—. 1—:— P ß. P . 05 0 10 15 9 183———————————ðr«—˖: h— 81 9 ö Unrecht zu beseitigen. Die Parteipresse Nr. 27. Gießen, den 5. Juli 1903. 10. Juhrg. medattion: 2 NMebattionssczlug. Furchenpiatz 11. Schloßgasse. Mitteld eutsche Donnerstag Nachmittag& Uhr 2 7 Jon utags⸗Zeitung. Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Aus träger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unrer Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellung en nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) Juserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die ögespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bei mindestens Zu neuer Arbeit! Parteifreunde! Ueber alles Erwarten glänzend sind die Reichstagswahlen für die Sozialdemokratie ausgefallen, überwältigend sind die Fortschritte, die unsere Partei gemacht hat und wir haben ein Recht, uns unserer Erfolge zu freuen. Lassen wir die Gegner schimpfen! Aber der Wahlkampf hat uns auch ge⸗ zeigt, wie viel noch zu tun ist. Man denke daran, daß wir einige Wahlkreise verloren, andere nicht erobert haben, was wir sicher hofften. Wir dürfen deshalb angesichts unserer Erfolge uns nicht aufs Faulkissen legen! Von neuem und noch energischer als vorher müssen wir an die Arbeit gehen, um endlich Unterdrückung, Ausbeutung und ist das beste Mittel, das Gewonnene zu befestigen und vor künftigen Stürmen zu sichern. Die Verbreitung der Parteipresse muß deshalb jedem Genossen jetzt besonders am Herzen liegen. Wo es ihm möglich ist, werbe er neue Leser für die Zeitung seiner Partei, für die Mitteldeutsehe Sonntagszeitung. Unser Blatt erscheint allwöchentlich und kostet nur 25 Pfennig den Monat, 75 Pfennig vierteljährlich. — Die bürgerlichen Parteien im Wahlkampf. In demselben Maße, wie nach dem un⸗ wandelbaren Gesetze der geschichtlichen Not⸗ wendigkeit die innere Auflösung der bürger ⸗ lichen Gesellschaft vor sich geht,— schreibt unser Hamburger Parteiorgan— vollzieht sich auch die Zersetzung und der Zerfall der bürger⸗ lichen Parteien, welche höchst unlogisch be⸗ haupten, ihre Aufgabe sei die Erhaltung des Bestehenden, während doch dieses Bestehende, „staatliche und gesellschaftliche Ordnung“ ge⸗ nannt, sich immer mehr als unhaltbar erweist. Der Prozeß der Zersetzung und des Zer⸗ falles der bürgerlichen Parteien nimmt schon viele Jahre hindurch die Aufmerksamkeit aller Politiker mit gesundem Urteilsvermögen in An⸗ spruch. Aber noch niemals zuvor ist es so deutlich erkennbar, so drastisch und überzeugend in die Erscheinung getreten, wie in den letzten Wochen und besonders den letzten Tagen an⸗ läßlich der Reichstags neuwahlen. Faßt man die politischen und wirtschaft⸗ lichen Grundsätze, welche die sogenannten „staatserhaltenden“ Parteien trennen und von viel zu tief und zu scharf sind, als daß ste eine ehrliche und klar prinzipielle Uebereinstimmung in den maßgebenden Anschauungen und Be⸗ strebungen zulassen könnten. Würde jede der drei hauptsächlichsten bürgerlich⸗politischen Rich⸗ tungen, der Liberalismus, der Konser⸗ vatismus und der Ultramontanismus, unter allen Umständen konsequent an ihren über⸗ lieferten Grundsätzen festhalten und danach ihre Taktik einrichten, so würde ihr Zusammen⸗ gehen gegen einen sogenannten„gemeinsamen Feind“ unmöglich sein. Solches Zusammen⸗ gehen, wie wir es jetzt bei der Wahl und hauptsächlich bei den Stichwahlen in erheblichem Umfange gegenüber der Sozialdemokratie erlebt haben, ist jenen Parteien nur möglich, durch offene Verleugnung und Preisgabe gerade der wichtigsten der unterscheidenden politischen An⸗ schauungen. Dieses Opfer haben bei den Stichwahlen alle„staatserhaltenden“ Parteien in erheb⸗ tichem Maße gebracht zu dem unumpunden ausgesprochenen Zwecke, weitere sozi aldemo⸗ kratische Wahlsiege zu verhindern. Die Konservativen und noch mehr die Ultra⸗ montanen„vergaßen“ plötzlich, daß sie so oft den Liberalismus zu ihren Todfeind erklärt und behandelt haben, als ein Element, das „viel gefährlicher“ denn die Sozialdemokratie, ja geradezu die„Vorfrucht der Umsturzpartei“ sei. Und die Konservativen schwiegen davon, daß ihre sonst so fanatisch propagierte Idee des„protestantischen Kaisertums“ unvereinbar ist mit den„Prätenstonen des internationalen Klerikalismus“. Kaum jemals haben„staatserhaltende“ Poli⸗ tiker die politische Selbstentwürdigung mit einem solchen Unmaß von Cynismus und Schamlosigkeit betrieben, wie es in den Stichwahlbündnissen zwischen„Vibe wa len und Zentrums leuten offenbar geworden ist. Diese Bündnisse haben hauptsächlich in Mitteldeutschland sowie in Rheinland und in Westfalen ihre elende Rolle gespielt und leider zu einigen Erfolgen gegen die Sozialdemo⸗ kratie geführt. Es gelang der liberal⸗klerikalen Koalition, die selbstverständlich auch von den Antisemiten und Konservativen unterstützt wurde, der Sozialdemokratie die Mandate für Offen⸗ bach und Hanau zu entreißen und die sozial⸗ demokratischen Kandidaten in Höchst⸗Usingen, Würzburg, Straßburg, Cöln, Duisburg, Mül⸗ hausen, Wiesbaden, Essen ꝛc. zu überwinden. Um so bedeutsamer und schwerwiegender ist die Tatsache, daß in Mainz, Dortmund und Bochum es der Sozialdemokratie gelungen ist, lediglich aus eigener Kraft die Koalition niederzuwerfen, während diese in den meisten der übrigen vorgenannten Kreise nur mit verhältnismäßig geringen Majoritäten zum Siege gelangen konnte. Unaussprechlicher Ekel und ein Gefühl grenzenloser Verachtung für die Männer der klerikal⸗liberalen Koalition ergreift uns, wenn wir uns ihre Wahlmache in den markantesten Grundzügen betrachten. Vor der Hauptwahl behandelten sich, besonders in Rheinland und Westfalen, die Liberalen und die Klerikalen einander unterscheiden, genau in's Auge, so ge⸗ langt man an der Hand logischer Kritik zu der Ueberzeugung, daß die trennenden Unterschiede gegenseitig in Wahlreden, Flugblättern und Zeitungsartikeln als Ausgeburten politischer Nichtsnutzigkeit und Jämmerlichkeit. Die Liberalen schlugen kräftigst die Kultur⸗ kampfpauke. Ihre Tiraden klangen aus in der Behauptung: das Zentrum sei„viel gemeingefährlicher“ als die Sozial⸗ demokratie. Das Zentrum hingegen beschuldigte das „liberale Demagogentum“ ein„geschworener und un versöhnlicher Feind der heiligen Religion und der katholischen Kirche“, sowie ein„Feind aller wahren und gesunden Ordnung“ zu sein. Niemals könne ein katholischer Ar⸗ beiter einem Nationalliberalen seine Stimme geben,„ohne sich einer schweren Sünde schuldig zu machen.“ Verglichen mit dem Liberalismus erscheine die Sozialdemokratie als harmlos ꝛc. Aber als es zur Stichwahl zwischen Sozialdemokratie und Zentrum oder Sozial⸗ demokratie und„Liberalismus“ kam, da war das Alles nicht mehr wahr! Da schlossen unter Assistenz eines charakterlosen Pfaffentums die ultramontanen und liberalen Kapitalisten— welche ja auch sonst sich so herrlich vertragen, wenn es gilt, Arbeiter auszubeuten und zu unterdrücken— einen Bund zur„Bekämpfung des gemeinsamen Feindes“, der Sozialdemo⸗ kratie. In Dortmund und Bochum ver⸗ breiteten die Zentrumsleute Flugblätter, in welchen die nationalliberalen Kandidaten hin⸗ gestellt wurden als„Verteidiger der von der atheistischen Sozialdemokratie schwer bedrohten Religion“. Ja, in einem dieser Flugblätter ist sogar die monströse Lüge zu finden: Die Sozialdemokratie habe sich gegen die Auf⸗ hebung des Jesuitengesetzes und für die Ver⸗ gewaltigung der Polen erklärt! Eine unver⸗ zeihliche Sünde gegen die Interessen der Kirche, gegen die Religion und das Vaterland lade jeder Arbeiter auf sich, der am Tage der Stich⸗ wahl nicht für den Nationalliberalen, sondern für den Sozialdemokraten stimme, oder sich der Stimme enthalte! Selbst von der Kanzel herab ist diese Propaganda für den Nationalliberalen betrieben worden— von den⸗ selben Kanzeln, von denen wenige Tage zuvor katholische„Diener Gottes“ wider den„Libe⸗ ralismus“ geflucht und gehetzt hatten. Auch der„Freisinn“ hat sich an vielen Orten als Begünstiger der reaktionären Parteien „bewährt“. In Spandau brachten sie es fertig, für den von ihnen selbst als„echten Zünftlei, reinen Reaktionär und Antisemiten“ gebrandmarkten konservativen Pauli in der Stichwahl einzutreten, weil dieser Kandidat „doch immerhin ein biederer königstreuer Mann“ sei! Daß„Freisinnige“ dem Zentrum und den Konservativen in der Stichwahl Hilfe geleistet haben gegen die Sozialdemokratie, läßt sich in einer ganzen Anzahl von Fällen fest⸗ stellen. So bieten die bürgerlichen Parteien ein Schauspiel, in welchem Furcht vor der Sozial⸗ demokratie, Haß gegen sie, Verrat, Lüge und Verleumdung, Selbstentwürdigung und feige Spekulation sich die Hände reichen. Sie haben über sich selbst den Stab zerbrochen, diese Par⸗ teien, der politischen Moral hohnvoll Gewalt angetan und vor aller Welt ihre innere Halt— losigkeit verraten. Ihre völlige Auflösung, ihre Umbildung zu einer einzigen reaktionären Masse ist nur noch eine Frage der Zeit. Zunächst wird den Liberalismus sein verdientes Schicksal ereilen; er zuerst wird völlig versinken. r———— r 5 8 r e 3 3— 2 ä 8—. 