deb —— ——— Nr. 40. Gießen, den 4. Oktober 1903. 10. Jahrg. dꝛedattion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Sonntags- Mitteldeutsche kitung. Mebafttionssclug Donnerstag Nachmittag 4 5 — a Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Eppedition in Gießen, Rittergasse 17, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33/0 und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. 2 JInserate Die ögespalt. Bei mindestens Fortschritt des Sozialismus. Jenes Schandgesetz, unter dem die deutschen Arbeiter zwölf Jahre lang zu leiden und wäh⸗ rend dieser Zeit die schlimmsten Verfolgungen auszustehen hatten, würde, wenn es noch in Geltung wäre, in wenig Tagen das Jubiläum seines 25 jährigen Bestehens feiern. Vor 25 Jahren, vom 9. bis 16. Oktober fand die zweite Beratung jenes Machwerks statt, das unter dem Titel:„Gesetz gegen die ge⸗ meingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ dem Reichstage vor⸗ gelegt worden war. Nach der am 18. und 19. Oktober erfolgten dritten Beratung gelangte es am letzteren Tage mit 221 gegen 149 Stimmen bar Annahme. Am 21. Oktober 1878 wurde as„Gesetz“ im Reichsanzeiger publiziert und die brutale Verfolgung begann. Wie es ge⸗ handhabt wurde und welche Folgen es zunächst für nunsere Partei und deren Angehörige hatte, darüber finden unsere Leser einiges in dem Artikel„Vor fünfundzwanzig Jahren“ im Unter⸗ haltungsteile der heutigen Nummer. Daß es Bismarck und seinen Trabanten aber auch trotz rücksichtsloser Anwendung dieser furchtbaren Waffe nicht gelang, unsere Bewegung niederzu⸗ schlagen und die Arbeiter dauernd zu knebeln, dafür ist unsere heute mächtig dastehende Par⸗ tei lebendiger Zeuge. Welch ungeahnte Erfolge Part wir feitdem errungen! Unser Hamburger arteiorgan stellte darüber folgende Betrach⸗ tungen an: Ob Fürst Bismarck es damals auf die deutsche Sozialdemokratie allein abgesehen hatte oder ob er den herrschenden Klassen aller Län⸗ der ein Signal zur Bekämpfung der ihm in allen Nuancen gleich tödlich verhaßten Arbeiter⸗ bewegung geben wollte, das sei dahingestellt. Eine besonders weitschauende Auffassung trauen wir ihm in dieser Angelegenheit nicht zu; er konnte der Sozialdemokratie nicht ver gessen, daß sie seine sozialdemogogischen Künste ad absurdum geführt hatte und dafür wollte er sich rächen. Indessen war damals schon die deutsche Sozialdemokratie die Hauptstütze der sozialistischen Bewegung der ganzen Welt ge⸗ worden. Konnte Bismarck die deutsche Sozial⸗ demokratie ins Herz treffen, dann konnte auch die Nachwirkung auf die Arbeiterbewegung aller Länder nicht ausbleiben und der„Her⸗ kules des Jahrhunderts“ hatte dann den Ruhm, sich einer ganzen Zeitströmung mit Erfolg entgegengestemmt und sie abgedaͤmmt zu haben. Denn in den andern Ländern hätte man dann seine Poltzeikünste noch eifriger nachgeäfft, als es tatsächlich geschehen ist. f Aber der mächtigste Staatsmann jener Zeit trug in diesem Kampfe nicht den Sieg davon und die von ihm geächtete Sozialdemokratie hat nicht nur ein Vierteljahrhundert später drei Millionen Stimmen gemustert; sie ist schon längst die stärkste politische Partei im Reiche geworden und giebt unserem politischen Leben überhaupt sein Gepräge. Im verfaulten Oester reich, wo die Bewegung eine Zeitlang, an inneren Zwistigkeiten erschöpft, fast stille zu stehen schien, ist sie zu einer bedeutsamen politischen Macht herangewachsen, die dem herrschenden System heftige Kämpfe geliefert und ihm manch Zu⸗ geständnis abgetrotzt hat. haben leider nationale Zwistigkeiten die Ent⸗ wicklung der Bewegung gehemmt. In Un⸗ garn, wo man früher nur kleine sozialistische Gruppen kannte, nimmt die Sozialdemokratie stetig zu und hat es zu einer Organisation der ländlichen Proletarier gebracht, was in einem industriell noch weniger entwickelten Lande ge⸗ wiß etwas heißen will. In Italien hat die Sozialdemokratie gleichfalls eine Organi⸗ sation des Landproletariats geschaffen und hat dort so gewaltige Fortschritte gemacht, daß sie einen Machtfaktor bildet, mit dem alle Re⸗ gierungen rechnen müssen. Die Politik des italienischen Bismarck, des bekannten Crispi, hat in gleichem Maße Fiasko gemacht, wie die seines deutschen Vorbilds, trotzdem sie noch er⸗ heblich brutaler und grausamer war. In Frankreich hatte die Sozialdemokratie vor 25 Jahren noch unter den Nachwehen des niedergeworfenen Kommuneaufstands zu leiden. Sie arbeitete sich dann aber rasch wieder em⸗ por und wird, wenn sie erst ihre innere Zwistig⸗ keiten überwunden haben wird, in Frankreich die Republik zur Wahrheit machen, und die große sozialökonomische Reform in die Hand nehmen. Auch in Frankreich, wo schon so früh sozialistische Bewegungen sich zeigten, hat die sozialistische Bewegung noch niemals auch nur entfernt den Umfang von heute erreicht gehabt. In England wurden die Arbeiter nach der großen Niederlage des Chartismus auf das gewerkschaftliche Gebiet gedrängt, wo sie ihre großen Erfolge erreichten. Die So⸗ zialdemokratie schritt dort nicht in dem Maße vor wie in andern Ländern. Aber der Augen⸗ blick ist nicht fern, da die englischen Arbeiter wieder eine selbständige politische Partei aus sich heraus bilden werden, und diese Partei wird eine außerordentliche Machtstellung ein⸗ nehmen; sie braucht dieselbe nur zu ergreifen. In Belgien war vor 25 Jahren die so⸗ zialistische Bewegung klein und heute erstreckt sie sich über das ganze Land. Die Partei wird dort so lange mit der klerikalen Reaktion kämpfen, bis diese niedergeworfen ist. In Holland ist die Bewegung auch als solche eminent gewachsen; indessen wird sie zur⸗ zeit noch gelähmt durch das Hineintragen des anarchistischen Elements. Wenn dieser Konflikt überwunden, wird sich auch dort rasch die So⸗ zialdemokratie entwickeln. In Spanien wo die Anarchisten viel Verwirrung anrichten, kann die Bewegung nur langsam vorwärts kommen, aber sie geht vorwärts; in Portu⸗ gal desgleichen. In Dänemark ist die Sozialdemokratie immer sehr stark gewesen und wird von Jahr zu Jahr stärker. In Schweden hat sie große Erfolge aufzuweisen und in Nor⸗ wegen desgleichen; erst in diesen Tagen hat sie dort glänzende Siege bei den Parlaments⸗ wahlen erreicht. Ebenso schwillt die Bewegung in Ser⸗ bien, Bulgarien und Griechenland an, und in Rußland, wo man einfach alles unterdrückte und in Sibirien begrub, was nur sozialistisch angehaucht erschien, zeigt sich heute eine phänomenale sozialistische Bewegung klassen⸗ bewußter Arbeiter, die dem russischen Despotis⸗ mus mit seinen Polizeikosaken über den Kopf zu wachsen im Begriffe ist. In Nordam erika ist der Sozialismus noch nicht, was er dort In Böhmen! sein könnte; es liegt wohl an den Nationalitäts⸗ und Sprachverschiedenheiten. Immerhin aber ist der Sozialismus dort auf dem Wege, eine bedeutsame Macht zu werden. Sehr gute Fortschritte hat der Sozialismus auch in Australien gemacht, sein Einfluß auf das öffentliche Leben und die Gesetzgebung macht sich oftmals bemerkbar. In Japan besteht eine vollständige sozialistische Organisation von bedeutendem Umfang. Es muß als ganz besonders bedeutsam her⸗ vorgehoben werden, daß in allen diesen Be⸗ wegungen, wenige Länder ausgenommen, der wissenschaftliche Sozialismus domi⸗ niert. Der Versuch, die große Bewegung durch den Anarchismus zu spalten, den einst Bakunin unternahm, ist gescheitert. Mit den genannten Ausnahmen umschlingt alle diese Bewegungen und Organisationen ein geistiges Band und ihre Solidarität kann durch nationale Vorurteile nicht erschüttert werden. Das Wort von Karl Marx:„Prole⸗ tarier aller Länder, vereinigt euch!“ hat sich bis zu einem gewissen Grade schon erfüllt; die klassenbewußten Arbeiter fast aller Kulturländer bilden die große Bewegung, die überall auf die Befreiung des Proletariats aus politischen und ökonomischen Fesseln ge⸗ richtet ist. Eine solche Bewegung hat die Welt noch nicht gesehen; sie ist neu, eigenartig und selbständig, und deshalb versagen ihr gegenüber auch die Mittel der alten Staatskunst, welche stets dieselben geblieben sind. Darin liegt unsere Zubversicht. Gießen, 1. Oktober. Die Einberufung des Reichstages erfolgt diesmal wahrscheinlich erst am 1. Dez. Unter den Vorlagen wird sich eine uach Neu⸗ jahr einzubringende Militärvorlage be⸗ finden, die bis jetzt noch nicht definitiv fest⸗ gestellt ist, deren Grundzüge jedoch bereits be⸗ stimmt sind und zwar ist eine Erhöhung der Friedenspräsenzstärke„nicht über 10000 Mann“ vorgesehen. Millionenopfer für Mordwerkzeuge! Von Einführung neuer Kan onen war schon seit längerer Zeit die Rede und es hat damit seine Richtigkeit, obwohl die dies be⸗ züglichen Meldungen von halbamtlicher Seite bestritten wurden. Jetzt wird der„National⸗ zeitung“ aus Essen geschrieben, daß dem Reichstage im nächsten Frühjahr eine Vorlage zugehen wird, die 12—15 Millionen Mark for⸗ dert für die Einführung der Rohrrü cklauf⸗ geschütze.— Die jetzt im Gebrauch befind⸗ lichen Geschütze sollen dazu umgeändert werden und das Vergnügen kostet 2000 Mk. für jedes. Natürlich wird der Firma Krupp der Haupt⸗ teil der Arbeit zugewiesen werden.— Eine Menge notwendiger Kulturaufgaben wären zu erfüllen, dafür ist aber niemals Geld da! Die Kulturfeindlichkeit des Militaris⸗ mus zeigt sich nicht nur in dessen unmittelbarer Wirkung, wie sie uns schreckenerregend in den Soldatenmißhandlungsprozessen, in den Mord⸗ — 8 37 1 3 10 ö 20 5 94 110 0 1 13 . 4 F 5 0 . . N 5 N W N 1 1 5 —— 8 5 N 1 — 1 E — — 5—— 5 8— —— 28———— 1 1——* 8 3 5 8 dere eue— 8 N 3 . 