Gießen, den 7. Juni 1903. 15 Kirchenplatz 11, Schloßgasse. e N 2 Mitteldeutsche Medattionsfctun Donnerstag Nachmittag 4 0 Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch] Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und Bestellung en nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Eypedition in Gießen, Rittergasse 17, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellun 2 Juferate Die ögespalt. Bei mindestens die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33¼% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Parteifreunde! Nur noch wenige Tage trennen uns von der Reichstags— wahl. Benutzt die noch zur Verfügung stehende kurze Spanne Zeit zu ausgiebiger Agitation. Viel steht auf dem Spiele! Nicht blos neue große Lasten werden die cherschenden Klassen im Falle ihres Sieges der Masse der Minderbemittelten und Be— sitzlosen auferlegen, sondern es droht auch die politische Entrechtung aller Arbeiter und aller kleinen Leute. Das Reichs— tagswahlrecht ist in Gefahr! Die Parteien der Junker, Schlot- und Börsen⸗ barone rüsten sich, es zu beseitigen. Darum seid auf der Hut! Tue ein jeder seine Schuldigkeit im Kampfe für Freiheit, Gerechtigkeit und wahres Menschentum. Möge am 16. Juni die Sache des Volkes triumphieren! Die Mittelstandspolitik der Sozialdemokratie. „Mittelstandspolitik!“ So heißt eines der meistgebrauchten und in der leider immer noch nicht ausgestorbenen Schar der Unwissen⸗ den, Denkfaulen und„Armen im Geiste“ un⸗ begreiflicher Weise immer noch ziehenden Schlag⸗ wörter, mit welcher die reaktionären Parteien in den Wahlkampf ziehen, um, dieses Schlagwort als Keule benutzend, die böse Sozialdemokratie wieder einmal zu erschlaͤgen. „Die Sozialdemokraten wollen den Mittel⸗ stand vernichten. Sie freuen sich darüber, wenn recht viele kleine Leute krachen gehen, denn sie sind über nichts glückseliger, als wenn die so—⸗ genannte Verelendung der Massen recht schuell um sich greift.“ So hören wir die sonst so oft einander feindlichen Brüder, die Konser⸗ vativen, Antisemiten, Nationalliberalen und Zentrumsleute mit freundschaftlichst vereinter Lungenkraft schreien. Auch der nationalsoziale Kandidat von Gerlach tutete in einer kürzlich in Waidenhausen abgehaltenen Versammlung in dasselbe Horn. Nun ist es ja an und für sich schon eine unglaublich dumme Lüge, die unsere Gegner mit jenen Worten aussprechen. Die Sozial⸗ demokratie ist wahrlich keine Partei, die Leuten, denen es selber im Leben doch fraglos nicht allzu gut geht, ihr bischen Brot wegnehmen will. Die Sozialdemokratie geht nicht darauf aus, irgend jemanden oder irgend etwas zu „verunjenieren“, sondern sie erstrebt ja, gerade umgekehrt, eine gewisse Gleichmäßigkeit der Lebenshaltung aller durch eine Ausgleichung der schroffen Gegensätze von Arm und Reich. Man könnte also viel eher behaupten, daß die Sozial⸗ demokratie, weil sie ja sowohl das Proletariat als auch das Privateigentum an allen werte⸗ schaffenden toten Gegenständen abschaffen will, eigentlich eine Partei des Mittelstandes sei, denn sie wolle ja eben die Ueberreichen auf das Niveau des Mittelstandes herunterdrücken und die Besitzlosen in den Mittelstand erheben. In gewissem Sinne wäre diese Anschauung sogar nicht ganz unrichtig. Nur müßte man dabei bedenken, daß von einem Mittelstand nach unserem Siege insofern keine Rede sein könnte, als die sozialist. Gesellschaft überhaupt keine„Klassen“ mehr kennen wird und ganz besonders müßte man sich dabei stets vor Augen halten, daß die Art der Lebenshaltung und die Höhe der Kulturstufe, die der Sozialismus erstrebt, natürlich über der Lebenshaltung und Kultur⸗ stufe des heutigen Mittelstandes unvergleich— lich hoch erhaben sein würde. Das eine ist richtig: dem Mittelstand geht es schlecht. Während die Zahl der in ihm beschäftigten Lohnarbeiter(Gehülfen, Lehr⸗ linge, Kommis ꝛc.) beständig steigt und die Großbetriebe überall wie die Pilze aus dem Boden wachsen, bleibt die Vermehrung der selbständigen Kleinbetriebe nachweisbar hinter dem Wachstum der Bevölkerung zurück. Ein großer Teil des Handwerkerstandes nennt sich zwar offiziell noch— und mit welchem Stolz!— Handwerksmeister, nährt sich aber, wie ein überaus großer Prozentsatz der Klempner, Uhrmacher, Schuster, Böttcher, Goldschmiede, Kürschner, Korbmacher usw., entweder überhaupt nicht mehr oder doch wenigstens nur zum Teil noch von selbständiger Warenher⸗ stellung, sondern schlägt sich ganz oder doch wenigstens hauptsächlich nur durch den Handel mit selbstgekaufter Fabrikware oder mit Reparaturen derselben, und auch das noch kärglich genug, durchs Leben. Viele anderen Zweige des selbständigen Handwerks, wie die Spinner, Färber, Weber, Mützenmacher, Gerber, Brauer, Nagel⸗ schmiede, stehen heute schon, man kann wohl sagen, auf dem Aussterbeetat. Der vom Groß— kapital unterhaltene Großbetrieb hingegen greift immer weiter um sich, und wie ein Bär schlägt er mit seinen vergoldeten Tatzen den kleinen Konkurrenten zu Boden und erwürgt ihn. Und das ergeht nicht nur dem Handwerk so, sondern auch dem kleinen Handelstand. Mit berechtigtem Entsetzen sieht der kleine Kaufmann hülflos die übermächtige Entwicklung der Riesenbazare und Warenhäuser. Diese statistisch tausendmal bewiesene Tatsache vom Niedergang des Mittelstandes wird nun von den reaktionären Parteien meist einfach hinweggeleugnet, trotzdem aber schreien sie logischer Weise nach einer„Rettung“ des ihrer Ansicht nach ja nicht einmal in Gefahr befind⸗ lichen Handwerkertums u. Kleinkaufmannstandes! Nun erscheint das mittelstandsretterische Geschrei der Herren Antisemiten ꝛc. ja schon aus dem Grunde als ein ödes und leeres Wahlgequake, weil alle diese Mittelstandsretter in der vergangenen Reichstagsperiode, in welcher sie über die überwiegende Majorität verfügten, absolut nichts unternommen haben, um aus ihren Worten auch Taten zu machen. Als überaus vorsichtige Leute warfen sie ihrem in der Gefahr des Ertrinkens befindlichen Mittelstand nicht einmal einen Rettungsgürtel zu, geschweige denn, daß sie sich selbst in die Fluten gestürzt hätten, ihn vom Untergang zu erretten! Freilich existiert schon jetzt eine sogenanute Mittelstandsgesetzgebung. Hierher gehören z. B. die Beschränkung des Haustierhandels, das Gesetz gegen den unla 1 Wettbewerb, die Umsatzsteuer und die Innungsgesetze. Aber diese Bestimmungen haben entweder nicht d erwarteten Erfolg gehabt oder aber sis 1 sogar wie z. B. das Gesetz gegen den Hausier⸗ org handel, gerade den kleinen Leuten im Mittelstand lästig, ja unheilbringend geworden. Heute agitieren nur die Herren„Mittel⸗ standsretter“ vornehmlich für die gesetzliche Einführung des sogenaunten Befähigungs⸗ nachweises, mit anderen Worten, sie wollen es durchsetzen, daß zum vollständigen Betrieb eines Handwerks erst ein abgelegtes Examen die Berechtigung giebt. Diese For⸗ derung ist geradezu absurd. Der Großhandel, den man doch mit ihr treffen will, bleibt durch sie ganz unversehrt. Dem Großkapfstal kostet es wahrlich nicht viel Mühe, ja nicht einmal viel Kapital, sich zu Vorarbeitern statt wie bisher meist ungeprüfte, nunmehr geprüfte Handwerker zu engagieren! Dagegen wird der Befähigungsnachweis andererseits gerade vielen kleinen Haudwerkern vollends den Garaus machen. Man überlege einmal selbst! Kann man sich von einer weiteren Spezialisie⸗ rung des Handwerks Gutes versprechen? Sollen sich die kleinen Handwerker, zumal die auf dem flachen Lande, denn tatsächlich auf ihr bischen gelerntes Handwerk beschränken müssen, bei Strafe das Gesetz zu verletzen und womöglich in's Gefängnis zu wandern? Soll der Sattler unter keinen Umständen mehr Tapezierarbeit verrichten, der Schreiner niemals mehr Fenster machen dürfen, der Zimmer⸗ mann nie mehr Tischlerarbeit ausführen? Das wäre doch alles andere als Mittelstandsrettung, das wäre die sichere Vernichtung vieler kleiner Existenzen, eine künstlich be⸗ schleunigte Proletarisierung weiter Schichten des Handwerkertums. Da machen die Sozialdemokraten nicht mit. Wie sie die Helfer aller um ihr Leben ringenden Volksklassen sind, so sind sie auch allein die wahren Freunde des Mittel- standes. Freilich, umschmeicheln tun sie ihn nicht, noch weniger, ihm Unmögliches versprechen. Aber sie unterstützen ihn in der Tat, indem sie die kleinen Leute durchihre hartnäckige Gegnerschaft zu allen Zöllen, über⸗ haupt zu allen indirekten Steuern sowie zu der alles verschlingenden Drillingsmißgeburt des Militaris⸗ mus, Marinismus und Kolonialismus in ihrer Eigenschaft als Konsumenten stärken und ihnen auf diese Weise mit einer billigeren und besseren Lebens⸗ haltung auch eine größere Wider⸗ standskraft gegen das Andrängen des Großkapitals verbürgen. Das ist unsere„Stellung des Mittelstandes die einzig ehrliche und die einzig mögliche. Dr. Robert Michels. Politische Rundschau. Gießen, den 4. Juni. Eine Geheimorganisation der Tozialdemokratle hat der Max Lorenz entdeckt und weiß darüber in seiner Antisozialdemokratischen Korre J i Schauermäre en spondenz 7 — 2 eee n 1 e Seite 2. Mtteldentsche Sonutags⸗Zeitung. Nr. 23. hervor, daß die sozialdemokratische Partei in jedem Kreise einen offiziellen Vertrauensmann hat, der den Verkehr mit dem Parteivorstande vermittelt, außerdem in jeder Stadt und jedem Dorf einen örtlichen Vertrauensmann, die zu⸗ sammen mit erprobten Genossen Parteiangelegen⸗ heiten beraten. Natürlich auch solche Gegen⸗ stände, die nicht vor die breite Offentlichkeit und in Versammlungen gehören.— Das nennt man eine„Geheimorganisation!