0 selbe wird git, en n N da aber n bis zelne züte, den, 5 1.50 sager. fehle in: ———— ——ů——ꝑ mn Nr. 15. Gießen, den 12. April 1903. 10. Jahr. Redaktion: Medaktionsschluß: Kirchenplatz 11. Schloßgasse. Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. Sonnt Mitteldeuts che kit Abonnementspreis: Bestellungen 2 Juserate Die Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die ögespalt. Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Eypedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung Bei mindestens die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark.] jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107)[33/8 und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. en Oster n. Der einst vor neunzehnhundert Jahren, Ein edler Geist im schlichten Kleid, Gepredigt hat den Jüngerschaaren Die Liebe, die Gerechtigkeit; Der alle Menschen wollt' erlösen Und trank den bittern Kelch Passion: Er ist ein Kind des Volks gewesen, War eines Simmermannes Sohn. Wer ist zu solcher hohen Sendung Er koren, der Befreiung Ihn schmückte nicht die Priesterbinde, Er war kein Fürst, er war kein Prinz; Besaß nicht Wald und Feld, Gesinde, Nicht Heerden, Schiffe, Geld auf Sins; Nicht im Palast mit eh'rnen Toren— Die Wiege eine Krippe war— Als Proletar ward er geboren Und blieb zeitlebens Proletar. Hort d 0 Erlösung! Auch in unsren Tagen Laut tönt des Wortes Widerhall, Es soll die Stunde endlich schlagen, Des Menschenglücks allüberall. Erlösung ihnen, die verschmachten In der Entbehrung Wüstenei, Wie jenen, die nach Gold nur trachten, Im Bann von Mammons Tyrannei. Wohlan, zu einem schön'ren Leben, O Arbeitsvolk, voll Riesenkraft, 0 0 Durch wen zu herrlicher Vollendung ö Sollst aus der Gruft Du Dich erheben Wird reifen das Erlösungswort d Nicht sind's die Herrscher auf den Tronen, Nicht Würdenträger im Grnat, Nicht sind's die in Palästen wohnen: Du bist es, Proletariat! Dem ganzen menschlichen Geschlecht! J. Stern. 0 Im Glanz der Sonne Wissenschaft. Vollbringe Du die Welterlösung, vVermähle Freiheit mit dem Recht, Und bringe dauernde Genesung Zum Frühlingsfeste. Wenn das Osterfest herangekommen ist, die Tage wärmer und länger geworden sind, die Natur zum Teil schon Blütenschmuck angelegt hat, wenn's überall keimt, sproßt und zu grünen beginnt, begiebt sich jedes Menschenkind gern hinaus ins Freie, um sich der wiedererwachenden Natur zu freuen. Das tut wohl auch der Arbeitsmann, der das ganze Jahr hindurch tagtäglich in staubiger Werkstätte, in rußiger Fabrik oder dunkler Grube sich um kärglichen Lohn abmühen muß, auch er legt die beschei⸗ denen Feiertagskleider an und unternimmt einen Gang durch Wald und Flur, um die frische Frühlingsluft zu atmen und zu sehen, was der Lenz schon hervorgebracht hat. Hof⸗ fentlich hat das andauernde Aprilswetter mit seinen kalten Regenschauern bis zu den Feier⸗ tagen schönem, warmem Sonnenscheine Platz gemacht, damit ein Erholungsgang ins Freie überhaupt möglich ist! Der Wanderer wird dann finden, daß des Winters Macht entgiltig gebrochen, Knospen und Blättchen sich schon weit heraus entwickelt haben, überall ein Werden, Leben, Vorwärtsdrängen! Dessen freut sich der besitzlose und unterdrückte Mann der Arbeit ganz besonders. Bietet ihm doch der Frühling in der Natur ein Spiegelbild seiner Bestrebungen, seinem Ringen nach Befreiung von unwürdiger Sklaverei, seinem Kampfe für Verwirklichung hoher Menschheitstdeale! Und der stegreiche Frühling verheißt auch dem kämpfenden Pro⸗ letarier den Sieg, spornt ihn an zu unablässtger Pflichterfüllung, ruft ihn zu erneuter Arbeit für die Sache der Menschlichkeit.—— Wir verdenken ihm nicht, wenn er den Ruf der Osterglocken unbeachtet läßt, wenn er kein Be⸗ dürfnis fühlt, den Worten des christlichen Predigers zu lauschen. Er weiß, dort wird ihm Entsagung gepredigt. 8 „Die Erde it ein Jammertal, kümmert euch nicht um das irdische Leben, erst wenn sein sündiger Körper zu Staub geworden ist, harrt des Gläubigen die Befreiung!“— so ruft das Christentum den Proletariern zu, wenn ste ihr Joch abzuschütteln Miene machen. Du mußt darben, du mußt entbehren. Doch forschend schweift der Blick des Bedrückten um⸗ her. Er 1 sich: Darben wirklich Alle? Nein, wohl sind es Massen, welche Not leiden, aber gerade von dieser Not mästen sich Die⸗ jenigen, welche die Macht haben, jene Armen in Abhängigkeit zu halten— auf Tausende Entbehrender ein Genießender! Und warum genfeßt er? Mit welchem Rechte? Ist er wirklich besser wie die Armen? Nein er ist ein Mensch wie sie, oft nicht nur reich an Besitz, sondern auch reich an Lastern. Arbeitet er fleißiger wie sie? Nein, oft gar nicht, und wenn er arbeitet, ist es nicht seine eigene Arbeit, die ihm alle Genüsse schafft, sondern diejenige der Millionen! Ist er weiser wie sie? Und wenn es wäre— sollte ihn nicht gerade sein Verstand das Elend der Massen in verstärktem Maße erkennen lassen? Und wie oft ist er nicht weise, nicht klug, nein, nur reich, nichts als reich! Der Grundgedanke des Christentums:„Wohl⸗ zutun und Mitzuteilen“ hat in der kapitalistischen Welt keine Berechtigung mehr. Diejenigen, die das Christentum am meisten auf den Lippen führen, am fleißigsten in die Kirche laufen und Gebete stammeln, sind die ärgsten Verräter an den hohen Lehren des Stifters des Christentums geworden; das lehrt uns die Weltgeschichte. Und Diejenigen, welche das wahre Christen⸗ tum zur Geltung, die alten Lehren zu neuen Ehren bringen wollen:„Alle Menschen gleich geboren, sind ein adliges Geschlecht“, sie werden von den Hütern christlicher Moral verdammt— beschimpft. Jesus, des Zimmermanns Sohn, erging es auch nicht besser. Ihm erging es wie allen edlen Männern vor ihm und nach ihm bis auf den heutigen Tag, welche wie er gegen die Großen und Reichen und für die Mühseligen und Beladenen eintreten. Schriftgelehrte und Priester, Kriegsknechte und unwissendes Volk fielen über ihn her, verhöhnten ihn, setzten ihm die Dornenkrone aufs Haupt, schlugen ihn und kreuzigten ihn. Er ging zu Grunde aber seine Gedanken lebten fort. Die Geistessaat, welche vor neunzehn Jahr⸗ hunderten gesäet wurde, ist nicht verloren gegangen. Zwar haben die kirchlichen Frömm⸗ linge Alles getan, um ihr Wachsen zu verhindern. Aber gerade in unsern Tagen ist die Saat herrlich aufgegangen. Wie vor 1900 Jahren ist jetzt ein neuer Erlöser in die Welt gekommen. Er ist vom armen elenden Volke geboren, im Stalle wie Jesus von Nazaret. Er wird von Schriftge⸗ lehrten und Priestern verfehmt, die Knechte der Gewaltherrschaft peinigen ihn, man möchte ihn ans Kreuz schlagen, in den Gefängnissen aus⸗ hungern lassen. Aber der neue Erlöser ist stärker als der alte. Er ist stärker, weil er nicht ein einzelner Mensch ist, sondern weil er die leidende Menschheit selbst ist, die auch ihrer Leiden bewußt wurde und die Wege zur Beseitigung derselben erkannte. Der neue Erlöser— das ist das denkende, gegen sein Elend ringende Prole-⸗ tariat! Die Nächstenliebe, der Friede auf Erden, die Erlösung vom Uebel und Leid, das war der Kern der Jesuslehre, das ist die Aufschrift auf dem roten Banner— rot ist die Farbe der Liebe, der Menschenliebe— der Sozialdemokratie! Fort mit der Heuchelei einer Gerechtigkeit und eines Friedens, welche nicht bestehen und auch nicht bestehen können, so lange die Massen des ehrlichen arbeitenden Volkes in einem Elend und unter einem Drucke, in einem ver⸗ nichtenden Kampfe ums Dasein schmachten, die der Vernunft und der Kultur, allen Grund⸗ sätzen der Gerechtigkeit Hohn sprechen! Kampf gegen Alles, was uns bedrängt und was uns schändet! Kampf gegen politische und soziale Unterdrückung! Kampf gegen Kapitalismus, Militarismus und Rückschritt! Endlich einmal muß doch e— ̃—„—ę5H— A. D — 3 8 N — S — ́———— — . 8 5 r — Seite 2. Mtteldentsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 15. dieser Wiederstreit zwischen Kultur und Bar⸗ barei, zwischen Vernunft und Unvernunft, zwischen Recht und Unrecht geschlichtet werden! Der Geist der Weltgeschichte ruft uns ein ewig„Vorwärts!“ zu— vorwärts denn unter dem Banner des Menschentums, das der Sozialismus dir kühn voranträgt! Zu den Reichstagswahlen. V. Die Antisemiten.