7 Selte 2. Mitteldentsche Tonntags⸗Zeitlung. Nr. 40. taten bez Hülssener, Brülsewitz usw. entgegen— tritt, sonbern auch in der Verwüstung, die„im mllitärischen Juteresse“ in welten Lanbstrichen angerichtet wirb. Mehrmals haben wir schon Falle angeführt, daß fruchtbare Länberelen, blühende Geftlbe in eine Wüstenet verwandelt wurben, ganze Dörfer vom Erbboden ver— schwinden mußten, well abermals ein Truppen— bun platz notwenbig wurbe. Nun fängt man aber schon an, bie Manbver so„krtegsmäßig“ zu gestalten, daß welt und breit alles ver- wllstet wird. Eln Velsplel set hier angeführt: Am verflossenen Dleustag fand im Manöver- elänbde bel Eppingen ein Scharfschießen er Artillerie bes XIV. Armeekorps statt, über bas eln Helbelberger Blatt folgendes Bilb entwirft: „An ber alten Straße von Elsenz nach Eppingen sah's graustg aus: Bäume liegen massenhaft 14 len am Voden, in der Straßenbecke tlese Locher, ein Bild groß- artiger Zerstörung, unb dabetl nur eln schwaches Bilb, denn bie Granaten waren ulcht mit bem furchtbar wirkenden Pikrin, sonbern nur mit Schwarzpulver gelaben, das heißt, ez wurde bie sogenannte Exerztermunttlon ehraucht. Elin Jammer ist es um die e O b sthäume. Eln solcher Vlrubaum in vollem Ertrag liefert 10 bis 12 Zentner mit Leichtigkeit; der Zentner zu Mk. 4 bis Mk. b gerechüet, beträgt ber Schaben Mk. 40 bis Mt. 50 pro Jahr. Da es 15 bis 20 Jahre bauert, bis ber aan bang in vollen Ertrag kommt, so beträgt die Eutschä— bilgungssu mme fllt einen Vaum Mk. 600 bis Mk. 800, wobei die geringen ne welche der Ersatzbaum schon vor bem 20. Jahre llefert, in Anrechnung 100 bracht sind. Man kann sich danach ein Bild von den Kosten machen, welche allein aus den vernichteten Obstbäͤumen erwachsen. Dann dle 0 durch das Heraufholen der schlechten und burch Belsesteschaffung der guten Erde unfruchtbar gemachten Aecker! End— lich der Schaden an den Früchten; da kann man mit Recht sagen: das ist eln teures Schleßen!“ Das deutsche Volk quält sich gerade lu der gegenwärtigen Zelt der Zollkämpfe mit dem Problem ab, wie der lanbwirtschaftliche Ertrag der. Erde 1 N 7 und die Volks- ernährung mehr als bisher von der Zufuhr ausländischer Produkte unabhängig J werben kaun. Und im 6 551 Augenblick sleht unser„herrliches Krkegsheer“ seine erhabenste Aufgabe darin, mit plumpen Tritt die mit dem Schweiß des Bauern getraͤnkten Kulturen uleberzustampfen, innerhalb weniger Minuten bie Arbelt ganzer Generatlonen zu vernichten! Und die unleren Volksschichten, auf denen dle Last der ludtrekten Reichssteuern ruht, und deren Söhne der Moloch Milttartsmus im produkttpsten Lebensalter lange Jahre zu solch kulturwidriger Herstörungsarbelt unter die Fahne zwiugt, ste miüssen für die Kosten dieser teuern Späße aufkommen. Für jeden mit fünf gesunden Stunen be— abten Menschen erglebt sch aus diesen Tat- 0 bie MWiderstunigkelt und Kulturfelndlich— elt dess Mllitartsmus, auf dessen 0 ung mlt hinzuarbeiten, jeder Denkende für Pflicht halten muß, eine Schlimmer als in Rußland! So wird mancher ausrufen, wenn er von dem surchtbarenKrlegsgerlchtsurtell Keuntuls erhält, das am Samstag in Heldel— berg gefällt wurde. 4 Soldaten waren wegen Meuterel, Aufwiegelung und tätlichen Augrlsse gegen Vorgesetzte augeklagt. Dle bler, dle in bdlesem Herbste eutlassen worden wären, hatten ich im lebermute während der Manöber au lnterosstzteren vergrissen, ohne einem erustlichen Schaden zu tun. Ste sollen in elnem Manöver— quartlexe, nachdem sle eln Gasthaus besucht, einen Ueberfall auf den Einjährig-Frelwllligen Unterosftgler Petertz verabredet haben. Auf dem Werd bewarsenste zweb andere vorübergehende 1 nteroffszlere mit Steinen, ohneste zutressen oder gar zu verletzen. Dann lauerten sle an elner dunklen Ecke bec Straße dem Peters auf, der aber nicht kam; einem vorübergehenden Sergeanten warfen ste einen Knüppel nach, ebenfallsohne ihn zutreffen.— Für diese zweifellos Fafpase Handlungen, durch die aber doch weiter keinerlet Schaden angerichtet wurbe, 1 75 daß Gericht folgende grauenhafte Strafen: ber Grenabter Keinarth erhielt 10 Jahre Gefänguts, die Grenabiere Oehler und Habich je 6 Jahre, der Grenadter Fein⸗ auer 3 Jahre und 9 Monate. Also zu⸗ sammen 28 Jahre 9 Monate Gefängnis für zwei Stockhlebe, die sie dem Unterofft⸗ zter Peters F Begrelflicherweise hat diesez selbst vom Standpunkt ber militärischen 9571— empörend 5 Urteil bie größte Aufregun 1 Mit Recht vergleicht man damit die 0 gellnben Strafen, die öfters wegen roher Mißhandlun Untergebener e wurden. So erhie kürzlich ein Unterofflzter, der einen Rekruten durch 1 zum rel mord ge⸗ trieben hatte, 14 Tage Mitttelarest; der von dem Kabetten Hüssener deheneen Totschla wurde mit 2 Jahren und 1 Festungshaft also eine Art Erholungsferlen— als ge⸗ sühnt betrachtet; für Jö seh r schwere und 1000 leichtere Soldatenmißhandlungen— zum Teil mit töblichem Ausgang wurde der Unter⸗ offtzler Breldenbach vor wenigen Tagen zu Jahren Gefänguts verurteilt: und neben dlese Urtelle halte man die furchtbare Härte des Urteils 175 ble leichtstunigen Jungenstreiche angetrunkener Soldaten! Ist's da ein Wunder, wenn in welten Volkskrelsen die 17 0 entsteht, es gebe zwelerlet Maße für die Justiz Wegen Soldatenmißhandlungen wurden nach einer Statlstik, nicht weniger als 50 Jabre 10 Monate Fre ee selt dem ersten Januar dieses Jahres bis Ende September verhängt! Dabel muß in Betracht gezogen werden, daß man in den 1 15 Fällen außerorbentliche Milde walten ließ, daß oft genug iran erfolgte. Diese Strafen verleilen sich auf 160 Fälle von Soldatenquälerelen. Traurige und für eine Kulturnation höchst be⸗ schämende Tatsachen sind es, welche durch diese Statlstik festgestellt werden! Wirkungen der ien Hunger; politik. Einen gar nicht unbedeutenden Rück 17 des Fleischkonsums konstatiert das kürzli erschlenene fablsische Jahrbuch für Sachsen. Mie unser Dresdener Partelorgan daraus mit⸗ tellt, ging besonders der Verbrauch an Schweine⸗ slelsch zurück. Im verflossenen 477 flel der Gesamtflelschverbrauch von 25,0 Kilogramm auf den Kopf der Bevölkerung im Jahre 1901 auf 28,3 Kllogramm im Jahre 1902. Eine große Schuld daran 1 zwelfellos neben der Wirtschaftskrise die künstlich durch die Grenz⸗ sperre herbeigeführte Fleischteuerung. 118 Rückgang des Flelchkousums— über b Pfd. bro Kopf der Bevölkerung— kann auch ble geriuge Steigerung von reschlich 1 Pfd. Miadsleisch(bon 14,0 Kllogramm auf 156,5 Kilogramm) bei weitem nicht wettmachen. Ferner muß man bedenken, daß dle Besttzenden ihren Flelschverbrauch auch bel hohen Preisen nicht elnzuschraͤnken brauchen, daß bet der Be— völkerung alle Kinder ꝛ6., die gar keln Fleisch geuteßen, mitgerechnet find. adurch kommt eln viel größerer Rückgang des Fleischkonsums * ben Verbrauchern aus der Arbeikerbevölkerung heraus. Diese Zahlen bllden eine ebenso deutlich redende wie heftige Anklage gegen die unver⸗ schämten Agrarter, die während der Not des Volkes mit Hilfe der Absperrungspolitik ihren Beutel zu füllen suchen und sich der Aufhebung der künstlichen Schranken gegen die Elusührung billigen ausländischen Fleischeg nutt junkerlicher Herzlosigkelt entgegenstemmen. Kalser⸗Insel⸗Prozest. Freitag voriger Woche hatten sich die beiden Redakteure des„Vorwärts“ Leld und Ka⸗ llt wegen der Mittellungen zu verantworten, die der Vorwärts über den angeblich geplanten Bau einer kaiserlichen Burg auf der Havelinsel Pichelswerder machte. Später führte das Blatt noch einen Entwurf im Bilde vor, bezüglich dessen angedeutet wurde, daß damit Pichels⸗ werder gemeint sein könnte. Der Oberstaats- anwalt, der die Anklage persönlich vertrat, be⸗ hauptete, daß die Tendenz der Artikel dahin gehe, den Katser 61 als denjeni 17 zu be⸗ zeichnen, der die„höchst sonderbare lde“ ent- worfen habe unb betreibe. Die Ausdrücke 5„Hofleute“ ꝛc. bedeuteten eine nur vorsichtshalber beltebte Verhüllung. Die vom 2215 gewollte W der Kaiserinsel⸗ Artikel auf den Kalser selbst leuchte deutlich hervor. Die Artikel selen 15 den Kaiser be⸗ leldigend, denn es werde ihm angedichtet, er sei gesonnen aus wahrhafter Angst vor dem Aufruhr auf den Plan gekommen, zu seinem Schutz, nötigenfalls unter Mißachtung der Ge⸗ setze, sich 12 die zu einer 77605 verwandelte Havelinsel Pichelswerder zurückziehen und streng von der Außenwelt abzusperren, um beim Aus⸗ bruch einer Revolution in kurzester Zeit Truppen um die Insel W zu können.— Die Angeklagten bestritten, daß die inkriminlerten Artikel sich auf den 10„ beziehen, sie wollten den Beweis erbringen, daß tatsächlich in We kreisen solche Pläne erörtert wurden.— Die als Zeugen vernommenen Hofbeamten und Militärs erklärten, von diesen Plänen nichts gehört 1 haben. Schließlich wird der Termin bis Oktober vertagt. Meinungsfreiheit des Reichsbeamten. Gegen den Oberpostsekretär Richard Wag⸗ ner aus Hanau erkannte die Disziplinarkammer in Kassel auf Dienstentlassung ohne Pension wegen„unwürdigen Benehmens“. agner habe sich gegen Treue und Gehorsam, wie ste von Beamten erheischt werde, 77 0 vergangen. Er habe zwel sozlaldemokratische Tendenzen atmende Schriften, ein Epos„Das Evangelium der Verachtung“ und eine Prosaschrift„Aether und Wille“ verfaßt und herausgegeben und in einer Wählerversammlung in Hanau gelegent⸗ lich der letzten Reichstagswahl ein Hoch auf die revolutionäre sozlaldemokratische Partei aus⸗ gebracht habe, mit dem Zusatz, daß das Bürger⸗ tum morsch sei. Wagner, der sich geschickt ber⸗ teldigte, bekannte sich als Sozialdemokrat. Selne Pflichten als Beamter habe er nicht verletzt, da er es wohl miteinander vereinbar 135 ohne an Achtung zu verlieren, Post⸗ eamter und zugleich Sozialdemokrat zu sein. Doch es 115 nichts, noch nicht einmal eine Penston billigte man dem Manne zu, der 14 Jahre lang 44 Pflicht gewissenhaft er- 55— So achtet man die von der Verfassung edem Staatsbürger garantierte e heit! Ist das nicht n Terrorismus als derjenige, den angeblich die Sozlaldemo⸗ kratie gegen ihre Angehörigen ausüben soll? Nackteste Klassenjustiz kommt in einem Urtelle zum Ausdruck, das in Crimmitschau in Sachsen, wo der Streik der Textilarbeiter noch immer andauert, gegen elne Arbeiterin gefällt wurde. Die betreffende sollte Streikposten gestanden haben und wurde deswegen von einem Schutzmann arre— tiert. Man diktierte der 19 7% 1 Tag Haft zu, obwohl ste bestritt, als Streikposten sic oel zu haben. Der Amtsanwalt leistete ich bel Begründung der Anklage u. a. den netten Satz:„Eine Hausfrau, welche sich von halb 9 Uhr bis in die 10. Stunde(morgens!) auf der Straße herumtreibe, könne keine ordentliche Hausfrau sein, diese gehöre ins Haus!