7 1 ———-„—-————— — 2— 1812 ä— . 1 Nr. 24. Gießen, den 14 Juni 1903. 10. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. —— Sonnt Mitteldeutsche Nedaktionsschluß Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. n gs⸗Zeitung. Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zettung kostet durch unsere Austräger fre. ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Bestellung en nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. D Juserate Die 5g espalt. Bei mindestens Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direlt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellun die Expedition mer Keeuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33/¾ und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabaft. Auf zum Kampf! Wohlan, wer Recht und Wahrheit achtet, Zu unsrer Fahne steht zu Hauf! Nur noch wenige Tage sind es, bis die Wahlentscheidung fällt. Ein für das ganze Volk und für jeden Einzelnen hoch— wichtiger Tag! Möge jeder Angehörige des arbeitenden, minderbemittelten Volkes die Be⸗ deutung der Reichstagswahl erkennen! Vieles steht auf dem Spiele. Wir können das alles heute nicht mehr weitläufig erörtern, höchstens nur flüchtig andeuten. Die wichtigeren politischen und wirtschaftlichen Fragen sind ja oft genug in unserem Blatte eingehend behandelt worden und jetzt ist es an dem Wähler, der nicht zu den„Großen“, zu den„oberen Zehntausend“ gehört, sein Interesse zu erkennen und wahrzunehmen! „Nieder mit den Volksfeinden!“ muß unsere Losung sein. Wieder buhlen Nationalliberale, Agrarier, Antisemiten, Zentrumsleute ꝛc., die das ihnen von betörten Wählermassen übertragene Volks⸗ vertretungs-Mandat in schnödester und ge— wissenlosester Weise mißbraucht haben, um die Stimmen des Volks. Und wie gewöhnlich ge⸗ berden sie sich dabei auch jetzt wieder als die „wahren Freunde“ des Volkes, als die„echten Patrioten“, als die„ staatserhaltenden“ Politiker. Wir lesen und wir hören ihre heuchlerischen Tiraden daß es gelte, die„hei⸗ ligsten Güter der Nation“ und die„geheiligten Grundlagen der Gesellschaftsordnung“, die Religion, die Ehe, die Familie, das Eigentum 2c., gegen den„Umsturz“, gegen den„inneren Feind“, d. h. gegen die Sozialdemokra⸗ tie, zu verteidigen. Wird das Volk in seiner großen Mehrheit, als arbeitende Volk, aus den schlimmen Er⸗ fahrungen, die es besonders in den letzten Mo⸗ meten mit der„Ordnungspolitik“ machen mußte, die eadlich die entscheidenden Lehren ziehen? Werden die vielen Lohnarbeiter, Kleingewerbe⸗ treibenden, Landleute, Beamte ꝛc. nunmehr gelernt haben, die wahren und wirklichen inneren Feinde zu erkennen? Diejenigen, welche, pochend auf die Herr⸗ schaft der Besitzübermacht, die Armut, das Elend der arbeitenden Ma sse für etwas „Selbstverständliches“, ja„Notwendiges halten und rücksichtslos die Volkskraft ver wüsten, um schnöder Profitsucht zu genügen, sie sind Volksfeinde! Die Wucherzöllner aller Schattierungen, die dem werktätigen Volke das Brot und sonstige notwendige Konsumartikel verteuern um per⸗ sönlicher Vorteile willen; die das Volk durch eine ungerechte Zoll⸗ und Steuer- politik, durch„Liebesgaben“ usw. sich tribut⸗ pflichtig machen— begehen Verbrechen wider das Volk! Die Militär⸗Fanatiker und ⸗Dema⸗ gogen, die schonungslos dem Volke immer neut Molochsopfer zumuten; die Byzantiner, die, mit„Patriotismus“ sich brüstend, vo; der Herrsbergewalt im Staube kriechen, um dieselbe ihren Schmarotzerinteressen geneigt zu machen; die Bekenner und Pfleger eines elenden Nationaldünkels, der den Sieg völker⸗ verbrüdernder Humanität verhindert; die Be— fürworter und Repräsentanten gehässiger Klassenjustiz, die das Rechtsbewußtsein des Volkes empört; die Verteidiger und Förderer der Polizeiallmacht, das keine Freiheit duldet; die Anhänger und Wortführer des verruchten Gedankens, daß der arbeitenden Klasse das Reichstagswahlrecht, das Koalitionsrecht, das Recht der Frei⸗ zügigkeit, das Vereins- und Versamm⸗ lungs recht genommen werden müsse um der „Erhaltung der Ordnung“ willen; die Gegner einer gesunden und umfassenden Sozial- politik; die Feinde einer guten Volks⸗ schulbildung, die da meinen, je dümmer der Arbeiter sei, desto besser tauge er für das herrschende System; die religiösen Fanatiker, die Mucker und die Heuchler, die das Volk der Vormundschaft blöder Pfafferei unterwerfen wollen, um es an freigeistiger Erkenntnis zu hindern und ihm Sklavensinn beizubringen— sie Alle bilden ein Heer von inneren Feinden. Gegen diesen inneren Feind muß das Volk energisch Front machen, gegen ihn sich am 16. Juni wie ein Mann erheben! Der verderbliche Einfluß jener Leute auf die Gesetz⸗ gebung muß gebrochen, sie dürfen zu dem hohen Ehrenamte der Volksvertretung nicht mehr zu⸗ gelassen werden. Benutze jeder die noch zur Verfügung stehenden paar Tage zu unablässiger Arbeit! Die Schlafenden geweckt, die Gleich— gültigen aufgerüttelt! Entschiedenen, rücksichts⸗ losen Kampf gegen Unterdrückung und Aus⸗ beutung! In Ausübung des Wahlrechtes zu Gunsten der sozialdemokratischen Kandi⸗ daten müssen die betrogenen, ausgebeuteten, mißhandelten Millionen einmütig das Ver⸗ dammungsurteil sprechen über alle poli⸗ tische, wirtschaftliche und soziale Un⸗ gerechtigkeit und Unvernunft. Dieses Urteil sei unseres Kampfes Preis! Wir können sagen, wir haben leidlich ge⸗ arbeitet. Haben wir nicht den erwarteten und gewünschten Erfolg, unterliegen wir, so soll uns das nicht mutlos machen, sondern vielmehr zu neuer energischen Arbeit anspornen. Siegen wir, so freuen wir uns wohl des Erfolges, wir werden aber in keinen Siegestaumel ver⸗ fallen! Wir werden unsern Sieg als eine Selbstverständlichkeit auffassen. Und auch da erwartet uns weitere Arbeit, mit der größeren Bewegung erwachsen uns höhere Aufgaben! Wir werden fortfahren müssen, zu organisiren, zu bilden, aufklären und erziehen! Nun mag der Entscheidungstag heran⸗ kommen! Zum Kampf, zum Sieg! Mächtig mögen am Wahltage die herrlichen Verse unseres verstorbenen Freundes Kegel erklingen: Auf Sozialisten schließt die Reihen, Die Frommel ruft, die Banner weh'n. Es gilt, die Arbeit zu befreien, Es gilt der Freiheit Aufersteh'n! Der Erde Glück, der Lonne Prarht Des Geistes Licht, des Wissens Macht, Dem ganzen Volke sei's gegeben! Das ist das Ziel, das wir erstreben! Das ist der Arbeit heil'ger Krieg! Mit uns das Volk! Mit uns der Sieg! Sozialdemokratische Reichstagskandidaturen. Wahlkreis Giessen-Grünbergs-Nidda: Eduard Krumm, Kaufmann und Stadt— verordneter in Gießen. Wahlkreis Friedberg- Büdingen: Heinrich Busold, Schreinermeister und Stadtverordneter in Friedberg. Wahlkreis Alsfeld-Lauterbach- Schotten: Dr. phil. Robert Michels in Marburg. Wahlkreis Wetzlar-Altenkirchen: August Bebel in Berlin. Wahlkreis Marburg-Kiremnhain: Paul Bader, Schriftsteller in München. Wahlkreis Limburg-Dietz(4. nass.): Robert Habicht, Schreiner in Frankfurt. Wahlkreis St. Goarshausen-Nassau(. n.): F. A. Vetters, Redakteur in Gießen. Wahlkreis Dillenburg-Herborn- Hachenburg: August Bebel in Berlin. Wer lügt? Zum Kapitel:„Not der Landwirtschaft.“ Das Offenbacher Antisemitenblatt, das Organ der Herren Köhler und Hirschel, fällt in einem wütenden Schimpfartikel— andere finden sich in dem ehrenwerten Blättchen überhaupt nicht— über uns her, schilt uns„Lügenbande“ und versucht nachzuweisen, daß ein von uns in Nr. 21 veröffentlichter Artikel Unwahrheiten enthalte. Unsere Notiz in der Pol. Rundschau lautete: „Von der Not der Lanbwirtschaft. Eine große Bauernhochzeit ist kürzlich, wie das„Hamburger Echo“ berichtet, in Ober— warfe(Oldenburg) gefeiert worden. Ungefähr 700 Familien waren dazu eingeladen, so daß auf 1500 bis 2000 Gäste angerechnet wurde. 2000 Flaschen Wein waren angeschafft und 2000 Pfund Fleisch zum Belag für Butter⸗ bröte. Die Zahl der Butterkuchen und „Klöben“ war schier unendlich. 