47, — — .———— Nr. 37. Gießen, den 13. September 1903. 10. Jahrg. Nedaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Jon Mitteldeutsche ltags⸗Jeitung. Nedattionsfsluz. Vonnerstag Nachmittag 4 Uhr. Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 2 Juserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die ögespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellun 331½¼% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt Bei mindesteng Das Arbeiter parlament. Unser diesjähriger Parteitag, der vier⸗ zehnte seit dem Falle des Sozialistengesetzes, tritt am Sonntag in Dresden, des roten Sachsens Hauptstadt, zusammen. Nach dem von uns siegreich bestandenem Reichstagswahl⸗ kampfe sollte er gewissermaßen ein Siegesfest der Sozialdemokratie darstellen. Und in der Tat zu einem solchen war kaum ein Ort besser geeignet als die Hauptstadt jenes Landes, in dem der Sieg unserer Partei ein vollkommener ist, wo trotz der Gewalt⸗ und Unterdrückungs⸗ politik der herrschenden Klassen, die Reaktion zerschmettert am Boden liegt. Gründlicher als wir selber es erwarten konnten, hat das sächsische Volk den bürgerlichen Parteien die Wahlrechts⸗ räuberei heimgezahlt; von der konservativ⸗ nationalliberal⸗antisemitischen Herrlichkeit zeugt nur noch eine morsche Stütze, die der sozial⸗ demokratischen Flut keinen dauernden Wider⸗ stand entgegenstellen kann. Gewiß wird in Dresden die Freude über unsern glänzenden Sieg zum Ausdruck kommen. Aber zu langen, lärmenden Siegesfeiern hat die Partei des arbeitenden und klassenbewußten Volkes keine Zeit. Noch ist der Sieg kein end⸗ gültiger, weitere hohe Aufgaben warten ihrer! Sieg und Macht verpflichten. Die Stärke des gemusterten Heeres, der Vorteil der errungenen arlamentarischen Position müssen im höchsten aße den Interessen des arbeitenden Volkes, der Gesamtheit und damit dem Ziele der So⸗ zialdemokratie dienstbar gemacht werden. Dazu drängt das Bewußtsein der gesteigerten Ver⸗ antwortlichkeit innerhalb der Sozialdemokratie selbst; das heischen die Bedürfnisse der breiten Massen, die immer sehnsuchtsvoller, einsichts⸗ reicher zu höherer Kultur emporstreben. Eine erdrückende Fülle von Arbeit steht der Sozialdemokratie bevor. Es gilt den Kampf gegen den Militarismus, dessen volksfeindliches Wesen immer weiteren Kreisen offenbar wird, sowie gegen den kostspieligen Marinismus und die abenteuerliche Weltpolitik mit grundsätzlicher Schärfe zu führen. Als wichtigste Aufgabe fällt der Sozialdemokratie die Verteidigung des allgemeinen Reichstags⸗ Wahlrechts zu, für dessen Beseitigung die besitzende Klasse ihre Soldknechte im Dunkeln arbeiten läßt. Da . es auf der Hut sein, um die elementarsten olksrechte zu schützen! Und wer sonst stellt dch zu ihrer Verteidigung als die Sozial⸗ emokratie? i Eine Menge kleinerer gesetzgeberischer Auf⸗ gaben tritt an die Patei heran. Es ist un⸗ möglich, sie alle aufzuzählen, auf allen Gebieten des politischen und wirtschaftlichen Lebens ist gründliche Besserung notwendig, überall muß die Sozialdemokratie fördernd und vorwärts drängend wirken.— Sicherstellung des Ver⸗ einigungsrechtes der Arbeiter gegen Polizei⸗ willkür, Ausbau der Arbeiterschutzgesetze; För⸗ derung der Volksbildung; Reform der Straf⸗ rechtspflege; Beseitigung des Wohnungselendes — das sind nur einige der vielen Gegenstände, mit denen sich die Partei beschäftigen muß. i Von dem Berge Arbeit, welche dem Partei⸗ tage bevorsteht, legen auch die bis jetzt einge⸗ laufenen 115 Anträge Zeugnis ab; ihre Zahl wird sich im Laufe der Tagung noch bedeutend steigern und wenn auch darunter manche alte Bekannte erscheinen, so verdient doch der weit⸗ aus größte Teil Beachtung und ihre Erledigung bedeutet eine harte Arbeit für den Parteitag. Von Siegesjubel und Freudenfeier wird man nicht viel merken. Umsoweniger als es in Dresden zu einer scharfen prinzipiellen Auseinandersetzung kommen wird. Die„Vizepräsidentenfrage“, von Genossen Bernstein gleich nach den Wahlen in die öffentliche Diskusston geworfen, hat den schon seit Monaten in der Parteipresse geführten Streit veranlaßt. An sich ist jene Frage so untergeordnet wie nur möglich und schon im Jahre 1898 von unserer Fraktion korrekt und im Sinne der Gesamtpartei entschieden. Eigent⸗ lich ist auch die Frage insofern gegenstandslos, als die bürgerlichen Parteien einen Sozial⸗ demokraten einfach nicht wählen werden, gleichviel, ob er sich bereit erklärt, nach Hofe zu wallfahrten oder nicht. Hinter der Vizepräsidentenfrage verbirgt sich aber die Frage des„Revisionismus“. Das heißt, die Frage, ob unser Parteiprogramm und die bisherige auf Grund desselben verfolgte Taktik, der Revision bedarf, ob wir die prole⸗ tarisch⸗revolutionäre Klassenkampfpartei bleiben, oder eine demokratische Reformpartei werden, mit Monarchie, Militarismus, den herrschenden Klassen kompromisseln wollen. Darum wird es sich bei der Auseinandersetzung in Dresden handeln. Wie die Masse der Parteigenossen darüber denkt, darüber geben zahlreiche Versammlungs⸗ und Konferenzbeschlüsse, die in letzter Zeit gefaßt wurden, Auskunft. Während man sich vorher wenig um die Tüfteleien einer Anzahl unserer Theoretiker kümmerte, erklärt jetzt die Partei fast einmütig: Wir bleiben, was wir waren! Keine andere Taktik, keine Hofgängerei! Dieser Meinung gibt auch unser alter Bebel in einer größeren Abhandlung in der„Neuen Zeit“ Ausdruck und wir sind überzeugt, der Parteitag wird ihm in überwiegender Mehrheit zustimmen. „Noch haben wir immer nichts zu revidieren und können bleiben, was wir waren, die Partei des Klassenkampfes der Arbeiterklasse, die wohl soziale Reformen für diese auf politischem Wege zu erringen sucht und ihre ökonomischen Orga⸗ nisationen in jeder ihr möglichen Weise fördert, die aber trotz dieser reformierenden Tätigkeit eine Partei der Revolution ist und jedes Pak⸗ tieren mit den herrschenden Klassen zurückweist.“ So sagt Genosse Kautsky am Schlusse eines Artikels und wir stimmen ihm zu. Wer nicht mit uns sein kann, möge beiseite treten. Die Feinde der Arbeiterklasse sehen dem Parteikongreß mit Spannung entgegen. Dies⸗ mal, so hoffen sie, kommt es sicher zur Spal⸗ tung, zerfällt die Drei⸗Millionenpartei! Sie werden sich täuschen. Am Schlusse der sozial⸗ demokratischen Woche wird wie gewöhnlich der Ruf:„Hoch die Sozialdemokratie!“ von der Einmütigkeit der deutschen Arbeiter⸗ klasse Zeugnis ablegen. Glück zu seinen Arbeiten und herzlichen Gruß dem Arbeiterparlament! . Die Tätigkeit der Sozial⸗ demokraten im Reichstage. (Schluß.) Im Weiteren geht der Bericht der Fraktion auf die verschiedenen, dem Reichstage vorgelegten Gesetzentwürfe ein. Zunächst das Gesetz, betreffend Kinderarbeit in gewerblichen Betrieben. Der im Herbst 1902 an eine Kommisston verwiesene Gesetzentwurf gelangte am 29. Januar zur Beratung im Plenum. Unsere Fraktion bemühte sich, entsprechend ihrem Initiativantrag vom 22. November 1900, den Kinderschutz auf die in der Landwirtschaft und in häuslichen Diensten beschäftigten Kinder auszu⸗ dehnen, die obere Grenze für verbotene Kinderarbeit von 13 auf 14 Altersjahre zu erstrecken, die eigenen Kinder demselben Schutz wie die fremden Kinder zu unter⸗ stellen und die vielen Durchlöcherungen des Schutzes, welche die Vorlage enthält, zu beseitigen. Indes ver⸗ stand sich auch auf diesem Gebiet die Mehrheit des Reichstags nur zu den halben Maßregeln der Vorlage. Auch die ländliche Kinderarbeit muß notwendig den physischen Verderb, die geistige Verödung und die sittliche Verwahrlosung des Bevölkerungsnachwuchses nach sich ziehen. Die Vertreter der bürgerlichen Parteien aber — Stöcker und Henning von konservativer, Gamp von freikonservativer, Sieg von nationalliberaler, Bräsicke von freisinniger Seite und in etwas versteckterer Weise Trimborn vom Zentrum— ergingen sich in Lobpreisungen ländlicher Kinderarbeit. Da es aber kurz vor den Wahlen war, so stimmten sie wenigstens folgender Resolution zu: „Den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, zum Zwecke von Erhebungen über den Umfang und die Art der Lohn⸗ beschäftigung von Kindern im Haushalte(Aufwartung, Kinderpflege und dergleichen) sowie in der Landwirtschaft und deren Nebenbetrieben, ihre Gründe, ihre Vorzüge und Gefahren, insbesondere für Gesundheit und Sittlich⸗ keit, sowie die Wege zweckmäßiger Bekämpfung dieser Gefahren mit den Landesregierungen in Verbindung zu treten und die Ergebnisse der vorgenommenen Erhebungen dem Reichstage mitzuteilen“ g Die Fraktion stimmte für das Gesetz, weil es dank der Jahrzehnte langen Agitation der Arbeiterklasse wenig⸗ stens einige Besserungen gegenüber dem bestehenden Zu⸗ stand schafft und dann vor allem das nicht unwichtige prinzipielle Zugeständnis enthält, daß die soziale Gesetz⸗ gebung nicht vor der Familie Halt machen dürfe. Der Bericht geht dann näher auf den Inhalt des Gesetzes ein, das am 1. Januar 1904 in Kraft tritt. Das Phosphorzündwaren⸗Gesetz. Die Herstellung von Zündhölzern und andern Zündwaren durch Verwendung von weißem oder gelbem Phosphor bedroht die mit solcher Zündholzfabrikation beschäftigten Arbeiter mit der entsetzlichen Krankheit der Phos⸗ phornekrose, einer Krankheit, welche die Knochen anfrißt, entsetzliche Entstellungen durch Fortfressen der Nase, des Kinns usw. und tötliche Verletzungen herbeiführt und wie die Bleikrankheit oft erst nach dem Austritt der Beschäftigung auftritt. Die furchtbaren Folgen dieser Krankheit veranlaßten den Reichstag am 27. Juni 1879, den Reichskanzler zi ersuchen, die einleitenden Schritte zum Verbot der Anfertigung von Streichhölzern aus weißem Phosphor anzuordnen. Es kam jedoch nur das Gesetz vom 13. Mai 1884 zu stande, das sanitäts⸗ polizeiliche Anforderungen an die Einrichtung und den Betrieb der Anlagen zur Herstellung von Weißphosphor⸗ zündhölzern stellte. Diese Anordnungen waren unzu⸗ länglich und wurden überdies oft übertreten. Die Fraktion wies wiederholt auf die Notwendigkeit hin, die Herstellung der Wei zphosphorzündmasse völlig zu verbieten. Im Jahre 1898 wurden sogenannte Triumph⸗ hölzer patentiert, das sind nach Art der schwedischen Hölzer hergestellte. Die an den Hölzchen befestigte Masse besteht aus dem ungiftigen roten Phosphor und aus einer Masse, deren Zusammensetzung patentiert ist. Sie haben vor den„Schweden“ den Vorteil, daß sie an jeder Fläche zünden und daß die Holzstäbchen nicht aus — 2 0 1 232——é—— r —— 4 1 4 * 1 15 3—— ——— — — a—— 3 5— 3 — * 1 1. 65 1 1 Seite 2. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Aspenholz(dem Holz, aus dem die Schwefelhölzer ge⸗ fertigt werden), sondern auch aus dem weichen Tannen⸗ holz geschnitten werden können. Daraufhin beantragte die Fraktion unter dem 22. November 1900, es solle nun endlich die Fabrikation weißphosphoriger Hölzchen von Reichs wegen verboten werden. Diesem Verlangen ist in der Vorlage, die am 15. November 1902 dem Reichstag unterbreitet wurde, endlich entsprochen. Ein Teil der bürgerlichen Parteien, insbesondere das Zentrum, verlangte eine Entschädigung für die Zündholzfabrikanten. Die Fraktion bekämpfte solche Entschädigung in Uebereinstimmung mit der Regierung und der Mehrheit des Reichstags: eine Entschädigung ist noch in keinem Staate gewährt worden, wenn Be⸗ schränkungen im Gewerbebetriebe zum Schutz der Arbeiter gegen Gefahren für Leben und Gesundheit eingeführt worden sind. Eine solche verlangen, heißt zum nackten Rechtsprinzip den Satz aufstellen: der Mensch hat das Recht der Ausbeutung seines Mitmenschen ohne jegliche Rücksicht auf die für dessen Leben und Gesundheit ent⸗ stehenden Gefahren, der Staat hat dies Recht zu schützen; er ist keine Organisation zur Hebung der geistigen und körperlichen Fähigkeiten der Staatsangehörigen, sondern eine Versicherungsgesellschaft für schrankenlose Ausbeutung. Dies Prinzip brachte ein Teil des Zentrums zum Aus⸗ druck. Er verlangte Entschädigung und noch im letzten Augenblick, die Vorlage dadurch zu verschleppen und zu Fall zu bringen, daß er trotz der mehrmonatlichen aus⸗ gedehnten Kommissionsverhandlungen eine Reihe von Erhebungen verlangte. Der Antrag wurde abgelehnt. Das Gesetz soll am 1. Januar 1907 und soweit es das gewerbsmäßige Feilhalten von Zündwaren verbietet, die unter Verwendung von Weißphosphor hergestellt sind. am 1. Januar 1908 in Kraft treten. Unser Antrag, das Gesetz drei Jahre früher in Kraft zu setzen, wurde abgelehnt.— Die Kranken versicherungsnovelle. Gegen Schluß der Session ging dem Reichstag eine Kranken⸗ versicherungsnovelle zu. Der Gang der Krankenversiche⸗ rungsgesetzgebung weist dieselben Wege wie die der ge⸗ samten sogenannten Sozialreform. Aus Furcht vor der Sozialdemokratie und aus wachsender Ueberzeugung, daß ohne ein Entgegenkommen die geistige und körperliche Leistungsfähigkeit der Arbeiterklasse erheblich auch zum Schaden der Gesamtheit beeinträchtigt würde, entschließt man sich, wenn auch widerwillig, eine Fürsorgepflicht der Gesamtheit anzuerkennen. Gelangt man zur gesetz⸗ lichen Gestaltung dieses Anerkenntnisses, so scheut man vor ganzer Arbeit zurück, bezeichnet dringliche, leicht ausführbare Forderungen als unerfüllbar und sucht gar in das Gesetz Vorschri'ten h'neinzubugsieren, welche die wirtschaftliche und politische Botmäßigkeit der Arbeiter garantieren sollen. Diese Halbheit schafft gerade auf diesem Gebiete so viel Flick⸗ und Stückwerk, wie auf kaum einem andern. Nach einigen Jahren entschließt man sich dann zu einer Novelle, durch die einige der bei der ersten Gestaltung des Gesetzes von der Sozial- demokratie vergeblich erhobenen Forderungen erfüllt wer⸗ den, im übrigen bleibt es bei der Halbheit und bei dem Bestreben politischer Entrechtung der Arbeiter. Bei Ge⸗ staltung der Krankenkassengesetzgebung stehen sich— wie in der gesamten Gesetzgebung—„zwei Nationen, zwi⸗ schen denen kein Verkehr und keine Sympathie besteht“, in ihren Zielen schroff gegenüber. Auf der einen Seite die Nation der Arbeiter, die für Besserung der Gesundheitspflege, für Vorbeuge gegen Krankheiten, für möglichst rasche und ausgiebige Fürsorge in Krankheits⸗ fällen und in den dadurch verursachten Fällen der Er⸗ werbsunfähigkeit, für Zentralisierung der Krankenkassen⸗ organisationen, für Erhaltung und Ausbau der Selbst— verwaltung, für das Recht aller Mitglieder des Staates eintritt, Schutz zur Erhaltung seiner Gesundheit und Arbeitskraft zu verlangen— auf der andern Seite die Nation der Privilegierten, die unter dem Deckmantel einer Fürsorge für die arbeitende Klasse, Abwälzung der Lasten der öffentlichen Armenpflege auf die Arbeiterklasse, Begrenzung der Fürsorge zum Schutz gegen Gesundheit auf die Leistungen engherziger Armenverbände, Atomi⸗ sierung der Organisationen, Zerstörung der Selbstver⸗ waltung und Verwaltungen duͤrch bureaukratisch verwaltete Versorgungsämter für Militäranwärter und Kommis der Bourgeoisie anstrebt. Das Ziel der Gestaltung des Krankenversicherungs⸗ gesetzes offenbarten die im„Preußischen Verwaltungsblatt“ veröffentlichten Aufsätze des Geheimen Regierungsrats Dr. Hoffmann. Sie gipfelten in der Forderung einer Angliederung der Kassenverwaltung an die Gemeinde⸗ verwaltungen unter Aufhebung der Selbstverwaltung der Kassenorgane. 5 Die Motive der Vorlage erklärten das Ergebnis der Erörterungen über den weiteren Ausbau der Kranken⸗ versicherung und ihrer Beziehungen zur gesamten Ver⸗ sicherungsgesetzgebung hiernach noch nicht abgeschlossen, deshalb sei der Zweck der Vorlage nur drei Forderungen, die als reif und dringlich anerkannt wurden, zu erfüllen, nämlich: die Möglichkeit zu beseitigen, durch statutarische Entziehung des Krankengeldes Geschlechts krankheiten zu verlängern und zu verschleppen, die Wöchnerinnen⸗Unterstützung auf mindestens 6 Wochen allgemein zu erstrecken und die zeitlichen Lücken zwischen der Invaliden⸗ und Krankenversicherung auszufüllen. Außerdem enthalte die Novelle„nur noch Bestimm⸗ ungen, welche dringend erforderlich sind, um Unzuträg⸗ lichkeiten bei der Anwendung des Krankenversicherungs⸗ gesetzes zu beseitigen“. Nach dieser harmlos klingenden Begründung schlug die Novelle einige Vorschriften vor, welche die Misere der Gemeinde versicherungen auf Kosten der Versicherten verstärken und die Selbst⸗ verwaltung untergraben sollten. Die Fraktion mußte mit Rücksicht auf den nahen Schluß der Session von einem Versuch einer organischen, umfassenden Umgestaltung der Krankenkassengesetzgebung abstehen. Sie strebte eine Beseitigung der gegen die Selbstverwaltung gerichteten Angriffe, größeren Schutz der Selbstverwaltung und eine wirkliche Erfüllung der von der Novelle als dringend anerkannten Forderungen an. Die Beschaffung der Mittel zur Erreichung unsrer Forderungen suchte die Vorlage durch Erhöhung der Kassenbeiträge, die Fraktion durch größere Zentralisierung sowie durch Beschränkung der Gemeindeversicherung und der Betriebskrankenkassen zu erreichen. Die Reichstags⸗ mehrheit suchte die Selbstverwaltung noch über den Rahmen der Vorlage hinaus einzuengen. Von den drei als spruchreif und dringlich in der Vorlage anerkannten Forderungen erfüllte die Vorlage lediglich den der Beseitigung einer ausnahmerechtlichen Behandlung der Geschlechtskrankheiten. Der Bericht geht des Weiteren ausführlich auf das ganze Krankenversicherungswesen, auf die einzelnen Be⸗ stimmungen des Gesetzentwurfes ein und begründet die Stellung der Fraktion dazu. Es gelang der Fraktion, verschiedene Verschlechterungen, besonders die beabsichtigten Beschränkungen der Selbstverwaltung abzu⸗ wehren. Das Gesetz wurde am 30. April angenommen. Wenngleich die schlimmsten Giftzähne der Vorlage aus⸗ gebrochen waren, so enthält das Gesetz doch noch völlig unberechtigte Beschränkungen der Selbstverwaltung in den aufrecht erhaltenen Zusätzen zu 88 35 und 42; das Gesetz ermöglicht ferner eine Belastung der Ver⸗ sicherten, die in keinem Verhältnis zu den Vorteilen steht, die ein Teil der Vorschriften des Gesetzes enthält; endlich lehnt das Gesetz es ab, allseitig als im Interesse der Gesamtheit und der Arbeiterklasse als dringlich an⸗ erkannte und durchführbare Forderungen zu erfüllen: aus diesen Gründen stimmte die Fraktion in der Ge⸗ samtabstimmung gegen das Gesetz. Es tritt mit dem 1. Januar 1904 in Kraft. Der Bericht bespricht ferner die Novelle zur See⸗ mannsordnung, die Aenderung des Wahlregle⸗ ments und erwähnt die von der Fraktion eingebrachten Interpellationen: über die Fleischteuerung, das Fleischbeschaugesetz, die Uebergriffe der Polizei, die Polenfrage, den Fall Hüssener und die Unterstützung der Kriegsveteranen. Die Reso⸗ lutionen zum Zolltarif werden beleuchtet, die Initi⸗ ativ⸗Anträge aus der Mitte des Reichstages werden aufgezählt und besprochen und ebenso einige wichtigere Petitionen. Der Bericht schließt: Die Fraktion ist den Grund⸗ sätzen der sozialdemokratischen Partel entsprechend auf allen Gebieten des wirtschaftlichen, politischen und geistigen Lebens vorgegangen. So mannigfache Gebiete auch die Tätigkeit der Fraktion erfaßt hat, auf so vielen Gebieten sie auch anregend, anspornend, positiv tätig vorgegangen ist, niemals hat sie Augenblickserfolge halber die Haupt⸗ aufgabe aus den Augen gelassen. Sind von der bürger⸗ lichen Mehrheit kleine Besserungen auf einzelnen Gebieten hier und da durch jahrelange Kritik und jahrelanges Drängen erreicht— niemals hat die Fraktion darüber einen Zweifel gelassen, daß nicht das Ziel der bürger⸗ lichen Sozialpolitiker das Ziel der Arbeiterklasse sein kann, nämlich, unter möglichst wenig unerträglichen Bedingungen sich ausbeuten zu lassen, sondern, daß ihr Ziel nur die Befreiung von jeder Ausbeutung sein muß. Jedes Zugeständnis muß anspornen, auf dem bisherigen Wege fortzufahren, jede Gewalttat dazu anpeitschen: die Umwandlung des Privateigentums an Produktionsmitteln in gesellschaftliches Eigentum und der kapitalistischen Warenproduktion in sozialistische für und durch die Gesellschaft betriebene Produktion zu be⸗ schleunigen. Die Erreichung dieser Umwandlung ist nur durch den Klassenkampf der Notwendigkeit ihres Kampfes bewußter Arbeiter gegen den Kapitalismus möglich. Die Fraktion war sich ihrer Verantwortung und Pflicht bewußt und hat den ihr anvertrauten Posten in der frohen Siegeszuversicht ausgefüllt, die das Be⸗ wußtsein von der Sicherheit und Notwendigkeit des Sieges der Arbeit über das Kapital verleiht. Politische Rundschau. Gießen, 10. September. Wahlstatistisches. Eine vergleichende Uebersicht der Reichs⸗ tagswahlen 1898 und 1903 ist soeben vom Kaiserlichen Statistischen Amt als Sonder⸗ abdruck aus den Vierteljahresheften zur Statistik des Deutschen Reiches herausgegeben worden. Sie gibt für sämtliche Wahlkreise eine Ver⸗ gleichung der Ergebnisse der Hauptwahlen und Stichwahlen für 1898 und 1903, Bevölkerung, Zahl der Wahlberechtigten, die Zahl der Ab- stimmenden, die Zahl der Wahlfaulen, die Zahl der gültigen Stimmen und die für jede Partei abgegebenen Stimmen. In allen Fällen sind gef 1 Zahlen die Verhältniszahlen bei⸗ gefügt. Für das ganze Reich lauten die Angaben: 1898 1903 Bevölkerung... 52279901 56367178 Wahlberechtigte.. 11441094 12 531248 Abgestimmt haben 7786 714= 68,1 p 3t. 9533 794= 76,1 ꝓgt. Nicht abgest. haben 3654380= 31,9„ 2997454 28,9„ Gültige Stimmen 7752 693 9495 787 Davon erhielten: Sozialdemokraten 2 107076= 27,2„ 30107—˙5·˙ Bentrüsm lie 1875 292— 19,7„ Nationalliberale. 