1 1 15 K 0 W ——ů— p A —— 2** 2 8 r Nr. 49. Gießen, den 6. Dezember 1903. 10. Jahrg. — Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. ——— Mitteldeutsche Sonntags ⸗Jeitung. MNedaktionsschluk: Donnerstag Nachmittag 4& Uhr Abonunementspreis: Die Mitteldeutsche Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Bestellung en Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 331½/ und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Juserate Die ögespalt. Bei mindestens Selbstzucht. Herr von Hammerstein, weiland Chefredakteur der„Kreuzzeitung“, schrieb in den schönsten Zeiten der mit Sekt so reichlich begossenen Flora Gaß⸗ Idylle jene fulminanten Buß⸗Artikel, in denen er die sündige Menschheit aufforderte, sich auf ihr Seelenheil zu besinnen und in Sack und Asche zu gehen. Wie mögen der Junker und die holde Flora über die dumme Menschheit Hude haben, welche diese Artikel des frommen lattes ernst nahm und das Satyrspiel nicht ahnte, dem sie als Kulisse dienten. Seitdem sind wir nicht mehr im stande, die Bußartikel der bürgerlichen Presse ernst zu nehmen, auch wenn wir wissen, daß kein Hammerstein und keine Flora dahinter stecken; es mutet uns eben das alles einmal„lachhaft“ an. Diese Bußpredigten, sie mögen nun mehr oder weniger ernst gemeint sein, ertönen jedes⸗ mal in der bürgerlichen Presse, wenn ein Sensations⸗ oder Skandalprozeß stattgefunden hat. Der Prozeß Bilse und der Oldenburger Spielerprozeß haben verschiedene solcher Predigten mit den üblichen Ermahnungen an die„oberen ehntausend“, doch„Selbstzucht“ zu üben, nach sich gezogen. In einigen Blättern wird sogar gedroht, die Sozialdemokratie werde ganz gewiß stegen, wenn die besitzenden Klassen nicht in sich gehen und plötzlich tadellos„sittlich“ werden wollen. Diese„rollenwidrigen Seitensprünge“ naiver bürgerlicher Journalisten können den köstlich amüsieren, der über die soziale Position dieser Erwerbskategorie unterrichtet ist. Wer sich in den hpournalsstischen Dienst der Kapitalistenklasse stellt, der hat alle Ideale wie getragene Röcke einfach abzulegen und muß begreifen, daß, wenn von„idealen Gütern“ gesprochen wird, damit die Befestigung des kapitalistischen Ausbeutungs⸗ systems und der Klassenherrschaft gemeint ist. Der Journalist ist Lohnarbeiter der Bourgeoisie resp. des kapitalistischen Zeitungsunternehmer⸗ tums, und dies will seine Ware nach seinem Geschmack gefertigt haben. Und wenn nun solch ein Journalist dem Unternehmer„Selbst⸗ zucht“ empfiehlt— er würde es zumeist nicht tun, wenn er wüßte, was dabei im Innern des Kapitalisten vorgeht. Solches„dumme eng“ will der in sein er Zeitung nicht lesen. ergert er sich, dann fliegt der„Narr“, der so aus der Rolle gefallen, gelegentlich hinaus, auch wenn der Unternehmer Pharisäer genug ist, die Bußpredigt“ vortrefflich zu finden und sie seinen Mitmenschen zur Betätigung zu empfehlen. Daß unsere„oberen Zehntausend“ Selbstzucht üben sollen, heißt aber auch wirklich etwas viel von ihnen verlangen. Der moderne Kapitalis⸗ mus hat in der Tat, wie man zu sagen pflegt, Berge versetzt. Eine unabsehbare Warensamm⸗ lung häuft er auf, die neben den Naturschätzen den Reichtum der Gesellschaft bildet. Sein Betriebswesen ist ein ungeheurer Apparat ge⸗ worden, der von den Arbeitssklaven tagtäglich in Bewegung gehalten wird. Dieser Apparat versorgt die Gesellschaft mit den Verbrauchs⸗ egenständen, die zu ihrem Unterhalt erforderlich 19 Die Besitzer der Produktionsmittel bilden ene kleine Minderheit, denen der gesamte Ap⸗ barat gehört, und sie geben darum an die Ar⸗ peiter von dem Arbeitsertrag nur so viel ab, als sie durch die Verhältnisse des Arbeits⸗ marktes zu geben gezwungen sind. Ungeheuere Quoten von Kapitalgewinn werden da einge⸗ strichen; an der Börse werden buntbemalte und bedruckte Papiere in blankes Gold verwandelt. Rohe Emporkömmlinge werden auf die Höhe der Gesellschaft emporgeschnellt. Man konkur⸗ riert nicht nur in der Produktion und auf dem Warenmarkte, man konkurriert auch in dem Raffinement und in dem Uebermaß der Genüsse. Die Legenden von dem„einfachen Leben“ so mancher Millionäre und Milliardäre sind eine Lächerlichkeit, denn wollen sie eine ihrem Besitz entsprechende Position in der Gesellschaft be⸗ haupten, so müssen sie auch demgemäß reprä⸗ sentieren; sonst werden sie nicht auerkannt. Die raffiniertesten und feinsten Genüsse werden immer, noch gesteigert und da kommt denn auch die Notwendigkeit, den Kapitalgewinn zu er⸗ höhen. Die industriellen Ringe und Syndikate, die eigentlich„die Produktion regeln“ sollen, verstehen es, wie man in großem Maßstabe schröpft. Die Jagd nach Genuß, der Tanz um das goldene Kalb wird immer toller. Und da ruft man den blasierten, übersättigten Men⸗ schen, die sich in einem solchen Strudel bewegen, im Bußpredigertone zu: Selbstzucht! Wer lacht da? Die alte Aristokratie wird mit in den Strudel hineingezerrt, wo sie sich nicht selbst hineinstürzt. Es erinnert das an die Zeit vor der Refor⸗ mation, als die Patrizier in den Städten durch den Gewinn von Handel und Gewerbe in den Stand gesetzt wurden, eine Ueppigkeit zu ent⸗ falten, die bei den Junkern auf den alten Eulen⸗ nestern den blassen Neid hervorrief. Mit dem „Reiten und Rauben“ konnte man leicht an den Galgen kommen. Darum warf man sich auf die Bauernschinderei; man suchte aus dem Volke soviel herauszupressen, als nur menschen⸗ möglich war, und damit erreichte das Elend der Feudalzeit die Höhe der Unerträglichkeit. Heute ist es ähnlich; der Adel könnte von den Erträgnissen des Großgrundbesitzes ganz er⸗ träglich leben; aber die Rücksicht auf die„standes⸗ gemäße“ Lebenshaltung spornt ihn, es der verschwenderischen Bourgeoiste gleich zu tun. Daher die Beutezüge mit Zöllen und Liebes⸗ gaben, denn die Aristokratie befaßt sich nur ungern mit industriellem Erwerb, wenn sie sich auch in vielen Fällen zu demselben entschlossen hat. Die„patriarchalischen“ Verhältnisse der Landwirtschaft sagen ihr mehr zu. Dieser Aristokratie Selbstzucht predigen, ist ebenso lächerlich wie bei der Bourgeoisie. Die Klassenherrschaft ist doch kein Schäfer⸗ spiel; der große Kampf zwischen Besitzenden und Enterbten rührt doch eben daher, daß die Besitzenden sich das Monopol der höheren Lebens⸗ genüsse sichern wollen. Dabei wird das Raffi⸗ nement und der Luxus bis zum Wahnwitz getrieben, während eine gerechte Gesellschafts⸗ ordnung alle Arbeit produktiv machen und eine behagliche Lebenshaltung für alle ermöglichen könnte. Selbstzucht! Die Prediger der Selbstzucht können unter Umständen froh sein, daß sie von den herrschenden Klassen nicht ernst genommen werden. Wo aber wirklich ernsthafte Propheten der Selbstzucht auftraten und die übertriebene Ueppigkeit der herrschenden Klassen einzuschränken suchten, da erging es ihnen gewöhnlich schlecht. Der althellenische Philosoph Diognes, der in einem Fasse wohnte, der aus der hohlen Hand trank und am hellen Tage mit der Laterne umherlief, um„Menschen zu suchen“, ward nicht ernst genommen; man lachte über ihn und ließ ihn gewähren. Der Mönch Savonarola, der sich der öffentlichen Gewalt bemächtigte, um die Ueppigkeit der Großen zu Gunsten der Armen einzuschränken, starb den Feuertod. Wozu ist denn der„Entbehrungslohn“ des Kapitalisten da, als daß man sich damit die Genüsse dieser Erde verschafft? So werden die oberen Zehntausend den Predigern der Selbstzucht erwidern. Die Armen mögen auf die Belohnung nach dem Tode warten. Wir sehen, daß der Mangel an Selbstzucht und die wilde Jagd nach Genuß aus dem Vorrecht der Besttzenden entspringt. Die dabei sich fortwährend zeigende Steigerung ist voll⸗ kommen natürlich. Die alte und die neue Welt zeigen sich hier deutlich in ihrem schärfsten Gegensatz. Die alte Welt der Klassenherrschaft will den Genußtaumel der Besitzenden immer noch steigern auf Kosten der großen Masse. Die Arbeiterwelt erstrebt eine Ausgleichung, einen Durchschnitt der Lebenshaltung für die Gesamtheit, menschenwürdig und ausreichend. Die übergroße Ueppigkeit hat noch jede Klasse degenerieren lassen. Darum kann man auch keinen Augenblick im Zweifel sein, daß zum Heil des Menscheutums die alte Welt von der neuen überwunden werden wird. E 5 politische Rundschau. Gießen, den 4. November. Der Reichstag wird mit seinen eigentlichen Verhandlungen kaum vor Mittwoch oder Donnerstag nächster Woche beginnen; diese Woche dürfte nicht mehr als die Präsidentenwahl und das übrige rein Geschäftliche erledigt werden. Bis zu den Weihnachtsferien bleiben dann etwa noch 6 bis 8 Beratungstage übrig und es ist zweifelhaft, ob in dieser Zeit die erste Lesung des Etats erledigt wird. Zu den Vorlagen, die dem Reichstag in seiner ersten Tagung außer dem Reichshaus⸗ halts⸗Etat bestimmt zugehen werden, gehören das Militärpensionsgesetz, das Gesetz wegen der Kaufmannsgerichte, das Automobilpolizeigesetz und der Entwurf wegen Entschädigung un⸗ schuldig Verhafteter. Ob von den neuen Handels⸗ verträgen einer vorgelegt werden wird, ist einst⸗ weilen noch nicht abzusehen. Von dem schweizer⸗ ischen wird es für möglich gehalten. Der Ge⸗ setzentwurf über den Versicherungsvertrag wird dem Reichstag in der ersten Tagung schwerlich noch zugehen können, da er vor Ende Januar kaum an den Bundesrat gelangt und dieser einige Zeit mit der Beratung zubringen wird. Von einer Vorlage wegen Gewährung von Diäten an die Mitglieder des Reichstages ver⸗ lautet einstweilen noch nichts. Uns kann es recht sein. Unsre Fraktion wird stets ihre Schuldigkeit tun und dadurch umsomehr Ueber⸗ gewicht über die faulenzenden bürgerlichen Par⸗ Seite 2. ———e—ñ* Mitteldeutsche Sounntags⸗Zeitung. Nr. 49. teien gewinnen. Sie wird sich des Vertrauens- votums wert zeigen, das ihr drei Millionen Wähler erteilt haben. Der NMeichshaushaltsetat ist in der„Nordd. Allg. Ztg.