N. len ring le g feine Sl—.——— — Nr. 2. 10 1999. Gießen, den 11. Januar 10. Jahrg. Nebaltlon: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteld euts che tags kit Nedaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark.] jeder Landbriefträger entgegen.(P. ⸗Z.⸗K. 5107) Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 2% bei 6 mal. Bestellung 33¼% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 500% Rabatt, F Juserate Die ögespalt. Bei mindestens Dem Volke muff die Religion erhalten werden. Im Feuilleton eines konservativen Blattes war dieser Tage, schreibt unser Hamburger Parteiorgan, eine Beschreibung jener tropischen Heuschrecke oder Cscade zu lesen, die„Gottes⸗ anbeterin“ und ähnlich auch wissenschaftlich Mantis religiosa heißt. Der Name wird er⸗ klärt aus der Gewohnheit des Insekts, seine Vorderbeine wie zum Gebet nach oben zu heben. Mit dieser Haltung aber bezwecke das Tier nichts weniger, als andächtige oder dankbare Gefühle zum Himmel zu senden, sondern sie sei ein Mittel niederträchtiger List. In dem gesenkten Köpfchen, ein erbauliches Bild von Demut, lauern die schwärzesten Absichten. Es kommt eine Fliege herbei; kaum ist sie in die Nähe der Heuchlerin gekommen, so richtet sich der Leib auf und die langen Vorderbeine schießen wie Pfeile nach der Beute, die gepackt und verzehrt wird. In der gleichen Spalte des Blattes über dem Strich war nun, wie zur Selbstverhöhnung, einer jener muckerischen Fest⸗ artikel zu lesen, vorin besonders die„Kreuz⸗ zeitung“ groß ist und worin die journalistische Gottesanbeterin mit frömmelnden Phrasen den Brotwucher verherrlicht und den Umsturz be⸗ kämpft. Die Tendenz, mittels der Religion der sozialen und politischen Volksbewegung Abbruch zu tun, den Geist der Freiheit zu narkottsieren zum Besten des bestehenden Regiments, be⸗ herrscht heutzutage wieder mehr als je das offizielle Kirchentum beider Konfessionen. Auch aufgeklärte und volkstümlich gestunte Geistliche können es gegenwärtig nicht mehr wagen, in lichtvollen Kanzelvorträgen wahrhaft bildend auf ihr Auditorium zu wirken, im Sinne des verstorbenen Philosophen und Aesthetikers Fr. Vischer, welcher schrieb:„Im besseren Staat wäre der Geistliche einfach Volks pädagog. Jeder magische Nimbus fiele weg. Geistlichkeit und Geistigkeit sind keine Synonyme(gleichbedeutende Worte). Es ist nur das kleine l, was den großen Strich dazwischen macht.“ Wenn man an Fest⸗ und Sonntagen die beim Glockenklang in die Kirchen strömenden Scharen erblickt, drängt sich der Gedanke auf: Wie sehr könnten doch diese arbeitsfreien Tage zur Hebung des geistigen— und zugleich sitt⸗ lichen— Niveaus dieser Leute verwertet, wie könnte der Horizont ihres Wissens erweitert, ihre Einsicht geklärt, ihr Verständnis für höhere Ideen geweckt werden, wenn die Stunden, die sie nicht der Erholung und Zerstreung widmen, hierzu ausgenützt würden; statt daß sie von einer rückständigen Gedankenwelt absorbirt wer⸗ den, von einem Kreis von Vorstellungen, die, auch wo sie nicht auf die weltliche eaktion zugespitzt sind, die Köpfe nicht erhellen, sondern verdunkeln! Die Erwachsenen können sich dem rp ein ansehnlicher Teil der Arbeiterschaft chöpft an Fest⸗ und Sonntagen geistige Erqutckung und Bereicherung des Wissens aus gesunder Lektüre und belehrenden und aufklärenden Vor⸗ trägen in Versammlungen. Nicht entziehen kann sich aber der sich breit machenden und den übrigen Kenntnissen Zeit und Kraft rauben⸗ den Religion die Volksschule. Wie viel Stunden der Religionsunterricht absorbirt zu schweren Beeinträchtigung der übrigen Fächer, das ist in der letzten Dezembertagung des württem⸗ bergischen Landtages von unserem Fraktions⸗ redner Hildenbrand kräftig zum Ausdruck ge⸗ bracht worden. Zur Beratung stand die von der Regierung vorgelegte Volksschul⸗Novelle, welche die Er⸗ wartungen aller Freunde eines zeitgemäßen Fortschritts schwer enttäuscht hat, indem der in Württemberg noch besteheude Zopf der geist⸗ lichen Schulaufsicht nur unmerklich gestutzt werden soll. Der obligatorische Reli⸗ gions unterricht in der Volksschule ist von keiner bürgerlichen Partei beanstandet worden, nur von unserer Fraktion wurde der Autrag 515 und trefflich begründet, ihn aus der olksschule auszuschalten. Dabei ent⸗ hielt sich unser Redner alle radikalistischen Aus⸗ fälle gegen die Religlon und konzedirte vielmehr, daß nach dem Vorbild Frankreichs an einem bestimmten Wochentag der Schulunterricht aus⸗ fallen mag, damit die Eltern, die auf religiöse Erziehung ihrer Kinder halten, den Religions⸗ unterricht von kirchlichen Organen erteilen lassen können. Dem gegenüber betonte der Minister wiederholt. unter dem Beifall besonders des Zentrums, daß nach wie vor die„zentrale Stellung“ der Religion in der Volksschule ge⸗ wahrt bleiben müsse! Und diese zarte Rücksichtnahme auf den sich weit über Gebühr breit machenden Religions⸗ unterricht, der bei Leibe nicht verkürzt werden soll, war auch der Hauptgrund, weshalb die weiteren Anträge unserer Fraktion auf obliga⸗ torische Einführung wichtiger Fächer für das praktische Leben, wie Raumlehre und Gesetzes⸗ kunde, sowie des für Gesundheit und körper- liche Entwicklung so zuträglichen Turnunter⸗ richts auch für Mädchen nur nach eingehenden Debatten, in denen unser Fraktionsredner vor⸗ 115 seinen Mann stellte, wenig Gegenliebe and. „Dem Volke muß die Religion erhalten werden,“ um die Volksschule allein handelt es sich ja, die Wohlhabenden schicken ihre Kinder in die höheren Schulen, wo sie alles Wünschens⸗ werte lernen können, ohne der Religion behin⸗ dert zu sein. Die Klassengesetzgeber ver— leugnen sich nirgends. Wirtschaftliches aus dem Jahre 1902. In seinen wirtschaftlichem Jahresüberblick schreibt Genosse Abg. Calwer: Mit dem Jahre 1902 geht das zweite volle Krisenjahr zu Ende. Es hat schwer auf dem Arbeitsmarkt N Arbeitslosigkeit und ver⸗ minderter Verdienst, teurer Lebensunterhalt und verschlechterte Lebenshaltung gaben dem nun⸗ mehr zu Ende gehenden Jahre sein charakte⸗ ristisches Gepräge. Gleich zu Beginn setzte die Krise mit aller Wucht im Kohlenbergbau ein, der noch bis Ende 1901 sich mit zähem Widerstand gegen einen unaufhaltsamen Nleder⸗ ang zu wehren suchte. Das erste Quartal 902 brachte allein für den Ruhrkohlenbergbau eine Entlassung von ca. 10 000 Arbeitern. Für diejenigen aber, die noch beschäftigt blieben, brachte es eine starke Herabminderung der Ar⸗ beitsgelegenheit: Feierschichten wurden im Durch⸗ schnitt auf jeder Zeche mindestens eine pro Woche eingelegt, es kam aber auch nicht selten vor, daß 2 und 3 Schichten in der Woche aus⸗ fielen. Bis gezen Ende des Jahres verharrte dann der Bergbau in einer seit langem nicht mehr dagewesenen Stagnation. Calwer weist dann auf die Fortdauer der Krise und ihre verheerende Wirkung im Eisen⸗ gewerbe hin, wodurch auch die Maschinen⸗ und Kleineisen-Industrie in Mitleiden⸗ schaft gezogen wurde. Auch im Baugewerbe war die Konjunktur eine schlechte, weil beson⸗ ders die Errichtung industrieller Neuaulagen fortfiel, auch der Wohnungsbau war weniger lebhaft als in früheren Jahren. Für den Ar⸗ beitsmarkt resultierte aus dem hier gekennzeich⸗ neten Beschäftigungsgrad der Haupterwerbs⸗ zweige eine stark verminderte Arbeitsgelegen⸗ heit, die den Verdienst der Arbeiterklasse um so erheblicher herabsetzte, als gleichzeitig auch die Lohnsätze fallende Tenvenz zeigten. Dazu kam, daß in deu ersten Monaten des Jahres die Arbeits losigkeit einen bedroh⸗ lichen Umfang angenommen hatte, obwohl in zahlreichen Betrieben durch allgemeine Herab⸗ setzung der Arbeitszeit größeren Eutlassungen möglichst vorgebeugt wurde. Schon an diesen Folgen der Krise, verminderter Arbeitsgelegen⸗ heit, stark gekürzten Löhnen und umfangreicher Arbeitslosigkeit hätte die Arbeiterklasse schwer zu tragen gehabt. Denn sie allein bedeuteten schon eine starke Erschwerung der Lebenshaltung. Es kam nun aber hinzu, daß, während Lohn und Verdienst erheblich zurückgiugen, gleichzeitig die Preise für die notwendigen Lebens⸗ mittel nicht nur nicht sauken, sondern teilweise ganz erhebli“ in die Höhe gingen. Gleich zu Anfang des Jahres trat eine große Knappheit auf dem Schweinemarkt ein, die die Fleichpreise im Detailverkauf bis zu einer für den Arbeiter⸗ haushalt kaum erschwinglichen Höhe hinauftrieb. Gerade Schweinefleisch war aber wegen seiner Billigkeit bisher die Hauptfleischsorte der ar⸗ beitenden Bevölkerung. Zu Aufang des Jahres stieg nun der Preis bis zur Höhe der anderen Fleischsorten. Wenn auch von März bis An⸗ faug August die Teuerung wieder etwas nach⸗ ließ, so setzte sie von August wieder um so schärfer ein, ja, sie verallgemeinerte sich in ofern, als sie sich auch auf die anderen Fleischsorten ausdehnte. Es ist schwer zu sagen, wie stark durch diese Teuerung die Fleischernährung des deutschen Volkes zurückgegangen ist. So viel aber steht fest, daß der Gesundheitszustaud und die Leistungsfähigkeit der deutschen Arbeiter⸗ klasse unter diesen Ausnahmepreisen für Fleisch nicht gewonnen haben haben.— So schaut die deutsche Arbeiterklasse auf ein für sie in wirt⸗ schaftlicher Beziehung höchst ungün stig es Jahr zurück, dessen Schädigungen sie um so schwerer empfinden muß, als man ihr noch v——— — — 1 .—— A D ODD DD ä— — ů—— — — — 3 2 ä——————— 8 nicht einmal die Hoffnung auf eine baldige— Besserung in Aussicht stellen kann. Die Annahme des Zolltarifs durch den Reichstag eröffnet für die künftige Gestaltung unserer Handelsbeziehungen zum Auslande recht unerfreuliche Aussichten. Selbst die Absatzge⸗ biete in den für unsere Industrie am meisten ins Gewicht fallenden mitteleuropäischen Staaten erscheinen gefährdet. Seite 2. Mitleldeuische Sonntags⸗Zeitung. Nr. 2. Gegen alle Erfahrung und Erwartung ist darauf können wir aber wegen Raummangel es während der diesmaligen Krise gelungen, den Mitgliederbestand der gewerk⸗ schaftlichen Organisationen auf der Höhe der Jahre des Aufschwungs zu halten. Es zeugt dies von der zunehmenden Erkenntnis der Notwendigkeit des wirtschaftlichen Zusam⸗ menschlusses in den weitesten Kreisen der Ar— beiterbevölkerung. Möchte es auch im kommen⸗ den Jahre gelingen, daß der Gedanke der wirtschaftlichen Interessengemeinschaft unter den Arbeitern nicht nur in der bisherigen Stärke fortbesteht, sondern auch in den Kreisen Wurzel schlägt, die heute noch abseits von der modernen F blind in den Tag hinein eben. Politische Rundschau. Gießen, den 8. Jauuar. Der Reichstag tritt nächsten Dienstag wieder zusammen, hoffent⸗ lich zu besseren Taten als vor Weihnachten. Es wird sich nicht blos in den ersten Sitzungen, sondern in dem ganzen noch bevorstehenden Sesstonsabschnitt zeigen, daß die meisten ord⸗ nungsparteilichen„Volksvertreter“ den Reichs⸗ tagsverhandlungen fern bleiben und zwar gerade diejenigen, die zahlreich zur Stelle waren und sogar die Nacht hindurch aushielten, als es sich um ihre persönlichen Interessen, um ihre Bereicherung durch die Lebensmittel ver⸗ teuerung handelte!