8 r— 2— 2— 4 S 5 9—* 1— N— 85 8 5 5—— — 3 5 2 N— I—— 5 5 5 2 r 28—— 2——— * „ PPP 5 ———— 5 ee — Seite 2. Mtteldentsche Sonutags⸗Zeitung. Nr. 27. Der neue Reichstag. Es herrscht zwar auch jetzt noch über ein⸗ zelne Wahlergebnisse Unklarheit und es werden immerhin noch Berichtigungen erfolgen. Im Allgemeinen steht aber das Gesamtergebnis fest und nennenswerte Aenderungen können nicht mehr eintreten. Danach sind die Parteien im neuen Reichstage in folgender Stärke vertreten: bisherige Zuwachs definitiv 85 Partei⸗ gewählt stärke Verlust Konservatite. 52 52 0 Deutsche Reichspartei. 19 20— 1 Antisemiten 4 9 12— 3 Zentrum 102 106— 4 Nationalliberale. 81 2585— 2 Freisinnige Volkspartei. 21 28— 7 Freisinnige Vereinigung. 9 15— 6 Deutsche Volkspartei. 6 7— 1 Sozialdemokraten. 81 58 +23 Bund der Landwirte 2 6—4 Bayrischer Bauernbund 5 5 0 8 16 1 Welfen 5 3 8 2 Elsässer 9 10 1 Christlichsoziale 2 1 E Nationalsoziale 1 0 3 Dänen 1 1 0 Wilde 9. „„ 8 Die Sozialdemokratie ist die einzige Partei, die einen bedeutenden Zuwachs aufzuweisen hat, die anderen größeren Parteien hielten sich mit knapper Not auf ihrer bisherigen Stärke und die Zeche mußten die Freisinnigen, Antisemiten und der Bund der Landwirte bezahlen. Von Sozialdemokraten sind gewählt: 1. Fischerk(Berlin). 2. Heine“. 3. Singer“. 4. Schmidt(Berlin). 5. Ledebour“. 6. Stadt⸗ hagen“. 7. Zubeil“. 8. Körsten. 9. Bernstein“. 10. Sachse*. 11. Kühn. 12. Kunert“. 13. Elm“. 14. Frohme*. 15. Meister“. 16. Scheidemann. 17. v. Vollmar*. 18. Dr. Südekum“. 19. Fischer“ (Sachsen), 20. Sindermann. 21. Kaden“. 22. Dr. Gradnauer“. 23. Horn“. 24. Nitzschke. 25. Fräß⸗ dorf. 26. Grünberg“. 27. Geyer“. 28. Göhre. 29. Schippel⸗. 30. Auer“. 31. Stolle“. 32. Gold⸗ stein. 33. Rosenow. 34. Grenz. 35. Hofmann“ (Sachsen). 36. Gerisch. 37. Hildenbrand. 38. Cramer“. 39. Dr. Herzfeld“. 40. Blos“. stadt). 44. Förster“. 45. Wurm“. 46. Bebel“. 47. Dietz“. 48. Metzgerk. 49. Schmalfeldt. 50. Schwarz“. 51. Legien. 52 Schmidt(Aschers⸗ leben). 53. Péus“. 54. Thiele“. 55. Molken⸗ buhr*. 56. Buchwald. 57. Haase“. 58. Braun. 59. Herbert. 60. Tutzauer“. 61. Pfannkuch“. 62. Mahlke. 63. Lesche. 64. Schmidt!(Frank⸗ furt). 65. Hué. 66. Bömelburg. 67. Meist. 68. Birk. 69. Schulze. 70. Lipinski. 71. Motteler. 72. Schöpflin. 73. Schlegel“. 74. Lindemann. 75. David. 76. Baudert“. 77. Eichhorn. 78. Geckk. 79. Dreesbach*. 80. Ehrhart*. 81. Sperka. Die mit“ bezeichneten gehörten bereits dem vorigen Reichstage an. Steben von unserm früheren Abg. wurden nicht wiedergewählt: Albrecht⸗ Anhalt; Antrick⸗Kottbus; Calwer⸗- Holzminden; Hoch-Hauau; Klees⸗ e Legitz-Fürth; Ulrich⸗Offen⸗ ach. Drei haben nicht wieder kandidiert: Agster⸗ Pforzheim; Kloß⸗Stuttgart und Seifert- Stollberg. Unsere Partei verlor die oben bezeichneten 7 Wahlkreise, gewann dagegen 30. Von diesen 30 befanden sich 14 schon früher ein⸗ mal in unserem Besitz. Neu erobert wurden 16 Kreise und zwar: Frankfurt a. O., Randow-Greifenhagen, Lauen⸗ burg, Flensburg, Bochum, Löbau, Meißen, Pirna, Oschatz⸗Grimma, Leipzig⸗Stadt, Borna⸗ Pegau, Annaberg, Böblingen, Göppingen, Rudolstadt und Altenburg. * Ein sozialdemokratischer Reichstags ⸗ präsident? Diese Frage diskutiert man innerhalb der bürgerlichen Presse mit ziemlicher Erregung. Man weist auf einen Artikel des Abg. Ber n⸗ stein in den„Soz. Monatsheften“ hin, der allerdings dafür eintritt, daß die sozial⸗ demokratische Fraktion den Anspruch auf Be⸗ kann. setzung der ersten Vizepräsidentenstelle nach⸗ drücklich erheben solle. Unsere Fraktion tritt erst bei Einberufung des Reichstags zusammen, konnte also über diese Frage noch keinen Beschluß fassen, wie bürgerliche Blätter be⸗ haupten. Unsere Partei wird es auch damit nicht so sehr eilig haben, sie wird, wie der „Vorw.“ mit Recht bemerkt, mit Gelassenheit prüfen und entscheiden, wie sie sich dazu stellen wird. Aus Gründen parlamentarischer Gerech⸗ tigkeit gebührt unserer Partei die Stelle des ersten Vizepräsidenten. Weil aber die bürger⸗ lichen Parteien früher an die Wahl eines Präsidenten aus den Reihen der Sozialdemo⸗ kratie die Bedingung knüpfen, daß derselbe höfische Verpflichtungen mit übernehmen müsse, verzichtete unsere Partei ganz mit Recht auf den Präsidentensitz.— Bernstein ist in dieser Be⸗ ziehung anderer Anstcht, wird aber damit kaum durchdringen. Und wenn die„Frkftr. Ztg.“ meint, es vergebe sich kein Sozialdemo⸗ krat etwas, wenn er in das Kaiserhoch ein⸗ stimme, so sind wir darüber ebenfalls ganz anderer Meinung und sind überzeugt, auch jeder sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete. * Politischer Bankrott der National- sozialen. Jene Partei, die einst mit tausend Masten in den Ozean schiffte, die auszog um die Sozialdemokratie„abzulösen“, für sie bedeutet auch die diesmalige Reichstagswahl eine Schlappe, wie sie schlimmer nicht gedacht werden kann. An Agitation und Arbeit haben es die nationalsozialen Führer gewiß nicht fehlen lassen; beispielsweise hat Herr von Gerlach den Marburger Kreis seit Jahren auf das gründlichste bearbeitet, kein Dörfchen unbesucht gelassen, kurz, eine Agitation entfaltet, wie sie durchgreifender nicht gedacht werden Nun ist Gerlach dort zwar als der einzige Nationalsoziale mit Ach und Krach ge⸗ wählt; seine Wahl bedeutet aber nicht etwa einen Sieg der nationalsozialen„Grundsätze“, sie ist vielmehr eine Folge der rührigen Agitation. Gerlach wäre schließlich auch gewählt worden, wenn er unter der Flagge irgend einer anderen 41. Reißhaus“. 42. Bock“. 43. Hofmann(Rudol⸗ 5 bürgerlichen Partei gesegelt wäre. Der Pastor Naumann kommt endlich auch zu der Erkenntnis, daß seine Gründung nicht zu den geringsten Hoffnungen berechtigt. Er schrieb in seiner„Hilfe“ u. a.: „Wir Nationalsozialen kommen als geschlagene Truppe aus dem Kampf. Einer von uns ist in Stichwahl: Herr v. Gerlach in Marburg, wir anderen aber sind auch dieses Mal nicht bis zur Schwelle des Reichstages gelangt. Hoffentlich siegt wenigstens unser Freund v. Gerlach. Wir wollen alles tun, was möglich ist. Aber selbst dann, wenn er in den Reichs⸗ tag hineinkommt, bleibt vas, was wir erlebt haben, eine Niederlage und wird auch, wie ich aus sehr vielen Briefen und Telegrammen sehe, von unseren Freunden im ganzen Lande so aufgefaßt.“„Unser Freundeskreis hat Bewundernswertes geleistet. Wenn wir trotzdem verloren haben, so bedeutet das: wir sind nicht imstande, die neue Partei zu gründen. Das ist eine bittere Klarheit, aber es ist Klarheit. „Was ist die Ursache unserer Niederlage?“ fragt Naumann weiter und er antwortet:„Im Grunde giebt es doch nur einen wirklichen großen Grund der Niederlage: Die Wucht des sozialdemokratischen Wachstums ist so groß, daß trotz unserer Arbeit überall auch uns gegen⸗ über die Sozialdemokratie stark gewachsen iste. „Nach der Stichwahl in Marburg wird der Vorstand eingehend beraten. Es gilt, die Konsequenzen der Niederlage zu ziehen, ohne ungerecht gegen die Treue zu werden, die bis heute mit uns gegangen ist. Das ist nicht leicht. Soviel kann aber schon heute gesagt werden, daß ein Delegiertentag einberufen werden muß, dessen einziger Verhandlungsgegenstand ist: was tun wir, nachdem klar geworden ist, daß wir im gegen⸗ wärtigen Zeitpunkt nicht parteibildend auftreten können?“ Was tun? Einfach die Bude zumachen! Ein Zwitterding wie das nationalsoziale Parteigebilde hat keine Existensberechtigung. * Ueber„sozialdemokratische Wahl- betrügereien“ wußte die konservative„Post“, das Organ der Scharfmacher, zu berichten. Im 2. Berliner Wahlkreise waren für etwa 1000 Personen Stimmzettel abgegeben worden, obwohl die be⸗ treffenden Wähler am Wahltage gar nicht in Berlia anwesend, sondern nach entfernten Orten verzogen, oder verreist, oder gar verstorben waren. Natürlich plappert sofort die gesamte„Ord⸗ nungspresse“ die Mordgeschichten nach, macht noch etwas mehr dazu und beschuldigt die Sozialdemokratie unerhörter Wahlfälschungen bevor noch eine Untersuchung eingeleitet, viel weniger nachgewiesen ist, daß Sozialdemo⸗ kraten die Betrügereien verübten, wenn wirklich welche vorgekommen sind.— Soviel steht doch fest, daß die Sozialdemokratie ein⸗ mütig derartige Dinge verurteilt, selbstver⸗ ständlich erst recht, wenn ein Parteigenosse der Täter wäre.— Es ist nur zu verwundern, daß die„Post“ und ihre Nachbeter nicht gleich die Ungültigkeitserklärung aller sozialdemo⸗ kratischen Mandate fordern!— Nun, man wird ja sehen, was heraus kommt. Die bürgerlichen Parteien könnten fich freuen, wenn sie so rein da stünden als die unsere. Politische Rundschau. Gießen, 2. Juli. Wie das Volk lebt. Bei der Flugblattverteilung im Erzgebirge haben unfere Genossen Gelegenheit gehabt, die Not unter der dortigen Bevölkerung kennen zu lernen. Ein Flugblattverteiler schrieb da unserem Chemnitzer Parteiblatt: In manchen Fällen traten unseren Verbreitern, die gewiß schon viel Elend und Not gesehen und erlebt haben, ob eines solchen Notstandes die Tränen in die Augen. Oft wurde geklagt, daß die Leute schon seit Wochen weiter nichts genossen hätten, als Eichorienbrühe und trockene Kartoffeln. Und solche Fälle sind nicht vereinzelt. Ein besonders krasser Fall soll hier erwähnt sein. Ein seit Wochen arbeits⸗ loser Genosse trug in Rittersgrün Flugblätter aus. In einer Stube, die auf die Bezeichnung„menschliche Woh⸗ nung“ keinen Anspruch machen kann, lag im Bett ein weit über 70 Jahre alter Bergarbeiter. Seit Jahren liegt er an einer unheilbaren Beinlrankheit darnieder. Die Frau, ebenfalls bald 80 Jahre alt, klöppelt.