34317./ 1 n 2 4s 8 7 h onen nene 1 n — 1 ——ẽẽẽẽ—ẽ — 2 —— 8 —̃— 2 8 ——— ———— e 2 1 * — 8. Nr. 10. Giessen, den 8. März 1903. 10. Jahrn. . Redaktion: Redaktions 2 Kirchenplatz 11. Schloßgasse. ee n 4 Uhr. 78 Mitteldeuts che fags⸗ n itung. Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 335½% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Juserate 2 Die ögespalt. Bei mindestens Zu den Reichstagswahlen. III. Die Nationalliberalen. Im deutschen Reichstage giebt es mehrere sogen. liberale Parteien. Die am weitesten rechtsstehende ist die nationalliberale Par⸗ tei, die im letzten Reichstage mit 43 Abgeord⸗ neten vertreten war, bei der 98er Wahl erhielt sie 971 300 Stimmen. In den liberalen Parteien fand das Bürger⸗ tum, vorwiegend das städtische, seine politische Vertretung. Die Liberalen führten früher den Kampf gegen die Vorrechte der Adeligen und die Geistlichkeit, gegen Zunftwesen und Abso⸗ lutismus; traten für freie Entfaltung der indu⸗ striellen und Handelsinteressen, Hebung des Schulwesens ein. Früher! „Liberal“— die Bezeichnung stammt aus den spanischen Revolutionskämpfen zu Anfang des vorigen Jahrhunderts, in denen sich die Revolutionäre Liberale von(liber= frei) und ihre Gegner Servile(servus Sklave) nannten. Also die Liberalen waren früher freiheit⸗ liche Parteien, welche die Beseitigung der Zünfte, der Leibeigenschaft forderten; gegen die unbe⸗ schränkte Gewalt der Krone, die Bevormundung des Staates über das wirtschaftliche Getriebe ankämpften. Sie erschienen somit als wahre Volkspartei, berauschten sich an schönen Schlag— worten von Freiheit und Gleichheit, die sie stets im Munde führten. So lange der Liberalismus gegen Adelsvorrechte, Unfreiheiten und Schran⸗ ken im öffentlichen Leben kämpfte, für möglichste Geltendmachung der individuellen Freiheit ein⸗ trat, befanden sich die Arbeiter und kleinen Leute in seiner Gefolgschaft. Je mehr aber das Bürgertum seine Herrschaft befestigte, fühlte die Arbeiterklasse, daß die Geltendmachung der individuellen Freiheit zur Uebermacht des wirt⸗ schaftlich Starken, zur Verelendung und Unter⸗ drückung des wirtschaftlich Schwachen führt. Bei dem„freien Sp el der wirtschaftlichen Kräfte“ gelangte der rücksichtslose Egoismus zur Herr⸗ schaft; die Arbeiterklasse verfiel der schranken⸗ losen Ausbeutung der Kapitalisten. Das Ver⸗ mögen, der Besitz wurde zur Bedingung des politischen Vollrechts gemacht und damit sowie durch indirekte Wahlen zu den Vertretungs⸗ körpern der Einfluß der Volksmassen noch mehr herabgedrückt. Zu den liberalen Parteien rechnen wir in Deutschland die Nationalliberalen, die Freisinnigen,(Vereinigung und Volks⸗ partei), sowie die südd. Volkspartei. Die stärkste Gruppe sind die Nationalliberalen. Im Reichstage von 1874 hatten sie beinahe die absolute Mehrheit, 155 Abgeordnete gehör⸗ ten ihrer Fraktion an. Von da an gingen sie stetig zurück, nur bei den Angstwahlen von 1887 brachten sie es noch einmal auf 1677979 Stimmen und 99 Abgeordnete. Ihre jetzige Stärke ist oben angegeben. Die Nationalliberalen sind die Vertreter des großen Kapitals. Ihr Liberalismus ist voll⸗ ständig verblaß., von fretheitlichen Ideen keine Spur; sie haben sich mehr und mehr den Kon⸗ servativen genähert; find Verfechter von Aus⸗ nahmegesetzen gegen die ihnen unbequemen po⸗ litischen Strömungen. Das Sozialistengesetz und andere Ausnahmegesetze entstanden in erster Linie durch ihre Hilfe. Sie gehen mit! sie wirtschaftlich vom Kapitalisten und politisch der Regierung durch dick und dünn, suchen ihr in jeder Weise gefällig zu sein. Gegen die klassenbewußten Arbeiter richtet sich ihre besondere Feindschaft, daher ihre Gegnerschaft gegen das allgemeine gleiche direkte und geheime Wahlrecht. Preß⸗, Vereins⸗, Versammlungs⸗ und Koalitionsfreiheit suchen sie für die Arbeiter und ihre politischen Gegner auf das äußerste Maß zu beschränken und dulden und rechtfertigen deshalb die Ueber⸗ schreituugen behördlicher Maßnahmen und Ge⸗ setze durch Beamte nach Kräften. Das höchste in dieser Beziehung haben sie neben den Kon⸗ servativen in Sachsen geleistet. Im Eintreten für Militär und Marineforderungen und der Bewilligung von Zöllen und indirekten Steuern befinden sie sich im Wettlauf mit den Konser⸗ vativen. Die Kolonialpolitik findet bei ihnen die eifrigsten Fürsprecher. Nationalliberale und Konservative setzten 1880 die Verlängerung der Legislaturperiode von 3 auf 5 Jahre durch. Neuerdings treiben sie immer mehr ins agrarische Fahrwasser; alle stimmten für den Zolltarif, einige von ihnen(v. Heyl, Graf Oriola u. a.) gehen sogar in agrarischen Fragen mit dem Bunde der Landwirte einig. Auch in der Handwerkerfrage nehmen sie vielfach eine reaktionäre Haltung ein. Nächst den Anti⸗ semiten sind die Nationalliberalen am meisten unter sich gespalten, jene mehr aus persönlichen, diese mehr aus grundsätzlich abweichenden An⸗ schauungen. In fast keiner Frage von Wich⸗ tigkeit stimmten sie geschlossen; ihre wetter⸗ wendische Haltung in wichtigen politischen Fragen hat ihnen den Namen: Fraktion„Dreh⸗ scheibe“ eingebracht. Lassalles„Offenes Antwort⸗ schreiben“. Am 1. März waren 40 Jahre verflossen, daß Lassalle sein Offenes Antwort⸗— schreiben in die Welt schleuderte und der deutschen Arbeiterschaft den Kompaß fuͤr ihre Heerfahrt gab, als sie nach den bösen Jahren der Gegenrevolution, der Manteuffelei und Beusteref, die die Keime der 48 er Arbeiter⸗ bewegung brutal zerstampft hatte, zum ersten⸗ mal wieder, unsicher tappend, anschickte, die Bühne der Geschichte zu beschreiten. Noch un⸗ bewußt ihrer großen Aufgabe, nur in wenigen ihrer besten Köpfe erst mit einer Ahnung des Zieles, ohne Erkenntnis des Weges, ward ihr durch Lassalle gesagt, was ihre Mission sei und wie sie ste zu erfüllen habe. Das offene Ant⸗ wortschreiben, das Lassalle nach vorheriger Verabredung an das Leipziger Zentralkomitee zur Einberufung eines Arbeiterkongresses sandte, ist der erste Katechismus der jungen deutschen Sozialdemokratie gewesen und hat seiner Zeit eine gewaltige, aufrüttelnde, aufklärende Wir⸗ kung in der deutschen Arbeiterschaft gehabt. Es ist Lassalles unbestrittenes historisches Ver⸗ dienst, daß er in einer Zeit, wo überall die liberalen Selbsthilfler und Manchestermänner die Arbeiter zu fangen und zu politischen Schleppenträgern der Bourgeoisie zu machen suchten, daß damals Laffalle das Klassen⸗ bewußtsein weckte und in die richtige Bahn lei⸗ tete, daß er den Arbeitern die tiefe Kluft zeigte, die vom feigen rechnungsträgerischen Liberalen scheidet. Zweifellos— auch ohne Lassalle wäre die deutsche Sozialdemokratie geworden. Aber wenn der günstige entscheidende Moment nicht den geistgewaltigen Mann gefunden hätte, der unter genialer Anknüpfung an die Gedanken der Zeit, an die praktischen Bestrebungen, die damals die Arbeiterschaft bewegten, sich mit einem Programm versah, das in seiner Kon⸗ sequenz zu dem höchsten Ziele des Sozialismus führen mußte und so Arbeiterschaft und Bour⸗ gebisie für immer schied— es wäre vielleicht gelungen, den Strom unklaren Wollens, der sich in den Bewegungen der Leipziger und Berliner Arbeiter damals auftat, noch für längere Zeit in ein falsches Bett zu leiten und kostbare Zeit wäre verloren gegangen und unter schweren Kämpfen erst hätte die falsche Richtung wieder geändert werden können. Das offene Antwortschreiben bezeichnet den Anbruch einer historischen Epoche, den Beginn der deutschen Sozialdemokratie. Es bleibt ein kostbares Dokument unserer Partei, so weit unsere Erkenntnis auch heute darüber hinaus⸗ gekommen ist. Das eherne Lohngesetz, die Produktivgenossensch ften mit Staatsh elfe sind längst aus dem Rüstzeug unserer Partei ver⸗ schwunden. Aber das mindert das Verdienst Lassalles nicht. Seine Irrtümer sind die Irr⸗ tümer seiner Zeit— in seinen Vorzugen aber ragt er über die Masse seiner Zeitgenossen hinaus. An der Erkenntnis des Wesens der Gesellschaft und der wirtschaftlichen Kräfte überragen ihn unsere beiden großen Vorkämpfer Marx und Engels. Lassalle aber hatte vor ihnen voraus, daß er aus eigener Anschauung auf deutschem Boden die Möglichkeiten und die Mittel einer praktischen Agitation in der Ar⸗ beiterschaft besser überschauen konnte. Wie sehr er damals im Kern das Richtige traf, als er das Offene Antwortschreiben schrieb, das zeigt der Umstand, daß das allgemeine Wahlrecht, das er als das wichtigste Mittel im Be⸗ freiungskampfe der Arbeiterschaft hinstellte, heute von der deutschen Sozialdemokratie zu einer wuchtigen Waffe gemacht ist und eifersüchtig gehütet wird. Vierzig Jahre— mehr als ein Menschen⸗ alter sind inzwischen verrauscht. Jahre harten Kampfes, bitterer Verfolgungen und glänzender Siege. Und was uns geführt hat in diesem Kampfe ist nicht zum kletusten Teile der revo⸗ lutionäre Feuergeist, den Lassalle in der deutschen Arbeiterschaft geweckt hat. S. A.. politische Rundschau. Gießen, den 5. März. Die Reichstagsverhandlungen sollen sich nach den Dispositionen des Seni⸗ orenkonvents bis nach Ostern erstrecken. Die Osterferien sollen vom 28. März bis 21. April dauern. Vor den Osterferien soll der Etat erledigt werden, nach den Ferien will man noch die Novelle zum Krankenversicherungs⸗ gesetz und das Gesetz über die Phosphorzünd⸗ waren verabschieden. An welchem Tage die Wahlen stattfinden sollen, darüber verlautet noch nichts Bestimmtes. 3 Seite 2. Mtteldentsche Sonntags Zeitung. Nr. 10. Wahlaufruf der Kriegervereluler. Nach ihren eigenen Statuten wollen und sollen die Kriegervereine unpolitische und un⸗ parteiische Organisationen sein. Wir haben aber oft genug schon Beispiele dafür angeführt, daß sie den Kampf gegen den„Umsturz“ für ihre besondere Aufgabe halten, eine eminent politische Tätigkeit entwickeln. Vor einigen Tagen hat das Blatt der Kriegervereine, die „Parole“ einen wütenden Aufruf gegen die Sozialdemokratie gebracht, die zu bekämpfen die Ehrenpflicht eines jeden Kriegers sei. Mit Bedauern sehen die Generale der Ordnungs⸗ streiter, daß die bürgerlichen Parteien in der Bekämpfung des Umsturzes zu lau und lässig sind. Gebührende Heiterkeit muß es erregen, wenn in dem Aufruf zuerst gesagt wird: „Die Kriegervereine als solche können sich natürlich nicht in den Strudel des politischen Gebietes begeben. Das verstößt gegen ihren Beruf und ihre Grund satzungen.