Sie lcher selbe wird eit, — — — — ͤ ͤ ͤ.—ꝛ 9.— 4 150 und 1 agu. fehle 1 in: l, 1 l 9 D — — 2 Nr. 19. 10. Jahra. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Nedaktionsschluz; Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. N g. Abounemeutspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestelluug en nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Inserate Die ögespalt. Bei mindestens 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 338) und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt, Wahlaufruf der Sozialdemokratie. Wähler! Mit dem heutigen Tage 80 Apr. D. R.) ist die letzte Session des im Juni 898 gewählten Reichstages geschlossen worden. Indem wir nunmehr unser Mandat in die Hände unserer Wähler zurückgeben, glauben wir mit gutem Gewissen denselben das Urteil über unsere Tätigkeit überlassen zu können. Als wir im Frühjahr 1898 unsren Wahl⸗ aufruf veröffentlichten, versprachen wir, den Kampf gegen Unrecht, Unterdrückung und Ausbeutung in jeglicher Gestalt zu führen und den Fortschritt auf allen Wegen zu fördern. Dieses Versprechen haben wir ehrlich gehalten. Wir taten, was wir konnten, um Unrecht zu sühnen, Gewalttat an den Pranger zu stellen, Ausbeutung zu verhindern, Unterdrückung zu bekämpfen und dem Fortschritt zu dienen. Erreichten wir nur zu oft nicht, was wir erreichen wollten, so lag es an unserer geringen Zahl, die einer großen Mehrheit von Gegnern gegenüberstand. Leider haben die letzten fünf Jahre an Fortschritten, denen wir glaubten zustimmen zu können, nur wenig, an neuen Volksbelastungen und Bedrückungen nur zu vieles gebracht. Der ersten Flottenvorlage vom Jahre 1898 folgte die zweite weit größere von 1900, die auch gewaltige Mehrausgaben ver⸗ ursachte, der eine allezeit bewilligungslustige Mehrheit unter der Führung des Zentrums, ihre Zustimmung unter Kürzung der Rechte des Reichstags gab. Das Jahr 1899 sah die Bewilligung des Militär-Quinquennats mit einer Verstärkung der Armee um über 19000 Mann und den entsprechenden Mehrkosten. In der langen Session von 1901 bis 1903 aber entbrannte der Kampf um den neuen Zolltarif, der in der Nacht vom 13. auf den 14. Dezember 1902 mit einer Zweidrittel⸗ Mehrheit Annahme fand, nachdem diese Mehrheit unter Führung ihrer Prä⸗ sidenten Recht und Gesetz mit Füßen getreten und unter Anwendung der widerrechtlichsten Mittel die Minder⸗ heit vergewaltigt hatte. Dieser neue Zolltarif ist in unseren Augen ein Produkt der Ungesetzlichkeit und der Barbarei. Ungesetzlich durch die Formen, unter denen er 110 stande kam, barbarisch durch die Zollsätze, ie er insbesondere für die notwendigsten Lebens⸗ mittel enthält, die eine Plünderung und Aus⸗ raubung der großen Mehrheit der Nation zum Vorteil einer begünstigten Minderheit bedeuten. Auf Grund dieses neuen Tarifes günstige Handelsverträge für Deutschlands Industrie und für die auf den Kauf von Agrarprodukten angewiesene ungeheure Volksmehrheit zu erhoffen, ist ausgeschlossen. Als entschiedene Anhänger einer Handelsvertragspolitik, die den Aus- fausch von Waren und Kulturmitteln mit allen Völkern der Erde nach Mög⸗ lichkeit erleichtert, müssen wir aber Handels verträge, welche auf Grund des neuen Zolltarifs abgeschlassen, unsere Handels beziehungen mit dem Ausland und die Lebenshaltung der grossen Masse der Bevölkerung verschlechtern, aufs entschiedenste bekämpfen. Wähler! An Euch ist es, bei den bevor⸗ stehenden Wahlen zu entscheiden: ob Ihr die Politik der Plünderung und Ausraubung der Massen zu Gunsten bevorrechteter Klassen ferner sanktionieren wollt. Es handelt sich aber nicht bloß um diese Frage, es stehen auch eine Reihe andrer Fragen in den nächsten fünf Jahren zur Eutscheidung. Trotz der seit Jahrzehnten fortgesetzten un⸗ geheuren Rüstungen zu Lande und zu Wasser, in denen Deutschland allen Staaten voraus ist und sie übertrumpfte, und obgleich schon gegenwärtig die Militär- und Marine⸗Etats mit den zu ihnen in Beziehung stehenden Ausgaben weit über 1000 Mil⸗ lionen Mark im Jahre verschlingen, stehen abermals neue große Rüstungen und diesen entsprechende Mehraus⸗ gaben bevor. Das Alilitär-Quinquennat geht 1904 zu Ende uv alsdann erscheint wieder eine neue große Militär vorlage. Eine neue Flotten vorlage ist ebenfalls schoꝛ angekündigt worden. So trägt Deutschland mit in erster Linie die Schuld, daß die Rüstungen kein Ende nehmen und unter den Staaten ein Wettrennen entstanden ist, bei dem schließlich die Völker zusammenbrechen müssen. Frankreich ist schon seit Jahren an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit an Menschen angekommen und sein Steuer- und Schulden— konto steigt ins Ungemessene, gleich dem unsren. Rußland hat sich im Osten den Magen über⸗ laden und braucht Zeit zur Verdauung. Dazu kommen seine steigenden finanziellen Verlegen— heiten, die Notlage seiner Bauern und die Gärung im Innern, die es ihm auf absehbare Zeit ganz unmöglich machen, an einen großen Krieg zu denken. Aber auch die Aussicht auf eine finanzielle und soziale Natastrophe, die ein enropäischer Nrieg unfehlbar im Gefolge hat, verbietet es einem jeden der großen Staaten die Vrandfackel an die Pulvertonne zu legen auf die Gefahr hin, den eignen Antergang zu provo⸗ zieren. Trotz alledem ist das Deutsche Reich immer wieder der Dränger und Treiber bei diesen Nüstungen. Wähler! Dem muß endlich ein Ende bereitet werden! An Euch ist es, ein millionenstimmiges: Nun ist's genug! unsren regierenden Klassen ins Angesicht zu schleuder n. Mit den Militär- und Marine-Ausgaben steigen die Ausgaben für die Kolonien, deren Entwicklung die kläglichste ist und die nicht entfernt an Handelswerten einbringen, was sie alljährlich kosten. Aber auch die übrigen Reichs- bedürfnisse steigen von Jahr zu Jahr, trotzdem sie gleich den Militär- und Flotten⸗Ausgaben infolge der großen Ebbe in den Reichskassen noch gewaltsam zurückgehalten wurden. So scheiterte z. B. die dringend notwendige Erhöh⸗ ung der Militärinvaliden⸗Pensionen an dem Mangel an Mitteln. Diese Ebbe in den Reichs- kassen entstand, obgleich die Schuldenlast des Reiches von 1888, dem Jahre, in welchem der jetzige Kaiser zur Regierung gelangte, bis heute von 721 Millionen Mark auf fast 3000 Mil⸗ lionen Mark mit an 100 Millionen Mark Schuldzinsen per Jahr geweachsen ist, und die Einnahmen aus den Zöllen und indirekten Steuern seit dem Jahre 1878 von 235 Mil- lionen auf über 900 Millionen Mark stiegen. Ja, es steht schon heute fest, daß selbst die Mehreinnahmen, die man aus dem neuen Zoll⸗ tarif erhofft und die sich auf weit über 200 Millionen Mark belaufen werden, nicht reichen, um die in den nächsten Jahren entstehenden Mehrausgaben zu decken. Eine erhebliche Erhöhung der Bier⸗ und der Tabaksteuer und eine Wehr⸗ steuer, für die man besonders in Zen⸗ trumskreisen schwärmt, werden ein⸗ geführt werden, wenn eine ähnliche Mehrheit, wie die bisherige war, in den Reichstag ihren Einzug hält. Dieselben Klassen und Parteien, die ständig mit ihrem Patriotismus prahlen und uns der Vaterlandslosigkeit auklagen, weigern sich aufs äußerste, die großen Einkommen und Vermögen zu den Militär- und Flottenkosten heranzuziehen sie halten es aber für patriotisch und gerecht, durch maßlose Zölle, indirekte Steuern und Liebesgaben aller Art auf die notwendigsten Lebensmittel die armen Klassen aufs scham⸗ loseste zu belasten. Wähler! An dem Tage, an dem die besitzenden Klassen im Reiche gezwungen werden, durch Einkommen- und Ver⸗ mögenssteuer die Unkosten für nene Militär- und Flottenrüstungen aufzu⸗ bringen, ist es mit der Bewilligung derselben zu Ende. Dann geht der Patriotismus dieser Klassen in die Brüche, und damit zeigt sich, wie überflüssig diese Rüstungen sind. Auch in den Einzelstaaten geht wie im Reich das finanzielle Elend um; sie wissen nicht mehr ein noch aus. Die dringendsten Kultur⸗ aufgaben leiden bitter Not, aber für neue Rüstungen sind immer wieder die Mittel vor- handen oder sie werden beschafft, als seien die Millionen Kot. Wähler! Wenn solchen Zuständen gegenüber Euch nicht endlich der Geduldsfaden reißt, dann wundert Euch nicht, wenn Ihr nicht nur mit Ruten, sondern mit Skorpionen gezüchtigt werdet. Und wie steht es in der inneren Politik? Die dringendsten Reformen in der Rechtspflege, die notwendigsten sozialen Reformen, die Aus⸗ dehnung des Arbeiterschutzes, einschneidende Maßregeln für die Volksgesundheit usw. werden mit der Antwort abgetan: Das kostet zu viel und wir haben kein Geld! Preß⸗, Vereins-, Versammlungsgesetze, das Koalitions- und Genossenschaftsrecht der Arbeiter, die persönliche Freiheit der Bürger und Bürge— rinnen werden in einer Weise behandelt, als stünde Deutschland nicht auf einer der ersten, sondern auf einer niederen Stufe der Kultur! Dem allen gegenüber giebt es nur ein Mittel der Hilfe: — 1 1 1 4 N 1 „ —̃— 5 4 5 8 5 — ä— 8— w ĩͤ. ̃.