“ veröffentlicht worden. Er schließt in Einnahme und Aus⸗ gabe mit 2460 735004 Mk., gegen das Vorjahr mehr 43 706092 Mk.; die fortdauernden Ausgaben betragen 2057047075 Mk., mehr 59817552 Mk. Dazu kommen die einmaligen Ausgaben mit 403 687929 Mk. Auch in diesem Etat übersteigen die Ausgaben die Einnahmen ganz beträchtlich und es ist deshalb nötig, einen neuen Pump von 214 Millionen Mark aufzunehmen. Das Schuldkonto erfährt dadurch eine weitere Belastung um beinahe eine Viertel⸗ milliarde. Für diese Schul denwirtschaft hat das deutsche Volk im Jahre 1904 fast 105 Mill. Zinsen aufzubringen. Die se Summen werden aus den Taschen der Armen in diejenigen der Reichen geleitet. Sozialdemokratische Wahlerfolge. Einen glänzenden Sieg erfochten am Freitag unsere Berliner Parteigenossen bei den Stadtverordneten⸗Ergänzungswahlen. Von 16 Mandaten der dritten Klasse, die bisher durch 8 Liberale, 7 Sozialdemokraten und 1 Antisemiten besetzt waren, behaupteten die Sozial⸗ demokraten die bisherigen Bezirke ohne Wider⸗ spruch und gewannen von den Liberalen 5 Be⸗ zirke. Die Liberalen behaupteten nur zwei Bezirke. In einem andern Bezirk kam der bisherige freisiunige Stadtverordnete Marggraf in die Stichwahl mit dem Sozial demokraten. In dem bisher antisemitisch vertretenen Bezirk findet Stichwahl zwischen dem antisemitischen und dem liberalen Kandidaten statt. Damit erhöht sich die Zahl der sozialdemokratischen Mandate im Berliner Stadtverordnetenkollegium von 28 auf 33. Das ist die Quittung für die Landtagswahlen! In Remscheid siegten ebenfalls die drei soztialdemokratischen Kandidaten bei den Stadtverordnetenwahlen der dritten Klasse mit etwa 100 Stimmen Mehrheit über die Kandi⸗ daten der vereinigten liberalen Parteien. Die dritte Abteilung hat nunmehr sieben sozial⸗ demokratische Vertreter in der dortigen Stadt⸗ verordnetenversammlung. Zur Ersatzwahl im 22. sächs. Reichs⸗ tagswahlkreise hat eine am Sonntag stattgefundene Kreis⸗ parteiversammlung den Genossen Adolf Hoff⸗ mann⸗Berlin als Kandidaten aufgestellt. Die Wahl findet am 5. Januar statt. Von seiten der Gegner ist noch kein Kandidat proklamiert. Zur Wahlreform in Bayern haben die sozialdemokratischen Mitglieder des Wahlgesetzausschusses folgende Anträge ge⸗ stellt: Für die Einteilung der Wahlkreise ist der räumliche Bestand der Amtsgerichte, Stadt⸗ bezirke und Stadtdistrikte nach der jeweils einer Wahl vorausgegangenen Volkszählung maß⸗ gebend. Das aktive Wahlrecht ist an das 21., das passive Wahlrecht an das 25. Lebens⸗ jahr gebunden. Die Karenzzeit für den Besitz der Staatsangehörigkeit und für die Steuer⸗ leistung ist zu beseitigen. Auf Kosten der Staats⸗ kasse sind Wahlurnen von entsprechender Größe und Beschaffenheit herzustellen und den Gemeinden mach Bedarf zur Verfügung zu stellen. Auch beantragten unsere Freunde die Einführung von Wahlkouverts und Isolierräumen. Sie ver⸗ langen ferner Gewährung von Diäten an alle Abgeordnete, während die Gesetzesvorlage die in München wohnenden Abgeordneten(wie zurzeit) vom Bezug der Diäten ausschließt. Gegen die Soldatenschindereien energischer vorzugehen, forderten unsere Genossen im bayrischen Landtage. Sie stellten einen e in welchem der Kriegsminister ersucht wird, dahin zu wirken, daß Offiziere und Unter⸗ offiztere unnachsichtlich aus dem Heeresdienste verabschiedet werden, deren Mitschuld an syste⸗ matischen Soldatenmißhandlungen(sei es durch aktive Beteiligung, sei es durch Mangel an pflichtgemäßer Beaufsichtigung) nachgewiesen ist. Als am Mittwoch über den Antrag verhandelt wurde, wies Genosse Ad. Müller dem Kriegs⸗ minister in einer sehr wirksamen Rede nach, daß die Zahl der Mißhandlungen in der bayri⸗ schen Armee nicht, wie dieser behauptet hatte, gleich geblieben, sondern gestiegen ist. Bei dem Beginne der Amtstätigkeit des jetzigen Ministers (im Jahre 1892) habe die Zahl der gerichtlich abgeurteilten Fälle 38 betragen, im letzten Jahre dagegen 78. Genosse Müller forderte, der Minister möge einen Einfluß auf die Rechts⸗ pflege insofern nehmen, daß er die Gerichts⸗ herren veranlasse, bei zu milden Bestrafungen von Soldatenschindern Berufung einzulegen. Im übrigen solle der Antrag anfeuernd auf den Reichstag wirken, daß er die Anregungen, die dem bayrischen Kriegsministerium gegeben werden, in gesetzlich wirksamer Form fixieren möge. Die bürgerlichen Parteien hatten ursprünglich „staatsrechtliche“ Bedenken gegen den Antrag, da dieser angeblich einen Eingriff in Rechte der Krone darstelle. Doch haben die Herrschaften diese ihre Bedenken schließlich überwunden und erklärten sich unter heftigen Ausfällen gegen die Soldatenschinder und— gegen die Militär⸗ justiz mit dem Antrage Müller einverstanden. Der Kriegsminister war sehr kleinlaut und machte ebenfalls formelle Bedenken geltend, da die Entfernung aus dem Heere nur durch kriegs⸗ gerichtliches Urteil erfolgen könne. Die Verab⸗ schiedung von Offizieren sei schon wiederholt erfolgt und zwar nicht nur wegen Mißhand⸗ lungen, sondern auch dann, wenn sie es an der nötigen Aufficht fehlen ließen. Bei Unter⸗ offizieren müsse in beiden Fällen grundsätzlich die Kapitulation gelöst werden. In diesem Sinne könne er sich zu dem Antrage nicht ab⸗ lehnend verhalten. Schließlich wurde der Antrag unsrer Genossen einstimmig angenommen. Hoffentlich findet der Beschluß die nötige Be⸗ ahtung bei den Offizieren und Unteroffizieren! Und wünschenswert wäre ferner, wenn der Reichstag dem Beispiele des bayrischen Land⸗ tags folgte.— Es hat sich auch bei dieser Gelegenheit wieder die Sozialdemokratie als diejenige Partei erwiesen, welche am energischsten gegen Mißstände 99 955 und die Behörden zum Eingreifen antreibt. Wie die Orduungsleute schwindeln. Bei der Ersatzwahl im Kreise Mittweida soll, wie bürgerliche Blätter zu berichten wußten, der nationalliberale Abg. Patzig— er ist auch in unserer Gegend besonders im Kreise Wetzlar bekannt— von den Sozialdemokraten vergewaltigt worden sein. Patzig war in Ge⸗ meinschaft mit seinem Freunde Paasche ausge⸗ zogen, um das Mandat der Sozialdemokratie zu entreißen. Da wird geschwindelt, Patzig sei niedergeschrieen worden, als er dem Abg. Bebel„hart zusetzte“. Nun, wer unseren Ge⸗ nossen Bebel kennt, der wird wissen, daß dieses „hart zusetzen“ selbst einem größeren Hecht, als es Herr Patzig ist, wohl nicht so leicht ge⸗ lingen würde. Herr Patzig ist lediglich durch ein paar treffliche Zwischenrufe von Versamm⸗ lungsbesuchern so aus dem Konzept gekommen, daß er schimpfte wie ein Rohrspatz, was sich die Versammlung natürlich nicht stillschweigend gefallen ließ.— Wie aber die Gegner kämpften, dafür geben folgende Stellen aus einem national⸗ liberalen Flugblatte Zeugnis: „Wie steht es aber mit Herrn Bebel? Der Mann besitzt drei Millionen und eine fürstliche Villa am Züricher See. Er war früher blutarm, bis er anfing, Berufsagitator zu werden. Da strömte ihm das Geld aus den Arbeitertaschen haufenweise zu, er hat ein fürstliches Einkommen. Wie verträgt sich das mit den gleichen Menschen⸗ rechten, daß er sich seine schlechten Dienste so bezahlen läßt, daß er 100 000 auf 100000 häuft! Warum hat Bebel denn gerade seine Villa im Auslande? Warum denn gerade in der Schweiz, die politische Verbrecher schützt? Nun, wenn der große Skandal einmal ausbricht, wenn dieses lästige, kapitaltstische Kaiserreich * der Hohenzollern einmal beseitigt werden soll, und daß ein Hohenzoller einem Bebel freiwillig und ohne blutige Kämpfe bis aufs Messen weichen könnte, werdet Ihr wohl doch nicht glauben— bei diesen ersten Kämpfen wird Herr Bebel gleich den wortstarken, aber im— 1 übrigen recht feigen Anstiftern früherer W 1 e⸗ lutionen nach der Schweiz verschwinden. kommt die sozialdemokratische Masse, was doch das Wahrscheinlichere ist, blutige Köpfe, wird sie geschlagen, so hat Herr Bebel im Auslande sein Schäflein im Trocknen, er kann leben. Sollte der blutige Strauß aber gelingen, so„ wird er bald wieder erscheinen und seine so oft erprobte Gewalt über die Massen für sh ausnutzen. Dann wird„August der Unfehlbare“ sicher Präsident oder gar König. Andere Mitbewerber, wie auch Göhre und Genossen, wurden ja beizeiten an die Wand gedrückt, Ihr aber soweit Ihr im Kampfe übrig geblieben wäret, würdet weiter arbeiten und— zahlen müssen.