D ee e Nr. 14. Gießen, den 5 April 1903. 10. uhr i Redaktion: 2 Webattionsschlug: Kirchenplatz 11. Schloßgasse. Mitteld eutsche Vonnerstag Nachmittag 4 Uhr 2 4 tag ⸗3 b itun Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) Bestellungen Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Juserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die ögespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33½%% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bei mindesten s Dienstag, den 16. Juni finden nach einer nunmehr bekanntgegebenen amtlichen Verordnung die Reichstagswahlen statt. Monatelang wurden über den Wahl⸗ termin die widersprechendsten Nachrichten ver⸗ breitet. Noch am Samstag und Sonntag konnte der„Vorwärts“, gestützt auf Mitteilungen aus bester Quelle, den 17. Mai als Wahltag angeben. Tatsächlich war auch dieser Termin von der Regierung ins Auge gefaßt, an die Behörden war bereits die Anweisung ergangen, bei Aufstellung der Wählerlisten diefes Datum zu Grunde zu legen. Man plante eine Ueber⸗ rumpelung der Wähler, wollte vielleicht dadurch die Situation für die Sozialdemokratie und die opposttionellen Parteien ungünstiger gestalten. Uns wäre aber wahrlich der 17. Mat auch recht gewesen! Erst als der„Vorwärts“ diesen Tag als den in Aussicht genommenen veröffent- lichen konnte, wurde Gegenordre gegeben. Parteigenossen! Der Wahltag steht nun fest. Jeder von uns hat die heilige Pflicht, soviel in seinen Kräften steht dafür zu sorgen, daß die Wahlschlacht für uns stegreich ende! Es handelt sich um schwerwiegende Entschei⸗ dungen. Wir haben schon oft an dieser Stelle darauf hingewiesen. Dem deutschen Volke droht Lebens mittelwucher, Heeresvermeh⸗ rung, Flotten vermehrung, Millionen⸗ ausgaben für Koloniesport und abermalige Erhöhung der indirekten, die Armen am stärksten belastenden Steuern! Darum vorwärts! Gegen Ausbeutung und Unterdrückung, für Freiheit und Wohl⸗ ergehen des Volkes! Hoch die Sozialdemokratie! Der„Zukunftsstaat.“ Zu wie vielen Dingen muß er doch nützen, der„sozialistische Zukunftsstaat“! Gilt es, dem Spießer von Neuem ein Gruseln von der „Umsturzpartei“ über den Leib 1 jagen, dann wird ihm regelmäßig der„Zukunftsstaat“ an die Wand gemalt und alle seine„Schrecken“ werden geschildert, vom konfiszirten Kapitälchen der Sparagnes bis zum tragischen Tod der unglückseligen Strampelannie, von der Zucht⸗ hausnummer des Staatsbürgers bis zum stiefelwichsenden Universitätsprofessor. Gilt es dagegen, die Sozialdemokraten mit„geistigen Waffen“ zu überwinden, so muß wiederum der Zukunftsstaat herhalten, aber in anderer Beleuchtung. Nun ist er nicht mehr ein Schreckbild, sondern ganz einfach ein Unsinn, eine Unmöglichkeit, das Hirngespinnst wahn⸗ sinniger Fanatiker. Und da wird dann— immer nach der gleichen Methode, doch wechselnd in den einzelnen Argumenten— haarklein nach⸗ gewiesen, daß durch diejenigen Sozialisten, die vom Soztalismus und von der Welt wirklich etwas wüßten, haarklein das Absurde des Zu⸗ kunftsstaatsgedankes dargelegt worden sei, so daß sich die besten Köpfe der Partei längst von dieser Thorheit ab⸗ und praktischer Arbeit im Rahmen der bestehenden Gesellschaftsordnung zugewendet hätten. Nun ist es interessant, einmal zu konstatiren, daß sich die Bourgeois im Herzen doch nicht so ganz sicher vor dem Kommen des Zukunfts⸗ staats fühlen, und daß ste durch die„Beweise“ der besten Köpfe, der Praktiker, der nüchternen Forscher und wie sie sonst noch schmeichelnd jene Sozialisten nennen, die ihnen Wasser auf ihre Mühlen liefern, keineswegs ganz beruhigt sind. Ein Beispiel, wie durch Beobachten und Nachdenken gelegentlich auch eine kapitalistische Seele in zukunftsstaatliche Ketzerei verfallen kann, hat in diesen Tagen unvorsichtig genug die„Kölnische Volks⸗Ztg.“ geliefert, die— man staune!— das Hineinwachsen in den soztaldemokratischen Zukunftsstaat zugesteht, zwar nur bedingt, aber doch deutlich. „Mehr Freiheit!“ überschreibt sie einen Artikel, in dem es wörtlich heißt: „Wir entwickeln uns, wenigstens in der Großstadt, mit unheimlicher Geschwindigkeit in der Richtung, wo der sozialdemokratische Zukunftsstaat liegt, der aus der Welt, wie man oft gesagt hat, ein großes Zuchthaus machen würde. Dabei kann die Freiheit natürlich nicht gedeihen, und von Jahr zu Jahr nimmt auch die Un⸗ freiheit zu, die moderne Form der Leibeigenschaft. Der Leser gestattet mir wohl, an eine Jugenderinnerung anzuknüpfen. In meinem Heimatstädtchen lebten nur sehr wenige Beamte, in der Hauptsache der Amtsrichter, der Amtmann und der Amtsrentmeister, die aber alle drei so gut wie souverän dastanden. Die übrigen Bürger, meist Kaufleute und Handwerksweister, waren sämtlich vollständig unabhängig, besonders habe ich keinen verheirateten Mann gekannt, der im Dienste eines anderen stand. Wenn ich nun hier in Berlin den Kreis meiner Umgebung und weiteren Bekanntschaft überschaue, so finde ich nach einer oberflächlichen Abschätzung, daß von den Männern über 25 Jahre nur 5 Prozent völlig unabhängig dastehen! Die übrigen 95 Prozent sind im Staatsdienst(Zivil und Militär), oder im Privat⸗ dienst. Ist das nicht bedenklich, zeugt es nicht von einer starken Veränderung unserer sozialen Zustände?“ Ohne Weiteres lassen sich die Verhältnis⸗ zahlen, die der Artikelschreiber angiebt, natür⸗ lich nicht e Aber das Gesamt⸗ bild, das er giebt, ist richtig. Qb es nun 95 oder 90 oder nur 85 Prozent der erwachsenen Männer der Großstadt sind, die im Staats⸗ und Privatdienst stehen, ist für die Frage selbst von untergeordneter Bedeutung. Sicher ist, daß die Entwicklung in der Richtung geht,„wo der sozialdemokratische Zukunftsstaat liegt“, wie die„Kölner Volks⸗Ztg.“ sich ausdrückt, die das Bourgeoisgewissen dadurch salvirt, daß sie so nebenbei das„große Zuchthaus“ düster vor dem Auge auftauchen läßt. Staatsdienst und Privatdienst nehmen also die große Mehrzahl der erwachsenen Männer in Anspruch. Beamte, Offiziere usw. stehen im Staatsdienst; im Privatdienst stehen die Angestellten und Arbeiter der industriellen und Verkehrsunternehmungen. Diesem ungeheuren Heer gegenüber kommt— immer in der Groß⸗ stadt, um bei dem Beispiel zu bleiben— das kleine Häuflein der unabhängigen Männer wenig in Betracht, so daß über das Wesen der Unabhängigkeit, worüber sich mancherlei sagen läßt, zuächst keine Erörterung nötig ist. Wir haben es zunächst mit den Abhängigen zu tun, deren Anwachsen ja in den Zukunfts⸗ 11 in das„große Zuchthaus“ hinüberleiten oll. f Ob diese Leute nun wirklich so arge Scheu vor dem„großen Zuchthaus“ haben? Der Beamte, an dem eine Heirat aus Neigung mit der Eutlassung geahndet wird, sollte der sich vor dem Zwang des Zukunftsstaates fürchten? Oder sollte im Zukunftsstaate jener Staatsan⸗ gestellte über die verlorene Freiheit sich grämen, der im Gegenwartsstaat abgesetzt worden, weil er eine seinen Vorgesetzten nichtangenehme Zeitung hielt? Sollten alle die Beamten, die den Druck des Kastengeistes täglich empfinden, die von einem Tag auf den anderen durch ein unbesonnenes Wort Opfer der Gesinnungs⸗ schnüffelei werden können, vor dem Zukunfts⸗ staat zittern? Könnte ihnen, wenn das Schlimmste, was vom„großen Zuchthaus“ prophezeit wird, wahr würde, wohl ein härteres Joch auferlegt werden, als sie jetzt tragen müssen? Nun aber erst die im Privatdienst stehenden Personen. Von den Arbeitern und den ihnen zunächst folgenden Schichten sehen wir ab; unseren Lesern braucht nicht erst gesagt zu werden, was der Gegenwartsstaat ihnen bietet und was er ihnen versagt. Wir wollen nur auf die„besseren“ Privatbeamten in gewerblichen und sonstigen Unternehmungen hinweisen, von denen der zitirte Artikel des Zeutrumsblattes eingesteht: „Im Staats⸗ und Kommunaldienst ist es ja noch eher erträglich als im Privatdienst, wo meist kurze Kündigungsfristen bestehen und es eine alltägliche Er⸗ scheinung ist, daß ein bejahrter Familienvater aus irgend einem Grunde, oft nur wegen einer Meinungsverschieden⸗ heit, auf die Straße gesetzt wird. Di Leute, welche so stehen, sind schließlich auch Leibeigene, Leibeigene in der modernisierten Form des 20. Jahr⸗ hunderts.“ Ganz richtig! Diesen Leibeigenen kann der Zukunftsstaat kein Grauen einflößen, denn —„schlimmer kann es nicht mehr werden“, dürften auch die Skeptiker unter ihnen sagen. Weiter heißt es: „Haben die Sozialdemokraten so Unrecht, wenn sie Angesichts derartiger Zustände sagen:„Wir wachsen von selbst in den sozialdemokratischen Zukunftsstaat hin⸗ ein!?“ Es fehlt nur noch, daß auch in der Lan d— wirtschaft das System des Großbetriebes immer mehr zur Geltung kommt. Wenn der Kleinbauer all⸗ mählich verschwindet und sich nur noch Großgrundbesitzer und Landarbeiter gegenüberstehen, dann wird die Frucht für die Sozialdemokratie reif sein. B bel hat schon vor Jahren bemerkt, einige Hundert Großkapitalisten ließen sich leichter expropriiren als Zehntausende.. Wird es noch möglich sein, den Konsequenzen der rapiden Entwicklung des Großbetriebes zu entgehen?