“ Gleich darauf werden aber die Krieger auf⸗ gefordert, diesmal mit einmütiger Kraft den N vaterländischer Größe zu begegnen. Aber: „Die bürgerlichen Parteien stehen noch immer untätig, ratlos, verfeindet beiseite. Sie begreifen immer noch nicht, was sie bei den nächsten Wahlen zu verlieren haben. Da wird es Zeit, daß sich Stimmen im vaterländischen Lager vernehmen lassen, um sie auf das gefährliche und unverzeihliche ihres Verhaltens aufmerksam zu machen. Hier ist es der schöne Beruf der Kameraden in den Kriegervereinen, bahnbrechend zu wirken, denn der Kampf gegen die Sozial⸗ demokratie ist jedem Einzelnen zur Ehren⸗ pflicht gemacht. Der Ruf:„An die Ge⸗ wehre!“ ist ertönt. Der deutsche Soldat ist prompt zur Stelle.“ Also Sozialistenvernichtung ist des Krieger⸗ vereinlers Lebenszweck! Welche Doppelzüng⸗ igkeit ist es dann, sich als„unpolitisch“ hinzustellen. Mit Recht sagt unser Zentral⸗ organ dazu, solche Heuchelei zieme alten Soldaten am wenigsten. Traurige Heuchelei ist es, die politischen Zwecke der Kriegervereine hinter dem Gerede zu verstecken, daß sie „vaterländische Größe“ verteidigen gegen deren Widersacher. In Wahrheit wird echte vater⸗ ländische Größe, die sich freilich nicht im Drill⸗ system erschöpft, sondern auf Kulturarbeit be⸗ ruht, von der Sozialdemokratie ge⸗ schützt und gefördert. Die Kriegervereine wollen aber Kasernengeist und Untertänigkeit auf das bürgerliche Leben übertragen.— Wir wissen längst, daß die Kriegervereine als Kampf⸗ mittel gegen die Arbeiterklasse benutzt werden. Einem Teile ihrer Mitglieder mag vielleicht diese Erkenntnis noch nicht dämmern, aber be⸗ kanntlich sind auch die Krieger nicht vor sozia⸗ listischer Ansteckung geschützt. Der Aufruf des Kriegervereinsblattes muß uns zu energischem Kampfe anspornen. Jeder verständige Arbeiter lhre aber den Kriechervereinen den Rücken ehren! Der Herrgott als Führer des Bundes der Landwirte. Am Sonntag fand in Magdeburg eine große Bündlerparade statt. Einer der dort — 5 Redner verstieg sich zu folgendem atze: Wohl hat uns der alte Herrgott manche Schlappe beigebracht, aber er lebt noch; der alte Herrgott steht noch immer an der Spitze des Bundes der Landwirte und kämpft mit uns für Kaiser und Reich! Das ist wieder ein Beweis dafür, in welch' gotteslästerischer Weise die Religion von der beutegierigen Wucherzöllnergesellschaft miß⸗ braucht wird. Ein feiner Ordnungsparteiler. Mit was für einer Sorte Gegner sich die Sozialdemokratie herumschlagen muß, zeigt folgender Brief, der unserem Parteiorgan in Solingen zuging. Er lautet: „Sie Mäserabler Kerl Redacteur und Expeteur. Sie müssen am ersten besten Baum bammeln Sie dämlicher Sozealdemo⸗ kraten Gesicht die Leute beschwindeln weiter kennt Ihr nichts das Sie nicht Arbeiter sollen 5 Stunden arbeiten 5 Stunden saufen 1 Vergnügen nachgehen das wollt Ihr erls! aber es ist noch eine andere Macht da die Euch mit emal Zerschmettert wir sind Deutsch keine Ausländer die den Staat über⸗ wältigen wollen. Ihr dreckeches Blatt sobald Ich eins von denselben in einer Wirtschaft sehe wird es dem Fituer übergeben verstehens Sie Dreckhammel, einer der Arbeiterklasse.“ Das ist so ein Prachtexemplar des„schlichten Mannes aus der Werkstatt“ nach dem Herzen unserer christlichen, patriotischen und gesitteten Gegner. Obdachloser König. Zwar ist es kein wirklicher König, der mit — leider!— so vielen Volksgenossen das traurige Los der Unterkunftslosigkeit teilen muß, es handelt sich nur um das Denkmal, die Statue eines solchen. Als nämlich Prinz Heinrich von Preußen h Amerikafahrt machte und dort drüben mit so großem Enthustasmus aufgenommen wurde, versprach der Kaiser, der amerikanischen Uaion ein Denkmal und zwar das des„Alten Fritz“ zu stiften. Nun ist das Denkmal vollendet und es sollte demnächst nach Amerika transportiert werden. Aber das Denk⸗ mal eines Monarchen aufzustellen, geht den Republikanern wider den Strich. Deshalb ließ die amerikantsche Regterung der deutschen wissen, die Absendung der Statue noch hinaus⸗ zuschteben, weil„der dafür bestimmte Platz noch nicht in Ordnung sei.“ Amerikanische Blätter 19 50 aber mit dürren Worten, das Deutschland das Marmorbild am besten selbst behielte. Vorläufig hat es im Garten seines Schöpfers Aufstellung gefunden. Bei uns kommt es ja schließlich auf ein Denkmal mehr oder weniger nicht an, drum wird sich dafür wohl noch ein Platz finden, man spart dabei sogar noch Transport⸗ und andere Kosten. Hoffentlich giebts wegen der peinlichen Geschichte keine internationalen Verwickelungen! Zu was Geld da ist. Das Stadtverordnetenkollegium in Halle, das in seiner Mehrheit aus Freisinnigen besteht, bewilligte für den am 2. September stattfindenden Empfang des Kaiserpaars nicht weniger als 50000 Mark. Der Be⸗ schluß wurde in geheimer Sitzung gefaßt und nur unsere 5 Genossen stimmten dagegen. Diese wollten den Punkt, der bet der jetzigen wirt⸗ schaftlichen Krise große finanzielle Forderungen an die Stadtkasse stelle, in öffentlicher Sitz⸗ ung erledigt haben, aber das Kollegium hielt den Stoff, der da verhandelt wurde, für die breite Oeffentlichkeit nicht für geeignet.— Für den Zentralverein„zum Wohle der arbeitenden Klassen“ bewilligte man in öffentlicher Sitzung 12, sage zwölf Mark. Diese beiden Beschlüsse karakterisiren ebenso den freisinnigeren Männerstolz vor Königstronen, wie den Wohltätigkeitssinn des Bürgertums gegenüber den Arbeitern. Einen sozialdemokratischen Bürger⸗ meister hat nun auch Dänemarks Hauptstadt Kopen⸗ hagen. Die letzten Gemeindewahlen ergaben dort eine sozialdemokratische Mehrheit in der Stadtverordneten-Versammlung und diese wählte einen Soztaldemokraten den Maler Jensen als Stadtoberhaupt. Am Montag Abend begaben sich die Gewerkschaften an das Rathaus, um den Bürgermeister mit Fackelzug abzuholen. Die frommen Ausbeuter. Der Appellationshof in Nancy hat nun⸗ mehr in der Klagesache von Fräulein Lecoanet gegen die Kongregation der„Guten Hirten“ das Urteil gefällt. Die ede wurde zu einem Schadenersatz von 10 000 Franks sowie 8 Tragung sämtlicher Unkosten verurteilt. n den Motiven wird gesagt, es sei Frl. Le⸗ coanet gelungen, den Wahrheitsbeweis für ihre Behauptungen anzututreten. Es handelt ch bekanntlich hier um das Fräulein, welches m Jahre 1877 als Waise in das„Wohl⸗ tätigkeits⸗Institut“ der Guten Hirten aufge⸗ nommen wurde, und welches dort gleich wie ihre Leidensgefährten, bei der Wäschenäherei und anderen Näharbeiten dermaßen ausgebeutet worden ist, daß sie das Sehvermögen verloren hat.(Ueber die haarsträubende Ausbeutung und Behandlung in diesem frommen Institute ist in dem Artikel„Chrisiliche Wohltätigkeit“ in Nr. 8 d. Bl. näheres mitgeteilt.) In Holland ist die Lage noch eine äußerst gespannte. Die Arbeiter rüsten sich, um dem geplanten Zucht⸗ hausgesetz, das geradezu unerhörte Bestimmun⸗ gen gegen die Arbeiter enthält, womöglich mit dem allgemeinen Streik zu begegnen. Ob es dazu kommt, ist allerdings noch fraglich. Bis jetzt beschränkten sich die Arbeiter darauf, gegen das Unterdrückungsgesetz durch große Demon⸗ strationen zu protestteren. Soziales. Entwickelung der Genossenschaften. Der Umsatz der Hamburger Großeinkaufs⸗ gesellschaft Deutscher Konsumvereine hat einen ganz riesigen Umfang angenommen. Er betrug im Jahre 1900 7956 335 Mk., stieg in 1901 auf 15 137761 Mk. und erreichte im verflossenen Jahre die enorme Höhe von 21500 000 Mark. Die Wabhlbewegung. Das Zentrum hat im Wahlkreise Lim⸗ burg⸗Dietz wieder den bisherigen Abg. Kaufmann Cahensly⸗Limburg aufgestellt. Vom Freisinn kandidiert dort Rechtsanwalt 1 f⸗Frankfurt, von unserer Partei Schreiner abicht⸗ Frankfurt. 5 Im ersten nass. Wahlkreise Höchst⸗ Usingen het der Abg. Müller⸗Fulda, der ihn jetzt vertritt, eine Wiederwahl abgelehnt. Das Zentrum stellt au seiner Stelle den Land⸗ richter Itschert- Frankfurt auf. Die Natio⸗ nalliberalen beabsichtigen den Rechts⸗ anwalt der Höchster Farbwerke, Häuser aufzustellen. Kandidat unserer Partei ist Ge⸗ nosse Brühne, Schuhmachermstr. in Frank⸗ furt, der den Kreis schon von 1893 bis 1898 vertrat. Wir hoffen bestimmt, daß sich Brühne diesmal den Wahlkreis wieder zurückerobert. Vergangenen Sonntag fand in Höchst eine sehr stark besuchte Wählerversammlung statt, in der Gen. Brühne über die bevorstehenden Reichstagswahlen sprach. Gegner waren eben⸗ falls anwesend, ergriffen aber nicht das Wort. Eine Parteiversammlung in München proklamierte für München I. den Genossen Birk, für München II den Genossen von Vollmar als Kandidaten der Sozialdemo⸗ kratie.— Im Wahlkreise Fürth stellten unsere Genossen den bisherigen Abg. Segitz wieder auf. In allen Wahlkreisen Südbayerns hat unsere Partei ihre kandidaten schon nominiert. Deutscher Reichstag. Sehr schlechte Besetzung wies das deutsche Parlament in den letzten Tagen auf. Zu Anfang der Mittwochs-Sitzung waren ganze sechs Reichsboten anwesend! Die Dinge, die jetzt zur Beratung stehen, sind wohl wichtig genug; aber die Mehrheit der Herren vom Zentrum und der Rechten er⸗ scheinen blos, wenn es gilt, sich und ihrer Klasse Vor⸗ teile durch Zölle zuzuschanzen.— Zunächst stand der Etat des Reichsgesundheitsamtes zur Be⸗ ratung. Dabei kam man auf das Verbot der Borsäure als Fleischkonservierungsmittel zu sprechen. Gestützt auf die Urteile hervorragender Fachgelehrten bekämpften die Redner der Freisinnigen das Borsäureverbot, das in der Tat mehr aus agrarischen denn aus hygienischen Rück⸗ sichten erlassen worden ist. Graf v. Posadowsky ver⸗ suchte denn auch gar keine wissenschaftliche Rechtfertigung des Verbotes, sondern begnügte sich mit der Erklärung, daß er dasselbe aufrecht erhalten werde.— Am gleichen Tage wurden bei Beratung des Etats des Reichs ⸗ versicherungsamtes von unserem Genossen Molkenbuhr auf Mängel bei der Rechtsprechungs⸗ prapis des Reichsversicherungsamtes hingewiesen, welche 8 —— — — delt ges fl. sge⸗ Wie rei tet ken und t in Nr. Di icht; un⸗ mit es Bis gen 'on⸗ en. ufs⸗ inen rug 901 nen 11 rl. Nr. 10. Mitteldeutsche Sonutags⸗gestung. Seite 3. Unfälle auf dem Wege zu und von der Arbeit nicht als Unfall bei der Arbeit gelten lassen will.