„Ja guter Mann“, spricht die Frau, wir täten Euch gern unterstützen, wir täten auch gern die Volksstimme lesen, denn wenn uns die Sozialdemokraten nicht helfen, hilft uns niemand. Aber wir können nicht, wir sind zu arm. Mein Mann ist schon viele Jahre krank. Er hat auch früher nie mehr als 6 Mk. die Woche ver⸗ dient. Da kann man sich nichts sparen. Ich klöpple von früh bis abends, da verdiene ich 2.50 Mk. die Woche. Davon müssen wir leben. Seit sechs Wochen haben wir nur Wurzelkaffee getrunken und Brot gegessen.“ Unser Genosse. wie gesagt, acht Wochen arbeitslos, legte seine letzten 30 Pfennig auf den Tisch und ging, aufs tiefste ergriffen, hinaus. So siehts aus in unsern geliebten Vater⸗ lande! Daß die Bevölkerung des Erzgebirges die erbärmlichste Lebenshaltung zu führen ge⸗ zwungen ist, ist ja eine allgemein bekannte Sache. Immerhin giebt es noch Gegenden genug, wo es der arbeitenden Bevölkerung nicht viel besser geht. Heller Zorn muß jeden rechtlich denkenden Menschen packen, wenn dann noch Wortführer der„Ordnungs“leute, Kom⸗ merzienräte, Pfaffen, sowie Amts⸗ und„un⸗ parteiische“ Blätter von Genußsucht und Be⸗ gehrlichkeit und Unzufriedenheit der— Arbeiter reden. Keine Sommerruhe giebt es für unsere Parteigenossen. Kaum sind die Reichstagswahlen vorüber, so müssen unsere Genossen in Sachsen und Preußen schon wieder zu den Landtagswahlen rüsten. In Sachsen finden dieselben in der ersten Septemberwoche statt, in Preußen voraussichtlich Ende Oktober. Zum Kapitel der Soldatenschindereien. Vom Ende März bis Ende Juli wurde durch die unabhängige Presse die gerichtliche Aburteilung von 38 militärischen Vorgesetzten wegen Mißhandlungen, Beleidigungen und vorschriftswidriger Behandlung von Soldaten bekannt. Au Strafen wurden ausgesprochen: 2½/ ih se Zuchthaus, 5 Jahre Ehr⸗ ver! ahre 10 Monate 21 Tage Ge 3, 1 Jahr 9 Tage mittlerer Arrest, — —— r Nr. 27. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 3. 7 Monate 16 Tage gelinder Arrest, 7 Tage Stubenarrest, 3 Degradationen, eine Entfernung aus dem Heere. In Summa betrugen die Freiheitsstrafen 13 Jahre 9 Monate 13 Tage, wobei zu bemerken ist, daß die Strafen in den meisten Fällen sehr milde waren und daß die Oeffentlichkeit überhaupt nur einen Teil der Sol datenmißhandlungen erfährt. Am besten haben es die Verüber von Sol⸗ datenmißhandlungen in Bayern. Während im übrigen Reich mißhandelnde Unteroffiziere und Sergeanten in„leichteren“ Fällen ge⸗ wöhnlich mit mittlerem Arrest bestraft werden, ist es in Bayern fast Regel geworden, derartige Soldatenquäler mit gelindem Arrest durchschlüpfen zu lassen. So wurde ein bay⸗ rischer Oberjäger, der einen unbeholfenen Re⸗ kruten ohrfeigte, vor den Leib stieß, mit der Seitengewehrscheide schlug und ihm erklärte: „Ich kann Sie drillen, bis Sie verrecken“, nur mit 9 Tagen gelindem Arrest bestraft. Zum Schlusse sei noch erwähnt, daß im ersten Halbjahr 1903 die gerichtliche Aburteilung von 79 Vorgesetzten wegen Mißhandlung usw. bekannt wurde. An Strafen wurden dabei ausgesprochen 23 Jahre 8 Monate 19 Tage Freiheitsentzug, 9 Degradationen, eine Entfernung aus dem Heere, ein fünfjähriger Ehrverlust! Trotzdem aber sind die Soldatenschindereien nur Hirngespinnste der Sozialdemokratie. Abermals ein klerikaler Skandal in Frankreich. Zu Tours wurde jetzt ein Skandalprozeß verhandelt, in dem Nonnen die Angeklagten waren. Es handelt sich um scheußliche Vor⸗ gänge in dem„Refugium“ dieser Stadt, das von Nonnen geleitet wird und nach derselben Art wie die Anstalten des„guten Hirten“ ein⸗ erichtet ist. Die Nonnen von Tours haben je Dreistigkeit besessen, die ihnen zur Last ge⸗ legten Grausamkeiten einfach abzustreiten, in⸗ dessen hat die gerichtliche Untersuchung zur Er⸗ hebung der Anklage gegen die Vorsteherin Schwester Sainte⸗Rose geführt. Am vorigen Donnerstag hat die Verhand⸗ lung vor dem Zuchtpolizeigericht begonnen. Die klerikalen Fanatiker der Stadt füllen den Verhandlungssaal und bemühen sich, zu Gunsten der Angeklagten Stimmung zu machen. In⸗ dessen brachte schon am ersten Tage die Ein⸗ vernehmung der Angeklagten und der Zeugen so abscheuliche Dinge an den Tag, daß trotz der Versuche der pfäffischen Garde, die Wahr⸗ heit niederzubrüllen, die Sache der Nonnen von Tours vor dem Gericht der Oeffentlichkeit schon entschieden ist. Im Verhör erkannte die Angeklagte ver⸗ schiedene Punkte der Anklage an. Sie gab zu, daß die Insassen zur Strafe das„Zungenkreuz“ machen, das heißt, den Fußboden in Kreuzes⸗ form belecken mußten, und zwar auch auf dem Abort. Sie gab an, daß ihnen Kuhmist ins Gesicht geschmiert wurde, ferner, daß sie in die Zelle und ins dunkle Kellerverließ gesperrt Wurden. Sie gab zu, den Pensionärinnen, den Kopf in Zuber voll kalten Wassers Unter⸗ getaucht, sie bekannte, ihnen wiederholt zur Strafe die Haare abgeschnitten zu haben. An andere ihr vorgeworfene Grausamkeiten wollte sie sich nicht erinnern oder sie bezeichnete sie als übertrieben. Der erste Zeuge ist der Zentralkommissär der Polizei. Er berichtete über die Zellen und Verließe des Hauses, über die Zwangs⸗ jacken, die konfisziert wurden, und er hat auch den Strohsack für die Leichen gesehen, auf dem nach der Aussage einiger Zeuginnen zu⸗ weilen Pensionärinnen übernachten mußten. Die Zeugin Angele Jean tritt auch als Privatklägerin auf. Sie hat zehn Jahre in der Anstalt zugebracht. Sie hat lange in feuchten Kerkerzellen schlafen müssen, wo sie sich schtbere Leiden zugezogen hat. Man hat ihr eiskalte Douchen verabreicht, den Kopf in Wasser getaucht und mehrere Male die Haare abgeschnitten. Die Zeugin Armandine Verriere ist eine von jenen Zöglingen, die auf der Toten⸗ matratze schlafen mußten. Sie wurde auf die Matratze gelegt, als diese noch mit dem Aus⸗ wurf der ungereinigten Leiche der einige Stunden vorher gestorbenen Kameradin Marie Henriette bedeckt war. 5 Eine weitere Zeugin ist infolge von zahl⸗ reichen Ohrfeigen ohnmächtig geworden, eine andere hat mehrere Stunden einen Knebel im Munde tragen müssen. Die Zeugin Marie Troullebois hat das Zungenkreuz am Boden des Aborts so lange machen müssen, bis die Zunge blutete. Sie wurde in die Mistkammer gesperrt, sie mußte auf Brot gestrichenen Kuh mist essen! Die Zeugin Isabelle Herand wurde ge⸗ zwungen, den Auswurf einer Tuberkulosen zu schlucken. Auch sie mußte das Zuungenkreuz auf dem Abort machen. Auch zwei männliche Zeugen wurden ver⸗ nommen. Es sind die Gehilfen eines Raseurs, die bezeugen, daß ihr Chef wiederholt Haare von Penstonärinnen bei den Nonnen des Re⸗ fugiums einkaufte. Eine Schwester brachte zu⸗ weilen ganze Zöpfe von besonderer Stärke. Am Samstag wurde das Urteil gesprochen. Die bestialische Menschenschinderin, die fromme Schwester Sainte-Rose wurde zu der in Anbetracht ihrer Verbrechen geradezu lächer⸗ lich geringen Strafe von 2 Monaten Ge— fäng nis verurteilt. Von Gottes⸗ und Mördergnaden. Der neue König von Serbien, Peter I., hat sich nun von Genf, wo er sich bisher auf⸗ hielt, nach Serbien begeben und ist feierlich in Belgrad eingezogen. Anläßlich seiner Thron⸗ besteigung fanden große Festlichkeiten statt, — Jubel und Festgelage an derselben Stelle, wo vor wenig Wochen der Vorgänger des neuen Königs unter Mörderhänden das Leben lassen mußte! Und als wenn alles ganz in Ordnung zugegangen wäre, haben die übrigen Regierungen die Anzeige von der Thronbesteigung mit freundlichen Dankschreiben beantwortet. Die serbischen Dynastien. Wenn Napoleons Grenadiere den Marschall⸗ stab im Tornister trugen, so tragen die unter⸗ nehmenden Leute in Serbien— so schreibt W. B. in der„Leipziger Volksztg.“— eine An⸗ wartschaft auf die Königskrone in der Tasche, und wenn man so oft die alte Kaiserin⸗Tigerin in China als ein Beispiel anführt, wie ein schlaues Weib aus dem Schlamm emporkriechen und sich auf einen Thron schwingen kann, so hat die Königin Draga gezeigt, daß dergleichen auch im mehr kultivierten Westen möglich ist. Nur war die Draga nicht vorsichtig genug; sie wollte an die Stelle des verkommenen Alexander ihren Bruder, einen frechen Leutnant, den Serben als König aufdrängen. Dies war den Serben denn doch zu toll und es erfolgte eine Palast⸗ revolution, ganz in russischem Stile, nach dem Muster derjenigen, die Paul I. aus der Welt schaffte. Nur, daß das Gemetzel in Belgrad größer war; man verfuhr radikal und räumte auch unter den Verwandten der Draga auf. Der freche Leutnant mußte daran glauben. So ist in Serbien die berühmte russische„Konsti⸗ tution“ eingeführt:„der Despotismus, gemildert durch den Meuchelmord.“ Neu ist das in Serbien freilich nicht. Seine Befreier vom Türkenjoch waren völlig skrupellose Leute und die Dynastien, die ehemaligen Ochsentreiber stifteten, waren es demgemäß auch. Die sympathischste Gestalt in dieser Gallerie von„Helden“ bleibt immer noch der„schwarze Georg“, der Stifter der Dynastie Karageorgie⸗ witsch, der ein serbischer Bauernsohn war und es in der österreichischen Armee bis zum Feld⸗ webel gebracht hatte. Er begann 1804 den Kampf gegen die Türken, vertrieb sie und machte sich zum Fürsten von Serbien. Welche Nerven dieser Mann hatte, geht daraus hervor, daß er einst, mit seinem alten Vater von den Türken verfolgt, den Greis, dem er sein Dasein verdankte, einfach umbrachte, um ihn nicht in die Hände der Türken fallen zu lassen. Ein andermal war er von den Türken umzingelt und wurde von ihnen aufgefordert, die Waffen niederzulegen „Kommt und holt sie!