—.,—— —— 2 5 n * —.. * 8 wie die Kopflosen und jammern nach einer der staatlichen Willkür, der Bevormun⸗ Mtteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 19. Kampf und wieder Kampf gegen alle, die diese heillose Wirtschaft verschulden, bis sie überwunden sein werden! Zusbesondere ist es die Aufgabe der Arbeiterklasse, die am stärksten unter all diesen Aebeln leidet, mit allen ihren Kräften die Sozialdemokratie in ihren Kämpfen wider das ungeheure Anrecht, das Staat und Gesellschaft Tag für Tag verüben, zu unterstützen. Aber auch die Frauen, und namentlich die Arbeiterinnen, die bisher von einer politi⸗ schen Betätigung ihrer Menschenrechte ausge⸗ schlossen wurden, haben bei den großen Fragen, deren Entscheidung durch den Ausfall der Wahlen vorbereitet wird, allen Grund, für die Kandidaten der Sozialdemo⸗— kratie einzutreten. Können sie nicht wählen, so sollen sie agitieren. Der Agitation aller Art, selbst durch Mißbrauch von Kanzel und Beichtstuhl müssen sie das offene Eintreten für ihre heiligsten Interessen gegenüberstellen. Die Sozialdemokratie kämpft dafür, daß Staat und Gesellschaft aufhören, Klasseninsti⸗ tutionen zu sein, durch welche die herrschende Minderheit die Mehrheit in Abhängigkeit von sich erhält, beherrscht, bedrückt und plündert. Wähler! Darum auf zur Wahl! Der Wahltag soll ein Tag des Gerichts, der Abrechnung sein mit denen, die Euch hudeln und bütteln; er soll aber auch ein Siegestag sein, von dem eine neue, schönere Zukunft ert Bedenkt, daß Ihr durch die Beschlüsse einer reaktionären Reichstags⸗Mehrheit nur alle fünf Jahre einmal zu den Wahlurnen gerufen werdet. Wie selten kommt ein solcher Tag in Eurem Leben. Benutzt ihn also! Benutzt ihn so, daß jeder von Euch mit gutem Gewissen sich sagen kann: Ich habe meine Schl dedeutuna Wähler! Referent r wget getan! nüste Gegner laufen umher Wahlparole. Wir haben sie. Eure Wahlparole sei: Nieder mit dem die Völker aus⸗ saugenden Militarismus und Mlarinis⸗ mus in seiner jetzigen Gestalt! Völker- verständigung! Völkerfrieden! Aieder mit einer verderblichen Zoll⸗ und Handelspolitik, die viele Millionen in ihren Lebensinteressen schädigt! lieder mit einer Steuer- und Zoll- politik, welche die Armen bedrückt und die Reichen begünstigt! Nieder mit der Reaktion im Innern, dung, dem Polizeidruck, der Rechts⸗ unsicherheit! Auf zum Kampf für den Fortschritt auf allen Gebieten, für Wissen und Aufklärung, für gefreiung und Erlösung von allem Jruck, den Klassenstaat, Klassen⸗ herrschaft und Klassengesetzgebung auf die Schultern der schwer arbeitenden Volksmehrheit geladen haben. Anser Ziel ist die Herbeiführung der sozialistischen Staats- und Gesellschafts⸗ orduung, gegründet auf dem gesellschaft⸗ lichen Eigentum an den Arbeitsmitteln und der Arbeitspflicht aller ihrer Glieder. Schaffung eines staatlichen und gesell⸗ schaftlichen Zustandes, in dem die Wahr⸗ heit, die Gerechtigkeit, die Gleichberech⸗ (Sachsen). Förster. Frohme. Geck. Geyer. Dr. Grad⸗ nauer. Grünberg. Haase. Heine. Dr. Herzfeld. Hoch. Hofmann. Horn. Kaden. Klees. Kloß. Kunert. Ledebour. Meister. Metzger. Molkeubuhr. Peus. Pfannkuch. Reißhaus. Rosenow. Sachse. Schippel. Schlegel. Schmidt. Schwartz. Segitz. Seifert. Singer. Stadthagen. Stolle. Dr. Südekum. Thiele. Tutzauer. Ulrich. v. Vollmar. Wurm. Zubeil. Politische Rundschau. Gießen, den 7. Mai. Schluß des Reichstags. Der Reichstag hat am Donnerstag seine Riesensesston, die von 1900—1903 gedauert hat, und damit zugleich seine Legislaturperiode 18981903 geschlossen. Es gab wieder zwei Sitzungen. In der ersten, die um 11 Uhr Vormittags begann, wurde die zweite Lesung der Krankenkassen⸗Novelle er⸗ ledigt. Das Zentrum hatte eingesehen, daß es nichts erreichte, wenn es sich auf die Hinter⸗ beine stelle, und war daher mit unserer Fraktion einen Vertrag eingegangen, der dahin ging, daß unsere Abgeordneten den Antrag auf namentliche Abstimmung über§ 42 zurück⸗ ziehen sollten, während das Zentrum ein⸗ willigte, aus dem§ 22 die alleranstößigsten Bestimmungen zu entfernen, nämlich einmal die zu polttischem Mißbrauch geradezu an⸗ reizende unbestimmte Fassung des Wortes „Pflichtverletzung“ und zum anderen die Ver⸗ pflichtung der Kassen zum Erlaß sog.„Dienst⸗ ordnungen“, durch die man die Militäranwärter in die Vorstände und Verwaltungen einzu⸗ schmuggeln versucht hatte. Abg. Trimborn verkündete in einer Bemerkung zur Geschäfts⸗ ordnung, daß das Zentrum in der dritten Lesung der Novelle die betreffenden Anträge berühmte Jun ke ene elbe. Der b 1 n Einwand, daß eine solche Bemerkung zur elsyndikus Richter erhob zwar Geschäftsordnung inmitten einer Abstimmung unzulässig sei; die Rechte rief natürlich Bravo! Aber Präsident Graf Ballestrem stellte sich auf einen anderen Standpunkt, indem er konstatirte, daß eine erfolglos gebliebene Abstimmung den Zustand vor der Abstimmung zurückführe. Alsdann zog Genosse Singer formell den Antrag auf namentliche Abstimmung über den § 42 zurück. Ohne große Schwierigkeit wurde nunmehr der Rest der Vorlage erledigt; durch⸗ weg ward die Kommissionsfassung angenom⸗ men; dagegen unsere von dem Genossen Al⸗ brecht und Thiele begründeten Anträge a b⸗ gelehnt. Um halb 2 Uhr Nachmittags war die zweite Lesung und damit zugleich die erste Donnerstagssitzung beendigt. Der Präsident beraumte alsdann die zweite Sitzung dieses Tages eine halbe Stunde später an. Die zweite Sitzung des Donnerstag und letzte Sitzung dieser Session brachte zunächst eine recht interessante Generaldiskussion zur dritten Lesung der Krankenkassen⸗Novelle. Abg. Trimborn vom Zentrum snchte seiner Partei einen Lorbeerkranz aufs Haupt zu drücken und ihr aus dem Kompromiß, daß sie, der Not gehorchend nicht dem eigenen Triebe, abgeschlossen, einen Ruhmestitel herauszurechnen. Umgekehrt bezichtigte der getaufte Makkabäer Dr. Arendt Zentrum und Regierung des Kotaus vor der Sozialdemokratie und drohte sogar mit Obstruktion, freilich nur, um diese Drohung am Schluß seiner Stumm⸗Rede etwas kläglich zurückzunehmen. Rösicke⸗Dessau be⸗ zeichnete die Arendt'sche Rede als das, was sie war, nämlich als eine Wahlrede, und sprach seine Genugtuung darüber aus, daß es gelungen tigung und die Wohlfahrt Aller der unverrückbare Teitstern für alles Han⸗ deln ist. Wähler! Wer von Euch diese unsre Auschauungen teilt, der stimme am 16. Juni nur für den Kandidaten der Sozialdemokratie! Berlin, den 30. April 1903. Die sozialdemokratische Fraktion des Reichstags: Albrecht. Antrick. Auer. Baudert. Bebel. Bern⸗ sei, die anstößigsten Bestimmungen aus der Vorlage zu entfernen. Graf Posadowsky erklärt die Zustimmung der Regierung zu dem abgeschlossenen Kompromiß. Die Rechte murrte, während Hentrum und Linke Beifall spendeten. Dann faßte Genose Stadthagen noch einmal alle Bedenken zusämmen, die auc nach Ent fernung der anstößigen Bestimmungen gegen die Vorlage bestehen bleiben, ohne darum 98 einzelnen Verbesserungen zu verkennen, die die⸗ selbe bringt. Mit einer Träne, stellen bezw. ihnen zustwwen, wer ähnliches Phrasengeklingel auf. f Sozialdemokratie bekommt der natlonalliberale Spießer mit folgenden Worten Angst gemacht: die der Ultra⸗ verurteilten Militäranwärter⸗Bestimmung des § 42 nachweinte, schloß die Generaldiskussion. — Der Rest der Sitzung verlief durchaus pro⸗ grammmäßig. Ein Antrag Trimborn und ein Antrag Rösicke sorgten für Entfernung der allerärgsten Bestimmungen des§ 42. Neben der Rechten widersetzten sich auch ein paar Nationalliberale der Verbesserung. In der Schlußabstimmung wurde alsdann das Gesetz gegen die Stimmen unserer Fraktion ange⸗ nommen.— Sodann wurde mit den üblichen Zeremonien der Reichstag geschlossen. Wahlaufrufe. Gleich nach Schluß des Reichstags sind die verschtedenen Parteien mit ihren Wahlaufrufen vor die Wählerschast getreten. Als erster— noch am Tage des Reichstagsschlusses— erschien der Aufruf unserer Fraktion, der an der Spitze unserer heutigen Nummer abgedruckt ist. Er zeichnet sich durch klare und entschiedene Sprache aus, giebt in scharfen Umrissen ein Bild der politischen Lage und ruft die Wähler ein⸗ dringlich zum Kampfe für Fortschritt, Freiheit und Gerechtigkeit auf. „Von den bürgerlichen Parteien sind die größeren ebenfalls mit ihren Wahlaufrufen herausgekommen. Derjenige der Freikon⸗ servativen sagt u. a.:„Fester Zusammen⸗ schluß aller staatserhaltenden Elemente auf dem Boden starker monarchischer Institutionen — Sammlung der patriotischen Mäuner von rechts und links— Abwehr gegen sozialistische, radikale und rückschrittliche(ach du lieber Gott! D. R.) Bestrebungen— kräftiges Ein⸗ treten für die Beseitigung wirklicher Mißstände — stetige und gedeihliche Fortentwicklung unsres Staatslebens in den guten Traditionen bürger⸗ licher Freiheit und fester, stag hüben Fodung — Str.. ( ullung des Reiches nach innen und nach außen ꝛc.“ 950 stets die leitenden Gesichts⸗ punkte der Reichspartei gewesen und würden es auch in Zukuft bleiben.— Wer auf diese Redensarten hin einem Freikonservativen die Stimme giebt, dem ist wirklich nicht zu helfen. führen ein Nationalliberalen Vor der Die „Die Sozialdemokratie verhetzt die Arbeiter; sie läuft Sturm gegen die Grundlagen unserer Kultur, gegen Monarchie, Religion, Familie, Eigentum; sie hat sich durch ihre Tätigkeit im Reichstage als Feind des sozialpolitischen Fort⸗ schritts erwiesen.“ Das ist nicht blos gelogen, sondern sogar sehr dumm gelogen. 8 Groben Wahl schwindel leistet sich auch das Zentrum. In dessen Aufruf heißt es: „Zu Aufwendungen für Heer und Marine darf die Steuerkraft des Volkes nicht weiter in Anspruch genommen werden, als die Sicher⸗ heit und Wohlfahrt des Vaterlandes gebieterisch erheischen. Die Bewilligungen für die Kolonien, deren Hauptwert in der Ausbreitung des christ⸗ lichen Glaubens und der Kultur beruht, haben ihr Maß in einer verständigen Würdigung unserer finanziellen Leistungs fähigkeit.