Hessens an dem Ertrag der hessisch⸗preußi⸗ schen Staatseisenbahngemeinschaft ist um einige Hunderttansend Mark geringer. Das Sinken der Holzpreise hat ein schlechteres Erträgnis aus den Domänen zur Folge gehabt. Der Mehrbedarf des Reiches wird durch das Reich sebst gedeckt werden. Eine Erhöhung der Matrikularbeiträge steht für Hessen nicht in Aussicht. Sparsamkeit im Lande soll aber die Hauptaufgabe sein. Von den Abgeordneten sprachen Möllinger und Mo than. a 2 * Unfall. Der Besitzer der Fußmühle bei Großen⸗Buseck geriet am Mittwoch in die Trans⸗ mission und trug schwere Verletzungen davon. ** In Allendorf an d. L. machte vorigen Sams⸗ tag eine Frau, die durch den Tod ihres Mannes an⸗ scheinend geistesgestört worden war, Selbstmordversuch, indem sie sich in den an dieser Stelle tiefen Kleebach stürzte. Der Müller Arnold, der zufällig vorüber ging, rettete sie vom Tode des Ertrinkens. Versammlungskalender. Genossen! Besucht regelmäßig Eure Versammlungen! Samstag, den 14. Februar. Gießen. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Sonntag, den 15. Februar. Heuchelheim. Volksversammlung. Abends 7 Uhr im Lokale„Zum Schwanen“(Kröck). Die Reichstagswahlen. Ref. E. Krumm. Steinberg. Arbeiterbildungs verein. Nach⸗ 3½ Uhr Versammlung bei K. Linn. Wegen wichtiger Tagesordnung vollzählig und pünktlich erscheinen. Montag, den 16. Februar. Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Samstag, den 21. Februar. Friedberg. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung in Stadt New-Nork. Vortrag des Genossen Busold: Erster Teil des Parteiprogramms. Gießen. Jeden Dienstag, Abends punkt 1/9 Uhr Diskussions⸗ und Unterrichtsstunde im„Wiener Hof“ bei Lö b(oberes Zimmer). Mriefkasten. E. Alsfeld. Nächste Nummer. Herrn Bitzer⸗ Kessenich. Senden Ihnen das Blatt zu und em⸗ pfehlen es Ihrem aufmerksamen Studium. Sie werden finden, daß wir stets gerecht urteilen. D. R. Notstandsarbeiter. Anonyme Einsendungen sind wertlos, nennen Sie Ihren Namen, dann will ich der Sache näher treten. Püschen(Westerwald). Wir können uns Ihrer Ansicht über die Nutzlosigkeit einer Wasserleitung nicht anschließen; wir halten eine solche im Gegenteil für gut und notwendig. Die etwas zu energische Schließung der öffentlichen Brunnen glauben wir nicht eher, bis Sie uns noch drei Zeugen nennen. Ist es so wie Sie sagen, dürfte eine Beschwerde beim Reichsgesundheitsamt in Berlin Abhülfe schaffen. Im übrigen besten Gruß an Sie und die A e Dienstag, den 17. Februar 5850 92 55 Montag, den 16. Jebruar Wäellfleisceh imit Kraut. Louis Löb. 757 „Wiener Hof““ 9 Millionen Cigarren on fabelhaft billig zu verkaufen. 100 St. 5 Pf.⸗Cigarren nur M. 2,95 100 1 6 1 0 1 3,70 100 7 8* 7 7 9 4,70 100„ 10*** D 6,15 Bei 300 Stück Frankolieferung. Versand gegen Nachnahme. Für Güte der Ware wird aus⸗ drücklich garantiert. Tausd. Anerkennungen liegen vor Berndt& Co., Berliu⸗ Schöneberg 178a, Ebersstraße 75. n tag, den 22. Jebruar 1903, abends 8 Ahr Winter⸗Oergnügen der Gewerkschaften Marhurgs, Eintritt: 0 Pe son 30 Pfg. Zu zahlreichem Besuch ladet ein 1 Marburg! bestehend in Aon eri, Iheuler uu˙ůnwu June im Saale des Cafe Quentin(Höck). Vollkarte(1 Dame frei) 1 Mk. Zum Theater pro Die Vewerlschafts⸗Kom mission. Seite 6. Mittelden sche Sonntaas⸗geitung. Nr. 7. 2——* 2 2 8. 8—— 8„——————— 1 .—— 5——— 2—— 2 2 5. 1 5 5—— 5——*—— 555 2 3 —— 5— 3.— ä—— 2— 8 ö—.— r — 4 r—.————. 5 80 r ä——r...—. 5—— r.—— 8— 50 ——:.: TT..—. ͤ—————— 2— 8 3 8 5—„ 5 3— 8— S—.——.——— 1 b Unterhaltungs-Ceil. 1 ———— 9 2 Ein Narr des 19. Jahrhunderts. Von Heinrich Zschokke. 2(Fortsetzung) „Das waren aber doch nur erst Vorspuren der Geisteszerrüttung!