umm 40. Nr. 6. Gießen, den 8. Februar 1903. 10 Jahra. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. L Mitteldeutf che zeit Nedaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Erpedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33/0 und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt,. Aus träger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestelluug en 2 Jnserate a Die ögespalt. Bei mindestens Sozialismus und Laudwirtschaft. Unter diesem Titel hat Genosse Dr. David⸗ Mainz ein dickes, mehr als 700 Seiten um⸗ fassendes Buch herausgegeben. Darin erörtert er eingehend das Wesen und die Eigentüm⸗ lichkeiten der landwirtschaftlichen Produktion und begründet seinen Standpunkt in der Agrar⸗ frage, der bekanntlich von den in unserer Partet herrschenden Anschauungen verschiedentlich ab— weicht. Wir haben in diesem Buche zweifellos ein bedeutendes Werk vor uns, das die volle Beachtung auch derjenigen finden wird, die in der Agrarfrage gegenteiliger Ansicht sind. Die Hauptgrundzüge seiner Agrarpolitik hat Gen. David auch in mehreren Vorträgen, die er neulich in Frankfurt, Stuttgart und anderen Orten gehalten hat, kurz zusammengefaßt dar⸗ gelegt und es wird unsere Leser interessieren, sie kennen zu lernen. Folgendes sind seine Ausführungen in der Stuttgarter Versammlung nach dem Berichte unseres dortigen Partei blattes. Der Zolltarif, der unter dem Vorwand, die Landwirtschaft vom Untergang zu retten, eingebracht wurde, bedeutet nicht anderes als ein Gesetz, das bestimmt ist zur Erhaltung der Junkerkaste und des Grundadels, also ein Schutzgesetz im Interesse des landwirtschaftlichen Großbetriebes, der sich, wie uns gesagt wird, in Notlage befindet. Die Frage: Sind die Landwirte wirklich notleidend? könne mit Ja und Nein beantwortet werden. Im eigent⸗ lichen Sinne notleidend, daß die Junker und Großgrundbesitzer Hunger leiden müßten ꝛc., seien sie gewiß nicht, denn diese Not des Hungerns und Frierens, die Hunderttausende von Menschen am eigenen Leibe sparen müssen, kennen diese Leute gar nicht.(Auch die Klein⸗ bauern kennen solche Notlage nicht. Red.) Diese Junkerkaste hat es einfach nicht verstanden, sich als Produzenten im weltwirtschaftlichen Konkurrenzkampf oben zu halten, trotzdem ihr die Regierung seit dem Jahre 1880 fortgesetzt geholfen hat auf Kosten der übrigen Bevölkerung, zum Beispiel durch die Zucker liebesgaben im Betrag von jährlich 82 Millionen Mk., Spiritus⸗ gaben von 44 Millionen Mk., durch den Korn⸗ zoll(3,50 Mk. pro Doppelzentner) im Betrage von jährlich ca. 158 Millionen Mk. Von 1882 1895 sind auf diese Weise 2800 Mil⸗ lionen in die Taschen der Junker und Groß⸗ grundbesitzer geflossen. Aber Alles hilft nichts Z sie brengen es trotz alledem nicht fertig, sich auf der Höhe der Produktion zu halten. Zu alledem kommt noch das Privilegium der Fideikommisse, durch das ste selbst vor dem direkten Bankrott bewahrt werden. Und nun die Tatsache, daß sich die Fläche des Groß⸗ grundbesitzers in den Jahren 1382 bis 1892 um 1,33 Prozent verminderte. Auf künstliche Art wurde Alles getan, daß diese Junkerkaste nicht zu Grunde gehen sollte. Die besten Stellen in der Verwaltung des Staates, im Heer, sind in den Händen der Junker; in Preußen regiert die Junkerklasse und von da aus wird das Reich regiert. Nun aber die Frage: Verdient eine Kaste, die nicht aus eigener Kraft sich zu erhalten vermag, unsere ilfe? Ich fa nein! Der richtige bi geht nicht zu Grunde. Ein Besitz von 2 bis 20 ha ist groß genug, einer Familie Unterhalt zu gewähren, aber nicht groß genug, um dauernd fremde Arbeitskräfte beschäftigen zu können. Daher nenne ich die Bauern dieser Betriebsgrößen Selbstwirtschafter. Wenn wir nun diese Bauernverhältnisse betrachten, so finden wir statistisck festgestellt eine Zunahme bebauter Bodenfläche von 1,26 Proz. in demselben Zeitraum, in dem der Großgrundbesitz ebensoviel an bebauter Boden⸗ fläche abgenommen hat— und zwar ist diese nnahme eingetreten ohne Staatshülfe und ohne Liebesgaben— also aus eigener Kraft. Dieser Selbstwirtschafter war also im Stande, trotz der schwierigen Periode in den 80er Jahren, nicht nur seine Existenz zu behaus teu, sondern noch vorwärts zu kommen. Wir haben also gar keine Veranlassung, dem Grundbesitz Liebes⸗ gaben zu bewilligen. Diese Erfahrung lehrt also, daß in der Landwirtschaft nicht die gleichen Konkurrenz- verhältnisse vorhanden sind wie in der Industrie, daß die Ueberlegenheit des Großbetriebs in der Landwirtschaft gegenüber dem Kleinbetrieb nicht vorhanden ist. Der Werdeprozeß auf dem industriellen Gebiet ist folgender: Der Groß— betrieb, dem bezüglich Kauf und Verkauf alle Vorteile zu Gebote stehen und der hinsicht⸗ lich der Produktion in der Lage ist, sich alle Arten von Maschinen anschaffen zu können, um nicht nur rasch, sondern auch billig zu produzieren, vermag den Kleinbetrieb einfach konkurrenzunfähig zu machen. Wie kommt es uun, daß auf dem landwirtschaftlichen Gebiet der Großgrundbesitz nicht auch gesiegt hat und der Kleinbetrieb in der Landwirtschaft im Gegen⸗ satz zum Gewerbebetrieb nicht nur allein existenz⸗ fähig, sondern sogar noch ausdehnungsfähig ist? Man sagt im Allgemeinen: weil der Kleinbauer besser das Hungerleiden versteht, übermenschlich erbeitet ohne Ruh und ohne Rast und weil er Zähigkeit und Ausdauer besitzt. Trotzdem aber, daß diese Eigenschaften sehr wesentlich zu dem obigen Resultat beitragen, genügt das als Er⸗ klärung der Existenzfähigkeit gegenüber dem landwirtschaftlichen Großbetrieb nicht, denn auch im Großbetrieb werden alle diese Eigenschaften ausgeübt, wenn auch nicht von den Besitzern selbst, sondern von deren Arbeitern. Der ost⸗ elbische Landarbeiter lebt noch schlechter als unsere Kleinbauern. Die Ursache liegt ganz wo anders. Die landwirtschaftliche Entwicklung vollzieht sich unter wesentlich andern Bedin⸗ gungen als die der Industrie. Während im ersten Falle es sich um Hervorbringung orga⸗ nischer Wesen handelt, deren Werdeprozeß von den Bedingungen der Natur abhängt, sind im industriellen Werdeprozeß rein mechanische Mittel maßgebend, mittels deren der Große dem Kleinen in jeder Beziehung überlegen ist. Ihm erwachsen auch bedeutende kommerzielle Vorteile, die seine roduktion günstig beeinflussen, während der leinbetrieb viel teurer produziert. 5 In der Landwirtschaft ist das anders. Je mehr der landwirtschaftliche Großgrundbesitz sich ausdehnt, desto größer werden seine Produktions- kosten.(Dieser Satz trifft sicher nicht überall zu. Red.) Ein Kleinbauer baut billiger, er ist selbst bei der Sache, er verwendet seine ganze Aufmerksamkeit auf seine Produktion, was von ausschlaggebender Bedeutung ist. Im landwirtschaftlichen Großbetrieb arbeitet der Besitzer nicht selbst und seine Arbeiter haben nicht dasselbe Interesse wie der Selbstwirt⸗ schafter. Eine Arbeitsteilung, die im besonderen Maße der Großindustrie ihre Ueberlegenheit gegenüber dem Kleinbetrieb verschafft, giebt es in der Landwirtschaft nicht, weil der Produk⸗ tionsprozeß an die Naturbedingungen gekettet ist. Die industrielle Arbeitsteilung ermöglicht eine viel raschere und billigere Produktion— die landwirtschaftliche Arbeit ist aber nicht Teilarbeit, sondern Saisonarbeit. Die Ein⸗ führung der Dampfmaschine, die die Groß⸗ industrie in kurzer Zeit auf eine kaum geahnte Höhe und dem Kleingewerbe empfindlichen Schaden brachte, hat die großen Hoffnungen in der Landwirtschaft auch nicht annähernd erfüllt. Die tierische Kraft, die auch den Klein⸗ bauern zur Verfügung steht, hat sich bis heute als die zuverlässigste erwiesen. Die Werkzeug⸗ maschinen aller Art, die der Großindustrielle sich anzuschaffen in der Lage ist, gehen dem Kleingewerbe den Todesstoß, auf landwiktschaft⸗ lichem Gebiet aber sind sie bet weitem nicht genügend, die Konkurrenzfähigkeit des Klein⸗ bauern zu vermindern, da er die Hülfsmaschinen gerade so ausnutzen kann wie der Großbetrieb. Die Unständigleit des Kraftbedarfs in der Landwirtschaft läßt in vielen Fällen die Maschine oft unrentabel erscheinen, sie ermöglicht wohl eine raschere Arbeit, aber mehr produzieren kaun dieselbe nicht. Die wichtigste Maschine im landwirtschaft⸗ lichen Betrieb ist zweifellos die Dreschmaschine; nun giebt es aber Unternehmer, die mit Dampf⸗ dreschgarnituren von Ort zu Ort fahren, den Vorrat dieser Kleinbauern gegen Lohn dreschen und wieder weiterziehen. Das ermöglicht also auch dem Kleinbauern die Ausnützung dieser Maschine, und somit sind die Konkurrenzunter⸗ schiede zwischen Groß⸗ und Kleinbetrieb in der Landwirtschaft bei weitem nicht von der Be⸗ deutung, wie zwischen Groß- und Kleinbetrieb in der Industrie. Somit bleiben die Zugtiere für den Bauern die leistungsfähigsten Motoren, und da kann der Großbetrieb dem landwirt⸗ schaftlichen Kleinbetrieb ebenfalls nicht schaden. Die Maschine hat also im ganzen auf land⸗ wirtschaftlichem Gebiet nicht so revolutionierend gewirkt wie auf dem der Industrie. Der springende Punkt ist, daß die maschinelle Pro⸗ duktion in der Landwirtschaft kein Mehr an Produktion bedeutet, was in der Industrie umgekehrt der Fall ist.——— Was ein landwirtschaftlich geschultes Land zu leisten vermag, das zeigt Dänemark. Dieses verhältnismäßig kleine Agrarland ohne Agrar⸗ zölle hat in Folge seiner vorzüglich organisierten Produktion in einem Jahre nicht weniger als für 250 Millionen Mark land wirtschaftlicher Produkte aller Art exportiert. Man pflanzt dort Mais, Gerste, Hafer ꝛc., aber nicht für den Export, sondern verbraucht die Produkte für seine hochentwickelte Viehhaltung. Das groß⸗ landwirtschaftliche England ist sein Haupt⸗ abnehmer und auf dem Londoner Markt wer dez Dänemarks Produkte mit den höchsten Pre ist bezahlt. Das hat dieses Land fertig 9 Tage ohne Staatshülfe. Jeder produziert seter nach aber die Verarbeitung der Rohprodysich unserer genossenschaftlich. ernunftger 17 1 Seite 2. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. keinem Lande die Landwirtschaft betrieben. Was in Dänemark möglich ist, muß auch in Dentschland möglich sein.