(FJortsetzung). In Nr. 12 unseres Blattes haben wir die Bestrebungen der antisemitischen Parteien, ihre Entwickelung und ihre Stärke kurz dargelegt. Heute wollen wir einen Blick auf ihre Tätigkeit im Reichstage werfen, sowie durch einige Aus⸗ sprüche ihrer Führer die Politik, die sie ver⸗ folgen, etwas näher beleuchten. Von einer einheitlichen Politik der Antisemiten kann nicht gesprochen werden; wie schon angeführt, zerfallen sie in mehrere„Richtungen“, die stch gelegentlich heftig befehden. Darum kann es kaum auffallen, daß ste in wichtigen Fragen der Gesetzgebung gegeneinander stimmten, so⸗ weit ste überhaupt im Parlament anwesend waren. Denn bei den Antisemiten sind ein größerer Prozentsatz, als bei den übrigen Par⸗ teien, permanente Schwänzer. Das zeigte sich bei vielen wichtigen Abstimmungen während der vorletzten wie auch bei der letzten Legis⸗ laturperiode. Als z. B. im Sommer 1893 über die Einführung der zweijährigen Dienstzeit abgestimmt wurde, stimmten 9 dafür und 2 dagegen; im Dezember 98 stimmten 1 für, 2 gegen die Aufhebung des Jesuiten⸗ gesetzes, 3 enthalten sich der Abstimmung und die übrigen fehlten; im Mai 1895 stimmen 5 für, 7 gegen die fünfjährige Kontingen⸗ tierungsperiode des Branntweins; ein Jahr später stimmten 3 für, 4 gegen die nie⸗ drigere Bemessung der Zucker verbrauchs⸗ abgabe; Ende Juni 96 4 für, 1 gegen die Ersatzpflicht für Hasenschaden, 4 enthalten sich; im März 98 waren 11 für, 3 gegen die Flottenvorlage und so weiter! Nicht anders war das Bild bei den wichtigen Ab⸗ stim mungen in der letzten Legislatur periode; bei der Zuchthausvorlage, der lex Heinze und vielen anderen Gesetzesvorschlägen stimmten die Antisemiten lustig gegen einander. Höchst unzuverlässig sind sie auch in Bezug auf das Reichstagswahlrecht; erst vor Kurzem sprachen sich sowohl Böckel, wie auch ein anderer ihrer geistigen Führer, Th. Fritsch in Leipzig, dagegen aus. Von je her waren sie überhaupt für alle rückschrittlichen Maß⸗ regeln und Vorschläge zu haben, besonders liehen sie den Bestrebungen der Zünftler stets ihre Unterstützung. Und wenn sie sich früher hier und da ein demokratisches Mäntelchen umhingen, so haben sie sich später immer mehr nach der reaktionären Seite hin entwickelt und heute stellen sie nur noch ein Anhängsel der Agrarier dar. Die Unfruchtbarkeit, Flachheit und Verfah⸗ renheit der antisemitischen Bewegung kommt denn auch hier und da einsichtigeren Partei⸗ angehörigen zum Bewußtsein und es liegen von solchen bezeichnende Aeußerungen über den Verfall des Antisemitismus vor. So sagte vor einigen Jahren einer ihrer Fähigsten, Reichstagsabgeordneter Dr. Förster: „Mittelstand und Mittelstand, da⸗ rauf sitzen wir fest, ohne daß recht ersichtlich wird, was wir wollen und was wir nicht wollen. Und demgemäß wird unsere Bewegung auch im Lande keine rechten Fort⸗ schritte machen. Stillstand und Mangel an Leben überall! Oder zu viel Leben, das heißt oberflächlicher Reden mit verbrauchten Schlagworten. Welchen Wert hat die Zugehörigkeit zu einer solchen Partei!“ Und der Berliner Antisemit Wilberg schrieb im Sommer 1901 verzweifelt: „Seit 16 Jahren stehe ich in der Berliner antisemitischen Bewegung und bin als Redner unserer Sache in Berlin wohl der einzige, der die Zeit von Henrici bis heute nicht nur mit gesehen, sondern auch mit durchlebt hat. Jeden ehrlichen Antisemiten packt ein ingrim⸗ miger Zorn, wenn er diese Zeit zurückdenkt, der möchte verzweifeln, wenn er sieht, wie bisher alles umsonst war und wie wenig wir in so langer Zeit erreicht haben Aber leider haben wir gar zu oft die Per⸗ sonenfrage statt der Sache in den Vorder⸗ grund gestellt. Und gerade daran mußten wir immer und immer wieder scheitern. Keine einzige Partei hat so viele Gaukler und Schaumschläger in ihren Reihen ezählt, wie die unserige, und keine Partei hat sich von Phrasenhelden und elen⸗ den Spekulanten nasführen lassen, wie die antisemitische.“ Und seitdem ist es keineswegs besser ge⸗ worden, wie das Auftreten des„Dreschgrafen“ Pückler beweist. Der Antisemitismus stützt sich auf die rück⸗ ständigsten Wählermassen. Seine Versprech⸗ ungen, die er ihnen machte, ist er nicht im Stande einzulösen. Die bevorstehende Wahl bringt ihm voraussichtlich eine weitere Stimmen⸗ einbuße und wird seinen Rückgang und Nieder⸗ gang bestätigen. Die Wabhlbewegung. Im Wahlkreise Limburg⸗Diez hat der Ingenieur Münch in Diez die Kandidatur für die freisinnige Volkspartei übernommen. Früher hieß es, daß die Freisinnigen den Rechtsanwalt Helff in Frankfurt aufstellen würden. f Konservative und Antisemiten in Kassel haben als ihren gemeinsamen Kandidaten den Amtsrichter Lattmann aufgestellt. — politische Rundschau. Gießen, den 9. April. „Geistige Waffen“. Verschiedene Ausbeuterkliquen und Geld⸗ sacks⸗Patrioten haben es für nötig erachtet, jetzt vor den Wahlen etwas mehr als zu gewöhnlichen Zeiten in Sozialistenvernichtung zu machen. Soldschreiber stehen ihnen ja gegen leidliche Bezahlung immer zu Diensten und so sind ihrer einige auf die Sozialdemokratie los⸗ gelassen worden. Der erste, dessen Produkte in der unheimlichen Masse von 8 Millionen Exemplaren das arme Deutschland überschwem⸗ men sollen, reist unter den falschen Namen Bürger, in Wirklichkeit heißt er Fränkel und hat schon allen möglichen Potentaten ge⸗ dient. Seine Broschüre:„Soziale Tatsachen und sozialdemokratische Lehren“ soll auf Kosten des Scharfmacherbundes womöglich jedem deut⸗ schen Arbeiter eingehändigt werden. Man steht also, das Unternehmertum läßt sich die„Auf⸗ klärung“ der Arbeiter etwas kosten! Fränkel weist in der Broschüre den Arbeitern ausführlich nach, daß ihre Lage sich ständig gebessert habe und daß sie sich in denkbar besten Verhältnissen befänden. Bisher merkte zwar die Arbeiter⸗ schaft davon nichts, aber deswegen sagts ihr Bürger alias Fränkel eben.— Von einem anderen Kapitalisten⸗Konsortium ist der berühmte frühere Sozialdemokrat und später Nationalsoziale Max Lorenz, der sich jetzt glücklich bis zum Scharfmacher-Soldschreiber„entwickelt“ hat, angekauft worden. Von ihren reichlich ver⸗ dienten Arbeitergroschen haben jene Kapitalisten eine antisozialistische Korrespondenz gegründet, die allen reaktionären Tagesblättern umsonst zugeschickt wird. Mäxchen Lorenz ist der Re⸗ dakteur davon und was er leisten kann, zeigt folgendes Beispiel: „Es ist das„Endziel“ der sozialdemokratischen Erziehung, der Volksmasse die Gefühle der deutschen Königstreue und der zum Opfer bereiten Vat erlandsliebe aus dem Herzen zu reißen. Die Politik der Sozial⸗ demokratie ist eine Politik der Zerstörung, des Verfassungsbruchs und des Hochverrats.“ Größere Unverschämtheit kann wohl kaum ein Gestnnungslump an den Tag legen, der früher selbst an der Politik des Hochverrats sich beteiligt hat. Als dritter im Bunde erscheint Eugen Richter, der große Freisinnsmann mit einem „Sozialistenspiegel.“ Was der Mann da auf 90 Druckseiten verzapft, ist nichts als eine öde Schimpferei auf die Sozialdemokratie, ganz im Stile und Geiste der Sparagnes gehalten. Richter beweist dawit höchstens, daß er auf soztalem Gebiete noch nichts gelernt hat. Antisemitischer Wablaufruf. Die Antisemiten Liebermannscher Richtung haben einen Wahlaufruf losgelassen. Darin werden„rückgratstarke kampffreudige Männer“ efordert, die allerdings bei den Judenfressern sehr dünn gesäet sind. Der Wahlaufruf verwirft„unklare Kartelle zu Gunsten irgend⸗ welcher Mischmaschkandidaten, die nicht wissen, was sie wollen und was sie sollen“. Im Kampfe gegen die Sozialdemokratie könne man keine Kartellbrüder nach dem Zuschnitt der Nationalliberalen gebrauchen, die den Ernst der Zeit verschleiern, das sozialdemo⸗ kratische Grundübel äußerlich nach Kurpfuscher⸗ weise zurückzudrängen suchen, statt durch Be⸗ seitigung der berechtigten Unzufriedenheit eine gründliche Heilung anzubahnen. Dazu bedürfe das deutsche Volk„fester, zielbewußter Männer“, wie die Herren Liebermann von Sonnenb erg, Müller⸗Waldeck, Raab und Vogel.— Um eine Zersplitterung der Kräfte und Mittel zu vermeiden, will man nur in wirklich ausstchts⸗ vollen Kreisen auftreten und nur besonders tüchtige und leistungsfähige Kandidaten auf⸗ stellen. Es gelte die Zukunft des Vaterlandes, die Befreiung des Volkstums vom Judentum, von der Sozialdemokratie und vor den völker⸗ fressenden Auswüchsen des Kapitalismus. Bevor aber„unser Heerbann auf den Plan tritt“, muß für eine gefüllte Kriegskasse gesorgt werden usw. Das Letztere ist nun freilich der schwächste Punkt bei den Antisemiten. Die rabtaten Staatsbürger, die den Stamm der Antisemiten bilden, sind zwar groß im Schimpfen auf Juden und dee a f aber vom Zahlen für Parteizwecke sind sie keine großen Freunde. Darum blicken die Herren auch immer mit Neid auf die Opferfreudigkeit der sozialdemokratischen Parteimitglieder und werden nicht müde, verschiedene der sozialdemokratischen Parteikasse zugegangene Beträge als„Juden⸗ geld“ zu bezeichnen. Rückgratstarke Männer muß man gerade bei den Antisemiten suchen! Der in eine Menge„Richtungen“ zerfallende Antisemitismus treibt noch schlimmere Drehscheibenpolitik als die Nationalliberalen. Sieben„rückgratfeste“ Männer sind es, die als„Ernstkandidaten“ von der Liebermannschen Richtung aufgestellt werden, und die das dentsche Volk von allen Uebeln befreien sollen. Drei davon treten offen als Kandidaten des Bundes der Land⸗ wirte auf, was beweist, daß der Antisemitis⸗ mus dieser Richtung und der Bund der Land⸗ wirte ein und dasselbe ist. Ein Landwirt über den Zollnutzen. „Auch dem Kleinbauern nützen die Getreide⸗ zölle!