“ Und zur Begründung des Urtells wird 1 Es sei gleichgültig, ob die Angeklagte Streikposten gestanden habe oder nicht. Dus cable ht nehme an, daß sie das getau habe. Sse habe sich gegen die Straßenpollzeiordnung vergangen, ungehor⸗ sam gezeigt. Die Angeklagte sei aber auch hart⸗ näcklig und un 1 5 gewesen. Dieser Un- Feb a müsse bestraft werden. Bei dem ehlgen Streik, welcher mit g großsse wirlschaftlichen Schaden verknüpft sel, müsse man durch Verhängung von Freiheits⸗ Nr. 40. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 3. woe dem Gesetz mehr Achtung zu ver⸗ chaffen suchen!— Den Arbeitern gegenüber hat man nicht nötig, den„Gesetzen Achtung zu verschaffen“; weil sie von denen ohnehin respektiert werden. Durch das Urteil müssen aber die Unternehmer noch mehr in ihrer Meinung befestigt werden, daß nämlich die Rechtspflege die Aufgabe hat, für die Inte⸗ ressen des Unternehmertums zu arbeiten. „Bessere Leute“ im Gefängnis. Am 24. September war des Dreschgrafen Pücklers Festungshaft in Weichselmünde abgelaufen. Schon vorher hat aber das Gräf⸗ lein in Danzig bei der Enthüllung des Kaiser Wilhelm⸗Denkmals frei und offen vor aller Welt im Frack und Claque an dem offiziellen Festessen teilgenommen, an welchem sich die Spitzen der kommunalen und militärischen Behörden und auch die Minister v. Podbielskt und Freiherr v. Rhein⸗ baben beteiligten.— Graf Pückler war bekannt⸗ lich zu Gefängnishaft verurteilt worden und wurde dann zu Festungshaft begnadigt. Sehr wohl hat sich auch der Mordprinz Arenberg im Gefängnis zu Hannover be⸗ funden. Es ist deswegen auch eine Untersuchung gegen eine Anzahl Gefängnisbeamte eingeleitet und 10 00 Aufseher sind bereits mit Dis⸗ ziplinarstrafen belegt worden. Erwiesen ist, daß Arenberg niemals Gefangenen⸗Kost, sondern stets Krankenkost während seines Aufent⸗ haltes im Hannoverschen Gerichtsgefängnis be⸗ kommen hat. Er hatte einen Mann zu seiner Bedienung zu seiner Verfügung, und abends hat er mit anderen Karten gespielt und Bie unten Ihm ist eine ech ver bietige Behandlung zuteil geworden und war freie Bewegung innerhalb der Gefängnisanstalt gestattet, die den Begriff Ge⸗ fangenschaft mindestens erheblich abschwächt. Er hat sich übrigens über seine Unterbringung in Tegel namentlich aber über den Verlust der in Hannover genossenen Vergünstigungen sehr geärgert, denn in der Nacht vor seiner Fort⸗ kransportierung hat er in seiner Zelle fort⸗ gesetzt getobt und alles, was er erreichen konnte zertrümmert. Was hättte man in diesem Falle mit jedem andern Gefangnen gemacht. Auch ein„Wahlrecht“. In Sachsen, wo man vor wenigen Jahren das erbärmliche Dreiklassenwahlrecht einführte, um die verwünschten Sozialdemokraten aus dem Landtag hinauszutreiben, hat man eine andere gleichfalls sehr nette Sorte„Wahlrecht“ in Vorschlag gebracht. An dem famosen von von Preußen abgeguckten Dreiklassensystem haben nämlich auch die Ordnungspaxteien einen Ekel bekommen, seitdem sie bei der Reichstagswahl einen so empfindlichen Denkzettel erhielten. Dem Entwurf liegt ein Kuriensystem zu Grunde, und zwar sollen 5 Standeskurien und eine Kurie des allgemeinen Wahlrechts gebildet werden. Die Kurie des allgemeinen Wahlrechts hat 18 Abgeordnete zu ernennen. Die übrigen 5 Kurien sollen durch Wahlen etwa aus fol⸗ en Berufskreisen hervorgehen: 1. Handel, Handwerk, 3. Landwirtschaft, 4. Beamte und Angestellte, 5. Reserveofftziere, Professoren und sonstige Notabilitäten. Natürlich handelt es sich nicht um einen schon zur Vorlage fertigen Ent⸗ wurf, sondern nur um die Grundzüge der Wahlreform, wie sie in diesem Augenblick am meisten Aussicht haben, von der sächsischen Regierung den Kammern vorgeschlagen zu werden. Dem Volke eine diese Karrikatur eines Wahlrechts zu bieten, dazu gehört schon eine ziemliche Kühnheit. Unsere Genossen wer⸗ den in der Agitation für das allgemeine, gleiche geheime und direkte Wahlrecht nicht erlahmen. Landtagswahlen in Baden. Nach einen Mitteilung des badischen Mini⸗ steriums sollen die Wahlmännerwahlen für die Ersatzwahlen zur zweiten Kammer am 31. Oktober stattfinden, während für die Abgeord⸗ netenwahlen der 11. November in Aussicht ge⸗ nommen ist. Ausland. Die französischen Sozialisten der Richtung Guesde⸗ Vaillant— das sind die sogenannten Marxisten, die Antimini⸗ steriellen, die im Gegensatz zu der von Jaurèes eführten Partei der„Unabhängigen Sozialisten“ 555— hielten am letzten Sonntag und fol⸗ gende Tage in Reims ihren Kongreß ab. Am Sonntag fand eine große von ca. 2000 Personen besuchte Volksversammlung statt, in welcher u. a. der alte Vaillant, Jules Guesde, Lafarque, sowie der Bürger- meister Delory von Lille begeistert auf⸗ 0 Ansprachen hielten.— Am Montag eschloß der Kongreß, der deutschen So⸗ zialdemokratie im Hinblick auf den Dres⸗ dener Parteitag eine Glückwunschadresse zu schicken. Verurteilung serbischer Offiziere. Eine Anzahl der jünst wegen„Verschwörung“ verhafteten Offtziere der Garnison Nisch wurden zu Gefängnisstrafen bis zu zwei Jahren ver⸗ urteilt. Diese Leute hatten verlangt, daß die Königsmörder nicht vor den andern Offizieren bevorzugt würden. Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. Ein Arbeitersekretariat wurde in Leipzig errichtet. Es ist dies das erste derartige Institut in Sachsen. Die Wahl des 1. Sekretärs fiel auf Genossen Dr. Dunker mit 42 Stimmen, die des 2. Sekretärs auf Genossen Zipperer(Buchbinder) mit 36 Stimmen. Für den I. Sekretär wurde der Aufangsgehalt auf 2500 Mark, für den 2. Sekretär auf 2000 Mark festgesetzt. Gewerbegerichtswahlen nach dem Proportional⸗System wurden vorige Wache in Osnabrück, dort zum ersten mal, vorgenommen. Von 1532 eingetragenen Arbeit⸗ nehmern stimmten 976, von 332 eingetragenen Arbeitgebern nur 54 ab. Die Liste der Arbeitgeber ing einstimmig aus der Wahl hervor; dagegen 1 5 916 von den Arbeitnehmern 658 für den Sozialdemokraten und das Gewerkschaftskartell, 318 für die von den christlichen und Hirsch⸗ Dunckerschen Gewerkvereinen aufgestellte Liste. Nach dem Verhältnis berechnet sind von den 15 Arbeitnehmern⸗Beisitzern rund 15 gleich 10 den Sozialdemokraten usw.,/ gleich 5 den christlichen und Hirsch⸗Dunckerschen Gewerk⸗ vereinen zuzuzählen. Berliner Omnibus ⸗Kutscher be⸗ finden sich im Streik. Sie verlangen eine Herabsetzung ihrer 16—17 stündigen Arbeits⸗ zeit. Die Omnibus⸗Gesellschaft lehnte die Ver⸗ mittelung des Gewerbe⸗Gerichts ab, deshalb wandten sich die Arbeiter an den Oberbürger⸗ meister. Ob es hier zu einer Einigung kam, darüber liegt noch keine Nachricht vor. von nah und Lern. Hessisches. — Wegen der Ausweisung der russischen Studenten und des Vor⸗ gehens der Darmstädter Polizei gegen dieselben anläßlich des Zarenbesuchs beabsichtigen unsere Parteigenossen im Landtage zu interpellteren. b einer Eisen bahn Grünberg⸗Lich haben die Abg. Köhler und Hirschel im Landtage beantragt. Gießener Angelegenheiten. — Parteiversammlung. Vorigen Samstag waren zu der einberufenen Partei⸗ versammlung, in welcher unser Delegierter über den Parteitag berichten sollte, die Parteigenossen infolge ungenügender Bekanntmachung nicht in wünschenswerter Anzahl erschienen. Deshalb wurde eine Wahlvereinsversammlung abgehalten, in der man Vereinsangelegenheiten erörterte und außerdem beschloß, die Parteiversammlung am Montag 5. Oktober abzuhalten. Als einziger Punkt steht der Bericht vom Parteitag auf der Tagesordnung und es wird erwartet, daß sich die Parteigenossen, recht zahlreich einstellen. — Die Generalversammlung des Kon⸗ sumvereins für Gießen und Umgebung, die am Sonntag Vormittag in Lony's Bierkeller stattfand, war ziemlich zahlreich besucht. Nach Verlesung des Proto⸗ kolls der vorhergegangenen General⸗Versammlung, gegen das sich kein Widerspruch erhob, erfolgt der Bericht des Geschäftsführers. Daraus ist hervorzuheben, daß sich das zweite Geschäftsjahr bedeutend günstiger als das erste gestaltet habe. Eine nicht geringere Steigerung der Mitgliederzahl— von 172 auf 238— hat statt⸗ gefunden, wenn auch der Umsatz im Verhältnis dazu nicht Schritt hielt. Trotzdem stieg derselbe auf 25 000 Mk. Mit einer Reihe Geschäfte(Schuh-, Mode-, Brot⸗ und Fleischwaren ꝛc.) sind Abmachungen getroffen, wonach den Konsumvereinsmitgliedern auf entnommene Waren Rabatt gewährt wird. Obwohl diese Vereinbarungen erst jüngeren Datums sind, beträgt der Wert der in solchen Geschäften von Mitgliedern gekauften Waren bereits über 3300 Mk. Der Gesamt⸗Umsatz betrug rund 25000 Mk. im verflossenen Geschäftsjahre, der indessen nur den verhältnismäßig geringen Reingewinn von 593 Mk. brachte. Bezüglich der übrigen Zahlen sei auf die bereits veröffentliche Bilanz hingewiesen. Nach der Inventur am 30, Juni stellte sich bedauerlicherweise ein recht erhebliches Manko für den Lagerhalter heraus. Der Vorstand sah sich veranlaßt, hierüber dem Aufsichts⸗ rat Mitteilung zu machen, worauf nochmals eine gründ⸗ liche Inventur vorgenommen und auf Grund der Er⸗ gebnisse derselben die Abrechnung von neuem aufgestellt wurde, die man von einem Sachverständigen prüfen ließ. Es ergaben sich aber nur ganz unwesentliche Differenzen. Der Vorstand und Aufsichtsrat sah sich daher genötigt, zur Entlassung des Lagerhalters zu schreiten. Letzterer habe übrigens das Manko zum größten Teile gedeckt. — Ueber den Geschäftsbericht entspinnt sich eine sehr lebhafte Debatte. Herr Löb fragt, wie ein so großes Defizit entstehen könnte, es müsse eine schärfere Kontrolle stattfinden. Aehnlich sprechen sich Siller, Lüder, Koch und Andere aus. Geschäftsführer Keßler sowie der Vorsitzende des Aufsichtsrats geben erschöpfende Auskunft. Dir Kontrolle sei nicht leicht, konnte aber kaum besser geübt werden, als es geschah. Für die Folge soll aber jährlich zweimal Inventur gemacht werden.— Der Be⸗ richt des Geschäftführers und Kassierers wird genehmigt. Zum zweiten Punkt der Tagesordnung wird beschlossen, eine Dividende von 2% zur Vertellung zu bringen.— Die beiden ausscheidenden Aufsichtsratsmitglieder Bock und Andreas werden wiedergewählt, sowie Georg Baum an Stelle Petersen, der den Lagerhalterposten übernommen hat. Als Ersatzleute werden Krug, Männche und Müller bestimmt.