——— Es liegt im absoluten Interesse der Klein⸗ bauern, daß die Einkommensverhältnisse der Arbeiter verbessert werden. Arbeiterpolitik ist auch Bauernpolitik und ger Beide haben ein gleiches Interesse an der Bekämpfung des Kapitalismus. Hat der Bauer eingesehen, daß ihm die Zölle keinen Vorteil bringen, wird er in Massen zu uns strömen. Jeder Sozial⸗ demokrat muß für Aufklärung unter den Bauern sorgen! Dann wird endlich jeder ehrliche und fleißige Arbeiter und Bauer den Segen seiner Arbeit genietzen können. Politische Rundschau. Gießen, den 6. Februar. Für die Reichstagswahlen ist, wie halbamtlich mitgeteilt wird, ein be⸗ stimmter Tag noch nicht festgesetzt. Sicher sei aber, daß die Wahlen nicht im Herbst statt⸗ finden. Danach kann man sich auf einen Tag Ende Mai oder Anfangs Juni einrichten. Es ist also nur noch reichlich ein Vierteljahr bis zum Wahltermin; unsere Freunde dürfen des⸗ halb, wie wir schon in der vorigen Nummer ausführten, keine Zeit verlieren, sondern müssen tun, was nur in ihren Kräften steht, die Ange⸗ hörigen der besitzlosen Klasse über ihre Interessen und die verderbliche Politik der herrschenden Kreise aufzuklären, damit nicht wieder die Volks⸗ ausbeuter die Mehrheit erhalten! Nene Opfer für den Militarismus. Für Verbesserung der Mord waffen und zwar der Kanonen soll das deutsche Volk wieder zirka zehn Millionen Mark berappen. Wie nämlich aus Essen berichtet wurde, soll das Feldgeschütz der Konstruktion von 1896, das Krupp lieferte, in ein Rohrrücklauf-Geschütz umgeändert werden. Die Umänderung soll bald erfolgen und bei Krupp ausgeführt werden. Immer wieder Millionen⸗Aufwendungen für Mordwerkzeuge! Wenn es sich aber darum handelt, das Elend zu lindern, unter dem viele Tausende Deutscher seufzen, da ist kein Geld vorhanden.— Aus Baden kommt ferner die Nachricht, daß zwischen der Seckach-Walldürner und der Osterburken⸗Würzburger Eisenbahnlinie ein Uebungsplatz für das 14. Armeekorps an⸗ gelegt werden soll, dem eine ganze Gemeinde, der Marktflecken Altheim zum Opfer fallen wird und zu dem des Weiteren eine Anzahl angrenzender Gemarkungen Gelände abzutreten hätten. Es werden im Ganzen zirka 2200 Hektar Gelände gebraucht, und die Kosten für Gelände und Gebäude würden 6 bis 7 Millionen betragen. Das sind die Segnungen unseres Zeitalters der„Kultur“! Auf der einen Seite will man die deutsche Landwirtschaft heben, auf der anderen eutzieht man weite Landstriche dem landwirtschaftlichen Anbau und verurteilt sie dem unersättlichen Moloch zu Liebe zu völliger Unfruchtbarkeit. Vom„gleichen“ Wahlrecht. Im Reichstage ist ein Antrag anf Neuein⸗ teilung der Wahlkreise eingebracht worden. Wenn es dem Grafen Bülow mit der Reform des Wahlrechts Ernst ist, dann muß er der Durchführung des Wahlgeheimnisses die der Wahlgleichheit zufügen. Steht doch klar und deutlich im§ 8, Abs. 2 des Wahlgesetzes geschrieben:„Eine Vermehrung der Zahl der Abgeordneten infolge der steigenden Bevölkerung wird durch das Gesetz bestimmt.“ Und 8 6, Abs. 4 desselben Wahlgesetzes besagt:„Ein Bundesgesetz wird die Abgrenzung der Wahl⸗ kreise bestimmen.“ Wie sieht es aber mit dieser Abgrenzung der Wahlkreise aus? Es giebt Wahlkreise mit 15000 Wählern, die mit diesen opiel Einfluß haben, wie Wahlkreise mit der achen Wählerzahl. In Berlin stellt sich e wie folgt: reis Bevölkerungszahl Wählerzahl 90 576 18 837 328 644 76727 Serlag ber Mette Wahlkreis Bevölkerungszahl 308585 3 3085 123 607 4. 400 422 96924 5. 137428 31435 6. 586 926 142 226 15000 Wähler in dem einen Wahlkreise (3. B. in Konttz) haben mithin einen Abgeord⸗ neten zu wählen, wie der um das Zehnfache rößere Berlin 6. Diese politische Entrechtung Handerd are von Wählern muß aufhören. Und zwar erwarten wir, daß diese Durchführung der Wahlgleichheit noch bis zu den bevorstehenden Neuwahlen W eee wird. Dann ist aber keine Zeit zu verlieren. Sozialdemokratische Wahlerfolge. Im 3. schleswig⸗holstein'schen Wahlkreise Schleswi der e e tag eine Ersatzwahl für den verstorbenen Abg. Jakobsen stattzufinden. gezählt für Spethmann Hoffe Volkspartei) 5124; für unsern Genossen Hoffmann 4480; für den Nationalliberalen 2952; für den Bauern⸗ bündler Reventlov 3231 und für einen par⸗ teilosen Professor, der sich die totale Vernichtung der Sozialdemokratie zur Aufgabe gemacht hat — 219 Stimmen. ei der Hauptwahl vom Jahre 1898, wo es zur Stichwahl zwischen Sede und Freisinn kam, fielen auf den Sozialdemokraten 4116, die Reichspartei 6357, die Freis. Volkspartei 5895; in der Stichwahl wischen dem Reichsparteiler und der Freis. olkspartei erhielt ersterer 6280, letzterer 10029 Stimmen. Diesmal hat Stichwahl zwischen Freisinn und Sozialdemokratte stattzufinden. Unsere Partei verzeichnet eine Zunahme von 360 Stimmen; die anderen Parteien ver⸗ zeichnen Rückgang. In Braunschweig siegten bei der Stadt⸗ verordnetenwahl unsere beiden Genossen Harz⸗ 1127 und Wasemeher in der Stichwahl mit 1727 Stimmen gegen 1602 der gesamten Gegner. Unsere Genossen sind jetzt 10 Mann stark im dortigen Rathause vertreten. Elnen uner wünschten Erfolg erreichten unsere Gegner in der Gemeinde Dölau in Reuß a. L. mit einer Wahlanfechtung. Dort wurden kürzlich vier Genossen in den Gemeinderat gewählt. Das wurmte die Gegner mächtig und Es wurden dabei sie ließen sich zu einem p verleiten, der auch den Erfolg hatte, daß der ganze Wahl⸗ akt für ungiltig erklärt wurde. Bei der jetzt vorgenommenen Neuwahl wurden aber statt 4 Sozialdemokraten deren 5 gewählt. Staatsminister Delbrück, der erste Chef des Bundeskanzleramts ist im hohen Alter von 87 Jahren gestorben. Er hat auf die Gestaltung der Handelsbeziehungen des Reiches so lange entscheidenden Einfluß ausgeübt, bis Bismarck die Aera der Hoch— schutzzöllneret heraufführte. Deutsche Kultur. Wegen Majestätsbeleidigung be⸗ gongen in einer Privatunterhaltung in Rangers⸗ orf in Schlesien, wurde der Händler Franz Bartsch aus Friedrichswald in Böhmen von der Strafkammer zu Glatz zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Die Verhandlung fand unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt. Bartsch war bisher unbescholten. Wegen des gleichen„Verbrechens“ erhielt ein Schuhmacher in Solingen drei Monate Gefängnis und in Danzig ein Redakteur zwei Monate Monate. Auch in dem Solinger Falle war die Aeußerung im vertraulichen Gespräch ge⸗ fallen. So wird das gemeinste Denunzianten⸗ tum gezüchtet.— Unsern Genossen raten wir größte Vorsicht auch im vertrautesten Ge⸗ spräche an! f Die Dreyfuß⸗ Affaire dürfte in nächster Zeit die Oeffentlichkeit wieder beschäftigen. Unser Genosse Jaurès äußerte sich in zwei Versammlungen in sehr bestimmter Weise dahin, daß neue Ade ene angestellt und neue Verbrechen entdeckt wurden, welche zur Reviston des kriegsgerichtlichen Urteils von Rennes führen müßten. An der zuständigen Stelle wurden die Aeußerungen Jaures als richtig bezeichnet. a Beutscher Reichstag. Die Präsideuten⸗Koms die. Als der Reichstag am Donnerstag(29. Jan.) nach kurzer Pause wieder zusammentrat, hatte er zunächst die Wahl eines ersten Präsidenten vorzunehmen. Die Zollwuchermehrheit war sich schon vorher darüber einig geworden, den Grafen Ballestrem, der die Sache der Agrarier bei den Zollkämpfen ja so gut geführt hat, wiederzuwählen, was denn auch, wie in letzter Nummer schon mitgeteilt, mit 195 Stimmen geschah. 89 Abge⸗ ordnete protestierten durch Abgabe weißer Zettel gegen die Wiederwahl des Zentrumsgrafen, dem Hauptschuldigen an der Erdrosselung der Redefreiheit im Reichstage. Unter den Protestierenden befand sich diesmal auch die Freisinnige Volkspartei; ihr Führer, der große Eugen, war in einer Anwandlung von Schamgefühl dem Akte ferngeblieben.— Zur Verhandlung stand an diesem Tage das Gesetz betr. Verbot der Phosphor- zündwaren⸗Fabrikation. Graf Posadowsky begründete das Gesetz nicht unwirksam. Der frelsinnige Redner Wiemer äußerte lebhafte Fabrikanten⸗Entschädi⸗ gungsschmerzen. Von Seiten unserer Fraktion sprach mit großer Sachkunde Genosse Wurm, dessen Ausführungen Genosse Reiß haus in wertvoller Weise ergänzte. Die Vorlage wurde schließlich mit Einstimmigkeit an eine 21 gliedrige Kommission verwiesen. Dann kam aus der Kommission das Kis derschutzgesetz an die Reihe. Es entspricht ganz der deutsch⸗preußischen Sozialpolitik, daß die Bestimmungen dieses Gesetzes sich auf die gewerblichen Betriebe beschränken, während an die himmelschreienden Zustände in der ländlichen Kinder⸗ arbeit beileibe nicht gerührt werden soll. Denn das leiden die Agrarier nicht, als deren Wortführer der behaglich⸗breite Herr Gamp auftrat, der das idyllische Lied vom stillen Glück des Hirtenjungen und des Hirten⸗ mädchens, das er bei der ersten Lesung angestimmt, in Ausführlichkeit weiter ausspann. Genosse Wurm führte ihn glänzend ab und bewles an der Hand umfangreichen Materials die Notwendigkeit, unsern Anträgen Folge zu geben, welche Ausdehnung der Bestimmungen auf die ländliche Kinderarbeit und Beseitigung des Unterschieds zwischen fremden und eigenen Kindern fordern. Aber die atzrarische Mehrheit wird dieser sittlichen Notwendig⸗ keit um so weniger gehorchen, als doch selbst die frei⸗ sinnigen Redner bei aller prinzipteller Anerkennung der Berechtigung unserer Anträge sich hinter der voraussichtlich nicht erfolgenden Zustimmung des Bundesrats verschanzten. Am Freitag beschäftigte sich der Reichstag wieder einmal mit der Verfolgungspolitik, die seit Caprivis Sturz in den ehemals zum polnischen Reiche gehörenden Provinzen betrieben wird und die ein würdiges Gegenstück zu der Verfolgung der Sozialdemokratie bildet. Eine Polen⸗Juterpellation stand auf der Tagesordnung, die der Abg. v. Dzie m⸗ bowski⸗Pomian begründete, der dabei eine Reihe für einen Kultur- und Verfassungsstaat wenig erbaulicher Tatsachen zur Sprache bracht. Graf Posadowsky verkroch sich hinter den mit Recht so beliebten Kompe⸗ tenzeinwand, erklärte, die Sache gehöre vor den preußti⸗ schen Landtag, murmelte etwas von bedauerlichen Miß⸗ griffen, die überall vorkämen— und damit basta! Noch bequemer machte es sich der Kriegsminister; nach ihm ist es ein Zeichen von mehr als großer„Milde“, daß „nur“ 14 von den im lächerlichen Thorner Schüler⸗ Hochverrats-Prozeß verurteilten Jünglingen der Berech⸗ tigungsschein zum einjährigen Militärdienst entzogen ist. Von Seiten der Freisinnigen sprach zu dieser Sache der Abg. Lenzmann. Seine Rede war eine der besten Leistungen, die die sterbende„Volks“partei in den letzten Zeiten hervorgebracht hat; ste warf scharfe Schlaglichter auf den Fall Löhning und beleuchtete drastisch dunklen Untergründe preußischer Bureaukratie. 2 Kriegsminister Goßler stammelte etwas, das nach ein 5 Erwiderung aussah; Graf Posadowsky, eingede daß Vorsicht der beste Teil der Tapferkeit, erhob wieder den Kompetenzkonflikt.