“ Mit dieser tausendmal ziffernmäßig widerlegten Lüge versuchen es die agrarischen Grundbesitzer im Interesse einer sicheren Berg⸗ ung der ihnen zufallenden Liebesgaben, sich für die Wahlen das nötige„Stimmvieh“ zu besor⸗ gen. Darum singen sie den Bauern das Eia popeia der„Solidarität“ der Großen und Klei⸗ nen vor, darum denunzieren sie ihnen die un⸗ abhängige Presse als„Feindin der Landwirt⸗ schaft“, weil diese Presse unablässig die mittleren und kleinen Besitzer davor warnt, sich vor den Wagen der agrarischen Großunternehmer span⸗ nen zu lassen. Indessen giebt es unter den Landwirten selbst anständige und ehrliche Cha⸗ raktere genug, die sich nicht überwinden kön⸗ nen, die agrarische Lüge weiter zu verbreiten. Sie empfinden im Gegenteil das Bedürfnis, die vergewaltigte Wahrheit wieder in ihre Rechte einzusetzen. Dies tat auch ein in der„Deut⸗ schen Landwirtschaftlichen Presse“ Nr. 36 er⸗ schienener Artikel über das Domänenvorwerk Hof Gnadenthal, der wörtlich schließt: Nr. 15. Mittel deutsche Souutags⸗Neitung. Seite 3. „. Nun zum Schluß noch einige Bemerkungen. Vielfach wird behauptet, der neue Zolltarif bringe der Landwirtschaft Nutzen. Ich behaupte, dem Groß⸗ g rundbesitz wird er solchen unbedingt bringen, für uns(die Domänenpächter) und die Kleinbauern aber werden die Vorteile von den Nachteilen mehr wie aufgezehrt werden. Sollten sich Zweifel für meine Behauptungen ergeben, so bin ich zum zahlen mäßi⸗ gen Nachweis bereit. Die Agrarier werden den Nachweis nicht verlangen. Sie wissen— wenigstens zum größten Teil— daß diese Behauptung richtig ist. Der Verfasser würde sich aber, unbeküm⸗ mert darum, ob er von unvorsichtigen Agrariern dazu gereizt wird oder nicht, ein Verdienst er⸗ werben, wenn er durch Darlegung seines Ma⸗ terials dazu beitrüge, einer der traurigsten Agrarlügen den Garaus zu machen. Agrarier⸗Habgier. Zwei bezeichnende Agrarier⸗Stückchen gingen dieser Tage durch die Presse: In Posen ver⸗ urteilte die Strafkammer den Generalsekretär der Landwirtschaftskammer Gustav Eberl, der früher die finanzielle Leitung des„Landwirt⸗ schaftl. Zentralblattes“ hatte, wegen Steuer- hinterziehung zu 600 Mark Geldstrafe. Eberl hatte in seiner Steuererklärung ver⸗ schwiegen, daß ihm das„Landwirtschaftliche Zentralblatt“ erhebliche Erträge abwarf.— Ferner wurde auf dem Wochenmarkte in Wis⸗ mar(Mecklenburg), die vom Freiherrn von Biel⸗Zierow gelieferte Butter wegen Min⸗ dergewicht konfisziert. Viele der Herren Agrarier wissen eben überall ihren Vorteil wahrzunehmen und fragen dabei wenig nach Recht und Moral. Neue Kanonen. Demnächst soll eine Abteilung der Garde⸗ Jußartillerie Geschütze erhalten, die zum Rohr⸗ rücklauf umgeändert und mit Schutzschilden versehen worden sind. Die Hundertmillionen⸗ ausgabe für neue Mordwerkzeuge kommen also schnell: 85 die Wähler am 16. Juni ihre Meinung über diese neue Belastung des Volks recht deutlich aussprechen! Gegen die Soldatenmißhandlungen, die in letzter Zeit sich in erschreckender Weise gehäuft haben und eine zunehmende Roheit im Heere dartun, hat der Erbprinz von Sachsen⸗ Meiningen einen Erlaß gerichtet, in welchem er unter anderem schärfere Kontrolle der Unter⸗ offiziere verlangt. Der Erlaß mag recht gut gemeint sein, wird aber wohl ebensowenig nützen, als alle früheren. Sollen die Aus⸗ schreitungen aufhören, dann muß eine gründ⸗ liche Reform platzgreifen, namentlich in der militärischen Rechtsprechung. Säbelei gegen Streikende. Wie in Colmar ist auch in Bromberg die Polizei den Unternehmern mit dem Säbel. zu Hilfe geeilt und hat streikende Bauarbeiter niedergeschlagen, außerdem die„Rädelsführer“, d. h. die Vertrauensleute der Arbeiter verhaftet. Hier zeigt sich wieder, wie schon in hunderten anderen Fällen, wie die Polizei es stets für ihre Aufgabe erachtet, die Ausbeuterinteressen zu schützen.— Die Bromberger hatten ebenso wie Colmarer Prozentpatrioten ausländische Arbeiter als Streikbrecher/ kommen lassen. Mögen sich nur die Arbeiter merken, wie nicht nur von seiten der Kapitalistenvereinigungen, sondern auch von Behörden und Gerichten gegen sie vorgegangen wird und am 16. Juni mit dem Stimmzettel ihre Meinung zum Aus⸗ druck bringen! Bei Krupp. Am 2. April wurde den Arbeitern der Krupp'schen Geschoßdreherei durch Anschlag bekannt gegeben, daß die Arbeitszeit auf acht Stunden ermäßigt werden soll. Durch diese Ermäßigung tritt aber zugleich eine 20pro⸗ zentige Lohnkürzung ein. Von der Maß⸗ nahme werden wigefühe 600 Arbeiter betroffen. Dieser Mitteilung wird noch ien che daß„die Erregung unter den Arbeitern sehr groß“ sei. Als ob dies verwunderlich wäre! Jahrelang hat man den Arbeitern tagtäglich von der einzig dastehenden Arbeiterwohltätigkeit der Firma Krupp erzählt und jetzt bekommen sie einen Begriff davon.— Da wird einiger⸗ maßen begrelflich, was neulich das Essener Zentrumsblatt schrieb: „Recht weit gekommen ist es bereits auf der Krupp⸗ schen Fabrik. In verschiedenen Werkstätten entfalteten jetzt vor den Gewerbegerichts⸗Wahlen die Sozialdemo⸗ kraten eine ganz wüste Agitation. Als einige christliche Arbeiter die Schmähungen der Roten abwehren wollten, erhielten sie von ihrem Meister einen scharfen Verweis. Die Herren„Genossen“ dagegen ließ man völlig unge⸗ schoren ihr Handwerk weiter treiben. Statt dessen aber zog man in einzelnen Werkstätten die rote Fahne ziemlich offen hervor und zwar mit Wissen und Willen, j a mit Unterstützung von Meistern!“ Danach scheint es, daß diese Elenden nichts vom Tischtuchzerschneiden wissen wollen. Dar⸗ über ärgert sich natürlich das Pfaffenblatt, für uns ist das aber höchst erfreulich. „Kaisertreue“ Sozialdemokraten. Als solche wurden dieser Tage die dä ni⸗ schen Sozialdemokraten in der deutschen Ord⸗ nungspresse vorgestellt. Nach einer Wolf'schen Depesche, welche alle Kreis-, Amts⸗ und sonstige utgesinnten Blätter mit Behagen abdruckten, hätte das Zentralorgan der dänischen Genossen, „Sozialdemokraten“, den deutschen Kaiser, der vorige Woche in Kopenhagen war, mit folgendem Artikel begrüßt: „Als Haupt unseres großen südlichen Nachbarstaates besucht der Kaiser Kopenhagen, als dänische Staats⸗ bürger müssen wir ihm einen würdigen und nachbar⸗ schaftlich freundlichen Empfang wünschen. Alle ver⸗ nünstigen Dänen wünschen nur das beste nachbarschaft⸗ liche Verhältnis zwischen Dänemark und Deutschland. Kaiser Wilhelm repräsentiert die deutsche Nation, vor deren Tüchtigkeit, Fleiß und Wissenschaftlichkeit wir tiefsten Respekt haben und mit der wir gern in guter Nachbarschaft zu leben wünschen. Als kluge, friedliebende Dänen wünschen wir, daß das Staatsoberhaupt des Deutschen Reichs eine schöne, freundliche Aufnahme in den Tagen, wo er der Gast unseres Landes und unserer Hauptstadt ist, finden möge.“ Daran wurden natürlich Bemerkungen ge⸗ knüpft, wie vorteilhaft sich die dänischen Sozial⸗ demokraten von ihren staatsfeindlichen und vaterlandslosen deutschen Genossen unterscheiden. —, Wir stehen gar nicht an, zu bekennen, daß uns die Auslassung des dänischen Partei⸗ organs befremdete. Es fiel uns auf, daß unsere Kopenhagener Genossen einen Fürsten in dieser Art feierten, der unsere Partei und ihre Vertreter so oft mit den stärksten Aus⸗ drücken belegte, dem also an dem Willkommens. gruße des sozialdemokratischen Organs sehr wenig gelegen war. Es liegt hier aber eine direkte Fälschung des offiziösen Preßbureaus vor. Der Artikel unseres Kopenhagener Parteiblattes ist, wie die „Schlesw.⸗Holst. Volksztg.“ feststellt, so zu⸗ sammengestrichen, die einzelnen Sätze so aus dem Zusammenhang herausgerissen, daß er fast im gegenteiligen Sinne erscheint, als in ihm zum Ausdruck gebracht wird. Ein Gegensatz zur Haltung der deutschen Sozialdemokratie in Sachen der Monarchie und des Militarismus kann in ihm nicht gefunden werden, wenn man sich auch nicht mit jedem Satze einverstanden erklären kann.. Am Schlusse des Artikels werden die deut⸗ schen und dänischen politischen Zustände in Vergleich gestellt und die freieren, demokrati⸗ scheren Einrichtungen Dänemarks hervorgehoben. Neulich habe der dänische König ohne Zögern die Wahl des sozialdemokratischen Bürgermeisters bestätigt, während Wilh. II. es abgelehnt habe, die Wahl eines liberalen Bürgermeisters für Berlin anzuerkennen.