— Diese Debatte wurde am Donnerstag fortgesetzt— Freitag kam die Regierungsvorlage betreffend die Ab⸗ änderung des Hrankenversicherungsgeesetzes zur ersten Beratung. Von unserer Partei sprach hierzu Genosse Molkenbuhr. Er führte aus, daß die Sozialdemokraten schon früher eine Abänderung der Krankenversicherung beantragt hätten. Wir verlangten den Rahmen der versicherten Personen im Kranken⸗ versicherungsgesetze ebenso weit zu ziehen, wie im In⸗ validengesetze. Wir hatten auch bereits die Festsetzung eines Mindestsatzes für den Durchschnittstageslohn vor⸗ geschlagen. Die Hauptfrage bleibt, weshalb die Kranken versicherung nicht auf die land⸗ wirtschaftlichen Arbeiter und das Gesinde ausgedehnt werden soll. Herr Gamp meinte, ein kleiner Grundbesitzer könne solche Last wie die Krankenver⸗ sicherung nicht tragen. Heute muß der Dienstherr für den erkrankten Dienstboten sechs Wochen lang Arzt, Medizin und Verpflegung bezahlen. Dieser Arzt ist natürlich teurer wie die Kassenärzte. Es ist ein Unrecht, die Landarbeiter von der Krankenversicherung auszu⸗ schließen. Was haben denn die Landarbeiter verbrochen, daß ihnen dieses Gesetz vorenthalten wird? Dle Land⸗ wirtschaft hat durch den Zolltarif jetzt so viel in den Schoß geworfen erhalten, daß sie wohl in der Lage ist, etwas für die Krankenversicherung der Landarbeiter aus⸗ zugeben.— Der Staatssekretär stellte die Verschmelzung der verschiedenen Versicherungen als sein Ideal hin. Um dazu zu gelangen, muß ein Anfang gemacht werden und zwar in der Art, daß der Kreis der Versicherten gleichgezogen wird. Gerade bei der Kranken⸗ und der Invalidenversicherung läßt sich das leicht bewerkstelligen. — Die Krankenversicherung soll eine Organisation zur Hebung der Volksgesundheit sein. Sie muß deshalb in erster Linie vorbeugend sein: die Verhütung ist unter allen Umständen viel billiger, als die Heilung. Leider ist für viele Aerztevereine die Krankenkassenfrage lediglich eine Lohnfrage.— Ich gebe zu, daß die ökonomische Lage der Aerzte sich auf absteigender Linie bewegt. Es handelt sich hierbei aber nur um ein zeitliches Zusammentreffen, nicht um einen causalen Zusammenhang mit der Krankenversicherung. In der freien Praxis wird um nicht viel besser beza llt, als in der Kassenpraxis. Eine Erhöhung der ärztlichen Honorare würde eine Herabsetzung der Krankengelder zur Folge haben. Herrn Gamp ist es freilich einerlei, was der Kranke bekommt, wenn nur der Arzt standesgemäß bezahlt wird. Die Bewegung der Aerzte ist eine rein zünftlerische, die wir zu unterstützen durchaus keine Ver⸗ anlassung haben. Ich erinnere nur an den Geraer Aerztestreik. Die Kranken wurden dort einfach im Stich gelassen. Die Lösung der Aerztefrage ist in zweierlei Form möglich. Entweder man giebt dem Kranken einfach das Krankengeld und verpflichtet ihn nur zur ärztlichen Behandlung. Dann haben die Aerzte die freie Praxis, wenn die Versicherten nicht durch Gründung von Medizinalvereinen sich Aerzte für billiges Honorar anstellen und dadurch wieder die freie Praxis in Kassenpraxis umwandern. Oder aber die Aerzte werden als vollbeschäftigte Aerzte von der Krankenkasse angestellt. Dann kann man vielleicht Bestimmungen über ein Minimalhonorar usw. ins Gesetz aufnehmen. Wenn die Lohnfrage gesetzlich geregelt werden soll, so giebt es doch wohl noch andere Leute, die Anspruch auf einen Mini⸗ mal lohn erheben könnten, als gerade die Aerzte. Um das Ideal des Staatssekretärs, die Ver inigung der Versicherungen, zu erreichen, wäre es nötig, die Organi⸗ sation der Krankenkassen zu vereinheitlichen. Die vielen heute bestehenden Arten von Kassen müssen beseitigt werden. Herr Spahn hat sich dagegen erklärt, daß man den Geschlechtskranken Krankengeld gewährt. Dadurch aber, daß man die Geschlechtskranken von der Unter⸗ stützung ausschließt, bekämpft man nicht die Laster⸗ haftigkeit, welche das Zentrum bekämpfen will. Ein Teil dieser Kranken wird den Kurpfuschern in die Hände fallen, Sie werden schließlich am ganzen Körper siech, und wenn sie dann in diesem Zustande der Kranken⸗ kasse zur Last fallen, so verursachen sie damit viel größere Kosten, als wenn sie von vornherein der Kranken⸗ kasse zur Heilung übergeben werden. Wir sind bereit, die Beratung der Novelle nach Möglichkeit zu fördern. Molkenbuhr schloß unter lebhaftem Beifall unserer Ge⸗ nossen mit dem Wunsche, daß auch den Seeleuten Krankenunterstützung für 26 Wochen bewilligt werde.— Die Redner der übrigen Parteien erklärten sich fast ohne Ausnahme für die Vorlage, wenn auch ihre Ansichten über freie Aerztewahl, Einziehung der Geschlechtskranken usw. zum Teil differierten. Für die Einbeziehung hat sich übrigens die Stimmung seit früher sehr verbessert: nicht nur Lenzmann und der Arzt Dr. Endemann, der überhaupt im Allgemeinen recht verständig sprach sondern auch Herr v. Richthofen erklärten sich für dieselbe. Es wäre ja auch zu traurig, wenn Politiker gar nichts rnen würden— meinte Graf Posado weaky in seiner zwelten Rede, in der er nochmals dringend um Verabschiedung der Novelle noch in dieser Session bat. Ein Stückchen Altertum. In der Samstags⸗Sitzung wurden zunächst Petitionen vorgenommen und darunter befand sich eine recht merkwürdige. Ein strebsamer Staatsanwalt, Wagner in Zweibrücken hat in müßiger Stunde das Bedürfnis gefühlt, den Reichstag mit einem Gesuch um Einführung der Strafverschickung nach Kolonien zu behelligen. Selbstredend will der Herr diese zwangs⸗ weise Verschickung— auch auf die Sozialdemokraten, die„inneren Feinde“, angewandt wissen, Unglaublich, aber wahr: die Petitlonskommission empfahl, die Ein⸗ gabe, statt sie in den Papierkorb zu werfen, der Re⸗ gierung als Material zu überweisen! Genosse Thiele beantragte dagegen Uebergang zur Tagesordnung und protestierte mit Recht dagegen, daß man neben andern Unsitten der römischen Kaiserzeit auch die Deportation nachäffe. Indessen die Mehrheit der paar erschienenen Reichsboten empfahl die Stilübung des schneidigen Staatsanwalts der Reichsregierung zum emsigen Studium. Darauf kam der Postetat zur Beratung. Staatssekretär Krätke hielt die Ein⸗ leitungsrede, in welcher die Knauseret bei den Beamten⸗ anstellungen und Beamtengehältern mit den schlechten Zeiten und den mageren Jahren zu entschuldigen ver⸗ sucht wird. Die paar notdürftigen Fortschritte, dle ge⸗ macht worden sind, wurden natürlich in bengalische Be⸗ Luchtung gerückt. Genosse Singer ergiff das Wort zu einer wirk⸗ samen Kritik der Postverwaltung. Ohne irgendwie die kleinen Fortschritte, die in der Besserung des Gehälter⸗ und Anstellungswesens gemacht worden sind, herabzusetzen, zeigte der Redner unsrer Fraktion die völlige Unzuläng⸗ lichkeit der getroffenen Maßnahmen, wies nach, wie nur der radikale Bruch mit dem unseligen System der diätarischen Beschäftigung eine wirkliche Besserung herbei⸗ führen könne und geißelte mit glücklichem Humor das byzantinisch⸗alexaudrinische Titel- und Litzenwesen— diese„Kinkerlitzchen“, die die schlechtbesoldeten Unter⸗ beamten sicher nicht über die mangelnden Zulagen zu trösten vermögen. Singer wandte sich daun mit Ent⸗ schiedenheit gegen die Maßregelungs- und Unterdrückungs⸗ wut, die wie im preußischen Eisenbahnwesen so auch in der Postverwaltung herrscht. Ist doch ein Beamter nach 16 jähriger Dienstzeit entlassen worden, weil er es gewagt hat, für den verfehmten„Postboten“ einen Ar⸗ tikel zu schreiben! Ueberhaupt bekümmert sich die Post um das außerdienstliche Verhalten der Postbeamten; sie überwacht und verhindert nicht nur ihre politische Tätig⸗ keit, sondern sucht auch in höchst unbefugter Weise eine im Heinze⸗Geift gehaltene Stttlichkeitszensur über sie auszuüben. Dagegen bekümmert sich die Verwaltung weniger um die lange Arbeitszeit der Beamten; Unter⸗ beamte müssen sich oft bis 70 Stunden in der Woche abrackern, auch die Telephonistinnen werden übermäßig angestrengt.— Des Staatssekretärs Antwort war vom richtigen Scharfmachergeist durchweht. Er erklärte, daß er„Aufreizungen“ nicht dulden werde und deshalb halte er das Verbot des Blattes der Postbeamten auf⸗ recht. Aber sogar Redner des Zentrums und der Nationalliberalen stellten fest, daß jenes Blatt durchaus nicht aufreizend sei. Montag wurde nicht nur der Postetat sondern auch der Etat der Reichsdruckerei erledigt. Beim Postetat wies unser Genosse Zubeil auf die schlechte Lage der Postillone hin, die speziell in Berlin in der letzten Zeit sich noch verschlimmert hat; böllig freie Sonntage gibt es für diese Beamtenkategorie überhaupt nicht mehr, die bei kärglichem Lohn allen Unbilden des Windes und Wetters preisgegeben ist.— Einen Vor⸗ gang von großer prinzipieller Bedeutung behandelte Genosse Singer. Die Postverwaltung hat in der Nähe des Schlesischen Bahnhofs in Berlin Terrain zu unerhört hohem Preise gekauft. Die Budgetkommission hat mit Einmütigkeit die Kaufsumme als viel zu hoch bezeichnet; der Verkäufer hat sich dann, um das gute Geschäft nicht ganz zu verlieren, nicht unbeträcht⸗ liche Abstriche gefallen lassen. Singer nahm nun die Gelegenheit wahr, um die Postverwaltung ganz energisch an ihre Pflicht zu erinnern, bei Terrainkäufen mehr das Interresse des Reichssäckels als die Mehrung der un⸗ verdienten Zuwachsrente Privater im Auge zu behalten. Nötigenfalls lassen sich allzu hartnäckige Profttbolde mit Hilfe des gesetzlichen Expropriatlonsverfahrens mürbe machen.— . kam der Reichsinvalidenfonds zur Beratung. Hierbel bot sich den rechtsstehenden Parteien Gelegenheit, in wohlfeiler Veteranen⸗ und In⸗ validenfürsorge zu machen. Zwei Aristokraten von der Bassermann⸗Partei, der rechtsnationalliberale Graf Oriola und der linksnationalliberale Prinz Carolath führten deu Neigen an, in welchem sich durch eine ge⸗ wisse Aufbringlichkeit Dr. Arendt bemerkbar macht, der für die Veteranen eine warme Malkkabäerlanze brach und dem widerstrebenden Schatzsekretär eine Wehrsteuer auf⸗ tadelten unsere Genossen Stolle und Zubeil scharf die Unternehmerwillkür, mit welcher den Beamten und Arbeitern gegenüber verfahren wird. 5 22 N D Hessischer Landtag. Bei der Fortsetzung der Budgetbe⸗ ratung am Donnerstag(26. Febr.) wird zunächst in der Debatte über„Ministerium des Innern“ fortgefahren. Unsere Genossen beteiligten sich sehr lebhaft an dieser Debatte. Cramer, Orb, Berthold geben Arx⸗ regungen zur besseren Kontrolle über die Durchführung der Arbeiterschutzmaßregeln. Ulrich wies auf die Höhe der Unfallziffern hin und stellte sie der von den Bauernbündler vertretenen Ansicht, daß„zu viel“ auf sozial⸗ politischem Gebiete getan werde, gegenüber. Nicht die Arbeitgeber seien die Wohltäter der Arbeiter, es sei umgekehrt. Ulrich verlangt von der Regierung Auskunft über die Wirk⸗ ungen der staatlichen Kesselrevision und bringt Klagen über die Handhabung der Bauordnung in den kleinen Gemeinden vor.