“ rief ein junger Leutnant, „allein der erste Akt seiner Narrheit war, als er den Oberleutnant von Berken anfiel, mit Maulschellen bewirtete und die Treppe hinunter⸗ warf, nachher aber die Herausforderung nicht anzunehmen wagte und bei der Gelegenheit das ganze Offizierkorps beleidigte.“ „Er war doch sonst ein guter Fechter, der eben die blanke Klinge nicht fürchtete!“ sagte ich. „Wir kannten ihn bis dahin auch als solchen. Aber, wie gesagt, seine ganze Natur änderte sich. Als er auf den Platz kam, wo er sich schlagen sollte, erschien er ohne Degen, bloß mit einer Rute in der Hand und sagte in unser aller Gegenwart zum Oberstleutnant mit lachendem Munde:„Du verächtlicher Bock, wenn ich dich wirklich mit dem Degen zerfetzte, würdest du darum mehr wert sein?“ Und als der Oberst⸗ leutnant seinen Zorn nicht mehr mäßigen konnte und den Degen zog, entblößte der Major kalt⸗ blütig seine eigene Brust und hielt sie ihm hin und sagte:„Hast du Lust, Meuchelmörder zu werden: stoß zu!“— Wir wollten uns hinein⸗ mischen in den Wortwechsel, ihn zwingen, sich mit dem Oberstleutnant zu schlagen, wie Pflicht und Ehre geboten.— Da naunte er uns alle⸗ samt Narren, die mit ihren Grundsätzen von Ehre ins Irrenhaus oder ins Zuchthaus ge— hörten. Nun konnten wir bald merken, daß es nicht mehr ganz richtig bei ihm im Ober⸗ stübchen wäre. Einige unter uns schimpften ihn. Daraus machte er nichts, sondern lachte. Wir begaben uns zum General, wir erzählten demselben offenherzig den ganzen Vorfall. Der General ward sehr verdrießlich, um so mehr, da er an demselben Tage für den Major den Orden vom Hofe erhalten hatte. Er bat uns, ruhig zu sein; er wolle alles vermitteln, der Major müsse Genugtuung geben. Folgenden Morgens bei der Parade überreichte der General, laut Vorschrift, mit einer angemessenen Rede dem Major den Orden. Der Major nahm ihn nicht an, sondern antwortete in den ehrerbietigsten Worten die unehrerbietigsten Dinge, des Inhalts: Er habe für das Vaterland und nicht für ein Stückchen Band gegen Napoleon gefochten. Habe er einiges Lob verdient, so wolle er's nicht vor aller Augen an der Brust umher zur Schau tragen. Der General war außer sich vor Schrecken. Keine Bitten, keine Drohungen konnten den Major bewegen, das königliche Gnadenzeichen anzunehmen.— Nun traten die Offiziere vor und machten die Erklärung, sie könnten nicht mehr mit dem Major dienen, wenn er nicht Genugtuung leiste.— Die Sache kam zur Untersuchung, der Major in Haft, vom Hofe die Entlassung des Majors. Nun brach die volle Narrheit erst aus. Er ließ sich den Bart wie ein Jude wachsen, trug lächerliche Kleider, heiratete seinen Verwandten zum Trotz ein ganz gemeines, übrigens hübsches Mädchen, ein Findelkind, wegen dessen er schon mit dem Oberstleutnant Händel gehabt hatte, hielt sich eine Zeit lang für blutarm und beging so vielerlei Torheiten, daß er endlich auf koͤnig⸗ lichen Befehl unter Aufsicht gestellt und nach seinen Gütern verwiesen wurde.“ „Wo lebt er jetzt?“ fragte ich. „Auf seinen Gütern noch, zu Flyeln, im Schlosse seines verstorbenen Oheims; ungefähr zehn Meilen mögen es von hier sein. Ein Jahr lang durfte niemand ohne Erlaubnis zu ihm, sogar die Verwaltung seines Vermögens ward ihm entzogen. Sie ist ihm jetzt wieder stellen; auch darf er sich keinen Schritt über die Grenzen seiner Gerichtsherrlichkeit entfernen. Er dagegen hat die ganze Welt feierlich in Bann getan und läßt weder Verwandte noch Bekannte noch Freunde zu sich. Man hat schon seit Jahr und Tag nichts mehr von ihm ver⸗ nommen.