35 Mustker von der Infanteriekapelle in Oldenburg stellten die Musik,“ 5 Dazu schreibt nun das Hirschel-Blatt: „Hieser Arttkel, geeignet zwar, um die Böcke und Widder des Herrn Krumm in noch größere Wut gegen das Bauerntum zu verhetzen, schien jedoch dem Abgeordneten Köhler-Langsdorf so ungeheuerlich, daß er sich veranlaßt sah, um Auskunft sich an den Gemeinde-Vorstand von Hberwarfe zu wenden. Er erhielt folgende Auskunft: „Sehr geehrter Herr! Angeschlossen übersende Ihnen die„Mittel- deutsche Zeitung“ zurück mit dem Bemerken, daß die Hochzeit in ähnlicher Weise 3—— iir 1 8 — ———— — eee — —— —————ñ————— . ä—————— 3 2 8 3——ä—ä6ä46 ͤ ——ů— ä———ĩ— Seite 2. Mtteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 24. stattgefunden hat, jedoch sind die Zahlen etwas übertrieben. Ich muß Ihnen dazu aber ferner mit⸗ teilen, daß diese Hochzeit nicht der Landwirt⸗ schaft zuzuschreiben ist, denn die reiche Braut ist eigentlich nicht Land⸗ wirtin, sondern betreibt eine kleine Landwirtschaft mehr aus Lieb⸗ 1 98 als Rentnerin nur so neben⸗ 1 Der Bräutigam war ein nicht sehr bemit⸗ telter Gastwirt. Er hatte sehr viele Bekannte. Um nun diesen seinen Bekannten seine jetzige Stellung mal zu zeigen, so wurde diese Hochzeit mehr wie gewöhnlich.— Was übrigens die Sache mit den Musikanten betrifft, so kosten einfach diese den Bräutigam kein Geld, da diese— nach altem Brauch— von den Gästen, die tanzten, selber bezahlt wurden. Es waren 30 Musikanten da. Hochachtungsvoll! Ganter, Gemeinde-Vorsteher.“ Und nun eröffnet das Organ des Schnaps⸗ abgeordneten eine fürchterliche Schimpfkanonade gegen uns. An der Hand jener Auskunft des Gemeindevorstehers sucht Hirschel unsere ganze „Verderbtheit“ nachzuweisen und darzutun, mit „welchem Hasse die Sozialdemokratie den Bauernstaud verfolgt“. Weiter wird gesagt, wir hätten diesen Artikel„Not der Landwirt⸗ schaft“ überschrieben, um die„ahnungslose Bauernschaft in unsere Netze zu fangen.“ Eine tolle Logik! Erst sollen wir den Bauernstand mit unserem„Hasse verfolgen“, dann ver⸗ suchten wir ihn„einzufangen“! Eine Behaup⸗ tung ist natürlich so eselhaft wie die andere. Weder hassen wir den Bauern— denn da müßten wir uns ja selbst hassen, viele Bauern gehören zu unserer Partei und wohl die meisten unserer Genossen stammen vom Lande und sind mit Bauern verwandt— noch suchen wir den Bauernstand„einzufangen.“ Denn mit dem „Einfangen“ ist nichts getan— das haben wohl die Antisemiten schon bei ihrer Agitation er⸗ fahren— nein, Aufklärung schaffen wir unter den Bauern und das sichert uns den Erfolg. Doch kommen wir auf das Schreiben des Gemeindevorstehers zurück. Was beweist es? Daß unsere Notiz in der Hauptsache auf Wahrheit berubt! Und es war sehr freundlich von Herrn Köhler, daß er sich be⸗ mühte, die Wahrheit unserer Angaben zu er⸗ härten. Denn ob 30 oder 35 Mann Musik aufspielten, darauf kommt es wirklich nicht an. Etwas anderes wäre es schon, wenn der Nach— weis erbracht würde, daß die Beteiligten nicht zu Landwirtskreisen gehören. Der Bräutigam soll Gastwirt sein, die Braut Rentnerin und aus„Liebhaberei Landwirtschaft treiben“. Merkwürdig. Kommt uns einigermaßen ver⸗ dächtig vor. Nicht der Gastwirt, aber daß ein junges Mädchen aus„Liebhaberei“ Landwirt⸗ schaft treiben soll. Dann kommt es doch dar⸗ auf an, was waren die Eltern der Braut⸗ leute? Wir wollen doch auch mal darüber Erkundigungen einziehen und sehen, was sich da herausstellt. Wie kommt aber Hirschel dazu, uns Lüge vorzuwerfen? Haben wir nicht die Quelle an⸗ gegeben, der wir diese Notiz entnahmen? Und kann man annehmen, daß in einem weltent⸗ legenen Dorfe Oldenburgs ein Mädchen Land⸗ wirtschaft aus Liebhaberei treibt? Was veranlaßte uns denn, diese Notiz ab⸗ zudrucken? Wir sind gewiß nicht böse darüber, wenn da mal bei einer Bauernhochzeit Aufwand gemacht und Ueppigkeit entfaltet wird. Man soll dann aber auch nicht das Geschrei von der Not der Landwirtschaft übertreiben, sie ist für diejenigen, welche die Agrarter als „Bauern“ angesehen wissen wollen, wirklich nicht so schlin m, als die Hirschel und Konsorten uns glauben machen wollen. Uebrigens gingen ähnliche Mitteilungen schon öfters durch die Presse, wir haben keine Notiz davon genommen, weil wir sie nicht für wichtig genug hielten. Erst Ende Januar wurde berichtet, daß auf dem Ball des landwirtschaftlichen Kasinos in Brühl bei Köln ein fabelhafter Aufwand getrieben worden sei. Und jetzt geht der Brief eines ostelbischen Grundbesitzers durch die Presse, in dem es unter anderem heißt: „M., den 19. Nov. 1902.. Die Ernte war ja an und für sich miserabel, d. h. was das Wetter anlangt; sonst war sie recht gut. Roggen habe ich in der Ernte per Dampf ca. 850 Centner gedroschen, davon 700 Centner zu 136 Mk. verkauft, also noch einen recht guten Preis bekommen; ich werde im ganzen 1000 Centner davon haben. Weizen habe ich noch weiter nichts wie zur Saat gedroschen, vom anderen Getreide eben⸗ falls nur das Nötige, denn Geld gebrauche ich momentan nicht. Im Herbst habe ich alles sehr zeitig zugesät, und zwar gedrillt, so daß meine Saaten sehr gut aussehen; es sind ca. 100 Centner Roggen und 40 Centner Weizen gedrillt. Zugepflügt habe ich auch schon; nun gehts ans fette Leben. Meine Ausgaben waren im letzten Jahre ja sehr groß, sonst hätten wir schon ca. 4000 Mk. zurücklegen können, aber Schulden habe ich auch keinen Pfennig; be⸗ zahlt ist alles. 6000 Mk. habe ich für Inventarvermehrung ausgegeben, nur für Sachen, wovon ich bisher nichts hatte und alles ist rein aus der Wirtschaft bezahlt; dazu kommen 5000 Mk. Leutelohn ohne Verköstigung, 5000 M. Hypothekenzinsen und wir haben auch noch gut gelebt. So eine Landwirtschaft bringt viel Geld, wenn man's versteht. Möglich, daß Hirschel den Brief als Schwin⸗ del erklärt, wie alles, was ihm nicht paßt; für die„Liberale Korrespondenz“, die das Schreiben veröffentlichte, wäre es aber ein bischen viel gewagt, derartiges etwa selbst zu fabrtzieren. Uebrigens hielten wir es auch für ganz angebracht, dies Artikelchen abzudrucken, weil es ja Herr Hirschel immer für gut findet, von dem Schlemmerleben, was die Arbeiter an⸗ geblich führen sollen, in den Bauernversamm⸗ lungen zu erzählen. Wenn Herr Hirschel von „sozzischer Lügenbande“ spricht, so sollte er doch lieber sich und seine Partei etwas genauer betrachten. Als sein Genosse Reuther den Pfarrer Volk in Heddersbach verklagte, wurde er mit seiner Klage abgewiesen. Das Gericht erklärte, es sei erwiesen, daß Reuther keinen Glauben verdiene. Dem antisemitischen Abg. Wer ner sagte das Gericht in Kassel in den Urteilsgründen im Prozeß Werner⸗Erdmannsdörfer: „Denn das Ableugnen dieses Verkehrs (Werners mit den jüdischen Parlaments- jomnalisten Hamburger D. R.) war tatsächlich eine bewußte Unwahrheit und unter Lüge ist nichts anderes zu verstehen.“ Herrn Werner wurde aber gerichtlich be⸗ scheinigt, daß er gelogen habe. Und schließlich hat Hirschel wiederholt die Tatsache abgeleugnet, daß er die Arbeiter als„Lumpenzeug“ bezeichnet hat. Wer lügt? Politische Rundschau. Gießen, den 11. Juni. Das Reichstagswahlrecht ist in Gefahr! Von jeher war den Herrschenden und Be⸗ sitzenden das Reichstagswahlrecht, nach welchem der Minderbemittelte und Besitzlose mit dem Geldsack gleichberechtigt ist, ein Stein des An⸗ stoßes und wurde es je mehr, je besser die be⸗ sitzlosen Klassen ihre Lage erkannten und dem⸗ gemäß stimmten. Die Organe der Konserva⸗ tiven, Nationalliberalen und auch Antisemiten haben sich wiederholt dagegen ausgesprochen. Mit brutaler Deutlichkeit sprach sich zur Zeit der Zollkämpfe im Reichstage das offizielle Organ der sächsischen Konservativen, das„Vater⸗ land“ gegen das Wahlrecht aus. Es erklärte damals: „Ein Wandel zum besseren läßt sich erst wit der Beseitiguug eines Wahl⸗ rechtes herbeiführen, das der urteil 8⸗ losen großen Masse das Uebergewicht bei der Berufung unserer Volksvertreter in die Hand gibt. Noch hat dieser alleinrettende Gedanke nicht die allgemeine Zustimmung gefunden; außer den verschiedenen Demokraten will auch das Zentrum zu einer Revision des Wahlgesetzes in der angedeuteten Richtung sich nicht verstehen, aber schließlich wird die fortschreitende Entwicklung unserer politischen Verhältnisse auch die Widerwilligsten bekehren, und dann werden auch die ver⸗ bündeten Regierungen die notwendige Verfassungsänderung vornehmen müssen.“ Ebenso schrieb das Hauptblatt der Na⸗ tionalliberalen vor mehr als 10 Jahren: „Ueber keine Frage besteht in den gebildeten Klassen eine solche Einmütigkeit des Urteils, wie über die der Verwerflichkeit des allgemeinen und gleichen Stimm⸗ rechts. Unser Reichstagswahlrecht hat wohl noch blinde Verehrer, aber keine verstands— klare Verteidiger.“ Und was sagte der frühere nationalliberale Abg. Jöckel, der Parteigenosse des Herrn Heyligenstädt, im hessischen Landtage? „Ich sage ganz einfach: einem Manne, der nach der Richtung von äußeren Einflüssen und wirtschaftlichen Verhältnissen abhängig ist, dem gebührt überhaupt kein Wahlrecht. Das ist kein selbständiger Mann, kein freier Mann, der hat kein Wahlrecht.