.— Nr. 36. Gießen, den 6. September 1903. 10. Jahrg. Redefin: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nebaktionsschluf Donnerstag Nachmittag 4 Uhr Abounemeutspreis: Bestellungen 2 Juserate Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die ö5gespalt. Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellun die Expedition unrer Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33½% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Vom Nahrungsmittelwucher. Die geradezu empörende Ausbeutung und Prellerei, welche die Zuckerbarone seit Jahr⸗ ehnten am deutschen Volke verübten, ist mit ben 1. September wenigstens einigermaßen eingeschränkt worden. An diesem Tage trat die Brüsseler Zuckerkon vention in Kraft, eine internationale Vereinbarung, durch 1 7 die Besteuerung des Zuckers geregelt wird. Unsere Hansfrauen werden sehr bald die Wohltat dieses internationalen Gesetzes spüren, das Pfund Zucker wird um einige Pfennige billiger werden und sie werden den Internatio⸗ nalismus segnen, der ihnen immer als etwas so Scheußliches geschildert worden ist. Auch ie Zuckerkonvention ist ein kleiner Beweis für das Fortschreiten des Internationalismus— der trotz aller„nationalen“ Hetzereien immer mehr Boden gewinnt. Die Brüsseler Zuckerkonvention beseitigt endlich die Zuckerprämienwirtschaft, einen der schlimmsten Auswüchse am Giftbaume der so⸗ genannten Schutzzollpolitik. Millionen sind auf Grund des Prämiensystems in die Taschen der Zuckerfabrikanten geflossen auf Kosten des deut⸗ schen Volkes. i Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts entwickelte sich in Deutschland die Fabrikation des Rübenzuckers, während bis dahin der aus dem Zuckerrohr gewonnene Zucker der Tropen konsumiert wurde. Ende der sechziger Jahre wurde mit der Besteuerung der Rübenzucker⸗ Fabrikation begonnen. Die Steuer, eine „Materialsteuer“, betrug im Deutschen Reiche bis zum Jahre 1886 pro 100 Kilogramm Rüben 1,60 Mk. Maßgebend dabei war die Annahme, daß zur Herstellung von 1 Kilogramm Zucker 12¼ Kilogramm Rüben erforderlich seien, so daß also 100 Kilogramm Zucker mit 20 Mk. Steuer belastet waren. Diese 20 Mk. wurden den Fabrikanten bei der Ausfuhr von Zucker ins Ausland zurückgezahlt. Die Fabrikanten aber lernten bald, den Zuckergehalt der Rübe besser auszunutzen und die Rübenbauer zur Züchtung zuckerhaltigerer Rübenarten zu bringen. So sank das Quantum Rüben, das zur Herstellung von einem Kilo⸗ gramm Zucker erforderlich war, beständig. Im Jahre 1886 brauchte man nur noch 8,8 Kilo⸗ gramm Rüben dazu, während die Steuergesetz⸗ gebung an dem alten Verhältnis festhielt, so daß dem Fabrikanten bei der Ausfuhr 20 Mk. Steuer zurückvergütet wurden, während er nur 14 Mk. gezahlt hatte. Er erhielt also eine versteckte Ausfuhrprämie von 6 Mk. für 100 Kilogramm Zucker. Solches System mußte natürlich die Ausfuhr gewaltig anschwellen lassen. Die deutsche Zucker⸗ industrie warf sich vorwiegend auf den Export und entwickelte sich mit treibhausartiger Ge⸗ schwindigkeit, so daß bald eine enorme Ueber⸗ produktion da war, die zu immer neuer Ver⸗ mehrung der Ausfuhr führte. Der Staat sah aber seine Einkünfte aus der Zuckersteuer bald fast völlig für Ausfuhrprämien draufgehen. Das führte zu mehreren Versuchen, die Zuckersteuer⸗Gesetzgebung zu reformieren. Da indes das Uebel nicht an der Wurzel angepackt wurde, da das Prämiensystem belassen wurde, so stellten sich die alten Schäden stets nach kurzer Zeit wieder ein. Versuche, die Prämien, die man zu Anfang der 90er Jahre in offene umwandelte, allmählich in Wegfall zu bringen, scheiterten am Widerstande der mächtigen Zucker⸗ interessenten, die mit den Agrariern, den Inter⸗ essenten des Rübenbaues, eng versippt sind. Das deutsche Volk mußte, damit das Ausland billigen Zucker erhalte, den Zuckerindustriellen von 1881 bis 1901 1185 Millionen Mark Ausfuhrprämien zahlen, und dazu wurde ihm der Zucker noch durch eine inländische Verbrauchs⸗ abgabe von schließlich 20 Mk. verteuert. Dazu kam, daß der Schutzzoll und die Prämienwirt⸗ schaft die Ringbildung außerordentlich beförderten, so daß endlich auch noch durch den Zuckerring der 8 des Zuckers in die Höhe getrieben wurde. Dieser schamlosen Wucherprofitwirtschaft schiebt die Brüsseler Konvention endlich einen Riegel vor. Dem Ausland, England vor allem, verdanken wir die Erlösung von dieser Geißel. Das Ausland wollte sich die deutsche Schleuder⸗ konkurrenz, die auf Grund der Prämienwirt⸗ schaft möglich war, nicht weiter gefallen lassen. So kam es denn zum Abschluß der Brüsseler Konvention, die die Ausfuhrprämien beseitigt und in deren Verfolg in Deutschland auch die Verbrauchsabgabe, die verteuernde indirekte Steuer auf den Zucker von 20 auf 14 Mk. herabgesetzt worden ist. So wird also eine Verbilligung dieses wich⸗ tigen Gebrauchsartikels, dieses Nahrungsmittels eintreten. Aber solange das Schutzzollsystem und die indirekten Verbrauchssteuern bestehen, wird der Preis des Zuckers in Deutschland noch kein natürlicher sein und sind Versuche, den Zuckerpreis durch Ringbildung künstlich hinaufzutreiben noch nicht aussichtslos. Die Kartellierungsbestrebungen ruhen denn auch nicht und sind gerade jetzt, da das Ende des Prämien⸗ systems kam, wieder lebhafter geworden. Das Streben der Sozialdemokratie wird deshalb darauf hingehen, das Werk der Brüsseler Kon⸗ vention zu vollenden, den Zuckerschutzzoll und die Verbrauchsabgabe zu beseitigen, so daß der wucherischen Ausbeutung des deutschen Volkes durch die kartellierten Zuckerindustriellen ein Riegel vorgeschoben wird, daß das deutsche Volk endlich, ohne den Zuckerfabrikanten Wudver⸗ tribut zu zahlen, seinen Zucker genießen kann. Die Tätigkeit der Sozial⸗ demokraten im Reichstage. (Fortsetzung.) Der Bericht unserer Reichstagsfraktion schildert im Weiteren eingehend die Zolltarifkämpfe, sowie den Verfassungsbruch und die Vergewaltigungspolitik der Zollmehrheit, der die Präsidenten Bütteldienste leisteten. Die Generaldiskussion der Etatsberatung gab unseren Rednern Gelegenheit, die allgemeine wirtschaftliche und politische Lage zu besprechen. Als erster Fraktions⸗ redner nahm v. Vollmar am 20. Januar 1903 das Wort. Er wendete sich gegen die ruhmsüchtige und abenteuerliche Weltpolitik, die ohne festes Ziel wetter⸗ wendisch den Kurs wechselt, erfolglos bleiben und keine Erhöhung des deutschen Ansehens nach sich ziehen kann. Er forderte die Einstellung der ins wahnwitzige gehenden Rüstungen und fortschreitende Umwandlung der aggressiven stehenden Heere in defensive Volksheere. Er legte dar die von der Sozialdemokratie bekämpfte Politik, ins⸗ besondere auf dem Gebiete des Etatsrechts des Reichs⸗ tages, des Militär-, Marine⸗ und Kolonialwesens und der indirekten Besteuerung, die zu der ungesunden Defizit⸗ und Schuldenwirtschaft des Reichs geführt hat, aus der es eine Rettung nur durch Uebergang zur direkten Besteuerung und zu einer vollständigen Trennung der heillos verstrickten Finanzen des Reichs und der Einzel⸗ staaten gebe. Auf das Gebiet der inneren Politik über⸗ gehend, wendete er sich energisch gegen die Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines Bundesstaats und gegen die Kontrolle oder Zensur des Beschlusses einer Volksvertretung durch das vom Wolffschen Depeschen⸗ bureau verbreitete Telegramm des Kaisers an den Prinzregenten von Bayern. Das Telegramm war tags⸗ zuvor auch von dem Redner des Zentrums abfällig kritisiert worden. Als nach Besprechung des Swine⸗ münder Telegramms unser Redner auf die Reden des Kaisers in Essen vom 26. November 1902 und in Breslau vom 6. Dezember 1902 eingehen wollte, wurde er hieran durch den Präsidenten Grafen v. Ballestrem gehindert. Gegen diese Behinderung des verfassungs⸗ mäßig dem Abgeordneten zustehenden Rechts der Rede⸗ freiheit durch den zum Schutz dieses Rechts berufenen Präsidenten wendete sich der Redner wiederholt vergeblich. Am 22. Januar ergriff als Fraktionsredner Bebel das Wort zur Generaldiskussion. Er bekämpfte auf das nachdrücklichste die Desorganisation der Finanzpolitik des Reichs, die vergeblich aus einer Verteuerung der not⸗ wendigsten Lebensmittel der arbeitenden Klassen auf eine Gesundung hofft. Die ungeheuren Militär⸗ und Marine⸗ lasten müssen schließlich zu einem Zusammenbruch führen. Wenn man überall so zur Wahrung kapitalistischer Interessen vorgeht wie in Venezuela, wo es sich um Geltendmachung von Ansprüchen der Diskonto⸗Gesellschaft, der Norddeutschen Bank und der Firma Krupp handelte, so werde Deutschland noch häufig Verwicklungen erleben. Bebel ging dann auf die Darlegungen des Reichskanzlers ein, der seine Rede auf einer an keiner Stelle der Voll⸗ marschen Rede ausgesprochenen Auffassung aufgebaut hatte. In großzügiger Weise zeigte Bebel, wie lediglich aus Furcht vor der Sozialdemokratie man nach Ver⸗ hängung des Sozialistengesetzes wenigstens einigermaßen dem Arbeiter entgegenkommen wollte, wie die sozialistische Bewegung allein die Kraft war, die das Eintreten für soziale Reformen erzeugte. Auf der andern Seite erneute Forderungen für Unterdrückungsversuche, erhöhte Be⸗ strafung der Ausübung des Koalitionsrechts mit Ge⸗ fängnisstrafen von einem Monat bis zu fünf Jahren in der Gewerbeordnungsnovelle 1891, Umsturzvorlage 1895, Zuchthausvorlage 1898. Auf dem Gebiete des Vereins⸗, Versammlungs⸗ und Koalitionsrechts, des Genossenschaftsrechts, der politischen Meinungsfreiheit, des Wahlrechts, der Rechte der Staatsarbeiter fehle so unendlich viel, daß man an das soziale Programm, das die Botschaft von 1881, die Februar⸗Erlasse 1890 und die Rede des Reichskanzlers entwickelte, nicht glauben kann. Die Sozialdemokratie sei selbstverständlich bereit, für den sozialen Aufschwung der arbeitenden Klassen, die der Reichskanzler als sein Ziel bezeichnet hatte, ein⸗ zutreten, wenngleich das Wesen und die Natur der bürgerlichen Gesellschaft diesem Aufschwung entgegen stehen. Bebel rechnete dann mit den Reden des Kaisers in Essen und Breslau und des Kronprinzen in Oels gründlich ab, ohne daß der Präsident einen Versuch machte, ihn hieran zu hindern. Zum Schluß wendete er sich gegen den Cäsarismus und Byzantinismus, gegen den Servi⸗ lismus, das Strebertum, die Charakterlosigkeit der herrsthenden Klassen und ihren Mangel an Mannes mut vor Königstronen. Die