“ Der Besuch. Aus allen Erzählungen der Offiziere leuchtete hervor, daß der unglückliche Olivier nach Verlust seines Verstandes doch immer ein gutmütiger Narr geblieben sei, und daß wahrscheinlich das deutschtümelnde Wesen, welches vor einigen Jahren Modesucht geworden, ihn etwas über Gebühr ergriffen oder seinem Wahnsinne wenig⸗ stens die Farbe gegeben habe. 8 Alles das hatte mich tief erschüttert. Ich konnte lange des Nachts den Schlaf nicht finden. Als ich am andern Morgen erwachte, war es schon spät; aber ich fühlte mich erquickt und 0 Die Welt erschien mir in viel heiterem icht als den Abend zuvor, und ich beschloß, meinen bedauernswürdigen Freund in seinem Verbannungsorte zu besuchen. Nachdem ich noch flüchtig die Sehenswürdig⸗ keiten der Stadt besichtigt hatte, warf ich mich in den Wagen, fuhr bis in die Nacht und folgenden Tages nach Flyeln, in der Nachbar⸗ schaft eines Seestädtchens. Das Dorf Flyeln liegt noch zweit Meilen hinter dieser Stadt. Der Postmeister, als er hörte, wohin ich wollte, lächelte und meinte, ich werde wohl eine ver⸗ gebliche Reise tun. Der Baron lasse sich nicht vor Fremden sehen. Auch erfuhr ich, daß sich sein Gemütszustand nicht gebessert habe, sondern der gute Mensch vor der festen Vorstellung behaftet sei, die ganze Welt wäre seit Jahr⸗ hunderten närrisch geworden, und die Heilung müsse von Flyeln ausgehen. In diesem Prozeß, da die Welt ihn und er die Welt für närrisch halte, sondere er sich von allen Menschen ab. Seine Bauern, deren Grundherr er ist, befinden sich übrigens sehr wohl dabet, denn er tut viel für sie. Aber dafür müssen sie seinen Grillen in allen Kleinigkeiten gehorchen, Schifferhosen und lange Jacken, runde Hüte tragen, sich den Bart lang wachsen lassen und alle Leute, wenigstens auf Flyelnschem Grund und Boden, sogar ihren Oberherrn, duzen. Abgerechnet diese seine Sparre, wäre er der vernünftigste Mann von der Welt. Ungeachtet der Warnung des Postmeisters machte ich doch den Versuch und fuhr hinaus gen Flyeln. Was lag mir doch daran, zwei Meilen vergeblich zu fahren, nachdem ich, Oli⸗ viers willen, mich so weit vorgeabenteuert hatte? Und ich fand keine Ursache zur Furcht, von ihm abgewiesen zu werden, weil er nicht am Gedächtnis gelitten. Es war freilich ein er⸗ bärmlicher, selten befahrener Weg, der bald durch tiefen Sand, bald durch ausgetretene Bäche und versuwppften Boden, bald durch Kieferngestrüpp fortzog und meinem Wagen ein paarmal der Umsturz drohte. Eine Stunde von Flyeln aber erhob sich das Land, und eine schöne breite Fahrstraße, auf beiden Seiten mit Obstbäumen bepflanzt, verkündete die Nähe eines reichen Gutsbesitzers. Die Felder standen in der weiten Ebene trefflich gebaut; rechts dehnte sich in der Ferne ein hoher Eichenforst mit dunklem Grün wie ein uugeheures Laubgewinde, links das nnendliche Meer, ein wallender, weiter Spiegel, der mit glänzenden Wolken am Rand des Gesichtskreises zusammenrann. Flyeln, das Dorf, zeigte sich zwischen Fruchtbäumen, Weiden und Pappeln vor mir; seitwärts erhob sich ein großes, altertümliches Gebäude, das Schloß, wie aus einem Wald von wilden Kastanien hervorsteigend. Abwärts, dem Meere näher, lag das Dorf Niederflyeln, ebenfalls zu Oliviers Herrschaft gehörig, malerisch an schroffe Felsen gelehnt, die zuletzt, als umbuschte Klippen, wie kleine Inseln weit ins Meer hinausgingen. Einige Fischerboote mit Segeln schwärmten um die Gestade; auf der Höhe des Meeres erblickte man ein reisendes Schiff; die weißen Möven flatterten scharenweis in den Lüften. Je näher ich dem Dorfe und dem Schlosse vberlassen, doch muß er jährliche Rechnung kam, je malerischer und freundlicher ward die Umgebung. Reiz einer Seegegend, welcher aus der Paarung des Ländlich⸗Anmutigen mit der Majestät des unübersehbaren Ozeans, des Geborgenen und Friedlichen einfacher Hütten mit dem weiten stürmischen Leben des tückischen Elementes er⸗ wächst. In jedem Fall ist der Verbannungsort meines Freundes reizend genug, daß man dafür ohne Gram die Freiheit, in lärmerischen Städten zu wohnen, aufopfern kann. Sowohl auf den Feldern als in einigen Gärten sah ich schon die angekündigten„Flyeler Bärte“. Auch der Wirt, vor dessen Schenke ich hielt und abstieg, war reichlich geschmückt mit Haarwuchs um Kinn und Mund. Er er⸗ widerte meinen Gruß freundlich und schien da⸗ bei doch über meine Ankunft verwundert. „Willst Du etwa den Gutsherrn besuchen?