“ Mit dieser bangen Frage schließt der Artikel, der mit der etwas unklaren Forderung von „mehr Freiheit“ begonnen hat. Wie die be⸗ gehrte persönliche Freiheit unter dem Regime des Kapitalismus zu erreichen wäre, wie sie mit ihm zu vereinbaren wäre, da doch das eigentliche Wesen des Kapitalismus grade darin besteht, daß dem Vorteil der einen Persou andere Personen dienstbar gemacht werden, darüber fehlt jede Andeutung. Sie muß ja auch fehlen! Wenn von dem Bourgeoisschriftsteller der „sozialdemokratische Zukunftsstaat“ gemalt wird, so wird die persönliche Unfreiheit des Indivi— duums als der Schrecken aller Schrecken dar⸗ gestellt. Keine Berufswahl mehr; Du wirst von einer unsichtbaren Zentralbehörde zu einer Arbeit kommandirt, für die Du keine Neigung hast. Keine Möglichkeit, der Tyrannei zu ent⸗ gehen, denn nur ein Arbeitgeber ist vorhanden, und Du kannst nicht wählen, wem Du Deine Dienste leisten willst. Keine Aussicht, Selbst⸗ — — —— . 5— .... 5 e N Mtiteldentsche Sonntags⸗Zeitune. Nr. 14. In der gleichen Sttzung wurden alle Aus gaben für Kultuszwecke, die nicht gesetzlich vorge⸗ ben sind, gestrichen. Die Pfaffen sind lich darüber außer Rand und Band geraten. bürgerlichen Demokraten gegen diesen stimmten, ist für ste bezeichnend, noch er aber ist die Tatsache, daß der ter und die demokratische Minderheit 8 Budget stimmte! en beiden Gruppen bei den Zoll⸗ aufgeführten Scheingefechte haben täuschen lassen. Vom Tischtuch⸗Zerschneiden. bnis Krupp's forderte der bekannten Rede auf dem e die Arbeiter auf, das Tisch⸗ d der Sozialdemokratie zu war nun in Ess Bei der vorigen n der christlichen en oder zu bewahren; Du ständigkeit zu erring f 2 Rädchen in dem großen bist ein willenloses und nun stützen wir uns auf die t kapitalistischen Organs 17 Autorität des gu kapitalistischen die der Zukunfts chrecken bestehe wie es sagt, 95 P Für diese 95 P liche Freiher die mit einem W Nach dem Begrä Kaiser in sei Essener Bahnhof tuch zwischen sich un Am Samsta begerichtswah Wahl stegten die Kandidate staat bringen soll, u schon jetzt für, t der Großstädter. t besteht keine persön⸗ abhängig von V ort, mit einem Feder⸗ Majestätsb eleidigender Krieger⸗ vereiuler. Am Mitwoch voriger Woche hatte sich der Maul aus Pfungstadt wegen leidigung vor der Darm⸗ n 1600 Stimmen, Kandidaten des Gewerkschafts⸗ Und diesmal? Die Kandidaten 3— also die vielan⸗ kraten siegten mit Gewerkschaften mit 2600 gege welche auf die kartells fielen. des Gewerkschaftskartell riffenen Soziald stenz vernichten können, Hungertodes Freie Berufswahl? wenn man nur nicht Unterkommens rechnen strich ihre Exi durch Androhung des Willen gefügig machen. Wäre eine schöne Sa mit der Möglichkeit des Schuhmacher Majestätsbe städter Straf kammer zu verantworten. Jahre Mitglied des Militär⸗ d ein„guter“ Bürger ist, hatte vor und nach 5 1 eines Kameraden m hrend die Christlichen nur Der schöne Sieg, zu dem d die bekannten Kaiserreden 71 Stimmen, wä 5257 aufbrachten. die Kruppaffäre un zu wechseln— o ja, r es riskiren will, durch einen Uriasbrief Den Ausbeuter das steht Jedem frei, auf die Gefahr hin, ausch tat er eine respekt⸗ rung über den Kaiser, die der denunziert wurde. Das Urteil eitrugen, hat gezeigt, Krupp'schen Arbeiter ischtuchzerschneiden wissen sicherlich auch ihr Teil b daß die Mehrzahl auch nichts vom T matt gesetzt zu werden. Ja, den„Schrecken kann Jeder genau studiren; Gendarmerie des Zukunftsstaates“ lautete unter Zu er braucht nur billigung mildernder Umstände auf 2 Monate Gefängnis.— Das ist aller⸗ dings ein höchst bedenklicher Fall. Wenn das Mitglied einer Organisation, deren ausschließ⸗ liche Aufgabe es ist, königstreue, hurraschreiende Staatsstützen heranzuziehen, ein so„vaterlands⸗ bedeutung für die Reichs⸗ der Gewerbegerichtswahl in d. Ruhr stegten die Vertreter 1139 Stimmen. soweit sie zu den will. Eine gute Vor t gehören, Lage ius Auge Was der kapitalistische Schr kunftsstaat andichtet, wartsstaates. seine und seiner Mit bewußten 9 Witten a. Attribut des Gegen unserer Gewerkschaften mit loses“ Verhalten zeigt, wirft das ein eigentüm⸗ f die ihm zuteil gewordene„Er⸗ Dort hatten lischen und katho⸗ lischen Arbeite schen Gewerkschaft sich die evange rvereine mit den Hirsch en verbunden, um die freien t genießen jetzt die soge⸗ für fünfundneunzig ein dahin— so bezeugt Noch fünf Prozen Unabhängigkeit; Prozent ist auch ihr S liches Licht au Bestrafte muß aber auch einen 3 hübschen Begriff von der„Kameradschaft“ seiner Mitkrieger bekommen, welche die unbedachte, in der Trunkenheit ausgesprochene Aeußerung so⸗ fort der Behörde denunzierten! Dreschgräfliches. Dieser Tage hat Graf Pückler in Berlin leine seiner berühmten Reden ge⸗ 8 dem Felde zu schlagen. Gewerkschaften au r nicht, sie blieben mit Has gelang ihnen abe 1038 Stimmen in der Min Erinnerung an den Hunnenzug. mußte ein Redakteur des sse Schröder auf ngnis beziehen, 1902 zudiktiert wurde, So sei es in den Groß⸗ Entwickelung auf dem ise vor sich, dann werde taldemokratie reif. Die Frucht wird Tag der Ernte wird kommen, das klerikale Blatt. Lande in ähnlicher We die Frucht für die Soz reif und der früher als ihr Vorige Woche „Vorwärts“, Geno Monate das Gefä Strafe ihm im („Armer Teufel“.) wieder einma ber merkwürdigerweise weniger den, als vielmehr auf seine eigenen arteigenossen„gedroschen“. Namentlich auf jebermann v. Sonnenberg hatte er es abge⸗ den Leuten von der„Staatsbürger⸗ zeitung“ gesagt hatte, es sei Unrecht, den offenbar im Kopfe nicht richtigen Grgfen zum Zwecke des Geldmachens enaein Schaustück in Versammlungen herumzuschleppen und so zum Kinderspott zu machen. Dagegen wehrte sich der Ueberschrift auf die Ju neben anderen ähnlichen Doku⸗ ief eines Chinakriegers veröff worden war, daß ener Chinesen die stochen worden enbernehmung war ß tatsächlie) 22„Boxer“ ochen worden trotz einer ihnen cher zu teil gewordenen „Die milde Kriegsführung menten den Br licht hatte, in dem erzählt von einem Transport gefang Zahl unterwegs er Durch Zeug festgestellt wor während ihres waren, und zwar, durch einen Dolmets Die Wabhlbewegung. n den„Ordnungs“parteien ige Abg. Frese Kreis.) aufgestellt worden. er durchaus nicht sicher, sere Genossen begründete 3, der früher schon einmal wieder zu gewinnen. lag 1898 mit ca. 20 000 00, die Frese auf sich In Bremen ist vo wiederum der bisher als Kandidat Wiederwahl ist ab vielmehr haben un Aussicht, diesen Krei in unserem Besitz Unsere Partei unter Transports erst der Dreschgraf. anstalt, er sei im Er gehöre nicht in die Heil⸗ Gegenteil ein hervorragender Dann erzählte er die Sanatorium⸗ Er hatte nämlich den durchaus ver⸗ nünftigen Gedanken gehabt, sich in eine Heil⸗ anstalt zu begeben. Dabei hatte er scheußliches Pech. Der Chefarzt dieser Anstalt war nämlich ein Jude(Dr. Mendelsohn) und außerdem waren noch zwei andere jüdische Aerzte dort tätig. In der Presse wunderte man sich, daß Pückler sich in die Behandlung jüdischer Aerzte Liebermann fand das merkwürdig ckel's Blatte war zu lesen:„In in der auch nur ein(geschweige Stimmen gegen 220 Unsererseits unser alter Genosse Schmahlfeld⸗ B * den Fluchtversuch u entwischen versucht hatten. machten Mitteilungen ent⸗ Der Gerichtshof teren Beweisantrag ß er die in dem 8 wahr unter⸗ Verurteilung! Warnung, bei Todesstrafe je zu vermeiden, z Die in dem Brief ge sprachen also den Tats lehnte denn auch einen wei mit der Motivierung ab, da Briefe behaupteten Tatsachen al Und trotzdem erfolgte eine sierung dieser Kriegsfü verdiente durch vier M hudet zu werden! r Hunnenbriefe. Schmidt vom Vorwärts remerhafen. mann, der Führer der National⸗ d Mithelfer der Brotwucherer beim findet sich auf Wahlkreis, liberalen un Durchdrücken des Zolltarifs, be der Suche nach einem„stcheren denn aus seinem jetzigen Wahlkreis J der Nationalsozialen Ssichtlich wegen seiner rage hinaus⸗ Mandat für Die Charakteri einer„milden Gefängnis gea das letzte Opfer de Kollegen John und begab, auch und in Bö eine Anstalt, denn drei) jü er mit Hilfe wird man ihn vorau schmählichen Haltung in der Zollf Jetzt wird er das Schröder ist discher Arzt tätig ist, gehört ein Mann, der öffentlich vor jeder Berührung mit Juden— sie sei denn handgreiflich— inein.“— Entrüstet über diesen Vorwurf antwortete Pückler in der erwähnten der andere steben Die Genossen werden re anrechnen können, zu d Menschlichkeit ein⸗ als ein Teil der deutschen hmen— vorausgesetzt, daß Karlsruhe anne offentlich bleibt Karlsruhe er es bekommt! aber der Sozialdemokratie. Politische Nundschau. haben bereits Monate abgebrummt. es sich stets zur Eh ei er Zeit für Ku getreten zu sein, der eine sechs, warnt, nicht h Versammlung: „Ich habe den Juden nicht gesehen, und er ist in großem Bogen um mich herumgegangen, das war auch sehr gut für denn wenn er mir zu nahe gekommen wäre, hätte es etwas gegeben, daß das ganze Sanatorium gezittert hätte.