Nr. 41. Gießen, den 11. Oktober 1903. 10. Jahrg. Nedaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. 1—— 1 Jonnt 00 N. sen tit 0 Mitteldeutsche gs Wedaktionsschluß Dopnerstag Nachmittag 4 U kitung. Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unrer Kreuzband viertelfährlich 1 Mark. Bestellungen 2 Juserate nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die ögespalt. Eppedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 331½% und bei mindestens 12 mal. Aufg abe 50% Rabatt. Bei mindestens Naturwissenschaft und Welt; anschauung. Kürzlich tagte in Kassel der Naturforscher⸗ und Aerztetag. Von den vielen Vorträgen, die dort bedeutende Männer der Wissenschaft ge⸗ halten haben, hat derjenige über den„Einfluß der Naturwissenschaft auf die Weltanschauung,“ den der Breslauer Professor Dr. Ladenburg gehalten hat, besonderes Aufsehen erregt. Weniger neue Entdeckungen oder Exkenntnisse sind es, die an der Rede des Genannten bewundert werden, es verdient vielmehr der Freimut, mit welchem der Redner seine Anstchten vortrug, Anerkennung. Die streng wissenschaftlich ge⸗ haltene Rede des bedeutenden Gelehrten be⸗ handelt die gesamte Entwicklungsgeschichte der Naturwissenschaft; sie macht dem Charakter Ladenburgs auch insofern alle Ehre, als die meisten deutschen Professoren, soweit sie sich mit Naturerkenntnis befassen, öffentlich ihr Ansichten über die im„ christlichen“ Staate „heiklen“ Angelegenheiten zu verschweigen pfle⸗ gen, über welche sie in den Hörsälen der Uni⸗ bersitäten offen ihre Meinung sagen. Verschtedene Kollegen des Herrn Ladenburg suchten den Vortrag zu verhindern. Sie unterschreiben alles, was der Vortragende über den Gegenstand sagte; aus allerlei Rücksichten möchte man sich aber nicht öffeutlich dazu be⸗ kennen. Wie peinlich, daß einer aus ihrer Mitte auf einem Kongreß, von welchem die Zeitungen berichten, über die„Religion“ Wahr⸗ heiten sagte, die sie alle anerkannten. In einer Zeit, in welcher sogar Arbeiter durch die Presse erfahren, was in den Kongressen der Gelehrten dargelegt wird, ist es natürlich sehr bedenklich, vor aller Welt zu sagen, das was ist. Die Wissenschaft als das Stiefkind des heutigen Staates hat natürlich neuen Groll der maßgebenden Kreise zu befürchten, wenn einer ihrer Vertreter vor aller Welt die— Wahrheit sagt. Darum sollten die unzwei⸗ deutigen Meinungsäußerungen Ladenburgs, von dem man nichts Gutes erwartet, verhindert werden. Wir müssen uns darauf beschränken, nur die wesentlichsten Stellen des freimütigen Vortrags nach Berichten bürgerlicher Blätter zum Abdruck zu bringen. Anknüpfend an die Schöpfungsgeschichte und die Weltanschauung der Griechen, legte Redner dar, wie mit dem Verfall des römischen Reiches die gewonnenen Ansätze wieder verloren gingen. Die größte Tat nach Kolumbus vollbrachte Kopernikus, als er statt des geozentrischen Sy⸗ stems das heliozeutrische einführte.(D. h. nicht die Erde, sondern die Sonne ist der Mittelpunkt unsres Planetensystems.) Aber wie lange hätte wohl der Streit hierüber angehalten, wenn nicht Kepler und Newton das Kopernikussche System scharfsinnig mathematisch begründet hätten?— Jetzt mußte dem Menschen klar werden, daß es ein Traum, eine Vermessenheit war, sich in den Mittelpunkt der Welt und in nahe Beziehungen zum Herrn der Welt zu bringen und zu glauben:„und er schuf den Menschen nach seinem Ebenbilde“. „Wenn man bedenkt, daß von einer eigent⸗ lichen Naturwissenschaft erst seit etwa 400 Jahren die Rede sein kann und daß Newton sein Gravitationsgesetz erst vor 220 Jahren aufgestellt hat, so dürfen wir mit Sicherheit darauf rechnen, daß die nächsten Jahrhunderte uns noch zahlreiche neue Entdeckungen von großer Tragweite bringen werden. Eins aber ist jetzt bereits klar, daß der Wunder⸗ glaube in nichts zerfällt, daß nie⸗ mals ein Wunder geschehen ist und niemals eins geschehen wirv. Alles in der Natur geht natürlich zu. Das Ueber natürliche ent⸗ springt nur dem Gehirn von Phantasten und Unwissenden. Aber auch die Vorstellung eines weltbeherr⸗ schenden Gottes ist mit dem gesetzmäßigen Ver⸗ lauf alles Geschehenen kaum verein bar. Jedenfalls kann auch er nicht über diesen Ge⸗ setzen stehen. Er müßte doch sonst irgendwo und irgendwann in Erscheinung treten. Wenn auch unsere Vorstellungen über die Entstehung des Weltalls nur dunkel und unklar sind, so steht das eine doch fest, daß die Vorstellung eines bestimmten Urhebers, der unabhängig von der Welt selbst stände, durch nichts zu stützen ist. Damit stimmen selbst aufgeklärte Theo⸗ logen, wie Strauß, überein. Um so mehr muß es befremden, daß dies Phantasiegebilde, in bestimmte Schemata ge⸗ bracht, bei uns als Grundlage des menschlichen Entwickelungsganges dient. Jeder wird schon in der Jugend geradezu gezwungen, sich nach diesem Schema zu bilden. Es ist auch wahrlich hohe Zeit, mit der überlieferten Schab⸗ lone der sogenannten allgemeinen Bildung zu brechen und an Stelle des Studiums der toten Sprachen die Beschäftigung mit der lebendigen Natur und ihrem Gefolge zu stellen. Die allgemeine Bildung muß auf der Erkenntnis der Natur und ihrer Gesetze aufgebaut sein. Die Biologie und namentlich die Darwinistische Lehre haben die frühere An⸗ schauung, der Mensch sei Endzweck der Schöp⸗ fung und alle andere Wesen seien nur für ihn und zu seinem Nutzen da, beseitigt. Heute führt man sogar Mensch und Tier auf dieselbe Stamm⸗ form zurück. Und wenn auch der Mensch be⸗ sonders intelligent ist, so kann doch an einem gewissen Seelenleben auch bei den Tieren nicht gezweifelt werden. Diese Tatsachen kommen besonders in Be⸗ tracht bei einer der schwierigsten und der deli⸗ katesten Fragen, bei der Beurteilung der Un⸗ sterblichkeitslehre. Denn wenn man für den Menschen Unsterblichkeit verlangt, so wird man sie auch dem Tiere nicht vorenthalten dürfen. Wir kennen kein Substrat der Seele, was also sollte unsterblich sein? Ueberall stößt man auf Widersprüche und Schwierigkeiten. Was die„felsenfeste Ueberzeugung“ über die Fortdauer der Seele betrifft, die bei vielen vor⸗ handen ist, so reicht diese doch ohne tatsächliche Unterlagen zur Begründung des Glaubens nicht aus. Nun höre ich schon den Ruf: ihr Naturforscher zerstört unser Glück, unsre Ideale und unsern naiven Glauben an die Unsterblich⸗ keit, und was gebt ihr uns dafür? Fabriken und das soziale Elend! Diese Ansicht ist aber falsch, den alle humanen Bestrebungen der letzten Jahrhunderte sind zurückzuführen auf die Aufklärung, die wir den Naturwissenschaften verdanken. Gerade, wenn wir den Glauben an ein Jen⸗ seits aufgeben müssen, für das kein Ersatz ge⸗ funden werden kann, so muß uns diese Erkennt⸗ nis dazu führen, das Diesseits besser zu gestal ten. Und diese Bestrebungen haben sich denn auch mehr oder weniger Geltung verschafft. Die Habeas Corpus⸗Acte in England und die noch weit folgenschwerere Erklärung der Menschen⸗ rechte 1789 in Frankreich haben nebst ihren Folgen, der Aufhebung der Sklaverei und der Leibeigenschaft, das Volk von einem ungeheuer⸗ lichen Drucke befreit. Sie haben Millionen von Menschen einem menschenwüdigen Dasein zugeführt, ein großartiges Ergebnis, dem keine andere Tat an die Seite gestellt werden könnte. Das Christentum wäre hierzu allein nicht im Stande gewesen. Deshalb darf man sagen: das viele Blut der französischen Revolution ist nicht umsonst geflossen; der Geist der Toleranz, der Brüderlichkeit und der Friedensliebe hat sich ausgebreitet, und wenn wir auch noch lange nicht am Ziele dieser großen Bewegung in der Menschheitsgeschichte stehen, so ist doch schon heute das Schicksal eines großen Teils der Menschheit erleichtert worden dadurch, daß wir ihn nicht länger mehr auf das ungewisse Jenseits vertrösteten, sondern für humanitäre Bestrebungen zur Besserung der Zustände im Diesseits eintraten! Auch ferner⸗ hin muß unser Wahrspruch die werktätige Menschenliebe sein. Diese neue Anschauungen konnten die Be⸗ wunderung für die Schöpfung, den Dank für die, denen man die Kenntnis dieser ungeahnten Dinge verdankte, erhöhen, aber sie mußten die Wahrheit des Goetheschen Wortes ins hellste Licht setzen:„Du gleichst dem Geist, den Du begreifst, nicht mir!“, und sie mußten rasch zt der Erkenntnis führen, daß die Bibel eben so wenig wie irgend ein andres geschriebenes Buch „göttliche Offenbarung“ sein kaun; daß das Alte Testament das Werk phantastereicher, aber kenntnisarmer Menschen ist und das das Neue Testament ebensowenig auf göttlichen Ursprung zurückzuführen ist. Die Kirche empfand denn auch sehr bald, daß durch die neuen Anschlüsse die Stellung des Menschen zum Schöpfer ent⸗ scheidend verändert werden müsse; ste empfeond die Gefahren, die darin für ste selbst liegen; wie wären sonst die grausamen Ver⸗ folgungen der„Neuerer“ verständlich oder nötig gewesen! warum hätte sie sonst einen Giordano Bruno verbrannt und einen Galilei in Gefängnis geworfen! a 5 Nicht aber gegen die katholische Kirche allein, so sagte Redner, will ich meine Vor⸗ würfe richten. Die protestantische Kirche macht es kaum besser. Der bornierte Dogmatismus der Theologen feiert hier wie dort seine Or⸗ gien. Trotzdem schreitet die Wissenschaft weiter vor. Physik, Chemie und Biologie entwickeln sich. Was Demokrit geahnt, wenn er sagt: aus nichts wird nichts und nichts kann durch nichts verändert werden und geht verloren durch eine Trennung von Teilen— wurde zum Gesetz durch zwei neue wichtige Erkenntnisse: das Gesetz von der Unzerstörbarkeit der Materie und das Gesetz von der Erhaltung der Energie. Lavoister, Robert Mayer und Helmholtz sind die Begründer dieser Gesetze, ohne welche die heutige weltbeherrschende Elektrotechnik un⸗ denkbar wäre. An diese Gesetze schlossen sich 3 7 — bee n — — — .