“ Dabei hat gerade das Zentrum der Re⸗ gierung die letzten großen Flottenvorlagen apportiert. Es ist also frecher Schwindel, wenn es jetzt„Sparsamkeit“ markiert. Fähnrich Hüssener. Ueber das Vorleben des wegen Totschlags verhafteten Fähnrichs Hüssener wird berichtet: Zunächst hat Hüssener vor längerer Zeit einer Dienstmagd aus Unvorsichtigkeit ein Auge aus⸗ geschossen. Als ferner seine Eltern im„Essener Hof“ in Essen die Silberhochzeit feierten, be⸗ nahm sich der Sohn derart ungebührlich, daß sein Vater sich gezwungen sah, ihm den weiteren Aufenthalt im Hotel zu verbieten. Hüssener ging hierauf nach der elterlichen Wohnung zurück, wo er aus Wut über den erhaltenen väterlichen Verweis in verschiedenen Zimmern wie ein Vandale hauste. Sein Betragen auf der Ober⸗Realschule war ein derartiges, daß er entlassen werden sollte; der Vater kam je⸗ doch der Entlassung zuvor, indem er seinen stetna. Blos. Bock. Calwer. Cramer. Dietz. Drees— bach. Ehrhart. v. Elm. Fischer(Berlin). Fischer montaune v. Savigny der zum Ve „Jerschwinden Sohn von der Anstalt abmeldete. Endlich ist 14 1 . r ——————ů——— eee ere Nr. 19. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seile 3. ermittelt worden, daß der Fähnrich in brutaler; Weise in den Straßen Essens mehrere Soldaten angerempelt hat, die ihn angeblich nicht vor⸗ schriftsmäßig gegrüßt haben sollen.— Das ist alben richtige Material zu einen Kolonial⸗ elden! Gemaßregelter General. Der Erbprinz von Sachsen-Meiningen, Kommandeur des 6. Armeekorps, hat seinen Abschied genommen. Die mannigfachen Korps⸗ erlasse des Generals, der zugleich der Schwager Wilhelms II. ist, hatten in maßgebenden Kreisen außerordentlich verschnupft, und speziell der letzte Erlaß, der sich gegen die Soldatenmißhand⸗ lungen richtete, rief eine geharnischte offiziöse Erwiderung der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung hervor. Das war vor wenigen Wochen. Heute ist der Erbprinz ein penstonierter General. Sein Eintreten gegen die Soldatenschinderei ist ihm anscheinend nicht gut bekommen. An kapttalistischer Krippe. Max Lorenz, der frühere Sozialdemokrat und jetzige Soldschreiber des Bundes der Indu⸗ striellen, hat der Sächs. Arbeiterzeitung, wie diese mitteilt, die 300 Mk. zugesandt, die er ihr seit Jahren schuldig war. Offenbar ist es den„Gönnern“ dieses ehrenwerten Herrn zu dumm geworden, meint unser Parteiblatt, daß dem Herausgeber der Antisozialdemokratischen Korrespondenz seine sozialistische Vergangenheit immer gerade in dieser Form vorgeworfen werden konnte. Vielleicht hat sich der Arnim des Sozialistenfressers erbarmt und ihm ein Extratrinkgeld hingeworfen. Militarismus in der Schweiz. Nach dem Muster anderer Staaten mutet auch die schweizerische Regierung dem Volke höhere Militärlasten zu. Der Bundesrat be⸗ antragt bei der Bundesversammlung die Neu⸗ bewaffnung der Feldartillerie mit einem von der Expertenkommission vorgeschlagenen 7,5 Zentimeter Rohrrücklaufgeschütz der Firma Krupp⸗Essen. Die Munitionswagen, Munition usw. sollen in der Schweiz hergestellt werden. Die bisherigen 56 Batterien zu 6 Geschützen werden ersetzt durch 74 Batterien zu 4 Geschützen. Dafür wird die Munitionsdotation für jedes Geschütz von 500 auf 800 Schuß erhöht. Die Versuche mit Feldhaubitzen und Gebirgsgeschützen sind noch nicht abgeschlossen. Die Kosten der Neubewaffnung der Feldartillerie belaufen sich auf 21700 000 Franks, wovon 700000 Franks aus dem Fonds für den Erlös aus dem Ver⸗ kauf alter Waffen gedeckt werden können, wäh⸗ rend 21 Millionen aus der am 26. März beschlossenen dreiprozentigen Auleihe zu decken sind.— Die tolle Hetzjagd mit dem ewigen Rüsten zieht eben alle Völker in Mitleidenschaft. Auf der Balkanhalbinsel ist es in der letzten Zeit recht unruhig geworden. Zahlreiche Bombenattentate, durch welche Menschen getötet und Häuser beschädigt wurden, sind in Saloniki, der türkischen(mazedoni⸗ schen) Hafenstadt am ägäischen Meere, verübt worden. Diese Attentate gehen aber durchaus nicht von erregtem, unterdrücktem Volke aus, sondern zunächst von Führern bulgarischer Banden(„Komitees“), hinter denen ganz gewiß russische Agenten stecken. Sie wollen durch diese Verbrechen das Interesse Europas erwecken, womöglich den mohammedanischen Pöbel zu Gewalttätigkeiten gegen die Christen aufreizen, denn wenn Christenblut in Saloniki und Konstantinopel fließt, wird Europa sich veran⸗ laßt sehen, einzugreifen. Italien und Oester⸗ reich haben auch bereits Panzerschiffe nach Solomki gesandt, andere europäische Staaten werden mit gleichen Maßregeln unzweifelhaft bald nachfolgen. Die europäischen Völker dienen den Gesamtinteressen der Kultur am allerbesten, wenn sie nicht auf die verwegenen Pläne der rücksichtslosen Bulgaren eingehen. Nicht die Türken haben, wie im Jahre 1876, mit Bluttaten begonnen, sondern die Bulgaren. Und die Nationen des gesitteten Europa haben, wie unser Wiener Parteiorgan mit Recht be⸗ merkt, keine Veranlassung, den„bedrückten“ Christenvölkern beizuspringen, es kann für die Mächte nur gelten, das Leben ihrer Angehörigen in der Türkei zu schützen und europäische Ver⸗ wickelungen zu verhüten. Die Wahlbewegung. Als antisemitischer Kandidat im Wahl⸗ kreise Marburg wurde in den letzten Tagen der sächsische Antisemitenhäuptling Zimmermann genannt. Böckel scheint auf den Kreis ver⸗ zichtet zu haben. * Die Frankfurter Demokraten haben den Rechtsanwalt Dr. Bruck als ihren Kandidaten aufgestellt. Für diesen wollen, wie die Frank⸗ furter Zeitung mitteilt, auch die Freisinnigen und Nationalsozialen eintreten. Das wird den Dr. Bruck aber wenig nützen. Hoffentlich wählen die Frankfurter unseren Genossen Schmidt im ersten Wahlgange mit noch größerer Mehr⸗ heit als 1898. 5 In Karlsruhe und in Pforzheim wird das Zentrum nicht für die Nationalliberalen eintreten, wie aus einer Korrespondenz der Kölnischen Volkszeitung aus Baden hervorgeht. Der Sieg der sozialdemokratischen Kandidaten ist damit so gut wie sicher. Die Stellungnahme des Zentrums wird mit dem Verhalten der Nationalliberalen in der Jesuitenfrage begründet. Das neue Wahlreglement. Durch die Vor age zur Sicherung des Wahlgeheim⸗ nisses, die kürzlich vom Reichstage angenommen wurde, haben die in Betracht kommenden Paragraphen des Wahlreglements folgende Fassung erhalten: 9 Der Tag der Wahl wird von dem Bundespräsidenten festgesetzt. Die Wahlhandlung beginnt um 10 Uhr Vor⸗ mittags und wird um 7 Uhr Nachmittags ge⸗ schlossen(§S 17). S ie Der Tisch, an welchem der Wahlvorstand Platz nimmt, ist so aufzustellen, daß er von allen Seiten zugänglich ist. Auf diesen Tisch wird ein verdecktes Gefäß(Wahl⸗ urne) zum Hineinlegen der Stimmzettel gestellt. Vor dem Beginne der Abstimmung hat sich der Wahlvorstand davon zu überzeugen, daß die Wahlurne leer ist. Die Stimmzettel müssen von weißem Papier und dürfen it keinem Kennzeichen versehen sein(§ 10 Abs. 2 des Gesetzes); sie sollen 9 zu 12 Zentimeter groß und von mittelstarkem Schreibpapier sein und sind von dem Wähler in einem mit amtlichem Stempel versehenen Umschlage, der sonst kein Kennzeichen haben darf, abzu— geben. Die Umischläge sollen 12 zu 15 Zentimeter groß und aus undurchsichtigem Papier hergestellt sein; sie sind in der erforderlichen Zahl bereitzuhalten. Es ist entweder durch Bereitstellung eines oder mehrerer Nebenräume, die nur durch das Wahllokal betretbar und unmittelbar mit ihm verbunden sind oder durch Vorrichtungen an einem oder mehreren von dem Vorstaudstische getrennten Nebentischen Vorsorge dafür zu treffen, daß der Wähler seinen Stimmzettel unbe b⸗ achtet in den Umschlag zu legen vermag. Ein Abdruck des Wahlgesetzes und des Reglements ist im Wahllokal auszulegen. § 15. Der Wähler, welcher seine Stimme abgeben will, nimmt von einer durch den Wahlvorstand in der Nähe des Zuganges zu dem Nebenraum oder Nebentisch(§ 11 Abs. 4) aufzustellenden Person einen abgestempelten Umsch gag an sich. Er begiebt sich sodann in den Nebenraum oder an den Nebentisch, wo er seinen Stimm⸗ zettel unbeobachtet iu den Umschlag steckt, tritt an den Vorstandstisch, nennt seinen Namen, sowie auf Erfordern seine Wohnung und übergiebt, sobald der Protokollführer den Namen in der Wählerliste aufgefunden hat, den Umschlag mit dem Stimmzettel dem Wahlvorsteher oder dessen Vertreler(§ 12), der ihn sofort uneröffnet in die Wahlurne legt. Wähler, welche durch körperliche Gebrechen behindert sind, ihren Stimmzettel eigenhändig in den Umschlag zu legen und diesen dem Wahlvorsteher zu übergeben, dürfen sich der Beihilfe einer Vertrauensperson bedienen. Stimmzettel, welche die Wähler nicht in dem ab⸗ gestempelten Umschlag oder welche sie in einem mit einem Kennzeichen versehenen Umschlag abgeben wollen, hat der Wahlvorsteher zurückzuweisen, ebenso die Stimmzettel solcher Wähler, weche sich in den Nebenraum oder an den Nebentisch(Abs. 1) nicht begeben haben. Der Wahlvorsteher hat darauf zu halten, daß, die Wähler in dem Nebenraum oder an dem Nebenkisch (Abs. 1) nur so lange verweilen, als unbedingt erforderlich ist, um den Stimmzettel in den Umschlag zu stecken. 110 N Um 7 Uhr Nachmittags erklärt der Wahlvorsteher die Abstimmung für geschlossen. Nachdem dieses ge⸗ schehen ist, dürfen keine Stimmzettel mehr angenommen werden. Die Umschläge werden aus der Wahlurne genommen mud uneröffnet gezählt. Zugleich wird die Zahl der Abstimmungsvermerke in der Wählerliste festgestellt(8 16). Ergiebt sich dabei auch nach wiederholter Zählung eine Verschiedenheit, so ist dies nebst dem etwa zur Aufklärung Dienlichen im Protokoll anzugeben. 