“— Nun Die Angriffe Liebermanns entspringen der sogenannte gebildete chen Kriegführung das allgemeine Verrohung mals verlangten Blätter für Kolonial⸗Kriege und terte sogar ernst⸗ ei, Gefangene Nation— und gerade Teil— jener barbaris Wort redete und eine einzureißen drohte. Da Verbrecher-Armeen ein Pastor Naumann erör haft die Frage, ob es erlaubt s Gießen, den 2. April. Lichtscheue Partei. Die ko nservative Partei hielt vergangene Woche in Berlin ihren„Parteitag“ ab. Aber offenbar nur seinem Neide über die größere Popularität Pücklers. Möglich ist auch, daß viebermann, dessen Name schon auf jüdische Abkunft hinweist, von den Juden bestochen und auf den tapfern Grafen gehetzt wurde! man hatte fürsorglich die Oeffentlichkeit ogar der Presse war der Die reaktionäre Ge lle Ursache haben, ihre Verhand⸗ zu halten; die Wähler sollten für Sorge tragen, daß die Oeffentlichkeit verschwindet! ber den Parteitag in den der Bequemlichkeit halber einfach zu massa⸗ ausgeschlossen, 9 0 5 Zutritt vers 90 N krieren, um die Bewachungs⸗Mann wird auch a lungen geheim aber im Juni da ganze Partei aus der Beseitigung ungerechter Steuern. Der Gemeinderat von Mülhausen i. wo unsere Genossen in der Mehrheit „Schwere Niederlage der Sozial; demokratie“. Aus Kopenhagen, wo vor wenig Tagen ein sozialdemokratischer Bürgermeister gewählt wurde, wissen die gegnerischen Blätter eine den sozialdemokratischen Antrag 8 Oktrois für Fleisch und Stimmen der Demokraten Ausfall beträgt zirka konservativen Organen berichtet wurde, ist er⸗ wähneuswert, daß hier das volle Einv der Konservativen mit dem Bunde der Land⸗ fiziell zum Ausdruck kam. An ernstliche auf Aufhebung de Zucker gegen die schwere Niederlage der Sozialdemokratie bei den Gemeindewahlen zu berichten und begleiten natürlich die Nachricht mit bedeutendem Jubel⸗ geschrei, in das sich auch Herr Hirschel in seinem 200 000 Mark, zu dessen u den direkten Staats f 56 Prozent erhöht werden müßten. Deckung die Steuer⸗ wischen dieser Parte und den steuern von 28 haben wohl überhaupt Wenige chtiger wird sich durch die Differenzen z Ueberzöllnern geglaubt, kein Einst Prozent au ä 7ĩÜ m * S Y er 1 H fl. k⸗ r ell lt⸗ er eil de . , — —— 2 eee e f . Nr. 14. Mitteldentsche Sountags⸗Heitung. Seite 3. Offenbacher Arizonakiker verpflichtet fühlt ein⸗ zustimmen. Wir verdenken ihm nicht, wenn er eine so seltene Gelegenheit nicht unbenützt vorüber gehen läßt. Sehen wir uns aber die „Niederlage“ etwas genauer an! Tatsache ist, daß unsere iste bei der Kopenhagener Gemeinde⸗ wahl unterlag. Aber von einer sozialisti⸗ schen Liste ist eigentlich gar nicht zu reden, auf der Liste standen 5 Liberale und nur z wei Sozialdemokraten. Infolge riesiger Agitation auf der gegnerischen Seite war die Wahl- beteiligung eine sehr starke und die Gegner siegten mit 16 500 Stimmen. Trotzdem waren die Stimmen für die demokratische Liste gegen die vorige Wahl um 1300 gestiegen, unsere Genossen können also die Niederlage sehr wohl ertragen. Im e fällt diese Wahl nicht weiter ins Gewicht; die demokratische Mehrheit ist dadurch nicht erschüttert, die Stadtverordneten⸗Versammlung Kopenhagens besteht jetzt aus: 19 Sozialdemokraten, 14 Liberalen und 8 Antisozialisten. Die Antisozialisten haben bei dieser Wahl eine außerodentliche Agitation entfaltet und damit bereits vor einem halben Jahr begonnen. Das Gruseligmachen vor dem Sozialismus, wozu selbstverständlich die Wahl des sozial⸗ demokratischen Bürgermeisters einen neuen Anlaß bot, spielte hierbei die. Am Tage vor der Wahl hatten sie acht Arbeits⸗ lose gemietet, die in den Straßen mit einem großen Plakat herumgehen mußten mit der Aufschrift: Jeder, der verhindern will, daß Kopenhagen eine sozialistische Kommune wird, tritt an und stimmt für die Liste der Anttisozialen. Tretet an und stimmt!“ Die Wahlbeteiligung war außergewöhnlich stark, etwa 70 pt. Der Umstand, daß in den letzten Jahren der Sieg der demokratischen Liste so sehr leicht wurde— sie siegte im vorigen Jahre mit 13 100 gegen 6991— wird viel dazu beigetragen haben, daß mancher unserer Wähler glaubte, es käme auch diesmal nicht auf seine Stimme an. Bei der nächsten Wahl werden unsere Ge⸗ e unbedeutende Scharte wieder aus⸗ wetzen! Bei den Gemeindewahlen in Stockholm Mang es unseren Genossen nicht, weitere andate zu erobern, doch haben bei sehr leb⸗ hafter Wahlbeteiligung die sozialdemokratischen Stimmen bedeutend zugenommen. Auch Schwe⸗ den wird bei dem allgemeinen Vormarsch des Sozialismus nicht zurückbleiben. Internationale Solidarität bekunden in schöner Weise unsere belgischen Parteigenossen. Die Föderation der Brüsseler Sozialdemokratie beschloß nämlich, ein Fest zu veranstalten, dessen Extrag der deutschen Sozialdemokratie als Beitrag zu den Reichs- tagswahlkosten überwiesen werden soll. Bravo! Zur Dreyfusaffaire. Unser französischer Genosse Jaures wandte sich neulich in einem in der„Petite Republique“, dem Pariser Parteiorgan, erschienenen Artikel gegen die Zweideutigkeit Ribots, der sich in der Kammer mit seiner Erklärung gegen die Wieder⸗ aufnahme der Dreyfusaffaire an der Spitze der nationalistischen Partei gestellt habe, obwohl er selbst von der Unschuld des Dreyfus von Anfang überzeugt gewesen sei. Jaures bezeichnet es als Heuchelei, daß Ribot sich gegen das Hineintragen der Politik in die Dreyfus⸗ affaire erklärt und sagt:„Für uns ist die Dreyfusaffaire keine zufällige und oberflächliche Episode. Sie ist mit dem ganzen politischen und sozialen Leben unserer Zeit verbunden. Wir haben keine Furcht vor ihr und gehen ihr nicht aus dem Wege. Wir ergreifen im Gegenteil gern jede Gelegenheit, ein wenig Wahrheit unter den voreingenommenen Geistern zu verbreiten. Wir haben gewiß keine fieber⸗ hafte Ungeduld, die Debatte über die Affaire zu eröffnen und beglückwünschen uns, daß die Kammer mit Ausdauer die 117 der Kongre⸗ gationen hat lösen können. 3 würde uns jedoch außerordentlich erscheinen, wenn die republikanische Mehrheit sich bedenken sollte, durch eine neue Reviston, auf die fortwährenden Provokationen und Beleidigungen des Gegners zu antworten. Unsere Feinde fordern uns her— aus. Aber die Republikaner wären zu naiv, sich durch die Entrüstung Ribots verwirren zu lassen. Ribot hatte viel zu viel Beifall bei den Nationalisten, als daß die Republikaner sich täuschen lassen sollten. Niederlage der Nationalisten. Im Pariser Gemeinderat erhielten bei den letzten allgemeinen Wahlen die Nationalisten Antisemiten) die Mehrheit. Durch ihre bis⸗ erigen Taten in der Gemeindeverwaltung cheinen sie aber das Vertrauen der Pariser Wähler eingebüßt zu haben, denn bei den Er⸗ satzwahlen wurden an Stelle von Nationalisten drei Sozialisten gewählt. Italienischer Schergendienst für Rußland. Wie die deutsche, scheint auch die italienische Regierung der zarischen Henkerpolitik Liebes⸗ dienste erweisen zu wollen. So wurde kürzlich in Neapel ein junger Russe namens Götz(oder Hoz) verhaftet, weil er im Verdacht stünde, an der Ermordung des russischen Ministers Ssip⸗ jagin teilgenommen zu haben. Götz ist ein Millionärssohn, 23 Jahre alt und lebte seit dem Morde im Ausland, zumeist in der Schweiz, wo er ein revolutionäres Blatt her⸗ ausgab. Als er sich zum Besuche seines in Neapel weilenden Vaters und seiner Schwester dorthin begab, wurde er auf Veranlassung des russischen Konsulats verhaftet. In Götzens Koffer fand die Polizei zahlreiche Briefschaften, die Götz beschwor, nicht dem russischen Konsulat auszuliefern, da sonst viele russische Familien unglücklich würden. Die Papiere wurden an das Ministerium des Innern nach Rom gesandt. Zur Vornahme der Verhaftung war eigens ein hoher Polizeibeamter aus Petersburg gekommen. Offenbar bezweckt man, den Herausgeber einer revolutionären Zeitschrift der russischen Polizei in die Hände zu liefern. Daß Götz an der Hinrichtung Ssipjagins beteiligt war, ist ganz ausgeschlossen.— Der Fall Götz führte bereits zu einer Interpellation in der ital. Kammer, wobei der Minister erklärte, das Gericht werde über das Auslieferungsbegehren Ruß⸗ lands zu entscheiden haben. Wegen politischer Verbrechen würde Götz nicht ausgeliefert werden. Das ist immerhin schon etwas besser, als es in Deutschland in ähnlichen Fällen Praxis ist. Die Schnüffelei der russischen Polizei und ihre Aumaßung in den übrigen Ländern ist aber doch geradezu unerhört. Selbstmord eines englischen Generals. In England und auch anderwärts erregt der in Paris erfolgte Selbstmord des englischen Generals Macdonald ungeheueres Aufsehen. Macdonald war neben Kitchener einer der populärsten Generäle aus dem südafrikanischen Kriege und sein Selbstmord scheint die schweren Auschuldigungen zu bestätigen, unter denen er stand. Unmenschliche Mißhandlungen der ge⸗ fangenen Buren in Ceylon, deren hüchster Vorgesetzter er war, wurde ihm vorgeworfen und schließlich blieb dem Oberkommandierenden Lord Roberts nichts Anderes übrig, als die Sache zu untersuchen. Er ließ Macdonald nach London kommen und eröffnete ihm, daß er sich von dem schweren Verdachte, der auf ihm lastete, reinigen müsse. Dazu fühlte sich der General außer Stande, er verließ London und erschoß sich in einem Pariser Hotel.