——— —— Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. a die zahlreichen kleineren Gesetze an, die wir Ohm, Faraday, Kirchhoff, Claudius und an⸗ dern Forschern verdanken. Alle sie erweisen unantastbar den gesetzmäßigen Verlauf jeder Erscheinung und die Unveränderlichkeit der Summe der vorhandenen Materie bei allen Bewegungsverwandlungen. ö 4 Längst hat die Wissenschaft als unumstöß⸗ liche Tatsache festgestellt, daß in den Schulen die Unwahrheit gelehrt wird. In den Schulen werden die Kinder gezwungen, zu lernen, was der Wahrheit widerspricht. Während ein großer Teil der bürgerlichen Gelehrten verhindern wollte, das einer der ihnen die Wahrheit sprach, hat die Sozialdemo⸗ kratie sich eine Weltanschauung gebildet, die mit der Naturwissenschaft im Einklang steht; das klassenbewußte Proletariat harrt nicht auf ein besseres Jenseits, sondern sucht die „werktätige Menschenltebe“ in die Tat um⸗ zusetzen.— Uachklänge vom Dresdener Parteitag. Innerhalb unsere Parteikreise werden die Vorgänge auf dem Parteitag noch lebhaft er⸗ örtert in der Parteipresse sowohl, als in den Versammlungen, in welchen die Delegierten Bericht erstatten. In manchen Orten war man genötigt, die Berichterstattung auf mehrere Abende auszudehnen, weil die Genossen, welche ihre Meinung über die Parteitagsergebnisse sagen wollten, so zahlreich waren, daß für aus⸗ giebige Diskussieon eine Versammlung nicht ausreichte. Das zeigt, wie großes und leb⸗ haftes Interesse die Parteigenossen den jetzt auf der Tagesordnung befindlichen Streitfragen entgegenbringen. Im Allgemeinen geht's in den Versammlungen ruhig und sachlich zu; stürmischer verliefen nur mehrere Berliner Versammlung, besonders die im III. Wahl⸗ kreise, den bekanntlich Gen. Heine im Reichs⸗ tage vertritt.— In dieser Versammlung griff in der Diskussion Abgeordneter Heine den Gen. Bebel sehr scharf an. Mehrere Genossen aus andern Wahlkreisen griffen in die Debatte ein, wodurch diese einen heftigen Charakter annahm. Lebhafter Widerspruch wurde laut, als Heine von Majestätsbeleidigung gegen„Se. Ma jestät August Bebel“ sprach. Er erging sich alsdann in den stärksten Schimpfworten gegen den Genossen, der Heines Aeußerung über das Schlafen in Küßnacht an Bebel berichtet hat. Zur Frage der Taktik bemerkte Heine: Er habe auch für die Reso⸗ lution 130 gestimmt. Nun müsse er sich ein⸗ mal gegen die bürgerlichen Blätter wenden, die behaupteten, durch die Annahme der Reso⸗ lution habe die Partei ihre bisherige politische Praxis einer gesetzlichen Propaganda und Re⸗ formtätigkeit aufgegeben, um sich der Taktik der gewaltsamen Revolution zuzuwenden. Das seien Phantasien von Angstmeiern oder Scharfmachern. Hätte die Resolution dies be⸗ deutet, so hätte er dagegen gestimmt; denn jetzt die Revolution zu predigen, würde ein Verbrechen an die Arbeiterbewegung sein. Aber niemand verbinde mit der Resolution solche Absichten. Ferner aber müsse er gewissen Parteigenossen entgegentreten, die sagten, daß die, welche durch die Resolution getroffen werden sollen, sich feige unter der Masse der Partei- genossen verkrochen hätten. Er habe in Wirk⸗ lichkeit dafür gestimmt, um die Deutung ab⸗ zuschneiden, als ob er wirklich im Gegensatz zu der von der Gesamtpartei getriebenen Politik stände, um öffentlich zu bekunden, daß praktische Bestrebungen derart, wie sie von der Resolution verurteilt werden, gar nicht vorhanden seien. Auf dem Parteitage habe Bebel ihn beschimpft, erklärte Heine schließlich und stellt die Ver⸗ trauensfrage an die Genossen des III. Wahl⸗ kreises. Unterdessen war von Zubeil ein An⸗ trag eingelaufen, den Abg. Heine zur Nieder- legung des Mandats aufzufordern. Hier- über wird die Debatte noch aufgeregter. Als Zubeil sich als den von Heine bezeichneten Schuft und Denunzianten erklärt, entsteht ein unglaubliches Getöse. Zum Schluß wird mit zwei Drittel Mehrheit eine Resolution ange⸗ genommen, die Heine Vertrauen ausspricht. Im II. Wahlkreise sagte Gen. Nicolai u. a.:„Es wird gesagt, Bebel sei diktatorisch aufgetreten. Das ist nicht der Fall, Bebel ist das Sprachrohr der Masse gewesen.(Leb⸗ hafte Zustimmung.) Gewiß in mancher Be⸗ ziehung taugt auch Bebel nichts, z. B. als Prophet, aber er weiß doch stets, was dem Volke not tut. Von einer Uneinigkeit in der Partei ist keine Rede, die Partei ist einig, aber die Offiziere, der kleinere Maßstab, diese Herren liegen sich in den Haaren. e ee 4 daß sie zu⸗ sammenhalten müssen, nur die Aka⸗ demiker wissen es nicht. Das Verhalten der „Offiziere“ hat eine ungemein tiefe Erbitterung in den Reihen der Arbeiter hervorgerufen, es ist höchste Zeit, daß die Herren zur Einsicht gelangen.“ Bei der Berichterstattung im vierten Wahlkreise ergriff Singer das Wort, der über die Mitarbeiterschaft in bürgerlichen Blättern bemerkte: Es ist aber auch weiter entschieden, daß keiner im Namen der Partei auftreten kann, der Angestellter an einem bürgerlichen Blatte ist. den Redaktionen von bürgerlichen Blättern haben, hat ja seine natürliche Ursache. Wir können allen diesen Intellektuellen in unserer Parteipresse keine Brotstelle geben. Diese Leute müssen sich nun genügen lassen, wie viele Beamte und Kaufleute, daß sie die Partei materiell unterstützen und ihre Gesinnung durch die Beteiligung bei den Wahlen betätigen. Vielfach ist der Fehler begangen worden, solche Intellektuellen sofort beim Ein⸗ tritt in die Partei mit führenden Stellen zu betrauen. Daran haben aber die Genossen ebensoviel Schuld wie diese Intellektuellen, und ich möchte hier bemerken, mit diesem Zustand muß gebrochen werden. Die Resolntion über die Taktik ist mit sehr großer Majorität gut geheißen worden. Beabsichtigt war mit der Resolution, dem Gerede der bürgerlichen Presse, als machten die Revisionisten nur einen irgend⸗ wie nennenswerten Teil in der Partei aus, ein für alle mal ein Ende zu machen. Dieser Zweck ist erreicht worden, trotzdem die Revi⸗ stonisten dafür gestimmt haben... Unser Verhalten im Parlament muß stets von den grundsätzlichen Auffassungen unseres Partei⸗ programms diktiert sein. Deshalb war die Debatte in Dresden notwendig und wir brauchen uns kein Taschentuch vor die Augen zu nehmen und uns ihrer zu schämen. Fast in allen Berliner Wahlkreisen fanden am verflossenen Dienstag weitere Versammlungen statt, in denen die Erörterung über den Partei⸗ tag fortgesetzt wurden. Außer in Berlin kam es auch in einigen andern Orten im Reiche zu lebhaften Ausein⸗ andersetzungen über die Parteiverhandlungen. So in Stuttgart, dlugsburg, München, Frankfurt, Bremen, Leipzig; doch nirgendwo wurde so heftig als wie in Berlin gekämpft. * Daß besonders in Berlin die Gemüter er⸗ hitzt sind, ist leicht begreiflich. Die Genossen stehen dort unter dem Eindrucke der Veröffent⸗ lichungen Hardens, dessen„Zukunft“ in Dresden bei der Debatte über die Mitarbeiter- schaft an bürgerlichen Blättern oft erwähnt wurde. Jene Veröffentlichungen wurden vom Vorwärts nachgedruckt und sie sind allerdings geeignet, die Genossen Braun, Göhre, Bernhardt und Heine als Partet⸗ genossen bloßzustellen, selbst wenn man in Rechnung zieht, daß Harden die Wahrheit mißhandelt und übertrieben hat. Bei dem Mißtrauen, was gegen die genannten Genossen in Parteikreisen besteht, erscheint für viele die Schuld der Genannten größer, als sie in Wirklichkeit ist. Der Parteivorstand wird diese Angelegenheit, wenn das Material vollständig vorliegen wird, von Parteiwegen zur Ent⸗ scheidung bringen. Daß wir Genossen in eführt. klärt, sein Mandat wegen des Mißtrauens, das man ihm seit Jahren entgegenbringe, wieder abgeben zu müssen. Das ist jedenfalls höchst bedauerlich und war wohl auch uicht unbedingt nötig. Glaubte Göhre sich zu Unrecht ange⸗ griffen, so konnte er sein Recht jederzeit bei den zuständigen Partetinstanzen erhalten.— Mit Recht knüpft unser Zentralorgan hieran die Mahnung, den leidenschaftlichen Eifer und persönlichen Ton etwas zurückzudämmen. Um unserer selbst willen dürfe die jetzt eingerissene Kampfesweise nicht weiter gehen. Besonnenheit und Vernunft müsse über alle Erregungen triumphieren! * Kautsky sagt in einem längeren Artikel der„N. Zeit“ über die persönliche Seite der Dresdener Verhandlungen: Gelingt es, die persönliche Verantwortung für die aufgedeckten Unsauberkeiten festzustellen und die unsauberen Elemente selbst zu ent⸗ fernen, dann wird auch nach der persönlichen Seite hin niemand mehr Ursache haben, die Dresdener Tage für verloren ansehen. Man darf wohl bedauern, daß sie notwendig ge⸗ worden waren, man hat aber kein Recht, zu wünschen, daß die wirklich vorhandene Korrup⸗ tion nicht aufgedeckt worden wäre. Und mancher, der noch in Dresden sich über Bebels„Maß⸗ losigkeit“ entrüstete, wird ihm seitdem recht ge⸗ geben haben. Was geringschätzig als ein„Literatengezänk“ bezeichnet wurde, war ein leidenschaft⸗ liches Ringen um die sittliche Reinheit der Partei. Kann es etwas Größeres und Wichtigeres für uns geben als dies? Auf ihr beruht die sieghafte Kraft unseres Kampfes, auf ihr der Glaube an uns selbst. Ohne ste sinkt die Partei herab zu einem bloßen Apparat zur Fabrikation von Redakteurposten und Mandaten. Sie soll aber auch in sittlicher Beziehung bleiben was sie war, die rücksichtslose Bekämpferin jeder Korruption und Streberei. Auch auf diesem Gebiete gibt es nichts zu Federn. Und wie es ökonomische Gesetze gibt, die für jede Gesellschaftsform gelten, so gibt es auch stttliche Grundsätze, deren keine entraten kann. Einer der wichtigsten darunter ist die Pflicht der Wahrhaftigkeit dem Ge⸗ nossen gegenüber. Dem Feinde gegenüber hat man diese Pflicht nie anerkannt, dagegen gibt es ohne sie kein dauerndes Zusammen⸗ wirken gleichgestellter Senossen. Den Partei⸗ genossen zu belügen, galt bisher nur in solchen Parteien für erlaubt, in der zwei Klassen zusammenwirkten, von denen die eine sich dazu mit der andern zusammentat, um deren Kraft für sich auszunutzen.. Es war die Parteimoral des Jesuitismus, des Pfaffentums überhaupt. Das moderne Literatentum hat sie sich vielfach zu eigen ge⸗ macht, soweit es sich als eine„Herrenklasse“ über das Proletariat erhaben dünkt und dieses bloß als Werkzeug betrachtet, und sie ist mit einigen solcher Elemente bis in unsere Reihen eingedrungen. Aber die Sozialdemo⸗ kratie bleibt auf dem Boden der proleta⸗ rischen Moral, welche die Moral aller auf⸗ strebenden, nach Selbständigkeit ringenden Klassen ist: Sie weist jeden Versuch von sich, die Partet zu belügen, Gießen, 9. Oktober. Pfäffische Bekämpfung der Sozial⸗ demokratie. Wie bekämpft man am besten die Sozial⸗ demokratie? Mit dieser Preisfrage quälen sich die Staatsretter schon seit Jahrzehnten ab und werfen sie mit jedem neuen Erfolge unserer Partei immer wieder von neuem auf. Alle Nr. 41. 