— Uebrigens war die Zoll⸗ nacht im Reichstage nicht übel, wie aus ver⸗ schiedenen nachträglichen Verlautbarungen her⸗ vorgeht. Es war die reinste Orgie, welche Junker, Pfaffen und Junkergenossen feierten. Die Zollwucherer waren rasend vor Freude. Und total besoffen.„Die Vollsten hielten lich für die Retter des Vaterlandes“ schrieb ein Landedelmann in der„Zukunft.“ Dann gingen die frommen katholischen Brot⸗ wucherer in eine Kirche und hörten die heilige Messe! Deutsches Volk, neige dein Haupt vor deinen„Vertretern!“ Der Fall Krupp wird in den Zeitungen noch vielfach erörtert und dürfte auch ungeachtet der Zurücknahme des Strafantrages gegen den Vorwärts, noch nicht sobald aus der öffentlichen Diskussion verschwinden. Dieser Tage brachte unser Parteiorgan in Wien, die Arbeiterzeitung einen Leit⸗ artikel,„Der Hintergrund der Krupp⸗Affatre“ betitelt, der viel Aufsehen erregte. Der Artikel stellt fest, das kein Mensch an einen natürlichen Tod Krupps glaube, zugleich aber auch, daß die Veröffentlichung des„Vorwärts“ nicht den 9 91 7 Eindruck auf Krupp gemacht hat. ielmehr sei der entscheldende Schlag gegen Krupp längst vor dem„Vorwärts“ Artikel ge⸗ führt worden. Die Gattin Krupps, eine nicht unbedeutende, kluge, leidenschaftliche Frau, habe sich schon lange über den fortwährenden Aufent⸗ halt ihres Mannes auf Capri und noch mehr über die Publikationen der italienischen Presse alterirt und sich an den Kaiser gewandt, da sie an der Wahrheit dieser Gerüchte glaubte. Dieser habe zur Entmündigung Krupps geraten. Inzwischen habe der frühere Marine⸗ miuister v. Hollmann den Kaiser überzeugt, daß die Capri⸗Gerüchte auf Unwahrheit und auf gestörten Phantasien der Frau Krupp be⸗ ruhten. Der Kaiser habe darauf kategorisch erklärt, dann müsse die Frau entmündigt werden, und Frau Krupp sei tatsächlich auf einige Wochen in eine Heilanstalt gebracht worden. In der Nacht, ehe das Konsilium der Aerzte über den Zustand der Frau Krupp stattfinden sollte, brach über Krupp die Kata⸗ strophe herein. Das sind in der Hauptsache die Tatsachen, die die Wiener„Arbeiterzeltung“ mitteilt. Aehnliche Andeutungen hatte schon vor einiger Zeit die„Münchener Post“ gemacht. Unser Wiener Parteiorgan sagt noch viel In⸗ teressantes über die Zustände im Deutschen Reiche und die Verhältnisse in höchsten Kreisen, und noch anderen Gründen nicht eingehen. Zu der Affaire äußert sich ferner in einem Wiener Blatte der italienische Abgeordnete Ciccotti, der besonders das neapolitaner sozialistische Blatt„Propaganda“ in Schutz nimmt, das zuerst die Krupp-Skandale auf⸗ deckte und von der deutschen Kapitalisten⸗Presse als ein Schmutz⸗ und Schandblatt, das von Erpressern beeinflußt werde, verdächtigt wurde. Sogar die„Frkftr. Ztg.“ beteiligte sich an dieser Hetze. Ciccotti weist zunächst nach, daß die Ver⸗ gangenheit der„Propaganda“ eine durchaus tadellose, ja höchst ehrenwerte und dankens⸗ werte trotz der schlimmsten Verfolgung durch die Reaktion gewesen ist. Er erwähnt, daß gerade diesem Blatte die Säuberung des Sumpfes im Gemeinderat Neapels und den regierenden Kreisen Süditaliens zu verdanken sei. Aller⸗ dings hätte das Blatt auch Fehler begangen. Seine Irrtümer wären aber von ihm selbst und seinen Freunden richtig gestellt worden. „Niemals aber hat jemand an der ehrlichen, guten Absicht und an der Lauterkeit der Pro⸗ paganda zweifeln können. Und min kamen die Anklagen über die Vorgänge auf Capri. Ich habe schon gesagt, daß ich mich nicht mit den Einzelheiten befassen oder die Einzelpunkte jener Anklagen wiederholen will; die Tatsache bestand, daß durch die Schuld von raffinierten und degenerierten Menschen dort ein Milieu geschaffen worden und seine Wirkungen ausübte, das Demorali⸗ sation und Korruption bedeutete und das drohte, dort auf der Insel das moralische Niveau abermals tief herabzudrücken und diejenigen abzustoßen, die auf einem der schönsten Flecke der Erde nichts anderes suchten, als Erholung für ihren Körper und Frieden für den Geist. Auch die amtlichen Untersuchungen haben ja die Existenz eines solchen Milieus bestätigt.“ Ciccotti ist kein Sozialdemokrat, aber ein ehrlicher Mann, der sich nicht scheut der Wahr⸗ heit die Ehre zu geben. Von den Soldschrei⸗ bern der Amts⸗, Kreis- und Muckerblättern wird wohl kaum einer soviel Schamgefühl im Leibe haben, die gemeinen, gegen unsere Partei geschleuderten Angriffe zurückzunehmen. Verblüffende Wirkung der Kaiserreden. Daß die Muckergesellschaft schon in Folge ihrer eigenen geistigen Armut hauptsäch⸗ lich die Kaiserreden für ihre Zwecke zu „fruktiziren“ sucht, ist selbstverständlich. Unter diesen Zeichen gedachte auch der„evangelische „Arbeiter“⸗Verein,“(Arbeiter muß man in diesen Vereine allerdings mit der Laterne suchen) in Döhlen(Sachsen) bei den Ge⸗ meinderatswahlen zu siegen. Seinem Wahl— aufruf fügte der Verein die Breslauer Kaiserrede bei. Und das Resultat? 34 Kaiserlich⸗evangelische und 219 sozialdemokratische Stimmen. Möge der Kaiser nur recht viele Reden gegen uns halten und mögen die bürgerlichen Parteien sie nur im Wahlkampfe verwenden. Unsere Partei hat übrigens bei zahlreichen Gemeindewahlen, die in den letzten Wochen in Sachsen stattgefunden haben, recht gute Erfolge zu verzeichnen. Ueberall Stimmenzu nahme der Sozialdemokratie; in viele Gemeinderäte drangen unsere Genossen ein, in denen sie bisher nicht vertreten waren, in anderen gelang es, die sozialdemokratische Vertretung zu berstärken. Aber nicht blos in Sachsen, sondern auch ander- wärts haben wir gute Wahlresultate zu regist⸗ rieren. So wurden bei einer Stadtverordneten⸗ Nachwahl in Gommern bei Magdeburg die beiden Genossen Friedrich und Karl Voigt gewählt, obwohl letzterer wegen„Landfriedens⸗ bruch“ im Gefängnisse sitzt. Ebenso erkämpften unscre Parteigenossen in Durlach(Baden) bei den Gemeindewahlen in der dritten Klasse einen glänzenden Sieg. Sie haben jetzt dort 24 Sitze besetzt. Von hohen Lebenswegen. Die Flucht der zukünftigen Königin von Sachsen beschäftigt die Oeffentlichkeit im wei⸗ testen, Maße. Die Ordnungsblätter, die noch kürzlich bei der Krupp⸗Affaire maßlos über die Sozialdemokrate herfielen, weil der sittlichen Schwäche eines Millionärs Erwähnung getan wurde, wissen jetzt über die Kronprinzessin und ihre persönlichen Eigenschaften allen möglichen Klatsch zusammenzutragen. Mit Behagen plau⸗ dern die Schmocks die intimsten Dinge der Dame aus, die sie noch vor wenig Wochen verhimmelten und der sie alle möglichen fürst⸗ lichen und weiblichen Tugenden andich teten. Unterdessen weilt die Kronprinzessin mit ihrem Geliebten noch in Genf und erzählt Zeitungsberichterstattern über die Verhältnisse an dem vermuckerten Hofe, die sie zur Flucht gezwungen haben. — Zur Erledigung des Ehekonfliktes hat der König von Sachsen bereits einen Gerichts⸗ hof eingesetzt und über das Verfahren Anord⸗ nungen getroffen. Bemerkenwert ist, daß die Oeffentlichkeit ausgeschlossen bleibt und Berufun oder Revision— im Gegensatz zu dem sonst üblichen Verfahren in bürgerlichen Streitigkeiten — ausgeschlossen ist. Danach fehlt leider der von der bürgerlichen Presse geschmähten Frau die Möglichkeit, in der Oeffentlichkeit ihre Widerklage gegen den Kronprinzen zu begründen. Eine Ehescheidung kann übrigens, wie die „Köln. Volksztg.“ ausführt, nicht ausgesprochen werden; so lange die Kronprinzessin lebe, könne der Kronprinz eine zweite Ehe nicht eingehen. Danach muß der Kronprinz sich als Gatte der Kronzprinzessin fühlen, sogar wenn diese anderweitig verheiratet ist. Es ist ihm also nach katholischen Dogma unter diesen Umständen 77 7 keine Ehe, aber——„freie Liebe“ er⸗ laubt.— Das Christfest in den Fürstenfamilien. Die Byzantiner stellen es so dar, als ob dem sächstschen Hof durch die Flucht der Kron⸗ prinzessin das ganze Weihnachtsfest verdorben worden sei. Hier ist denn doch zu bemerken, daß an den Höfen das Weihnachtsfest nicht hat Rolle spielt, die es im gewöhnlichen Leben at. und Prinzessin Ruprecht von Bayern, die am Weihnachtsabend von Genua aus ihre halb⸗ jährige Reise nach Indien antraten, obwohl sie zwei kleine Kinder, davon eines 20 Monate, das andere erst einige Wochen alt ist, zu Hause zurücklassen mußten. Es ist auch ungerecht, der Kronprinzessin von Sachsen das Verlassen ihrer Kinder so schwer anrechnen zu wollen, Fürstenspröß: linge wachsen bei Ammen, Bonnen, Gouver⸗ nanten, Hofmeistern auf, während ihre Mütter allerlei Repräsentationspflichten erfüllen und innigere Bande zwischen wie einer gewöhnlichen Mutter. daher können sich Mutter und Kind gar nicht herausbilden. Eine Parade der Stöckerianer. In Berlin hielt der„teure Gottesmann“ Stöcker mit seinem Anhang am Samstag ein Fest ab, das als Stiftungsfest der christlich⸗ sozialen Partei bezeichnet wurde. Die Partei feierte ihr fünfundzwanzigstes Daseinsjahr ohne eigentlich da zu sein. Es geht der Partet nämlich gar nicht gut. Sie hat in 25 Jahren wenig erreicht. Im Reichstage sitzt ja nur ein einziger Vertreter, Stöcker selbst, und im Ber⸗ Den besten Beweis hierfür bieten Prinz liner Rathaus, auf das es besonders abgesehen war, auch nur einer. Aber, weil Konservative und Antisemiten sich gelegentlich als die Ver⸗ treter christlich⸗sozialer Gedanken vorstellen, glaubte der Festredner, Pastor Philipps, aus⸗ sprechen zu dürfen, daß, wenn die christlich 9 soziale Partei in der bisherigen Weise weiter kämpfe, sie in weiteren 25 Jahren den Sieg errungen haben werde. der christlich-soziale Gedanke unser Volk be⸗ herrschen, denn er allein könne die Mächte des Umsturzes und des Unglaubens überwin⸗ . Ein Photograph hielt den denkwürdigen Augenblick fest, worauf dann Stöcker selbst (einen zweiten Winkelried nannte ihn ein spä⸗ terer Redner) sich von der Ehrentafel erhob und das Podium bestieg, um einen Rückblick auf die Kämpfe der letzten 25 Jahre zu werfen. f Es ist Vieles besser geworden. Auch die kon⸗ servative Partei interessirt sich jetzt, wie er sagt, für die berechtigten Forderungen der Arbeiter (siehe Zolltarif, Zuchthausgesetz ꝛc.). Vor Allem aber sei aus den christlich-⸗sozialen Versam Wenigstens werde dann 8. Und Hen der chen irst⸗ mit ühlt nisse act hat bts⸗ ord⸗ die ug onst iten der rau ihre den. die chen june en. alte diese also Iden el ob Ton chen len, nicht eben rin am all- l sie ate, ause cl issen len, röß⸗ lbel⸗ ttt und in 1 li att ohne att l kl. Ber che atibe Val len 0 au lic iel 1 hall. be N 00 vi 1 1 0 1 10 l, 06 15 tl 10 10. u Nr. 