— Neueren Berichten zufolge sollen dem General auch Sittlichkeitsverbrechen zur Last gelegt worden sein. ————ññññ———— Hessischer Landtag. Die Lohnverhältnisse der Arbeiter an der ehemaligen Main⸗Neckar⸗Bahn kamen am Donnerstag voriger Woche durch eine Anfrage des Abg. Noack zur Sprache. Die Arbeiter klagen über erhebliche Herabsetzung der Lohnsätze an der Zentralwerkstätte der vormaligen Main⸗Neckarbahn. Gen. Cramer rügt weiter die unzulässige Einschränkung der Koalittonsfreiheit, die sich die Eisenbahn⸗ arbeiter der Eisenbahndirektion Mainz gefallen lassen müssen, und kritistert das Verbot, wonach die Arbeiter nicht mit sozialdemokrati⸗ schen Abgeordneten verkehren dürfen. David und Ulrich erinnerten die Regierung an ihre Pflicht, das gesetzlich gewährleistete Recht der Koalittonsfreiheit gegen Angriffe zu schützen und tadelten energisch, daß die Regierungs- vertreter keine andere Antwort auf die Be⸗ schwerde Cramers hatte, als daß die hessische Regierung sich nicht zum Richter über die Maßnahmen der Eisenbahngemeinschaftverwal— tung aufwerfen dürfe. Mit Wahlprüfungen beschäftigte sich das Plenum des Landtags am Dienstag. Den Anträgen des Wahlprüfungs⸗Ausschusses gemäß wurden die Wahlen der freis. Abg. Säng und Langenbach(Darmstadt) für ungültig, dagegen wird die Wahl des Nationalllberalen Heidenreich, die der Ausschuß für ungültig zu erklären bean⸗ tragt hat, infolge eines zwischen Nationallibe⸗ ralen und dem Zentrum abgeschlossenen Kuh⸗ handels, mit kleiner Mehrheit für giltig er⸗ klärt. Dasselbe geschieht einstimmig mit der Wahl des Abg. Ulrich. Eine lebhafte Debatte entspann sich über die Wahl des Abg. Orb(Iffenbach⸗Land), welche der Ausschuß mit 4 gegen 3 Stimmen für gültig zu erklären beantragt hat. Erk(natl.) trat für die Gültig⸗ keit der Wahl ein. Ulrich geißelt sehr scharf den Kuhhandel, den Nationalliberale und Zent⸗ rum bezüglich der Wahl Orbs im Hinblick auf die Wahl Heidenreichs getroffen haben. Brentano(Zent.) behauptet, daß schwere Verfehlungen vorgekommen seien. Das Mandat müsse für ungültig erklärt werden. David stellt die Aeußerungen uber die Wahlen Heiden⸗ reichs und Orbs gegenüber. Bei den National⸗ liberalen werden die schwersten Verfehlungen als entschuldbar hingestellt, bei Orbs Wahl verfahre man umgekehrt. Bei der Fortsetzung der Debatte am Mittwoch geht Genosse David mit dem Bericht der Ausschuß⸗ Minderheit scharf ins Gericht und zeigt, daß das Referat tendenziös abgefaßt sei, nur um die Wahl Orbs zu nichts zu machen. Er glaubt nicht, daß die Wahl des Sozialdemokraten Orb noch eine unpartetische Beurteilung durch die Mehrheit der Kammer erfahren werde, nach⸗ dem die Wahl des Nationalliberalen Dr. Heidenreich, bei der die allergrößten Verstöße festgestellt find, durch eine Vereinbarung des Zentrums und der National- liberalen für gültig erklärt wurde. Dr. Gutfleisch (freis.) erklärt, bei der Prüfung einer Wahl dürfe sich der Abgeordnete nur von den Gründen der Gerech⸗ tigkeit leiten lassen. Darum muß die Wahl des Abg. Orb für gültig und die Wahlen der Abgg. Heidenreich und Hirschel müssen für ungültig erachtet werden. Redner bittet die Abgeordneten, sich des Ehren⸗ amtes, als Richter über die Wahlen urteilen zu dürfen, würdig zu erweisen. Die Abgg. Ulrich, Dr. Gut⸗ fleisch und Weidner stellen fest, daß zwischen Zent⸗ rum und Nationalliberalen ein unwürdiger Handel durch den Grafen Ortola zu Stande gebracht worden ist. Bet der Abstimmung wird die Wahl Orbs für un⸗ gültig erklärt.— Dann kommt die Wahl Hirschels an die Reihe. Hler konstatiert Cramer, daß Beein⸗ flussungen durch Getränkespenden vorgekommen sind. Der Zentrumsadvokat Schmitt sagt unsern Genossen nach, daß sie ihre Stellung zur Wahl Hirschels von dem Verhalten der Bauernbündler zur Orb'schen Wahl ab⸗ hängig gemacht hätten. Da vid nennt diese Behaaptung eine haltlose Unterstellung. Wir haben gewartet, mit welchem Maße bei der Beurteilung der Wahlen gemessen werden würde. Wenn man die schwächsten Gründe für die Ungültigkeit der Wahl Orbs gelten läßt, dann muß die Wahl des Abg. Hirschel erst recht für ungültig erklärt werden, zu deren Zustandekommen Ströme von Schnaps und Bier gewirkt haben. Nach längerer erregter Debatte, bei welcher die Mehrheit durch Brüllen und Gelächter unsere Genossen systematisch mundtot zu machen suchen, wird die Mahl Hirschels für gültig erklärt. Nach dieser „Tat“ ging das hohe Haus in die Ferien. sei der Snaps! wird Herr Hirschel ausrufen. Parteigenossen! Gedenket des Wahlfonds! Gesegnet 0 —.——— 8 2 .* 1 Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung Nr. 14. Pon Nah und Fern. Gießener Angelegenheiten. — Sorgt für Pulver z um Wahl⸗ kampf! Diese Mahnung müssen sich, nach⸗ dem jetzt der Wahltag ausgeschrieben ist, alle unsere Freunde zu Herzen nehmen. Für unsere Partei, die in allen 397 Wahlkreisen die Agi⸗ tation entfalten muß, gestaltet sich trotz großer Opfer, welche die einzelnen Genossen an Zeit und Geld leisten müssen, wahrlich nicht billig. Zwar fabeln die Gegner oft von Reichtümern unserer Partei und namentlich die Antisemiten weisen oft mit Neid und manchmal unter allerlei ver⸗ dächtigenden Anwürfen auf die Quittungen des Parteivorstandes hin. Genau besehen sind unsere Einkünfte ziemlich gering. Trotzdem einzelne wohlhabende Genossen dem Partei⸗ vorstand ansehnliche regelmäßige und gelegent⸗ liche Beiträge überweisen, betrug die Jahres⸗ einnahme der Partei im letzten Jahre 346000 Mark, was im Durchschnitt reichlich fünfzehn Pfennige pro Kopf unserer Wählerzahl aus⸗ macht. Im ganzen Jahre wohlverstanden! In Wahlzeiten müssen wir daher einige Nickel opfern und namentlich diejenigen, welche keine regelmäßigen Parteibeiträge leisten oder sonst in wirtschaftlicher Beziehung etwas besser da⸗ stehen, dürfen etwas tiefer in die Tasche greifen. Sammellisten sind bei dem Wahlkomitee (A. Bock, Dammstraße 22) zu haben. — Zum Kapitel Schwindelkranken⸗ kassen sei noch nachträglich bemerkt, daß die „Union“, welche auch in unserer Gegend dem Mitgliederfang oblag, am 16. v. Mts. in Hannover Generalversammlung abhielt. Wie unser dortiges Parteiorgan mitteilt, beschloz diese, die Kasse am 1. Juni aufzulösen, wohl um damit der polizeilichen Schließung zuvor⸗ zukommen. Die Kasse hat 85000 Mk. Schulden. Bei einer 1 fand der Gerichtsvoll⸗ zieher in Kasse und Reservefonds einen einzigen baren echt kupfernen Pfennig. Um das Publi⸗ kum über die Zahl der Mitglieder zu täuschen, begannen die Mitgliedsbücher mit der Nr. 20001.— Wie uns mitgeteilt wird, versuchen die Macher ein neues Schwindelunternehmen unter den Namen„Thalia“ ins Werk zu setzen, ste haben bereits diesbezügliche Rund⸗ . losgelassen, aus denen hervorgeht, aß die Herren blos die Aemter gewechselt haben. Jeder Arbeiter hüte sich vor dem Schwindel! — Das Siechenhaus an der Licher⸗ straße ist nunmehr seiner Bestimmung übergeben und bereits von einer Anzahl Verpflegungs⸗ bedürftiger bezogen worden. Die in bester Lage errichtete Anstalt entspricht in ihren Ge⸗ bäulichkeiten und Einrichtungen allen hygieni⸗ schen Anforderungen. Leiter der für 250 Kranke eingerichteten Anstalt ist Herr Dr. Markwald. — Arbeiter⸗Risiko. Im Braunsteinberg⸗ werk vorm. Fernie, verunglückten am Dienstag die Arbeiter Müller aus Dutenhofen und Weller aus Kleinlinden. Ein eiserner Rollwagen kippte um und fiel auf die beiden, die dadurch schwere Verletzungen erlitten. — Ueber Bodenreform und Erbbaurecht sprach am Dienstag vor 8 Tagen der bekannte Bodenreformer Damaschke⸗Berlin im Café Ebel vor gut besuchter Versammlung. Eine längere Diskussion schloß sich dem mit Beifall aufgenommenen Vortrage an. Schließlich beschloß man, hier eine Gruppe des Bundes der Boden⸗ reformer zu gründen, zu der eine Anzahl Versammlungs⸗ teilnehmer ihren Beitritt erklärten. — Die Volksdichterin Johannette Lein starb am Sonntag hier in dem hohen Alter von 83 Jahren. — Der„nächtliche Raubzug“ eines sozialdemokratischen Stadtverord— neten, jene Untat, über welche vor mehreren Wochen der„Gieß. Anz.“ mit so wichtiger Miene berichtete, ist nun gesühnt. Unser Parteigenosse Georg in Offenbach— eben der Sünder— hat ein Strafmandat von eine Mark und siebenzig Pfennige erhalten, weil er auf dem Felde ein paar Rosenkohl⸗ köpfchen abgerissen hat. Und über dieses schauderhafte Verbrechen brachte das Offenbacher Reptil lärmende Artikel, in denen es von „nächtlichen Schleichpfaden“ sprach, auf denen darüber schicken! Der daraufhin in der ganzen Reptiltenpresse verdächtigte und heruntergerissene Genosse wird die Macher der Schandnachricht verklagen. Schließlich hat auch die Geduld eines Sozialdemokraten ein Ende. — Künstliche„Schmisse“. Neulich wurde vor dem Gießener Amtsgericht ein Schüler der Friedberger Gewerbe⸗Akademie als Zeuge vernommen. Auf der Backe des Jünglings „prangte“ als Zeichen seiner akademischen Bildung eine ansehnliche Schmarre. Im Laufe der Verhandlung fragte ein Anwalt, der die Glaubwürdigkeit des Zeugen in Zweifel zog, woher dieser denn eigentlich die Verletzung an der Backe habe. Dieser wollte sich zuerst um die Antwort der Frage herumdrücken. Als er aber energisch angepackt und ihm der Vor⸗ halt gemacht wurde, daß er eventuell vereidigt würde, gestand der Gewerbeakademiker zögernd zu, daß er sich diesen Durchzieher oder Schmiß an der Backe künstlich durch seinen Barbier habe machen lassen. Aus dem Nreise gießen. — Zur Nachahmung empfohlen! Wie in Steinberg, haben sich auch in Leihgestern unsere Freunde um die Verbreitung der M. S.