“ Und diese Schurken, die solche offen⸗ kundige Lügen und Gemeinheiten zu verbreiten wagen, wollen sich über unsachliche oder ge⸗ hässige Kampfesweise der Arbeiter beklagen!? Hier tritt die Geistesarmut der Leute von„Be⸗ sitz und Bildung“ so recht zu Tage! Allerdings, auch in andern Gegenden wurde bei der Reichstagswahl solcher erbärmlicher Schwindel von den Gegnern verzapft. Ueber angebliche„sozialdemokratische Ausschreitungen“ bei Gelegenheit der preußischen Abgeordneten⸗ wahlen hat die„gutgesinnte“ Presse eine Menge verlogenes Zeug berichtet. In Bernau bei Berlin war nämlich die Kirche als Wahl⸗ lokal benutzt worden und es wird von einem Pastor in dem frommen Stöckerschen„Reichs⸗ boten“ erzählt, daß die sozialdemokratischen Wahlmänner in jener Kirche allerlei Unfug getrieben hätten. Unter anderem beschwert sich der Diener Gottes darüber, daß Früh stück und Vesper in der Kirche verzehrt wurde, daß die Schnapsflasche gekreist habe, daß ge⸗ raucht und allerlei Kurzweil getrieben worden sei, die Kanzel sei von einem„Rauchverein“ der Sozialdemokraten erklommen und nur . geräumt, ein Sozialdemokrat hätte einem Pastor nachgeäfft, ein andrer sei mit einer Stall⸗Laterne einem Haufen Sozialdemo⸗ kraten vorangezogen usw.— Der Vorwärts war aber in der Lage, diese Märchen durch genaue Darstellung des wahren Sachverhalts zu zerstören. Ihm wurde darüber berichtet: „Die Kirche war durch zwei Kronleuchter spärlich beleuchtet. Am Eingang waren zu jeder Seite noch je drei Laternen— es mögen Stall⸗Laternen gewesen sein— nicht von sozialdemokratischer Seite auf⸗ gestellt. Dieser Laternen mußte sich bedienen, wer über die dunklen Räume fortkommen wollte. Dies haben, genau so wie Kon⸗ servative und Liberale, auch Sozial⸗ demokraten getan. Ein Rauchverein oder dergleichen war von sozialdemokratischer Seite am Altar nicht etabliert. Unrichtig ist natür⸗ lich auch, daß Sozialdemokraten den Altarraum „auf wiederholte Bitten widerwillig geräumt“ hätten, daß sie im Zuge marschiert seien und dergleichen mehr. Zutreffend ist, daß in der Kirche von Mitgliedern aller Parteien geraucht worden ist. Das Rauchen wurde auf Ersuchen des Wahlvorstehers eingestellt. Das Ersuchen mußte öfters wiederholt werden; das ist bei einer Anzahl von 1400 Männern, deren Mehrzahl ohne Unterschied der Partei⸗ richtung rauchlustig ist, begreiflich. Richtig ist, daß die Sozialdemokraten ihre Stärkung in der Kirche verzehrt haben. Dazu waren ste vollauf berechtigt. Von den Konservativen ver⸗ ließen recht Viele die Kirche, um in einer Pema der Kirche belegenen Kneipe mit amenbedienung Stärkung zu sich zu nehmen. Manche von ihnen betraten die Kirche dann mit brennender Zigarre und in recht gehobener Stimmung. Ist das dem Herrn Pastor entgangen?“ Diese Richtigstellung der Bernauer Märchen Nr. 49. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 3. wird den Ordnungeleuten allerdings nicht in den Kram passen, die schon nach dem Staats⸗ anwalt riefen. Unsere Parteigenossen brauchen keine Belehrung darüber, wie sie sich zu betragen haben, die wäre den Leuten aus den„besseren“ Kreisen viel eher nötig. So lange übrigens die Kirche für die Wahl verwendet wurde, war sie eben ihrer kirchlichen Bedeutung entkleidet. * Ein Wahlprozeß spielte sich am Dienstag vor der 3. Straf⸗ kammer des Berliner Landgerichts J ab. An⸗ geklagter war Reichstagsabgeordneter Genosse Dr. Herzfeld, dem ein Verstoß gegen§ 108 des Strafgesetzbuches zur Last gelegt wird, weil er im Juni bei der Reichstags⸗Haupt⸗ wahl in Rostock und bei der Stichwahl im ersten Berliner Wahlkreis nochmals wählte. Der Angeklagte führt aus, er hätte einen doppelten Wohnsitz in Rostock und in Berlin. Er war in beiden Orten in die Wähler⸗ listen eingetragen und überzeugt, daß es sich dei der Haupt⸗ und Stichwahl um zwei selbst⸗ ständige Rechtsgeschäfte handle. Der Staats⸗ anwalt führt aus, nach§ 7 des Reichstags⸗ wahlgesetzes könne man nur an einem Orte wählen. Durch die einmalige Ausübung werde das Wahlrecht erschöpft, daher sei die Straf⸗ barkeit des Angeklagten zu bejahen. Dieser setzte sich über die Schranken des Gesetzes hin⸗ weg, um seiner Partei zu dienen. Dies sei ein unehrenhaftes Verfahren, weshalb er 4 Monate Gefängnis und 1 Jahr Ehrverlust be⸗ antrage.— Der Verteidiger Dr. v. Gordon führte aus, daß Herzfeld vollkommen loyal gehandelt habe. Der el des Wohnsitzes sei nichts weniger als feststehend, sondern in den verschiedenen Gesetzen ganz verschieden. Daß die Stichwahl eine Fortsetzung der Haupt⸗ wahl sei, werde von manchem behauptet, von manchem bestritten, jedenfalls sei die„Identität der Wahl“ eine außerordentlich schwierige staats rechtliche Konstruktion. Der Verteidiger legte noch in längeren Ausführungen den guten Glauben des Angeklagten dar und beantragt dessen Freisprechung. Der Angeklagte wandte sich in scharfen Worten dagegen, daß der Staatsanwalt es über sich gebracht habe, den Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte in Antrag zu bringen. Er habe gewiß nicht ehrlos gehandelt und bezweifle keinen Augenblick, daß der Reichstag seine Eintragung in die Rostocker ö Maählerliste als rechtmäßig anerkennen werde. Bezüglich des Doppeltwählens unter solchen Umständen, wie sie hier vorliegen, handle es sich um eine offene, ungelöste Frage des Staats⸗ rechts. Nachdem der Angeklagte noch eine Reihe Beweisanträge gestellt hatte, zog sich das Gericht zu einer fast dreistündigen Beratung zurück, deren Resultat die Verurteilung des Genossen Herzfeld zu 14 Tagen Gefängnis war. Damit wird die Sache noch nicht erledigt sein; Herzfeld wird zweifellos Revision gegen das Urteil einlegen. Gerechtigkeit! Ein mildes Urteil fällte das Breslauer Landgericht am Mittwoch voriger Woche. Aller⸗ dings war in diesem Falle kein Arbeitswilliger beleidigt oder bedroht, sondern nur ein Straßen⸗ passant in stockfinsterer Nacht von einem Automobilisten zu Tode gefahren worden. Es wurde festgestellt, daß der Angeklagte im Juni auf der Chaussee bei Breslau einen Schuhmacher überfahren hatte und dann weitergefahren war, ohne sich um das Opfer seines schnellen Fahreus zu kümmern. Angeblich weil er fürchtete, in Folge der„Hetzereien der Presse“, gelyncht zu werden, war er bald in die nahe Stadt gefahren und hatte, um die Spuren zu verwischen, sogar sein Auto anders anstreichen lassen. Das Gericht sah, wie gesagt, die Sache sehr milde an und erkannte mit Rücksicht darauf, daß der Ueberfahrene nicht sofort tot war, sondern erst nach mehreren Tagen den Verletzungen erlag, auf nur eine Woche Gefängnis! Man vergleiche: Der Maurer Macha te hatte— wie behauptet, von ihm aber bestritten wurde— Arbeits willige auf die Füße getreten. Urteil: 1½ Jahre Gefängnis! Der Tischler Peikert hatte einen Arbeitswilligen„Streikbrecher“ genannt, war dafür von ihm geprügelt worden und erhielt: drei Monate Gefängnis! Der Zimmerer Schmidt hatte gesagt:„Wenn du Arbeit an⸗ nimmst, werden wir in der Versammlung über Dich reden!“ und erhielt: drei Monate! Der Zimmerer Hönsch hatte einen Arbeitswilligen beschimpft und einen Buchhalter mit einem Stein an's Bein getroffen. Urteil: neun Monate Gefängnis! Der Automobilist Heidenreich hat einen Menschen totge⸗ fahren und die Spuren seiner Tat beseitigt. Urteil: Eine Woche Gefängnis! Es lebe die Gerechtigkeit! Zum Kapitel„Männerstolz“. Der sächsische Landtag, in dem Dank der Wahlrechtsräuberei die„Vertreter von Bildung und Besitz“ hübsch unter sich sind und von keinem vaterlandslosen Sozialdemokraten auf die Finger geklopft bekommen, ist diese Woche zusammengetreten. Die erste„Arbeit“ war, daß die biedern„Volksvertreter“ eine Adresse an den König beschlossen, worin sie am Schlusse folgendermaßen winseln: „Wenn es Eurer Majestät in schwerer Zeit Trost gewähren kann, daß die Landes⸗ vertretung in unerschütterter Treue zu Eurer Majestät gestanden hat und steht, so wollen Eure Majestät überzeugt sein, daß wir in dieser Treue nicht nachgelassen haben und nicht nachlassen werden. Gott schütze Eure Majestät! In tiefster Ehrfurcht ver⸗ harren wir Eurer Majestät allerunter; täuigste treugehorsamste Ständever⸗ sammlung.