— Ministerial⸗ rat Braune meint, er habe noch nie ein Zuviel in der Sozialreform empfunden. Es müsse auf sozialem Gebiet zielbewußt weiter gearbeitet werden.— Nachmittag sucht der Antisemit Wolf seine Ansicht von der über⸗ triebenen Sozialpolitik zu verteidigen. David antwortete ihm sehr scharf. Wo kriegen denn die bürgerlichen Parteien die Mittel zu einem Almosen her, die sie als Beiträge für die soziale Fürsorge geben? Doch nur aus zu wenig bezahlten Löhnen. Auch die kleinen Bauern sind an der sozialen Gesetz⸗ gebung interessiert. Die Bauernbündler ver⸗ treten eben nur die Interessen der Bauern⸗ arbeitgeber. Freitag kam die Beratung des Kapitels: „Landesuniversität“ die gelungene Anfrage des des Abg. Köhler, der einen Professor der „agrarischen Richtung“ für einen neu zu errichtenden Lehrstuhl der Nationalökonomie an die Universität Gießen berufen wissen will. Nach langer Debatte wird von 31 Ab⸗ geordneten der Antrag gestellt:„Großh. Re⸗ gierung zu ersuchen, neben der bestehenden Professur eine weitere Professur für National⸗ ökonomie zu errichten, in welcher die agrar⸗ wisseuschaftliche Richtung ihre Vertretung findet.“ Die Soztaldemokraten beantragen da⸗ zu, um die Lehrfreihett nach allen Seiten hin auszudehnen, in der Einleitung und im Schuß⸗ satz statt„eine weitere Professur“ zu sagen: „weitere Professuren“. Ferner im Schlußsatz hinter„agrarwissenschaftliche“ einzuschieben: zZsowie die soztalistische“ Richtung. Das war die treffendste Antwort auf diese Bauernbündlerische Anmassung. f Am Dienstag wird die Budgetberatung bei dem Kapitel Wolksschule fortgesetzt. Die Regierung hat auf dem Antrag des Abg. Weidner eine Summe von 10000 Mark vorgesehen, zur Gewährung von Zulagen für Lehrer, die an besonders ungünstigen gelegenen Orten wohnen müssen. Abg. Dr. David spricht seine Zustimmung zu dem Antrag Weidner aus. Er wünscht eine bessere Be⸗ rücksichtigung des naturwissenschaftlichen Unter⸗ richts in der Volksschule. Die staatliche paritätische Volks schule soll lieber nicht so sehr mit Religionsunterricht überlastet werden. Die Trennung von Kirche und Schule, die im Prinzis bereits ausgesprochen ist, muß in ihren Konsequenzen durchgeführt werden, dann werden solche Vorgänge wie die von Trier nicht mehr möglich sein. Es gibt kein größeres soziales Friedensinstrument als eine paritätische allgemeine Volksschule. In der weiteren Debatte bekämpft der Antisemit Wolf die Reformvorschläge Davids. Nach Wolf's Ansicht ist die hessische Volsschule „vorzüglich“. Den Schülern müsse auch Aus⸗ bildung in der„Liebe zum Vaterlande, der Achtung vor Gesetz und Autorität geben.“ Das sind doch nichts als Redensarten. Die Liebe zum Vaterlande paukt man der Jugend nicht ein; Liebe zum Vaterlande wird jeder zwingen wil.— Beim Reichseisenbahnamt empfinden, der dort in menschenwürdigen Zu⸗ — 2.9„ . * — . 3 n N Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung Nr. 10. standen leben konnte. Meinistertalrar Guse u.⸗ hut wendet sich dann noch gegen die Art, wie Abg. Köhler sich über der Religionsunter⸗ richt in der Volksschule ausgesprochen habe. Dr. David betont, im Gegensatz zu dem Regierungsvertreter, daß die Lehrer erfreut wären, wenn sie von der Erteilung des Re⸗ ligionsunterrichtes befreit würden. Ueber diese Frage könne nur eine geheime Enquete Aufschluß geben. Uebrigens sollte man die Kinder nicht schon im frühen Alter mit Religion plagen. Nach einigen weiteren Bemerkungen verschiedener Redner wird der Titel Ausgaben für die Volksschulen mit 2078000 Mk. be⸗ willigt.— In der Nachmittagssitzung entspinnt sich eine lebhafte Debatte über die Lage der Hofmusiker, für deren bessere Bezahlung unsere Genossen eintreten. Mit knapper Mehrheit werden die geforderten 12000 Mk. zur Auf⸗ besserung der Gehälter bewilligt. Bei der weiteren Beratung des Budgets am Mitt⸗ woch werden die folgenden Kapitel ohne namenswerte Debatte erledigt. Pon Nah und Fern. Gießener Angelegenheiten. Zur Gewerbegerichtswahl. Bekanntlich findet die Beisitzerwahl zum Gießener Gewerbegericht nächsten Samstag, den 14. März, nachmittags statt. Wer im gewerb⸗ lichen Leben steht, ob Arbeiter oder Arbeitgeber, weiß, welch hohe Bedeutung die Gewerbegerichte haben. Es ist für beide Teile von großem Vor⸗ teil, wenn die im Gewerbsleben unausbleib⸗ lichen Streitigkeiten schnell und ohne hohe Kosten entschieden werden. Aber auch als ge⸗ werbliche Behörde hat das Gewerbegericht Auf⸗ gaben zu erfüllen. Es kann als Einigungsamt angerufen werden, kann in seiner Gesamtheit auch Anträge in gewerblichen Fragen stellen. Für die Arbeiter besonders ist es Pflicht, durch zahlreiche Wahlbeteiligung ihr Interesse an der Einrichtung zu bekunden, Männer zu wählen, die Verständnis für die Interessen der Ar⸗ beiter haben, von denen ein klares Urteil in gewerblichen Fragen zu erwarten ist, die auch als Richter die notwendige Unparteilichkeit und Gewissenhaftigkeit besitzen. Als solche empfehlen wir die vom Gewerkschaftskartell aufgestellten Kandidaten. Die Namen derselben sind aus dem Inserat der heutigen Nummer erstchtlich. Bei dieser Wahl kommt das Proportional⸗ system in Anwendung. Es ist auch vom evange⸗ lischen Arbeiterverein eine Liste der Arbeiter⸗ beisitzer aufgestellt worden, deshalb müssen unsere Genossen und alle zielbewußten Arbeiter rührig agitieren, damit Leute in das Gewerbe⸗ gericht gelangen, die den Arbeiterfragen nicht interesse- und verständnislos gegenüberstehen. Auf zur Wahl! Wer ist wahlberechtigt? Zur Teilnahme an den Wahlen zum Ge⸗ werbegericht sind berechtigt: a. Als Arbeitgeber: 1. Diejenigen selbständigen Gewerbetreibenden, welche min⸗ destens leinen Arbeiter regelmäßig das Jahr hindurch oder zu gewissen Zeiten des Jahres beschäftigen. 2. Die mit der Leitung eines Gewerbebetriebes oder eines bestimmten Zweiges desselben betrauten Stell vertreter der selbstän⸗ digen Gewerbetreibenden, wenn ihr Jahresar⸗ beitsverdienst 2000 Mark übersteigt. 3. Haus⸗ gewerbetreibende, welche regelmäßig das ganze Jahr hindurch oder zu gewissen Zeiten des Jahres zwei Arbeiter beschäftigen. b. Als Arbeiter: 1. Alle in Gießen beschäftigten oder wohnenden Gesellen, Gehülfen und Fabrikarbeiter. 2. Betriebsbeamte, Werk⸗ meister und mit höheren technischen Dienst⸗ leistungen betraute Angestellte, deren Jahres⸗ arbeitsverdienst an Lohn oder Gehalt 2000 Mark nicht übersteigt. Nicht wahlberechtigt sind: 1. Nicht⸗ deutsche. 2. Frauen. 3. Personen, die noch nicht das 25. Lebensjahr vollendet haben. 4. Personen, denen die bürgerlichen Ehrenrechte, oder die Fähigkeit zur Bekleidung öffentlicher Aemmter aberkannt ist uno solche, welche durch Gerichtsbeschluß in der Verfügung über ihr Vermögen beschränkt sind. Wir weisen besonders darauf hin, daß zur Wahlberechtigung nicht mehr, wie es nach dem alten Gesetz der Fall war, der Wähler ein Jahr am Orte wohnen oder beschäftigt sein muß; es kommt auf die Dauer des Aufenthalts nicht an, jeder, der in Gießen wohnt oder be⸗ schäftigt ist, kann wählen, wenn er die üb⸗ rigen Voraussetzungen der Wahlberechtigung er⸗ füllt.— Ueber ihre Wahlberechtigung müssen die Arbeiter einen Ausweis ihrer Arbeitgeber, der zuständigen Krankenkassen oder der Polizei⸗ verwaltung beibringen. Arbeitgeber erhalten eine solche von der Polizei. Formulare dazu werden von der Bürgermeisterei abgegeben. Von Wählern, die dem Wahlausschuß persön⸗ lich als solche bekannt sind, wird kaum eine Legitimation gefordert werden. — Das Schwurgericht der Provinz Oberhessen trat in dieser Woche zur ersten Sitzungsperiode unter Vorsitz des Landgerichtsrats Dornseiff zusammen. Als erster Fall gelangte am Montag die Anklage gegen den Arbeiter Wilhe m Pfeil wegen Wilderns und Todtschlagversuch zur Verhandlung. Pfeil soll nach den Zeugenaussagen am 31. Dezember v. Is. auf den Forstwart Jäger in der Nähe von Homberg mehrere Schüsse abgegeben zu haben. Die Geschworenen bejahen die auf Todtschlagversuch und Jagdvergehen lautende Schuldfragen, doch auch die auf mildernde Umstände. Der Angeklagte wird darauf zu 3Z Jahren 9g Monaten Gefängnis verurteilt.— Wegen Meineid, den sie vor dem Amtsgericht Nidda geleistet hat, saß am Dienstag die Ehefrau Eisert von Borsdorf auf der Anklagebank. Die Beweisaufnahme fiel für die Angeklagte sehr ungünstig aus, die Geschworenen bejahen daher die Schuldfrage, worauf die Angeklagte zu 2½ Jahren Zuchthaus verurteilt wird.— Mittwoch wird gegen den früheren Polizeidiener in Mühlheim a. M., späteren Schutzmann in Wetzlar, Alexander Schmidt, der des Mordversuchs angeklagt ist, verhandelt. Schmidt war am 1. Juli v. Js. in Wetz⸗ lar als Schutzmann entlassen worden, seitdem auch keine ständige Beschäftigung mehr gehabt. Seine Frau hatte sich nach Wettsaasen zu ihren Verwandten begeben. Mit ihr hatte der Angeklagte öfters Streit, er bedrohte sie sogar einmal mit dem Messer, als er ihr nach Offenbach nachgefolgt war. Am 26. Nov, v. J. über⸗ fiel er seinen Schwager, den Landwirt Port, der die Frau des Angeklagten nach der Bahnstation begleiten wollte, mit einem Revolver, feuerte mehrere Schüsse auf ihn ab, wovon einer den Port gefährlich am Kopfe verletzte. Der Wahrspruch der Geschworenen lautet schuldig des Todtschlagversuchs, wofür dem An⸗ geklagten 4 Jahre Zuchthaus und jähriger Ehr⸗ verlust zudiktiert wird. — Die diesjährige Märzfeier findet Sonntag, den 15. März auf Textors Te⸗ rasse statt. Ein auswärtiger Redner— wahr- scheinlich Geuosse Scheidemann— wird dabei über„die Bedeutung des 18. März“ sprechen. Außerdem wird die Feier durch passende Dek⸗ lamationen sowie Gesangsvorträge des Gesang⸗ vereins„Eintracht“ verschönert werden. Der Beginn der Feier ist auf 3 Uhr festgesetzt und es wird eine zahlreiche Beteiligung der Arbeiter⸗ schaft und der Genossen Gießens und der um⸗ liegenden Orte erwartet. Der Eintrittspreis beträgt nur 10 Pfg. — Von der Ortskrankenkasse ist auf Sonntag, den 8. März eine öffentliche Ver⸗ sammlung nach Steins Garten einberufen, in der über die jetzt im Reichstage zur Beratung stehenden Aenderung des Krankenversicherungs⸗ gesetzes beraten werden soll.