⸗Ztg. mit gutem Erfolge bemüht. In den letzten Tagen sind 17 neue Abonnenten gewonnen worden und durch eine demnächst vorzunehmende Hausagitation hofft man die Leserzahl noch bedeutend zu steigern. — Wahlagitation. In Leihgestern fand am Sonntag im Arnold'schen Lokale eine gut besuchte Volksversammluug statt, in welcher Genosse Krumm über die Reichstagswahlen sprach. Eingehend beschäftigte sich unser Redner mit den agrarischen Fragen und erklärte unter lebhaftem Beifall, daß er für Handels⸗ verträge auf Grundlage dieses Zolltarifs, der die Kleinbauern und Arbeiter gleichmäßig schädige, nicht zu haben sei. Herr Schuchardt⸗Neuhof(B. d. L.) er⸗ klärte sich in Vielem mit Krumm einverstanden und vertrat im Uebrigen den bekannten Standpunkt des B. d. L. in ruhiger und sachlicher Weise. Unserseits sprach noch Bock⸗Gießen, sowie Faber und Schmidt⸗ Leihgestern. Aus dem Rreise Weßlar. h. Anerkennenswerte Fürsorge für ihre Arbeiter legte die Firma Leitz in Wetz— den Tag, daß sie der Invaliden⸗, Witwen⸗ und Waisen⸗ kasse 10000 Mk. übeswies. Wir erwähnen dies, weil diese Firma sich auch sonst bestrebt, die Lohn⸗ und Arbeitsverhältnisse ihrer Arbeiter möglichst günstig zu gestalten und es keines wegs darauf absieht, durch solche Zuwendungen— wie mancher andere Betrieb— nach außen hin, als„Wohltäter“ glänzen zu wollen. h. Nachtwächter sind eine Anzahl ohne Pension entlassen worden, weil Schutzleute für den Nachtwacht⸗ dienst eingestellt werden. Unter den Entlassenen befindet sich einer(Schäfer), der bereits 30 Jahre in städti⸗ schen Diensten steht, auch die Feldzüge von 1866 und 1870 mitgemacht hat. Bei dem Publikum erfreute sich Schäfer wegen seines geraden Wesens allgemeiner Be⸗ liebtheit. K. Warnung für Former! In der Umpegend von Wetzlar, auch Herborn und Dillenburg, reist ein Agent herum, um Former, Kernmacher ꝛc. nach Elber⸗ feld anzuwerben, wo sie als Streikbrecher bei der Firma Senge einspringen sollen. Es werden 60 bis 70 Pfg. Stundenlohn versprochen, in Wirklichkrit werden 30 bis 35 Pfg. verdient, für Elberfeld ein äußerst ge⸗ ringer Lohn. Außerdem müssen die hiesigen Former beachten, daß sie auf die dort verlangte Arbeit(Maschinen) nicht eingeübt sind. Ueberhaupt wird sich kein ehrlicher Arbeiter zum Streikbrecher hergeben. h Von der Wahlagitation. In Launs⸗ bach sprach am Freitag voriger Woche Gen. Habicht⸗ Frankfurt in einer im Saale des Herrn Erlewein (Wwe. Pfaff) tagenden Wählerversammlung. Das ziem⸗ lich geräumige Lokal war dicht besetzt, auch eine Anzahl Frauen waren anwesend, welche ebenso wie die übrigen Versammlungsteilnehmer, den lehrreichen und klar ver⸗ ständlichen Darlegungen des Redners mit großer Auf⸗ merksamkeit folgten und am Schlusse mit lebzaftem Beifall belohnten. Gegner meldeten sich nicht zum Wort, obwohl der Vorsitzende, Gen. Fauth ⸗Wetzlar, mehrfach dazu aufforderte. Von der für unsere Sache herrschenden Begeisterung legte die Tatsache Zeugnis ab, daß nach Schluß der Versammlung ein Teil dee Er⸗ schienenen die Marseillaise anstimmte, die alle Anwesenden stehend anhörten.— Die Nationalliberalen hatten am Samstag eine Versammlung nach Ehrings hausen ein Sozialdemokrat ertappt worden sei und einberufen. Sie war gut besucht, der größte Teil der das Gießener ließ sich ein„Privattelegramm“ Erschienenen waren allerdings Anhänger uaserer Partei. Auch hier ergriff nach den natl. Rednern unser Genosse Habicht das Wort. Seine Ausführungen wurden mit Aufmerksamkeit angehört und betfällig aufgenommen. Es muß bemerkt werden, daß die Diskussion sich in durchaus ruhigen und sachlichen Bahnen bewegte, was die Herren von der natl. Partei auch anerkannten. Um⸗ somehr muß man sich über ihre gehässigen und unwahren Berichte im Wetzlarer Kreisblatt wundern. Dort werden der Nationalliberalen hingestellt. Sind diese mit den „Erfolgen“ zufrieden, soll's uns recht sein; wir sind es mit den unseren auch. Wenn aber im Kreisblatt er⸗ zählt wird, die soz. dem. Redner hätten sich„Claqueure“ mitgebracht, wenn ferner gesagt wird, Dr. Johannes habe unsere Redner„schlagend wiederlegt“, so ist das — gelinde ausgedrückt— blanke Unwahrheit. Man kann es ja verstehen, wenn sich die Herren nach Mög⸗ lichkeit herausstreichen, allzutoll sollten sie es aber nicht treiben.— Wenn es in den Schwindelberichten heißt: „Die nationalliberale Partei hat in soztalpolitischer Be⸗ ziehung ein so gutes Gewissen, und insonderheit hat Herr Reichstagsabgeordneter Kraemer sich einen solchen Namen als werktätiger Freund der Arbeiter und kleinen Leute überhaupt erworben, daß die Sozialdemokraten vergeblich ihre Maulwurfsarbeit gegen ihn betreiben werden“— so muß jeder Verständige darüber lachen. Die Herren Nationalliberalen vielleicht selber. Wir wollen uns das Gewissen demnächst mal ein bischen ansehen. Stöcker ei. Dr. Burckhardt, der Stöcker'sche Kandidat für den Wahlkreis Dillenburg⸗Herborn, hat zur Agitation für seine Kandidatur merkwürdige Flugblätter herausgegeben. Sie enthalten mehrere Reichstags⸗Reden Stöcker s, die dieser neulich in Ab⸗ wehr der Züchtigung hielt, die ihm von sozialdemokra⸗ tischer Seite zu Teil wurde. Vorsichtigerweise hat natür⸗ lich Dr. Burckhardt die Antworten, die sozialdemo⸗ kratische und andere Abgeo dnete Stöcker gaben, weg⸗ Fraglich ist allerdings, ob die Reden Stöckers die Wirkung haben, die sich Herr Burckhardt davon verspricht. Die Wahlen werden es zeigen!— Das„Kasseler Sonntagsblatt“ setzt seinen Verleumdungsfeldzug gegen die Sozialdemokratie fort. Wir sollten„die Juden mit unseren Leibern decken“, schwindeln die Pfaffen ihren Gläubigen vor. Die von der„Nordischen Wasser⸗ kante“ dem Parteifonds zugeführte! 40 000 Mark im März sind dem Lügenblättchen nach wahrscheinlich von Dr. Leo Arons. Das Blatt weiß ganz genau, daß dies Gewinn der Parteidruckerei Auer und Ko., La d ist, trotzdem nur immer feste darauf los gelor a und verleumdet. Hoffentlich wenden sich die anständigen Leute immer mehr von dieser Sorte„Christen⸗ tum“ ab; jene Sippe würde Christus, käme er heute, mit Ruten aus dem Tempel jagen. m. Denunztationswut. Aus dem Wester⸗ wald schreibt man uns: Innerhalb derjenigen Kreise, die sich für ganz besonders gute Patrioten halten, greift das Denunziantentum und Angeberwesen in geradezu unheimlicher Weise um sich. Beispielsweise drohte in Emmerichenhain so ein Kriegervereinsbruder zwei Veteranen(welche die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung lesen), er wolle sie bei der Behörde denunzieren, damit ihnen die Invalidenunterstützung entzogen werde. Wie niedrig schätzt so ein Denunziant doch die Behörden ein; möge ihm bei seiner Schnüffelei und Angeberei der wohlverdiente Fußtritt werden, der solchen Burschen von Rechts wegen gehört.— In Hof reklamierten zwei unserer Freunde bei der Ersatz⸗Kommisston um Zurück⸗ stellung ihrer Söhne vom Militär bienst. Die Gesuche wurden abgelehnt. Sofort schreien auch hier einige Kriegervereinsbrüder: Seht, hättet Ihr Euch nicht zur Sozialdemokratie gewandt, wäre Eurem Ersuchen will⸗ fahrt worden. Die„Patrioten“ werfen damit der Er⸗ satz⸗Kommission vor, daß sie die Unparteilich⸗ keit und Sachlichkeit, zu der sie eid lich verpflichtet ist, aus politischen Gründen vermissen lasse. Die Behörden mögen daraus ersehen, wessen sie von ihren eigenen Freunden beschuldigt werden; ohne den geringsten Bewels werden Leute der Pllichtverletzung beschuldigt, die als Ehrenmänner jedem bekannt sind. Grade die Denunziationssucht und Angeberei macht sich in letzter Zeit so auffällig breit, daß man nicht umhin kann, derartigen Gesinnungs⸗Lumpen ab und zu auf die schmutzigen Finger zu klopfen. Aus dem Nreise Marburg⸗Nirchhain. St. Zur Reichstagswahl. Der von den Konservativen des hiesigen Wahlkreises aufgestellte Reichstagskandidat, Freiherr Rabe von Pappenheim, hat die Kandidatur an⸗ genommen. Derselbe gilt auch zugleich als Kandidat des Bundes der Landwirte und der antisemitischen Reformpartei! Wahrlich, ein bunter Kandidat. Die konservativ⸗bündlerisch⸗ antisemitische Werbetrommel wird bereits die Versammlungen in voriger Woche als große Erfolge gelassen. Es spricht blos einer, wie in der Kirche. 2 —. — worden. Nr. 14. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. lIchlig gerührt und der vergnügte„Oberhesse“ empfiehlt seinen Lesern diesen vielseitigen Reichstagskandidaten, der, neben seinen tat⸗ kräftigen Eintreten für die Arbeiterch, auch natürlich in erster Linie die Interessen der Junker und Großgrundbesttzer— zu denen er ja doch gehört— zu vertreten verspricht und zugleich den Mittelstand und das Handwerk retten will, auf das wärmste. In einigen Ortschaften benutzten die konservativen Bündler die Raiffeisensache dazu, um ihre politischen Versammlungen, nachdem der hiesige konservative Agitator Klingenbiel vorher einen Vortrag im Raiffeisenverein gehalten, zu füllen und ihre Weisheit an den Mann zu bringen.