— Kurz, das Telegramm des Wolf schen Telegraphen⸗Bureaus war eine Fälschung, Futter für die Reptilien! Für das allgemeine Stimmrecht in Belgien. Unsere belgischen Geuossen führen selbst⸗ verständlich den Kampf für das allgemeine Wahlrecht mit aller Energie weiter, keineswegs durch den Mißerfolg im vorigen Jahre ent⸗ mutigt. Nach einer Erklärung Vanderveldes, die er vorige Woche in der Sitzung der Brüsseler Parteiorganisation abgab, soll im nächsten Jahre die Bewegung dafür wieder von neuem einsetzen. Ueber die Mittel und Wege wird der Parteitag, der an den Oster⸗Feiertagen stattfindet, beraten. Niedergang des Natisnalismus in Frankreich. „Vergangenen Sonntag wurde in Paris wieder eine Nachwahl zum Gemeinderat vor⸗ genommen, wobei der Sozialdemokrat Deville mit 5060 Stimmen gegen den Nationalisten Barr é, der nur 4825 Stimmen erhielt, ge⸗ wählt wurde. Und in diesem Wahlbezirk hatte noch im vorigen Jahre der Nationalist die Mehrheit gegenüber dem Sozialisten. Auch diese Wahl ist ein Zeichen dafür, daß der Nationalismus, dem ein Teil der bürgerlichen Wähler vorübergehend verfallen waren, sich anf dem Rückzuge befindet. Es geht ihm gerade wie dem Antisemitismus in Deutschland, mit dem er ja geistesverwandt ist. Jaurés zur Dreyfus Affaire. Am Montag und Dienstag kam es in der französischen Kammer zu der von Jaures schon seit länger angekündigten Erörterung über die Dreyfusangelegenheit. Jaures hielt eine ge⸗ waltige Rede, die er am Montag abbrach und am Dienstag fortsetzte. Er verlas einen bisher unbekannten Brief des Generals Pellieux, der den damaligen Kriegsminister Cavaignac von der Fälschung Henrys in Kenntnis gesetzt habe, von diesem aber beiseite gebracht worden sei. Brisson, der damalige Premierminister er⸗ hebt heftige Angriffe gegen Cavaignac, der die Existenz jenes Briefes nicht bestreitet. Kriegs⸗ minister André erklärte, die Regierung werde eine Untersuchung über die Affaire einleiten und die Kammer nahm eine in diesem Sinne gehaltene Tagesordnung an. Generalstreik in Holland. Am Montag früh wurde in Amsterdam der allgemeine Ausstand aller Transportarbeiter einschließlich der Eisenbahnangestellten erklärt und gleich darauf begann der Streik. Dieser richtet sich zunächst gegen die Zuchthausgesetze, die jetzt der Kammer vorliegen. In wenig Tagen wären sie erledigt und damit das Koalitionsrecht der Eisenbahner für alle Zeiten vernichtet gewesen. Deshalb stellt der Streik einen Akt der Notwehr der Arbeiter dar, die sich nicht wie die Hämmel abwürgen lassen wollten. Gegenüber dem Gewaltakt der Kapitalistensippe blieb ihnen kein anderes Mittel mehr übrig. Revolutionäre Offiziere. In der russischen Armee greift die revo⸗ lutionäre Bewegung immer mehr um sich, zum Schrecken der Regierung. So kam kürzlich aus Petersburg die Nachricht, daß zwei Artillerie- Ofsiziere, Namens Wassiljew und Grigorjew, wegen politischer Vergehen in der Peter. Pauls⸗ Festung eingekerkert sind. Eine Anzahl Offiziere und Militärbeamte seien derselben Sache halber in Kiew verhaftet worden. Im Departement für Militärjustiz sei eine besondere Sektion für politische Vergehen gebildet worden.— Die Unter⸗ drückungsmaßregeln werden nichts nützen; die zarische Gewaltherrschaft wird ihren Zusammen⸗ bruch nicht aufzuhalten vermögen. Ein en Staatsstreich hät sich Alexanderchen von Serbien geleistet, indem er das Parlament nach Hause schickte und seinen treuen Untertanen eine neue Ver⸗ fassung aufzwang. Verwunderlich ist nur, daß das serbische Volk den Sprößling der Schweine⸗ händler⸗Dynastie nicht schon längst zum Teufel gejagt hat. Zweiter Bauas beiter ·Schutzkongreß Bei a von 450 Delegierten aus allen Teilen n sowie einer Anzahl Vertretern ausländischer Organ isatienen wurde am Sonntag der zweite Bauarbeiterschutz⸗ Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung Nr. 15. Kongreß im Berliner Gewerkschaftshause er⸗ öffnet. Boemelburg⸗Hamburg wies in seiner einleitenden Ansprache darauf hin, daß die Forderungen der Bauarbeiter nur zum geringsten Teil erfüllt seien und die wenigen Schutzbestimmungen, die ergangen seien, würden vielfach nicht einmal ausgeführt. Als Vor⸗ sitzende wurden Bömelburg(Maurer), Drunsel (Töpfer) und Schrader(Zimmerer) bestimmt. Von der sozialdem. Reichstagsfraktion waren die Abgg. Hoch, Pfannkuch und Zubeil delegirt; die Generalkommission der Gewerk⸗ schaften war durch Robert Schmidt vertreten. Von der Reichs regierung war niemand er⸗ schienen, obwohl sie freundlich eingeladen worden war. Jedenfalls nimmt man wieder Anstoß an der Dekoration des Sitzungssaales, welcher Grund ja vor Kurzem für das Fern⸗ bleiben der Reichsregierung vom Stuttgarter Gewerkschaftskongreß angegeben wurde. Viel⸗ leicht werden die Regierungsleute aufgeregt, wenn hier und da rotes Tuch angebracht ist. Nach eingehenden Referaten gelangten die Reso⸗ lutionen, in welchen die Forderungen auf Aus⸗ gestaltung des Bauarbeiterschutzes niedergelegt sind, zur Annahme. Am Dienstag wurde der Kongreß geschlossen. Von Nah und Lern. Hessisches. Wahlkuhhandel im Landtag. Wie im Landtage die Schwarzen mit denen von der Fraktion Drehscheibe versuchten, unseren Genossen einen schmählichen Handel in die Schuhe zu schieben und ihre Mogelei zu ver⸗ decken, so erzählen jetzt hessische Ordnungsblätter und Reptilien— das Gießener natürlich in erster Linie— von einem Kuhhandel, den die Sozialdemokraten bei den Bauernbündlern versucht hätten. Sie möchten gern durch den bekannten Spitzbubenkniff die Aufmerksamkeit von dem unehrlichen Verhalten ihrer Leute abwenden. Das soll ihnen aber nicht gelingen. Wie liegt die Sache in Wirklichkeit? Wahrheit ist, wie unser Mainzer Partei⸗ blatt feststellt, daß der Abg. Baer sagte, der Abg. Cramer oder Ulrich habe ihn gefragt, wie er sich zu den Wahlprotesten gegen die Abgg. Orb und Hirschel stelle, ob er eventuell für die Wahl Orb's stimme. Er habe es ab⸗ gelehnt, sich in der Sache irgendwie zu binden. Nachdem Ulrich dem Abg. Baer klar machte, daß er sich wohl in der Angelegenheit mit Baer unterhalten habe, wie man sich so oft über schwebende Fragen mit Abgeordneten aller Parteien unterhalte, aber keinerlei Anerbieten oder etwas Aehnliches gemacht, gab dies Baer zu und meinte, dann habe Abg. Cramer an ihn die Frage gestellt. Letzterer ersuchte Baer der Wahrheit die Ehre zu geben und zu⸗ zugestehen, daß Cramer ihm erzählt habe, Hir⸗ schel habe ihm(Cramer) gesagt, wenn die Sozialdemokraten für ihn eintreten, dann würden Hirschels Freunde auch für Orbs Wahl zu haben sein. Abg. Baer erwiderte darauf, letzteres wisse er nicht mehr, er könne sich dessen„nicht mehr erinnern“. Also, erst wußte der Abg. Baer nicht mehr, ob Cramer oder Ulrich ihm ein bezügliches An⸗ erbieten gemacht, dann mußte er Ulrich gegen⸗ über mit seiner Behauptung einschwenken und schließlich„konnte er sich nicht mehr erinnern“, ob Cramer ihm das Gesagte als eine Aeuße⸗ rung Hirschels überbracht habe!— Es wird den professionsmäßigen Kuhhändlern und ihrer Presse trotz aller Drohungen und Wendungen nicht gelingen, ihre Sünden zu vertuschen und unsere, Genossen zu verdächtigen. Soviel an uns liegt, werden wir dafür sorgen, daß die Wahrheit nicht verschleiert wird. Auf zum Maifeste der Arbeit! Parteigenossen! Rüstet überall, die Maifeier in würdiger Weise zu begehen! Trefft die nötigen Vorbereitungen! Wo immer zielbewußte Genossen wohnen, muß dem Mai⸗ Gießener Angelegenheiten. — Fröhliche Ostern wünschen wir von Herzen allen unseren Parteigenossen und Lesern! Und einen weiteren Wunsch fügen wir hinzu, nämlich den, daß der April, der dieses Jahr in Bezug auf das Wetter seinem schlimmen Ruf bisher vollkommen rechtfertigte, wenigstens für die Feiertage ein Einsehen haben und uns warmen Sonnenschein bescheeren möge, damit auch der vielgeplagte Arbeiter ein Wenig sich im Freien bewegen und Früh⸗ lingsluft„schnappen“ kann!— Wo aber immer unsere Freunde die Feiertage verbringen, überall müssen sie daran denken, daß uns für die nächsten Wochen harte Arbelt bevorsteht, bei der jeder einzelne sein Teil zu leisten verpflichtet ist! Agitiert wo Ihr könnt, im Freundes⸗ und Bekanntenkreise, am Biertisch, bei Ausflügen! Werbt überall neue Anhänger, macht auf unsere Presse, auf unsere Schriften aufmerksam! Und vergeßt auch den Wahlfonds nicht! — Der Gesangverein„Eintracht“ hält, wie alljährlich, auch diesen zweiten Oster⸗ feiertag eine kleine Festlichkeit ab. Ste findet auf Textors Terasse statt und besteht in Konzert und Gesangsvorträgen, Deklamationen und Tanz. Bei den bestens bekannten Leistungen der Eintracht darf wohl auf zahlreichen Besuch gerechnet werden, umsomehr, als ein etwaiger Ueberschuß dem Wahlfonds zugeführt werden soll. — Die Stadtverordneten⸗Versammlung hat es in ihrer Sitzung am Mittwoch abgelehnt, Mittel für eine Delegation von Gewerbegerichtsbeisitzern zu dem im September in Dresden stattfindenden Ver⸗ bandstage deutscher Gewerbegerichte zu bewilligen. Eine Beteiligung des hiesigen Gewerbegerichts wäre doch gewiß ganz nützlich gewesen, die Kosten wären auch nicht er⸗ heblich. Unsere Stadtvätermehrheit hat aber dafür kein Geld, oft genug hat sie allerdings für viel, viel minder⸗ wichtige Dinge respektable Summen bewilligt. — Professor Dr. Biermer von der hiesigen Universität ist von dem Prof. Ruhland in Berlin wegen a verklagt worden, ie in der Streitschrift Biermers:„Ruhland, Köhler⸗Langsdorf und Ko.“ enthalten sein sollen. Der Prozeß dürfte nicht uninteressant werden. Landtagsabgeordneter Köhler forderte bekanntlich in einem im Landtag eingebrachten Antrage die Einrichtung einer weiteren Professur der Natio⸗ nalökonomte an der Gießener Universität und zwar wollte er einen Vertreter des physiokra⸗ tischen Systems, nämlich den Prof. Ruhland berufen wissen, der die Zollräuberei„wissen⸗ schaftlich begründet.