818 Sodann erfolgt die Prüfung der Umschläge und Stimmzettel. Einer der Beisitzer öffnet jeden Umschlag, nimmt den Stimmzettel heraus und übergiebt diesen dem Wahlvorsteher, der ihn laut vorliest und nebst dem Umschlag einem anderen Beisitzer zur Aufbewahrung bis zum Ende der Wahlhandlung weiter reicht. * Für die Arbeiter sind diese Neuerungen von großer Wichtigkeit. Erstens die Sicherung des Wahlgeheimnisses und zweitens die Ausdehnung der Wahlzeit bis abends 7 Uhr, während bisher die Wahlhandlung bereits um 6 Uhr geschlossen wurde. Unsere Genossen müssen sich mit den Bestimmungen genau vertraut machen und auch in ihren Bekanntenkreisen für die nötige Aufklärung sorgen, damit uns nicht durch Verfehlung gegen die Vorschriften Stimmen verloren gehen. Sehr zu beobachten ist die Vorschrift, daß mit dem Glockenschlag 7 die Wahlhandlung geschlossen wird. Bisher wurden vielfach diejenigen Wähler, die noch vor 6 Uhr das Wahllokal betreten hatten, zur Wahl zuge⸗ lassen, auch wenn sie bis Punkt 6 Uhr infolge größeren Andranges nicht zur Abgabe gelangen konnten. Aufgabe unserer Genossen ist es, dafür zu sorgen, daß die große Mehrzahl der mit sozialdemokratischen Stimmzetteln gefüllten Wahlkouverts schon lange vor 7 Uhr in den Urnen liegen. Die Maifeier. Mit jedem Jahre, das ist von uns schon öfters konstatiert worden, wird die Beteiligung an der Maifeier eine stärkere Die Arbeiter aller Länder lassen nicht mehr von ihrem selbstgeschaffenem Feiertage, rotz der brutalen Maßregelungen, die an vielen Orten, in Bremen, Hamburg, Berlin, Leipzig ꝛc. von Seiten des Unter⸗ nehmertums erfolgten. Ueberall wo denkende Arbeiter wohnen, war die Malfeierbeteiligung eine größere, als im Vorjahre und überall nahm sie einen würdigen Verlauf, wenn sie nicht etwa durch Polizeigewalt gestört wurde. Bei uns in Gießen und seiner Umgebung war ebenfalls eine stärkere Beteiligung wahrzunehmen. Dicht gedrängt füllien zahlreiche Versammlungsteilnehmer das Orbig'sche Lokal in Gießen, wo Genosse Krumm in packenden Worten die Bedeutung des Weltfeiertags darlegte. Seine Ausführungen wurden mit großem Beifall aufgenommen. Ebenso war in Heuchelheim der Besuch der Versammlung ein weit stärkerer als in den Vorjahren. Hier sprach Genosse Orbig, nachdem die Gesangsabteilung zur Einleitung der Feier einige Lieder vorgetragen hatte, die ebenso wie die Rede Orbigs lebhaften Beifall fanden. Die Veranstaltungen in Steinberg und Wieseck wiesen auch zahlreiche Be⸗ teiligung auf. Beide Orte mußten sich leider ohne Festrede behelfen. Genosse Beckmann, der in Wieseck sprechen sollte, war erkrankt und es war auch nicht möglich, noch Ersatz heranzuziehen. Für Steinberg war Genosse Vetters vorgesehen, der aber nicht erscheinen konnte, weil er wegen der Wahlagitation außerhalb war. Doch verliefen anch in diesen beiden Orten die Veran⸗ staltungen, wie es sich für die Maifeier gehört; in Steinberg wies Genosse Häuser auf die Maifeier und ihre Bedeutung für das arbeitende Volk hin, worauf Gesangsvorträge und Deklamationen folgten.— Die Friedberger Genossen hielten ihre Versammlung in Stadt New⸗Mork ab. Busold sprach hier vor zahl⸗ reichen Zuhörern. Vilbel hatte ebenfalls eine sehr stark besuchte Abendversammlung.— Fünf Versamm⸗ lungen, sämtlich überfüllt, tagten am Vormittag in Frankfurt. Hier ebenfalls stärkerer Besuch als in den Vorjahren.— Offenbach hatte, wie alljährlich, seinen Festzug, an dem sich alle Gewerkschaften in respektabler Stärke beteiligten.— Festzüge fanden noch in Stuttgart und Hamburg statt, in diesen beiden Orten ist die Feier durch Arbeits ruhe ja eine fast all⸗ gemeine.— In Berlin wurden am Vormittage über 70 Versammlungen abgehalten, zum größten Teile in Riesenlokalen, die mehrere Tausende Personen fassen. Zu diesen zogen die Arbeiter in dichten Scharen, sodaß die Straßen ein feiertägliches Gepräge erhielten. Ver⸗ schiede tlich wurden diese Trupps von den Polizisten belästigt, die in großer Zahl aufgeboten waren, aber —— Seite 4. Mitteldenische Sountaas⸗Zeitung Nr. 19. natürlich keinen Anlaß zum Einschreiten fanden. hier waren alle Versammlungen überfüllt. In Leipzig gestaltete sich die Maifeier zu einer großartigen Demonstratlon, eindrucksvoller und wirksamer, als wie sie jemals in den Vorjahren begangen wurde. Der Blerkrieg, der gegenwärtig in Leipzig zum Austrogeg bracht wird, hat nicht unwesentlich auf die Malifeier eingewirkt. Im letz en Augenblick wurde den Leipziger Arbeitern zur Abhaltung der Maifeier der große Brauereigarten in Stötteritz, in dem elf Jahre lang die Maifeier abgehalten worden ist, verweigert. Das Maikomitee veranstaltete demzufolge die Maifeier im Garten der Brauerei in Burghausen, die dem Ringe nicht angehört. Obgleich der Festplatz eine volle Stunde von Leipzig abliegt, zogen etwa 4000 Personen in zwangloser Weise durch die Stadt nach dem Festplatze, wo Abg. Antrick die Mairede hlelt. Im Auslande machte sich die Maifeier ebenfalls stärker als in früheren Jahren bemerkbar. Ueberall ver tief der Weltfeiertag würdig, nur in Kronstadt (Rußland) provo ierte die Polizei einen blutigen Konflikt. Der von den Arbeitern geplante Mai-Umzug wurde von der Polizei verboten. Die Arbeiter verzichteten auch auf den Umzug und versammelten sich auf einem freien Platze, wo eine Ansprache gehalten werden sollte. Als etwa 4— 5000 Arbeiter versammelt waren, stürmte plötzlich Polizeimannschaft mit gezogenem Säbel in die Menge. Mehrere Arbeiter wurden verwundet. Pon Nah und Lern. Hessisches. — Das hessische Finanzgesetz, wie es sich nach den Beschlüssen des Landtags ge⸗ staltet hat, ist dem Großherzog zur Genehmigung 1 1 55 ff wird die Ver⸗ mögenssteuer von 55 Pfg. auf 75 Pfg. pr. 1000 Mk. erhöht. Die indirekten Auflagen werden in der bisherigen Weise erhoben, des⸗ gleichen die direkten Steuern. Zur Deckung e Anbeih⸗ ist die Regierung ermächtigt, eine Anleihe im Betrag von 8 223 757 Mk. aufzunehmen.. Auch nus“, wo man sich ein paar Stunden bei Kon⸗ zert und Gesang vergnügte. Die gesanglichen Leistungen der„Eintracht“ wurden allgemein lobend anerkannt. — Die Stadtverordneten⸗Versamm⸗ lung nahm am Donnerstag die Begräbnisord⸗ nung nach den Beschlüssen der Kommission an. Wir kommen auf die Bestimmungen derselben noch n — Unpaxrtetischer Reichs üg kandidat der Natio 1a l und Freisinnigen“— das hört sich merk⸗ würdig genug an und ist eigentlich ein Wider⸗ spruch in sich. Und doch wird der von National⸗ liberalen und Freisinnigen aufgestellte Kandidat, der Handelskammersekretär Schloß ma cher in Offenbach als„Unparteiischer“ eingeführt. Erstens stimmt das mit der Unparteilichkeit noch nicht einmal, denn wir hörten seit langen Jahren schon Herrn Schloßmacher als Natto⸗ nalliberalen bezeichnen.— Vor nicht langer Zeit machte Herr Schloßmacher dadurch von sich reden, daß er auf dem hessischen Handels⸗ kammertage ganz unbegründete Angriffe gegen die Gewerbegerichte erhob. Nun, wir werden ja weiteres hören, wenn er sein Programm entwickelt, soweit r als„Unparteiischer“ über⸗ haupt ein Programm hat. Wir wundern uns einigermaßen, daß die Freisinnigen, Leute wie Gutfleisch, Metz, Grünewald ꝛc. dieser Kandi⸗ datur ihre Zustimmung gaben. a Dem Gießener Amtsblatt gefällt die Maifeier durchaus nicht. Es brachte am 1. Mai einen Artikel, in dem der Arbeiter- feiertag verhöhnt wurde. Auch an unserm Matartikel übt das Amtsblatt eine sehr abfällige Kritik, wobei es allerdings einige recht tief⸗ gründige Weisheiten zu tage fördert. So heißt es zum Beispiel: 41 5 5 1 1 1 1 keine „arbeitende“ und welcher Stand oder Berufsart ist heute so a e — Die Uebernahme der Wo lasch cles Aegi. ihnen Zusti⸗-granzeno gesteut, bäß lasten auf den Staat ford, muüfkey. L- der vor mehreren Woche d 150 55 15 Antrag, Nürde, Ide meine Sen im Landtag eingebracht Wählanuo ben selbstverständlich auch unsere Genossen unterzeichneten, während Zentrum, die Mehrheit der Nationalliberalen und die Freisinnigen die Unterschrift verweigerten. Schon im vorigen Landtag lag eine gleiche Forderung in Form eines sozialistischen Antrages vor, dem gegenüber sich die Regierung aber völlig ablehnend verhielt. Der Antrag entspricht noch lange nicht dem, was wir auf diesem Gebiete vom Staate verlangen müssen, unsere Genossen haben jedoch ganz mit Recht den Antrag unterzeichnet, denn gegenüber dem Ver— halten vieler Gemeinden im Schulwesen wäre die Stärkung des staatlichen Einflusses schon ein großer Vorteil. Außerdem würden die Lasten gerechter verteilt. Aber auch diesmal dürfte der Antrag kaum zur Annahme gelangen. Das Zentrum fürchtet die Einschränkung der Psaffenmacht, die anderen Gegner haben um ihren Geldbeutel Angst, der durch die progres— siven Steuerzuschläge in Mitleidenschaft gezogen würde. Deshalb stimmen sie dagegen. — Das Jesuitengesetz und die hess. Regierung. Wie ein Darmstädter Blatt aus angeblich zuverlässiger Quelle mitteilt, hätte die hessische Staatsregierung ihren Ver— treter im Bundesrat angewiesen, gegen die vom Reich geplante Aufhebung des§ 2 des Jesuitengesetzes zu stimmen.