mit gespauntester Aufmerksamkeit der Regierungsvertreter und des gesamten Hauses ver⸗ folgte Rede wirkte wie ein reinigendes Gewitter. Die Etatsberatung des Reichs amts des Innern gestaltete sich auch in dieser Session zu einer schonungs⸗ losen Kritik der Rückständigkeit der Gesetzgebung auf dem Gebiete des„Schutzes der nationalen Arbeit“, der Ar⸗ beitskraft. Von den eingebrachten, aber nicht zur Ver⸗ handlung gelangten Initiativanträgen formte die Fraktion zwei zu Resolutionen um. Darunter war die Forderung Seite 2. Mitleldentsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 36. der Vorlegung eines Gesetzentwurfs, durch den die regel⸗ mäßige Maximalarbeitszeit für alle im Lehr⸗, Arbeits⸗ und Dienstverhältnis im Gewerbe⸗, Industrie⸗, Handels⸗ und Verkehrswesen beschäftigten Personen vorläufig auf zehn Stunden festgesetzt und innerhalb gesetzlich zu bestimmender Fristen auf acht Stunden verkürzt wird. Die Besprechung der Berichte der Gewerbeauf⸗ sichtsbeamten durch die Fraktionsredner, ihre Kritik von Angriffen gegen die Ausübung des Koalitionsrechts der Arbeiter, von der Schutzlosigkeit gegen Berufskrank⸗ heiten, von den von Jahr zu Jahr sich insbesondere in der Landwirtschaft häufenden Unfällen, von der Drang⸗ salierung von Arbeitersekretariaten, von der übermäßigen Arbeitszeit, insbesondere der Arbeiterinnen, von der wirtschaftlich trostlosen und fast rechtlosen Lage der Heimarbeiter, der Landarbeiter, der Ziegelei⸗ und Mühlen⸗ arbeiter, der Bergarbeiter, der Glasarbeiter, der Celluloid⸗, der Marmorarbeiter zeigten, wie notwendig die endliche Durchführung des von der Sozia demokratie geforderten gesetzlichen Eingriffs gegen die fast schrankenlose Aus⸗ beutung durch den Kapitalismus im Interesse der Ar⸗ beiterklasse und der Allgemeinheit ist. Mit der Schein⸗ natur der sogenannten Wohlfahrtse richtungen, insbe⸗ sondere auf den Kruppschen Werken, wurde gründlich abgerechnet. Wie wenig die Mehrheit des Reichstags für die allerdringlichsten Forderungen selbst auf dem hygienischen Gebiet zu haben ist, zeigte die Ablehnung der von unserer Fraktion gestellten Resolution:„den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, der im Ruhrkohlen⸗ Revier bereits bestehenden Kommission zur Bekämpfung der gefahrdrohenden, zum Schaden auch der Gesamt⸗ bevölkerung stark umsichgreifenden Wurmkrankheit unter den Bergleuten(„Ausschuß zur Bekämpfung der Wurmkrankheit“ genannt), wissenschastliche Kräfte und Mittel des Reiches zur Verfügung zu stellen und dem Reichstag über die getroffenen Maßnahmen und deren Erfolg Bericht zu erstatten.“ Eindringlich lehren die beim Reichsamt des Innern geführten Debatten, daß die wirtschaftliche und politische Gleichberechtigung der Arbeiterklasse nur durch die Ar⸗ beiterklasse selbst, durch ihr Klassenbewußtsein, durch das Vertrauen auf ihre eigene Kraft und den Gebrauch dieser Kraft auf allen Gebieten errungen werden kann. In der Spezialberatung der einzelnen Titel des Reichsamts des Innern gab der Titel„Reichsschul⸗ kommission“ dem Redner der Fraktion Veranlassung, auf die jammervollen Verhältnisse des Volksschul⸗ unterrichts, insbesondere in Mecklenburg, hinzuweisen, und die Schaffung eines Reichsschulamts anzuregen, das die Erreichung von Mindestforderungen auf dem Gebiete der Volksschule zu überwachen hat. Der Vertreter des Reichskanzlers bezweifelte die Bereitwilligkeit der Einzel⸗ staaten, insbesondere Preußens, ihr Partikularrecht auf⸗ zugeben, für die Erhaltung der Dummheit ihrer Landes⸗ kinder besorgt zu bleiben. Die Mißstände öffentlicher Krankenpflege und die Lage des Pflegepersonals wurde beim Titel Reichs⸗ gesundheitsamt von einem Fraktionsmitglied be⸗ sprochen. Derselbe Titel führte zur Darlegung der Un⸗ zulänglichkeit der— auf frühere sozialdemokratische An⸗ regung hin— erlassenen Vorschriften zur Verhütung der Milzbrandinfektion. Das Kapitel Reichs versicherungs amt gab auch in diesem Jahre unseren Rednern Gelegenheit, insbesondere an der Hand der von Jahr zu Jahr sich steigernden Unfälle die dringende Notwendigkeit eines hinreichenden Schutzes der Arbeitskraft gegen das Arbeiterrisiko klar⸗ zulegen. Beim Postetat wurde eine Fülle berechtigter Be⸗ schwerden zum Ausdruck gebracht. Sie betrafen insbe⸗ sondere die Behandlung und Entlohnung der Unter⸗ beamten, ihre übermäßige Arbeitszeit, den Mangel einer Sonntagsruhe und die Unterdrückung der Selbständigkeit der unteren Beamten durch Maßregelungen gegen solche, die von ihrem Vereinigungsrecht in einer der vorgesetzten Behörde unliebsamer Weise Gebrauch machen. Eine Anregung, das Mindestgehalt der Landbriefträger von Mk. 700 auf Mk. 800 zu steigern, fiel auf unfrucht⸗ baren Boden. Beim Etat des Reichseisenbahnamts legten unsere Redner den Zusammenhang der steigenden Ver⸗ kehrsunsicherheit mit der Länge der Arbeitszeit, mit dem Mangel ausreichender Ruhezeit des Eisenbahnpersonals, mit den schlechten Unterkunftsräumen für das Zugpersonal und mit den Eingriffen in ihr Vereinigungs⸗ und Ver⸗ sammlungsrecht klar, das sich sogar dahin ausdehnt, daß einzelne Eisenbahndirektionen dem Eisenbahnpersonal B zu bestimmten Konsumvereinen unter⸗ agten. Die Beratung des Militäretats gab auch in dieser Session Veranlassung, das Duellunwesen, die Ausübung des Begnadigungsrechts gegenüber Duellanten, die Militärmißhandlungen, die Ueberlastung der Soldaten mit Gamaschendienst, die Verwendung von Soldaten zu Arbeiten, welche mit dem Soldatenberuf in keinerlei Zusammenhang stehen, Mißstände in Militärwerkstätten, Begünstigung des Schwitzsystems durch den Mangel hinreichender Submissionsbedingungen, die militärische Rechtsprechung, die ungeheueren Gewinne von Industriellen und Großgrundbesitzern, welche mit dem Militärfiskus in ein Vertragsverhältnis treten, die Versuche, die Selb⸗ ständigkeit religiöser und politischer Ueberzeugungen zu unterdrücken, die Einengung des Budgetrechts des Reichs⸗ tages durch Etatsüberschreitungen und andere Mißstände auf militärischem Gebiet zu rügen, welche mit der Absicht der bürgerlichen Parteien zusammenhängen, das Militär als Instrument zur Sicherung der Klassenherrschaft zu mißbrauchen. Der Duellunfug, die Bereitwilligkeit seiner ein⸗ flußreiche Stellungen einnehmenden Anhänger, bei ge⸗ gebener Gelegenheit dasselbe Verbrechen zu wiederholen, das gegen Duellanten ausgeübte Begnadigungsrecht und die Tatsache, daß die bürgerliche Gesellschaft nichts tut, um dem Duellunfug ernstlich an den Kragen zu gehen, wurde eingehend besprochen. Die für das Jahr 1901 erschienene militärische Kriminalstatistik ist, wie ein Fraktionsmitglied des nähern darlegte, außerordentlich mangelhaft. Sie schweigt über die Ursachen der Vergehen und Verbrechen sich gänzlich aus, es fehlt eine Angabe über Selbstmorde und Selbst⸗ mordversuche. Trotzdem zeigt sie, daß die Zahl der Prozesse wegen Miß handlungen um 60 Prozent, nämlich von 500 auf 800, zugenommen hat. Und das wiewohl der kleinste Teil der Soldatenmißhandlungen zur gerichtlichen Aburteilung gekommen ist und ein Prozeß oft sich auf mehr als 100 Mißhandlungen erstreckte. An der Hand von Einzelfällen wurde dargelegt, daß einzelne Mißhandlungen, die an Brüdern im Waffenrock verübt sind, alles übersteigen, was eine kannibalische Phantasie zu ersinnen imstande ist, und daß trotzdem nur auf außerordentlich geringfügige Strafen erkannt ist. Umgekehrt wurden Fälle angeführt, in denen gering⸗ fügige Insubordinationen und Raufhändel mit Vorgesetzten mit langwierigen Gefängnis⸗ und Zuchthausstrafen belegt sind. Es bleibt die öffentliche Kritik der Mißhandlungen und die Art ihrer Beurteilung durch Militärgerichte das einzige Mittel, um die Zahl und Art der Mißhandlungen durch„Stellvertreter Gottes“, wie der Zentrumsabge⸗ ordnete Lingens die Vorgesetzten bezeichnete, etwas zu mindern. Die finanziellen Vorteile, welche die be⸗ sitzende Klasse aus dem Militarismus für sich er⸗ strebt, wurden nach mannigfaltigen Richtungen hin von unseren Rednern einer Erörterung unterzogen. So ist Soldaten Urlaub erteilt, um bei Erntearbeiten behülflich zu sein, anderen ist Urlaub erteilt, um für den Dienst von Transportgesellschaften tätig zu sein, Militärmusikern ist ermäßigter Fahrpreis bewilligt, um ihr Gewerbe als Musiker auszuüben, der deutschen Landwirtschaftsgesellschaft ist die Verwendung von Sol⸗ daten für die Ausstellung in Hannover in Aussicht ge⸗ stellt, dem Festausschuß in Hannover ist die Bereit- willigkeit erklärt, zum Bundesschießen im Sommer 1903 144 Soldaten zur Verfügung zu stellen, eine Bereitwilligkeit, die die lebhafte Freude des Festaus⸗ schusses hervorrief,„weil dadurch eine große Summe Arbeitslöhne gespart werde“, ja es sind sogar Soldaten als Arbeiter bei Streiks zur Aushülfe kommandiert worden. Alle diese Fälle sind geeignet, freien Arbeitern illoyale Konkurrenz zu schaffen, und zeigen, daß die zweijährige Dienstpflicht eine übermäßig lange ist. Der ungeheuere Profit, den Lieferanten für Armee und Marine schlucken, und die polypenartige Umklammerung des Militär⸗ und Marinefiskus durch kapitalistische Ringe und Großfirmen, wurde schonungslos von unserem Vertreter dargelegt. Bei Einrichtung eines Truppenübungk⸗Platzes war den Unternehmern vom Militärfiskus die Bedingung auferlegt, nur auslän⸗ dische Arbeiter in Arbeit zu nehmen, damit die Löhne für die dortigen ländlichen Arbeiter nicht in die Höhe gingen. Die bürgerlichen Parteien fanden gegen diese, die einheimischen Arbeiter schwer schädigende Heimats⸗ politik, die von unserem Redner scharf kritisiert wurde, kein Wort des Tadels. Beim Justiz⸗Etat kam neben der Darlegung einiger Spitzel⸗ und Klassenjustizfälle zur Sprache, daß in die zur Revision des Strafrechts und der Straf⸗ prozeßordnung vom Reichsjustizamt einberufene Kom⸗ mission kein Vertreter der erwerbstätigen Bevölkerung und kein Sozialdemokrat berufen ist. Der Etat des Auswärtigen Amts gab unserer Fraktion Veranlassung, den Einfluß des russischen Zaris⸗ mus auf die inneren deutschen Angelegenheiten zu be⸗ sprechen. Eine Deutsche, eine alte Frau Kugel, wurde monatelang widerrechtlich im russischen Kerker zurück⸗ gehalten. Eine Frau Buchholz wurde ohne Grund in Kasan verhaftet, später auf dem Etappenwege nach Deutschland befördert. Russische Studenten wurden durch deutsche Behörden ohne jeglichen Grund an Rußland ausgeliefert oder wie der Staatssekretär im Fall Kalajew sich ausdrückte„ausgewiesen“. Das russische Spitzelwesen macht sich, wie der Staatssekretär halb zugab, unter Duldung und Förderung der deutschen Polizei in Deutsch⸗ land breit. Bei der Gesamtabstimmung über den Etat stimmte die Fraktion gegen den Etat, der die Mittel zur Aufrechterhaltung des kapitalistisch⸗militärischen Klassenstaats und seiner Regierungsorgane zwecks wirt⸗ schaftlicher und politischer Unterdrückung der Arbeiter⸗ klasse begehrt. (Fortsetzung folgt.) Politische Nundschau. Gießen, 3. September. Desizitwirtschaft. Einen Fehlbetrag von 30 Millionen Mark ergibt der Finanzabschluß des Reichs⸗ haushalts für 1902. Es sind gegenüber den Aufstellungen des Etats 21988 127 Mk. weniger Einnahmen zu verzeichnen, während 8734393 Mark mehr Ausgaben gemacht wurden. So⸗ mit beträgt das Defizit 30 722 521 Mk.