0 Unterdessen haben die unerqguicklichen Dinge bereits zu einer Man datsniederlegung Und zwar ist es der Abg. für ittweida, Gen. Göhre, welcher er⸗ ——T—)—?T——̃———.——— 2 e die e⸗ hen 1 ei⸗ en . al⸗ len fel lle „——;— pa- m' ³ůũàdVvLTI——— A ung der Nr. 41. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 3. möglichen Probleme werden erörtert, zum Schluß wird aber stets die Regierung aufge⸗ fordert, Staatsanwalt und Polizei gegen die Vaterlandslosen in's Feld zu schicken. Das verlangt in der frumben„Kreuzztg.“ auch ein Pastor Dienemann, der da über Bekämpf⸗ ung der Sozialdemokratie schreibt: In erster Linie ist dieser Kampf Pflicht der Regierung. Daß eine Partei, die den bestehenden Staat stürzen will, von diesem Staate Fade wird und sogar ganz offen ihr Werk treiben und bis in die gesetzgebenden Körperschaften hinein ihren Einfluß ausüben darf, das will dem einfachen, gesunden Menschenverstande nicht in den Kopf, und man meint oft, gar nicht mehr in unserem alten Preußen zu leben. Mit geistigen Mitteln allein ist hier nicht zu helfen, wir brauchen ein Gesetz, das dem Volke, vor allem der unerfahrenen Jugend, sagt: Die Sozialdemokratie ist auf verbotenen Wegen, der Beitritt ist verboten. Ihre Schriften sind verboten, und wer irgendwie als sozial⸗ demokratischer Agitator auftritt, wird be⸗ straft. Damit wäre für viel Tausende eine Klarheit geschaffen, die sie auf rechtem Wege bewahrte. Wir erwarten von der Regierung ein solches Gesetz. Zur endgültigen Vernichtung der Sozial⸗ demokratie werden aber die von dem teuren Gottesmanne vorgeschlagenen Mittel noch nicht ausreichen, da muß schon etwas gründlicher verfahren werden. Man sollte zunächst dafür sorgen, daß die Kinder der Volksschule über⸗ haupt nicht lesen lernen; sämtliche Lohn⸗ arbeiter müssen unter Polizeiaufsicht und das Militärstrafgesetz gestellt werden, sie müssen ferner mindestens ein Drittel ihres Lohnes als Kirchensteuer abführen. Für den Ertrag werden mehr Geistliche mit erhöhten Gehältern angestellt, welche nicht blos den Schulkindern den Katechismus einpauken, sondern auch die Vorstandsämter in den Arbeitervereinen besetzen und dort allabendlich Andachten abhalten, an denen jeder Arbeiter bei Vermeidung hoher Strafe gezwungen wird teilzunehmen. Redak⸗ teure sozialdemokratischer Zeitungen kommen lebenslänglich ins Zuchthaus. Wer irgendwie als sozialdemokratischer Agitator auftritt, wird gehängt. Bloß im letzteren Punkte em⸗ pfiehlt sich einige Vorsicht, denn wenn das Hängen losgeht, könnte es leicht eintreten, daß bei den Pfaffen angefangen wird! 55 Millionen Mark soll nach neueren Mitteilungen die Umänder⸗ Kanonen kosten, die trotz der Ableugnung von halbamtlicher Seite beschlossene Sache ist. Erst sollte nur die Lafette in eine Rohrrücklauflafette umgewandelt werden, jetzt ist aber beabsichtigt, die Munition, bei der Geschoß und Ladungshülse getrennt sind, in Einheitsmunition umzuwandeln, was eine andre Packung und deshalb einen Umbau der Protzen und Geschoßkasten bedingt. Diese Abänderung würde pro Geschütz etwa 10,000 Mark kosten, für 4000 Geschütze also —— etwa 40 Millionen, so daß die gesamte Neu⸗ forderung etwa 55 Millionen betragen wird. Vor den Reichstagswahlen wurde hierüber selbstverständlich das tiefste Geheimnis bewahrt; jetzt vor den Landtagswahlen spricht man auch nur von der Forderung für Lafetten. 55 Mil⸗ lionen würden doch manchen„Gesinnungstüch⸗ tigen“ kopfscheu machen. Voraussichtlich bleibt es indessen nicht einmal bei 55 Millionen; denn in russischen Armeekreisen ist die Armierung der Rohrrücklaufgeschütze mit abnehmbaren Schilden geplant. Da wird die deutsche Heeres⸗ verwaltung nicht lange zurückstehen wollen. Uebrigens soll der Rücktritt des Kriegsministers v. Goßler mit dem Umänderungsprojekt im engsten Zusammenhange stehen. Goßler sei in Ungnade gefallen, weil er das nun als mangel⸗ haft erkannte Geschütz eingeführt habe. Gerechtigkeit. Wegen des Wahlkrawalls in Laura⸗ hütte standen in voriger Woche wiederum eine Anzahl polnischer Angeklagter vor dem Schwur⸗ gericht in Beuthen. Diesmal handelte es sich um die sogenannten„Rädelsführer“, denen außerordentlich harte Strafen auferlegt wurden. Der Hauptangeklagte Guiny erhielt 6 Jahre Zuchthaus, 6 Jahre Ehrverlust und außer⸗ dem wurde Stellung unter Poltzeiaufsicht aus⸗ gesprochen, der zweite Hauptangeklagte Graik⸗ zarek wurde zu 5 Jahren Gefängnis und 5 Jahren Ehrverlust und die übrigen An⸗ geklagten zu 2—4 Jahren Gefängnis und den entsprechenden Nebenstrafen verurteilt. Weiteren Nachrichten zufolge sind noch fünf weitere Personen ermittelt worden, die an dem Landfriedensbruch in Laurahütte be⸗ teiligt gewesen sind, darunter auch diejenige, die den Amtsvorsteher mit einer Latte ge⸗ schlagen hat. Alle fünf kommen in der neuen dritten Verhandlung vor das Schwur⸗ gericht. Wofür diese empörend hohen Strafen? Diese Leute sind infolge der traurigen Schul⸗ verhältnisse von sehr geringer Bildung, sie hatten nicht die nötige Einsicht bezüglich der Strafbarkeit ihrer Handlungweise. Durch die Behandlung, welche den Polen zuteil wird, fühlen sich diese bedrückt und den Deutschen gegenüber in gereizter Stimmung. Die Ange⸗ klagten gerieten zufällig in eine aufgeregte Menschenmenge hinein, deren Erregung sich durch das ungeschickte Vorgehen der Behörden noch steigern mußte. In der Wut ließen sich die Leute zu Exzessen hinreißen und müssen nun auf Jahre hinaus in das Zuchthaus oder das Gefängnis! Man vergleiche damit die gelinden Geld⸗ strafen, mit denen die„patriotischen“ Radau⸗ helden in Friedberg davon kamen, welche mit ruhiger Ueberlegung einen regelmäßigen Ueberfall friedlicher Leute ins Werk gesetzt hatten!— Und bei dem Studentenkrawall in Marburg im vorigen Jahre ging es viel schlimmer zu, als in Laurahütte; Polizisten wurden mißhandelt, Gendarmen be⸗ schimpft, die halbe Nacht lärmten Hunderte von Studenten auf dem Marktplatze— und auch hier wurden nur ganz geringe Geld⸗ strafen verhängt. Was Studenten und Kriegervereinler sich fast ungestraft erlauben dürfen, sieht man bei polnischen Arbeiter für schwere Verbrechen an, die man mit grausamen Strafen belegen muß. Wahlreform in Bayern. Dem bayerischen Landtage ist von der Regterung ein Wahlgesetzentwurf vorge⸗ legt worden, welcher die direkte, geheime Wahl vorsieht. Eine neue Wahlkreiseinteilung setzt die Zahl der Abgeordneten auf 163 fest, bisher zählte die Kammer 159.— Wahl be⸗ rechtigt ist jeder bayerische Staatsangehörige, der zu dem Zeitpunkt der Wahl 1. das 25. Lebensjahr zurückgelegt hat; 2. die bayerische Staatsangehörigkeit seit mindestens einem Jahre besitzt und 3. dem Staate seit mindestens einem Jahre eine direkte Steuer entrichtet. Die Wählbarkeit zum Abgeordneten setzt das zurück⸗ gelegte 30. Lebensjahr voraus.— Dies bedeutet eine Verschlechterung gegen früher, wo bereits mit dem 21. Lebensjahre die Wahlberechtigung eintrat und es genügte, wenn der Wähler seit 6 Monaten Steuer entrichtete, während jetzt Bedingung ist, daß der Wähler seit mindestens einem Jahre die Staatsangehörigkeit besitzt. Bebel erhob auch im vorigen Jahre Vorwürfe gegen die Genossen im bayerischen Landtage, weil sie bei den Vorberatungen nicht mit der nötigen Schärfe gegen diese Bestimmungen auftraten.— Immerhin bedeutet der Entwurf bei allen Mängeln eine nicht unbedeutende Ver⸗ besserung des Landtagswahlrechts, die man zu einer Zeit, wo Verschwörungen gegen das Reichstagswahlrecht im Gange sind, nicht all⸗ zugering anzuschlagen braucht. Jedenfalls werden unsere Genossen dem Entwurf keine Schwierigkeiten machen. Hinzugefügt sei noch, daß die relative Mehr⸗ heit entscheidet und das Gesetz bereits bei den nächsten Wahlen in Kraft treten soll. Landtagswahlen in Anhalt. In zwei Wahlkreisen des Herzogtums An⸗ halt, in denen bei den allgemeinen Wahlen unsere Genossen gestegt hatten, waren die Man⸗ date für ungültig erklärt worden. Bei den am Donnerstag stattgefundenen Nachwahlen haben wir nur den einen Kreis Roßlau⸗Coswig be⸗ hauptet, wo Genosse Günther⸗Dessau gewählt wurde. Im Kreise Dessau⸗Land siegte der konservative Amtmann Fleischer mit Hülfe des Freisinns.— Da sehen wir wieder einmal den„entschiedenen“ Liberalismus in brillanter Beleuchtung. Landtagswahlen in Sachsen. Im roten Königreich haben am Montag, Dienstag und Mittwoch die Urwahlen nach dem famosen Dreiklassen⸗„Wahlrecht“ stattgefunden. Erklärlicherweise war die Wahlbeteiligung eine ziemlich schwache, die Wählerschaft der dritten Klasse weiß eben, daß sie bei diesem System in jedem Falle betrogen ist. Fast überall wurden bei den Wahlen der dritten Klasse die soztaldemokratischen Wahlmänner ge⸗ wählt. In der zweiten und ersien Klasse st.gten natürlich die Reaktionäre. Sozialdemokratische Wahlerfolge in Sachsen⸗Meiningen. Am Montag haben die Wahlen zum Land⸗ tage des Herzogtums Sachsen⸗Meiningen statt⸗ gefunden, bei denen unsere Partei recht gut abgeschnitten hat. Der Landtag besteht aus 24 Mitgliedern, von denen 16 aus allgemeinen direkten Wahlen hervorgehen. Bisher befanden sich im Landtage des Ländchens 7 Sozial⸗ demokraten. Bei den diesmaligen Wahlen siegten die Genossen: Seige(Kreis Pößneck), Hoffmann(Saalfeld), Weigelt(Ssctei⸗ uach), Wächter(Hüttensteinach), Wehder (Sonneberg), Eckardt(Salzungen). Aus den übrigen Kreisen fehlen noch die genauen Nachrichten. Neue furchtbaren Judenmetzeleien sind in Mohilew, der am Dnyjper gelegenen Hauptstadt des Gouvernements Mohilew, am 1. Oktober verübt worden. 