“ Alte Attentats⸗Märchen. R. M. Die nationalsoziale„Hess. Landesztg.“ brachte in ihrer Nummer 127 unter der Aufschrift: Ein Tag trauriger Erin⸗ nerung einen Artikel, weil am 2. Juni 25 Jahre verflossen sind, daß.... auf Kaiser Wilhelm J. das bekannte Nobiling'sche Attentat verübt wurde. Dabei kann sich das demokratisch und modern fühlende Blatt denn auch nicht enthalten, die Mordtat Nobilings der angeblichen„Verirrung durch sozialistische und anarchistische Irrlehren“ zuzuschreiben. Nun, unsere Stellung zu jenem Attentat ist ja sattsam bekannt. Auch für uns ist übrigens der 2. Junt 1878 ein„Tag trauriger Erinne⸗ rung.“ Freilich nicht im Sinne der byzantini⸗ schen Naumannianer. Denn es sind viele Tage im Jahr in denen ein Mord geschieht und selbst wenn wir den Mord aun einem Fürsten für schlimmer ansehen wie den an irgend einem anderen Menschen(was wir natürlich nicht tun), würden wir es dennoch für unter unserer Würde halten, dem Mordversuch eines Irrsinnigen ein Jubiläumsartikelchen nachzuweinen. Wenn wir uns ebenfalls mit Trauer an den Tag erinnern, so geschieht es, weil mit ihm gleich⸗ zeitig auch jene wilde Jagd auf Sozialdemokraten begann, die vielen von unseren Genossen ihre Lebenskraft und manchem sogar das Leben selbst kosten sollte, und das alles nur weil niedrige Rachsucht und bodenlose Bornirtheit in uns die Attentäter auf den Kaiser erblicken wollte. Nun ist die nat.⸗soz. Zeitung schamlos genug, die alten Lügen wieder aufzuwärmen. Es ist historisch festgestellt, daß unsere„Irrlehren“, die ja bekanntlich die Gewalttätigkeit in jeder Form verdammen und nur den Sieg durch den Gedanken predigen, noch zu keiner Zeit und in keinem Volk auch nur einen einzigen ihren Anhänger in die Scharen der Attentäter getrieben haben. Nobiling war, so viel sich feststellen läßt, eine Zeitlang Nationalliberaler gewesen.— Unsere Irrlehren machen niemand zum Mörder. Wir wissen, daß die Monarchie eine Institution ist, und daß auf den Kaiser der Kronprinz folgt. Da wäre es immerhin noch viel eher denkbar, daß die national-sozialen nicht Irr-, aber Wirrlehren bei einem geistesschwachen Menschen ein solches Resultat erzielen könnten. Die Nat.⸗soz. halten an der Institution der Monarchie fest. Aber von der Person des Monarchen erwarten sie allen Segen. Wenn dieser aber einmal nicht ein⸗ treffen sollte... 2 Eine kollektivistisch⸗ organische Weltanschauung wird immer auch praktisch gegen jedwede Bluttat wirksam sein, eine individualistische hingegen ist gegen ein solches Resultat viel weniger gefeit. Individualisten sind aber nicht nur die Anarchisten. Freie Liebe der Ordnungsleute. Alle Wahlflugblätter der Ordnungsparteien sind natürlich auch jetzt wieder voll der albernsten Angriffe auf die Sozialdemokratie. Und wie man es seit Jahrzehnten schon gewohnt war, kann man jetzt wieder lesen, die Sozialdemokratie »beabsichtige“ die christliche Ehe aufzuheben und die freie Liebe einzuführen. In Berlin ist kürzlich der Major Reich von einer ehemaligen Geliebten, die er abge⸗ halftert hatte, erstochen worden.— Man hätte nun in der vaterländisch, christlich und germanischen Presse Bußpredigten über die freie und noch dazu brutale Liebe von Männern erwarten sollen, die sogar den vornehmsten Rock tragen, ganz fromme Blätter hätten viel⸗ leicht auch in der Tat die Buße für die schwere Sünde sehen sollen. Nichts von dem. Man malte vielmehr das vor Eifersucht wahnsinnig gewordene Weib als ein verruchtes Scheusal. Offenbar folgte diese sittliche Presse ganz naiv ihrem dunklen Instinkte, daß die freie Liebe von Majoren und sonstigen staatserhaltenden Persönlichkeiten vor so lebensgefährlichen Konse⸗ quenzen geschützt werden müsse. Hier und da erhob sich ein feuilletonistisches Mitleid für die Mörderin aus Liebe. Solche Gefühlsduselei wurde einem Humoristen des„Tag“ zu toll und er scherzte grimmig: „Du lieber Himmel, wollten alle entlassenen Wirtschafterinnen, die, mit dem„Tageblatt“ zu reden,„begründe e Eifersucht“ hegen, ihre Rechte solcherweise geltend machen, das Tier⸗ garten⸗Viertel wäre mit Leichen übersäet, und die Polizei müßte vor der Börse die Mörderinnenansammlung zerstreuen, um die Straße für den Verkehr freizuhalten.“ Der Mann muß es wissen. Es scheint danach, als ob die Sozialdemokratie verdammt wenig Ehen zu zerstören übrig behalten wird; und die freie Liebe vollends wird sie auch nie⸗ manden mehr lehren können. Wem die Zölle nützen. Unser Leipziger Parteiorgan berichtet nach der„Königsb. Hartung'schen Ztg.“ über einen Fall, der so recht die Wirkung der erhöhten Getreidezölle illustriert: In einem Erbteilungs⸗ falle mußte der Preis eines Landgutes festgestellt werden; der Erblasser hatte es um 60000 Mk. erstanden, dem Erben jedoch, der das Gut übernehmen wollte, wurde von den Miterben unter ausdrücklicher Berufung auf den neuen Zolltarif 80000 Mk. abver⸗ langt. Die Rechnung stimmt allerdings: Wird der neue Zolltarif Gesetz, so steigen die Lebens⸗ mittelpreise, damit die Einnahmen, die Rente, und nach der Rente bemißt sich der Verkaufs⸗ preis des Gutes. Es ist das längst von der Sozialdemokratie erkannt und ausführlich dar⸗ gelegt worden. Das Beisplel zeigt mit aller Deutlichkeit, wem schließlich die Zölle zu Gute kommen. Der Landwirt, der zur Zeit des Bestehens dieser Zölle im Besitze cines Korn und Fleisch für den Verkauf produzierenden Grundstückes ist, hat Chancen, höheren Gewinn aus dem Verkaufe der Produkte zu erzielen; wer aber in Zukunft Land kauft oder erbt, hat die Rente zu verzinsen, und sein Profit schwindet zum größten Teil. Es ist schließlich das zinstragende Kapital, das den Agrariern so verhaßte Geldkapital, das am meisten dabei profitieren wird. Das Fleischbeschaugesetz sollte den Zweck haben, die Gesundheit des Volkes zu schützen, die hochwohlweise vater⸗ ländische Regierung wollte damit das Volk vor dem Genusse des sehr gefährlichen ausländischen Fleisches behüten. Am besten wird nun jeden⸗ falls das liebel verhütet, wenn überhaupt kein Fleisch konsumiert wird, und man muß wirklich anerkennen, daß die Regierung so ziemlich alles getan hat, um in dieser Richtung zu wirken. Nicht etwa, daß sie den Konsum verbietet, beileibe nicht! so rückständig darf man nicht sein; man erhebt nur Gebühren für die Untersuchungen, die zum Schutze der bedrohten Gesundheit der lieben Konsumenten notwendig sind. Daß diese Untersuchungen so viel Geld kosten, ist nun einmal nicht zu ändern, und wenn dann der Konsument diese Kosten nicht mehr tragen kann, so mag er eben Vege⸗ tarier werden. Daß dies keine Uebertreibungen sind, ergiebt sich aus folgenden Beispielen: Die Frankfurter Zeitung teilte mit: In& wurde eine Sendung von 25 Kisten Rückenspeck untersucht. 18 Trlschinenschauer machten sich an die Arbeit und untersuchten mit peinlichster Sorgfalt die 423 Speckseiten. Das Vergnügen kostete nur 265 Mark, während nach den früher bestehenden Vorschriften die Untersuchung 70.50 Mk. gekostet hatte.— Die Weser⸗Zeitung berichtet über die Erfahrungen einer Bremer Firma: Diese hatte 20 Fässer Schweineleber aus New⸗ York bezogen: natürlich mußte die Kontrolle stattfinden und verursachte folgende Kosten: Allgemeine Untersuchungsgebühren— 76.65 Mk., chemische Untersuchung 60.50 Mk., Untersuchung auf Trichinen 295.50 Mk., zu⸗ sammen 429.65 Mk. Außerdem was aber natür⸗ lich noch der Zoll zu bezahlen, der 513.50 Mk., ausmachte, gibt die nette Summe von 943.15 Mk. Im Falle der Wuchertarif Gesetzeskraft erhält, wird sich natürlich die Rechnung noch etwas höher stellen. Es dürfte aber selbst ohne Zollerhöhung unter solchen Bedingungen der Import von Fleischwaren bald aufhören. Daß aber die ein⸗ heimische Landwirtschaft den Ausfall nicht decken wird, nicht decken kann, steht heute schon fest. Gegen die agrarische Unersättlichkeit sprach sich der württembergische Minister Pischek auf der am Dienstag in Geislingen abgehaltenen Wanderversammlung württewbergischer Land⸗ wirte aus. Er richtete an den Bund der Land⸗ wirte eine scharfe Absage und stellte fest, daß heute der Bund der Landwirte weitergehende Forderungen stellt als vor 3 Jahren. Der Appetit komme aber mit dem Essen und die Begehrlichkeit der Landwirte sei durch die Agi⸗ tation der bezahlten Wortführer des Bundes der Landwirte gewachsen. Dem Frieden sei es nicht dienlich, solche besoldeten Agitatoren zu bestellen, die keine Versöhnung, sondern Ver⸗ schärfung der Gegensätze brächten. Der Minister sei nicht allein für die Landwirtschaft da, son⸗ dern müsse auch für Handel, Gewerbe und Sozialpolitik sorgen. Selbst wenn es möglich wäre, soviel Getreide zu bauen, wie Württem⸗ berg brauchte, müßte Württemberg doch noch viele andere Dinge einführen und diese müsse der Export bezahlen. Darum müsse die Regierung auch auf die Erhaltung einer kräf⸗ tigen Exportindustrie bedacht sein, wenn die Lebenshaltung der Bevölkerung nicht zurück- gehen solle.— Nun kann sich der Minister aber freuen! Sich so geringschätzig über die bezahlten Wort⸗ führer auszusprechen! Beißt ihn, Ihr Hirschel und so weiter! Hohe freisinnige Weisheit. Einer der gelehrigsten Schüler Eugen Richters', der Rektor Kopsch hat neulich in einer Versammlung in Liegnitz Folgendes von si h gegeben: „Ich kenne überhaupt kein Prole⸗ tariat, keinen vierten Stand! Beides ist von den Sozialdemokraten nur erfunden worden, um hetzen zu können.“—„Ich bin ein eifriger Turner und habe in den Turnvereinen mit den Arbeitern grade so gut verkehrt, wie mit den anständigen Turnbrüdern!