“ fragte er mich höflich. Ich ließ das etwas auffallende Du lächelnd durchgehen und bejahte es.„So bitt' ich um deinen Namen, Stand und Wohnort. Das muß dem Herrn Olivier gemeldet werden. Er nimmt ungern Reisende an.“ „Aber mich nimmt er gewiß an. Laß Er seinem Herrn nur melden, es wünsche ihn einer seiner ältesten und besten Freunde im Vorbei⸗ reisen auf ein paar Stunden zu sehen. Mehr lasse Er ihm nicht sagen.“ „Wie du willst,“ erwiderte der Wirt,„aber ich kann dir die abschlägige Antwort voraus⸗ sagen.“ Während der Wirt einen Boten suchte, ging ich langsam durchs Dorf in geradester Richtung gegen das Schloß, zu dem mich ein Fußweg hinzuleiten schien, der zwischen Häusern und Baumgärten lief. Er führte mich aber irre zu einem Gebäude, das ich für ein Waschhaus hielt. Seitwärts, jenseit einer Wiese, floß ein ziemlich breiter Bach, hinter welchem sich die hohen dunklen Wildkastanien des altertümlichen Stammhauses der Freiherren von Flyeln schattig erhoben. Ich beschloß das Wagestück, mich bei Olivier unangemeldet einzuführen. Ich hatte dem Wirt absichtlich meinen Namen verschwiegen, um, wenn mich Olivier vor sich ließe, zu sehen, ob er mich erkennen würde? Ich ging über die Wiese, fand nach langem Suchen weiter abwärts über den Bach Weg und Steg, die mich zwischen Buschwerke gegen die Wildkastanien zurückführten. Diese beschatteten einen geräu— migen, mit grünem Rasen bedeckten runden Platz neben dem Schlosse. Ringsum zog sich im Innern ein breiter, mit Sand bedeckter Weg, links und rechts standen artige Ruhebänke nuter den breiten Zweigen der Bäume, und auf einer der Bänke saß— ich war nicht wenig überrascht— Olivier. Er las in einem Buche. Zu seinen Füßen spielte ein dreijähriges Kind im Grase. Neben ihm saß ein bildschönes Frauenzimmer mit einem Säugling an der Brust. Die Gruppe hatte etwas Wunderbar⸗ liches. Ich stand still, halb vom Gesträuch verdeckt. Keiner sah nach mir auf. Meine Augen hingen nur an dem guten Olivier. Selbst der swarze Bart, der sich ihm um Kinn und Lippen kräuselte und durch den Backenbart mit den finstern Locken seines Hauptes zusammenhing, stand ihm wohl an. Seine übrige Tracht hatte etwas Eigenes und doch nicht Befremdendes. Auf dem Kopfe trug er eine Art Barett mit Vorschirm gegen die Sonne; die Brust offen, mit weit überlegtem Hemd⸗ kragen; eine grüne weite Jacke, vorn überein⸗ ander geknüpft, mit bis gegen das Knie reichenden, vorn ganz zusammengehenden Schößen, weiße weite Matrosenhosen, Halbstiefeln. Es war ungefähr dieselbe Tracht, welche ich an den Bauern gesehen hatte, nur die seinige feinern Stoffes und geschmackvoller. Seine Miene war ruhig und nachdenkend. Auch als Mann, der den Vierzigern ens anging, konnte er noch schön heißen. Sein Vart gab ihm ein helden⸗ artiges Wesen und Ansehen. Es kam mir vor, als sähe ich eine edle Gestalt aus dem Mittel- alter. (Fortsetzung folgt.) Parteigenossen, Arbeiter! werbt stets Abonnenten für die „Mitteldeutsche Sonntagszeitung, Es lag in ihr der eigenkümlicht ———— — che ng des nd len er t für ten gen ler ickt el ⸗ r ä— Nr. 7. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. Sozialismus und Strafe. Ueber dieses interessante Thema sprach un⸗ längst der sozialdemokratische Reichstagsabge⸗ ordnete und Rechtsanwalt Hugo Haase in einer Königsberger Frauenversammlung. Wir ent⸗ nehmen dem Berichte der Königsberger Volks⸗ zeitung das Folgeade hierüber: Hat der Staat überhaupt ein Recht, zu strafen? Das wird den Meisten wohl als selbstverständlich erschienen sein. Zwei Fragen entstehen für uns: wird die Strafe im Zukunfts⸗ staat entbehrlich sein? und zweitens, müssen wir in der gegenwärtigen Gesellschaft die Beseitigung der Strafe verlangen? Die Be⸗ rechtigung der Strafe wird auf verschiedene Weise begründet. Früher glaubte man allge⸗ mein, daß durch Abschreckung das Verbrechen verhütet werde. Deshalb wandte man recht schwere und grausame Strafen an. Im Mittel⸗ alter waren die Strafen entsetzlich grausam. Man goß den Verbrechern glühendes Blei in die Ohren; der zum Tode Verurteilte wurde gerädert oder auch auf einer Kuhhaut zur Richtstätte geschleift und dort in vier Stücke zerrissen. Aus demselben Grunde waren die Hinrichtungen öffentlich. Jeder sollte sehen, wie schlimm dem Missetäter mitgespielt wurde und sich vor Verbrechen hüten, damit es ihm nicht ebenso gehe. Der erwartete Erfolg trat aber nicht ein. Die Verbrechen nahmen nicht ab, sondern zu. Die Ursache war, daß die entsetzlichen Zustände(3. B. der dreißigjährige Krieg mit der Verelendung und Verrohung der Massen, die er mit sich brachte) immer neue Verbrecher und Verbrechen schufen. Man mußte schließlich auch einsehen, daß die öffent⸗ lichen Hinrichtungen, weit entfernt, die Zuschauer abzuschrecken, gerade die rohen Instinkte erst erweckten. Ferner giebt es stark ideale Naturen, die aus edlen Beweggründen gegen die bestehenden Gesetze verstoßen. Diese lassen sich überhaupt nicht abschrecken. So stellte sich Johann Jacoby, obwohl ihm wegen Majestätsbeleidigung Hturichtung in schimpflichster Art drohte, doch den Richtern, vor denen er in der Schweiz sicher war. Weiter wird als Rechtfertigung der Strafe der Satz angeführt: jedes Verbrechen heischt Sühne. Hierauf erwidern die Gegner der Strafe: das ist brutal; das ist nichts Anderes als der Durst nach Rache, den wir als sittlich hochstehend nicht anerkennen können. Da ist aber doch ein wesentlicher Unterschied. Denn wenn wir genau überlegen, ist doch dieses verfeinerte Rachegefühl, dieses Verlangen nach Vergeltung nichts Anderes, als das Gerechtig⸗ keitsgefühl. Wenn ein Mord geschieht oder wenn ein Unternehmer seine wirtschaftliche Macht benützt, um seine Arbeiterinnen geschlecht⸗ lich zu mißbrauchen, so verlangt unser Gerechtig⸗ keitsgefühl, daß die Tat gesühnt wird. Als ungerecht empfinden wir es, wenn die Vergel⸗ tung unterbleibt. Der wichtigste Rechtfertigungsgrund der Strafe ist aber, daß die Gesellschaft sich gegen die Angriffe der Missetäter schützen muß. Das taten schon die Horden der Urzeit, sobald die Menschen sich zu gemeinsamem Leben in Gruppen zusammenschlossen. Das mußten sie tun, wenn das Zusammenleben, die Gesellschaft, überhaupt Bestand haben sollte. Und das wird auch die sozialistische Gesellschaft tun müssen. Sie kann nicht dulden, daß das, was sie hoch— hält, vernichtet wird durch einzelne Entartete. Darüber sind wir freilich Alle einig, daß die Wurzel der meisten Verbrechen in den sozialen Zuständen liegt. Die Not, die Verwahrlosung, die Trunksucht liefern die meisten Verbrecher. Aber wenn auch die metsten Verbrechen hierin ihre Ursachen haben, so doch nicht alle. Es giebt auch Verbrechen, die aus persönlicher Leidenschaft begangen werden. Und daß diese in der sozialistischen Gesellschaft aufhören werden, ist nicht anzunehmen. Soll doch in der sozialistischen Gesellschaft gerade die indi⸗ viduelle Anlage der Eigenart jedes einzelnen Menschen sich frei entwickeln. Also wird auch damit zu rechnen sein, daß die aus Leldenschaft begangenen Verbrechen nicht verschwinden