— Von Keßler und Vetters wird noch darauf hingewiesen, daß in heutiger Zeit, wo die Lebensmittelpreise durch Zölle künstlich gesteigert werden, während die Arbeitslöhne eher sinkende Tendenz zeigen, der Minderbemittelte deshalb suchen müsse, eine weitere Verschlechterung seiner Lebenshaltung zu verhüten, der Konsumverein eine Notwendigkeit sei. Jedes Mitglied möge für die weitere Ausbildung desselben das Möglichste tun, indem er nicht nur seinen Bedarf im Konsumladen decke, sondern auch dem Verein neue Mitglieder zuführe. Wenn jeder in diesem Sinne wirke, würden allen Mit⸗ gliedern wesentliche Vorteile erwachsen. — Sehr guten Geschäftsgang hat, wie in der„Frkftr. Ztg. bericht wird, das Gießener Braunsteinwerk vormals Fernie zu verzeichnen. Danach ist nicht nur die ganze Förderung für dieses Jahr schon verkauft, sondern es ist auch schon die Lieferung von 123000 Tonnen für 1904 zu guten Preisen abgeschlossen. Das Werk kann kaum die Nach⸗ frage bewältigen.— Nun sollte man meinen, daß auch die Arbeiter etwas davon profi⸗ tierten. Das ist aber keineswegs der Fall; über die auf dem Werk gezahlten niedrigen Löhne sind uns wiederholt lebhafte Klagen von Seiten der Arbeiter zugegangen. — Berichtigung. In Nr. 37 d. Bl. brachten wir eine Notiz, welche sich mit der Entlassung eines Arbeiters im städtischen Elektrizitäts werk beschäftigte. Wir werden nun von Parteigenossen gebeten, den Artikel dahin zu berichtigen, daß der entlassene Arbeiter sich schon längere Zeit recht grobe Nachlässigkeiten zu Schulden habe kommen lassen, die teilweise so ernster Natur gewesen seien, daß sie nicht unbedenkliche Gefahren für ihn selbst, seine Mitarbeiter und den ganzen Betrieb herbeigeführt hätten. Es sei dem Be⸗— treffenden, nachdem er oft genug gewarnt wor⸗ den, durchaus kein Unrecht geschehen.— Wir haben keine Neranlassung an der Richtig⸗ keit dieser Mitteilungen zu zweifeln, deshalb ä—-᷑—— 2——— —.————..—————— — ——— — 8 ———— Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗ Zeitung. 9 e Nr. 40. nehmen wir umso lieber die erhobenen Angriffe gegen die städtische Verwaltung zurück, als es uns peinlich ist, ihr Scharfmacher-Praktiken vorwerfen zu müssen. Natürlich bleibt bestehen, was wir über die Notwendigkeit der Organisa— tion der städtischen Arbeiter gesagt haben.“ — Ueber unseren Parteitag stellte der„Gieß. Anzeiger“ in seiner Montags⸗ Nummer folgende tiefsinnige Betrachtung an: „In Dresden ist jüngst trotz aller Ver⸗ brüderungskomödien die Zerflossenheit des inneren sozialdemokratischen Partei— lebens unzweideutig zutage getreten und wird auch von einem großen Teile der Par⸗ teipresse offen zugestanden. Und man beginnt fast allenthalben, nur nicht in den Kreisen der Freikonservativen, einzusehen, daß die herrschende Gesellschaft klug handelt, wenn sie die von ihr innerlich oder doch äußerlich von ihr Abgefallenen nicht nach Verdienst, sondern besser behandelt. Eine Gesell— e die das nicht vermöchte, verdiente nicht zu herrschen.“ In diesen geschraubten Sätzen will der Anzeiger sagen, daß wir besser behandelt werden, als wir es verdienen. Davon haben wir nur leider noch nichts gemerkt, vielmehr zeigen Hunderte von Gerichtsurteilen das Gegenteil. Tausende anderer Beispiele beweisen die Unterdrückungswut und Rachsucht der herr— chenden Klasse. Mit dem„Zerfließen“ wirds; ie sozialdemokratische Partei übrigens nicht so eilig haben. — Die Friedhofsweihe, die nach den Ankündigungen des Herrn Pfarrer Naumann am Sonntag mit 5 und Klang und Glocken⸗ 12 75 stattfinden sollte, ist wiederum unter— lieben und soll nun diesen Sonntag bestimmt vorgenommen werden. Vorher kommt aber der Glad Friedhofskrieg zur Verhandlung in der tadtverordneten-Versammlung, die über den Antrag der Kommission, die Einweihung zu gestatten, zu beschließen haben wird. Daß der Beschluß in diesem Sinne ausfällt, ist so 1 wie sicher. Immerhin dürfte es kaum ohne eine lebhafte Debatte abgehen. Von den from⸗ men oder fromm sein wollenden Stadtvätern werden sich eine Anzahl verpflichtet fühlen, das angeblich gekränkte Recht der Kirche zu schützen. Damit machen sie sich lieb Kind bei den Schwarz— röcken und einige davon benutzen die Affaire zugleich, um sich an Herrn Mecum in höchst unchristlicher Weise dafür zu rächen, daß er ihnen einmal auf die Hühneraugen getreten und ihrer die Gesamtheit schädigenden Spekulationswut Zügel anzulegen suchte. Wird uns doch sogar mitgeteilt, daß die treuen Diener Naumanns eine Auslese„zuverlässiger“ Stadtväter zu ge— heimen Sitzungen zusammengetrommelt haben, um zu beraten, wie man das Ketzergericht recht wirkungsvoll gestalten könne. Die Frommen wollen einen„Ohrenschmaus“ haben! Traurig genug, wenn die Vertreter der Stadt, die berufen sind, die Interessen des Gemeinwesens u wahren, die Rolle von Pfaffenknechten spielen! Von kirchlicher Seite ist getan, was möglich war, Regierung, Kreisamt, Landessynode, Kirchenvorstand sind aufgeboten, um den„katho— lischen“ Bürgermeister als konfessionellen Hetzer darzustellen. Und sobald jemand in Deutschland an konfessionelle Leidenschaften appelliert, kann er des Erfolges sicher sein, da schleppen sogar diejenigen Scheite zur Ketzerverbrennung mit herbei, denen die Religion sonst um ein Linsen⸗ gericht feil ist! —„So, das sind die Lumpen!“ Diese Worte rief ein Feldwebel der hiesigen Garnison aus, als er am ersten Sonntag im Mai einen sich von Wieseck hereinbewegenden Lampionzug wahrnahm und ihm auf seine Frage erklaͤrt wurde, daß dies die Maifeier— hat Jöckel— so heißt der Mann— ein feines Leben geführt, er verstand es auch, die nicht geringen Kosten andern Leuten aufzubürden, dafür suchte er sich aber in menschenfreundlicher Weise die wohlhabenden Offiziere heraus. Mit der Kasino⸗Köchin, seiner zukünftigen Schwiegermutter stand er gewissermaßen im Kartellbertrag; sie sorgte bestens für seinen verwöhnten Magen, er lieferte dafür gute Wein⸗ marken aus dem Kasino-Keller. Besondere Vorliebe hatte er für Champagner. Alles wäre ganz gut und noch lange 0 weiter ge⸗ gangen, wenn nicht neidische Kasino⸗Ordon⸗ nanzen das Spiel verraten hätten. Nun kam der patriotische Mann vor das Kriegsgericht, das ihm ein Jahr drei Monate Gefängnis zu⸗ diktierte und auch die Tressen aberkannte. — Das Schwurgericht verhandelte am Montag gegen die 24jährige Marie Hurna wegen Kindes mord. Die aus der Provinz Posen stammende Angeklagte war als landwirtschaftliche Arbeiterin auf einem Gute in Obbornhofen bei Hungen beschäftigt, wo sie anfangs Juli einem Kinde das Leben gab und es gleich nach der Geburt durch Erwürgen tötete. Sie gesteht die Tat ein, sei aber dabei ihrer Sinne nicht mächtig ge⸗ wesen. Der Verteidiger führt diesen Umstand in seinem Plaidoyer ebenfalls in's Treffen und weist auf den ähnlichen Fall der Baronin v. Seckendorf in Fulda hin, wo man ebenfalls angenommen habe, daß die freie Willensbestimmung der Täterin ausgeschlossen war. Doch die Geschworeneu lassen dies im vorliegenden Falle nicht gelten, sondern sprechen die Angeklagte schuldig, billigten ihr nur mildernde Umstände zu. wird sie zu 3 Jahren Gefängnis verurteilt. Freisprechung erzielte am Dienstag der Bahn⸗ arbeiter Mandler aus Allendorf a. d. Lahn, welcher der Körperverletzung mit tötlichem Ausgang an⸗ geklagt war. Er hatte den als Trinker bekannten Ar⸗ beiter Ulm in einer Wirtschaft in Allendorf aus der Tür hinausgestoßen, daß dieser liegen blieb und bald darauf starb. Bei der Obduktion des Verletzten waren Schädelbrüche festgestellt worden. Mandler behauptete, von Ulm angegriffen worden zu sein. Zu acht Jahren Zuchthaus und zehnjährigem Ehrverlust wird am Donnerstag der Taglöhner Möckel wegen Brandstiftung verurteilt. Er hat z. Zt. die Scheuer an der Rodheimerstraße in Gießen in Brand gesteckt. Dieser Mensch ist schon vielfach wegen allerlei Verbrechen vorbestraft, mit zum Teil sehr schweren Strafen. Von seinem 14. bis 30. Lebensjahre befand er sich nur 4 Jahre in Freiheit! Sollte man es hier nicht mit einem geistesschwachen Menschen zu tun haben? — Das Stadttheater hat am Dienstag die diesjährige Spielzeit eröffnet. Mit dem an diesem Abend Gebotenen hat die neue Direktion sich auf das Beste eingeführt und bei dem gut besetzten Hause einen vollen Erfolg erzielt.„Der zerbrochene Krug“ von Kleist,„Die Geschwister“ von Goethe und Schillers„Wallensteins Lager“ kamen zur Auf⸗ führung, es gelangten also die bedeutendsten deutschen Dichter zum Wort. Alle Mitwirkenden gaben sich redliche Mühe; das Publikum versagte der vortrefflichen Leistung auch seine Anerkennung nicht. Vorher sprach Frl. Hohl einen formvollendeten Prolog, in dem die Künster ihr Bestes zu tun versprechen und in dem am Schluß der sehr berechtigte Wunsch nach einem neuem Hause aus⸗ gesprochen wird. Aus dem Rreise ꝗriedberg-Püdingen. r. Der Wahlkrawall in Burggräfen rode. Zu dem Prozeß, der vorigen Dienstag vor dem Friedberger Schöffengericht abspielte und über den wir in der vorigen Nr. schon kurz berichteten, sei noch folgendes nachgetragen: Der Anklage lag folgender Tatbestand zn Grunde: Am 12. Juni hatte in der zur Wirtschaft Kohl gehörigen Hofraite eine sozialdemokratische Versammlung stattge⸗ funden, zu der sich auch eine Anzahl Oriola-Patrioten eingefunden hatten, um die Versammlung zu stören. Das gelang ihnen aber nicht, vielmehr wurden sie unter Androhung einer Anzeige wegen Hausfriedensbruch zum Verlassen der Hofraite veranlaßt. Schon das hatte ihren Groll erweckt, der am Wahltag noch gesteigert wurde, als ein Angehöriger der sozialdemokr. Partei zur Ueber⸗ wachung der Wahlhandlung erschien. Der Mann wurde fortwährend belästigt. Als abends 22 sozialdemokratische Stimmen gezählt wurden, stieg die Wut aufs Höchste. Auf irgend welche Art wollten sich die Kriegervereinler Demgemäß Kohl vollführten nun die patriotischen Knüppelhelden einen echt kriegervereinsmäßigen Radau. Sie schlugen mit ihren Stöcken gegen die Fenster, Läden und das Hoftor und demolierten diese. Als der Wirt und die Wirtin auf dem Plan erschienen, wurden sie mit Schmäh⸗ reden überschüttet und auch verletzt. Die Haupt⸗ helden, der Bürger meisterssohn Mosche rosch und ein Bauernpatriot Namens Kost, riefen wiederholt: „Raus mit den Busolds Buben, wir schlagen sie Alle tot! Als sie vor der Kohl'schen Wirtschaft ihr Mütchen gekühlt, zogen sie vor das Haus des als Sozialdemokrat bekannten Arbeiters Philipp Stiller und führten dort dieselbe Scene auf. Unter furchtbarem Gebrüll riefen ste:„Heraus mit ihnen, wir schlagen sie Alle tot!