971302= 12,5 1313051 13,8„ Konservativee 859 222= 11,1„ 948 448 10,0„ Reichsparti 343 642= 4,4„ 333 404 3,5„ reis. Volkspartei. S 542 556= 5,7„ reis. Vereinigung 1 243 230 2,6„ eutsche Volkspartei 108528= 1,4„ 9127 Polen 3 244128 3,1„ 347 784 8,7„ Antisemiten 284 250= 3,7„ 244543= 2,6„ Bund d. Landwirte 110389 1,4„ 118 759= 1,2„ Bauernbund 140 304= 1,8„ 111375 1„ Andere Parteien“) 268 234 8,5„ 248024= 2,6„ Unbestimm 92 637 1,2„ 55249= 0,6„ Zersplittet 13 846= 0,2 11884 0,1„% ) Dazu gehören u. a. Nattonalsoziale, Dänen, Welfen, Hess. Rechtspartei, Hess. Volkspartei, Elsaß⸗Lothringer ꝛc. Diese Zahlen reden eine deutliche Sprache und zeigen, daß die Parteien, die die Minister stellen, im Volke jeden Anhang verlieren. Die beiden konservativen Parteien, die 1887 noch 24,8 pt. der Wähler hinter sich hatten, schmelzen von Wahl zu Wahl immer mehr zusammen und haben jetzt nur noch 13,5 pt. der Wähler hinter sich. Den Vertretern dieser Interessen⸗ gruppen überläßt man durch das bestehende Unrecht die Herrschaft in den Einzelstaaten. In Preußen, Sachsen und Mecklenburg über⸗ läßt man ihnen allein die Herrschaft. Aus der Zusammenstellung geht deutlich hervor, was wir schon früher festgestellt haben, daß die Brotwucherpolitik vom Volke gerichtet worden ist. Die extremen Anhänger der Zollwucherei sind die Konservativen, die Reichspartet, die Antisemiten, der Bund der Landwirte und der Bauernbund. Diese Gruppen, welche 1898 noch über 22,4 pt. der Wähler verfügten, schmolzen auf 18,5 pt. zusammen. Die beiden Volksparteien, die bei der Bekämpfung des Wuchertarifs als unsichere Kantonisten den Zollwucherern Handlangerdienste leisteten, gingen von 8,6 pt. auf 6,7 pat. zurück, während die energischen Gegner der Brotwucherei, die Sozialdemokraten und freisinnige Sen ean von 29,7 auf 34,3 pzt. stiegen. Zentrum und Nationalliberale, die im Reichstag geschlossen für die Kardorfferei eintraten, können hier weder auf die eine noch auf die andere Seite gerechnet werden, weil sie bei der Wahl ihre Zollwucherpolitik verdeckten, vielfach sogar gegen die Ueberzöllner Stellung nahmen. Aber trotz fieberhafter Agitation brachte es das Zent⸗ rum, welches 1877 es auf 27,2 pt. der Stimmen gebracht hatte, nur noch auf 19,7 pzt. Aehnlich geht es mit den Nationalliberalen. Diese traten im Wahlkampf vielfach als Gegner der Agrarier auf und erlangten so eine beach⸗ tenswerte Stimmenzahl. Aber ihre Glanzzeit ist längst vorüber. 1871 hatten sie 30,1 pgt. und noch 1887 brachten sie es auf 22,3 pzt. Einen so großen Anteil an den abgegebenen Stimmen, wie die Sozialdemokratie dieses Mal erlangte, hat nie eine Partei gehabt, übrigens erlangten wir schon 1898 eine Stimmen⸗ zahl, die von keiner Partei erreicht war. Zollwucher der Stadtgemeinden. Nach dem 8 13 des Zolltarifgesetzes dürfen vom 1. April 1910 ab Abgaben auf Getreide, Hülsenfrüchte, Mehl und andere Mühlenfabrikate, auf Backwaren, Vieh, Fleisch, Fleischwaren und Fett für Rechnung von Kommunen oder Korpo⸗ 9—————— * er , ler l. en Nr. 37. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 3. rationen nicht mehr erhoben werden. Das ist wenigstens für die Bevölkerung der Städte, die noch solche Abgaben erheben, eine kleine Er⸗ leichterung in der drohenden Zollnot. Aber die edlen Bürgermeister und Stadtväter wollen davon nichts wissen. Diese waren vorige Woche in Dres den zum ersten deutschen Städtetag versammelt. Und während man in der öffent⸗ lichen Sitzung über städtische Sozialreform beriet, wobei der Frankfurter Oberbürgermeister eine ganz nette arbeiterfreundliche Rede hielt — in der Praxis ist er übrigens ein Feind des allgemeinen und gleichen Wahlrechts für die Gemeindevertretung— setzten sich die Herren nachher unter Ausschluß der Oeffent⸗ lichkeit zusammen und beschlossen, nachdrücklich für die Wiederbeseitigung des§ 13 des Zollgesetzes einzutreten, weil angeblich die Finanz⸗ wirtschaft der betroffenen Städte dadurch schwer betroffen wird. Nun, andere Städte müssen auch ohne diese Abgaben auskommen. Und natürlich ist es Spiegelfechterei, daß der Ersatz dieser Abgaben durch direkte Steuern notwendig „eine Mehrbelastung des wirtschaft⸗ lich schwächeren Teiles der Bevölke⸗ rung“ zur Folge haben müßte. Nein, man befürchtet, weil man den Armen nicht gut mehr direkte Steuern aufpacken kann, ste den Wohlhabenden und Reichen auferlegen zu müssen. Das ist's, was den Herren Schmerzen verursacht. Ordnungsparteilicher Schwindel. Kurz nach der Reichstagswahl hatte das Berliner Scharfmacherblatt„Post“ die Lüge in die Welt gesetzt, daß im zweiten Berliner Wahlkreise umfangreiche Betrügereien bei der Wahl vorgekommen seien und natürlich sollten es Sozialdemokraten gewesen sein, die, indem sie auf den Namen Verstorbener, Ver⸗ zogener ꝛc. gewählt und dadurch das Wahlglück zu ihren Gunsten korrigiert hätten. Jetzt meldete nun ein amtliches Blatt: „Die Erhebungen der Berliner Kriminal⸗ polizei haben zu dem Ergebnis geführt, daß die Behauptung des konservativen Wahlkomitees im zweiten Wahlkreise, es seien bei der Reichstagswahl, vom 16. Junt Wahlschiebungen in größerem Um⸗ fange vorgekommen, irrig ist. Die be⸗ haupteten Manipulationen sind in keinem einzelnen Falle nachgewiesen worden; vielmehr hat sich gerade in denjenigen Fällen, in denen detaillterte Angaben vor⸗ lagen, die Gegenstandslosigkeit der Be⸗ schuldigung mit völliger Klarheit ergeben.“ Damit ist die Verlogenheit der Reptilien, von denen natürlich auch das im entferntesten Winkel unter beinahe völligem Ausschluß der Offentlichkeit erscheinende die Lügen nachzu⸗ plappern nicht versäumte, wieder einmal vor aller Augen festgestellt. Nun müssen sich Schweinburg und seine Jünger den Kopf um einen neuen Schwindel zerbrechen, den sie der Sozialdemokratie anhängen können. Majestätsbeleidigungsprozesse spielen sich in Deutschland wohl mehr ab als in allen andern übrigen Monarchien in der ganzen Welt zusammengenommen. Kein ver⸗ ständiger Mensch wird aber behaupten wollen, daß das Ansehen Deutschlands damit irgendwie gefördert werde. Im Gegenteil, die zahllosen Verurteilungen wegen Majestätsbeleidigung legen nicht nur Zeugnis davon ab,, daß bei uns vom Recht der freien Meinungsäußerung keine Rede sein kann, daß wir in dieser Be⸗ ziehung höchst rückständige Rechtsverhältnisse haben, sondern es wirkt der Majestätsbeleidi⸗ gungsparagraph auch insofern un moralisch auf das Volk ein, weil durch ihn das schmutzige Denunziantentum großgezogen wird. Man will aber Deutschland noch mehr in der öffentlichen Achtung herabwürdigen.— Der Justizminister hat, wie die Irkftr.„Volks⸗ stimme“ aus zuverlässiger Quelle erfährt, an die Staatsanwälte eine Verfa erlassen, in der dazu aufgefordert wird, die sozial⸗ demo kratische Parteipresse genauer als das bisher der Fall war zu studieren und mit rücksichtsloser Schärfe jeden Fall zu verfolgen, der nur einiger maßen Aussicht bietet, gegen das betreffende Blatt einen Majestätsbeleidigungsprozeß anzu⸗ strengen. Alle Artikel, die sich mit der Person des Kaisers befassen, sollen eingehend daraufhin Nau werden, ob eine Beleidigungsabsicht erausdestilliert werden kann und gegen den Missetäter soll Untersuchungshaft beantragt werden. Demnach braucht man sich nicht mehr zu wundern, wenn Massenverhaftungen, wie jetzt die in Leipzig vorgenommen werden, wo wegen einer fünfzeiligen Notiz drei Redakteure und sogar der Metteur der Muldenthaler Volkszeitung verhaftet wurden. Kein Mensch wird diese Genossen für fluchtverdächtig halten. * Genosse Leid vom Vorwärts, der wegen der Kaiserinsel⸗Angelegenheit verhaftet worden war, ist am Samstag aus der Haft entlassen worden. Die verantwortlichen Behörden ge⸗ stehen damit selbst ein, daß ihre Aktion ein Mißgriff schwerster Art gewesen ist. Leid ist wegen Majestätsbeleidigung angeklagt; mit dieser Anklage verbunden ist aber eine solche gegen den andern Redakteur wegen Beleidigung des Hofmarschalls Herrn v. Trotha. Durch die Einbeziehung der Sache Trotha in die Majestätsbeleidigungsklage ist die Gefahr vor⸗ handen, daß die ganze Kaiserinsel⸗Angelegenheit unter Ausschluß der Oeffentlichkeit verhandelt wird. In Zeugniszwangshaft wurde ein Berichterstatter des„Vorwärts“, Genosse Rehbein, genommen, weil er, wie das seine Ehrenpflicht ist, sich weigerte, einen Soldaten der Militärbehörde zu verraten, der sich über die ihm widerfahrene Behandlung in einem Briefe an den„Vorwärts“ beschwert hatte. Um der Militärbehörde die Möglichkeit zu geben, die Mißstände untersuchen und beseitigen zu können, machte Rehbein dem betr. Kommando Mitteilung von den Beschwerden des Soldaten, natürlich ohne dessen Namen zu nennen, ver⸗ öffentlichte aber in der Zeitung kein Wort da⸗ von. Das war von Rehbein gewiß durchaus korrekt gehandelt. Aber der Militärbehörde kam es darauf an, den Namen jenes Soldaten zu erfahren, den anzugeben unser Genosse natürlich ablehnte. Deshalb wird er der Folter⸗ haft unterworfen, deren Verwerflichkeit für Jedermann feststeht.— Dieser Vorfall bietet unserer Agitation neue Nahrung, gefehlt hat es uns daran zwar noch nie. Bei der Ersatzwahl in Dessau, die infolge des Todes des Abg. Rösicke notwendig war und am 3. September statt⸗ gefunden hat, erhielten nach endgültiger Fest⸗ stellung unser Genosse Käppler 12715, der Freisinnige Schrader 11086, und der Land⸗ wirtsbündler Schirmer 3493 Stimmen. Seit dem 16. Juni haben wir 447 Stimmen gewonnen, während die Freisinnigen 333 berloren. Bündler, Konservatibe und National⸗ liberale, büßten gegen den 16. Juni 2200 Stimmen ein. Die Stichwahl findet am 11. Septbr. statt, sie wird zur Wahl Schraders führen, für den die Agrarier stimmen wollen. Die sächsischen Landtagswahlen sind nunmehr ausgeschrieben. Die Wahlmänner⸗ wahlen sind für die III. Abteilung auf den 28., für die II. und I. Abteilung auf den 29. und 30. September festgesetzt, während die Wahlen der Abgeordneten am 15. Oktober vorgenommen werden sollen.