“ war die Antwort und: der„schwarze Georg“ wußte wohl schwerlich, daß Leonidas bei den Thermopylen den Persern die Gait Antwort gegeben hatte. ertrieben und wieder zurückgekehrt, wurde der ehemalige Feldwebel von dem ehemaligen Ochsentreiber Milosch Obrenowitsch, seinem Unterfeldherrn, im Schlafe ermordet und Milosch schwang sich zum Herrscher auf. Indessen blieb der„schwarze Georg“ immerhin der Nationalheld, in Liedern gefeiert. Indessen verblaßt der Nimbus dieser Art von Helden einigermaßen, wenn man erwägt, daß sie mit Rußland im Einverständnis waren und manchmal förmlich als dessen Agenten erscheinen. Die russische Diplomatie benutzte diese Leute, um an der Zerstückelung der Türkei zu arbeiten. Der Ochsentreiber Milosch machte seine Dynastie gleich erblich. Er selbst blieb auf dem Thron ein Barbar, allein er verstand List und Gewalt vortrefflich zu handhaben, was ihn sogar bei gewissen albernen Geschichtsschreibern als einen„feinen Diplomaten“ erscheinen ließ. In Wirklichkeit war er ein Wüterich à la Peter der„Große“ nur in kleinerem Maßstabe. Die Serben hatten ihn denn auch schließlich satt und jagten ihn davon; auch seine Söhne konnten die famose erbliche Dynastie nicht auf dem Thron erhalten und auf die Ochsentreiber⸗Dynastie folgte wieder die Feldwebel⸗Dynastie mit einem Alexander, der sich bis 1859 befestigte. Dann kam aber der alte Milosch noch einmal ans Ruder und verfolgte mit furchtbarer Grausam⸗ keit die Anhänger der anderen Dynastie. Sein Sohn, den Schmeichler„hochsinnig“ nennen, wurde nach fünfjähriger Regierung ermordet, wobei Unterrocks⸗Angelegenheiten mit im Spiel waren. Und dann kam später der bekaunte Milan, dessen Persönlichkeit noch in aller Er⸗ innerung ist. Auch dieser Mensch hat seine Lobredner gefunden und ist als„Staatsmann“ und„Feldherr“ gepriesen. Wir wollen heute nicht auf die unter seiner Regierrung vorgekom⸗ menen Greuel und Gewalttaten eingehend zurückkommen— sein Sohn Alexander hat nun für alles büßen müssen, was die Obreno⸗ witsch an Unheil über Serbien heraufbeschworen haben. Und welche Weiber. Während die Draga Millionen auf die Seite brachte in der kurzen Zeit, da sie Königin war, während ste plante, nicht nur thre ganze Familie in die Dynastie aufzunehmen und derselben Apanagen auf Kosten des Landes auszuwerfen, will Natalie, die Mutter des vortrefflichen Alexander, Ruß⸗ land bewegen, in Serbien einzuschreiten. Welche internationalen Konsequenzen das haben kann, das kümmert natürlich derartige Weiber nicht. Auch der letzte Alexander hatte wie der „schwarze Georg“ starke Nerven; er drohte seinem Vater Milan, er werde auf ihn feuern lassen, wenn er auf serbischem Boden betroffen werde. Ob es nun mit der Dynastie Karageorgie⸗ witsch besser werden wird? Das glauben wir kaum, denn die inneren Unruhen werden nicht aufhören. Schon hat man einen„Bastard“ von Milan entdeckt und es hat sich eiue Partei gebildet, die„Ansprüche“ dieses Jünglings auf den serbischen Thron vertreten und ihn darauf erheben will. Die schöne Zeit der mittelalter⸗ lichen„ritterlichen“ Bastarde, die auch„An⸗ sprüche“ auf Throne geltend machten, wäre sonach für Serbien im 20. Jahrhundert erst angebrochen. Unter diesen Umständen ist es begreiflich, daß sich in Serbien eine starke republikanische Partei gebildet hai. Indessen ist die Armee nicht republikanisch gesinnt. Die Offiziere, welche die Palastrevolution gemacht haben, wollen eine Dynastie am Ruder haben, denn sie haben dabei mehr Chancen zum Euporsteigen, mehr Aussicht auf Orden und Reichtümer, als in einer Republik. Auch würde eine Republik sicherlich von Rußland bekämpft werden. In⸗ dessen haben wir unseren Spaß daran gehabt, wie mutig deutsche Zeitungsphilister bestrebt sind, Serbien vor den Gefahren einer Republik zu behüten.„Denn“, sagt ein solcher mit wich⸗ tiger Miene,„Serbien eignet sich schon wegen l 2 FFT 8—— — eL 82101 B 8. —.—— 3 ä ieee n Seite 4. Mitteldeuische Sountags⸗ Zeitung. Nr. 27. seiner geographischen Lage nicht zu einer Republik!“ Bums! So ist denn kaum anzunehmen, daß dies Land, das schon so lange zum Versuchsfelde russischer Intriguen dient, so bald zur Ruhe kommen wird. Die Königsnacherei wird dort weiter übertrieben werden, nachdem man einmal die Sache verschmeckt und gesehen hat, wie leicht es unter Umständen damit geht. Aber es wird wohl kaum das letzte Mal sein, daß in Serbien der Despotismus durch den Meuchelmord gemildert wird. Die korrupte Gesellschaft, die sich dort um die Herrschaft im Staate streitet und die zum großen Teil wohl aus Söldlingen Rußlands besteht, erinnert sehr an die Klique von Abenteurern, welche einst Napoleon III. umgab. Diese Sorte von Menschen macht gerne Staatsstreiche und er⸗ schüttert damit stoßweise den Boden, auf dem Staat und Gesellschaft ruhen! Eine Klique fegt die andere hinweg. Und das Volk— trägt die Kosten für diese politischen Abenteurer. Wann wird das enden? bon Uah und Lern. Hessisches. — Die Zweite Kammer des Hessischen Landtags ist auf Dienstag, den 7. Juli, zu einer voraussichtlich nur kurzen Tagung ein⸗ berufen. Gießener Angelegenheiten. * Nachträgliches von der Wahl. Man schreibt uns: Das„liberale“ Bürgertum ist sehr bescheiden geworden. Andernfalls wäre ihm bei seinem Siegesjubel in Gießen ein Wermutstropfen in den Freudenbecher gefallen, wenn es sich die Entwickelung und— richtiger die Versumpfung des Liberalismus im Reiche und speziell in Gießen vor Augen geführt hätte. Im Jahre 1890, wo es mit den Liberalen schon den Krebsgang ging, brachten sie(Nationallib. und Freisinnige) es im Gießener Kreise noch immer noch auf 10 268 Stimmen. Aber schon 3 Jahre spater waren sie bereits auf die reich⸗ liche Hälfte— 5183— heruntergekommen und bis 1898 hatten sie ein weiteres Tausend Stimmen verloren, sie erhielten nur noch 415 9. Diesmal gelang es ihnen mit Hilfe des Beamten⸗ apparats und durch sein persönlichen Kampf gegen den antisemitischen Kandidaten mit 5 300 Stimmen in die Stichwahl zu kommen und nun bringen Freisinnige, Nationallibe⸗ rale, Antisemiten, mitsamt den paar Zen⸗ trumsstimmen, zusammen 10600 Stimmen auf die Beine. Ist es wirklich ein Resultat zum Jubeln? Eher ist es das Jammerbild im Kleinen was das Reich im Großen bietet: Das„liberale Bürgertum“ aller Schat⸗ tirungen bringt im ersten Wahlgange 5 ganze Abgeordnete durch und die übrigen 84 humpeln auf den Rücken aller übrigen Parteien fich lahm und gebrechlich in den Reichstag. In der Blütezeit des Liberalismus hatte er schöpferische Gedanken, so lahm und matt er auch damals schon der Reaktion gegenüber war, immerhin hat er das Verdienst, zum Teil die Schranken hinweggeräumt zu haben, die dem Fortschritt hemmend im Wege standen. Die Lasker, Bamberger, Ziegler u. a. waren überzeugte, erfolgreiche Vorkämpfer der Bour⸗ Pale ste förderten die Emanzipation des ürgertums von dem feudalklerikal-reaktionären Junkerstaate und bekämpften gleichzeitig die mit Macht aufsteigende Arbeiterklasse, nach⸗ dem man sich überzeugen mußte, daß das Prole⸗ tariat sich nicht mehr als Stimmvieh gebrauchen ließ.— Der heutige Liberalismus ist nur noch ein zahnloses Ueberbleibsel aus besseren Zeiten; er beißt nicht mehr. Seine eigene Hülflosigkeit und Schwäche, die ihn auf die Stichwahlhülfe aller reaktionären Parteien an⸗ weist, hat ihn entmannt und entnervt. Er fühlt sich wohl in der Rolle, Junkern und Pfaffen Handlangerdienste leisten zu dürfen; wenn dabei ein kleiner Rebbach mit abfällt. Der Wahlkreis Gießen wird nicht so lange liberal wie antisemitisch vertreten werden, die Sozialdemokratie wird ihn sehr bald ab⸗ lösen. Wir hatten 1890: 1732; 1893 2852; 1898: 4495 und 1903 6000 Stimmen. Dieses sichere ruhige Steigen unsere Stimmen giebt uns die Gewähr, daß unser Gebäude auf festem Grund und Boden steht. Von Jahr zu Jahr wird der Vorsprung der gesamten Gegner kleiner und mit mathematischer Sicherheit kann man berechnen, wann der 1. hessische Wahlkreis in unsere Hände fallen muß.— Freilich dürfen wir die Hände nicht in den Schooß legen. Es ist nicht leicht, durch den Nebel von Phrasen, Lügen, Verleumdungen, Entstel⸗ lungen der Geguer zu dringen; unsere ganze Kraft muß aufgewandt werden; sachlich und ruhig müssen wir unsere Grundsätze vertreten. Und vor allen Dingen müssen die Verhält⸗ nisse unserer Presse geregelt und geordnet werden!— Tausende Genossen halten gegnerische Blätter und flechten damit selbst die Geißel, die ihnen Wunden schlägt.— Sofort muß mit der Agitation für Ver⸗ breitung unserer Zeitungen eingesetzt werden. Keine Arbeiterfamilie ohne eine sozial⸗ demokratische Zeitung! Hinaus mit der schmutzigen Geschäftspresse der Gegner. Wir haben Dutzende Parteiblätter, von denen jede einzelne Nummer mehr wertvollen Inhalt liefert wie die Sensationspresse in einem ganzen Monat.