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. lungen von damals der Gebauke das Juden— tum zu bekämpfen, in alle Kulturnationen übergegangen. Wenn die christlich-soziale Partei ihren Kampf für Vaterland, Monarchie und Christenheit weiter fortsetzt, muß ihr auch end⸗ lich der Sieg werden. Der wäre, so fügte ein späterer Redner hinzu, schon vor fünf Jahren erfochten worden, wenn es nur nicht an Geld gefehlt hätte und wenn, wie ein Anderer meinte, halt statt des einen 500 Grafen Pückler ätten. Die frommen Christen reden da von sehr materiellen Dingen; ste scheinen den Mammon und die Knüppeltaktik höher einzuschätzen als das Vertrauen auf Gotteshilfe, von der kein Wort gesagt wird. Geld fehlt also! Die be⸗ mittelten Parteigenossen scheinen im Bezahlen auch nicht so eilig zu sein. Warum legen die Herren Stöcker, Burckhardt, Weber c. nicht bei Rothschild oder Bleichröder einen Pump an? Die würden gewiß sofort ihre Geldschränke öffnen, schon aus Angst vor den 500 Pücklern! Die Wahlen zum französischen Senat, die am Sonntag erfolgten, bedeuten einen starken Ruck nach links, eine schwere Niederlage der Monarchisten und der konservativen Repu⸗ blikaner. Die radikalen und mintisterlellen Republikaner gewinnen 10 Sitze. Der Senat besteht aus dreihundert Mit⸗ gliedern, die auf neun Jahre gewählt werden; alle drei Jahre wird ein Drittel durch Neu⸗ wahlen erneuert. Die Wahl erfolgt im Haupt⸗ ort des Departements durch ein Kollegium, das aus den Abgeordneten, den Generalräten, den Bezirksräten und den von den Gemeinde— räten unter den Einwohnern einer jeden Ge⸗ meinde bezeichneten Delegierten besteht; die 3905 dieser Delegierten schwankt je nach der röße der Gemeinde zwischen 1 und 30.— Die Senatoren erhalten wie die Abgeordneten 9000 Francs Gehalt das Jahr. Der spanische Ministerpräsident Sagasta ist am Montag plötzlich verstorben. Er ist unzähligemal Minister und fast ebenso oft liberaler Ministerpräsident, zuletzt noch bis vor wenigen Wochen gewesen. Seit drei bis vier Jahrzehnten ist er auf das engste mit der spanischen Geschichte verknüpft. Daß diese Ge⸗ schichte eine wenig erfreuliche und wenig glän⸗ zende war, ist dem„Liberalismus“ mit zu verdanken.— Chamberlain bei den Buren. Einer der Haupturheber des südafrikanischen Krieges, der englische Kolontalminister Cham⸗ berlain, hat sich in die ehemaligen Buren— republiken begeben und sich anhochen lassen. In Pietermaritzburg hielt er eine Ansprache, in der er betonte, welches Interesse das Mutter⸗ land an seinen Kolonien nehme und zugleich die Kolonien aufforderte, sich ihrer Pflichten gegenüber dem Reiche bewußt zu sein, das auf der Grundlage gegenseitiger Hilfeleistung er⸗ richtet sei. Da in dem furchtbar verwüsteten Lande kein„standesgemäßes“ Obdach für den Minister zu finden sein dürfte, hat man in kluger Vor⸗ aussicht einen Salonzug von raffinirtem Luxus für den würdigen Joe zusammengestellt, damit er nicht unter dem Unheil, das er im Interesse der Goldhyänen angerichtet hat, leiden muß. Den in bitterster Not befindlichen Buren wird der Luxuszug ihres Verderbens gewiß Stoff zu Betrachtungen geben, die ihren Kinderglauben an die Gerechtigkeit der Vorsehung einigermaßen erschüttern dürfte. Sozialistische Wahlerfolge in Amerika. Kürzlich wiesen wir schon einmal auf die Fortschritte hin, welche die sozialistische Be⸗ wegung bei den letzten Wahlen in Amerika gezeigt hat. Weitere erfreuliche Ergebnisse werden von einigen e cen im Staate Massachussets mitgeteilt. e ö, einer Arbeitervorstadt von Boston, wurde der Sozialist Coulter mit 4357 gegen 3267 Stimmen, die der republikanische Kandidat erhielt, und gegen 553 Stimmen, die der demokratische Kandidat erhielt, zum Bürger⸗ meister gewählt. In der Stadt Hassehill er⸗ hielt der sozialistische Kandidat 2338 Stimmen, während der republikanische Kandidat 2352 Stimmen und der demokratische 1663 Stimmen erhielt. In Wirklichkeit sind die meisten Stim⸗ men für den sozialistischen Kandidaten abgegeben, und ist gegen die Wahl wegen der vorgekom⸗ menen Fälschungen Protest eingelegt. Venezuela. Unsere glorreiche auswärtige Politik läßt Venezuela die gepanzerte Faust fühlen, sie geht dort mit derselben„Schneidigkeit“ vor, wie wir es vom neuesten Kurse gegenüber schwäch⸗ eren Staaten gewohnt sind. Obwohl ein Kriegs⸗ zustand zwischen Deutschland und Venezuela nicht vorhanden ist, blockierte Deutschland die venezolanischen Häfen und beschlagnahmte eine Anzahl Handelsfahrzeuge. Das ist eine Maß⸗ regel, die ganz außerhalb des Rahmens einer Blockade liegt, eine Handlung, die nur im Kriege zulässtg ist, die im Frieden einen Bruch des Völkerrechts darstellt. Deutschland glaubt sich das leisten zu können, England hält sich von solchen Gewalttätigkeiten schlauerweise fern. Aufstand in Marokko. Noch sind die Wirren in Venezuela nicht beigelegt, da rumort es schon wieder in einem anderen Erdenwinkel, in Marokko,— ge⸗ wissermaßen dem afrikanuischen vis-A-vis Vene⸗ zuelas— ganz bedenklich. Dort hat sich ein Tronprätendent erhoben und die Truppen des Sultans aufs Haupt geschlagen. 51 Soziales. Was eine Genossenschaft leistet. Der Konsum⸗, Bau⸗ und Sparverein„Pro⸗ duktion“ in Hamburg errichtet auf seinem in der Wendenstraße gelegenen Terrain eine Bäckerei, die hinsichtlich der Größe, der Beschaffenheit der Räume und der maschiniellen Einrichtungen alle anderen Bäckereien Deutschlands, auch die des Breslauer Konsumvereins, weit zurücklassen wird. In dem im Parterre liegenden, fünf Meter hohen Backraum ist Raum für zehn Backöfen, die selbstverständlich mit Dampf ge⸗ heizt werden, doch sollen zunächst erst fünf aufgestellt werden. Wenn voll ausgenutzt, können in dieser Bäckerei für etwa zwei Mil- lionen Mark Waren hergestellt werden. Aber man hat noch mit einer weiteren Entwicklungs— fähigkeit gerechnet, indem der Bau der Räume, die Lage der Träger so beschaffen ist, daß ohne viele Mühe eine Vergrößerung der Bäckerei erfolgen kann. Ueber dem Backraum befinden sich noch drei Stockwerke, in dessem erstem die Bade⸗ und Ankleideräume der Bäckereiarbeiter und ein Teil der Maschinen installiert werden. Daß in solch großen Bäckereibetrieben Schwei⸗ nereien, wie sie in vielen kleinen Bäckereien gang und gäbe sind, nicht vorkommen, ist selbst⸗ verständlich. Die Gesellen müssen sich hier vor Beginn der Arbeitsschicht einer Reinigungs prozedur vom Kopf bis zu den Füßen unter— ziehen, wozu die projektirten sechs Wannen⸗ nebst Brausebäder hinreichend Gelegenheit bieten werden. Dann geht es in den Ankleideraum, wo täglich ein reiner Backanzug angelegt werden muß. Die Kosten der Bäckereianlage belaufen sich auf rund eine Viertel Million Mark. Der Bäckereibetrieb wird voraussichtlich im Mat eröffnet werden. Hessisches. Wie ein hessischer Agrarier die Land⸗ wirtschaft hebt. Der nattonalliberale Agrarier von Heyl kauft nach der„Deutschen Tagesztg.“ wieder lanbwirtschaftliche Aecker in der Lampertheimer Tabakgegend zu. Diese Beobachtung haben wir, so schreibt das Blatt, bisher bet jeder Getreidezollerhöhung gemacht. Amtlich wird bekannt gegeben, daß Freiherr Heyl zu Herrns⸗ heim seine beiden Familienfideikommisse Gun⸗ lershausen und Herrneheim abermals durch Einverleibung von Grundstücken in den Ge⸗ markungen Guntersblum, Gundershausen, Viern⸗ heim, Lorsch, Lampertheim, Seehof, Herrusheim, Nierstein, Gundersheim und Pfeddersheim ver⸗ größert hat.— Freiherr v. Heyl hat eben eine eigene Art, sich der„notleidenden“ Landwirte anzunehmen: er kauft sie einfach aus. Freiherr v. Heyl ist aber ein guter Geschäftsmann und wenn er fortwährend seinen Grundbesitz ver⸗ mehrt, so geschieht es gewiß nicht, um Geld zu verlieren— sagt die„Frkftr. Ztg.“ Ob sich die bisher bündlersschen und anti⸗ semitischen Kleinbauern bald über die„Bauern⸗ freundschaft“ der Junker und Großgrundbesitzer klar werden? Die staatliche Unterstützung der Land⸗ wirtschaft in Hessen kann sich immerhin sehen lassen. Im Staats⸗ budget für 1903/04 sind dafür wieder 986 434 Mk. in Aussicht gestellt. Von den Posten aus denen sich dieser Be— trag zusammensetzt, wollen wir nur die haupt⸗ sächlichsten anführen. Für die landwirtschaft⸗ liche Versuchsstation 70,770 Mk., Wein⸗ und Obstbaumschule zu Oppenheim 53,540 Mk., Obstbaumschule und landwirtschaftliche Winter- schule zu Friedberg 25,090 Mk., landwirtschaft⸗ liche Winterschulen 61,500 Mk., Verwaltungs⸗ kosten der landwirtschaftlichen Provinzialvereine 52,050 Mk, Kulturinspektionen 129,650 Mk., Feldbereinigungswesen 128,500 Mk., Förderung und Schutz des Weinbaues 27,500 Mk., Land⸗ gestüt 169,070 Mk., Förderung der Rindvieh⸗ zucht 98,550 Mk., Förderung der Schweinezucht 12,520 Mk. Da die Einnahmen mit 166,790 Mk. eingestellt sind, so muß der Staat einen Zuschuß von 819,644 Mk. leisten. Unter Ab⸗ wehr und Unterdrückung von Viehseuchen werden auch noch 30,800 Mk. gefordert, so daß der Gesammtaufwand für die Landwirtschaft 850,444 Mk. beträgt. Im Vermögensbudget werden außerdem noch 75,000 Mk. für einen Erweiter⸗ ungsbau bei der landwirtschaftlichen Versuchs⸗ station zu Darmstadt gefordert. Diese Zahlen beweisen, daß es sich der hessische Staat ange⸗ legen sein läßt, für die Interessen der Land— wirtschaft respektable Summen zu opfern. Was für ein Geschrei würden die Agrarier erheben, wenn der Industrie, dem Handel anderer Erwerbsgruppen, oder auch der Ar— beiterschaft, derartige staatliche Unterstützungen gezahlt würden! Wir verlieren kein Wort über diese für unsern Kleinstaat ziemlich großen Summen, wir wünschten nur, daß sie den Kleinbauern zu Gute kämen. Aber auch hier fließt der Löwenanteil den Großen zu. Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung. Mehrere Zentral-Ver bände halten in diesem Frühjahre ihre regelmäßigen General⸗ versammlungen ab. Diejenige des Zimmerer⸗ verbandes findet in Berlin am 31. März statt.— Der Verband der Transport- und Verkehrsarbeiter tagen am 11. April und folgende Tage in Hamburg.— Der Verband der Seeleute hält seinen Verbauds⸗ Kongreß vom 20. bis zum 23. April in Ha m⸗ burg ab. Erhöhung der Unterstützungsleist⸗ ungen plaut der deutsche Metallarbeiter⸗ verband. Es soll Krankenunterstützung nebst Gewährung eines Sterbegelbes, ferner die teilweise Vergütung der Umzugskosten zur Ein⸗ führung gelangen. Die e bei Maß⸗ regelung und Streiks soll nach 26 wöchiger Mitglieoschaft für verheiratete männliche Mit— glieder Mk. 14, weibliche Mk. 7 betragen, für die ledigen Mitglieder sind für männliche Mk. 12, für weibliche Mk. 6 in Aussicht genommen. Außerdem sollen männliche wie weibliche Mit- glieder für jedes ihrer Fürsorge uuterstehende Kind pro Woche Mk. 1 erhalten. Kranken- unterstützung soll an männliche Mitglieder Mk. 6 an weibliche Mk. 3 wöchentlich bezahlt werden. Das Sterbegeld ist mit Mk. 30 festgesetzt und soll von Jahr zu Jahr um Mk. 5 bis zum Höchstbetrage von Mk. 100 steigen. Die Um⸗ 51 5— ——— ä—— A 2 5 2 7 924 N ——— 8———————— 3——————— 5 1 — 8 1 7 1 . 7 0 15 0 e eee e ee Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. zugskosten können an arbeitslos gewordene Mitglieder schon nach einjähriger Mitgliedschaft mit Mk. 20 bezahlt werden, wenn die Ent⸗ fernung mindestens 30 Kilometer beträgt. Sie steigern sich analog des Sterbegeldes um jähr⸗ lich Mk. 5 bis zum Höchstbetrage von Mk. 40. Der Vorstand des Metallarbeiter verbandes ver⸗ öffentlicht diese Vorschläge schon jetzt, damit sie von den Mitgliedern ausgiebig diskutiert werden können. Sollten dieselben von der Generalversammlung angenommen werden, so soll der Beitrag für männliche Mitglieder von 30 auf 50 Pfg. und für weibliche von 10 auf 25 Pfg. erhöht werden. Der Verband zählt jetzt über 120000 Mitglieder. Im Jahre 1901 wurden 686 107 Mk. an Unterstützungen aus⸗ bezahlt. Das Verbandsorgan wird jetzt in der eigenen Druckerei des Verbandes hergestellt. Diese befindet sich in dem neuen Verwaltungs- gebäude, das sich der Verband in Stuttgart errichtet hat. ee ev Pon Nah und Fern. Gießener Angelegenheiten. — Die„Mitteldeutsche Sonntags⸗ Zeitung““ ist in der Post⸗Zeitungs⸗Preis liste für 1903 unter Nr. 3107 verzeichnet. —„Uunser“ Reichstagsabgeordneter — eine komische Figur. Herr Köhler, Bürgermeister von Laugs dorf, Vertreter des Kreises Gießen im Reichstage, ist außerdem bekanntlich auch hessischer Landtagsabgeordneter. Als solcher entwickelt er eine recht lebhafte, ja beinahe unheimliche Tätigkeit. Ein ganzes Bündel von Anträgen hat er in der letzten Zeit dem Landtage zugehen lassen und zu ihrer Be⸗ gründung ganze Leitartikel aus landwirtschaft⸗ lichen und tierärztlichen ꝛc. Zeitschriften mit abdrucken lassen. Herr Köhler hat auch die Freude zu sehen, daß seine Anträge Beachtung finden, alle Blätter nehmen davon Notiz, sie — nämlich die Anträge— erregen sogar Auf⸗ sehen. Sie sind unbestritten„originell“; man findet sie sogar„drollig“.— In einem seiner Anträge giebt Köhler seiner Unzufriedenheit mit den jetzigen Lehrern der Nationalökonomie an der Gießener Universität Ausdruck und wünscht die Berufung eines agrarischen Lehrers, der den Studenten die Politik des Bundes der Landwirte einpauken soll, schlägt auch gleich dazu den ber—ühmten Agrarheiligen des Junker⸗ bundes, Prof. Ruhland vor. Warum nicht den Paasche, der alles beweist, was die Agrarier wünschen? Der aus weiß schwarz macht und haarscharf nachweist, daß es dem Arbeiter bei niedrigen Löhnen und teueren Lebensmitteln am Besten geht? Noch besser freilich wäre es, die Besetzung der Lehrstühle an der Gießener Universttät würde den Orts⸗ gruppen des hessischen Bauernbundes überlassen. — Die Frankftr. Ztg. sagt, Köhler sei für alle Gebil deten längst eine komische Figur. Die freisinnigen und nationalliberalen„Gebildeten“ Gießens haben ihn aber zu ihren Vertreter gewählt. Und wir vermuten stark, die„Ge⸗ bildeten“ werden im Verein mit den„Juden“ die antisemitische komische Figur diesen Sommer wieder gegen den Sozialdemokraten durchdrücken. — Frau Dr. Gertrud David, die Gemahlin unseres Genossen Eduard David, wird hier in einer aligemeinen Versammlung, die am Samstag, den 17. Januar, im Saale des Lenz'schen Felsenkellers stattfinden soll, sprechen über:„Wie schützen wir uns gegen die Lebensmittelverteuerung“. Frau David wird in ihrem Vortrage die Ursachen der gegen⸗ wärtig herrschenden Teuerung fast aller Lebens⸗ mittel und die Mittel und Wege besprechen, durch welche sich die arbeitende Bevölkerung dagegen und gegen die dadurch bedingte ständige Verschlechterung ihrer Lebenshaltung schützen kann. Der Vortrag ist in erster Linie für die Frauen berechnet und wird für sie ganz be⸗ sonders interessant sein. Gerade die Frauen, die mit Wenigem hauszuhalten gezwungen sind, empeinden die Verteuerung der Lebensmittel und Haushaltungsartikel zuerst und am schwer⸗ sten. Deshalb wird zahlreicher Frauenbesuch erwartet uns unsere Freunde müssen dazu, so⸗ viel sie können, mitwirken. Wenn nötig, bleibe einmal der regelmäßige Versammlungsbesucher zur Beaufsichtigung der Kinder zu Hause und schicke seine Frau in die Nersammlung! — Der sozialdemokratische Wahl⸗ verein hält seine Generalversammlung in Rücksicht auf die am Samstag stattfindende Frauenversammlung Sonntag, den 18. Jan., Nachmittags 3 Uhr, ab. Auf der Tagesordnung steht: Rechnungsablage, Vorstandswahl, Wahl des Reichstagswahlkomitees, und Vortrag über die wichtigsten politischen Vorgänge im ver⸗ flossenen Jahre. Hoffentlich sind die Partel⸗ enossen zahlreich am Platze, in der uns bevor⸗ 1—— Wahlarbeit muß jeder einzelne Genosse seine Pflicht erfüllen! Ferner möchten wir bet dieser Gelegenheit noch eins bemerken. Bis zur Wahl sind es aur noch fünf Monate. Jeder Genosse weiß aber, daß zum Wahlkampfe wie zum Kriegführen erstens Geld, zweitens Geld und drittens nochmals Geld gehört. An die in der Organisation befindlichen Genossen er⸗ geht deshalb die dringende Mahnung, mit den Beiträgen nicht im Rückstande zu bleiben, beziehungsweise ihre etwaigen Reste sofort zu begleichen. Aber an diejenigen Genossen, die aus irgend einem Grunde nicht in der politischen Organisation sind oder sein können, richten wir das Ersuchen, zur Stärkung des Wahlfonds ein Scherflein beizutragen. Gerade die sonst keine regelmäßigen Parteibeiträge leisten, können jetzt etwas tiefer in die Tasche greifen. Beiträge nimmt unser Kassierer A. Bock, Dammstr. 22 stets entgegen, ebenso erklärt sich unsere Expe⸗ dition und Redaktion dazu bereit. — Wohltun und Dicktun. In dem Lustspiel„Hasemanns Töchter,“ das in unser Stadttheater am Montag aufgeführt wurde, wird u. A. recht drastig gekennzeichnet, wie manche„Wohltätigkeit“ nur auf Prahlerei und Dicktuerei hinausläuft. Daran wird man er⸗ innert, wenn man in dem Gießener und dem Wetzlarer Amtsblatte die 1 Notizen aus Dörfern der Umgegend liest, worin mitge⸗ teilt wird, daß„wie alljährlich, Herr C. W. Fernit, der frühere B⸗sttzer des Gießener Braun⸗ steinbergwerks, durch seinen Bevollmächtigten Direktor Pascoe eine Anzahl Gaben zu wohl⸗ tätigen und gemeinnützigen Zwecken gespendet habe.“ Meistens werden diese Schenkungen den Kleinkinderschulen, auch den Muckergesell⸗ schaften(Missionsvereinen) überwiesen. Miser⸗ abel schlecht bezahlte Arbeiter haben durch ihre Arbeit zu der Vermehrung des Reichtums des Engländers Fernie beigetragen. Opfert jetzt der Millionär jährlich einige Bettelpfennige, dann wird sein Lob in allen Tonarten in den gutgesinnten Blättern gesungen. Er würde es verdient haben, wenn er damals als Besitzer des Bergwerks für musterhafte Arbeitsverhält⸗ nisse gesorgt hätte. Davon wissen aber die Arbeiter in Leihgestern, Steinberg ꝛc. nichts zu erzählen. — Tod zweier Bahnarbeiter. Am Montag sind am Bahnhofe wieder zwei Arbeiter auf der Strecke Gießen⸗Gelnhausen in der Nähe des Bahnhofes überfahren und so schwer ver⸗ letzt worden, daß sie bald darauf starben. Die Leute sollen nach dem amtlichen Bericht nicht die nötige Vorsicht geübt haben. So heißt es natürlich immer.— Ueber die Arbeits⸗ zeit des Rangierpersonals auf dem Gießner Bahnhof hat der Abg. Leun eine Anfrage im Landtage eingebracht. Darin wird behauptet, daß das Rangierpersonal auf dem Bahnhof Gießen, insbesondere zu Stellwerk 10 und 11, zu übermenschlicher Leistung veranlaßt wird. Bei 12 stündiger Arbeitszeit werde noch nicht einmal eine ordnungsmäßige Pause gestattet. Während früher nach vier Nachtstunden ein freier Tag eingetreten sei, müßten diese Leute seit einigen Monaten sechs Tage hintereinander 12 stündigen Nachtdienst versehen. Es ist ja anz gut, wenn der Abgeordnete für Gießen⸗ gand die Unhaltbarkeit dieser Verhältnisse ein⸗ sieht. Seine politischen Gesinnungsfreunde reden sonst immer davon, daß für die Arbeiter „zu viel gethan“ werde. — Städtebund⸗Theater. Der Posten eines Direktors der vereinigten Theater Gieß en⸗ Marburg⸗Nauheim wurde kürzlich ausgesckhrieben. Es haben sich dafür nicht weniger als 53 Be⸗ werber gemeldet, darunter solche, die bereits ähnliche Stellungen inne hatten und beste Em⸗ 4 N pfehlungen besitzen. Für die engere Wahl sind zehn Bewerber ausgewählt. — Der„Neue Welt⸗Kalender“ ist total vergriffen und der Verlag erklärt, daß auch kein Neudruck mehr erfolgen würde. Die hiesige Kolportage⸗Kommission konnte deshalb verschiedenen Nachfragen nicht entsprechen und sie ersucht diejenigen, die mehrere Exemplare bezogen, aber nicht alle abgesetzt haben, die überzähligen sof ort zurückzuschicken.