— Ob bei dem elenden Wahl⸗ system unsere Genossen einige Kreise erobern werden, bleibt sehr fraglich. Darauf kommt es aber weniger an. Es gilt vielmehr bei dem Landtagswahlkampfe um das allgemeine Wahlrecht, es gilt der Klassenpolitik und Interessenwirtschaft der herrschenden Parteien ein Ende zu machen. Wir können sicher sein, daß die sächsischen Parteigenossen diesen Kampf mit aller Energie führen und siegreich daraus hervorgehen werden, wie immer die Wahlen ausfallen mögen. Wahlsiege 5 der dänischen Sozialdemokratie. „Kürzlich haben die Gemeindewahlen in Dänemark stattgefunden, wobei unsere Genossen außerordentlich günstig abgeschnitten haben. Die für die Sozialdemokraten abgegebene Stimmenzahl zeigt bedeutendes Wachstum und es gelang unsern Genossen auch, eine Anzahl Mandate zu erobern. Marineskandal in Italien. Der Marineprozeß gegen den „Avanti“,(das sozialdemokratische Organ in Rom, dessen Hauptredakteur Genosse Ferri ist), der mit großer Spannung erwartet wurde, hat einen ebenso raschen als unerwarteten Abschluß gefunden: Die 35 Kläger— Marine⸗ offiziere und ⸗Beamte von Spezia— wurden vom Gericht mit ihrer Klage abgewiesen, weil die Artikel des„Avanti“ weder ihre noch die Namen andrer Personen genannt, sondern von einem„System der Korruption“ gesprochen habe. Die 35 haben keine Autorisatlon gehabt, die gesamte Marine zu vertreten; sie wurde daher kostenpflichtig abgewiesen. In den Artikeln Ferris waren der Marineverwaltung und den Marineofftzieren Beschuldigungen ganz unge⸗ heuerlicher Art gemacht. Die Zuschriften, die zum großen Teil in ihrem Wortlaut veröffent- licht worden sind, kamen meist aus den Keeisen der Marine selbst. In der einen wurde u. a. die Behauptung aufgestellt, daß in Spezia sämt⸗ liche Marinesoldaten jährlich für mehrere Wochen beurlaubt würden. In dieser Zeit erhielten sie keinen Sold, diesen— so wurde behauptet— steckten die Kommandanten b he Tasche.— Der Ausgang des Prozesses be⸗ deutet einen Sieg der Demokratie. Landeskonferenz der hessischen Sozialdemokraten. Stärker als je eine Landeskonferenz war die diesjährige, am Sonntag in Steinbach i. T. stattgefundene besucht. 120 Delegierte aus 101 Orten waren anwesend, außerdem das Landes⸗ komitee, die Vertrauensleute der 9 Reichstags⸗ wahlkreise und Vertreter der drei hess. Partei⸗ organe. Es waren also eine ziemlich große Anzahl Genossen in dem abgelegenen Dorfe zusammengekommen, die bei fast unerträglicher Hitze in dem verhältnismäßig kleinen Saale zum „Darmstädter Hof“ sich drängten und von vormittags 10 Uhr bis abends nach 7 Uhr aushielten, während welcher Zeit ein respektables Stück Parteiarbeit geleistet wurde. Nach den Begrüßungsworten des Genossen Gifsel⸗Steinbach und nachdem die beiden dortigen Arbeitergesangvereine den Chor„Empor zum Licht“ in exakter Weise zum Vortrag ge⸗ bracht, erfolgte die Wahl des Bureaus. Zu Vorsitzenden werden die Genossen Ulrich und Busold berufen. Zur Tagesordnung wird ein Antrag angenommen, wonach die Punkte Reichstagswahlen und Partéitag mit einander verbunden werden, da Genosse Dr. David, der als Referent für ersteren Punkt vorgesehen war, erkrankt ist. Weiter wird be⸗ schlossen, die Parteipresse in Hessen als einen weiteren Punkt der Tagesordnung zu behandeln mit Scheidemann als Referenten. Zunächst erstattet Ulrich den Bericht des Vandeskomitees: Mit dem Ausfall der Land⸗ tagswahlen im vorigen Herbste könnten wir zufrieden sein. Wir hatten 4 Mandate zu ver⸗ teidigen, die wir glänzend behaupteten. Wir hatten dabei sogar ganz erfreulichen Stimmen⸗ zuwachs zu verzeichnen, in Offenbach von 1573 auf 2758. Nur wenig fehlte, hätten wir auch den Kreis Groß⸗Gerau gewonnen. In einigen anderen Kreisen gelang es uns, die nationalliberalen Wahlrechtsverschlechtexer zu verdrängen, z. B. in Friedberg den Rechts⸗ anwalt Jöckel. Wenn man auch bei der Reichstags⸗ wahl in Hessen im allgemeinen mehr erhoffte, so habe man doch auch keinen Grund, unzu⸗ frieden zu sein. Wenn auch Offenbach verloren ging, weil diesmal die Gegner geschlossen gegen uns vorgingen, so wurde doch Darmstadt im f „ ———— 7 — 222 232——— 2 8 — 2 2 D——— —— 8 r N — —— r 1 —— 9 I—ůůůů ů ——ůů— s—j—j Pn 3 Ceres Seite 4. Mitteldeulsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 37. ersten Ansturm gewonnen. Wie wir in Deutsch⸗ land die stärkste Partei sind, so sind wir es anch in Hessen geworden. Unsere Stimmenzahl stieg auf 68834. Schwierigkeiten gab es bei der Reichstagswahl inbezug auf die Aufstellung eines Kandidaten im Kreise Alsfeld, die sich noch steigerten, als die dortigen Genossen bei der Stichwahl nicht die nötige Einigkeit zeigten. Dabei hätte sich Genosse Krumm in Gießen nicht einmischen, sondern die Alsfelder Genossen hätten sich an das Landeskomitee zur Ver⸗ mittelung wenden sollen.— Die Einführung eines einheitlichen Mitgliedbuches für Hessen ist nur allmählich vor sich gegangen, auch hat nur ein Kreis(Gießen) Zahlung für die Bücher geleistet. Der Agitationskalender „Hessischer Landbote“ wurde im vorigen Jahre in 126000 Exemplaren verbreitet und hat be⸗ sonders bei unseren schwarzen Gegnern die richtige Beachtung gefunden. Die wegen der Verbreitung des Kalenders im Kreise Friedberg anhängig gemachten Prozesse wurden in zwei Instanzen von den betr. Genossen siegreich durchgeführt, ein anderer Prozeß in Alzey schwebt noch und wurde bisher der betr. Gen. in erster Instanz zu 2 Mark verurteilt. Es sei jedoch zu hoffen, daß die zweite Instanz ein anderes Urteil zeitige. Das Landeskomitee stehe auf den Standpunkt, daß derartige Prozesse von seiten des Landeskomitees bis 5 endgil⸗ tigen Entscheidung auf Kosten der Landeskasse geführt werden. Der Kassenbericht, von Orb erstattet, liegt gedruckt vor. An Einnahmen sind 14 504.20 Mk. zu verzeichnen gegen 5676 Mk. im Vorjahre. Darin steckt allerdings ein größerer Zuschuß des Parteivorstandes zu den Reichs⸗ tagswahlen. Ausgaben hatten wir 14 786.80 Mark, also eine Mehrausgabe von 282.60 Mk., die aber durch Eingänge nach Fertigstellung des Abschlusses schon wieder ausgeglichen sei. Von dem Rechenschaftsbericht der Landtagsfraktion kamen 165000 Exemplare zur Verbreitung. Rechne man noch die Kosten für den Landboten, so seien für die schriftliche Agitation allein 2185,85 Mk. Kosten entstanden. Beiträge zu den Kalenderkosten haben nur die Kreise Mainz, Darmstadt, Gießen und Offenbach geleistet.— An die Berichte schließt sich eine lebhafte De⸗ batte, in der sich fast alle Redner für Beibe⸗ haltung des Landkalenders aussprechen.— Folgende Anträge gelangen zur Annahme: 1. Die Mitgliedsbucher werden unent⸗ geltlich geliefert. 2. Die hessische Landesorganisation ver⸗ zichtet für die Folge auf eine regelmäßige Unterstützung aus der Parteikasse. Weiter findet Annahme folgender Antrag Dr. Michels: „Die Landeskonferenz ist der Ansicht, daß das unbefugte Eingreifen von Genossen in die Wahlangelegenheiten eines Wahlkreises in Zu⸗ kunft entschieden zu unterbleiben hat.“ Dazu findet folgender Zusatzantrag Annahme:„Bei Differenzen zwischen den Genossen der einzelnen Kreise über ihre Taktik bei Stichwahlen ent⸗ scheidet das Landeskomitee.“ Schließlich wird noch folgender Antrag an⸗ genommen:„Der Landeskalender ist, wie seither, auch in diesem Jahre wieder im Großherzogtum zu verteilen.“ Abg. Cramer referiert nun kurz über: „Reichstagswahlen und Parteitag“. Ueber die Wahlen, meint er, habe Ulrich schon das Nötige gesagt. Wir müßten Sorge tragen dafür, daß das Errungene erhalten bleibt und andererseits lebhafte Agstation und Aufklärungs⸗ arbeit in allen Kreisen entfalten.— Auf dem Parteitag werde es nicht an Auseinander⸗ setzungen über taktische Fragen fehlen, doch würden sich die Gegner in ihrer Hoffnung auf Spaltung in unsern Reihen getäuscht sehen. Bezüglich der Vizepräsidentenfrage stehe er, Cramer, persönlich auf dem Standpunkte Bern⸗ steins und Vollmars. Er sehe keinen Schaden für die Partei darin, wenn wir die Bedingungen erfüllen, die man uns bei Uebernahme des Präsidentenpostens stellt. Aenderung der Taktik mache sich oft notwendig. 5 Auch diesem Referat schließt sich eine sehr lebhafte Debatte an. Zuerst stellt Busold richtig, was über seine Ausführungen auf der Friedberger Kreiskonferenz in der„Volksstimme“ irrtümlich berichtet war. Er habe nicht von Hofgängerei unserer Landtags⸗Fraktion ge⸗ sprochen, sondern nur gesagt, daß es besser sei, wenn sich unsere Genossen nicht an den parla⸗ mentarischen Abenden beteiligt hätten. In der weiteren Debatte sprechen sich in der Vizepräsi⸗ dentenfrage Dr. Michels, Hauschilbt, Harris, Scheidemann und Vetters Neben die Ansicht des Referenten aus, während ziebmann⸗Mainz ihm zustimmt. Ulrich führt aus: Busold habe in 1 5 nach feiner eigenen Darlegung gesagt, daß die Be⸗ teiligung unserer Landtagsfraktion an dem parlamentarischen Abend uns in der Agitation Schwierigkeiten bereitet habe. Daraus sollten Bernstein und Genossen ersehen, daß sie uns mit ihrer geplanten Hofgängerei nur neue Schwierigkeiten bereiten würden. Es sei also, meint Ulrich, dem Berichterstatter der„Frankf. Volksst.“ ein bedauerlicher Lapsus unterlaufen, der von bürgerlichen Blättern sofort aufgegriffen wurde, um gegen ihn(Ulrich) persönlich loszu⸗ schlagen. Von der Berichtigung Busolds neh⸗ men diese bürgerlichen Blätter natürlich keine Notiz. Er(Ulrich) würde sich aber auch dar⸗ über nicht weiter aufregen. Man könne über die Teilnahme am parlamentarischen Abend zweierlei Meinung sein. Standpunkt, daß man durch die Teilnahme an seiner Ueberzeugung keinerlei Schaden leide. Habe er etwa fortgehen sollen, als der Groß⸗ herzog auf den parlamentarischen Abend ge⸗ kommen? Alle auf demselben anwesenden Nichtabgeordneten seien Gäste der Zweiten Kammer, also auch der Großherzog. Darum bestand auch keine Veranlassung, fortzugehen. Unser Verkehr mit den Ministern hielt sich genau in denselben Grenzen, wie im Parlament selbst. Er(Ulrich) habe persönlich auch nicht mit seiner Meinung dem Großherzog gegenüber zurück⸗ gehalten. Wieso den Genossen wegen dieses parlamentarischen Abends Schwierigkeiten bei der Agitation erwachsen sollten, verstehe er nicht. Folgende Resolution wird angenommen: „Die Landeskonferenz der hessischen Sozialdemokratie erwartet, daß die Reichstagsfraktion einen Sitz im Reichstagspräsidium verlangt, aber keinerlei Ver⸗ pflichtungen eingeht, die außerhalb der Bestimmungen der Verfassung und der Geschäftsordnung liegen.“ Ueber die weiteren Verhandlungen berichten wir noch eingehender in nächster Nummer. Bemerkt sei noch, daß die Resolution Scheide⸗ manns über die Parteipresse in Hessen angenomwen wurde, wonach das Landes⸗ komitee beauftragt wird, sofort in Unterhand⸗ lungen mit den Gießener Genossen zu treten zwecks Umgestaltung der„Mitteld. Sonnt.⸗Ztg.“ zu einem Landesorgan mit dem Druckort in Offenbach. Ferner wurde den in Leipzig verhafteten Redakteuren Sympathie ausgesprochen, sowie auf Antrag Dr. Michels die Genossen vom „Avanti“ in Rom zum Ausgang des Marine⸗ prozesses beglückwünscht. Genosse Friedberg in Mainz begrüßte die Konferenz telegraphisch mit folgendem hüb⸗ schen Poem: „Ob alte, ob neue Taktik beliebt, Das sollte nicht schwer für uns wiegen, Da schließlich nur eine Taktik es gibt: Zu kämpfen und glänzend zu siegen!“ Und Genosse Dr. David depeschierte: „Ich wünsche den Beratungen, denen ich leider nur im Geiste beiwohnen kann, besten Erfolg.