“ „Wer die Gesinde⸗Ordnung beseitigen will, nimmt damit dem Gesinde auch sehr viel Gutes weg.“ Proletarier kennt der Herr nicht, aber die Arbeiter zählt er danach offenbar nicht zu den anständigen Leuten. Und die preußische Gesinde⸗ ordnung erscheint ihm noch als ein Segen. Armer Freisinn! Fleischteuerung in Belgien. Auch in Belgien haben es die klerikalen Großgrundbesitzer fertig gebracht, die Sperrung der Grenzen gegen die Einfuhr von fremden Vieh durchzusetzen. Natürlich hat die Sperre, die im Interesse der Großgrundbesitzers er⸗ folgte, ihre Früchte getragen. Die Fleisch⸗ preise sind so enorm gestiegen, daß der Bürger⸗ meister von Brüssel sich veranlaßt sah, der Regierung eine Eingabe zu machen, in welcher er die sofortige Oeffnung der Grenzen empfiehlt. In dem Schreiben wird mitgeteilt, daß die Fleischpreise in Brüssel, die so schon sehr hohe waren, seit dem 15. Mai noch um weitere 10 pzt. gestiegen seien. Etwa 100 Fleischer von Brüssel seien in der letzten Zeit gar nicht in der Lage gewesen, sich genügend 960 zu verschaffen, andre hätten solches für höheren Preis gekauft als sie es verkaufen konnten. Das ausländische Vieh sei immer rarer, die Bauern könnten sich nicht genug mit Mager vieh versorgen, so daß man schon Milchkühe habe als Schlachtvieh verwenden müssen. Herr de Mot fordert im Interesse der städtischen Be⸗ völkerung die sofortige Oeffnung der Grenzen. — 8 e eee, bene r N Nr. 23. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. Betätigung„christlicher Nächstenliebe“. Ueber die Judenmetzeleien in Kischinew in Rußland werden grauenhafte Einzelheiten bekannt. Aus Privatbriefen wird berichtet: Am Denkmal Alexanders II. in Kischinew wurde ein jüdisches Mädchen tot aufgefunden, mit allen Zeichen der Gewalttat, halb entblößt, mit Schaum vor dem Munde. Ein Blechschmied, der die Ehre seiner Schwester verteidigen wollte, wurde in Stücke gerissen. Mädchen wurden mit ausgeschnittenen Brüsten gefunden; außer Leichen wurden in den Straßen Köpfe, Arme, Beine gefunden, welche vom Rumpf abgeschnitten und auf die Straße geschleudert worden waren... Man hat zehnjährigen Mädchen Gewalt angetan und sie nachher in Stücke gerissen. Eine der Bestien hat während der Gewalttat seinem Opfer die Nase abgebissen, nachher versetzte es ihm Fußtritte und riß es in Stücke. Bei Männern wurden Nasen, Ohren, Hände, Beine abgerissen und Zungen ausgeschnitten. Einem Manne hat man lebend die Haut von Schädel abgezogen, dem anderen in die Augen Holzstücke hineingeschlagen. Kindern hat man Händchen und Beinchen abgeschnitten und sie auf die Straße geworfen, oder man schlug sie so lange mit den Köpfen an die Wand, bis die letztere mit Blut und Hirn bedeckt war. Mehr als 100 Ermordete sind schon begraben. In den Krankenhäusern stirbt jeden Tag eine Menge fürchterlich Verstümmelter.— Wenn solche Ueberbestialitäten von einer Bevölkerung verübt werden, die so strenggläubig„christlich“ erzogen ist, muß da nicht jeder menschlich fühlende von von dieser Sorte Christentums den tiefsten Ab⸗ scheu empfinden? Zu den Judenmetzeleien in Kischinew erläßt das internationale sozialistische Bureau einen Aufruf an die Arbeiter aller Länder, worin es heißt: Wer das Verfahren der Regierung Nikolaus II. kennt, der wird in diesen traurigen Vorgängen nichts als einen Abschreckungsversuch und zu— gleich einen Racheakt sehen gegen die Juden wegen der revolutionären Tätigkeit des jüdischen Proletariats in Rußland. Der russische Absolutismus sucht in der Erregung von Rassen⸗ und Religionshaß ein Mittel, die allgemeine Unzufriedenheit abzu⸗ lenken, und zugleich einen Vorwand, um eine Bevölkerung im Blute zu ersticken, die, indem sie für ihre Befreiung kämpft, ihn in seiner Existenz bedroht. Wir denunzieren diese verwerfliche Politik allen Arbeitern, allen ehrlichen Menschen! Schmerzlich bewegt bei dem Gedanken an die Opfer, die unter den Streichen des Agenten des Zarismus gefallen sind, tief empört von jenen scheußlichen Vorfällen, richten wir an die zivilisierte Menschheit einen dringenden Appell, damit Wiederholungen dieser Greuel vermieden werden. In Südrußland, in Polen, in Litauen, überall, wo eine dichte jüdische Bevölkerung vorhanden ist, da ist die Wiederkehr der Er⸗ eignisse von Kischinew zu befürchten. Arbeiter, wenn die Regierungen nicht sprechen noch handeln wollen, dann sprecht und handelt Ihr! Wenn bei den Regierungen kein Mitleid, kein menschliches Gefühl mehr zu finden ist, dann laßt sie Euren Protest hören und bringt Eure Entrüstung zum Ausdruck! 1 Die Wahlbewegung. In 396 Wahlkreisen stellt die sozialdemokratische Partei Kandidaten auf. Als einziger Wahlkreis bleibt nur der elsässische Kreis Saarburg unhes etzt. Die Zentrumspartei stellt in den Zoberhessischen Wahlkreisen Gießen, Als⸗ feld, Friedberg den Landtagsabgeord⸗ neten Molthanu als Reichstagskandidaten auf. Sozialdemokratische Reichstagskandidaturen in Oberhessen und den angrenzenden Wahlkreisen. Wahlkreis Giessen-Grünberg-Nidda: Eduard Krumm, Kaufmann und Stadt⸗ verordneter in Gießen. Wahlkreis Friedberg-Büdingen: Heinrich Busold, Schreinermeister und Stadtverordneter in Friedberg. Wahlkreis Alsfeld-Lauterbach- Schotten: Dr. phil. Robert Michels in Marburg Wahlkreis Wetzlar- Altenkirchen: August Bebel in Berlin. Wahlkreis Marburg-Kirchhain: Paul Bader, Schriftsteller in München. Wahlkreis Limburg-Diletz(4. nass.): Robert Habicht, Schreiner in Frankfurt. Wahlkreis St. Goarshausen-Nassau(. n.): F. A. Vetters, Redakteur in Gießen. Zur Beachtung bei der Reichstagswahl! Das Geheimnis der Wahl ist gesichert! Keine Stimmzettelspitzeleri mehr! Nach dreißigjährigem Sträuben hat sich die Regierung zum Aerger der Rückwärtser endlich entschlossen, die verfassungsmäßige Geheimhaltung der Wahl zu sichern. Jeder kann diesmal furchtlos den Mann seiner Ueberzeugung wählen. Niemand kann seine Abstimmung kontrollieren. Kein Gutsherr, Inspektor, Fabrikleiter ꝛc. kann mehr die Arbeiter mit kenntlich gemachtem Wahlzettel zur Urne marschieren lassen. Jedermann nehme sich in der Tasche von Hause einen sozialdemokratischen Wahl⸗ zettel ins Wahllokal mit. Er muß ungefähr 9 zu 12 Zentimeter groß sein. Wesentliche Abweichungen in der Zettel größe machen die Wahl ungültig! Im Wahllokal empfängt er ein amt⸗ liches Wahlkouvert, die alle gleich sind und keinerlei Kennzeichen haben dürfen. Mit dem Wahlkouvert geht jeder einzeln in einen Nebenraum oder an einen durch einen Verschlag abgetrennten Tisch. Hier steckt der Wähler, unbeobachtet von jeder— mann, seinen sozialdemokratischen Stimm—⸗ zettel in den Umschlag und schließt ihn wie einen Brief; Zukleben ist nicht not⸗ wendig. Der Wahlvorsteher darf keinen Zettel annehmen, der nicht vorher an der vor Zuschauern geschützten Stelle in den Um—⸗ schlag gelegt ist. Man achte darauf, daß der Nebenraum oder der Tisch so beschaffen ist, daß wirklich niemand beobachten kann, was für einen Zettel der Wähler ins Kouvert steckt. Der Wahlvorsteher hat die Kouverts in geschlossene Gefäße(Urnen), die oben einen Spalt haben, zu legen. Ungesetzliche Wahlgefäße Wahl ungültig! Die Wahl dauert diesmal von 10 bis 7 Uhr. Niemand darf aber seine Stimme nach 7 Uhr abgeben, auch wenn er vor 7 Uhr im Lokal ist. Es empfiehlt sich also, nicht im letzten Augenblick, sondern so früh wie möglich zu erscheinen, damit jeder seine Stimme bis 7 Uhr abgeben kann. Eure Arbeitgeber können Euch bei diesen Wahlen nicht mehr für die Betätigung machen die Eurer sozialdemokratischen bestrafen. Ihr wählt frei! Wählt sozialdemokratisch! Von Uah und Lern. Hessisches. J Freisinn in Gießen und Darm⸗ stadt. Im Gegensatz zu unseren Gießener Freisinnigen, die schon selt Jahren den National⸗ liberalen Schlepperdienste leisten, scheint in Darmstadt noch eine freisinnige Partei etwas besserer Qualität vorhanden zu sein. In einer am Freitag dort stattgefundenen freisinnigen Versammlung erklärte Prof. Staudinger, daß die Nationalliberalen mehr und mehr jeder Willkürpolitik Vorschub leisteteten. Die Herren Dr. Reis, Fabrikant Langenbach und Andere betonten, daß der Kampf gegen die Reaktion hauptsächlich gegen die Reaktionäre in national⸗ liberalem Gewande geführt werden müsse. Freisinn und Freisinn ist eben je nach den ört⸗ lichen Verhältnissen bald links bald rechts wie's gerade trifft. — Liberale Kampfesweise und Amtsblatt⸗Rüpelei. Die Herren von der Mischmasch⸗Kandidatur Heyligenstädt fangen den Wahlkampf recht vielversprechend an. Sie wollen, wie es scheint, durch gehässige und ver⸗ leumderische Angriffe auf unsere Partei ersetzen, was sie bisher an wirklicher Wahlarbeit nicht geleistet haben. Und als Preßkosak haben Ueberzeugung sie sich den Redakteur des Amtsblattes erkoren, der sich auf das Geschäft der Sozialistenver⸗ nichtung oder wenigstens ihrer Verdächtigung schon einigermaßen versteht. Das beweist er durch die in seiner Pfingstnummer enthaltene Anpöbelei unserer Partei. Da wird zunächst mitgeteilt, daß in der„liberalen“ Versaumlung keine Diskussion stattfinden werde und die feige Kneiferei wird zu rechtfertigen gesucht unter Hinweis auf irgendwo angeblich vorgekommene sozialdemokratische Ausschreit ungen in Wählerversammlungen. Das Amtsblatt druckt eine solche Schauermär als dem als Lügen⸗ blatt bekannten„Fränk. Kurier“ ab und fügt dem hinzu: „Derartige anmutige Scherze, deren wir hier in Gießen womöglich auch teilhaftig werden können, wollen wir uns ersparen.