— Zu dem näch⸗ sten in Berlin stattfindenden Krankenkassen⸗ konkreß werden als Deligirte der hiesigen Ortskasse die Herren Hanau, Dahmer und Fourier entsandt. i Aus dem Rreise gießen. — Mehrere Versammlungen wurden unsererseits am Samstag und Sonntag abgehalten. Samstag sprach Gen. Krumm in Saasen; am Sonntag Gen. Beckmann in Harbach. Beide Ver⸗ sammlungen waren recht gut besucht und nahmen den besten Verlauf. Aeußerst zahlreich besucht war eine Versammlung in Langsdorf. Hier sprach ebenfalls Genosse Krumm, dessen Ausführungen mit großer Auf⸗ merksamkeit angehört und mit lebhaftem Beifall aufge⸗ nommen wurden. Gegner meldeten sich trotz mehrfacher Aufforderung nicht zum Wort. Ferner sprach Genosse Vetters in Mainzlar und Trais. Auch diese beiden Wersamunungen waren gut vesucht. während die in Mainzlar sehr ruhig verlief, waren in Trais ein paar antisemitische Radaubrüder, die fort⸗ während den Redner unterbrachen und die Versammlung störten. Als aber die Diskussion eröffnet wurde, wußten sie nichts zu sagen. Einer der Krakehler soll, wie uns gesagt wurde, der antisemitische Orts⸗ Ver⸗ trauensmann gewesen sein. Um ihrer selbst willen sollten diese Leute der Antisemiten⸗Partei den Rücken kehren, nachdem sie an sich selbst wahrnahmen, wie ver⸗ rohend die Offenbacher Volkswacht und das Beispiel des Pückler, Hirschel, Reuther ꝛc. auf sie einwirkt.— In Trais wird bald wieder eine Versammlung statt⸗ finden. — Der Bürgermeister in Lollar, Herr Nies, hat sein Amt niedergelegt. Zo seinem Rücktritt sollen Differenzen, die inner⸗ halb des Gemeinderats wegen der Wasserleitung entstanden, die Veranlassung gegeben haben. — Böse Beispiele... Wie uns aus Lollar mitgeteilt wird, gerieten auf dem dor⸗ tigen Werk am vorigen Samstag zwei Betriebs- lelter mit einander in Streit, der schließlich in Tätlichkeiten ausartete. Es setzte dabei ver⸗ schiedene Ohrfeigen ab und die Arbeiter be⸗ fürchten, daß zur Wiederherstellung der„ver⸗ letzten Ehre“ ein Duell stattfinden muß, wo⸗ durch sie unter Umständen beide Vorgesetzte verlieren könnten. Das wäre zwar sehr be⸗ dauerlich und man hofft auf eine friedliche Erledigung der Sache, obwohl die Beiden ihren „Untergebenen“ nicht immer in einer Weise entgegen kamen, die man als besonders vornehm bezeichnen kann. Ausdrücke wie Feger, Faulenzer, Quatschmaul und ähnliche Titel be⸗ kamen die Arbeiter täglich zu hören. Trotzdem wünschen Letztere— menschenfreundlich, wie sie nun einmal sind— gülliche Beilegung. Aus dem Nreise friedberg⸗Büdingen. Die Schwarzen hielten am Sonntag im Friedberger Saalbau ihre„Papstfeier“ (anläßlich des 25jährigen Regierungsjubiläums des Papstes) ab. Wie für diese Versammlung agitiert wurde, erhellt aus Nachstehendem: In Ober⸗Wöllstabt besteht neben mehreren Gesang⸗ vereinen auch ein Verein Liederkranz. Verein, der sich nie um Politik gekümmert, hat mit dem 1. Friedberger Arbeiter⸗ Gesangverein orwärts einen gemeinsamen Dirigenten und da er auch meistens Arbeiter zu Mitgliedern hat, entwickelten sich bald freundschuftliche Gefuͤhle, wie man das als ganz selbstverständlich halten muß. Zu Weih⸗ nachten hielt dieser Oberwöllstädter Verein eine Abendunkerhaltung ab, zu der eine große An⸗ zahl Friedberger zu Besuch erschienen. Schon damals schimpfte der Herr Pfarrer des Ortes in der Kirche, daß man ihm den Saal abge⸗ trieben habe für eine fromme Feier. Wegen seiner zarten Ausdrücke wurde er vor den Bürgermeister zum Sühneversuch geladen. Nun hatte der Friedberger Arbeiter⸗Gesangverein für gestern eine Abendunterhaltung arrangiert und dazu den Oberwöllstäbter Verein eingeladen. Das hatte der Pfarrer in Ecfahrung gebracht und am Sonntag morgen verkündete er seinen Gläubigen in der Kirche, daß Papstfeier sei und daß ein Verein nach Friedberg zu einem sozialdemokratischen Fest gehen wolle, wo ein Mann zugegen sei, der als sozialdemokratischer Kandidat zum Reichstag aufgestellt seil! Das dürfe nicht vorkommen, daß sie sich neben So⸗ zialdemokraten setzen. Auch daß die Sozial⸗ demokraten auf der Abend⸗Unterhaltung zu Weihnachten gewesen seien, erwähnte er. Er hoffe, daß hier nur ein Irrtum obwalte, und daß ste nicht dahin, sondern in den Saalbau zur Papstfeier gingen. Diese Rede hatte eine gewaltige Erregung hervorgerufen, olg nicht ausblieb, denn als am Abend der fe Herr mit seinem Häuflein Getreuen von der Feier zurückmarschierte, begegnete ihm eine Schaar von 30 und mehr Mann, die nach Friedberg zum Feste des Arbeiter ⸗Vereins ging. Anständig grüßte man ihn, schweigend schlich er von dannen, er hatte sich in einem Irrtum befunden. Auch in dem Aber Dieserr: deren Er⸗ aber 775 F stockkatholischen Oberwöllstadt scheint Pfaffen l macht eine Grenze zu haben. te be⸗ che se 15 er, he⸗ 1 vie 1 —— 1 Verkaufs Nr. 9. Mitteldenische Sonutags⸗Zeitung. Seite 5. Aus dem Rreise Alsfeld-Cauterbach. r. Die Gemeinderatswahl in Alsfeld steht für Montag, den 9. März bevor. Jeder Bürger und jeder Arbeiter weiß, daß sie für die Weiterentwickelung des Gemeinwesens und des Wohlergehen aller Ein⸗ wohner von schwerwiegender Bedeutung ist. Es ist deshalb Pflicht aller„kleinen Leute“ und ganz be⸗ sonders der Arbeiter, auch bei der Gemeinderatswahl ihre Interessen wahrzunehmen. Daß diese unter dem jetzigen Gemeinderat bisher in unverantwortlicher Welse vernachlässigt wurden, weiß jeder. Wir brauchen nur auf die herschende Wohnungsnot, die ungeheuere Stei⸗ gerung der Armenlasten hinzuweisen. Und die Zustände im Krankenhaus, das bekanntlich zugleich als Haft⸗ lokal benutzt wird, sind doch geradezu als erbärmliche zu bezeichnen. Daran ist aber die Gleichgültigkeit der Arbeiter mit schuld! Sie hätten schon längst dafür sorgen müssen, daß auch Vertreter ihrer Klasse im Ge⸗ meinderat vertreten sind. Jetzt besteht derselbe nur aus Vertretern des besitzenden Bürgertums, die— oft beim besten Willen— nicht die Lage des Arbeiters, des Armen verstehen und begreifen können. Darum be⸗ telligt Euch an der Wahl! Wählt Leute, die Euere Lage kennen, die soziales Verständnis besitzen! Als solche empfehlen wir Euch die von uns aufgestellten Kandidaten: Konrad Dechert, Schneider; Wilhelm Jakob, Schneider; Jakob Eder, Sattler. Aus dem Rreise Wetzlar. h. Der Ostereier⸗Tribut. Schon mehrfach waren wir genötigt, die in unserer Gegend noch herrschende Sitte oder vielmehr Unsitte der Eierspendierung an die Pfarrer von Seiten der Konfirmanden zu kritisteren. Alljährlich zur Osterzeit müssen die Konfir⸗ manden, als ob es im Gesetz vorgeschrieben wäre dem Pfarrer eine Anzahl Eier bringen. Für was weiß man nicht. Mancher armen Familie fällt es aber außerordentlich schwer, die Eier beizuschaffen. Viele haben keine Hühner und müssen infolgedessen die Eier kaufen und teuer bezahlen. So muß in Garbenheim jeder ͤKonfirmand dem Pfarrer 12 Stück Eier bringen; zum Gründonners⸗ tag geht in der Regel noch das Pfarrerdienst⸗ mädchen im Ort herum und sammelt von Haus zu Haus Eier ein, so daß eine beträcht⸗ liche Menge zusammen kommt. Natürlich kann der Herr Pastor die Eier nicht alle essen, sondern muß sie eben wieder verkaufen. Die Geistlichen sollten doch selbst dafür sorgen, daß dieser unwürdige und die Armen belastende Brauch beseitigt werde. l h. Welterschütterndes Ereig⸗ nis! Das Kreisblatt teilt mit, daß Herr Fabrikant Ohlen burger eine Schnepfe ge⸗ schossen habe. Welch interessante Neuigkeit! Wird sie der Schnepfe oder des Herrn Ohlen⸗ burger wegen mitgeteilt? h. Der Flotten verein ladet zu einem Abendessen ein. Hoffentlich strengen sich die Patrioten und Flottenschwärmer bei dieser Agitation für Deutschlands größere Flotte nicht allzusehr an, damit sie nicht seekrank werden. Aus dem Nreise Marburg⸗Rirchhain. St. Märzfeier. Wie aus dem Inserat der heutigen Nummer ersichtlich, findet am Samstag, den 14. d. M., abends 9 Uhr, im Jesberg'schen Lokale dahier zur Erinnerung an die Märztage des Jahres 1848 eine öffent⸗ liche Parteiversammlung statt, in welcher unser Parteigenosse Dr. Robert Michels einen Vor⸗ trag über„Karl Marx“ halten wird. Hoffent⸗ lich darf auch die diesjährige Märzversamm⸗ lung, ebenso wie diejenigen der letzten Jahre, nuf einen zahlreichen Besuch der hiesigen wie auch der Genossen aus den benachbarten Ort⸗ sschaften rechnen. — Eine Revision der Kasse und der Geschäftsbücher des hiesigen Konsumpereins durch den Verbands⸗Revisor des Verbandes füddeutscher Konsumvereine, Herrn Fr. Arndts aus Stuttgart, fand am Freitag voriger W. Katt. Wie derselbe in der abends abgehalteue gemeinschaftlichen Sitzung des Aufsichtsrates And Vorstandes bekannt gab, hat er die Kasse And die Geschäfrsbücher in bester Ordnung Befunden und konnte er dasselbe auch bezüglich ber Geschäftsräume und des Lagers konstatiren. Nachmittags fand auch eine Besichtigung der stelle in Ocker shausen statt, welche ebenfalls zu vollster Befriedigung des Repisors ausfiel. Herr Arndts sprach dem Vorstande sowohl als auch auch dem Aufsichtsrat für ihre mühevolle und pflichttreue Tätigkeit seine volle Anerkennung aus, er wunderte sich aber, daß es immer noch Mitglieder im Konsum⸗ verein gebe, die nur wenig oder gar nichts im Verein kauften, sondern ihre Waren größten⸗ teils von anderen Geschäften bezögen und zwar zu ihrem eigenen Nachteil. Es zeuge dies von wenig genossenschaftlichen Geiste, er hoffe jedoch, daß auch diese Mitglieder mit der Zeit zu einer bessern Erkenntnis kommen werden. Der Absicht des Vorstandes und Aufsichtsrates, demnächst für den Verein mit einen solventen Gesellschaft die Haftpflichtversicherung abzu⸗ schließen, stimmte Herr Arndts vollkommen bei. — Das diesjährige Musterungsge⸗ schäft sür die militärpflichtigen Mannschaften des Kreises und der Stadt Marburg beginnt am Freitag, den 13. März, im Restaurant „Schloßgarten“, jedesmal von morgens 8 Uhr ab. Die Marburger selbst, deren Zuname mit A bis einschließlich M beginnt, haben Dienstag, den 27. März, diejenigen von N bis Z Mittwoch, den 28. Marz sich zu stellen bei Meidung der gesetzlichen Nachteile. — Schwurgericht. Unter starkem Zu⸗ drang des Publikums begann am Montag morgen die erste Schwurgerichtsperiode. An⸗ geklagt war der 52jährige Schuhmacher Joh. Heinrich Noll aus Ernsthausen wegen vor⸗ setzlicher Körperverletzung mit tötlichen Erfolge. Er hatte dem Schreiner Gronau von dort einen Krug dergestalt an den Kopf geschlagen, daß der Tod besselben infolge dessen eintrat. Der Hergang war jedoch so verwickelt, daß dem Angeklagten nichts bestimmtes bewiesen werden konnte; er wurde freigesprochen.