“ von nah und Fern. Hessisches. Ueber das gewerbliche Unterrichts⸗ wesen ist kürzlich eine statistische Zusammen⸗ stellung erschienen. Danach gibt es in Hessen z. Zt. 167 gewerbliche Unterrichtsanstalten mit 511 Lehrkräften und 11 887 Schülern. Die Ge⸗ samtausgaben dafür betrugen im abgelaufenen Jahre 443361 Mk., darunter 294878 Mk. Gehalt für die Lehrer. Er stehe auf dem Gießener Angelegenheiten. —.„Verleumde keck darauf los, es bleibt immer etwas hängen“, nach diesem Grundsatze verfahren die gegnerischen Zeitungen der Sozialdemokratie gegenüber stets: Alles, sei es noch so dumm, tischen sie ihren Lesern über unsere Partei auf. Namentlich die Amtsblattpresse, die aus den großstädti⸗ schen Sudelküchen gefüttert wird, übertrifft sich selbst in Lügen und Alberuheiten. So der „Gießener 1 Dieses ehrenwerte Blatt, hat die liebreiche Gewohnheit je den Klatsch über die Sozialdemokratie unbesehen aufzunehmen, niemals aber erfolgt eine Richtig⸗ stellung, wenn die Lügen eben als Lügen a gemein erkannt sind und jedes anständige Blatt seine darauf bezüglichen Mitteilungen zurück⸗ zunehmen sich verpflichtet fühlt. Dafür einige Beispiele: Erstens die berühmte Geschichte von dem ungeheuerlichen„sozialdemokratischen Wahlbe⸗ trug“ in Berlin, die sich als Schwindel eines Berliner Scharfmacherblattes herausgestellt hat. (Siehe Pol. Rundschau der heutigen Nr.) Zweitens war es der Anwurf, mit dem der „Anzeiger“ in seiner Nr. 200 unsere Genossin Zetkin bedachte, den wir schon in der vorigen Nr. festnagelten und mit dem sich die weiter unten abgedruckte Zuschrift der Frau Zetkin be⸗ schäftigt. Und drittens sollte, wie das Amtsbatt ver⸗ kündete, Abg. Zubeil in einer Berliner Ver⸗ sammlung den Abg. Heine einen„eitlen Gecken und Streber“ genannt haben. Wie uns Heine auf Anfrage mitteilt, ist auch dies unwahr. Das sind drei auf das Geradewohl heraus⸗ gegriffene Unwahrheiten von den vielen, die der „Anzeiger“ verbreitet, niemals aber richtig stellt. Wahrheitsliebende Leute sollten sich ein solches Blatt vom Leibe halten, besonders müssen unsere Freunde überall dafür sorgen, mens aus jedem Arbeiterhause hinausgeworfen wird. — Vom guten Ton. Zu der Notiz unter dieser Stichmarke in voriger Nummer schreibt uns Frau Zetkin(Stuttgart) folgende Ergänzung: „Die bürgerliche Presse hat nicht die Form, sondern mehr als sie gefälscht: das Wesen meiner Aeußerung. Es ist kein formeller, es ist ein wesentlicher Unterschied, ob die ausgeschlachtete Aeußerung sich auf Bismarck bezieht oder auf Herrn Harden, den Herausgeber der„Zukunft“. Ich pflichte der Notiz darin bei, daß der Aus⸗ druck nicht von erlesenem Geschmack ist. Es ist mir aber auch nicht eingefallen, ihn unter dem Gesichtswinkel der Aesthetik zu wählen, ich bediente mich seiner vielmehr aus einem bestimmten Grunde. Nicht ein Sozialdemokrat, der von„Europas übertünchter Höflichkeit nichts kannte“, Fürst Bismarck in Person, be⸗ zeichnete die im Dienste seiner Politik stehenden Journalisten als seine Sauhirten. Die Wertschätzung, welche dieser Ausdruck verleiht, wurde von dem ersten Kanzler des deutschen Reichs auch durch die andere be⸗ kannte Aeußerung unterstrichen:„Anständige Leute schreiben nicht für mich.“ Die Mächtigen bedienen sich feiler Werkzeuge, der Verachtete nie. Ich entlehnte zur Kennzeichnung eines der gefährlichsten Organe Bismärckischer Politik gerade den Bismärckischen Ausdruck, weil er meines Erachtens am schärfsten zu Tage treten läßt, daß die Genossen irren, welche sich Vorteil für die Partei davon versprechen, wenn sie journalistisch unter einem Dache mit Leuten vom Schlage des Harden zusammen wohnen. Die Sozialdemokratie hat meines Dafürhaltens gar keinen Grund, die journa⸗ listischen Lakaten der Bismärckischen Politik, d. h. der stockreaktionären, volksfeindlichen Junkerpolitik, mit geringerer Verachtung ein⸗ zuschätzen, als deren Herr und Meister selbst es tat. Den guten Ton in allen Ehren. Ich Lüge herabsinkt. Sobald ich jedoch im politi⸗ schen Kampfe zwischen dem Respekt vor dem uten Ton und der Möglichkeit des klarsten chärfsten Ausdrucks meines Gedankenganges schätze ihn, soweit er nicht zur konventionellen „ U a U ie le el 1 —— große Aesthetiker Vischer, dessen Schuhriemen packen, wirken soll.“ Stadt. Nr. 37. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. zu wählen habe, ziehe ich diese Möglichkeit der Rücksichtnahme auf das vor, was 1 land⸗ läufigen Auffassung als guter Ton gilt. Aller⸗ dings kann ich mich dafür nicht auf die Billi⸗ gung des seligen Knigge und seiner Nachfolger berufen. Dafür aber befinde ich mich in Ueber⸗ einstimmung mit einem Manne, der gerade auch den Wert der Form zu schätzen wußte. Der zu lösen alle Hofzeremonienmeister und Anstands⸗ kanten nicht würdig sind, schrieb:„Hinein⸗ geblitzt, hineingedonnert muß werden, wenn es Wenn die bürgerliche Presse mit dem von mir variierten Bis. gärckischen Ausspruche krebsen ul so macht sie sich einer doppelten Fälschung chuldig. Einmal der bereits weiter oben nach⸗ gewiesenen, dann aber der anderen, daß sie über den Ton im sozialdemokratischen Lager herfiel, während ihr wohl bekannt war, daß der gerügte Ausdruck Bismarcks ureigenste Schöpfung ist. Er ist lange Jahre hunderte von Malen in Polemiken zitiert worden— recht oft auch von bürgerlicher Seite— ohne daß der bürgerliche Blätterwald entrüstet gerauscht hätte. Diese Entrüstung ist wie die Fälschung selbst kenn⸗ zeichnend dafür, mit welch' tendenziöser Ver⸗ logenheit die bürgerliche Presse den Kampf gegen die Sozialdemokratie führt.“ Das mag sich der Anzeiger zur Notiz nehmen! — Wie die Stadtverwaltung in; Gießen mit Arbeitern umgeht. Der Arbeiter J. L., welcher mit geringen Unter- brechungen 8 Jahre bei der Stadt(Gas⸗ und Wasserwerk vom 17./10. 94 bis 18./3. 01) und seither beim Elektrizitätswerk als Hilfsheizer arbeitete, ist ohne Angabe von Gründen ent⸗ lassen worden. L. vermutet, daß ein Zu⸗ spätkommen von 10 Minuten Ursache der Entlassung sei. Die vierzehntägige Kündigungs⸗ frist sollte L., der als Hilfsheizer eingestellt war, als Erdarbeiter verbringen, da er in das Werk nicht mehr hineinsolle, weil er es sonst am Ende„in die Luft sprengen könne“. So Herr Frahm zu einem durchaus unbescholtenen, mit den besten Zeug⸗ nissen versehenen langjährigen Arbeiter der Dem so hinausgeworfenen Arbeiter verweigert nun der Herr Oberbürgermeister die nachgesuchte Unterredung, mit der Begründung, er habe die Kündigungszeit nicht ausgehalten; unser Erachtens war L. als ehrliebender Mensch geradezu moralisch verpflichtet, nach solcher Unter⸗ tellung das Elektrizitätswerk des Herrn Frahm und was damit zusammenhängt zu meiden.— Die städtischen Arbeiter aber sollten sich organisteren. Nur durch festen Zusammen⸗ schluß können sie einer derartigen, sagen wir „preußischen“ Behandlung entgehen. — Die landwirtschaftliche Pro⸗ vinzial⸗Ausstellung wurde am Donners⸗ tag Mittag auf dem Trieb in Gießen eröffnet. Sie ist aus der Provinz Oberhessen sowie aus den benachbarten Kreisen zahlreich beschickt; eine Menge Vieh und Geflügel aller Art wird vorgeführt, daneben alle möglichen landwirt⸗ schaftlichen Produkte, Obst ꝛc. landwirtschaftliche Maschinen und Geräte für alle Zwecke sind ebenfalls iu großer Zahl vorhanden.— Der Eintrittspreis beträgt für Samstag und Sonn⸗ tag 50 Pfg. — Der Konsumverein für Gießen und Umgegend hält am 27. Sept. seine Gen eral⸗ versammlung ab. Der diesjährige Abschluß eigt, wie uns mitgeteilt wird, ein günstigeres Bild als der des Vorjahres. Wenn sich die gehegten Erwartungen auch nicht voll erfüllten, so ist es doch möglich, daß den Mitgliedern eine, wenn auch nur mäßig. Dividende aus- gezahlt werden kann. 1. Die Allgemeine Kranken⸗ und Sterbekasse für alle Arbeiter(Sitz Meißen) hielt am Sonntag vor 8 Tagen auf der Wellersburg eine von den Filialen der Umgebung zahlreich besuchte Versammlung ab. Der Vorsitzende der Kasse, Bruno Reinhold, skizzierte kurz die Entwickelung der Kasse, die im Jahre 1876 vom jetzigen Reichstagsabgeordneten Horn ge⸗ gründet wurde, seitdem gute Fortschritte gemacht hat Im weiteren und sich jetzt im guten Stande befindet. wurden und warnte vor dem Eintritt in solche. Mit der Aufforderung für das Wachsen der Kasse tüchtig zu arbeiten, schloß er seine mit Beifall aufgenommenen Ausführungen. — Ratgeber für Arbeiter. Unter diesem Titel hat der Verlag der Leipziger Volkszeitung ein recht nützliches Buch heraus gegeben, das den Zweck hat, die Arbeiter auf den für sie wichtigsten Gebieten der Gesetzgebung, besonders der Arbeiterversicherung zu unterrichten. Kranken-, Unfall-, und Invalldenverstcherung, Dienstvertrag und gewerblicher Arbeitsvertrag, das Verfahren vor den Gewerbegerichten werden in ihren wesentlichen Bestimmungen dargelegt, aber auch eine große Reihe allgemein bürger⸗ lichen Gesetzbestimmungen, so über Armen, Ehe⸗, Erb⸗, Mietrecht usw. Bei der Fülle des ge⸗ botenen Materials ist der Preis Mk. 1.25— ein billiger zu nennen. Das Buch ist von unserer Expedition zu beziehen. Aus dem Rreise Wetzlar. — Der Zuschuß zur Armenkasse, der von der Stadt Wetzlar geleistet werden muß, hat sich in den letzten Jahren vermindert. Während er für 1900 noch beinahe 13000 Mk. betrug, sind für 1902 nur noch 5 500 Mk. erforderlich. Das soll darauf zu⸗ rückzuführen sein, daß man mit Unterstützungsleistungen an Leute, die nicht gut als Arme gelten können, aufge⸗ räumt hat. h. Manövergäste. Wetzlar und Um⸗ gebung ist jetzt stark mit Einquartierung belegt. Nicht allen Leuten macht das Vergnügen und viele werden froh sein, wenn die Soldaten wieder fort sind, deren Hiersein auch manchem armen Teufel Kosten verursacht. Aber noch in anderer Richtung machen sich die Vaterlands⸗ verteidiger unangenehm bemerkbar. Das be⸗ weist eine im Inseratenteil des„W. Anz.“ befindliche Anfrage mehrerer Burschen in Nieder- girmes: „Wer nennt uns die Mädchen, Wache geholt werden?, Die Anfrage läßt„tief blicken“ und die er⸗ zieherische Wirkung des Militarismus in wenig günstigem Lichte erscheinen. r. Schneidiger Gensdarm. In Krof⸗ dorf trat am Sonntag kurz nach 12 Uhr der frühere dort stationierte Gensdarm Bechstein in die Wirtschaft Moos und gebot mit lauter Stimme Feierabend, wo⸗ bei er bemerkte, es sei ein Skandal in der Wirtschaft, als ob Löwen brüllten. Doch es war keineswegs zu laut und übrigens spielte ja auch noch die Kirmeß⸗ Musik. Der Herr Gensdarm wollte den Krofdorfern wohl nur seine„Schneidigkeit“ zeigen. aus dem Nreise Marburg-Rirchhain. n.„Männerstolz vor Königsthronen“ — davon scheint man in der„Hes Landesztg.“ nicht viel zu besitzen. In ihrer Nr. 212 schrieb sie zu dem Arttkel Bebels in der Neue Zeit: „In ausführlicher Weise begründet dieser seinen Standpunkt dahin, daß die Sozialdemo⸗ kratie die Uebernahme eines Vizepräsidenten⸗ postens ablehnen müsse, weil die Zumutung, in Kniehosen und Wadenstrümpfen zu Hofe zu gehen und dergleichen mehr; die vollendete Würdelostgkeit(I) in sich schließe(I).