— Unsern Genossen Ledebour wurde durch Schluß der Debatte das Wort abgeschnitten. Samstag wurde die zweite Lesung des Kinderschutzgesetzes vorgenommen. Mit Ausnahme zweier kleiner Verbesses⸗ rungen, die in dem einen Falle der Volksparteiler Zwick, im andern der Zentrumsmann Trimborn beantragte und die ziemlich einstimmig angenommen wurden, siegte die Kommissions⸗ oder, was dasselbe ist, die Zentrums⸗ fassung auf der ganzen Linie. Alle Verbesse ungen, die unsere Fraktion beantragte und die von den Genossen Wurm und Reißhaus eingehend begründet wurden, wanderten in den parlamentarischen Papierkorb. Vom„Glück“ der Hütekinder sang auch der Frei⸗ sinnige Volksparteiler Bräsicke dem staunenden Hause ein Lied vor. Der Mann ist nämlich Gutsbesitzer und steht von diesem Standpunkte die Frage an. Sein r es w elh sinnige sschädi⸗ ach mit ungen Die n eine us det dischen ic sich ud an inder n daß — r der liche hirten⸗ nt, in führte reichen lge zu uf die schichs Aber pendig⸗ e ftei⸗ ng det ichtlic anzten. wider wribiß renden eustüd zien⸗ Rahe licher H dompe⸗ prußl⸗ Miß⸗ Noch ihm g daß all Nr. 6. Mittel deuische Sonutzags⸗Holtung. Seite 3. Ausführungen brachten ihm den Beifall der Junkerparlei ein; seine Parteigenossen lehnten aber die agrarisch⸗ rückschrittlichen Ansichten dieses Herrn ab; Dr. Zwick erklärte ausdrücklich, daß sein Fraktionsgenosse nur im eigenen Namen gesprochen habe. Um so freudiger berührt war Gamp, der zur Feier des frohen Ereignisses eine erneute Schimpfsalve auf den Lehrer Agahd, der eine Schrift über die Kinderausbeutung auf dem Lande ver⸗ öffentlicht hat, abfeuerte. Ueber die Unschuld der Hüte⸗ mädchen sprach gar erbaulich Adolf Stöcker, Hof⸗ prediger a. D. Dienstag, den 3. Februar, begann die zweite Lesung des Etats. Und zwar wurde zunächst der Gtat des Neichstags verhandelt. Hierbei kam die Vernichtung der Geschästs⸗ ordnung wieder zur Sprache. Dr. Pachnicke und Genosse Singer brachten noch einmal die zahlreichen Gewalttaten, Rechtsbrüche, Wortverdrehungen zur Sprache, die die zollwütige Mehrheit in jenen Wochen sich hat zu schulden kommen lassen; mit bitterer, aber berechtigter Ironie schlug Singer vor, die Geschäftgordnung, wie sie aus jener Aera der Mißhandlungen hervorgegangen, der Mehrheit zum ewigen Schanddenkmal drucken zu lassen. Mit gewohnter Jesuiterei drehte Dr. Bachem die Sache um und behauptete— die Mehrheit sei vergewaltigt worden. Im Laufe dieser Beratung kam wieder die Forderung von Diäten für Reichstags mitglieder zur Sprache. Dagegen gedenken Reichskanzler und Bundes⸗ rat auch in Zukunft noch ihr Ohr zu verstopfen; die deutschen Fürsten, führte Bülow aus, wollen nicht in elne„einschneidende“ Verfassungsänderung willigen. Der Sohn Bismarcks, Herbert, stimmte der Diäten verweige⸗ rung der Regierung zu, wofür er von Vollmar und Richter ganz gehörig abgeführt wurde. Unser Genosse deckte den wahren Grund der Diätenfeindschaft der Junker und Junkergenossen auf: die Hoffnung, bei günstiger Gelegenheit einmal für die Diäten die heiß ersehnte Wahlrechts verschlechterung einzuhandeln.— Dr. Barth verlangte schließlich eine Neueinteilung der Wah kreise. Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung. + Ausgesperrt wurden 500 Arbeiter auf der Werft des Bremer„Vulkan“ in Vegesack und zwar weil eine Anzahl von ihnen an dem Begräbnis eines Kollegen teil⸗ genommen hatte, ohne daß sie dazu den nötigen Urlaub erhalten hatten. Nur diejenigen Ar⸗ beiter, welche Erlaubnis erhalten hatten, sollten weiterarbeiten; diese erklärten sich indes mit den Ausgesperrten solidarisch. te Arbeiter sollen 5 Tage feiern. Mit solchen Maß⸗ regelungen befördert die Direktion des Werkes allerdings das friedliche Zusammenarbeiten mit ihren Arbeitern nicht. Alle Näder stehen still! Einen glänzenden Sieg erfochten die Arbeiter in Holland. In den letzten Tagen hat sich in Holland und speziell in Amsterdam ein Streik abgespielt, der mit einem glänzenden Siege der Arbetter endete und der dem Gemeinsinn der Arbeiter das ehrendste Zeugnis ausstellt. Es waren die Transport⸗ Arbeiter, welche den Kampf durchfochten. Die Differenzen begannen bei den Hafenarbeitern; eine Rheder-Firma hatte Leute eingestellt, die nicht der Organtsation angehörten, weshalb sich die Organisterten weigerten, mit jenen zu⸗ sammen zu arbeiten. Darauf eutließ die Firma die Organisterten, stellte Streikbrecher ein, die nun zwar das Schiff löschten, aber die ubrigen Trans portarbeiter weigerten sich, die Güter weiter zu befördern. Die Eisenbahnarbeiter taten das Gleiche und legten die Arbeit nieder. Mehrere Eisenbahnlinien mußten infolgedessen den Betrieb einstellen. Und das bedeutete noch nicht die größte Kraftentfaltung des Eisenbahner⸗ verbandes. Es fehlte noch die Proklamation des Generalstreiks. Wenig fehlte, so wäre sie erfolgt, fünf Minuten vor Eintreffen jener Depeschen, die das Nachgeben der Eisenbahn⸗ direktionen meldeten, hatten die Vorstände den Beschluß gefaßt, für das ganze Land den Eisen⸗ bahnern das Signal zur Arbeitsniederlegung zu geben. Cs war nicht mehr nötig; mit donnerndem Beifall empfingen die versammelten Eisenbahner die Nachricht, daß die Gesellschaften sich bereit erklärt 0 1 fund 0 0 b ten von der Beförder Fabten aussusch Die Direktionen hatten Bahnen auszuschließen. von der Regierung die Ermächtigung dazu er⸗ langt. Dazu sah sich die Regierung genötigt, als nur einen Tag die Eisenbahnräder stille standen! Verwirrung herrschte bei den Kapl⸗ talisten und der Regierung! Desto größer war die Begeisterung bei den Arbeitern. Die Eisen⸗ bahner wurden überall wegen ihres tatkräftigen Eintretens für ihre Brüder mit lautem Jubel und Sympathiekund ebungen empfangen. Durch die Ader Arbeiterschaft Hollands geht ein Gefühl der Freude und des Stolzes und dieses gemeinsame Gefühl hat die Herzen einander näher gebracht. Die Friedens bedingungen sind sehr vorteilhaft für die streikenden e Außer der Zusage, daß Streikbrechergut nicht befördert wird, wurde ihnen zugestanden, daß alle Klagen des Personals mit den Organisa⸗ tionen erörtert werden sollen— die Organisation wird als die Vertretung der Angestellten von den Direktionen anerkannt. Für die Tage, da gestreikt wurde, wird der Lohn ausgezahlt, niemand wird ausgesperrt. Diesem 770 5 ist nun am Montag der Sieg der Hafenarbeiter gefolgt. Die Unternehmer des Schlffstransport⸗ gewerbes willigten ein, die 56 ursprünglich entlassenen Löscharbeiter wieder einzustellen, die die Arbeit verweigerten, weil ein Unorganisterter neben ihnen arbeiten sollte. 70 unorganisterte ie wurden entlassen. Die Arbeiter ließen dagegen die Forderung fallen, daß nur fe Arbeiter beschäftigt werden. Die holländischen Arbeiter dürfen mit Stolz auf diesen ihren Erfolg blicken. Von Kah und Fern. Hessisches. Der Landtag ist auf Donnerstag den 12. Februar einberufen und wird sich zunächst mit Wahlprüfungen und dann mit kleineren Vorlagen befassen. Die neue Wahlrechtsvorlage. Der von der Regierung dem vorigen Landtage vor⸗ gelegte Gesetzentwurf über das Landtags⸗ wahlrecht kam bekanntlich nicht zur Erledi⸗ gung, weil die geheimen und offenen Gegner des direkten Wahlrechts die Verhandlungen so lange hinauszogen, daß die Erste Kammer wegen des bevorstehenden Landtagsschlusses nicht mehr in die Beratung eintreten wollte. Nunmehr hat, wie schon in der vorigen Nr. d. Bl. be⸗ richtet, die Regierung einen neuen Entwurf vorgelegt, der sich im Wesentlichen an dem vorigen anlehnt. Voraussichtlich wird die Vor⸗ lage einem besonderen Ausschusse überwiesen. Auch in diesem neuen Entwurfe sind für die Stäbte 15 Abgeordnete vorgesehen— je 3 für Mainz und Darmstadt, je 2 für Gießen, Offenbach und Worms und je 1 für Friedberg, Alsfeld und Bingen— sowie 40 Vertreter ländlicher Wahlkreise. Wahlberechtigt ist nach Artikel 6 der Vorlage jeder 25 Jahre alte Hesse, der seit drei Jahren ununterbrochen in Hessen wohnt und ebensolange die Staatsangehörigkeit besitzt, wenn er Steuern(gleichviel, ob Staats⸗ ober Gemeindesteuern) bezahlt und im Besitz der bürgerlichen Ehrenrechte ist. Der Beschluß der Kammer im vorigen Jahre verlangte nur Wohnsitz in Hessen seit einem Jahre.— Eine neue Bestimmung schreibt vor, daß das Stimm⸗ recht an dem Orte auszuüben ist, wo der Stimmberechtigte„ausschließlich oder mit dem rößten Teile seines Einkommens“ zur Gemeinde⸗ inkommensteuer herangezogen ist.— Ferner können nach dem neuen Art. 9 Mitglieder der Ersten Kammer nicht an den Wahlen zur Zweiten Kammer teilnehmen. Die Abgrenzung der Wahlkreise soll durch besonderes Gesetz erfolgen. Die von der Kammer angenommene Wahl pflicht hat in der neuen Vorlage keine Berücksichtigung gefunden. i i Wie die„Wahlreform“ aussieht, die der antisemitischen Bauern, zeigt ein von dem Vor⸗ stand desselben am Montag in e gefaßter Beschluß, der den bündlerischen Abge⸗ ordneten zur Nachachtung empfohlen wird. Demnach sollen die Abgeordneten: 1)„zur Zeit der Vermehrung der städtischen Mandate in Erster und Zweiter Kammer rücksichtslos zu widersprechen, 2) mit allen gesetzlichen Mitteln die Einfüh⸗ rung allgemeiner, direkter und geheimer Wahl— begründet auf längere An⸗ sässigkeit im Großh. Hessen— herbei⸗ führen zu helfen.“ Mit anderen Worten heißt das ungefähr:„Die Antisemiten sind für das direkte Wahlrecht, sie werden aber seine Einführung möglichst zu verhindern suchen.“ Größere Sparsamkeit im Reiche verlangte kürzlich der Fina nz⸗Ausschuß der Zweiten Kammer in seinem Berichte über das Staatsbudget. Er stellte einen Antrag an die Kammer, daß sie die Regierung ersuchen möge, im Bundesrat auf Einschränkung der Aus⸗ gaben hinzuwirken. Diesem Antrag hat sich nun sogar der Finanzausschuß der Ersten Kammer angeschlossen! Also selbst den adligen Großgrundbesitzern ꝛc. der Ersten Kammer, diesen Musterpatrioten wird die Schuldenwirtschaft zu toll! Gießener Angelegenheiten. — Titeloder Gehaltszulage. Unter dieser Spitzmarke bringt der„Gießener Anzeiger“ eine Notiz gegen unseren Genossen Krumm, weil er in der Stadtverordneten⸗Versammlung für die Straßenkehrer den Titel„Vorarbeiter“ verlangte. Um dem Märchen, daß es Krumm um derartige Titel zu tun sei, ein Ende zu machen, sei Folgendes festgestellt: Krumm führte in der sozialpolitischen Kommission und auch im Plenum der Stadtberorduetenversammlung aus, daß trotzdem das Straßenkehren für ihn eine ehrliche Arbeit wie jede andere sei, tüchtige Arbeiter aus anderen Berufen doch dieser Kategorie Arbeiter fern blieben, weil es leider noch eine Menge Leute giebt, die nun einmal am„Straßenkehrer“ Anstoß nehmen. Deshalb müsse man, um tüchtigere Kräfte her⸗ anzuziehen, diesen Arbeitern das Aufsteigen in andere städtische Arbeiterkategorien ermög⸗ lichen, er wünschte daher mehr Ernennungen be Vorarbeitern, womit nach dem Vorschlag er soz.