300 Juden sollen hingemordet sein. Die Juden, die von dem Ueberfall verständigt waren und sich ver⸗ teidigten, machten hundert von ihren An⸗ greifern, bessarabisch⸗russische Bauern, nie der. Die Panik ist unbeschreiblich.— Der Rabbiner des Ortes, der von den sich vorbereitenden Unruhen erfahren hatte, ließ der jüdischen Bevölkerung eine Warnung zukommen, so daß sie sich trotz des hohen Feiertags in den Häusern hielt. Sie verteidigten sich in ihren Wohnungen gegen die Angriffe und bei dem sich entwickelnden Kampfe seien, meldete das„Czanowitzer Tageblatt“, die oben genannte Zahl Juden und Angreifer gefallen. Die Polizei griff zwar ein, war jedoch gegen die Menge der„Kazapen“, das heißt der bessara⸗ bisch⸗russischen Bauern, die sich zum Kampfe gegen die Juden organistert hatten, vollkommen machtlos.— Nette Zustände im Reiche Väter⸗ chens, der unterdes vergnügt in der Welt herum reist. 6———j—j— x Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. — Die Gewerbegerichtswahl in Es— sen, die am 27. März ds. Is. stattgefunden hat und bei der die freien Gewerkschaften den Sieg über die christlichen davontrugen, ist vom Bezirksausschuß in Düsseldorf, vor welchem am 1. Oktober, Vormittags, verhandelt wurde, für ungültig erklärt worden. Dem Protest der sogenannten christlichen Richtung ist Rechnung getragen worden, soweit die Be⸗ hauptung aufgestellt war, daß die einge⸗ teilten Wahlbezirke in Anbetracht der großen Wählerzahl zu groß bemessen waren. Es wurde vom Bezirksausschuß anerkannt, daß wegen des großen Andranges in den Wahi⸗ lokalen viele Wähler ihr Wahlrecht nicht haben ausüben können, trotzdem der zahlenmäßige Beweis von der Protestpartei nicht beigebracht worden ist. Uns freut dieser Ausgang der Sache, sagt unser Essener Parteiorgan, obwohl die freien Gewerkschaften Sieger waren. In ————— * 1 r — Ol — 1 18 — 8 — — 3 7 * . Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗ Zeitung. Nr. 41. dem neuen Wahlgang werden die freien Ge⸗ werkschaften noch besser auf dem Posten sein, um den Unternehmerkandidaten, welche unter christlicher Flagge durchgeschmuggelt werden sollen, eine noch gründlichere Niederlage zu bereiten. — In Sachen des Streikpostenstehens hat das preuß. Kammergericht kürzlich seinen Standpunkt präzistert und die dabei verkündeten Grundsätze sollen auch für die Zukunft maß⸗ gebend sein. Ein Metallarbeiter in Berlin war, als er vor einer Fabrik Streikposten stand, von einem Schutzmann aufgefordert worden, sich entfernen. Da der Arbeiter der Aufforder⸗ ung nicht nachkam, wurde gegen ihn Anklage erhoben. Im Gegensatz zum Schöffengericht erkannte das Landgericht gegen Sch. auf Grund des§ 132 der Berliner Straßenpolizei⸗ verordnung auf Verurteilung.§ 132 schreibt vor, daß den zur Erhaltung der Sicherheit und Bequemlichkeit auf öffentlichen Straßen er⸗ gangenen Aufforderungen der Aufsichtsbeamten unbedingt Folge zu leisten sei.— Gegen dieses Urteil legte der Angeklagte Revision ein, die jedoch vom Kammergericht zurück⸗ gewiesen wurde. Der Senat sprach aus, der Richter habe nur zu prüfen, ob die vom Sicherheitsorgan verlangte Maßnahme eine solche sei, die zur Sicherheit des Verkehrs ge⸗ troffen sei; der Zweck der Anordnung müsse dahin gehen, die Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten; die Nichtbefolgung von chikanösen und unsinnigen Aufforderungen könne eine Be⸗ strafung nicht herbeiführen.— Das läuft also darauf hinaus: den Arbeitern ist das Recht zur Erkämpfung besserer Arbeitsbedingungen gesetzlich gewährleistet. Sobald sie aber ge⸗ eignete ie ergreifen wollen, dieses Recht wahrzunehmen, werden sie bestraft. Gute Fortschritte hat der Berg⸗ arbeiter⸗-Ver band in den letzten Jahren gemacht. Seine Mitgliederzahl hat 70000 erreicht und das letzte Rechnungsjahr schloß mit einem Gesamtvermögen von 260 184 Mk. ab. Auf Grube„Glückauf“ bei Kassel streiken die Bergleute seit einiger Zeit, weil die Mißstände auf der Grube geradezu unerträglich wurden. Am Sonntag fand in Kassel eine Bergarbeiter⸗Versammlung statt, an welcher der Gewerkschafts⸗Sekretär Pinkert⸗ Kassel und von Seiten des Vorstandes des Bergarbeiter⸗Verbandes Schröder-Dortmund teilnahmen. Die Leute von der Grube„Glück⸗ auf“ sind, ohne den Verbands-Vorstand in Kenntnis zu setzen, in den Streik eingetreten. Außerdem ist die dortige Organisation noch gering und nicht unterstützungsberechtigt. Schröder versprach aber, bei dem Vorstande 77 Unterstützung der Kasseler eintreten zu wollen. Von Nah und Fern. Gießener Angelegenheiten. — Des„Friedhofkrieges“ vorläufiger Schlußakt spielte sich am vorigen Freitag in der Stadtverordneten⸗Versammlung ab. Er endete, wie wir in letzter Nr. schon im Voraus sagten, mit der Annahme des von der juristischen und der Friedhofskommission gestellten Antrags, nach welchem die Friedhofsweihe gestattet werden soll. Zu der Sitzung hatten sich zahl⸗ reiche Zuhörer eingefunden, die aber in ihrer Erwartung, Zeuge lebhafter Redekämpfe zu sein, schmählich enttäuscht wurden. Eingangs verlas der Oberbürgermeister die auf den Fall bezüglichen Aktenstücke und im Anschluß daran eine Rechtfertigung seines Verhaltens, die er vorher jedem Stadtverordneten gedruckt einge⸗ händigt hatte. Die lange und sehr eingehende Darlegung gipfelt in der Erklärung, daß er (der Bürgermeister) berechtigt und verpflichtet war, dem Pfr. Naumann die Friedhofsweihe zu untersagen.— In der Debatte ergriff zuerst Herr Schmall das Wort. Seine Ausführ⸗ ungen machten den Eindruck, daß nicht ein Mitglied der Gemeindevertretung hier eine die Stadtgemeinde angehende Frage behandelt, sondern ein Beauftragter des Kirchen vor⸗ standes Sache gegen die Stadt führt. Der Bürgermeister habe kein Recht gehabt, die Weihe zu verbieten. Im Weiteren wirft er ihm vor, bei seiner Wahl in Bezug auf seine Religions⸗ zugehörigkeit unter falscher Flagge gesegelt zu sein, um seiner Wahl keine Schwierigkeiten zu machen. Gegen diesen ungeheuerlichen Vorwurf wendet sich der Bürgermeister in ziemlicher Er⸗ regung. Herr Löber suchte aus alter Freund⸗ schaft Herrn Mecum auch noch etwas am Zeuge zu flicken, seine Zettel waren aber in Unordnung gekommen und so blieb er mitten in seiner Philippika stecken. Krumm fragt gegenüber Schmall, was habe man denn nach der Religion bei Anstellung des Bürgermeisters zu fragen? Danach fragt man, wenn man Geistliche anstellt! Hier sei von gewisser Seite eine widerliche Religionsschnüffelei geübt worden; man sollte niemals auf Fragen nach der Religion Auskunft geben. Streit mit der Geistlichkeit nimmt in der Regel kein Ende, denn die Herren verfügen über viele freie Zeit. Wer an die konfesstonellen Leidenschaften appelliert, kann jederzeit„Erregung“ hervorrufen; für die Cvangelischen ist der Jesuit der Wauwau, für die Katholischen der Freimaurer und der Sozialdemokrat für beide zusammengenommen. Naumann habe immer vom„atholischen Bürgermeister“ gesprochen. Das sind verwerf⸗ liche Mittel. Krumm spricht sich für den e ee aus, damit es Frieden gebe. — Pfarrer Naumann hat nun seinen Willen durchgesetzt und die Friedhofs weihe am Sonntag bei strömendem Regen vorgenom⸗ men. Zwar hatte er vorher im„Gieß. Anz.“ den„Herrn der Wolken, Luft und Winde“ um ut Wetter gebeten, es hat aber nichts genützt. 55 wenn der Herr lieb hat, den züchtigt er! Sozialdemokraten haben bei ihren Festen immer schönes Wetter. — Als„Aufklärungsarbeit und Re⸗ formtätigkeit“ bezeichnet der„Gieß. Anzeiger“ auf einmal die sozialdemokratische Agitation, die er früher nicht scharf genug als vaterlandsfeindliche Wühlerei und noch schlimmeres verdammen konnte. Ist bessere Ein⸗ sicht bei ihm eingekehrt? Hat er die Sozialistenfresserei an den Nagel gehängt? Kommen ihm Zweifel an der Vortrefflichkeit der bestehenden Ordnung? Ach, nein, er macht nur den Versuch, die Sozialdemokratie mit auseinanderloben zu helfen. Deshalb verkündet er mit wichtiger Miene, die Göhre, Heine, David, Braun ꝛc. werden sich„vielleicht“ abseits stellen„von der Vasallen⸗ masse des Diktators Bebel, um ihre Aufklärungsarbeit und Reformtätigkeit frei vom Joch der„Genossen“ fort⸗ zusetzen.“ Wir wollten mal hören, was der Anzeiger über die Reformtätigkeit David's sagen würde, wenn dieser hier im Wahlkampfe gegen irgend einen national⸗ liberalen Kreisblatt⸗Schützling stände und dabei seine Aufklärungsarbeit verrichtete! — Parteiversammlung. Berichter⸗ stattung über den Parteitag in Dresden war der einzige Gegenstand der Tagesordnung in der am Montag im Lokale Orbig stattgefundenen Parteiversamm⸗ lung. Diese war— vielleicht beeinflußt durch das schlechte Wetter— nur mäßig besucht. Genosse Orbig, der Delegierte für den Wahlkreis Gießen erstattete ein⸗ gehend Bericht über die Dresdener Verhandlungen. Ein⸗ gangs erklärte er, daß er, wie wohl alle Delegierten, noch nie einen Parteitag so unbefriedigt verlassen habe. Allerdings habe es nach außen— aufgebauscht durch die bürgerliche Presse— viel schlimmer ausgesehen, als es in Wirklichkeit war. Eine allgemeine und aus⸗ giebige Aussprache über den aufgehäuften„Zündstoff“ war notwendig. Wenn auch hier und da scharfe Worte gefallen sind, so schadet das nichts, fest steht, daß jeder das Beste der Partei wollte. Redner bespricht nun kurz die einzelnen Verhandlungsgegenstände des Parteitags und erklärt seine Stellungsnahme dazu. Von den „Revisionisten“ fürchte er nicht, daß sie die Partei von ihren Bahnen lenken und etwa Annäherung an die bürgerliche Linke versuchen sollten. Orbig schließt mit der Hoffnung, daß auch dieser Parteitag trotz den hef⸗ tigen Auseinandersetzungen der Partei zum Nutzen ge⸗ reichen werde.