— Beinahe zwei Millionen Mark mehr erfordert der Etat des Reichsheeres; 728000 Mk. sind bei der Marine verwaltung über den Etat verausgabt worden und die Verwaltun und Verzinsung der Reichsschuld hat mit 2, Millionen Mark Mehrausgabe abgeschlossen. An Zöllen und Tabak steuer gingen 13,8 Millionen Mark ein, dagegen blieb die Ein⸗ nahme aus der Zuckersteuer um 16 Millionen Mark gegen den Voranschlag zurück. Kurz, wiederum ein nettes Deftizitchen von 30 Millionen Mark! So wird lustig darauf losgewirtschaftet. Schulden auf Schulden werden gemacht, und dabei die wichtigsten Kulturaufgaben zugunsten des nimmersatten Molochs des Militarismus vernachlässigt. Dabei sollen wieder für die Aufbesserung der Offizierspenstonen 20 Millionen Mark neu gefordert werden und neue Militärvorlagen sind angekündigt, die hunderte Millionen Mark verschlingen werden. Das Reichsschatzamt verläßt sich auf die Ver⸗ mehrung der Zolleinnahmen nach Durchführung des Brotwuchers. Aber das arbeitende Volk bricht schon unter der bisherigen Last von Zöllen und Steuern fast zusammen. Wofür Steuern gezahlt werden müssen. Demnächst finden bei Erfurt die dies⸗ jährigen Kaisermanöver statt. Dazu sind von der Militärbehörde höchst sonderbare Vorbe⸗ reitungen getroffen worden. Der Militärfiskus hat das eigentliche Paradefeld, d. h. das Terrain, auf welchem die Truppen vor dem Kaiser vorbeimarschieren, sozusagen auf ein Jahr gepachtet. Mit andern Worten: der Militär⸗ fiskus hat die Besitzer dieses zehn Acker um⸗ fassenden Terrains, sämtlich Landwirte in dem weimarischen Dorfe Azmannsdorf, verhindert, für dieses Jahr es zu bestellen, und zahlt da⸗ gegen für den Acker 165. Mk. Weiter hat der Militärfiskus das fragliche Terrain im Frühjahr planieren und mit Gras besäen lassen, und seitdem ist unablässig unter Aufsicht eines Majors z. D. daselbst gearbeitet worden, um eine möglichst glatte und feste Rasenfläche zu schaffen. Das Gras wurde häufig gemäht und der Boden gewalzt; jede sich infolge von Witte⸗ rungseinflüssen usw. wieder zeigende Unebenheit beseitigt. Weiter wird eine große und sehr teuere Zuschauertribüne errichtet, sowie in der Nähe des Dorfes Kerpsleben ein von Azmannsdorf nach Erfurt führender Kommunal⸗ weg, den die Truppen zum Marsch nach dem Paradeterrain benutzen sollen, in kostspieliger Weise hergerichtet; auf eine erhebliche Strecke weit wird ein neben dem Wege laufender Graben zugefüllt und die an der anderen Seite des Weges stehenden stattlichen Pflaumenbäume müssen für dieselbe Strecke beseitigt werden. Ferner wird nicht nur eine Halte⸗ station an der Eisenbahn für den Kaiser errichtet, sondern es wird auch von dieser aus eine Art Chaussee nach dem Parade⸗ terrain gebaut, auf welcher sich der Katser mit seinem Gefolge zur Parade begibt und diese wieder verläßt. Die Chaussee wird 11 m breit und führt über eine Bodenerhebung, die zum Teil planiert wird. Muß nicht jeder ver⸗ ständige Staatsbürger, ohne daß er Sozial⸗ demokrat zu sein braucht, über eine derartige ungeheuerliche Verzettelung von Steuergroschen en t l. 1 en er 93 o lt . en l. 8 in⸗ en et. d len 15 die ind die en. er⸗ ing oll len es on dil tige Nr. 36. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 3. und über solche zwecklose Zerstörung von brauch⸗ barem Ackerboden in Erregung geraten? Den Bauern wird durch das eigentliche Manöver schon gerade genug zerstampft und zertreten, man sollte nicht unnützer Weise noch für über⸗ flüsstge Paraden kostbare Bodenwerte vernichten. Kaiserschloß in Mainz. Nach den Mitteilungen Mainzer Blätter besteht der Plan, das dortige Zeughaus zu einem Schloß für den Kaiser umzubauen. Natürlich sollen die Kosten des Umbaues aus öffentlichen Mitteln bestritten werden und somit werden den Steuerzahlern wiederum neue Lasten aufgebürdet. Mögen doch die Leute, welche an dem Schloßbau ein Interesse haben, es aus ihrer Tasche bezahlen! Es scheint tatsächlich in Deutschland so gemacht zu werden, sagt richtig unser Mainzer Parteiblatt, daß in jeder Stadt, der der Kaiser einen Besuch abstattet, ein Schloß gebaut werden soll. Da der Kaiser nun viel reist und infolgedessen vielen Städten Besuche abstattet, so wird natür⸗ fen auch die Zahl der Schlösser eine recht hohe ein. Uebrigens kosten die Kaiserreisen den Städten ganz bedeutende Summen. Manch⸗ mal scheint es, als wolle eine Stadt, die mit einem Kaiserbesuch beehrt wird, das überbieten, was aus gleichem Anlasse für festliche Aus⸗ schmückung, den vorschriftsmäßigen brausenden Jubel in den Straßen anderswo aufgewendet wird. Hamburg hat sich den Spaß seinerzeit 250000 Mk. kosten lassen, Frankfurt a. M. gar 400 000 Mk. Mainz, das der Kaiser vor kurzem mit seiner Anwesenheit beglückte, war ein bischen knickerig; mit 3000 Mk. glaubte der Mainzer Stadtrat seine patriotischen Gefühle genügend zu bekunden. Dafür hat Halle, das den Kaiser am 6. Septbr. in seinen Mauern sehen wird, 50000 Mk. für festlichen Empfangs⸗ klimbim übrig; in der gleichen Sitzung, in der die Verausgabung dieser Summe beschlossen wurde, bewilligte der Hallesche Stadtrat dem Zentralverein zum Wohle der arbeitenden Klassen eine Beihilfe von— 12 Mk. Gegen den Militarismus. Genosse Rudolf Kraft macht dem Vorwärts die Mitteilung, daß er mit Abfassung einer Broschüre beschäftigt ist, welche sich nicht nur gegen die Soldatenmißhandlungen, auch gegen das herrschende Militärsystem, gegen das Militär⸗Strafgesetzbuch, gegen die bürger⸗ lichen Parteien, die den Mißhandlungen mit einer nur schlecht maskierten Gleichgültigkeit gegenüberstehen, wenden, wobei vor allem die Konservativen und das Zentrum schlecht weg⸗ kommen werden. Sie wird sich auch mit dem „Beschwerderecht“ und der lange nicht energisch genug betriebenen Bekämpfung der Soldaten⸗ quälereien durch die militärischen Behörden und die Offiziere befassen.— Eine solche Schrift ist notwendig und zeitgemäß. Sie wird zweifellos das Wesen des völkerverwüstenden Militarismus gebührend bloßlegen. Vom gleichen Recht. Unser Genosse Lei d, Redakteur des Vorwärts sitzt noch immer wegen der Kaiserinselgeschichte in Untersuchungshaft, seine Entlassung gegen Kaution wurde vom Staatsanwalt abgelehnt, da Leid„fluchtverdächtig“ sei. Noch niemals hat sich ein sozialdemokratischer Redakteur einem Strafverfahren durch die Flucht entzogen! Dagegen der kürzlich in Dresden ver⸗ haftete Geheime Kommerzienrat Hahn ist gegen eine Kaution von 100 000 Mark aus der Untersuchungshaft entlassen und dem reichen Bankschwindler damit Gelegenheit gegeben worden, die Zinsen seiner Millionen im Auslande zu verzehren. N i 5 Dieser enorm reiche Mann ist wegen Bilanz⸗ fälschung, Vergehen gegen das Aktiengesetz, Betrug usw. angeklagt. Der Geheime Kommer⸗ zienrat war in den Zusammenbruch der Dresdener Kreditanstalt verwickelt, zu deren Aufsichtsräten er gehörte. Der Herr bekleidete das Amt eines Anfsichtsrates im ganzen in nicht weniger wie 27 Aktiengesellschaften. Wenn der Mann sich nicht sicher fühlt, daß man ihm„nichts beweisen kann, dann wird er sicher dem Vaterlande den Rücken kehren, da das Gefängnis sicher nicht sein Lieblingsaufenthalt sein dürfte. . Während der Geheime Kommerzienrat jubelnd die Erträgnisse des ergaunerten Reich⸗ tums in fröhlicher Gesellschaft jenseits der Grenzen verzehren wird, muß unser Genosse Leid als„fluchtverdächtiger Verbrecher“ hinter Kerkermauern vielleicht Wochen oder gar Monate 1 seine selbstverständliche Freisprechung er⸗ warten.— Auflösung der„Ablöser“. Am Sonntag hielten die Nationalsozialen in Göttingen ihren Vertretertag ab, der von 200 Delegierten besucht war. Er hat in seiner Mehrheit sich für den Anschluß an die Freisinnige Vereinigung ausgesprochen. Eine Gruppe der Minderheit will einen süddeutschen Verband gründen, also selbständig bleiben, einzelne wollen zur Sozialdemokratie kommen. Für diese letztere sprach der bisherige Parteisekretär Dr. Mau⸗ renbrecher, der u. a. ausführte: „Es ist ein richtiger und guter Charakter der Arbeiterschast, Mißtrauen zu hegen, und das reale Klassen⸗ und Volksinteresse hat bei uns gefehlt. Das muß ausge⸗ sprochen werden. Wir sind in der Grundtheorie ebenso antimonarchisch gesinnt, wie die Sozial⸗ demokratie in der Praxis! Es ist eine innere Unklarheit, die zwischen uns existiert, daruber müssen wir uns klar werden. Nur durch die Opposition können Konzessionen erlangt werden und wer so die Konsequenz des sozialen Gedankens erfasse, wird zugeben müssen, daß die Zukunft des Freisinns zu Ende ist und man zur Sozialdemokratie gehen müsse. Wir kommen zur Sozialdemokratie nicht als Gruppe, sondern genau so als Einzelperson, wie jeder andere Parteigenosse auch! Auch gehe man nicht dorthin, um den Bernstein'schen Flügel zu verstärken, sondern lediglich wegen des Parteiprogramms. Ich ersuche Sie, sich nicht von der Arbeiterschaft abdrängen zu lassen,— dort ist die Zukunft unser er Wült ur!“ Bei uns ist jeder willkommen, der mit uns ehrlich auf dem Boden des Parteiprogramms für die politische und wirtschaftliche Befreiung des Volkes arbeiten will. Die Herren würden aber sehr bald abwirtschaften, wenn sie etwa innerhalb unserer Partei„revisionistisch“ arbeiten wollten, wie ihnen Naumann geraten hat. Nationalliberaler„Arbeiter“ verein. Eine solche Mißgeburt existiert nun wirklich in Worms. Der„ganz ausschließlich von Arbeitern ins Leben gerufene“ Verein soll, wie Ordnungsblätter zu berichten wissen,„Gelegen⸗ heit bieten, aus der Mitte der Arbeiterschaft heraus dauernden Protest ertönen zu lassen gegen die immer anmaßender auftretende Sozial⸗ demokratie.