⸗pol. Kommission ja eine materielle Besserstellung verbunden war. Auch heute noch sind wir der Ansicht, daß die Aussicht, ewig Straßenkehrer zu bleiben, schon manche tüchtige Kraft, zum Schaden der Stadt zurückgehalten hat. Daß unserem Geunossen selbst die Titel vollständig gleichgültig sind, brauchen wir nicht zu betonen, er hat nur mit den nun ein⸗ mal bestehenden Vorurteilen anderer Men⸗ schen gerechnet. Nach dem Bericht des Amts⸗ blattes hätte sich also eine vollständige Umwäl⸗ zung der Ansichten verschiedener Stadträte voll⸗ zogen. Krumm wird als frommer Schwärmer für Titel und Orden hingestellt, während Herr Löber als begeisterter Verfechter von Gleich⸗ heit und Brüderlichkeit vorgeführt wird. Und das anzeigerliche Reptil, das sonst doch vor jedem hohen Titel in tiefster Ehrfur It erstirbt, wird auf einmal demokratisch und spottet über Titelsucht! Vielleicht nimmt Herr Professor Biermer diesen Moment wahr und versacht es noch einmal mit einem Artikel in dem „unabhängigen“, aller Streberei ab⸗ holden Amtsblatte. — Herr Professor Biermer will keine Reichstagskandidatur annehmen. Auf unsere Mitteilung in der vorigen Nummer, daß Herr Biermer als Kandidat der Liberalen in Vorschlag gekommen sei, erklärte er, daß er nicht daran denke, fich aufstellen zu lassen. Tatsächlich ist von der Kandidatur Biermer die Rede gewesen, ob sie partei⸗offiziell ins Auge gefaßt wurde, wissen wir nicht. Wir haben ja auch nur gesagt, es sei„von einer Seite“ dieser Vorschlag gemacht worden; möglich, daß Herr Biermer davon gar keine Kenntnis bekam. Uebrigens verdenken wir ihm bei den ungünstigen Aussichten, die er gehabt hätte, die Ablehnung nicht.— Aus der natitonalliberalen Partei ist Herr Biermer ausgetreten, wie diefer Tage mitgeteilt wurde; ob sein Weg weiter nach rechts oder links geht, entzieht sich unserer Kenntnis. Seite 4. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung 9 Nr. 6. — Die Gewerkschaftsversammlung am Sonntage war nur mäßig besucht. Vor Eintritt in die Tagesordnung teilte der Vor⸗ sitzende Bock mit, daß der vor Kurzem ver⸗ storbene Buchdrucker Genosse Döring der Gewerkschafts-Bibliothek eine große Anzahl teilweise sehr wertvoller Bücher hinterlassen habe. Zu Ehren des toten Genossen, der jederzeit seine Pflicht als zielbewußter Arbeiter erfüllt habe, erheben sich die Versammelten von den Sitzen.— Der vom Kassierer Baum erstattete Kassenbericht weist in Einnahme seit dem 1. Okt. 1901 1143,68 Mk., eine Ausgabe von 915,48 Mk. auf. Es verbleibt somit ein Kassenbestand von 228,20 Mk. Nach Bestätigung der Richtigkeit der Abrechnung durch die Revisoren, wird dem Kassterer Decharge erteilt. Dem Kassierer, dem Vorsitzenden und den Bibliothekaren wird für ihre Mühewaltung eine kleine Entschädigung bewilligt. Ferner wird die Anschaffung eines neuen Schrankes für die Bibliothek, die jetzt über 500 Bücher umfaßt, beschlossen. Nach einem Referate des Genossen Vetters über das Gewerbegerichtsgesetz und das neue Gießener Statut für das Gewerbe⸗Gericht, an welchem sich eine lebhafte Debatte schloß, wird eine Kommission gewählt, welcher die nötigen Vor⸗ bereitungen zu den bevorstehenden Gewerbe⸗ gerichtswahlen übertragen werden. — Als Reichstagskandidaten für den Wahlkreis Gießen schlägt der„Gießener Anz.“ Herrn Justizrat Gutfleisch vor. Er würde, meint das Blatt, die Stimmen aller Parteien, mit Ausnahme der sozialdemokratischen und antisemitischen, erhalten. Wir glauben kaum, daß sich Herr Gutfleisch, dem das Amts⸗ blatt selbst„unerschütterliche Ueberzeugungstreue“ nachrühmt, als Mischmasch⸗Kandidat hergiebt. — Von einer sozialdemokratischen Schandtat weiß das Gießener Amtsblatt zu berichten. Mit großem Getöse verkündet es in der Donnerstagsnummer, ein Offen⸗ bacher sozialdemokratischer Stadt⸗ verordneter sei beim Felddiebstahl erwischt worden. Für jeden vernünftigen Menschen mußte es ja nun sofort einigermaßen schleierhaft sein, was jetzt im Winter eigentlich viel auf dem Felde zu holen ist. Was ist's mit der Räubergeschichte? Nach der Mit- teilung unseres Offenbacher Parteiorgaus ver— hält sich die Sache folgendermaßen: Der Stadtv. Georg, der seit Jahren kränklich ist, machte am hellen Nachmittag zwischen 3 und 4 Uhr einen Spaziergang und pflückte von einigen vereinzelt in der Nähe des Weges stehenden Kohlstengeln, die er für wertlos hielt einige der wallnußgroßen Rosenkohlköpfchen ab, die er in seine Ueberziehertasche steckte. Der Wert des„Raubes“ soll nicht ganz 20 Pfg. betragen.— Deshalb also Räuber und Mörder! Wegen so einer Lappalie läßt sich das Gießener Amtsblatt ein„Privattelegramm“ schicken! Natürlich nur, weil es sich um einen Sozialdemokraten handelt, wenn Staats⸗ stützen Tausende ergaunern, weiß es in der Regel nichts zu melden. Selbstverständlich mißbilligen wir die Handlung Georg's ganz entschieden, er wird auch die Folgen davon zu tragen haben, aber der Lärm, den der Anzeiger macht ist einfach albern.—, Georg erfreut sich, wie das„Offenb. Abendbl.“ hinzufügt, in seinen Bekanntenkreisen all⸗ 1 Achtung, kein Mensch hält den in Ehren grau gewordenen Mann eines Dieb— stahl fähig. — Vom Gießener Stadttheater. Dem Direktor Kruse vom hiesigen Theater wurde am vorigen Freitag eine Ehrung von seinem Künstlerpersonal dargebracht, wie sie wohl selten einem Theater⸗Unternehmer zuteil wird. Die Schauspieler überreichten Herrn Kruse einen großen Lorbeerkranz, wobei einer derselben(Herr Steinert) eine Ansprache an den Direktor richtete, in der ihm in künstlerischer Beziehung und als Leiter der Gesellschaft viel Anerkennendes gesagt wurde. Die Veranlassung dazu lag in einer Notiz des„Gießener Anz.“, worin das Repertoire als„verarmt und ver— simpelt“ bezeichnet war. Gegen diesen Vorwurf protestierten die Schauspieler, die sich mit ge⸗ troffen fühlten und nahmen ihren Direktor durch diese Ovation in Schutz. Sie erklärten — unseres Erachtens mit Recht— daß trotz der geringen Mittel und beschränkten Verhält- nissen, mit denen dis Gießener Bühne zu rechnen habe, Tüchtiges geleistet worden sei; sowohl die Direktion wie die Spieler hätten ihre Schul⸗ digkeit getan.— Zugegeben muß ja werden, daß der Svielplan in letzter Zeit etwas mager war, daran sind aber die Verhältnisse schuld; den Angriff gegen Herrn Kruse halten wir für unberechtigt.— Als Direktor für das Städte⸗ bundtheater soll Herr Steingötter in Erfurt gewählt worden sein. Diese vom„Anz.“ ge⸗ drachte Nachricht wurde von der„Hess. Landes⸗ zeitung⸗Marburg bestritten. Es sei noch gar keine Wahl erfolgt, Marburg z. B. sei gar nicht gefragt worden. Wir sind darüber nicht genau unterrichtet. —„Ein Narr des 19. Jahrhunderts“ ist der Titel der Erzählung, mit deren Abdruck wir im heutigen Unterhaltungsteil beginnen. Heinrich Zschokke, der Verfasser derselben, zeichnete sich in seinen Novellen und Erzählungen durch feine Beobachtung der sozialen Verhält⸗ nisse aus, die er oft genug zum Gegenstande seiner scharfen Kritik machte. Davon legt auch sein„Goldmacherdorf“, das wir vor einiger Zeit abdruckten, Zeugnis ab. Wohl jeder Leser wird die kritische, auch heute noch vielfach zu⸗ treffende Schilderung ländlicher Zustände ig diesem Roman bewundert haben, wenn auch vielleicht manchem das Hervorheben der Religion weniger gefallen mag. Stellt das„Goldmacher⸗ dorf“ einen Art Zukunftsroman dar, so der „Narr“ einen Zukunfts menschen, der, weil er vernünftig und menschlich denkt und handelt, von seinen„gebildeten“ und„gesitteten“ Mit⸗ menschen für verrückt erklärt wird. Ist's heutzutage— das Werkchen dürfte bald hundert Jahre alt sein— etwa anders? Geht man nicht vielfach heute noch genau so gegen Leute vor, die bessere und meuschenwürdigere Zustände erstreben? Wir Sozialisten können ein Lied davon singen! Und erklären„Gebildete“ nicht heute noch barbarischen, gemeinen Mord für „Sitte“? Zahlreiche Duellaffairen beweisen es! — Wir wünschen, daß die von uns ausgewählte Erzählung des beliebten Volksschriftstellers unsern Lesern gut gefallen möge. Zschokke— das sei noch hinzugefügt— wurde am 22. März 1771 in Magdeburg geboren und starb in Aaran(Schweiz) am 2. Juni 1848. Aus dem Nreise gießen. n. Die Volksversammlung in Rö d⸗ en, in welcher am Sonntag unser Reichstags⸗ andidat, Genosse Krumm, über die bevor⸗ stehenden Wahlen sprach, war außerordentlich gut besucht. Der Redner beleuchtete an der Hand eines reichen statistischen Materials die Verderblichkeit der Zollpolitik der Regierung und Reichstagsmehrheit und besprach eingehend den Fall Krupp mit seinem für die Hurrah⸗ patrioten kläglichem Ausgange. Seine Aus⸗ führungen fanden stürmischen Beifall. Genosse Beckmann forderte noch zum Beitritt zu unserer politischen Organisation auf und betonte namentlich die Pflicht jedes sozialdemokratischen Wählers, die Verbreitung der Mitteldeutschen Sountags⸗Zeitung sich angelegen sein zu lassen. Aus dem Nreise Wetzlar. Die Flugblatt⸗ und Kalender⸗ verbreitung, welche in unserm Kreise statt⸗ fand, hat, wie man uns aus Betzdorf a. d. Sieg mitteilt, im Lager der Kapläne wie eine Bombe gewirkt. Die„Siegblätter“, Organ der ultramontanen Partei, fahren in ihrer Nr. 9 vom 31. Januar über den Landkalender her, welchen sie alle bösen Eigenschaften nach⸗ sagen. Wir denken dabei mit dem Dichter: „Und der Köder laut Gekläff, Weweist uns, daß wir reiten.“ Uns wundert nur, daß das Pfaffeublättchen nicht mit der platonischen Liebestat einer Wittwen⸗ und Waisenversicherung auf Kosten des hungernden Volkes renommiert. Es scheint demnach doch noch so viel Schamgefühl zu haben und die 4 Proz. Reserve aus der Ge⸗ samtlebensmittelverteuerung, wie wir zu beur⸗ 9 0 Nämlich als eine Komödie der Zentrums⸗ partei. Die Nationalliberalen hielten am Sonn⸗ 0 0 tag den 1. Februar eine Vertrauensmänner⸗Versammlung in Wetzlar ab. Der Vorsitzende Justizrat Alde feld gab der Versammlung kund, daß der seitherige Abge⸗ ordnete Krämer⸗Kirchen a, d. Sieg geneigt sei, die Kandidatur wieder anzunehmen.— Ueber die politische Lage hielt Herr Dr. Johannes aus Köln einen längeren Vortrag. Dieser Redner verstieg sich zu der Behauptung, daß unser Kandidat, August Bebel, stets der Anwalt der anti⸗deutschen Interessen im Reichstage set, was sich aus dem Munde des Generalsekretärs der rheinischen Syndikat⸗Ring⸗ und Trust⸗Interessenten merk⸗ würdig genug ausnimmt. Kein Wort des Tadels fand der Redner mit dem wissenschaftlichen Dr.⸗Prädikat, gegen das vaterlandsverräterische Treiben der Kohlen-, Rohstoff⸗ und Halbfabrikatssyndikate, welche nach dem Auslande zu Schleuderpreisen und im Inlande zu Wucher⸗ preisen verkaufen, und somit die deutsche Versesnerungs⸗ Industrie und das kleine Handwerk der Konkurrenz des billig einkaufenden Auslandes ausliefern. Unter diesem Gesichtspunkte versteht man erst das lebhafte Eintreten der nationalliberalen Redner für die Zöllnerei auf der Regierungslinie. Der Bund der Landwirte macht dem Redner schwere Kopfschmerzen und er zählt die Vorteile auf, die seine Partei bereits für die Landwirtschaft(sollte heißen Großgrundbesitz) mitbewilltgt habe. Der Undauk der Bündler sei unverdient(was wir den Nationallibe⸗ ralen nachfühlen d. Red.) und es sei zu beklagen, daß seine Nörgelei so große politische Verheerungen anrichte. Im großen ganzen ging aus dem Verlauf dieser Ver⸗ sammlung hervor, daß die Natlonalltberalen isoliert da⸗ stehen, und daß die Bündlerisch Christlichsoziale-Deutsch⸗ konservative Kandidatur ihnen schwer zusetzt. Herr Krämer wurde wieder als Kandldat aufgestellt und ein Wahlverein gegründet. Der letztere soll den Namen „liberal“ führen, was wahrscheinlich auf linksstehende Wähler Eindruck machen soll. Wir können den Herren nach unserer unmaßgeblichen Meinung nur versichern, daß sie mit diesem Kniff keine Katze mehr vom Ofen locken, geschweige denn linksliberale Wähler einfangen. Seit die Nationalliberalen im Verein mit dem Zentrum und den Konservaliven die Gewalt an Stelle des Rechts setzten; wie beim Durchdrücken des Zollturifs, sind sie politisch kastriert. Wenn die Herren ihrem Wahlverein den richtigen Namen geben wollen, daun müssen sie schreiben:„Wahlverein Bassermannscher Gestalten.