“ Und jetzt meldet ein Dresdener Vorort⸗ Blatt, daß eine Organisation im werden begriffen sei, welche sich die Beseitigung des Reichstagswahlrechts zum Ziel gesetzt hat. Für diesen edlen Zweck wird bereits zur Leistung von Geldbeiträgen aufgefordert. Dis muß für die Wähler eine Mahnung sein! Keinen Kan⸗ didaten die Stimme gegeben, der in dieser Be⸗ ziehung nicht zuverlässig erscheint! Zuverlässig sind aber nur die Sozialdemokraten! Die Armen haben kein Recht. In Ehrenfeld bei Köln sind nicht weniger als 306 Wähler ihres Wahlrechts verlustig gegangen, weil sie im letzten Jahre Armen⸗ unterstützung bezogen haben. Genau so liegt es auch an anderen Orten; die Zahl derjenigen, die auf diese Weise des Wahlrechts verlustig gehen, ist durchaus nicht gering.— Diese Aermsten sind nicht schuld an ihrem Elend, sondern die heutige Gesellschaftsordnung. Aber wer arm ist, muß auch rechtlos sein— das ist immer so gewesen! Eine ungerechtere Bestim⸗ mung wie diese, die die Armut mit Entziehung der wenigen Rechte bestraft, gibt es wohl kaum. Religion und Sozialdemokratie. Für die Stellung der Sozialdemokratie zur Religion ist es interessant zu erfahren, mit welchen Worten Genosse Göhre seine Wahl—⸗ rede in Frankfurt a. O. begann. Dort war Göhre früher als Pastor tätig und knüpfte an diese seine Tätigkeit an, als er ausführte: „Sie begreifen, daß ich ein besonders starkes Empfinden habe, wenn ich heute gerade in Frankfurt a. O. zugunsten meines Freundes Braun iu die Wahlbewegung eingreifen soll. Vor sechs Jahren stand ich am hiesigen Orte noch anf der Kanzel, heute bin ich ein Vertreter der Sozialdemokratie, die man seit vierzig Jahren haßt, verfolgt und unterdrückt. Welcher Unterschied! Und doch bin ich derselbe geblieben, der ich war. Heute wie vor zehn Jahren bleibt meine Ueberzeugung in religiöser Beziehung dieselbde. Wie unwahr die alte Fabel von der Religionsfeindlichkeit der Sozialdemokratie ist, des bin ich lebendiger Zeuge. Mir hat meiner religiösen Ueberzeugung wegen noch keiner meiner Parteigenossen ein Haar gekrümmt. Wie die Sozialdemokratie in wirtschaftlicher Beziehung reformieren will, so will ich auch reformieren in religiöser Be⸗ ziehung, bis endlich die wahre Religion der Bruderliebe zum Siege kommt. Wenn Ihnen wieder einmal die Fabel der Religionsfeind⸗ schaft der Sozialdemokratie vorgehalten wird, so denken Sie an Paul Göhre, der stolz ist, Christ zu sein und stolz darauf, Sozial⸗ demokrat zu sein. Und ich bin stolz darauf, wenn auch mancher, der früher den Hut zog, verachtungsvoll zur Seite blicken mag.“ Stürmischer Beifall folgte diesen Worten. Er gab einen Beweis dafür ab, daß die sozial⸗ —— — „ R 2 t „ e , 5 5 0 . D Nr. 24. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. demokratischen Hörer den christlichen Sozial- demokratie ebenso hoch einschätzen als den atheistischen. Lob der Sozialdemokratie aus geist⸗ lichem Munde. Gegenüber den Bemühungen der Gegner, bei den Wahlen den Leuten vorzumachen, die Sozialdemokratie habe nichts geleistet, set an die Rede des Zentrumsabgeordneten Reeb in der vayrischen Abgeordnetenkammer erinnert. Dieser katholische Geistliche hat nämlich erklärt: ... Die Sozialdemokratie geht im allgemeinen darauf aus, daß sie den Mitgliedern des vierten Standes ihre Lebensstellung und ihre Lebens⸗ haltung zu verbessern sucht. Sie geht darauf aus— das ist ihre Tendenz— die Arbeiter zu heben und zu schützen gegen die Uebermacht des Kapitals..... Ich meinerseits betrachte schon längst die Sozialdemokratie nach dem, was sie leistet und, meine Herren, geleistet hat sie schließlich doch auch schon etwas, sie war hinter den andern Parteien her und hat sie gedrängt, die Sozialreform ener⸗ gischer in Angriff zu nehmen und das Menschen⸗ mögliche durchzuführen 0 f Gewissen Leuten scheint allerdings diese Rede des Herrn Professors Reeb völlig aus dem Gedächtnis entschwunden zu sein, sonst würden sie nicht mit so einfältigen Märchen hausieren gehen.— Religionsmißbrauch. zu Wahlzwecken. Fürstbischof Kopp in Breslau hat einen Hirtenbrief an seine Gläubigen erlassen, in dem er sie vor den sozialistischen und polnischen Zeitungen warnt. Direkt wird zwar nicht von Zeitungen und Schriften dieser Parteien gesprochen, aber sie werden doch genau um⸗ schrieben. In Oberschlessien ist es auch, wo für die Wahl der Zentrumsleute Messen ge⸗ lesen werden und gebetet wird. Opfer unseres Kampfes. Der Vorwärts stellte neulich die Strafen zusammen, die über unsere Parteigenossen in den letzten fünf Jahren wegen politischer Sün⸗ den verhäugt wurden. Natürlich stehen alle diese Straftaten im Zusammenhang mit unserer Bewegung. Es wurden in dieser Zeit über Sozialdemokraten verhängt: Elf dreiviertel Jahre Zuchthaus, 275 Jahre Gefängnis undüber hunderttausend Mk. Geldstrafe. Rechnet man die Klassenurteile von Löbtau und Herne dazu, so erhöht sich das Zuchthauskonto auf 64 Jahre und das Gefängniskonto auf 300 Jahre. Welche Summe von Krankheit, Elend und Verzweiflung drückt sich in diesen furchtbaren Zahlen aus! Aber den Geist des Sozialismus wird man trotzdem nicht ertöten können. Arbeitsverhältnisse in sozialdemokratischen Betrieben. Ein faules Wahlmannöver wurde in den letzten Tagen von der liberalen und der Reptil⸗ und Pfaffenpresse versucht. Jene Blätter hatten aus einem Versammlungsbericht des wegen seiner„anständigen“ Kampfesweise gegen unsere Partei bekannten Korrespondenten der Buchdrucker eine fulminante Anklage gegen den Vorwärts⸗ Betrieb wegen„Lohndrückerei“ geschmiedet. Die Freude dauerte nicht lange über diese große Entdeckung, denn der Vorwärts weist nach, daß von dem Personal weder beim Arbeiterausschuß, noch bei der Geschäfsleitung irgend eine Klage oder ein Wunsch erhoben wurde. Ferner stellt der Vorwärts durch Veröffent⸗ lichung der Lohnziffern fest, daß die Behaupt⸗ ung der Lohndrückerei eine bewußte Un⸗ wahrheit ist, da kein einziger Setzer oder Maschinenmeister— bei acht stündiger Arbeits⸗ zeit— im Vorwärts⸗Betriebe zu dem im Minimaltarif ausbedungenen Minimallohne beschäftigt ist sondern daß sie alle höher be⸗ zahlt werden, als der Tarif vorschreibt. Dieser Feststellung gegenüber gesteht sogar das führende rheintsche Zentrumsorgan, die Köln. Volkszeitung zu: „Der Vorwärts bestreitet die Angaben des Korrespondent(Verbandsorgan der deutschen Buchdrucker und Schriftgießer) über die Ver⸗ hältnisse in seinem Betriebe. Insbesondere erklärt er die Behauptung, daß die Löhne so tief wie möglich gedrückt würden, für eine be⸗ wußte Unwahrheit. Die zahlenmäßigen Angaben, die er über die Löhne macht, lassen aller⸗ dings einen Vorwurf in dieser Hin⸗ sicht als durchaus unbegründet er⸗ scheinen. Auch was der Vorwärts sonst zur Rechtfertigung seines Betiebes vorbringt, klingt ganz plaustbel.“ Geradezu unerhört ist es, wenn Blätter, wie die beiden Wetzlarer über die Arbeits⸗ verhältnisse im„Vorwärts“ reden wollen! In deu Druckereien dieser Blätter, wurde bis vor Kurzem noch nicht einmal tarifmäßig be⸗ zahlt und auch sonst waren ihre Arbeitsver— nisse durchans mangelhaft. Pon Nah und Fern. Gießener Angelegenheiten. — Wahlbezirke der Stadt Gießen. Im Nachstehenden teilen wir die Einteilung der Wahlbezirke für die Stadt Gießen mit. Es empfiehlt sich für unsere Genossen, die Einteilung auszuschneiden und aufzuheben, da⸗ mit sie am Dienstag vorkommenden Falls Auskunft erteilen können. 1. Wahlbezirk. Wahllokal: Turnhalle der höheren Mädcheuschule. Asterweg, Ederstraße, von Licherstraße 65, Kaserne II, Marburgerstraße, Rodtberg, Schillerstraße, Schottstraße, Steinstraße, Walltorstraße 23—81, Weserstraße und Wiesecker Weg. 2. Wahlbezirk. Wahllokal: Turnhalle des Realgymnasiums. Bergstraße, Bismarckstraße, Bruchstratze, Erdkauter⸗ weg, Goethestraße, Grünbergerstraße ohne die Nr. 116, Gutenbergstraße, Hessenstraße, Keplerstraße, Landmann⸗ straße, Licherstraße ohne die Nr. 65, Ludwigstraße Nr. 1 bis 41, Nahrungsberg, Schiffenbergerweg, Stephanstraße, Wolfstraße und Gemarkung Schiffenberg mit Baumgacten. 3. Wahlbezirk. Wahllokal: Turmhaus am Braud. Auf der Bach, Brandgasse, Brandplatz, Braugasse, Diezstraße, Hundsgasse, Kaplaneigasse, Kanzleiberg, Kirchenplatz, Landgrafenstraße, Lindengasse, Lindenplatz, Moltkestraße, Neuen Bäue, Neuer Weg, Ostanlage, Schloßgasse, Schulstraße, Senkenbergstraße, Wagengasse, Walltorstraße 1— 22, Wiesenstraße und Zozelsgasse. 