— An den Bericht schloß sich eine leb⸗ hafte Debatte. Gen. Vetters schlägt folgende von ihm begründete Resolution vor: „Die heutige Parteiversammlung erklärt sich mit den sachlichen Beschlüssen des Parteitags in Dresden einverstanden und verspricht in ihrem Sinne zu wirken. Im höchsten Maße bedauert aber die Versammlung, daß so viel wertvolle Zeit für größtenteils nutzlose De⸗ batten verwendet wurde, wodurch man die Erörterung notwendiger Parteiaufgaben in den Hintergrund drängte. Ebenfalls bedauert die Versammlung die überaus heftige, 1 teilweise persönliche Art, wie einzelne Genossen gegen andere vorgingen und daß den Genossen ganzer Städte, sogar Länder das proletarische Empfinden und sozial⸗ demokratischer Geist abgesprochen wurde. Was die ver⸗ handelten Streitfragen betrifft, besonders die über Tak⸗ tik, ist die Versammlung der Meinung, daß diese Fragen künstlich von einzelnen zuviel zugespitzt wurden. Wie der siegreich und einheitlich durchgeführte Reichstags⸗ wahlkampf bewies, steht die Partei einig auf dem Boden unseres Programms, will weiter die bisherige bewährte Taktik beobachten und kümmert sich wenig um die theoretischen Haarspaltereien einzel ner Gelehrten. In der bisherigen Weise weiter für die Ausbreitung unserer Bewegung zu arbeiten, erachtet die Versammlung für Pflicht aller Parteiangehörigen. Den Parteivorstand fordert die Ver sammlung auf, soviel in seinen Kräften steht, mit zur Beilegung der gegenwärtigen, die Partei schädigenden Streitigkeiten hinzuwirken.— Mit der Tätigkeit des Delegierten erklärt sich die Versammlung einverstanden. Verschiedene Sätze der Resolution, besonders die, in denen das Bedauern über das Vorgehen einzelner Genossen(Bebels) ausgesprochen wird, werden von Fourier, Käfer, Siller und Bock bemängelt. Schließlich wird die Resolution abgelehnt. Damit wollte aber die Versammlung nicht das Gegenteil dessen, was die Resolution sagt, aussprechen, sondern sie erklärte sich mit den Beschlüssen des Parteitags und der Tätigkeit des Delegierten einverstanden. — Vom Schwurgericht, dessen Tagung am Samstag zu Ende ging, haben wir noch einiges nach⸗ zutragen. Am Mittwoch stand der 21 jährige Taglöhner Merle aus Angenrod wegen Sittlichkeits⸗ verbrechen vor den Geschworenen. Der Angeklagte machte am hellen Tage einen unsittlichen Angriff auf eine alte Frau. Er wird zu 2¼ Jahren Gefängnis verurtellt.— Wegen Meineids hat sich am Frei⸗ tag der Maurer Graulich aus Wallersdorf zu verantworten. Er soll bei Ableistung des Offen⸗ barungseides verschwiegen haben, daß er noch eine Summe Geld besaß. Die Geschworenen sprechen ihn des fahrlässigen Falscheides schuldig, worauf er zu 10 Monaten Gefängnis verurteilt wird.— Ver⸗ brechen im Amt wird dem Gastwirt und Gemeinde⸗ rechner Schäfer in Bernshausen zur Last ge⸗ legt. Während er die dortige Gemeindekasse verwaltete, verbrauchte er etwas über 2000 Mk. der Gemeinde gehörigen Gelder für sich und unterließ es die Eingänge in dieser Höhe im Kassenbuche einzutragen. Des ih m zur Last gelegten Verbrechens erklären ihn die Geschworenen für schuldig, billigen ihm jedoch mildernde Umstände zu, worauf ihn der Gerichtshof zu einem Jahre Gefäng⸗ nis verurteilt, — Erschossen hat sich vorige Woche der Vice⸗Feldwebel Siebers vom Regiment 116. Er sollte in Untersuchung abgeführt werden, weil er sich in 3 5 Jahren gegen einen Soldaten Mißhandlungen hatte zu schulden kommen lassen. Der betr. Soldat war wegen dieser Mißhandlung desertirt. Bei den Mann⸗ schaften war Siebers unbeliebt. — Die Freie Turnerschaft Gießen hält am Samstag, den 10. Oktober im Saale des Café Leib ihr erstes Stiftungsfest ab. Mit diesem Feste verbindet der Gesangverein „Eintracht,“ der den gesanglichen Teil des Programms übernommen hat, seine diesjährige erste Abendunterhaltung. Dieser Umstand in Verbindung mit dem reichhaltigen Programm, das aus dem Inserat näher zu ersehen ist, läßt einen recht genußreichen Abend erwarten, der auch anspruchsvollere Gäste befriedigen wird. Hoffentlich lassen es sich unsere Freunde ange⸗ legen sein, den jungen Verein durch recht gabl⸗ reichen Besuch zu unterstützen. Eingesandt. In Nr. 40 der Mitteld. Sonntags⸗Ztg. steht unter der Stichm arke:„Berichtigung“: Ich hätte mir recht grobe Nachlässigkeiten zu Schulden kommen lassen, wodurch meine Mitarbeiter und der ganze Betrieb in Gefahr gestanden hätten. Ich bin mir darüber nichts bewußt, und bitte infolgedessen diejenigen, die mir Ver⸗ stöße nachweisen können, mir darüber nähere Auskunft zukommen zu lassen. J. Lang ehemaliger Heizer und Gasbereiter im Elektrizitätswerk, Aus dem Nreise griedßerg⸗Büdingen. r. Die„Patrioten“ von Burggräfen⸗ rode sind mit einer neuen staatsretterischen Aktion, die gewissermaßen das Gegenstück zu den Knüppelhelden⸗ taten bildet, hereingefallen. Vor dem Schöffen⸗ gericht standen am Dienstag 10 Mitglieder des 5 5 1 8 1 — . A———— P wü ¹üwü——¹ w.. „ l 1 lle lb. 0 in 45 90 , it, 1 5. 7 l. ö Kost'schen Trabanten Alles aufgeboten wurde, um die eee e Fb ̃ ˙— — — ungsanstalt begeben wollte. Kurz nach Ankunft im Bahnhofe aber stellten sich Ge⸗ gerade der Kreisarzt Medizinalrat Dr. Mat⸗ in der Mutter mit dem Kinde mittelst Droschke nach dem Hospital gefahren, woselbst jetzt die — Arbeitshause zu! mann zum Opfer fiel, hat sich nach der Unter⸗ junge Burschen wollten angeblich dem Schreiner auflauern, ö b kühlen. Bei dieser Gelegenheit erhielt Acker⸗ Nr. 41. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. Turnvereins Burggräfenrode unter der Anschuldigung, einen geschlossenen Umzug ohne behördliche Genehmigung veranstaltet zu haben. Am Sonntag 29. Juni gingen diese 10 Turner nach Beendigung der Turnstunde durch das Dorf. Flugs machten die Kriegervereinler aus dem Zusammengehen einen geschlossenen Umzug und erstatteten der Gendarmerie in Nieder⸗Wöllstadt eine diesbezügliche Anzeige. Diese gab auch gleich der Denunziation„der Helden vom 16. Juni“ durch eine Anzeige der betreffen⸗ den Turner statt. Hierauf erhielten diese ein Straf⸗ mandat in der Höhe von je 11.10 Mk. zugestellt. Die Betreffenden erhoben gegen diese Strafe Einwand, wes⸗ halb das Schöffengericht die Sache zu entscheiden hat. Trotzdem hier wieder, wie am 22. September, von den Turner„hineinzulegen“, erging es ihnen wie bei der Verhandlung am 22. v. M.: alle ihre Beschuldigungen stürzten zusammen wie ein Kartenhänschen. Es erfolgte wiederum die kostenlose Freisprechung, ja das Gericht war von der Haltlosigkeit der Beschuldigungen so überzeugt, daß es selbst die Kosten der Verteidigung der Staats⸗ lasse auferlegte. Allgemein war der Eindruck der Ver⸗ handlung der, daß die Kost und Konsorten, nachdem sie erkannten, daß ihre am 16. Juni vollbrachten Hunnen⸗ taten ein gerichtliches Nachspiel bekamen, mit allen Mitteln darauf hinarbeiteten, ihren Gegnern(dazu gehört auch jetzt der Turnverein) einen Strick zu drehen, denn gewiß fühlten sie schon damals, daß bei Ver⸗ handlungen über den Wahlkrawall diese doch straflos bleiben würden. Um sich jedoch zu rächen, machten sie diese Denunziation, und genau so kläglich wie da⸗ mals, haben sie abgeschnitten. 5 — Christliche Nächstenliebe scheint bei dem Friedberger städtischen Hospital auch ein seltener Artikel zu sein. Nach einer durch die Blätter gehenden Notiz kam dort am Sonntag eine Frau mit dem Homburger Zuge an, die sich in die Marburger 0 ier ihrer burtswehen ein und die Dame wurde durch einige Leute nach dem städtischen Hospital gebracht. Hier aber geschah das schier Unbe⸗ greifliche: mangels einer Aufnahme⸗ bescheinigung wurde die Dame nicht auf⸗ genommen. In ihrer Hilflosigkeit kam die Dame allein wieder nach dem Bahnhofe zurück, woselbst sie bald darauf niederkam. Durch den diensttuenden Bahnhofsportier und andere Bahnbeamte wurde die Stationsverwaltung und die Polizei benachrichtigt. Zufällig kam thias und leistete die erste Hilfe. Nachdem eine Nachbarschaft wohnende Wirtsfrau Kleidungsstücke herbeigebracht hatte, wurde die Aufnahme gestattet wur de. g Das ist doch wirklich ein starkes Stück. Zu was ist denn ein Krankenhaus da? Ein solches Verfahren ist doch der reine Hohn auf die einfachsten Gebote der Menschlichkeit.— Ein ähnliches Stückchen christlicher Nächstenliebe spielte sich am 30. Sept. in Sten dal ab. Dort verweigerte man einem jungen Mädchen, das von der Niederkunft auf der Straße über⸗ rascht worden war, ebenfalls die Aufnahme in's Krankenhaus und führte es zu Fuß dem b. Die Bluttat in Vilbel, der am Samstag vor 8 Tagen der Tagelöhner Acker⸗ suchung wie folgt abgespielt: Der erstochene Ackermann begleitete am Sonntag Abend einen Schreiner nach dessen Wohnung. Mehrere um an demselben ihr Mütchen zu mann den tötlichen Stich direkt ins Herz, während der Schreiner ohne Verletzung davon kam. Der Täter, Taglöhner Eckhard, hat ein dahingehendes Geständnis abgelegt. Der Er⸗ stochene wird allgemein als ein braver Mensch geschildert; sein tragischer Tod erregt allgemeines Bedauern. aus dem Nreise Alsfeld⸗Cauterbach. b. Vom Kriegervereinsfeste. Vor dem Schöffengericht in Alsfeld spielte sich am Montag eine interessante Gerichtsverhandlung ab. Der Be⸗ leidigung und Körperverletzung angeklagt erschienen der treter der Stöckerei und Muckerei unter dem Namen Bezirkskriegervereinsfeste in Vadenrod teil. Dort trat Völ⸗ zing, der Mitglied des Kriegervereins ist, an den Tisch des Keutel, schrie diesen an, er sei Sozialdemokrat, schlug auf den Tisch nnd stieß gegen Keutel, der dem Krieger⸗ verein nicht angehört, Drohungen aus. Der Bedrohte warf dem Völzing das Bierglas an den Kopf, daß dieser zu Boden stürzte, 14 Tage arbeitsunfähig war und ärztliche Hilfe in Auspruch nehmen mußte. Völzing erklärte bei der Beweisaufnahme, er sei be⸗ trunken gewesen, wisse nichts mehr von dem Streit, will auch den Wurf kaum bemerkt haben. Dem Keutel sagte der Vorsitzende ganz richtig, es wäre besser gewesen, wenn er dem Feste fern geblieben wäre. K. bemerkte, er habe Vergnügen, nicht Streit gesucht. In seinem Plaidoyer führte der Amtsanwalt aus, Sozialdemokrat sei keine Beleidigung, es sei auch keine Unehre, ein solcher zu sein, auch nicht wisse, was das ist, so liegt doch eine Beleidigung darin, es brauche sich niemand zu Unrecht zum Angehörigen einer beliebigen Partei stempeln zu lassen. Rechtsanwalt Dornseiff, der den Keutel als Nebenkläger vertrat, sieht in der Handlungsweise