“ n.„Was braucht Ihr Preißelbeeren zu fressen!“ Diese Worte rief ein biederer Landmann unserem Genossen Vetters zu, als er in der vo m Bauernbund einberufenen Versammlung in Aß lar, die vorigen Freitag stattfand, an der Hand einer in unserm Bremer Parteiblatte erschienenen Notiz auf die Ver⸗ teuerung dieser Beerenart durch die Zölle hinwies. Wie manche Arbeiterfrau kocht sich zum Herbst ein paar Pfund dieser Beeren ein, um im Winter etwas zu haben. Und jede Frau wird eine Verteuerung dieser Frucht um etwa 5 Pfg. das Pfund sehr unangenehm empfinden Aber, was braucht der Arbeiter Preißel⸗ bꝛeren zu fressen? Was brauchen Sie denn Cigarren zu rauchen, Bier und Schnaps zu trinken? antwortete Vetters dem Agrarier. Und in der Tat, will man dem Arbeiter den Konsum eines jeden Genußmittels untersagen, so kann man das mit ganz dem gleichen Recht für die„notleidenden Landwirte“ verlangen. Wo⸗ hin sollte das führen? Diese Versammlung war übrigens? Unter anderm warf warf der Anti⸗ f 0 sehr interessant. semit Reuther dem anwesenden Abg. Schlabach vor, daß er mit Schuld daran sei, wenn die so zialdemo⸗ kratischen Stimmen bei der nächsten Reichstagswahl im Wetzlarer Kreise bedeutende Zunahme erfahren deswegen, weil Schlabach durch die Körordnung die Unzufrieden⸗ heit der Bauern mit erregt habe. Genosse Vetters fühlte sich veranlaßt, Herrn Schlabach dafür— vor⸗ ausgesetzt, die Ansicht Reuthers trifft zu— den Dank der sozialdemokratischen Partei auszusprechen. Alle Orden könne unsere Partei nicht verleihen; abe Schlabach werde wohl den Dank der werktätige völkerung trotzdem zu schätzen wissen! Wir sin 5 mit dem Verlauf dieser Versammlung zufrieden ——— W. Der Konsumverein Wetzlar Braunfels berichtet über gegen 378 376 Mk. im Vorjahre. Die Mit⸗ Durchschnittsumsatz stieg dagegen von 213 Mk. auf 215 Mk. 105 seine Ursache darin, daß infolge der großen artoffel⸗ und Körnerernte des Vorjahres für etwa 10000 Mk. landwirtschaftliche Erzeugnisse, sein 27. Geschäfts⸗ jahr. Der Umsatz beziffert sich auf 367 376 Mk. 5 Der Rückgang des Umsatzes 1 14 gliederzahl sauk von 1780 auf 1710, der 9 c 14 1 0 wie Brotmehl, Futterartikel und Kartoffeln weniger gekauft wurden. Der geplante Umbau des Vereinshauses in Burgsolms wurde voll⸗ endet und der neue Laden schon im vorigen 5 7 * 0. — beur⸗ uns. Sonn⸗ sumlung deseld e Age⸗ sei, de lische u einen zu der el, seetz achstage tuts der en merk⸗ els fand Urädllat, Kohlen, ach dem Vucher⸗ nerungz⸗ tenz dez r diesem Eintreten auf der acht dem teile auf, t(ollte r Undaut onallibe⸗ en, daß Hert und ein Namen zastehende u Herten versichern, om Ofen anfangen, J ntrun es Rechts find se zahloereir and mand der bo l lat, di u unsern die Ver⸗ dies. Bit ein pant etwas u g dieter dungenchn * Preißel Cigartel antwortet will man kuämitt m gleicht igen.. F übrget det Anti bach wo o ialbem 5 ahl Il dezvehel ftichel dt Vellelk „ 25 dul N 1 Nr. 6 Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeltung. Seite 5. Winter in Benutzung genommen. Das ganze Erdgeschoß des Gebäudes wird zu Geschäfts⸗ zwecken verwandt. Zur Verteilung gelangen 6% Rückvergütung, 4% Zinsvergütung und auf Inventar werden besonders 885 Mk. ab⸗ geschrieben. Mit der Großeinkaufs⸗Gesellschaft wurden für 60 272 Mk. Waren umgesetzt, das find 16½¼ 0, des Gesamtumsatzes. Durch die Beschränkung des Kredits sind die Außenstände von 35000 Mk. auf 14400 Mk. zurückgegangen. In anerkennenswerter Weise will die Verwal⸗ tung dahin streben, die Kreditwirtschaft ganz zu beseitigen. Aus dem Rreise Marburg⸗Rirchhain. St. Zur Reichstagswahl. Die einzelnen Parteien im hiesigen Wahlkreise haben mit den Vorarbeiten für die Reichstags⸗ wahl bereits begonnen. Seitens der Konser⸗ vativen wurde in einer am Montag nachmittag abgehaltenen Versammlung beschlossen, den Kammerherrn Freiherr von Pappenheim, Gutsbesitzer von Liebenau(Bez. Kassel) als Kandidaten aufzustellen. Ob es aber bei dieser Kandidatur bleibt, ist noch fraglich, da sie von der Zustimmung des Bundes der Landwirte abhängig gemacht werden soll.— Was die bunten Landwirte betrifft, so ent⸗ falten diese eine rührige Agitation in unserm Wahlkreise, die aber hauptsächlich wohl auf den Mitgliederfang abgesehen ist. Sie haben auch jetzt wieder, wie früher schon einmal, einen gänzlich untauglichen Agitator hergeschickt, der in seinen Versammlungen das ungereimteste Zeug zusammenschwatzt, und, wo ihm Gegner entgegentreten, diesen die niederträchtigsten Verleumdungen an den Kopf wirft. Die Nationalsozialen sind ihm eifrig auf den Fersen und haben ihm schon manches Fiasko bereitet. Am Montag abend fand auch im nahgelegenen Orte Marbach eine Bündlerversammlung mit obigem Agitstor mit Namens Risse statt, wozu sich außer einem halben Dutzend Bündler auch der giesige nat.⸗soz. Reichstagskandidat v. Gerlach nebst einigen Parteifreunden und eine größere Anzahl unserer Parteigenossen eingefunden hatte. Nachdem der Bundesredner seine von den ungeheuerlichsten Anschuldigungen gegen die Sozialdemokraten und sonstigen Un⸗ wahrheiten und Entstellungen strotzende Rede in einem fürchterlichen Kauderwelsch vom Stapel gelassen hatte, meldete sich in der Dis⸗ kussion Herr v. Gerlach zum Wort. Der Herr Bürgermeister, als Vorsitzender verweigerte ihm aber dasselbe mit der Begründung, daß nur eingeschriebene Bundesmitglieder sprechen dürf⸗ ten(II). Selbst einem emer. Pfarrer, der schon 25 Jahre Mitglied eines landwirtschaft⸗ Vereins ist, wurde das Wort verweigert! Unser Vertrauensmann lud den tapferen Bundes⸗ reduer zu unserer, am 7. Februar bei Jesberg stattfindenden Versammlung ein, wo ihm die gebührende Antwort zu teil werden sollte, was jener aber mit den Worten ablehnte, daß er nicht kommen könne da er alsdann wieder bei seinen Bauern(I) sein müßte.— Von den übrigen Parteien hört man noch nichts. — Der Konsum verein hielt am Samstag abend seine ordentliche Generalver⸗ sammlung bei Geisler ab, welche gut be⸗ icht war. Aus dem Geschäftsbericht der chstens im Druck erscheint, ging hervor, daß er Verein sich gut entwickelt, sowohl im Jarenkonsum wie in der Mitgliederzunahme. er Vorsitzende konstatierte, daß der Aufsichts⸗ t bei seinen Revisionen die Geschäftsbücher und die Kasse in bester Ordnung befunden habe. Nach einer regen Debatte über die Ein⸗ führung einer Sparordnung, gegen welche sich mehrere Mitglieder mit der Begründung wendeten, daß die Einführung einer Spaxkasse bei den hohen Lebensmittelpreisen und teilweise geringen Löhnen nicht angängig sei, wurde dieselbe gegen 3 Stimmen mit großer Mehrheit augenommen. Schließlich wurden noch einige Abänderungen an den Anstellungsverträgen mit dem Vorstand und dem Lagerhalter vor—⸗ genommen. — Die Kaisergeburtstags⸗Verlustliste scheint in diesem Jahre größer als in früheren zu sein. Wir meinen damit die Verwundungen, welche sich die begeisterten Patrioten in der Feststimmung beibrachten. Von der in Haiger stattgefundenen Prügelei berichteten wir schon in letzter Nr. Aber auch in mehreren Ort⸗ schaften der Umgebung Marburgs gab es Kampfspiele und mancher Beteiligte trug sein königstreues Haupt voll Blut und Wunden heim. Ganz ungemütlich gings aber bei der Feier des Kriegervereins in Leeden (Westf.) zu. Dort wurde ein Festteilnehmer im Streit erstochen, ein anderer lebensgefährlich verletzt. Zwei Urteile. Die Schreinermeister Franz und August Schwarz in Augsburg hatten seit 3 Jahren den bei ihnen beschäftigten Arbeitern wohl den Betrag für die Invalidenversicherung abgezogen, jedoch keine Marken geklebt, wodurch die betreffenden Arbeiter ganz enorm geschädigt wurden. Trotzdem die beiden Meister wieder⸗ holt gewarnt wurden, fiel das Urteil des Landgerichts doch verhältnismäßig milde aus, denn die Angeklagten wurden nur zu einer Geldstrafe von 50 Mk. bzw. 30 Mk. verurteilt. Als Milderungsgrund wurde in Betracht gezogen, daß sie unverschuldet stets in Geld⸗ verlegenheit sich befanden.— Einige Tage vor⸗ her wurde vom nämlichen Gericht ein unbe⸗ scholtener Arbeiter mit zahlreicher Familie und einem Tagelohn von 2,10 Mk. wegen Entwendung von Nahrungsmitteln zu 1 Jahr Gefängnis verurteilt. Kleine Mitteilungen. n Zwei Krankenschwestern im Bockenheimer Krankenhause vergifteten sich in der Nacht vom Mitwoch zum Donnerstag. Die eine davon befand sich noch am Leben und wurde in ärztliche Behandlung genommen. Der Grund dieses Schrittes ist unbekannt. : Eines plötzlichen Todes starb ein junger Mann in einem Dorfe bei Alsfeld. Kurz vor seiner standesamtlichen Trauung erlitt er einen Schlaganfall nnd war bald eine Leiche. * Opfer der Arbeit. Bei einem Gerüsteinsturz in der Braunsteingrube Waldalgesheim bei Binger⸗ brück wurden drei Arbeiter getödtet. * Entgleist ist am Sonntag in Kassel ein Wagen der elektrischen Bahn. An der Ecke der Marktstraße und des Grabens sprang er aus dem Geleise und sauste die Marktstraße hinunter. Ein 65 jährige, schwerhörige Frau wurde von dem Wagen erfaßt, eine Strecke weit mitgeschleift und gräßlich verstümmelt. Noch größeres Unglück wäre passiert, wenn der Wagen nicht glücklicherweise an den Rinnstein der ziemlich ab⸗ schüssigen Straße angefahren und so zum Stehen ge— kommen wäre. Partei- Nachrichten. Genosse Agster, der Reichstagsabg, für den Wahlkreis Pforzheim, machte im Reichstage einen Selbstmordversuch. Agster ist schon seit einiger Zeit nervenkrank, man versuchte früher schon, ihn zum Verzicht auf das Mandat zu bewegen, aber vergeblich. Er wurde in die Berliner Charité überführt. Bebels Werk„Die Frau und der So⸗ zialismus“ erscheint soeben in 34. Auflage! Die ganze Sozialdemokratie hat Grund, auf dieses literarische Ereignis stolz zu sein. Das Werk umfaßt nunmehr über 500 Seiten Oktav und kostet nach wie vor broschirt 2 Mk., gebunden 2 50 Mk. „Unsre Ziele,“ ein Schriftchen Bebel s, ist soeben in 11. Auflage in der Buchhandlung Vorwärts erschienen. Im Jahre 1869 hatte Bebel in einer Versammlung in Stuttgart eine Polemik mit einem Mitgliede der Volkspartei. Ein Organ dieser Partei, die Demokratische Korrespondenz, zog in drei langen Artikeln gegen Bebels sozialistische Tendenzen zu Felde. Im Leipziger Volksstaat vertrat Bebel seine Anschauungen und so entstand die Broschüre, die seitdem in der Partei große Verbreitung gefunden hat und jetzt von der Partei⸗ buchhandlung neu herausgegeben wurde. Der Preis ist 30 Pfg. Dr. Eduards David's Agrarwerk, welches schon längere Zeit angekündigt wurde, ist nun unter dem Titel:„Sozialismus und Landwirtschaft, 1. Band: die Betriebsfrage“ erschienen. In einem Schlußwort, das dem Buch angefügt ist, entwickelt David vie Grundlinien eines sozialdemokratischen Agrar⸗ programms; er stellt, im Gegensatz zu der bisher vorherrschenden Anschauung die Verwandlung der land⸗ wirtschaftlichen Großbetriebe in bäuerliche Kleinbetriebe als erstrebenswertes Ziel auf und verlangt demgemäß in erster Linie einen wirksamen Bauernschutz.