— Das Jesuiten— gesetz hat weiter keine Bedeutung, als daß es für das Zentrum Agitationsstoff darstellt. Hat die hessische Regierung tatsächlich in der berichteten Weise Stellung genommen, so ist das durchaus verfehlt. f Die Wahlmänner⸗Neuwahl in Bieber, Kreis Offenbach, die infolge der Un⸗ gültigkeitserkläruug des Orb'schen Landtags- mandates erfolgen muß, findet am 25. Mai statt. Gießener Angelegenheiten. — Der Maifeier⸗Ausflug der Ge⸗ werkschaften nach Wieseck am Sonntag wies, vom herlichsten Wetter begünstigt, eine außer— ordentliche zahlreiche Beteiligung auf. In Massen zog alt und jung nach dem„Gambri— be- smell ihr kein„Elend“ giebt? Da sind wir tatsächlich„baff“! Also bei den oberen Zehntausend, bei den Junkern und Schlotbaronen herrscht Elend! Vielleicht m o⸗ ralisches, wie in manchen Reptilblatt-Redak⸗ tionen geistiges. Es ist auch nicht richtig, wenn der Anzeiger weiter sagt, die Fortschritte der Sozialdemokratie erklärten sich durch ihre rege Agitation, woran es die Bürgerlichen fehlen ließen. Für eine schlechte Sache kann man agitieren, soviel man will, man wird keine Erfolge erzielen, dafür sind die Antisemiten Beispiel. Die Sozialdemokratie besitzt ihre werbende Kraft in der Klarheit ihrer Ziele und der Richtigkeit ihrer Forderungen. — Antisemitische Wahlagitation. Es mußte auffallen, daß die Antisemiten, die doch sonst ziemlich rührig in der Agitation sind — den Kreis Wetzlar z. B. bearbeiten sie seit mehr als Jahresfrist ununterbrochen— im Gießener Kreise gar nichts von sich merken lassen, obwohl in wenigen Wochen die Wahl stattfindet. Endlich kündigte das Offenbacher Antisemitenblatt eine Reihe Versamn lungen an. Aber die Reichstagswahl steht nicht auf der Tagesordnung derselben, diese lautet vielmehr ganz unschuldig:„Gründung einer Einkaufs⸗ und Verkaufsgenossenschaft für Oberhessen bez. Anschluß an den Genossenschaftsverband.“— Das ist nichts als ein Trick. Ganz richtig sagt unser Offenbacher Parteiorgan: Selbst— verständlich liegt es im Interesse der Bauern, die Genossenschaften auszubauen, aber wenn die Antisemiten wenige Wochen vor den Wahlen Versammlungen zu Gunsten der— Genossen⸗ schaften abhalten wollen, so weiß man, was das bedeutet. Uebrigens ist es sehr interessant, daß die„mittelstands rettenden“ Antisemiten auf die Arbeiter, die Genossenschaften gründen, schimpfen wie die Rohrspatzen, selbst aber auf dem Lande die Genossenschaftsbewegung zu fördern und dabei Bauernstimmen zu fangen suchen. — Recht interessant und reichhaltig ist der dieswöchentliche„Wahre Jakob“. Die Serie der„Wahlbilder“ wird in derselben durch das farbige Bid„Die politischen sieben Schwaben“ fort⸗ gesetzt. Das andere farbige Bild stellt Michels„Zu⸗ kunft auf den Wasser“ dar. Von der Porträt-Gallerie „Die Makler des Brotwuchers“ enthält die Nummer die Bilder Bassermanns und Gröbers. Von den weiteren Illustrationen nennen wir„Max und Moritz am Balkan“,„Beim Soldätlesspiel“,„Jesuiten⸗Einzug“ „Maifahrt“,„Eine Wahlrede“— äußerst gelungene Figuren, die einen sozialistenvernichtenden Nationallibe⸗ ralen bei der Wahlrede darstellen—„Der Isolierraum“ und„Uncle Sam und die Großmächte“. Aus dem Nreise gießen. Von der Wahlagitation. Letzten Samstag und Sonntag hat unsere Partei wieder 5 Versamm⸗ lungen im Kreise abgehalten und zwar am Samstag in Steinbach, am Sonntag in Weitershain, Niederohmen, Atzenhain und Flensungen. In den ersten drei sprach Genosse Krumm, in den andern beiden Vetters. In Weiterzhain und Nieder⸗ ohmen war der Besuch ein außerordentlich starker und die sachlichen und klaren Ausführungen Krumms fanden allgemeine Zustimmung. Zweifellos werden in Weitershain z. B., wo wir bei der letzten Wahl keine einzige Stimme erhielten, ein gutes Teil der Wähler für uns eintreten. Ueberhaupt finden wir in vplelen Orten, wo wir früher nie Fuß fassen konnten, eine uns günstige Stimmung, die uns gute Erfolge erwarten läßt. Gewiß, manchmal trügt der Schein, in manchen Orten fanden früher gut besuchte und begeisterte Ver⸗ sammlungen statt, während dann das Mahlresultat doch nicht den gehegten Erwartungen entsprach. Aber im Allgemeinen kann man wohl sagen, daß die Verhältnisse doch ganz andere geworden sind, ein immer größerer Tell der Wähler neigt sich unserer Partet zu.— In Nlebderohmen waren mehr als 200 Mann in der Ver⸗ sammlung, die mit großem Interesse die Darlegungen Krumms verfolgten. Gegner waren wohl anwesend, doch keiner meldete sich zum Wort. Weniger gut war der Besuch in Flensungen, doch in Atzenhain war er ebenfalls zahlreich. In Steinbach am Samstag Abend nahm die Versammlung auch einen befriedigenden Verlauf. W. In Trohe ist eine Schuhfabrik errichtet worden, in der an die 30 Arbeiter beschäftigt sein sollen. Wie kommt es, daß sich jemand veranlaßt fühlt, in einem so kleinen und abgelege en Orte eine Fabrik zu elde“ Cebd, ie des öterg heißt,„Veblenst“ in die Gegend zu bringen? Ach nein, die Arbeitskräfte sind auf dem Laude billiger, sie sind noch nicht vom Organisationsgedanken durchdrungen, nich„verhetzt“, wie Bourgeoisblätter sagen und deshalb lassen sie sich willig ausbeuten. r. Steinberg. Mit der Loosholzfrage be⸗ schäftigte sich der Gemeinderat wieder in seiner letzten Sitzung. Es kam trotz allem Hin⸗ und Herreden zu keinem entgiltigen Beschlusse. Zwei der Herren meinten sogar, diejenigen Leute, welche kein Holz bekommen, möchten die Sache durchführen. Das ist eine ganz merkwürdige Auffassung. Der Gemeinderat hat doch das Interesse aller Bürger zu wahren, seine Aufgabe ist es, regelnd einzugreifen. Wenn einzelnen Leuten auf Kosten Anderer Vortelle gewährt werden, so ist das eben nicht in Ordnung. Aus dem Nreise Jriedberg⸗Püdingen. r. In Rohrbach bei Büdingen fand am Sonntag vor acht Tagen eine sehr gut besuchte Wählerversamm⸗ lung statt, in welcher Genosse Harris über die Reichs⸗ tagswahl sprach. Redner beleuchtete in seinem drei⸗ viertelstündigen Vortrage in sachlicher und klarer Weise das Verhalten der Brotwucherparteien, wozu auch der Vertreter des hiesigen Wahlkreises, Graf Oriola, gehört, welcher sich nicht entblödet, den Kleinbauern und Ar⸗ beitern gegenüber, als ein Beschützer der Landwirtschaft aufzuspielen, aber in Wahrheit nur die Interessen der Großgrundbesitzer vertritt. Gegner meldeten sich nicht zum Wort. Aus dem Rreise Alsseld-Cauterbach. t. Die Maifeier für den Wahlkreis Alsfeld⸗ Lauterbach sollte dieses Jahr in Alsfeld stattfinden. Die Alsfelder Genossen batten die Vorbereitungen hierzu getroffen und hatten keine Mühe gescheut, die Maifeier zu einer Demonstratton zu gestalten und auch zu gleicher Zeit zur Agitation auszunützen. Daß wir unser Ziel auch erreicht hätten, dies bewies die große Teilnahme am vergangenen Sonntag, wo sich ungefähr 300 Mann auf der Pfefferhöhe versammelt hatten. Leider konnten wir unsere Feier nicht abhalten, da uns die Behörde die Tanzerlaubnis verweigerte, weil in dem Dorfe Lieder⸗ bach, eine halbe Stunde davon gelegen, Abendmahl ge⸗ halten worden war, damit die Leute in ihrem religiösen Gefühl nicht gestört werden sollten.() Dies wäre nun nicht das Schlimmste gewesen, wenn uns die Gießener Genossen nicht im Stiche gelassen hätten mit dem Fest⸗ redner und so mußten wir unverrichteter Sache wieder auseinander gehen und unsere Maifeier nächsten Sonntag abhalten, in der Hoffnung, eine noch größere Anteil⸗ nahme zu verzeichnen, als am verflossenen Sonntag. So groß nun die Teilnahme von Alsfeld war, desto lag mim⸗ i drei⸗ Weise det hört, Ar⸗ chat der icht — Nr. 19. Mitieldenische Sountagssgeitung. Seite 5. schlechter war Lauterbach vertreten. Das ist doch be—⸗ schämend für Lauterbach, wo dort eine Gewerkschaft besteht(die Hutmacher) und diese halten es nicht für nötig, die Maffeler zu besuchen. Wir wollen hoffen, daß sich die Lauterbacher Genossen nächsten Sonntag zahlreicher beteiligen. Wir werden gewiß außer den Gießener Genossen noch einen Redner bekommen können, um unsere Maifeser würdiger zu gestalten als am ver⸗ gangenen Sonntag, damit wir unserer Partei auch neue Anhänger zuführen. (Anmerkung. Solche Vorkommnisse sind gewiß sehr peinlich und bedauerlich. Total falsch ist es aber, wenn hier den Gießener Genossen nachgesagt wird, sie hätten die Alsfelder im Stich gelassen. Dr. Michels, der eingeladen worden war, teilte Sonntag Mittag seine Verhinderung telegraphisch mit und in Ersatz konnte hier nicht gefunden werden zumal Gen Beckmann, der hätte einspringen können, erkrankt war. Die Alsfelder hätten sich ebenso wie die Wiesecker und Steinberger Genossen, deren Referenten auch ausblieben, selber helfen sollen. Dann muß man sich früher für einen Redner sorgen, nicht erst in den letzten 24 Stunden. D. R.) Aus dem Rreise Wetzlar. Flugblattverteiler werden jetzt sehr viele ge⸗ braucht. Die Genossen wollen sich möglichst zahlreich bei dem Vertrauensmann Fauth, Lahnpförtchen, melden. X, Durch Verfügung des Justlzministers soll das hiesige Amtsgerichtsgefängnis, welches sich neben der Franziskanerschule befindet, durch Umbau erweitert werden. Damit wären alle Vorstellungen seitens der Stadt⸗ verwaltung, die eine Verlegung des Gefängnisses in die Nähe des Amtsgerichts zum Ziel hatten, abgelehnt. Der widerwärtige Gefangenentransport durch die Haupt⸗ straßen der Stadt wird also in absehbarer Zukunft weiter bestehen. Da zu dem Umbau nur 6— 7000 Mk. angewiesen sind, so sollen die Arbeiten durch Straf⸗ gefangene, welche aus Werden a. d. Ruhr bezogen werden, ausgeführt werden. Es werden demnach zum Schluß nicht nur das Gefängnis, sondern auch die einschlägigen Handwerker der hiesigen Gegend erbaut sein. n. In Wißmar fand am Donnerstag(30. April) eine zahlreich besuchte Wählerversammlung im Saale des Herrn Wolf statt, in der Genosse Vetters in ausführlicher Weise über die bevorstehenden Reichstags⸗ wahlen sprach. Mit großer Aufmerksamkeit folgten die Zuhörer den Darlegungen des Redners und spendeten am