— Hier in Marburg ist noch wenig von der be⸗ vorstehenden Reichstagswahl zu spüren. Außer einigen bündlerisch⸗konservativen Wahlabmach⸗ ungen hinter verschlossenen Türen haben bis jetzt— abgesehen von unseren öffentl. Partei⸗ versammlungen, in denen aber keine Gegner aufzutreten wagten— nur die Nationalsozialen öffentliche Versammlungen abgehalten. Von allen anderen Parteien hört man noch nichts. Die angebliche antisemitische Kandidatur des Hauptmanns a. D. Grimm stellt sich als unrichtig heraus; das Zentrum hat den Redakteur der„Fuldaer Ztg.“ als Zähl⸗ kandidaten aufgestellt. Ob nicht aber am Ende doch noch, wie das letztemal Dr. Böckel auf dem Plane erscheinen wird? Wer kann das wissen? Es dürfte ihm aber diesmal schwerlich gelingen, wieder in den Reichstag— in dem er stch während der letzten fünf Jahre kaum ein halbes Dutzendmal hat sehen lassen und wo er bei den wichtigsten Debatten und Abstimmungen fehlte— hineinzukommen. Der Bahnbau Marburg⸗Dreihausen wird in den nächsten Tagen in Angriff genommen und mit den Erdarbeiten am Südbahnhof be⸗ gonnen. Ob da auch wieder, anstatt der hie⸗ falt größtenteils ausländische Arbeiter einge⸗ stellt werden wie bei den Erweiterungsbauten am Hauptbahnhof? Bei letzteren Arbeiten werden übrigens bei zehnstündiger anstrengender Arbeit ganz erbärmliche Löhne gezahlt. Auffallend ist es aber, daß die Italiener usw. die Stunde mit 35 Pfg. entlohnt werden, während die hiesigen Arbeiter nur 32 Pfg. erhalten. Verschiedenes. Am vergangenen Samstag Abend fand in Cappel eine Ver⸗ sammlung von Interessenten zur Errichtung einer Filiale des hiesigen Konsumvereins statt, welche Ja besucht war. Dr. Michels hielt, einen Vortrag über das Konsumsvereinswesen der sehr beifällig aufgenommen wurde. Schließ⸗ lich wurde eine dreigliederige Kommission gewählt, welche die weiteren Schritte in dieser Angelegen⸗ heit unternehmen soll.— Die Marburger Pferdebahn soll bereits am 1. Juli d. Jahres ihren Betrieb aufnehmen. Die Lieferung des Materials und die nötigen Arbeiten sind bereits vergeben.— Die hiesige Volksküche wird bereits täglich von ca. 190 Personen frequentirt, an einzelnen Tagen übersteigt die Zahl der Be⸗ sucher schon 200. Gewliß ein Zeichen, daß die Anstalt ein Bedürfnis für Marburg war. Verurteilung des„Blumenmediums“. Nach langer Verhandlung vor der Berliner Strafkammer ist nun die Anna Rothe wegen Betrugs in 48 Fällen zu einer Gefängnisstrafe von 1½ Jahren verurteilt worden. 8 Monate wurden als verbüßt erachtet.— In der Be⸗ gründung des Urteils wird ausgeführt, die⸗ jenigen, die statt der erwarteten Vorführungen aus der Geisterwelt Taschenspielerkunststücke er⸗ hielten, seien in ihrem Vermögen geschädigt Die Angeklagte versprach übernatür⸗ liche Dinge, die ste aber nicht leisten konnte. Die Zeugen beobachteten nicht sorgfältig genug und wurden getäuscht. Die Angeklagte betrieb ein un fangreiches Gewerbe mit ihren Sitzungen, begnügte sich aber mit bescheidenem Gewinn. Strafmildernd ist, daß sie hysterisch ist und daß die Leichtgläubigkeit der Spiritisten ihr zu Hilfe kam. Erschwerend wirken das frivole Spiel mit der Religion und ihr Leugnen nach der Entlarvung.— Der Prozeß beanspruchte nach mehreren Seiten hin Interesse und wir werden wohl noch hier und da darauf zurück⸗ zukommen haben. Er zeigte, welcher Aberglaube in weiten Kreisen— und namentlich in„besseren“ — herrscht; fast alle Zeugen, die sich be⸗ trogen glaubten, sowie diejenigen, welche die Taschenspielerkunststücke als höhere Offenbarung ansahen, gehörten den wohlhabenden„besseren“ Kreisen an. Mit Recht wird die Rothe bestraft: Sie hat durch Vorspiegelung falscher Tatsachen Geld verdient. Es darf aber wohl gefragt werden: Glauben alle diejenigen das, was sie sagen, die für Geld von der unbefleckten Emp⸗ fängnis der Jungfrau Maria, von der Himmel⸗ fahrt Christi, und der Verwandlung von Brot und Wein in Fleisch und Blut des Nazareners erzählen? Ein Gesangverein als Ketzerrichter. In Oberlahnstein am grünen Rhein besteht ein Gesangverein mit dem schönen Namen„Frohsinn“. Ein Mitglied desselben erhielt kürzlich folgende Zuschrift von dem Vor⸗ stand:„Da sich Ihre Anschauungen mit unserem Statut nicht vereinbaren, sind wir gezwungen, Sie zu streichen. Statut und Mitgliedskarte haben Sie zurückzusenden.“ Was sich ein Gesangverein um„Anschauungen“ zu kümmern hat, dem es doch mehr auf die „Stimme“ der Mitglieder ankommen sollte, darüber hat der Betroffene bisher vergeblich nachgedacht. Ob es die sangeskünstlerischen „Anschauungen“ sind, welche den Beckmessern vom Blöd— pardon, Frohsinn nicht konveniren, konnten wir nicht erfahren; politische oder religöse können es nicht sein, denn im Statut heißt es in§ 1:, Politische und religöse Angelegenheiteu werden im Verein nicht erörtert.“ Allerdings ist der Gemaßregelte weder Bet⸗ bruder noch Hurrahschreier; drum wird er sich hoffentlich zu trösten wissen und weiter„singen wie der Vogel singt, der in den Zweigen wohnet.“ Polizeiattacken auf streikende Arbeiter. In Colmar i. Els. streiken die Textil⸗ arbeiter. Aus ganz geringfügiger Veranlassung kam es am Montag zu Zusammenstößen mit der Polizei. Diese fiel mit blanker Waffe über die Streikenden her und verwundete viele, darunter auch Frauen und Kinder. — Kleine Mitteilungen. * Einen„Zug ins-Großartige“ hatten bie Unterschlagungen des Bankiers C. Bräun ing in Tübingen, der vom dortigen Schwurgericht zu 5/0. Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Er hatte 289300 Mark fremde Gelder veruntreut. * Opfer der Arbeit. Fünf Arbeiter erstickten im Gaswerk in Trier durch ausgeströmtes Gas. Drei andere, die auch in Lebensgefahr schwebten, konnten wieder belebt werden.— Durch eine Explosion in der Aluminiumwerkstätte Eiermann und Tabor in Nürnberg verunglückten elf Arbester, die zum größten Teil fürchterlich verbrannten. Am gefährlichsten wurde unser Genosse Rauh verletzt, der seinen Wunden auch erlegen ist. Er war Kassterer des soz.-dem. Ver⸗ eins in Stein. Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung. + Brutale Vergewaltigung der Arbeiter. Einen infamen Gewaltstreich haben die Kapitalisten des Nordd. Lloyd in Bremen, jener bekannten Dampferlinie, gegen die Arbeiter verübt. Sie versuchten, die Ar⸗ beiter in den Streik zu treiben und zwangen sie, aus dem Hafenarbeiterverbande auszutreten, indem sie nur solche Arbeiter einstellten, die sich durch Unterschrift verpflichteten, dem Verbande nicht mehr anzugehören. Uuser Bremer Parteiorgan schreibt dazu:„An diesem „Sieg“ wird der Norddeutsche Lloyd keine Freude erleben. Nicht der Lloyd ist der Sieger, sondern die Arbeiter haben durch ihre geradezu bewundernswerte Disziplin einen Sieg über die unerhörteste Provokation zum Streik, die je vorgekommen ist, errungen. Der Lloyd wollte den Streik, er brauchte ihn aus ist nicht aufgehoben. Wenn bie Lohnarbeller sich heute zähueknirschend in das Joch beugten, so wird die Zeit kommen, wo sie dieses verhatzte Joch mit Hohnlachen dem Lloyd vor die Füße werfen.“ Versammlungskalender. Samstag, den 4. April. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallarbeiter Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Brauer. Abend 9 Uhr Versammlung bei Lö b, Wiener Hof. Lollar. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Wirt Schupp. Dienstag, den 7. April. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig. Freitag, den 10. April. Friedberg. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 81½ Uhr Versammlung in Stadt New-Pork. T.⸗O.: Kreiskonferenz und Wohnungsstatistik. Sonntag, den 12. April. Marburg. Konsum verein. Vorm. 11 Uhr: Sitzung des Aussichtsrates und Vorstandes bei Jesberg. — Kontrollversammlungen finden statt: In Gießen im Hofe der Kaserne am Brand für die Orte Annerod, Allendorf a. Lahn, Altenbuseck, Beuern, Burk⸗ hardefelden, Gießen, Großen-Buseck, Großen⸗Linden, Heuchelheim, Klein Linden, Langgöns, Leihgestern, Oppen⸗ rod, Rödgen, Trohe, Watzenborn⸗S einberg, Hausen und Wieseck am Montag, 6. April, vorm. 8 Uhr: Wehrleute 1. Aufgebots der Infanterie, welche in den Jahren 1890 und 189m eingetreten sind, vorm. 10 Uhr: Wehrleute 1. Aufgebots der Infanterie, welche in den Jahren 1892, 1893 und 1894 eingetreten sind, nachm. 2 uhr: Sämtliche Reservisten der Garde, Jäger, Kavallerie, Feld- und Fußartillerie, Pioniere u. Verkehrstruppen; am Dienstag, 7. April, vorm. 8 Uhr: Sämtliche Reservisten des Trains, Sanitäts⸗ u. Veterinärpersonals, Oekonomiehandwerker u. Marine⸗ Mannschaften, sowie zur Disposition der Truppenteile u. der Ersatzbehörden entlassenen Mannschaften d. Spezial⸗ waffen; vorm. 10 Uhr: Wehrleute 1. Aufgebots aller übrigen Waffen, nachm. 2 Uhr: Ersatz⸗Reser⸗ visten der Jahrgänge 1890, 1891, 1892 und 1893; am 38. April, vorm. 3 Uhr: Ersatz⸗Reservisten der Jahrgänge 1894, 1895, 1896 und 1897. vorm. 10 Uhr: Ersatz⸗Reservisten der Jahrgänge 1898, 1899, 1900, 1901 und 1902. Letzte Nachrichten. Die holländische Kammer trat am Donners⸗ tag in die Beratung der Streikgesetz e leine Art Zuchthausvorlage) ein. Troelstra(Soz.) hielt eine ein⸗ dringliche dreistündige Rede dagegen. I Aeeutat. Der russische Konsul in dem albane⸗ sischen Städtchen Mitrowitza wurde von einem alba⸗ nesischen Soldaten erschossen. Der Vorfall hat un⸗ geheure Aufregung hervorgerufen. 