Keutels einen Akt der Notwehr, die sein Klient auch nicht überschritten habe. Für jeden der Angeklagten bean⸗ tragte der Amtsanwalt 30 Mark Geldstrafe; das Ge⸗ richt verurteilte nur Völzing zu dieser Strafe, während Keutel freigesprochen wurde. Aus dem Rreise Wetzlar. + Zur Landtagswahl. Während die Ver⸗ — Deutschkonservativ— an dem früheren Landrat Stackmann festhalten, haben die Nationalliberalen ihren Vorsitzenden Justizrat Aldefeld fallen lassen. Der nationalliberale Verein hat— unter dem Einfluß des Präsidenten der Handelskammer— die Kandidatur einem„geborenen“ Vertreter der Großindustrie, Berg⸗ werksdirektor Roth angeboten. Die Volksschullehrer scheinen indessen von dieser Wendung der Dinge nicht erbaut zu sein und bringen den Rektor Schmidt in Köln zum Vorschlag. Schmidt ist im Kretse beheimatet und scheint sein Namen innerhalb der Lehrer⸗Organi⸗ sation des Rheinlandes einen guten Klang zu haben. Wenn die Volksschullehrer, welche gegenüber der klerikal⸗ konservativen Reaktion, in erster Linie sich ihrer Haut wehren müssen, mit ihrem Wahlvorschlag Stand halten, so wird der Industrlekandidat diesmal weichen müssen, da ohne die Lehrer die Nationalliberalen auf dem Lande längst abgesägt wären. I In der Eisenbahnfrage Wetzlar⸗Usingen scheinen sich die herrschenden Gewalten wie Landrat, Handelskammer usw. auf die Solmsbachstrecke festlegen zu wollen. Wir bekämen dann den— merkwürdigsten „Landes aufschluß“, der bis jetzt da war, da diese Strecke bei nur 6 Kilometer Abstand mit der Weilthalstrecke parallel läuft und somit die Hauptsache links liegen läßt. Aus dem Rreise Marburg⸗Rirchhain. Bh. Ueber den Parteitag erstattete unser Delegierter Dr. Michels in der am Samstag im Lokale Jesberg stattgefundenen, gutbesuchten Versamm⸗ lung Bericht. Vorher entschuldigte Genosse Härtling die späte Bekanntmachung der Versammlung, die weder früher noch später stattfinden konnte, weil Gen. Michels ö verreisen mußte. Ausführlich schilderte unser Delegierter hierauf die Dresdener Verhandlungen und besprach die vom Parteitag gefaßten Beschlüsse. Auf die Marburger Stichwahlangelegenheit ging er ebenfalls näher ein und bemerkte dazu, daß Heine damals das Telegramm an Gerlach nicht aus Freundschaft, sondern nur„im Interesse der Partei“ gesandt hätte, und daß es„nicht so gemeint“ war, wie wir es auffaßten. Auch sei jetzt die alte Freundschaft zwischen Gerlach und Heine aufgehoben. Redner legte der Versammlung folgende Resolution vor: „Die Parteiversammlung erklärt sich mit der Tendenz der auf dem Parteitag in Dresden gefaßten Beschlüsse einverstanden. Sie sieht in denselben die Gewißheit, daß die Partei in ihrer überwiegenden Mehrheit den Weg zur Beseitigung der bürgerlichen Gesellschaft nur in der Wahrung des unversöhnlichen und unüberbrück⸗ baren Klassencharakters der Partei sieht.“ Rößler beantragte folgenden Zusatz:„Die Versammlung spricht dagegen ihr lebhaftes Bedauern aus über den schroffen und gehässigen Ton, der auf dem Parteitag den einzelnen Genossen gegenüber angeschlagen wurde. Die Versamm⸗ lung hätte erwartet, daß die Zeit, die für die persön⸗ lichen Reibereien vergeudet wurde, zu etwas Besserem hätte verwendet werden können.“ Die Versammlung beschließt in diesem Sinne. Als Vertrauensmann wurde Genosse Härtling wiedergewählt. R. Ortskrankenkasse. Wie der Vor⸗ stand der Marburger Ortskrankenkasse bekannt macht, findet die Generalversammlung am Donnerstag den 15. Oktober Abends 8 Uhr in der alten Realschule am lutherischen Kirch⸗ hof statt. Da auch in dieser Versammlung die Maurer Völzing von Oberbreidenbach und der Dienst⸗ knecht Keutel⸗ Storndorf. Beide nahmen an dem glieder der Krankenkasse, in dieser Versammlung zahlreich zu erscheinen. Namentlich werden die organisterten Arbeiter, die dieser Kasse angehören, ersucht, eine lebhafte Propaganda für diese Versammlung zu entfalten, sintemal die Krieger⸗ vereinler, an ihrer Spitze der altbekannte Herr Haupt aus Ockershausen schon eine leb⸗ hafte Agitation unter seinen Anhängern ent⸗ faltet, um bei der Ersatzwahl des Vorstandes sich und seine Kameraden wieder durchzudrücken. Um dies zu verhindern, ersucht die Gewerkschafts⸗ kommission, bei der Wahl des Vorstandes für die von der Kommission aufgestellten Kandidaten: Peter Wolf und Christian Euler zu stimmen. — Ein schweres Verbrechen wurde in Bad⸗Nauheim verübt. In der Villa„Saxonia“ brach ein Dieb ein, der, als er sich von der dort wohnenden Frau überrascht sah, auf diese losschlug und sie lebensgefährlich verletzte. Die Ueberfallene ist die Frau des Arztes Dr. Stroschein in Dresden. Seinen Schüler totgeprügelt hat der Hauslehrer des Berliner Bankdirektors Koch, Dippold, der gegenwärtig sich vor dem Schwurgericht in Bayreuth zu ver⸗ antworten hakt. Grauenhaft sind die Einzel⸗ heiten der viehischen Mißhandlungen, die dem Angeklagten nachgewiesen werden. Kleine Mitteilungen. l Wieder einer. In Freiburg i. B. wurde der Kaplan Otto Heimlich von Konstanz wegen Sittlichkeits vergehen zu 1 Jahr Gefängnis und 3 Jahren Ehrverlust verurteilt. * Bankschwindler Terlinden aus Ober⸗ hausen, der im Juli wegen Betrugs und anderem zu 6 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, hatte gegen das Urteil Revistou eingelegt. Das Reichsgericht hat dieselbe verworfen. Partei-Uachrichten. Das Protokoll vom Parteitag ist soeben erschienen. Ein Sprechregister, sowie ein ausführliches Sachregister erleichtern das Nachschlagen der einzelnen Gegenstände der Verhandlungen. Der Preis für das 428 Seiten starke Protokoll ist 74 Pfg., gebd. 1 Mark Zu haben in der Expedition der Mitteld. Sonnt.⸗Ztg Versammlungskalender. Samstag, den 10. Oktober. Heuchelheim. Parteiversammlung. 9 Uhr bei Wirt Heinrich Volkmann. ordnung: Bericht über den Parteitag. Montag, den 12. Oktober. Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Mittwoch, den 14. Oktober. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig. Sonntag, den 18. Oktober. Abends Tages⸗ Friedberg. Soz.⸗dem. Wahlverein. Nach⸗ mittags 3 Uhr Versammlung bei Ihl. Tages⸗ ordnung: Berichterstattung vom Parteitag. Ref.: Busold. Die Orte der Umgebung sind eingeladen. — 2 empfehle mein reichhaltiges E chuhwaren-Lager in gediegenen, soliden Qualitäten zu billigsten Preisen. Arbeiterschuhe und Stiefel Sowie sämtl. Winterschuhwaren in jeder Preislage und reicher Auswahl. Anfertigung nach Mass! Reparaturen werden in eigener Werkstatt rasch, gut und billig ausgeführt. Justus Benner Marktstrasse 34. Stiiullebund- heulte. Spielplan für Giessen. Montag, 12. Okt.(Theaterverein). Gastspiel Sorma: „Die versunkene Glocke“. Dienstag, 13. Okt.:„Miuna von Barnhelm“, Volksvorstellung. Freitag, 16. Okt.:„Ueber den Wassern“. Spielplan für Marburg. Ersatzwahl des Vorstandes staltfindet, so ersucht die Gewerkschaftskommisston die Mit⸗ Sonntag, 11. Okt.„Blinder Passagier“. Donnerstag, 15. Okt.:„Ueber den assern““. . — r — — 5 — — . . ä ä — Seite 6. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 41. Von Nah und Lern. Kriegervereinliche„Manneszucht.“ Vor der Strafkammer in Sondershausen wurde ein Ueberfall durch patriotische Krieger⸗ vereinler verhandelt. Der Landwirt Bracke, der Arbeiter Göhring, der Dienstknecht Hirsch⸗ feld und der Arbeiter Koch, sämtlich in Trebra, hatten sich wegen gefährlicher Kör per⸗ verletzung bezw. wegen öffentlicher Beleidig⸗ ung zu verantworten. Am Sonntag, den 14. Juni kehrte der Kriegerverein von Trebra, dem die oben Genannten angehören, von einem Bezirkskriegerfest nach Hause zurück. Unterwegs trafen ste den Landwirt Tettenborn, der in Begleitung eines Mädchens ebenfalls, nach Trebra zurückging. Diesen belästigten die tapferen Krieger und schlugen ihn dermaßen, daß er acht Tage lang arbeitsunfähig war und ärztlich behandelt werden mußte. Einer der Helden wurden zu einem Jahre, ein anderer zu ½ Jahr und ein dritter zu 2 Wochen Gefängnts verurteilt. Hunnische Praktiken. In der Nacht zum Sonnabend(26. 9.) entstand in Benneckenstein am Harz ein Streit zwischen einem Marine⸗Unteroffizier, der erst vor wenigen Wochen von China zurückgekehrt war, und einem Infanteriegefreiten. Im Lauf dieses Streites machten beide von den Waffen Gebrauch. Der Chinakämpfer, der seinen Dolch gut zu führen wußte, verletzte den Gefreiten an Schulter, Arm und Kopf sehr schwer, so daß er in ärztliche Behandlung genommen werden mußte. Vorher hatten beide zusammen gezecht. Eisenbahnattentat zweier Deserteure. Zwei Musketiere des 28. Inf.⸗Regiments faßten den teuflichen Plan, nachdem ste deser⸗ tiert waren, vor Caub einen Eisenbahnzug zum Entgleisen zu bringen, um, wie sie vor der in Koblenz stattgehabten Kriegsgerichts⸗ sitzung erklärten, die verunglückten Reisenden zu berauben. Sie legten schwere Holzschwellen quer über die Bahngeleise und verrammelten dieselben. Glücklicherweise entdeckten die Bahn⸗ wärter am Abend das Hindernis, sonst wäre durch Entgleisung des unmittelbar darauf die Stelle passierenden süddeutschen Schnellzuges ein unabsehbares Unglück geschehen. Beide noch wegen Diebstahls Angeklagte erhielten 7¼ Jahre Zuchthaus und 10 Jahre Ehrverlust. Außer⸗ dem wurde auf Entfernung aus dem Heere erkannt. Auffällig ist, daß bei diesem Regiment 115 sehr zahlreich Desertionen vorgekommen ind. Bestechliche Gerichtsbeamte sind vorige Woche vor dem Schwurgericht Berlin abgeurteilt worden. Der Haupt- angeklagte Staatsanwaltschaftsekretär Baganz wurde zu 4 Jahren Zuchthaus und acht Jahren Ehrverlust verurteilt, seine Frau erhielt ö Jahre Gefängnis. Aufrecht erhielt 600 Mk. Geldstrafe, Puchmüller 3 Monate, Sanden 1 Monat Gefängnis; Justizrat Raetzel ist freigesprochen. Hörmann erhielt 4 Monate Gefängnis, Bolzin 300 Mk. Geldstrafe. Der Betrag von den Verurteilten angenommenen Gelder in Höhe von 12000 Mk. wurde als dem Staat verfallen erklärt.