— Nur durch die Gutmütigkeit und Lässigkeit der Arbeiterschaft fristen die hunderte Klatschbasen der Amtsblätter ihr Dasein. Noch⸗ mals: Hinaus mit ihnen!— In einem weiteren Artikel werden wir nun auf die übrigen Mängel unserer Parteibewegung zurückkommen.— — Auch nach der Wahl setzen die „Ordnungs“blätter die Verdächtigungen und Anpöbelungen unserer Partei fort, mit denen sie— weil sie andere und bessere Kampfmittel gegen uns nicht besitzen— uns vor der Wahl in so reichem Maße überschütteten. Was ist da nicht alles von den ehrenwerten Amtsblättern und den gegnerischen Flugschriften über unsere Partei, ihre Bestrebungen und ihre Führer zusammengelogen worden! Wenn aber die Agitatoren der Nationalliberalen, unter denen sich eine ganze Menge Geheim-, Kommerzien⸗ und Amtsgerichtsräte befanden, ihre Angriffe in öffentlicher Versammlung unsern Genossen gegenüber vertreten sollten, wußten sie entweder nichts zu erwidern, oder sie kniffen feige aus, wie es in Leihgestern, Großenlinden und anderen Orten geschah.— Geradezu Ungeheuerliches leistete sich der„Gieß. Anz.“, dessen überaus verlogene, gehässige und dabei höchst plumpe Schreibweise wir wiederholt beleuchteten. Vor wenig Tagen noch tischte er seinen Lesern den offenbaren Schwindel auf, daß unser Genosse Rau, der soz.-dem. Kandidat für Erbach⸗Bensheim, irgendwo in einer Versamm⸗ lung ein Hoch auf den Kaiser ausgebracht habe, um die Bauernstimmen für sich zu ge⸗ winnen! Und ferner wurde die Schweinburg'sche Lüge verbreitet, daß unsere Genossen in Berlin die gegnerischen Stimmzettel aufgekauft hätten, um die Wahl des Gegners zu vereiteln! Mehr kann man der Gutgläubigkeit der Leser wirklich nicht zumuten. Ueber„sozialdemokratische“ Wahlexzesse wußte der Anzeiger ebenfalls zu berichten, und zwar aus Offenbach, Dortmund und anderen Orten. Natürlich sind die Reptilien aller Art sofort bei der Hand, für solche Vorkommnisse die Sozialdemokraten verantwortlich zu machen. Bei richtigem Zusehen findet man aber stets, daß entweder liberale„Patrioten“ oder fromme Zentrumsleute die Ruhestörer waren. So in Laurahütte in Schlesten, im Straßburger Land⸗ kreise c. In einem Dorfe des Kreises Kattowitz wurde unser Kandidat Dr. Winter halb tot geschlagen! Und in mehreren Orten des Li m⸗ burger Kreises bedrohten die frommen Christen unsere Flugblattverteiler mit Totstechen und warfen sie mit Steinen. Unsere Anhänger wissen, daß man politische Kämpfe nicht mit dem Knüppel aus⸗ fechten kann, sie sind geschult und erzogen; aber auf mo rdspatriotischer Seite ist man stets zu Ausschreitungen geneigt, das zeigt sich auch sonst im Leben, man denke nur daran, wie oft Kriegervereinsfestlichkeiten mit Schläge⸗ reien endigen und wie häufig Leute aus„ge⸗ bildeten“ Kreisen Ruhestörungen verüben. Die empörenden Schimpfereten des„Gieß. Anz.“ auf unsere Partei und die Arbeiterklasse haben ihre Wirkung insofern gehabt, als nach uns ge⸗ wordenen Mitteilungen zahlreiche Arbeiter⸗ abonnenten den Anzeiger abbestellten. Das ist ganz in der Ordnung. Die Arbeiter werden doch nicht die Gutmütigkeit so weit treiben, daß sie sich für ihr gutes Geld noch beschimpfen lassen!— In einer uns zugegangenen Zu⸗ schrift werden wir ersucht, doch dafür zu sorgen, datz hier bald eine sozialdemokratische Tages⸗ zeitung erscheine, mangels einer solchen hielten viele den Anzeiger, die mit dessen Inhalt keines⸗ wegs einverstanden seien. Wir können nur sagen, daß die Ausgestaltung unserer Preß⸗ verhältnisse die erste Aufgabe unserer Partei- organisation sein wird. Vorläufig können wir nur allen denjenigen, die eine tägliche sozial⸗ demokratische Zeitung wünschen, das„Offen⸗ bacher Abendblatt“ und die Frankfurter„Volks⸗ stimme“ empfehlen. — Auf das Kreisfest, das diesen Sonn⸗ tag in Trohe stattfindet, machen wir nochmals aufmerksam und ersuchen die Parteige nossen und Gewerkschaftsmitglieder zu recht zahlreicher Beteiligung. Von Gießen geht ein Extrazug punkt ½'2 Uhr nach Rödgen und von da abends 9 Uhr zurück. Der Fahrpreis beträgt hin und zurück 3. Kl. 35 Pfg. Schulkinder frei. — In Lollar wurde bei der Beige or d⸗ netenwahl Heinrich Schmidt VI. in der Stichwahl gewählt. Aus dem Rreise Weßlar. h.„Un parteiische“ Presse. Daß die soge⸗ nannten unparteiischen oder wie sie sich auch sonst gern nennen,„unabhängigen“ Blätter zum größten Teil urreaktionär sind, dafür liefern die„Wetzlarer Nachrichten“ wiederum einen sprechenden Beweis. Kurz nach der Wahl, trat das Blättchen für Beseitigung des Reichs! tags wahlrechts ein! Ueberhaupt nimmt dieses Blatt eine in jeder Beziehung arbeiter feindliche Stellung ein, trotzdem es vielleicht den größten Teil Abonnenten in Arbeiterkreisen hat. Die Arbeiter sollten die nötige Lehre daraus ziehen und nicht ein Blatt unterstützen, was sie täglich beleidigt und ihrer gerechten Sache entgegenarbeitet. Ueber die Kampfesart der bürgerlichen Par⸗ teien schreibt uns ein Wetzlarer Arbeiter: Die Mittel, welche die Ordnungsleute im diesmaligen Wahlkampfe anwandten, waren derart, daß ein anständiger ver⸗ nünftiger Politiker sich nit Ekel abwenden mußte. Das Tollste in dieser Beziehung leistete sich in einer Rede am 4. Juni im Kaisersaal zu Darmstadt, der Geh. Justizrat Prof. Kahl.(Wir haben die Musterleistung früher schon einmal erwähnt. D. R.) Diesem Herrn dessen Rede sich zufällig anzuhören Gelegenheit hatte, will ich als Arbeiter nun Einiges antworten auf die wesentlichsten Angriffe und Verleumdungen unserer Partei und hauptsächlich deren Führer. Dieser Herr Justizrat und Professor stellte sich Ein⸗ gangs seiner Rede auf„unparteiischen“ Standpunkt, um sich gleich nach einigen weiteren Sätzen im höchsten Grade zu widersprechen. Er greift unsere alten hochverehrten Führer, bes. Bebel, die ja alle auf einem viel höheren Niveau des Wissens stehen als er, immer in solcher per⸗ sönlicher, hetzerischer Weise au, daß sich jedes Arbeiter- herz hoch aufbäumt. Schon anfangs zeigte der Beifall, daß Dr. Kahls Rede in einem vollständig nationalliberalen Kreise herabgeleiert wurde. Er wirft unsern Kandidaten ein Nichteintreten für Arbeiterinteressen vor, und damit, der Kleinigkeit von über 3 Millionen Stimmen der Ar⸗ beiter indirekt eine Unkenntnis der parlamentarischen Tätigkeit unserer Führer. Daraus würde sich schluß⸗ folgern lassen, daß obige Stimmenzahl ebenso unüber⸗ legt abgegeben sei. Den Vorwurf, wir wären Gegner vernünftiger Handelsverträge, schreibe ich der erschreckenden politischen Unkenntnis des Redners zu. Daß er aber gerade unseren ältesten Veteranen Singer, Bebel ec. das Streben für das Arbeiterwohl abstreitet und den Eindruck hervor⸗ zurufen sucht, unsere Genossen wäre es nur um persön⸗ liche Machtfaktorenstellung zu tun, setzt seiner gehässigen persönlichen Kampfesweise die Krone auf. Er hat aber auch„Beweise“ und führt sie auch an. Es ist dies die Stellungnahme der Sozialdemokraten zu den Versiche ungsgesetzen. Besonders hebt er das Unfall⸗ u. aliden⸗Gesetz und die„großen“ Renten, we Arbeiter daraus angeblich empfangen, hervor, un ch das„opferwillige“ Beitragen des Unter⸗ 0 —————— c ——. — 7 P —̃̃—— Nr. 27. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung Seite 3. nehmertums. Diese süßen m ätzchen! Er sagt aller⸗ dings nicht, daß diese vermeintlichen Opfer indirekt ebenfalls aus der Tasche des ausgebeuteten Arbeiters fließen. Weiter nennt er den Lebensnerv der Sozialdemokratie Unzufriedenheit, womit ich eigentlich mit ihm über⸗ einstimme, nur daß er die Sache unrichtig bezeichnet. Allerdings würden wohl die meisten Besitzlosen nicht mehr unzufrieden sein, wenn ihnen ein Dasein wie Herrn Dr. Kahl und vielen seiner natlib. Freunde be⸗ schieden wäre. Er müßte sich manche Arbeiter⸗ und Kleinbauernwohnung und deren Lebensweise näher an⸗ sehen, dann könnte er sich wohl die Unzufriedenheit er⸗ klären. Aber auch in Bezug auf die Lebenslage des Volkes ist der Herr Professor sehr schlecht informiert. Weiter erzählte er von dem ungeheuern„Terrorismus“ in unserer Partei und suchte dies mit einer Aeußerung Bebels in Breslau:„Wer sich nicht fügt, der fliegt“— zu beweisen. Darauf antwortete ich ihm: Phrasen⸗ drescher wie Herr Kahl würden schon am ersten Tage mit Hochdruck aus unserer Partei fliegen. Die„Ver⸗ nichtung der individnellen Freiheit“ sieht er in der Acht⸗ und Bannerklärung der Streilbrecher. Es ist doch wirklich ein Bißchen viel von den Ar⸗ beitern verlangt, wenn sie demjenigen, der ihnen bei dem Kampfe um bessere Existenzbedingungen in den Rücken fällt, noch mit Hochachtung behandeln sollen! Und wie halten es denn die Unternehmer? Sobald einer unter ihnen etwa gegen das geheiligte Ausbeuter⸗Interesse ver⸗ stößt, hat er sich die bittere Feindschaft seiner Kollegen zugezogen, die ihm das auch in jeder Beziehung fühlen lassen. Das Gleiche haben wir bei den Aerzten gesehen, wo diese mit Krankenkassen im Kampfe lagen.— Kurz, die an abgebrauchten Schlagwörtern so reiche Rede des Herrn Prosessors konnte auf halbwegs denkende Ar⸗ beiter gar keinen Eindruck ma ben, hat auch keinen ge⸗ macht, wie der glänzende Sieg unseres Genossen Cramer im ersten Wahlgange beweist.