Schlusse lebhaften Beifall. Gegner meldeten sich auch hier nicht zum Wort. Dafür hatten sie aber schon vorher ihre Wut an den Plakaten ausgeübt, die fast alle abgerissen wurden. Das ist nun zwar sehr kleinlich, aber solcher Mittel im Kampfe gegen die Sozialdemo⸗ kratie schämen sich die Ordnungsleute nicht. P. Stöcker versammlung. Am Montag fand im Blecher'schen Saale in Dillenburg eine von den Christlich⸗sozialen einberufene Wählerversammlung statt, die von ca. 400 Personen besucht war. Der teure Gottesmann war in Assistenz des Herrn Dr. Burck⸗ hardt aus Godesberg erschienen, der den 5. nass. Wahlkreis für die Christlichsozialen erobern möchte. Nachdem dieser sein Sprüchlein hergesagt und dabet den Zollwucher„gerechtfertigt“ hatte, hielt Stöcker eine lange Rede. Eigentümlicherwelse beschäftigte er sich fast aus⸗ schließlich mit der Sozialdemokratie und dem Jesuiten⸗ gesetz. Das mußte insofern auffallen, als in diesem Kreise doch die Nationalliberale als Hauptgegner in Frage kommen, die auch zahlreich in der Versammlung vertreten waren. Einer ihrer Redner sprach denn auch seine Verwunderung über die Stöcker'sche Rede aus. Sonst sagte Stöcker nicht viel Bemerkenswertes. Bei dem Jesuitengesetz erklärte er, geistige Bewegungen ließen sich nicht mit Polizei⸗ und Gewaltmaßregeln unterdrücken,. Gut. Warum hat aber dann Stöcker für das Sozialisten⸗ gesetz gestimmt? Ferner sagte er, die Sozialdemokratie habe mit den Attentaten von 1878 nichts zu tun gehabt. Sehr richtig; warum haben aber Stöcker und seine Leute, die konservativen und„christlich n“ Blätter uns den Hödel und den Nobiling stets an die Rockschöße gehängt? Dies fragte Genosse Vetters, der in jener Versammlung zweimal das Wort ergriff und die sozial⸗ demokratischen Ansichten über Zollwucher, Militarismus, Kolonialpolitik, Rechtspflege ꝛc. verfocht. Seine Aus⸗ führungen wurden von einem erheblichen Teile der Versamminng sehr beifällig aufgenommen. Der national⸗ Überale Redner meinte zwar, der unserm Genossen gezollte Beifall sei ein„irouischer“ gewesen, wie will das der Herr aber konstatieren? Jedenfalls mußte die Mehrheit der Versammlung die Darlegungeu unseres Redners als durchaus richtig anerkennen. Dr. Burckhardt hielt es mit seiner christlichen Nächstenliebe vereinbar, unsern allgemein geachteten Genossen Singer zu verdächtigen, indem er ihn für die vor 15 Jahren gefallene, verwerf⸗ liche Aeußerung eines Andern verantwortlich machte. Das tut Burckhardt in jeder Versammlung und gewiß in 20 Jahren auch noch, wenn er und die christlich⸗ soziale Partei bis dahin noch lebt, Aus dem Rreise Marburg⸗Rirchhain. Herr v. Gerlach, der nationalsoziale Kandidat für Marburg, schreibt uns mit Bezugnahme auf die Korrespondenz von Mar⸗ burg in der letzten Nummer: „Die Mitteldeutsche Sonntags-Zeitung richtet die Frage an mich, warum ich in der konservativen Versammlung in Marburg Herrn v. Pappenheim nicht entgegengetreten sei. Ich bemerke dazu, daß ich infolge einer früheren Zusage verpflichtet war, an dem Tage eine Versammlung zu Gunsten der Kandidatur Naumanns im Fürstentum Lübeck abzuhalten, und daß sich eine Aende⸗ rung nicht mehr vornehmen ließ, weil die konservative Versammlung erst sehr spät an⸗ gezeigt wurde. Uebrigens halte ich es auch im Allgemeinen für zwecklos, in konservative Versammlungen zu gehen, da ich dort doch nur, wie es mir in Frankenberg passierte, 10 Minuten Redezeit erhalte. Ein Irrtum der Mitteldeutschen Sonntags⸗ Zeitung ist es, wenn sie meint, alle anderen Parteien müssen ihre Flugblätter gegen Ent⸗ geld durch Dienstmänner und Frauen ver⸗ breiten lassen“. Ich brauche für die Ver⸗ breitung meiner Drucksachen keine bezahlten Kräfte.“ St. Maifeier. Eine äußerst zahlreich, auch von Frauen besuchte Versammlung war es, die am letzten Samstag abend fast sämtliche Räume des Jesberg'schen Restaurants füllte, um die Matlfeier zu begehen. Der Arbeiter⸗Gesangverein„Eintracht“ erfreute zunächst durch den Vortrag eines schönen Liedes, worauf Genosse Dr. Michels einen gut durchdachten Vortrag über die „Bedeutung des 1. Mai und die Reichstagswahlen“ hielt. In ungefähr 1½ stündiger Rede schilderte er, wie unsere Partei von allen Seiten bekämpft würde und trotzdem immer mehr an Ansehen und Bedeutung gewinne. Der 1. Mai, welcher zum Festtag der Prole⸗ tarier aller Länder geworden, sei so recht dazu geeignet, darüber nachzudenken, warum wir kämpfen. Nicht durch eine blutige Revolution, wie uns unsere Gegner so gern unterschieben, wollten wir die Lage des arbeitenden Volkes zu verbessern suchen, sondern wir führen unsern Kampf mit geistigen Waffen. Jetzt, in der Zeit des Wahlkampfes erschallten wieder die nichtswürdigen ab⸗ geschmackten Vorwürfe, Die Sozläldemokratie wolle die Religion abschaffen! Diesen Vorwurf weise er scharf zurück, denn wir verlangen nur, daß die Religion als Privat⸗ angelegenheit jedes Einzelnen zu betrachten sei. Ebenso sei es mit dem Vorwurf der Vaterlandsfeindschaft, der sei eher auf die Kapitalisten anzuwenden, die durch Heranziehung noch billsgerer ausländischer Arbeitskräfte die Lebenshaltung der deutschen Arbeiter immer mehr herunterdrückten und verschlechterten. Wir Sozialdemo⸗ kraten freuen uns auch über die Einigung Deutschlands, wir wünschten sogar, daß auch die Deutschen Oesterreichs zu uns gehörten, welche Bismarck bekanntlich ausge⸗ schlossen habe; während wir die Polen und Dänen entbehren könnten. Die Juden seien durch langes Zu⸗ sammenleben mit uns gute Deutsche geworden, sie stehen uns nicht im Wege. Weiter hieße es, wir seien Feinde der Kultur und des Familienlebens. Das sei einfach lächerlich. Wir, die wir stets mit aller Kraft für alle Verbesserungen im Schulwesen, für Kunst und Wissen⸗ schaft eintreten, sollten Kulturfeinde sein?! Wie viele sozialdemokratische Ehen könnten sich die Junker u. a. zum Muster dienen lassen. Redner ging dann des Näheren auf die Aufgaben der Arbeiter, speziell im bevorstehenden Wahlkampfe ein und schloß seine von den zahlreichen Zuhörern mit gespanntester Aufmerksamkeit verfolgten Ausführungen mit einem dreifachen, kräftig aufgenommenen Hoch auf die deutsche Sozialdemokratie. Der Sängerchor brachte alsdann noch zwei Lieder zum Vortrag. Die hiesige Arbeiterschaft kann mit Befriedi⸗ gung auf die dlesjährige Maifeier zurückblicken. — Ein graustger Fund wurde hier am Sonn⸗ tag nachmittag gemacht. In der Lahn fand man die Leiche des seit Anfang Februar dieses Jahres in Laas⸗ phe verschwundenen Schulrektors Büllner. Auf telegra⸗ phische Anzeige erschienen Montags zwei dortige Lehrer, welche die Leiche als den vermißten Rektor erkannten. Kleine Mitteilungen. „* Soldat zum Tode verurteilt. Vom Kr egsgericht in Hannover wurde der Füsi ier Jakubowski vom 79. Infant. Regt. zum Tode verurteilt. Er war desertiert und hatte die Haushälterin eines Gastwirts erschlagen, um die Zivilkleider des Wirtes zu erlangen. e Sauberer Bäcker. Mäusekot hatte der Bäckermeister Lau in Dresden statt Mohn zu soge⸗ nanntem Mohngebäck verwendet. Der Gerichtschemiker Mäusekotstücke herausgelesen. trog erhielt leider nur 50 Mk. Geldstrafe. hatte die Schweinerei angezeigt. r Einer derer von Puttkamer, der Sohn des Stettiner Polizeiprästdenten, wurde am Samstag in Frankfurt a. M. wegen Zechprellerei verhaftet. Seine Eltern hatten 300 Mk. Belohnung auf seine Ermittelung ausgesetzt. * Familiendrama. Bei Halle wurden vier Leichen, Mann, Frau und zwei Kinder aus der Saale gezogen, in denen man die vor drei Wochen aus Leipzig verschwundene Familie Mummert vermutet. Der Mann und die Frau waren mit je einem Kinde, neun- bis zehnjährigen Mädchen, zusammengebunden. Dieser Ritter vom Back⸗ Ein Geselle Partei-Nachrichten. Wahlkreis Alsfeld⸗Lauterbach. Kreis⸗ konferenz. Sonntag, den 10. Mai en achm, 3 Uhr im Lokale zur Pfefferhöhe. Die Genossen im Kreise werden ersucht recht zahlreich zu erscheinen. Für den Wahlkreis Dillenburg⸗Herborn fand am Sonntag in Haiger eine sehr gut besuchte Parteikonferenz statt, die sich mit der Organi⸗ sation im Kreise und der bevorstehenden Reichstagswahl befaßte. Es wurde beschlossen, einen Wahlbverein für den Kreis zu gründen. Als Vertrauensmann wurde Genosse Louis Trost in Haiger gewählt. Ein Jahr Gefängnis! Das Reichsgericht in Leipzig verwarf die Reviston gegen das Urteil vom 22. Dezember 1902, nach welchem der Redakteur Däumig vom Hall. Volksbl. wegen Beleidigung des Bohrers Piltzing ein Jahr Gefängnis verbüßen soll, die durch einen Zeitungsartikel erfolgte, der auf Grund falscher Informationen abgefaßt war. Versammlungskalender. Samstag, den 9. Mai. Gießen. Soz.⸗dem. Wahl verein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Sonntag, den 10. Mai. Wieseck. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abmarsch nach Lollar zu dem Feste der Metallarbeiter 1 Uhr. Zusammenkunft im Vereinslokal 1/1 Uhr, Montag, den 11. Mai. Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. 