4. Wahlbezirk. Wahllokal: Turnhalle der Stadtknabeuschule. Burggraben, Dammstraße, von der Grünbergerstraße die Nr. 116, Kaplansgasse, Katharinengasse, Kirchstraße, Kreuzplatz, von Licherstraße 65 Kaserne I. Mäusburg, Marktplatz, Marktstraße, Nordanlage, Rittergasse, Wetter⸗ gasse, Wetzsteingasse und Wetzsteinstraße. 5. Wahlbezirk. Wahllokal: Schulhaus in der Neustadt. Hammstraße, An der Hardt, Kornblumengasse, Krof⸗ dorfer Straße, Lahnstraße, In Löbers Hof, Große und Kleine Mühlgasse, Neustadt, Oswaldsgarten, Rodheimer⸗ straße, Sandgasse, Schanzenstraße, Schützenstraße und Tiefenweg. 6. Wahlbezirk. Wahllokal: Bürgermeistereigebäude. Dreihäusergasse, Eichgärten, Eichweg, Exlengasse, Gartenstraße, Johannesstraße, Löberstraße, Löwengasse, Lonystraße, Ludwigsplatz, Maigasse, Plockstraße, Roon⸗ straße, Seltersweg, Sonnenstraße, Großer Steinweg, Südanlage, Teufelslustgärtchen und Weidengasse. 7. Wahlbezirk. Wahllokal: Turnhalle der Stadtmädchenschule. Alicestraße, Bahnhofstraße, Bleichstraße, Frankfurter⸗ straße 1— 20, Grabenstraße, Liebigstraße 1— 21, Westanlage, Hinter der Westanlage und Wolkengasse. 3. Wahlbezirk. Wahllokal: Sälchen der Gastwirtschaft „Zur Seltershöhe“. An den Bahnhöfen, Crednerstraße, Ebelstraße, Frank⸗ furterstraße 21, bis Schluß, Hillebrandstraße, Hofmann⸗ stratze, Klinikstraße, Leihgesternerweg, Liebigstraße 22 bis Schluß, Ludwigstraße 42 bis Schluß, Mittelweg, Riegelpfad, Wetzlarer Weg und Wilhelmstraße. B. Sozialdemokratische Wählerversamm⸗ lung in Gießen. Obgleich unsere Partei in Gießen die stärkste ist, obwohl sie die politische Vertretung der Hälfte der Levölkerung darstellt, steht ihr keiner der größeren Versammlungssäle zur Verfügung. Das Wahlkomitee hatte deshalb auf Samstag Abend eine Wählerversammlung in die Lokalitäten und den Garten des„Wiener Hofs“ einberufen und obgleich eine recht kühle Temperatur eingesetzt hatte, war die Versammlung überaus stark besucht, der Garten war gedrängt voll, sogar die Johannesstraße war dicht besetzt. war Abg. Ulrich von Offenbach erschienen. Genosse Orbig wies bei Eröffnung der Versamm⸗ lung auf die gemeine Kampfesweise des hiesigen Amts⸗ blattes hin, die angesichts der bevorstehenden Wahl ihren Gipfelpunkt erreiche. Vor allem müsse er die letzte Auslassung des Amtsblattes, wonach Sozialdemokraten gegnerische Versammlungen gestört hätten und daß dies auch in Gießen zu erwarten sei, energisch zurückweisen. Ihm(Orbig) sei ein derartiger Fall nie bekannt ge⸗ worden, obwohl er seit einem Menschenalter inmitten der Arbeiterbewegung stehe. Derartigen Schwindel und solche Unflätigkeiten könne nur ein Mensch schreiben, der die Arbeiterbewegung überhaupt nicht kennt oder aber derartige Beschimpfungen gegen Bezahlung leisten müsse. Darauf nahm Genosse Ulrich⸗Offenbach das Wort zu nahezu 1¾ stündiger Rede. Eingangs derselben geißelte er ebenfalls das Verhalten der hiesigen„Liberalen“. Für einen Amtsblattredakteur sei es ein Leichtes, aus sicherer Redaktions stube seine unsauberen Geschosse auf die Arbeiterschaft abzugeben, in öffentlicher Versammlung aber Rede und Antwort zu stehen, dazu sei diese Gesell⸗ schaft zu feige. Er erhebe den Vorwurf der Feigheit so lange, als diese nicht hier in Gießen eine öffentliche Versammlung mit voller Redefreiheit einberiefen. Gen. Ulrich ging darauf in ausführlicher klarer Weise auf den Zolltarif ein. Er wies die Wertlosigkeit des neuen Zolltarifs zum Abschluß uns günstiger Handelsverträge in überzeugender Weise nach. Selbst die Nationalliberalen hätten in ihrem Wahlaufruf darauf hingewiesen, daß es der Regierung nicht möglich sei, auf Grund dieses Zolltarifes Handels verträge abzuschließen. Das seien dieselben Leute, die zusammen mit den Konservativen, dem Zentrum und Agrariern unter Bruch der Geschäfts⸗ ordnung und Vergewaltigung der Minderheit diesem Zolltarif im Reichstage zur Annahme verholfen habe. Diesen Leuten sei es heute angesichts der Wahlen äußerst unbehaglich zu Mute. Von der Regierung erwarteten sie das erlösende Wort: eine Wahlparole. Diese schweige sich jedoch aus, denn sie befindet sich selbst in der Klemme. Ihr wäre eher eine Reichstagsmehrheit, die sich gegen das Agrariertum richte, sehr erwünscht. Was habe man sich von diesem Zolltarif versprochen! Es wäre leicht, mit Oesterreich, Rußland usw. neue Verträge abzuschließen. Bis jetzt höre man davon noch nichts. Wäre es der Regierung gelungen, Verträge abzuschließen, so würde die offizielle und offiziöse Presse es längst jubelnd verkündet haben. Man habe es nicht gewagt, auch nur einen Vertrag zu kündigen, was bereits am 31. Dezember v. J. hätte geschehen müssen. Hätte man dies getan, so wären Zollkriege mit allen bisherigen Vertragsländern eine unausbleibliche Folge. Einzelne Industriezweige würden bei einem Zollkriege nahezu ruiniert. Die Lederindustrie, die ihren Hauptabsatz in Rußland habe, die Kleineisenindustrie wären bei einem Zollkriege mit Rußland vollständig lahmgelegt. Die Folgen seien Arbeitslosigkeit, durch diese bedingt Lohndrückerei, die wiederum geringeren Verdienst des Bauernstandes wie der kleinen Ge⸗ schäftsleute und des Handwerkerstandes bedeute. Die Verwirklichung des Zolltarifs würde die Groß⸗ industrie zur Syndikats- und Kartellbildung veranlassen, was nichts anderes als Ausbeutung der Nation bedeute. Das nennt man dann„Schutz der nationalen Arbeit“. Zum„Schutz der nationalen Arbeit“ haben sich auch Großgrundbesitz und Großindustrielle gegenseitig die Zölle bewilligt. Daß den Kleinbauern der Zollschutz nicht helfe, sei bewiesen dadurch, daß er ihnen trotz 20 jährigen Bestehens eine Besserung ihrer Verhältnisse nicht gebracht habe. Er lege ihnen nur neue Lasten in Gestalt der Zölle auf künstlichen Dünger, Kraftfutter⸗ mittel usw. auf. In weit glücklicherer Positionen be⸗ fänden sich dagegen die Großgrundbesitzer; die Familie der Puttkamer, die noch lange nicht den größten Grund⸗ besitz ihr eigen nenne, würde bei Inkraftsetzung der erhöhten Getreidezölle jährlich 150000 Mk. Mehrein⸗ nahme zu verzeichnen haben. Der Tacif würde über⸗ haupt den Großindustriellen und Junkern zu Gute kommen. Diese letztere Kaste wäre schon lange nicht mehr existenz⸗ fähig, würde sie nicht durch Staatshil'e(Zuckerprämien, Branntweinsteuer usw.) aufrecht erhalten. Wie vor Jahrhunderten müßten auch heute noch Arbeiter und Kleinbauern der Junkerschaft in Form der indirekten Besteuerung frohnden. Redner geht auf die Forderungen unseres Programms näher ein und charakterisiert dabei insbesondere den Militarismus und Marinismus, der dem Volke die größten Lasten auferlege, und unter dessen Forderungen alle Kultur arbeit erst'cke. Ulrich betont weiter, wie minimal die Leistungen unserer Versicherungsgesetze seien; von den Gegnern werde stets auf die eine Million, die das Reich täglich für Versicherungszwecke aufwende, mit vielem Nachdruck hingewiesen. Daß daran 18 Millionen Versicherte partizipieren, verschweige man geflissentlich. Mit 33 Pfg. pro Tag könne ein Mensch gerade ver— hungern. Redner geht auf die Reichsfinanzreform des Näheren ein. Unter einer solchen verstehe man in den Kreisen unferer Gegner neue Steuern, Bler— Als Redner 44 70 91 ö 1 1 DDD 5 e Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 24. und Tabaksteuer usw., also neue Belastung der arbeiten⸗ den Bevölkerung. Ulrich rechtfertigt seine Haltung im Reichstage und hess. Landtage und erörterte seine Stellung zu den Beamtenbesoldungsgesetz, Hoftheaterum⸗ bau ꝛc. unter Zustimmung der Versammlung. Die Schulden wirtsch aft des Reiches und der Einzel⸗ staaten mit reichem Ziffernmaterial beleuchtend, empfahl Redner der Versammlung, nicht nur am 16. Juni gegen alle diese Mißstände durch Abgabe eines soziald. Stimm⸗ zettels zu protestieren, sondern unausgesetzt agitatorisch tätig zu sein. Nachdem reicher Beifall den Redner ge⸗ lohnt und Genosse Orbig die Diskussion eröffnet, be⸗ sonders die Gegner auffordernd, sich zum Worte zu melden, was jedoch nicht geschah, nahm Gen. Krumm das Wort. Er müsse protestiren gegen die jüngsten Be⸗ schuldigungen des„Gießener Anzeigers“, daß sein Drogengeschäft infolge seiner Zugehörigkei zur soz. Partei Partei guten Aufschwung genommen habe. Er wünsche der Anzeiger⸗Redaktion, daß sie nur drei Tage von dem leben müsse, was er(Krumm) während seiner 15 jähriger Tätigkeit als sozialdemokratischer Agitator verdient habe. Mit den Personen der beiden anderen Kandidaten in unserem Wahlkreis wolle er sich nicht beschäftigen. Köhler sei bisher noch als offener, ehrlicher Gegner aufgetreten. Er habe offen gesagt, er erwarte nicht die Stimmen der Gießener„gelehrten“ Welt, seine Bauern wählten ihn doch. Die Stellungnahme Heyligenstaedts sel gekennzeichnet dadurch, daß er es für möglich halte, auf Grund des neuen Zolltarifs Handelsverträge abzu⸗ schließen. Er würde also im Falle seiner Wahl iu den Reichstag die Brotwucherpolitik mitmachen. Nachdem Genosse Krumm als den schofelsten und ungerechtesten Vorwurf, den man je der Sozialdemokratie gemacht habe, die Behauptung zurückgewiesen habe, dieselbe wolle den„Mittelstand vernichten“, und darauf hinge⸗ wiesen hatte, daß doch keine der bürgerlichen Parteien etwas für diesen Mitte stand getan habe, schloß er unter großem Beifall mit der Mahnung zur Einigkeit, die zum endlichen Sieg unserer Sache führen müsse.