“ — Die Maifeier in Gießen soll dieses Jahr in etwas anderer Weise als früher be⸗ gangen werden. Bisher wurde stets am Abend des ersten Mai eine Versammlung und am e nach dem ersten Mai ein allge- meines Waldfest abgehalten. Letzteres findet dieses Jahr wegen der Wahlagitation erst später statt, dafür soll am 1. Mai die Feier bereits nachmittags 4 Uhr auf Textors Terrasse mit Konzert beginnen, worauf etwa gegen 8 Uhr der Vortrag über den Weltfeiertag folgen soll. Damit wird wenigstens ein Anfang zur Arbeitsruhe gemacht und auch einem Beschlusse der Landeskonferenz nachgekommen, wo nach die Maifeier nur am 1. Mai begangen werden soll. Den meisten Arbeitern ist es gewiß möglich, sich einmal ein paar Stunden frei zu machen. Aus dem Nreise gießen. — Eine Wählerversammlung fand am Samstag im Saale zum Rappen in Grünberg statt. Die Ausführungen des Genossen Krumm, der neben Erörterung der bei der Reichstagswahl in Betracht kommenden wichtigeren politischen Fragen besonders den Zolltarif beleuchtete und kritistierte, wurden von den zahlreich Erschienenen beifällig aufgenommen. Obwohl Gegner anwesend waren, meldete sich keiner derselben zum Wort, trotzdem mehrfach dazu aufgefordert wurde. Wir können mit dem Erfolge auch dieser Versammlung recht zufrieden sein. Kontrollversammlungen finden statt: In Lollar am Bahnhofe für die Orte: Allendorf a. d. Ld., Climbach, Daubringen mit Heibertshausen, Lollar, Mainzlar, Ruttershausen mit Kirchberg, Staufenberg mit Friedelhausen, Treis Mittwoch, den 15. April, vorm. 3 Uhr: Reservisten und Wehrleute 1. Aufgebots, sowie zur Dispositlon der Truppenteile und der Ersatz⸗Behörden entlassenen Mannschaften aller Waffen. Vorm. 11½ Uhr: Sämtliche Ersatz⸗ Reservisten. In Grünberg am westlichen Ausgange auf der Donnerstag, den 16. April, vorm. 9/ Uhr: Reservisten, sowie zur Disposition der Truppenteile ꝛc. entlassenen Mannschaften aller Waffen. Nachm. 12 uhr: Wehrleute 1. Aufgebots aller Waffen. Nachm. 2½ uhr: Sämtliche Ersatz⸗Reservisten. In Lich in der Amtsgerichtsstraße für die dazu gehörigen Orte: Freitag, den 17. April, vorm. 9½ Uhr: Reservisten, sowie zur Disposition der Truppenteile ꝛc. entlassenen Mannschaften aller Waffen. Nachm. 12 Uhr: Wehrleute 1. Aufgebots aller Waffen und sämtliche Ersatz⸗Reservisten. In Hungen an der Post für die dazu gehörigen Orte: Samstag, den 13. April, vorm. 9/ Uhr: Reservisten, sowie zur Disposition der Truppen⸗ teile ꝛc. entlasseneu Mannschaften aller Waffen. Mittags 12 Uhr: Wehrleute 1. Aufgebots aller Waffen und sämtliche Ersatz⸗Reservisten. Aus dem Rreise Alsfeld-Cauterbach. O ueberflüssiges bei der Feuerwehr⸗ übung. Bei dem Ansetzen der Pflichtfeuerwehrübungen in Alsfeld wird sehr wenig Rücksicht auf die gewerb⸗ lichen und Arbeitsverhältnisse der Pflichtfeuerwehrleute genommen. So wurde am Montag eine solche abge⸗ halten, jetzt vor den Feiertagen, wo die kleinen Hand⸗ werker am meisten zu tun und für wirklich wenig Zeit übrig haben. Die Arbeiter mußten ebenfalls schon um 4 Uhr aufhören, erleiden aber dadurch eine für sie beträchtliche Lohneinbuße. Der Unwille, der dadurch hervorgerufen wurde, steigerte sich aber noch, als auch noch militärische Exerzitien ausgeführt wurden, was doch für die Ausbildung der Feuerwehrleute nicht den geringsten Wert hat. Schließlich wird am Ende gar noch Parademarsch geübt!(Wir können den beteiligten Arbeitern nur raten, für die verl eren gegangene Zeit von ihren Arbeitgebern Bezahlung zu verlangen, denn dazu sind diese nach dem B. G.⸗B. verpflichtet. D. R.) Aus dem Rreise Weßlar. h. Unbequeme Mahner! Daß in den nationalliberalen Wahlversammlungen in der vorletzten Woche auch Sozialdemokraten das Wort ergriffen und den Herren die Meinung sagten, ist diesen natürlich sehr unan enehm, wie aus den Berichten im Kreisblatt, die wir schon in der letzten Nummer einer Kritik unter⸗ zogen, hervorgeht. Die nationalliberalen Mannesseelen fürchten freie Diskusston und möchten sie am liebsten beseitigen. Das geht deutlich aus folgendem, in einem jener Berichte enthaltenen Satze hervor: „Da ist es unbedingt nötig, daß der Vor⸗ sitzende, Herr Justizrat Aldefeld, mit Energie das Hausrecht wahrt, sonst würden sich die Verhandlungen in's Endlose hinziehen.“ Jawohl, wenn man nicht die Mehrheit hat, um den Gegner niederschreien zu können, dann gebe man ihm einfach das Wort nicht! Wie mancher der Herren wird es schwer be⸗ dauern, daß es heute nicht mehr so leicht ist, einen offen sich zur Sozialdemokratie bekennenden Mann polizeilich chikanieren, wirtschaftlich und geschäftlich schädigen oder gar brotlos machen zu können! Etwa in der Art, wie es noch 1898 der nationalliberale Wetzlarer Stadtvater und Neunundneunziger Hiepe einem unserer Wetz⸗ larer Genossen gegenüber fertig brachte. Es ist eben heute schon etwas anders geworden! Und wenn die Herren in ihrem Berichte sagen: „Die Sozialdemokraten benutzten die von der nationalliberalen Partei einberufenen Versammlungen, um hier ohne eigene Kosten für sich selbst einige billige Propaganda zu machen“— so ist das einfach eine Folge ihrer eigenen schofelen Praktiken, 85 jeder Zeit darauf hin⸗ aus liefen, uns die ersammlungslokale abzutreiben. Mögen sie aber immerhin ihre Mundtotmachungspolitik versuchen! Wird unsern Genossen in den gegnerischen Versamm⸗ lungen das Wort nicht verstattet, so muß sich jeder Versammlungsteilnehmer sagen, daß man nicht wagt, den Gegner zum Wort kommen zu lassen, daß man ihn fürchtet— und den Vorteil davon haben wir. „Ratschläge“ eines Fürstl. Solms'schen Rent⸗ amtmanns a. D. enthält ein Eingesandt in den„Wetzlarer Nachrichten“. Der Einsender, ein 75jähriger Herr, hat bisweilen das Bedürfnis an unsere Räder zu fahren, um sich dann aber mit den merkwürdigen Worten,„Alle etwaigen Erwiderungen von sozd. Seite werde ich gänz⸗ lich unbeachtet lassen“, aus dem Staube zu machen. Der alte Herr nimmt es unserm Genossen Habicht gedanken Ausdruck gegeben werden! Straße nach Gießen für die dazu gehörigen Orte: besonders übel, daß derselbe in seiner Debatte mit Dr. ä 2 Nr. 15. Mittelden! sche Sonntags⸗ Zeitung. Seite 5. Johannes, in der natl. Versammlung zu Ehringshausen, die Sparsamkeit als Heilmittel sozialer Knechtung ver⸗ verworfen habe. Der Einsender hält vom Sparen viel, giebt aber doch zu, daß er trotz seiner Sparsamkeit nur gering begütert sei. Die Verkürzung der Arbeits⸗ zeit ist ihm ein Greuel, weil dadurch die Arbeiter weniger leisten und somit weniger verdienen würden. Die Nationalökonomie des Einsenders scheint uns auf schwachen Füßen zu stehen, denn sonst müßte er wissen, daß jeder Unterkonsum geeignet ist, die wirtschaftlichen Krisen zu verschärfen, und daß somit, wenn alle vom Sparfanatismus ergriffen wären, das wirtschaftliche Leben eine rückläufige Bewegung nehmen müßte. Genosse Habicht hat sich mit seinen Worten nur gegen die Sparsamkeit am verkehrten Orte gewandt. Das Sparen an sich wird von uns durchaus nicht verworfen. (Ueberhaupt müssen ja die Arbeiter in der Praxis besser sparen können, als es ihnen der Sparapostel lernen wollen. D. R.) Wenn uns aber die bürgerlichen Politiker kommen und uns, wie Eugen Richter mit seiner Sparagnes, den Unsinn einreden wollen, daß die Arbeiter⸗ klasse durch Sparsamkeit sich den Besitz der Produktions mittel, wie im Mittelalter, wieder sichern könne, so hören wir zwar die Botschaft, aber uns fehlt der Glaube. Im Königreich Sachsen z. B. beträgt der Durchschnitt der Sparkasseneinlagen 400 Mark und unter diesen sind ein großer Teil aus Beamten⸗, kleinbürgerlichen und bäuerlichen Kreisen. Zahllose kleine Erbschaften werden ebenfalls der Sparkasse überwiesen. Wenn die Resultate des Sparsinns so gering sind, so liegt dies nicht blos an dem Mangel an Sparsinn selbst, sondern nicht zuletzt an unserem„herrlichen“ indirekten Steuersystem und an der Sucht des Industriefeudalismus, die Löhne zu drücken. Der Gewinn eines Aktienunternehmens mag noch so hoch sein, die Löhne werden um deswillen nicht höher bemessen als das Angebot und Nachfrage von Arbeitskräften nötig macht. Wer sich davon überzeugen will, der lese die Berichte der Aktiengesellschaften nicht blos in, sondern auch zwischen den Zeilen. Der Ein⸗ sender ist deshalb auf dem Holzwege, wenn er glaubt, daß eine Verkürzung der Arbeitszeit eine Lohnver⸗ minderung im Gefolge habe, denn das Gegenteil wird her richtig, da das Angebot von Arbeitskräften sich etwas vermindert und somit der Wert der Arbeitskraft des einzelnen steigt. Den Hinweis des Einsenders auf die Agitatoren die sich von den Arbeitergroschen mästen, schenken wir ihm, da er sich mit uns doch nicht ein⸗ lassen will. Nur möchten wir ihn bitten, sich einmal den Etat des Bundes der Landwirte und den Etat z. B. der Handels⸗ und Handwerker⸗ kammern, anzusehen, da wird er finden, daß keine Organisatton, keine Interessenvertretung ohne Geldmittel möglich ist. Freilich, wenn man es macht, wie die Nattonalliberalen, die zunächst Umschau unter den im Wahlkreise vorhandenen Millionären halten, wenn sie auf der Kandidatensuche sind, dann gehts ohne Opfer der Parteimitglieder. Die Vertretung ist dann aber auch darnach. Warum kann der kleine Mann in den bürgerlichen Parteien nicht zu Wort kommen? Eben weil das Vertrauen zur eigenen Soche nicht groß genug ist, um ein materielles Opfer für einen unbemittelten Vertreter zu bringen.