“ Ferner soll Ziel der Vereinigung sein, das gegenseitige Vertrauen, das Interesse und die Zufriedenheit zwi⸗ schen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu pflegen. Von einem Mitveranstalter der Versammlung, einem„Arbeiter“, wurde betont, daß die Veranstalter aus sich selbst heraus ge⸗ handelt und einen Ruf an ihre Kameraden hätten ergehen lassen, die intelligent genug seien, um die soziale und politische Lage zu überblicken und dazu Stellung zu nehmen. Wie der Vor⸗ sitzende vor Schluß der Versammlung mitteilte, 1 sich zu dem Verein bereits 800 bis 900 itglieder angemeldet. Landtagswahlen finden diesen Herbst in Preußen, Sachsen, Baden und Weimar statt. In den ersten beiden Ländern herrscht das„elendeste aller Wahlsysteme“, das Dreiklassenwahlrecht, welches in Sachsen eingeführt wurde, um unsere Ge⸗ nossen aus dem Landtage zu verdräugen. Bei den Reichstagswahlen haben die Wahlrechts räuber ihre Quittung erhalten. Aber sowohl in Preußen wie in Sachsen nimmt unsere Partei energisch den Wahlkampf auf und es wird auch der Erfolg nicht ausbleiben. In Sachsen⸗Weimar stellen unsere Genossen in 14 von den 23 Wahlkreisen aussichtsvolle Kandidaten auf. Ebenso wird in Baden unsererseis die Wahlarbeit mit allem Nachdruck betrieben. Ausland. Krieg in Sicht. Der Aufstand in Macedonien greift immer mehr um sich, tagtäglich finden Kämpfe zwischen bulgarischen Banden und türkischen Truppen statt und beide Teile morden und sengen. Die Verhältnisse spitzen sich immer mehr zu, so daß bereits der Ausbruch des offenen Krieges als bevorstehend gemeldet wurde. Bulgarien sowie die Türkei machen ihre Truppen mobil und auch Oesterreich behält im Hinblick auf die Situation seine Reserven, die jetzt zur Entlassung kommen sollten, noch bis Jahres⸗ schluß zurück. Bauernunruhen in Italien. Aus verschiedenen Teilen Italiens werden Bauernunruhen gemeldet. In Arrospila drangen 300 Landbewohner in das Besitztum eines Prinzen und demonstrierten darauf vor dem Gemeindehause. Die Ruhe wurde ernstlich gefährdet und es mußte Militär zu Hilfe ge⸗ rufen werden. Aehnliche Kundgebungen fanden auf dem Besitztum des Prinzen Torlonio bei Angillare statt. 400 Landbewohner versuchten einen Angriff auf das Schloß. Kavallerie mußte aufgeboten werden, die die Demonstranten schließlich zerstreute. Auch anderwärts rebel⸗ lierten die Bauern gegen die Großgrundbesitzer. Der Grund der Erhebung liegt in der Weige⸗ rung der Großgrundbesitzer, einen Teil ihres Besitztums an die Gemeinden abzutreten. Soziales. Entwickelung der Konsumgenossenschaften. Die Großeinkaufs⸗Gesellschaft Deutscher Konsum vereine hat in der ersten Hälfte des laufenden Geschäftsjahres insgesamt einen Umsatz von 10801 432.98 Mk. erzielt gegen 8691863.89 Mk. im Vorjahre. Die Zunahme beträgt demnach 2 109569.09 Mk. oder rund 25 Prozent. Die Wurmkrankheit im Ruhrrevier. Der„Reichsanzeiger“ berichtete, daß auf 34 Ruhrzechen entsprechend polizeilicher Anord⸗ nung die ganze Belegschaft untersucht worden sei, eine größere Anzahl Gruben sei außerdem freiwillig untersucht. Die Untersuchung der Belegschaften ist jedoch, wie die„Bergarbeiter⸗ zeitung“ feststellt, immer noch nicht voll⸗ ständig, wohl aber ist trotz der sehr gering⸗ fügigen Untersuchung der Bergarbeiterfamilien ein zwölfjähriges Kind, der Sohn eines Hauers auf Schwerin, als wurmkrank er⸗ mittelt worden. Die Aerzte nehmen an, das Kind habe von dem Butterbrotrest 419 gegessen, den sein Vater von der Grube heim⸗ brachte, und der mit Wurmlarven behaftet war.(0 Man sieht, wie furchtbar die Gefahren der Ansteckung sind. Das Kind mußte sich der „Abtreibungskur“ unterwerfen, die starke Männer auf den Hund bringen. So müssen auch die armen Knäblein büßen für die Sünden, die an ihren Vätern begangen. Wer von diesem unermeßbaren Unglück gewarnt, gemahnt, ener⸗ gische Abhilfe gefordert hat, das ist ein„Hetzer“, der streut„Gift“ unter die Bergleute. Kirch⸗ hofsruhe soll herrschen. Die Schuldigen wollen ihre Ruhe haben. Eine besondere Bedeutung sei der Verseuchung des Bergmannskindes nicht beizulegen, schreibt der„Reichsanzeiger“. Wir, meint die„Bergarbeiterzeitung“, und mit uns die fühlenden Menschen in allen Gesellschafts⸗ kreisen, sind anderer Ansicht.— Auch in Schlesien soll nach verschiedenen Meldungen die Wurmkrankheit schon aufgetreten sein. 3 Die„parteilose“ Presse. Ein Artikel in der„Neuen Zeit“ erörtert unter der Ueberschrift: Eine Partei- und Preß⸗ 8 Seite 4. Mitteldeulsche Sonntags⸗ Zeitung. Nr. 36. frage das Verhältnis sozialdemokratischer Schrift⸗ steller zur bürgerlichen Presse. Der Artikel enthält auch einen Abschnitt, der sich speziell mit dem Charakter der sogenannten parteilosen Presse beschäftigt. Da dieser Abschnitt sehr Zutreffendes über das auch von uns schon wiederholt besprochene Thema sagt, wollen wir ihn unseren Lesern zur Kenntnis bringen. Diese Stelle lautet: „Allein unter den mancherlei Wunderdingen, die der Kapitalismus vollbracht hat, steht nicht in letzter Reihe die sogenannte parteilose oder unparteiische Presse, die Lassalles brandmarkendes Wort, daß die bürgerlichen Preßorgane nur Kapitalanlagen und Geldspekulationen seien, zur höchsten Vollendung gebracht, die selbst den letzten Schein abgestreift hat, als wolle sie die Bildnerin und Lehrerin des Volkes sein, die, eben deshalb weil sie selbst auf jedes Rückgrat verzichtet, allen Parteirich⸗ tungen die offene Aussprache in ihren Spalten gewähren zu wollen erklärt. Diese Presse ist das äuß er ste Maß von geistiger Gehirn⸗ und Knochen- erweichung, zu der es der Kapitalismus bisher ge⸗ bracht hat; sie verzichtet auf jedes Ideal und jedes Prinzip, weil auch das verschwommenste Ideal und das schwächlichste Prinzip dem schrankenlosen Umtriebe der Geldschlagemaschine noch eine gewisse Fessel anlegt. Dieses Urteil ist vollkommen zutreffend und jeder Mensch von politischer Ueberzeugung muß sich ihm anschließen, vor allen Dingen die Arbeiter. Pon Nah und Fern. Gießener Angelegenheiten. — Die Kriegervereine beginnen jetzt bald wieder die Jagd auf neue Mitglieder. An alle unsere Parteifreunde richten wir die dringende Bitte, verhindern zu helfen, daß die nächstens zur Entlassung kommenden Re⸗ ser visten den Kriegervereinen beitreten. Diese Vereine sind nicht, wie sie angeben,„nnpoli⸗ tische Vereine zur Pflege der Kameradschaft“, ondern ste werden von den„Machern“ immer mehr als Schutztruppe des aus⸗ beutenden Kapitals verwertet.— Ist man erst ein Mal in einem solchen Verein, hat man jahrelang Beiträge bezahlt, Rechte auf Unterstützung erworben, dann tragen die meisten Bedenken, alles dieses im Stiche zu lassen, obschon sie längst die wahren Ziele der knopflochkranken Führung erkannt haben. Bei der letzten Reichstagswahl haben manche Kriegervereinsleiter im Schimpfen über die Sozialdemokratie beinahe die Amtsblattredak⸗ teure übertroffen. Mit einer Unverfrorenheit und Unwahrhaftigkeit haben diese Vereine den „politischen Kampf“ geführt, sodaß es für denkende Arbeiter unmöglich sein muß, beizutreten. Es ist Pflicht eines jeden Parteigenossen, die jüngeren Arbeitskollegen auf die Heuchelei der sich unpolitisch nennenden Kriegervereine aufmerksam zu machen. Gegner mit offenem Visir sind uns lieber wie maskierte Feinde. Also den Kriegervereinen, den politischen Organisationen der Kapitalisten, ferngeblieben! — Vom guten Ton. Kürzlich machte folgende Notiz durch die Ordnungsblätter die Runde, die selbstverständlich auch der„Gieß. Anzeiger“ schleunigst nachdruckte: „Welch ein Ton in sozialdemokrati⸗ schen Versammlungen angeschlagen wird, dafür liefert einen Beweis ein Ausspruch der Genossin Frau Zetkin. Diese Führerin der sozialdemokratischen Frauenbewegung be⸗ zeichnete den Fürsten Bismarck als Ober⸗ sauhirt. Ohne Widerspruch wurde diese Bemerkung von der Versammlung hinge⸗ nommen.“ Diese Notiz ist in dieser Form un wahr. In der betr. Versammlung wurde die Frage der Mitarbeiterschaft von Parteigenossen an bürger⸗ lichen Blättern erörtert, dabei erwähnte Frau Zetkin M. Hardens„Zukunft“ und bezeichnete Harden als journalistischen Obersauhirten Bis⸗ marcks. So sieht die Sache ganz anders aus, obwohl wir die Aeußerung auch in dieser Form nicht als besonders geschmackvoll anerkennen können. Aber die Amtspresse hat kein Recht, uns Vorlesungen über guten Ton zu halten, was will dieser Ausdruck besagen, gegenüber den unflätigsten und pöbelhaftesten Beschimpf⸗ ungen, womit jene Blätter die Sozialdemokratie seit Jahrzehnten überschütten! Möge der An⸗ zeiger nur an sein Verhalten vor der Reichs⸗ tagswahl denken! Was für ein Ton herrscht übrigens in den„besseren“ Kreisen! Sagte doch einer der Edelsten s. Zt.:„Die Minister können uns sonst was—!“ — Die hessische Landeskonferenz tagt, wie bekannt, diesen Sonntag von vor⸗ mittags 10 Uhr ab in Steinbach bei Hom⸗ burg v. d. H. im Gasthaus zum„Darmstädter Hof“. Dort versammeln sich die Abgesandten unserer hessischen Parteifreunde um in ernster Beratung und fleißiger Arbeit unsere Beweg⸗ ung, die Sache des in politischer und wirtschaft⸗ licher Beziehung unterdrückten Volkes zu fördern. Es gilt, an dem bisher Geleisteten Kritik zu üben, Mittel und Wege zu finden, wie wir den immer neuen und größeren Aufgaben, die unserer Partei erwachsen, gerecht werden können. Wir sind überzeugt, alle Delegterten sind sich dieser hohen Aufgabe bewußt, und wir wünschen ihren Arbeiten den besten Fortgang. Allen Delegierten unseren herzlichsten Gruß! Die Delegierten aus Oberhessen können den Personen⸗Zug 6.52 oder den Schnellzug 8.02 ab Gießen nach Frankfurt benutzen. Von Frankfurt geht der Zuge 9.30 in der Richtung Homburg. Sta⸗ tion Weißkirchen aussteigen, von hier geht man in einer Viertelstun de bis Steinbach. Man kann auch in Eschersheim aussteigen(ab Gießen 6.52), von hier erreicht man Steinbach in einer reichlichen Stunde.