— Gen. Orbig forderte die Gegner nochmals auf, sich zum Worte zu melden; da dies nicht der Fall war, schloß er mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf die Sozialdemokratie und deren Sieg bei der Wahl die äußerst würdig und ohne Mißton verlaufene Versamm⸗ lung. Solche Ruhe und Würde, wie sie hier gewahrt wurden, sollten sich unsere Gegner zum Muster nehmen! — Tue jeder seine Schuldigkeit! Diese Mahnung richten alle Parteien vor der Wahl an ihre Anhänger. Für unsere Partei⸗ genossen gilt dies doppelt und dreifach. Jeder von uns muß mehr wie seine Schuldigkeit tun, er muß sich an der Agitation soviel in seinen Kräften steht beteiligen. Wir meinen damit nicht die öffentliche Agitation, sondern die stille Parteiarbeit, die jeder leisten kann. Versammlungen sind freilich auffälliger; doch die stille Agitation ist wirksamer. In Versammlungen kommen meist nur die Leute, die sowieso schon wissen, was sie wollen, und die man an ihre Parteipflicht nicht nochmals zu erinnern braucht. Um so wichtiger wird die Aufrüttelung jener Lässigen und Indiffe⸗ renten, die öffentlichen Versammlungen fast immer fernbleibeu, ja die am liebsten nicht einmal wählen gehen. Hier gilt es, im letzten Augenblick alle Hebel einzusetzen! Hier kann jeder mithelfen! Wer auch nur einen Wahl⸗ trägen antreibt, zur Urne zu gehen, wer auch nur einen neuen Anhänger wirbt, verdoppelt und vervielfacht gewissermaßen seinen eignen Stimmzettel. Hier geschieht noch viel zu wenig seitens der Einzelnen für die Partei! Hierin erblicke jeder seine Aufgabe für die nächsten Tage! — Vom guten Ton! In den„Ord⸗ nungs“blättern liest man täglich das Gezeter über den schlechten„Ton“ der Sozialdemokraten. Aber die Amtsblätter hätten alle Ursache ihren Leuten, den„Gebildeten“, eine anständigere Tonart anzuempfehlen. Man höre, was sich der Kirchenrechtslehrer Professor Dr. Wilhelm Kahl in einer Darmstädter Versammlung an„gutem Ton“ gegen uns leistete: „Vaterlandslose Gesellen— vater- landslos— terroristisch— geistesknechtend— Lügen— Interessen der Arbeiter mit Füßen treten— wüste Verhetzung— Vergiften der politischen und öffentlichen Moral— mit Ekel abwenden von den vaterlandslosen Gesellen— beschmutzt unsere nationalen Heiligtümer— Alles begeifert—“ und so geht's mit Grazie weiter. Gewiß ein nobler Ton; wir nehmen an, daß der Herr in einer Markthalle gesprochen hat, sonst wäre uns die„lebhafte Zustimm ung“, die der Bericht verzeichnet, unerklärlich.—— Wie sagt doch Köhler⸗Langsdorf?„Die meisten Professoren sind übergeschnappt!“ Liest man obige Schimpfereien, dann scheint auch Herr Kahl der Behandlung in einer Kaltwasser⸗ heilanstalt dringend zu bedürfen. Auch eine offene Unwahrheit spricht der Herr damit aus, die Sozialdemokratie habe gegen die Handelsverträge gestimmt. Wer so unwissend im politischen Leben ist, dürfte etwas bescheidener auftreten.— — Am Wahltage kommen die Gießener Parteifreunde abends in der Wirtschaft Orbig zusammen, wo das Wahlkomitee die Wahlresul⸗ tate von hier einer Anzahl auswärtiger Wahl⸗ kreise bekannt geben wird. Es werden ca. 30 Wahldepeschen einlaufen. Es wird auch dafür Sorge getragen werden, daß die einlaufenden Resultate sofort in der Wirtschaft Löb bekannt gegeben werden können. — Wahlarbeit. Diesen Sonntag findet die Verbreitung des zweiten Fluglattes statt. Da auch die Stimmzettel eingelegt werden müssen, so werden zur Bewältigung der Arbeit viel 1 gebraucht. Unsere Freunde wollen sich recht zahlreich zur Verfügung stellen! Aus dem Rreise gießen. Die„Liberalen“ hielten am Mittwoch abend in Großen⸗Buseck im Größerschen Lokale eine Wählerversammlung ab. Herr Metzler aus Darmstadt „entwickelte“ das liberale Programm, richtiger, schimpfte / Stunden lang auf die Sozialdemokratie Am Schlusse empfahl er die Kandidatur Heyligenstaedt. Der spär⸗ liche Beifall bewies, daß die Liberalen hier alles ver⸗ loren haben. In der Diskussion sprach Genosse Beck⸗ mann aus Gießen. Als er ¼ Stunde geredet hatte, wollte der Bürgermeister, welcher den Vorsitz führte, ihm das Wort entziehen, aber die nach Hunderten zählenden Versammlungsteilnehmer gaben dies nicht zu und so konnte unser Genosse seine oft vom brausenden Beifall unterbrochene Rede fortsetzen. In einstündiger Ausführung geißelte Beckmann die Taten der National⸗ liberalen. Er beleuchtete ihre Stellung zum Zolltarif, und ihre sonstige arbeiterfeindliche Politik. Stürmischer Beifall wurde unserem Redner zu teil. Dann meldete sich Amtsrichter Wiener zum Wort. Er stammelte etwas von Millionen, welche die Arbeitgeber für den Arbeiter⸗ schutz aufbrächten, beschuldigte die Arbeiter, daß sie durch eigene Unvorsichtgkeit die Unfälle herb eiführten. Dann machte er in Patriotismus, erzielte aber damit keinen Erfolg, die Versammlung blieb kühl, als hätte er gar nicht geredet. Beckmann wollte erwidern, aber die Angstmeter machten so schnell wie nur möglich ihre Bude zu. Hier werden die Mischmaschleute keine Stim ren erobert haben. Ebensowenig in Mainzlar, wo auch am Mittwoch Abend Versammlung war. Dort sprach Herr Heyligenstädt selbst und ein Inspektor Wißmann. Herr Heyligenstädt beschäftigte sich be⸗ sonders mit den Zöllen, die sich nach seiner Ausicht auf der„mittleren Linie“ bewegen müßten. Herr Wißmann nahm dann einigemale Anlauf sich in patriotische Be⸗ geisterung hineinzureden. die Versuche verunglückten aber scheußlich und die meisten Versammlungsbesucher grinsen höhnisch dazu. Dann ergriff Genosse Vetters das Wort. Er führte aus, daß Herr Heyligenstädt in seinem Programm zwar von der Handwerkersrettung rede, aber noch nicht erklärt habe, wie er sich das eigentlich denke welche Maßregeln er zur Hebung des Handwerks vor⸗ schlage. Hier verspreche er Unmögliches, obgleich gesagt, er verspreche nichts. Dann legte unser Genosse die Schädlichkeit der Zölle für das Volk dar, ging auf dem Militarismus, Duellunfug, Rechtspflege ꝛc. ein und empfahl unter lebhaftem Beifall die Wahl Krumms. Herr Heyligenstaedt erwiderte, konnte aber natürlich die Arc umente unseres Redners nicht obschwächen. Zum Schluß fragte Vetters, ob das liberale Komitee die niedrigen und ungerechtfertigten Angriffe im Gießener Amtsblatt veranlaßt habe. Herr Heyligenstaedt ant⸗ wortete, daß er darüber keine Auskunft geben könnte. Aus dem Nreise Alssesd-Cauterbach. * o Alsfeld. In der liberalen Wähler-Versamm⸗ lung am Sonutag ergriff in der Diskussion unser Kandidat Dr. Michels das Wort. Seine Aus⸗ führungen machten den besten Eindruck. Aus dem Rreise Wetzlar. Die Antisemiten haben es hier herrlich welt gebracht. Seit 1¼ Jahren krebsen diese Leute hier herum und arbeiten wie die Vandalen, um bei der Wahl zu siegen. Sie sind aber auf den— Reuther gekommen. Au 16. Juni wird auch ihnen endlich die Ueberzeugung aufdämmern, daß sie sich tot gesiegt haben. Hat doch keine von allen anderen Parteien im Wahlkreise auch nur im entfernteften eine so feige und pöbelhafte Kampfes weise, als die antisemttische. In Wismar, am 3. Pfingstfeiertag, schloß der teutsche Mannesheld Reuther schleunigst die Versammlung, damit Genosse Bartels nicht zum Wort kam. Urteutsch, nicht war?