(Siehe Kandidatur F. W. Keiner in Werdorf.) Die Volksvertreter übernehmen mit dem Mandat eine Pflicht, die zu erfüllen die bürgerlichen Abgeordneten am meisten deshalb versäumen, weil ihre Wähler nicht die moralische Pflicht erfüllen, die Vertreter schadlos zu halten. Auf diesem Wege werden wir den bürgerlichen Parteien nicht folgen. X. Verlorene Liebes müh. Der Stöcker⸗Kan⸗ didat Dr. Burckhardt machte an unsern Genossen Thomas in Rehe einen Bekehrungsversuch, indem er ihm Stöckerreden, die Richter'sche Sparagnes und das Machwerk des Werftarbeiters Lorentzen zusandte. Nach⸗ dem der damit Beglückte, der als Kleinbauer allerdings nicht an den Segen der Wucherzölle und die alleinselig⸗ machende Stöckerei glaubt, einen Teil davon genossen hatte, mußte er sich übergeben. Fünf Mark Monatslohn für einen Handlungskommis! Vorige Woche verurteilte die Strafkammer einen Angestellten der Firma M. Kahn in Wetzlar wegen Unterschlagung zu einem Jahr Gefängnis. Der Angeklagte hatte 1000 Mk., die ihm zur Beförderung nach der Bank übergeben waren, veruntreut. Bei der Verhandlung wurde festgestellt, daß ihm die Firma den Riesenlohn von fünf Mark den Monat außer Kost und Logis zahlte! Da sollte wirklich der Geschäftsinhaber wegen Ver⸗ leitung bestraft werden, denn bei einem solchen Schundlohn drängt er seine Angestellten doch geradezu auf den Weg des Verbrechens. Der Fall zeigt wieder, wie dringend notwendig es für die Handelsangestellten wäre, sich zu einer kräftigen Organisation zusammenzu⸗ schlteßen; diese Leutchen dünken sich aber meistens als etwas besseres als die Arbeiter, uf die sie vielfach mit Verachtung blicken. Aus dem Rreise Jarburg⸗Rirchhain. St. Die Flugblattverteilung findet nunmehr bestimmt am Sonntag nach Ostern, den 19. April, statt und werden die Parteigenossen ersucht, sich recht zahlreich an derselben zu beteiligen. Die Austeilung der Flugblätter und alles nähere wird am Abend vor⸗ her(18. April) bei Jesberg geregelt werden und wollen sich die an der Flugblattverteilung teilnehmenden Genossen an diesem Abend dort einfinden. — Die Steinhauer und Maurer aus Mar⸗ burg und der Umgegend hatten sich am vergangenen Sonntag Nachmittag zu einer öffentlichen Versammlung im Saale der Restauration Hildemann eingefunden; leider waren aber von den hier beschäftigten ca 250 Arbeitern obiger Branche nur etwa 40 erschienen. Herr Dr. Michels sprach über den Wert und Nutzen der gewerkschaftlichen Organisation und schilderte in treffender Weise wie völlig abhängig von der Gunst der Unternehmer die keiner Organisation angehörenden Ar⸗ beiter seien. Dies könne man hier in Marburg recht dentlich gerade bei den Steinarbeitern sehen, welche zwar durch gesetzliche Regelung die neunstündige Arbeitszeit bekommen hätten, womit aber auch gleichzeitig eine Lohn⸗ reduktion eingetreten sei; weil sie jetzt 1— 2 Stunden pro Tag weniger arbeiten, erhalten sie entsprechend weniger Lohn. Das spüren die betreffenden Arbeiter bei den jetzigen hohen Lebensmittel⸗ und Wohnungs⸗ mietpreisen recht empfindlich. Da kann nur eine starke Organisation Abhilfe schaffen, eine solche sei auch das beste Abwehrmittel gegen Streiks. Eine lebhafte Debatte schloß sich dem Referate an, in der sämtliche Redner den Ausführungen D. Michels beipflichteten. Etliche 20 Mann zeichneten sich sofort in die aufgelegte Mit⸗ glie derliste ein und wählten dieselben dann einen provi⸗ sorischen Vertrauensmann. Durch rege Agitation und öftere Versammlungen hofft man, die Organisation zu stärken und eine Bessrrung der Lage der hiesigen Steinarbeiter herbelzuführen. Hoffentlich schließen sich dieselben recht bald der hiesigen Gewerkschaftskommisston an, die gern bereit ist, ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Schwere Grubenexplosionen Zwet schwere Bergwerkskatastrophen haben sich in Ober⸗Schlesien ereignet. Auf der Königin Luisen⸗Grube in Ostfeld erfolgte am 2. April unter Tage eine fürchterliche Exploston. Der Betrieb wurde sofort eingestellt, alle Mann⸗ schaften wurden zu den Rettungsarbeiten aufge⸗ boten. Am Unglückstage wurden 4 Bergleute tot und 7 schwer verwundet zu Tage gefördert. Bei den Rettungsarbeiten kamen ein Steiger und ein Aufseher zu Tode. Im ganzen be⸗ trugen die Opfer dieser Katastrophe wieder 21 Tote und 8 Verwundete.— Eine weitere Ex⸗ plosion erfolgte in der Nacht zum Sonntag im Hildebrandschachte der„Gotteswegen⸗Grube“ bei Gleiwitz, die dem Grafen Donnersmarck gehört. Hier wurden acht Bergleute sch wer verbrannt. Auffälliges Kriegsgerichtsurteil. Vor dem Kriegsgerichte der 22. Division in Kassel hatte sich dieser Tage der Husaren⸗ Unteroffizier Degen wegen Mordversuchs zu verantworten. Er war beschuldigt, seine Braut, das Dienstmädchen Hensel in die Fulda gestoßen zu haben, um sich ihrer zu entledigen. Das Mädchen wurde gerettet. Merkwürdiger⸗ (Fortsetzung Seite 6.) C.... p p p pp pp Kleine Mitteilungen. ** In den Main gestürzt hat sich Freitag voriger Woche in Frankfurt der Architekt Richard Tschampel zusammen mit dem 11 jährigen Sohn seiner verstorbenen Schwester und der 2 jährigen Tochter seiner Geliebten. Alle drei sind ertrunken. Tschampel lebte von seiner Frau getrennt. . Erdrosselt wurde in Spons heim bei Bingen die 72 jährige Rentnerin Steiner von ihrem 22 jährigen Neffen, der bei ihr auf Besuch war und Geldunterstützung verlangte. Geld ist dem Mörder nicht in die Hände gefallen. * Feiner Schutzmann. In Köln wurde ein früherer S utzmann von dort wegen Zuhänterei und versuchter Erpressung zu neun Monaten Gefängnis ver⸗ urteilt. Wie festgestellt wurde, bezog der Verurteilte schon als Schutzmann von einer Dirne täglich 3 Mark. Dann nahm er seine Entlassung und zog mit der Frauensperson nach Essen und Bielefeld, wo er von ihe ernährt und gekleidet wurde. Er bekam mit ihr Streit und sie kehrte nach Köln zurück, er folgte ihr, drang in ihre Wohnung ein und versuchte von ihr Geld zu erpressen. Des halb erfolgte seine Verhaftung. Wewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung. Die Schreiner in Kassel befinden sich in Ausstande. Etwa ein Drittel der Arbeitgeber hat die Forderungen bereits bewilligt. Generalstreik in Rom. Seit mehreren Wochen befinden sich die Buchdrucker im Lohnkampfe. Aus diesen Differenzen entwickelte sich ein Generalstreik. Die sozialistischen Abgeordneten suchen ein Schiedsgericht mit allen Vollmachten zu Stande zu bringen. Zur Reichstagswahl. Nachdem der Wahltermin nunmehr feststeht, erscheint es notwendig, auf verschiedene auf die Wahl bezügliche Bestimmungen aufmerksam zu machen. Bei der Verteilung von Druckschriften kommt§ 43 der Gewerbe⸗Ordnung in Betracht, nach welchem ohne vorherige Erlaubnis alle Arten von Wahldrucksachen(Zeitungen, Flug⸗ blätter, Stimmzettel usw.) überall, sowohl in geschlossenen Räumen, als auch auf öffent⸗ lichen Plätzen, Wegen und Straßen und andern öffentlichen Orten gewerbsmäßig oder nicht gewerbsmäßig von Jedermann ver⸗ breitet werden dürfen. 0 Ferner ist es notwendig, daß wir schon jetzt auf die Kontrolle der Wählerlisten hinweisen. Spätestens 4 Wochen vor dem Wahltermin wird die Wählerliste öffentlich ausgelegt und zwar acht Tage lang. Der Zeitpunkt dafür wird amtlich bekannt gemacht. Die Kontrolle kann insofern vereinfacht werden, als nicht jeder Wähler einzeln sich von der Ein⸗ tragung seines Namens zu überzeugen braucht, es kann vielmehr einer für mehrere nachsehen. Wahlberechtigt sind— soweit das Alter in Betracht kommt— alle, die am 16. Juni 1903 25 Jahre alt sind; also alle Männer, die am 16. Juni 1878 und früher geboren sind. Partei-Uachrichten. Parteitag für Preußen. Der Partei⸗ vorstand ladet zu einem am 26. April in Berlin stattfindenden Konferenz ein, welche die Besprechung der preuß. Landtagswahlen zum Gegenstande haben soll. Die Maifest⸗Zeitung, reich illustriert, erscheint wie alljährlich auch diesmal im Verlage der Partei⸗ buchhandlung„Vorwärts“. Die Illustrationen sind von hervorragenden Künstlern ausgeführt, die Artikel von bekannten Schriftstellern unserer Partei verfaßt, so daß der Verlag hofft, mit dieser Nummer den Beifall der Parteigenossen zu finden. estellungen größerer Partien müssen sofort an die Buchhandlung„Vorwärts“, Berlin S W., Lindenstr. 68, aufgegeben werden. Einzeln ist die Zeitung später an den bekannten Stellen zu haben. Versammlungskalender. Freitag, den 10. April. Heuchelheim. Arb. ⸗Bild.⸗Verein. Nachmit⸗ tags 3 Uhr Versammlung bei Wirt Ferd. Kröck (Zum Schwanen). Wichtige Tagesordnung. Samstag, den 11. April. Gießen. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Sonntag, den 12. April. Friedberg. Kreiskonferenz. Nachmittags 2 Uhr in Stadt New⸗Nork. Bortefkasten. Alsfeld. Gewiß handelte der Genosse recht ver⸗ nünftig, wenn er sich ausreichend gegen Krankheit ver⸗ sicherte, so daß er nun bei seiner schweren Krankheit nicht, wie das andern Leuten passiert ist, die öffentliche Mildtätigkeit in Anspruch nehmen mußte. Was Sie aber sonst noch dazu bemerken, eignet sich nicht zur Erörterung in unserm Blatte. Marbg. Zu spät. Zur Beachtung! Wir bitten unsere Leser bei Zuschriften an unser Blatt alles auf den Inhalt bezügliche an die Redaktion Kirchenplatz 11, alles was auf Abonnement oder Inserate Bezug hat, an die Expedition, Rittergasse 17 zu adressieren. Letzte Nachrichten. Der Streik in Holland dauert fort. Es ver⸗ kehren nur wenige Züge. In verschiedenen Bäckereien trat Mehlmangel ein. Sonst ist alles ruhig, die öffent⸗ liche Lokale in Amsterdam sind wenig besucht. Auf dem Staatsbahnhof wird gearbeitet. 