“ Diese ganz gemeine Verdächtigung hat unser Wahlkomité sofort durch ein in der ganzen Stadt verbreitetes Flugblatt zurückge⸗ wiesen. Unsere Parteifreunde wurden darin aufgefordet, der Versammlung der Angstmeier fern zu bleiben. Weiter unsere Redner in den zahlreichen Versammlungen, die bisher von unserer Seite abgehalten wurden, mit keinem Worte die Person des aufgestell⸗ ten gegnerischen Kandidaten angegriffen haben, außerdem wird darauf hingewiesen, daß wiedes⸗ holt liberale in unseren Versammlungen volle Redefreiheit genossen, daß erst am Sonntag ein liberaler Redner in Queckborn drei⸗ viertel Stunden redete und dabei hervorhob, wie ruhig und anständig es in der Versamm⸗ lung zugehe. Aber die in der Verleumder⸗Notiz enthaltenen tatsächlichen Angaben erwiesen sich als plumper Schwindel. Unserem Zentralorgan, das Erkundigungen darüber einzog wurde berichtet: Die Ruhestörer waren nicht die Sozialdemokraten, sondern die Freisinnigen. Genosse Zöllner war in die Versammlung gekommen,(es handelt sich hier um eine Versammlung in Fürth. D. R.) nicht um das Wort zu ergreifen, sondern um für die Zeitung Bericht zu erstatten. Der freisinnige Kandidat Barbeck bielt eine Schmährede gegen die Sozialdemokratie und provozierte die anwesenden Genossen in der unerhörtesten Weise. Diese verhielten sich sehr maßvoll und wurden nur fünf bis sechs Zwischenrufe laut. Nach Barbecks Schimpfrede erbat sich Genosse Zöllner das Wort, um die Augr affe zurückzuweisen. Allein kaum hatte er drei Sätze gesprochen, als er von den Freisinnigen niedergebrüllt wurde. Diese haben den Skandal gemacht und nicht die Sozlaldemo— kraten. Gegen einige Genossen ging man sogar hand— greiflich vor. Ebenso erlogen sind die Angaben über die Ver⸗ sammlungen in Leichendorf und Baudenbach. Auch dort verhielten sich unsere Parteigenossen durchaus 2 wird betont, daß. —ͤ * 15 4 28 — elner . 1 —— ——— — 93————— W —— — 2 Seite 4. Milleldeulsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 23 anständig. Einige Zwischenrufe brachten die Freisinnigen in Zorn. Betrunkene, die in der Versammlung anwesend waren und mit andren Besuchern persönlichen Streit anfingen, haben mit unserer Partei gar nichts zu tun.“ Daß die Freisinnige Partei nicht gegen diese pöbelhaften Angriffe des Gießener Amtsblattes, gegen die verächtliche Kampfes⸗ weise des liberalen Wahlkomitees protestiert, mag Mancher bedauern, der bisher noch glaubte, daß die Freisinnige Volkspartei mit einem Tropfen demokratischen Oeles gesalbt sei; aber das Verhalten dieser Partei hier in Gießen bestätigt lediglich die schon öfters anderwärts gemachte Erfahrung, daß die Freisinnigen mehr und mehr in das reaktionäre Fahrwasser ge⸗ raten. Wirklich freisinnige Elemente schlagen sich- zur Sozialdemokratie; die Uebrigen treten verstimmt bei Seite oder gehen in den national⸗ liberal⸗antisemitisch⸗konservativen Mischmasch auf. Die meisten der ihren haben aber ver⸗ gessen, was ein Führer des Freisinns, der berühmte Professor Mommsen, vor mehreren Monaten schrieb: „. es ist leider wahr, zurzeit ist sie(die Sozial⸗ demokratie) die einzige große Partei, die An⸗ spruch hat auf politische Achtung. Von dem Talent ist nicht nötig zu reden; jedermann in Deutsch⸗ land weiß, daß mit einem Kopf wie Bebel ein Dutzend ostelbischer Junker so ausgestattet werden könnten, daß sie unter ihresgleichen glänzen würden. Die Hingebung, die Opferbereitschaft der sozialdemokratischen Massen imponiert auch dem, der ihre Zwocke nichts weniger als teilt... Dem eben so falschen wie perfiden Köhler⸗ glauben muß ein Ende gemacht werden, daß die Nation sich teilt in Ordnungsparteien und in eine Umsturzpartei, und daß es die erste politische Pflicht der zu jenen sich zählenden Staatsbürger sei, die Millionen der Arbeiter als pestverdächtig zu meiden und als staats⸗ gefährlich zu bekämpfen. In der Tat gibt es im politischen Leben weder Ordnungs⸗ noch Umsturz⸗ parteien, oder wie man es auch ausdrücken kann, jede Partei ist eine Umsturzpartei. Das war noch ein ech ter Liberaler! E Das Gießener Amtsblatt quittiert in der Donnerstags Nummer in der ihm eigenen Weise, über die moralischen Ohrfeigen, die ihm das sozialdemokratische Wahlkomitee für seine Verleumdungen zu applizieren gezwungen war. Es ist der alte Amtsblattkuiff: Erst den poli⸗ tischen Gegner aufs gröbste beschimpfen und dann sich über den groben Keil der auf den Amtsblattklotz kommt, sittig und verschämt wie ein Backfischchen zu entrüsten. Selbstverständlich hütet sich das Blatt auch nur ein sachliches Wort zu schreiben und so stellen wir nochmals fest: Es war eine amtsblattliche Unver⸗ schämtheit ersten Ranges, uns zu unter⸗ schieben, daß wir gegnerische Versammlungen stören wollten. Gerade von gegnerischer Seite bird diese Knüppeltaktik geübt. Erst kürzlich kam die Nachricht von Ausschreitungen, welche die Zentrumsleute gegen unsere Genossen in Solingen und anderen Orten Rheinlands und Westfalens begingen. Und wie geht's unseren Genossen und Flugblatt⸗Verteilern erst in den gesegneten Gefilden Ostelbiens, wo der„Gieß. Anz.“ seine Redakteure herbezieht! Dort sind talsächlich unsere Genossen des Lebens nicht sicher, dort sind die„Staatserhaltenden“ ge⸗ wohnt, den politischen Kampf mit Stuhlbeinen ꝛc. zu führen. Nun führt der Anzeiger eine Reihe Zahlen an, durch welche nachgewiesen werden soll, daß die an dem Staatshaushalt, den Militärlasten und dem Steuerwesen von sozialdemokratischer Seite geübte Kritik nicht berechtigt sei. Zu⸗ nächst ser bemerkt, daß die Zahlen, durch die das Amtsblatt beweisen will, wie herrlich die Zustände im deutschen Vaterlande sind, der im Auftrage des Zentralverbandes deutscher In⸗ dustrieller herausgegebenen Broschüre von Bürger(Fränkel) entnommen stnd, die längst eine gründliche Widerlegung durch eine sozialdemokratische Broschüre erfahren hat. Redet der Anzeiger z. B. von den Militär⸗ und Steuerlasten anderer Länder, so müßte er ehrlicherweise auch die Einkommensverhältnisse dieser Länder anführen. Im Großherzogtum Hessen sind rund 150000 Steuerzahler mit unter 900 Mk. Einkommen angeführt, während die indirekten Steuern allein über 80 Mk. pro Familie betragen. Hierzu kommt die durch Zölle bewirkte Inlandssteigerung, die man bet Getreide allein ruhig auf 40—50 Mark pro Familie schätzen kann. Das sind 10—15 Proz. des Einkommens an indirekten Steuern, die gerade den 600 Mark Mann belasten wie den Millionär. Hätten die Arbeiter in Deutsch⸗ land Einkommen wie in Amerika und Eng⸗ land, könnte die Arbeiterklasse auf alle die „Wohltaten“ verzichten, deren Kosten sie selbst ja vorher erst verdienen müssen. Eugen Richter und die Freisinnigen werden vom Amtsblatt gelobt. Das wird für den Vater der Sparagnes ein magerer Trost sein, denn er ist in seinen guten Tagen von der Reptilpresse argegeifert worden. Uns tut der Mann leid, der noch auf seine alten Tage auf das Niveau der Schweinburg, Korbmacher, Fischer, Fränkel, Fink, Lorenz und der sonstigen Sozialistentöter herabgekommen ist. Jedenfalls ist ihm das„Schimpfen“ der Sozialdemokratie noch nicht so unangenehm, als wie das Lob der Reptilchen im Lande. — Ein angeblicher Handwerker ergriff dieser Tage im Anzeiger in einem Ein⸗ gesandt das Wort zu den Reichstagswahlen. Das Fabrikat kommt uns zwar etwas ver⸗ dächtig vor, wir argwöhnen, daß es irgendwo in einem Mischmasch-Wahlkomitee oder einer antisozialdemokratischen Korrespondenz auf die der„Anzeiger“ ja abonniert ist, entstand. Das soll uns nicht weiter anfechten. Wenn der„Hand⸗ werker“ aber klagt, daß für den Mittelstand nichts getan worden sei— ja die patentierten Mittelstandsretter hatten doch bisher im Reichs⸗ tag die NMehrheit! Warum taten sie nichts? Sollte die Handwerksretterei blos Schwindel sein? Am Schlusse seiner Epistel sagt der „Handwerker“: „Jeder, der dem gewerbtätigen Mittel⸗ stand angehört und für die Folge einen seinen Standesinteressen würdigeren Vertreter im Reichstage wissen will, trete ein für den Kandidaten der freisinnigen national⸗ liberalen Partei, falls es nicht mehr möglich sein sollte, einen geeigneten Kandi⸗ daten aus dem kleineren Mittelstande zu proklamieren, denn als selbständiger Hand⸗ werker oder Geschäftsmann einen Sozial- demokraten wählen, hieße direkt gegen sich arbeiten.“ Sollte das wirklich ein Handwerker ge⸗ schrieben haben, so empfehlen wir ihm unseren heutigen Leitartikel zum eingehenden Studium. Allerdings macht die Sozialdemokratie den Handwerkern keine unerfüllbaren Versprechungen, redet ihnen nicht vor, daß Befähigungsnach⸗ weis und Innungsrummel geeignete Mittel wären, dem Handwerk den„goldenen Boden“ zu verschaffen. Der Großindustrielle Heyligenstädt, der außerdem noch für die das Handwerk schwer belastenden Zölle eintrikt, als Handwerksretter! Es ist zum Lachen! Jeder einsichtige Handwerker stimmt für die Sozialdemokratie! Inu der liberalen Wähler⸗ versammlung, die am Donnerstag in Steins Garten tagte, hatten sich doch ca. 400 Teilnehmer eingefunden. Ein großer Teil war natürlich in Erwartung einer Diskussion hin⸗ gekommen und sah sich schwer enttäuscht. Auch von unseren Parteifreunden waren eine große Anzahl anwesend. Das ist zu tadeln! So⸗ bald vom Wahlkomitee eine Parole ausgegeben ist, muß sie befolgt werden!