“ Als hierauf die Frau Stiller in die Haustür trat, um den Unholden gütlich zuzureden, erhielt sie von dem Sohn des Bürgermeisters Moscherosch einen Hieb mit einem Lattenstück über den Kopf. Der jüngste Sohn des Stiller erhielt vom genannten Moscherosch mit einem Bankbein einen Wurf in den Rücken, daß er eine klaffen de Wunde bekam und das Bett hüten mußte. Wie schreck⸗ lich die Wüteriche gehaust, geht daraus hervor, daß Nachbarsleute der Insultierten sich nicht getrauten, auf das Hilfegeschrei der Bedrängten Hilfe zu leisten. Be⸗ merkenswert ist auch, daß sich während des ganzen Radaus kein Poltizeidiener oder Nachtwächter seh en ließ. Die ganze Art der Inszenierung ließ darauf schließen, daß der Krawall von den„Ordnungs“ helden vorher verabredet und planmäßig organisiert war. Man wollte Rache an den Sozialdemokraten nehmen. Das geht deutlich daraus hervor, daß man sich nicht mit der Demolierung der Kohl'schen Wirtschaft begnügte, sondern auch vor das Stiller'scheßaus zog und dort den Skan⸗ dal fortsetzte. Um so mehr mußte es auffallen, daß die Staatsanwaltschaft in Gießen nicht auf eine Anzeige wegen Landfriedensbruch reagierte, sondern die Anklage nur wegen Sachbeschädigung, Körperverletzung und Ver⸗ uͤbung groben Unfugs erhob. Und zwar klagte sie nicht nur die Kriegervereins-Patrioten an, sondern auch der Gastwirt Kohl und einige Andere der Gegenpartei kamen aufs Bänkchen, obwohl sie nur Angegriffene, aber nicht Angreifer waren. Das wurde in der Verhandlung zeugeneidlich festgestellt. Nur ein einziger von der Kohlschen Seite, der Knecht Blum wurde wegen Verübung groben Unfugs, weil er in der Trunkenheit einigen Radau gemacht hatte, zu 30 Mk. Geldstrafe verurteilt. Auf ihn suchten die Kost, Noscherosch und Konsorten die Hauptschuld an dem Radau abzuwälzen. Er sollte die braven Patrioten gereizt haben. Tatsächlich ergab aber die Beweisauf⸗ nahme, daß diese den Blum in seiner Betrunkenhelt pro⸗ voziert hatten. Natürlich suchten sich die„gutgesinnten“ Knüppelhelden auf alle mögliche Art herauszureden und ihre Hunnentaten zu entschuldigen. Scharf getadelt wurde es vom Gerichtsvorsitzenden, daß sich die Nachtwächter und Polizeidiener so passiv bei dem Skandal benommen hatten. Der Nachtwächter Trabant wollte von gar nichts wissen, obwohl er in der Voruntersuchung ziemlich belastend für die Patrioten ausgesagt hatte. Von dem Amtsanwalt wurde das rohe Verhalten der Angeklagten gebührend gebrandmarkt, wenngleich er wie auch die Verteidiger die Meinung vertraten und mit Eifer ver⸗ fochten, daß Landfrledensbruch nicht vorliege.(2) Aber er hielt für die Hauptschuldigen Gefängnisstrafen schon um deswillen am Platze, weil Geldstrafen sie doch nicht treffen würden, da— wie gesagt worden sei— diese ja doch von anderer Seite bezahlt würden.(II) Rechts⸗ anwalt Stahl als Vertreter der Nebenkläger unterließ es leider, die Rohlinge in gebührender Weise zu kenn⸗ zeichnen. Dagegen bemühte sich Rechtsanwalt Windecker, der Wahlmacher des Grafen Oriola, die Pöbeleien der Burggräfenroder Kriegervereinspatrioten in ein möglichst günstiges Licht zu rücken und als Ausfluß überschäu⸗ menden Patriotismus hinzustellen. Dabei konnte es Herr Windecker nicht unterlassen, auch den beiden So⸗ zialdemokraten Busold und Repp ein paar advokatorische Seitenhiebe zu versetzen. Wohlweislich hatte er es aber unterlassen, sie als Zeugen laden zu lassen. Mancher „dunkle Punkt“ wäre dann jedenfalls aufgeklärt worden. Das Urteil fiel, wie schon gemeldet, sehr milde aus. Landwirt Kost erhielt wegen Sachbeschädigung und Körperverletzung 250 Mk., der Landwirt Richard Moscherosch 150 Mk., der Landwirt Richard Volz 150 Mk., der Schweizer Bender 100 Mk., der Dienst⸗ knecht Konrad Meinhard 50 Mk., der Landwirt Fried⸗ rich Dörr 100 Mk., der Bahnarbeiter Traband 100 Mk. und der Knecht Konrad Blum 30 Mk. Geldstrafe. Die übrigen der soziald. Partei angehörigen Angeklagten wurden freigesprochen. —— —— Luft schaffen, und so zogen sie gegen 11 Uhr Abends aus der Wirtschaft Dörr, wo sie versammelt gewesen waren, mit Stöcken, Latten, Mistgabeln ꝛc. bewaffnet, nach der Wirtschaft Kohl. Einige trugen auch Laternen, um die Situation besser beleuchten zu können. Dort waren in⸗ zwischen fast alle erwachsenen älteren Personen nach Hause gegangen nud nur acht bis zehn junge Leute im Teilnehmer seien. Der sich so hoch über die Maifeiernden erhaben dünkende Stellvertreter Gottes hatte aber das Malheur andern Tags verhaftet zu werden, weil in der Verwaltung des Offiziers-Kasinos, die er inne hatte, nicht alles stimmte. Wegen dieser Sache hatte er h. An die Manövertage und die neuliche f Einquartierung in Wetzlar knüpft sich noch mancher Gesprächsstoff. Wie mancher Minderbemittelte hat sich da Opfer auferlegen müssen, die Manöver samt dem K —— 5 3 1 Aus dem Rreise Wetzlar. N 6 2 5 1 1 sich nun am Freitag vor dem Kriegsgericht] Alter von 17 bis 20 Jahren anwesend, was übrigens,[ganzen Militarismus zum Teufel gewünscht. Aber, die 5 1 u verantworten. Nach dem, was da in der wie behauptet wird, die tapferen Oriola-Anhänger vor- J Soldaten können ja nichts dafür und jeder suchte den„ 110 eweisaufnahme an's Licht gebracht wurde,. ber ausgekundschaftet haben sollen. Vor der Wirtschaft' Leuten, soviel er konnte zu bieten. Umsomehr wird das g 118 1 61 4 —. . daß dle jh. pt. od lt: Alle chen rat dort fen the um dem lt ahn nem ende rech daß auf Be⸗ nen lleh. den, cher war. men. der dern lan daß zelge lage Ver, f sie auch artel aber lung necht ler „ dle dem solen auf pro⸗ den“ und surde ichter Amen gar mich dem agten die ber⸗ Aber schon lacht dlese echlz⸗ erließ kenn⸗ eller . det glccst chu ⸗ le h Go⸗ che abet ancher orbell. auß. und schatb 0 vol! 5 led“ 0 0. Ole lagen euliche uche 1 fc 1 ben l/ 0 0 del 0 0 Nr. 40. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. Verhalten des„patriotischen“ Wirtes„zur Krone“ ver⸗ urteilt, der für andere Einwohner, welche dafür keinen Raum hatten, die Einquartierung übernahm. Für jeden Mann mußte 3,30 Mk. inel Verpflegung bezahlt werden, ein Preis, für den doch etwas verlangt werden kann. Der spekulative Wirt übernahm flugs 30—40 Mann, während er nur für 10 anständigen Raum hat. In⸗ folgedessen war die Verpflegung ze. so mangelhaft, daß die betreffenden Offiziere Ausquartierung anordneten. Dieses Verhalten des Wirtes, dem auch viele Arbelter noch ihre Groschen zu lösen geben, findet allgemeine Verurteilung. t. Aus dem V. nass. Wahlkreise. Für unseren Wahlkreis ist ein Wahlvereen gegründet worden. Vorsitzender desselben ist Richter Hachenburg; Schriftführer Bayer-Dillenburg; Kassterer Trott-Haiger, bei dem die Anmeldungen zu bewirken sind.— An den Landtagswahlen wird sich unsere Partei, wo Aus⸗ sicht vorhanden ist, durch Aufstellung eigener Wahl⸗ männer beteiligen. Die Natlonalliberalen stellen den Amtsrichter Hoffmann— den früheren Reichstags abgeordneten— als Kandidaten auf. Chrlstlich⸗Sozlale, Konservative und Zentrumsbrüder sollen sich, wie es heißt, auf den Landrat v. Wussow⸗ Dillenburg ge⸗ einigt haben.— Möglicherweise gibts aber nicht ein⸗ mal einen preußischen Landrat, der sich mit Hilfe eines solchen pfäfftsch⸗krautjunkerlichen Kuddelmuddels in den Landtag wählen läßt. Oder suchen die Stöckerlaner einen Kanalgegner, der der Regierung mit dem Kanal vor den Bauch stößt?— Um die„Armen im Geiste“ für die Stöckerel und Muckerel besser einzufangen, haben die Christlich⸗ Sozialen in Herborn eln Blatt unter dem hochtrabenden Namen„Nassauer Volksfreund“ gegründet. Die Abon⸗ nements⸗Einladung riecht stark nach Bauernfängerek, man wagt offenbar nicht, mit der wahren Farbe heraus⸗ zurlicken, sondern hängt die„unparteilsche“ Maske vor. „Volksfreund!“ Vor solchen Freunden möge ein gütiges Geschick das besitzlose Volk beschützen, die für die Interessen der Arbeiter eintreten wollen, dabei aber die Zollwucherpolitit unterstützen und dadurch dem schwer sich plagenden Arbeitsmann die notwendigsten Lebensmittel verteuern, die Arbeitsgelegenheit erschweren, kurz das Leben noch sauerer machen! Herausgeber des Blattes ist ein Herr Anding; er gab früher eine frei⸗ sinnige Zeitung heraus und weil er damit auf keinen grünen Zweig kam, versucht er's zur Abwechselung mit Stöckerscher Politik. Kann schrelben rechts, kann schreiben Unks! Wünschen viel Glück!— Die Nattonalliberalen wünschen hingegen die Gründung zum Kuckuck. Sle er⸗ wachen aus dem langen Starrkrampf und gründen „nationale“ Vereine, das„lüberale“ legen sie unter⸗ dessen in den Eisschrank, damit es nicht an der öffent- lichen Sonne verschmilzt. Natürlich bekämpfen auch die „Nationalen“ unentwegt die Sozialdemokratie; mit denen läßt sich höchstens reden, wenn man ihre Unterstützung bel Wahlen braucht. Herr Burckardt hat den National- liberalen gegenüber seine christliche Liebe betätigt, fünf von ihnen hat er wegen Beleidigung verklagt. Warum sieht er den Splitter in des Nächsten Auge? Wir sind doch allzumal Sünder! Viel herauskommen wird bei der Geschichte wohl kaum.— Trotz aller Versprechungen, die der sogenannte Volksfreund macht, werden auch die Westerwälder Arbelter, Kleinbauern und Handwerker bald erkennen, daß ihre Interessen nur von der Sozialdemo— kratie gewahrt und verfochten werden, die Stöckerei es mit den Besitzenden hält, dle die Ausbeutung verewigen und das Volk verpfaffen und verdummen will.