werden. und folglich wird auch die ozialtulsche Gesell⸗ schaft strafen müssen, um sich zu schützen. Die Forscher, welche die Ursachen des Ver⸗ brechens zu ergründen trachten, Untersch eiden verschiedene Arten Verbrecher. Da sind zuerst die sogenannten geborenen Verbrecher. Der berühmte italienische Gelehrte Professor Lombroso hat die Schädel und die sonstige körperliche Beschaffenheit von mehreren tausend Verbrechern untersucht und bei ihnen allen gewisse gleiche Eigenschaften gefunden. Es sind das Körperbeschaffenheiten, welche man nach seiner Behauptung auch bet den wilden Völkerschaften findet, wonach anzunehmen ist, daß diese Leute körperlich in den Zustand der Wildheit zurückgefallen sind. Lombroso schließt daraus, daß solche Menschen schon Kraft ihres körperlichen Zustandes Verbrechen begehen müssen, sie mögen wollen oder nicht. Wenn sie nun nichts dafür können, so könnte man sagen, sie müssen straffrei bleiben. Lombroso sagt umgekehrt: sie sind der Gesellschaft gefährlich, also müssen sie lebenslänglich eingesperrt werden. Freilich sollen ste nicht wie heutzutage die Ge⸗ fangenen, sondern liebevoll behandelt werden. Obgleich nun Lombroso's Angaben zum Teil berechtigt sind, so ist es doch eine Uebertretbung, anzunehmen, daß die Zahl solcher Menschen groß ist. Die allermeisten Verbrecher können gebessert werden, wenn man sie in andere Ver⸗ hältnisse, in eine andere Umgebung bringt. Die nächste Klasse bilden die sogenannten Gewohnheitsverbrecher. Ihre Zahl nimmt jetzt in erschreckender Weise zu. Sobald Jemand ein bis zwei Mal vor dem Straf— richter gestanden hat, kann man mit Sicherheit annehmen, daß er wiederkommt. Die Verhält⸗ nisse treiben ihn dazu. Das Gefängnis hat ihn nicht gebessert, sondern noch verschlechtert, und wenn er wieder herauskommt, ist ihm die ehrliche Arbeit ungemein erschwert. Die Beob— achtung kann man immer wieder machen, daß die allermeisten bei jeder Arbeitsgelegen— heit, die sich irgend bietet, mit Freuden zugreifen. Wer aber keine Arbeit findet, der verfällt wieder und wieder dem Verbrechen. Im Sommer findet man meistens, daß die Verurteilten die Verbüßung ihrer Strafe hinauszuschieben suchen. Jetzt im Winter drängen sie sich ins Gefängnis, weil sie da doch wenigstens Obdach und Nahrung haben. Es folgt sodann die Klasse der gewerbs— mä igen Verbrecher. Das sind die Hehler, Kuppler usw., die aus dem Verbrechen ihren Lebensunterhalt ziehen. Sie sind der Gesell— schaft etwas gefährli her. Diese Verbrecherklassen bezeichnet man zu⸗ sammen als Zustandsverbrecher, weil die Ursache ihrer Verbrechen in den Zuständen liegt, in denen sie leben. Ihnen gegenüber als vierte Klasse die weniger gefährlichen Gelegenheits— verbrecher. Um die Verbrechen zu verhüten, muß man die Not beseitigen, die Erziehung verbessern, das Volk für die höheren Ideen des Soztalis⸗ mus gewinnen. Aber das ist eine Entwicklung, die sehr lange Zeit in Anspruch nimmt, während wir jetzt vor einer Aufgabe stehen, die sofort gelöst werden muß. Ein neues Straf⸗ gesetzbuch für das deutsche Reich soll geschaffen werden und es fragt sich: wie sollen wir uns als Partei dazu stellen? Die Frage, ob der Staat strafen soll, wird ohne Weiteres bejaht. Wir haben uns nur zu überlegen, wie das neue Strafgesetzbuch aussehen soll. i Da werden nun von verschiedenen Seiten schärfere Strafen verlangt, und zwar nicht nur von den Reaktionären, fondern auch von dem berühmten Strafrechtslehrer Professor Liszt. Dieser Mann sieht in der Strafe lediglich ein Mittel, den Verbrecher unschädlich zu machen, Daraus folgert er für den Zustandsverbrecher sehr lange Einsperrung. So fordert er— und zwar selbst bei leichtem Vergehen— für gewerbsmäßige Verbrechen mindestens 5 Jahre Zuchthaus, im Wiederholungsfalle mindestens 10 Jahre Zuchthaus.