— Die Verurteilten hatten sich die Vergehen bei Ge⸗ legenheit des Prozesses gegen den frommen F Sanden zu schulden kommen assen. Die fruchtbarste Stadt der Welt— soweit der Bevölkerungszuwachs in Betracht kommt— ist nach der vergleichenden Bevölkerungs⸗Statistik der Großstädte eine deutsche Stadt und zwar Essen. Diese Stadt stand bezüglich der Geburtshäufigkeit im Jahre 1901 an der Spitze aller Großstädte. Die Geburtsziffer betrug auf 1000 Einwohner 47,1, am nächsten kommen wiederum zwei deutsche Städte, Mannheim mit 43,9 und Nürn⸗ berg mit 41,3. Von ausländischen Groß⸗ städten weist nur die argentinische Stadt Ro⸗ sario da Santa⸗Jé eine Geburtsziffer von über 40 auf. Bei den Milltonenstädten entfallen relativ die meisten Geburten auf Mos kau (30,9); es folgen alsdann Wien, London, Berlin, New⸗York und Paris(21,3). Die niedrigsten Geburtsziffern zeigen die fran⸗ zösischen Städte Lyon, Bordeaux, und Toulouse (18- 19). Noch niedriger ist die Ziffer in Rio de Janeiro: 17,4. b Unterhaltungs-Ceil. 1 8 ——ů—ů 2 Armut. Die Armut lähmt gewaltig Des wackern Mannes Mut, Mehr als das drückende Alter, Mehr als die Fieberglut. Ihr zu entgehen, muß mancher Ins schaurige Wellengrab, Su den Ungeheuern sich stürzen Und jäh vom Felsen herab. Der Mann, den die Armut knechtet, Ist frei zu keiner Frist, Weil ihm im Reden und Handeln Die Sunge gebunden ist. Theognis. Der Sieg des Schwachen. Erzählung von Melchior Meyr. II. Wer die Menschen kennt, der weiß, daß man eigentlich nur auffallend gutmütig zu sein braucht, um den Geist der Bosheit gegen sich in Bewegung zu setzen. Ist der Gutmütige noch selbstgefällig und empfindlich, dann ist das Maß der Anziehungskraft voll, und es scheint, als ob niemand ein anderes Geschäft hätte, als so einem den Humor zu verderben und Verdruß zu bereiten. Tobias hatte als Inhaber dieser Eigenschaft bereits als Schuljunge viel zu leiden. Es war, als ob die andern Buben kein größeres Vergnügen finden könnten, als ihn zu„trätzen“; und wenn ein Schlingel den An⸗ fang machte, so hatte er augenblicklich Genossen und was dem einen nicht einfiel, wußte der andere. Fing der Geärgerte in der Verzwelflung an zu schimpfen oder zu schlagen, so machte er seine Sache nicht besser. Er bekam die Hiebe zehnfach wieder, und wenn er zuletzt heulend davonlief, so wurde ihm noch ein boshaftes Gelächter nachgeschickt. Nach und nach fing er an zu fühlen, was für ihn das Geeignetere sei, und hütete sich, es so weit kommen zu lassen und die Spottreden der kleinen Bösewichter, wie sehr sie ihn kränkten und schmerzten, mit Re⸗ signation auszuhalten, bis sie aus Mangel an Wirkung versiegten. Als er herangewachsen war und mit den ledigen Burschen ins Wirtshaus und auf die Gasse ging, wurde dasselbe Stückchen, nur in einer anderer Tonart, weiter gespielt. Es waren ja meist die nämlichen Menschen, die ihn als Buben geplagt und erfahren hatten, wie sehr er sich dazu eigne, und wie trefflich man an ihm den Uebermut, der ein Opfer haben muß, auslassen könne. Lange hielt an sich oder antwortete mit Entgegungsversuchen, womit er's seiner Meiuung dem unverschämten Menschen tüchtig hiuausgab, die aber im Grunde bloße Empfangsbescheinigungen der erhaltenen Stiche waren und als solche erheiternd nur zu gesteiger⸗ ten Angriffen reizten. Eines Tages riß ihm aber die Geduld. Am Wirtstisch von den boshaften Burschen des Dorfes in die Mitte genommen und durch an⸗ zügliche Reden über seine Person und seinen Stand endlich rasend gemacht, griff er in den instinktiven Gefühl, daß seine Faust auch im Schwunge des Zornes nicht gewichtvoll genug sein möchte, nach dem Bierkrug und schlug den Aergsten, der ihn eben am wehesten getan, mit „ner hölle mäßige Geschwindigkeit“ hinter die Ohren, daß die Folgen sogleich sichtbar wurden und mit Blut vermischt von dem dicken Schädel. herabfloß. Das war unerhört, und recht eigent⸗ lich empört mußten die Kerle über den un⸗ verschämten Schneider sein, der nicht einmal Spaß verstand und ihnen so einfältig ihre Freude verdarb. In gerechter Entrüstung fielen ste über den Armen her, zerdroschen ihn jammer⸗ lich und schleuderten ihn, der im höchsten Grimme sich wehrte und auch seinerseits noch ein paar unangenehme Stöße austeilte, in die Nacht des Wirtshaushofs hinaus. Genau genommen war es für den Einen und Feinen keine Schande, von vier Lümmeln überwältigt zu sein, viel⸗ mehr der Umstand, daß viele gegen Einen be⸗ schäftigt waren, eine Ehre; aber so groß war die Ungerechtigkeit schon in bezug auf ihn, daß am anderen Tage die Leute, die ihm begegneten doch Spottmienen zeigten und seine etwas prahlende Versicherung gegen einen Bekannten, daß vier Kerle nötig gewesen seien, ihn aus der Wirtschaft hinauszuwerfen, nur ein vergnügtes Lachen hervorrief. So von mehreren Seiten zum Nachdenken gemahnt, erkannte er wieder das Ratsamere und faßte den Entschluß, zum bösen Spiele höhnender Worte gute Miene zu machen und sich hauptsächlich auf das zu legen, worauf er am Ende doch von der Natur am meisten angewiesen war— auf die Geduld. Er hatte die Kraft, diesem Entschluß, äußer⸗ lich wenigstens, nachzuleben. Er setzte dem hier und da wiederkehrenden Gestichel ein ruhiges Gesicht oder ein stilles Achselzucken entgegen, bis es endlich ganz aufhörte. Erneuerte Attacken, die an fernere Gelegenheiten anknüpften, suchte er mit Repliken abzuweisen, die er bei andern wirksam gesehen hatte, und den stärksten gelang es nur, ihm jenes schmerzliche Lächeln abzu⸗ nötigen, wodurch verletzte Seelen einen Teil ihrer innern Bewegungen verraten. Denn die Verletzlichkeit selbst konnte er nicht ablegen— immer mußte es ihn verdrießen, daß er, der durch Feinheit und guten Charakter offenbar weit über den groben Burschen stand, von diesen sich begegnen lassen sollte, als ob er tief unter ihnen stände.— Aber konnte er sich nicht auf andere Weise helfen? Konnte er die Menschen nicht in seinen Gedanken heruntermachen und ihnen die Titel geben, die ihnen gebührten? Ja, konnte er sie hier nicht auch tatsächlich behan⸗ deln wie sie's verdienten? Er machte denn zuletzt, wie es mancher ehrliche Deutsche tut, eine Faust in der Tasche und regalierte seine Feinde mit ideellen Schlägen, denen zu seinem vollständigen Triumph nichts abging als eben die gemeine Wirklichkeit. Hatte man ihm eines Abends übel mitgespielt und er saß zu Hause und arbeitete mit der Nadel, so stach er diese nicht ins Tuch, sondern ins Fleisch irgend eines Unverschämten, daß es Blut gab und der Tropf zuckte und Ach und Wehe schrie. Wenn er den Schneiderhammer schwang so klopfte er nicht eine Falte, sondern den breiten Rücken eines boshaften Spötters aus, wobei ihm namentlich dessen klägliche Wider⸗ standslosigkeit innig erfreute. War er beson⸗ ders erzürnt und handhabte er die Sense auf der Wiese, so mähte er statt des Grases seinen Widersachern die Beine weg, daß sie jämmer⸗ lich um und um purzelten und dalagen, daß es eine Schande war. Eine solche Strafe war indessen für bloße Worte, so impertinent sie auch gewesen sein mochten, doch etwas stark; die Rachbegierde des Guten war hier schneller gesättigt, und indem er die Handlung nun selber grausam fand, war es im zuletzt lieb, daß er eigentlich doch nicht die Beine von Menschen, sondern bloß Gras entzwei geschnitten hatte, worüber der Augenschein keinen Zweifel ließ. Er kounte dann auch über sich selbst lächeln, der gute Tobias; aber die Sense wetzte er doch mit Behagen und schritt mit aufgehellter Miene zur Fortsetzung der Arbeit. Die Natur mit ihrem stchern Takte findet in allen Verhältnissen die entsprechende Arznei für die Wunden des Lebens, und so lernte auch unser Freund die Mängel des irdischen Daseins die ihm oft so schweren Verdruß bereiteten, durch die Phantasie heben und sich das in der Wirklichkeit für ihn nicht existierende wenigstens 1 .......——......—.—ß—ß5ß,. 2 5 0 9 1 5 1 N hn 4 t- n-. fal len er⸗ 0 ur hes har de, el be⸗ har aß fen 8 en, der s ten der um er, am er en 25 el, re wurde Tobias 24 Jahre alt. Nr. 41. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. einbilden. Das gute Hausmittel half bei ihm wie bei andern; er wurde heiterer und nach und nach in der Tat fähig, die Unbilden leichter hinzunehmen, die sich ihm nun auch weniger andrängten. Ganz nach seinen Vorsätzen kann niemand leben, und Rückfälle gibt es immer und überall. Bei Tobias führten aber diese wenigstens nichts außerordentliches mehr herbei. Er war eben der„junge Schneider“ oder der „Schneider Tobias“ und spielte als solcher eine Rolle im Dorfe, an die sich die Leute und endlich er sich selber gewöhnten. Die Geduld, die zur Durchführung derselben immerhin erforderlich war, hatte er indes nicht nur unter den Leuten, sondern auch zu Hause nötig, und da zeitweils mehr als draußen. Sein Vater mochte ihn nicht. Einem Manne, den keiner zu vexieren wagte und der, wenn's darauf ankam, eher Unrecht tun als leiden konnte, diesem mußte es natürlich fatal sein, einen Sohn zu haben, der von andern Kränk⸗ ungen hinnahm.„Wie komm ich zu diesem Meuschen?“ fragte er sich manchmal im Unmut über irgend einen ihm zugegangenen Bericht. Die Antwort, daß er eben der Mutter nach⸗ schlage, lag freilich nahe; aber er sagte dann: „Was sich für ein Weib schickt, das ist für einen Mann eine Schande! Sich so etwas ge⸗ fallen lassen! Aus dem wird nie etwas, nicht einmal ein rechter Schneider!