— Mit diesen Zeilen wollte ich nur dartun, daß die denkenden Arbeiter mit der Kritik, die unsere Führer und Blätter an den heu⸗ tigen Zuständen üben, vollkommen einverstanden sind und daß sich die Gegner auf dem Holzwege be⸗ finden, wenn sie zwischen unsern Vorkämpfern und den Ar⸗ beitern Zwietracht säen wollen. Dem Herrn Professor Kahl möchte ich nur zurufen:„Man braucht wirklich kein mit einer Professur betrautes Genie zu sein, um Ihre gehässigen, un wahren Auslassungen in jeder Hinsicht zu widerlegen.“ Aus dem Nreise Marburg⸗Rirchhain. s. Parteiversammlung. Am Montag Abend fand im Lokale Jesberg eine außerordentliche Partei⸗ versammlung statt, die sich in der Hauptsache mit der Stichwahl und dem Verhalten des„Vorwärts“ be⸗ schäftigte. Kurz vor der Stichwahl brachte nämlich unser Zentralorgan eine Notiz, in welcher empfohlen wurde, für Gerlach in der Stichwahl einzutreten Von den National⸗Sozialen wurde diese Notiz als Flugblatt verbreitet und damit bewirkt, daß der größte Teil der sozialdemokratischen Wähler für Gerlach stimmte. Gen. Dr. Michels, der die Angelegenheit in längerer Rede klarlegte, wies daraufhin, daß es sich heute nicht darum handeln könne, ob der Beschluß der vorherge⸗ gangenen Parteiversammlung richtig oder falsch sei, sondern darum, daß dem von der maßgebenden Partei⸗ instanz gefaßten Beschlusse von einer großen Anzahl Genossen zuwider gehandelt und von dem„Vorwärts“ bewußt entgegengearbeitet worden sei. Dagegen müßten sich die Marburger Parteigenossen wehren und er empfahl folgende Resolution: „Die außerordentliche sozialdemokratische Parteiver⸗ sammlung vom 29. Juni ist unangenehm berührt über die Rücksichtslosigkeit des„Vorwärts“, der trotz des hier mit großer Majorität gefaßten Beschlusses aus ge⸗ wichten Gründen Stimmenthaltung zu empfehlen (ein Beschluß, der durch viele Blätter ging und per gedrucktem Zirkular den Vertrauensleuten zugesandt wurde) am 24. Juni eine Notiz brachte, in welcher unter gänzlicher Nichtbeachtung des uns bindenden Marburger Parteibeschlusses kategorisch die unbedingte Unterstützung v. Gerlachs gefordert wurde. Die Versammlung ist ferner unangenehm berührt über die Taktlofigkeit, mit welcher der„Vorwärts“ über die Köpfe der hiesigen Parteiorganisation und des Kandidaten Bader hinweg unseren rechtskräflig gewordenen Beschluß umzustürzen suchte und durch die Verwirrung, die jene Notiz ganz besonders unter den Genossen auf dem Lande auch an⸗ richtete, tatsächlich umstürzte. Da die hiesige Partei⸗ vertretung dadurch in ein schiefes Licht gebracht ist, wird der verantwortlichen Leitung des„Vorwärts“ ein Tadelsvotum ausgesprochen.“ Nach langer und lebhafter Debatte, in der sich auch mehrere Zenossen gegen die Resolution aus⸗ sprachen, wird dieselbe mit allen gegen 3 Stimmen angenommen. R. Vor der Wahl voll Schneidig⸗ keit, nach der Wahl voll Traurigkeit!“ So kann man von der konservativeuß Partei! unseres Wahlkreises sagen. Denn sehr schneidig führte der Redakteur der„Oberhessischen Zeitung“ Freiherr v. Wangenheim den Wahlkampf von der Kanzel. Zur Stichwahl noch schneidiger als zur Hauptwahl selbst. Hatten doch die Konservativen zur Stichwahl die Antisemiten als Bundesbrüder erhalten, trotzdem sich beide vor der Hauptwahl in den Haaren lagen, wie keine der anderen Parteien. Und so hofften die Konservativen den Wahlkreis zu erobern. Allein traurig endete die Wahl für den konser⸗ vativ⸗antisemitischen Kandidaten; der liberale, pardon, nationalsoziale Kandidat ging mit 700 Stimmen Mehrheit als Sieger aus der Wahl⸗ urue hervor. Aber auch das Organ„unseres“ jetzigen Reichstagsabgeordneten Herrn v. Gerlach stand in Bezug auf schroffen und gehässigen Ton der„Oberh. Ztg.“ in keiner Weise nach. Denn bei' den sogenannten Nationalsozialen handelte es sich um Tod und Leben ihrer Partei. Ging Marburg verloren, dann war alles verloren. Und so holten sie noch am letzten Tage vor der Stichwahl den Pfarrer Fr. Naumann herbei, der in einer öffentlichen Versammlung noch einmal den liber alen Herrn v. Gerlach als den allein seligmachenden Reichstagskandidaten zur Wahl empfahl. Und so wurde der liberale Herr pv. Gerlach mit Hilfe des Zentrums und der sozialdemokratischen Stimmen als Reichstagsabgeordneter gewählt. Ist unser Wahlkreis jetzt durch keinen Brot⸗ wucherer vertreten, so doch um einen so größeren Militärschwärmer. Und an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen! — Ein gutes Agitationsmittel für den Konsumverein haben uns die hiesigen Bäckermeister in die Hand gegeben, indem sie den Preis von dem Laib Brot um 4 Pfg. erhöhen. Da der Brotpreis im Konsumverein der alte bleibt, so wollen die Mitglieder diese Gelegenheit ausnützen und für den Konsumverein neue Mitglieder werben. — Gewerkschaftsfest. Das diesjährige Sommer⸗ fest der vereinigten Gewerkschaften Marburgs findet am 19. Juli auf der Schanze statt. — Ausflug der Genossen am Sonntag nach Cölbe, Wirtschaft Ortwein, Sammelpunkt nachmittags 3 Uhr bei Jesberg. — Aus Cappel. icht aus der Irrenheilan⸗ stalt). Der ev. Geistliche der Gemeinde Cappel hat schon einmal, als Geld für die in Marburg zu errichtende Bis marcksäule fehlte, von der Kanzel herab ver⸗ kündet, man möge doch sein Scherflein dazu geben, da⸗ mit das Werk seiner Vollendung bald entgegen sehe. Als dies aber nichts half, da die kleinen Bauern und Arbeiter(die„Großen“ sind vom Geben keine Freunde) nur so viel verdienen, wie zu ihrem Lebensunterhalt notwendig ist, so versuchte es der Pfarrer an einem der letzten Sonntage noch einmal. Hoffentlich werden die Arbeiter und Kleinbauern von Cappel ihre sauer ver⸗ dienten Groschen zu etwas Nutzlicherem verwenden als zu einer Bismarcksäule. Auch verweigerte der Herr Pfarrer einigen Personen den Zutritt zum hl. Abend⸗ mahl, weil diese die„Buße“ noch nicht bezahlt haben. Die betreffendeu Personen haben keinen Schaden dadurch erlitten. Darüber werden sich die Betroffenen wohl zu trösten wissen, denn so groß wer den ihre Sünden wohl nicht sein, als daß sie ihnen auch nicht ohne Abendmahl vergeben werden könnten, Großfeuer. Mehrere große Brände haben sich in den letzten Tagen ereignet. In Marburg brannte das Papierlager von Haas am Pilgrimstein in der Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag total nieder. Durch das in der Luft umher⸗ fliegende brennende Papier gerieten die Scheuern der Brauerei Bopp in Flammen und brannten ebenfalls total nieder.— Weiter brach Montag nachts ein bedeutender Brand in der Schuh⸗ waren⸗Fabrik Goldschmidt u. Löwenick in Frankfurt aus, der mit rapider Schnellig⸗ keit um sich griff und den größten Teil des umfangreichen Gebäudes in Asche legte. Bei den Loͤscharbeiten sind hier auch eine Anzahl Feuerwehrleute verunglückt und zum Teil schwer verletzt worden. Kapital und Presse. Bei dem Prozesse gegen die Aufsichtsräte der verkrachten Pommerschen Hypothekenbank kam an's Tageslicht, daß von der Bank dem Berliner Presseklub 25 000 Mart zu⸗ gewiesen worden waren, um, wie der Angeklagte in zynischer Weise zugestand, die Presse günstig für das Bankunternehmen zu stimmen. Das Vorkommnis liefert wieder einen Beweis für die Käuflichkeit eines großen Teiles der bürgerlichen Zeitungen. Profit machen ist der Zweck dieser Unternehmungen, nicht etwa die hohen Aufgaben der Presse zu erfüllen. 55 Kleine Mitteilungen. . Wegen Kindesmord wurde eine Witwe in Oberbiel bei Wetzlar verhaftet. Sie ist geständig, ihr neugeborenes Kind, das tot bei der Grube „Schlagkatz“ aufgefunden wurde, dort versteckt zu haben. e Vom Schlachtfeld der Arbeit. In Köln geriet in einer Feilenfabrik an der Hansemannstraße ein Arbeiter in der Transmission, wurde mehrere Male herumgeschleudert und erlitt einen Aem⸗ und zwei Bein⸗ brüche Er ist noch in der gleichen Nacht gestorben. ze Ein würdiger Pastor. Pfarrer Ziemer aus Wollin wurde vom Prenzlauer Schwurgericht wegen Verbrechens im Amte und schwerer Urkundenfälschung zu zwei Jahren und einem Monat Zuchthaus perurteilt unter Anrechnung von vier Monaten auf die erlittene Untersuchungshaft. — Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung. Bauarbeiteraussper rungen. In Köln hat der Arbeitgeberverband etwa 4000 Bauarbeiter ausgesperrt. Die Aus⸗ sperrung erfolgte, weil die Verputzer und Fuger die Arbeit nicht zu den von den Unternehmern gestellten Bedingungen aufnehmen wollten. Bei diesem Lohnstreite handelte es si in der Hauptsache um die Abschaffung der Akkord⸗ arbeit, sowie die Einführung eines Mindest⸗ stundenlohnes von 55 Pfennig. Die Arbeit⸗ geber erklärten sämtlich, auf die erste Forderung nicht eingehen zu können, was bei den Streiken⸗ den mit Recht als die hauptsächlichste Forderung galt.