— Weiter sei bemerkt, daß bei der letzten Nummer der „Wahre Jakob“ nicht mit expediert werden konnte, weil er bis zur Expedition der Neujahrs⸗ Nummer noch nicht eingetroffen war.— Das beliebte„Almanach“ des„Wahr. Jak.“ er⸗ scheint diesmal nicht; wie mitgeteilt wird, in⸗ folge des Todes unseres Genossen Max Kegel, der stets in hervorragender Weise an der Fer⸗ tigstellung des Almanachs beteiligt war. Aus dem Nreise Alsfeld⸗Cauterbach. — In Lauterbach ereignete sich am Sonntag ein schweres Unglück, das den Tod eines jungen Menschen zur Folge hatte. Der 14 jährige Sohn des Ingenieurs Skinner in Lauterbach war auf einem ihm gehörenden Esel ausgeritten. Als nach langem Ausbleiben der Esel allein nach Hause kam, suchte man nach dem Knaben und fand ihn blutüberströmt und besinnungslos auf einer steinigen Wiese liegen. Es ist anzunehmen, daß der Kvabe abgeworfen wurde und dabei einen schweren Schädelbruch erlitten hat, und außerdem noch von dem durchgehenden Tier ein Stück geschleift wurde. Verletzungen erlegen. Aus dem Rreise Wetzlar. h. Vortrag. Die Lesevereinigung hat für ihren nächsten Vortragsabend— Mit'⸗ Der bedauernswerte Knabe ist seinen 1 woch den 14. Januar— Herrn Professor Mannheimer aus Frankfurt gewonnen, der diesmal über Schiller, seine Werke und seine Bedeutung für die deutsche Literatur sprechen wird. Die klare und allgemein verständliche Vortragsweise des Herrn Prof. Mannheimer hat stets überall Anklang gefunden und er wird es verstehen, seinen Zuhörern den großen deutschen Dichter, von dem aber leider viele Deutsche wenig wissen, näher zu bringen. Wir empfehlen, besonders den Arbeitern, den Vortrag recht zahlreich zu besuchen und pünktlich zu erscheinen. Der Vortrag beginnt ½9 Uhr, das Eintrittsgeld beträgt— irren wir nicht— 30 Pfg. X. Doch wenigstens etwas! So sagten sich diejenigen Arbeiter der Sophienhütte, die auch am heiligen Christfest schuften müssen, als sie an diesem Tage Kaffee und Kuchen, Bier und Zigarren von der Werksleitung spen⸗ dirt erhielten. Die ältesten Leute erinnern sich nicht, daß je eine derartige Freigebigkeit zu verzeichnen war, aber es ist doch ein erfreuliches Zeichen dafür, daß die Wertschätzung des Ar- beiters im Steigen begriffen ist. Man beginnt vielleicht endlich einzusehen, daß die schwielgen Fäuste es sind, welche die Reichtümer schaffen, und man läßt eine menschenwürdigere Behand⸗ lung der Arbeitsbienen angelegen sein. Hoffent⸗ lich schreitet diese Einsicht weiter fort und führt zur Besserung der Arbeitsverhältnisse, die in der Sophienhütte wirklich sehr nottut. Dazu wirds aber wohl so schnell nicht kommen, so lange nicht die Arbeiter ihre Interessen durch Zusammenschluß zu wahren kleinen Gelegenheitsgeschenken gewerkschaftlichen verstehen. Mit ist ihnen nicht gedient. h. Das Ende vom Lied. Ganze 17 Prozent erhalten die Gläubiger der bankrotten Firma Müller, Packard& Co. Ja, an den „allgemein angesehenen“ Herrn Packard werden viele Wetzlarer Bürger denken. s. Aus dem Westerwald schreibt man uns: In der Nr. 51 der M. S.⸗Ztg. wurde mitgeteilt, daß sich der Christlich⸗soziale D 7 9 g a. lu am Lob Det x in lden ben man rom Lie nabe eren noh lei einen Nr. 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. Burckhardt mit dem in unserem Wahlkreis ver⸗ teilten Flugblatt beschäftigt und seinen Inhalt zu widerlegen versucht habe. Wir bedauern, die Leistung dieses Herrn nicht zu Gesicht be⸗ kommen zu haben, sein Blatt, das Siegener „Volk“ ist hier nur ganz vereinzelt anzutreffen. Wir glauben gerne, daß er sich mit allen mög⸗ lichen Verdrehungen abmühte, da befindet sich dieser Herr in seinem Element; er ist besonders groß darin, Behauptungen zu widerlegen, die gar nicht aufgestellt wurden. Wenn er ferner versucht, aus der Affaire Krupp für sich Kapi⸗ tal zu schlagen und meint, daß„ein anstän⸗ diger Arbeiter der Sozialdemokratie den Rücken kehren müsse“, so glauben wir vielmehr, daß der Fall Krupp und die elende Hetze, welche die christlich⸗sozialen, Scharfmacher⸗ und Mucker⸗ blätter gegen unsere Partei einleiteten, gerade das Gegenteil bewirken wird. Wir sind hier im Westerwald in dieser Beziehung ganz zu⸗ frieden. Bald wird auch der letzte Arbeiter die Arbeiterfreundlichkeit der christlich⸗soz. Lebens⸗ mittelverteuerer erkannt haben.— Aber eine Frage möchten wir an Herrn Dr. Burckhardt richten: Hält er es nach der Entwickelung der e die die Kruppaffaire genommen, mit seiner Wahrheitsliebe und christlichen Näch⸗ stenliebe vereinbar, seine in dieser Beziehung gegen uns erhobenen Verdächtigungen aufrecht zu erhalten? Um Antwort wird gebeten! Aus dem Rreise Marburg-Nirchhain. St. Arbeitszeitverkürzung. In der hiesigen Tapetenfabrik von Kon r. Schäfer wurde die Arbeitszeit, welche seither von 7 morgens bis 7 Uhr abends(inkl. 1½ stündiger Mittags- und je ¼ stündiger Frühstücks⸗ und Vesperpause) währte, auf die Stunden von 8 morgeus bis 5 Uhr nachmittags herabgesetzt. Allerdings nicht, um den Arbeitern eine längere Erholungszeit zu rerschaffen, sondern wegen Mangel von Arbeitsaufträgen. Leider werden die Arbeiter, die ohnehin schon großenteils einen sehr kärglichen Lohn erhalten, durch diese Maß⸗ regel, mit der natürlich eine entsprechende Lohn⸗ kürzung verbunden ist, sehr hart betroffen. — Kommunales. Der Bau einer neuen Volksschule, von welchem wir schon in vor. Nummer berichteten, wurde in letzter Stadtverdnetensitzung angenommen. Dieselbe soll als Doppelschule(für Knaben und Mäd⸗ Jen) mit Aula und Turnhalle für 24 Klassen an der Biegenstraße im Nordviertel errichtet werden. Der in Aussicht genommene Bauplatz kostet beinahe 60000 Mk. Das ist eine hohe Summe, die die Stadt hätte sparen können, wenn unsere Stadträte die Errichtung der neuen Schule auf einem der Stadt gehörigen großen Bauterrain neben der Oberrealschule genehmigt hätten. Allein da durch eine so nahe Berühr⸗ ung der Volks⸗ mit den höheren Schülern öftere Prügeleten zwischen denselben befürchtet wurden, so ließ man dieses Projekt lieber fallen. — Eine in naher Aussicht stehende und sehr nötige Verkehrseinrichtung rückt ihrer Verwirk⸗ lichung näher. Es ist dies die Errichtung einer Pferdebahn mit 10 Pfg.⸗Tarif. Bei der großen Ausdehnung der Stadt und dem seitherigen sehr primitiven und für die unbe⸗ mittelten Klassen ziemlich teuren Omnibusverkehr ist die Pferdebahn immerhin auch für die Ar⸗ beiter eine Verkehrserleichterung, falls dieselbe gut eingerichtet und verwaltet wird. Zunächst heißt es allerdings abwarten, ob die Herren Stadtverordneten das Projekt auch wirklich zur Ausführung genehmigen werden. — Todesfall. Am Sonntag, den 4. d. M. starb hier in der mediz. Klinik der Schrift⸗ setzer Pfennig aus Wiesbaden an der Be⸗ rufskrankheit. Lange Zeit war der Verstorbene außer Arbeit gewesen und mit körperlichen Ge⸗ brechen behaftet, auf der Suche nach Arbeit nach hier gekommen, wo er zu seiner großen Freude endlich Stellung erhielt. Nachdem er 14 Tage gearbeitet, zwang ihn seine Krankheit, die Klinik aufzusuchen, wo ihn leider der Tod ereilte. Unter zahlreicher Beteiligung der hie⸗ sigen Kollegen fand am Mittwoch nachmittag gegenüber der betr. Organisation und Partei 105 erfüllt hat, auch im Tode nicht verlassen ist. Wahlsieg in Hanau. Bei einer Ersatzwahl zur Stadtverordneten⸗Ver⸗ sammlung in Hanau wurde der sozialdeme kratische Kandidat, Bäckermeister Reiß mit großer Mehrheit gewählt. Die„gesicherte Existenz“ der Arbeiter. Zitternd stand dieser Tage ein nahezu 70jähr⸗ iges Männchen vor dem Kölner Schöffenge⸗ richt. Es war ein bisher unbestrafter Tage⸗ löhner, der angeklagt war, fuͤnf leere Kalksäcke aus einem Neubau entwendet zu haben. Der alte Mann klagt, daß Not und Armut ihn gezwungen haben, die Säcke wegzunehmen, um sie zum Schutz gegen die strenge Kälte auf sein Bett zu legen, da er Geld zu Decken nicht habe. Später habe er dem Eigentümer die Sachen zurückgeben wollen. Das Gericht sprach den Mann frei, da seine Angabe, die Säcke nur zum vorübergehenden Gebrauch wegge⸗ nommen zu haben, nicht widerlegt sei. 1 Kleine Mitteilungen. n Der antisemitische Amtsrichter Mahr in Darmstadt ist wegen seines von der Straf⸗ kammer mit einer Geldbuße geahndeten Excesses im Eisenbahnwagen noch disziplinar mit einer Verwarnung bestraft worden. * Ein scheußlicher Lustmord wurde am Sonntag in Unterliederbach bei Höchst a. M. an dem 12 jährigen Mädchen eines Arbeiters verübt. Das Mädchen wurde überfallen, vergewaltigt und ihm dann der Bauch aufgeschnitten sowie schwer der Hals verletzt. Es konnte sich noch ein Stück Weges fortschleppen, brach dann aber bewußtlos zusammen. In hoffnungs⸗ losen Zustande wurde es in das Krankenhaus gebracht. Als Thäter wurde am Dienstag der Arbeiter Hege⸗ mann verhaftet. r Opfer der Arbeit. Der Bergmann Michel aus Löhnberg stürzte am Montag auf der Grube„Justine“ bei Ahausen in den Schacht. Er er⸗ litt schwere Verletzungen. * Im Tobsuchtsaufalle erschoß am Montag in Achern Gaden) der 40 jätzrige Kassierer Friedrich Lott seinen 70 Jahre alten Vater; die zwei Schwestern des Tobsüchtigen retteten sich durchs Fenster. Das Dienstmädchen erhielt zwei Schüsse in den Arm, ein⸗ dringende Polizei nahm den Tobsüchtigen fest und vr⸗ brachte ihn in das Krankenhaus. * Reicher Schuhmachergeselle. Im Nachlaß eines kürzlich in Neuwied verstorbenen Schuhmachergesellen, welcher 20 Jahre lang bei einem Meister gearbeitet hat, fand man eine Hinterlassenschaft von ca. 65000 Mark. Bei diesem Vermögen war der Mann geizig und aß sich kaum satt. Verwandten desselben in Dierdorf können die Hinterlassenschaft gut gebrauchen. * Durchbrenner. Der zweite Vorsteher der Potsdamer Filiale der Nationalbank für Deutsch⸗ land, Albert Heyde kehrte nicht von selnem Feiertags⸗ urlaub zurück. Es stellte sich heraus, daß Heyde 94 50 0 Mk, aus der Kouponkasse veruntreut hat. Heyde ist seit 1889 im Dienste der Bank.