“ Wenn Tobias folgsam war und ehrbar seine Arbeit tat, so half ihm das nicht viel; denn in den Augen des Alten tat er damit nur seine verdammte Schuldigkeit, und am Ende, was war er denn, wenn er nicht einmal das konnte? Machte er aber zufällig einen Fehler oder ließ er sich gar eine Anwandlung von Selbständigkeit beikommen, dann loderte in dem Alten der Verdruß über den Wicht um so rascher und heftiger auf, und die Verachtung schärfte die Strafe, welche die väterliche Gerechtigkeit diktieren zu müssen glaubte. Der Gedemütigte konnte sich dann nicht einmal an dem Bruder erholen, und die schönen Titel, die er erhielt, an diesen weitergeben; denn Kaspar, obwohl zehn Jahre jünger, war ein trotziger Bursch, der sich gegen ihn stellte und um so kecker wurde, je mehr er wahrnahm, wo es bei Tobias eigentlich haperte, und daß er im Notfall mit Sicherheit auf den Beistand des Alten rechnen konnte. f Unter solchen Erfahrungen und Beziehungen Trotz dem höheren Streben, das in ihm lag, war er stets im 1 väterlichen Hause geblieben. Auf die Wander⸗ ung hatte er sich nicht begeben, weil der Vater ihn nicht entbehren konnte, und in die Reihen der Landesverteidiger war er nicht eingetreten, weil er sich freigespielt hatte. Nun handelte es sich aber darum, an das Scheiden aus dem bisherigen Verbande gleichwohl zu denken: er mußte die Frage der künftigen Existenz in's Auge fassen. Das Haus des Schneiders war 1 Kaspar bestimmt, Tobias mußte sich einen eigenen Herd erheiraten oder mit Hilfe einer wohldotierten Hochzeiterin kaufen. Durch die Sorge der Mutter war ihm eine bestimmte Summe ausgemacht worden, aber keine sehr bedeutende, und wenn sie der Vater nicht groß⸗ mütig ergänzte(was wenig Wahrscheinlichkeit hatte), so mußte Tobias, sofern er weise handelte, entweder unverheiratet bleiben oder sich nach einem Mädchen umsehen, das ein ordentliches Vermögen hatte. ö Die Alternative war vor ihn gestellt, und jfindem er sie reiflich erwog, ging in seinem Innern eine gewisse Veränderung vor. Erfahrene wissen, daß die poetischen Träume recht schön sind für die Jugend, daß aber nach und nach eine Zeit herankommt, wo sie weniger befriedigend erscheinen und sehr an Wert verlieren, während etwas Reelles, das man bisher für unangenehmlich, ja in stolzen Momenten für unwürdig gehalten hatte ein freundlicheres Aussehen gewinnt und im Preise steigt. Das wirkliche Leben tritt mit den Idealen des Herzens in Kampf, und dieser endet in der Regel damit, daß die ätherischen Mächte weichen müssen und der große Begriff der Versorgung das Feld behauptet. Wenn dies feinerzogenen und zartgesinnten Stadt- kindern begegnet, um wie viel mehr dem Dorf⸗ sohn, dem praktischeres Wesen angeboren ist und der nur ausnahmsweise städtischer Ideali⸗ tät etwas näher treten kann. Tobias hatte sich freilich immer ein Mädchen gewünscht, das nicht nur ausnehmend schön und angenehm, son⸗ dern auch bedeutend reich war, das er über alles liebte, das ihn durchaus wollte, und von dem auserwählt alle seine Neider und Feinde und sogar seinen Vater, der ihn so tief ver⸗ kannte, tief beschämen konnte. Allein bis jetzt hatte sich ein solches nicht gezeigt, und es war nicht viel Aussicht vorhanden, daß es sich dem⸗ nächst finden werde. In einzeln Momenten stellte sich ihm nun der Gedanke ein, daß er am Ende gar keine kriegen könnte! Und in dem bänglichen Ge⸗ fühl, welches diese Vorstellung in ihm erweckte, mußte jede gewinnen, die, von andern Eigen⸗ schaften abgesehen, mindestens den Vorteil hatte, daß sie eine„Reiche“ war. Als er sechs Wochen ins fünfundzwanzigste Jahr ging, sah es aus, als ob just das ge⸗ schehen sollte, was von allem das Unwahr⸗ scheinlichste war. Seine Gutmütigkeit hatte dem Schneider einen Streich gespielt. Bei einem Geschäftsbesuch, den er im Hause des Webers machte, hatte Sibylle die Wünsche ihres Herzes wieder so deutlich merken lassen und ihn dabei mit ihrem halb männlichen Gesicht so weiblich verlangend augesehen, daß er, geschmeichelt und gerührt, den Blick viel freundlicher erwiderte, als er's je für möglich gehalten hätte. Ihre Hoffnungen wurden da⸗ durch ungemein belebt und traten im Laufe des Gesprächs in einer Anspielung hervor, die niemand mißverstehen konnte. Ein zufällig An⸗ wesender teilte seine Vermutung bei der nächsten Gelegenheit dem alten Eber mit, und dieser fand die Sache nicht unerwünscht. Er sprach den Sohn gleich drum an; und als Tobias bemerkte, daß er die freilich haben könnte, wenn er sie wollte, versetzte der Alte: „Schön ist sie nicht, und gar soviel wird sie auch nicht mitkriegen; aber ein rechtes Mädchen ist sie sonst, und Du darfst nicht hoffärtig sein. Ich glaub, Du tätst gut, wenn Du's richtig machtest mit ihr; denn eine andere, die was hat, kriegst Du doch nicht!“ „Oho!“ entgegnete Tobias im Gefühl der Beliebheit, deren er sich bei den Mädchen noch immer erfreute. Der Altessah ihn spöttisch lächelnd an. „Ja, in Deiner Einbildung kannst Du alle haben, das weiß ich schon!— Nun, überleg Dir die Sach'!“ Dieser letzte Satz war mit einem Blick be⸗ gleitet, der einen Befehl enthielt; und Tobias, dort gelockt, hier getrieben, fing an, die Sache näher zu betrachten. In kurzem war er schon mit der Vorstellung schon vertraut, und ein paar Tage darauf beinahe damit befreundet. (Fortsetzung folgt.) Splitter. Es kommt mit Macht die neue Zeit Trotz allem Dawidereifern, Und wer ste nicht begreifen will, Der muß ste halt begeifern. Reichel. *ñ* ** Die Wahrheit ist im Wein— Das heißt: in unsern Tagen Muß einer betrunken sein, 5 Um Lust zu haben, die Wahrheit zu sagen. Rückert. * ** Wenig große Lieder bleiben, Mag ihr Ruhm auch stolzer sein, Doch die kleinen Sprüche schreiben, Sich in's Herz des Volkes ein; Schlagen Wurzel, treiben Blüte, Tragen Frucht und wirken fort. Wunder wirkt oft im Gemüte Ein geweihtes Dichterwort. Bodenstedt. Alles Häßliche, das uns entgegenstarrt Auf Erden ist von solcher Art, Daß wir gezwungen sind, Mit Bewußtsein zu handeln, Um es in Schönheit zu verwandeln. Humoristisches. Einigkeit macht stark.„Ach Frau Müller, 100 ich immer für Aerger mit meinem Schwiegersohne abe!“ „Schämen Sie sich, Frau Schulze, mit einem! — Da sehen Sie einmal mich an; ich habe acht— und die haben neulich eine„freie Kampfgen ossen⸗ schaft“ gegen mich gebildet!“ Resolute Gäste.„Aber meine Herren, wenn Sie herausgeschmissen worden sind, dann sollten Sie doch ruhig nach Hause geheu! Sie machen sich ja nur strafbar, indem Sie sich mit Gewalt den Eintritt er⸗ zwingen!“ „Was, strafbar? Wir sind ja der Wirt und der Haus knecht, und die Gäst' haben uns'naus⸗ g'schmissen!“— — ꝓ—ꝓ—— ꝙ ̃— Zr—— Geschichtskalender. 11. Oktober. 1996: Sszialist. Parteitag in Gotha. 1531: Ulrich Zwingli fällt in der Schlacht bei Kappel. 12. 1890: Erster sozialdemokratische Parteitag nach dem Sozialistengesetz in Halle. 1896: Leutnant Brüsewitz ersticht den Mechaniler Siepmann in Karls⸗ ruhe. 1492: Kolumbus entdeckt Amerika. 13. 1895: Wilh. II. Mord⸗Beileids⸗Depesche nach Mülhausen.(Möge das Volk fich endlich ermannen!) 1435: Herzog Ernst von Bayern läßt Agnes Bernauer ertränken. 14. Charlotte Embden, Heinr. Heines Lieblings⸗ schwester T. 1863: Lassalles Aufruf an die Berliner Arbei ter. 15. 1890: Wilhelm II. Rede von den„Edelsten und Besten der Nation“. 1844: Friedrich Nietzsche, Philosoph,*. 17 16. 1901: Märchenbrunnen⸗Angelegenheit in der Berliner Stadtverordnetenversammlung. 17. 1859: John Browns Aufstand zur Neger⸗ befreiung in Missouri. 1851: Emanuel Geibel, Dichter,“. — 8—— Litterarisches. 28 Jahre Kampf und Sieg. nter diesem Titel erscheint in der Buchhandlung „Vorwärts“ eine Schrift zur Erinnerung an die Kämpfe unserer Partei unter dem Sozialistengesetz. Als vor 25 Jahren das Sozialistengesetz geschaffen wurde, sollte es die Sozialdemokratie vernichten. Die Arbeiterklasse hat das Gesetz nach 12 jährigem Kampfe siegreich überwunden. Aber die Arbeiter dürfen die Scheußlichkeiten nicht vergessen, die die Bismarck⸗Putt⸗ kammer und ihre Polizeitrabanten an ihnen verübt haben. Es soll diese„Erinnerungsnummer“ älteren Genossen die ernsten und heiteren Szenen jener Zeit in's Gedächtnis zurückrufen; den jüngeren wird sie ein Stück Parteigeschichte bieten. Sie soll gewidmet sein: „Den Alten zur Ehr'— den Jungen zur Lehr'“. Aus den textlichen Beiträgen heben wir:„Rückblicke und Erinnerungen“ von Aug. Bebel.—„Der Sozial⸗ demokrat“ von Eduard Bernstein.—„Erinnerungen aus der Zeit des Sozialistengesetzes“ von Paul Singer. —„Den Opfern zur Ehre“ von J. Auer.—„Mitten durch den Feind“ von Jul. Motteler.— Clara Müller hat das Leitgedicht geliefert:„Nach 25 Jahren“. Auch die Illustrationen find der Erinnerung an jene Kampf- tage gewidmet.— Die Nummer wird in sauberem Druck auf gutem Papier hergestellt, so daß der Verlag hoffen darf, bei den Parteigenossen Anklang damit zu finden. Empfehlenswerte sozialistische Schriften. Die Kolportage-Kommission des Wahlvereins— Gießen, Wirtschaft Orbig— empfiehlt: Der Neue⸗Welt⸗Kalender für 1904. Reicher Inhalt und viele Illustrationen. Preis 40 Pfg. Sozialistische Monatshefte. Jeden Monat ein zirka 80 Seiten starkes Heft. Preis pro Heft 50 Pfg. Freie Stunden. Beste Romanlitteratur. Illu⸗ striert. Wöchentlich ein Heft. A 10 Pfg. Die Vernichtung der Sozialdemokratie durch den Zentralverband deutscher Industrieller. Preis 20 Pfg. Die katholische Kirche und die Sozial⸗ demokratie. Von Karl Kautsky. Der Verfasser giebt in der kürzlich erschienenen Broschüre eine historische Darstellung der ökonomischen und politischen Grundlagen der katholischen Kirche und skizziert die prinzipielle und taktische Stellung, welche die Sozialdemokratie ihr gegen⸗ über einnimmt. Preis 30 Pfg.(Agitationsausgabe.) Grundsätze und Forderungen der Sozlal⸗ demokratie. Von Karl Kautsky und Bruno Schönlank. Preis 10 Pfg. Enthält eine kurzgefaßte, allgemein verständliche Er⸗ läuterung des Erfurter Programms. Muß jeder Genosse besitzen! — 2 8* — —— Glessen. N. REIS S Maäusburg 12 empfiehlt in größter Auswahl bei streug festen billigen Preisen uinterschuhe u. Stiefel für Damen, Herren, Kinder. Genagelte ALbellen schee Reparaturen schnell u. billig Wiederverkäuf. erhalten Rabatt. 0 von Mk. 50 7 5 Seite 8. Marburg. Arbeiter-Gesangverein„Eintracht“. Sonntag, 11. Oktober, abends 8 Uhr: Feier des 3. Stiftungs-Festes bestehend in Theater, Gesangsvorträgen und Tanz im Saale des Schloßgartens. Freunde und Gönner sind erzlich eingeladen. er Vorstand. Karten im Vorverkauf für Herren 50 Pfg. 1 Dame frei, jede weitere Dame 30 Pfg., an der Kasse 75 Pfg. Regulateure Brauche vorkommenden Brillen nach ärztlicher Vorschrift! Es wird mein eifrigstes Bestreben sein, meine werte Kundschaft pünktlich und reell zu bedienen. 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