“ Mehr kann man gewiß nicht verlangen. Oder doch, die Treugehorsamsten hätten noch sagen können:„Auf dem Bauche kriegen wir vor Eurer Majestät und sind glücklich ein paar allergnädigste Fußtritte zu empfangen.“ Ausland. Falschmünzerei zum Zwecke der Sozialisten bekämpfung betrieb ein österreichischer christlich-sozialer Reichsratskandidat. Wengerzin, der christlich⸗soziale Gegenkandidat unseres Genossen Daszynski, war der Hauptangeklagte in einem Falschmünzerprozeß, der dieser Tage vor dem Krakauer Schwurgericht stattfand. Wengerzin war eine Zeitlang die Hoffnung der klerikalen Partei und von dieser dazu ausersehen, die Sozialdemokratie zu vernichten. Er wurde überführt, seit mehreren Jahren mit zwei Ge⸗ wohnheitsverbrechern falsche Fünfkronenstücke angefertigt zu haben. Er will sich nur deshalb daran beteiligt haben, weil er glaubte, damit die Mittel zu erhalten, um die Sozia⸗ listen zu bekämpfen. Die Falschmünzer wurden zu je 2½ Jahren schweren Kerkers verurteilt. So muß der Zweck die Mittel heiligen! In Deutschland treibt man ja auch genu Falschmünzerei zur Bekämpfung der Sozial- demokratie, wenn auch in einem andern Sinne. Allerdings zeigen die Kassen gewisser sozialisten⸗ fresserischer Parteien eine solch' gähnende Leere, daß ein Zufluß von Moneten gewiß willkommen geheißen würde, wenn auch ein bißchen Falsch⸗ münzerei dabei wäre. Sozialdemo kratischer Agrarkongreß. Unsere belgischen Genossen hielten am Sonntag im Volkshause einen Parteikongreß ab, der sich besonders mit der Agitation auf dem Lande beschäftigte. Zur Annahme gelangte eine Resolution Vanderveldes, die besagt, daß gemäß dem Klassenkampf der Sozialdemokratie die Agitation sich zuerst an die eigentlichen proletarischen landwirtschaftlichen Handarbeiter zu wenden, daß ste aber in der Folge sich auf alle auf dem Lande unter proletarischen Be⸗ dingungen lebende Bevölkerungsgruppen sich aus⸗ zudehnen habe. Man beschloß, die sozialdemo⸗ kratische Agitation auf dem Lande mit aller Energie zu betreiben.— Die Dreysus⸗Affäre wird aufs neue in Frankreich aufgerollt. Im Kriegsministerium sind die Akten des Prozesses einer Prüfung unterzogen mit dem Ergebnis, daß man eine Revision für notwendig erachtete. Der Kriegsminister ließ die Akten dem Justiz⸗ ministerium zugehen und dieses befaßt sich bereits mit der Prüfung der Affaire.— Jaures schrieb dazu in der Petite Republique: „Auf dem regelmäßigen und gesetzlichen Wege ruft der zweimal verurteilte Un⸗ schuldige die Justiz seines Landes an und sein Appell wird gehört werden. Die Uebeltäter, welche so viele Verbrechen gegen ihn fabrizierten, werden erdrückt vom Uebermaß ihrer eigenen schlechten Werke. Sie haben so viele Fälsch⸗ ungen angehäuft, daß selbst nach dem schreck⸗ lichen Urteil von Rennes noch genug neue Tatsachen blieben, um die Revision unvermeidlich und die gesetzliche Rehabilitation gewiß zu machen. Jetzt, da die Geister beruhigt sind, wird Licht in das Innerste aller Gewissen dringen. Zola hat gesagt: Die Wahrheit ist unterwegs; sie ist ihrem Ziel nah.“ Dreyfus wurde bekanntlich vor drei Jahren vom Kriegsgericht in Rennes wegen Hochver⸗ rats zu einer Gefängnisstrafe von 10 Jahren verurteilt, dann aber begnadigt. I—— M M M—— von Uah und Fern. Hessisches. — Der Landtag ist auf Dienstag, den 8. Dezember, einberufen. Es stehen vorläufig 27 Gegenstände auf der Tagesordnung. Der hessische Staatshaushalt für 1904/03. Der für das kommende Rechnungs⸗ jahr seitens des Ministeriums aufgestellte Vor⸗ anschlag für Hessen, ist den Mitgliedern des Finanzausschusses, welche unterdes die Beratung bereits begonnen haben, zugegangen. Er balanziert mit 58 508 268,36 Mk. für die Verwaltung und mit 18 203 905,99 Mk. für das Vermögen, in Summa also mit 76 712 174 35 Mk. Der Finanzminister konstatiert mit großer Befriedigung, daß die Besserung der geschäft⸗ lichen und wirtschaftlichen Lage auch in seinem Etat eine deutliche Wendung zum Bessern zeigt insofern, als die Einnahmen aus dem Staats⸗ eisenbahnbesitz und den direkten und indirekten Steuern mit 2300000 Mark mehr als im Vorjahre eingestellt werden konnten. Das war höchst notwendig; denn auch bei uns wuchsen die Defizits immer bedenklicher an, der Vor⸗ anschlag für das laufende Rechnungsjahr weist einen Fehlbetrag von 2360000 Mk. auf, der nur durch oben erwähnte Mehrein⸗ nahmen bei auf die Spitze getriebener Knickrig⸗ keit im Etatsjahr 1904 um rund 1 Million herabgemindert werden kann. Dieselbe Knickrig⸗ keit, die zu einem beträchtlichen Teile auf Kosten notwendiger kultureller Ausgaben getrieben wird, ermöglicht auch, wieder eine Tilgung der Staatsschuld aus allgemeinen laufenden Mitteln vorzusehen und zwar in Höhe von 714590 Mk. Damit wird allerdings höchstens der gute Wille gezeigt, denn unsere Gesamt⸗ schuldenlast hat die für das kleine Hessen ganz respektabel zu nennende Summe von 332533 751 Mark erreicht. Verwaltung, Verzinsung und Tilgung dieser Schuldenlast verschlucken im „ Etatsjahr rund 12 Millionen ark. Aus den Einzelheiten des Voranschlags sei als charakteristisch nur die Tatsache hervor⸗ gehoben, daß die Finanzkalamität sogar dazu verleitet hat, an der Landesuniversität zu Gießen vom Sommersemester 1904 ab ein Stundengeld und an der Technischen Hochschule zu Darmstadt höhere Eintritts⸗ und Unterrichtsgelder zu erheben. Rund 68 000 Mk. mehr als seither hofft man dergestalt aus den Studierenden herauszuquetschen. Wir Sozial⸗ demokraten sind gegen eine solche Besteuerung des Unterrichts, die nicht nur das Bourgeois⸗ söhnchen trifft, sondern zu einer drückenden Last wird für manchen armen Studenten, der mit den Pfennigen haushalten muß. Die K 1 2 . eee 85 E 2 SEE 0——5—52—. —— eee eines . 1 Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 49. bürgerlichen Parteien unseres Landes freilich werden dem großen Finanzkünstler Gnauth, der mit solchen und andern Mittelchen, getreu dem Grundfatz: Viele Wenige geben ein Viel, die drohende Erhöhung der Vermögens⸗ steuer noch einmal hintanhielt, nunmehr ein rührend Loblied singen.— Die Landtagsersatzwahl in Mainz für unsern verstorbenen Genossen Ph. Haas hat am Mittwoch n Genosse Re⸗ dakteur Bernhardt Adelung wurde mit 144 Stimmen gewählt. Außerdem wurden 3 weiße Zettel abgegeben. Einen Wahl protest gegen die Wahl des Reichstagsabgeordneten für den Wahlkreis Offenbach, Dr. Becker, haben unsere dor⸗ tigen Genossen eingereicht, weil sich, wie unser Offenbacher Parteiorgan mitteilt, herausgestellt hat, daß bei der letzten Reichstagswahl im Kreise Offenbach⸗Dieburg doch viel mehr Un⸗ regelmäßigkeiten oder Ungesetzlichkeiten zugunsten der nationalliberal⸗antisemitisch⸗freisinnig⸗ultra⸗ montanen Kandidatur vorgekommen sind, als zuerst angenommen worden war. Das immer mehr anschwellende Belastungsmaterial erschien dem Zentral⸗Wahlkomitee unserer Partei s chließ⸗ lich so gewichtig, daß es sich zur Einreichung Protestes gegen die Gültigkeit des Becker'schen Mandats verpflichtet fühlte. Gießener Angelegenheiten. — Der Weberstreik in Crimmit⸗ schau macht sich in verschiedenen Geschäften fühlbar. Mehreren hiestgen Schneidermeistern ging folgende Zuschrift des Tuchversandtgeschäftes P. Knaur in Frankfurt zu: „Durch die schon seit 12 Wochen dauernde Arbeitseinstellung in den Tuch⸗ fabriken Crimmitschau's kann ich meinen nunmehr zu Ende gegangenen Vorrat in den Dessins(folgen 16 der Nummer nach aufgeführte Dessins) vor der Hand nicht durch Neuanfertigung ergänzen. Selbst wenn der Streik in Kürze zu Ende geht, wofür aber noch keine Anzeichen da sind, wird die Neuanfertigung mehrere Wochen in An⸗ spruch nehmen. Daher bitte ich Sie, sich bei den oben genannten Dessins ein Zeichen zu machen und vorläufig nicht mehr danach zu ver⸗ kaufen, damit Sie bei Ihrer Kundschaft nicht in Verlegenheit damit kommen.“ Dieses Schreiben zeigt, in welchem Maße der Kampf in Crimmitschau das übrige Ge⸗ schäftsleben in Mitleidenschaft zieht. Selbst⸗ verständlich werden dadurch verschiedene Ge⸗ schäfte geschädigt. Wer ist schuld daran? Unsern Lesern ist bekannt, daß die Weber Crimmit⸗ schau's für die Erringung des zehnstündigen Arbeitstages kämpfen, den die millionenreichen Fabrikanten zu bewilligen sich sträuben. Sie wollen es sich an der täglich zehnstündigen Ausbeutung der Arbeitskraft nicht genügen lassen. Es ist ein Kampf zwischen Kapital und Arbeit, der sich in der sächsischen In⸗ dustriestadt abspielt und es ist die Pflicht aller Arbeiter, ihre Klassengenossen zu unterstützen, welche nun schon über ein Vierteljahr lang im hartnäckigen Kampfe aushalten.