1 —— r —— —————— . Seite 6. Mitteldenische Sountags⸗Zeitung. Nr. 15. welse wurde der Unteroffizier aus der Unter⸗ suchungshaft entlassen. Daraufhin erschien das betreffende Mädchen auf der Redaktion unseres Kasseler Parteiblattes und erzählte, daß sie durch Drohungen veranlaßt worden set, ihre belastende Aussagen zurückzunehmen. Das Ur⸗ teil des Kriegsgerichts lautete auf Frei⸗ prechung. Es wurde zwar anerkannt, daß erhebliche Verdachtsmomente gegen den, Ange⸗ klagten vorliegen, jedoch erachtet man die Be⸗ lastungszeugin, die Hemel, als nicht genügend glaubwürdig.— Der Gerichtsherr hat gegen das Urteil Berufung eingelegt, tatsächlich spricht viel für die Schuld Degens. Das Ende des Sreikbrechers. Die Strafkammer in Nordhausen ver⸗ urteilte den berüchtigten Former⸗Streikbrecher und früheren Schützling der Halleschen Polizei, Karl Wüstemann, wegen eines räuberischen Ueberfalles auf den Assessor Priem zu 2 Jahren Gefängnis. Der Staatsanwalt hatte 6 Monate mehr beantragt. Der Assessor war von Wüste⸗ mann erheblich mißhandelt worden. Wie wäre das Urteil wohl ausgefallen, wenn der Ueber⸗ fallene zufällig ein Streikender gewesen? Wüste⸗ mann arbeitete vor einiger Zeit in einer Halleschen Fabrik und wollte nach seiner Ent⸗ lassung durch ein wohlpräparirtes Zeugnis der Firma, das in der gesamten bürgerlichen Presse mit großem Aufwand von Entrüstung veröffentlicht wurde, nachweisen, er sei das Opfer des sozialdemokratischen Terrorismus geworden. Die Primus ⸗Katastrophe. Das große Schiffsunglück, welches sich im vorigen Sommer auf der Elbe bei Hamburg ereignete und wobei mehr als hundert Personen, meist Hamburger Parteigenossen, den Tod fanden, wurde vergangene Woche vor dem Gericht in Altona verhandelt. Bekanntlich war der Dampfer„Hansa“ von der Hamburg⸗ Amerika⸗Linie in den„Primus“ hineingefahren, so daß dieser sofort sank. Angeklagt war des⸗ halb der Kapitain und der Steuermann der „Hansa“, Sachs und Wahlen, sowie der Kapitain des„Primus“ Peters. Diesem war zur Last gelegt, im falschen Fahrwasser gefahren zu sein, während der Führer der„Hansa“ angeklagt war, die Signale des Primus nicht beachtet zu haben. Die Beweisaufnahme ergab nichts Belastendes für die Angeklagten, so daß deren Freisprechung auf Antrag des Staatsanwaltes erfolgte. Die Rache eines Hungernden. Ein sensationeller Mordprozeß setzt die römische Hauptstadt in Erregung, und zwar alle Kreise der Gesellschaft. Die Gräfin Donigo ist in entsetzlicher Weise von einem ihrer Arbeiter ermordet worden. Sie lust⸗ wandelte, nichts ahnend, in dem Parke ihres Landsitzes bei Towisa, als einer ihrer Gärtner ihr das Haupt mit einer Sense durch einen einzigen Hieb abschlug. Der Mörder ist der Tat geständig, aber sein Motiv ist ebenso furcht⸗ bar, wie seine Rache. Er beschuldigte die Gräfin, sie habe ihn, wie alle ihre Arbeiter, seit Jahren systematisch hungern lassen. Selbst in der besten Arbeitszeit habe er nie mehr als 1 Lire Tagelohn erhalten und davon sich selbst, seine Frau und acht Kinder ernähren müssen. Während des harten Winters hätten die Seinen furchtbare Not gelitten und seien zuletzt dem Verhungern nahe gewesen. Allen Bitten und Hülfe gegenüber sei die Gräfin unerbittlich geblieben. Am Tage des Mordes habe er sie angefleht, ihm wenigstens etwas Korn auf Kredit ablassen, was er abarbeiten wolle. Er könne seine Kinder nicht verhungern lassen. Sie aber habe auch diese Bitte kurz abgeschlagen. Von Verzweiflung und Zorneswut gepackt, habe er dann nicht mehr an sich gehalten, und die Sense in seiner Hand, mit der er Jahre lang für die Gräfin gearbeitet habe, sei zum Mordwerkzeuge geworden.— So macht die herrschende Gesellschaft die Menschen zu Ver⸗ brechern. 5 — P * CS D 7 Unterhaltungs-Ceil. 7 ———ů 2 Ein Narr des 19. Jahrhunderts. Von Heinrich Zschokke. 9(Fortsetzung) Ich begab mich auf meine Güter hierher nach Flyeln. Ich fand Vergnügen daran, mit meinen Angehörigen bekannt und vertraut zu werden. Sie waren damals Halbwilde, ste waren Leibeigene. Sie krochen vor ihrem Erbherrn sklabisch. Keiner konnte lesen und schreiben. Sie waren träg und unstttlich. Faulenzen, Saufen, Raufen schien ihr Himmel. Aberglaube war ihre Religion, tote, abgöttliche Werkheiligleit ihre Religiosttät und Betrug und Lug ihre Klugheit. Ich beschloß, aus diesem Vieh Menschen zu schaffen. Ich ließ die Gefängnisse ausbessern und ein großes Schulhaus bauen; ich und Amalia besuchten alle Hütten; es waren kotige Ställe. Ich 1 1 bei schwerer Strafe die strengste Rein⸗ ichkeit. Wer nicht gehorchte, kam in den Kerker; hinwieder den Gehorsamen beschenkte ich zur Aufmunterung mit Tischen, Spiegeln, Sesseln und anderm Hausgerät. Bald war alles in den Häusern wohlgeordnet und sauber. Ich verbot Kartenspiel, Branntwein, Kaffee, Rauferei, Fluchen und Schwören usto. Wer fehlte, ward herbe gezüchtigt; wer gehorchte und einen Monat lang nie Ursache zum Tadel gab, dem erließ ich Frondienste. Ich gab dem alten Pfarrer einen Gnadengehalt, wählte einen jungen, gelehrten, trefflichen Geistlichen, der ganz in meine Idee eintrat, an die Stelle des vorigen, ernannte einen im wechselseitigen Unter⸗ richt geübten, in der Schweiz bei Pestalozzi erzogenen Jüngling zum Schulmeister mit gutem Gehalt und vollendete mit diesen beiden Gehilfen die Reformation. Ich selbst hielt wöchentlich zweimal Schule, aber mit erwachsenen Jüng⸗ lingen und jungen Männern, Amalia mit den Jungfrauen, des Pfarrers Frau mit den Müttern. Ich ließ alle Kinder neu kleiden auf meine Kosten, so wie du sie noch jetzt siehst. Auf unsere Kosten änderte Amalia die ungestalte Tracht der Mädchen. Schule und Gefängnis wirkten, noch mehr der Eigennutz. Sich bei mir einzuschmeicheln, ließen die jungen Männer den Bart wachsen. Ich verbot das den Leibeigenen; nur den Freien war erlaubt, den Bart zu tragen. Sklaven mußten barbiert gehen. Ich tat die Pforte zur Freiheit auf. Wer seine Felder nach meiner Vorschrift am besten baute, erhielt die⸗ selben Ende Jahres gegen geringen, doch los— käuflichen Bodenzins zum Eigentum und dazu Befreiung vom Frondienst. Wer im zweiten Jahr der Sparsamste, Fleißigste, Verständigste war, empfing seine Freiheit, sein Haus eigen, einen Vorschuß an Geld, ein Ehrenkleid, nach meiner Tracht gemodelt, er durfte den Bart wachsen lassen. Schon am Ende des ersten Jahrs hatte ich Anlaß und Recht, ja sogar Verpflichtung, mehrere ausgezeichnete Familien freizusprechen; sie gehörten schon vor meiner Ankunft zu den bessern. Dies erweckte bei vielen Neid, bei allen Anstrengung zur Nach⸗ eiferung, um so mehr, da ich von den Freien an Gerichtstagen zu mir sitzen und stie über die Fehlbaren mitrichten ließ. Die Beisitzer des Gerichts wurden aus der Mitte der Freien von ihnen selbst erwählt. Während ich mich hier um die übrige Welt wenig bekümmerte, bekümmerte sich diese desto mehr um mich. Ganz unerwartet erschien auf ministeriellen Befehl, den meine Verwandten bewirkt hatten, eine außerordentliche Kommission, meine Gesundheits⸗ und Vermögensumstände u untersuchen. Man hatte mich für wahn⸗ unig ausgeschrien und als verschwende ich mein gesamtes Vermögen auf die tollste Weise. Bart stehen zu lassen. allein der Die Herren der Kommission taten sich ein paar Monate lang gütlich bei mir. Ich weiß nicht, welchen Bericht sie abgestattet haben, aber ver⸗ mutlich, weil ich vergaß, ihnen Gold in die Hand zu drücken, den unvorteilhaftesten. Denn ohne Rücksicht auf meine Beschwerden und Rechtsverwahrungen ward ich wie ein Blöd⸗ sinniger behandelt und auf meine Güter ein⸗ gebannt. Es wurde mir ein Administrator meines Vermögens zugesandt, der zugleich mein Betragen beobachten und jeden Besuch von Fremden abhalten mußte. Zum Glück war der Administrator ein rechtschaffener und nicht unverständiger Mann, darum wurden wir bald einig und Freunde. Als er meine Rechnungen durchgesehen hatte, erstaunte der gute Mann über die Strenge der Vekonomie und begriff, daß ich durch diese und durch das allmähliche Auflösen der Leibeigenschaft und der Frondienste eher gewönne als verlöre. Aus 100 half er mir selbst bei den Vermenschlichungs⸗ versuchen meiner Sklaven. Er hatte dabei noch einige gute Einfälle, wie z. B., daß die Freigelassenen fünf Jahre lang Rechnung von ihren Ausgaben und Einnahmen vor Gericht ablegen mußten, um versichert zu sein, daß sie sich nicht verschlimmerten und heimlich nach⸗ lässig würden. Der gute Mann ward zuletzt ganz begeistert von unserer Flyeler Wirtschaft, denn er sah, wie von den wohlberechneten Schritten selten einer ganz vergebens getan war. Schon im zweiten Jahr meines Hierseins zeichneten sich die Landleute in unsern Ort⸗ schaften vor allen der ganzen Gegend durch Häuslichkeit und Kenntnis und Ehrbarkeit aus. Man hieß sie anderwärts nur Herrnhuter, und in den benachbarten Dörfern glaubt man noch heutigestags, die Flyeler hätten eine andere Religion angenommen. Der Administrator und Vormund fand meine Ansicht der Welt in den Hauptsachen vollkommen richtig. Er wünschte sogar, daß man allgemein auf Vereinfachung und größere Wahrhaftigkeit in Sitte, Wandel und Leben zurückkommen möchte. Nur der Bart war ihm zuwider; seinen