— Das Werk dürfte eine lebhafte Diskussion innerhalb der Partei veranlassen. Wahlkreis Gießen⸗Grünberg⸗Nidda. Sonntag, den 15. Februar 1902, Vormittags 10 Uhr Kreiskon ferenz in Gießen, Lokal Orbig, Rittergasse 17. Tagesordnung: 1. Vorstandsbericht und Neuwahl des Vertrauens⸗ mannes; 2. Organisation und Agitation im Kreise (Ref. Gen. Orbig); 3. Die bevorstehende Reichstags⸗ wahl(Ref. Gen. Krumm); 4. Maifeler(Ref. Beck⸗ mann). Die Parteigenossen aller Parteiorte im Kreise werden ersucht, für ihre Vertretung zu sorgen. Jeder Ort hat das Recht, bis zu drei Delegierten zu ent⸗ senden. Etwaige Anträge sind baldmöglichst einzureichen. — Ferner werden die Parteigenossen ersucht, ihre Vor⸗ schläge über den Ort, wo das geplante Kreisfest abgehalten werden soll, noch vor der Konferenz an uns gelangen zu lassen. Der Vorstand des Kreiswahlvereins. Versammlungskalender. Geuossen! Besucht regelmäßig Eure Versammlungen! Samstag, den 7. Februar. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Lollar. Metallarbeiterverband. Abends 9 Uhr Abend⸗Unterhaltung bei Wirt Weinrich. Marburg. Parteiversammlung. Abends 9 Uhr bei Jesberg. Vortrag des Genossen Vetter s⸗ Gießen:„Die Reichstagswahlen“. Sonntag, den 8. Fed uar. Alsfeld. Wahlverein. Nachmittags 4 Uhr Ver⸗ sammlung auf der„Pfefferhöhe“. Vortrag von Genosse Wiegand. Marburg. Buch druckerversammlung. Rach⸗ mittags 2 Uhr bei Jesberg.— Holzarbeiter. Nachmittags 3 Uhr Versammlung bei Hilb erger, Hirschberg 12. Montag, den 9. Februar. Gießen. Glaser⸗Verband. Abend 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Or big. Gießen. Jeden Dienstag, Abends punkt 9 Uhr, Diskussions⸗ und Unterrichtsstunde im„Wiener Hof“ bei Lö b(oberes Zimmer). Diese Woche ausnahmsweise am Montag. Briefkasten. Friedberg. Bedauern, mußten nochmals zurück⸗ stellen. Nächste Nummer.— Marbg⸗ u. Wieseck. Ebenfalls zurückgestellt. Quittung. Für die Parteikasse gingen ein: R. u. S. in H. Mk. 1.—. Für den kranken Gen. in D. Mk. 0.50. von M. in K. Diese Sammlung ergab in Summa Mk. 24.20., was den Betreffenden ausgehändigt wurde. Parteigenossen! Gedenket des Wahlfonds An die Parteigenossen! Diejenigen Orte, welche Versammlungen wünschen, wollen sich an den Vorsitzenden des Wahlkomitees, Gg. Beckmann, Grün⸗ bergerstr. 44, oder an die Redaktion unseres Blattes wenden. Marktberichte. Auf dem Wochenmarkte in Gießen kosteten am 3. Februar: Butter per Pfd. Mk. 0,80— 1,00, Hühnereier 1 St. 8— 10 Pfg., Enteneier 1 St. 0—0 Pfg., Gänseeier per St. 00— 00 Pfg., Käse 1 St. 5—8 Pfg., Käsematte 2 St. 5—6 Pfg., Erbsen per Liter 21 Pfg., Linsen per Liter 32 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo 6,00— 0,00 Mk., Zwiebeln per Ztr. Mk. 4,50—5,50, Milch per Liter 18 Pfg., Tauben per Paar Mk. 0,70 bis 1,00, Hühner per St. Mk. 1,00— 1,40, Hahnen per St. Mk. 0,80— 2,50, Enten per St. Mk. 2,00 bis 2,50, Gänse per Pfd. 55— 64 Pfg. Fleischpreise. Ochsenfleisch per Pfd. 66— 76 Pfg. Kuh⸗ und Rindfleisch 60—64 Pfg., Schweinefleisch 70 bis 80 Pfg., Schweinefleisch, gesalzen, 84 Pfg., Ka. fleisch 68 72 Pfg., Hammelfleisch 50— 70 Pfg. Seite 6. Mitteldeulsche Sountags⸗Zeitung. Die Friedensrede Jauréès. Die Rede, welche kürzlich unser Genosse Jaures in der französischen Kammer hielt und die wir in der vorigen Nr. in der Pol. Rund⸗ schau erwähnten, hat überall das allergrößte Aufsehen erregt. Noch nie ist im französtschen Parlamente der Friedenspolitik so rückhaltlos, offen und mutig das Wort geredet worden, als es durch den Führer der Sozialisten geschah. Auch in rhetorischer Beziehung wird die Rede als ein Meisterstück bezeichnet. Jaures verfügt über eine glänzende Redner⸗ gabe; man kann ihn wohl als einen der besten— wenn nicht den besten— Redner Europas bezeichnen. Er ist 43 Jahre alt. Früher Professor in Toulouse hat er sich vom gemäßigten Republikaner, als welcher er im Jahre 1889 in das politische Leben eintrat, um Sozlalisten entwickelt. Und im Verfolg feiner sozialistischen Ueberzeugung ist Jaures zum Förderer internationaler Verständigung und zum Bekämpfer der Revancheidee geworden. Ueber die Bedeutung dieser Tat kann niemand im Zweifel sein, der sich die von den franzö— sischen Nationalisten mehr als einmal dringend gemachte Gefahr einer kriegerischen Verwickelung Deutschlands und Frankreichs vergegenwärtigt. — Wir hielten es für angebracht, einen größeren Auszug der Rede Jaurés im Folgenden wiederzugeben. Die jüngst hier gehörten Reden haben der Debatte eine solche Bedeutung gegeben, daß die Kammer es entschuldigen wird, wenn ich mich nicht streng an den Gegenstand der Inter— pellation halte. Was man mit diesen Reden versucht, ist mir klar. Man will die republi⸗ kanischen Parteien trennen! Man hat das nicht vermocht, indem man uns die Feinde des Eigentums nannte, man versucht es jetzt, indem man uns als Feinde des Vaterlandes hinstellt. Jaures erwähnt dann Ribots letzte versöhaliche Rede; dieser hat Erklärungen ge— macht, welche man glücklich ist, verzeichnen zu können, weil sie ein Zeichen der Zeit und der unbezwinglichen Arbeit der Geister sind. Er sagte, die Stunde wäre gekommen, um die Last der militärischen und Marine-Auslagen zu verringern! Er sprach von der Notwendig— keit, die Ziffer der Rüstungen mit der Ziffer der Einnahmequellen in ein richtiges Verhält⸗ nis zu bringen und aus dem zweijährigen Militärdienste nicht bloß eine Ueberbürdung des Budgets zu schöpfen. Nunmehr, sagte Jaurés weiter, gewinnen bereits viele Hoffnungen, welche in den inter— nationalen Beziehungen einst so fernabliegend, ja eine Chimäre zu sein schienen, Gestalt. Das Faltum, welches unsere Zeit beherrscht, ist, daß von jetzt ab Friede in Europa mög⸗ lich eist, ein tiefer, dauerhafter, organistrter, definitiver Friede möglich ist. Man sagt: Gebt acht, denn weun es wahr wäre, daß die Verwirklichung des Friedensideals so nahe ist, als ihr euch einbildet, so seid ihr unvorsichtig, dem Volke zu laut von einer Friedenshoffnung zu sprechen, denn ihr lauft Gefahr, die Energie zu entnerven. Aber empfiehlt es sich, immer die Energie aufzustacheln im Hinblicke auf stets vorgeschobene Gefahren? Man riskiert so, die Nation an die Illusion des Mutes und des Heroismus in Worten zu gewöhnen. Die Energie einer Nation tritt von selbst am Tage der Gefahr hervor. Nur drei Dinge giebt es, die ein Volk entnerven.: Lüge,. und der Mangel eines Ideals. Wir besitzen Eigenschaften, welche diesen Lastern entgegen— wirken.... Was hoffen läßt, daß der Friede dauern wird, ist der Umstand, daß zwei große Bündnissysteme heute in Europz bestehen, die einander zurückhalten, überwachen und den nationalen und dynastischen Ehrgeiz zügeln. Diese beiden Bündnisse, die Fürsten gegen- einander abgeschlossen haben, entwickeln sich allmählich in friedlichem Sinne; sie führen zu Entrevuen und Annäherungen und erscheinen wie die Vorläufer einer größeren Allianz, der europäischen Allianz! Ich höre, meine Geguer sagen, das sei nur naiver Optimismus. Hüten Sie sich vor eagherzigem Pessimismus! Iq glaube bicht, daß bei der Bildung des Dreibundes ein agresstver Gedanke gegen uns vorgewaltet hat. Der Dreibund wurde gebildet, um ein für uns schmerzliches Resultat der Eroberung zu verteidigen.(Rufe rechts: Ah! Nun also!— Comte Dion, der Jaurès zuruft: „Sie sind ein Virtuose!“ wird zur Ordnung gerufen.) Ich bin überzeugt, daß auch Deutsch⸗ land seid 32 Jahren keinen Angriff gegen uns geplant hat. Allerdings hat es seine Erober⸗ ungen oft mit Brutalitat und Arroganz geschützt, die oft unerträglicher ist als ein offener Angriff. herz ung.) Wenn heute Deutschland fast 10 Beziehungen zu uns erstrebt, Italien sich uns nähert: was ist da die Ursache? Die Ursache ist die ökonomische Rivalität zwischen England und Deutschland, der Aufschwung des Liberalismus in Italien, aber auch der Umstand, daß in Frankreich die Republikaner den Cäsarismus niedergeworfen lis) der Europa in Unruhe hielt.(Beifall inks. Er erhebe gegen das Bündnis mit Rußland keinen prinzipiellen Einwand, aber es war ein großer Fehler, die Notwendigkeit dieser Allianz so zu übertreiben und die Dinge so darzustellen, als ob Frankreich ohne Alltanz nicht frei atmen könnte. Heute ist das Bündnis auf das richtige Maß beschränkt. Aber selbst heute noch sagt Herr Deschanel, Rußland habe Frankreich durch seine herzliche Umarmung erwärmt! War etwa Frankreich so durch die Furcht zu Eis erstarrt? In der schwierigsten Periode war Frankreich allein, die Allianz, die uns retten sollte, kam erst, als wir stark geworden waren.(Lebhafter Beifall links.)(Millevoye ruft:„Sie schädigen mit jedem Worte Frank⸗ reich!“) Jaurés: Es giebt nur eins, was uns schädigen kann: Die Furcht vor einer offenen Aussprache! Daraus allein entstehen alle Ueberraschungen, alles Unglück.(Großer Beifall links.) Man hat versucht, die Allianz für reaktionäre Zwecke auszubeuten. Das ist mißglückt. Heute empfindet man eine Ent⸗ täuschung. Jaures steht, wie er weiter erklärt, in der Befestigung des Friedens die Fortsetzung des Werkes der großen Revolution. Friede war die erste Idee der Revolution, welche den Krieg verabscheute als gehässigste Folge des Despotismus und wenn diese Idee von der niedergehenden Revolution auch aufgegeben, so ist diese Periode der Verwirrung jetzt doch ihrem Ende nahe. Der heutige Friede ist bereit Wahrzeichen und Wirkung der Ideen der Revolution. Wie das Proletariat aller Länder sich einigt, so einigten sich die Regier⸗ ungen zur internationale Regelung ihrer bko⸗ nomischen Interessen. Einem neuen Rechtszu⸗ stande gehen die Völker entgegen. Unser Land hat vor dreißig Jahren einen schweren Eingriff in seine Rechte erfahren, menschliche Wesen sind gewaltsam ihrem ge— liebten Vaterlande entrissen worden, sie haben die schwerste Antastung ihrer Rechte erlitten. So besteht die elsaß-lothringische Frage andauernd für uns auf einer Seite, das ver⸗ letzte Recht auf der andern. Die blutige Lösung, die man als einzig mögliche hinstellt: welch ein tragisches Problem ist sie für uns! Doch nicht durch Krieg kann diese Frage gelöst werden, nur im Frieden durch die befreite Demokratie ist sie zu lösen. Frankreich bedarf keiner bru⸗ talen Revauche und keiner Kriegswirren. Es hat, durch das Erwachen des republikanischen Geistes einen neuen Aufschwung nationaler Energie gefunden.