— Die Fabri⸗ kanten versuchen mit allen Mitteln Streikbrecher heranzuziehen und die Streikenden zum Verrat zu verleiten; dauernde Beschäftigung bis ans Lebensende, Geldgeschenke von 50 bis 100 Mk. usw. boten sie an, die Arbeiter begingen aber keinen Treubruch. Jetzt bietet der Landesverband der Industriellen Sachsens jeden Streikbrecher„bis auf weiteres eine Prämie von zwei Mark pro Woche“ extra. Trotzdem haben sich keine neuen Streik⸗ brecher gefunden, die bisherige Zahl der Arbeits⸗ willigen ist im Gegenteil noch zurückgegangen. Diese Angebote beweisen jedenfalls, daß die Unternehmer sehr wohl die berechtigten For⸗ derungen ihrer jämmerlich entlohnten Arbeiter bewilligen könnten, sie wollen nur nicht, aus Machtdünkel und Kapitalisten⸗Hochmut! Opfern wir deshalb alle unser Scherflein zur . der kämpfenden Weber! .—„Unser“ Abgeordneter hat sich, wie der„Anz.“ meldete, nach Berlin begeben, um im Reichstage seine Volksvertreterpflicht aus⸗ zuüben. Viel hören werden wir davon aller⸗ dings nicht; er wird sich, wie sein Vorgänger, in vornehmes Schweigen hüllen. Doch wir wissen ohnedies, daß er die auf Ausbeutung der Armen und Minderbemittelten zu Gunsten der Reichen gerichtete Politik der herrschenden Klassen und der Fraktion⸗Drehscheibe unter⸗ stützen wird. Mit Reden braucht er sich da nicht anzustrengen, da genügt schon Kopfnicken. — Ein eigenartiges Benehmen als Leidtragender legte der Schwiegersohn des am Sonntag beerdigten Fabrikanten Klingspor an den Tag. Als die zwei Arbeiter, welchen die Vorbereitung zu Beerdigungen auf dem Fried⸗ hofe übertragen ist, dort etwa eine halbe Stunde früher, als sie da sein müssen, ankamen, war der Herr bereits anwesend. Als er die Arbeiter erblickte, schrie er ihnen zu:„Kommt Ihr end⸗ lich, Ihr Langschläfer?“ Die beiden entgegneten, daß sie ja noch Zeit bis 11 hätten und gingen in die Leichenhalle. Hier rauchte der eine noch den Rest seiner Zigarre(Rauchen ist dort er⸗ laubt), das scheint jenen Herrn in Wut gebracht zu haben, und er schlug dem Arbeiter die Zigarre aus dem Munde!— Uns wundert, daß sich ließ Arbeiter eine solche Behandlung gefallen eßen. —„Der erste Schöpfungstag“ betitelt sich der Vortrag, den Schriftsteller Thiel aus Kassel nächsten Montag im Saale des Cafe Leib halten wird, nicht„Die Eutstehung der Erde“, wie wir in der letzten Nummer sagten. Doch behandelt der Vortrag diesen Gegenstand. An Beispielen, wie sie uns die modernen Riesen⸗ Refraktoren der Lick⸗Sternwarte auf dem Ha⸗ miltonberge in Nordamerika und andere in prachtvollen Photographien festgehalten haben, können wir vergleichungsweise den geheimnis⸗ vollen Werdegang unseres Planeten⸗ Syste ms von dem im Aether wallenden, regel⸗ losen Lichtnebelgebilde von schier unermeßlicher Ausdehnung angefangen verfolgen, das fich später spiralförmig gestaltet, zum leuchtenden Ringe mit deutlich sichtbarem Mittelkern wird, um schließlich ein ähnliches Planeten⸗System mit einer Zentral⸗Sonne zu bilden, wie jenes ist, zu welchem unsere Mutter Erde gehört. Wir werden in das allmähliche Wachsen der Erkenntnis unserer Weisen bezüglich der Him⸗ melswunder eingeführt, lernen das 1 eines Pythagoras, Ptolomäus, Tycho Brahe und Newton kennen, das sich endlich an der Kant⸗La Place'schen Nebular⸗Theorie auswächst, welche uns schließlich Dank der Spektral⸗Analyse die grandiosen Wunder des Himmels bezw. der Sternenwelt entschleiert hat. Mit einer Erörterung darüber, wie der einst⸗ mals feuerflüssige Erdball mit seiner dichten Dunsthülle allmählich sich abkühlte und durch den steten Kampf der beiden feindlichen Elemente Feuer und Wasser die schädlichen Stoffe aus der Atmosphäre hinausfiltriert wurden,— wie Hand in Hand mit dieser Abkühlung durch die Falten⸗ und Runzelbildung der Erdkruste die Urgebirge und Urmeere entstanden— welche gigantischen Kräfte im Innern des Erdhalls rumoren und an der Fortbildung und steten Veränderung der Erdoberfläche in Verbindung mit der nagenden Gestalt des Wassers wirken: damit schließt der erste Teil der Vorlesung. Im zweiten Teile wird uns zunächst die Sonne etwas näher gebracht. Dann werden der Mond, sowie die Einzelplaneten der Reihe nach behandelt, wobei sich das Hauptinteresse dem Mars mit all den rätselhaften und hoch⸗ interessanten Erscheinungen, welche die moderne Mars⸗Forschung zu berichten weiß, zuwenden wird. Die Vorlesung bringt eine reiche Fülle erläuternder Lichtbilder, die das Besprochene dem Verständnis eines jeden noch so wenig vorgebildeten Zuhörers nahebringen. Der Vortrag selbst ist trotz des abstrakten Stoffes, den er in durchaus wissenschaftlicher Weise an der Hand der neuesten sichergestellten Forschungen behandelt, Dank der eingestreuten Vergleiche und Zitate für jedes halbwegs aufgeweckte ältere Schulkind begreiflich und in all seinen Teilen hochinteressant. Die Dauer der Vorlesung samt den Lichtbilder⸗Demonstrationen beträgt zwei Stunden mit eingeschobener Pause. e — Festliches. Besuch hatte das am Sonntag in Lonys Bier⸗ keller abgehaltene Stiftungsfest des Arbeiter- Gesangvereins„Eintracht“ aufzuweisen, so daß sich die Lokalitäten für die Zahl der Be⸗ sucher fast zu klein erwiesen. Die Gesangsstücke sowie die sonstigen Darbietungen gefielen allge⸗ mein; vortrefflich gelang besonders das Köschat⸗ sche Walzerlied„Am Wörther See“, für dessen exakten Vortrag die Sänger unter ihren rührigen Dirigenten Herrn Bauer stürmischen Bet all ernteten. Fährt der nun 30 Jahre bestehen de Verein so weiter fort, so kann er allgemeiner Anerkennung sicher sein und wird bei seinen Veranstaltungen stets auf ein volles Haus rechnen können.— Diesen Sonntag veranstaltet der Bäcker verband, der sich hier in der letzten Zeit wieder recht erfreulich entwickelt hat, im „Postkeller“ eine Abendunterhaltung, verbunden mit Verlosung, Tanz ꝛc. Namentlich im Hinblick darauf, daß es sich hier um eine junge Gewerk⸗ schaft handelt, ist zahlreiche Unterstützung durch die übrigen Gewerkschaftsmitglieder geboten; außerdem wird, wie man uns mitteilt, für beste Unterhaltung gesorgt werden. — Die allgemeine Sterbekasse Gießen hält Sonntag nachmittag 4 Uhr im Restaurant„Gambrinus“ ihre ordentliche Generalversammlung ab, worauf wir die Mit⸗ glieder noch besonders hinweisen. Aus dem Rreise gießen. — Wegen Errichtung eines Gewerbe⸗Ge⸗ richtes für den Kreis Gießen sollen demnächst Peti⸗ tionslisten in Umlauf gesetzt werden. Die Partei⸗ genossen und Arbeiter der in Betracht kommenden Orte wollen hierbei nach Kräften behülflich sein. Besonders notwendig wäre, wenn in den einzelnen Orten festgestellt würde, wieviel selbständige gewerbliche Betriebe am Orte sind und wieviel Arbeiter von diesen beschäftigt werden. 1. Watzenborn⸗Steinberg. In der letzten Ge⸗ meinderat ssitzung fand der vom soz. Wahlverein gestellte Antrag, die Oeffentlichkeit der Gemeinderats⸗ sitzungen betreffend, keine freundliche Aufnahme. Er wurde erst am Schlusse der Sitzung verhandelt und mit den merkwürdigsten Einwendungen bekämpft. Gemeinderat Schäfer z. B. meinte, diejenigen, welche diesen Antrag gestellt hätten, müßten doch ein besonderes Interesse an den Beschlüssen des Gemeinderats haben, er für seine Person interessiere sich gar nicht so sehr dafür! Für ein Gemeinderatsmitglied ist das eine sehr wunderbare Ansicht! Tatsache ist, daß die Mehrheit der Bürger die Oeffentlichkeit wünscht und man wird sich auf die Dauer nicht mit leeren Ausreden abspeisen lassen.(Nach N unserer Meinung sind die Sitzungen üb erhaupt öffentlich; es hat dazu jeder Zutritt. Sollen einzelne Gegenstände in nichtöffentlicher Sitzung verhandelt werden, so bedarf es dazu eines Beschlusses des Gemeinderats. D. Red.)