5. Sumstuge den- 16. Mett Gießen. Freie Turnerschaft. Außerordentliche Generalversammlung Abends 9 Uhr im Pfau. Briefkasten. Bei Zuschriften an uns muß stets die volle Adresse des Absenders angegeben werden. Es kam in letzter Zeit öfters vor, daß Einsender ihre Wohnung in Briefen nicht angegeben hatten, wodurch sich die notwendige Beantwortung verzögerte. Besonders nötig ist das, wenn es sich um Versammlungen, Bestellung von D ucksachen ꝛc. handelt. Mohrere Einsen dungen mußten zurück⸗ gestellt werden. Unseren heutigen Auflage liegt eine Geschäfts⸗ empfehlung der Firma Karl Frensdorf in Gießen bei, worauf wir aufmerksam machen. Ferner liegt eine Empfehlung des Kur⸗ instituts Spiro⸗Spero bei. Die Wählerlisten zum 25. Mai aus. Sorge jeder unserer Wähler dafür, daß sein Name in der Liste verzeichnet steht. Nur wer in der Liste eingetragen ist, kann wählen. B Der Polizeischneidigkeit in St. Johann, die zu den von uns in letzter Nr. erwähnten Straßenunruhen führten, ist ein Dämpfer in⸗ sofern aufgesetzt worden, als der Staatsanwalt die Berufung gegen die schöffengerichtliche Fret— sprechung des Cafétiecs Bruch zurückgezogen hat. Das Café wurde wieder eröffnet. Damit bleibt nun also gerichtlich erkannt, daß die Herabsetzung der Poltzeistunde auf 11 Ur gegenüber Bruch, der s. Z. die Konzession bis 2 Uhr Morgens erhalten hatte, zu Unrecht er⸗ folgt ist, und die Polizeistrafen demgemäß nicht zu Recht verhängt waren. Die Affäre scheint hatte aus einem Eßlöffel Mohn nicht weniger als 180 b — liegen bei den Ortsbehörden vom 18. bis — a — 220 0 90 4 4 * 1 1 0 2 * 13 3 17 . 4 5 9 4 „ 1 N N 2 6 0 N 0— 15 75 4 * 720 2 9 —iun ung. dex. cen ben Sükrcl-gesfurderren Geseuenstude Seite 6. Mitteldenische Sonntags⸗Zeitung. also mit einer Niederlage der Polizei zu enden. So geht's, wenn man die Schneidigkeit zu weit treibt. Strafgefangener als Ordnungs wächter. Vor Kurzem stellte der ultramontane Bürger⸗ meister von Urberach im Kreise Offenbach einen beurlaubten Strafgefangenen zur Vertretung des Polizeidieners ein. Dieser Fall war so ungeheuerlich, daß die überwiegende Mehrzahl ber dortigen Einwohnerschaft sich darüber em⸗ pörte. Um den Bürgermeister eines Anderen zu belehren und ihm klar zu machen, daß er nicht die höchste Instanz ist, beschwerten sich einige Bürger beim Kreisamt Dieburg über. den Mißgriff. In letzter Woche erhielten nun die Beschwerdeführer von obigem Kreisamt die Abschrift einer an die Bürgemeisterei Urberach ergangenen kreisamtlichen Verfügung. Sie lautet: ...„Da p. Sulzmann nach Ihren Berichten tatsächlich wegen Körperverletzung mit 4 Monaten Gefängnis bestraft, durfte derselbe nicht zur Ver⸗ tretung des Polizeidieners herangezogen werden. Wir empfehlen Ihnen deshalb, in Zukunft in solchen Fällen bei Auswahl eines Stellvertreters vorsichtiger zu sein und nur einen Mann zu wählen, dessen Leumund ungetrübt ist. Von welchen Personen die Beschwerde ausgeht, muß für uns ganz außer Betracht bleiben. gez. Loch⸗ mann.“ Der letzte Satz dieser Abschrift charak⸗ terisirt den Bürgermeister recht drastisch. Jeden⸗ falls glaubte dieser unparteiische Mann, er könnte das Gr. Kreisamt beeinflussen, wenn er die Beschwerdeführer als Sozialdemokraten, Hetzer oder Auswiegler bezeichnete.— Jeuer Vertretungs⸗ Polizist war einer derjenigen Zentrumsbrüder, welche gelegentlich der Gemeinderatswahl in Urberach in ein Wirtslokal, wo unsere Genossen Versammlung abhielten, eindrangen und mit Knüppeln auf die Versammelten einschlugen. Die Knüppelhelden versuchte dann der Zen— trumsabgeordnete Brentano im Landtage als „schlichte Urberacher“ herauszustreichen. Die blamierte Prüfungskommission. Ein niedliches Stückchen hat sich die Göt⸗ tinger Kommission für die von der Zwangs⸗ Satte. Hefende rte ir Hen e t Wel felbstverstandlich alich Unsere der auslernenden Lehrlinge geleistet. Der Sattlerlehrling Karl Nodmann hat zu Ostern sein Gesellenstück gemacht, das aber von der famosen Prüfungskommission als untauglich zurückgewiesen wurde. Der Junge wurde ver⸗ dammt, bei einem anderen Meister noch ein ierteljahr nachzulernen. Nicht faul, schickt der Junge seine zurückgwiesene Arbeit zur Lehrlings⸗ ausstellung nach Hildesheim— und erhält den ersten Preis. In Innungskreisen ist man nun sehr darauf gespannt, ob der Junge nun wiklich das Vierteljahr nachlernen muß. Was jedoch diese Gesellenprüfungen durch die Konkurrenten des Lehrmeisters wert sind, wird durch diesen Fall recht augenfällig bewiesen. Warum die Soldatenmißhandlungen nicht aufhören. Vor dem Kriegsgericht in Landau(Pfalz) stand vor einigen Tagen ein Leutnant des 3. Bayr. Chevauxlegers⸗Regt., das in Dieuze (Lothringen) in Garnison liegt, unter der Au⸗ klage, Untergebene zur Begehung strafbarer Handlungen aufgefordert zu haben. Der Herr Leutnant, Sohn eines Bankiers in Berlin, Namens Richter, hatte den Drill der Rekruten zu leiten. Um den Burschen das nötige militärische Ehrgefühl beizubringen, instruierte er die Unteroffiziere:„Wenn einer der Kerls nicht ziehen will, so schlagt nur drauf, ich werde es nicht sehen.“ Vier Unteroffizieren, die sich im Stalle befanden, gab er gleichfalls den Rat, nur drauf zu schlagen, wenn's nicht klappe. Diese Auftrage ließen die Unteroffiziere unbeachtet, ja sie beschlossen sogar, auf den Rat eines derselben, keine Hand wider die Leute aufzuheben, denn, so argumentierten sie, wenn der Rittmeister von Mißhandlungen hört, so läßt uns der Leutnant doch im Stich. Das Gericht dam nach einigem Ueberlegen zu einem Freispruch, indem es annahm, das sehl gewesen! Dabei ist derselbe Leutnant erst kürzlich wegen vorschriftswidriger Behandlung Untergebener bestraft worden. Ein Bild der christlichen Nächstenliebe. Eine Verhandlung, die vor dem Landgericht Bamberg am Sonnabend stattfand, entrollte ein düsteres Kulturbild aus den bahyrischen Bauernkreisen. Der Bürgermeister Lahner und die Gemeindedienersfrau Bernreuther von Nieder⸗ mirsberg hatten sich wegen Tötung zu verant⸗ worten. Sie haben den am 24. August vor. Jahres im Armenhause zu Niedermirsberg in⸗ folge Verwahrlosung erfolgten Tod der Ge- meindearmen Marg. Geck verschuldet. Als der Letchenschauer die Leiche der 71 jährigen Armen⸗ häuslerin besichtigte, fand er dieselbe in einem Zustande vor, der aller Beschreibung spottet. Das Sterbelager bestand aus einem Haufen gänzlich verfaulten stinkenden Strohs, der Körper war auf der Rückseite über und über mit Geschwüren bedeckt, die durch fortgesetzte Unreinlichkeit entstanden waren und am ganzen Leibe der Toten wimmelte es von Läusen. Außerdem bestand der Körper fast nur noch aus Haut und Knochen, so daß der Leichen⸗ schauer, dessen Funktion in Niedermirsberg der Dorfbader ausübt, auf den Gedanken kam, die Geck sei den Hungertod gestorben. Aus diesem Grunde erstattete er Anzeige, sonst wäre die Leiche vielleicht verscharrt worden und die Welt hätte nie erfahren, wie die Niedermirsberger gut katholischen Bauern ihre Armen in Schmutz und Elend verkommen lassen. Die gerichtlich angeordnete Sektion ergab als Todesursache Blutvergiftung, hervorgerufen durch gänzliche Verwahrlosung, wofür die beiden Angeklagten verantwortlich gemacht wurden, der Bürger⸗ meister, weil er als Vorsteher der Gemeinde sich niemals um die kranke und hilflose Frau gekümmert, die Gemeindedienersfrau, weil ste, der gegen eine tägliche Entschädigung von 30 Pfg. die Aufgabe übertragen war, die Kranke mit dem Nötigen zu versorgen, ihre Pflicht gröblich vernachlässigt, und in der Zeit, da die Arme sch 55 Leiden durch den Tod erlöst wurde, ich auf eine mehrtägige Wall da Rae be. aonlell. Berns Elend l- begeben dk vbysnie Vorsorge zu treffen, daß in ihrer Abwesenheit die Kranke gepflegt würde. Auch der Bürgermeister spielte sichzin der Verhand⸗ lung als ein sehr frommer Mann auf und führte als Entschuldigung für das unmenschliche Verhalten gegenüber der Geck an, daß diese für ihren schlechten Lebenswandel habe büßen müssen, sie habe nur die gerechte Strafe Gottes empfangen. Der„schlechte Lebenswandel“ be⸗ stand darin, daß die G. vor mehr als einem Menschenalter unehelich geboren hat: Vor Gericht wollte der mutige Bürgermeister alle Schuld auf die Mitangeklagte schieben, die u. a. bekundete, daß sie wiederholt bei dem Bürgermeister um frisches Stroh für die Armen⸗ häuslerin gebeten habe, was ihr aber rundweg verweigert wurde. Das famose Dorfoberhaupt redete davon, daß der Geck die Unmenge Säure „angehext“ seien. Durch die Zeugenaussagen wurden derartige unmenschliche Roheiten fest⸗ gestellt, daß man sich fragen muß, ob es denn wirklich möglich ist, daß in unserm Zeitalter der„Humanität“ solche Dinge noch vorkommen können. Als sie einmal aus dem Fenster sprang und sich nicht mehr erheben konnte, rief der Bürgermeister den ihr beispringenden Leuten zu, man solle sie mit der Peitsche auf⸗ treiben, dann werde sie schon Beine bekommen. Die verübten Herzlosigkeiten alle aufzuzählen, würde ein ganzes Buch kaum ausreichen. Moralisch mitverantwortlich ist der„Seelsorger“ Pfarrer Zwingmann, der Vorstand der Armenpflege ist, sich aber niemals nach der Geck umgesehen hat, obwohl er wußte, daß sie krank und vollständig hilflos war.— Der Staatsanwalt beantragte gegen den Bürger⸗ meister Lahner 4 Monate und gegen die „Pflegerin“ 1 Monat Gefängnis. Die An⸗ geklagten kamen aber viel billiger weg, der Bürgermeister erhielt nur 1 Monat Gefängnis und die saubere Pflegerin erzielte sogar Frei⸗ sprechung.