— Am Dienstag wurde gegen den Maurer Heinrich Maurer und den Taglöhner Justus Gunst aus Röddenau wegen Totschlags verhandelt. Bei einer in der„Spinnstube“ entstanden Schlägerei war ein junger Mensch erstochen worden. Die Anklagten wurden zu je einem Jahre Gefängnis verurteilt.— Am Mittwoch stand der Korbmacher Johs. Sauerwald aus Göttingen(Kr. Marburg) wegen Notzucht und Blutschande vor den Schranken des Gerichts. Der Augeklagte wird zu 7 Jahren Zuchthaus verurteilt. Neuer Hofskandal. Nun hat auch der Hof in Schwerin seine „Affaire“. Als Mittelpunkt der neuen Affaire wurde die Großherzogin Anastasia, eine 42 jährige Dame, Wittwe des Großherzogs von Mecklenburg⸗Schwerin Friedrich Franz IV. genannt. Es hieß, daß an dem erwähnten Hof Gerüchte über in höchstem Maße Aergernis erregende Vorgänge zirkulieren. Die Groß⸗ herzogin⸗Mutter ist noch immer eine stattliche, auffallend schöne Dame und man sprach im Geheimen am Schweriner Hof viel davon, daß sie noch immer dem kleinen Gott Amor Opfer bringt, und damit sie schneller erhört werde, an untergeordnete Persönlichkeiten am Hof ihre Neigung, die unter diesen Umständen stets ein bereitwilliges Entgegenkommen fand, verschenkte. Ihr letzter Liebesheld soll ein Friseur, und zwar der Leibkoiffeur des regierenden Groß⸗ herzogs, ein junger Mann, dem die Großherzogin sich mit jugendlichem Feuer vollkommen hingab, gewesen sein. Die Folgen blieben nicht aus Und eines Tages teilte die hohe Mutter ihrem Sohne mit, sie müsse zu ihrer Erholung an die Riviera gehen, wohin sie sich den Koiffeur mitnahm. Das Verhältnis soll nicht ohne Folgen gewesen sein; denn, wie weiter verlautet, begab sich Großherzogin Anastasia, eine geborene russische Großfürstin, nach der Krim, wo dem weiland Großherzog Friedrich Franz III. ein posthumer Sprößling geboren werden soll. Aus der göttlichen Weltordnung. Aus Mannheim wurde dieser Tage be⸗ richte:„Aus Hunger wahnsinnig ge⸗ worden ist die Frau eines Arbeitslosen. Sie versuchte ihre beiden Kinder von 2 und 4 Jahren zu töten, wurde aber daran verhindert. Man verbrachte dann die Unglückliche(Perpetua Weuger ist ihr Name) nebst ihren beiden zu Skeletten abgemagerten Kindern ir, s Krankenhaus. Die Letzteren wurden später in's Kinderhospital gebracht.“— Der Fall wirft auch ein Schlaglicht auf die sogenannten gesicherten Existenzbedingungen der Arbeiter. Kleine Mitteilungen. * Selbstmord an seinem Lebensabend beginn der Schreinermeister Klinkerfuß in Bad Na uh eim. Er stand bereits im 80. Lebensjahre und befand sich in guten Verhältnissen. Längere Krankheit nimmt man als Grund zu der Tat an. * Blutiges Ehedrama. Der dem Trunke er⸗ gebene Bremser Krohn in Kassel verfolgte am Dienstag seine Frau, mit der er in Unfrieden lebt, mit dem Revolver und brachte ihr zwei Schüsse bei. Schwer verletzt brachte man die Frau nach dem Krankenhause. Krohn wurde verhaftet. * Ordnungsstützen. In Mannheim er⸗ regt die Verhaftung von zwei angesehenen Persönlich⸗ keiten wegen Sittlichkeitsvergehen in weiten Kreisen peinliches Aufsehen. Der eine der Verhafteten ist der altkatholische Stadtpfarrer Bauer, ein hoher Sechzi ger, der audere der Bankbeamte Arthur Benckiser, ein Sohn des verstorbenen Landgerichts⸗Präsidenten gleichen Namens. ——. Partei-Nachrichten. Eine sozialdemokatische Mehrheit im Ge⸗ meinderate zu Hagsfeld bei Karlsruhe ist das Er⸗ gebnis der dort am Samstag stattgefundenen Gemeinde. wahlen. In der 3. Klasse wurden 9, in der 2. Klasse 8 und in der 1. Klasse 3 Sozialdemokraten gewählt. Ueber eine starke politische Orgauisation verfügen die Hamburger Parteigenossen. Die sozial⸗ demokratischen Vereine der drei Hamburger Wahlkreise weisen die stattliche Zahl von zusam nen 14346 Mit⸗ gliedern auf. Darum können sich auch Hamburgs Leistungen an die Parteikasse sehen lassen; werden doch im vorjährigen Parteibericht an Beiträgen zur Partei⸗ kasse 28822 Mark allein aus Hamburg aufgeführt. Andere Wahlkreise sollten sich die Hamburger zum Muster nehmen. „Der Parteivorstand giebt eine Erklärung über einige Fragen ab, die seit längerer Zeit größere Kreise der Partei beschäftigen und eine Stellungnahme des Parteivorstandes nötig machen. f 1. Kann es mit den Interessen der Partei für vec⸗ einbar erachtet werden, daß Parteigenossen als Redakteure oder Mitarbeiter an bürgerlichen Preß⸗ unternehmungen tätig sind, in denen an der sozialdemo⸗ kratischen Partei gehässige oder hämische Kritik geübt wird? Antwort: Nein! 2. Kann ein Parteigenosse Redakteur oder Mitar⸗ beiter eines bürgerlichen Blattes sein, auf welches obige Voraussetzung micht zutrifft? Diese Frage ist zu bejahen, soweit Stellungen in Betracht kommen, in denen der Parteigenosse nicht ge⸗ nötigt wird, gegen die sozialdemokratische Partei zu schreiben oder gegen dieselbe gerichtete Angriffe aufzu⸗ nehmen. Im Interesse der Partei sowohl wie im Interesse der in solchen Stellungen befindlichen Parteigenossen liegt es jedoch, daß den letzteren keine Vertrauensstellungen übertragen werden, weil solche sie früher oder später in Konflikt mit sich und der Partei bringen müßten. Versammlungskalender. Genossen! Besucht regelmäßig Eure Versammlungen! Samstag, den 7. März. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallar beiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Gießen. rauer verband. Abend 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Lö b, Wiener Hof. Heuchelheim. Arb.⸗Bild.⸗Verein. ½9 Uhr Versammlung bei Wirt Kröck X. Sonntag, den 8. März. Alsfeld. Oeffentliche Versammlung nachm. 4 Uhr auf der Pfefferhöhe T.⸗O.: Die Gemeinde⸗ rats wahl. Abends Briefkasten. Parteigenossen im Westerwald. Mit dem Schmutzartikel des Kasseler evange ischen Sonntag s⸗ blattes wollen wir uns in der nächsten Nr. befassen. Im übrigen ist das ja die bekannte niedrige Pfaffen⸗ kampfesweise. — — — — Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung⸗ Nr. 10. Seite 6. 100 GA Unterhaltungs-Ceil. 50 ———ů—ů Ein Narr des 19. Jahrhunderts. Von Heinrich Zschokke. 4(Fortsetzung) f „Nicht so, lieber Norbert,“ sagte die Baronin, indem sie mich eine Weile schweigend anblickte, 9 0 5 lag in dem zärtlichen Lächeln ihres indungen zu machen, um das Leben erträg⸗ W ellen. Denn dessen bedürfen wir in unserm Vaterlande nicht, wo die Natur gütiger egen die nee ist 910 ai e 115 i reien wohnen 7 25 7 Wumut l i 115 Mühe gewinnen. Jene aber, Strenge 9 halbjährigen Wiuters seufzen, müssen darauf sinnen, äusern 11 ie von der Und weil f ö in sich selbst hineingebannt mit eitlen Träumen, schönen Entwürfen, Wissenswerten hingetrieben. kenntnisreich und die weder zur Weisheit no wie sie in gccaffen. künstlichen Sommer erschassen. este 5 Natur zurückgestoßen und sind, werden fie mehr denn wir, zur Beschäftigung des 5 9 i ü d zur Erforschung alles ste nie ausführen, un 3 e 1 5 1 Dingen vielwissend, en 9 Glückseligkeit eine Krieger, die H i esgleichen die Künstler, Gelehrten und gemeine Priester. In der vierten Kaste sind die Leib⸗ eigenen oder Sklaven, welche man wie anderes Hausvieh verkaufen oder verschenken kann. Bei einigen Völkerschaften, die ihre erste Roheit schon zum Teil abgelegt haben, fehlt jedoch schon die vierte und die letzte von den Kasten; ebenso findet man einzelne Völkerschaften, wo gute Fürsten, welche die Gewalttätigkeit ihrer Großen erkannten, keine Gesetze mehr geben als mit Einstimmung eines Senats, aus den verschiedenen Kasten des Volks gewählt. Die Könige in den Ländern von leben untereinander in fast immerwährender Feindschaft. Die Schwächern durch den gegenseitigen chwächern Staaten 7 f llen sie die s U. Sta 1 i erz,„du ützen, und chreiben sie große Bücher von sich verlieren, fa bel abel mit Krieg 7 0 e e e. 5 Aab Sachen, die bei uns weder 155 unter schlecht ersse unter sich. Dafür lassen füh 10 mit den Unglücklichen, nicht mit den achtet noch kaum dem Namen nach bekannt] an und Titel der Gerechten, der Väter des Glücklichen sollen wir Mitleiden haben!“ ver- sind. Ja, sie haben dafür besondere Schulen erlandes oder der Helden beilegen, wie 10 ich ausweichend. und Lehrstühle errichtet. denn dergleichen alte Beinamen überall und 5 0 5 weißt du's, er ist verabscheut Aber die Witterung ist auf jener, vaß von den jeher bei den Barbaren beliebt gewesen „Vielleicht i Verwandten, verachtet von seinen en und wird von aller ehemaligen Bekannten und Welt als Verrückter behandelt.“ N„Liebenswürdige Freundin, abgerechnet, was mir woh scheint, die mit kluger um nicht anstößig zu des Abscheues oder der Verach“ ichts, was 5 15 Doch ich kenne ihn noch gilt wert wäre. enig“ Meinung „Lieber Freund,“ fuhr ste dir die Stimme der beneinen Olivier nichts?“ enn ich weiß gar „Wenigstens e Meinung Jerusalems nichts,“ erwing der Unschuld rief; daß die wohl, daß dug Völkerverwüster groß nannte, einst die e für Wahnsinnige hielt und öffentlic Torheit und leppigkeit mit dem daß der Göttlichen schmückte.“ Pr; freue mich!“ sagte die Baronin mit X Lebhaftigkeit.„Du wirst meinen Olivier ewinnen; du bist ein edler Mann, seiner Freundschaft würdig. Glaube mir, Olivier ist ein Engel, und man stößt ihn von der menschlichen Gesellschaft aus wie einen Ver⸗ brecher oder Tollhäusler.“ Als wir noch so miteinander redeten, trat Olivier wieder zu uns. Er trug in der Hand ein kleines Buch. Mit dem warf er sich in einen Sessel und sprach:„Sieh hier des Zufalls oder der himmlischen Vorsehung Werkzeug zu meiner Genesung von Schwäche und zum Er⸗ wachen vom Wahnsinn. Es ist ein unbedeutendes Buch, der Verfasser ungenannt und unbekannt; es sagt viel Gemeines und Alltägliches, aber es hat zwischenein ganz unerwartete Lichtblicke. Sebst der Titel„Träumereien eines Menschen⸗ freundes“ verspricht nicht viel. Ich fand es eines Tages, da ich noch in Garnison lag, auf dem Tische eines Bekannten und steckte es zu mir, um allenfalls etwas lesen zu können, da ich mich im freien Grünen vor den Stadt⸗ toren ein wenig ergehen wollte. Als ich drau⸗ ßen im breiten Schatten eines Ahorns lag und über mancherlei Verkehrtheiten des Lebens ärgerlich war, schlug ich mein Buch auf, und es fiel mir ein Abschnitt mit der Aufschrift in die Hände:„Fragmente aus der Reisebeschrei⸗ bung des jüngern Pytheas nach Thule.