— Ueber Friedberg⸗Homburg ist der Anschluß nicht günstig. — Sauberer Bursche. Manche unserer Parteigenossen werden sich noch des Bürsten⸗ machers Klink erinnern, der sich vor einigen Jahren in Gießen aufhielt, einigemale in Ver⸗ sammlungen auftrat, sich dabei äußerst„radikal“ gebärdete und in Anarchismus zu machen suchte. Verschiedentliche Anrempelungen unserer Ge⸗ nossen Krumm und Scheidemann bekamen ihm allerdings schlecht. Später gab er im Würt⸗ tembergischen ein anarchistisches Blättchen„Frei⸗ heit“ heraus. Seine mangelnde Wahrheitsliebe unseren Parteigenossen gegenüber hätten ihm eher zum nationalliberalen Amtsblatt⸗Redakteur befähigt. Jetzt kommt aus Stuttgart die Nach⸗ richt, daß Klink vom dortigen Landgericht wegen Vergehens gegen die Sittlichkeit zu 7 Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Es ist die alte Geschichte, entweder sind derartige Schreier Dummköpfe, Polizeispitzel oder moralische Lumpen. — Eisenbahner⸗Tod. Seinen Verletz⸗ ungen erlegen ist der Weichensteller Hofmann aus Wieseck, der vor kurzem im Gießener Bahnhofe überfahren wurde. Unsere Parteipresse in Hessen. Unter dieser Ueberschrift brachte das Offenbacher Abendblatt in der Mittwochsnummer einen längeren Artikel, in dem es seine früher ge⸗ machten Vorschläge wiederholt. Der Artikel stelltzunächst verschiedene irrtümliche Auffassungen richtig, die auf der Mainzer Konferenz zu 105 traten und sagt dann: Die Hauptfrage ei: „Wie ist es möglich, auf dem Lande, wo weder das Mainzer, noch das Offenbacher Blatt auf Jahre hinaus hinkommen werden, anhal⸗ tend und wirksam für die Partei zu agi⸗ tieren? Es kann gar keine Rede davon sein, daß den Genossen in Gießen die M. S.⸗Z. fort⸗ genommen werden foll. Redaktion und Verlag bleiben dort. Lediglich die Drucklegung müßte in Offenbach erfolgen und zwar aus Gründen, die wir bereits in dem Artikel vom 19. August angeführt haben und die für jeden Genossen wirklich durchschlagend sein sollten: 1. weil das Blatt bedeutend vergrößert und trotzdem wesentlich verbilligt werden könnte und 2. weil die Expedition des Blattes, das als Landesorgan gedacht ist, von Offenbach aus gleichfalls eine viel vorteilhaftere wäre, wie von Gießen aus“. 8 Würde das Blatt in Offenbach gedruckt, so würde sich seine Herstellung billiger stellen und es könnte infolgedessen mehr bieten: „Die M. S.⸗Z. würde mindestens 80 Pro⸗ zent mehr Text bieten, wie jetzt und den Gießener Genossen trotzdem wöchentlich rund 30 Mk.— oder sagen wir jährlich 1500 Mk. — weniger kosten! „Diese in jeder Hinsicht sehr wesentlichen Vorteile könnten dadurch erzielt werden, daß nach Angaben des Red akteurs der M. S.⸗Ztg. aus dem politischen Teil des O. A., an dem er mitarbeiten soll, ca. 12 Seiten Text Ver⸗ wendung fänden(Leitartikel, Reichstag, Land⸗ tag, Politische Rundschau usw.) und daß dann den Gießener Genossen für Inserate, sowie spezielle lokale und provinzielle Bedürfnisse, Korrespondenzen aus Wetzlar, Marburg usw. volle vier Seiten für Neusatz zur Verfügung ständen. Wer will denn im Ernste bestreiten, daß unsere Vorschläge für die Genossen in 9919 ganz wesentliche Vorteile mit sich ringen!“ Diese Ausführungen unseres Offenbacher Parteiorgans— auf seine detaillierten, mehr die technische Seite der Sache behandelnden Darlegungen können wir leider nicht eingehen — werden hoffentlich die mißverständlichen Auffassungen klären, die auch in der Gießener Konferenz mehrfach geäußert wurden. Mögen die Genossen nun diese Vorschläge prüfen! In dem einen Punkte werden alle einig sein, nämlich, daß eine Besserung unserer Preßver⸗ hältnisse von Nöten ist. Kreiskonferenz des Wahlkreises Gießen ⸗Grünberg. Am Sonntag fand die Kreiskonferenz für den Wahlkreis Gießen statt. Anwesend waren außer dem Kreiswahlvereins⸗Vorstand 31 De⸗ legierte aus 15 Orten. Nach Erledigung des Geschäftlichen erstattet Senosse Beckmann für das Wahlkomitee Bericht. Trotzdem nur wenig agitatorische Kräfte zur Verfügung standen, wurden während der Wahlbewegung 78 Ver⸗ sammlungen im Kreise abgehalten. Mit dem Resultate könnten wir zufrieden sein. Während bei der 1898er Wahl noch 14 Orte vorhanden waren, in denen keine sozialdemokratischen Stim⸗ men abgegeben wurden, war das diesmal nur in 6 Orten der Fall; außerdem haben sich in einer großen Anzahl Orte unsere Stimmen verdoppelt, in manchen erhielten wir drei⸗ und viermal soviel Stimmen als bei der letzten Wahl. Nur selten verzeichnet ein Ort Rück⸗ gang. Redner weist im Weiteren auf die Er⸗ folge unserer Partei im Reiche hin, überall erkennt die Wählerschaft mehr und mehr die Richtigkeit der sozialdemokratischen Grundsätze, sogar die katholischen Arbeiter, die sich bisher vom Zentrum leithammeln ließen, erblicken in unserer Partei die Vertretung ihrer Interessen. Unsere glänzenden Erfolge in Sachsen sind bekannt und sollten den Wahlrechtsräubern zu denken geben.— Doch unsere Organisation im Kreise lasse noch viel zu wünschen übrig, sie auszugestalten muß unsere nächste und wich⸗ tigste Aufgabe sein.— Die Abrechnung des Wahlkomitees, vom Kassierer Bock verlesen, verzeichnet in Einnahme 2154.09 Mk., die Ausgaben belaufen sich auf 2025.38 Mk., wovon allein 1053 Mk. Druckkosten. An dem Bericht schließt sich eine längere Diskusston, an der sich Häuser⸗Steinberg, Vetters⸗Gießen, Ludwig⸗Ortenberg, Diehl⸗Gießen, Groß⸗Hirzen⸗ hain beteiligen. Es wird anerkannt, daß das Wahlkomitee mit wenig Mitteln respektables geleistet habe, außerdem wird dem Kandidaten Genossen Krumm für seine opferwillige Tätig⸗ keit gedankt. Ein Antrag Diehl⸗Gießen: „Wo es auf dem Lande angebracht erscheine, die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung vertrauens⸗ würdigen Personen eine Zeit lang gratis zuzu⸗ senden“ wird angenommen. Der Bericht des Vorstandes des Kreiswahl⸗ vereins war nur kurz, da sich seine ganze Tätigkeit auf die Wahlen konzentrierte. Der Kassenbericht weist in Einnahme 535.88 Mk., in Ausgabe 369.20 Mk. auf, so daß ein Bestand von 166.68 Mk. verbleibt. Die Sterbekasse hatte 159.75 Mk. Einnahme und zahlte in 6 Sterbefällen je 20 Mk. Unterstützung. Sie verfügt über einen Bestand von Mk. 242.— Nr. 36. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5 Mitgliederzahl des Wahlvereins 625.— Die nun folgende Vorstandswahl ergab keine wesentlichen Aenderungen.— Ueber die Landes⸗ konferenz sprach Genosse Vetters. Was die Tätigkeit des Landeskomitees betreffe, be⸗ merkt Redner, sei es wohl möglich, daß es nicht in der Lage war, während der Reichstagswahl alle Wünsche zu befriedigen, z. B. hätten die Alsfelder Genossen dringend mehr agttatorische Unterstützung gebraucht, es müsse aber berück⸗ sichtigt werden, daß in dieser Beziehung Schwie⸗ rigkeiten bestehen, die das Komitee zu beseitigen nicht in der Hand hat.— Einer Abschaffung des Landeskalenders, wie sie von mehreren Seiten gewünscht werde, sollten wir nicht zu⸗ stimmen. Orbig erklärt in der Debatte, das Landeskomitee habe auch dem Alsfelder Wahl⸗ kreise gegenüber seine Pflicht getan.— Zu „Parteitag“ referierte Beckmann. 05 wies zunächst auf den Bericht des Partei⸗ vorstandes sowie auf den der Reichstagsfraktion hin, die von der umfassenden Tätigkeit der Parteileitung Zeugnis ablegten. Welche andere Partei erstatte Bericht über ihre Reichstags⸗ tätigkeit? Hier könne jeder Wähler ersehen, ob unsere Abgeordneten im Volksinteresse gehandelt hätten. Redner geht dann noch weiter zu den Aufgaben des Parteitages über. In der De⸗ batte darüber wird gewünscht, daß es bezüglich der Maifeier beim Alten bleiben solle(von verschiedenen Seiten war beantragt worden, die Arbeitsruhe am 1. Mai wegfallen zu lassen). Was die Vizepräsidentenfrage anlange, so solle der Parteitag mit Erörterung derselben nicht zu viel Zeit verlieren. Man solle dabei nicht vergessen, daß wir eine republikanische Partei seien und solle höfische Verpflichtungen ablehnen, meinte Genosse Faber-Leihgestern. — Als Delegierter wird Orbig gewählt.— Ueber den Punkt„Presse“ entspinnt sich eine lange Debatte, die zur Annahme einer Reso⸗ lution führt, in welcher sich die Konferenz be⸗ reit erklärt, wegen Einführung eines Tage⸗ blattes mit den Offenbachern in Verhandlung zu treten. Auf diesen Teil der Beratung kom⸗ men wir noch zurück. Aus dem Rreise sriedberg⸗Püdingen. r. Die Kreiskonferenz für den Wahlkreis Friedber g⸗Büdingen, welche am Sonntag in Friedberg stattfand, war von 36 Delegierten aus 26 Orten besucht. Vorsitzender war Genosse Busold. Derselbe erstattet auch den Bericht des Vorstandes, womit er zugleich einen solchen über die Reichstagswahl verbindet. Das Resultat sei ein befriedigendes, führt Redner aus, obwohl die Hoffnungen der Genossen, die auf Eroberung des Mandats gerechnet hatten, nicht er⸗ füllt wurden. Es mußte unter den schwierigsten Ver⸗ hältnissen gearbeitet werden, Bürgermeister und Beamte aten das möglichste in der Bekämpfung der Sozial⸗ demokratie. Der Zolltarif war in dem meist ländlichen Wahlkreis keine zugkräftige Wahlparole(). Dann fehlte es aber auch an geeigneten Rednern, die das nötige Verständnis für Landagitation besaßen. Auch habe die hessische soztaldemotratische Landtagsfraktion durch ihre Hofgängerei das Vertrauen bei vielen Wählern verloren(1). Nur zu oft mußte man den Vorwurf hören, daß die Sozialdemokratie auch regierungsfähig werde. Der Stimmenzuwachs betrug 66 Prozent. Die Organisation habe gute Fortschritte gemacht. An den Bericht schloß sich eine lange Diskussion. Zuerst sprach Genosse Harris, der sich ebenfalls gegen das „Zuhofegehen“ der hess. Abgeordneten aussprach und weiter bemerkte, es fehle an einem Organ, in welchem die Vorgänge im hessischen Landtag ausführlich besprochen würden. Die Mitteldeutsche Sonntagszeitung müsse in dieser Beziehung mehr tun. Auch das Offenbacher Abendblatt könnte mehr im Kreise eingeführt werden. — Armbrust⸗Vilbel tritt für die Frftr. Volksstimme ein, die den ländlichen Verhältnissen genügend Rechnung trage, Dasselbe tut Redakteur Zander⸗Frankfurt.— Den Kassen bericht giebt Genosse Kühn; danach sind für die Reichstagswahl eingegangen 4169,82 Mk. Die Ausgaben betrugen 3857,94 Mk. Der Ueberschuß von 311,88 Mk. wird durch Beschluß dem Kreiswahl⸗ verein überwiesen. In den Vorstand wurde Genosse Ihl als Vorsitzender und Genosse Kühn als Kassier gewählt. Ueber die Landeskonferenz in Steinbach referiert Gen. Harris. Außer der Frage über die Gestaltung der Presse dürfte die Tätigkeit der hessischen Landtags⸗ fraktion, welche merkwürdigerweise auf der Tagesordnung fehle, die meiste Zeit in Anspruch nehmen. Redner kommt dann wieder auf die Preßverhältnisse zu sprechen. Eine die Tätigkeit der Landtagsfraktion kritisierende Resolution gelangt zur Annahme. Als Reichstags⸗Delegierte wurden Harris und Busold gewählt. (Wir verstehen nicht, wie die Genossen Busold und Harris von„Hofgängerei“ der hessischen Landtagsfraktion reden konnten. Das ist doch geradezu eine Ver⸗ kehrung der Tatsachen. Wer ist denn zu Hofe gegangen? Ulrich etwa? Nein, der ging nicht zum Großherzog, sondern dieser kam zu Ulrich. Wir glauben fast, die Aeußerungen Busolds sind in dem Bericht der„Volksst.