“ Durch die Ausrufungszeichen will die Lztg. andeuten, daß sie es nicht für würdelos hält, sich in Bedientenkleidung vor dem Throne in Bücklingen zu üben. Ueber den Geschmack läßt sich allerdings nicht streiten. Wir meinen aber, wer ein durchschnittliches Maß von Selbst— achtung besitzt— er bmaucht noch lange nicht Sozialdemokrat zu sein— wird sich zu einer derartigen Rolle nicht hergeben. Aufgeklärter„Ritualmord“. Vor sechs Jahren verschwand spurlos aus dem Dorfe Mienken im Kreise Arnswalde das dreijährige Söhnchen des Besitzers Jonske. Dieser geheimnisvolle Fall war beuutzt worden, um bei der Landbevölkerung das Märchen von einem Ritualmord zu verbreiten. Es kam zu Erzessen gegen die Juden, die erst durch energ⸗ ische Maßnahmen unterdrückt werden konnten. Jetzt wird der wahre Sachverhalt bekannt. Auf seinem Sterbebette gestand der Förster Janke, daß er das im Walde nahe dem Dorf die nachts von der beleuchtete er das Verfahren der Schwindelkassen, von 4 der letzten Zeit eine Reihe polizeilich geschlossen Siehe Fortsetzung Seite 6. Kleine Mitteilungen. * Der Raubmörder Detroit ist am Freitag in Mainz hingerichtet worden. Bei der Enthauptung wurde der Kopf des Verbrechers nicht vollständig vom Rumpfe getrennt, das Beil blieb im Kinnbacken stecken. Es war ein grauenhaft-peinlicher Anblick. An Trichinose sind in Homberg bei Kassel etwa 120 Personen erkrankt, die aus ein und dem⸗ selben Metzgerladen herrührendes Schweine fleisch genossen hatten. Auf dem Hüttenwerk Holzhausen bei Homberg liegen allein über 50 Arbeiter schwer krank danieder, so daß der Betrieb zum Teil eingestellt werden mußte. Wahrscheinlich liegt mangelhafte Fleischbeschau vor, weshalb die Staatsanwaltschaft Untersuchung ein⸗ geleitet hat. * Wahre Selbstmordmanie scheint in Frank⸗ furt ausgebrochen zu sein. Während dreier Tage kamen nicht weniger als dreizehn Fälle von Mord⸗ Selbstmord⸗ und Selbstmordversuchen vor, außer⸗ dem ist ein plötzlicher Todesfall zu verzeichnen.— Am Samstag wurden vier Leichen aus dem Main geländet, Mann, Frau und 2 Kinder. Die Leichen waren mit Stricken zusammengebunden. Die Leichen sind als die⸗ jenigen der Familie Käfer aus Eckenheim ermittelt worden. Die Frau war kürzlich wegen Mißhandlung ihres Pflegekindes zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden.— Ein Liebespaar fand man im Frankfurter Stadtwalde bei Oberrad erschossen auf. Die Un⸗ glücklichen wurden als der Reichsbankbeamte Schröder und die 19 Jahre alte Adele Kloth ermittelt. . Aus Eifersucht erschoß der Wirt Hieb in der Steingasse in Frankfurt den 24 Jahr alten Glaser Kraft und dann sich selbst, Kraft kehrte am Freitag Abend in die Wirtschaft ein und scherzte, wie schon öfter mit der hübschen Wirtin. Darüber geriet der Ehemann in eine solche Wut, daß er einen Revolver hervorholte und auf Kraft etwa s ech s Schü sse abfeuerte. Einige Kugeln drangen in die Brust und einige in den Hals, sodaß sein Tod augenblicklich eintrat. Hierauf richtete der Wirt die Waffe gegen sich selbst und brachte sich einen Schuß in die Schläfe bei, der ebenfalls seinen sofortigen Tod zur Folge hatte. Partei-Uachrichten. Die auswärtigen Mitglieder der Preßz⸗ kommission(in Marburg, Wetzlar, Friedberg ꝛc.) werden ersucht, ihre Adressen baldigst an den Vorsitzen⸗ den Gg. Beckmann, Gießen, Grünbergerstraße 44 gelangen zu lassen. Ein Fraktionsbild der sozialdemokra⸗ tischen Reichstagsfraktion hat die Buchhand⸗ lung Vorwärts herausgegeben. Die Porträts der Ab⸗ geordneten sind vorzüglich ausgeführt, der Karton ist 57 zu 77 Zentimeter groß, dabei beträgt der Preis nur 60 Pfg., wozu noch 30 Pfg. Porto kommen. Das Bild gibt einen prächtigen Zimmerschmuck für jedes Arbeiterheim und kann unseren Parteigenossen zur Anschaffung nur empfohlen werden. Bestellungen nimmt unsere Expedition entgegen. Versammlungskalender. Samstag, den 12. September. Gießen. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. T.⸗O.: Berichterstattung über Kreis⸗ und Landeskonferenz. Lollar. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Wirt Schupp. T.⸗O.: Berichterstattung von der Kreis⸗ und Landeskonferenz. Heuchelheim. Arb.⸗Bild.⸗Verein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Wirt Lud w. Kröck. (Wichtige Tagesordnung.) Sonntag, den 13. September. Gießen. Glaser⸗Verband. Vormittags 10 Uhr Versammlung bei Or big. Montag, den 14. September. Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. PCCCCCCCCCCCCCCCCTTTTTTTCTTTT—TTTTT—T—— Aufruf! Wer ungebeugt sein Haupt noch trägt, Wem noch ein Herz im Busen schlägt, Wer nicht am Altgewohnten klebt, Wer noch nach Recht und Freiheit strebt, Wes Geist und Nerv nicht abgestumpft, Wer noch nicht ganz und gar versumpft, Wer des Gefühls noch nicht beraubt Und wer noch an die Zukunft glaubt: Der abonniere frisch und frei Dies Blatt und bleibe ihm auch treu! 2 „ Le. — ——— 3— ——e— —ů— — —— 2 —— Seite 6. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 37. N spielende Kind für ein Wild gehalten und er⸗ schossen habe. Aus Furcht vor Strafe habe er die Leiche im Walde vergraben; er gab auch die Stelle an. Die Behörde, der das Geständ⸗ nis des Försters mitgeteilt wurde, hat sofort die nötigen Nachforschungen eingeleitet. Rache an einem Soldatenschinder. Soldatenselbstmorde wegen erduldeter Miß⸗ andlungen sind leider nichts Seltenes und in olchen Fällen bewundert man die Wirkung er eisernen militärischen Disziplin, unter der die Opfer der Bestialität uniformierter Schin⸗ dersknechte ihrem Leben ein Ende machen, ohne sich— wenn es doch schon ans Sterben geht — an ihrem Peiniger zu rächen. Beim 5. (Szegediner) Honvedinfanterieregiment hat diese Wirkung der Disziplin nun einmal versagt. Bei diesem Regiment war der Feldwebel Georg Szönyi, ein Kerl von tierischer Roheit, der Schrecken seiner Kompagnie. Vor etwa 3 Monaten hieb er vor der Front einen Mann mit dem Säbel nieder. Der Tambour Lazar Tyrucsin, ein Jugendfreund des Mißhandelten, 5 darob derart in Wut, daß er hinzusprang, as Gewehr seines mißhandelten Freundes er⸗ griff und mit dem Kolben einen wuchtigen Hieb nach dem Kopfe des Feldwebels führte. Szönyi sank blutüberströmt und bewußtlos zu Boden, Tyrucsin wurde sofort verhaftet. Nach durchgeführter Verhandlung wurde der Tambour zum Tode„durch Pulver und Blei“ verurteilt. Die Hinrichtung war für den 18. August anberaumt, in letzter Stunde aber langte aus der Kabinettskanzlei telegraphisch die Begnadigung ein. Das Urteil wurde auf zwei Jahre verschärfter Festungshaft her⸗ abgesetzt. Der mittlerweile genesene Feldwebel Szönyt wurde degradiert und zu sechs Wochen Stockhaus verurteilt. Man munkelt, daß mit Rücksicht auf die erregte Stimmung der Mann⸗ schaft der Hinrichtungstermin auf den 18. August (den Geburtstag des Monarchen) anberaumt wurde, um die Begnadigung durch den Kaiser als glücklichen Zufall erscheinen zu lassen. — 175 Die deutschen Gewerkschafts⸗ Organisationen im Jahre 1902. Im Korrespondenzblatt der Gewerkschaften veröffentlicht Legien den Bericht über die Ent⸗ wickelung der deutschen Gewerkschafts⸗Organi⸗ sationen im letzten Jahre. Danach hatten die gewerkschaftlichen Zentralverbände eine Mit⸗ gliederzunahme von 677510 auf 733 206, also um 8,2 Prozent, zu verzeichnen. 16 Verbände erfuhren allerdings eine kleine Abnahme von Mitgliedern, die anderen dafür umso größere Zunahme. Es zählten an Mitgliedern: Metallarbeiter 128 842, Maurer 82223, Holzarbeiter 70390, Bergarbeiter 41894, Textilarbeiter 38 158, Fabrikarbeiter 33 640, Buchdruckec 33 369(Buchdrucker Elsaß⸗Lothringen 751), Zimmerer 24502, Schuhmacher 20 583, Handels-, Transport- u. Verkehrsarbeiter 19 713, Schneider 18 680, Tabakarbeiter 17833, Bauarbeiter 16 193, Maler 14 303, Hafenarbeiter 13832, Brauer 13189, Buchbinder 10 207, Töpfer 8627, Porzellan⸗ arbeiter 8245, Steinarbeiter 8000, Lithographen 7655, Schmiede 7244, Gemeindebetriebsarbeiter 6127, Maschi⸗ nisten und Heizer 6070, Böttcher 5736, Glasarbeiter 5643, Bäcker 4760, Tapezierer 4735, Steinsetzer 4424, Lederarbeiter 4330, Bildhauer 3918. Werftarbeiter 3749, Sattler 3560, Kupferschmiede 3513, Hutmacher 3232, Handschuhmacher 2987, Dachdecker 2974, Glaser 2772, Seeleute 2598, Stukkateure 2553, Schiffszimmerer 2092, Buchdruckerei⸗ Hilfsarbeiter 1996, Müller 1992, Gast⸗ wirtsgehilfen 1978, Handlungsgehilfen 1770, Fleischer 1577, Graveure 1562, Vergolder 1474, Kürschner 1341, Zigarrensortierer 1120, Konditoren 982, Lagerhalter 862, Zivilmusiker 537, Barbiere 500, Masseure 388, Bureau⸗ angestellte 371, Gärtner 312, Formstecher 289, Noten⸗ stecher 289. Der Bericht stellt fest, daß in den letzten Jahren ungünstiger Wirtschaftskonjunktur der Beweis erbracht sei, daß die Gewerkschaften innerlich soweit erstarkt sind, daß ihr Bestand auch während der wirtschaftlichen Depression nicht erschüttert werden kann, wie dies im An⸗ fang der neunziger Jahre zu befürchten stand. Alle Gewerkschaften zusammen verfügen über mehr als 14 Millionen Vermögen. ——— Das Lied der Bunde. Stürme heulen wild erbrausend, Im umwölkten Himmelszelt, Und das Swillingspaar des Winters, Schnee und Regen, niederfällt. Was liegt uns dran d Einen Winkel Naben wir ja in der Küch', Den wies uns zum Aufenthalte Unser Herr an gnädiglich. Uns quält keine Nahrungssorge: Wenn sich unser Herr satt aß, Bleibt genug noch auf dem Tische, Und das ist dann unser Fraß. Freilich werden uns zuweilen, Peitschenhieb' auch ausgeteilt——— Doch was schadet's? Macht's auch Schmerzen, Nundefleisch ist rasch geheilt. Bald auch bessert sich die Laune, Und wir dürfen dann zum Schluß Unserm Verrn, der freundlich winket, Lecken ab den gnäd'gen Fuß. Das Lied der wölfe. Stürme heulen wild erbrausend, Im umwölkten Himmelszelt, Und das Swillingspaar des Winters, Schnee nnd Regen niederfällt. Kalt und kahl ist diese Haide, Wo wir streichen hin und her, Nicht ein Busch zeigt sich dem Blick, Der uns dürft'gen Schutz gewähr'. In der Höhle ist der Runger, Draußen Kälte unser Loos,— Diese beiden rauhen Jäger, Drohen uns erbarmungslos. * Und dazu kommt noch ein Drittes, Der geladnen Flinte Wut— Auf den Schnee herab, den weißen, Strömet unser rotes Blut. Ja, wir frieren und wir hungern, Kugeln lichten unsere Reih', Unser Loos, es ist gar traurig: Dafür aber sind wir— frei! (Aus dem Ungarischen des Alexander Petöfi von einem Pfarrer für die„Mitteldeutsche“ übersetzt.) Verschiedene Sommerferien. Ein herrlicher Sommermorgen in einem Ostseebad. Zwei Damen in luftiger Strand⸗ toilette wandeln Arm in Arm am Strande. Die schon in beträchtlicher Höhe stehende Sonne richtet ihre warmen, goldenen Strahlen auf die beiden Lustwandelnden. Ein seidener Spitzen⸗ schirm hält diese Strahlen ab. Der Himmel ist klar, kein Wölkchen zeigt sich, kein Lüftchen regt sich, leise rauschen die Wogen. Wie herrlich ist doch das Stückchen Erde. Die beiden Damen sind eifrig im Gespräch.