— Ein weniger großer Durchbrenner ist der Hülfsgerichtsdiener des Amtsgerichts in Ehrenbreitstein, der mit einem Geldbriefe von 4500 Mk. das Weite suchte. * Ein frommer Spitzbube. Der langjährige Kassierer des Gustav Adolf⸗Vereins in Leipzig Karl Friedrich Jubisch, der sich eines„unbegrenzten Ver⸗ trauens“ bei der Vereinsleitung erfreute, hatte trotzdem die Summe von 5726 Mark unterschlagen. Das Landgericht Leipzig verurteilte ihn dafür zu 2 Jahren Gefängnis und 3 Jahren Ehrverlust.— * Gebrochene Staatsstütz e. Der frühere Gemeinde vorsteher Weichelt aus Groß⸗Schönau in Sachsen, der vor einigen Monaten nach Unter⸗ schlagungen in Höhe von 150 000 Mk. flüchtig ge⸗ worden und später verhaftet worden war, ist vorige Woche vom Landgericht Bautzen wegen Betrug, Unterschlagung im Amte und Diebstahl zu sechs Jahren Gefängnis und 5 Jahren Ehrverlust ver⸗ urteilt worden. * Unsittlicher Pfarrer. Vor der Strafkammer in Breslau hatte sich am Sonnabend der katholische Pfarrer Edmund Holthoff aus Kausug zu verantworten. Er war des Sittlichkeitsvergehens an einem 17 Jahre alten Gärtner angeklagt. Der Gerichtshof erachtete den Geistlichen für überführt und verurteilte ihn zu 6 Par tei-Nachrichten. Hundert sozialdemokratische Landtags⸗ abgeordnete gibt es nach Berechnung der Chem⸗ nitzer„Volksstimme“ in den verschiedenen deutschen Bundesstaaten. Ganz genau stimmt die Rechnung nicht. Für Hessen werden in der Aufstelluug nämlich 7 Ab⸗ geordnete angegeben, es sind aber nur sechs Sozial⸗ demokraten in der hessischen Zweiten Kammer. Genosse Rau gehört derselben nicht mehr an. Treffen die An⸗ gaben des Chemnitzer Parteiorgans sonst überall zu, so blieben also nur 99 Abgeordnete. Wahlkreis Gießen ⸗Grünberg⸗Nidda. Sonntag, den 15. Februar 1902, Vormittags 10 Uhr Kreiskonferenz in Gießen, Lokal Orbig, Rittergasse 17. Tagesordnung: 1. Vorstandsbericht und Neuwahl des Vertrauens⸗ mannes; 2. Organisation und Agitation im Kreise (Ref. Gen. Orbig); 3. Die bevorstehende Reichstags⸗ wahl(Ref. Gen. Krumm); 4. Maifeier(Ref. Beck⸗ mann). Die Parteigenossen aller Parteiorte im Kreise werden ersucht, für ihre Vertretung zu sorgen. Jeder Ort hat das Recht, bis zu drei Delegierten zu ent⸗ senden. Etwaige Anträge sind baldmöglichst einzureichen. Der Vorstand des Kreiswahlvereins. Versammlungskalender. Genossen! Besucht regelmäßig Eure Versammlung en! Samstag, den 10. Januar. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Vortrag: „Wohlthätigkeit“. Ref.: Vetters.— Brauer. Abendsd Uhr Versammlung bei Jöb, Wiener Hof. Sonntag, den 11. Januar. Gießen. Freie Turnerschaft. Mithliederver⸗ sammlung Nachmittags 4 Uhr im Lokale„Zum Pfau.“ Samstag, den 17. Januar. Gießen. Allgemeine Versammlung. Abends 81% Uhr im Saale zum Len z'schen Felsenkeller. Vortrag von Frau Dr. David. Gießen. Freie Turnerschaft. Turnstunden jeden Mittwoch, Abends ¼9 Uhr, Sonntag, Vormittags 10 Uhr im„Pfau“. Briefkasten. Mehrere Einsendungen mußten zurückgestellt werden. F. Wtzlr. Wir würden Dir raten, den Kerl einfach zu verklagen. Der hat am allerwenigsten das Recht, andern Leuten Lügen und Schwindel vorzuwerfen. re Se r er Empfehlenswerte sozialistische Schriften. Die Kolportage⸗Kommission des Wahlvereins Gießen, Wirtschaft Orbig— eupfiehlt: Freie Stunden. Beste Romanlitteratur. striert. Wöchentlich ein Heft. à 10 Pfg. Die Hütte. Zeitschrift für das Volk und seine Illu⸗ Jugend. Illustriert. Prachtvoll ausgestattet. Alle 14 Tage ein Heft. à 25 Pfg. Lohnarbeit und Kapital. Separatabdruck aus der Neuen Rheinischen Zeitung vom Jahre 1849 von Karl Marx. Preis 20 Pfg. Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon, Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg. die Nummer. Wellkrach und Weltmarkt. Eine weltpoli⸗ tische Skizze von Fr. Mehring. Preis 25 Pfg. Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg. .—— Markeberichte. Auf dem Wochenmarkte in Gießen kosteten am 6. Januar: Butter per Pfd. Mk. 0,80 0,90, Hühnereier 1 St. 8— 10 Pfg., Enteneier 1 St. 0—0 Pfg., Gänseeier per St. 00— 00 Pfg., Käse 1 St. 5—8 Pfg., Käsematte 2 St. 5—6 Pfg., Erbsen per Liter 21 Pfg., Linsen per Liter 32 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo 6,00—0,00 Mk., Zwiebeln per Ztr. Mk. 3,50—4, 50, Milch per Liter 18 Pfg., Tauben per Paar Mk. 0,70 bis 0,95, Hühner per St. Mk. 1,00—1,20, Hahnen per St. Mk. 0,80— 1,40, Enten per St. Mk. 2,00 bis 2,60, Gänse per Pfd. 58— 70 Pfg. Fleischpreise. Ochsenfleisch per Pfd. 66— 76 Pfg. Kuh⸗ und Rindfleisch 60—64 Pfg., Schweinefleisch 70 bis 80 Pfg., Schweinefleisch, gesalzen, 84 Pfg., Kalb⸗ die Beerdigung statt und legte beredtes Zeugnis dafür ab, 1 jeder Arbeiter, der seine Pflichten Monaten Gefängnis. fleisch 6872 Pfg., Hammelfleisch 50—70 Pfg. r 4 3 5 — 10 1. 1 —— 5 2 — 2 75 Seite 6. Mitteldeulsche Sountags⸗Zeitung · Nr. 2 52 2* 2 b Unterhaltungs-Ceil. ————— 2 Modern. O, es ist göttlich schön Auf eines Trones Höh'n! Su glänzen und zu beten, Su zürnen und zu reden, Zu drohen und zu loben, Der schwersten Sorg' enthoben, Wie sie da unten drückt Das Volk, so tief gebückt In Knechtschaft und in Schmach Bis auf den heut'gen Tag.— O, es ist göttlich schön Auf freien Sinnes Höh'n! Zu lieben und zu hassen, Su trotzen und zu fassen Zu stolzem Bund zusammen, Die gleichem Geist entstammen Und bilden eine Wehr, Die nicht will dulden mehr Die Unechtschaft und die Schmach, — Und schafft den neuen Tag! L. W. Aus einem deutschen Hause. Ein Familienbild aus dem neunzehnten Jahrhundert von Ludwig Schierk. I. Im Erdgeschosse des eleganten Hauses lag die Küche Man atmete den soliden Duft der Braten und den berückenden Hauch exotischer Gemüse, sobald man unter den Bogen des großen Tores trat, welches der selbstgefällige Eigentümer der vornehmen Behausung das„Portal“ nannte. Die Nase des Eintretenden fühlte sogleich, daß die Inhaber des luxurtiösen Gebäudes jener gebenedeiten Menschenklasse angehörten, die durch die Fähigkeit, sich das klingende Resultat fremder Arbeit anzueignen, das Vorrecht erworben hat, den Zeitraum, der zwischen Geburt und Tod des Einzelnen verstreicht, als eine ununter⸗ brochene Kette des Genusses und der Freude auffassen zu dürfen. Das hohe Bewußtsein dieses Vorrechtes leuchtete aus den grinsenden Zügen eines Luchs⸗ kopfes, der den Torbogen zierte; es schlummerte nicht minder in dem Geheimnisse der drei Buch⸗ staben C. v. O., die im Schutze eines gezackten Krönchens über jenem Raubtierkopfe einge⸗ meißelt waren; es konzentrirte sich besonders auch in dem Dufte, welcher der Küche, diesem Heiligtum wohlhabender Häuser, täglich ent⸗ strömte. Für den Grundton des folgenden Bildes ist es durchaus nötig, mit der Betrachtung dieses erhabenen Raumes den Anfang zu machen. Ein weites, hohes Gemach, breit und luftig gewölbt, mit tiefen, hohlen Fensternischen. An den Rändern des Bogens, der die Decke bildete, glotzten in gut gewählten Abständen niedliche Tierköpfe aus dem Gestein. Sie gaben Zeug⸗ nis von der Blüte eines nationalen Kunstge⸗ werbes, das die Sonne des Kapitals in unserem undankbaren Vaterlande gezeitigt. Ein Schweinskopf aus schwarzen Marmor stierte mit blödem Steinauge nach dem granitnen Haupte eines Lachses, der mit offenem Maule in grenzenlosem Erstaunen auf das kunstvolle Wandgetäfel nebenan blickte, aus dessen geo⸗ metrischem Labhrinte der gehörnte Schädel einer Kuh melancholisch hervorragte. Dem frommen Tiere des arischen Hauses gegenüber prangte die herzbrechende Gestalt einer steinernen Gans, die aus Gram über ihre durchschnittene Kehle den Kopf hängen ließ. In den Mittelfeldern der Wandflächen drängte sich Eßbares und Trinkbares in so lieblichem Chaos, daß man den Maler, der diese Herrlichkeit auf den Kalk gezaubert, um Phantasie und Appetit zugleich beneiden mußte. Die Hitze, die den nützlichen Raum bis⸗ weilen durchflutete, gemächlich zu dämpfen, rauschte aus einem Alabasterbassin ein mäßiger Wasserstrahl gegen die Decke, guckte dort eine Sekunde lang das Köpfchen irgend einer Göttin an, die auf das Getier rings an den Wänden mit der Ruhe, wie ste nur der Gyps verleiht, niederblickte; glühte dann eine zweite Sekunde lang in dem kleinen Feuerstrahle, der einem halbgeöffneten Herdtürchen entfuhr, und senkte sich hierauf erschöpft in die Tiefe des kühlen Beckens, als wollte er das Spiegelbild jener Göttin erhaschen, das in dem nassen Grunde träumend hin und her schwankte. Welche Schätze an Metall und Stein schliefen in dem Wandschranke an der Mauer? Welche Last an Fleisch und Bein trug der Marmortisch am Fenster! Und über der all⸗ deutschen Türe, stehst du dort den frommen, gemütvollen Spruch in den schönen gotischen Buchstaben, die zwar unleserlich, aber so kunst⸗ gewerblich und stilvoll sind? Den Spruch von der fleißigen, deutschen Hausfrau: „Das Walten der Hausfrau am Herd Ist Gold und Edelstein wert!“ Inmitten der ehrwürdig⸗ bürgerlichen Halle stand ein Herd aus blendend weißem Marmor gleich einem Patrizier, der sich seiner Abkunft und Würde wohl bewußt ist. In dem glänzen⸗ den, stahlblanken Schmucke seiner Metalltürchen zieht wie ein Reisiger, der zum frohen Turnier 3 2* Der selbstgefällige Eigentümer des Hauses, der den Torbogen das„Portal“ genannt hatte, pflegte von diesem Prachtstücke seiner behaglich⸗ vornehmen Einrichtung mit jener wegwerfenden Geringschätzung zu sprechen, welche wohl haben⸗ den und welterfahrenen Leuten so gut ansteht. „Da habe ich“— erklärte er der andächtig lauschenden Gemeinde kleiner, von ihm ab⸗ hängiger Handwerker, denen er zuweilen am Stammtische des Hotels„Zur deutschen Warte“ die Gnade seiner Anwesenheit schenkte—„da habe ich in meiner Küche einen Herd, der mich baare zweitausend Mark gekostet hat. Und doch will mir der gute, alte Kachelofen nicht aus dem Sinn, an dem sich mein Vater selig die kalten Füße wärmte, wenn er mit dem Leinwandbündel auf dem Rücken stundenlang das winterliche Dorf abhausirt hatte. Ja, ja! Wir jungen Leute stecken bis über die Ohren in kostspieligen und unzweckmäßigen Neigungen!