— Ein Bißchen anders, aber nicht besser machte er(Reuther) es in Steindorf. Wohl oder übel gab er Genosse Bartels/ Stunde Redezeit. Dann ant⸗ wortete er ihm so lange, bis seltsamerweise die Ortsuhr 10 Minuten zu früh 12 Uhr schlug, Reuther die Ver⸗ sammlung schloß und Bartels keine Gelegen heit mehr hatte, ihm die Episteln das zweite Mal zu lesen. So etwas konnten die Erzpächter des Deutschtums in Wetzlar nicht riskieren. Am Sonntag, den 7. Juni im Schützengarten, waren sie ja nicht wie sonst, im Kreise ihrer Freunde. Da haben sie immer Riesen⸗ kourage, da leisten sie sich an klotzigen Verdrehungen und Verleumdungen irgend einer Person, was nur das Zeug hält.— Also die zu 5/0 von unseren Genossen besuchte Versammlung cröffnete der ber—-ühmte Reuther recht kleinlaut, bescheiden und— anständig, was ihm (wer ihn kennt, weiß es) sichtlich schwer fiel. Er drohte nicht, wie in Wismar, den eventuellen Ruhestörer der Staatsanwaltschaft weden Hausfriedensbruch zu denun⸗ zieren, sondern garantierte den Gegnern ins gesamt eine Stunde Redezeit. Und nun legten die 3 Mann hoch los. Als erster bester und schönster der Kandidat, Dr. Giese, welcher„auf 2 Tage das Wetter im Voraus bestimmen kann und Profsessor hätte werden können“, wenn er nicht so de—eutsch gewesen wäre. Ihm folgt ein alter Tapeziermeister Ohlenschläger aus Frankfurt, der zwar ein sachlicher, aber auch ein⸗ schläfender Sänger für den Besähigungsnachweis ist. Trotzdem verdient er ernster genommen zu werden(und das will viel sagen) als Dr. Giese, dessen Reden plät⸗ schern, wie ein trüber Bach. Zwar spricht er kein Wort von den schweren politischen Gefahren und Lasten, die das deutsche Volk bedrohen, dafür kopierte er wie ein schlechter Komiker, den Mauscheljargon,— kennt nur die Juden gefahr, wettert gegen die Reichsschulden, tritt für Heer und Marine ein und nennt die Opfer des Klassenurteils in Löbtau,— Löbtauer Tot⸗ schläger. Das zeigt die Dreistigkeit(um nicht mehr zu sagen), mit der diese Leute Arbeiterstimmen fangen wollen. Das zeigt aber auch, wie es in diesem politi⸗ schen Kindskopfe aussieht. Der Mann ist der„geistige Leiter“ der teutschen Reform⸗Partei. Genosse Bartels zeigte ihm, was nötig war. Wie Peitschenhiebe schlug er dem Kandidaten seine er⸗ bärmliche Kampfesweise, Verdrehungen und die schein⸗ heilige, verlogene Politik seiner zerfahrenen, armseligen, antisemitischen Kinderpartei um die Ohren. Er stellte die Gesellschaft, und bereitete ihr eine Niederlage, wie sie gründlicher ihnen nicht mehr werden kann. Auch dem Abgeordneten Bindewald schenkte er Nichts, der zuerst den Sachlichen und Ruhigen markierte, dann aber — in die echt antisemitische Radau Kampfes weise verfiel. Die Leute können nicht anders. Und wieder zeigte sich Reuther in seiner ganzen Größe. Anstatt wie versprochen, dem Gegner 1 Stunde Redezeit zu geben, nahmen Giese und Bindewald, eine, ja halbe Stunde in Anspruch. Eine solche Partei verdient zu Grunde zu gehen und der 16. Juni wird der Anfang vom Ende sein. Das ist gewiß! Den nächsten Tag, Montag, folgte eine national⸗ liberale Versammlung, am Dienstag eine von der christ⸗ lichen Arbeiterpartei, deren Kandidat erklärte, sich dem Zentrum als Hospitant anschließen zu wollen. Von unserer Seite sprach am Montag Gen. Habicht aus Frankfurt, am Dienstag Gen. Bartels. Die Kampfesweise dieser beiden Parteien steht im angenehmen Gegensatz zur antisemitschen Radaupartei. Es gelang aber auch hier unseren beiden Genossen der⸗ artige Erfolge für uns sachlich zu erkämpfen, daß wir in Wetzlar wirklich keine eigene Versammlung mehr nötig haben. Der Bezirk Altenkirchen hatte bisher für uns wenig an Ausbeute gegeben. Gerade deshalb hat Gen. Bartels seine Hauptarbeit nach dorthin verlegt. Er folgt an 2 Abenden hintereinander dem nationallib ralen Herrn Krämer und dessen rednerischer Beistand Dr. Fetzer. Dr Partei der mittleren Linie hielt er ihre Drehscheibenpolitik auf sozialem und anderem Gebiet gründlich vor. In Daaden, das sich zu einer Hoch⸗ burg für uns zu entwickeln scheint, war der Beifall und Erfolg ein unumstrittener. In Weitefeld, das wie Daaden auch zum größten Teil von Berg⸗ und Hüttenarbeitern bewohnt ist, be⸗ ging Herr Krämer die Unklugheit, sich über die An⸗ wesenheit eines sozialdemokratischen Agitators zu be⸗ klagen. Alles war infolgedessen,(weil so was noch nicht dagewesen) gespannt und lauschte den Ausführungen unseres Genossen Bartels mit seltener Aufmerksamkeit — und spendete ihm reichen Beifoll. Auch dem christlichen Arbeiterkandidaten Breidebach folgte er nach Altenkirchen und Kirchen. — ——— 8 — fegt ige che. sche mit icht chte gab ant. uhr ere lehr in unt sen⸗ igen das sen ther ihm ohte der lun: eine hoch 'dat, im tden are. ger ein⸗ ist. fund lät⸗ Dort die Nr. 24. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung Seite 5. In gewerkschaftlichen Arbeiterfragen find die An⸗ sichten dieses Mannes so radikal, daß ein national⸗ liberales Flugblatt gegen ihn, von seinen„sozialdemo⸗ krat ischen Tendenzen“ spricht. Das kann natürlich Gen osse Bartels nicht abhalten, die Gefahr dieser Kandidatur den Wählern damit zu schildern, daß sie vom Centrum protegirt und auch bei einem Siege als ihr Erfolg und Mandat in An⸗ spruch genommen werden wird. Die nur schwach und von Arbeitern garnicht besuchte Altenkirchener Ver⸗ sammlung brachte ihm wenig Beifall, aber achtungsvolle Aufmerksamkeit. Es genügt für dort wie in Kirchen, wo der Beifall ein lebhafter wor,— daß von allen Seiten ein Wiedererscheinen gewünscht wurde und daß alle gegnerischen Zeitungen objektiver Weise den starken Eindruck unsrer Ausführungen hervorheben. Dasselbe ist von der nationalliberalen Versammlung in Leun vom 10. Mai zu berichten. Fassen nur alles dahin zusammen: Ein bedeutendes Wachsen unserer Stimmen⸗ zahl ist zu erwarten. Und wie selbst die Gegner wissen, ist die Stichwahlmöglichkeit noch niemals so wahr ge⸗ wesen als diesmal. Na, das wäre ein Fest nnd eine Freude für unseren alten Bebel. % Langenaubach. Am Montag Abend sprach hier der christlich-soziale Kandidat Rentier Dr. Burk⸗ hardt in einer gut besuchten Versammlung. Er wehrte sich zuerst gegen die ihm von nationalliberaler Seite gemachten Vorwürfe, wobei sich ergab, daß er die meisten auf sich sitzen lassen mußte. In der Dis⸗ kussion verteidigte Seminarlehrer Weider den notional⸗ liberalen Standpunkt, während Lederfabrikant Weyel aus Haiger Burkhardi's Ansichten in der Quebrachozoll⸗ frage widerlegte Dann ergriff Genosse Trost das Wort, um eine— wie auch die Nationalliberalen be⸗ stätigten— geradezu vernichtende Kritik an den Aus⸗ führungen Burkhardts vorzunehmen. In ruhiger, sach⸗ licher Weise wies er die Beschuldigungen, welche der gute Christ Burkhardt gegen unsere Partei erhoben, zurück und legte unter lebhaften Beifall der Versamm⸗ lung, gestützt auf Citate aus dem Stöcker-Organ„Volk“ dar, daß Burkhardt anders rede, als sein Parteiorgan schreibe, um auf den Stimmenfang ausgehe. Da eine Widerlegung Burkhardt nicht gelang, versuchte es einer seiner Adjutanten, dieser verunglückte aber ebenfalls jämmerlich. Er griff unsern Genossen dann persönlich an, erregte aber dadurch nur den Unwillen der Ver⸗ sammlung. Aus dem Nreise Marburg⸗Rirchhain. G. M. Die Junkerpartei auf der Wahl⸗ agitation. Mittwoch abend vor acht Tagen, am 3. Juni, hatte sich auch der hiesige konservativ⸗agrarische Kandidat, Kammerherr von Pappenheim, einmal da zu herbeigelassen, durch eine öffentliche Wählerversamm⸗ lung zu annehmbarer Zeit(das vorige Mal redete er bekanntlich mittags um 2 Uhr) in direkte Verbindung mit der„Masse“ zu treten. Man merkte es dem hoch⸗ feudalen Herren an, wi⸗ fatal es ihm war, gar auch noch öffentlich mit seinen„Kollegen“, den„Zeitungs⸗ schreibern“ Bader und Gerlach disputieren und solche krassen Ausdrücke wie„Brotwucherer“,„Zolljunker“ ꝛc. über sich und seine Gesinnungsgenossen hören zu müssen! — Denn die Herren Konservativen hatten zwar vorsich⸗ tiger Weise schon von vornherein ein kleineres Lokal, welches durch die anwesenden 250— 280 Mann bereits überfüllt war, gewählt, aber sie hatten es dadurch doch nicht verhindern können, daß der rote Bader sowohl als auch der nationalsoziale Herr von Gerlach sich das Recht der Diskussion nicht nehmen ließen und, da die Redezeit von dem Herrn Vorsitzenden, Justizrat Handschuh, auf 15 Minuten festgelegt worden war, dafür drei Mal das Wort beanspruchten. Nach der in den üblichen konservativen Phrasen gehaltenen Programmrede benützte Herr von Gerlach die Gelegenheit zu einem heftigen Ausfall gegen den nicht immer ganz unpersönlich kämpfenden„Oberhessen“, auf den am Abend selbst einzugehen der anwesende Redakteur offenbar für„unter seiner Würde“ hielt. Dann wies Genosse Dr. Michels in gebührend scharfer Weise die uralte Verleumdung der Konservativen zurück, welche auch Herr von Pappenheim trotz seiner tönenden Ver⸗ sicherung, daß er im politischen Kampfe nie mit persön⸗ lichen Beleidigungen arbeiten würde, wieder aufwärmte: Daß nämlich die sozialdemokratischen„Führer“ nur bestrebt seien, Unzufriedenheit im Volke zu erzeugen und zu erhalten, um dann desto besser im Trüben fischen zu können.