98( Die nächste Zur Beachtung! tags⸗Zeitung“ gelangt de Charfreitags wegen Donnerstag, 9. April, zur Ausgabe. Ursachen, über die das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Die Arbeiter haben dem CTleyd diesen Gefallen nicht geten.„der aufgeschoben E 2 3 2 2 2 1 1 E 5 5 —— 8 S 8 355 14 2 12—. 2— 2 2 1 —— 3 2 1 Nr.(15) der„Mitteldeukschen Sonn eingerichteten Anstalt ist — Arbeiter- Leite 6. Mitteldeuische Sountags⸗Zeitung. Nr. 14. W n 1 Unterhaltungs-Ceil.* 1———ů 9 2 Der Lenz ist da: Nun endlich ist der Frühling da, Die Vögel preisen fern und nah Sein Wiederauferstehen! Er schmückt mit Grün den weiten Raum, Schmückt Wald und Feld und Busch und Baum Im Tal und auf den Höhen! Er kam mit seinem Sauberstab, Da sprangen auf, aus Tod und Grab, Die Blüten, bunt, in Fülle! Im frisch ergrünten Sonnenhag Erklingt aufs neue Drosselschlag Nach langer Winterstille. Der junge Frühling wies hinaus Die Düsterkeit aus jedem Haus, Sie floh in aller Schnelle! Ein Strom von warmem Sonnenschein Ergoß sich in die Welt hinein Mit seiner Strahlenhelle. Nun ist er da! Wo jüngst verschneit Noch Alles lag, herrscht weit und breit Nur Pracht und neues Leben, Wohin man nur auch schauen mag: In Wald und Hain, in Flur und Nag Des Frühlings Lüfte wehen! Frida Pritzlaff. Ein Narr des 19. Jahrhunderts. Von Heinrich Zschokke. (Fortsetzung) Eines Tages, da ich von der Wachtparade zurückgekommen, ward an der Tür meines Zimmers gepocht. Ein unbekanntes Frauen⸗ zimmer trat herein, ein liebliches Gestcht. Lilien und Pfirsichblüten mischten die Farben im Strauße nie schöner als auf diesem Antlitz unter einer Lockenfülle des Haares. Sie fragte mit Erröten und zitternder Stimme nach mir; dann fiel sie in Tränen zerfließend nieder, um⸗ armte meine Kniee, und da ich erstaunt sie aufrichten wollte, bedeckte sie meine Hand mit ihren Küssen. Was mir ahnte, bestätigte endlich 8 ihr Ruf:„O mein Vater! o mein Vater g N 1 il Ich e 5 e bat mich, sie in diesezeryfbezrzn Stellung verharren zu lass D 1 bin so selig, daß mein Hoßn, und sagte:„Ach Es währte langes geyrz bricht!“ 1 „ ann iter ehe sie sich erholte und schloß ich sie an mein Herz, drückte einen Kuß auf ihre helle Stirn und befahl ihr, mich als Vater zu betrachten und „du“ zu heißen. Sie gehorchte. Aber mir hatte der väterliche Kuß etwas die Sinne verwirrt. Sie war in einem. Gasthof abgetreten. Dort ließ ich sie einige Tage; aber diese Tage waren genug, über meine Gemütsruhe zu entscheiden. Als Amalia in ihre Anstalt zurückreisen wollte, ab ich ihr den Rat, in einer bürgerlichen Wohnung der Stadt zu bleiben und Stickereien um Geld zu unternehmen. Es war mir zu schwer, mich von ihr zu trennen. Aber ihr verraten, daß ich reich sei, wollte ich auch nicht. Ich mußte ste prüfen. Ich mietete ihr einige Zimmer, nahm eine Magd zu ihrem Dienst, versorgte sie mit Flügel, Harfe, Büchern, nach wenigen Tagen auch mit Aufträgen zu Stickerei⸗ arbeiten, freilich alle auf eigene Kosten, unter Vorgeben, sie kämen von fremder Hand. Ich besuchte sie wöchentlich nur ein⸗ oder zweimal, um Aufsehen oder üble Deutung zu meiden. Jeder Besuch war mir ein, Fest. Du kannst dir's denken, wie süß es mich durchdrang, zu wissen, es lebe unterm Monde ein Wesen, das mit alles schuldig sei, das keinem zugehörte in der Welt als mir, das von meiner Fürsorge alles erwarte, und dies Wesen sei von allem, was die Natur mir jemals Schönes, Frommes, Edles gewiesen, das Auserlesenste.— Amaliens Leuten mit dem, tun— diese in der Stadt kein Geheiumis. Sie zog die Blicke auf sich. Man sprach mir davon, und ich verhehlte nicht, daß ich ihr Pflegevater sei und sie ein armes Kind von unehelicher Geburt. Man brachte ihr bald Arbeiten über Arbeiten, denn ich hatte ihr untersagt, je in ein fremdes Haus zu gehen. Frauenzimmer kamen zu ihr, weniger der Stickereien wegen, als die Vielge⸗ priesene in der Nähe zu sehen. Eines Tages, da ich Amalien besuchte, hörte ich, indem ich vor der Türe ihres Zimmers stand, daß sie mit einem Mann in heftigem Wortwechsel war. Ich erkannte die Stimme meines Oberleutnants. Als ich die Tür öffnete, wollte er ihr einen Kuß rauben. Ich warf ihm sein unanständiges Betragen vor, und da er Umstände machte, flog er unter meinen Händen die Türe hinaus, die Treppe hinab. Er glaubte, ich habe seine Ehre beschädigt, und forderte mich zum Duell. Ich wies ihn mit seiner Narrheit ab. Das Corps der Offiziere drohte, nicht mehr neben mir dienen zu wollen, weil ich ein Feiger wäre. Das war ich nicht, ging anf den bestimmten Kampfplatz wehrlos und sagte dem Narren, wenn er Lust habe zum Meuchel⸗ mord, so gebe ich ihm Erlaubnis dazu. Jetzt wurden er und die Offiziere pöbelhaft. Sie glaubten nach ihren barbarischen Vorstellungen meine Ehre tödlich verwundet, wenn sie sich selbst durch Pöbelei entehrten. Ich fragte sie dagegen, ob Gassenbuben, die einen achtbaren Mann auf der Straße mit Kot bewürfen, da⸗ durch achtbar, hinwieder der achtbare Mann dadurch ein Gassenbube würde? Am andern Morgen bei der Parade übergab mir ganz unerwartet mit zierlicher Rede der General einen vom Hofe erteilten Orden. Dieser war noch Spätfrucht meiner ehemaligen Verbindungen mit der Baronesse von Mooser und das Werk ihres Oheims, des Kriegs⸗ ministers. Ich konnte das Bändlein, nach meinen Begriffen von Verdiensten, gar nicht annehmen. Und hätte ich wirklich ein Verdienst um den Staat gehabt, würde ich mich geschämt haben, die Belobung desselben alle Tage prahlerisch mit mir umherzuschleppen.— Meine standhafte Weigerung, das Läppchen mit dem Sternlein anzunehmen, war in den Jahrbüchern der Monarchie unerhört. Meine Aeußerung: Pflicht und Tugend lassen sich nicht belohnen, sondern nur anerkennen; aber auch nicht 1 55 kannt, tue der Biederpiauny ehr% ner wenigsten lasse. er Urdercn ccc s flicht; am hin, als„Wohltöter“ aläch zwingen, vor andern em, was er geleistet hat, groß zu Aeußerung galt für Jakobinerei und Unsinn. Der General war wütend. Nun traten die Offiziere wegen ihrer, wie te meinten, schadhaft gewordenen Ehre auf. Ich bekam Verhaft und nach einigen Wochen Abschied vom Regiment. f Des war ich wohl zufrieden. Jetzt kleidete ich mich bürgerlich, wie ich wollte, eben nicht nach der herrschenden welschen Mode, aber bescheiden, bequem, naturgemäßer, wie du uns hier alle in Flyeln siehst. Die Leute sperrten zahlen, urteilen, begannen, je Augen auf und hielten mich für närrisch, 9 das um 1 mehr, als sie erfuhren, ich sei nichts weniger denn arm, sondern einer der begütertsten Männer des Landes.„Nur Amalia wußte, warum ich so handle. Ich hatte ste mit meinen Ansichten der heutigen Welt vertraut gemacht und mit meinen Grundsätzen. Sie, selbst ein Naturkind, einfach und geistvoll, billigte meinen Sinn und lebte ganz in demselben. Freilich auf Malchens Urteile konnte ich nicht stolz sein, denn es waren nur meine eigenen. Sie dachte, sie empfand nichts, als was ich; ihr Wesen war aufgelöst in dem meinigen. Ihre ehrfurchtsvolle, töchterliche Liebe war ohne ihr Wissen in die reinste, schamvollste und innigste der Jungfrau übergegangen, und ich freilich schien mir selbst für die Vaterrolle etwas zu jung. i Als ich eines Tages ihr davon sprach, daß ich auf meine Güter zurückzugehen gedenke, bat sie, mir folgen zu dürfen, sie wäre glücklich, mir dort als Magd dienen zu dürfen. Und Haupt, und sie sprach:„Desto besser, deine Gemahlin wird keine getreuere Dienerin finden als mich.“—„Aber,“ sagte ich,„meine künftige Gemahlin denkt schon jetzt nicht so vorteilhaft von dir, als du verdientest.“—„Was habe ich bei ihr schon verschuldet?“ antwortete ste mir mit aufgehobenem Antlitz und allem Stolz der Unschuld.„Zeige mir deine Braut; ich werde um ihre Huld und Achtung werben.“— Ich führte Malchen vor den großen Spiegel des Zimmers, zeigte hiuein und sagte stammelnd: „Da siehst du sie.“— Sie machte bei diesen Worten eine Bewegung des Schreckens, sah mich erblassend mit ihren großen blauen Augen an, worin eine Frage erstarb, und sagte dann zitternd:„Mir ist nicht wohl!“ Sie sank toten⸗ haft nieder. Ich rief der Magd. Ich war vor Entsetzen gelähmt. Als Amalia genas und sich nach dem. Schlummer der Ohnmacht ihre Wangen färbten und ste die Augen aufschlug, war ihr erstes ein sanftes Lächeln gegen mich, dann Ver⸗ wunderung über meinen und der beschäftigten Magd Kummer. Erst allmählich kehrten ihre Erinnerungen zurück. Sie glaubte geschlafen zu haben. Ich wagte kaum, von dem Vorge⸗ fallenen zu reden. Als wir wieder allein waren, sagte ich:„Amalie, warum erschrackst du vor dem Spiegel? Warum darsst du nicht meine Braut sein? Rede offen, ich bin gefaßt, alles zu hören.“— Sie errötete, war lange stumm, den Blick am Boden.—„Warum darfst du nicht?“ fragte ich noch einmal. Da seufzte sie und sah zum Himmel.