— Eine heitere aber teuere Geschichte ist die Sache mit den Pfarr⸗Brunnen. Dieser war näm⸗ lich reparaturbedürftig. Weil nun Garbenteich mit zur Pfarrei Watzenborn⸗Steinberg gehört, sollte es zu den Kosten der Reparatur beitragen, weigerte sich dessen aber. Nun beschloß der Gemeinderat gegen die Stim⸗ men unserer Genossen einen neuen Brunnen für die Pfarrei zu bauen, um so die Garbenteicher heranziehen zu können. Die Kosten betragen natürlich das zehn⸗ fache der Reparatur und so werden dabei auch die Stein⸗ berger höher belastet. Respekt vor solcher Weisheit! — Wie Arbeiter behandelt werden. Auf der Main⸗Weser⸗Hütte in Lollar lassen nicht nur die Lohnverhältnisse zu wünschen übrig, auch über die Behandlung gingen uns wiederholt Klagen zu. So wird uns mitgeteilt, daß der Meister Bitt endorf im Versandtraum sich erlaubt, die dort beschäftigten Arbeiter per„Du“ anzureden. Es wäre nun zwar dagegen gar nichts einzuwenden, wenn der Gebrauch dieses vertraulichen Pronomens auf Gegenseitigkeit be⸗ ruhte. Das ist aber keineswegs der Fall; die Arbeiter erlauben sich natürlich das„Du“ gegenüber dem Werk⸗ führer nicht, es herrscht mithin ein so ideales Verhältnis wie im Zuchthause zwischen Aufsehet und Sträflingen! — Kürzlich wurde Meister Bittendorf sogar tätlich gegen einen Arbeiter. Diesen hatte er im Verdachte, einen in der Metallarbeiterzeitung erschienenen, die Ver⸗ hältnisse auf der Main⸗Weser⸗Hütte kritisterenden Artikel veranlaßt zu haben. Der betr. Arbeiter erhielt die Kündigung wenige Stunden später, als Bittendorf von dem Artikel Kenntnis genommen hatte. Auf seine Er⸗ kundigung beim Betriebsführer und Direktor erhielt der Einen sehr zahlretchen Arbeiter keine Auskunft über den Grund seiner Entlassung. Seit 2 ½ Jahren hatte er stets zur enheit ge⸗ arbeitet; es ist daher begreiflich, daß er in Erregung geriet, als er erfuhr, Bittendorf habe als Kündigungs⸗ en kl. er. . ie le⸗ at⸗ sen gen all ide len lic kk⸗ ch n ste sse im iche ft 5 N Nr. 49. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. grund angegeben, er(der Arbeiter) stehe öfters müßig herum. Darüber kam es zu Auseinandersetzungen, in deren Verlauf der Werkführer den Entlassenen tätlich angriff. Dieser wehrte sich natürlich und so entwickelte sich eine Prügelei. Wenn nun auch der Meister hierbei sein Teil abbekam, so gereichen doch Vorfälle dieser Art dem Werke nicht zum Ruhme und die Direktion sollte den Beschwerden der Arbeiter ein willigeres Ohr leihen, als dies bisher der Fall gewesen ist. Aus dem Nreise griedberg⸗Büdingen. v. Fest zu Gunsten der Weber in Crimmit⸗ schau. Das Friedberger Gewerkschaftskartell hielt am Samstag Abend im Saalbau sein erstes Winterver⸗ gnügen, verbunden mit Konzert, Gesang und theatralischen Vorstellungen ab. Das Fest kann in allen seinen Teilen als wohlgelungen bezeichnet werden. Allsettig war bei den Mitwirkenden das Bestreben, das Möglichste zu leisten, um das Fest zu verschönern, was auch in vollstem Maße gelang. Die Stimmung bei den Festteilnehmern war denn auch eine derart befriedigte, daß während des ganzen Festes kein Mißton zu bemerken war. Auch können wir die erfreuliche Tatsache konstatieren, daß alle Festteilnehmer bei den getroffenen Veranstaltungen, welche mit dazu beitragen sollten, einen möglichst großen Ueber⸗ schuß zu erzielen, sich opferfreudig zeigten.„Für die Crimmitschauer!“ Diese Worte gaben dem Feste das Gepräge, den wahren Inhalt. Möge es immer so sein, wenn es gilt, kämpfende Lassengenossen zu unterstützen. Aus dem Rreise A(sfesd⸗Cauterbach. e. Die Kreiskonferenz für Alsfeld⸗ Lauterbach, die am Sonntag in Alsfeld statt⸗ fand, nahm die üblichen Berichte entgegen, die Abrechnung wurde einer Kommission zur Prü⸗ fung überwiesen. Zum Kreisvertrauensmann wurde Eder⸗Alsfeld wiedergewählt. Als Vorsitzender des Kreiswahlvereins wurde Wie⸗ gandt, als Kassierer Martin und als Schrift⸗ führer Jakob gewählt. Ein Antrag, die „Mitteldeutsche Sonntagszeitung“ vom Verein in Vertrieb zu nehmen, wurde vorläufig zurück⸗ gestellt. f b. Wohnungsnot in Alsfeld. Daß oft genug in Kleinstädten die Wohnungsver⸗ hältnisse ebenso schlimm, manchmal noch schlim⸗ mer als in Großstädten sind, beweist die Tat⸗ sache, daß in Alsfeld die 5 Köpfe starke Familie des Schneiders Korell keine Wohnung bekommen konnte. Da von dem Hausbesttzer mit Exmis⸗ sionsklage gedroht wurde, mußte sich K. an die Stadt wenden, worauf ihm im Spital eine Zelle von 4,75 m Länge und 2,30 m Breite angewiesen wurde. Licht kommt in die„Woh⸗ nung“ durch zwei„Fenster“ von 0,40 m Breite und 0,23 m Höhe. Die Wände sind feucht und der Ofen, der vom Hausgang aus geheizt werden muß, ist zum Kochen nicht eingerichtet. Somit muß K. sein Essen außerhalb kochen! Dazu ist der Mann lungenkrank, auch die Kinder sind nicht gesund. Seine Beschwerden bei dem Bürgermeister hatten keinen Erfolg; man hat ihm kein anderes Zimmer angewiesen, obwohl noch ein helleres im Spital leer steht. Noch nicht einmal seine Möbel konnte er unter⸗ bringen, die stehen teilweise unter freiem Himmel, ent kann er auf sein u e arbeiten. Bemertt sei noch, daß Korell seine Miete stets bezahlt hat, es ist ihm auch sonst nichts nachzusagen. Aufgabe der Arbeiter muß es sein, bei der nächsten Gemeinderatswahl Vertreter ihrer Klasse in den Gemeinderat zu bekommen, damit diese faulen Zustände beseitigt werden. Aus dem Rreise Wetzlar. h. Pfarrer Heckenroth's Kuhhandel hat auch bei seinen Amtsbrüdern des Rheinlandes verschnupft. Bekanntlich schloß Heckenroth einen Bund mit dem Zentrum, um für sich ein Mandat zu ergattern. Da⸗ gegen protestirte der rheinische Hauptverein des Evan⸗ gelischen Bundes. Der Vorstand dieses Vereins beschloß die Veröffentlichung einer Erklärung, worin er seine schmerzlichste Entrüstung darüber ausspricht, daß Heckenroth gegen die evangelischen Wahlmänner ein Wahl⸗ bündnis mit den Ultramontanen geschlossen habe, durch das er sich ein Mandat gesichert und ein zweites Mandat dem Zentrum ausgeliefert habe. Er stellt mit Genug⸗ tuung fest, daß Heckenroth unter dem 21. November seinen Austritt aus dem Bunde angezeigt hat, wodurch der Vorstand der Notwendigkeit seiner Ausschließung überhoben sei, und erklärt, daß unter den rheinischen protestantischen Pfarrern ein Mann, der sich zu einem derartigen Wahlhandel entschließe, eine durchaus ver⸗ einzelte Erscheinung sei. Ueberall am Rhein ständen die evangelischen Pfarrer in ernster Abwehr des ultra⸗ montanen Ansturms zur Wahrung deutsch⸗protestantischer Interessen charakterfest auf der Wacht.— So die Amts⸗ brüder des mandatssüchtigen Geistlichen. Aber auch in Wetzlar hat der Kuhhandel nicht geringe Erregung her⸗ vorgerufen und veranlaßte eine heftige und für uns amüsante Katzbalgerei zwischen konservativen und national⸗ liberalen Ordnungsleuten, die sich mit zahlreichen„Ein⸗ gesandts“ im Wetzlarer Amtsblatte bombardierten. Ja, wenn das„schmachvolle Wahlbündnis“ gegen die So⸗ zialdemokraten geschlossen worden wäre, da würde man allseitig seinen Segen dazu geben! Daß Herrn Heckenroth die Angriffe seiner Amtsbrüder besonders nahe gehen, glauben wir kaum. Hauptsache ist, daß er Ab⸗ geordneter ist und— Diäten einstreichen kann. 5 h. Lohndiffe renzen scheinen in verschiedenen Gerbereien ausbrechen zu wollen. Die Firma Rü b⸗ sam stellt an die Arbeiter einfach unerfüllbare Forde⸗ rungen an Mehrleistung, auch von der Firma O. Dittrich wurden zahlreiche Entlassungen vorgenommen. Bei Rübsam wurde einem Arbeiter gekündigt, worauf die übrigen dort Beschäftigten ihrerseits kündigten. Rübsam gilt als ein reicher Unternehmer; über die Behandlung dort haben seine Arbeiter schon oft geklagt. h. Der Durchbrenner Kfm. Jakob hat sich dem Gericht in Limburg gestellt. Er kann wohl nicht weit gewesen sein; übrigens soll sein Wiederkommen Manchem nicht besonders angenehm sein. h. Vortrag der Lesevereinigung. Ueber:„Die Sonne als Energie⸗Quelle,“ hält Donnerstag d. 10. Dez. im Schützengarten Prof. Schaum⸗Marburg einen Vortrag. Aus dem Nreise Marburg⸗Nirchhain. Bekanntmachung der Gewerkschaftskom⸗ mission. Zur Unterstützuug der ausgesperrten Weber in Crimmitschau sah sich die Gewerkschaftskommission veranlaßt, nochmals Sammellisten herauszugeben, um den Ausgesperrten eine Weihnachtsfrende zu bereiten. Hoff⸗ entlich wird die Marburger Arbeiterschaft sich auch an dieser Sammlung recht zahlreich beteiligen. r. Nachträgliches von der Stadtverord⸗ neten wahl. Wenn irgend ein Kandidat bei der Stadtverordnetenwahl eine„Schlappe“ erlitten hat, dann ist es Herr August Heppe, der unentwegte Antisemit. Als Herr Heppe als Kandidat vom„Bürgerver⸗ ein“ proklamiert war, da hatte er natürlich nichts eiligeres zu tun, als den Arbeitern seine Kandidatur anzuempfehlen und ihnen mundgerecht zu machen, daß er nur der einzige Mann ist, der den Mut hat, auf dem Rathause den Mund anfzumachen, daß nur er die Wünsche eines Arbeiters vertreten kann. Herr August Heppe, der wohl schon vorher ahnte, daß seine Kandidatur sehr wackelig war, trieb deshalb den Kutscher⸗ und Diener⸗Verein an, daß sie für ihn agitieren sollten. Als Herr August Heppe von der Wahlbeteiligung der Arbeiterschaft hörte, geriet er ganz aus dem Häuschen und er trachtete auf unsere Liste zu kommen. Natürlich gelangs ihm nicht und so versuchte er auf dem Wege des Inserats sich als den wahren Jakob zu empfehlen. Ob⸗ gleich das Inserat mit„Viele Arbeiter und kleine Ge⸗ schäftsleute“ unterzeichnet war(bezahlt wurde es von Heppe), ließ sich niemand täuschen. Der Biedere kam nicht einmal in die Stichwahl. Es ist dies bereits die zweite öffentliche„Schlappe“, die Herr Heppe in diesem Jahre bekommen hat. Bei der Reichstagswahl ließ man seinen Busenfreund Zimmermann durchfallen, und bei der Stadtverordnetenwahl ihn selbst. Bei der Reichs⸗ tagsstichwahl agitiert Heppe für den Konservativen und bei den Stadtverordnetenwahlen will Heppe den „Arbeiterkandidaten“ spielen. Glaubte der gute Mann die Marburger Arbeiterschaft verhöhnen zu können? Nun, August Heppe hat sich die Quittung in Gestalt einer weiteren Schlappe geholt. r. Für die Fortbildungsschule hegen viele Handwerksmeister keine große Sympathie, weil jetzt ganz mit Recht die Unterrichtsstunden in die Zeit von 1—3 Uhr nachmittags gelegt sind. Da fehlen wöchentlich 4 Arbeits⸗ stunden und das ist vielen Meistern nicht angenehm. Ein verständiger Mann wird dagegen nichts einwenden, denn es liegt im Interesse nicht nur des Lehrlings, sondern in gewisser Beziehung auch des Meisters selbst aber auch in dem der Gesamtheit, daß die jungen Leute sich die nötigen Kenntnisse erwerben. Es ist daher sehr töricht, wenn der Malermeister K. seinen Lehrling, der ihn fragte, ob er zum Unterricht gehen könne, ant⸗ wortete:„Ihr dummen Bauern braucht nichts zu lernen!“ Dabei hat Meister K. sich doch kontraktlich verpflichtet, den Jungen zum tüchtigen Arbeiter auszubilden. Man sollte ihm von maßgebender Stelle aus auf seine Pflichten aufmerksam machen! bh. Die„Freie Bühne“. Unser Arbeiter⸗Theater⸗ Verein feiert diesen Sonntag im Saale des Schloß⸗ gartens sein 1. Stiftungsfest. Hoffentlich unterstützen die Genossen den jungen Verein durch zahlreichen Besuch. Im Uebrigen sei auf das Inserat verwiesen. Kreise statt. Kleine Mitteilungen. e Opfer der Arbeit. Ein Gerüst an einem Neubau in Köln stürzte am Montag zusammen. Da⸗ bei wurden mehrere Arbeiter verletzt, einer so schwer, daß er kurz darauf verstarb.— Am Montag erstickten auf der Zeche„Union“ bei Dort mund drei Arbeiter durch Einatmen giftiger Gase.— Bei einer Explosion im Aschaffenburger Gaswerk wurden in der Gasbereitungsanlage zwei Gas arbeiter schwer und zwei andere leicht verletzt. * Duellmord. In Aschaffenburg starb der Studierende Königsdorfer an den Folgen der Wunden, die ihm im Säbelduell beigebracht worden waren. Sein Gegner, ebenfalls Student an der Forstschule, wurde verhaftet. Partei-Nachrichten. Parteigenossen des Großh. Hessen! In den nächsten Tagen wird mit der Versendung des Hessischen Landboten pro 1904 begonnen. Wir ersuchen deshalb die Kreisvertrauensmänner, uns umgehend mitzuteilen, wie viel Exemplare sie wünschen und an welche Adressen dieselben ver⸗ sandt werden sollen. Das Landes⸗Komitee. C. Ulrich, Offenbach, Gr. Marktstraße 23. Wahlkreis Gießen ⸗Grünberg. Parteigenossen! Am Sonntag, den 13. Dezbr. findet die Verteilung des Landkalenders im Die Touren⸗Eiuteilung bleibt die⸗ selbe wie bisher. Die Parteigenossen werden ersucht, sich zahlreich zur Verfügung zu stellen; die einzelnen Organisationen wollen ihre Leute bestimmen und mir darüber baldige Mitteilung machen. A. Bock, Kreisvertraueusmaunn. Gießen, Dammstraße 22. Versammlungskalender. Samstag, den 5. Dezember. Gießen. Soz.⸗dem. Wahl verein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Sonntag, den 6. Dezember. Staufenberg. Wahl verein. Nachmittags 4 Uhr Versammlung bei Geißler. Zahlreiches Erscheinen der Mitglieder notwendig. Wieseck. Soz.⸗dem.⸗Wahlverein. Nachmittags 3 Uhr Versammlung bei Gustav Schneider. T.⸗O.: Das Unfallversicherungsgesetz. Ref. Vetters. Montag, den 7. Dezember. Gießen. Schneiderverband. Abends 9 lh: Versammlung bei Orbig. Mittwoch, den 9. Dezember. Gießen. Bäcker. Nachmittags 5 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb(Wiener Hof). Samstag, den 12. Dezember. Lauterbach. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 8 ½ Uhr Versammlung bei Gastwirt Keutzer. Quittung. Für die ausgesperrten Weber in Crimmit⸗ schan gingen ein: Lollar 1. Rate Mk. 9.15; 2 R. 5.50; Ts. 1.— Briefkasten. H.⸗Stbg. Wir wurden benachrichtigt, daß die Landgemeindeordnung in der Buchhandlung vergriffen ist. B.⸗Mrbg. Richtig frankieren! Mußten wieder⸗ holt Strafporto zahlen! Th.⸗Rehe. Mußte leider nochmals zurückgestellt werden. —— ̃ ̃—%—— Gesucht 7—8 tüchtige Zigarrenmacher. Sich zu melden bei Carl Pfaff, Weidenhausen 94,(b. Marburg). Für Arbeiter und Landleute empfehle mein reichhaltiges E Fchuhwaren-Lager in gediegenen, soliden Qualitäten zu billigsten Preisen. Arbeiterschuhe und Stiefel sowie Sämtl. Winterschuhwaren in jeder Preislage und reicher Auswahl. Justus Benner Marktstrasse 24. a— .——— 2 3* 2 2 2 :....* 8 2 Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung⸗ Nr. 49. Von Nah und Lern. Flug blattverbreiten ist keine geräusch⸗ volle Arbeit. Eine große Anzahl sozialdemokratischer n ur im Wahlkreise Stendal⸗ sterburg waren während der Reichstags⸗ wahl mit Strafmandaten bedacht worden, weil sie Flugblätter an einem Sonntag ausgetragen hatten. Auf beantragte richterliche Entscheidung hat jedoch— verschiedene Amtsgerichte hatten das Strafmandat bestätigt!— das Landgericht Stendal sämtliche Angeklagte freigesprochen. In der Begründung hieß es, daß das Flug⸗ blattverteilen keineswegs eine„Arbeit“ darstelle, auch nicht gewerbsmäßig betrieben werde und vor allem keine im Sinne der Oberpräsidtal⸗ verfügung, betr. die Sonntagsruhe,„geräusch⸗ volle“ Tätigkeit sei. Die Kosten wurden der Staatskasse auferlegt.— Es ist gut, wenn sich unsere Genossen derartige Entscheidungen merken; oft genug werden auch in unserer Gegend die Genossen bei dem Flugblätter⸗ und Kalender⸗ verteilen wegen„Störung der Sonntagsruhe“ angehalten. Ein Schweinepriester stand am 23. Nov. in der Person des Kaplans Wilh. Knipp, gebürtig aus Aachen, vor der Strafkammer in Hanau. Er hatte sich dort wegen Sittlichkeits verbrechen zu ver⸗ antworten, die er in der Zeit von 1901 bis 1902 als Erzieher an der Knabenzwangser⸗ ziehungsanstalt Sannerz im Kreise Schlüchtern an Knaben, die der Anstalt als Zöglinge über⸗ wiesen waren, begangen hatte. Knipp sollte schon im Juli wegen dieser Vergehen abgeur⸗ teilt werden, damals wurde aber dem Antrag des Verteidigers stattgegeben und der Angeklagte zur Beobachtung seines Geisteszustandes der Irrenanstalt zu Marburg überwiesen. Diese Beobachtung ergab jedoch, daß Knipp geistig normal ist und dem entsprechend gab auch der als Sachverständiger geladene Arzt der Irren⸗ anstalt Marburg sein Gutachten ab. Knipp war in vollem Umfange geständig. Das Urteil lautete unter Einbeziehung der dem Angeklagten am 4. März l. J. in Dresden wegen gleicher Vergehen zudiktierten zweijährigen Gefängnis⸗ strafe auf sechs Jahre Gefängnis wegen Sittlichkeitsverbrechen in 8 Fällen. Auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte hat bereits das Landgericht Dresden gegen den Angeklagten erkannt.— Verurteilungen von Geistlichen wegen derartiger Verbrechen haben in den letzten Jahren sehr zahlreich stattfinden müssen. Trotz⸗ dem schimpft aber die Kaplanspresse nach Noten über die„unsittliche“— Sozialdemokratie. — e ee 8 50 Unterhaltungs-Ceil. 17 ——— 2 Der Sieg des Schwachen. Erzählung von Melchior Meyr. 10.(Fortsetzung.) Sie drehte sich um und wollte gehen; aber ein leidenschaftlich geflüstertes„Halt!“ hemmte ihren Schritt.„Halt!“ erwiderte Tobias;„ich komm' ohne weiteres— und wenn der Teufel 8 holt!“ as Mädchen hatte sich ihm wieder zuge⸗ wendet und konnte nicht 15 zu lächeln,. „Wann soll ich kommen?“ fuhr der Bursche „Morgen nacht; die Hoftür wird auf sein, und nach elf Uhr schließ ich die Haustür auf.“ „Gut, ich komme,“ rief der durch die zweite Furcht von der ersten befreite und zum Hero⸗ rismus aufgestachelte Schneider.„Kreuzschwere⸗ not! Du hast recht, ich bin ein Narr, daß ich mir solche Skrupel mach', wo wir doch gar nichts Unrechtes im Sinne haben!“ fort „Du guter Tobias,“ erwiderte die Bäbe mit einem Lächeln, halb mitleidig, halb schalkhaft. Dieser fuhr fort:„Es ist ja wahr! Soll ich mich genieren, wo sich's um unser Glück handelt? Das wär' ja der größte Unsinn! Genieren sich denn ander' Leut'?“ „Sein Lebtag nicht,“ versetzte die Bäbe. „Jeder braucht halt das Mittel, das ihn zu seinem Zwecke führt, und wenn er's dann hin⸗ ausgeführt hat, lobt ihn alle Welt. Aber jetzt muß ich fort. Gutnacht, schlaf wohl!