— Genosse Bader hob in seinen treffenden Entgegnungen vor allem das ethische Moment und die großen Ziele der Sozialdemokratie hervor, ebenso wie das, was sie sowohl von der konservativen Partei, als auch von den liberalen Herren vom Schlage des Herrn von Gerlach scheidet, nämlich ihren konsequenten Kampf gegen den Milliarden verschlingenden Militarismus und Marinismus. Und trotzdem nur wenig Parteigenossen in der Versammlung anwesend waren, erntete Bader dafür auch verhältnis mäßig auffallend reichlichen Beifall. Interessant war der Umstand, und zeigte so recht, mit welch rührender Naivität Herr von Pappenheim auf die Dummheit„seiner“ Wähler spekuliert, daß er alle noch so unzweideutig gestellten Fragen Baders und Gerlachs unbeantwortet ließ, wie er sich zu etwaigen neuen Gesetzen stellen würde, wie zum Beispiel zu einem neuen Sozialistengesetz, Abänderung des Wahlgesetzes, Branntwein- und Biersteuer ꝛc. Er erklärte, dazu könne er erst Stellung nehmen, wenn ihm ein fertiges Gesetz vorgelegt würde! Im Ganzen machte die Versammlung keinen hoffnungs⸗ vollen Eindruck für die Sache der Konservativen, und so wurde denn auch die Erklärung des Vorsitzenden, daß Pappenheim auf ein Schlußwort verzichte, da er nicht glaube, daß aus der Fortführung der Debatte noch etwas Ersprießliches für die konservative Partei herauskommen würde, von einem großen Teil der An⸗ wesenden mit schallendem Gelächter aufgenommen. R. Bekanntgabe der Wahlresultate. Auf den Abend des Wahltages, den 16. Juni, werden die Genossen zu einer Zusammenkunft in das Lokal von D. Jesberg eingeladen. Dort werden die Wahl⸗ ergebnisse aus Marburg und der Umgebung bekannt gemacht werden. Die Genossen wollen sich recht zahl⸗ reich einfinden.(Hoffentlich können wir den Marburger Genossen auch eine Siegesdepesche aus Gießen schicken. D. R.)— Ferner werden die Genossen ersucht, welche gewillt sind, am Tage der Wahl sich der Partei zur Verfügung zu stellen, dies dem Wahlkomitee mitzuteilen. — Wahlgeheimnis! Mit der geheimen Reichstagswahl muß es im Jahre 1898 in unserem Wahlkreise recht windig ausgesehen haben, wenigstens in den Dörfern. So wurde einem Flugblattverbreiter in einem Dorfe bei Frankenberg gesag!, daß man dies⸗ mal mittels des Couverts zum ersten Mal geheim wählen können. Bis jetzt wäre das noch nie der Fall gewesen. In einem Dorfe bei Marburg hatte die Wahl⸗ urne 2 Böden. In einem anderen Dorfe hatte ein Arbeiter, wie er einem Genossen gegenüber beschwören wollte, bei der letzten Wahl„rot“ gewählt, trotzdem wurde keine sozialdemokratische Stimme öffentlich bekannt gegeben.— Wir bitten die Genossen, welche irgend etwas Verdächtiges bei der jetzigen Wahl merken, dies sofort dem Wahlkomitee mitzuteilen, damit ev. Protest dagegen eingelegt werden kann. Viele Berichte und der Versammlungs⸗Kalen⸗ der mußten heute zurückgestellt werden. Aufruf au die Wähler des Wahlkreises Marburg Kirchhain ⸗ Frankenberg! Nur noch 2 Tage trennen uns von dem Tage, an dem Ihr Eure Stimmen für den Kandidaten abzugeben habt, von dem Ihr denkt, das er Eure Interessen vertritt. Auf 5 lange Jahre wählt das deutsche Volk seine Vertretung, legt gewissermaßen auf das halbe Jahrzehnt die Gesetzgebung fest. An diesem Tage hat das Volk sein Schicksal selbst in der Hand. Und das müssen sich die Wähler unseres Wahl⸗ kreises, namentlich das werktätige Volk merken. Oft genug habt Ihr jetzt in Versammlungen. durch Flugblätter und der Presse Gelegenheit gehabt, die verschiedenen Kandidaten kennen zu lernen. Oft genug werdet Ihr jetzt in der Wahlbewegung gemerkt he ben, das sowohl die Konservativen wie Antisemiten, Zentrum und die sogenannte Nationalsozialen sich als Arbeiter⸗ Partei aufspielen, nur um die wertvolle Stimme der Arbeiter zu ergattern. Wohl ist jetzt manchem von Euch von den soeben genannten Kandidaten die Hand gedrückt worden aus purer Freundlichkeit, damit Ihr sehen sollt, das auch sie die Vertreter der Arbeiter sind. Wohl hat man Euch durch allerhand schöne und unschöne Redensarten abzuschrecken versucht für den Kandidaten der sozialdemokratischen Partei zu stimmen, während man die Partei selbst durch allerhand heuchlerische Lügen und Verläumdungen beschimpfte. Wähler! Geht Ihr am 16. Juni zur Wahl, dann überlegt ganz genau, wem Ihr Eure Stimme gebt. Von allen oben angeführten Parteien ist keine imstande, die Interessen des werktätigen Volkes im Reichstage zu vertreten. Nur die sozialdemokratische Partei ist es, welche die Befreiung des Volkes von der Knechtschaft des Kapitals auf ihre Fahne ge⸗ schrieben hat. Darum auf zur Wahl! Mache ein jeder von seinem Wahlrecht Ge⸗ brauch, indem er den Kandidat der sozialdemo⸗ kratischen Partei— Paul Bader— wählt, dann wird auch der Erfolg in unserem Wahl⸗ kreise nicht ausbleiben. Das sozialdemokratische Wahlkomitee. Revolutionäre Patrioten. Wie ein Telegramm der Frkftr Zig. meldete, ist König Alexander von Serbien mitsamt der Königin in der Nacht vom Mittwoch zum Donners⸗ tag mit drei Ministern ermordet worden. Um 1 Uéhr drangen die Verschwörer an der Spitze ihrer Truppen in den Kouak ein. Die Leibgarde leistete nur schwachen Widerstaud. König Alexander und die Königin Draga wurden nackt im Bette tot vorgefunden. Die heutige Nummer wird in einer Auflage von 9000 Exemplaren gedruckt und verbreitet. Wieseck Samstag Abend: 5 Wähler versammlung bei Wirt Kreiling IV. Ref.: L. Opifictus⸗ Frankfurt. Allgem. Fefdessasse dsesscn. Diener- Stelle zu besetzen. Schriftliche Anmeldungen beim Vorsitzen⸗ den, Schneidermeister Pfaff, bis 30. Juni 1903. An die Wähler des Wahlkreises Gieszen⸗Grünberg⸗ Nidda! Zu der am Dienstag, den 16. Juni stattfindenden Reichstags⸗Wahl ist, wie bekannt, von Seiten der sozialdemokratischen Partei Herr Kaufmann und Stadtverordneter Eduard Krumm in Giessen aufgestellt. Beßzüglich seiner politischen Stellungnahme verweisen wir a Flugblätter. Wir fordern unsere Parteigenossen sowie alle wirklich freigesi zu vereinigen. Wähler! Unser Kandidat ist Euch allen bekannt, es bedarf zu seiner Empfehlung keiner weiteren Worte. uf das sozialdemokratische Programm und die von uns ausgegebenen unten Wähler auf, ihre Stimmen auf unseren Kandidaten Das sozialdemokratische Wahlkomitee. n 222 .— .. 8 7 ——— 2 — 4 N — 4 „————————ů— —————¾3uãaw 2—— 28. —— r 2— 5—— ——ä———— Scite 6. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 24. Von Nah und Fern. „* Aus dem Wahlkreise Dillen⸗ burg⸗Herborn. In Offdilln hielt am Sonntag Nachmittag der nationalliberale Kan⸗ didat und bisherige Abgeordnete Amtsgerichts⸗ rat Hoffmann eine Wähler⸗Versammlung ab und da er über die Stimmung seiner Wähler orientirt war, brachte er sich 24 Schützenbrüder von Haiger zur Unterstützung mit(denen er ja früher ein Bild geschenkt hat.) Hoffmann lobte seine Tätigkeit im Reichstage und hielt die übliche nationalliberale Rede. Am Schlusse erhielt er nur Beifall von den 24 Schützen⸗ brüdern, und 4 Offdillern, obgleich Hoffmann selbst Offdiller ist. Alsdann stellte Luy⸗ Haiger Hoffmann wegen seiner Stellung zur Westerwaldbahn und er erhielt großen Beifall der gesamten Offdiller. Nunmehr beleuchtet Genosse Trott⸗Haiger in ½ stündiger Rede die gerade nach dem eigenen Geständnis der natl. Partei für die Landwirtschaft so schädliche Zollpolitik, unter brausenden Beifall der an⸗ wesenden Wähler(ausschließlich der Schützen- brüder), speziell seine Ausführung über das Fleischbeschaugesetz und Quebracho⸗Zoll fanden die Zustimmung der Offdiller. Alsdann schil⸗ derte Trott die Tätigkeit der natl. Partei, bei dem Kriegs⸗Invalidengesetz und Veteranengesetz, und daß dann, wo schon kein Geld da sei für die heutigen Invaliden zu bezahlen, die Regier⸗ ungs⸗Parteien immer noch Geld bewilligen für Militär und Marine und Mordwaffen.