— Im Uebrigen machte die Versammlung einen jämmerlichen Eindruck. Die ganze Geschichte dauerte nur / Stunde. Erst„entwickelte“ Herr Heyligen⸗ städt sein„Programm“, das heißt, er las von einem Zettel herunter, was er wollen soll und was ihm vorher irgend einer aufgeschrieben hat. Dann beschäftigte sich Herr Schloß⸗ macher⸗Offenbach mit den Handelsverträgen, Herr Gutfleisch ging auf das Flugblatt des sozialdemokratischen Wahlkomitees ein, nahm aber auch keine Veranlassung, die gemeinen Verdächtigungen unserer Partei durch den An⸗ zeiger von sich und dem liberalen Wahlkomitee abzuweisen. So lange das nicht ge⸗ schieht, müssen wir annehmen, daß das liberale Wahlkomitee Uebrigens diese Pöbeleien billigt. spielte Herr Gutfleisch den politisch Naiven. Er sagte, wir hätten für den Kandidaten der Liberalen eintreten(1) sollen, erst erklärte er aber, die Freisinnigen scheide von der Sozial- demokratie eine ganze Welt, was ganz richtig ist. Köhler sei keine„würdige“ Vertretung, meinte er, vergaß aber zu sagen, daß ihn die Freisinnigen gewählt haben! — Andere Kerle als die Gießener Frei⸗ sinnigen sind die Mainzer. Sie beschlossen am Mittwoch in einer gut besuchten Versamm⸗ lung einstimmig, bei der Reichstagswahl mit allen Kräften für den Kandidaten der sozial⸗ demokratischen Partei Dr. David ein⸗ zutreten. J Versammlungsstörungen. Die bürgerliche Presse hat sich nach dem Schema Eugen Richters einen Rubrik zugelegt, in welchem sie über sozialdemokratische Versamm⸗ lungsstörer die unglaublichsten Schauer⸗ geschichten erzählt. Wo ein Körnchen Wahrheit in diesem systematischen Schwindel steckt, mißbilligen wir, im Einverständnis mit der ganzen Partei derartige Störungen.— Man muß aber auch einmal nach den Ursachen der an sich meist recht harmlosen Vorgänge (Zwischenrufe ꝛc.) fragen. Es gibt auch unter uns temperamentvolle Leute, denen solche Verdächtigungen wie die des„Gießener Anzeigers“, wo man uns verblümt als Rüpel bezeichnet, das Blut in Wallung bringen. Hierzu kommt die systematische Saalab⸗ fkreiberei, durch Behörden, Krieger⸗ vereine, Fabrikanten und auch durch die bürgerlichen Parteien. Da ist es begreislich, daß die um ihr gesetzlich garantiertes Versamm⸗ lungsrecht betrogenen Arbeiter sich nicht immer in der Stimmung befinden um noch Beleidigungen und Verdächtigungen gegnerischer Redner widerspruchslos hinzunehmen. Hätten wir, wie z. B. die Liberalen, bei der 98er Wahl, die uns als die herabgekommensten Mit⸗ glieder der menschlichen Gesellschaft bezeichneten, gehandelt, dann hätte man die Herren schimpfen, toben hören sollen! Unseren Genossen sagen wir nochmals: Laßt die Augstmeier unter sich! — Ortskrankenkasse. Am Mittwoch fand eine zahlreich besuchte Versammlung der Generalvertreter im„Postkeller“ statt, um den Geschäftsbericht sowie den Bericht über den Krankenkassen-Kongreß in Berlin entgegen zu nehmen. Auf den Geschäftsbericht gehen wir in der nächsten Nr. näher ein, für heute sei nur bemerkt, daß von den Kontrolleuren be⸗ stätigt wurde, daß die Geschäftsführung sich in bester Ordnung befinde. Ueber den Kongreß, zu welchem die Herren Hanau, Dahmer und Fourier delegiert waren, erstattete der Vorsitzende Dahmer eingehend Bericht. Auch darauf kommnen wir noch zurück. Aus dem Areise gießen. Wahlagitation. unsererseits noch Versammlungen in Watzenborn, Queckborn und Großen-Buseck abgehalten. Ueberall war guter Besuch zu verzeichnen. In Watzenborn erörterte Gen. Krumm ausführlich die Tätigkeit des verflossenen Reichstags, besprach den Zolltarif und die Wirkung der Zölle; Militarismus, Marine und Kolonialpolitik erfuhren eingehende Kritik. Die gegen die Sozialdemokratie er⸗ hobenen Vorwürfe wurden zurückgewiesen. Krumms Ausführungen wurden durch Genosse Vetters ergänzt, während Häuser⸗Steinberg die Wahl Krumms empfahl und zur Organisation aufforderte.— Sehr gut besucht war auch die Versammlung in Queckborn. Mit gespannter Aufmerksamkeit wurden die Darlegungen des Genossen Vetters verfolgt und beifällig aufgenommen. In der Diskussion sprach der Nationalliberale Jöckel aus Grünberg, der in langen Ausführungen für die Kandidatur Heyligenstädt eintrat. Der Redner ver⸗ mied indessen gehässige Angriffe auf unsere Partei, erkannte vielmehr die Ruhe und Sachlichkeit in der Versammlung an. Seine Ei nwendungen wurden von Vetters widerlegt. In Großen⸗Buseck sprach am Sonntag Abend Genosse Krumm in sehr stark besuchter Versammlung über die Reichstagswahl. Er wies besonders darauf hin, daß der Kampf gegen unsere Principien von den Gegnern aufgegeben sei. Nur noch mit den kleinlichsten Mittelchen und Zitaten, die meistens mit der Reichstagswahl gar nichts zu tun haben, krebsen Antisemiten und Nationalliberale herum. Dabei kommt es auf eine Handvoll Lügen nicht an, wie Redner unter lebhaften Beifall an Beispielen Vor den Feiertagen wurden — 0 — — n * Nr. 23. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung Seite 3. zeigt. Sodann wendet sich Krumm gegen die Unter⸗ stellung des liberalen Wahlkomites, als ob wir Rüpel und Rowdys wären; die Herren aus den besitzenden Kreisen könnten von uns noch Anstand lernen. Gegen solche gemeine Verleumdungen muß am 16. Juni die Antwort lauten: Nieder mit den LügenpeternI Eingesandt. Aus Wieseck ging uns unter Bezugnahme in der vorletzten Nr. erschienen D.⸗Artikel folgende Zuschrift zu: Ein Konflikt, wenn man überhaupt von einem solchen sprechen kann, zwischen dem Bürgermeister und dem Gemeinderat besteht zur Zeit nicht. Der Konflikt, den der Artikelschreiber meint, besteht nur zwischen dem Gemeinderat und dem Kreis amte wegen der von dem Kreisamte festgesetzten Büreaukosten des Bürgermeisters. Daß es sich um eine seitens des Bürgermeisters besonders gestellte Mehrforderung der Büreaukosten handelt, ist gänzlich unwahr. Die Büreaukosten der Bürgermesster der Landgemeinden des Kreises Gießen wurden seinerzeit seiteus des Kreisamtes einheitlich geregelt, mit Rücksicht darauf, daß das Bürgermeisteramt infolge der neuen Gesetze in der jetzigen Zeit und namentlich in größeren Orten eine ganz bedeutende Arbeitslast in sich vereinigt und nicht mehr ein bloßes Ehrenamt sei. Der Arbeits⸗ last entsprechend sollten auch die Büreaukosten gezahlt werden. Nach der vom Kreisamt bestimmten Regelung berechneten sich die Büreaukosten für Wieseck als der größten Landgemeinde des Kreises mit ca. 3000 Ein⸗ wohner auf 1786 Mk, incl. des Staatszuschusses auf 1986 Mk. Das Kreisamt hatte danach an den Gemeinde⸗ rat das Ansinnen gestellt, dieser Berechnung zuzustimmen. Der Gemeinderat lehnte dies ohne jegliche Begründung und ohne jeden Vermittlungsantrag zu stellen, wiederholt ab. In allen Gemeinden des Kreises— mit Ausnahme, daß etwa eine Gemeinde in letzter Zeit Neuwahl des Bürgermeisters gehabt hätte, jedoch wird diese Gemeinde sicher mit der gedachten Regelung der Büreaukosten nachfolgen— werden die Büreaukosten nach der vom Kreisamte festgesetzten Norm gezahlt; blos in Wieseck nicht: etwa weil hier weniger Arbeit ist? In Lich mit 2400 Einwohner betragen die Büreau⸗ kosten ohne Versehung des Standesamts 2400 Mk., in Alten⸗Buseck mit 1219 Einwohner 1100 Mk., Großen⸗ Buseck mit 1705 Einwohner 1350 Mk., Großenlinden mit 1737 Einw. 1350 Mk., Heuchelheim mit 2145 Einw. 1500 Mk. ausschließlich des Staatszuschusses, Kleinlinden mit 1526 Einwohner 1240 Mk., Hungen mit 1369 Einw. 1250 Mk. und Wieseck 2632 Einw. der letzten Volkszählung 1200 Mk. Unter diesen vorstehenden Orten— es sind die größten und bedeutendsten des Kreises— bezahlt Mieseck seinen Bürgermeister am schlechtesten. Wenn der Artikelschreiber Sparsamkeit üben will, warum zieht er nicht das gute Gehalt des Rechners in Betracht? Dasselbe betrug im verflossenen Jahr 1500% Die weiteren Ausführungen des Artikelschreibers bedürfen hiernach wohl nicht mehr der Beachtung, denn die Bürgerschaft wird nach Kenntnisnahme vorstehenden Ausführungen die Angelegenheit ganz anders beurteilen und wohl zu einer ganz anderen Ansicht gelangen, als es der höchste Wunsch des Artikelschreibers ist. d. Aus dem Nreise Alsfeld-Cauterbach. „Eine Berichtigung. Wir brachten in Nr 20 unseres Blattes eine Mitteilung, wonach in Alsfeld an zwei schulpflichtigen Kindern Sittlichkeitsverbrechen begangen wurden, deren Verüber Angehörige der„besseren“ Kreise wären. Dazu erhalten wir von der Staatsanwalt⸗ schaft beim Landgericht der Provinz Ober⸗ hessen folgende Zuschrift: „Zu der in Nr. 20 dieses Blattes erschienenen Notiz, wonach in Alsfeld an Schulkindern Sittlichkeitsverbrechen von Personen verübt worden seien, die„fast ausnahmslos Angehörige der sog. besseren Kreise“ seien, und worin ausgesprochen wird, daß die Täter vielleicht längst ver⸗ haftet wären, wenn sie dem Arbeiterstande angehörten, wird bemerkt, daß die Angeschuldigten ein Schreibgehilfe, ein Maurer und ein Weichensteller sind und daß zwei dieser Personen verhaftet sind.