“ auf den wir uns stützen, unrichtig wiedergegeben, denn wir trauen Busold solche unvor⸗ sichtige und unwahre Behauptungen nicht zu.— Auch kann B. nicht von dem„Zolltarif als Wahlparole“ gesprochen haben. Das war er für uns sicher nicht, wohl aber ein sehr gutes Agitationsmittel. Red. d. M. S.⸗Ztg.) Aus dem Nreise Wetzlar. h. Die Lassallefeier in Launsbach er⸗ freute sich zahlreichen Besuches. Der Vortrag des Genossen Quint⸗Frankfurt fand großen Beilall. h. Der frühere Bürgermeister von Wetzlar, Herr Moritz ist im Alter von 64 Jahren gestorben. Er erfreute sich großer Be— liebtheit. — Zur Landtagswahl. Im Kreise Dillen⸗ burg stellen die Nationalliberalen den bisherigen Ab⸗ geordneten Amtsgerichtsrat Hofmann wieder als Kandidat auf. Aus dem Rreise Marburg⸗Rirchhain. Bh. Der Wahlverein hielt am Samstag abend im Jesberg'schen Lokale seine konstituierende Versammlung ab. Nach Wahl des Vorstandes erfolgte die Statuten⸗ beratung, welche ohne längere Diskussion verlief. Als Vorsitzender wurde Gen. Wolf gewählt, als Kassterer Gen. Behrent s, als Schriftführer Gen. Wessel sowie 3 Revisoren. Der Verein führt den Namen „Wahlvereinfür Marburg u. Umg.“, er zählt gegenwärtig ca. 45 Mitglieder. Gen. Dr. Michels erläuterte den Anwesenden in kurzen, leicht faßlichen Worten, daß der Wahlverein im eigentlichen Sinne als ein Diskutierklub zu betrachten sei und das Ziel verfolge, seine Mitglieder agitatorisch heranzubilden. Alle 4 Wochen soll eine Sitzung stattfinden, in welche die Gen. ihre Referate entwickeln. Vorerst erhlelten Referate Frau Dr. Michels für Sept., Gen. Dr. Thesing für Okt., Gen. Wolf für Nov. Nach Erörterung der Preß⸗ verhältnisse gelangte folgende Resolution zur Annahme: „Die Genossen von Marburg und Umg. werden als Wochenblatt die„Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ bei⸗ behalten, jedoch als Tageszeitung den, Vorwärts“ wählen“. Die Versammlung teilte die Berichterstattung in Partei, Gewerkschaftliches und Genossenschaftliches und übertrug sie dementsprechend drei Genossen. Gegen 12 Uhr er⸗ folgte Schluß der Versammlung, die für unsere Be⸗ wegung in Marburg wieder einen Schritt vorwärts bedeutet. Es dürfte interessant sein, den soeben ge— gründeten Wahlverein in Marburg einmal auf seine Zusammensetzung hin zu untersuchen. Er zählt zu seinen Mitgliedern: 1 Tapetendrucker, 1 Brauereihilfsarbeiter, 1 Heizer, 1 Weißbin⸗ der, 1 Bildhauer, 1 Kupferschmied, 1 Zinn⸗ Gabin 1 Hausburschen, 1 Installateur, 1 ärtner, 1 Gastwirt, 1 Doktor der Medizin, 1 Doktor der Philosophie, 3 Formstecher, 2 Schneider, 5 Schuhmacher, 7 Holzarbeiter und 14 Buchdrucker. Von diesen 44 Mit⸗ gliedern, unter deuen, wie man sieht, die Buch⸗ drucker und Holzarbeiter allein beinahe die Hälfte ausmachen, sind etwa 35 organisterte Arbeiter. Leider fehlen die in Marburg keinen geringen Prozentsatz unter der Arbeiterschaft ausmachenden Maurer und Steinarbeiter noch gänzlich. Es steht zu erwarten, daß auch aus dieser Kategorie Arbeiter der Wahlverein Hülfe erhält. Immerhin ist der Anfang, den die Marburger Genossen gemacht haben, schon ein recht stattlicher zu nennen, zumal wenn man bedenkt, daß neben dem Wahlverein ja noch die natürlich bedeutend stärkere sozialdemokr. Parteimitgliedschaft besteht. . Kleine Mitteilungen. *. Ein Eisenbahnunfall ereignete sich am Samstag bei Niederlahnstein dadurch, daß ein 200 Zentner schwerer Eisenblock von einem Wagen eines Güterzuges herabfiel. Infolgedessen entgleisten 7 Wagen, Verletzungen sind nicht vorgekommen, dagegen ist der Materialschaden erheblich.— Besondere Vorsicht ist da bei dem Verladen auch nicht geübt worden! * Ungetreuer Kassier. Der Rendant des Vorschuß⸗Vereins in Berleburg wurde unter dem Verdacht 60000 Me. unterschlagen zu haben, verhaftet. e Ein Frommer. Der Frankfurter Schreiner Waßenberg, ein eifriger Verfechter der„guat' Sach'“, der jeden Sonntag zweimal in die Kirche ging, sich im Wirtshaus an wütenden Anfällen gegen die„unsittliche“ Sozialdemokratie nicht genug tun konnte, wurde wegen Sittlichkeitsverbrechen an einem 5jährigen Mädchen zu 9 Monaten Gefängnis verurteilt und sofort ver⸗ haftet. ** Im Gefängnis erhängt hat sich in Mar⸗ burg am Freitag der Schmied Ad. Schmitt aus Josbach, der am Dienstag vorher zu 1 Jahr 9 Monaten Zuchthaus verurteilt wurde. . Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung. Neues Arbeitersekretariat. Das Hanauer Gewerkschaftskartell beschloß die Bestellung eines Arbeitersekretärs mit einem Jahresgehalt von Mk. 1200 und bestimmte für den Posten den früheren Reichstagsabgeordneten G. Hoch. F Ortskrankenkassentag. Der Zen⸗ tralverband der Ortskrankenkassen Deutschlands hält seine 10. Generalversamm⸗ lung vom 13. bis 15. September in Breslau ab. Neben zwei Vorträgen über die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten und über die Aufgaben der Krankenkassen stehen eine große Anzahl Anträge auf Abänderung verschiedener Gesetzes⸗ bestimmungen auf der Tagesordnung. Im Anschluß daran wird am 16. September eine Konferenz der Zeutralkommissionen und anderer Krankenkassenvereinigungen stattfinden. Partei-Machrichten. Der gemaßregelte Oberpostsekretär Wagner in Hanau, welcher erst wegen Veröffent⸗ lichung einer philosophischen Arbeit von seiner vorgesetzten Behörde getadelt wurde und gegen den nun ein Dis⸗ ziplinar⸗Verfahren wegen Betätigung sozialdemokratischer Gesinnung schwebt, soll, wie die Hanauer Ztg. mitteilt, vor kurzem in die Redaktion der sozlaldemokratischen „Leipziger Volkszeitung“ eingetreten sein. Wegen angeblicher Majestätsbeleidigung ist der Redakteur der Leipziger Volkszeitung, Genosse Lüttich verhaftet worden.— Genosse Nitz sche, Redakteur der Sächsischen Arbeiterzeitung wurde wegen des gleichen Vergehens kürzlich zu drei Monaten Gefängnis verurteilt und hat seine Strafe bereits ange⸗ treten. Auf den Artikel, in dem die Majestätsbe⸗ leidigung enthalten sein soll, machte das konservative Dresdener Blatt„Vaterland“ die Staatsanwaltschaft aufmerksam und dieses saubere Organ hatte später noch die Schamlosigkeit, sich dieser schuftigen Denunzitation zu rühmen. Der Artikel enthält keine Wendung, die der Leser als Majestätsbeleidigung deuten könnte. Versammlungskalender. Samstag, den 5. September. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Vortrag von Krumm.— Brauer. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Löb(Wiener Hof). Friedberg. Soz.⸗dem. Wahl verein. Abends 8 ½æ Uhr Versammlung in Stadt New⸗Nork. Montag, den 7. September. Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Dienstag, den 8. September. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig. Sonntag, den 13. September. Gießen. Glaser⸗Verband. Vormittags 10 Uhr Versammlung bei Or big. Letzte Nachrichten. Reichstagsersatzwahl in Dessau. Bei der Ersatzwahl für den verstorbenen Abg. Rösicke am Don⸗ nerstag erhielten: Käppler(Soz.) 11738 Stimmen, (am 16. Juni 10 518), Schrader(Freis.) 9 620, der Bündler 2323. Stichwahl erforderlich. Der Land⸗ und Post⸗ Auflage der heutigen Nummer unseres Blattes liegt der Preis⸗Conrau⸗ des Engros⸗ Versandhauses Gebr. J.& Pt Schulhoff in München bei, welches seine Ar titel der Weiß⸗, Woll⸗, Schuitt⸗, Kurz⸗ und Spielwarenbrauche besonders Wiederverkäusern empfiehlt. 5 0 * —r. 4 23 — N . 45 5 ** e 1 — n * N ee Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 36. Von Nah und Lern. Soldatenschindereien. Vom Oberkriegsgericht des achten Armeekorps zu Koblenz wurde der Unteroffizier Geis hek⸗ ker wegen fortgesetzter Miß han dlungen Untergebener zu sechs Monaten Gefäng⸗ nis und Degradation verurteilt. Damit sollen u. a. folgende in einem kurzen Zeitraum verübte Scheußlichkeiten gesühnt sein: Der Musketier Jahn war abends vor dem Schlafengehen noch einmal ausgetreten; als er auf die Stube kam, empfing er Schläge ins Gesicht, dann faßte ihn G. am Halse und würgte ihn, daß der Mann Atmungsbeschwerden empfand; weiter erhielt er Faustschläge ins Gesicht; als er im Glied gesprochen, stieß ihn G. mit der Fanst gegen die Brust, daß er taumelte. Musketier Richter hatte sich zu früh ins Bett gelegt, er wurde mit Fuß⸗ tritten daraus entfernt. Musketier Hüsch wurde drei bis viermal wöchentlich im Dienst eohrfeigt, mit dem Stiefelschaft auf den Kopf und die Brust geschlagen, wöchentlich mußte er in der Putzstunde einen beschwerten Schemel ausstrecken unter Kniebeugungen, die Müdigkeit wurde durch Ohrfeigen„beseitigt“. Am ge⸗ heizten Ofen mußten die Musketiere Griff üben. Musketier Röhn erhielt täglich Ohrfeigen; Musketier Röper wurde beim Turnen am Ohr hochgezogen, auch andere Musketiere wurden beim Turnen geohrfeigt, mit der Faust gegen die Brust gestoßen. Noch eine ganze Reihe weiterer empörender Mißhandlungen werden diesem Stellvertreter Gottes nachgewiesen. Zu seiner Verantwortung führte der Schinderknecht an, die von ihm verübten Mißhandlungen seien nicht so schwer, es kämen viel schwerere vor, die unbestraft blieben, ja es gäbe keinen Unter⸗ offizier in der deutschen Armee, der sich frei wisse von Mißhandlungen.— Der Mann muß es ja wissen! In ähnlicher Weise malträtierte der Unter⸗ offtzier Bauer von der 6. Komp. des 168 Inf.⸗ Regts. in Offenbach den Musketier Kläses. Er traktierte den armen Teufel mit Ohrfeigen und Fußtritten, würgte ihn am Halse, stieß ihn wider das Spind oder mit beiden Fäusten gegen die Brust und erlaubte sich noch andere Roheiten, so daß der Mißhandelte mehrfach in Weinkrämpfe verfiel und ins Lazarett gebracht werden mußte. Vom Kriegsgericht war Bauer zu nur 2 Monaten Gefängnis verurteilt worden. Dem Gerichtsherrn erschien das Strafmaß zu gering und er legte auch aus dem Grund Berufung ein, weil man den Unteroffizier nicht degradiert hatte. Das geschah unverständlicherweise auch beim Oberkriegsgericht nicht, das nur die Strafe auf 6 Monate Gefängnis erhöhte. Der Soldatenschinder darf seine Untergebenen unge⸗ niert weiter mißhandeln. Zu Tode gequält wurde der Pionier Hennings, der bei dem Pionierbataillon in Harburg zum Vaterlandsverteidiger ausgebildet werden sollte. Den Eltern des Mannes teilte das Bataillonskommando mit, daß ihr Sohn beim Turnen abgestürzt und verstorben sei. Auf Verlangen der Eltern, die Sacke zu untersuchen, gingen ihnen mehrere Berichte zu, denen die„Mecklb. Volksztg.