— Schließlich kommt es noch so weit, daß den Inva⸗ liden, das Vorrecht, für den Zivilversorgungs⸗ schein auf die Drehorgel und den Bettelsack reservirt würde— daß, wenn der Invalide, auch der gewerbliche, die Rente erlangen wolle, erst sein sein Vermögen, wenn er welches hat, verprozessieren muß, ehe er was bekommt. Wegen seiner Aeußerung, die italienischen Arbeiter leisteten mehr als die Deutschen, stellte unser Genosse Hoffmann zur Rede und wies ihm Beispiele nach, daß unser deutscher Arbeiter, im All⸗ gemeinen mehr leiste und die Italiener nur als Lohndrücker verwandt werden. Herr Hoff⸗ mann konnte nichts Sachliches entgegnen und meinte zum Schlusse, zum Teil ginge er mit den Ausführungen Trotts. Der stürmische, ein⸗ stimmige Beifall, den unser Genosse erhielt, zeigte Hoffmann, daß die Sozialdemokratie auch in Offdillen festen Fuß gefaßt hat. Ein Pestfall in Berlin. In einer Isolier⸗Baracke der Berliner Charité starb am Samstag Nachmittag unter pestver⸗ dächtigen Umständen ein junger Arzt aus Wien, Dr. Milan Sachs, welcher sich seit einiger Zeit im Berliner Institut für Infektionskrank⸗ heiten mit bakteriologischen Arbeiten beschäftigt hatte. Von den zuständigen Behörden wurden in umfassendster Weise alle erforderlichen Maß⸗ nahmen getroffen, so daß eine Weiterverbreitung der Krankheit als ausgeschlossen anzusehen ist. Sachs kam vor fünf Wochen an, um sich im Institut für Infektionskrankheiten weiter aus⸗ zubilden. Er infizierte sich bei bakteriologischen Arbeiten durch einen Hautriß, sagte aber Nie— mandem etwas von dem Vorfall. Am Donners- tag verschlimmerte sich das Uebel so, daß er das Krankenhaus in Charlottenburg aufsuchen mußte. Dort erkannte man sofort den Charakter der Ansteckung und ließ Sachs unverzüglich nach der Charité bringen. Am Sonntag Mittag fand anläßlich des Todesfalles eine Konferenz in der Charité statt, an der Geh. Obermedizinal⸗ rat Kirchner, Generalarzt Schaper, medizinische Vertreter des Reichsgesundheitsamtes, des Polizeipräsidiums, des Instituts für Infektions⸗ krankheiten und Andere teilnahmen. Späteren Mitteilungen zufolge soll auch der Wärter des verstorbenen Arztes erkrankt sein. — Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung. Die 6. Generalversammlung des deutschen Metallarbeiter⸗Verbandes wurde am 1. Juni im großen Saale ist des Gewerkschaftshauses zu Berlin eröffuet. Der Saal ist überaus geschmackvoll dekoriert. Petzold⸗ Berlin begrüßte den Kongreß mit einer Ansprache, in der Redner die Entwicklung der Berliner Metallarbeiterorganisation schildert, von der Gründung der Fachvereine, unter der Herrschaft des Sozialistengesetzes, mit einigen hunderten Getreuen, bis zum heutigen Tage mit 135 000 Mitgliedern. Hiernach eröffnete der Verbands⸗ vorsitzende, Schlicke-Stuttgart, die Versamm⸗ lung. Es sind 152 Delegierte anwesend. + Der internationale Bergarbeiter⸗ kongreß tagte vorige Woche in Brüssel. Zur Beachtung bei der Reichstagswahl! Das Geheimnis der Wahl ist gesichert! Keine Stimmzettelspitzeleei mehr! Nach dreißigjährigem Sträuben hat sich die Regierung zum Aerger der Rückwärtser endlich entschlossen, die verfassungsmäßige Geheimhaltung der Wahl zu sichern. Jedermann nehme sich in der Tasche von Hause einen sozialdemokratischen Wahl⸗ zettel ins Wahllokal mit. Er muß ungefähr 9 zu 12 Zentimeter groß sein. Wesentliche Abweichungen in der Zettel⸗ größe machen die Wahl ungültig! Im Wahllokal empfängt er ein amt⸗ liches Wahlkouvert, die alle gleich sind und keinerlei Kennzeichen haben dürfen. Mit dem Wahlkouvert geht jeder einzeln in einen Nebenraum oder an einen durch einen Verschlag abgetrennten Tisch. Hier steckt der Wähler, unbeobachtet von jeder⸗ mann, seinen sozialdemokratischen Stimm⸗ zettel in den Umschlag und schließt ihn wie einen Brief; Zukleben ist nicht not⸗ wendig. Der Wahlvorsteher darf keinen Zettel annehmen, der nicht vorher an der vor Zuschauern geschützten Stelle in den Um⸗ schlag gelegt ist. Man achte darauf, daß der Nebenraum oder der Tisch so beschaffen ist, daß wirklich niemand beobachten kann, was für einen Zettel der Wähler ins Kouvert steckt. Der Wahlvorsteher hat die Kouverts in geschlossene Gefäße(Urnen), die oben einen Spalt haben, zu legen. Ungesetzliche Wahlgefäße Wahl ungültig! Die Wahl dauert diesmal von 10 bis F Niemand darf aber seine Stimme nach 7 Uhr abgeben, auch wenn er vor 7 Uhr im Lokal ist. Es empfiehlt sich also, nicht im letzten Augenblick, sondern so früh wie möglich zu erscheinen, damit jeder seine Stimme bis 7 Uhr abgeben kann. Eure Arbeitgeber können Euch bei diesen Wahlen nicht mehr für die Betätigung machen die Eurer sozialdemokratischen Ueberzeugung bestrafen. Ihr wählt frei! Wählt sozialdemokratisch! An die„Liberalen“. Ihr Beuchler und ihr Narren, Da sitzt ja just der Knoten. Wir Lebenden verscharren Mit Fug und Recht die Toten. Wollt ihr im Geiste leben, Müßt ihr erst auferstehen; Da hilft kein äuß'res Streben, Kein in die Schule gehen. Der Geist läßt sich nicht pachten, Nicht als Rezept verschreiben; Er kann nur Blütenprachten In freiem Herzen treiben. Und mögt ihr tausend Jahre Bei Folianten schwitzen: Seid ihr nicht selbst das Wahre, So könnt' ihr's nie besitzen. Ihr wollt an frischem Wagen, An off'nem Mut uns gleichen d Da müßt ihr erst entsagen Euch selbst und Euresgleichen. Zu polterndem Erfrechen Bringt's höchstens die Gemeinheit. Den Mut, der nicht zu brechen, Gibt nur der Sache Reinheit. Ningebung heißt der Schlüssel Sum Vätsel uns'res Mutes. Ihr liebt nur Flasch' und Schüssel, Such selbst, nichts Großes, Gutes. NHingebung heißt der Schlüssel Sum Rätsel uns'res Schauens. Was frommt des Ebers Rüssel Die Müh' des Perlenkauens. Selbstsucht, so heißt der Teufel Des Sagens und der Dummheit, Den hört das Volk mit Sweifel, Drum hüllt er sich in Stummheit! Weicht aus des Geist's Bezirken, Und geht zu euren Pferden! Wollt ihr auf Menschen wirken, Müßt ihr erst Menschen werden! Friedrich v. Salle. Auf zum Wahlkampf! (Ein Wahltagslied.) Vorwärts! Kämpfer, zu den Waffen! Denn es gilt ein heiß Gefecht. Laßt heut nicht den Mut erschlaffen, Denn Ihr kämpft den Kampf ums Recht. Zwar ist es kein blutig Ringen, Denn wir hassen Mörderstahl; Und doch wird ein Sieg gelingen, Trefft Ihr alle rechte Wahl! Hört Ihr sie wie Raben krächzen, Die nach ihrer Beute schrein? Seht Ihr sie wie Tiger lechzen, Die Euch dem Verderben weihn? Wisset, das sind Brotverteurer, Die Euch bringen Wucherzoll! Wisset, das sind Wahlrechtsneurer, Euch entrechtend, ränkevoll! Vorwärts! Männer, auf die Schanzen! Fällt Euch selbst ein Urteil heut'! Nieder mit den Kriechern, Schranzern! Hoch! wer frei die Stirn: beut! Für des Volkes Recht zu walten, Ist bei Sozialisten Brauch, Und wie immer wir's gehalten, Halten wir es fürder auch! Amalie Thamm. — Humoristisches. Heiteres von der Wahlbewegung. Der „Frkftr. Ztg.“ wird geschrieben: Es war in einem Dorf an der württembergischen Grenze. Der Kandidat, ein angesehener höherer Beamter, hatte eben seine Wahl⸗ rede mit den Worten:„Das walte Gott!“ beendet, als ein biederes Bäu rlein seinen Nachbarn anstieß und sagte:„Du, den wähle mer, der hot no Religkon im Ranze!“ Mißglückte Drohung. Großbauer: Wannst an Soz wählst, nacha hast am längsten a Brot g'habt. Arbeiter: Und wenn i dan Kornzöllner wähl, aa! (Südd. Postill.) Geschichtskalender. 14. Juni. 1866: Auflösung des deutschen Bundes. 1848: Zeughaussturm in Berlin. 5 15. 1893: Reichstagswahlen, 1750 000 soz.⸗dem. Stimmen. 1381: Wat Tylor, engl, Bauernführer auf kgl. Befehl ermordet. 16. 1898: Reichstagswahlen, 2 105 305 soz.⸗dem. Stimmen. 17. 1810: Ferd. Freiligrath, Dichter,. 1789: Dritter Stand erklärt sich als Nationalversammlung. aris. 5 18. Wilh. II. Arbeitswilligendrohrede in Bielefeld. 1815: Schlacht bei Waterloo. 19. 1899: Erste Lesung der Zuchthausvorlage. 1867: Kaiser Maximilian von Mexiko erschossen. 20. 1898: Jakob Au dorf, Dichter der Arbeiter⸗ Marseillaise gestorben. 1792: Ludwig XVI. vos Frankreich muß die phrygische Mütze aufsetzen. ——— Nr. 24. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. in Kurz-, Weiss, Sämtliche Artikel Manufaktur- und Baumwoll- Waren, Damen-Putz und Damen- Woll, Konfektion finden Sie in enorm grosser Auswahl zu hervorragend billigen Preisen bei Jacob Heilbronner, Giesse Marktstrasse 17, parterre, I., II. uud III. Etage. 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