„Dürfen? o Gott, dürfen? Was darf ich noch anders, als was du willst? Kann ich denn selig sein, kann ich denn atmen ohne dich? Ob deine Magd, ob deine Braut, alles eins, denn ich habe nur eine Liebe für dich.“ Während ich in den Vorhallen des Himmels lebte, war die Stadt vor Erstaunen außer sich, waren meine Verwandten väterlicher- und mütterlicherseits in Grausen und Verzweiflung, als ich die nahe Vermählung mit Amalien ankündete. Ein Freiherr aus altadligem Ge⸗ schlecht, dessen Altvordern im Dienst er. Hüge die höchsten Würden bekleidetyätten, ein hof, turnter⸗ und stiftactgcher Baron, mit den ersten Familien desgandes blutsverwandt, geht die heillos schesalliance ein, nicht einmal mit ultter Briefadligen, nicht einmal mit einer vor⸗ . ehrlichen f Petkeimndchen von unehelicher Abkunft!— Man schrieb Verwandtschaft, man werde schämen, mich von künftigen ausstoßen, allerhöchsten 25 zu 1 5 18h 2. alles zu spät, denn na 0 war 11 samalia förmlich vor dem Altar an⸗ getraut worden. Bürgerlichen, nicht einmal mit einer Handwerkslochter, nein, mit einem aus meiner ganzen sich meiner öffentlich Erbschusepeen Verwendungen beim 5 n Es kam Tagen schon mir Drohbriefe mich Was soll ich dir von den Torheiten er wilde die Menschen, behaftet mit Vor⸗ sobald 5 10 als ehrlicher, natürlicher Men 3 1 2 5 Wahrheit gemäß, mit Verbannung aller Schnörkeleien, aller Tanzmeisterhöflichkeiten, aller Ausländereien, aller sogenannten e nienzen, ohne jedoch deswegen ein würdiges und anständiges Betragen aus den Aae setzen. Mein einfaches Du, mit dem ich 2 85 anredete und von jedem angeredet zu werden bat, schreckte sogleich jeden von mir, als 1 ich mit Pestbeulen bedeckt. Mein Bart 0 e zum Gespötte, mein freundliches Grußerwi 59; ohne spießbür erliches Hutabzlehen auf 5 Gassen hieß Grobheit. Ich ließ mich nich irre machen. Einmal mußte Bahn gebrochen werden. Ich wollte sehen, ob es im neunzehnten Jahrhundert erlaubt sei, in einer europülscher Stadt mit Wegwerfung aller Schnurren, a 95 verschrobenen Begriffe zu leben. Weit 2105 1 jemand durch irgend eine Unart zu kränken, jemand wegen seines Vorurteils, seines Wahns, seiner moralischen Verzerrung Vorwürfe zu machen, ward ich gefälliger gegen jeden. 10 suchte die Menschen, von welchen ich äußerlie so sehr verschieden war, wie ich es schon in als ich stockend sagte, ich gedenke mich zu ver⸗ Schönheit und demütiger Stand waren bald mählen, senkte sie mit gefalteten Händen ihr meinem Innern gewesen, durch Güte, durch le fte Sulz ich 1 pegel lud: 0 fa n daun boten⸗ bar dem irbten erstez Ver ligten ihre hlafen horge⸗ allein hrackst licht efaßt, lange darsst seufzte Gott, 5 was un ich d, ob e nur mel? r sch, und flung, alien 5 Ge⸗ 5 ge hof⸗ ö ersten t die i l- elner einem 3 anzel 15 len beim 3 kum N schol ar an⸗ . 4 t I. legte len, Unart an erster Stelle. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. (Fortsetzung folgt.) e Das Abbitten der Kinder. Im Register der häuslichen Pädagogik steht das Abbitten der Kinder nach einer begangenen Es besteht im Vor⸗ bringen der Phrasen:„Ich will jetzt immer recht artig sein!“ oder:„Ich will es nie wieder tun!“ Leider glauben viele Eltern und Erzieher, daß ein Kind nach empfangener Strafe abbitten muß, um die Macht der Erzieher ganz zu fühlen, um sich unterzuordnen und jeden Stolz und Trotz von sich zu werfen. Man erreicht dies auch in der Tat durch das Abbitten, wie man zu gleicher Zeit erreicht, daß das Kind charakterlos wird, daß es heucheln lernt und schließlich zu der Einsicht gelangt, daß es auf Abbitten hin weiter sündigen darf. Noch schlimmer aber ist es, daß durch die Unsitte des Abbittens die Kinder zum Lügen und zur mangelnden Achtung vor den Eltern geführt werden. Das intelligente Kind fühlt es ganz genau, daß es ihm unmöglich ist, fest zu versprechen, diese oder jene kindliche Unart nicht wieder zu tun, und es fühlt ferner, daß die Eltern das ganz genau wissen. Es merkt nur zu bald, daß man dieses Versprechen von ihm verlangt, um seiner Unart und Be⸗ strafung einen offtziellen Schluß zu geben, um der unerquicklichen, beide Teile nicht befriedigen⸗ den Stimmung, die nach der Strafe zwischen Eltern und Kindern herrscht, abzuhelfen. Außerdem hat das Kind seine Strafe bereits erhalten und fühlt sich durch die Abbitte un⸗ nötig gedemütigt. Ganz etwas Anderes ist dagegen das„Um⸗Verzeihung⸗bitten“. Ohne ein Kind dazu zu zwingen, sollte man auf sein Gemüt und Herz so weit einwirken, daß die Reue und der Schmerz, die Eltern gekränkt zu sehen, das Kind so weit bringen, daß es in weicher, sehnsüchtiger Stimmung zu den Eltern geht und vielleicht mit einem herzlichen Kuß um Verzeihung bittet. Dann aber fange man nicht mit neuen Ermahnungen oder Vorwürfen an, die das zarte, kindliche Feingefühl bitter verletzen würden. Man nehme den Versöhnungs⸗ versuch liebevoll an und lasse die Sache damit erledigt sein. Fällt ein Kind öfters in denselben fühlen läßt, daß man tief gekränkt ist. Natür⸗ lich darf auch diese Weigerung der Verzeihung nicht zu weit getrieben werden, um das Kind nicht verstockt zu machen. Hat man bemerkt, daß ein Kind der vorgekommenen Unart selbst nicht eine allzu große Wichtigkeit beilegt, das „Um⸗Verzeihung⸗bitten“ vergißt und sich wieder⸗ um seinen Spielen zuwendet, so dringe man nicht auf ein weiteres Eingehen in den Fehler. Denn des Kindes Stimmung wechselt schnell und wo es die Schwere seines Vergehens, das in solchen Fällen meist dem kindlichen Unverstand entsprungen ist, nicht erkennt, würde es eine Strafe und eine gewährte Verzeihung nicht verstehen. Nicht im Abbitten, das ein leicht⸗ 20 gegebenes Versprechen ist, wirken die Eltern und Erzieher gedeihlich und versöhnend ein auf des Kindes zarte Seele, sondern im Verzeihen, in Nachsicht und liebevollem Er⸗ mahnen. Denn wo das Kind Achtung fühlt, gewährt es auch Liebe, und wo es liebt, sucht es Versöhnung! Alimèe Duc in der„Pädagogischen Zeit“. Der Begriff der Pferdestärke. In der Technik spielt bekanntlich der Be⸗ griff der Pferdestärke eine große Rolle. Eine Pferdekraft ist nun diejenige Kraft, die in einer Sekunde 75 Kilogramm einen Meter hoch zu heben vermag, d. h. sie ist gleich 75 Kilogrammmeter in der Sekunde, während das Pferd in Wirklichkeit höchstens 30 Kilo⸗ grammmeter zu leisten vermag. Wie erklärt sich wohl dieser beträchtliche Unterschied? Der Begriff der Pferdestärke(Horsepower HP) wurde von James Watt, dem Erfinder der Dampfmaschine, eingeführt, und zwar kam er folgenderweise zu dem unrichtigen Maße: Eine der ersten von ihm konstruierten Maschinen sollte in der Brauerei zu Witbread in England aufgestellt werden und dort eine bisher von Pferden getriebene Pumpe in Tätigkeit setzten. Der Brauer wollte nun eine möglichst leistungs⸗ fähige Maschine haben und stellte deshalb die vom Pferde heraufgepumpte Wassermenge in der Weise fest, daß er ein starkes Pferd un⸗ ausgesetzt unter Peitschenhieben volle acht Stunden lang bis zur äußersten Erschöpfung arbeiten ließ. Auf diese Weise war es ihm Napoleon I. dankt ab. Nr. 14. Seite 7. Wohltun mit mir zu versöhnen. Es war Fehler zurück, so kann man ihm die Bitte um möglich, die ansehnliche Menge von 2000 000 1 fruchtlos. Verzeihung etwas erschweren, indem man es] Kilogramm Wasser zu fördern. Das entsprach N einer in der Sekunde vollbrachten Arbeit von 75 Kilogrammmetern und diese Leistung liegt dem Begriff„Pferdekraft“ zu Grunde. Splitter. Wird irgend ein Gedanke europäisch⸗vol ks⸗ tümlich, so kann man eher die Welt vernichten, 1 als aus ihr jenen Gedanken ausrotten. 4 5 1 J J * ** Sei gut, und laß von Dir die We Böses 1 agen; ö Wer eigne Schuld nicht trägt, kann leichter 9 fremde tragen. —— Humoristisches. 1 Beim Examen. Professor:„.. Und 1 Herr Kandidat, wie schützen Sie sich gegen bakterien⸗ haltiges Wasser?“ Kandidat:„Erstens koche ich es, zweitens filtriere ich es!“ Professor:„Und drittens?“ Kandidat: Und drittens trinke ich Bier!“ Ein guter Kerl.„Wie sind Sie nur zu der roten Nase gekommen?“—„Die hab' ich meiner Gut⸗ mütigkeit zu verdanken!“—„Wieso?“—„Meinem 1 Nachbar, dem Kellermeister, hab' ich immer geholfen, 1 Wein abziehen!“ Sie kennt ihn. Mutter:„Warum weinst Du denn, Johanna?“ Tochter:„Weil ich mich mit meinem Willy g'kriegt hab, und jetzt hat er g'sagt, er geht ins Wasser!“ Mutter:„Der wär der Rechte! 0 Der nimmt höchstens ein Brausebad um 10 Pfennig!“ (Fl. Bl.) —.—...... ͤ——— Geschichtskalender. 5. April. 1902: 28 russ. Studenten aus Berlin ausgewiesen. 1901: Sozialistische Wahlsiege in Dänemark. 6. 1897: Pr zeß gegen den Anarchisten Kosche⸗ mann in Berlin. 1528: Albrecht Dürer, ber. Maler,*. 7. 1875: Georg Herweg, Dichter, f.(H. war auch lebhaft an der revolutionären Bewegung 1848 beteiligt). 3. 1902: Wahlrechtsunruhen in Belgien. 1835: Wilh. v. Humbold, Staatsmann und Gelehrter, F. 0. 1865: Ende des amerik. Bürgerkrieges. 1 10. 1898: Wahlaufruf der sozialdemokr. Reichs⸗ 1 tagsfraktion veröffentlicht. 19 11. 1825: Ferdinand Lassalle, 1814: verkaufe ich sämtliche Ware zu bedeutend herabgesetzten Preisen. Günstige Gelegenheit zum Ankauf von Consiuανed en- Geschen hen. D. 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