“ Die Gerechtigkeit erfordert es hinzuzufügen, daß es dem Redner von Jahr zu Jahr schwerer wurde, sich der Verkommenheit dieser Neigungen zu entreißen. In der prickelnden Atmosphäre des stilvollen Gemaches, aus dem die Gegenstände hervor⸗ gingen, die den Bewohnern dieses vornehmen deutschen Hauses des Leibes Notdurft zu stillen berufen waren, trippelte leichtfüßiges Mädchen⸗ volk hurtig durcheinander. Es gab eine Flut weißer Schürzchen, schlanker Hüften, sanft gerundeter Arme. Aus schneeigen Spitzenhäubchen guckten gesunde, rote Mäulchen, niedliche, glühende Wänglein: eine Summe von Gelegenheit zu vorübergehender, herablassender, männlicher Teilnahme auf Treppe, Flur und Dachboden. Der Eigentümer des Hauses der den Tor⸗ bogen das„Portal“ genannt hatte, verstand sich offenbar darauf, jeglichen Raum nach den Forderungen des vaterländischen Kunstgewerbes auszustatten. Es fehlte durchaus an Dienst⸗ leuten aus dem starken Geschlechte. Die Mit⸗ glieder dieses bevorzugten Teiles der mensch— lichen Gesellschaft fanden eine ebenso zweckmäßige als einträgliche Verwendung in den weitläufigen Fabrikanlagen, welche gewissermaßen das reisige Gefolge des eleganten Wohnhauses bildeten und den Inhaber der Firma C. v. O. in den Stand setzten, dem vaterländischen Kunstgewerbe seine Teilnahme in so ausgedehntem Maße zuzuwenden. Diese Betätigung eines nachahmenswürdigen patriotischen Gefühles konnte aber dem auf der Höhe der Zeit stehenden, wahrhaft volks⸗ tümlichen Geschäftsmanne nicht im mindesten das untergeordnete Interesse rauben, das er vermöge eines angeborenen menschenfreundlichen Zuges an den zierlichen Mädchengestalten nahm, breitung des Blattes gab den Genossen an die seinen Herd und zuweilen auch seine Haus.. frau umgaben. 1 Ein Hauch dieser Fürsorge schien wie ein ö Reif auf dem niedlichen Gesichtchen zu liegen, das soeben die kunstgewerblich gezierte Treppe herabkam, die zu den Familienräumen des be- haglichen deutschen Wohuhauses führte. 10 Die großen braunen Augen des Mädchens zitterten in dem flüchtigen Schimmer eines un⸗ sicheren Schuldbewußtseins, und ein Schatten grausamer Enttäuschung— der charakteristische Ausdruck junger deutscher Frauen am Ende der Flitterwochen— lag wie ein Schleier auf dem Glanze dieser Stirne. 5 10 Eine Erkenntnis dieser Tatsachen schien in dem plötzlichen flüchtigen und schadenfrohen Aufblicken sichtbar 1 werden, mit dem ein 555 55 eilfertigen Küchenvolkes die Eintretende egrüßte. „Das Essen für Herrn Ewald!“ rief die Schöne, während sie mit zwei Schritten in den Raum trat. 5 Ein paar Hände fuhren dienstbeflissen in den Wandschrank, strichen mit einem Geschirr von blendender Reinheit zwei⸗ oder dreimal durch den rauschenden Wasserstrahl des kunst⸗ gewerblichen Springbrunnens und setzten dann ein ansehnliches Frühstück auf den Marmortisch, bei dem das Mädchen stehen gebieben war. N „Martha!“— flüsterte dabei eine weiche, flehende Stimme, die zu jenen Händen gehörte —„Martha, hörst Du, Franz hat mir gestern geschrieben! Willst Du den Brief sehen?““ Es erfolgte keine Antwort. 1 Die Angeredete ergriff vielmehr das zie. liche Brettchen von Ebenholz, das gleich dem zarten Porzellanteller, der das Frühstück ent⸗ hielt, die drei Buchstaben C. v. O. im Schutze ö eines gezackten Krönchens trug. Ein kaum merkliches Beben der Lippen verriet gleichwohl, 0 daß die Mitteilung vollkommen verstanden worden war, und der müde Schrit, mit den das Mädchen gleich darauf die Treppe wieder 1 emporstieg, konnte den Eindruck nicht verbergen, 1 den eben diese Mitteilung auf die Zuhörerin gemacht haben mußte. g 3 1 Herr Ewald bekam indeß sein Frühstück. Der junge Herr war der Sohn des Hauses und der voraus sichtliche Chef der Firma C. v. O., sobald der gegenwärtige Inhaber derselben das irdische Jammertal mit einem besseren Jenseits vertauscht haben würde. In der jugendlichen Gier, mit welcher der fünfzehnjährige Erbprinz die reizvollen Erzeugnisse einer sorgfältigen Kochkunst hinunterschlang, lag ei e beruhigende Gewähr dafür, daß jener verantwortungsvolle Posten keinem Unwürdigen bestimmt sei. 1 Zur Zeit war er der nicht ganz sorgenfreie Stolz seines strebenden Vaters. 1 0 Dieser pflegte von seinem Sprößling mit jener ruhigen Klarheit und geschäftlichen Be⸗ stimmtheit zu sprechen, welche alle seine Reden auszeichneten. 74 „Mein Sohn kostet mich monatlich mehr,“ bemerkte er am Stammtische im Hotel„Zur deutschen Warte,“„als mein Vater selig während seiner Hausirzeit in einem Jahre ausgeben durfte.“ 0 Natürlich folgte diesem Ausspru he eine ausführliche Verurteilung der herrschenden, un⸗ erträglichen und verkommenen Zeitläufte. f (Fortsetzung folgt.) Vom Büricher Sozialdemokrat und der Art und Weise, wie das Blatt vertrieben wurde, erzählt Genosse H. Schlüter im Newyorker Pionier⸗ Kalender für das Jahr 1903: „ J Das Blatt hat während der 11 Jahre seines Bestehens einen großen Einfluß auf die sozialistische Bewegung Deutschlands ausgeübt. Der Sozialdemokrat war es, der nach den ersten Jahre der Verwirrung, das dem Erlaß 1 des Sozialistengesetzes folgte, den deutschen Ar⸗ beitern wieder einen einheitlichen Zusammen⸗ hang gab. Die Bewegung hatte wieder etwas Gemeinsames, das alle verband. Die Ver⸗ allen Orten eine gewisse regelmäßige Tätigkeit und einen regelmäßigen Zusammenhang. Der as zier eich den tück ent Schutt n kaun kichwohl erstanden mit dem e wiedtt erbergen, ubörkrin sstid. Hausez C. b. O, 5 lben dl Jenseiz endlichen Crbpri gfältge Ahigende gsbolt dgenfte ing l 6 d ie Redtk n ch el 1 vöhtin ate ge eil den 1 fle. ral hen bun ont wwahlen. Nr. 2. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. oder die Genossen, denen die Verbreitung des natürlich verbotenen Blattes direkt oder indirekt oblag, vermittelten naturgemäß die Verbindung innerhalb der Bewegung der einzelnen Orte; sie bildeten häufig den Mittelpunkt der lokalen Bewegung, waren oft ihre eigentliche Seele. Die Bedeutung ihres Blattes für ihre Be⸗ wegung wurde aber auch von den deutschen Arbeitern anerkannt und— sie handelten da⸗ nach. Kaum je ist wohl ein Blatt mit solcher Anhänglichkeit von den Arbeitern irgend eines Landes hochgehalten worden, kaum je ist in der Arbeiterbewegung irgend eines modernen Landes eine Zeitung mit solchen Opfern auf⸗ recht erhalten und verbreitet worden, wie der Züricher Sozialdemokrat. Die paar Leute, die in der Schweiz bei der Herausgabe des Blattes tätig waren, hätten dem revolutionären Organ keinerlei Bedeutung geben können, wenn nicht Tausende von Arbeitern im Reiche ihre Freiheit aufs Spiel gesetzt hätten, um dieses Organ allwöchentlich in Tausenden von Exemplaren zu verbreiten. Diese unbekannten und unge⸗ nannten Arbeiter waren es, die dem offiziellen Organ der Sozialdemokratie Deutschlands wäh⸗ rend des Sozalistengesetzes seine Bedeutung gaben. Im ersten Jahre nach dem Erlaß des Sozialistengesetzes waren die Geldmittel der Partei naturgemäß sehr geringe. Die Organi⸗ sation war zerstört und die bisherigen Ein⸗ nahmequellen verschüttet. Dazu kam als Haupt⸗ sache, daß die Unterstützung der Ausgewiesenen und ihrer Familien alle aufgebrachten Gelder verschluckte. Als es sich dann zeigte, daß ein Preßorgan im Auslande eine absolute Not⸗ wendigkeit für die Bewegung sei, und als August Geib in Hamburg zuerst die Gründung eines solchen Blattes anregte, da fehlten der Partei die Mittel, dieses Blatt ins Leben rufen zu können. Da war es der Sohn eines reichen Bankiers in Frankfurt a. M., Karl Höchberg, der die Mittel hergab, die nicht nur ausreichten, ein revolutionäres Organ für die deutsche So— zialdemokratie in der Schweiz zu gründen, sondern der auch dafür sorgte, daß es einige Zeit aufrecht erhalten werden konnte. Am 28. September 1879 erschien dann die Probenummer des Sozialdemokrat in Zürich unter der Redaktion von Georg Vollmar, der seinen Posten bis zum Jahre 1881 behielt, um ühn dann an Eduard Bernstein abzugeben, der das Blatt bis zum Schlusse seines Er⸗ scheineuns im Jahre 1890 redigierte. Regel⸗ mäßiger Mitarbeiter des Blattes für Deutsch⸗ land war Wilhelm Liebknecht. Seinen höchsten Stand erreichte der Sozial⸗ demokrat im Jahre 1887 nach den Reichstags⸗ Die Auflage stieg damals bis zu Anfaug des Jahres 1888 auf 12 000. Von diesen 12 000 Exemplaren des Blattes gingen 8 000 über die deutsche Grenze ins Reich hin⸗ ein, während der Rest im Auslande abgesetzt wur de. 1888 begann die Auflage des Blattes etwas zu sinken, wenn auch nicht viel. Das war Leine Folge der größeren Freiheit, die die deutsche Regierung um diese Zeit den Arbeiterblättern im Reiche ließ, die zu einem Teil das Bestehen des Blattes im Auslande überflüssig machte. Es ist viel gefabelt worden über den Ver⸗ sand des Sozialdemokrat ins Reich hinein. Die Schwierigkeit und die Gefahr begann erst, wenn die Ladung„drüben“ war und wenn es hieß, sie nun derart über das Reich zu verteilen, daß weder die Sendung der Polizei in die Hände fiel, noch daß der Empfänger oder der Absender bei ihrer untergrabenden Tätigkeit abgefaßt wurde.. N .. Der Wege, auf dem der Sozialdemokrat und die übrigen verbotenen Schriften ius Reich hineingebracht wurden, waren nicht einer, es waren viele, viele. Die Genossen der Grenz— dtädte, die den Vertrieb einer Sendung über⸗ nommen hatten, banden sich die entsprechend zusammengepackten Packete mit ihren verbotenen Inhalt um den Leib und gingen„spazieren“, wobei sie die Grenze passierten. Gewerbsmäßige Schmuggler, die mit der zatten, wurden des öfteren benutzt, Partei nichts zu tun um die Sendung über die Grenze zu bringen. Boots⸗ leute und Fischer des Bodensees, mit jedem Winkel des Grenzgebiets vertraut, nahmen gegen gute Bezahlung die Säcke oder Kisten mit ihrem Schrifteninhalt über den See und legten sie drüben auf deutschem Gebiet an irgend einem vorher bestimmten Platze, z. B. in einem buschigen Walde, nieder, und dort stellten sich dann, wenn die Luft rein war, die Vertrauensleute des betreffenden Ortes ein, um die Sendung weiter zu befördern oder vor⸗ läufig zu verstecken. Lokomotivführer haben verschiedentlich unter der Kohle ihrer Lokomotive eine Sendung des so gründlich gesuchten Blattes ins Land gebracht. Und das war nicht blos an der Schweizer Grenze der Fall. Auch von Belgien und Hol⸗ land aus wurde die verbotene Ware ins Rhein⸗ land und von dort ins ganze Reich hinaus⸗ geschickt. Verviers— Aachen—-Köln war eine vielbenutzte Route und manchen schönen Sonn⸗ tagnachmittag sind die Kölner Genossen nach Verviers gefahren, die auf ihrer Rückfahrt in der