— Freunde und Genossen im Wahlkreise! Arbeitet unermüdlich für unsere Sache! Das tut Ihr am besten, indem Ihr unserer Parteipresse, in erster Linie der Mitteld. Sonn⸗ tags⸗Ztg. neue Leser und Abonnenten zuführt! Aus dem Nreise Marburg-Mirchhain. Bh. Im Wahlverein konnte am Sams— tag der angekündigte Vortrag über„Sozial. demokratie und Schule“ von Frau Dr. Michels leider nicht gehalten werden, weil ein Todes— fall in der Familie Dr. Michels eingetreten war. An Stelle dessen sprach Genosse Weber über die Landtagswahlen und unsere Stellung dazu. Besonders hervorgehoben wurde der Mißstand, daß diese Wahlen immer auf eine unpassende Zeit festgesetzt werden, z. B. vormittags 10 Uhr. Besser wäre es, der Wahl⸗ termin würde auf abends 5 Uhr festgesetzt, da⸗ mit sich die Arbeiterschaft reichlicher daran be⸗ teiligen könnte. Jedenfalls wird in der nächsten Versammlung Gen. Weber, der diesmal nicht enügend vorbereitet war, wieder über unsere Stellung zur Landtagswahlen referieren. Die Versammlung ging gegen 12 Uhr zu Ende. Herr Wenck, der bisherige Redakteur der nat.“ soz.„Hess. Landesztg.“ gibt seine Stellung an dlesem Blatte auf und siedelt nach Leipzig über, wo er sich ebenfalls Journallstischer Tätigkelt widmen wird. Ob die„Hess L. Ztg.“ weiterhin noch die nationalsoztale Politik verfolgen, oder unter unpartellscher Flagge segeln wird, muß die Zukunft lehren. Wahrscheinlicher ist das letztere. Vom Schwurgericht wurde der Schneider Heckeroth wegen Mißhandlung seines Pflegekindes, das an der erlittenen Verletzung starb, zu drei Jah ren Gefängnis verurteilt. Wie wir neulich schon erwähnten, war H. ein eifriger Kirchengänger. B. Die Nationalsozialen beschlossen am Sonntag in ihrer e eine Reso⸗ lution, nach welcher sie im Wahlkreise Marburg weiter die Grundprinzipien der nationalsozialen Politik vertreten und ihrer„Gedankenwelt“ Anhänger werben wollen. Damit war der Antrag Gerlach's, dem liberalen Wahlverein beizutreten, abgelehnt. Von der Aufstellung eines Landtagskandidaten wurde Abstand ge— nommen, weil, wie v. Gerlach sagte,„die Sozialdemokraten im Geheimen gegen uns arbeiten und uns die Stimmen abtreiben werden.“ — Langes Leben kann man übrigens dem Marburger nat.⸗soz. Verein kaum prophezeihen. Grubenunglück in Schlesien. Im Fizinusschacht der Laurghütte bei Kattowitz entstand am Sonntag ein Gruben- brand. Drei Bergleute sind tot, 15 Mann sind teils schwer, teils leicht verletzt, be⸗ finden sich aber sämtlich außer Lebensgefahr. Außerdem werden noch ein Bergbeamter und mehrere Bergleute vermißt. In amtlichen De⸗ peschen wurde vorher die Katastrophe als sehr harmlos hingestellt. Kleine Mitteilungen. Zur Nachahmung empfohlen! Die MainzergBäckermelster haben den Preis des Brotes um 5 Pfennige per 2 Kilo herabgesetzt. e Messerstecherel Bel einem in der Sonntag Nacht in Vilbel entstandenen Streite bekam der 18 jährige Jean Ackermann elnen Stich in die Brust, welcher die Lunge verletzte und selnen sofortigen Tod herbelführte. Mehrere Burschen wurden als der Tat verdächtig ver⸗ haftet. W Verbrannt. In Frankfurt bemerkte man Freitag Abend, daß es in der Wohnung der Wittwe Adam in der Schlfferstraße brannte. Dle 78 Jahre alte Frau fand man tot und total verbrannt vor dem Bette in sitzender Stellung.— Ein anderer Fall schrecklicher Verbrennung ereignete sich in der Adler⸗ Drogerle. Dort war der 16 jährige Lehrling Rink- hof mit Abfüllen von Benzin beschäftigt gewesen und hatte damit auch die Kleider bespritzt. Kurze Zelt später gebrauchte der junge Mann ein Licht, die mit Benzin ge⸗ tränkten Kleider fingen Feuer und im Augenblick stand Rinkhof in hellen Fammen. Er trug schwere Brand- wunden am ganzen Körper davon. Opfer der Arbelt. Auf der Kohlengrube „Kaiser Frledelch“ bei Dortmund wurden am Frestag zwel Bergleute durch herabstürzende Gestelnmassen erschlagen. —— Partei-Uachrichten. Wegen Majestätsbeleidigung wurde Genosse Wabersky, Redakteur des Hamburger„Echo“ zu drel Monaten Festungshaft verurtellt. Ein Kampfveteran des Verbandes der Deut⸗ schen Buchdrucker, Richard Härtel, der erste Präsl⸗ dent und Gründer des Verbandes, ist am letzten Samstag in Leipzig, 69 Jahre alt, gestorben. Seit nahezu 40 Jahren war er als Redakteur des Buchdruckerorgans „Korrespondent“ tätig. Seine inteustve gewerkschaftliche Tätigkeit ließ ihn im politischen Kampf wenkger her⸗ vortreten, für den Verband der Buchdrucker hat er aber ganz Bedeutendes geleistet. Mit Liebknecht war der Verstorbene s. Zt. enge verbunden als Metteur des von demselben mit Bebel herausgegebenen„Demokrat. Wochen⸗ blatt“, und vielleicht übte die gewerkschaftliche Tätigkelt Härtels auf Liebknecht einen gesunden Einfluß aus. Versammlungskalender. Samstag, den 3. Oktober. Gießen. Holzarbelter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bel Löb„Wlener Hof“.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bel Orbig. Vortrag von Genosse Krumm über:„Arzneitaxen“— Brauer. Abends 9 Uhr Versammlung bei Löb (Wiener Hof). Friedberg. Soz. dem. Wahlvereln. Abends 3 s¼ Uhr Versammlung in Stadt, New⸗Nork. Steinberg. Arbelterbildungs verein. Abends 9 Uhr Versammlung bel Kaspar Linn. Montag, den 5. Oktober. Alten⸗Buseck. Volts⸗Vereen. Abends 9 Uhr Versammlung bel Wirt Becker. Mittwoch, den 14. Oktober. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bel Orbig. Oeffentliche Partei⸗Uersammlung Montag, 5. Oktober, abends 8% Uhr bei Gastwirt Orbig, Nittergasse. Tagesordnung: Berichterstattung vom 80. Partei- tag in Dresden. Alle Parteigenossen sind zu dieser Versammlung Der Einberufer. S N D „Freie Turnerschaft“ Giessen. Samstag, 10. Oktober, abends 3 Uhr * im Casé Leib, bestehend in N d Zu zahlreichem Besuch ladet ein Karten 1 Ml. Orbig, Ritterg., Friseur! Ss N feil, 8 feier des I. Kiflungssestes Konzert ind Lledervortrügen des Gesangvereins „Eintracht“, Theater, turm. Aufführungen, Hall. Der Vorstaud. Vorverk. 75 Pfg., zu haben bei Herrn Friseur Muhl, Vahnhofstr., Löb,„Wiener Hof“, Dreher,„Zum Pfau“, vorzulegen. 0 Walltor, Rottmann, Seltersweg 7 5 eee. Keßter Paulgtiewisch. H. Baum. Diessen Stau- HTheuter. Spielplan. Sonntag, den 4. Oktober; Der blinde Passagier. Dienstag, den 6. Oktober: Liselott. Freitag, den 9. Oktober: Ueber den Wassern. dae. Konsumverein Gießen u. Umgegend. Unseren verehrl. Mitgliedern zur gefl. Kenntnis, daß die in der 9 ordentl. Generalversammlung v. 27. Sept. er. beschlossene Pipi dende am Montag, den 5., 1872. den 6. und Mitt. woch, den 7. Ottober in den Abendscunden von 6—9 Uhr in FJunserer Verkaufsstelle zur Aus, 4. ableng gelangt. Berechtigt sind 7 le Dioldendenscheine Nr. 600 bis 41845 inkl. Die Quittungskarte über eingezahlte Anteilscheine ist D 7 Der Vorsland. desang-Jerein„Eintracht“, Giessen. Sonntag, den 4. Oktober, nachm. 3 Uhr bei Wirt Orbig, Rittergasse: General versammlung. Tagesordnung: 1. Rechnungsablage und Vorstandswahl. 2. 30jähriges Stistungssest. In Anbetracht der Wichtigkeit der Tagesordnung werden die Mitglieder ersucht, zahlreich und pünktlich zu erscheinen. 3. Verschiedenes. Der Vorstand. Wim eee eee N( l Düte unc Ilütsen! Iͤlnterhalte darin ein großes Yuger in guter Jolare zu billigen Preisen. Aparte Ueuheiten! Budolf Vichter, Gießen Hutmacher. Marktstraße 26. Ken eee 1 1 1 5 2 eule 2 ä N — — 2— r A T * — Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 40. Volkslied. Wohin du immer wanderst Auf diesem Erdenrund, Es spricht zu dir im Ciede Des Volkes Klagemund. Und ist dieselbe Weise Und gleiche Melodie, Die allerorten laut wird, Und du vergißt sie nie. Ob du den Fellah hörest, Wenn er das Schöpfrad dreht, Und ob den nordschen Bauer, Wenn hinterm Pflug er geht. Der Slawe und der Ire Und der Romane singt Sein schwermutvolles Ciedlein, Das dir zu Herzen dringt. Es tönet wie ein Murmeln Von tausendjähr'gem Leid, Wie die gepreßte Stimme, Die leis um Hilfe schreit. Und nach des Elends Ende Sin Sehnen, tief und bang, Wie eine Prophezeiung Hörst du aus diesem Sang. Leopold Jakobi. Der Sieg des Schwachen. Erzählung von Melchior Meyr. 1 Unter den Handwerkern ist der Schneider von altersher eine humoristische Figur gewesen; die Tatsache ist unleugbar und nicht schwer zu erklären. Die sitzende Lebensart und die Be⸗ schäftigung mit der Nadel sind nicht geeignet, die Gliedmaßen imponterend auszubilden und dem Körper jene Derbheit und Schlagkraft zu geben, die in roheren Zeiten vor allem Respekt einflößen. Die verhältnismäßige Feinheit und Friedlichkeit der Arbeit begünstigt die Reflexion, und wenn der Mangel an tüchtiger Bewegung eine Schwächung des Leibes zur Folge hat, so pflegt der Schneider auch sich gewöhnlich noch „des Gedankens Blässe anzukränkeln“. Das Metier weist ihn endlich darauf hin, seiner Er⸗ scheinung etwas Zierliches zu geben und sich selbst den höhergestellten Persönlichkeiten, die er durch seine Talentstandsmäßig auszustaffteren hat, noch Möglichkeit anzunähern. Infolge von alledem wird der Schneider in der Regel eine schmächtige, bläßliche, reizbare, nette und putzige Figur mit einer überwiegenden Tendenz zur Vornehmheit in Haltung und Benehmen. Wie leicht er damit der komischen Nemests ver⸗ fällt, steht mau. Seine Reizbarkeit und seine Meinung von sich selbst verwickeln ihn in Händel, die seine Gliedmaßen siegreich durchzufechten außerstand sind. Das Bewußtsein, den Willen seines Herzens nicht durchsetzen zu können, gibt seinem Wesen ein eigentümliches Gepräge von Resignation, einen Ausdruck, der jedermann verrät, daß ein etwaiger Anlauf seinerseits nicht gar schwer in einen eee ist. Gleichwohl kann er seine ganz verbergen, und der böse Feind treibt ihn zuweilen an, vermessen damit hervorzutreten. — Ein trefflicher Gegenstand offenbar für die heitere Laune, das Necken und das Hänseln, womit die gute alte Zeit, die vor allem Spaß verstand, die Zeit abzukürzen pflegte. Die Wirklichkeit hat stets für eine gute Zahl rühmlicher Ausnahmen gesorgt; aber die Ausnahme bestätigt nur die Regel, und so ist der Schneider als solcher für den Humor im Leben und in der Kunst ein Typus geworden und hat die Sprache mit charakterisierenden Ausdrücken bereichert. Wenn in einer Erzäh⸗ lung ein Schneider auftritt, so denken wir uns notwendig eine Figur, die der oben gegebenen usprüche nicht Schilderung entspricht. Hätte der Poet nun die Absicht, durch einen Vertreter dieses Hand⸗ werks gewaltige Taten tun zu lassen, so müßte er seine Fähigkeit dazu ganz besonders nach⸗ weisen. Der Hufschmied kann ohne weiteres ein halbes Dutzend Schneider in die Flucht schlagen; wenn aber ein Schneider ein halbes Dutzend Hufschmiede niederstreckte, so wäre das eine Tat, über deren Möglichkeit wir uns eine Erklärung ausbitten müßten. 