“ „Laßt hören,“ sagte ich,„was der alte Grieche aus Masstlia von unserm Norden zu erzählen weiß. Er soll Zeitgenosse des Ari⸗ stoteles gewesen sein.“ Er las: Fragmente aus der Reisebeschreibung des jüngern Pytheas nach Thule. (Aus dem Griechischen.) ... Ich rede aber die Wahrheit, o Freunde, wenn schon sie euch unglaubhaft scheinen wird. Doch bedenket, daß in jenen rauhen Gegenden des Nordens die Natur selbst den Menschen durch unfreundliche Härte von sich zurückdrängt und durch Versagungen zwingt, mancherlei vielleicht einiges 1 Uebertreibung Umsicht zu meiden wäre, werden,— dies abge⸗* eine rechnet, bekenne ich, fand ich bisher an Olivier 4.“ fast die Länge von achtzehn Stunden ächtlichen Seite der Welt alsa⸗ e on einem 92 und Frost, Tage Atzersten übergehen, Aeußersten zum andern Mittelzustand ein⸗ daß kaum ein ate und vem Leibe zuträg⸗ tritt, welche in ihren Sommern leiden ste lich„zarte Hitze als in ihren Wintern töt⸗ alte; eine Hälfte des Jahres haben ihre und in der andern Hälfte kaum die Länge von sechs Stunden. Ebenso unstet und aus⸗ schweifend ist auch daselbst das Gemüt des Menschen und veränderlich wie ihre Witterung. Festigkeit der Denkart und des Willens gebricht fast allen. Sie haben von Jahr zu Jahr neue Kleidertrachten, neue Dichtungsarten und neue Weltweisheiten. Diejenigen, welche gestern die Tyrannei stürzten, begeben sich, nachdem sie das Glück der Freiheit mit dem Munde priesen und mit dem Leben mißbrauchten, morgen freiwillig in die Knechtschaft zurück. Also ist bei jenen Barbaren die grö te Un⸗ gleichheit in allen Dingen. Ein Teil des Volkes, aus wenigen Familien bestehend, besitzt jede Bequemlichkeit und den größten Reichtum und schwelgt im Uebermaße; aber weitaus die Mehrheit ist arm und von der Gunst der Reichen in großer Abhängigkeit. Ebenso find zwar einzelne im Besitze der Schätze des Wissens, aber die Menge des Volks wohnt in Finsternis der Unwissenheit. Sowohl Fürsten als Prieste: finden solche Unwissenheit für ihr eigenes An⸗ sehen zuträglich und halten den Pöbel in der⸗ selben fest, welcher dazu ohnehin durch Armut und Trägheit geneigt ist. Daher liebt der Pöbel bei jenen Völkern die gewohnte Weise seiner Vorfahren in allen Gebräuchen, Einrich⸗ tungen und übrigen Dingen, welche den Geist betreffen, und ist nur in Sachen körperlichen Genusses zur Veränderlichkeit geneigt. Doch pflichtet er jeder Neuerung bei, sie möge ge⸗ recht oder ungerecht sein, wenn sie ihm Geld oder häuslichen Gewinn bringt. Denn Geld und hitziges Getränk geht bei jenen Barbaren über Gewohnheit, Ehre und Götterzucht. Bei den Völkern in Thule ist die Freiheit unbekannt, und welche ste vorzeiten besessen haben mögen, die ist ihnen nach und nach durch Gewalt oder Schlauheit der Großen genommen worden. Sie werden von Königen beherrscht, welche vergeben, sie seien Söhne der Götter, und die Könige und ihre Satrapen werden ebenso oft von Beischläferinnen oder Lieblingen beherrscht als von ihren Ratgebern. Das Volk ist in erbliche Kasten geteilt, wie bei Indern und Aegyptern. Zur ersten Kaste gehören die Könige selbst und ihre Kinder. Zur zweiten gehören die Großen, deren Kinder beim Kriegs- herr und im Staat, auch beim Altar der Gottheiten die vornehmsten Aemter verwalten ohne Rücksicht auf ihre Würdigkeit. Denn was unglaublich für uns ist, das ist bei jenen Barbaren ein Herkommen, daß die Kaste oder die Geburt höher geachtet wird als alles andere Verdienst. In der dritten Kaste leben die geringen Beamten, die Handwerker, Kaufleute, sind. So oft aber die untere Kaste in irgend einem Lande, Gebrauch machend von ihren bessern Einsichten, sich gegen die unmäßigen Vorzüge der obern Kasten auflehnt, setzen alle Fürsten und höhern Kasten der übrigen Reiche ihre besonderen Streitigkeiten beiseite und ver⸗ einigen sich zur Herstellung der vorigen Ord⸗ nung auf fremden Boden, oft auf sehr uneigen⸗ nützige Weise. Ein solcher Krieg wird bei den Barbaren immer als ein heiliger angesehen, weil sie glauben, daß die Könige und die Rangordnung der Kasten von den Göttern selbst eingesetzt worden seien. Unter allen öffentlichen Ausgaben ist die⸗ jenige zur Unterhaltung der Pracht an den Höfen die größte, und nächst dieser ist die Ausgabe für das Heer, selbst in Friedenszeiten, die den Für den Unterricht des Volks, für den Landbau und alles, was die Glück⸗ seligkeit der Menschen befördert, wird das wenigste gegeben. In den meisten Ländern von Thule, wo die gewerbtreibende Kaste 5 zahlreichsten Pflichten und die wenigsten Rechte hat, muß diese durch Abgaben fast allgemein den Aufwand und die Bebdüͤrfnisse des gemeinen Wesens befriedigen. Was die Religion dieser Barbaren betrifft, behaupten sie alle, von einer und derselben zu sein, und alle rühmen sich ein und desselben Urhebers ihrer Lehre. Allein die Arten ihres Gottesdienstes sind mannigfaltig verschieden, sowie die Meinungen über die Person ihres Religionsstifters. Deswegen feinden sich die Parteien mit großer Erbitterung an. Sie verfolgen und verachten sich. Im ganzen findet man bei allen Parteien vielen Aber⸗ glauben, den die Priester befördern. Vom höchsten Wesen haben sie unwürdige Vorstellungen, denn sie eignen ihm sogar menschliche Leiden⸗ schaften zu. Und wenn die Könige ihre Völker gegeneinander in den Krieg führen, wird auf beiden Seiten den Priestern geheißen, das höchste Wesen anzurufen, die Gegner zu ver⸗ derben. Nach erfochtenem Siege danken sie dem höchsten Wesen für das ihren Feinden gestiftete Verderben. f Ihre meisten Geschichtsbücher verdienen kaum gelesen zu werden; denn dieselben ent⸗ halten gewöhnlich keine Nachrichten von den Nationen, sondern nur von ihren Königen und deren Heiraten, Erbfolgen, Kriegen und Gewalttaten. Die Namen der nützlichen Er⸗ finder und Wohltäter werden kaum berührt, aber die Namen der verwüstenden Feldherren stehen überall voran, gleichsam als wenn sie Wohltäter des menschlichen Geschlecht wären. Auch sind die Geschichten dieser Völker wegen ihrer von den unsrigen abweichenden Sitten schwer zu verstehen. Denn bei ihnen ist weder zu allen Zeiten noch auch zu einer und derselben Zeit in allen Ständen einerlei Begriff von Ehre und Tugend zu finden. In den höhern Kasten kann Unzucht, Ehebruch, Verschwendung, Spielwut, Mißbrauch der Gewalt löblich ge⸗ nannt werden oder als anmutige Schwäch irten und Ackerleute, Thule sind nur sicher Neid der Stärkern. Wo aber die Stärkern solche Eifersucht unter SD fil I l 1000 10 —— Nr. 10. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. erscheinen, was in den untern Kasten als Laster oder Verbrechen mit Tod und Kerker bestraft wird. Wider Betrug und Diebstahl hat das Gesetz für die untern Kasten die här⸗ testen Bußen angeordnet; wenn aber ein Großer mit Klugheit das Land betrügt und sich auf Kosten seines Fürsten bereichert, wird er sehr häufig in Ehren erhöht oder mit Gnadengehalten entlassen. Gleichwie in Tugen⸗ den und Lastern ist es auch in der Ehre ge⸗ halten. Die Mitglieder der obern Kasten bedürfen keiner andern Ehre als ihrer Geburt, alle Vorzüge zu verdienen; die wenigsten in den untern Kasten können nur selten durch Tugenden dem Ansehen jener Günstlinge gleichkommen. Die Ehre aber, welche durch Zufall der Geburt entsteht, kann ebenso zufällig durch ein bloßes Schimpfwort vernichtet werden. Der, welcher mit einem Wort die Ehre verletzt hat, und der, welchem sie verletzt worden ist, begegnen sich nach vorgeschriebenen Ordnungen wie Rasende mit Waffen und suchen einander zu verwunden. Sobald nun ein Wunde oder der Tod beigebracht worden ist, gleichviel welchen von beiden, glauben sie aufrichtig, die Ehre sei wiederhergestellt. (Fortsetzung folgt.) Ein Blick in den„Zukunfstsstaat“. Dr. Robert Michels. Es war ein heißer Septembertag des Jahres 1902. Wir, meine Frau, ich und eine ganze Reihe italienischer Genossen hatten eine über zehnstündige Eisenbahnfahrt, welche zwar man⸗ cherlei Beschwerden mit sich brachte, aber doch wenigstens in unseren Geldbeutel immerhin kein allzu starkes Loch riß, da uns das Königliche Ministerium bereitwilligst zu dem guten Zweck, den wir verfolgten, eine bis zu 60 Prozent gehende Verbilligung der Fahrkartenpreise zuge⸗ standen hatte, hinter uns, als wir endlich des Abends gegen 7 Uhr in Imola eintrafen. Imola ist ein altes, aber deshalb nicht weniger schön gebautes Städtchen in der alten Provinz Romagna, etwa eine Stunde südlich von Bologna gelegen. Schon die Römer hatten die Stadt gekannt und ste mit Wall und Mauern umgeben. Später im Mittelalter erlebte Imola die Ge⸗ schichte aller dieser kleinen italienischen Städte mit. Kämpfe mit den größeren Nachbarstädten, die sich darum schlugen, wem es Tribut zahlen solle, innere Fehden der Patriziergeschlechter untereinander und der Bürgerschaft mit ihnen, alles das war Imola zu Teil geworden. Im 16. Jahrhundert war es dann mit der ganzen Romagna in die Hände der Päpste gekommen und zum Kirchenstaat geschlagen worden. Aber die Imoleser haben stch als Untertanen seiner Heiligkeit nie sehr wohl gefühlt. Wenigstens glaube ich, daß man das daraus schließen darf, daß sie immer einmal von Zeit zu Zeit gegen das geistliche Joch rebellierten. Als dann die Jahre der glorreichen italienischen Freiheits⸗ kämpfe kamen, da gehörten die Bewohner von Imola zu den wackersten Vorkämpfern gegen den Zwang der in- und ausländischen Tyrannen, bis die Stadt im Jahre 1860 endlich dem ge⸗ einten Italien einverleibt wurde. Von dieser seiner großen und bunten Vergangenheit hat Imola noch heutzutage eine ganze Reihe von Andenken behalten. Wie das alte Kastell, die sogenannte Rocca noch an die Spätsommertage erinnert, so gemahnt die Kathedrale, die alt⸗ ehrwürdige San Cassiano an die Zeiten des Mittelalters, der Palast des Municipio(Rat⸗ haus) an die unter päpstlicher aß fd ver⸗ brachte Spät⸗Renaissance und das städtische Theater, welches gegen den Willen Papst Pius IX. erbaut worden il, an die Tage der nationalen Befreiungskämpfe. Aber all diese Monumente aus alter und neuerer Zeit haben Imola— und das ist das Schöne dabei— nicht ver⸗ hindert, den Geist der modernen Ideen in sich aufzurf men. Oereits die alte Internationale hatle Imola festen Fuß gefaßt. Ein Sohn 11 5 der prächtige Andrea Costa, ein ehe⸗ me e Philologe, der sich schon in jungen Ja mit Begeisterung dem Sozialismus 10 betrat als erster Sozialist das Haus der italienischen Volksvertretung. Das war im Jahre 1882. Seit dieser Zeit ist die sozta⸗ listische Partei in Imola immens gewachsen und vor etwa anderthalb Jahren hat sie die größte Kraftprobe abgelegt, die in einem frei⸗ heitlich regierten Staat überhaupt abgelegt werden kann: Die Eroberung des Stadtrats. So kommt es, daß Imola zu den, wie ich glaube, fünfunddreißig italienischen Stadt⸗ gemeinden zählt, die einen Sozialisten als Bürgermeister zum Oberhaupt haben und in denen die Verwaltung der Krankenhäuser, ja selbst der„frommen“ Stiftungen in Händen von sozialistischen Kommunalräten liegt.