Eisenbahn„Sozialdemokraten“ unter ihrem Hintern hatten. Dann gingen Sendungen von Schriften, deren Ablieferung nicht so an die Zeit gebunden war, über Amsterdam zur See nach Hamburg; dann, unter Zollverschluß direkt von der Schweiz nach Hamburg, wo die dortigen Genossen dann den Schmuggel ins Reichsgebiet, nach Ottensen, Wandsbeck u. s. w. übernahmen. So standen den Züricher Vertrauensleuten nicht einer, sondern zehn Wege offen, um den Sozialdemokrat und die verbotenen Schriften nach Deutschland hineinzubekommen. Die Ge⸗ fahren der Verbreitung begannen erst, wenn die Sachen im Reiche waren und weiter ver— schickt werden sollten. Die Hauptschwierigkeit bestand darin,„drüben“ Niederlagen zu finden, von wo aus die Sendungen weiter geschickt werden konnten. Die Verpackung der einzuschmuggelnden Zeitungen und Schriften war je nach dem Weg, der gewählt wurde, auch verschieden. Bei direkten Schmuggel an der Schweizer Grenze, bei der öfter die Zeitungen am Körper von Genossen versteckt, ins Reich hineingetragen wurden, pflegte man lange schmale Packete zu machen, deren Umfang mit einer Presse mög⸗ lichst reduziert wurde, und die dann unter der Kleidung und an den Körper befestigt wurden. Die verschiedenen Pakete enthielten keine Adressen, sondern Buchstaben, deren Schlüssel der Em⸗ pfänger in Händen hatte. ... Sehr oft hatte der eigentliche Adressat im Reiche, an den die Sendung mit verbotenen Schriften ging, keine Ahnung von dem Inhalt derselben. Die Genossen des betreffenden Ortes gingen zu ihrem Bäcker, Fleischer oder Kolonial- warenhändler und baten sie, doch eine Kiste für sie in Empfang zu nehmen, wenn eine solche ankommen sollte. Das wurde in der Regel ohne Anstand getan und die Sendungen waren in solchen Fällen um so sicherer, als die Polizei annehmen mußte, daß derartige Geschäftsleute Warensendungen erhielten und sie daher keinen Verdacht schöpfen konnte. Oft genug haben „königliche“ Hoflieferanten in dieser Weise ihre Hilfe zur„Untergrabung der bestehenden Ord— nung“ leisten müssen. Diente doch auch ein Züricher Minister eine Zeitlang als Deckadresse für eingehende Briefe nach der Schweiz.... ... Es würde übrigens ein Buch füllen, wollte man alle Abenteuer erzählen, die bei der Verbreitung des verbotenen Blattes bestanden wurden. ... Der Zufall wollte es mitunter, daß kurz nach Ankunft von Packeten verbotener Schriften an ihre Adresse auch die Polizei erschien und Haussuchung hielt, wobei ihr natürlich die Packete in die Hände fielen. In Magdeburg wurde eines Tages der dortige Vertrauensmann benachrichtigt, daß mehrere derartige Packete, deren Inhalt durch Beschädi⸗ gung der Umhüllung auf der Post schon erkannt worden war, bei einem Tischler ankommen sollten. Diese mußten gerettet werden. Die Vertrauensperson begab sich daher sofort an die gefährdete Stelle und richtig,— da stand schon ein behelmter Ordnungshüter vor der Haustür und beobachtete die ein- und aus⸗ gehenden Personen. Ruhig ging unser Genosse an ihm vorbei, erhielt die beiden Packete und stellte sie einer gerade die Treppe herunter kommenden Grünkramfrau in die Kiepe. Der Gemüsefrau traute niemand ein so ruchloses Beginnen, wie der Expedition des Sozialdemo⸗ krat zu, und ungehindert passterte sie die ge⸗ fährliche Stelle. Beim Verlassen des Hauses war schon der zweite Beamte angelangt. Man schien nur noch auf den Kommissar zu warten, um die Haussuchung vorzunehmen und die gefährliche Sendung im Triumph nach der Polizei zu bringen. Während aber die beiden noch warteten, wurde die Kiepe der Grünkram⸗ frau ihres Inhalts entledigt, und nicht wenig freuten sich die Parteigenossen darüber, daß es len gelungen war, den Vielgesuchten zu enn Nicht unerwähnt möge bei dieser Gelegen⸗ heit auch sein, daß ab und zu auch in Deutsch⸗ land selbst der Sozialdemokrat hergestellt wurde, so u. a. in Burgstädt i. S. Die fertig gegossenen Platten kamen aus Zürich, natürlich unter entsprechenden Vorsichtsmaßregeln. Nachts wurde dann der Druck vorgenommen. Die sächsiche Polizei bekam nie Wind davon, daß in ihrem eigenen Machtbezirk sich solche staats⸗ umstürzende Dinge abgespielt haben. umoriassches „Familienleben“. A.: Sogar in das innerste Familienleben dringen diese Sozialistenblätter jetzt ein! B.: Ja, denen ist nichts mehr heilig! Kaum hat man seine Frau mit einem hübschen Frauenzimmer hinter⸗ gangen— gleich steht's in der Zeitung! Und dann ist der Frieden in der Familie natürlich futsch! Die Sozial⸗ demokraten sind eben die geschworenen Feinde der Familie!(Postillon.) Sie kennt ihn. Er:„Diese Nacht haben wir beschlossen, einen Mäßigkeitsverein zu gründen!“ Na, da müßt Ihr wieder'n netten Schwips gehabt haben!“ Eine schöne Geschichte. Der Lehrer hat den Kleinen der Vorschule eine Geschichte erzählt. Als er sie beendet hat, fragt er: „Nun, kann mir denn von Euch auch einer eine schöͤͤne Geschichte erzählen?“ Lautlose Stille. Dann hebt sich schüchtern ein kleiner Finger empor. „Siehst Du,„Karlchen,“ muntert der Lehrer auf, „ich habe mir doch gleich gedacht, daß Du eine schöne Geschichte weißt. Nun, erzähle sie uns mal!“ Der fängt denn auch an, erst stockend, dann leb⸗ hafter: „Einmal, da waren wir bei meiner Tante einge⸗ laden, die den großen Garten hat. Zum Mittagessen, da habe ich ein Glas Wein bekommen nnd dann kriegten wir eine Menge Schlagsahne und Erdbeeren. Dann sagte meine Tante zu mir:„Du kannst jetzt im Garten spielen und so viel Obst essen, wie Du magst.“ Da bin ich gleich nach den Stachelbeeren gegangen und habe da am meisten von gegessen. Meine Tante hat auch Birnen, die waren aber noch unreif, ich habe aber doch welche davon gegessen. Die Kirschen mochte ich nicht gern, die schmeckten ganz sauer. Dann habe ich den ganzen Nachmittag im Garten gespielt, bis ich ganz heiß war. Dann gab mir meine Tante ein großes Glas voll Milch, die war ganz frisch von ihren Kühen gemolken. Und Abends, da durfte ich beim Essen ein Glas Bier mittrinken. Sonst kriege ich nicht Bier. Dann sind wir nach Hause gefahren. Ich saß auf dem Bock und war sehr müde. Dann hat mich meine Mama zu Bett gebracht und als sie mir die Hose auszog, da sagte sie:„Das ist aber eine schöne Geschichte!“ (Simplicissimus.) Geschichtskalender. 11. Januar. 1902: Aufhebung des Gumbinner Todesurteils. 12. 1890: Johannes Wedde, sozialist. Schrift⸗ steller, T. 1885: Polizeirat Rumpf in Frankfurt a. M. erdolcht. 13. 1902: Kugelmann, alter Achtundvierziger, Freund von Karl Marx, in Hannover 5. 14. 1887: Puttkamer's verschärfte gesetzvorlage im Reichstage. 15. 1898:„Vorwärts“ veröffentlicht Posadowsky's geheimen Streikerlaß. 16. 1901: Böcklin, berühmter Maler, f. Proudhon, sozialist. Theoretiker, f. 17. 1793: König Ludwig XVI. von Frankreich zum Tode verurteilt. *= geboren; Sozialisten⸗ 1865: gesterben Sie: . — ——=„ 2—— .—————— — Seite 8. 2 Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. gem. Versammlung im Saale des Leuz'schen Felsenkellers, Bahnhofstr. Vortrag von Frau Dr. David ⸗ Mainz, über „Wie schützen wir uns gegen die Verteuerung der Lebensmittel?“ Auf die Wichtigkeit des Vortragsgegenstandes für di reichem Besuch eingeladen. Der Einberuser. Samstag, 17. Januar, Abends 0 Uhr e Hausfrauen wird besonders hingewiesen und diese zu zahl⸗ 2 Be bergen wöchentlich 5— Sozialdemokrat. Wahlverein Giessen Sonntag, den 18. Januar 1903, nachm. 3 Uhr im Lokale Orbig, Rittergasse: General-OJersammlung Tagesordnung: 1. Abrechnung.— 2. Vorstandswahl.— 3. Wahl des Reichstagswahlkomités.— 4. Rückblick auf die polit. Vorgänge im verflossenen Jahre. Die Parteigenossen werden gebeten, recht zahlreich zu erscheinen. Ferner wird um Entrichtung der noch restierenden Beiträge dringend ersucht. 5 Der Vorstaud. aner Beinrich Holl, Giessen 0 Seim Quarkalswechsel zum Abonnement empfohlen. 8 Ortskrankenkasse Friedberg. —— Laut Beschluß der Generalversammlung vom 19. November 1902 und unter Genehmigung 930 55 Kreisamtes Friedberg vom 29. Dezember 1902 erhält der§ 30 des Statuts vom 1903 ab folgende Fassung: 2 e 5 .— 5 5 8 Hiervon entfallen auf den F 5 Arbeitnehmer Arbeitgeber 1. Für die Mitgl. der 1. Kl. 12 Pfg. 1. Klasse 8 Pfg. 4 Pfg. 2. 1 17„ 2. 1 18. 2. 1 12„ 6„ 8.„,.„ e, 3.„ 18„ 9„ 4. 1 7.. 4. 1 33 7 4. 1 22* 11 n 5.* 77 7 1 5. 7 39* 5 26 1 13 7 6. 7. 9 77 1 6. 7 51 1 6 1 34 1 12 1 7.„1, 0 1 7. 1 57 7 *. 3 7 1 38* 19 14 die Erhebung der Beiträge findet in den vom Vorstand zu bestimmenden Fristen, jedoch längstens von Monat zu Monat statt. Die angefangene Kalenderwoche wird als voll berechnet. Der Vorstand: Carl Damm, 1. Vorsitzender. D eee * 7[Iläusburg 7 — Papier-Puandlung 8 1 Buchbinderei& Geschäffsbücher* Drucksachen 9 Einrahmen von Bildern. 1 Olde elle Lel elde en détail en gros Ae Lang& Wiederstein Marktstrasse 4 Glessen 5 Marktstrasse 4 Glas-, Porzellan- und Steingut-Handlung. Grosses Lager aller Sorten Teller, Tassen, Kannen, Schüsseln u. s. w. in weiss und bunt. Bier-, Wein-, Likör-, Tafel- und Kaffeeservice in allen Preisen, Blumenvasen, Figuren, Nippes, Luxusgegenstände u. S. w. zu Gelegenheits- Geschenken. 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Zu beziehen durch jede Buchhandlung. guchhandlung Vorwärts Bertin SW. 68, Lindenftr. 69. Anter ständiger Mitarbeiterschaft von A. Bebel, Fr. Mehring, Paul Lafargue u. A. redigirt von Karl Kautsky AI Täglich feische Kreppel b Wochenschrif t der Deutschen Sozialdemokratie bei Eingetragen im Reichspostkatalog unter Nr. 5389 L. Müller Preis pro Quartal Mk. 3.25, des einzelnen Heftes 25 Pfennig. 5 Zeishrift 0 Zulcresen d 5 Tüchtige en der 1 % Wa fabselclen-Fonme edigirt 9 Klara Settin odellschlosser u. Bahnhofstraße 58. Eingetragen im Beichspostkatalog unter Nr. 3051 Werkzeugmacher . Preis p. Quart. 55 Pf. ohne Bestellgeld, der einzelnen Nummer 10 Pf. sofort bei hohem Verdieuß gesucht. Offert. u. A. 0901 bef. d. Exped. Arbeiter aller Berufe können ohne ärztl. Untersuchung lin die Allg. Kranken⸗ u. Sterbe⸗ gkasse für Arbeiter aller Berufe Deutschl., E. H.⸗K., Sitz Meißen, gegr. 1891, eintreten. Keine Agent. 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Verantw. Redakteur F. A. Vetters, Gießen. Druck von E. Ottmanns Druckerei, Gießen.