1 Auf dem Dorfe erleidet dieses Verhältnis eine naturgemäße Abänderung. Der Schneider ist hier zugleich Besitzer einer kleinen Oekonomie und legt die Nadel vielfach weg, um den Pflug, die Sense, den Dreschflegel in die Hand zu nehmen. Dies erhält ihn frischer und läßt zwischen den Gestalten seiner Nachbarn und der seinigen keinen allzugroßen Unterschied auf⸗ kommen. Dennoch äußert das Metier auch hier seine Einwirkung, und zumal auf den jungen Schneider pflegt im Punkte des Mutes und der Körperstärke für die anderen Bursche eine levis nota emacula“ zu sitzen. Der Name bezeichnet weder einen Goliath noch einen David, und wenn der Träger desselben dem alten Vorurteil nicht mit Geduld oder guter Laune begegnen will, so muß er es für seine Person durch Taten entkräften. Es kommt nun auch wirklich vor, daß zu irgend einem gefährlich scheinendem Unternehmen just ein Schneider sich meldet, der den Verdacht der Feigheit von sich abwälzen will; sein Entschluß erweckt aber bei den übrigen stets eine gewisse Verwunderung und unter Umständen Heiterkeit. Ein Dorf, das im mittleren Ries gelegen ist, besaß in seinem Hauptschneider— neben ihm existierte noch ein geringerer für die geringeren Leute— eine der ehrvollsten Ausnahmen, die je das Metier zierten. Balthasar Eber war nicht nur der Starken einer im Orte, sondern e der Stärkste selber, groß, von tüchtigem nochenbau und einer Muskelkraft, der schon in seiner Jugend keiner seiner Altersgenossen zu widerstehen vermochte. Er wurde Schneider, weil es sein Vater war, trieb aber das Hand⸗ werk in gesunder Abwechslung mit der Land⸗ wirtschaft, und es bekam ihm, und er behauptete den Ruf, den er sich als lediger Bursch im Meistern und ernstlichen Faustkampf erworben hatte, bis in sein reiferes Alter. Als einst ein reicher Bauer aus dem untern Ries, den ein Geschäft ins Dorf und der Durst ins Wirtshaus geführt hatte, nach Vertilgung der zweiten Maß Braunes den Mann mit einem gewissen Hochmut anredete und, von der rück⸗ sichtslosen Erwiderung beleidigt, ihn verächtlich als„Schneider“ behandelte und schmähte, er⸗ hob sich unser Mann, packte ihn und warf ihn zur Tür hinaus. Schäumend vor Wut, ob⸗ schon etwas hinkend, drang der Bauer herein und wollte auf den Frechen losgehen; Bekannte traten dazwischen.„Was,“ schrie der Ge⸗ demütigte,„von einem Schneider soll ich mir so was gefallen lassen?“—„Ja, das ist halt einmal ein solcher,“ entgegnete man ihm, und der Bauer konnte nichts kun, als schimpfend einspannen lassen und davon fahren, während Eber schmunzelt sein Maß austrank und noch ein zweites kommen ließ„auf den Schrecken“. Das Siegesgefühl, das aus seinen Mienen sprach, hatte nun doch einen besonderen Charak⸗ ter. Ein Schmied oder ein Zimmermann hätte durch eine solche Tat nur das Ordentliche getan, der Schneider tat das Außerordentliche, und das Bewußtsein, durch eine solche Leistung seinen Stand gerächt zu haben, verstärkte den Ausdruck des Triumphs auf seinem Gesicht durch einen Zusatz von Schelmerei, der ihn förmlich pikant erscheinen ließ. Die Dorf⸗ genossen beobachteten ihn mit großem Vergnügen, und auch ein paar„Vettern“ des Bauern konnten's nichts lassen, ihn lächelnd einen „verfluchten Kerl“ zu nennen. Balthasar Eber war zweimal verheiratet und begrub die zweite Frau noch in den Drei⸗ ßigern seines Lebens. Die erste war durch Sanftheit und Gutmütigkeit fast ein Engel zu nennen, zart gebaut, hübsch und von Herzen fromm; die andere, von derber Konstitution * Moralische Anrüchigkeit. zuweilen, ihr die Faust zu weisen, und einmal, nicht weniger betrauert als die Gute. Jede hatte ihm einen Sohn geschenkt. Der ältere, Tobias, war das Abbild der Mutter, der jüngere und selbstsüchtiger Gemütsart, nötigte den Mann seine Oberherrlichkeit tatkräftig festzustellen, wurde aber als tüchtiges Hausweib von imm nach dem Großvater Kaspar genannt, ließ Vater und Mutter 15 a 0 erkennen. Tobias ist im R es kein gewöhnlicher Name. Der Schneidersohn hatte ihn von einem nahen Verwandten seiner Mutter, der im„Württem⸗ bergischen“ ansässig war, woselbst er zu den „Frommen“ gehörte. Base jährlich ein paarmal und arbeitete, nach⸗ Dieser wackere Mann besuchte die Familie auch nach dem Tode seinen dem die Bekehrung des alten Schneiders und seiner zweiten Ehehälfte sich als unmöglich er⸗ wiesen hatte, an der geistlichen Erziehung seines Paten, der ihm gutartig zuhörte und mit häu⸗ figem„Ja, ja“ beistimmte. Wäre er nicht ge. storben, so würde er den Burschen vielleicht ganz zu dem Seinen gemacht haben. Viel⸗ leicht! denn in Tobias, als er heranwuchs, trat immer mehr ein Charakterzeug hervor, den wir nicht anders als„weltliche Eitelkeit“ nennen, können. Von seinen Kameraden ein⸗ mal wegen seines Vornamens verspottet, be⸗ klagte er sich darüber gegen den„Doten“ und sprach sein Bedauern aus, keinen„schöneren“ zu haben. Der Fromme, der dadurch nicht nur den Tobias der Schrift, sondern auch sich selber beleidigt und einen gefährlichen sündl ichen Hang in dem Burschen zu Tage treten sah, ereiferte sich gewaltig und hielt ihm eine Straf⸗ predigt, in welche er seine gewöhnliche Sanft⸗ 1 mut ganz beiseite setzte und ihm die fleischliche Dummheit mit einer fleischlichen Heftigkeit vor⸗ hielt, deren sich ein tüchtiger Naturmensch nicht hätte schämen dürfen. Der gute Junge stand höchstbetroffen da und bekannte, niedergedonnert, sein Unrecht einzusehen; gleichwohl flüsterte eine Stimme in seinem Innern, daß es eben doch viel besser wäre, wenn er Fritz hieße.— Als der Pate gestorben war, stand diesem Hange kein frommer Zuchtmeister mehr entgegen, und seine Bildung und sein Schicksal nahmen einen 1 Verlauf, den ich eben hier zu erzählen abe. Tobias lernte von dem Vater das Hand⸗ werk und wurde ein Schneider im reinsten Sinne des Worts. Um einen halben Kopf kleiner als der Alte, die Gliedermaßen zart, das Gesicht hübsch und zierlich, die Farbe hell, die ganze Person leicht und fein, schien er von 1 dem Starken nichts geerbt zu haben als das Selbstgefühl, das bei ihm aber einen vorherrschend mädchenhaften Charakter annahm. Er war ein guter, ein ungewöhnlich guter Mensch, unser Tobias, wohl meinend gegen alle Welt, und begriff nicht, wie man ein Vergnügen daran haben könne, andere ohne Not zu vexieren und zu plagen. Von Natur leicht erregbar und phantastebegabt, konnte er unschwer seine Fassung verlieren, desgleichen in jene Gemütslage kommen, wo einem nach dem Rieser Ausdruck„alle seine Sünden einfallen“. Er pflegte sich dann nicht besonders aus der Affäre zu ziehen und sich über sein Mißgeschick, auch üver seine Dumm ⸗ heit, bedeutend zu ärgern, bis ihn sein leichtes Blut alles wieder bengessen ließ. Sein Element war der Friede, und im Frieden glücklich zu sein, hatte er alle Eigenschaften. Leider besaß er aber auch ein paar, die recht danach angetan waren, seine Ruhe zu stören und ihn in die Aufregung und Unlust des Kampfes zu ver⸗ wickeln. (Fortsetzung folgt.) —— vor fünfundzwanzig Jahren. Jetzt ist ein Vierteljahrhundert verflossen, daß die schlimmste Hetze gegen unsere damals noch kleine Partei wütete. Um diese Zeit „beriet“ der Reichstag jenes Schandgesetz, das am 21. Oktober 1878 über unsere Partei ver⸗ hängt wurde, zwölf Jahre auf uns lastete, * sogar vernichtete, aber doch unsere Sache nicht viele unsere Genossen in Not und Elend jagte, zu unterdrücken vermochte. Zur Erinnerung. — — 115 t ge leich Veel⸗ uch, erbor, et“ n ein , he⸗ und eren“ nicht 9 sih lichen sah, ötraf⸗ dalft⸗ chliche t bol⸗ 9 nich stand nnert, te eine doch Ali Hang „ und einen fühlen Hand einten fohf zoll. 0 hel, er bol 3 d schend ar ein unset „ und daran u und 1 und assung mel, 2 felt . nich d sic dull, echtes lee lic u 0 Ahe, b. 1 here Nr. 40 Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. an jene Zeit schrieb kürzlich Genosse Blos in der„Leipz. Volksztg.“: Nach der Auflösung des Reichstags 1878 brannte Bismarck förmlich darauf, der Sozial⸗ demokratie den ersehnten Todesstoß zu versetzen. Alle die vorbereitenden Aktionen spielten sich rasch nacheinander ab. Am 30. Juli hatten die Neuwahlen zum Reichstage stattgefunden und schon am 18. August wurde der Entwurf des„Gesetzes gegen die gemeingefährlichen Be⸗ strebungen der Sozialdemokratie“ veröffentlicht. Wer in der politischen Welt noch Empfindungen für Volksrechte, ja nur für modernes konstitu⸗ tionelles Staatsleben hatte, war entrüstet über das Produkt, das die gehorsamen Geheimräte da an das Tageslicht gefördert hatten. Der alte Poltzeikünstler Metternich schien dem Grabe entstiegen zu sein und im neuen Deutschen Reich leibhaftig umzugehen. Warnende Stimmen erhoben sich über diesen Rückfall in die vor⸗ märzliche Zeit; hervorragende Geister im In⸗ und Auslande legten Protest ein gegen die Aechtung einer ganzen Kategorie von Staats⸗ bürgern, für welche die Wähler soeben erst mehrere hunderttausend Stimmen abgegeben. Aber alle diese Warnungen gingen unter in dem Indianergeheul, welches das„liberale Bürgertum“ in seinen Preßorganen und an den Biertischen anstimmte, immer noch gehetzt und bearbeitet von der aus dem Reptilienfonds gespeisten Presse, die seit Monaten alltäglich die ungeheuerlichsten Lügen über die Sozial⸗ demokratie in die Welt schleuderte. Der Durch⸗ schnittsspießbürger glaubte all das tolle Zeug oder tat wenigstens so, als ob er es glaubte. Die Nationalliberalen waren damals die gehässigsten Feinde der Sozialdemokratie. Sie besonders hatten es darauf abgesehen, die So⸗ zialdemokraten einzeln und persönlich zu schädi⸗ gen, sei es durch Entlassungen aus der Arbeit, durch Boykottierungen oder sonstige Nieder⸗ trächtigkeiten. Wer einmal den Haß gesehen, der sich damals in den Gestchtern dieser verkappten Reaktionäre widerspiegelte, wenn sie einen Sozialdemokraten nur von ferne sahen, der wird dies zeitlebens nicht vergessen haben. Bei den letzten Wahlen haben— namentlich in Baden— in verschiedenen e für unsere Parteigenossen in der Stichwahl für die na⸗ tionalliberalen