— So sieht sehr oft die christ⸗ liche Nächstenliebe aus. 0 5 Im Frühling. Welch' ein Duften, welch' ein Blühn, Reicher Maiensegen! Ueppig sproßt das junge Grün Rings auf allen Wegen. In der grünen Blättertracht Steht der Wald mit Prangen, Und des Lenzes Saubermacht Hält uns lind umfangen. Menschenherz, vergiß der Qual! Sei des Harmes müde! Oeffne dich dem Sonnenstrahl Wie die junge Blüte. Sollst nicht mehr zu eigner Pein Am Verlornen hangen; Siegreich zog der Frühling ein: Gieb dich nur gefangen! Und bei all der Herrlichkeit Solltest du nicht säumen, Um von einer bessern Seit Wenigstens zu träumen, Daß sich auch Dein Cos zuletzt Freundlich wird gestalten; Mutvoll mag die Hoffnung jetzt Ihr Panier entfalten! Eine Erinnerung aus dem Wahlkampfe. Dumpf dröhnend verkündet die alte Turm⸗ uhr die sechste Stunde. Einzeln oder in Gruppen entströmen die Arbeiter in verstaubter Kleidung dem Fabriktor. Es ist Feierabend und Jeder eilt seinem Heime zu. Der behäbige Herr, dessen Gestalt jetzt an hinab. Er wischt sich wit einem Zipfel der Serviette den Mund, mit einem anderen die Schweißtropfen von der Stirn. Schwere Arbeit mußte der Herr Pastor verrichtet haben. Auf dem Tische stehen diverse Schüsseln und Teller. Das tägliche Brot bestand heute aus Bouillon, Kalbsbraten, Spargel und Kompot. Jetzt entzündet der Herr Pfarrer seine Haus⸗ pfeife und öffnet zwei Knöpfe seines Rockes. Drüben geht grade der Jürgen. Stolz schreitet er in seinem schmutzigen Ehrenkleide dahin. bin Zug des Unwillens huscht über das graue Gesicht seiner Ehrwürden. Mußte ihn der Anblick dieses Mannes schon wieder in seiner Andacht stören? f a Voller Unmut begiebt er sich an seinen Schreibtisch. Doch die rechten Gedanken zu der morgigen Predigt wollen sich nicht einstellen. Die fatale Geschichte vom vergangenen Jahre wiederholte sich in seinem Geiste. Da hatte ihn dieser Jürgen belehrt, daß der alte Spruch:„Schweigen ist Gold!“ immer noch seine Gültigkeit habe. g Es war in einer Wählerversammlung. Die Auwesenden gehörten in ihrer großen Mehrzahl der arbeitenden Klasse an. Seine Ehrwürden trat kraftvoll, wie es ihm in seinem Amte zukam, für den Kandidaten der Ordnung ein. Er wetterte gegen den Umsturz, die immer mehr sich verbreitende Lauheit in religösen Dingen. zeterte der alte Herr,„steht Denen, die aus frevlem Uebermut diesen Wählern Gefolgschaft leisten, das Feuer der Hölle in sicherer Aussicht! der Versammlung. Zustimmung. Lebens, welcher der Seele Befriedigung bringt? Ich sage Nein! Wohl aber ist es das Bewußt. was der Leutnant gesagt, sei kein direkter Be⸗ ———̃ññ.ͤ———— sein, die von Gott eingesetzte Ordnung geachtet einem Fenster des etwas zurückliegenden Pfarr ⸗ 1 uses erscheint, bliat auf das lebhafte Treiben „So wahr es eine ewige Seligkeit giebt,“ 4 ort: 1 8„Und ist es denn der Genuß des irdischen Ein unbestimmtes Murmeln erhob sich in 1 Der Redner hielt es fürn Mit erhöhter Stimme fuhr er ——— D rr Nr. 19. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. zu haben. Brot? Wer giebt uns denn das tägliche Etwa diese Sozialdemokraten, die selbst nichts haben, die sich nicht scheuen, alles Fromme und Ehrbare in den Schmutz zu ziehen? Oder Jene, die ihr Kapital in wohl⸗ tätiger Weise dazu anlegen, der Mehrzahl unserer Einwohner den nötigen Verdienst zu geben? Und sorgt unsere, von Gott eingesetzte Gesellschaftsordnung nicht dafür, daß auch der Armen gedacht wird nach dem Bibelspruche: Wer zwei Röcke hat, gebe Dem einen, der keinen hat? Wahrlich, die Wahl kann nicht schwer fallen zwischen unserem allbeliebten Mitbürger N., der fest auf dem Boden unserer heutigen Ordnung der Dinge steht und jenem fremden Eindringlinge.“ Er hatte seine Rede mit demütigen Blicken nach oben, mit strengen Blicken auf die Ver⸗ sammelten begleitet. Nun, da er geendet, erhob sich vereinzelter, schü terner Beifall. Der Herr Pastor mochte allseitige, jubelnde Zustimmung erwartet haben. fl 1 4 e E 2 — Er machte ein bekümmertes Gesicht, als er abtrat. Sollte der Geist der Unzufriedenheit sich in diesem ehrwürdigen Städtchen auch schon eingenistet haben? Der Vorsitzende rief laut den Namen des nächsten Redners in die Versammlung. Eine Bewegung machte sich in der Ver⸗ sammlung bemerkbar. Man schob und drängte sich. Ein hochgewachsener Mann strebte nach dem Rednerpult. Jetzt stand er oben. Es war Jürgen. Merkwürdig erklang seine Stimme. Er erzählte von dem niedrigen Verdienst und dem Elend der Lohnarbeiter und zog zun: Vergleiche die hohen Dividenden und den mühlosen Gewinn der Aktionäre und Unternehener heran. Atemlos lauschten die Versammelten. Er empfahl ihnen, im Gegensatz zu dem Pfarrer, den Kandidaten der Arbeiter, da dieser, im Arbeiterstande aufgewachsen, auch am besten wisse, wo seinen Standesgenossen der Schuh drücke. „Wir verlangen keine Wohltat,“ sprach der Redner,„sondern Arbeit, br für diese Arbeit den verdienten Lohn!“ „Es hört sich schön an,“ fuhr er fort,„wenn mein Vorredner von dem bekannten Bibelworte spricht, doch ich muß erklären, daß dieser Spruch 1 15 von den besitzenden Klassen nicht beherzigt wird.“ In der Veysammlung entstand eine Bewegung. Zornesröte im Gesicht meldete sich der Pastor zum Wort. „Denn,“ so fuhr Jürgen mit einem Blick auf den Pastor fort,„auch der Herr Pastor wird mir gleich beipflichten müssen.“ „Es sind schon verschiedene Jahre ver⸗ flossen, da stand an einem kalten Winterabend ein kleiner Junge vor einem Pfarrhause. Sein Anzug war zerschlissen. Der Hunger war ihm von den hohlen Wangen abzulesen. Das erste Almosen zu erbitten, wurde ihm nicht leicht. Aber Hunger tut weh. Der Vater hatte schon lang keine Arbeit, und es fehlte am Nötigsten. Zögernd ergriff der Kleine die Glocke und schellte. In der nächsten Minute stand er dem Pfarrer gegenüber. Er stotterte seinen Wunsch auf ein Stückchen Brot hervor, ihm sei gar so hungrig. Der Pfarrer faßte ihn am Arm, schalt ihn einen nichtsnutzigen Schlingel, und trotz flehentlicher Bitten übergab er den„Bettler“ einem Schutzmann.“ Stürmische Pfuirufe ertönten hier aus der Versammlung. Der Pastor rief:„Beweise!“ Aller Augen richteten sich auf ihn. „Selbstredend,““ begann Jürgen wieder, und seine hohe Gestalt reckte sich,„habe ich dieses Beispiel der vielgerühmten Nächstenliebe nicht erzählt, um es unbewiesen zu lassen.“ „Dieser arme Junge,“ und er maß die Gestalt des Pastors mit den Augen,„steht jetzt, nach dreizehn Jahren vor Ihnen, und der „ Samariter von damals, das sind ie!“ Der Pfarrer erbleichte und wich einen Schritt zurück. Drohworte wurden aus der Mitte der Versammlung gegen ihn laut. Der Tumult verstärkte sich noch, als Jürgen ein Schriftstück vorlas, dessen Echtheit durch das unten befindliche Gerichtssiegel außer allem Zweifel war. Es war das Gerichtsurteil, laut welchem der damalige„Bettler“ für seine Tat mit einem Tage Gefangnis bestraft wurde. Als einziger Zeuge war der Pastor verzeichnet. Nachdem sich die Erregung etwas gelegt, wurde als nächster Redner der Pastor auf⸗ gerufen. Doch dieser war nicht mehr anwesend. Einige der Versammelten wollten bemerkt haben, wie er die entstandene Unruhe dazu benutzte, sich durch eine Hintertür zu entfernen. Er hatte den Kampf gegen den Umsturz aufgegeben. Der Herr Pastor hat den Kopf in die Hand gestützt. Er wirft ab und zu hastig einige Sätze auf das vor ihm liegende Papier.— Möge er morgen in seiner Predigt nicht unter⸗ lassen, die Gemeinde zu bitten, nicht nach seinen Werken, sondern nach seinen Worteu zu handeln, denn wir sind allzumal Sünder! — 8. 0 ö 1889: Splitter. „Groß,“ so höre ich euch beten, „Groß ist, wer sich selbst bezwang.“ Goldene Weisheit für Asketen, Von den Lauen nachgetreten, Für den trotzenden Athleten Pritschenton und Schellenklang. Ibsen. ** * Es ist die hergebrachte Satzung Der hohlen Köpfe beste Atzung. Willst du gefallen jenem Geschlecht, Beruf' dich nie auf höheres Recht. v. Leixuer. ——— Humoristisches. Passanten⸗Zettel am Tor der Hölle. In der von Friedrich Schiller herausgegebeuen Anthologie auf das Jahr 1782 befindet sich folgendes Gedicht, das man jetzt Schiller selbst zuschreibt: Passanten⸗Zettel am Tor der Hölle. Früh morgends zehen Advokaten Zu Pferd, acht Schreiber hinterdrein, Darauf ein Herr mit runden Waden, 4 Soll gar ein Hum! gewesen seyn. Mittags etn Jud, drei Rezensenten, Drauf acht besoffene Studenten, Ein gar fürnehmer Herr hopp hopp Im majestätischen Galopp, Nach Mittag mit zerzaußten Haaren Ein Heer versoffener Husaren, Voran Su. Gnaden Herr Major— Zuletzt— doch nur gemach, ihr Herren! Wills denn bis zum jüngsten Tage währen? Und plötzlich fiel der Schlagbaum vor. Item am Tor des Himmels. Vor Mittag nichts— Mittags ein Heid, zwei Kinder; Spät Abends noch— ein armer Sünder. 5(Münch. Post.) : T—.... ĩÜ Äd—.. Geschichtskalender. 10. Mai. zlalistengesetzes. 1887: Zweite Verlängerung des So⸗ 11. 1896: Jan. Polders⸗ Brüssel.— 1878 8 Aktentat Hödels auf Wilhelm J. 12. 1803: Justus v. Liebig, Chemiker,*. 13. 1879: Aug. Reinders, soz. Reichstags⸗ e 0 14. 1878: Vorlage des ersten Sozialistengesetzes. 15. 1901: Obstruktions⸗Niederlage der Schnaps⸗ Junker im Reichstage. 1896: Organisations⸗Auflösungs⸗ Prozeß gegen Auer und Genossen Berlin. 16. 1902: General⸗Wahlrechtsstreik in Schweden. Wilh. II. verteidigt die Arbeitszeitverkürzung gegen die Bergwerksbesitzer. Leser und Leserinnen!! Berücksichtigt bei Euren Tinküufen die Inserenten dieses Flattes! Georg Koch Uhrmacher und Optiker jetzt Bahnhofstrasse 50 (an der Westanlage) empfiehlt Taschenuhren, Regulateure, Weckeruhren zu bekannt billigen Preisen unter mehrjähriger Garantie. Brillen und Zwicker nach ärztlicher Vorschrift, genau den Augen anpassend. Eigene Nepuralumiberlisldlle. 322 muonen mark I& zur Verloosung 8 daruster Haupttreff. fahr. von Mk. g 4 5 3 e h 85 f b ik e 3 5840 00 OCasseler Schirmfabrik, e, ne, F bug g 0 lb, F. dbl es Stegen: webt an freue. Mees: ee,. L., Neustadt 11. e Jedes Loos ein Treffer. 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