— Wir meinen aber doch, wenn die Gesellschaft nicht im Stande war, die Uesachen der Verbrechen zu beseitigen, so darf sie auch die Opfer nicht so hart büßen lassen. Wir werden also auf möglichste Milde⸗ rng udo Vecmeaoelunng der Srrasen hiazu⸗ wirken suchen. Wir können die Strafe nicht entbehren, aber sie muß human sein; sie muß die Tat, den Täter und auch die Umstände, in denen er lebt, berücksichtigen. In der zukünftigen Gesellschaft wird die Strafe anders aussehen als heute. Die Strafe ist ein Uebel, das Jemanden zugefügt wird, der sich an einem Rechtsgut der Gesellschaft ver⸗ gangen hat. Dieses Uebel braucht nicht not⸗ wendig eine Entziehung der Freiheit sein. Es kann zum Beispiel bestehen in Entziehung und Ausschluß von Ehrenämtern, im Verlust des Wahlrechts und dergleichen. Die Androhung solchen Uebels wirkt im gewissen Sinn abschrek⸗ kend, bewirkt eine hemmende Vorstellung gegen⸗ über dem Anreiz zum Verbrechen und trägt folglich mit dazu bei, das Verbrechen zu ver⸗ hüten.— Gegenwärtig aber müssen wir verlangen: Milderung und Verminderung der Strafen, Aufhebung der Mindeststrafen, damit der Richter leichte Fälle auch leicht bestrafen kann, Bemessung der Geldstrafen nach der Höhe des Einkommens und Aehnliches. Splitter. „Die Menschen sind das, wozu sie die Regierung bildet, sie werden jederzeit gute Sitten haben, wenn sie gerecht und weise regiert werden.“ Friedrich II. * * „Es kann einem Lande nicht damit gedient seyn, das es einige Dutzende ungeheurer Kapi⸗ talisten aufzuweisen habe, sondern damit, daß 85 ganze Volksmasse in ihrer Art wohlhabend eh, (Aus einem pfälzischen Regierungsblatte vom Jahre 1800.) ** * Gott versah uns mit zwei Händen, Daß wir doppelt Gutes spenden. Nicht um doppelt zuzugreifen Und die Beute aufzuhäufen In den großen Eisentruhn, Wie gewisse Leute tun— Ihren Namen auszusprechen Dürfen wir uns nicht erfrechen— Hängen würden wir sie gern, Doch sie sind so große Herrn! Philantropen, Ehren männer, Manche sind auch unsere Gönner, Und man macht aus deutschen Eichen Keine Galgen für die Reichen. H. Heine Humoristisches. Gottesgnadentum.„Nach allem, was jetzt an europälschen Höfen passiert ist, konnte man fast auf die Idee kommen, die Fürsten stammten von Menschen ab. Aus der Instruktionsstunde. Leutnant: Also gegen den äußeren Feind haben wir die Infanterie, die Kavallerie, die Marine, Kauonen, Gewehre und Panzer. Aber wie bekämpfen wir den viel schlimmeren inneren Feind? Rekrut Krawutschke: Den reden wir todt. Triftige Gründe. A.: Sie können doch gegen deu Zolltarif kaum einen Grund anführen. B.: Einen? Sogar ein halbes Dutzend wenn Sie wollen! A.: Und die wären? B.: Meine Frau und fünf Kinder! (W. Jak.) Geschichtskalender. 15. Februar. 1901; Kriminalkommissar Thiel in Berlin zu 3 Jahre Zuchthaus verurteilt. 16. 1894: Explosion auf dem Kriegsschiff„Bran⸗ denburg“. 42 Tote. 1834: Rougot de l'Isle, Mar⸗ seillaise-Komponist, r. 17. 1856: Heinrich Heine,. 18. 1587: Maria Stuart hingerichtet. 19. 1837: Georg Büchner, sozialistischer Dichter, F. 20. 1890: Reichstagswahl. Vernichtung des Kartells. 1830: Andreas Hofer erschossen. 21. 1887: Faschingswahlen. Kartellsieg. Franksurter Friedhofs-Affaire, 1886: — 5 a 2 DL 5— I 2 **—— 3 l 2 A= Seite 8. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 7. —— Samstag, den 21. Februar, abends 8/ Uhr im Turnlskal Grostze Bappensttzung Eigene Kapelle, Auftreten berühmter Humoristen. N J 1 Freie Turnerschaft Giessen. Reichhaltiges Programm. Zu zahlreichem Besuch ladet ein Der Vorstand. L Heuchelheim! Sonntag, den 15. Februar, abends 7 Uhr, im Lokale „Zum Schwanen“ bei Wirt Kröck Volks-Versammlung „Die Reichstagswahlen“. verordneter E. Krumm, Gießen. Zahlreichen Besuch erwartet Der Einberufer. Tages⸗Ordnung: Hohe Pleischpreise! Ser billige secschel, E Bei den heutigen überteueren Fleischpreisen empfehle als passend besten und billigsten Ersatz für Fleisch: Hochfeine Seesische Schelllische, Cabliau, Scehecht, Seelachs ete. aus täglich frischen Zufuhren, zu den billigsten Tagespreisen. für Abendbrot— LJachtessen riesige Auswahl von allen Sorten geräucherte und marinierte Fische. Spezial⸗Haus für feineFtischkonserven, Rollmöpse, Bismarkheringe, Sardinen, Brathersuge, Hering in Gelee, Aal in Gelee ꝛc. Jeden Tag von 4 Uhr ab: frisch gebackene Fische in feinster Zubereitung. Seemnuschelu täglich eintreffend 100 Stück 50 Pfennig. Feinster Nürnberger Ochsenmaulsalat 2 Pfd. Dose 90 Pfg., 1 Pfd. 5 Pfg. lose gewogen p. Pfd. 50 Pfg. Großer Versand nach Auswärts L. 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Man sollte al nicht säumen, seine wendung allen anderen scharfen, ätz den, Gesundheit zerstörenden Mitteln vorzuztehen. Alle Symp ome wie: Kopfschmerzen, Aufstossen Sodbrennen, Bläh ungen, Uebeikeit mit Erbrechen, die bei chronischen veralteten) Magenleiden um so heftiger auftreten werden oft nach einigen Mal Trinken beseitigt. 2 und deren unangenehme Folgen 5 Stuhlverstopfung wie: Beklemmung, Kolikschmer en, Herzklopfen, Schlaflosigkeit, sowie ee in Leber, Milz und Pfortadersystem(Hlamorrholdalleiden) werden d Kräuter⸗Wein rasch und gellnd beseitigt Kräuter⸗Wein behebt jedwede Unverdaulschkeit, verlei em Verdauungssystem einen Aufschwung und entfernt durch etnen leichten Stuhl alle untauglichen Stoffe aus dem Magen und Gedärmen. Hageres, bleich. Aussehen, Blutmangel, 1 2 find meist die Folge schlechter Verdaunng, 5 Entkräftung mangelhafter Blutbildung und eines krank⸗ aften Zustandes oer Leber. Bei gänzlicher Appetitlosigkeit nter nervöser Abspannung und Gemüthsverstimmung, owte häuftgen Kopfschmerzen, schlaflosen Nächten, stechen oft solche Kranke langsam dahin. 7 Kräuter⸗Wein iebt der geschwächten Lebenskraft einen frischen Impuls. 2 Kräuter⸗Wein stetgert den Appetit, befördert Verdauung nd Ern 77 7 5 den Stoffwechsel kräftig an, beschleunigt nd verbessert die Blutbildung, beruhigt die erregten Nerven nd schafft dem Kranken neue Kräfte und neues Leben. ahlreiche Anerkennungen und Dankschreiben beweisen dies. Kräuter ⸗ Wein ist 1 haben in Flaschen à Mk. 1.25 u. 1,75 in: Gießen, Großen⸗ Linden, Wetzlar, i e Braunfels, Butz⸗ bach, Brandoberndorf, Gladenbach, Weilburg, Groß⸗Buseck, Allendorf, Grünberg, Lich, Hungen, Laubach, Bad Nauheim Marburg usw. nsw. Auch versendet 1 5 h e Uurich, Leipzig Weststrasse 82, 3 mehr Flaschen Kräuterwein zu O gtnalpreisen nach allen Orten Deutschlands porto⸗ u. kistefret. Vor Nachahmungen wird gewarnt. Man verlange ausdrücklich Lu rt UIIlrieh'sehen Hräuter-Wein. ein Kräuter⸗Wein ist kein Geheimmittel; seine Bestandtetle ind Malagawein 450,0, Weinsprit 100,0, othwein 240,0. bereschensaft 150,0, Kirschsaft 420,0, Fenchel, Ants, Helenen⸗ Maktplatz 5. Telephon Nr. 50. Donnerstag, den 19. Februar 1903, abends 8 Uhr: Ordentl. NRatgliederversammlung im Cafe Ebel. 1. Geschäftsbericht über das abge⸗ 2. Neuwahl des Vorstandes. — Um zahlreiches Erscheinen bittet Der Vorstand. Tages⸗Ordnung: laufene Vereinsjahr. 3. Verschiedenes. N 588 6 2 940 0 2 2 ö 38 5 3 F 28.— . S 2. S 8 2 i S S S 8 N 2— A 3 8 2 5. SS S E 0 8 2 N 5 1 Se 3 2 Ss, 80 2 8 — es 5 8 5 S 5 5 A 3 0 5 2 8 0 — S 8. 3 S 25 2 S c Y S S 7 E 282. S2 E— 7. E 8 5 1 2 2 S 2 9 0 e e eee ee ee Beinrich Doll, Giessen; bu 7 Däusburg 7 2 Papier-Bandlung 1 Buchbinderei* Geschäftsbücher* DPrucksdchen Eixrahmen von Bildern. 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