(Stürmischer, immer er⸗ ueuter Beifall.) Wir hoffen, wir wollen, daß dieser Krieg von 1870 der letzte Krieg zwischen Frankreich und Deutschland war. Frankreich hat genug Heroismus bewiesen, um über diese blutige Seite das Buch schließen zu dürfen. Stürmischer Beifall.) Es braucht kein neues eugnis der Geschichte. Ich höre, daß man mir auf der Rechten zuruft, meine Lösung sei sehr fern— aber die Ihrige? „Welches Datum setzen Sie an? Wollen Sie die Verantwortung übernehmen, wenn Sie einen baldigen Krieg am Horizont heraufbe⸗ schwören? Nein, Sie fürchten ihn, vertagen ihn! O! man hat mir gesagt, ich sei ein Agent des Auslandes— wir Alle, wir seien Agenten des Auslandes. Aber ich sehe unter allen Republikanern nicht einen Einzigen, der nicht so genannt worden ist.(Stürmischer Beifall links.) Gambetta, der Genuese, war ein Agent des Auslandes und man erkennt ihn 0 N kaum unter dem Schmutz, den sie auf ihn ehäuft haben; Spuller, der Badenser, erry der Preuß e, Ribot der Engländer, alle waren, so sagt man, Agenten des Auslandes oder vom Auslande 12 Jubelnder, immer erneuter Beifall links.) Alle Republikaner, alle, die für die Republik gekämpft haben, sind von den Söhnen der Emigrirten aus dem Baterlande hinausgewiesen worden. Es gab immer in unserer Geschichte zweit Worte, die den gleichen Sinn hatten: Gegenrevolution und Verleumdung!“ 4 Jaureès hat diesen ganzen letzten Teil seiner 1 Rede mit großer Gewalt gesprochen. Als er von der Tribüne herabsteigt, bricht endloser, tobender Beifall aus, in den selbst ein Teil des Zentrums einstimmt. Er wird von den Mitgliedern der Majorität umringt und beglückwünscht. Ein Rarr ö des 19. Jahrhunderts. 1 Von Heinrich Zschokke. 1 Vorläufige Nachrichten.. Auf meiner letzten Reise im Norden unseres Vaterlandes ließ ich mich einen kleinen Umweg nicht gereuen, um meiner Lieblinge einen aus dem goldenen Zeitalter des Lebens einmal wiederzusehen. Man erlaube mir indessen nur, in der folgenden Erzählung Namen von Gegenden, Ortschaften oder Personen zu verschweigen oder zu verstellen. Die Geschichte ist darum nicht weniger wahr, wie unwahrscheinlich sie auch vielen vorkommen mag. 1 Jener Liebling also war der Freiherr Olivier von Flyeln, mit dem ich auf der Göttingischen Hochschule zugleich den Wissenschaften angehört hatte. Er war damals einer der trefflichsten Jünglinge und zugleich einer der geistreichsten jungen Männer gewesen. Die Liebe der griecht⸗ schen und römtschen Schriftsteller hatte uns zusammengeführt und verbunden. Ich naunte ihn nur meinen Achilles, er mich seinen Patroklus. Aber er hätte in der Tat jedem Künstler zum Urbild eines Achilles dienen können. In Gestalt und edler Haltung einem jungen Halbgott ähnlich, Trotz und Güte im dunklen Feuer seines Blicks, gelenk und gewandt wie keiner, der kühnste Schwimmer, der schnellfüßigste Renner, der wildeste Reiter, der anmutigste Tänzer, hatte er dabei das edelmütigste und furchtloseste Herz. Sein Edelmut verwickelte ihn eben in mancherlei unangenehme Händel, weil er sich oft ungerufen der Unterdrückten annahm. Er mußte sich dabei mehrmals mit andern schlagen; er scheute den besten Fechte 5 nicht, ging in den Kampf wie zu einer Lust⸗ partie, ward dabei niemals verwundet, als wäre er am ganzen Leibe gefeit, ließ aber keinen ungezeichnet von sich. 9 Seit unserer Trennung hatten wir uns mehrmals geschrieben; aber wie es denn so geht, wenn man in den Wogen des Lebens auseinander kommt; wir vergaßen uns zwar nie, aber zuletzt doch den Briefwechsel. Ich wußte von ihm endlich nur, daß er Hauptmann bei einem Infanterieregiment gewesen war. Jetzt mochte er etwa fünfunddreißig Jahre alt und im Range vorgerückt sein. Sehr zufällig erfuhr ich auf der Reise den Standort se Regiments, und das verleitete mich, wie gesag zu dem Umweg. Der Postknecht fuhr mit mir in die Str der alten, weitläufigen, reichen Handels ein und hielt vor dem angesehensten Gast se enn denser, jänder, lslandez „ immet ikaner, den, su) ud den Es g orte, die olutun il sene! Als er dloset, eben“ bird bon ngt und 7 2 1 use 1 Umwag inen ald einn ssen nu, gegende“ gen obe im nich sie aul Nr. 6. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. buben nachliefen. f sehr bedauert; denn er war vorher allgemein beliebt, und muß, solange er noch den Verstand Ich hatte schon zu viel gehört. wie erlahmt in einen Sessel. Sobald ich vom Aufwärter mein Zimmer an⸗ gewiesen erhalten hatte, fragte ich ihn, ob beim Regiment in hiesiger Besatzung nicht ein Frei⸗ herr von Flyeln fel „Sie meinen den Major?“ fragte der Auf— wärter. „Major kann er wohl sein. Ist seine Woh⸗ nung entfernt von hier? Trifft man ihn um diese Zeit an? Es ist schon spät; aber ich wünsche, daß mich jemand zu ihm führe.“ „Verzeihen Sie, der Herr ist nicht mehr beim Regiment, schon lange nicht mehr. Er hat den Abschied genommen oder nehmen müssen.“ „Müssen? Warum?“ „Er hat allerlei Geschichten getrieben, wun⸗ derliches Zeug; ich weiß selbst nicht, was. Er ist zuletzt nicht recht im Kopf gewesen, über⸗ geschnappt, verrückt geworden. Man sagt, er habe sich um den Verstand studiert.“ Die Botschaft erschreckte mich so, daß ich die Fassung und die Frage verlor. „Und wie denn?“ stammelte ich endlich, um doch etwas zu fragen und Genaueres zu ver⸗ nehmen. „Verzeihen Sie,“ sagte der dienstfertige Aufwärter,„was ich weiß, hab' ich nur vom Hörensagen, denn er ist früher weggeschickt, als ich in dies Haus kam. Man erzählt aber noch viel von ihm. Zum Beispiel hat er mancherlei Händel mit Offizieren gehabt und jeden Du geheißen, sogar den General, jeden, er mochte sein, wer er wollte. Als er eine reiche Erbschaft von seinem Oheim in Empfang genommen hatte, bildete er sich ein, er sei bettelarm geworden, könne seine Schulden nicht zahlen, und verkaufte, was er um und an sich hatte. Er soll auch gotteslästerliche Reden in seinem Wahnsinn ausgestoßen haben. Das Lustigste aber ist, daß er seiner Familie zum Trotz ein unehrliches Mädchen, ein Gaunerkind, geheiratet hat. Auch sein Anzug soll zuletzt gar toll gewesen sein, gar hanswurstmäßt„ so daß ihm alle Gassen⸗ Man hat ihn in der Stadt hatte, ein vortrefflicher Herr gewesen sein.“ „Und wo befindet er sich jetzt?“ „Ich kann es nicht sagen. Er hat die Stadt verlassen. Man hört und sieht nichts von ihm. Vermutlich hat ihn seine Familie irgendwo untergebracht, um ihn heilen zu lassen.“ Mehr wußte der Auswärter nicht zu berichten. Ich warf mich Ich dachte mir 1 1 noch die Heldengestalt eines geistvollen Jüng⸗ llings, von dessen Zukunst ich hohe Erwartungen 1 0 1 g et, 1 1 . , 1. W —— —. 1 1 11 3 m Sarge betrachten mag, Gestalt ö 1 0 oder wle ich's meide, Zimmer, die ich gehegt hatte, der sowohl durch seinen Stand als durch seine großen Familien verbindungen 1 15 Ansprüche auf die ersten Stellen im Heere oder im Staat hätte machen können, der durch seine 0 Kenntnisse, durch seine seltenen Geistesgaben zu 41 und der unn war einer der Unglücklichen, vor allem Großen berufen zu sein geschienen— deren Anblick die Menschheit mitleidig zurück⸗ schaudern muß! Hätt' ihn doch der Engel seines Lebens lieber aus der Welt hinweggerückt, denn ihn zum traurigen Schauspiel, als klägliches errbild, stehen gelasten! 5 1 Wie 5 ich 1 55 guten Olivier gesehen hätte, war mir's nun doch lieb, ihn nicht mehr in der Stadt zu wissen. Ach, er wäre ja doch nicht mehr Olivier, nicht mehr mein herrlicher Achilles gewesen, sondern ein kläglicher, unkennt⸗ er Torso)! Ich wollte ihn nicht sehen, auch es mir leicht gewesen wäre, ihn zu finden. Dann hätt' ich meinen Göttingischen Achilles im Gedächtnis auswechseln müssen mit der Geestalt eines Wahnsinnigen; das hätte mir eine der liebsten und anmutigsten Erinnerungen ge⸗ raubt. 5 wollte ihn aus demselben Grunde ie ich keinen meiner Freunde icht wiedersehen, wie ich e es Lebendigen in Gedanken bewahren orzeiten bewohnte, die nun von andern bewohnt bwerden, die nun ganz anders eingerichtet sind, W 15 zu besuchen. Das Ehemals und Jetzt erwirrt sich immer in meinen Vorstellungen uf eine unausstehlich peinliche Weise. ) Rumpf, besonders einer Statue. „Ich war noch in allerlei Betrachtungen über die Natur des menschlichen Wesens verloren, und wie derselbe Geist, welcher die Räume des Weltalls mißt, das Höchste ahnt, durch Druck oder Verletzung eines unsichtbaren Teils seines Nervengewebes zum widerlich verstimmten Saitenspiel werden muß, sich und der übrigen Welt ein unverständlicher Fremdling: da trat der Aufwärter herein und rief zum Nachtessen. Die Wirtstafel im hellerleuchteten Speisesaal war von vielen Gästen besetzt. Es traf sich, daß mir ein Platz in der Nachbarschaft einiger Ofsiziere der hiesigen Stadtbesatzung angewiesen ward. Natürlich leitete ich das Gespräch, so⸗ bald es einmal unter uns angeknüpft war, auf meinen Freund Olivier. Ich gab von ihm die genauesten Einzelheiten an, so viel ich deren wußte, um jede Verwechslung der Personen zu verhüten. Denn es war ja möglich, und ich glaubte die Möglichkeit, daß der wahnsinnige Freiherr von Flyeln ein ganz anderer als mein Achilles von Göttingen sein konnte. Allein alles, was ich sagte, alles, was ich dagegen hörte, bestätigte zu sehr, daß hier keine Verwechslung stattfinde. „Es ist jammerschade um den Baron!“ seufzte einer der Offiziere.„Jedermann hatte ihn gern. Er war einer der Brapsten beim Regiment, ein verwegener Teufel. Das sahen wir beim letzten Feldzug in Frankreich. Was keiner von uns wagte, das wagte er spielend. Aber es glückte ihm auch alles. Denkt nur ai die Batterie bei Belle⸗Alliance! Wir hatten sie verloren. Der General riß sich die Haare aus dem Kopf. Flyeln rief:„Wir müssen sie wieder nehmen, sonst ist alles dahin!“ Drei Angriffe hatten wir vergebens getan. Da geht Flyeln mit seiner Kompagnie noch einmal vor, nimmt's mit einem ganzen Bataillon Garden auf und, bei Gott! schlägt in gräßlicher Metzelei durch, nimmt die Batterie!“ „Aber es kostete auch die halbe Kompagnie!“ rief ein alter Hauptmann neben mir.„Ich war Augenzeuge. Er kam, wie gewöhnlich ohne Schramme davon. Ungeheures Glück be⸗ gleitete den Menschen. Der gemeine Soldat läßt sich's jetzt noch nicht ausreden, der Baron habe sich hieb⸗, stich- und kugelfeß machen können.“ Ich hörte mit wahrer Wollust dem lobreichen Gespräch über den guten Olivier zu. Ich er⸗ kannte ihn wieder an allen seinen Tugenden. Man pries besonders seine wohltätigen Hand⸗ lungen. Er war der Gründer und Verbesserer einer Schule für Soldatenkinder und hatte da— für großen Aufwand gemacht. Er hatte im stillen viel Gutes gewirkt, immerdar ein ein⸗ faches, eingezogenes Leben geführt, nie zu dem Mutwillen, nie zu den Ausschweifungen sich geneigt, zu welchen Jugend, Schönheit, Kraft— fülle und Reichtum so leicht verlocken. Ja, die Offiziere gestauden mir, daß der Freiherr bedeutenden Einfluß auf Veredlung des Tons unter dem Offizierkorps, auf die ernstern Sitten desselben und auf dessen wissenschaftlichere Bildung gehabt. Er selbst habe Vorlesungen über verschiedene, dem Krieger nützliche Gegen— stände gehalten, bis es untersagt worden set. „Und warum untersagt?