„Es war aber auch schon die höchste Zeit, daß wir in die Sommer⸗ frische fuhren“, sagte die eine Dame,„mein Mann und ich waren total erschöpft. Denken Sie nur, Frau Rätin, was für Strapazen wir heide durchgemackt haben! Da war die Saison im Winter ganz besonders für mich äußerst anstrengend. Mein Gott, wir haben im Winter fast jeden Abend schwere Pflichten zu erfüllen gehabt! Da waren die Hofbälle, die wir na⸗ türlich nicht umgehen konnten. Da waren andere gesellschaftliche Pflichten zu erfüllen. Wir haben einen Wohltätigkeitsball arangiert. Ich bin außerdem Vorstandsdame in verschiedenen Wohltätigkeitsvereinen. Wir haben im vorigen Winter in diesen Vereinen angestrengt gearbeitet. Die Not unter den Armen war ja auch bis⸗ weilen groß und mein Gott, was tut man nicht alles, um die Not dieser Leute zu lindern. Wissen Sie, Frau Rätin, dies Vereinsleben ist sehr anstrengend. Dann bin ich auch Mit⸗ glied des Vereins für innere Mission; wissen Sie, Frau Rätin, gerade in diesem Verein werden alle Kräfte, denen das Volkswohl am Herzen liegt, gebraucht. Die Volksmassen verlieren immer mehr ihren Glauben an den allmäch⸗ tigen Schöpfer, es gibt gewisse Elemente, be⸗ sonders in den Großstädten, die in ihrer Verruchtheit gegen die göttliche Autorität agi⸗ tieren. Der Verein für innere Mission geht auch Hand in Hand mit dem Verein für Be⸗ seitigung der Kirchennot. Auch im letzteren Verein bin ich tätig gewesen. Es ist uns auch im vergangenen Winter gelungen, gewisse ein⸗ flußreiche Kreise für diese sehr brennende Frage zu interessieren“. „Ja, ja, werte Frau Kommerzienrätin, auch ich habe es im verflossenen Winter nicht leicht gehabt!“ So sprach die Frau Rätin; „man hat ja so mancherlei Plagen, besonders mit dem Dienstpersonal, das immer frecher und unverschämter wird. Ich habe in kurzer Zeit drei Dienstboten fortjagen müssen. So hat man seine Sorgen und seinen Aerger!“ „Ach! was Aerger anbetrifft“, entgegnete die Frau Kommerzienrätin,„so hat mein Ge⸗ mahl ganz besonders darunter zu leiden. Sie wissen, daß in unserer Fabrik leider seit einiger Zeit die Arbeiter, die früher stets bei ihrer Arbeit zufrieden waren, unzufrieden sind. Na⸗ türlich, sie sind von gewissen schlechten Elementen dazu verführt worden! Denken Sie nur, wie undankbar unsere Arbeiter in diesem Frühjahr waren! Mein Mann hatte den Arbeitern in seiner Gutherzigkeit keine Lohnabzüge gemacht, trotzdem die Preise für seine Fabrikate durch die Konkurrenz gedrückt wurden. Wir ertrugen stillschweigend den Verlust. Da traten die Arbeiter an meinen Mann heran, denken Sie nur, Frau Rätin, sie forderten mehr Lohn und drohten mit einem Streik. Natürlich konnten. wir uns das brutale Vorgehen unserer Arbeiter nicht gefallen lassen. Es kam zum Streik; denken Sie nur in unserer Fabrik, in der bis⸗ her Ruhe und Frieden geherrscht hatte, wurde gestreikt! Wir wußten anfänglich nicht, was wir dazu sagen sollten. Das war der Dank, daß wir alle Jahre ein Fest für die Arbeiter veranstalteten, das war der Dank, daß wir uns stets bemüht haben, die Lage der Arbeiter auf gütlichem Wege zu verbessern. Das waren in diesem Frühjahr schwere arbeitsreiche Tage für uns. Mein Gemahl hat sich vollständig aufgeopfert, er hat Tag und Nacht gearbeitet, es gelang ihm nach rastlosen Mühen und unter schweren materiellen Opfern, Ersatz für die streikenden Arbeiter zu schaffen. Die Ruhe ist nun glücklicherweise wieder hergestellt. Die elrbeiter haben natürlich nach einigen Tagen wieder zurückkehren müssen. Manche von ihnen haben ihr Unrecht eingesehen. Einige Arbeiter hat aber mein Mann nicht mehr annehmen können, da diese im Verdacht waren, den Streik angezettelt zu haben. Man will doch Ruhe haben, und man will doch vor allen Dingen Herr im Hause sein. Die Sommerfrische braucht ganz besonders auch mein Mann, er wird sich sicher wenigstens etwas von den Strapazen erholen“. Beide Damen waren bei diesem Gespräch in ein Wäldchen gekommen. Unter den schat⸗ tigen Bäumen suchten sie sich ein lauschiges Plätz⸗ chen aus. Unter einem großen Baume, der seine gewaltigen Aeste weit ausstreckte, ließen ste sich nieder. Wie mollig es sich auf dem duftigen Moose saß. Ach, wie herrlich ist doch so eine Sommerfrische! Sie saßen da und lauschten den Vöglein, die hoch oben auf den Aesten saßen und lustig um die Wette ihre Lieder sangen. Mittlerweile waren ihnen die Augen zugefallen, sie schlummerten, ein wenig befreit von allem menschlichen Kummer, frei von allen Sorgen. Sie waren ja in der Sommerfrische. Sie erholten sich von ihren schweren Arbeiten und schöpften neue Kräfte in der Sommerfrische. ** Wiederum ein prächtiger Sommermorgen. In die ärmliche Stube eines Arbeiters schienen die prächtigen Sommerstrahlen hinein. Am Boden hockten einige Kinder, während eine Frau in der kleinen Küche mit Wäsche beschäf⸗ tigt war. Ein Mann saß am Fenster der kleinen Stube und schaute hinaus über einige Dächer der Vorstadt. Plötzlich erhob er sich und ging in die Küche.. „Weißt du, Martha, ich werde es noch ein⸗ mal versuchen“, so sprach der Mann zu der Frau,„ich werde noch einmal nach der Fabrik gehen, vielleicht erhalte ich doch Beschäftigung. Der Kommerzienrat ist ja in der Sommerfrische, vielleicht stellt mich der Fabrikleiter ein. Wir r Nr. 37. Mitteldenutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. können doch nicht verhungern. Wir sind ja durch den Streik gänzlich heruntergekommen. Ich kann das Elend nicht mehr ansehen. Man hat mir stets gesagt, daß ich einer der Rädels⸗ führer gewesen bin. Was habe ich verbrochen? Daß ich keine Memme bin, dafür soll ich nun büßen? Ist das ein gerechter Zustand? Treu und fleißig habe ich in dieser Fabrik 15 Jahre 1 500 gearbeitet. Ich habe dort gelernt. ch habe meine besten Kräfte da gelassen, und nun soll ich auf der Straße liegen wegen einiger wahren Worte?“ Seufzend nahm er den Hut vom Nagel, drückte ihn auf den Kopf, ordnete ein wenig seine Kleider und ging zur Tür hinaus. Der Frau, die dem Gespräch ihres Mannes bei ihrer Arbeit zugehört hatte, fielen Tränen aus den Augen, sie rollten über die Wangen und fielen auf die Wäsche. Sie hatte ja jede Hoffnung verloren.——— „Was wollen Sie schon wieder?“ so herrschte der Fabrikleiter den Arbeiter an, als dieser bei ihm wegen Arbeit anfrug.„Sie wissen doch, für Hetzer haben wir keinen Platz. Machen Sie, daß Sie fortkommen! Ich habe keine Zeit, mich mit Ihnen zu unterhalten“. „Erlauben Sie, Herr“, entgegnete der Ar⸗ beiter,„ich habe fünfzehn Jahre hier gearbeitet, ich habe stets meine Pflicht getan!“ „Schon gut, schon gut, kommen Sie, wenn der Herr aus der Sommerfrische gekommen ist, ich darf Sie nicht einstellen“. „Herr, ich habe eine Frau und sechs Kinder zu ernähren, was fange ich da an?“ „Was kümmern mich Ihre Jöhren, gehen Sie doch mit ihnen jetzt in die Sommerfrische! Sie haben ja die schönste Zeit dazu!“ so höhnte der Fabrikleiter. Dem Arbeiter aber stieg die Zornesröte ins Gesicht, er ballte die Fäuste krampfhaft zusammen, er zitterte vor Wut über diesen Lumpen, der sich über sein Elend noch lustig machte. Sollte er dem Manne einen Denkzettel geben? Nein, er bezwang seine Wut, er ging hinaus aus diesem Hause in die frische Luft. Er ging wieder nach Hause in seine— Sommerfrische.—————— Aus sozialistengesetzlicher Zeit. Die Zeit des Sozialistengesetzes war auch in Hessen die Zeit des fortgesetzten Kampfes mit Polizei und Gendarmerie, und am schärfsten tobte dieser Kampf im Anfang der 80er Jahre. Einige Einzelheiten dieses Kampfes verdienen der Vergessenheit entrissen zu werden und mögen deshalb hier Platz finden. Es war in den Jahren 1880—81. Ver⸗ aten wurden nirgends erlaubt und mit rgusaugen wachten die Gendarmen⸗ und Poli⸗ zisten darüber, ob nicht etwa doch in dem einen oder anderen Orte eine geheime Zusammenkunft der T Sozis stattfände. Unter diesen Um⸗ ständen war es für die bekannten Genossen schwierig, zusammenzukommen, ohne daß irgend ein„ungebetener Gast“ sich mit eiufand. Es wurden daher allerhand Manöver ausgeführt, um uns die„heilige Hermandad“ möglichst weit vom Leibe zu halten, wobei selbstverständlich häufig die drolligsten Dinge passterten. f So einmal in Gießen. Man wollte in Leihgestern eine Zusammenkunft haben und ein alter— inzwischen längst verstorbener Partei⸗ genosse, ein angesehener kleiner Landwirt von dort, hatte Alles geordnet, sodaß wir erwartet wurden. 5 5 Doch wie konnten wir uns die Gendarmerie und insbesondere einen überaus eifrigen Kreis- Assessor vom Halse schaffen? Man entschied sich dafür, mittels Plakaten zu einer Versammlung auf einen benachbarten Berg einzuladen und diese Plakate so anzukleben, daß unser eifriger Sozialistenfänger vom Kreisamt, sowie seine pflichttreuen Gendarme sie sicher sehen mußten. Inzwischen ging es unter den Eingeweihten don Mund zu Mund:„Nach Leihgestern! Nur ein paar bekannte Genossen machten sich langsam 90 den Weg zum öffentlich ange— kündigten Versammlungslokal und zwar in der Absicht, die Späher sicher zu machen, was denn auch vollständig gelang. Kreis⸗Assessor und Gendarmen rückten aus, um die Versammlung unmöglich zu machen. Inzwischen erledigten unsere Vertrauensleute in Leihgestern, was zu erledigen war und machten sich wieder auf den Heimweg nach Gießen. Und just in dem Mo⸗ ment, wo wir fröhlich unseres Weges fürbaß die Chaussee entlang gingen, raste in sausendem Galopp unser reitkundiger Kreis⸗Assessor mit einem seiner berittenen Gendarmen auf schweiß⸗ triefenden und mit Schaum bedeckten Pferden an uns vorüber. Die Staatsretter hatten Wind von unserem Manöver bekommen und dachten noch„was zu fangen“— allein umsonst. Die langen Gesichter der beiden kurzerhand in das Wirtszimmer des Gasthauses zu Leihgestern eintretenden nden u amüsterten die beim Schoppen sitzenden Landleute, die wohl von unserer Zusammenknnft„gehört“ hatten, aber nichts davon wußten, nicht wenig. Ein sofort angestrengtes„Verhör“ mit einigen Gästen blieb auch ohne Erfolg und so zogen denn beide recht übel gelaunt wieder rückwärts gen Gießen. (Offenb. Abendbl.) — Ein Werk der Arbeiter. Der Konsumverein„Vorwärts“ in Dres⸗ den hat vor wenigen Wochen seinen großen, an der Rosenstraße in Dresden⸗Altstadt gelege⸗ nen Neubau bezogen. Wer Gelegenheit hatte, diesen großartigen Bau in Augenschein zu nehmen, wird überrascht und erfreut sein über die solide, praktische, allen Erfordernissen der Neuzeit entsprechende Anlage. Der Dresdener