— Als wir in Imola eintrafen, empfingen uns am Bahnhof viele Hunderte von Genossen und hießen uns mit freudigem Handschütteln und warmen Worten willkommen. Unter diesen Genossen befanden sich Arbeiter, Bauern, Hand⸗ werker, aber auch Rechtsanwälte, Universttäts⸗ professoren, Aerzte. Kurz, außer der Geistlichkeit und dem Militär waren alle Stände reichlich vertreten. Alle diese Männer verstehen sich untereinander und auch der nie vorher im Leben gesehene fremde Genosse wurde ohne Weiteres mit einem herzlichen„Du“ begrüßt, wie es unter Männern Brauch ist, denen das gemeinsame Ideal die Herzen erfüllt und die zwar wohl Berufsunterschiede, aber keine Standesunter⸗ schiede kennen. Das Kongreßkomitee lud uns nun, nachdem sich der erste Begrüßungsjubel allmählich gelegt hatte, in bereitstehende Wagen, deren Lenker uns vor dem Einsteigen als Ge⸗ nossen ebenfalls wie alten Bekannten die Hand drückten, und dann ging es in einer langen Reihe von Wagen in die Stadt hinein zu dem Lokal, in welchem die Verteilung der Wohnungen an die fremden Genossen stattfinden sollte. Unterwegs schon hatten wir Gelegenheit, Imola als Stadt und als sozialistische Hochburg zu bewundern. Imola ist eine im besten Sinne des Wortes gemütliche kleine Landstadt, seine Einwohner bieder und ob ihrer ausgedehnten Gastfreiheit weit und breit berühmt, zudem ein schöner Menschenschlag, von hohem Wuchs und mit weiten offenherzigen Augen, die Straßen reinlich und breit mit vielen geräumigen Säulenhallen, unter denen Cafes und Läden einander abwechseln. Heute aber trug alles doch ein ganz besonderes Gepräge. Die Stadt hatte zu dem bedorstehenden Feste einen recht großen Bruchteil ihrer 14000 Ein⸗ wohner auf die Beine gebracht. Frauen wie Männer hatten Festeskleider angelegt. Fast in jedem Haar sah man ein rotes Band, fast in jedem Knopfloch eine rote Schleife. Festesfreude lag auf den Gesichtern. An allen Straßenecken wurde ein Eyvviva il Socialismo!(Es lebe die Sozialdemokratie!) laut, das weithin egeistertes Echo fand. Von vielen Balkonen herab wehte eine lange, stolze, rote Fahne. Es war, wie als ob siegreiche Truppen ihren Einzug in eine vom Feinde lange hart belagerte Stadt halten wollten! Und doch waren wir nicht gerade zu einem Fest hierher gekommen, sondern um in ernstester angestreng⸗ tester Arbeit in viertägigem Kongreß tiefgehende Probleme zu besprechen und womöglich zu lösen. Aber ist nicht Arbeit, wenn sie freiwillig und zum Wohle des Ganzen geschieht, immer ein Fest?— Die Obrigkeit hatte sich zu diesem improvistierten Empfang— denn mit jedem Zuge kamen neue Genossen und wiederholten sich daher dieselben Vorgänge, wie ich sie eben beschrieb,— in zwei Lager geteilt. Die Re⸗ gierungsbehörden und die Polizei stellten dem Freudentrubel nichts in den Weg. Sie ver⸗ hielten sich neutral. Die städtischen Behörden aber hatten in den Straßen hunderte von Pla⸗ katen anschlagen lassen, in welchen der Sindaco (Bürgermeister) der Stadt, Genosse Fella, in herzlichen Worten der Genugtuung Ausdruck gab, daß gerade seiner Stadt die Ehre zu Teil geworden wäre, so viele liebe Freunde beherbergen zu sollen:„In der lebhaften Freude über dlese seltene Festlichkeit“ hieß es in dem Aufruf,„eine Festlichkeit, welche unserer Stadt die dreißig⸗ jährige Spanne heftiger Kämpfe um eine fried⸗ liche aber fortschreitende Entwicklung aller bürgerlichen und politischen Freiheiten in's Ge⸗ dächtnis zurückruft, bin ich stolz darauf, als Sozi⸗ alist sowohl wie als Bürger, daß ich meine lieben Gäste mit herzlicher Sympatie und Gastfreund⸗ schaft begrüßen kann.“— Im Wohnungsbüreau, einem großen, im Erdgeschoß eines eleganten Hauses gelegenem Saal, war furchtbares Gedränge. Da die Sonne am Tage heiß geschienen hatte und auch die Abenddämmerung noch keine völlige Kühlung brachte, waren die Imoleser Genossen, welche die schwierige Arbeit der Verteilung der Ein⸗ quartterung auf sich genommen hatten, nicht im Frack, sondern in Hemdsärmeln. Auf diese Weise befand man sich auch hier leichsam wie im Kreise. jahrelanger alter Freunde! Meine Frau und ich wurden dem Genossen Domenico Galantt als Quartiergäste überwiesen. Galanti ist ein liebenswürdiger junger Mann, treuherzig, gutmütig, ein echter Landwirt. Er ist recht wohlhabend und ein überzeugter Genosse. Er ist der Meinung, daß auch der notleidenden Landwirtschaft durch den Sozialismus endgil⸗ tig geholfen werden kann. Er und seine Frau Fiorina empfingen uns mit jener von Herzen kommenden und zu Herzen gehenden Freundlichkeit, wie ste nur unter Ge⸗ sinnungsgenossen möglich ist und wiesen uns ihr eigenes schönes und großes Schlafzimmer zum Wohnen an, natürlich„als Freunde“, d. h. umsonst.„Wir sind doch beide Sozialisten!“ sagte er. Das Haus Galantis lag vor den Toren der Stadt. Von dem Balkon des Schlafzimmers aus sah man in die weite fruchtbare Ebene der Romagna hinein. Die Sonne ging unter am dunkelblauen Himmel und Knaben, die über die kreideweiß schimmernde Chaussee, welche zur Stadt führt, gen Imola zogen, sangen mit hellen Stimmen ein Lied von der Zukunft. Da kam uns plötzlich ein Zweifel:„Zukunft“? Ja, leben wir denn nicht schon jetzt in der Zukunft? Ist Imola nicht jetzt schon eine „Zukunftsstadt?“ — Humoristisches. Der kleine Sozialpolitiker. Mutter: Aber Fritz, wenn du so auf dem Boden herumrutschst, wird die neue Hose gleich wieder entzwei sein. Fritz: Das soll sie auch! Papa hat ja gesagt, die Textilindustrie brauche mehr Beschäftigung! Unschuldig. Baron: Jean, gestern habe ich meine Zigarren gezählt, und heute fehlen 5 Stückl Diener: Die kann ich nicht genommen haben. Der Herr Baron sagen ja immer, ich könnte„kaum bis drei zählen“.(W. Jak.) Ein Grobian. Junger Ehemann: Meinst Du nicht auch, liebe Frau, daß die Gardinen durch mein starkes Rauchen leiden?— Frau: Du bist doch der beste, sorgsamste Mann von der Welt, natürlich leiden sie darunter.— Mann: Dann nimm sie ab! Dekorierte Kriegsschiffe. Nachdem Sr. Maj. Schiff„Iltis“ kürzlich einen leibhaftigen Orden gekriegt hat, sind dem„Panther“ wegen seiner vor San Carlo bewies nen Bravour die Gefreitenknöpfe verliehen worden. Dieselben sind back- und steuerbord zu tragen und von jedem vorüberfahrenden Kriegsschiff mit einem halben Kanonenschuß zu salutieren. Süd. Post. Ein böser Satz befindet sich in einer kürzlich ergangenen Entscheidung eines norddeutschen Oberlandes— gericht. Das Gericht hatte über eine Beschwerde wegen eines gepfändeten Schweines zu entscheiden. In dem Erkenntunisse heißt es:„Das Beschwerdegericht hat die Indentität(Gleichheit) des gepfändeten Schweines mit dem Richter erster Justanz als erwiesen angenommen.“ —* r ů A———— ů ů ů ů ůj—— Geschichtskalender. 3. März. 1875: Staatsanwalt Tessendorf löst die soz. Partei auf. 9. 1897: Reichsratswahlen in Wien, 88 000 soz. Stimmen. 10. 1872: Mazzini, soz. Revolutionär 7 1793: Einsetzung des franz. Rev lutionstribunals. 11. 1901: Eisenindustrieller St um m r. 12. 1898: Genosse Krewinkel, Aachen. 1895: Lesung der Umsturzvorlage. 13. 1881: Bombenattentat auf den russisch. Zar Alexander II. 14. Utramontaner Krewinkels in Aachen. Pöbel stört das Begräbnis 1883: Karl Marx 7 (Schluß folgt.) — —. * 1 — Seite 8. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. 8 Nr. 10. Zur Am Samstag, den 14. März findet die Beisitzerwahl für das Von Seiten des Gewerkschaftskartells werden folgende Beisitzerlisten in Vorschlag gebracht: Arbeitgeber: Krumm, Eduard, Kaufmann . Müller, Ludwig, Bäckermeister Gärtner, Robert, Schneidermeister „ Bierau, Baltaser, Glasermeister . Stock, August, Weiß bindermeister Noll, Heinrich, Buchbinder . Lüter, Louis, Schuhmachermeister . Heiner, Georg Adam, Schreinermeister . Faber, C. A., Spenglermeister 10. Trinkaus, Gustav, Metzgermeister 11. Köhlinger, Ludwig, Schlossermeister 12. Wellhöfer, Julius, Küfermeister. Wähler! Arbeiter! Ein jeder von Euch weiß die Bedeutung e D D f DDE Als Beisitzer müssen Männer gewählt werden, von denen wir die Gewißheit haben, daß sie ihrem die erforderlich Als solche empfehlen wir die oben Amte mit der Unparteilichkeit und Gewissenhaftigkeit, nötige Verständnis in gewerblichen und sozialen Fragen besitzen. vorgeschlagenen Männer. Geht alle zur Wahl und stimmt für die Die Wahl findet im Bürgermeistereigebände von Mittags Gewerbegerichtswahl! 1. Baum, Heinrich, Glaser 2. Bock, August, Drechsler 3. Diehl, Johannes, Schneider 4. Dech, Karl, Zigarrenmacher . Hensel, Adolf, Schriftsetzer Holtberg, Gustav, Brauer . Krüger, Gustav, Metalldreher Laucht, Wilhelm, Maurer . Müännche, Heinrich, Schreiner 10. Schäfer, Johanns, Lackierer 11. Jakobi, Gabriel, Brauer 12. Wiegand, Heinrich, Schuhmacher. Fertige ederbetten mit 8 Pfund Federn gefüllt, Stück zu 10.50, 12.—14.— 18.— Mark und besser. Kissen Gewerbegericht Gießen statt. Arbeitnehmer: mit 2¼ Pfund gefüllt, unter Garantie für vollständig reine und neue Füllung, empfehlen Gebr. Weil Neustadt 10. dieser Wahl zu würdigen! ist, vorstehen und auch das Liste des Gewerkschaftskartells! 12 bis Abends 8 Uhr statt. Das Gewerkschaftskartell. Prima Kornbrod bei Bäckermeister L. Müller Bahnhofstraße 58. D. Kaminka Uhrmacher Glessen, Marktplatz 18. 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