Kandidaten gegen das Zentrum gestimmt. Sie hatten offenbar im Jahre 1878 nicht mitgemacht, sonst wäre ihnen dies wohl nicht möglich gewesen. Ich wenigstens würde mich nicht dazu entschließen können. Denn wie reaktionär auch das Zentrum sein mag— so schlimm wie damals die Nationalliberalen hat es niemals gegen uns gewütet. Am 9. September 1878 sollte der Reichstag zusammentreten, und es gab naive Leute, die glaubten, der Reichstag werde das Gesetz in seiner vorliegender Form nicht annehmen. Auch einige„linksnationalliberale“ Blätter taten so. Wie wir später sehen werden, war dies reine Spiegelfechterei; die„Milderungen“, die das Gesetz erfuhr, waren unerheblich und ließen des Schlimmen noch mehr als genug übrig. Wir sahen die Reaktion zum Schlage aus⸗ holen und machten uns keine Illustonen: wir wußten, daß der Schlag auch fallen würde. Man sah wohl, daß es in erster Linte darauf abgesehen war, die Führer der Partei, nament⸗ die Journalisten brotlos zu machen und sie mit ihren Familien dem Elend preiszugeben. Wie kleinlich und kläglich sich diese Kampfesweise des„größten Staatsmannes seiner Zeit“ aus- nahm, das sahen wohl wir und einige Ideologen in den bürgerlichen Kreisen, aber in dem Spieß⸗ bürger⸗ und Hurrapatriotentum gab es Leute genug, denen das Sozlalistengesetz noch gar nicht weit genug ging. Viele dieser Edlen hätten am liebsten gesehen, wenn man. die Sozialdemokraten aus dem Reiche getrieben hätte, so wie seinerzeit der Erzbischof von Salzburg die Protestanten aus seinem Gebiete vertrieb. Später versuchte bekanntlich Puttkamer das Sozialistengesetz auch nach dieser Richtung zu„verbessern“; mit dem Expatriierungs⸗Para⸗ raphen wollte der pommersche Innker deutsche Staatsbürger einfach für heimatlos erklären und auf immer über die Grenze treiben lassen. Das ging aber dem Reichstage denn doch über die Hutschnur und er lehnte es ab. 1878 wäre es vielleicht durchzusetzen gewesen. Selbstverständlich dachten wir auch daran, was unter diesem Gesetze aus uns werden sollte. Ich befand mich damals in Hamburg, und der engere Kreis von Parteigenossen, in dem ich mich bewegte, zählte keine Leute unter sich, die Schätze 9 hatten. Auch diejenigen, die früher in anderen Berufen als Arbeiter, Ge⸗ schäftsleute ꝛc. tätig gewesen waren und später Parteistellungen angenommen hatten, konnten wenig oder nichts davon hoffen, wenn ste zu ihrem früheren Berufe zurückkehrten. Die Zei ⸗ tungen wurden voraussichtlich verboten und die Organisationen voraussichtlich aufgelöst. Die dabei Beschäftigten waren als Sozialdemokra⸗ ten signalistiert und geächtet, und sowohl die Polizei als die Unternehmer führten schwarze Listen. Es gab nicht viele Geschäfte, in denen bekannte Sozialdemokraten ankommen konnten; wer aber in der Lage war, ein eigenes Geschäft zu errichten, der war dem selbstverständlichen bürgerlichen Boykott und dem im Gesetze vor⸗ gesehenen Polizeischikanen ausgesetzt. Die Partei war ohnehin damals noch nicht stark genug, um Geschäfte von Parteigenossen ohne weiteres über Wasser halten zu können. Es ist begreiflich, daß wir wit den Unsrigen die Zukunft sehr düster vor uns sahen. Wir konnten uns auch gar nicht irgendwie vorsehen, denn der Reaktionsstreich kam zu rasch und wir waren zu isoliert, um irgend einen Haltepunkt zu haben. So ergaben wir uns denn in unser Schicksal. Viele hatten gleich, nachdem das Sozialistengesetz im Entwurf erschienen war, den Entschluß gefaßt, nach Amerika auszuwan⸗ dern und führten dies auch aus. Für Geschäfts⸗ leute und Arbeiter mochte das unter Umständen angehen; für Journalisten war es schon schwieri⸗ e ger. In solchen kritischen Zeiten tauchten immer Leute auf, welche so sehr Sklaven der Gewohn⸗ heit sind, daß sie solche tiefgreifende Umänderungen der bestehenden Verhältnisse für„nicht möglich“ halten. Sie verstehen eben nicht, was es heißt, wenn Gewaltmenschen an der Regierung sind. Es macht ihrem Gerechtigkeitsgefühl alle Ehre, aber Bismarck, Puttkamer und Genossen haben ihnen manchmal zur Genüge gezeigt, was alles „möglich“ ist. An den Nationalliberalen— das berech⸗ neten wir hundertmal— hing die Entscheidung über unser Schicksal. Die Rechte zählte damals 117 Mitglieder, die Linke mit dem Zentrum zusammen 173 Mitglieder. Es hätten also nur einige zwanzig Nationalliberale gegen das Gesetz zu stimmen brauchen, und es wäre wiederum ge⸗ fallen. Aber daran dachten sie nicht und auch wir nicht. 6 Es war eine aufregende Zeit. Mit der Unvermeidlichkeit des Schicksals sah man das Unheil heranrücken und konnte nichts dagegen tun. In der Presse sprachen wir noch manch kräftig Wörtlein, wenn man auch gleich Gefahr lief, dem Staatsanwalt zu verfallen. Aber man wußte, daß dies bald werde aufhören müssen, wenn erst das Damoklesschwert der Polizei über der ganzen sozialistischen Literatur hing. Mit dieser wurden übrigens zuletzt noch gute Geschäfte gemacht. Da man wußte, daß es nach dem Heineschen Rezept gehen würde: „Und wird uns der ganze Verlag verboten, So schwindet am Ende von selbst die Zensur“— so suchte sich jedermann vor der großen Konfis⸗ kati on des litterarischen Eigentums die Schriften, die ihm interessierten, noch anzuschaffen. Manche Parteigeschäfte verkauften wirklich aus. Die Arbeiter waren voll finsteren Unmutes und die Parteiblätter konnten nicht oft genug warnen, sich von der Reaktion,„die Krawalle brauche“, nicht provozieren zu lassen. Die Haltung der Arbeiter war übrigens musterhaft. Ein Vierteljahrhundert ist vorüber— aber ich muß ganz offen gestehen, daß ich den Groll und den Grimm über das Auftreten sogenannter „gebildeter“ und„anständiger“ Kreise von da⸗ mals, namentlich der Nationalliberalen, niemals werde verwinden können. ——————ö.³——— Die größte Stadt der Welt. Der Londoner Grafschaftsrat hat soeben ein Werk veröffentlicht, in welchem statistische An⸗ aben über die Stadt London für das Jahr 902/1903 zusammengestellt sind. In nachsteh⸗ endem lassen wir einige interessante Einzelheiten daraus folgen: Die Einwohnerzahl der Riesenstadt wird auf 4536 641 angegeben; unter Hinzuzählung jedoch aller derjenigen Vororte, die zwar äußerlich ganz mit London verwachsen sind, aber ihre eigene Verwaltung haben, sind es 6581402. Die Sterberate war in den letzten zwei Jahren nicht ungünstig; sie betru 18,6 pro 1000 im letzten und 17,1 pro 100 im vorhergehenden Jahre, sie war also niedriger als die der meisten europäischen Hauptstädte, ausgenommen Amsterdam, Brüssel und Stock⸗ holm. In den Straßen Londons fanden 302 Personen durch Unfall ihren Tod. Für öffent⸗ liche Arbeiten(Bauten usw.) verausgabte die Stadt 8¼ Millionen Mark. An öffentlichen Parks unterhält die Stadt 91 mit einem Flächen ⸗ inhalt von 1560 Hektar; hierzu kommen 12 königliche Parks mit 656 Hektar. Die Stadt hat einen großen Teil der Straßenbahnen in eigener Verwaltung, jedoch sind außerdem noch 9 Pri⸗ vatgesellschaften vorhanden, welche die öffentlichen Verkehrswege kapitalistisch ausbeuten. Insge⸗ samt wurden auf den Londoner Straßenbahnen im Berichtsjahr 337 Millionen Personen be⸗ fördert; die Länge der Schienenstränge betrug 31 Millionen Meilen. Gemeinnütziges. Schlaset bei offenem Feuster! Diese Mahnung kann nicht oft genug wiederholt werden. Die Behauptung, daß die Nachtluft schädlich sei, gehört ins Reich der Fabel. Der Mensch braucht nicht nur bei Tag frische Luft, um leben zu können, sondern auch bei Nacht und gerade umsomehr, als die Schlafzimmer durch das stete Geschlossenhalten eine nichts weniger als gesunde Luft enthalten. Unglücksfälle durch Einatmen giftiger Gase, wie solche sehr oft vorkommen, sind bei geöffneten Fenstern eine Unmöglichkeit. Also hinweg mit den alten Vorurteilen und Nachts bei offenem Fenster geschlafen! 5 Humoristisches. Aus Leipzig.„Nicht wahr, Leipzig hat eine halbe Million Einwohner?“—„Nee, fünfzigtausend, das andere sind Arbeiter. (Simpl.) Das brave Dorfoberhaupt. Im„Simpli⸗ zissimus“ ließt man: Als der Gemeindevorsteher eines Dorfes gestorben war, wollte der Kaplan eine besonders schöne Rede halten und sprach u. a. folgendes:„Der Verstorbene hatte stets ein reges Interesse für gemein⸗ nützliche Zwecke und teilte jederzeit Freud und Leid mit der Gemeinde. Als im vorigen Jahre hier so stark die Influenza herrschte, da war seine Familie die er ste, die von der tückischen Krankheit befallen wurde, und bei dem großen Hochwasser vor zwei Jahren, als die Neisse aus den Ufern trat, da stand sein Gehöft einen Meter tief unter Wasser!“ 8 Geschichtskalender. 4. Oktober. 1902: Vermittelungsversuch des Präsidenten der Vereinigten Staaten im amerik. Berg⸗ arbeiterstreik. 1830: Belgische Unabhängigkeits⸗Erklärung. 1472: Lukas Kranach, Maler,“. 5. 1902: Begräbnis Zolas in Paris. 1896: Sozialist. Landtagswahlsieg in Hessen. 1789: Zug der Revolutionäre nach Versailles: 6. 1895: Sozial. Parteitag in Breslau. Erste Lokomotive Stephensons in Betrieb. 7. 1902: Generalstreik in Genf. 1789: Louis XVI. von Frankreich wird von Versailles nach Paris gebracht. 8. 1862: Bismarck wird Ministerpräsident. 1354: Cola Rienzi, letzter„Volkstribun“ in Rom ermordet. 9. 1899: Sozialist. Parteitag in Hannover. 1814: Komponist Verdi,*. 10. 1899: Transvaal stellt an England sein Ultimatum. 1881: Hochveratsprozeß Dave in Leipzig; Horsch⸗Frankfurt als Lockspitzel entlarvt. 1829: * geboren; 7= gestorben. —— JJ No. 40. 4 Seile 8. Mitteldeutsche Sountags⸗ Zeitung. WIESECK Pelnrich fol e Eine grosse 5 DelnrI 10 lessen— f Kirm 1 1 Partie l Kir S. Fepter Bin 6 H Buxkin-Auzi N am Sonntag, den 4. Oktober u Buchbinderei 2 Geschüitsbücher* Drucksachen 8 2 5 585 5 Ane 1 1 1 8 Elnrahmen von Bifdern. 5 jj in 9 um(anbrinns“. GSS Heede abend B. Wacker. a 1„ inder-Anzüge ——— wollene jacken„„ 1 ne f 7 8 7* 8 f 6 U(enorme dlustwaß!) Schwere Lederhosen Wollene Jagdwesten,„ 1.50, 3 Mark. B Arbeiter-Gesangverein„Eintracht“. Sountag, 11. Oktober, abends 3 Uhr: Feier des 3. Stiftungs-Festes bestehend in Theater, Gesangsvorträgen und Tanz im Saale des Schloßgartens. Freunde und Gönner sind herzlichst eingeladen. Der Vorstand. 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