Konsumverein„Vorwärts“ steht in Bezug auf Größe und Umsatz unter den deutschen Konsumvereinen an dritter Stelle. Nach dem Breslauer Konsumverein mit 60 000 Mitgliedern und 13 Millionen Mark Umsatz und dem Leipzig⸗Plagwitzer Konsumverein mit etwa 30000 Mitgliedern und 11 Millionen Mark Umsatz kommt gleich der Dresdener Verein mit 22800 Mitgliedern und 5¾ Millionen Mark Umsatz. Der Bau ist diesen großen Ver⸗ hältnissen angepaßt. Das Grundstück, das um M. 812000 gekauft wurde, bedeckt 10000 Quadratmeter Bodenfläche. Der Neubau währte zwei Jahre und kostet mit dem Grundstück M. 1600 000. Das Gebäude, das nach der Straße zu liegt, beherbergt im Parterre die Kontors und Kassenräume, sowie das Empfangs⸗ zimmer. In den oberen Geschossen befinden sich die geräumigen und freundlichen Wohnungen der beiden Geschäftsführer. An das Verwal⸗ tungsgebäude schließt sich hinten das 70 Meter lange und 17 Meter tiefe Lagerhaus, das 6 Geschosse hat, an. Beide Gebäude können als eine dauernde Elektrizitätsausstellung gelten. Es ist unheimlich, zu wie vielen Verrichtungen man sich die stillen Kräfte der Elektrizität dienstbar gemacht hat. Von der ellektrischen Beleuchtung, den elektrischen Klingeln und den Fernsprechern, mit denen jeder Raum ausge⸗ stattet ist, reden wir erst gar nicht. Bemerkens⸗ werter ist schon, daß säwtliche zahlreich vor⸗ handenen Maschinen mit Elektrizität angetrieben werden. Aber auch die zahlreichen in den Ge⸗ bäuten verteilten Uhren werden elektrisch reguliert und in Gang erhalten. Die drei Fahrstühle, die den Verkehr zwischen den 6 Geschossen des Lagerhauses vermitteln, besitzen elektrische Druck⸗ knopfsteuerung. Diese technische Neuerung macht den Fahrstuhlportier überflüssig und schließt Unfälle vollkommen aus. In jedem Fahrstuhl und vor jeder Fahrstuhltür der verschiedenen Geschosse sind Knopftastaturen ähnlich der einer Schreibmaschine angebracht. Man braucht nur die Knöpfe zu drücken und der Fahrstuhl schwebt aufwärts oder abwärts gehorsam und geräusch⸗ los. Die Fahrstühle können mit Lasten bis zu 600 Kilo beschwert werden. Das Lagerhaus besitzt zwei Keller, der tie⸗ fere liegt 7 Meter unter der Erde. Von schlechter Luft merkt man hier aber nichts, weil eine großartige Lüftungsanlage stets für frische Luft sorgt. Große Zementröhre führen frische Luft u, andere Zementkanäle saugen die schlechte zuft ab. Die zirkuliernde Luftbewegung ent⸗ steht durch die Ummantelung des 45 Meter hohen. Bäckereischornsteins. Letzterer ist gewissermaßen in einem großen Schornstein von 2 Metern lichter Weite hiueingestellt. Die stets heiße Luft zwischen beiden Schornsteinwänden geht aufwärts und so entsteht die dauernde Venttla⸗ tion, da die Kellerräume mit der Ummantelung in Verbindung stehen. Im unteren Keller liegt ein 5 Meter tiefer Brunnen, der Wasser zu technischen Zwecken liefert. Im oberen Keller findet man mehrere sinnreiche Apparate; einen Syrups. Abziehapparat mit Dampferwärmung, einen Tafelöl⸗Abziehapparat und eine elektrisch betriebene Flaschenspül⸗ Vorrichtung, die selbst⸗ tätig in der Stunde 1500 Flaschen blitzblank putzt. Der letztere Apparat kostet M. 3000. Der Buttereiraum ist mit Mettlacher Kacheln ausgekleidet. Mit Hülfe von Maschinen werden hier jede Woche 18000 Stück ausgeformt. Der Konsumverein verkauft die Woche 80 Zutr. Butter. Im ersten Geschoß findet man eine Rosinenwaschmaschine. Da der Verein jährlich 98 000 Stollen(das sächsische Weihnachtsgebäck) backt, würde die Handwäscherei zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Auch die Mandeln werden maschinell geschält und gerieben. Im zweiten Geschoß steht die Kaffeerösterei. In 20 Minuten werden 150 Pfund auf einmal geröstet. Der Wochenumsatz des Vereins in geröstetem Kaffee beläuft sich auf 60 Zentner. Ein Oualmab⸗ sauger verhindert jeden lästigen Geruch. In einem benachbarten Raum stehen fünf Gewürz⸗ mühlen. Im dritten Geschoß lagern die Manufakturwaren. Hier besindet sich auch die Schneiderwerkstatt. Alle Nähmaschinen sind elektrisch betrieben. Eine Sehenswürdigkeit bil⸗ det die Bäckerei des Vereins. Der Backraum ist ein lichter, hoher Saal. An der einen Wand liegen die Türen zu den sieben Doppel⸗ öfen, die 98 Brote zu 4 Pfund aufnehmen. In der Woche werden bereits 1300 Zentner Brot gebacken, obgleich der Betrieb erst vor Kurzem eröffnet wurde. Die Oefen werden mit Dampf geheizt. Der Betrieb geht mit dreischichtigem Arbeitswechsel Tag und Nacht. Für die Ar⸗ beiter ist in umfassender Weise gesorgt. Sie haben große, helle Umkleide⸗ und Speiseräume, die mit Speisenanwärme⸗ und Kaffeekochappa⸗ raten ausgerüstet sind. Ferner besitzt jedes Geschoß Wasserklosets und Baderäume. Zu erwähnen bleibt noch, daß das Lagerhaus eigene Eisenbahngeleise besitzt, auf denen die Eisen⸗ bahn⸗Frachtgüter direkt angefahren werden. Das Personal des Vereins zählt 5 Vor⸗ standsmitglieder, 10 Buchhalter, 2 Lageristen, 2 Maschinisten, 27 Arbeiterinnen, 1 Packmeister, 30 Bäcker, 175 Verkäuferinnen und 30 Verkäufer. Alle Arbeiter erhalten die von den Gewerk⸗ schaften geforderten Löhne und Arbeitsbeding⸗ ungen. Humoristisches. Ein Nörgler. Huber: Herrgottsakra! Da hat ja der Reichsschatzsekretär v. Thielmann abdankt un unser b oarischer Vertreter beim Bundsrat, Freiherr v. Stengel, is sei Nachfolger worn? Nazel: Halt di stad! Desz wegn komm'n de Reichsfinanzen a no af koan grean(grünen) Stengel!(Südd. Postillon). Zurückgegeben. Aeltere Schwester:„Schäme Dich, Fritz, bist sitzen geblieben.“ Bruder:„Wer weiß, ob Du nicht auch noch'mal sitzen bleibst.“ Gemütsmenschen.„Aber wenn Ihr Verhältnis mit Klärchen Folgen gehabt hätte?“—„Ich hatte nichts zu fürchten. Sie versicherte mir wiederholt, daß sie in diesem Falle ins Wasser ginge.“ (Simpl.) ——— —— —— Geschichtskalender. 13. September. 1895: Das Kreuz⸗Zeitungs⸗ Komitee zeigt Hammerstein wegen Betrug an. 1872: Ludw. Feuerbach, T. 1808: Goethes Mutter(Frau Rath), 7. 14. 1902: Parteitag in München. 1769: A. v. Humboldt,. 15. Wilh. II. Umsturzrede in Prenzlau. 16. 1878: Sozialistengesetzdebatte im Reichstage. 17. 1870: Geib in Ketten nach Lötzen trins⸗ portiert. 18. 1848: Barrikadenkampf in Frankfurt a. M. 1900: Peunsylvanischer Bergarbeiterstreik. 19. 1859: Eisenbahn⸗Probefahrt über dte Rhein⸗ brücke in Köln. —— 33 ä . r N —— 3 8 5 * Seite 8. Mitteldentsche Sonutags⸗Zeitung. Mein bedeutend vergrös- sertes Lager in e Ihren und boldwaren bringe ich in empfehlende 2— Erinnerung. D e 5„ O. Stöver vormals F. Scharmann Uhrmacher. Habe mein Geschäft von Kirchplatz 6 nach HKeltelsveg ll verlegt. Reparaturen Werden ausgeführt. grosses Sonnt Heuchelheim! 3 uhr: gez Preislegelnn unde Preisschiessen beim Wirt August Rinn. sehnell e Eine grosse Partie 7 Konsumverein Giessen und„Uuügegend e n e, Sonntag, 27. September, vorm. 10 Ahr findet auf„Louy's Bierkeller“ die dieshähr. ordentliche 0 74 Herr.-Buxkin-Anzuge enefal-efSammAuU en- Hnaben-Anzuge . statt. 5 4,50 Mark. Tages⸗Ordnung: 1. Geschäftsbericht. 2. Abrechnung. 3. Be⸗ MHinder-Anzige nne e 1 5 5. Wen a 4. 10 9 2,50 Mark. wahl des Aufsichtsrats. 5. Beschlußfassung über etw. nträge. e bee ren, Pelwere Jederhosen Carl Orbig. Mich. Keßler. Heinr. Baum. Sommer-Joppen 150 Mk. N 7 S d e, Tenge hene at Stickerei 1,40 Mk. best Kleider- Baze Beinrich Doll, Giessen 9 7 Hlausburg 7 CSI 0 Papier-Bandlung 4 Buchbinderei* Geschäftsbücher* Drucksachen Maus bανẽẽi,7G 6 Elnrohmen von Bilden. obst 1 Il. Gemüse Edgar Borrmann, Giessen Neustadt 11 n 9 dTeleson 298 Eisen⸗, Stahl⸗ und Messingwaren, Werkzeuge und Bedarfsartikel für Schreiner, Zimmerleute, Küfer, Sung Dachdecker, Schlosser, Schmiede ze.— Tür⸗, Fenster⸗ und Möbelbeschläge, Drahtgeflechte, Flechtrohr ꝛc.— Vogelkäfige, Vogelzüchterutensilien, zu den billigsten Tagespreisen . Bühl Marktplatz 5 Telephon 50. Verkaufsstelle des Konsum⸗ vereins Gießen u. Umgegend 10 17 5 5 Sac 0 0 üchengeräten, Empfehle asch⸗ u. Wringmaschinen, Landwirtsch. Maschinen u. Geräten,. Kehlleisten, Holzornamenten, Bett⸗ u. Hichstallen, Cement, Gyps, Ia. Kornbrod Chamotte.— Erntestricke, gut. Garbenbänder, Johns Kamin⸗ sowie Aufsätze.— Großes Sortiment in Fischerei⸗Utenstlien. Grahambrödchen als Spezialität. IL. Müller Gießen, Bahnhofstraße 61. J pozlalgeschäft für chen- u. Wecker-Chren, Uhrketten Carl Geismar, Uhrmacher Seltersweg 46. Glessen Eier 1 Stück 5 Pfg., Dtzd. 55 Pfg ausgesucht große 1 Stück 6 Pfg., Dizd. 68 Pfg. Seltersweg 46. ühl Marktplatz 5 Telephon 50 crosser Räumungs- Ausverkauf Anfang Oktober l. Js. verlege ich mein Geschäft nach Neustadt No. 19, Neubau. Bis dahin verkaufe ich sämtliche Waren- d een e ch se che Waren-Vorräte zu bedeutend D., Kaminka, Uhrmacher Ciessen, Muarhiplulæ. Eiesgen: Mess- eee q. Casseler Schirmfabrik Th. Budde& C0. Seltersweg 9, nahe am eugplatz · L., Neufabt 11. Solide Ware! Fasel a, Buttermarkt 14. Beste Bezugsquelle für SCHIRME sröckkE Billige Preisel Achtung!! Vollständige Betten als: 5 Bettstellee Matratzen 3 Deckbett 3 2 Kissen Mk. 45.— wobei für vollständige neue u. reine Füllung garantiert wird. Gebr. Weil Neustadt 10. Prima fette Harzkäse versendet frko. u. Sal Nachnahme. Postkiste= 100 Stück Mk. 3,30. Größ. Posten bedeutend billiger. Fr. Vollborn, Käserei, Clingen bei Greußen. Konsumverein Gies sen und Umgegend. Bruch-Chokolade per Pfund 90 Pfg. Zucker gestoßen, per Pfund 26 Pfg. Hut 27 1„ 5 Würfel„ 3 Heringe per Stück 5 Pfg. Rekruten aller Waffengattungen erhalten auch dieses Jahr besonders billige Ausstattungen. Wer sich nicht persönlich stellen kann, empfängt unter Nachnahme: 1 schönen Koffer, Unterhose, Jacke, Hemd, Socken, 2 Taschen⸗ tücher, alles für Mark 6.— Sämtliche 7 Bürsten, als: Kleiderbürste GlanzbürsteSchmutz⸗ bürste, Haarbürste, Messing⸗Fett⸗ und Wichsbürste extra für Mark 1.10. Obel Kleider Bazar Marburg i. H. Hesefisten erhalten auch in diesem Jahre wieder ganz besond. Ermäßigung beim Einkauf von: Livil-Kleidung 5 v. M. 10.— an Buxkin-Hose.„„ 3.— Buxkin-Weste„„ 2.— 1 Paar Stiefeletten„„ 5.— Beinen 1 feiner Filzhut„„ 1.50„, 2 Paar gute Socken„„ 0.50„ enschim„„ 1.— 1 1 in Boubel und Winter-Paletot Flocone, mit echtem Futter und e. v. M. 12.— an Hayelock mit Glockenpelerine„„ 12.—„ Schützen-Joppve 4.50„ Wollene Jacken enorme Auswa Wollene Jagdwesen Größtes Lager in Gehrock⸗ und 1 Hochzeits-Anzügen 1 Großes Lager von Tuchen und zukins sowie Schueider⸗Zutaten. Jeder Anzug wird innerhalb 12 Stunden fertig⸗ gestellt. Oberhess. Kleider-Bazar Mess- burg. 1 „„. 7 65 hl) 7 7 1.50 I 7 allen Sorten Möbliert. Timmer zu vermieten Buxkin-Sackrock 88 11 Walltorstraße 8, erster Stock. Verlag der Mitteld. Sonntags⸗Zeitung(E. Krumm), Gießen. Verantw. Redakteur F. A. Vetters, Gießen. Druck von Heppeler& Meyer, Gießen. —2.—————