“ Unser Gewährsmann wird wohl nicht ver⸗ fehlen, sich hierzu weiter zu äußern. Aus dem Rreise Wetzlar. K. Eine antisemitische Versamm⸗ lung, die keine war,„tagte“ am Mittwoch vor 8 Tagen in Bieber. Herr Reuther wollte dort seine antisemitische Weisheit aus- kramen. Sie zu hören waren aber noch keine 20 Mann erschienen, darunter noch eine Anzahl, die sich als entschiedene Gegner des Antisemitis⸗ mus bekennen. Herr Reuther hielt es deshalb für geratener, sich still wieder zu drücken und die Versammlung gar nicht zu eröffnen. Zu diesem Entschlusse mag wohl auch mit bei⸗ getragen haben, daß zufällig unser Genosse Vetters anwesend war. Aus dem Rreise Marburg⸗Rirchhain. R. M. Professoren-Ausichten über Soztalismus. Man ist es ja leider gewohnt, daß, wenn deutsche Universitätsprofessoren einmal über soziale Dinge reden, die Herren sich halt stets als ziemlich unbeschriebene Blätter präsentieren. So unwissend aber, wie, nach seiner in Nr. 145 der„Oberhess. Zeitung“ abgedruckten Rede nach zu urteilen, der derzeitige Rektor der Marburger Universität, Prof. Dr. Th. Birt in diesen Dingen ist, dürften fraglos doch nur wenige seiner Kollegen sein. Gelegentlich der Einweihung einer sogenannten Bismarcksäule hielt derselbe eine Rede, in welcher es u. a. wörtlich heißt: „Denn genußsüchtig ist unsere Zeit geworden. ... Auf Wohlleben zielt der Großhandel, auf Wohlleben der ganze Sozialismus der Gegen⸗ wart und Arbeiter und Arbeiterfreunde sind bereit, um des Wohlleben willen unser Vater⸗ land selbst mitsammt dem Königtum zu zer⸗ trümmern. Wir aber wollen nicht vergessen, daß der Egoist eine Niete ist im Haushalt Gottes und daß nur der lebt, der dem Ganzen lebt“. Mit dem letzten Nachsatz sind wir ein⸗ verstanden. Er ist sogar unser Kernsatz. Daß Herr Birt das aber nicht weiß, beweist nur, daß er, um in seinem eigenen pastoralen Ton weiter zu reden, offenbar eine Niete im Haus⸗ halt der politischen Wissenschaft ist. Es ist einfach empörend, daß ein Vertreter der Wissenschaft über ein so wichtiges Problem wie es die moderne Arbeiterbewegung ist, so geradezu gewissen⸗ los unwissenschaftlich zu urteilen wagt. Wir könuen dem Herrn Birk an dieser Stelle nicht gut eine Privatvorlesung über National⸗ ökonomie und Sozialismus halten, legen ihm aber nah, sich von hiesigen Arbeitern einmal über Theorie und Praxis der sozialistischen Bewegung orientieren zu lassen. Auch unsere Versammlungen stehen ihm frei. Er sei hier⸗ mit feierlichst zum Besuch derselben eingeladen. R. M. Es kriselt bei den Nationalsozialen! „Nationale und Sozialdemokraten“ überschreibt die„Hess. Landesztg.“ einen dieser Tage von ihr gebrachten Ar⸗ tikel, der in ungehinderter Vermischung und Verkleiste⸗ rung krassester Gegensätze wieder einmal bis hart an die Grenze des Menschenmöglichen geht. Der Artikel⸗ schreiber, gezeichnet Wek., führt in ihm unter anderm aus, daß eine Gruppe— Partei kann man ja auch nicht sagen— durch ihr Bekenntnis zur Erhaltung der geschichtlich gewordenen Regierungsformen schlech⸗ terdings nicht mit den Sozialdemokraten verwechselt werden könne. Stimmt! Aber wenn die National⸗ sozialen auf das geschichtlich Gewordene als etwas zu Erhaltendes pochen, so unterscheidet sie selbst schlechter⸗ dings nichts mehr von den Konservativen. Die Arbeiter sollen sich aber aus diesem entschlüpften Be⸗ kenntnis der Nationalsozialen eine Lehre ziehen und die Anhänger des„geschichtlich Gewordenen“ bald zu„ge⸗ schichtlich Gewesenen“ befördern. Es ist nun aber gar spaßig zu beobachten, wie der nationalsoziale Herr Wek. trotz seiner ultrakonservativen Vorliebe zum histo⸗ risch Gewordenen dennoch— freilich wohl mehr aus einem Versehen als mit Bedacht— die Sozialdemo⸗ kratie vollauf zu würdigen weiß. Er schreibt nämlich wörtlich:„Der Sozialdemokratie ist wie den National⸗ sozialen eigen, daß sie die politische und wirtschaftliche Emporentwicklung der arbeitenden Volksmassen erstreben, zu denen außer der großen Masse der„Arbeiter“, die Handwerker und die kleinen Bauern gehören.“ Es ist in hohem Grade erfreulich, daß der vernünftigere Teil der Nationalsozialen es endlich eingesehen zu haben scheint, daß auch die wirtschaftliche und politische„Em⸗ porentwicklung“ der Kleinbauern von der Sozial⸗ demokratie eifrigst erstrebt wird. Was meint aber der „Führer“ Herr von Gerlach zu diesem Weck. schen Ge⸗ ständnis? Herr von Gerlach, der von Ort zu Ort ziehend die Legende verkündigte, die Sozialdemokratie wolle die Bauernschaft radikal vernichten? Jetzt scheint die richtige Würdigung der Sozialdemokratie ja sogar in„sein“ Blatt eingedrungen zu sein. Darauf läßt auch ein anderer Satz des Wek. schen Artikels schließen, in welchem zugegeben wird, daß jedes Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie„indirekt die Arbeiter über⸗ haupt treffe, sowie„ihre Berufsvereinigungen schädigt“. Und Herr von Gerlach, der noch jüngst in unserer Ver⸗ sammlung die Behauptung aufgestellt hatte, die Sozial⸗ demokratie schädige die Berufs vereinigungen! Also gehört Soziald mekratie und Gewerkchaft nun doch zusammen, auch in den Augen der Nationalsozialen! Ob die Herren sich am Ende gar„mausern“? R. Von der Wahlbewegung! In dem nahe bei Marburg gelegenen Dorfe Ockershausen fand am Samstag, den 31. Mat eine von etwa 160 Per⸗ sonen besuchte sozialdemokratische Wählerversammlung statt. Unser Reichstagskandidat Paul Bader besprach in seinem eineinhalbstündigen Vortrag das sozialdemo⸗ kratische Programm. Auf Wunsch einiger Versammlungs⸗ teilnehmer beschäftigte er sich hauptsächlich mit der „Religion“, dem„Tei en“ und der„freien Liebe“. An zahlreichen Beispielen wies er den Miß⸗ brauch nach, den die Gegner mit diesen Worten treiben und wies die oft geradezu blödsinnigen Augriffe zurück. In Ermangelung von vernünftigen Gründen gegen unsere Grundsätze müßten die„Ordnungs leute allerdings solche Mittelchen anwenden, um der Masse des Volkes vor der Sozialdemokratie graulich zu machen. In der Dis⸗ kusston meldete sich trotz mehrfacher Aufforderung des Vorsitzenden niemand zum Wort. Einige anwesende Bündler machten sich durch öftere Zwischenrufe bemerk⸗ bar. Die siegeszuversichtlichen Nationalsozialen glänzten außer einigen Abkommandierten durch Abwesenheit. Jedenfalls steckt ihnen die Abfuhr von der Marburger Versammlung noch in den Gliedern. Gen. Bader, der sich in der Diskussion und im Schlußwort mit dem Zolltarif, den Militärvorlagen und der Presse beschäftigte, schloß seine Rede unter stürmischem Beifall mit der Aufforderung, am 16. Juni für den Kandidaten der sozialdemokratischen Partei zu stimmen.— Lokal- frage. Das Lokal des Herrn Gastwirt Metzig in Ockershausen steht uns zu politischen Versammlungen zur Verfügung. Die Genossen wollen dies Lokal bei Ausflügen usw. berücksichtigen. Unwetter haben Anfangs der Woche die Main⸗ und Rheingegend heimgesucht. Im Siebengebirge schwollen die Gebirgsbäche zu reißenden Strömen an und rissen Brücken und Gebäude nieder. Auch Menschen sind umgekommen.— In Kochem a. d. Mosel traf ein Blitzstrahl den Aussichtsturm auf den Prinzenkopf seitwärts der Marienburg, und erschlug den Wärter des Turmes.— Auf der Insel Niederwerth bei Koblenz zündete der Blitz; es brannten zwei Wohnhäuser und eine Scheune nieder, ein kalter Schlag traf ein Wohnhaus. Wahlhumor. Eine Anzahl Patienten der Heilstätte Sand⸗ bach im Odenwald verlangten in die dortige Wählerliste eingetragen zu werden. Die Er⸗ füllung ihres Verlangens wurde unter der Bedingung zugesichert, daß sie aus ihren Heimatsgemeinden Bescheinigungen beibrächten über ihre Wahlberechtigung. Selbstverständlich wurden diese Atteste sofort von den hessischen Bürgermeistern eingefordert und manche der⸗ selben sahen recht merkwürdig aus. Hier die Abschrift eines solchen Scheines der unserem Gewährsmaun vorgelegen hat: „Es wird hiermit bescheinigt, daß der Steinhauer Johannes Krichbaum von Klein-Gumpen zur diesjährigen Reichstagswahl in Klein⸗Gumpen stimmberechtigt ist und sich seither noch zur nationalliberalen Partei bekannt hat. Klein⸗Gumpen, den 26. Mai 1903. Großh. Bürgermeisterei (Stempel) Weimar.“ 5 Die Heiterkeit, die diese Bescheinigung in der Heilstätte hervorrief, soll sehr günstig auf den Gesundheitszustand der Patienten einge⸗ wirkt haben. Für den Wahlfonds des Wahlkreises Gießen gingen weiter ein: Wahlverein Gießen 200 Mark; H. 10.—; Liste 45: 7.55. Wahlkr. Wetzlar: Unge. Wtzlr. 10 Mark; N. N. Wtzlr. 3.—; N. N. Krofdorf 3.— Die Vertrauensleute. Versammlungskalender. Samstag, den 6. Juni Gießen. Wählerversammlung abends 9 Uhr im„Wiener Hof“(Saal und Garien). Ref.: Landtagsabge. Ulrich und Stadtverordn. Krumm. Sonntag, den 7. 7 f 9 59 0 elheim. Arb. ⸗Bild.⸗Verein. Nachmit⸗ 9 5 pünktlich Versammlung bei Wirt Auzust Rinn. 5 Quittung. Dienstag, den 9. Juni. Gießen. Gewerkschaftskartell. Sitzung bei Orbig. Abends 9 Uhr 5 euer 1 Nr. 23. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 6. S I „ Unterhaltungs-Ceil. a. eee 1 Auch ein Bild aus dem Rechtsstaate. Eine Irrenhausgeschichte. 4(Fortsetzung.) Ich bemühte mich nun nochmals, in der Stadt etwas Verdienst zu erhalten und hielt bei mehreren Bürgern an, erhielt aber keine Beschäftigung.— Da ließ mir schließlich ein reicher Bürger sagen, daß ich ihm seine Keller⸗ treppe und den Keller von der/ Fuß hohen Erde mit der Axt behauen, dann sein Gärtchen graben und 2 Grotten machen solle. Er bot mir bei freier Kost 40 Pfennige. Ich war das zufrieden und unterzog mich diesen Arbeiten. Am ersten Abend gab er mir nur 25 Pfg, ich sagte aber nichts, denn ich war froh, daß ich überhaupt etwas verdiente. Das Graben im Gärtchen war äußerst mühsam. Als nun die Woche zu Ende war, bat ich um meinen Lohn. Da gab er mir 40 Pfennige und behauptete, er hätte dies für die ganze Woche gemeint. Der fromme Mann hielt es also wörtlich mit dem biblischen Gleichniß:„Und er gab jedem seinen Groschen zum Tagelohn.