— Durch die Aussperrung werden natür⸗ lich auch andere Kreise in Mitleidenschaft ge⸗ zogen. Die Maureraussperung in Mainz dauert nun schon 8 Wochen. Die Bauunternehmer suchen mit allen möglichen Mitteln Streikbrecher heranzuziehen; doch ge— lang es bisher den Streikenden noch immer jene zur Abreise zu bewegen. Partei-Nachrichten. Das„Offenbacher Abendblatt“ ist mit dem 1. Juli aus den Händen des Genossen Ulrich in den Besitz der Partei übergegangen. Es war noch das einzige, das sich in Privatbesitz befand. Es hatte früher und besonders unter dem Sozialistengesetz mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Als Ulrich im Jahre 1878 Blatt und Druckerei übernahm, war beides mit mehr als 22 000 Mark Schulden belastet. Ulrich hat durch emsige Arbeit die Verhältnisse saniert und als er sich im März d. J. auf Antrag der Genossen sofort bereit erklärte, das Blatt zum 1. Juli ohne jede Entschädigung abzugeben, konnte er auf Grund buchmäßiger Nachweise konstatieren, daß jetzt der Verlagswert des Blattes mindestens 100 000 Mark, betrage. Geschäftsführer ist Genosse Wolff, der früher in Marburg später in Lelpzig tätig war, Die redaktionelle Leitung des Offen⸗ bacher Abendblattes behält Genosse Ph. Scheidemann. An Stelle des Genossen Wiehle, der in den Ex⸗ peditionsdienst übertritt, wird Genosse R. Hauschildt, zuletzt in Würzburg, in die Redaktion eintreten. Den Druck des Blattes behält Genosse Ulrich. Briefkasten. Wenn Sie an ihrem Wohnorte zur Steuer herangezogen sind, so kann das nicht noch⸗ mals an Ihrem Arbeitsort geschehen. Wo Sie Ihren Arbeitsverdienst finden, kommt bei der Steuerveranlagung nicht in Betracht. Sind Sie in der Lage, nachzuweisen, daß Sie nach Ihrem Einkommen zu hoch veranlagt sind, so müssen Sie eben dagegen Einspruch erheben. Versammlungskalender. Samstag, den 4. Juli. Gießen. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Montag, den 6. Juli. Gießen. Schneiderverband. Versammlung bei Orbig. Diens lag, den 7. Juli. Gießen. Gewertschaftskartell. Sitzung bei Orbig. Chr. Sch. Abends 9 Uhr Abends 9 Uhr 2 5 — ——. .——j— N 23——ç—i —— ä ——— r — 1 0 17 N 9 Seite 6. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 27. von nah und Fern. Betrügerische Patrioten. In dem Prozesse gegen die Direktoren der in Konkurs geratenen„Patriotischen Assekuranz⸗ Kompagnie“ und der Versicherungsgesellfchaft „Kosmos“ zu Hamburg, wurde Direktor Holle wegen Vergehens gegen den Artikel 249g des alten Handelsgesetzbuchs in zwei Fällen zu 1 Jahr 2 Monaten Gefängniß und 9000 Mk. Geldstrafe oder weiteren 600 Tagen Gefängniß, und der Prokurist Schulz wegen Beihilfe zu 6 Monaten und 3000 Mark oder weiteren 200 Tagen Gefängniß verurteilt. Der Ange⸗ klagte Gervers wurde kostenlos freigesprochen. Begnadigung des Dreschgrafen. Bekanntlich wurden Graf Pückler und sein Inspektor Kirchner vor einiger Zeit von der Strafkammer Glogau wegen Zerstörung einer Feldbahn zu 6 1 e 4. Wo⸗ chen Gefängnis verurteilt. Auf die von beiden Verurteilten eingereichten Gnadenge⸗ suche ist die gegen Graf Pückler erkannte Strafe in 6000 Mark, diejenige Kirchners in 300 Mark Geldstrafe umgewandelt worden. Den reichen Rittergutsbesitzer wird die Geldstrafe sehr wenig drücken. Bei dieser Gelegenheit darf auch darauf hingewiesen werden, daß noch immer einige der Opfer des schandhaften Löbtauer Urteils im Zuchthaus schmachten; hier würde eine Begnadigung all⸗ gemein mit Genugtuung aufgenommen werden, dem vielfach vorbestraften Dreschgrafen dagegen hätten die paar Wochen Gefängnis wirklich nichts geschadet. Großfener im Leipzig⸗Plagwitzer Kon⸗ sumvereins Gebäude. Ein großes Schadenfeuer brach am 25. Juni, demselben Tage, an dem die Stick wahlen stattfanden, in dem Gebäude des Plagwitzer— Konsumvereins aus. Die in dem Teil des aus⸗ gedehnten Gebäudekomplexes untergebrachten Lager⸗ und Werkstätten sind ein Raub der Flammen geworden. as Feuer brach in der Tischlerei aus und zerstörte den ganzen Flügel, in dem sich auch Mehl⸗ und Kleievorräte be⸗ fanden. Es gelang, die große Mühle und das Hauptlager zu retten, die Bäckerei aber ist zum Teil ein Raub der Flammen geworden. Der Schaden beläuft sich auf mehrere hunderttausend Mark. Zur Bewältigung des Brandes sind fünf Dampfspritzen in Tätigkeit gewesen. Die Entstehungsursache des Brandes ist noch nicht ermittelt.— Der„Vorwärts“ bemerkte dazu: Nicht ohne Bewegung werden alle jene diese Nachricht vernehmen, die das Haus des Leipzig⸗Plagwitzer Konsumvereinms aus eigener Anschauung oder aus den so zahlreichen rüh⸗ menden Beschreibungen kannten. Was hier vom sinnlosen Element zerstört wurde, das war der Stoff gewordene Triumph des ge⸗ nossenschaftlichen Gedankens. Die Einrichtungen des Leipzig⸗Plagwitzer Konsumvereins waren mustergiltig für alle Welt; zumal seine Bäckerei mit ihrer aufs höchste gesteigerten Technik und ihrer denkbar größten Schonung der mensch⸗ lichen Arbeitskraft galt als ein Vorbild, das von Reisenden der ganzen Welt bewundert wurde. Auf alle Fälle ist das Vertrauen berechtigt, daß der Solidaritätssinn der Leipziger Arbeiter das berühmte Unternehmen aus Schutt und Asche zu neuer Größe emporheben wird, und und daß Leipzig⸗Plagwitz bleibt, was es war: der Stolz der deutschen Genossenschafts⸗ bewegung.— ——————ñ—— Die Ohren der Könige gleichen dem Gaumen verwöhnter Kranken, welche unfähig sind, die Bitterkeit der Kräuter zu vertragen, die zu ihrer Heilung notwendig sind. Walter Scott. ** 15 1 Schwäche, je mehr Lüge; die Kraft geht gerade. Jean Paul. —— m ͤ— 7 de Unterhaltungs-Ceil. 7 —————— 2 Auch ein Bild aus dem Rechtsstaate. Eine Irrenhausgeschichte. 7(Fortsetzung.) Später hörte ich durch den Vormund, daß auch dieser Antrag auf Aufhebung der Ent⸗ mündigung abgelehnt worden war. Es halfen auch nicht die 16 Zeugen, welche vorher in meiner Vaterstadt vorgeladen waren und zu meinen Gunsten ausgesagt hatten. Die Leute sprachen sich über mich 9 0 1 aus und be⸗ schworen ihre Aussagen. Der Amtsgerichtsrat (Obervormund) war darüber ganz außer Fassung. Er setzte ihnen insgesamt die phantafievolle Aufgabe: zu beschwören,„ob sie auch Garantie leisten könnten, daß ich durchaus fähig sei, auch für die Folge ein Geschäft zu führen.“ Diese übertriebene Forderung, welche schon mehr über Menschenbegriffe hinausgeht, wo jeder Einzelne selber seine Last hat, seine selbständige Existenz erfolgreich durchzubringen und auch im Hinblick darauf, daß ich nun schon jahrelang aus meiner kaufmännischen Tätigkeit heraus und meine Kreditfähigkeit überhaupt ein für alle mal zer⸗ stört war, konnte Niemand leisten.— Deswegen wurde mein Antrag zurückgewiesen. Anfang Januar 97 schrieb ich heimlich einen Brief an den Kultusminister Dr. Bosse. Als nun Mitte März Antwort auf das Schreiben beim Direktor einlief und er mittags zur Visite kam, war er dunkelrot vor Zorn über die heimliche Briefbesoraung und ließ mich darauf nach Abteilung X abführen, woselbst ich drei Monate verbleiben mußte. Sein Zorn war mir ein großer Trost, denn daran merkte ich, daß mein Schreiben an die richtige Adresse gekommen war. Daß ich über kurz oder lang entlassen werden würde, daran zweifelte ich nicht mehr. Der Aufenthalt in X war aber unangenehmer als im Lazaret. Dort konnte ich mich tagsüber im Hofe arbeitend bewegen und Abends sogar die Anlagen bis 8 Uhr be⸗ nützen, was in Abteilung X wegfiel. 8 Monate lang, bis zum Tage meiner Verlegung nach Abteilung X, hatte ich Schüler unterrichtet. Gesunde Jungen besserer Familien aus dem Dorfe oder der Angestellten des Hospitals in Privatstunden. Anfangs 12 Schüler in 2 Abteilungen. Unterrichtsgegenstände waren: 1. alte Weltgeschichte(griechische und römische), sowie preußische Geschichte, 2. Geographie (Erdgestalt und Europa), 3. Zoologie. Später hatte ich nur eine Abteilung von 8 der besten größeren Schüler. Von den 12 wurden 2 konsirmiert, einer zog mit der Familie weg, einen anderen mußte ich wegen fortgesetzter Ungezogenheiten entlassen. Ich hielt wöchentlich 4 Stunden und die Schüler, besonders die älteren, machten gute Fortschritte.— Nach meiner Verlegung nach Abteilung X übernahm der Forstmeister diese Schüler. Endlich konnte ich wieder neue Hoffnung schöpfen, entlassen zu werden. Der Direktor wandte sich selbst an den Vormund, damit derselbe ein Unterkommen für mich suche. Dann sagte er mir, ich solle auch noch einmal zu diesem Zweck an dem Vormund schreiben. Dessen Antwort blieb lange aus, er empfahl mir, ich möge selbst in meiner Vaterstadt eine Familie zur häuslichen Unterkunft schriftlich zu suchen. Meine Bemühungen zogen sich noch⸗ mals 7 Wochen hin, es wollte niemand einen angeblich Geisteskranken aufnehmen. Da erbat sich ein Verwandter, mich aufzunehmen, und der Vormund hatte inzwischen eine Stelle in einer Fabrik ausfindig gemacht. Auf die Zu⸗ sagen meiner Verwandten und des Arbeitgebers hin sandte mich der Direktor nach offiziellem Ersuchen meiner Verwandten am 7. August 97 endlich nach Hause. Mit mir wurde zu gleicher Zeit noch ein anderer Pflegling, ein älterer Buchhalter und sehr anständiger Herr, welcher sich auch an den Kultusminister gewandt hatte, auf seinen Wunsch nach einer anderen Anstalt, zu weiteren Prüfung entlassen. Der Be⸗ treffende litt au Neurasthenie, was Professor Mende in Berlin festgestellt hatte und welcher ihm riet,/ Jahr Aufenthalt an der Nordsee zu nehmen. Seine Verwandten, welche in letzter Zeit seinen Lebensunterhalt gezahlt hatten, verweigerten ihm dazu die el, brachten ihn vielmehr in's Irrenhaus und bezahlten die höheren Kosten. Der Geh.⸗Rat T. erklärte, daß die Neurasthenie eine unheilbare Ein⸗ bildung sei! Einige Tage nach meiner Entlassung trat ich in die Fabrik ein, wo ich zuerst im Pack⸗ saal, dann im Bureau beschäftigt wurde. (Fortsetzung folgt). Humoristisches. Wahlkuriosa. Er kennt sich aus. Ein prächtiges Wahl⸗ kuriosum wird von einem Genossen aus Calbe mit⸗ geteilt. Dort kam ein polnischer Arbeiter vor das Wahllokal, in der einen Hand einen sozlaldemokratischen, in der anderen einen konservativen Stimmzettel. Er zeigte die beiden Zettel dem vor dem Lokal postierten Schutzmann und sagte ihn:„Welches ist guter Mann, welches ist schlechter Mann?