“ „Du auch,“ rief Tobias, ihr nachsehend. Langsam ging er in die Gasse zurück, ent⸗ schlossen trat er den Rückweg nach Hause an. Der Gesichtspunkt, den er in Bezug auf sein neues Unternehmen gewonnen hatte, be⸗ währte sich nicht nur am selben Abend noch, sondern auch am andern Tage. Er war heiter erwacht und machte sich im Laufe des Vormittags die schönsten Vorstellungen von der Zusammen⸗ kunft und ihrem Ergebnis. Infolge davon er⸗ langte er eine Munterkeit, die endlich zum förm⸗ lichen Uebermut gedieh. Beim Mittagessen blieb er keine Rede schuldig und hatte Einfälle, wo⸗ rauf die andern entweder lachen oder schweigen mußten. „Wie schnell sich doch jung' Leut' wieder trösten!“ sagte die Walpurg in der Küche für sich, als sie das Geschirr spülte. Der Alte hatte einen ähnlichen Gedanken, knüpfte aber einen Vorsatz daran. Er schickte den Kaspar in den Hof und sagte dann zu Tobias:„Nun, du scheinst dein trauriges Wesen jetzt ganz ausgeschwitzt zu haben.— It endlich die Zeit gekommen, wo du dein Versprechen halten kannst?“ Diese Frage hätte den Tobias zu einer an⸗ dern Zeit in Verlegenheit gebracht. Jetzt, im Vorausbesitz eines Rettungsmittels, das die Bäbe ihm heute nacht in die Hand geben mußte, fragte er ruhig:„Was denn für ein Versprechen?“ „Nun, daß du mit der Sillylle reden willst!“ .„Ja so“, erwiderte der Bursche. Und in diesem Augenblick stieg ein Gedanke in ihm auf, ein vortrefflicher Gedanke. Er konnte nachts fortgehen und braucht' es nicht zu verbergen; er konnte ausbleiben, so lang er wollte; er er⸗ sparte sich einen Streit, der üble Folgen haben konnte, und machte den Vater gläubig und sorglos— wenn er jetzt zum Schein auf seine Ansichten einging.— Mit einem Lächeln, dessen Schlauheit einem feinern Beobachter, als der alte Schneider war, verdächtig vorgekommen wäre, fuhr der zum Schelm gewordene Bursche fort:„Nun, am End', ein Weib muß ich doch haben! In Gottes Namen— heut nacht will ich mein Glück einmal vecsuchen.“ „Heut nacht?“ fragte der Alte, indem er das letzte Wort betonte. a „Ja wohl“, erwiderte der Sohn;„bei den Mädchen richtet man da am meisten aus. Ich will's frisch angreifen und der Sach' mit einem⸗ mal ein End' machen.“ „Ei,“ rief der Alte, indem ein Schmunzeln über seinen Ernst siegte,„du hast dich aber gebessert! Seht, seht! Am End' erleb' ich noch meine Freud' an dir!“ „Ich hoff's“ versetzte Tobias. soll's wenigstens nicht fehlen!“ „Diese schöne, mutige Stimmung währte mit leichten Schwankungen den ganzen Tag. Als es zu dunkeln begann, trat der Bursche vor seinen Vater und sagte:„So, ich geh' jetzt ins Wirtshaus.“ Der Alte schmunzelte wohlwollend und sagte: „Willst du dir Courage trinken?“— Dann setzte er hinzu:„Halt noch ein wenig, ich geh' auch mitl“ Während er die Juppe anzog und die Pelz⸗ kappe aufsetzte, lächelte Tobias vor sich hin, und beide wandelten dann in einer Eintracht, wie man sie nie bei ihnen gesehen hatte, der Schenke zu. „Dort angekommen, setzte sich der Sohn zu einigen Ledigen, der Vater zu älteren Mäunern, und beide Teile unterhielten sich gemütlich über das Wetter, die zu erwartende Ernte und andere ländliche Gesprächsgegenstände. Als der Zeiger der Wirtsuhr Zehn und ein Viertel wies, leerte Tobias den Rest seines „Krügles“, trat zu seinem Vater und sagte mit „An mir einem Blicke, der seine Worte Lügen strafte: „Ich bin müd und will einstweilen heimgehen. Du scheinst dich hier so gut zu unterhalten—“ „Geh' nur zu,“ fiel der Alte in behaglichem Brummton ein,„ich brauch' dich nicht zum Heimgehen!“ Tobias wünschte allerseits Gutn acht und verließ die Stube. Er schlug den Weg zum Hause der Sibylle ein. Diese Vorsicht war sehr nötig. Der Alte, plötzlich von einem Gedanken beunruhigt, verließ bald nach seinem Abgang die Stube, um vom Hofe die Gasse hinabzusehen, die zum Weber führte. Als er den Sohn lang⸗ sam darauf hinschleudern sah, freute sich seine Seele; er ging ins Wirtshaus zurück, bestellte noch eine Maß Braunes und pflanzte sich in die Ecke mit einem Behagen hin, als ob er heute die Polizeistunde nicht zu beachten gedächte. Tobias ging bis zum Hause des Webers. Die Fenster waren dunkel— die Leute zu Bette. Da er noch Zeit herumzubringen hatte, so folgte er einem Gelüsten, das plötzlich in ihm auf⸗ gestiegen war. Er ging ums Haus und stie über den niederen Zaun in den Garten, auf welchen das Kammerfenster der Sibylle hinaus ging. Hier war noch Licht. Der Bursche näherte sich demselben bis auf einige Schritte, blieb dann stehen und weidete sich an der Mög⸗ lichkeit, etwas tun zu können, was er zu unter⸗ lassen entschlossen war. dachte er,„dir könnte ich eine Freude machen — wenn ich möcht'! Aber jeder ist sich selbst der Nächste.“— Das Licht erlosch.„Sie geht zu Bett,“ sagte er zu fich.„Nun, sie mag. schlafen!“— Er ging vorsichtig zurück, stieg. auf den Wasen hinaus und schlug den Weg 1 ein, der zum Pfarrhaus führte. Auf dem Gange zur Sibylle war er ruhig; als er aber langsam dem Ziele des Abends entgegenwandelte, fing sein Herz an zu schlagen. Er verwunderte sich über die erneute Bangigkeit, wo er doch ganz entschlossen gewesen war, und ärgerte sich darüber; aber das bewirkte nicht, daß sie nachließ. Das Herzklopfen und Beben dauerte fort und geriet in einen Gang, als ob es heute nicht leicht mehr aufhören wollte. Am Zaune des Pfarrhofs angekommen, machte er Halt und verlor sich wartend in dumpfes Sinnen. Auf einmal schlug die Glocke auf dem nahen Kirchturm so stark, wie er nie geglaubt hätte, daß es möglich wäre. Nach leichtem Schreck sich fassend, zählte er die Schläge. Es waren elf.— Die Zeit war gekommen— es mußte gewagt sein! Indem er sich vorsichtig umschaute und zu seinem Troste niemand gewahrte, schlich er zu der Hoftür, öffnete sie, lehnte sie wieder an und zog sich hinter den Holderbaum zurück. Hier konnte er nicht gesehen werden, aber auf den Ruf der Geliebten gleich erscheinen. Die Stille des Grabes umgab ihn. Die dunkle Nacht, die nur von einzelnen, zwischen Wolken vorblickenden Sternen erhellt war, der heilige Bezirk, in dem er sich befand, und der ganze feierliche Umkreis stimmten ihn erust und ernster. Er begann zu überlegen, was er eigentlich im Sinne habe, und wie es ausfallen könnte. Bei tieferregter Empfindung, bei einem Geiste, der durch Furcht und Sorge geschärft und zu lebhaften Vorstellungen befähigt war, sah er die Größe seines Wagnisses in hellem Lichte und wurde besonders durch diejenige Seite des Unternehmens getroffen, wonach es als eine Entweihung des Pfarrhauses angesehen werden konnte. Zur Nachtzeit, heimlich wie ein Dieb, drang er in die Wohnung des Geist⸗ lichen!— Wenn es nun unglücklich ablief? Wenn die Pfarrleute erwachten und ihn bei dem Mädchen trafen, was dachten diese von ihm?— Daß er der unverschämteste und gott⸗ loseste Mensch sei auf der ganzen Welt! Und sie behandelten ihn, wie er's nach ihrer Meinung verdiente— die Sache kam auf, kam im Dorfe „Du gute Sibylle,“ herum— und sein Vater, den er auf alle Weise angelogen hatte, schlug ihn zum Krüppel! Die Bäbe verlor den Dienst und mußte aus dem Dorfe— alles war aus und alles verloren! — Wer konnte gutstehen, daß es nicht so ging? Alte Leute haben keinen festen Schlaf— und 8 — 2 N 5 2—ů—— — Dre eee eee * „ K.„ er * A e r! rr Nr. 49. Mitteldeutsche Sountags⸗ Zeitung. Seite 7. es gibt Dinge, wo der Teufel Heu runter wirft und alle Vorsicht zuschanden macht, weil's eben nicht sein soll, daß sie durchgehen. Diese Gedanken und Vorstellungen erzeugten sich unaufhaltsam nacheinander in ihm und versetzten ihn in eine Besorgnis, eine Angst, daß er unwillkürlich hinter dem Baume vortrat und seinen Blick nach der Hoftür richtete. Es war der böse Feind, der die Bäbe bewogen hatte, ihm diesen Vorschlag zu machen und ihn und ste zugrunde zu richten! Das war ja gerade das Allerschlimmste und Allergefährlichste, was sie unternehmen konnten!— Und mußte er ihr nun folgen, bloß weil er's versprochen hatte? War es nicht vielmehr seine Pflicht, für sie gescheit zu sein und sich in die Gefahr, worin sie umkommen würden, gar nicht zu war, das Allerbeste für beide, wenn er den Pfarrhof sachte verließ und ruhig nach Hause ging? (Fortsetzung folgt.) Humoristisches. Deutlich. Wahlred ner:„Darin, daß ich unter Ihnen aufgewachsen und Sie meist persönlich kenne, bin ich meinem Gegner gegenüber im Vorteil; doch muß ich anerkennen, daß er ein tüchtiger, ehrlicher und achtbarer Mann ist. Stimme aus dem Publikum:„Und darin ist er im Vorteil!“ Zur Orthographie. Lieschen:„Mutter, schreibt man Vater mit einem oder zwei t,?“ Mutter:„Sei nich so faul, Jöhre, derweil du sragst, machst de drei!“ Sylvester⸗Zeitung. Im Verlage des„Vor⸗ wärts“ erscheint zu Weihnachten unter dem Titel: „Die Arbeit“ eine reich illustrierte Sylvester⸗Zeitung im Zweifarbendruck. 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