“ Ich wußte wohl, daß ein Recht für mich nicht existierte und ließ ihm seine Grotte liegen. Beinahe wunderte ich mich, daß er nicht noch gesagt hatte, eine einmalige Kost wäre auch fuͤr die ganze Woche gemeint. Mein Vormund machte mir natürlich Vorwürfe, ich hätte doch das Essen da verdient uud bedrohte mich mit dem Arbeitshaus. Ich entschloß mich nun nach Frankfurt zu reisen, um dort irgend eine einfache Stelle ausfindig zu machen, und bat den Vormund um Reisegeld. Er verweigerte mir jedoch die 5 Mk. und sagte, daß ihm der Obervormund Grobheiten gemacht hätte, schon wegen den täglichen Ausgaben von 50 Pfg. zu meinen Lebensmitteln. Auch meine Schwester sandte mir nichts zur Reise. Es hielt mir schwer die 10 Pfg. zur Briefmarke aufzubringen und mußte dafür meine Mahlzeit aussetzen. Dies war ich schon gewöhnt; ich war manchen Tag ohne jeden Pfennig, hatte nichts als ein Glas Wasser zu trinken und oft kein Stückchen Brot. Sonst kochte ich mir selbst, und habe gut hausgehalten. Jetzt entschloß ich mich zur Fußreise nach F., nahm enge Lebensmittel in die Tasche und marschirte an einem prächtigen Junimorgen um 6 Uhr von hier weg. Am Abend war ich in N., lernte da ein paar Arbeiter und Heizer kennen und habe auf einer Werkstätte ein Plätzchen zum Rasten erhalten. Morgens aber um 3 Uhr marschirte ich weiter und kam um 12 Uhr mittags in F. an. Ich hatte noch zuletzt Gelegenheit eine Strecke zu fahren. Von meiner Schwester wurde ich nicht freundlich aufgenommen. Gerne hätte ich nun die be⸗ kaunten früheren Geschäftsleute gesprochen, allein die Müdigkeit und der unsaubere Anzug, welcher durch Schweiß gelitten hatte, besonders auch die Schuhe, hinderten mich am ersten Tage vorzusprechen. Als mein Schwager erschien, grüßte er kurz und benahm sich gegen mich einsilbig. Statt mir Hoffnung zu machen, daß ich ein paar Tage bleiben könne und meine Sachen indes in Ordnung gebracht werden könnten, setzte er sich an das Klavier und sang mir etwas vor. Auch die übrige Art ihres Benehmens war hochmütig. Doch man ließ mir das neue Sopha zum Schlafen herrichten. Gerne hätte ich zwar dafür, um sie nicht zu belästigen, eine einfache Schlafstelle zu 50 Pfg. genommen. Die unfreundliche Aufnahme in Frank⸗ furt war mir natürlich ein Strich durch meine Rechnung und mit einem Fluch ging ich von dort hinweg. Ich begab mich zu Fuß wieder auf die Heimreise. Ich versuchte nun bei einem Gärtner, der eine Lehrstelle zu besetzen hatte, wenn auch vorläufig nur gegen die Kost, „Arbeit zu erhalten, konnte aber nichts erreichen. Dadurch verlor ich viel Zeit und dämmerte schon der Abend, als ich F. verließ. Bald fing es zu meinem Verdruß auch noch an zu regnen. Da verging mir die Lust am Weiter⸗ marschieren. Ich versetzte meine Uhr gegen M 2.30, aß und trank und fuhr nach Hause. Die Uhr löste mein Vormund wieder ein. Von F. aus schrieb bald darauf meine Schwester an den Vormund einen verleumderischen Brief (wie ich erst nach 5 Jahren erfuhr). Sie machte eine verächtliche Beschreibung über meine ver⸗ schwitzte Wäsche, auch hätte ich sie außerdem durch den Besuch belästigt, und mich überhaupt durch Aufräumen und nächtliches Aufstehen (ich war morgens 5 Uhr gewohnheitsgemäß aufgestanden, doch habe ich nachts ruhig ge⸗ schlafen) unsinnig benommen, ich müßte in's Irrenhaus.— Mein Vormund sagte mir damals nichts davon, denn daß ich die Ver⸗ leumdungen gründlich widerlegt hätte, dachte er sich schon, aber er war froh, mich los zu werden. Der Vormund gab diesen Verleumder⸗ brief dem Obervormund und dieser überwies mich dem Verfahren des Oberbürgermeisters. Dieser hatte nichts Eiligeres zu tun, als meine Aufnahme in's Irrenhaus zu beantragen. Es war aber nicht sogleich Platz und es dauerte noch ein ganzes Jahr, bis meine Aufnahme stattfinden konnte. Vorläufig verdingte mich nun der Vormund zu einem Gärtner gegen die Kost. Da habe ich schwer gearbeitet von morgens 6 bis abends 7 Uhr und half häufig nachher noch in Buchführung und Korrespondenz, bis 11 Uhr. Neben der eigentlichen Gärtner⸗ arbeit mutete man mir sogar zu, den Wagen mit Pflanzen durch die Straßen zu ziehen. Das war für mich allerdings peinlich weil jeder mich kannte; nicht einmal am Sonntag Morgen zu einer jüd. Hochzeit wurde ich davon verschont. Ich unterzog mich ergebungsvoll all diesen Zumutungen, denn ich war des Zan⸗ kens mit dem Vormund müde; auch hoffte ich dadurch, die versprochene Aufhebung der Eut⸗ mündigung endlich zu erhalten. Einmal waren für ein Fest über 1000 Meter Guirlanden zu winden. Der Preis derselben war ungemein billig. Es wurde einfach kein Forstzettel m hr gelöst, mit andern Worten, die benötigten Zweige im Walde gestohlen. Ich ging zum Vormund und sagte ihm, daß ich mehr an Kleider zer- risse, als ich an der Kost ersparte, übrigens auch keine Lust hätte— stehlen zu gehen. Er erwiderte, das käme bei einem Geschäftsmaun nicht darauf an, ich müßte auch zu solchen Dingen zu brauchen sein!— Ich blieb jedoch zu Hause und er mußte mich wohl oder übel gewähren lassen. Dann fand ich bei einem Töpfer Arbeit, und wurde mit Holzschichten, Töpfe tragen ꝛc. beschäftigt, bekam aber auch nur Kost und keine weitere Vergütung. Zu derselben Zeit wurde mir von der Verwaltung eines Hospitals angeboten, dort zu wohnen. Ich wollte aber meine eignen Sachen nicht mis- sen, blieb deshalb in meiner Wohnung. Kohlen u. Wäsche zahlte mein Vormund. Ich machte Blumensträuße aus Seidenpapier, verschenkte sie an Bekannte und erhielt dafür einige Lebens⸗ mittel. Inzwischen erhielt ich auch ein paar Rückstände aus dem Geschäft, die schon für verloren galten.— So konnte ich weiter vegetieren. Doch es war ein erbärmliches Lebeu. Namentlich fühlte ich die Entmündigung durch die daraus folgende Entfremdung mit der menschlichen Gesellschaft. In meiner Wohnung vor der Stadt ging es mir nicht besser als in der vorigen. Ich erhielt zur Wohnungsmiete ein Ländchen, das ich mit großer Mühe mittels der Rotthacke umarbeitete und eine dicke Schicht zahlloser Backsteinbrocken entfernen mußte. Der Vermieter verlangte mich überdies zu einer ähnlichen Arbeit, er machte ohne Weiteres auf meine Gefälligkeit Ansprüche. Für diese Arbeit und Flaschenreinigen erhielt ich täglich ein Fläschchen Bier(), darum verzichtete ich bald auf diese mühevolle Arbeit; hatte dadurch natürlich seine Freundschaft verscherzt, was ich bald erfahren mußte. Im Uebrigen suchte ich mich möglichst vor Langeweile zu schützen. So habe ich alle vier Wochen gründlich meine Stube gesäubert, Mat⸗ ratzen und Sopha au geklopft, um Bewegung und etwas zu tun zu haben. In der vorigen Wohnung hatte ich zum Scheuern keinen Raum und mußte den Gang in Anspruch nehmen um die Möbel herauszustellen. Bei dieser Gelegen⸗ heit kam einmal der Vormund herauf und konnte mich nur aus gewisser Entfernung sprechen. Wie ich später erfuhr, hatte er dem Obervormund gemeldet, ich hätte mich„ver⸗ barrikadiert“. Diese Mitteilung ist auch in die Akten gekommen. Sonst beschäftigte ich mich mit Zeichnen, franz. u. engl. Lesen, Guitarre⸗ spielen, Rechnen und Laubsägearbeiten; und habe mit letzteren manchmal etwas verdient.— Am 2. Juni 93 morgens 4 Uhr wurde ich durch ein furchtbares Getöse und Rütteln an der Haustüre erschreckt. Ich stand auf und sah durch das Fenster einen Polizisten. Ich schloß ihm die Haustüre auf, er wünschte mich zu sprechen. Er sagte, daß ich entweder zu meiner Schwester oder einer anderen Familie ziehen solle. Ich konnte aber nicht begreifen, warum die Familie, bei der ich wohnte und verkehrte, nicht gut genug sein sollte und teilte ihm meine Lebensweise und Beschäftigung mit. Dies befriedigte ihn und er entfernte sich.— Zwei Stunden später kommt der Polizeikommissar und forderte mich auf, ihm zu folgen. Ich er⸗ klärte ihm, daß es wohl ein Irrtum sei, mich so ohne Weiteres zu arretieren. Er schwieg, blieb ruhig stehen und ging dann mit mir, als ich herausging.— So verließ ich denn ein Heim, das mir immer noch manche Annehmlich⸗ keiten bot. Eigene Möbel, Wäsche, Koch- und Eßgeschirre, Gartengeräte, Bücher, Pflanzen und Gärtchen mit aufgehender Saat. Der Kommissar begleitete mich zu einer Chaise und wurde ich in Gemeinschaft eines von der Irrenheilanstalt mitgebrachtenpPfleglings und dem Wärter Sch. nach dem Irrenhaus gefahren.— Ich fuhr getrost mit, denn ich dachte, ich würde dortselbst nur geprüft und dann mündig geschrieben werden, da ich mir nichts zu Schulden hatte kommen lassen, und die Gerichtsbarkeit wohl ein Einsehen hätte.— Als wir nun in die Nähe der Wirtschaft kamen, wo wir nach unserer Verabredung Mittag machen wollten, der Kutscher aber weiter fuhr, stand ich halb auf, um ihn daran zu erinnern. Da faßte mich der Wärter gleich hinten am Kragen, rief dem mitfahrenden Pflegling zu und rissen sie mich, daß ich längs zu liegen kam. Um mich aufzurichten, faßte ich nun den Wärter an der Brust und drückte ihn auf seinen Sitz zurück, damit ich mich wenigstens ordentlich setzen konnte. Von der Austalt ist der Vorgang ge— merkt worden, denn als ich(12 Uhr mittags) ausstieg, hingen sich wohl 1 Dutzend Wärter und Pfleglinge an meine Arme, nach jeder Richtung hin zerrend, als wollten sie mich in Stücke reißen. Da ich mir die Pforte als das beste Ziel dachte, um sie zur Einigkeit zu bringen, zog ich sie alle mit hindurch und nun wurde das Tor hinter mir geschlossen. nun die Pfleglinge sahen, daß ich keinen Wider⸗ stand leistete, ließen sie mich erst recht nicht los, sie verdrehten mir die Arme und hätten sie mir fast noch vom Leibe gerissen. Die Wärter ent⸗ rissen mir meine Uhr und den Rock. (Fortsetzung folgt). Der Kater als Kandidat. Eine Fabel. Als die Erschaffung der Welt vollendet war, berief der Löwe den großen Rat der Tiere zusammen, zu welchem sämtliche Tier⸗ gattungen ihre Vertreter senden sollten. Bei den Mäusen trat der Kater als Kandidat auf. Er miaute eine schöne Rede, versicherte, daß er für das Wohl aller Geschöpfe im Allgemeinen und der Mäuse im besonderen ein warmes Herz habe, ja, daß die Mäuse gar keinen besseren Freund hätten als ihn, und schwor, er hätte keinen höheren Wunsch, als daß alle Mäuse wohlgenährt seien und fette, kugelrunde Bäuchlein hätten. Das gefiel den Mäusen und sie erwählten den Kater zu ihrem Vertreter. Von dem Tage an begannen die Katzen die Mäuse zu fressen, die fetten am liebsten, und Obgleich eee — . e 458 — — —— — N ee r * Nr. 23. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. wenn eine gefangene Maus an die wahlrede des Katers erinnerte, sagte er lachend:„Dummes Ding, wenn ich Dich gefressen habe, wirst Du dann noch Hunger leiden?“ Als nun die Beschwerden vieler Tiere, darunter die der Mäuse über erlittene Gewalt⸗ taten zur Einberufung eines zweiten großen Rats führten, stellteu die Mäuse eine kluge Spitzmaus als Kandidat auf, um gegen die Katzen aufzutreten. Als der Kater dies ver⸗ nahm, beredete er die Katzen, das Mausen bis nach den Wahlen einzustellen, und ließ bekannt machen, daß die Katzen nie mehr Mäusefleisch berühren werden. Dann trat er in einer Mäuseversammlung auf und höhnte die Mäuse, daß sie meinten, eine winzig schwache Maus könnie ihre Sache besser führen als er, der große, starke Kater. Er hob noch besonders heroor, daß er bei Hofe viel vermöge, da er ein leiblicher Vetter des Löwen sei. Das bestach die dummen Mäuslein und sie erwählten ihn abermals zum Vertreter. Die Katzen fahren seit der Zeit ungestraft fort, die Mäuse zu fressen. Priester⸗Sittlichkeit. In Würzburg hat der noch ziemlich junge Kaplan einer dortigen katholischen Pfarrei den 1011 Jahre alten Schulmädchen das Tragen der kurzen bis zum Ellbogen reichenden Aermel an den Kleidchen und das Seilhüpfen auf der Straße als gegen die guten Sitten verstoßend verboten. Es nicht das erste Mal, daß Pfaffen derartige Kleidervexordnungen erlassen. Die Herren scheinen nicht zu bedenken, wie sehr sie sich durch solche Sittlichkeitsfexerei selbst bloß⸗ stellen. Denn mit der sittlichen Festigkeit muß es schlecht bestellt sein, wenn sie schon durch ein kurzes Kinderkleidchen gefährdet wird.— Eine etwas andere Auffassung bekundete und beschäftigte der katholische Geistliche und Lokal⸗ schulinspektor Schraufstetter von Odels⸗ hausen, den das Landgericht München II wegen Verbrechens wider die Sittlichkeit, begangen an Schulmädchen, die er in seine Wohnung hatte kommen lassen, zuz wei Jahren Gefängnis verurteilte. Schraufstetter hatte zwei Lehrer, die er nicht leiden konnte, weil sie dem katholischen Lehrerverein nicht beitraten, fälschlich der Sittlichkeitsverbrechen beschuldigt, die er selbst beging. Der Herr Benefiziat behauptete in der Verhandlung dreist:„Ich kann es mit gutem Gewissen beschwören, daß das, was ich getan, meine Pflicht als Geistlicher war und daß ich es nur aus erzieherischen Zwecken tat.“ Splitter. Willst jemals du gepriesen sein Von Narren und von Wichten, So mußt du gleich in vornhinein Dein bestes Selbst vernichten. Leixner. Humoristisches. Heiteres aus dem Gerichts saal. Vorsitzender:„Angeklagter, haben Sie Kinder?“ Angeklagter:„Ja, fünf.“ Vors.:„In welchem Alter?“ Angekl.:„Das älteste ist sechs Jahre alt, das jüngste hat noch gar kein Alter.“ Geschichtskalender. 7. Juni. 1843: Hölderlin, Dichter, f. Abschaffung des Sklavenhandels in England. 3. 1888: Reichs⸗Spitzelminister Puttkammer ge⸗ stürzt. 1896: Jules Simon, ehm. Mitglied der„Inter⸗ nationale“, f. 9. 1832: Gentz, Reaktions werkzeug Metternichs, F. 10. 1836: Ampere, Physiker, in Paris gestorben. 11. 1878: Auflösung des Reichstages(inf. der Ablehnung des ersten Sozialistengesetzes). 12. 1848: Wartburg⸗Fest. Miquel tritt als repu⸗ blikanischer Festredner auf. 13. 1810: Dichter J. G. Seume, gestorben zu Teplitz. 1807: — Sozialdemokratische Schriften zur Reichstagswahl. Um unsere Genossen im Wahlkampfe wirksam zu unterstützen hat es sich die Parteileitung angelegen sein lassen, durch eine Reihe Broschüren Aufklärung über die wichtigsten bei der Reichstagswahl in Betracht kommenden Fragen zu schaffen. Bisher sind schon eine ganze Anzahl, verfaßt von den besten Parteischriftstellern, erschienen und ihr wertvoller Inhalt verleiht ihnen bleibenden Wert. Wir führen davon die nachfolgenden an und empfehlen unsern Freunden die ja nicht teuren Werkchen. Alle sozialistischen Schriften, auch die hier nicht eingeführten, können von der Expedition der „Mitteld, Sonntgs.⸗Ztg.“, bezogen werden. Bei Be⸗ stellungen von auswärts wird die vorherige Einsendung des Betrages nebst Porto erbeten. Wen soll der Arbeiter wählen? Unter diesem Titel erscheint im Parteiverlage ein Wahlaufruf an die Arbeiter in Stadt und Land von Richard Calwer. Der Einzelpreis ist 10 Pfg. Grundsätze und Forderungen der Sozial⸗ demokratie. Von Karl Kautsky und Bruno Schönlank. Preis 10 Pfg. Enthält eine kurzgefaßte, allgemein verständliche Er⸗ läuterung des Erfurter Programms. Muß jeder Genosse besitzen! Handelspolitik und Sozialdemokratie. Von Karl Kautsky. Eine populäre Darstellung der handelspolitischen Streitfragen. Preis 30 Pfg. Christentum und Sozialismus. Von A. Bebel. Preis 10 Pfg Diese religiöse Polemik zwischen unserm Genossen und dem Kaplan Hohoff fand bereits in den Jahren 1873/74 statt. Der Inhalt des Schriftchens ist aber noch heute durchaus zeitgemäß. Die Vernichtung der Sozialdemokratie durch den Zentralverband deutscher Industrieller. Preis 20 Pfg. Der Umsturz im Reichstage.(Die Kämpfe um den Zolltarif.) Preis 20 Pfg. Winke für die Reichstagswahlen. Preis 10 Pfg, Christliche Arbeiterpflichten. Jesuitische Fragen und sozialdemokratische Antworten. Preis 20 Pfg. Sozialdemokratie und Zentrum.(Arbeiter⸗ versicherung und Zentrums politik). Preis 20 Pfg. Lohnarbeit und Kapital. Separatabdruck aus der Neuen Rheinischen Zeitung vom Jahre 1849 von Karl Marx. Preis 20 Pfg. Weltkrach und Weltmarkt. Eine weltpoli⸗ tische Skizze von Fr. Mehring. Preis 25 Pfg. Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon, Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg. die Nummer. Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg. Empfehlenswerte sozialistische Schriften. Die Kolportage⸗Kommission des Wahlvereins— Gießen, Wirtschaft Orbig— empfiehlt: Sozialistische Monatshefte. Jeden Monat ein zirka 80 Seiten starkes Heft. Preis pro Heft 50 Pfg' Freie Stunden. Beste Romanlitteratur. Illu⸗ striert. Wöchentlich ein Heft. à 10 Pfg. Die katholische Kirche und die Sozial⸗ demokratie. Von Karl Kautsky. Der Verfasser giebt in der kürzlich erschienenen Broschüre eine historische Darstellung der ökonomischen und politischen Grundlagen der katholischen Kirche und skizziert die prinzipielle und taktische Stellung, welche die Sozialdemokratie ihr gegen⸗ über einnimmt. Preis 30 Pfg.(Agitationsausgabe.) Bernstein und das Sozialdemokratische Programm. Von Karl Kautsky. Eine Anti⸗ kritik. Preis brosch. 2 Mk. Wilhelm Liebknecht. Sein Leben nnd Wirken. Unter Benutzung ungedruckter Briefe und Aufzeichnungen. Herausgegeben von Kurt Eisner. Mit Porträts un Abbildungen. Preis 30 Pfg. Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie. Von Ed. Bernstein. Preis brosch. 2 Mk. Das Erfurter Programm. Von Karl Kautsky. Preis brosch. 1.50 Mk., gebd. 2 Mk. Die agrarische Gefahr. Von Paul Göhr e. Der Verfasser schildert in gemeinverständlicher Sprache die einseitige agrarische Juteressen⸗Bewegung von ihrer Entstehung bis zu ihrer heutigen das Volkswohl ge⸗ fährdenden Macht und legt dar, wie allein die sozial⸗ demokratische Bewegung die letzten Ziele dieser Bewegung des Junkertums und seiner Anhängsel verhindern kann. Preis 20 Pfg. Städtevezw altung und Munizipal⸗Sozi⸗ alismus in England. Von C. Hugo. Preis brosch. 2 Mk., gebd. 2.50 Mk. Das Kommunistische Manifest. Von Karl Marx und Friedrich Engels. Preis 15 Pfg. Sozialdemokratisches Reichstagshandbuch. Von Max Schippel. Ein Führer durch die Zeit⸗ und Streitfragen der Reichspolitik. In 37 Lieferungen à 20 Pfg. Gebunden 9 Mk. Führer durch das Gewerbe-Unfallversicherungs-Gesetz. durch das Bau⸗Unfallversicherungs⸗Gesetz. durch das Unfallversicherungs⸗Gesetz für Land⸗ und Forstwirtschaft. durch das Invalidenversicherungs-Gesetz. Jedes einzelne Werk ist zusammengestellt nach den neuesten gesetzlichen Bestimmungen und mit einem aus⸗ führlichen Inhalts⸗Verzeichnis mit alphabetischem Sach⸗ register versehen. Die Führer sind jedem Arbeiter ein treuer Ratgeber in allen, die Unfall- und Invaliden⸗ Versicherung betreffenden Angelegenheiten.— Preis des einzelnen Werkchens 25 Pfg., nach auswärts 3 Pfg. Porto. r re Jeder Parteigeuosse hat die Verpflichtung, nach seinen besten Kräften mitzuwirken, daß die? vorstehenden Reichstagswahlen der Scozialdemo⸗ kratie einen entseheidenden Sieg bringen. Jeder muß agitieren wo er nur kann, sich die Verbreitung unserer Flug⸗ blätter, Broschüren und ganz besonders der Parteipresse angelegen sein lassen. Ebenso muß für die nötigen Geldmittel gesorgt werden, bedeutende Anforderungen werden an uns heran treten! Sammel- listen sind bei den bekannten Vertrauens⸗ leuten zu haben. Ferdinand Nennstiel Giessen, Plockstr. 8 Lager in sämtlichen Kastenmöbeln, poliert und lackiert, als Vertikows, Kleiderschränke Tische, Stühle „Spiegel Li usmdbel Bruteier! 8 el . — 1 7 e Betten und e sehr gute Leger, 1 Polstermöbel a Dtzd. 4 Mark. eigener Anfertigung Uebernahme voll- ständ. Ausstattung. K Fahrrader best. deutsch.* v. oi 75 an b i Laufmuntel v 55 Luftschlauche„„ Latern., Glock. ete, sehr billig. Wiederverk. ges. Catalog gratis Volk& Trambauer, Nürnber, Bruteier! 5 Verpackung frei. Nel. Holæzhuues Marburg a. d. Lahn, Rothergraben 21, 2. Etage. Georg Koch Uhrmacher und Optiker jetzt Bahnhofstrasse 80 empfiehlt Silberne Herren- u. 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