“ folgendes entnimmt: Die 4. Komp., bei der Hennings diente, hatte am 8. August Turnen. Hennigs fiel vom Klettergerüst und verletzte sich wahrscheinlich innerlich. Aber der Unterofftzier bestand darauf, daß Hennigs weiter sich an den Turnübungen beteiligen solle, obwohl H. erklärt hatte, er „könne nicht mehr“. Als Hennings sich dann das Blut, das aus seiner Nase strömte, abwischen wollte, erklärte der Unteroffiziere gemütvoll, Hennings solle sich das Blut ablecken, wozu er denn sonst seinen Lecker habe! Schließlich mußte Hennigs noch eine halbe Stunde nachexerzieren, wobei er dann umfiel. Er meldete sich dann krank — und etliche Stunden später war er eine Leiche. Hinzufügen wollen wir noch, daß die Sektion der Leiche ergeben haben soll, daß der Soldat an einer Gehirnerkrankung gelitten habe. Die Untersuchung des Vorfalles wird hoffentlich nicht auf sich warten lassen. Ein schwerer Unglücks fall ereignete sich Ende voriger Woche am Bord des dem Nordd. Lloyd gehörigen Dampfer „Neckar“. Als er von Bremenhaven aus in See ging, barst plötzlich das Hauptdampf⸗ rohr der Backbordmaschine, wobei der dritte und vierte Maschinist und fünf Heizer ver⸗ brüht wurden, während zwei andere Heizer leichtere Verletzungen erlitten. Der Dampfer mußte mit reduzierter Fahrt zur Reparatur nach der Weser zurückkehren. 4000 Kinder in russischen Gefängnissen. Einige Wohltätigkeitsanstalten, die sich mit der Unterstützung von aus der Haft entlassenen Sträflingen beschäftigen, haben festgestellt, daß in den russischen Gefängnissen 4000 un⸗ schuldige Kinder gefangen gehalten werden, die sich nicht gegen das Gesetz vergangen haben, aber doch hinter Kerkermauern schmachten müssen. Es sind dies Kinder van verhafteten Eltern, die nirgends Unterkunft erhalten können und deshalb die Freiheitsstrafe ihrer Eltern teilen. Die Hauptgefängnisverwal⸗ tung in Rußland besitzt über die Zahl der in Gefängnissen schmachtenden unschuldigen Kinder keine genauen Angaben, aber die Wohltätig⸗ keitsanstalten schätzen sie auf mindestens 4000. Alle Maßnahmen, welche zur Steuerung dieses Uebels bis jetzt ergriffen wurden, haben keinen nennenswerten Erfolg gehabt. Rußland besitzt im ganzen nur 27 Heime für unterstandslose Kinder von Sträflingen und Verhafteten, die von Wohltätigkeitsausschüssen begründet wurden. Aber alle diese Heime vermögen nicht die großen Ausgaben, die die Versorgung der Kinder von Sträflingen jährlich erfordert, zu bestreiten, so daß das Uebel der Einkerkerung von Kindern in Rußland mit jedem Jahre wächst.— So verkommt das Volk unter der verbrecherischen Wirtschaft einer korrupten Regierung und ihrer Kreaturen. 17 2 2 Anterhaltungs-Ceil. ———ůů— Der Wunderschrank. Vaterländische Erzählung von Ludwig Schierk. (Schluß.) VI Seit die Welt weiß, daß das Eigentum der gute Geist unserer Gesetze ist, kann man sich das Leben ohne die nützliche Menschenklasse der bürgerlichen Sachwalter nur schwer vorstellen. Was würde aus der Institution der parlamen⸗ tarischen Diners, wenn sie plötzlich der rhetorischen Sträußlein ermangelte, welche den Lesern der Morgenblätter von diesen klugen und beweglichen Händen gebunden werden! Und wo blieben unsere kunstgewerblichen, vaterländischen Hand⸗ werker, wenn sie ohne die gewandte Unterstützung ihrer rechtskundigen Glaubensbrüder das kleine Vorstadthäuschen räumen müßten. Der kleine Advokat, der den Rechtssachen des Seebald'schen Hauses vorstand, jenen Rechts⸗ sachen, die von dem Geiste des Wunderschrankes beherrscht wurden, war sich seiner Würde nie mehr bewußt, als in dem Augenblicke, da er dem neuen Chef dieses Hauses zum ersten Mal im Gespräche gegenüberstand. „Doktor!“ sagte der junge Herr,„es ist mein Wunsch, daß die Sache betrieben werde. Ich finde, daß das Geld, dessen Natur die Beweg⸗ lichkeit ist, in diesen Hypotheken völlig lahm liegt. Uebedies bin ich kein Wucherer. Ich denke mich als schlichter Kaufmann an der Aktienunternehmung zu beteiligen, die der alte Mörwitz mit solchem Geschicke fördert; die Sache hat fast nationale Bedeutung. Doktor, kündigen Sie meine Hypotheken zu Neujahr! Wir geben keine weitere Frist. Geht die Sache wirklich in dem einen oder andern Fall auf einen Verkauf der Realitäten hinaus, so mag es immerhin sein. Das neue Frühjahr bringt neue Arbeit, und unser Unternehmen gibt den Leuten tausend⸗ fache Gelegenheit, der nationalen Industrie zu nützen und dabei ihr Auskommen zu finden!“ if Der kleine Rechtsfreund war völlig hinge⸗ 1 en. „Es ist meine Sache, Ihren Wünschen ge⸗ recht zu werden, Herr von Seebald!“ bemerkte er salbungsvoll.„Die Kündigung wird sogleich erfolgen. Was befehlen Sie in der Angelegenheit des Schmiedes, der sich im Nelkendorfe wieder etabliert hat?“ „Schmiedes?“ „Ja, der grobe, lange Mensch, der sich an Ihrem 15 Vater selig vergriff. Wir hatten damals die größte Mühe, für das verschuldete aus einen annehmbaren Käufer zu finden. r schuldete ihnen noch an dreitausend Mark.“ In der Erinnerung des Herrn Thomas Seebald begann es zu dämmern. Das Bild eines Sommerabends, an dem er ein braun⸗ zöpfiges Mädchen der Vorstadt der Ehre seiner Ansprache gewürdigt, stieg er vor ihm auf. „Diesen Fall, Doktor!“ sagte er langsam, „will ich bedenken. Ich bitte, die Angelegenheit ruhen zu lassen!“ Dann ging er die Treppe hinab. Sein be⸗ weglicher eit weilte sinnend auf der Reihe junger weiblicher Gestalten, welche die Erfahrung seiner letzten Jahre noch bereichert hatten, und und allmälig erhob sich in dem Blumenflor, der seinen Kopf erfüllte, das dornige Röslein, 155 die Züge Lenchens, der Schmiedstochter, rug. „George!“ befahl er unter dem Portale „mein Pferd nach Tische; ich reite heute. Allein George!“ Am Nachmittage dieses bedeutungsvollen Tages zwang hastiger Hufschlag den langen Hans, seine Arbeit zu unterbrechen. „Blasius, da kommt'n Reiter über die Brücke, will das zu uns?“ Der Junge knetete ruhig fort und schielte durch die Türe, aber er fand nicht Zeit, zu antworten; denn sein Meister wurde offenbar in diesem Augenblicke verrückt. Die Gestalt des Schmiedes schien in ihren Grundvesten erschüttert zu sein. Seine Augen traten fast über die buschigen Brauen heraus, und sein Gesicht zeigte den Ausdruck eines Raub⸗ tieres, das sich auf seine Beute stürzen will. glasius“,— keuchte er—„bei meiner Seligkeit, das ist der Pomadebengel!“ Der Junge ließ die Bälge los und faßte seinen Meister an der Schürze.„Meister, tut den Hammer weg, den Hammer!“ stotterte er in Todesangst. Diese Worte brachten den Schmied auf die Erde zurück. Aber den Hammer gab er nicht aus der Hand; er stellte sich vor seinen Amboß und hieb in fünf Sekunden mit eben so viel Schlägen ein glühendes Eisenstück völlig in Trümmer. Wahrscheinlich rettete dieser Vorgang dem jungen Herrn Seebald das Leben; denn mit der Tapferkeit des Tierbändigers war er eben jetzt in die Höhle der Löwen getreten. Der Schmied wurde todtenbleich, und der arme Blastus klapperte mit den Zähnen wie ein Fieberkranker. „Guten Tag Meister!“— sprach jetzt eine vornehme, herablassende Stimme. „Junger Herr!“— klang die heisere Ant⸗ wort—„tut mir den Gefallen, ins Freie zu treten, Ihr kommt da wahrhaftig vor die un⸗ rechte Schmiede!“ „Vielleicht doch vor die rechte, Meister!“ — kam es zurück—„Ihr könntet dem Sohne nachsehen, was der todte Vater verschuldet!“ „Der Herr Thomas todt?“— lachte der Schmied—„na, dann hat mich der Teufel abgelöst und verdirbt sich an der härtesten Gaunerseele, die je in sein Loch kam, den hölli⸗ schen Magen!“ „Was wagt Ihr da, Meister?“ schrie der junge Herr. „Ihr Euer Leben, Hundesohn, dafern Ihr noch weiter Maulaffen feilhabt vor meinem Schmiedfeuer!“ brüllte der Hans. „Das sollt Ihr mir büßen!“ klang es wieder in sehr vornehmer Zurückhaltung. der en. 1017 nas ild un⸗ ner a, heit be⸗ eihe ung und lor, ein, ter, tale lein len gen ce, hig and sster 1 ren gen aus, aub⸗ inet Der inen del. 1 die ficht boß bil dem eben W e, eee eee e e r U 1 4 Nr. 36. Mitteldenutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. „Büßen?“... und in mächtigem Schwunge flog der schwere Hammer gegen die Tür. Blasius stieß einen Schrei aus. Auch der Schmied fand seinen Verstand wieder; finster starrte er nach der Richtung seines mörderischen Wurfes. Die Türöffnung war leer, und der schwere Hammer stand aufrecht in dem harten Grund, in den er sich eingebohrt. Ueber die Dorfbrücke trabte ein schlanker Reiter mit dem Gefühle eines Menschen, der einer großen Gefahr entgangen ist. VII. Reiche Leute soll man nicht reizen; denn groß ist ihre Macht und zahllos das Heer der Mittel, die ihnen Gott verliehen hat. Aber der lange Hans zählte nicht zu den Menschen, die sich über die Tiefe der vater⸗ ländischen Sprichwörter die Köpfe zerbrechen. Der alte Reußer, der die Begebenheit dieses folgenreichen Tages durch Lenchen erfuhr, betrat ie Werkstätte seines Freundes in einer Haltung, die kummervoll genug aussah. Späte Rede nützt wenig, der Wachtmeister schwieg also; aber dies Schweigen war beredt genug. Der Schmied verstand die stumme Sprache. „Wachtmeister!“— sagte er dumpf—„jeder Mensch hat sein Geschick, das sich so oder so erfüllen muß. Mich reitet der Teufel um den Wunderkasten des Herrn Thomas so lang herum, bis mir der Atem ausgeht!