steifen Zopf im Nacken und den Puder im Haar verteidigte er auf Tod und Leben; auch das Du war ihm anstößig, und er konnte es gegen Amalien und mich trotz aller Anstrengung nicht über die Lippen hervordrängen. Inzwischen hatte sein Bericht über mich nach dem ersten Jahre seiner Admini⸗ stration, und nachdem er über die Gesamt⸗ verwaltung meines Vermögens an die Regierung die befriedigendsten Aufschlüsse gegeben hatte, die gute Folge, daß ich wieder in die Selbst⸗ administration eingesetzt wurde, aber mit einst⸗ weiliger Verpflichtung, jährlich davon Rechen⸗ schaft abzulegen. Das war das Werk meiner Verwandten. Denn sie ließen sich nicht aus⸗ reden, ich habe einen guten Teil des gesunden Menschenverstandes verloren, obgleich mich mein bisheriger Vormund nur für einen wunderlichen Sonderling hatte geltend machen wollen. Ebendeswegen und damit ich durch meine neuerungssüchtigen Irrreden, nämlich durch mein unverhohlenes Aussprechen dessen, was Natur und Vernunft gutheißen, kein Aergernis gebe, ward mir verboten, mich ohne besondere höchste Erlaubnis über die Grenzen meiner Güter hinauszubegeben, das heißt das große europäische Narrenhospital nicht zu besuchen, sondern es blos aus den Zeitungen kennen zu lernen. Dabei konnte ich nur gewinnen. Es sind nun beinahe fünf Jahre, daß ich hier in meiner glücklichen Einsamkeit wohne. Gehe hinaus, betrachte meine Felder und die Felder unserer Bauern und unsere Waldungen, unsere Herden und Wohnungen! Du wirst einen aufblühenden, vorher hier ungekannten Wohlstand erblicken. Alle meine Leibeigenen sind frei. Ein einziger Trunkenbold und ein anderer träger, roher Kerl schienen unverbesser⸗ lich. Der Trunkenbold starb. Den andern bekehrten weder Hoffnungen noch Strafen. Als aber alle Flyeler den Bart trugen und er und der Pfarrer nur allein Aera reg. machte es auf den Kerl eine wunderbare Wirkung. Denn auch der Pfarrer wagte es endlich, den So blieb der Leibeigene eschorene. Das konnte er nicht arts. K e e, e ⅛—w—ũ᷑ñ̃᷑⁊.. ˙wO.—.. S A— S P Kr .— r r Nr. 15. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. ertragen. Er besserte sich, um unter ehrlichen Leuten ehrlich zu sein. Den guten Pfarrer kostete sein Bart beim Konsistorium vielen Verdruß. Umsonst bewies er, daß der Bart nicht für und wider den wahren Glauben sei; umsonst berief er sich auf die heiligen Männer des alten und neuen Bundes; umsonst zeigte er, daß er, indem er sich seiner Gemeinde in allem gleich mache, am besten wirken könne, daß er eben dadurch wirk⸗ lich einen für unverbesserlich gehaltenen Menschen im bisherigen Lebenswandel geändert habe. Der Bart gab zu vielen Konststorialverhand⸗ lungen Anlaß. Erst nachdem mein Pfarrer ärztliche Zeugnisse beibrachte, daß er, sonst immer vom Zahnweh leidend, nur durch den Bart gegen diese Not geschützt sei, ward ihm derselbe seiner Gesundheit willen, doch unter Beschränkungen, gestattet. Ich bestelle jetzt nicht nur mit meinen freien Leuten das Dorfgericht, sondern habe ihnen auch das Recht erteilt, sich unmittelbare Vor⸗ steher zu ihrer Gemeindeverwaltung zu wählen. Ihr Ehrgefühl ist geweckt; sie fühlen ihre Menschenwürde. Von Zeit zu Zeit speisen ausgezeichnet wackere Leute an meinem Tische mit ihren Frauen. Ich bin ihresgleichen. Die Gleichförmigkeit der Kleidertracht stellt eine gewisse Vertraulichkeit her, ohne die Ehrfurcht zu schwächen. Vor alten Leuten müssen die Kinder aufstehen und das Haupt entblößen; aber keiner entblößt vor seinesgleichen das Haupt. Jede erwiesene boshafte Lüge gehört bei uns zu den Verbrechen, wie der Diebstahl. Die Leute, nun sie sich selbst richten, sind strenger, als ich es ehemals war. Ich muß ihre Urteile oft mildern. Unsere Schulen sind brav. Die fähigern Knaben lernen auch Ge⸗ schichte der Welt, Kenntnis der Erde und ihrer Länder und Völker, Feldmeßkunst und etwas vom Bauwesen. In der Kirche haben wir schönen vierstimmigen Gesang und Andacht. Doch, lieber Norbert, besser, du bleibst eini ge Tage bei uns und siehst selber; kannst du, so verweile einige Wochen. (Fortsetzung folgt.) Muster⸗Wahlreden für Ordnungs⸗ parteiler. Der Sonntagsplauderer im„Vorwärts“ — hat sich der menschenfreundlichen Mühe unter⸗ rr zogen, den Entwurf einer Wahlrede zum Gebrauche für Mischmaschkandidaten zu ver⸗ öffentlichen. Hier einige Sätze daraus: „Meine Herren! Wir leben in einer Zeit tiefster Interessengegensätze. Der Krieg aller gegen alle ist ausgebrochen. Materielle Inte⸗ ressen haben den alten deutschen Idealismus getötet. Darum schlage ich Ihnen vor, den Idealismus, der in der deutschen Landwirt⸗ schaft, wie auch der Thron und Altar, wurzelt, wieder herzustellen und zu kräftigen und für einen Mindestzoll von siebeneinhalb Mark ein⸗ zutreten. Meine Herren! Nur so gelingt es uns, alle gutgesinnten Bürger zu einigen gegen den gemefnsamen Feind, den Umsturz. In diesem Sinne bitte ich Sie, einzustimmen in den Ruf: Der deutsche Idealismus, die deutsche Landwirtschaft und der Siebeneinhalbmarkzoll — sie leben hoch, hoch, hoch! Meine Herren, ich leugne nicht, daß der Konsument durch den Zoll schwer belastet wird. Aber Sie wissen alle, daß der deutsche Konsu⸗ ment die Grundlage unserer nationalen Kraft ist. Darum müssen wir einen Ausgleich finden und eine mittlere Linie, das kann nur geschehen, indem wir die Wittwen und Waisen desselben schützen. Je früher der deutsche Konsument männlichen Geschlechts stirbt, um so eher werden die Wittwen und die Waisen in den Genuß ihrer Rente kommen, und mithin ist die Brodverteuerung direkt ein Mittel, um die Wittwen und Waisen so schnell wie möglich zu fördern. In diesem Sinne bitte ich Sie ein⸗ zustimmen in den Ruf: Die Wittwen und Waisen des deutschen Konsumenten, sie leben hoch, hoch, hoch! 75 Meine Herren! Der Panzer der Militär⸗ und Flottenlasten wird immer drückender, die Schulden betragen bereits drei Milliarden. Wir sind am Ende unseres Lateins. Die Reichskasse ist vankrott. Es gilt also den nationalen Wohlstand zu heben, die Finanzkraft des Volkes zu vermehren. Das kann aber nur geschehen, wenn das Reich der Industrie neue große Aufträge erteilt. Somit sind weitere große Heer⸗ und Flottenvorlagen unbe⸗ dingt notwendig zur Hebung der Industrie, der Arbeiterschaft, der Steuerkraft und infolge⸗ dessen auch der Reichsfinanzen. In diesem Sinne bitte ich Sie, stimmen Sie ein in den Ruf: Unser herrliches Herr und unsere herrliche Flotte, sie blühen, wachsen und gedeihen!“ 372 millionen mark darunter Haupttreff. jahr. von Mk. E So und ähnlich werden die Herren, die es jedem recht machen wollen, allerdings reden! Die größte Meerestiefe. Im Mittelländischen Meer giebt es, wie mit ziemlicher Sicherheit behauptet werden kann, keine größere Tiefe als 3500 m. Im Atlantischen Ozean sinkt der Boden nur selten unter 6000 m. Die größten bekannten Meeres⸗ tiefen befinden sich im Stillen Ozean. Im ganzen werden jetzt 43 bedeutende Versenkungen des Meeresboden gezählt, die als besondere Tiefen auf den Karten verzeichnet werden. Davon kommen 24 auf den Stillen, 15 auf den Atlantischen, 3 auf den Indischen Ozean und eine auf das Südliche Eismeer. Die Lotungen haben gelehrt, daß 8 dieser Tiefen unter 7200 m herabgehen. Die tiefste jetzt bekannte Stelle des Meeresboden ist die Aldrich⸗Tiefe, östlich von den Kermadecinseln im südlichen Pazifischen Ozean, nordöstlich von Neu⸗Seeland, mit 9429 m. Sie liegt nicht unerheblich mehr unter als der höchste Berg der Erde(8840 m) über dem Meeres⸗ spiegel, und zwischen diesen beiden Punkten beträgt der Höhenunterschied demnach 18269 m. —— Splitter. Sie sind allzumal Baalspfaffen! Ja, Baals⸗ pfaffen! Ihr Wanst ist mit Sünde gemästet und ihr Herz ist voll Fäulnis. Wahrlich, ich sage euch, eher springt ein klarer Quell aus einem Misthaufen, denn das lautere Wort Gottes aus ihren weintriefenden Mäulern. Der Teufel hat sich den Ornat angezogen und läutet mit dem Schwanz zur Messe. R. Schweichel. Humoristisches. Der Erbprinz.„.. Meine Herren, es giebt nichtswürdige Verleumder, die den Ruf unsres Heeres anzutasten wagen und unablässig über Soldatenmiß⸗ handlungen schreien. Ich gehöre jetzt mehrere Monate der Armee an und muß gestehen, daß ich mich über meine Vorgesetzten nicht beklagen kann.“— Wahl⸗Aengste. Man schlägt Wahlzettel im Umschlag vor Zum nächsten Waffengange. Da schreckt die Junkerschaft empor,— Ihr ist vor'm Umschlag bange. Aufertigung nach Maß!! 92 ich sämtliche Ware zu ö 9 bedeutend herabgesetzten Preisen. J Günstige Gelegenheit zum Ankauf von ö Comsiimνñel en- Geschten en. D. Kaminka Uhrmacher Uhren, Gold⸗ und Silberwaren Marktplatz 18. Giessen Marktplatz 18. Edgar Borrmann, Giessen Neustadt 11 n Telefon 298 Eisen⸗ Stahl⸗ und Messingwaren, Werkzeuge und Bedarfsartikel für Schreiner, Zimmerleute, Küfer, Spengler, Dachdecker, Schlosser, Schmiede ꝛe.— Tür⸗ Fenster⸗ und Möbelbeschläge, Drahtgeflechte, Flechtrohr ꝛc.— Vogelkäfige, Vogelzüchterutensilien, Lager in Herden und Oefen, Haus⸗ und Küchengeräten, Wasch⸗ u. Wringmaschinen, Landwirtsch. Maschinen u. Geräten, Kehlleisten, Holzornamenten, Bett- u. 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