“ fragte ich ver— wundert. „Eben in diesen Vorlesungen,“ antwortete mir einer meiner Tischnachbarn,„offenbarten sich die ersten Spuren seiner beginnendeu Geistes⸗ zerrüttung. Kein Jakobiner im Pariser Natio⸗ nalkonvent hat jemals rasender gegen unsere monarchischen Einrichtungen gewütet und gegen die verschiedenen europäischen Höfe und ihre Politik als er zuweilen. Er sagte geradezu, die Völker selber würden früh oder spät sich helfen, sich und den Königen, gegen Minister- willkür, Priesterherrschaft und Handelsbedrän⸗ gung. Er meinte auch, die Revolution werde unvermeidlich von Volk zu Volk mild oder stürmisch übergehen und werde binnen einem halben Jahrhundert die politische Gestalt Europas verändern. Genug, die Vorlesungen wurden ihm untersagt, und billig und mit Recht. Ebenso toll deklamierte er zuweilen auch gegen den Adel und dessen Vorrechte. Wenn man ihn dann erinnerte, daß er ja selbst Baron wäre, antwortete er:„Ihr habt die Torheit, mich so zu nennen; ich bin ein vernünftiger Mensch und von Geburt ebensoviel wie uuser Profoß., (Fortsetzung folgt.) — Religions statistik. Direktor Zeller vom württembergischen Statistischen Landesamt giebt in der Allgem. Miss.⸗Zeitschrift von den vorhandenen Religions- bekennern folgende Schätzungen: Auf 1000 Menschen kommen: 1) Christen 534940 000 gleich 346 2) Israeliten 10 860000„ 1 3) Mohammedaner. 4) Brahmanen 5) Buddhisten 6) Konfuiseanhänger 7) Shinioisten.. 175 290 000„ 114 214570 000„ 139 120 750 000„ 78 300 630 000„ 196 „foods 8) Polytheisten... 173000 000„ 112 9) Bekenner sonstiger Religionen 170000„ 0,1 Summa aller Erdenbewohner 1544510000 gleich 1000. Die Gruppen 6—9 werden unter die„Heiden“ rubriziert und sind es deren 823 420000, also weit über die Hälfte aller Erdenbewohner— mit anderen Worten: die Majorität der Erd⸗ bevölkerung ist heidnisch. Splitter. Die Leidenschaft macht die besten Beobach⸗ tungen und die elendesten Schlüsse. 1 „ Paul. * * Wirft man dich zum alten Eisen, Laß dich's keine Träne kosten. So allein kannst du beweisen, Daß du sicher bist vorm Rosten. Paul Heyse. D Humoristisches. Der Werdegang des Staatsanwaltes. Stud. jur Böhlicke schimpft einen harmlosen Studenten einen„Saukopf“——— und sticht ihn ab. Kand. jur Böhlicke schimpft den Dr. Schwarz einen„Schwelneproleten“——— und sticht ihn ab. Referendar Böhlicke schimpft den Oberleutnant Schnell einen„dreckigen Affen“——— und sticht ihn ab. Staatsanwalt Böhlicke:„——— Die Angeklagten gingen so weit, sich mit schmutzigen Schimpfworten zu belegen, dann mit Blergläsern auf⸗ einander loszuschlagen. Diese unsägliche Roheit widert mich in tiefster Seele an, und ich verlange von Ihnen die strengste Bestrafung im Namen des Staates, der durch solche Rohlinge gefährdet wird.“— Für die Armen! In einem kleinen Orte Oberösterreichs starb ein Mann an einer ansteckenden Krankheit. Es fand die Todesfallsaufnahme statt und in das betreffende Protokoll wurde eingetragen:„Der Verstorbene hinterließ 300 Gulden bar, ein Mobiliar im Werte von 100 Gulden und einige alte Kleider. Da der Verstorbene mit einer ansteckenden Krankheit behaftet war, wurden seine Kleider den Armen geschenkt!“ Unter Geistlichen.„Laß doch Deine Grübe⸗ leien, lieber Bruder. Das ist klar, Religion muß sein — wovon sollten wir sonst leben!“ (Simplic.) Geschichtskalender. 6. Februar. 1897: Hafenarbeiterstreiks. 7. 1902: Reichstagsdebatte über den Tirpitz'schen Marinevorlage⸗Erlaß. 1898: Zola-Prozeß in Paris. 3. 1898: Landarbeiter-Unruhen in Ungarn. 1894: Bülow, Komponist des Arbeiterliedes„Bet und arbeit'“,. 9. 1901: Gray, Erfinder des Telephons, F. 1896: Konfektions-Arbeiterstreik in Berlin. 10. 1901: Pettenkofer, Naturforscher in München. 1887: Kleiner Belagerungszustand über Offenbach ver⸗ hängt. 11. 1902: Die sächsischen Minister geben ihre Ent⸗ lassung. 1901: Musterkönig Milan, 1. 12. 1867: Allgemeines Wahlrecht zum no dd. Reichstage eingeführt. 1804: Kant, Phllosoph, f. 13. 1895: Sächsischer Bergarbeiterverband aufgelöst. 1837: L. Börne, Dichter, 5. 14. 1902: Kasseler Trebertrocknungsprozeß. 1889: Kleiner Belagerungszustand über Stettin verhängt. Ende des Hamburger — 5 5 8—— Seite 8. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Empfehlenswerte sozialistische Schriften. Die Kolportage⸗Kommission des Wahlvereins— Gießen, Wirtschaft Orbig— empfiehlt: Freie Stunden. Beste Romanlitteratur. Illu⸗ striert. Wöchentlich ein Heft. à 10 Pfg. Die Hütte. Zeitschrift für das Volk und seine Jugend. Illustriert. Prachtvoll ausgestattet. Alle 14 Tage ein Heft. à 25 Pfg. Lohnarbeit und Kapital. Separatabdruck aus der Neuen Rheinischen Zeitung vom Jahre 1849 von Karl Marx. Preis 20 Pfg. Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon, Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg. die Nummer. Weltkrach und Weltmarkt. Eine weltpoli⸗ tische Skizze von Fr. Mehring. Preis 25 Pfg. Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg. Christentum und Sozialismus. Von A. Dic Vorausscezungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie. Von Ed. Bernstein. Preis brosch. 2 Mk. Führer durch das Gewerbe⸗Unfallversicherungs⸗Gesetz. durch das Bau⸗Unfallversicherungs⸗Gesetz. durch das Unfallversicherungs⸗Gesetz für Land⸗ und Forstwirtschaft. durch das Invalidenversicherungs⸗Gesetz. Jedes einzelne Werk ist zusammengestellt nach den neuesten gesetzlichen Bestimmungen und mit einem aus⸗ führlichen Inhalts⸗Verzeichnis mit alphabetischem Sach⸗ register versehen. Die Führer sind jedem Arbeiter ein treuer Ratgeber in allen, die Unfall⸗ und Invaliden⸗ Versicherung betreffenden Angelegenheiten.— Preis des einzelnen Werkchens 25 Pfg., nach auswärts 3 Pfg. Porto. Die agrarische Gefahr. Von Paul Göhre. Der Verfasser schildert in gemeinverständlicher Sprache die einseitige agrarische Interessen⸗Bewegung von ihrer Entstehung bis zu ihrer heutigen das Volkswohl ge⸗ fährdenden Macht und legt dar, wie allein die sozial⸗ Bernstein und das Sozialdemokratische Programm. Von Karl Kautsky. Eine Anti⸗ kritik. Preis brosch. 2 Mk. Städteverwaltung und Munizipal⸗Sozi⸗ alismus in England. Von C. Hug o. Preis brosch. 2 Mk., gebd. 2.50 Mk. Die Agrarfrage. Von Karl Kautsky. Eine Uebersicht über die Tendenzen der modernen Landwirt⸗ schaft und die Agrarpolitik der Sozialdemokratie. Preis brosch. 5 Mk., gebd, in Leinwand 6.50 Mk. Wilhelm Liebknecht. Sein Leben und Wirken. Unter Benutzung ungedruckter Briefe und Aufzeichnungen. Herausgegeben von Kurt Eisner. Mit Porträts und Abbildungen. Preis 30 Pfg. Handelspolitik und Sozialdemokratie. Von Karl Kautsky. Eine populäre Darstellung den handelspolitischen Streitfragen. Preis 30 Pfg. 1 Das Kommunistische Manisest. Von Karl Marx und Friedrich Engels. Preis 15 Pfg. Sozialdemokratisches Reichstagshandbuch. Bebel. Preis 10 Pfg. Diese religlöse Polemik zwischen unserm Genossen und dem Kaplan Hohoff fand bereits in den Jahren 1873/74 statt. Der Inhalt des Schriftchens ist aber noch heute durchaus zeitgemäß. Preis 20 Sozialistische Monatshefte. ein zirka 80 Seiten starkes Heft. demokratische Bewegung die letzten Ziele dieser Bewegung des Junkertums und seiner Anhängsel verhindern kann. Pfg. Jeden Monat Preis pro Heft 50 Pfg. Von Max Schippel. Ein Führer durch die Zeit⸗ und Streitfragen der Reichspolitlik. In 37 Lieferungen A 20 Pfg. Gebunden 9 Mt. Das Erfurter Programm. Von Karl Kautsky. Preis brosch. 1.50 Mk., gebd. 2 Mk. Samstag, den 7. Jebruar 1903, Abends 9 Ahe g dice an vergregz Oeffentliche 7 10 2. I 7 5 Bei 300 Stück Frankolieferung. 1 2 Versand gegen Nachnahme. Für Güte der Ware wird aus⸗ im Jesberg'schen Lokal, Wehrdaerweg 2. Tages⸗Ordnung: 1. Vortrag des Genossen Vetters-Gießen. Kolportage⸗ Kommission. 3. Reichstagswahl. 4. Verschiedenes. Um zahlreiche Beteiligung ersucht Der Vertrauensmann. Konsum-Verein für Marburg und Umgegend. 2. Abrechnung der 7* 9 Millionen Cig arren 100 St. 5 Pf.⸗Cigarren nur M. 2 100* 6 1 7* I 370 100 7 8 7 7 7* 4,70 100„ 1 — A drücklich garantiert. Tausd. Anerkennungen liegen vor Berndt& o., Berlin ⸗ Schöneberg 178a, Ebersstraße 75. Vasserkrüge Packköôrbe kaufen Beuuer& Krumm Gießen, Bahnhofstraße 40. e. G. m. b. Activa. Bilanz am 30. e 1902. Passiva. 5 9 Kassenbestand. 52,35 Geschäftsguthaben... 1057,— J). 1 60 III Uk. Warenbestand 3716,09 Reservefond. e Außenstände 356,76 Kaution des Kassierers. 300.— Hhrmacher e 446,99 Warenschulden. 2247,63 hiessen, Marktplatz 18. Fastagen. 1 53,45 Anleihen. 500,— 90 f Reingewinn. 43951 1 1 8 kark 4625,04 Na 4625,64. 5 2 Mitgliederstand bei Gründung der Genossenschaft 76, Zugang 97, hren,& old⸗ mithin am 30. September 1902 173 Mitglieder. Mit Schluß des l Geschäftsjahres scheidet aus durch Tod 1 Mitglied, es werden dem⸗ Sil Berzvaren nach in das neue Geschäftsjahr übernommen 172 Mitglieder. Die Verkaufsstelle wurde am 3. Mai eröffnet. Betrag der Geschäftsgut⸗ 9 Ende des Jahres Mk. 1057,—, der Haftsumme Mk. 5190,—, mithin haben am Schlaf sse des Jahres die Mitglieder für Mk. 5190,— He eicher aufzukommen. Marburg, den 30. September 1902. Der Vorstand. Gustav Rohr. Christoph Weber. Wetzlar! Wetzlar! 5 Wohnungs- Veränderung. Meiner e 1 Runbschaft mache ich hiermit die Mitteilung, daß ich meine Wohnung von Sophien⸗ straße 26 nach dem In benpförtchen (neben dem Schlachthaus) verlegt habe. Ich bitte, mir das bisher geschenkte Vertrauen auch in meiner neuen Wohnung Abr bewahren. 0 echt Fauth e eee e Beinrich Doll, Giessen 60 7[Uäusburg 7 1 Papler-Pandlung 7 Buchbinderei: Geschäftsbücher* Drucksachen Elprahmen von Blldern. Cee Franz Fischer. 8 8 . 222 Milnonen mark oz 90 bod, 5 10 0b Täglich frische Kreppel I. uäller e 58. darunter Haupttreff. jähr. von Mk. bun, 00 46 000 kommen im Laufe der Vereinszeit zur Vexloosung Jedes Loos ein Treffer. mindestens ca. 97 pCt. des Ein- ᷓ satzes, daher bei Verloosung fast 2 Lein Risico Unsere Gesellschafts- Kombi- nationen bieten die Grösste Gewinnchancen. 112 perschiedene Nummern Monatlich Beteiligung nur Mk. 4. Anmeld. befürdert umgehend: 30 W. Walter, Essen 322,2 a Uolliurzs 8 8 — . 8 2 8 8 4 2 8 8 8 * E 8 8 2 E 7 0 8 E lesoolsueuesu es in ganz Deutschland gesetzl. erla Fein erna Seine Folgen Eise Tatsachen⸗ saumlung von Preis 50 Pfg. 5 In ca. 8 Tagen erscheint im Verlage von li. Bick& C0. en détail en gros Lang k Wiederstein Marktstrasse 4 Mmlessen Marktstrasse 4 Glas-, Porzellan- und Steingut-Handlung. Schüsseln u. s. w. in weiss und bunt. Bier-, Wein:, u. s. w. zu Gelegenheits- Geschenken. Lampen* Lampenglas* Steinwaren. 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