“ Das Geschick des Schmiedes erfüllte sich. Als die liebe Lenzluft wieder durch das Nelken⸗ dorf wehte, erschien der Mann mit der Uniform⸗ mütze auf dem Kopfe und einer Pferdeglocke in der Hand; er grüßte den Schmied wie einen alten Bekannten. Die Leute sammelten sich, und die Versteigerung begann. Man räumte die Stube aus und ließ nur den Kachelofen zurück. Auch Hämmer, Zangen und Amboß des langen Hans blieben unberührt; denn das milde Gesetz des Landes verbot, dem Schuldner das Hand⸗ werkszeug zu pfänden. So blieb dem Schmied die tröstliche Aussicht, seine Esse in den Straßen⸗ gräben aufstellen zu dürfen und sein Lager in such Schatten einer vaterländischen Eiche zu uchen. Um das kleine Häuschen ward eine halbe Stunde länger gemarktet. Endlich gab ein Fremder den Anschlag. Es war ein Produkten⸗ händler aus dem Aurichsdorf. Produktenhändler sind solche Leute, welche das schönste Haus und den größten Körperumsang im Dorfe besitzen. Unter den Hütten leuten und Lohnwebern nehmen sie denselben Platz ein, den der Chef des Hauses Seebald im Kreise der städtischen Handwerker so gut ausfüllte. Die Leute des Nelkendorfes hatten noch keinen Produktenhändler aufzuweisen; jetzt wurden sie dieser Wohltat teilhaftig. Während das nützliche Geschäft dieser Versteige⸗ rung vor sich ging, machte sich der lange Hans aus dem Staube; Lenchen suchte ihn den Abend vergeblich. Das arme Kind band eine Hand⸗ voll Kleidungsstücke in ein Tüchlein und trabte nach des Wachtmeisters Hause gedrückt, doch rüstig, ein Bild der heimatslosen Tüchtig⸗ keit. Wahrscheinlich führt sie jetzt das Hauswesen des alten, einsamen Mannes, der des Trostes so gut bedurfte wie sie selbst. Von dem Schmied erfuhr die Welt schöne Geschichten. Er hatte in der Dämmerung das Seebald'sche Haus, das er in allen Winkeln genau kannte, aufgesucht, und mit dem Herrn, den er neben dem Wunderschrank antraf, ein Gespräch angefangen. Da dem Wütenden bald die Wörter ausgingen, die ihm nötig schienen, um feinen Gegner gebührend zu zeichnen, faßte er den jungen Herrn plötzlich am Halse. Nun hatte der neue Chef des Hauses Seebald in seinen mannigfachen, jugendlichen Beschäftig⸗ ungen niemals die Zeit gefunden, seinen ge⸗ schmeidigen Körper auf einen Ringkampf dieser Art gehörig vorzubereiten. In der nächsten Minute beschrieb er also, von der Riesenfaust des Schmiedes geschleutert, einen anmutigen Bogen und schlug schwer gegen die scharfe Kante des eiseenen Schrankes, der seinen Reichtum umschloß. Much solchem Wurfe erhebt man sich nicht mehr. Dem Schmiede schien eine Ahnung dieser Tatsache aufzudämmern; denn er suchte noch zur selben Stunde den jungen Kreisrichter auf und verhalf diesem würdigen Beamten zu dem 8 der seine amtliche Beförderung nach zog. „Dann trat der Hans den Weg ins vater⸗ ländische Zuchthaus, an, und somit blieb der Wunderschrank des Herrn Thomas Seebald allein als Sieger auf dem Platze. Das Trinken und die Trinkpoesie. Ein hannoversches Blatt hatte in einem Rundschreiben die bekanntesten Dichter und Schriftsteller um ihre Ansicht über das Trinken und dessen dichterische Lobpreisung befragt. r Wee ist die Antwort E. v. Wolzogens. r sagt: „An meiner Antwort auf Ihre Umfrage werden Sie wenig Freude erleben, denn ich bin in meinem ganzen Leben niemals betrunken gewesen und habe den Suff immer für ein ekel⸗ haftes Laster gehalten. Ich liebe meine Deut⸗ schen von Herzen— mit Schmerzen, darum tut mir's in der Seele weh, daß so viele prächtige Burschen im nationalen Suff versumpfen und verstumpfen. Ein ganz besonders abscheulicher Unfug, gegen den man im lautesten Fortisstmo ehrlicher Entrüstung schmettern sollte, dünkt mich die poetische Verklärung des studentischen Saufzwanges, diese drakonische Rüpeletikette, dies ohrenschinderische, widermusikalische Gebrüll, das so ganz und gar schauerlich aus über⸗ schwemmten Magenhöhlen hervorstöhnt und so übel nach dem Vomitorium duftet.... Ich verabscheue den Alkoholrausch, well er die Jugend vergiftet und unfähig macht zum schönen Rausche der Begeisterung. Der Rausch der Jugend gilt mir als das herrlichste Glück der Welt, der Rausch, der aus dem Kraft⸗ nnd Freiheitsgefühl, aus Schönheitsdurst und Lebensüberschwang aus allen tiefsten Fähigkeiten des Gemüts ent⸗ springt. Ich bin keineswegs ein Verächter eines guten Tropfens— feinen Mosel⸗, Pfälzer und die feurigen italienischen Rebensäfte schätze ich ganz besonders, und in der fröhlichen, köstlichen Studentenzeit habe ich mir die leichten offenen Weine Badens, des Elsaß wohlschmecken lassen; aber nicht in dumpftger, rauchiger Kneipe, sondern draußen in den Bergen, im gesunden Durst nach froher Wanderschaft. Meine Zech⸗ (nicht Sauf⸗ brüder von damals sind alle tüchtige Männer geworden, keiner von ihnen läuft jetzt als knechtseliger Philister mit Bierbauch, ge⸗ dunsener Blässe und verblödeten Aeuglein herum, wie so viele von— den anderen. Der Wein als Zungenlöser, als Gaumenschmeichler und gesellschaftlicher Kettenbruder ist ein guter Geselle; aber ihn im Uebermaß saufen heißt ihn entehren. Der Suff als nationales Bekenntnis schafft elende Knechte— der Freie, Starke braucht keine flüssigen Gifte, um sich nobel zu berauschen. Der Rausch der Begeisterung treibt zu tüchtigen Taten, der Rausch des Suffs zu wüsten Worten und zum Rinnstein. Der edle Rausch ist Poesie, der— andere vernichtet alle Schönheit. Ich begreife nicht, wie man den poetisch verklären kann.“ Ernst Freiherr v. Wolzogen. Splitter. Die Wahrheit ist stärker als ihre Gegner: sie überwindet sie; stärker als ihre Verteidiger: sie braucht sie nicht. 5 eux. * ** Leben zu lernen ist die stete Aufgabe unseres Lebens, an der wir studieren und probieren bis an unser seliges Ende. Reichel. * Alles verwandelt sich; nichts stirbt. In schöner Verwandlung wird die Hoffnung Genuß und das Verlorene Gewinn. 79 erder. ————— Humoristisches. Unbeachtete Gebote. Richter: Sie sind in die Kirche gegangen und haben den Andächtigen die Brieftaschen gestohlen. Wissen Sie nicht, daß es heißt: „Du sollst nicht stehlen?“ Angeklagter: Freilich weiß ich das, Herr Richter. Ich weiß jedoch auch, daß es heißt:„Gib uns heute unser tägliches Brot.“ Aber niemand hat es mir gegeben. Doppelfinnig. A.: Du, kannst du mir nicht mit zwanzig Kronen unter die Arme greifen? B.: Du, das ist eine kitzliche Sache! Höchste Schändlichkeit.„Wie kommt denn Ihre Frau dazu, Sie zum Rauchen aufzufordern? das tun doch sonst Frauen nicht!“„Sie weiß, ich kann es nicht vertragen!“— Häusliche Fürsorge. Mieter:„Sie, Herr Huber, da müssen neue Fenster rein, wenn der Wind geht, zieht's darin, daß einem die Haare um den Kopf rumfliegen!“ Hauswirt:„Na, da lassen's Enna mal die Haar' schneiden!“— („Lustige Blätter.“) ff pff—————————— Geschichtskalender. 6. September. 1901: Attentat auf den amerik. Präsidenten Me. Kinley in Buffalo. 1898: Wilhelm II. Zuchthausdrohrede für Streikanreizung. 7. 1901: Lockspitzel Naporra, T. 1830: Aufstand in Braunschweig; Abdankung Herzog Karls. 3. 1901: Miquel, f. 1895: Erlaß Wilh. II. gegen die vaterlandslosen Feinde der„göttlichen Welt⸗ ordnung“. 9. 1870: Braunschweiger Ausschuß der soz.⸗dem. Partei wird in Ketten nach der Festung Lötzen trans⸗ portiert. 10. 1898: Kaiserin von Oesterreich in Genf er⸗ mordet. 1878: Vorlage des zweiten Sozialistengesetzes. 1867: Erster norddeutscher Reichstag eröffnet. 11. 1895: Der Führer der Konservativen, Frhr. v. Hammerstein legt seine Mandate nieder. 12. 190m: Die in Peking weggenommenen astro⸗ nomischen Instrumente werden in Potsdam aufgestellt. Empfehlenswerte Schriften. Die Kolportage⸗Kommission des Wahlvereins— Gießen, Wirtschaft Orbig— empfiehlt: Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon, Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg. die Nummer. Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg. Christliche Arbeiterpflichten. Jesuitische Fragen und sozialdemokratische Antworten. Preis 20 Pfg. Die agrarische Gefahr. Von Paul Göhre. Der Verfasser schildert in gemeinverständlicher Sprache die einseitige agrarische Interessen⸗Bewegung von ihrer Entstehung bis zu ihrer heutigen das Volkswohl ge⸗ fährdenden Macht und legt dar, wie allein die sozial⸗ demokratische Bewegung die letzten Ziele dieser Bewegung des Junkertums und seiner Anhängsel verhindern kann. Preis 20 Pfg. Sozialdemokratie und Zentrum.(Arbeiter⸗ versicherung und Zentrumspolitik). Preis 20 Pfg. Handelspolitik und Sozialdemokratie. Von Karl Kautsky. Eine populäre Darstellung der handelspolitischen Streitfragen. Preis 30 Pfg. Der Umsturz im Reichstage.(Die Kämpfe um den Zolltarif.) Preis 20 Pfg. Weltkrach und Weltmarkt. Eine weltpoli⸗ tische Skizze von Fr. Mehring. Preis 25 Pfg. Lohnarbeit und Kapital. Separatabdruck aus der Neuen Rheinischen Zeitung vom Jahre 1849 von Karl Marx. Preis 20 Pfg. Bernstein und das Sozialdemokratische Programm. Von Karl Kautsky. Eine Anti⸗ kritik. Preis brosch. 2 Mk. Wilhelm Liebknecht. Sein Leben und Wirken. Unter Benutzung ungedruckter Briefe und Aufzeichnungen. Herausgegeben von Kurt Eisner. Mit Porträts und Abbildungen. Preis 30 Pfg. Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie. Von Ed. Bernstein. Preis brosch. 2 Mk. Die Agrarfrage. Von Karl Kautsky. Eine Uebersicht über die Tendenzen der modernen Landwirt⸗ schaft und die Agrarpolitik der Sozialdemokratie. Preis brosch. 5 Mk., gebd. in Leinwand 6.50 Mk. Christentum und Sozialismus. Von A. Bebel. Preis 10 Pfg. Diese religiöse Polemik zwischen unserm Genossen und dem Kaplan Hohoff fand bereits in den Jahren 1873/74 statt. Der Inhalt des Schriftchens ist aber noch heute durchaus zeitgemäß. Das Erfurter Programm. Von Karl Kautsky. Preis brosch. 1.50 Mk., gebd. 2 Mk. Sozialdemokratisches Neichstagshandbuch. Von Max Schippel. Ein Führer durch die Zeir⸗ und Streitfragen der Reichspolitik. à 20 Pfg. Gebunden 9 Mk. In 37 Lieferungen e — — ——— —— 1 25 Seite 8. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. No. 36. Leser und Leserinnen!! Berücksichtigt bei Euren Einkäufen die Inserenten dieses Blattes! e eee eee Beinrich Doll, Giessen 7 7 Däusburg 7 8 Papier-Bundlung 8 0 Buchbinderei& Geschäfisbücher& Drucksachen * Elnrahmen von Bilde. Nele ele Ferdinand Nennstiel Giessen, Plockstr. 8 Lager in sämtlichen Kasteumöbeln, poliert und lackiert, als Vertikows, Kleiderschränke Lau smbe Küchenmöbel Spezialität: Betten und Polstermöbel eigener Anfertigung Uebernahme voll- ständ. Ausstattung. Tische, Stühle, Spiegel 0 4 — — 2 Anfang Oktober J. Js. verlege ich mein Geschäft nach Neustadt No. 19, Neubau. Bis dahin verkaufe ich sämtliche Waren-Vorräte zu bedeutend herabgesetzten Preisen. D. Kaminka, Uhrmacher Ciessen, Harklplualæ. arosser Rãumungs-· Ausverkauf 6 casseler Schirmfabrik Th. 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