“— Der Schutzmann deutete auf den konservativen Stimmzettel und erwiderte: „Das ist guter Maun.“—„Serr schön,“ sagte der Pole darauf,„steck' ich guter Mann in die Tasche und schlechter Mann in die Urne.“— Und er ging hin und wählte den Sozialdemokraten. *¹ „J wähl net!“ Kurz vor dem Wahltermin kam in einem schwäbischen Dorfe ein Reisender mit einem Bauer auf die Wahl zu sprechen. Auf die Frage. wer sein Kandidat sei, antwortete das Bäuerlein: „J wähl netl“ Darüber drückt der Reisende seine Verwunderung aus; indeß erfolgt auf seine Frage nach dem Grunde nur die Antwort:„J wähl net!“ In der sicheren Erwartung, vielleicht bei einem Glase Bier den Wahleifer des Bäuerleins etwa anzuspornen, lädt ihn der Reisende ins Wirtshaus ein, wo er ihm die Pflichten ein es jeden Staatsbürgers zu wählen, klar zu machen sucht. Das Bäuerlein trinkt ein Glas Bier nach dem andern, die Zeche ist bereits eine ganz namhafte und der Reisende agitiert immer noch erfolglos, denn das Bäuerlein antwortet stereotyp:„J wähl net!“ Endlich reißt dem Reisenden die Geduld; er springt auf, zahlt und will gehen, da ruft ihm das Bäuerlein nach: „Ha, i wähl net, weil i fünf Jahr Ehrverluscht ab * Ein Zentrumskandidat kam auch auf die Jesuiten zu sprechen und führte aus, daß man sie mit Unrecht als gefährliche und schlechte Menschen hinstelle. „Das sind ste nicht,“ rief er,„und wenn sie es auch wären— in Deutschland laufen so viele Lumpen herum, daß es auf tausend mehr nicht ankäme!“ Der Herr Kaplan, der neben dem Redner saß, soll arg er⸗ schrocken sein und ein merkwürdiges Gesicht gemacht haben.— Eine sonderbare Tischler⸗Rechnung. Ein Schrank, rechts zur Wäsche, links zum Aufhängen. 30.— Mk. Einen Fußtrit für die Frau Gemahlin. 1.50„ Einen Ofenaufsatz für den Herrn, der dürchgebrannt ae Eine Kaffeemühle für die Köchin, die ver⸗ dreht war„ Summa 34.— Mk, Anders gemeint. Mann:„Eine schlechte Eigenschaft hast Du, daß Du nämlich niemals meine Taschen untersuchst!“— Frau:„Und das nennst Du eine schlechte Eigenschaft?“— Mann:„Natürlich; sonst würdest Du finden, daß sie alle zerrissen sind!“ (Lust. Bl.) —— ZZ Geschichtskalender. 5. Juli. 1893: Maupassant, franz. Dichter f. 1804: George Sand,(Baronin v. Dudevant.) bedeutende franz. Schriftstellerin*. 6. 1898: Kolonialheld Wehlau vor dem Reichs⸗ gericht. 1535: Thomas Morus, engl. utopistischer Sozialist hingerichtet. 1373: Johann Huß geboren. 7. 1789: Anfang der franz. Revolution. 3. 1822: Shelly, engl. Freiheitsdichter, im Mittl. Meer ertrunken. 9. 1895: Entlassung des Redakteurs der„Kreuz⸗ zeitung“ Hammerstein. 10. 1900: Wilh. 2. Racherede in Kiel. 1849: Ende der badischen Revolution. 11. 1896: Geschichtsschreiber Curtius gestorben. 0 eee eee e ee l dee in hlt len die irte, din. trat act: ahl⸗ mit⸗ daß chen, ten ann, funn erle: der und hin min mit rage, lein: seint nach ider den taten achen dem und das et!“ auf, uscht 1 t meine t Du lich dle l) ar f. leude sech⸗ ficht ell. Mil. ereuß“ 1405 — Nr. 27. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. Wahlergebnis im Wahlkreise Gießen⸗Grünberg⸗Nidda⸗Gedern. Hauptwahl Stichwahl 0 Hauptwahl Stichwahl am 16. Juni 1903]am 25. Juni am 16.. Juni 190g3Jam 25. Juni Name des Ortes. 2 8 Name des Ortes 5 28 5 A 3 5 8 B S 3 e es„„ e Areis ban. 85 a. d. Lda. 0 24 1 97 41 193 Albach äßzn,,f,ů q 20% 14 213 Allen darf f. b. Lahn eee% 2 4 Allendorf a. d. Lumda J 2„ 108 Allertshausen 12 16— 17 21 Watzenborn mit Sternberg— 201 3⁰ 223 76 Alten⸗Buseck nes 2 e 20% S een bain E e Annerod i 11 40 22 eiter hain 1 e i' 7 Wieseck 8 6 5 7 2 365 69 34 434 94 Bellersheim 14 S 7 8— Beltershain eee Kreis 1 Bersrod mit Winnerod e 18 45 Atzenhain 5 5 5 4 g 8 15 I Bettenhausen 5 1 134 460 10 61] Bernsfeld. 4 28 Beuern 30 45 40% 57 910 Ermenrod e Birklar 2 3 41 37 443 Flensungen 2 2 8 6 30 Durkhardsfelden 350 10 2% 8 810 Ilsderf V Climbach. 5 0 e 7 2] Lehnheim. ii Daubringen mit Heibertshausen 0 86 41 24 81] 524 Merlau mit Kirschgarten ie Dorf⸗Güll e Ä—. 11 80 Nieder-Ohmen„51 85 27 68 145 Eberstadt mit flensburg 0 4 3 73] 14 40] Ober-Ohmen EVT Ettingshausen 23 9 63] 58 25 Ruppertenrod 2 Garbenteich e Wettsaasen 5 5 5 18 2 17 17 12 Geilshausen 5 18 130 34 3 Zeilbach 3 0 1 n Hen 1195 Schifenberg 0 12 2239 149 1772 7 Kreis Sehotten. Großen Buse ö 1 98 128 158 Cichelsdorf„ eh 9 14 0 80 Großen. Anden ee“!).. Grünber d JJVVVVVVVVVVV VN Aeiingen 48149 32 59 65] Groß⸗(ichen ie e 88 9 0 ö Klein-Eichen 40 1 E 17 2 19 Harbach 16 45 15] 29% 82 Mittel⸗S 7 Hattenrod 11 6 28 20 20 Mittel⸗Seemen g 13 7, Hausen 7 5 61 14 62 30 Nieder-Seemen 9 1 6 21 1 28 Heuchelheim e ee ee e per ene„ Hol 1 511 3 95 6 200 Ober⸗Seemen 8 38 28 7 s 9 95. 130 Sber⸗Schmitten. Inheiden i 62 5 57 5 Steinberg 30 55 2 8 N fel 2 5 32 4 5 Unter⸗ lend 5— 6 47 2 ee 25/ I 81 5 Volkardshain. 4 34— 32 Klein⸗Linden 9 67 38] 105 132 Langd JJV Kreis Vid ingen Langgöns 67 46 142] 82 141 Bellmuth 1„5 Ii 8 Langsdorf. 39 43 78] 49% 74 Bergheim 20 2 30 24 24 Lauter 5 18 3 46 28 442 Berstadt 5„ Leihgestern 135 30 80 161] 995 Bingenheim 5 8 l 111 98 381 Lich mit Hof Albach, Celnßausen und d Mühssachsen 135 93, 40] 196 247 Bisses mit Berstädter Markwald 2 5 775 12 Lin denstruth 22 7% 22 44 Bleichenbach ehe Lollar— 166 79 44] 1700 1411 Blofeld mit Reichelsheimer Ant. an Bingenheimer Mark 14 4 24 19 26 Londorf 25 65 5] 58 87 Bobenhausen. 5 JV Lumda 22 3 234 160 Bors sdorf mit Harbwald 8 5 19 23 Mainzlar 5 23 15 550 24 60] Dauernheim mit Dauernheimer Hof und Schleife 17 e Münster 1 4 47 14 33] Echzell mit ee Markwald 5 0 15 360 150 55 140 Muschenheim mit Hof⸗ Güll 8 55 87 14 88 Eckartsborn 1 5„ 9 8 20 24 20 Nieder-Bessingen 11 12 27 20] 36 Effolderbach 5 i 2 0 Nonnenroth 8 38 6 15 58 Fauerbach 5 8 8 775 Obbornhofen„„ Geiß⸗Nidda., ß 78 Ober⸗-Bessingen. 0 1 60 45 2 54] Gelnhaar(Isenb. u. Doman.) 5 66 28— 7 40 Ober⸗Hörgern 90— 80 Gettenau 1 8 a R 4 48 F en mit Arpenborn 9 22 10/14 34 Heuchelheim 5 1 2 45 16348 Oppenrod. 8 0 90 7 10 360 Hirzenhain. g 31 34 44 31 56 Queckborn. 1 260 34 44 45 509 Kohden 1 12 30 13 16 58 Rabertshausen mit Rüngelkhausen 5 13 916 Leidhecken 5 88 4 8 2834 Reinhardshain l„ 13. Ss Lißberg 23 10 1 30 80 Reiskirchen 7 55 5 80] 73 Michelnau 7 Rodheim mit af Gruß ö 1 e 5 Nidda 57 171 34 73 324 Rödgen 61 20 200 74 48] Ober⸗ Widdersheim 20 8 45 24 50 Röthges 8— 4 1 35 17 26 Ortenberg. 1 e 62 14] 7% 113 Rüddingshausen— 52 15 21] 460 63 Ranstadt 80 33 2 8 28 Ruttershausen mit Kirchberg 8 20 14 24 32 31] Schwickartshausen i 0 6 6 24 144 22 Saasen mit Bollnbach, Veitsberg mit Wirrberg a 6 22 51 Selters mit Conradsdorf. 2 Stangenrod 5 1 2 44 18 10J Unter-Schmitten— 18 8 37 280 46 Staufenberg mit Friebelhausen 1 57 10 109] 66 44 Unter⸗Widdersheim mit Grund⸗ Schwalheim 5— 1 45 53 Steinbach 5 45 25, 46% 62 110 Usenborn e Steinheim 50 1 62 20 31 Wallernhausen VET Stockhausen 5 20 3 5 20] Wippenbach— 3 11 14 0 Trais⸗Horloff 20 1 Summa 25 5555 L70001 Man versäume nicht die günstige ee welche sich in meinem 3 Ausverkauf bietet, wahrzunehmen. Harktstrasse 17 nnn parterre, 1., 2. und 3. Etage. 1. 75 7 i.* 5 5 7 7 Fal 1* K 5 N 0 e Ein großer Teil verschiedener Waren aus sämtlichen Abteilungen ist im Preise ganz bedeutend herabgesetzt, Artikel, welche teils längere Zeit liegen, teils unsauber geworden sind, werden mit 50—75 Prozent unter Einkaufspreis verkauft. Jacob Heilbronner un (früher J. Cobn& C0.) W 7* 3 tstrasse 17 parterre, 1., 2. und 3. Etage. Zecite 8. Mitteldeuische Sonutags⸗Zeitung. 4 a Sozialdemokrat. Wahlverein des Wahlkreises Giessen-Grünberg. 5 5 F. Sommiag, den 3. Juli in Trohe: 7 8 E 0 S S 5 G N CLI » eee Großes Areisfe 1 17 3 5 verbunden mit Sti tunνς- Fest des Wallvereins Trohe und Fahmenteihe des 25 5 2 f N 5 Arbeiter-Gesangvereins. ö 8 68 465 1 8 Um halb 1 Uhr Empfang der auswärtigen Vereine. Um halb 2 Uhr Aufstellung des Festzuges. 2 2 2 92 Um halb 3 Uhr Lebergabe der Fahne. S m 8 N 10 2 8 1 5 7=*. 1 2 5 Festrede. Herr Stadtverordneter Eduard Krumm⸗Gießen[2 8 1 1 7 Konzert, Gesang, Kinderspiele, Tan. 28 — 8 Für beste Speisen und Getränke ist gesorgt. Eintritt 20 Pfg. à Person. 8 8 25 a 110— 2 Die Genossen allerorts ladet zu zahlreicher Beteiligung ein 8 70 1— 8 2— 5 Das Fest-Komitee. 1 5 1 e e Konsumverein Giessen u. Umgegend. 5 1 9 Millionen aum nächten N Casseler Schirmfabrik) Ci 0 Sonnt den 5 Juli Th. Budde& C0 Kuren ö onn ag,* 4 8 5 sabelhaft billig zu verkaufen. 5 Giessen, Seltersweg 9, i ö bleiben unsere Verkaufsräume, Bahnhofstraße 31 2.. mgnohe am Kreuzplatz. 185 St. 5 Pf.⸗Cigarren nur M. 2,95 f g geschlossen. ers- G. L., Neustadt 11. 100%% 1 1 Mitglieder werden ersucht, ihren Bedarf vorher zn Teseles, Bnttermartt 14. en 0 Sue e 5 5 D Vorst · N 7 0 5 15 ersand gegen Nachnahme. 1 Michael 9 e 19 9 Niewisch. Beste Be zugsquelle für Für a 1 8 aus⸗ 14 SCHIRME Perndt& do. Rare ee papiet-BPandlung M SLT 2 8 8 Solide Ware! — Schirme werden repariert und neu bezogen. 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